Tourismus
Urs Graf über Interlaken, ausländische Gäste und Geschäfte und allgemeinverbindliche Regeln
Margen sind so knapp geworden Der Gemeindepräsident von Interlaken warnt vor der Idealisierung des Touristenortes, sorgt sich um die Institutionen und stellt klar, dass unsere Regeln für alle gelten müssen. Peter Grunder
GastroJournal: Herr Graf, Interlaken gilt touristisch schweizweit als Vorbild. Inwiefern sehen Sie das auch so? Urs Graf: Interlaken hat sich in den touristisch schwierigen Jahren seit der Finanzkrise und dem Franken-Entscheid als schweizerische alpine Destination relativ gut gehalten. Wir haben im Gegensatz zu anderen Bergregionen und ähnlich
Von Tourismusfeindlichkeit würde ich nicht sprechen
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wie die grossen Schweizer Städte eher Logiernächte gewonnen und während Saisonspitzen gar zu wenig Kapazitäten. Erfreulich ist auch unsere Gästestruktur, die sich aus Tages- und aus Feriengästen, aus Besuchern verschiedenster Veranstaltungen und aus Naturfreunden, aus inländischen Touristen und Gästen aus aller Welt zusammensetzt. Wo wir wie alle anderen Mühe haben, ist mit der Aufenthaltsdauer, die seit Jahrzehnten sinkt. Sie sprechen wie ein Touristiker. Dabei wird Interlaken und der ganzen Schweiz immer wieder Tourismusfeindlichkeit vorgeworfen. Inwiefern können Sie das nachvollziehen? Wir leben in Interlaken vom Tourismus, und weil ich als Gemeindepräsident unter anderem fürs Volkswirtschaftliche zuständig bin, habe ich oft mit touristischen Fragen zu tun und denke entsprechend. Allerdings haben wir institutionell eine klare Abgrenzung zwischen Gemeinde und Tourismusorganisa-
Ein Lieblingsrestaurant
«Interlaken hat sehr viele gute Restaurants. Gerne gehe ich ins West End, weil dort auf konstant hohen Niveau und sehr unaufdringlich authentische italienische Küche angeboten wird. Zum gelegentlichen Morgenkaffee gehe ich in die Brasserie 17, weil mir die lockere Atmosphäre passt.» pg
PETER GRUNDER
Urs Graf ist in Interlaken aufgewachsen und zur Schule gegangen. In Bern hat er Jurisprudenz studiert und ist bernischer Fürsprecher und Notar, überdies absolvierte er an der Hochschule St. Gallen ein Nachdiplomstudium. Er ist verheiratet und arbeitet als Dozent für Arbeitsrecht an der FH Bern. Seit 2005 ist Graf im Nebenamt Gemeindepräsident von Interlaken, seit 2016 überdies Vertreter im Kantonsparlament.
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8. Dezember 2016 | Nr. 49 | www.gastrojournal.ch
Urs Graf: «Wenn unsere Regeln nicht bekannt sind, nicht verstanden oder nicht akzeptiert und umgesetzt werden.» tion, und natürlich ordnen wir auch nicht alles dem Tourismus unter. Aus der Bevölkerung gibt es jegliche Art von Kritik, was auch ein Zeichen für eine lebendige Demokratie ist. Von Tourismusfeindlichkeit würde ich jedenfalls gerade in Interlaken nicht sprechen, vielmehr halte ich unsere Bevölkerung für recht offen. Sie beschönigen? Nein, aber wir müssen differenzieren. Im Tourismus sind schon immer Welten aufeinandergetroffen. Vor 200 Jahren, als der europäische Adel kam und auf eine relativ arme Bevölkerung traf, oder in unserer Zeit, wo von den Japanern über die Chinesen bis zu den Arabern Gäste aus aller Herren Länder zu uns kommen. Dieser hochentwickelte und vielfältige Tourismus in einem mittlerweile hochentwickelten Land macht es sicher nicht leicht, die Servicequalität hochzuhalten, und es führt auch dazu, dass in der Bevölkerung tourismuskritische Stimmen laut werden und einige wenige Volksentscheide tourismusfeindlich ausfallen. Aber insgesamt führen die grosse touristische Vielfalt und der hohe Entwicklungsgrad auch dazu, dass sich die Gäste hier wohlfühlen – ich denke etwa an den öffentlichen Verkehr, die Sicherheit oder die spektakulären Bergbahnen.
