Thorsten Riewesell · Ines Emptmeyer (Hrsg.)
Hoffnungsträger Wahre Geschichten von Menschen, die Hoffnung bringen
„Weil wir euch lieben, du Wichser“ Erfahrungen aus dem „Club Heilse“ in Chemnitz
Das Rudel tauchte mitten in der Nacht bei uns im „Club Heilse“ auf, eine kleine Gruppe chaotischer, kaputter Jugendlicher, die meisten von ihnen sind sturzbetrunken. Angeführt werden sie von einer Dreizehnjährigen, die es weidlich ausnutzt, noch nicht strafmündig zu sein. In den Stunden zuvor hatten sie unseren Stadtteil in Angst und Schrecken versetzt, nachts um zwei landen sie bei uns auf dem Grundstück. Sie haben irgendwo gehört, dass Martin, unser Mitarbeiter, heute Dienst hat. Er ist ausgebildeter Krankenpfleger und soll einen Jungen verbinden, der sich den Arm aufgeritzt hat und stark blutet. Während Martin die Wunde säubert und den Verband anlegt, beginnen die Jugendlichen von ihrer Nacht zu erzählen: Sie hatten zusammengesessen, getrunken und gekifft. Dann zogen sie auf die Straße und machten sich eine Gaudi daraus, Spiegel von Autotüren abzutreten. Sie demolierten eine Telefonzelle, warfen eine Schaufensterscheibe ein. Sie knackten das Schloss einer Imbissbudentür und stahlen alles, was an Alkohol im Regal stand, und „vernichteten“ es umgehend, was die Stimmung noch weiter anheizte. Als Nächstes brachen sie ein Auto auf. 19
Dabei verletzte sich der besagte Teenager. Also suchten sie in dem Auto nach dem Verbandskasten, fanden aber keinen – und so brachen sie das nächste Auto auf. Mit dem Verbandszeug zogen sie schließlich zum „Club Heilse“ und pochten an die Tür: „Martin, kannst du ihn verbinden?“ Nachdem Martin die Wunde versorgt hat, klingelt bei mir das Telefon. Eine aufgelöste Mutter ruft an. Ihre beiden Söhne gehören zu der Bande. Ob ich sie gesehen hätte. Ich kann sie beruhigen: „Ja, ich habe sie gesehen.“ Ob alles in Ordnung sei? Ich drücke mich so vorsichtig wie möglich aus: „Nun, der eine ist etwas angetrunken.“ Offen gestanden war er total betrunken. Trotzdem ist die Mutter entsetzt: „Aber der trinkt doch überhaupt nicht! Der redet doch zu Hause immer gegen das Trinken.“ Ihre Stimme versagt und mir scheint, sie bekommt einen Asthmaanfall. Hinterher habe ich mich so manches Mal gefragt, was wohl passiert wäre, wenn ich ihr alles erzählt hätte … Der „Club Heilse“ ist ein Jugendklub, der zur Heilsarmee in Chemnitz gehört. 1997 begannen meine Frau und ich unseren Dienst als Heilsarmeeoffiziere in dieser schönen Stadt in Sachsen. Wir kamen frisch von der Ausbildung in Basel, davor hatte ich in Freiburg Sozialpädagogik studiert und einige Jahre ein Begegnungscafé der Heilsarmee Freiburg geleitet. In Chemnitz hatte die Heilsarmee (die in der DDR verboten war) nach der Wende ein Haus zurückübertragen 20
bekommen und darin ihre Arbeit begonnen. Als wir kamen, gab es bereits ein kleines Angebot für Kinder und Teenager: das „Café Z“ (der Buchstabe hatte für uns drei Bedeutungen: Zuflucht, Zukunft und Zeit). Die Hauptzielgruppe waren Teenager aus sogenannten „Multiproblemfamilien“, die mit Scheidung, Schulverweigerung, Abhängigkeiten und Kriminalität zu kämpfen hatten. Wir merkten schnell, dass unser Angebot dem Bedarf kaum gerecht wurde. Der „Club Heilse“ liegt auf dem Kaßberg, einem Stadtviertel von Chemnitz, das eigentlich gut situiert ist. Am Rand aber war es infrastrukturell