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Frei! Sehnsuchtsvoll leben. Die Botschaft der Wildgänse von Andrea Schwarz - 9783863341145

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Andrea Schwarz

Sehnsuchtsvoll leben. Die Botschaft der Wildgänse. Fotos von Willi Rolfes Beratung und Fachinformationen von Helmut Kruckenberg


Für Motley, den kunterbunten Lausbub-Engel mit den zerzausten Federn, nur einer Sandale und Laufmaschen in den Socken der die Menschen verzaubert und ihnen dadurch Gottes Weisheit ins Herz legt. Danke für dich! Andrea

Für Adelheid, Elisabeth, Stephan und Johannes. Willi Rolfes

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Doch frag nur die Tiere, sie lehren es dich, die Vögel des Himmels, sie künden es dir. Rede zur Erde, sie wird dich lehren, die Fische des Meeres erzählen es dir. Die Bibel: Buch Hiob 12,7–8

Wildgänse gemeinsam unterwegs der Sehnsucht folgen sich dem Wind geben die Sterne als Freund miteinander verbunden entschieden sein und dahin ziehen wo Leben möglich ist Verantwortung übernehmen Rastplätze aufsuchen das Ziel im Blick haben unterwegs mit leichtem Gepäck getragen und gehalten und doch wild und ungezähmt und frei!

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Lieber Leser, liebe Leserin, „wie kommst du denn darauf, ein Buch über Wildgänse zu schreiben?“ – erstaunt fragen mich das seit einigen Monaten immer wieder Freunde, Bekannte oder auch Kursteilnehmer, wenn ich von meinem neuesten Buchprojekt erzähle. Die Antwort ist relativ einfach – seitdem ich im Emsland wohne, komme ich, zumindest im Winterhalbjahr, an den Wildgänsen gar nicht mehr vorbei. Sie sind da, ich höre ihr Rufen, von meinem Schreibtisch aus sehe ich sie in ihrer Keilform fliegen. Irgendwie faszinieren sie mich, sie berühren etwas in mir, machen mich sehnsüchtig. Da klingt etwas in mir, da wird etwas wach – und mitten in meinen Alltagsroutinen halte ich inne, schaue zum Himmel, sehe ihnen nach. Und dann wurde ich neugierig. Wo fliegen diese Vögel hin? Woher kommen sie? Von was werden sie geleitet? Woran orientieren sie sich? Wie schafft man das, so lange Strecken zurückzulegen? Was ist das, was mich an ihnen so fasziniert? Eine gute Freundin machte mich auf einen Filmclip aufmerksam, der im Internet kursiert – mit stimmungsvollen Bildern von Wildgänsen im Flug, meditativer Musik und einigen Lektionen, was wir von den Wildgänsen lernen können. Dieser Text hat auch in zahlreichen Managementschulungen Eingang gefunden und will da auf Gemeinschaft, geteilte Verantwortung, die Bedeutung von Kommunikation hinweisen. Alles ganz nett – aber was davon stimmt denn wirklich? Oder was wird nur in die Wildgänse hineinprojiziert? Gibt es wirklich etwas, was wir von den Wildgänsen lernen können?

