Kapitel 1 24. Dezember, 8:15 Uhr
Lefty Der verrostete Ford, Baujahr ’76, stand weitab von den anderen Autos auf dem Parkplatz der Fabrik. Lefty saß mit zurückgelegtem Kopf und geschlossenen Augen in seinem Wagen. Da ließ ihn plötzlich ein lautes Klopfen am Seitenfenster zusammenfahren. „Hey, lebst du doch?“, fragte jemand und öffnete die Wagentür von außen. Die Stimme gehörte Kamal, dem Pförtner, der es in den vergangenen drei Tagen übernommen hatte, Lefty jeden Morgen zu wecken. „Ja“, brummte Lefty mürrisch. Als ihm dabei die Alkoholfahne in die Nase stieg, die aus seinem eigenen Mund strömte, wäre er beinahe hellwach geworden. Aber nur beinahe. „Du bist schon eine Viertelstunde zu spät dran. Dale sucht dich. Er ist ganz schön sauer, noch mehr als sonst.“ Krampfhaft versuchte Lefty, sich wieder in den Schlaf 7
zu flüchten. Nur nicht nachdenken müssen und sich an nichts erinnern. Schlafen war der perfekte Ausweg. Kamal stieß ihn an der Schulter an. „Hast du gehört, was ich gesagt habe?“ Nun öffnete Lefty seine Augen einen Spalt, doch das Morgenlicht blendete ihn. Von seiner Umgebung nahm er gerade so viel wahr, dass er sich orientieren konnte. Wie er hierhergekommen war, hätte er nicht sagen können, aber zum Glück konnte er sich in dieser Hinsicht auf seine Gewohnheiten verlassen. Solange er nachts auf dem Parkplatz seiner Arbeitsstätte landete, war er genau dort, wo er am nächsten Morgen gebraucht wurde. „Ja, ja, immer mit der Ruhe. Und danke vielmals, dass ich jetzt zu spät komme!“ „Ach verflixt, entschuldige bitte! Mein Chef, der mir meinen Lohn auszahlt, hatte eine wichtigere Aufgabe für mich, als dich zu wecken. Das nächste Mal sage ich ihm, dass ich in erster Linie Lefty zur Verfügung stehen muss.“ Für einen Ausländer beherrschte Kamal den amerikanischen Sarkasmus erstaunlich gut. Verärgert zog Lefty seine abgenutzte Zahnbürste aus dem Fach an der Sonnenblende und stieg mühsam aus dem Wagen. Seine Glieder waren steif. Sechs Stunden im Sitzen zu schlafen war nicht das Wahre. Und dann diese Kopfschmerzen, die vom Kater herrührten. Da seine Beine fast unter ihm nachgegeben hätten, suchte er 8
schnell Halt an der Autotür, rieb sich die Augen und atmete tief durch. Der Fabrikeingang lag vor ihm. Er nahm ihn fest in den Blick und marschierte darauf zu. Zwei Minuten später hatte er den schmuddeligen Toilettenraum der Firma erreicht, wo er sich die Zähne putzte und seine strähnigen Haare glatt strich. Als er auf seinem Pullover einen Senffleck bemerkte, zog er den Pulli kurz entschlossen aus, drehte ihn auf links und streifte ihn wieder über. Danach betrachtete er sich zufrieden im Spiegel. Die Idee, den Pullover zu wenden, war wirklich gut gewesen. Eigentlich begann dieser Morgen recht vielversprechend. Und war heute nicht der 24. Dezember? Ja, genau, der letzte Arbeitstag vor den Feiertagen. Die heutige Schicht würde er problemlos überstehen. Lefty straffte seine Schultern und musterte sich zuversichtlich, bis hinter ihm in dem fleckigen Spiegel plötzlich sein Chef auftauchte. „Guten Morgen, Herr Minister“, sagte Dale spöttisch. „Würden Sie bitte die Güte haben, sich in mein Büro zu bemühen, sobald Sie Ihre Morgentoilette beendet haben?“ Leftys Schultern sackten herab. Fröhliche Weihnachten.