schwierig, viele Häuser waren verfallen und stark sanierungsbedürftig. Der Untere Kaßberg wurde als eines von fünf Projekten in Sachsen in das Förderprogramm „Soziale Stadt“ des Bundes aufgenommen. Denn viele der angesprochenen Multiproblemfamilien lebten genau hier. Als ausgebildeter Sozialarbeiter setzte ich mich mit dem Jugendamt zusammen. Wir fragten uns: Wer lungert auf der Straße herum? Wer braucht ein Angebot? Wie kann dieses Angebot aussehen? Aus unseren Ergebnissen machten wir ein Konzept. Auch wenn wir etwas Geduld brauchten. Ein gutes Jahr nach unserer Ankunft wurden weitere Räume im Haus der Heilsarmee frei. Das war unser Signal: Jetzt konnten wir mit einem Jugendklub starten. Der Name „Club Heilse“ entstand dabei mehr oder weniger aus Scham. Keiner von den Jugend lichen wollte sagen: „Ich gehe in den Jugendklub der 21
Heilsarmee“, stattdessen waren wir einfach nur die „Heilse“. Ist ja auch cooler und schneller auszusprechen. Neben den offenen Angeboten, also den Zeiten, in denen wir einfach die Tür öffneten und für die Kids und Teens da waren, entstand in den nächsten Monaten und Jahren ein Volleyballplatz, eine Fahrradwerkstatt, unser Familiencafé und inzwischen auch ein Mittagstisch für Kinder mit dem Namen „Tellerlein deck dich“. Unseren „Club Heilse“ besucht ein sehr gemischtes Publikum, die Jugendlichen gehörten zu verschiedenen Gruppen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Mich freut besonders, dass keine dieser Gruppen die anderen „Fraktionen“ rausgemobbt hat. Doch wenn Leute gewalttätig werden, weisen wir sie klar in die Grenzen: Die betreffenden Jugendlichen bekommen dann Hausverbot, auch wenn sich unsere Kollegen vom benachbarten Jugendklub deswegen Sorgen machen. Ich erinnere mich an den Telefonanruf der Sozialarbeiterin, die dort tätig war: „Frank, wenn die bei euch Hausverbot bekommen, was sollen wir denn jetzt machen? Denn bei euch muss doch erst der Regen nach oben fallen, bevor ihr jemandem Hausverbot erteilt!“ An einem fürchterlich kalten Wintertag kurz vor Weihnachten – es war die kälteste Nacht des Jahres, zogen die bereits erwähnten Randalierer wieder durch das Viertel und tauchten in der „Heilse“ auf. Sie hatten sich an diesem Abend durch ihr Verhalten mal wieder völlig disqualifiziert: Zwar waren sie nicht gewalttätig 22
geworden, doch sie hatten andere Gäste angepöbelt und die Mitarbeiter beleidigt. Die Atmosphäre wurde immer aufgeheizter. Irgendwann blieb nur ein letztes Mittel: Wir schlossen das Haus für den Rest des Abends, alle mussten gehen. Nur einer aus der Gruppe, ein Extrem-Schulverweigerer, der eigentlich schon Hausverbot hatte, durfte bleiben. Der Grund: Er hatte eine Heidenangst, vors Haus zu gehen. Wir wollten ihn schützen. Ein paar Tage zuvor hatte er nämlich ein Fahrrad geklaut, und wie sich später herausstellte, gehörte es einem Rechten, der ihm daraufhin schwere Prügel angekündigt hatte. So stellten wir ihn erst einmal bei uns sicher. Draußen auf der Straße vor unserem Haus ging die Randale weiter. Ein Jugendlicher aus der Gruppe pinkelte ans Nachbarhaus. Ein empörter Bewohner sprang infolgedessen durchs Fenster im Erdgeschoss und stellte ihn zur Rede. Sofort stürzten sich zwei, drei seiner Kumpels auf den Mann; sie rissen eine Latte von unserem Zaun und prügelten brutal auf den Bewohner ein. Dieser kletterte schließlich blutend durchs Fenster in seine Wohnung zurück. (Übrigens hat sich dieser Mann trotz dieses Vorfalls nie über unsere Arbeit beschwert. Auch die meisten anderen Nachbarn schätzen das, was wir in der „Heilse“ tun.) Wir überlegten, was wir machen könnten, um die aggressiven Teens auf der Straße etwas zu beschwichtigen. Es war ja, wie gesagt, klirrend kalt in dieser Nacht. Da hatten wir die Idee, einen großen Topf 23