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Ohne das Gastgewerbe ist im Tourismus alles nichts
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Hat der Schweizer Tourismus-Verband also unnötigerweise Alarm geschlagen für den Tourismus im alpinen Raum? Nein, nicht überall sieht es so gut aus wie in Interlaken, und auch hier ist nicht alles in Butter. Grundsätzlich ist der Tourismus als arbeitsund kapitalintensive Branche in einer derart wertschöpfungsstarken Volkswirtschaft wie der Schweiz eine schwierige Branche – besonders im relativ weitläufigen und nicht primär touristischen Kanton
Bern mit seinen vielen tourismusabhängigen Bergtälern. Das führt unter anderem dazu, dass die Finanzhaushalte der Tourismus gemeinden ständig unter Druck sind. Dies, weil die Steuerkraft teilweise schwach und weil die Infrastrukturen auf maximale Gästezahlen ausgelegt sein müssen und nicht nur auf die ständige Wohnbevölkerung. Als Ballungszentrum leidet hier Interlaken weniger, und namentlich dank dem High-End-Souvenirhandel mit Uhren sieht es bislang auch steuerlich nicht schlecht aus. Was mir mehr Sorgen macht, sind einerseits die Herausforderungen, die sich im Zuge des internationalisierten Tourismus für Institutionen wie Schulen, Spitäler oder Vereine ergeben. Andererseits sind im Gastgewerbe aufgrund der hohen Kosten und der grossen internationalen Konkurrenz die Margen so knapp geworden, dass kaum mehr genügend reinvestiert werden kann. Interlaken brummt also nicht? Doch, aber wenn teilweise nicht genügend mehr reinvestiert werden kann, bedeutet das entweder, dass Hotels schliessen und damit das Fundament des Tourismus wegbricht. Zwar fliesst nur ein kleiner Teil der Tourismusausgaben ins Gastgewerbe, aber ohne das Gastgewerbe ist im Tourismus alles nichts. Eine Alternative dazu, die in Interlaken stark um sich greift, ist die Veränderung der gastgewerblichen Angebote. Immer mehr Eigentümer und Betreiber von Hotels und Restaurants sind nämlich ausländischen Ursprungs. Das hat nicht nur mit reichen Ausländern zu tun, die sich hier Hotels kaufen, sondern auch mit der Bereitschaft, unter prekäreren Bedingungen in der Branche zu arbeiten – und mit dem Phänomen, dass viele Gäste aus Fernmärkten im Gegensatz zu früher nicht mehr die gastgewerbliche Tradition der Schweiz suchen, sondern wie zuhause essen und übernachten wollen. Und dieses Geschäft besorgen immer mehr eigene Landsleute.
Erfreuliche Vielfalt? Ja, aber problematisch wird es dann, wenn unsere Regeln nicht bekannt sind, nicht verstanden oder nicht akzeptiert und umgesetzt werden – sei dies nun bei allgemeinverbindlichen Landes-Gesamtarbeitsverträgen oder bei verwaltungs- und wettbewerbsrechtlichen, lebensmitteltechnischen oder feuerpolizeilichen und anderen Vorgaben. Zwar gibt es kulturelle und politische Unterschiede darin, wie mit Regeln umgegangen wird. Aber es muss unser Ziel sein, dass die Regeln für alle gelten. Gelten die Regeln denn nicht für alle? Doch, aber bei der Kontrolle und Umsetzung stösst die Gemeinde manchmal an ihre Grenzen, was besonders damit zu tun hat, dass viele Kompetenzen bei übergeordneten Ebenen liegen und die Gemeinde wenig Handlungsspielraum hat. Was ist zu tun? Weil sich die Phänomene unmittelbar vor Ort zeigen, werden sie vor Ort von der Gemeinde erkannt. Insofern müssen die übergeordneten Ebenen ein offenes Ohr für Anliegen
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Gemeinsamen Regeln bei allen Nachachtung verschaffen
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der Gemeinden haben und sie tatkräftig darin unterstützen, unsere Rechtsordnung aufrechtzuerhalten. Klingt nicht besonders zuversichtlich? Doch, für Interlaken und die Schweiz bin ich zuversichtlich. Zwar wollen wir keine ideale Welt, aber es ist und bleibt eine unserer zentralen und ständigen politischen Aufgaben, unseren gemeinsam festgelegten Regeln, die ein Grund für den Erfolg der Schweiz sind, bei allen Nachachtung zu verschaffen. Sonst sind jene die Dummen, die sich an die Regeln halten, und daran können auf Dauer gewisse Unternehmen und das Land kaputtgehen.