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Kirk Es war noch nicht einmal 8:30 Uhr und Kirk war bereits völlig erschöpft. Das war kein gutes Zeichen. Der Anruf hatte ihn um 6:30 Uhr aus dem Tiefschlaf gerissen. Kirk hegte gewisse Zweifel daran, dass sein 17-jähriger Mitarbeiter wirklich ausgerechnet an Heiligabend unvermutet krank geworden war. Beeindruckend war allerdings, dass der Junge tatsächlich so früh aufgestanden war, um ihm Bescheid zu geben. Wenn er bei der Arbeit bloß auch so gewissenhaft wäre … Im Grunde machte es Kirk nicht viel aus, an Heiligabend zu arbeiten. Er hatte nichts Besonderes vor und die Feiertage waren ihm sowieso nicht so wichtig. Aber es ärgerte ihn, dass er jetzt doch nicht ausschlafen konnte, wie er es ansonsten getan hätte. Kirk nahm jedes Jahr nur wenige Tage Urlaub, und wenn er einmal freihatte, schlief er bis mittags, baute an seiner Veranda weiter, an der er schon seit Jahren herumwerkelte, und ließ es einfach locker angehen. Seit über einer Woche hatte er sich auf den heutigen Tag gefreut, und als ihn die Nachricht ereilt hatte, dass dieser Tag ebenso gleichförmig verlaufen würde wie die übrigen 360 stumpfsinnigen Werktage im Jahr, hatte er sich gerade im Tiefschlaf befunden. Kurz darauf fuhr Kirk auf das Gelände von Mr K’s Quick Stop und stellte seinen Wagen wie gewöhnlich ne10
ben dem Gebäude ab, wo ein paar alte Mauersteine he rumlagen und hohes Unkraut wucherte. Sein Blick wanderte zu dem verrosteten Schild hinauf. Du meine Güte, was für ein bescheuerter Name. Dass er ihn selbst ausgesucht hatte, machte alles nur noch schlimmer. Er schloss die Tür und die beiden Vorhängeschlösser auf und betrat seinen Laden. Die Regale mit Süßigkeiten und Fertiggerichten standen vor der Ecke mit den Getränken und der Tiefkühltruhe. Seitlich davon waren Angelutensilien ausgestellt. Außerdem gab es einen kleinen Imbissbereich, der aber nicht mehr betrieben wurde. Die strahlenden Menschen auf den großen Werbeplakaten für Bier und Zigaretten hatten leider nicht die geringste Ähnlichkeit mit den Leuten, die Tag für Tag hier hereinkamen. Andere Tankstellenbesitzer schalteten morgens, wenn sie ihre Tankstellen öffneten, zuerst die Pumpen, die Kasse und die Snackautomaten ein. Doch Kirk hatte sich, als er diesen Laden gekauft und gründlich überholt hatte, eine andere Routine angewöhnt, die er jetzt nicht mehr ablegen konnte: Er putzte als Erstes die Toiletten, entsorgte den Müll, füllte die Seifenspender und die Boxen für die Papiertücher und Servietten auf und ordnete die Waren. Und natürlich schaltete er die Gourmet-Kaffeemaschine ein. An diesem trostlosen Ort Gourmet-Kaffee auszuschenken war ungefähr so, als würde man an einer 11
Imbissbude Filet Mignon servieren. Kirk war sich bewusst, dass dieser Kaffee weder zu seinem Laden noch zu seiner Kundschaft passte, aber er konnte sich einfach nicht dazu durchringen, diese schreckliche Instant-Brühe anzurühren. Um keinen Preis. Als die Maschine einsatzbereit war, wischte er die Theke sauber und brachte den Abfalleimer nach draußen. Jetzt war Mr K’s Quick Stop gerüstet für die Familien, die in dem nahe gelegenen Wohnwagenpark hausten, für die Raucher, die Drogenabhängigen, die Angler und die Touristen, die das Weihnachtsfest im Südwesten des Landes verbringen wollten. Er drehte das Schild an der Tür um, sodass die Aufschrift Geöffnet nach außen zeigte. Fröhliche Weihnachten.