Kakao zu kochen und ihn nach draußen zu bringen. Gesagt, getan. Und wie wir so draußen stehen, alle einen Becher mit dem dampfenden Kakao in der Hand, ergibt sich ein Gespräch. Ein Jugendlicher fragt uns: „Warum macht ihr das denn noch, nach alldem, was wir heute verzapft haben?“ Wir suchen nach Worten. Die netteste, ruhigste, zurückhaltendste und frömmste Mitarbeiterin, die eigentlich selten etwas sagt, findet als Erste ihre Sprache wieder. In trockenem und sehr glaubwürdigem Ton sagt sie: „Weil wir euch lieben, du Wichser.“ Ein paar Wochen später fuhren Mitarbeiter mit einigen aus der Gruppe zu einem Wochenende ins erz gebirgische Johanngeorgenstadt. Sie zelteten dort, unternahmen kleine Wanderungen, und es ergaben sich bei den gemeinsamen Aktivitäten viele Gespräche. In den Zelten legten die Mitarbeiter auch Neue Tes tamente aus. Spontan griffen die Jugendlichen danach. Sie lasen einige Kapitel gemeinsam. Viele Fragen tauchten auf und tiefe Gespräche entwickelten sich. Ein Hauptthema war die Angst. Die Gruppe hatte in einem Nachbarhaus okkulte Praktiken ausprobiert, und als sie plötzlich erlebten, dass die angerufenen Geister tatsächlich reagierten, waren sie in Panik aus dem Haus gerannt. Der kleine Bruder der „Anführerin“ erzählte von Erfahrungen mit einem Poltergeist. Nun begann er, die Bibel zu lesen. Er berichtete später – ganz nüchtern, so als redete er über eine mathematische Gleichung: 24
„Jedes Mal, wenn ich in der Bibel lese, ist der Geist verschwunden.“ Einige aus der Gruppe kamen dann ab und an in unseren Gottesdienst. In Chemnitz ist die Heilsarmee mit den Jesus-Freaks fusioniert. Da betet schon mal jemand: „Gott, ich finde dich so geil!“ Als Art Gegenpol hatten wir eine sehr steife, brüdergemeindlich geprägte Heilssoldatin in unserem Team. Ich frage sie einmal nach einem solchen Gebet: „Sind dir da nicht die Ohren abgefallen?“ „Doch“, antwortete sie, „aber Gott hat sie wieder drangemacht.“ Eines Tages leitete genau diese Frau unseren Gottesdienst: in sehr steifer Manier (zumindest aus der Perspektive der Jugendlichen. An ihrem Harmonium begleitete sie ein uraltes Lied aus dem Gesangbuch. Die Andacht erfolgte in einem solch salbungsvollen Ton, als würde die Weihnachtsgeschichte auf einem Märchenmarkt vorgelesen. Ich war an diesem Abend nicht anwesend, und deshalb rief meine Frau mich zu späterer Stunde auf dem Handy an: „Weißt du was? Heute waren 24 aus der Gruppe im Gottesdienst. Beim Singen haben sie gefeixt und sich lustig gemacht. Dann begann die Andacht – und du wirst es kaum glauben: Es war noch nie so still.“ Ein anderes Erlebnis aus einem unserer Gottesdienste: Ich fragte, wer denn berichten wolle, was er in letzter Zeit mit Gott erlebt hat. Eine Jugendliche steht 25