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Damit war die Idee für dieses Buch geboren. Und so begleiten mich die Wildgänse und diese Frage nun schon seit über zwei Jahren. Genau zu dem Zeitpunkt lernte ich Willi Rolfes kennen, einen renommierten Naturfotografen. Er ließ sich von meiner Begeisterung anstecken – und war gerne bereit, unzählige Stunden zu investieren, um Fotos von Wildgänsen zu machen. In seinen Fotos hält er „Vorbeifliegendes“ fest und macht sichtbar, was sich manchmal unseren Blicken entzieht. Ohne ihn und seine Fotos wäre dieses Buch nicht das, was es jetzt geworden ist! Danke, Willi! Ein solches Buch braucht auch eine wissenschaftliche Begleitung, wenn es eben nicht nur „nett“ sein will. Ein herzliches Danke an Dr. Helmut Kruckenberg, der sein Fachwissen beratend zur Verfügung gestellt hat, damit wir den Gänsen auch gerecht werden und sie eben nicht vermenschlichen. Im Infoteil am Ende des Buches stellt er die verschiedenen Gänsearten vor – und seine Informationen, im Buch dunkelblau gedruckt, haben ganz wesentlich zum Entstehen des Buches beigetragen. Ich habe ihn als einen „Anwalt der Gänse“ erlebt – Danke dafür! Und ein letztes großes Danke gebührt an der Stelle dem adeo Verlag, der sich professionell und liebevoll der „Wildgänse“ angenommen hat und ihnen in ihrem Programm einen Platz gegeben hat, insbesondere an Dorothea Bühler, die kompetent und engagiert das Entstehen des Manuskriptes begleitet hat, – und an Stefan Wiesner, der seine schützende Hand über das Buch gehalten hat. Ein Dank auch all denen, die mit Interesse auf dieses Projekt und die Gedanken reagiert haben – und die mich dadurch ermutigt haben, die Texte für dieses Buch zu schreiben. Ich danke all denen, die mich 9


gefragt haben: „Wie kommst du denn darauf, ein Buch über Wildgänse zu schreiben?“ – und die sich wirklich dafür interessiert haben! Meine Antwort steht in diesem Buch. Es ist kein wissenschaftliches Buch über die Wildgänse geworden, sondern ein Buch der Sehnsucht und des Staunens. Wenn ich Sie auf diesen Weg mitnehmen könnte, dann würde ich mich freuen. Denn auch die Wildgänse sind in der Regel miteinander unterwegs – und eben nicht alleine. Andrea Schwarz

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Inhalt 1

Frei! Frei?

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Sehnsucht im Herzen

32

3

Navi im Kopf

48

4

Vom rechten Zeitpunkt

66

5

Im Unterwegs zu Hause

84

6

Im Zwischenland sein

102

7

In Verbindung bleiben

120

8

Miteinander vertraut

142

9

Gemeinsam sind wir stärker

158

Das Leben weitergeben

176

Epilog

194

Wildgänse in Norddeutschland

200

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Kapitel 1

Frei! Frei?

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Obwohl wir Gott nie gesehen haben, sind wir wie Zugvögel, die, an einem fremden Ort geboren, doch eine geheimnisvolle Unruhe empfinden, wenn der Winter naht, einen Ruf des Blutes, eine Sehnsucht nach der frühlingshaften Heimat, die sie nie gesehen haben und zu der sie aufbrechen, ohne zu wissen, wohin. Sie haben den Ruf des Gelobten Landes vernommen. Ernesto Cardenal

Freiheit – ein großes Wort! Es ist eine Grundsehnsucht der Menschen, frei zu sein. Dafür haben viele ihr Leben gelassen, Revolutionen und Kriege wurden und werden deshalb geführt, es ist das Thema von zahllosen Dramen und Romanen, von Liedern und Gedichten. Mit den Wildgänsen verbinden viele eine solche Freiheit, ein Ungebundensein. Sich dem Wind überlassen, grenzenlos leben, niemandem untertan, tun, was man tun mag. Sich nicht zähmen lassen, im Unterwegs zu Hause sein. Nicht zuletzt sind wir wohl alle von dem Lied von Reinhard Mey geprägt: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.“ Deswegen kann es durchaus sein, dass man ein wenig sehnsüchtig wird, wenn man den ziehenden Wildgänsen nachsieht. Man selbst fühlt sich gebunden, eingezwängt in Verpflichtungen und Termine, in Erwartungen und Verbindlichkeiten. Man kann nicht einfach so ausbrechen, sondern tut, was zu tun ist, richtet sich häuslich ein – und versteckt seine Sehnsucht in der letzten freien Ecke seines Herzens. Man zähmt sie sozusagen und begrenzt sie auf die wenigen Urlaubstage, das freie Wochenende, die eine oder andere mehr oder weniger abenteuerliche Unternehmung.

