Philosophisches Bauernalphabet On the Observation of Moon Geese Studies for a Monastic Squat for Castigated Monks and Punk Naturalists Turkey’s Bird Super-Highway Vom Nutzen ungelöster Probleme Tschirp – Die Natur plant nicht. Warum planen Sie? „Ein Behältnis aller verhassten und unreinen Vögel“ Untitled Intelligent glass solutions Gespräch über Vögel mithilfe elektronischer Brieftauben Structural Problems of Birds – Mating systems and family politics Extase en Aval Der grüne Halsbandsittich Naumann Märchen Vogel V – Fünf Bilder zu Vögeln Blaukehlchen Prends-en de la graine Kletternde Vögel Die Geschwister Eierleger
00 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17 18
Lothar Spath Agnes Meyer-Brandis Alan Worn Alexander Christie-Miller Alexander Kluge Alexander Kühnen & Corinna Bonati & Kerstin Lienemann & Olaf Abbé Johann Revelar & Niklas L. Incandenza Apparatus 22 Arnold-Glas Asmus Trautsch & Bettina Lehmann Bart Kempenaers Beat Lippert Bernadette La Hengst & Ton Matton Bernhard Just & Iris Heynen Christian Hoffelner Christian Naumann Compagnie des Plumés Diemut Klärner Erduan Maliqi
DIE PHILOSOPHISCHEN BAUERN ACHTERNKAMP, HEUBNER, KRAUS, REISINGER, WILLINGHÖFER PRÄSENTIEREN
EIN ORNITHOLOGISCHES WUNDERTÜTENKABINETT
60 GEFIEDERTE FUNDSTÜCKE Professor Finkel’s Problem Que faire avec des histoires d’oiseaux pas très claires? Bulls, Bears & Brieftauben Der rote Fleck Die Reise der Feder Wovon Mensch und Vogel träumen Eins werden bei der Pirsch Das Zwitscherchaos eines ganzen Jahres Hello Mr Magpie Schweigen Hören Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde… Vogelsperspektiven und Amselsansichten Mein Spechtsommer Der zweite Blick – The Birds Küche If the owls are not what they seem, what are we? o.T. (look) Managing Structural […] Problems Vom Wert eines Blaukehlchens Institut für den losgelösten Menschen Disoriented – birds in the modern world Stehen auf einem Bein Animal’s Liability Blauer Vogel (einem Eisvogel im Herzen) Von Auerhühnern und dem Umgang des Menschen mit der Natur Flughilfe für einen Pelikan Destillate Ogai Wechselbeziehungen von Menschen und Vögeln in der Stadt Menschenzungige, Echoelstern, gewunderte Vögel Migratory Birds and Buildings Der Speierling Meine gefiederte Bauüberwachung Jenseits des Flügelneids Strategiepapier Vogelgericht Was dem einen das Möhrenkraut… Auszüge aus dem Kalender von Córdoba Flugversuche der Moderne Warum die Vögel fliegen Birdcage Secondary Occupants Project
19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60
Ergo Phizmiz Fabienne Radi Frank Bölter Franziska Gerstenberg Gabriele Sturm guzo – Roman Tschäppeler & Mikael Krogerus Hajo Kobialka Helwig Brunner Irina Bujor Iris Dressler Joachim Krausse Anna & Peter Malnikow Klaus Ruge Konrad Kirsch Lisa Vera Schwabe Mareike Maage Niklas Nitzschke Olaf Bach Olaf Miosga Oscar Prinsen Reinhard Klenke Reinhold Necker Roberto Yanguas Rosa Volkmann Rudi Suchant Ruppe Koselleck Stählemühle – Christoph Keller Silke Pflüger Sonja Kübler Stephan Kammer Susan Elbin Thomas Kellner Thomas Schönlebe Torsten Blume UDGB Ursula Achternkamp Ursula Armstrong Ursula Schulze-Dornburg Walter Scheiffele Werner Nachtigall Yvonne Roeb Julian Montague
DIE PHILOSOPHISCHEN BAUERN ACHTERNKAMP, HEUBNER, KRAUS, REISINGER, WILLINGHÖFER PRÄSENTIEREN
EIN ORNITHOLOGISCHES WUNDERTÜTENKABINETT
60 GEFIEDERTE FUNDSTÜCKE
DI E PH I L O S O PH I S C H E N B AU E R N Managing Structural Bird Problems K A BINET T Akademie Schloss Solitude Stuttgart, 24.Januar – 10. März 2013
DI E PH I L O S O PH I S C H E N B AU E R N
Nicht nur anlässlich des 222jährigen Jubiläums von Der philosophische Bauer von Johann Andreas Naumann lenken rund 60 Autoren einen ornithologischen Blick auf die Gesellschaft. Das Beobachten und die Beobachtung der Beobachtung wird verknüpft mit dem Thema der Sammlung und der Archivierung von Wissen. Dessen Management, Strukturen und Probleme sowie der Gedanke am eventuellen Nutzen, diese nicht zu lösen, kommen hier zusammen. Was die Vögel damit zu tun haben, werden wir erfahren, denn deren seismographischer Auftrag ist bekannt – von wem oder was auch immer sie beauftragt sein mögen. Eine lauschige Lesetheke lädt ein, sich in dem berstenden Wissen zu Federträgern wie Vögel zu verzetteln und mit einem Vogelbeerschnaps auf die Wertschätzung des Blaukehlchens anzustoßen.