auf. „Ich habe auch was zu erzählen. Dieser Tage ist mir beim Tütenbauen das Haschisch verloren gegangen. Ich habe gebetet: ‚Gott, lass es mich wiederfinden.‘ Und tatsächlich: Ich hab’s gefunden.“ Sie setzte sich wieder und ich stand etwas verblüfft da. Natürlich war das eine Provokation. Was machst du da? Ich habe einfach den Nächsten aufgerufen. So etwas passiert, wenn man sich um Jugendliche kümmert, die nicht ins Schema passen. Dann läuft es auch nicht nach Schema. Aber wir kümmern uns ja schließlich um die Teens, weil wir sie trotz allem Mist, den sie verzapfen, lieben. Frank Heinrich
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Kleine Helden – zwischen Lakritz und Matchboxautos
„Wenn man ein Lakritzbonbon ins Licht hält, dann verändert es seine Farbe!“ Mit dieser kindlichen Weisheit wurde ich einmal auf einem Spielplatz konfrontiert. Kevin, von dem dieses Zitat stammt, war zu diesem Zeitpunkt neun Jahre alt und hatte am gleichen Tag wie ich Geburtstag. Als ich das herausfand, war er mir gleich noch sympathischer – obwohl er sich sehr anstrengte, nicht gemocht zu werden: Er war laut, wenn ich um Ruhe bat, schrie, wenn ich beten wollte und vergaß meinen Namen – jedes Mal. Kevin lernte ich also auf einem Spielplatz kennen. Dort hielt ich mich für mein Leben gern auf und tat, was man halt auf Spielplätzen so macht: Sandburgen bauen, mit anderen Kindern Quatsch machen, Engel in den Sand malen, beten. Dass ich das alles in einem – nun ja – erwachsenen Alter immer noch tat, hatte damit zu tun, dass ich es einfach mochte. Einmal in der Woche besuchte ich mit ein paar Leuten unserer Jugendgemeinde Vivavox (was so viel bedeutet wie „Lebendige Stimme“) etwa 60 Kinder aus sogenannten Problemfamilien und ging auch auf den Spielplatz, der im sozialen Brennpunkt unserer Stadt liegt. Dort erlebte ich mit den 27
indern meine schönsten Momente. Kevin und sein K Bruder Jeremy waren immer dabei. Nach gefühlten hundert Sandburgen und noch mehr blauen Flecken (diese tückischen Kletternetze!) kamen sie mit zum „Riesenhaus“, wo sich monatlich unsere Kindergruppe traf. Alle Kinder, die zum „Riesenhaus“ kamen, wurden von uns auch zu Hause besucht. Da Kevin mir zugeteilt wurde, kam es, dass ich ihn und seine Familie jede Woche einmal besuchte. Bei meinem ersten Besuch war ich auf das Schlimmste gefasst – und erstaunt über die Offenheit von Kevins Mama Tina. Wann sie wohl zuletzt jemanden zum Reden gehabt hatte? So wie ich mit Keksen und ihrer Lebensgeschichte überschüttet wurde, stellte mein Erscheinen einen denkwürdigen Tag dar ... Was ich erfuhr? Ich bekam ein wenig Ahnung von dem Überlebenskampf einer deutschen Patchwork-Familie. Die Mutter, so erzählte sie mir, habe mit 16 Jahren ihr erstes Kind bekommen, dieses sei aber bei ihrer Tante aufgewachsen, weil sie es damals einfach nicht geschafft habe, selbst ein Kind großzuziehen. Stattdessen sei sie zweimal verheiratet gewesen. Ihr jetziger Mann („Er ist ein ganz Lieber!“) sitze jetzt im Gefängnis wegen schwerer Körperverletzung. „Das ging’s um einen alten Rivalen, der hat’s nicht anders verdient“, so Tinas Kommentar. Erfreulicher war es angesichts dieser Themen, wenn ich mit den Kindern im Kinderzimmer mit Lego spielte, sie nach ihrem Schulalltag fragte oder mit ihnen Kin28