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Zur Freiheit hat uns Christus befreit Die Bibel: Galater 5,1

zumutung im alltag verfangen

und verlier mich

verlier ich mich

und find mich nicht

zwischen terminen

und sehne mich

und erwartungen

und will

steuererklärungen und geburtstagseinladungen

sein

dem käsekuchenrezept

endlich sein

und der bescheinigung fĂźr den arbeitgeber

frei will ich sein

alltag eben zu erledigen

frei von erwartungen

zu funktionieren

von druck

zu machen

von zu erledigendem

zu tun

von dem was man von mir will

und ich erledige ich funktioniere

und da hĂśre ich das

ich mache

wort

ich tu

zur freiheit hat uns christus befreit

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zur freiheit

zur freiheit berufen

befreit

mutet gott sich zu

weil es eine mitte

gott mutet mich

gibt

mir zu

zur freiheit

zur freiheit

befreit

berufen

weil es

mutet mir gott

ihn

das leben zu

gibt zur freiheit befreit um zu sein so wie ich bin herausgerufen eingeladen geliebt

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Dahin gehen, wo das Leben ist Ich hätte es wissen müssen – ich bin nicht gerade der Typ für organisierte Gruppenreisen. Aber was will man machen, wenn man als Single lebt – und das Nordkap einer der unerfüllten Lebensträume ist? Alleine x-tausend Kilometer quer durch Schweden und Norwegen fahren? Ich meldete mich also bei solch einer Reise an, trotz aller Skepsis und Zweifel. Unerwartet wurde es ziemlich interessant, allerdings anders, als ich dachte. Der Reiseleiter war ein netter älterer Herr, der die Fahrt schon neunmal gemacht hatte. So hatte er ziemlich viel Wissen in sich angesammelt, das er natürlich auch an den Mann und die Frau bringen wollte. Ich erfuhr Dinge, die ich eigentlich gar nicht hatte wissen wollen. Wir besuchten jede Kirche und jede Thingstätte, die halbwegs wichtig waren. Unser Reiseleiter wurde jedem Kunstführer gerecht. Irgendwann wurde es mir zu viel. Die Daten und die vielen Könige würde ich sowieso nicht behalten. Und das, was mich wirklich interessierte, war im Programm nicht vorgesehen: Wie leben die Menschen hier? Was gibt es im Supermarkt? Wie ist das abends in den hellen Mittsommernächten in den Cafés? Ich zog also alleine los. Ich ging bummeln, trank ein sündhaft teures Bier irgendwo am Kai, schlenderte durch den Supermarkt und guckte. Ich ließ es mir einfach gut gehen, indem ich das Land und die Menschen spürte und erlebte. Leben ist mehr als das, was in Kunst- und Reiseführern beschrieben wird: Die Stimmung in den Städten, das besondere Licht der Landschaft, die Gespräche abends in der Kneipe. Die Erinnerungen daran sind für mich wichtiger und persönlicher als jede Kirchenbesichtigung 20


– und meinen Norwegerpullover trage ich immer noch gerne. Leben – da muss man raus aus der geschützten Welt der Hotels und des Reisebusses und dafür notfalls das Dessert auch mal stehen lassen, weil anderes wichtiger ist. Das ist nicht nur im Urlaub, sondern auch im Alltag so. Wer immer nur zu Hause bleibt, tut, was zu tun ist, seine Sehnsucht nach Freiheit und Lebendigkeit aufs Wochenende oder gar den Urlaub verschiebt, braucht sich nicht zu wundern, wenn es manchmal ein wenig langweilig wird.

Freiheit ist nicht grenzenlos Ja, Wildgänse sind frei – aber sie sind anders frei, als es unseren Vorstellungen und Sehnsüchten entspricht. Eigentlich sind sie sogar ziemlich gebunden, im Frühjahr ziehen sie nach Norden, im Herbst nach Süden, die Familie zählt viel, man hat bewährte Zugrouten, legt Wert auf das Nest vom vergangenen Jahr, bleibt beim Partner … aber vielleicht sind sie gerade dadurch frei? Denn es gibt keine grenzenlose Freiheit, zumindest nicht unter den Wolken, da, wo wir alle leben. Wie es „über den Wolken“ aussehen mag, da erlaube ich mir kein Urteil – darauf bin ich nur neugierig. Wenn Freiheit grenzenlos wäre, dann könnte ich jederzeit alles tun. Das Problem ist nur: In dem Moment, wo ich etwas tue, kann ich anderes nicht mehr tun. An einer Wegkreuzung stehen mir drei Wege offen – in dem Moment, wo ich mich für einen Weg entscheide, werden zwei Wege unbegangen bleiben. Wenn ich mich aber für gar keinen Weg entscheide, weil ich mir eben alle Möglichkeiten offenhalten 21