U R S U L A AC H T E R N K A M P, geboren 1975 in Rheine, ist leib- und lebhaftig in Leipzig. HO L G E R H E U B N E R , geboren 1969 in Sögel, lebt in Berlin. H E L M U T K R AU S , geboren 1969 in Plettenberg, lebt in Berlin. N I N A R E I S I N G E R risographiert in Berlin und wurde 1978 in Frankfurt am Main geboren. J Ü RG E N W I L L I N G HÖ F E R , 1972 in Verl geboren, lebt noch in Berlin.
Mit einer Performance von Bartholomäus Traubeck, einem Beitrag von Christian Naumann sowie Leihgaben von Julian Montague und dem Naumann-Museum in Köthen.
I M PR E S S U M
Es gibt Wildobst-Edeldestillate der Stählemühle zur Entlohnung der Autoren undPflanzung Sorbus im Frühjahr und Herbst 2013 (Mährische Vogelbeere und Speierling): Ein Autorenhain auf einer Ausgleichfläche der Stadt Dessau (in Zusammenarbeit mit der Stadtpflege und der Unteren Naturschutzbehörde) & ein Hain am Seewald bei KorntalMünchingen (in Zusammenarbeit mit dem Landratsamt Ludwigsburg, „Fachbereich Forsten“, sowie mit der Stadt Korntal-Münchingen). Unterstützung des Projektes durch die Akademie Schloss Solitude, die Kunststiftung des Landes Sachsen-Anhalt & die Kloster Bergesche Stiftungen sowie durch die Gastfreundlichkeit des Instituts für Vogelforschung in Wilhelmshaven.
Herausgeber: Ursula Achternkamp, Holger Heubner, Helmut Kraus, Nina Reisinger, Jürgen Willinghöfer Künstlerische Leitung: Ursula Achternkamp Gestaltung: Nina Reisinger und Helmut Kraus Illustrationen: Ursula Achternkamp, Holger Heubner, Helmut Kraus, Nina Reisinger, Jürgen Willinghöfer (u.a. unter freier Verwendung von eingereichtem Bildmaterial der Autoren) Druck: Risographique.com & TerminDruck, Berlin Stuttgart & Berlin im Januar & März 2013 www.philosophische-bauern.de
Johann Andreas Naumann winkt den hochverehrten Besucher durch die Ausstellung „Managing Structural Bird Problems“
WINK D Drossel – Turdus naumanni, Naumanndrossel – nach mir benannt?
WINK A Allgemeine Literatur-Zeitung
Zu viel der Ehre! Nun denn, nicht Ehrgeiz, sondern Menschenliebe und die Absicht, meine Standesgenossen zu unterrichten, haben mich Dienstwilligen zum Schreiben dieser Bücher motiviert. (Philosophischer Bauer, aus der Vorrede, S. VI – IX, passim)
ALLGEMEINEN LITERATUR-ZEITUNG (1799, Nr. 253, 363 – 366): Musste heute den Vorwurf von „gelehrter“ Seite zur Kenntnis nehmen, dass ich den Winterschlaf der Schwalben bestreite. Unglaublich! Wurde schon vor zwei Jahren in Nummero 379 wegen des „Philosophischen Bauern“ abgekanzelt und man riet mir damals dringend, bei meinem Pfluge zu bleiben.
WINK E Essich Sonntag – Lektüretag:
(ALLGEMEINE LITERATUR-ZEITUNG, 1797, Nr. 379, Sp. 529 – 532).
ESSICH, J. G.: Diätisch-medizinische Anleitung zu der Praeservation und Cur der auf dem Lande am meisten vorfallenden Krankheiten. Den auf dem Lande wohnenden Standespersonen; wie auch dem gemeinen Manne gewidmet. Augsburg 1781.