derlieder sang. Bei jenem ersten Besuch wurde ich prompt zum Abendessen eingeladen – eine Tradition, die wir beibehielten. Da zu den Stärken von Tina ganz gewiss nicht ein gutes Gedächtnis gehörte, gab ich bereitwillig meine vegetarischen Überzeugungen einmal die Woche auf. – Ich hatte mal gehört, dass man beispielsweise als Missionar in Afrika Fleisch nie ablehnen solle, weil es ein Zeichen der Wertschätzung sei, wenn man es angeboten bekommt. Ich fand mein Afrika mitten in unserer Stadt. Tina hatte noch eine andere Schwäche, und das war der Umgang mit Geld. So kam es, dass ich der Familie ab und zu den Wocheneinkauf finanziert habe. Ich weiß, wahrscheinlich hätte ich das Arbeitsamt einschalten und ihr zeigen müssen, wie sie mit dem Geld richtig umgehen kann. Aber das war mir damals nicht bewusst. Das Einzige, was ich sah, war eine Mutter, die auf Geld wartete, um ihren Kindern Essen zu kaufen, und auf der anderen Seite mich, die Geld geben konnte. Mehr zählte nicht. „Bis nächste Woche, ja?“ Nach drei gemeinsamen Stunden war klar, dass dies keine einmalige Sache war. Aus den Wochen wurden Monate, aus Monaten wurden Jahre. Jeden Donnerstag besuchte ich „meine“ Familie. Und wenn ich donnerstags mal nicht konnte, dann habe ich das an einem anderen Tag nachgeholt. Kevin und ich wurden so etwas wie Kumpels. Wir waren Verschworene und redeten über alles, was uns 29
einfiel: über uns, unsere Mamas, böse Träume und schlimme Geschichten von früher. Eines Tages gestand er mir, dass er ein ganz schlimmer Junge sei. Ich fragte ihn, wieso, und erfuhr: „Weil meine Mama mich so nennt.“ Und dann erzählte der kleine Kevin mir die traurige Geschichte: Dass er seiner damals schwangeren Mutter versehentlich in den Bauch stieß und diese da raufhin sein ungeborenes Geschwisterchen verlor. Sie gab ihrem Sohn die Schuld an diesem Vorfall und rächte sich mit emotionaler Kälte an ihm. Wenn ich an diese Geschichte denke, dann könnte ich jedes Mal weinen. Wie muss es sich für einen Neunjährigen anfühlen, mit so einem Desaster zu leben? Dann kam der Sommer. In unserer Gemeinde liefen die Vorbereitungen für unser Kinder-Sommerlager auf Hochtouren. Dank Spenden war es uns jedes Jahr möglich, auch Kinder mitzunehmen, die nicht den ganzen Freizeitbetrag bezahlen konnten. Und so durften Kevin und Jeremy mitkommen und eine Woche Urlaub erleben – vielleicht den ersten ihres Lebens. Dass die beiden keinerlei Erfahrungen mit Urlaub, geschweige denn mit Freizeiten, hatten, merkten wir schnell. Es war für sie das Größte, mit Absicht zu spät zu den Mahlzeiten zu kommen, zu früh wieder aufzustehen, ohne auf die anderen Kinder zu warten, oder aber gar nichts zu essen, weil sie angeblich nur vor dem Fernseher essen konnten. Doch irgendwann, zwischen Spagetti und Linsensuppe, Lagerfeuer und Geländespiel, 30
fassten Kevin und Jeremy Vertrauen zu uns. Als sie einfach so ihre Kleingruppenleiter umarmten, war das für uns Mitarbeiter ein kleines Wunder. Mit den Kids erlebte ich übrigens viele solcher Wunder. Als Jeremy bei einer Zirkusshow der Schule als Akrobat auftrat und Tina nicht hingehen wollte (sie habe einen Termin und fünf Euro seien ihr auch zu viel Geld), saß ich zwischen stolzen Eltern und Omis und applaudierte „meinem“ großartigen Jeremy. Er strahlte über das ganze Gesicht, als er mich erkannte, und strengte sich bei allen Purzelbäumen sichtbar doppelt an. Als Jeremy mir hinterher um den Hals fiel, war das ein Moment, der sich mir ins Herz brannte. Denn alles, was ich investiert hatte, war meine Zeit. Meine Zeit für Jeremy. Fünf Euro Eintritt – für uns beide ein unbezahlbares