Eva Eva hatte beschlossen, dass ihr Ableben niemandem Scherereien machen sollte. Und da heute der große Tag – oder besser: der große Abend – sein würde, wollte sie alle notwendigen Vorkehrungen treffen. Während sie durch das Wohnzimmer zur Küche schlurfte, hakte sie in Gedanken einen Punkt nach dem anderen auf ihrer inneren Checkliste ab. Sie hatte immer 12
penibel darauf geachtet, dass nichts herumlag und kein elektrisches Gerät eingeschaltet blieb, wenn sie in Urlaub fuhr; ganz bestimmt sollte nun, wo sie ihr Haus für immer verließ, alles aufgeräumt und sauber sein. Als Eva die Tüte mit dem Katzenfutter zum letzten Mal von ihrer Küchentheke nahm, empfand sie weder Traurigkeit noch Bedauern. Sie wollte lediglich ihre Pflicht erfüllen. Alles, was jetzt noch zu tun war, würde sie mit Ruhe und Würde erledigen. Sie würde nicht weinen, nicht sentimental werden und keine Angst haben. Dieser Tag würde wie jeder andere Tag verlaufen, außer dass es vielleicht ein bisschen mehr zu tun gab als sonst. Sie trug die Tüte nach draußen, beugte sich vor und füllte den Fressnapf. Das Rascheln des Papiers lockte Scrappy, die streunende Katze, an. Während sich die Katze über den Napf hermachte, leerte Eva die Tüte mit dem Trockenfutter in ihrer Einfahrt aus. Scrappy sollte keinen Hunger leiden müssen, denn man konnte ja nicht wissen, wie lange es dauern würde, bis jemand ihren Leichnam fand. Fröhliche Weihnachten.
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Mary Mit ein bisschen zu viel Schwung bog Mary in die Haltebucht vor der Grundschule ein. Seit sie sich allein um ihren 6-jährigen Sohn kümmern musste, war sie morgens immer in Eile. Zwar hatte der kleine Jacob keine Probleme damit, jeden Tag um 6:45 Uhr aufzustehen, doch sie selbst wurde um diese Zeit noch nicht richtig wach. Deshalb schaltete sie meistens den Disney-Kanal für ihn ein und zog sich noch einmal für eine halbe Stunde ins Bett zurück. Anschließend musste sie sich allerdings förmlich überschlagen, damit sie es schaffte, Jacob um 8:15 Uhr vor der Schule abzusetzen und selbst pünktlich um 8:30 Uhr an ihrer Arbeitsstelle zu sein. Zum Glück brauchte sie im Büro nicht wie aus dem Ei gepellt auszusehen, und sowohl Jacob als auch sie selbst gaben sich zum Frühstück mit einem Müsliriegel zufrieden, den sie unterwegs aßen. Megan, Jacobs nette Lehrerin, kam ihnen mit einer Nikolausmütze auf dem Kopf entgegen. „Hallo, Jacob!“, sagte sie. „Wie geht’s dir heute?“ Jacob winkte ihr fröhlich zu, während er sich bemühte, seinen Gurt zu lösen. Langsam erstarb Megans Lächeln und sie legte den Kopf zur Seite. Jetzt kommt’s. „Hallo, Mary. Wie geht es Ihnen?“ 14
„Gut, danke. Und Ihnen?“ „Nun aber mal ehrlich: Geht es Ihnen wirklich gut?“ Megan senkte die Stimme, als wolle sie die Ernsthaftigkeit ihrer Frage unterstreichen. Mary hielt den Atem an. Ihr war klar, dass Megan nicht lockerlassen würde, ganz besonders nicht an einem Tag wie heute. „So gut, wie man es eben erwarten kann. Wirklich.“ Glücklicherweise hatte Jacob Schwierigkeiten mit dem Türgriff, und Megan eilte zur Tür, um ihm aus dem Auto zu helfen. Als er davonrannte, rief Mary ihm hinterher: „Ich hab dich lieb, Jacob!“ Ohne sich umzudrehen oder sein Tempo zu verringern, brüllte er zurück: „Ich hab dich auch lieb!“ Mary wandte sich wieder Megan zu. „Sein Saftpäckchen liegt im Rucksack. Er wird versuchen, Ihnen weiszumachen, dass ich vergessen hätte, ihm –“ „Alles klar.“ Megan lächelte wissend, dann blickte sie Mary an. „Hören Sie, Sie wissen doch sicher, dass diese Sitze höhenverstellbar sind.“ Marys Fahrersitz war sehr tief eingestellt. Seit einem Jahr fuhr sie nun schon in dieser Position und mittlerweile hatte sie sich daran gewöhnt. „Oh. Ja. Nun, Rick mochte es so. Ich … wissen Sie …“ Megan wich zurück. „Ach so. Okay. Wir sehen uns heute Mittag.“ 15
Endlich. „Ja, bis heute Mittag.“ Heute war der 24. Dezember. Bestimmt würde sie an einem Tag wie diesem noch viele ähnliche Gespräche erdulden müssen. Die Leute wollen nur nett sein, ermahnte Mary sich. Fröhliche Weihnachten.