WINK B Biographisches
Hübsche Verse zu den menschlichen Temperamenten: Ich wurde am 3. April 1744 in Ziebigk bei Köthen im heutigen Sachsen-Anhalt in eine Familie von Vollbauern, die man „Anspänner“ nannte, geboren. Nach dem Besuch der Phlegmatici sind das vierte Geschlecht, Volksschule wurde ich 1754 in die 4. Klasse der Städtischen Reformierten Knabenschule Sind feist und grob, vernehmen nicht recht in Köthen aufgenommen, was zu dieser Zeit sicher wohl recht ungewöhnlich für einen Sind dick und kurz, und sich üben nicht, Bauernjungen war. Bereits 1758 musste ich vorzeitig die Schule aber leider verlassen, um Langsam und faul, zum Schlafen gericht. nach dem allzu frühen Tod meines Vaters zusammen mit meiner Mutter das elterliche Gut zu betreiben. Neben Ackerbau und Hauswirthschaft gehörte seit jeher Vogelfang Das übernehm ich ohne den Essich zu nennen. Macht der Guttenberg doch auch so. und Jagd zum Bestreiten des Lebensunterhalts unserer Familie. Ebenso wie WINK F meine Geschwister wurde Feuer, philosophisches ich von Kindheit an zu Naturbeobachtung und „Einige recommendieren 00 VON LOTHAR SPATH A–H Jagd angeleitet (THOMSEN das reine Gold [...]. Einige wollen zu dieser Ausu. STRESEMANN 1957, 28 – 30). Nach dem Verlassen der höheren Schule machte ich weitere Anstrengungen, um meiarbeitung ein gemeines Feuer haben, andere schreiben, es muß ein philosophisch Feuer ne Bildung zu verbessern. Meine guten Freunde und gewesene Mitschüler, die jetzt seyn. Aber das philosophische Feuer, und den Mercurium Philosophorum zu bereiten, studierten, gaben mir den Rath, gute Bücher zu lesen, so würde mir diese Arbeit weit verschweigen sie sehr sorgfältig, oder beschreiben es nur in Parabeln, denn sie sagen, es leichter von statten gehen, und nun wurden die Sonntage nach dem Gottesdienst und ist ein Geheimnis das Gott seine Hand darüber hält, wem er es gönnen will, dem wird die langen Winterabende meine Studierstunden. Ich machte mir das Merkwürdigste er auch seinen Verstand erleuchten, daß er unsere Rätzel und Parabeln verstehet, und aus der Mathematik, Physik, und Chemie bekannt, schaffte Instrumente an, machte wer es nicht findet, der ist dieses großen Glücks nicht würdig.“ Versuche, und kam endlich dahin, daß ich mir mein Hausgeräth, Jagdzeug, Schießge(Philosophischer Bauer, S. 93 – 94) wehr und andre nützliche Dinge selbst verfertigte. (NAUMANN 1822, XVII). In der Folgezeit fertigte ich Aufzeichnungen über Aussaat, Ernte und Jagdstrecke. Vor allem aber der Vogelfang reizte meine Neugier und der Mangel an geeigneter Fachliteratur ließ WINK G mich seit Beginn der 1770er Jahr damit beginnen, intensive Aufzeichnungen über meiGralssuche: Mal so, Mal so ne Beobachtungen und die dabei wahrgenommenen Widersprüche zu den konsultieren Autoritäten der Naturgeschichtsforschung zu machen. Weil ich vorher einige Werke Bauer (1791) über die Naturgeschichte der Vögel gelesen, und gefunden, daß hie und da Dunkelheit Es träumte mir...auf der Suche nach derjeningen Universalquelle, wo man das rechte Leund Irrungen darin herrschten, es hauptsächlich aber an Erfahrung mangelte, so glaubbenswasser schöpfen könne, daraus der Stein der Weisen gemacht würde, irrte ich durch te ich, daß mein Werk wol nicht überflueßig seyn wuerde (NAUMANN 1822, XX). Vereinen tiefen Wald und wurde endlich einer Hütte gewahr. Sie war bewohnt von einem traut war ich mit folgenden Werken: L. Frisch: „Vorstellung der Vögel in Teutschland“ Einsiedler, der mir den rechten Weg bergauf wies. Schon hörte ich oben den Schrei des (Berlin 1733 – 1763) (THOMSEN u. STRESEMANN 1957, 36), J. T. Klein: „Verbesserte Historie der Hahns, der die Quelle hütet, und ich wollte eilen, stieß aber meine gläserne Retorte an Vögel“ (Danzig 1760), G. L. L. de Buffon: „Naturgeschichte der Vögel“ (Berlin 1772ff.), einen Stein und zerbrach sie... J. M. Bechstein: „Gemeinnützige Naturgeschichte Deutschlands“ (Leipzig 1789ff.) Ritter (1792) (THOMSEN u. STRESEMANN 1957, 40). Und im folgenden Jahr macht sich auch dieser Heinrich von Ofterdingen nach einem WINK C Traum auf die Suche nach dem verborgenen Schlüssel zu universaler Erkenntnis. Spricht Chiromantik dauernd von einer blauen Blume. Der Einsiedler weist ihm den Weg auf den Berg und Heinrich findet am Rand einer Quelle, sie, die blaue Blume, die ihm umgehend den Wie ich mir im 18. Jahrhundert