will, dann werde ich an dieser Wegkreuzung Wurzeln schlagen und dort festwachsen. Gerade ein falsch verstandener Gedanke von Freiheit kann unfrei machen. Es geht eben nicht darum, nur das zu tun, was ich tun will – und sobald ich das nicht tun kann, mich „unfrei“ zu fühlen. Freiheit heißt nicht „Beliebigkeit“, sondern Entschiedenheit, heißt sich unter mehreren Möglichkeiten für das zu entscheiden, was zum Leben und zur Lebendigkeit führt. Ich bin in bestimmte Bedingungen und Realitäten „hineingestellt“, die sich nur begrenzt, wenn überhaupt, ändern lassen. Ich bin als Mädchen zur Welt gekommen, ich lebe in Mitteleuropa, die Geschichte meiner Eltern hat mich geprägt oder auch die momentane Stellung der Frau in Gesellschaft und Kirche. Ich muss mich damit arrangieren, dass ich Begabungen und Fähigkeiten habe, aber manches eben auch nicht kann. Und da ich über sechzig Jahre alt bin, brauche ich mir auch nicht mehr vormachen, dass mir alle Türen offenstehen. Manches kann ich nicht ändern – auch wenn ich es gerne wollte. In den letzten Jahren wurde oft der Satz zitiert: Der Weg ist das Ziel. Es wurde als östliche Weisheit „angepriesen“, die hatte gerade Hochkonjunktur. Aber der Satz steht genau für ein falsches Verständnis von Freiheit im Sinne von „Beliebigkeit“. Wenn der Weg das Ziel wäre, wäre es vollkommen egal, wohin ich gehe, solange ich nur unterwegs bin. Damit aber wird das Unterwegssein selbst zum Ziel, und es ist gar nicht mehr wichtig, ob und wo ich eigentlich ankomme. Der Weg braucht ein Ziel, damit ich meine Schritte daraufhin ausrichten kann – und das Ziel braucht wohl auch den Weg – aber der Weg ist eben nicht schon das Ziel. Es sei denn, man hätte sich dafür entschieden, als Vagabund zu leben. Es gibt keine grenzenlose Freiheit – aber es gibt eine Freiheit der Entscheidung. Der Mensch atmet, muss essen und trinken, um zu (über-)leben. Was ich esse und was ich trinke, und wie ich das tue, 22


das kann ich in der Regel selbst entscheiden – über das „Ob“ gibt es normalerweise keine Diskussion. Meine Freiheit besteht darin, mit den gegebenen Möglichkeiten bestmöglichst umzugehen und meine eigene Entscheidung zu treffen. Freiheit – das hat vor allem etwas mit mir selbst zu tun und kommt eigentlich aus dem Innern heraus. Freiheit nur an äußere Rahmenbedingungen zu koppeln, hilft nicht weiter. Nur so lässt es sich erklären, dass Menschen wie Dietrich Bonhoeffer oder Nelson Mandela frei waren, obwohl sie im Gefängnis waren. Und dass andererseits Menschen, auch wenn sie in Freiheit leben, manchmal alles andere als frei sind, weil sie sich von der Meinung und den Erwartungen anderer abhängig machen. Manche bauen sich ihre Gefängnisse durchaus selbst. Natürlich ist es unbestritten, dass Freiheit trotzdem ein hoher Wert im menschlichen Zusammensein ist. Für mich bringt es Leo N. Tolstoi, ein russischer Schriftsteller, auf den Punkt: Frei ist, wer sich als lebendig begreift. Und sich als lebendig begreifen heißt, das Gesetz seines Lebens zu begreifen, heißt, danach zu streben, das Gesetz des eigenen Lebens zu erfüllen. Darauf kommt es an. Meinen Weg zu finden und ihn zu gehen, den Weg, den kein anderer gehen kann. Mit Grenzenlosigkeit hat das nichts zu tun, sondern damit, wie ich mit Grenzen umgehe. Wer ohne Grenzen lebt, verliert sich im Unendlichen. Kontur und Profil werde ich nur bekommen, wenn ich Entscheidungen treffe. Auch wenn es sich paradox anhört – aber eine solche Freiheit kommt aus einer Bindung heraus und ist nicht umsonst zu haben. Es braucht meine Entscheidung. Und die Träume müssen stark sein.