Erlebnis! Leider waren uns nicht mehr viele gemeinsame Momente vergönnt. Zwei Monate später wurde Tinas inhaftierter Mann entlassen. Zusammen wollten sie nach Frankfurt ziehen, wo er eine Arbeitsstelle als Maler gefunden hatte, Tina wollte als Kassiererin in einem Supermarkt arbeiten. Als ich davon erfuhr, wurde ich sehr traurig darüber, dass meine Besuche bald ein Ende haben würden. Ich überlegte, was ich Tina schenken könnte und kam auf die Volxbibel, eine moderne Bibelausgabe, die den Inhalt der Bibel in eine Sprache übersetzte, die ihr wohl geläufiger war als hiebfestes Lutherdeutsch. Das perfekte Geschenk! 31
Die „krassen“ Geschichten aus diesem Buch packten sie. Ein Blinder kann auf einmal wieder sehen und braucht nicht einmal eine Brille? Krass! Jesus spaziert auf dem Wasser? Total abgefahren! Dass es einen Gott gibt, war für Tina gar nicht mehr so absurd. Dass er sich ihr persönlich vorstellen könnte, dagegen sehr … Was sie selbst nicht las oder verstand, erklärten ihr die zwei Söhne, die sich durch die Geschichten, die sie im „Riesenhaus“ gehört hatten, inzwischen richtig gut auskannten. Und durch diesen Umstand kam es schließlich auch dazu, dass die Matchbox-Autos im Kinderzimmer stumme Zeugen meiner Unterhaltungen mit Kevin und Jeremy wurden – Unterhaltungen über Gott: Wie kann ich an jemanden glauben, den ich nicht sehen kann? Jesus war doch weder ein Comic-Superheld noch gab es von ihm Sammelbildchen an der Supermarkt-Kasse! Das war für die Jungs unverständlich. Auch Tina wurde Teil unserer „Matchbox-Runde“. Als ich anbot, für sie alle zu beten, meinte Tina nur: „Kann ja nicht schaden!“, und machte mir damit das größte Geschenk. Die Herbstferien waren viel zu schnell da – die Zeit, in der Tina mit ihren Jungs nach Frankfurt fahren, zu Bewerbungsgesprächen gehen und vor Ort eine Wohnung suchen wollte. Nach den zwei Wochen wollte sie noch einmal zurückkommen, um den Umzug zu organisieren. Ich würde nun gern erzählen, dass es einen großen Abschied gab und wir uns gegenseitig versprachen, uns immer zu besuchen. Doch dazu kam es nicht. 32
Ich sah Tina, Jeremy und Kevin nie wieder. Sie kamen nie zurück. Zwei Wochen vergingen ohne ein Lebenszeichen. Das Handy war ausgeschaltet und der Briefkasten plötzlich abgeklebt. Über verschiedene Ämter versuchte ich, Kontakt zu ihr herzustellen – jedoch ohne Erfolg. Ich habe keine Ahnung, wo die Familie jetzt lebt und ob es Tina und den zwei Jungs gut geht. Manchmal träume ich von Kevin. Ich bin dankbar für die Zeit, die wir gemeinsam verbringen durften und die mich gelehrt hat, mich auf einen neuen Blickwinkel einzulassen: Ich hatte gedacht, ich wäre diejenige, die dieser Familie etwas zu geben hätte – doch im Nachhinein merkte ich, wie viel mir fehlte. „Wenn man ein Lakritzbonbon ins Licht hält, dann verändert es seine Farbe!“ Dieser Satz gibt mir irgendwie Hoffnung. Ich glaube, dass die kurze Zeit, die ich zusammen mit Kevin, Jeremy und Tina verbringen durfte, eine Zeit war, in der diese Familie ihr Leben in Gottes Licht gehalten hat und in der die Farbe ihres Lebens sich verändert hat. Egal, wo die drei jetzt sind: Ich hoffe, dass die neue Farbe weiter ihr Leben verändert. Aber eines weiß ich sicher: Gott ist ihnen nah. Er ist die Sonne hinter dem Lakritzbonbon. Karoline Luckhardt
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