als ein Mensch mit geringer Schulbildung die natürliEintritt in das Innerste aller Naturreiche verschafft. chen Erscheinungen meiner bäuerlichen Umwelt verständlich zu machen versuchte? Ist das nicht ungerecht? Jenseits der ritualisierten Alltagskommunikation las ich zeitgenössische naturkundliche Quellen: Traumsequenz im Philosophischen Bauern, S. 98 – 100. NOVALIS [FRIEDRICH VON HARDENLiteratur und die Autoritäten der Naturlehre und gab meine Einbindung in die geisBERG]: Heinrich von Ofterdingen. Ein Roman. Stuttgart, 2008; Erstausgabe 1802 posthum veröffentlicht. tigen Strömungen der Zeit wieder. In der unübersehbaren Vielzahl unterschiedlicher Erklärungsversuche des Lebendigen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts blieb mein ganzheitliches Denken geprägt von dem Glauben an die Lenkung des irdischen WINK H Geschehens durch eine kosmische Kraft, die ich, der Chiromantik der Zeit folgend, in Hermes der Metapher der „philosophischen Hand“ für Vorgänge und Entitäten verantwortlich machte, für die es keine Bezeichnung gab. Ein klare Grenze zwischen Lebewesen und „...es heißet daher die hermetische Philosophie, denn ohne Philosophie würde ein AlDingen existierte für mich in diesem Universum nicht. Abweichende Theorien, beichymist nur ein blinder Componist seyn. Hermes soll der erste gewesen seyn, der davon spielsweise im Cartesianismus, lehnte ich ab. geschrieben hat...“
PHILOSOPHISCHES BAUERNALPHABET
(Philosophischer Bauer, S. 104)
Aber wieso nur ich? Adam Smith hatte doch schon 1776 die „invisible hand“ für die Wirtschaft reklamiert, zur Herstellung eines allgemeinen Gleichgewichts in der Verteilung von Ressourcen. Und Schiller sah sie in seinem sensationellen Bestseller „Der Geisterseher“ zehn Jahre später gleich auf mehreren Ebenen walten, und auch als Zutat für „römischjesuitisch cosmopolitische Zauberträncke“ im Kampf gegen die Aufklärung. Sein Freund Goethe musste milden Tadel dafür einstecken, dass er die Gestaltung der „geheimen Führung“, „das Bedeutende dieser Maschinerie“ in seinem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ nicht nahe genug an den Leser gebracht hätte.
Die Grundfesten der Alchemie wurden erst in den 1780er Jahren erschüttert, nachdem die These, dass die Vielfalt der chemischen Phänomene auf die Existenz einer geheimnisvollen Substanz namens Phogiston zurückzuführen sei, vor allem durch A. L. de Lavoisier (1743 – 1794) widerlegt worden war, der die Atmung 1777 als einen Verbrennungsvorgang erkannt hatte und experimentell nachwies, dass sich die Luft in bestimmte Bestandteile zerlegen lässt. Die herkömmliche Grundannahme der Architektur der vier Elemente war damit zerstört.
(Zitate zur Chiromantik im 18. Jhd. aus: R. KLAUSNITZER, 2008: Literatur und Wissen. Berlin, hier S. 320,
(JAHN 2000, 466 ; STOLLBERG-RILINGER 2000, 189f.)
346, 358, 376f.)
WINK I Irrgäste
nicht mit Meisterstücken vergleichen“4. Geschrieben hat sie „dein schlechtester Knecht, ein armer Bauer“5.
Werden vom Volke als böses Omen für nachfolgende „außerordentlich naße, kalte oder duerre Witterung, Unfruchtbarkeit, Theuerung, Hungersnoth und Krankheiten“ gesehen.
Platzt ja nicht gerade vor Selbstbewusstsein, meine philosophische Bauernschaft, wenn man das so liest. Kommen halt alle aus dem gleichen Stall – feine Contradicenten für die Stuben- und Modegelehrten!
Quelle: J. A. NAUMANN, 1789: Der Vogelsteller oder die Kunst allerley Arten von Vögeln sowohl ohne als auch auf dem Vogelheerd bequem und in Menge zu fangen nebst den dahin gehörigen Kupfern und einer Naturge-
1
J. A. Naumann, Zitat in: Philosophischer Bauer, S. IV
schichte der bekannten und neuentdeckten Vögeln. Leipzig (Reprint Berlin 1982), S. 16
2
Ders., Zitat in: Philosophischer Bauer, S. VI
3
Ulrich Bräker, Zitat in: BRÄKER 1965, S. 9
4
Isaak Mauss, Zitat in: MONATH 1979, S. 43
5
Hinrich Janßen, Zitat in: ALBERTSEN 1966, S. 95
WINK J Journal of Ornithology Hmmh, hieß früher mal „Naumannia“. Na ja, ist heute ja aber auch alles auf Englisch! WINK K Kreaturen „Ja sogar unter denen, die da Diener der Natur seyn wollen, giebt es einige, ja ich möchte sagen viele, die nicht wissen, was die Natur ist. Sie betrachten die lebendigen Kreaturen als eine Maschine, und wollen dieselbe mit Gewalt maschinenmäßig curiren, ohne die Triebfeder zu kenne, die diese Maschine treibet [...] Aber ein kluger Arzt, der Natur kennet, wird sich genau nach ihren Wirkungen richten, und die Unreinigkeiten so auszuführen suchen, wie ihm die Natur den Weg zeiget.“ (Philosophischer Bauer, S. 69 – 70) WINK L Lustgarten