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frei werde ich sein wenn ich mich

wenn ich

mit Realitäten

den Mut

arrangiere

zum Anders-Sein habe

wenn das Ziel

wenn ich

wichtiger ist

dem Leben

als der Weg

traue

wenn ich Bindung

und wenn ich

als Halt

Schritt fĂźr Schritt

nicht als Fessel erlebe

lebendiger werde

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Frei sein bedeutet mehr, als das zu machen, wozu ich Lust habe. In dem Sinn wird „frei sein“ zu einer Lebensaufgabe. Ich beziehe Position, stehe ein, stehe auf für das, was mir wichtig und wertvoll ist. Es ist mein Ja dazu, meinen Platz in dieser Welt zu finden und zu gestalten. Dazu gehört Achtsamkeit, wahrnehmen, was in mir und um mich herum ist. Denn nur dann kann ich entsprechend reagieren. Ich gebe mich hinein in einen Rhythmus des Lebens, kommen und gehen, bleiben und aufbrechen, suchen und finden, … jedes zu seiner Zeit. Der Weg in die Freiheit ist nicht einfach und kann gefährlich sein. Der bürgerliche Suppentopf mag leichter sein. Deswegen geben sich auch viele damit zufrieden – und schauen dann sehnsüchtig den Wildgänsen hinterher. Den Weg in die Freiheit kann ich dann wagen, wenn ich mich getragen, gehalten und geborgen weiß. Wenn da einer mit mir geht, der von der gleichen Sehnsucht bewegt wird, der auch die Melodie hört, die Melodie des Lebens. Der sich mit mir auf den Weg macht, dem Leben entgegen! Frei sein – voll Lust am Leben sein. Leben ohne Wenn und Aber. Mich spüren, fühlen, sein … Frei sein – ich nehme mir die Freiheit, so zu sein und zu werden, wie Gott mich gewollt hat. Nicht mehr – aber auch nicht weniger. Und dabei den Wind als Freund und die Sterne als Gefährten haben … Von den Wildgänsen könnten wir das lernen …

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Liebes erklärung ich brauche dich in deinem frei sein

denn nur wenn du frei bist kannst du mich frei sein lassen

und nur wenn wir frei sind kĂśnnen wir uns einander

wirklich schenken

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Der Weg in die Freiheit braucht Mut. Ich kann mich auf den Weg machen, weil da einer mitgeht. Weil mich da einer trägt und hält. Ich binde mich, halte mich an einem fest – und werde gerade dadurch frei. Weil ich getragen und gehalten bin. Das kennen wir aus unserem alltäglichen Leben – Kinder können sich besser entwickeln, wenn sie sich geborgen und sicher fühlen. Ich kann selbstbewusster durchs Leben gehen, wenn ich um einen Menschen weiß, der mich liebt und bedingungslos zu mir hält. Wenn Menschen auf Gott setzen, sich von seinem Geist erfüllen lassen, dem Geist, der Leben schafft, wird es eben nicht eng und klein, sondern dann führt mich mein Weg in die Weite. Deshalb kann der Apostel Paulus auch sagen: „Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit.“ (Die Bibel: 2. Korinther 3,17)

weißt du Gott was ich nicht verstehe? wieso werde ich so frei wenn ich mich an dich binde?