Mitch Mitch stellte seinen Wagen auf dem Parkplatz der Kirchengemeinde ab und stieg in den Kleinbus. Da der Bus am Nachmittag und am Abend für mehrere Fahrten gebraucht werden würde, musste er noch aufgetankt werden. Der Abstecher zur Tankstelle würde die einzige Strecke sein, die Mitch ohne eine Busladung lärmender Teenager zurücklegen würde. Dieser Tag würde einfach schrecklich werden, darüber machte er sich keine Illusionen. In sechs Stunden, wenn er die Mitglieder seiner Jugendgruppe zum Weihnachtssingen fuhr, würde es am schlimmsten sein. Aber schließlich war heute auch der Jahrestag des Unfalls. Vor einem Jahr war Mitchs Wagen in der Werkstatt gewesen. Rick, sein bester Freund, der ebenfalls zu den Jugendleitern gehörte, hatte ihm angeboten, ihn nach der 16
Weihnachtsfeier nach Hause zu bringen. Ein betrunkener Autofahrer war, anstatt vor dem Stoppschild zu halten, über die Kreuzung gerast und in die Fahrerseite von Ricks Wagen geknallt. Mitch hatte einige Rippenbrüche und eine ausgekugelte Schulter davongetragen, als Ricks Körper ihn gegen die Beifahrertür geschleudert hatte. Mitchs Rippen waren bandagiert worden und er hatte einige Zeit eine Armschlinge tragen müssen. Rick war dagegen weitaus mehr passiert – er hatte ein SchädelHirn-Trauma erlitten. Heute, ein Jahr und diverse Operationen später, befand er sich immer noch in einem Pflegeheim. Diese Nacht hatte alles verändert. Alles. Rick war nicht mehr der Rick, der er früher gewesen war. An den wenigen Tagen, an denen er so weit bei sich war, dass man ein einigermaßen zusammenhängendes Gespräch mit ihm führen konnte, hatten sie einander nichts mehr zu sagen. Meistens befand sich Rick allerdings auf dem Stand eines Zweijährigen, mit allem, was dazugehörte: Wutanfälle, Windeln und ähnliche peinliche Dinge. An die Stelle der herrlichen Ungezwungenheit und ihres gemeinsamen Sinns für Humor, die ihre Freundschaft geprägt hatten, war verkrampfter Small Talk getreten. Mitch hatte Rick seit Wochen nicht mehr besucht; es fiel ihm zu schwer, und außerdem schienen Rick seine Besuche ohnehin nicht sonderlich viel zu bedeuten. 17
Als Mitch sich der schicksalhaften Kreuzung näherte, beschlich ihn wieder dieses ungute Gefühl, und unwillkürlich schaute er mehrmals nach rechts und nach links, bevor er es wagte, sie zu überqueren. Im vergangenen Jahr war er Hunderte Male über diese Kreuzung gefahren, aber es war immer das Gleiche: Jedes Mal blitzten Bilder des Unfalls in ihm auf. Das Schreien einer Frau, die das Unglück beobachtet hatte; das Blut, das sich in Mitchs Schoß gesammelt hatte; die blinkenden Lichter von Polizei- und Rettungswagen. Jedes Mal erschauderte er und fühlte sich grauenvoll. Die Tatsache, dass sich der Unfall ausgerechnet an Heiligabend ereignet hatte, machte ein Vergessen des Jahrestages unmöglich, selbst wenn er es gewollt hätte. Irgendwann würde diese Erinnerung wohl verblassen. Aber bisher war daran noch nicht zu denken. Fröhliche Weihnachten.
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