Mit den Dichtern Isaak Mauss und Hinrich Janßen verbinden Naumann biographische Parallelen: alle mussten früh die Schule abbrechen und auf die elterlichen Höfe zurückkehren. Naumann und Mauss nach dem Tod ihrer Väter, Janßen nach katastrophalen Deichbrüchen in seiner Heimat (MONATH 1979, 13; ALBERTSEN 1966, 90). In ihren autobiographischen Äußerungen schwingt stets ein Element der Trauer über diesen Bruch in ihrem Leben mit. Auch der Dichter Ulrich Bräker, der Astronom und Mathematiker J. Ludewig und der Mathematiker Peter Anich zählen zu den „philosophischen Bauern“ des 18. Jahrhunderts. (Eigene Zusammenstellung)
WINK Q Quacksalber
PHILOSOPHISCHES BAUERNALPHABET
00 VON LOTHAR SPATH I–U „Wenn du Lust ha[s]t in dem schönen Lustgarten Quacksalbern hat, als zu einem rechtschaffenen Medicus.“ der Alchymie zu arbeiten, so mußt du vorher die Naturkunde wohl studiret haben, so daß du alles, was du anfängst, nach den Gesetzen der Natur arbeitest, denn außer die(Philosophischer Bauer, S. 73) sem wirst du in solche gefährliche und finstere Irrgänge gerathen, da deine Lebenslänge viel zu kurz seyn wird, dich völlig wieder daraus zu entwicklen.“ (Philosophischer Bauer, S. 97) WINK R Rötelfalke, Falco naumanni WINK M Menschen „Ein Mensch der gar zu complaisant und obligant thut, ist selten aufrichtig.“
„...ich weiß aus der Erfahrung, daß der gemeine Pöbel mehrentheils mehr Zutrauen zu einem Hirten, oder Landstreicher, Arzneyverkäufer, Marktschreyer und anderen
Hat man diesen nützlichen Vogel also nun nach uns benannt! Damals waren Raubvögel wegen des angeblichen Jagdschadens ja verabscheuungswürdige Geschöpfe. Saatkrähen hat man wohl gehegt, als Vertilger von Öl- und Maikäfern, Raupen, Engerlingen, Feldmäusen. Aber auch der Rötelfalke lebt von Insekten, auch wohl von Spinnen und Skorpionen. (Zum Vogelschutz im 18. Jhd.: WENZEL 1983, S. 10f)
„Die stets voll Complimenten stecken, Halt ich meist vor falsche Gecken.“
(Zur Nahrung des Rötelfalken: BERNHAUER 1989, 765ff.)
(Philosophischer Bauer, S. 87 – 88)
WINK N Naumann-Periode Hat er sie getauft, die Zeit unseres Wirkens, der Stresemann, in seiner Geschichte der Ornithologie. Wegen der „Fülle ökologischer Fakten“ die wir „zum Vogel als Glied in der Biozönose“ gesammelt hätten. Wie die reden! Na ja, wenn selbst der berühmte Alfred Newton in der „Nature“ meinte „Words fail me to express the delight with which I looked into one volume after another of this huge store of information“ und Kollege Henry Seebohm klagte „Had his work only been translated into English, half the nonsense that subsequent ornithologists have written on birds would never have appeared“, waren wir vielleicht doch not so bad! Meinen die Bilderbücher von meinem Sohn. Hat der aber unter meinem Namen veröffentlicht! Quellen: STRESEMANN 1951, 304, NEWTON 1905, 37), SEEBOHM 1885, XII
WINK O Ornithologie, ohngefähr Nestor haben sie mich genannt, der Ornithologie, Ob sie hierinnen Recht haben, überlass ich deiner Meinung, Doch! Gearbeitet habe ich viel, auch in der Alchymie, Mit Hermes Regel erforscht, durch Versuch und Beobachtung. Das so aufgesteckte Licht, war es meine – Aufklärung? WINK P philosophische Bauern, Selbstbeschimpfung „Töricht“1 sind wir und „vielleicht... der...verachtetste Stand“2 und wenn ich „aus meinen Papieren, von denen ich viele mit Ekel ansehe“3 rezipiere, dann kann ich „meine Sachen
WINK S Studieren Sitze gerade über der der Lebensgeschichte von Peter Anich...von einem anonymen Auctor verfasset. Hmm, hmm, interessant. War ebenfalls ein Bauersmann und dabei Mathematiker und auch ein kunstfertiger Autodidakt, als welcher er die hohen Herren wohl beeindrucket hat. Wie er doch im Recht ist, wenn er es so sagt: „Eine sorgfäl[t]ige Achthabung, und unparteyische Einrichtung der Schulen könnte vielen untauglichen bürgerlichen, und auch adelichen Zuhörern den akademischen Hörsaal sperren, und herentwegen den witzigen Köpfen des Pöbels den Zugang öffnen. Viele führen den Pflug auf dem Felde, die dem Lande einen weit größeren Nutzen mit ihrem Studieren würden geschaffet haben, als viele andere, die wirklich die Feder führen“ (BÖNING 1992, 280).