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Die Wildgans – Symbol für den Heiligen Geist? Geist Gottes – Freiheit – Wildgans, so eine Verbindung legt sich fast nahe. Tatsächlich findet man in einigen Veröffentlichungen und auch im Internet immer wieder die Aussage, dass die Wildgans in der frühen keltisch-christlichen Spiritualität das Symbol für den Heiligen Geist war anstatt der Taube. Allerdings lässt sich dafür kein offizieller Beleg finden, und so muss die Frage offenbleiben, ob es wirklich so war. Tatsache ist, dass George MacLeod, der Gründer der Iona Community in Nordschottland, als Logo für seine Gemeinschaft die Wildgans gewählt hat. Es ist eine ökumenische Gemeinschaft, deren Mitglieder versuchen, ein Christentum zu leben, das auch eine Mitverantwortung für Umwelt und Gesellschaft einschließt – und sich durchaus vom frühen keltischen Christentum inspirieren lässt. Das entsprechende Motto der Gemeinschaft dazu lautet: „Immer unterwegs, niemals gezähmt, in einer Ordnung zusammen fliegend, anstößig für die festen Siedler, eine Inspiration für unruhige Geister.“ Vielleicht keine schlechte Beschreibung für den Heiligen Geist … Der Heilige Geist – schwer zu fassen, schwer zu beschreiben. Und so haben die Christen immer schon in Bildern und lyrischen Worten versucht, etwas von seinem Wesen auszudrücken: Tröster, Beistand, Freund, Feuerzungen, Sturm, Durcheinander-Wirbler, Atem Gottes und eben die Taube. Die Taube galt als „Botenvogel“, wahrscheinlich aufgrund der Geschichte im Alten Testament im Buch Genesis, als die Taube einen frischen Olivenzweig zu Noah brachte – und damit die Botschaft, dass die große Flut zu Ende war (Die Bibel: Genesis 8,11). Der Heilige Geist im Bild der Taube bringt sozusagen eine Botschaft von Gott zu den Menschen.

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Aber da jedes Bild sowieso nur einzelne Aspekte hervorhebt, warum dann nicht auch die Wildgans als Symbol? Der Heilige Geist ist frei – niemand kann ihn zu etwas zwingen. Und deshalb lässt er sich auch nicht zähmen, unter Kontrolle bringen, in eine Schublade packen. Er ist Bewegung und will in Bewegung bringen. Er zieht dorthin, wo das Leben ist – gezogen, getrieben von einer Sehnsucht, einem Ruf. Genau das macht ihn interessant für alle diejenigen, die sich nicht zufriedengeben mit dem, was ist – und suspekt für alle, die es gerne so hätten, wie es schon immer war. Der Heilige Geist und Freiheit passen gut zusammen. Und wenn man genau das bei den Wildgänsen wiederfindet – warum nicht?

Holy Spirit Great Spirit Wild Goose of the Almighty Be my eye in the dark places; Be my flight in the trapped places; Be my host in the wild places; Be my brood in the barren places; Be my formation in the lost places. Ray Simpson

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Kapitel 2

Sehnsucht im Herzen

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Sehnsuchts-Rufe Ein Abend, Anfang März. Ich sitze noch am Schreibtisch. Der Besinnungstag mit dem Pfarrgemeinderat muss vorbereitet werden, die Korrekturfahnen fürs neue Buch liegen da, Christian will die Tagesordnungspunkte für die Teamsitzung, einige Veranstalter brauchen dringend die Ausschreibung für einen Kurs. Essen sollte ich eigentlich auch noch was. Aber zum Kochen reicht die Zeit nicht, also einfach irgendwas in den Backofen schieben … Plötzlich höre ich das Rufen der Wildgänse. Aufgebrochen sind sie, fliegen nach Norden, folgen ihrer Sehnsucht. Für einen Moment halte ich inne. Eigentlich würde ich gerne mit ihnen fliegen. Raus aus all dem, was mich hier einengt und fesselt, weg von all denen, die etwas von mir wollen, mich all dem entziehen, was die Hand auf mich legt. Die Gänse sind weitergezogen, auf ihrem Weg nach Norden. Aber in meinem Herzen ist jetzt eine Sehnsucht.