Gastronomie als neue Kampfzone am Berg Am Berg beginnt sich eine neue Kampfzone abzuzeichnen: Streitpunkt ist nicht unsere Dreiklassengesellschaft mit vielen kleinen Bauernliften, mit einer maroden Masse unverzichtbarer Bergbahnen und mit einer Handvoll Perlen, die wirklich Geld verdienen. Nein, Streitpunkt ist die Gastronomie der Berg bahnunternehmen, und aufs Tablett bringen das aktuell die beiden Giganten Jungfrau- und Titlisbahnen. In Engelberg ist es der Zürcher Gastro-Unternehmer Michel Péclard, der als neuer Verwaltungsrat die Gastronomie in neue Höhen führen will. Zwischen Kleiner Scheidegg und Jungfraujoch wiederum bringt der überraschende Abgang zweier bewährter Pächter die Gastronomie ins Gerede. Aus erhöhter Warte sei einerseits daran erinnert, dass überall mit Wasser gekocht wird. Andererseits sei mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass die ohnehin hohen gastronomische Herausforderungen am Berg förmlich explodieren: Es ist kein Zufall, dass vom Hahnenmoos- bis zum Gemmipass erfahrene Gastgeberfamilien erfolgreich am Werk sind – während bei unübersichtlichen Bergbahnmonstern gastronomisch ein leeres Versprechen dem nächsten folgt. Insofern seien ambitionierte Neulinge eindringlich gewarnt: Viel besser als die scheidenden Brigitte und Martin Soche zwischen Eiger gletscher und Jungfraujoch kann man es nicht machen.
Standortförderung statt Tourismusförderung
Mit zuletzt etwa 150 000 Hotelübernachtungen pro Jahr ist der Kanton Schaffhausen touristisch ein kleines Licht – allein Interlaken zählt etwa fünfmal mehr Hotelübernachtungen. Schaffhausen verfügt jedoch mit dem Rheinfall (Foto) über ein internationales Topziel. Überdies ist grundsätzlich jeder Betrieb eine wichtige Grösse, und das Städtchen Schaffhausen bietet samt seinem Hinterland viele attraktive Ziele. Die Schaffhauser Kantonspolitik scheint jedoch den Wert des Tourismus eher gering zu schätzen: Vor gut einem Jahr hatte eine unheilige Allianz das sorg fältige Mise an Place einer Tourismus gesetzgebung hauchdünn bachab geschickt – und seither hing die über geordnete Tourismusorganisation in der Luft. Immerhin hat das Schaffhauser Kantonsparlament Anfang Woche ein neues Tourismusförderungsgesetz verabschiedet. Die Schwierigkeiten, in Schaffhausen und anderen Tourismusregionen moderne gesetzliche Grund lagen für den Tourismus zu schaffen, rufen freilich nach grundsätzlichen Überlegungen: Nach Lage der Dinge hat integrierte Standortförderung statt reine Tourismusförderung gute Chancen auf politischen und wirtschaftlichen Erfolg. Mit anderen Worten müsste es mehr darum gehen, möglichst viele Produkte einer Region in die Vermarktung einzubeziehen. Dass dabei die Gäste und Gastgeber einer Region eine zentrale Rolle spielen, liegt auf der Hand – und die regionalen Naturpärke oder der Kanton Wallis zeigen konkret, wie es geht.