WINK T Taube, gebraten „Es kommt Niemanden eine gebratene Taube in das Maul(,) geflogen, man mag es aufsperren wie man will. Sondern man muß sich dieselbe erst fangen, rupfen und braten. Ich habe dieses auch erfahren und ist mir manchmal sauer genug geworden, ohne Lehrmeister hier und da einige Wissenschaften zusammen zu suchen.“ (Philosophischer Bauer, S. 105f.)
WINK U Universalis, prima Materia „Und was würde da nicht für ein vewirrter Zustand in der Welt werden, wenn die Kunst aller Künste, den Lapis Philosophorum zu machen, sollte allgemein werden, und deswegen hat vielleicht der weise Schöpfer dieses Geheimnis so tief in der Natur verborgen, und die Menschen mit Blindheit geschlagen, daß sie mit sehenden Augen die wahre prima Materia Universalis nicht sehen können, sondern darüber weglaufen, dieselbe mit den Füßen treten, auch nicht einmal gewahr werden, daß sie dieselbe selbst bey sich führen.“ (Philosophischer Bauer, S. 95)
WINK V Vogelstellen
DI E L I T E R AT U R Z U M „ PH I L O S O PH I S C H E N B AU E R N “ Vorlage für die Quelle „Philosophischer Bauer“:
„Fische fangen und Vogel stellen, verderbet manchen guten Gesellen“
NAUMANN, J. A., 1791: Der Philosophische Bauer oder Anleitung, die Natur durch Beobachtung und Versuche zu erforschen. Leizpig. Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek München. Signatur Phys. g. 317. http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10131665-3 (letzter Zugriff 13.1.2013)
Das schreibt der Mayer 1776 in seinem fiktiven Musterbuch „Maximen im Lebenslauf eines Bauern“. Ist selber gar kein Bauer, schreibt aber sogar „Ich hasse den Lehrer, der die Sprache der Bauern nicht redet...“! Wohlan, ich bin ein Bauer und „ich liebte die Einsamkeit, und hatte niemals Wohlgefallen an Umgang, wenn es nicht mit einem erfahrenen Vogelsteller, Jäger oder Künstler war.“ (Zitate von Mayer in: MAYER 1998 [Erstaufl. 1776], S. 132 u. S. 256.) (Zitat von Naumann in: THOMSEN u. STRESEMANN 1957, S. 25.)
WINK W Wissenschaften „...ein Künstler bringet gemeiniglich seine besten Jugendjahre mit lernen zu, und wenn er glaubt einen guten Grund gelegt zu haben, um nunmehr etwas nützliches auszurichten, so ist er alt und verdrüßlich, und zum scharfen Nachdenken untüchtig, deswegen ist es immer gut, wenn ein solcher seine gesammelten Wissenschaften schriftlich hinterläßt“. (Philosophischer Bauer, S. 105)
WINK X/Y X/Y – un(er)löst, Aktenzeichen
Konkordanz der verwendeten Zitate und Quellen: ALBERTSEN, L. L., 1966: Der poetische Bauer Hinrich Janßen aus Butjadingen. In: Oldenburger Jahrbuch, Bd. 65, 89-107. (Wink P) ALLGEMEINE LITERATUR-ZEITUNG 1797, Nr. 379, Sp. 529-532. (Wink A) ALLGEMEINE LITERATUR-ZEITUNG 1799, Nr. 253, 363-366. (Wink A) BERNHAUER, W., 1989: Falco naumanni – Rötelfalke. In: U. G. von Blotzheim (Hrsg.), Handbuch der Vögel Mitteleuropas, Bd. 4 (2. Auflage): Falconiformes, 743-767. Wiesbaden. (Wink R) BÖNING, H., 1992: Nachwort. In: H. Böning u. R. Siegert (Hrsg.), Volksaufklärung Ausgewählte Schriften, Bd. 3, 253-282. Stuttgart-Bad Cannstatt. (Wink S) BRÄKER, U., 1965: Lebensgeschichte und natürliche Ebenteuer des Armen Mannes im Tockenburg. Stuttgart. Erstauflage 1789. (Wink P) ESSICH, J. G., 1781: Diätisch-medizinische Anleitung zu der Praeservation und Cur der auf dem Lande am meisten vorfallenden Krankheiten. Den auf dem Lande wohnenden Standespersonen; wie auch dem gemeinen Manne gewidmet. Augsburg. (Wink E) JAHN, I. (Hrsg.), 2000: Geschichte der Biologie (3. Auflage). Heidelberg, Berlin. (Wink H) KLAUSNITZER, R., 2008: Literatur und Wissen. Berlin. (Wink C) MAYER, J. F., 1998: Maximen in dem Lebenslaufe eines Bauern. Stuttgart-Bad Cannstatt. Erstauflage 1776. (Wink V) MONATH, K., 1979: Isaak Maus (1748-1833). Leben und Werk eines deutschen Bauerndichters. Bad Kreuznach. (Wink P) NAUMANN, J. A., 1982: Der Vogelsteller oder die Kunst allerley Arten von Vögeln sowohl ohne als auch auf dem Vogelheerd bequem und in Menge zu fangen nebst den dahin gehörigen Kupfern und einer Naturgeschichte der bekannten und neuentdeckten Vögel. Leipzig. Erstauflage 1789. (Wink I) NAUMANN, J. F., 1822: Naturgeschichte der Vögel Deutschlands, Bd. 1. Leipzig. (Wink B) NEWTON, A., 1905: The Naumann festival at