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zugvogel du hast den ruf gehĂśrt die sehnsucht treibt dich geheimnisvolle

flĂźgelschlag

bestimmung

um flĂźgelschlag deiner bestimmung

und du

folgend

fliegst der heimat

sich hineingeben

entgegen

in das nichts das alles ist und sich finden in der verlorenheit die den weg zeigt

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Für viele Menschen sind die ziehenden Gänse die ersten Vorboten des nahenden Frühjahrs. Schon einige Wochen zuvor sind die Gänse unruhig. Auch wenn die Temperaturen noch niedrig sind, werden die Tage länger. Obschon oftmals im März Ostwind vorherrscht und den Abflug behindert, spüren die Gänse das kommende Frühjahr und Zugunruhe macht sich breit. Sie fliegen häufig auf und drehen weite Runden. Man erkennt, sie wollen aufbrechen. Es zieht sie nach Norden.

Was meinem Leben fehlt Manchmal ist das Leben sehr klein und eng. Da jongliere ich zwischen Terminen hin und her, probiere, meine To-do-Listen irgendwie ordentlich abzuarbeiten, versuche halbherzig, mich abzugrenzen, und verliere mich doch irgendwie in all dem, was zu tun ist. Manchmal fühle ich mich so, als würde ich gelebt, statt zu leben. Wenn ich Wildgänse höre oder sie fliegen sehe, dann werde ich sehnsüchtig. Sie erinnern mich an Freiheit, an Weite, an Unterwegssein. Und einen Moment lang ahne und spüre ich, was meinem Leben fehlt: Ich hätte Lust aufzubrechen und loszuziehen, Neues auszuprobieren, mir den Wind um die Nase wehen zu lassen, wieder mal das Prickeln auf der Haut zu spüren, voller Lust und Neugier. Irgendwie so ein bisschen Pippi Langstrumpf eben … Stattdessen erledige ich meine To-do-Listen, bringe das Auto zur Inspektion, erarbeite die Vorlage für den Gottesdienst, schreibe den Beitrag für die Kirchenzeitung, packe die Wäsche in die Waschmaschine, beantworte Mails, denke über neue Formen der „Feier der Versöhnung“ nach, schaue nach den Sonderangeboten, bereite das Seminar vor. Und denke: Das Bad müsste ich auch mal wieder putzen … 36


Manchmal ist es mir zu viel, die Termine, das Verplantsein, das zu Erledigende. Und ich habe zu wenig Zeit für Träume, Visionen, Spontaneität. Da ist ein Zuviel an Pflicht - und ein Zuwenig an Lust. Mitten im Leben hab ich die Lust am Leben verloren. Höchste Zeit für Sehnsucht. Höchste Zeit, dass die Wildgänse mich erinnern.

Wonach sehne ich mich eigentlich? Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach zu sein: Ein paar Tage Urlaub, wegfahren, alles hinter mir lassen. Kein Computer, kein Handy. Etwas Neues entdecken - vielleicht Kanada? Kenia? Oder eine Auszeit im Kloster? Abends heimkommen - und da fragt jemand: Wie ist es denn gelaufen? Dass mich jemand in den Arm nimmt und mir was geben mag und nicht schon wieder etwas von mir will. Nicht alleine sein, sondern mit Menschen leben, arbeiten und glauben, die mir wichtig sind und die mich mögen, so wie ich bin. Sich keine Sorgen machen müssen - und keine Angst zu haben, irgendwelchen Erwartungen nicht zu genügen. Finanziell halbwegs abgesichert zu sein, nicht schwer zu erkranken, ein Zuhause zu haben. Und ganz aktuell: Nicht flüchten müssen. Glücklich sein … Ja, all das ist schön. Wichtig. Gut.