Cöthen. In: Nature, Bd. 72 (No. 1854), 36-37. (Wink N) NOVALIS [FRIEDRICH VON HARDENBERG], 2008: Heinrich von Ofterdingen. Ein Roman. Stuttgart. Erstauflage 1802. (Wink G) SEEBOHM, H., 1885: A history of British birds, Bd. 3. London. (Wink N) STOLLBERG-RILINGER, B., 2000: Europa im Jahrhundert der Aufklärung. Stuttgart. (Wink H) STRESEMANN, E., 1951: Die Entwicklung der Ornithologie. Von Aristoteles bis zur Gegenwart. Berlin. (Wink N) THOMSEN, P., u. STRESEMANN, E., 1957: Johann Friedrich Naumann. Sein Leben und seine Werke. Leipzig. (Wink B) WENZEL, W., 1983: Die Jagd der Naumanns in Ziebigk vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit und ihrer sozialen Stellung. Blätter aus dem Naumann-Museum 7. Köthen. (Wink R)
PHILOSOPHISCHES BAUERNALPHABET
„...mancher kluge Ackermann [wird] vielleicht die 00 VON LOTHAR SPATH Nase rümpfen, weil er mit seinen nach der Mode erlernten blinden Wissenschaften sich klüger dünket als der weise König Salomo. Jedoch mein Freund laß diesen Blinden in seiner Finsterniß herumtappen, stößet er sich an den Kopf, so ist die Schuld sein eigen.“ – Leider kein Einzelfall! (Zitat: Philosophischer Bauer, S. 39)
V–Z
WINK Z Zugvogel „Der Vogelzug ist wie eine Armee Soldaten zu betrachten, wo erstlich der Vortrab kommt, hernach die Hauptarmee, nachgehens der Nachzug, die Bagage und Marodeurs. Und eben so fangen die Zugvögel erstlich an einzeln zu ziehen, alsdenn kommt der Hauptzug, und zuletzt der Nachzug, wieder einzeln, wo endlich die Krüppel und einige, die Unglück auf ihrer Reise gehabt haben, das Ende beschließen.“ (Philosophischer Bauer, S. 60f.)
L O T H A R S PAT H Geboren 28. Mai 1955 in Beckingen an der Saar; Dipl.-Bibliothekar, Studium 1981-84 in Hamburg. Seitdem Leiter der Bibliotheken des Instituts für Vogelforschung und des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung, beide in Wilhelmshaven. Interesse an Natur und Kultur, v. a. Ornithologie, Geschichte, Literatur und veredelten Kulturpflanzen, z.B. Wein.
The Astronauts Videostill, Moon Goose Colony
The Astronauts at the age of 11 days, born May 11-12th 2011
LUNAR BIKE Astronaut Training Method No. VII Videostill, Moon Goose Colony
MOBILE MOON Astronaut Training Method No. V Videostill, Moon Goose Colony
SPACE SUIT TESTING Astronaut Training Method No. XIII Videostill, Moon Goose Colony
ANALOGUE TRAINING Astronaut Training Method No. XVI Videostill, Moon Goose Colony
ON THE OBSERVATION OF MOON GEESE 01
BY AGNES MEYER-BRANDIS
A
poetic-scientific investigation on the migration behaviour of moon geese by Agnes Meyer-Brandis, director of the Researchraft for Art and Subjective Science
In 2011, Agnes Meyer-Brandis started a bio-poetic and long term experiment at Pollinaria, an ecological farm in Abruzzo, Italy. The idea was to imprint and raise ’moon geese’, a mythic migration bird that travels between Earth and Moon. In exchange with a group of ornithologists and geese breeders, it was decided to base the project on the heritage of another endangered species: the roman goose, attempting to support the survival of both: the fictitious and the real bird. What happened to moon geese in the 21st century? Does this very special species still exist? Do they still know about their moon migration pattern or have they been stranded? The experiment and longterm study “MOON GOOSE ANALOGUE: Lunar Migration Bird Facility” is based on Francis Godwin’s book The Man in the Moone, written in 1603, in which the protagonist flies to the Moon in a chariot towed by ‘moon geese’. Meyer-Brandis has actualised this concept by raising eleven moon geese from birth within her project Moon Goose Colony, giving them astronauts’ names1, imprinting2 them on herself as goose-mother, training them to fly and taking them on expeditions. They live in a remote Moon analogue operated from a control room within the gallery. The experiment started in February 2011 with open end.
1 Neil, Svetlana, Gonzales, Valentina, Friede, Juri, Buzz, Kaguya-Anousheh, Irena, Rakesh, Konstantin-Hermann 2 Imprinting: describes a psychological and behavioural process, that happends through direct contact in the first phase of a young animals life. Imprinted animals accept the imprinters as their parents.