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Aber da ist nichts und niemand, der mir die Erfüllung dieser Sehnsucht versprechen und zusagen kann. Die Tage in Kanada können ein toller Urlaub sein. Aber was, wenn ich sie mir nicht leisten kann? Und selbst wenn - was wäre danach? Was würde bleiben? Gesund sein weiß ich, ob nicht schon irgendeine Krankheit in mir lauert? Sich nicht sorgen müssen - geht das überhaupt? Manches, was wir als erste Antwort auf die Frage sagen würden, taugt und trägt nicht durch. Das Leben ist nun mal keine nette Kreuzfahrt und kein Wellness-Urlaub. Es möglichst einfach zu haben und besonders glücklich zu sein, mag schön sein - was aber, wenn Leben ganz andere Wege geht? Was dann? Gibt es möglicherweise eine Sehnsucht hinter der Sehnsucht?

Ich bekenne, ich habe gelebt Meine Antwort habe ich mir bei Pablo Neruda, einem chilenischen Schriftsteller, ausgeliehen: Ich bekenne, ich habe gelebt. Das ist meine Sehnsucht: leben! Und das Wort ist sehr bewusst klein- und als Verb, oder wie wir es noch gelernt haben, als „Tuwort“ geschrieben. „leben“ muss man tun. Und das kann mir keiner abnehmen oder für mich erledigen. Und für mein „leben“ kann ich niemand anderen verantwortlich machen. „leben“ - das ist das Große und das Kleine. Das ist das Schöne und das Dunkle. Das ist Alleinsein und Freundschaft. Das ist zu Hause bleiben und wegfahren. Das ist Glück und Trauer.

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Das ist nicht das Vordergründige, womit Bedürfnisse gestillt werden, sondern das ist die Folie „dahinter“. Die Grundlage, die allem anderen einen Sinn gibt. Auch dem Dunklen, dem Herben, dem Unbegreiflichen. Das ist die Antwort, die durchträgt. Genau nach dieser Antwort sehne ich mich.

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der ruf der wildgänse erinnert mich ruf sehnsucht bestimmung vielleicht heimat

mich dem wind geben

und doch

das dunkel

wieder aufbruch

als freund

miteinander

um eines tages

und doch

vielleicht

allein

anzukommen

der erde verbunden

an der krippe

mit dem himmel

am kreuz

vertraut

oder irgendwo auf dem weg dem zu begegnen der mich ruft

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Ob Wildgänse Sehnsucht haben? Der Kontrast ihrer Lebenswelten ist schließlich sehr groß: Die Tundra erstreckt sich nördlich des Polarkreises über viele Tausende von Kilometern. Unzählige Seen und kleine Flüsse durchziehen das Land, endlose Flächen von Seggen, Wollgras und Torfmoosen breiten sich aus. An den Ufern der Seen liegen ausgedehnte Sümpfe oder auch nasse Wiesen und Moore mit buckligen Grasbulten. Dies ist die Heimat der arktischen Gänse, Enten, Watvögel und Schwäne. In diesen Weiten fast unbegrenzter Freiheit und Stille bauen die Gänse ihre Nester. Für die Zugvögel ist die Arktis zumindest ein Raum weitgehend ohne Menschen, mit relativ wenig Feinden. Die Sonne scheint tags wie nachts und so gedeiht auch im hohen Norden in dieser Zeit ausreichend Nahrung. Früher waren auch die Landschaften Norddeutschlands beschaulich. In den Niederungen war das Grünland ebenfalls nass, oftmals waren sie im Winter großflächig überstaut. Das natürliche Relief der Flächen ließ überall kleine Inseln entstehen und die baumlose Weite war fast mit der Arktis vergleichbar. Erst mit Beginn des 20. Jahrhunderts, besonders aber ab den 1960er Jahren, wurden diese naturnahen Niederungen mehr und mehr entwässert und mit Wegen durchzogen. Die großen norddeutschen Moore, die für die mittelalterlichen Menschen noch Furcht einflößend gewesen waren, wurden entwässert, abgetorft und sind heute weitgehend zerstört. Die Moderne der Jetztzeit industrialisierte die Niederungen und hat sie in hochtechnisierte Räume mit Windanlagen, vielen Straßen und Autos, Störungen durch Flugzeuge und Helikopter verwandelt.

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