AG N E S M E Y E R- B R A N DI S Agnes Meyer-Brandis, geb. 1973 in Aachen, lebt und arbeitet in Berlin. Nach dem anfänglichem Studium der Mineralogie an der RWTH Aachen, wechselte sie zur Bildhauerei; Studium an der Kunstakademie Düsseldorf und Kunsthochschule für Medien Köln, KHM. Ihre Arbeit, in internationalen Ausstellungen und Festivals präsent und
THE MOON GOOSE ANALOGUE: Lunar Migration Bird Facility was commissioned by The Arts Catalyst and FACT In partnership with: Pollinaria, Italy Supported by: Arts Council England Grants for the Arts “Moon Goose Colony, P1” is a Pollinaria project by Agnes Meyer-Brandis, 2011 Further information: www.ffur.de/mga ausgezeichnet, beschreibt eine Wanderung an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft, Fakt und Fiktion - eine künstlerische Wirklichkeitsforschung, auf der Suche nach dem Realitätsgrad von Konstruktionen der uns umgebenden Welt und Materie. Im Rahmen eines Forschungsfluges in Kooperation mit dem DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt) realisierte Agnes Meyer-Brandis im Jahr 2007 ein künstlerisches Experiment und Performance in Schwerelosigkeit. Seit 2011 züchtet sie Mondgänse.
MONASTIC SQUAT FOR CASTIGATED MONKS AND PUNK NATURALISTS 02
BY ALAN WORN
A L A N WO R N Statement
M
y work investigates issues of reference and communicability in architecture. Whether drawn, modelled or built, I am intrigued by architecture that contributes to thinking beyond itself – revealing a story or ideas that may enlighten or provoke.
2009
Tectonic and constructional strategies are particularly important to me as moments where relationships and hierarchies are made clearest – where the rigour of the architectural statement or thought is most apparent. Craft and decoration intrigue me as important forms of discovery, expression and communication. I am currently researching spatial perception as a resident fellow of the Akademie Schloss Solitude, Stuttgart. www.alanworn.com
TURKEY’S BIRD SUPER-HIGHWAY 03
I
BY ALEXANDER CHRISTIE-MILLER
t may mark the borders of four different countries, but the Aras River still feels like the middle of nowhere.
Rising near the eastern Turkish city of Erzurum, it runs through Iğdır province, then along the country’s border with Armenia, which has been closed since 1993. Further on, it divides Turkey and Iran from Naxçivan– an autonomous exclave of Azerbajian.
Where the Aras passes through Iğdır, boys stand on the fringes of marshes selling leeches to the odd passing motorist. The hills nearby are barren cones of earth, like spoil heaps of a vast mining enterprise. But, when you look up, the skies are a superhighway. Each spring and autumn millions of birds stop off or nest in the region, making it a vital hub in a migration route spanning Africa, Europe, and Asia. The Aras is also the site of one of Turkey’s few bird ringing stations. Ecologists catch, ring, and release thousands of birds a year in the hope that the data they gather could help save this ecologically rich region from the imminent threat of development. Last year, Turkey’s government initiated a plan for a new irrigation dam that will entirely flood the marshes. With a booming population and a GDP that expanded 8.5 % last year, the country is faced with the question of how to balance economic development with wildlife conservation. The government’s answer has been to loosen environmental safeguards on a swath of formerly protected land to ease the way for a massive infrastructure program.
T
he charity hopes the information it gathers will help strengthen the case for the wetlands’ protection. Now, however, they fear that the dam project has come too soon.
The marshes cover a tiny area of no more than 10 km², but support a huge diversity of bird life. Since opening the station, KuzeyDoğa has recorded 242 species here and ringed 162. The volunteers working here may be the rarest breed of all. In Turkey, people are generally indifferent to the significant threats facing the country’s environment. In a survey carried out in 2010, only 1.3 % of respondents viewed environmental issues as a serious concern. Meanwhile, only around 50 fulltime professionals are employed by the country’s conservation NGOs. But Turkey’s environment is in trouble. In February, Turkey was ranked 121st out of 134 countries for biodiversity and habitat preservation in an annual index compiled by Yale University in the United States. Those working at the Aras ringing station are mainly biology students from Istanbul, Izmir and Ankara, or from nearby Kafkas University in Kars. Others have been drawn from as far afield as Kenya. Many have a sense of what the evolutionary biologist Edward O. Wilson called ‘biophilia’: the innate human fascination with other living entities and systems. Ringing the birds is a way of seeing them up close and at the same time gathering data that will help safeguard their survival. (A version of this article was first published at mashallahnews.com)
Turkey’s government has long harboured a penchant for grand engineering projects. Its current plans include a target to harness Turkey’s entire hydroelectric potential by 2023, creating a total of 4,000 dams and power plants on the country’s rivers. Environmentalists fear that such a scheme could exact a devastating toll on the country’s wildlife. Two years ago, the government changed an environmental law, meaning riparian marshes like those on the Aras are no longer considered wetlands, making them harder to protect. In 2006, the wildlife charity KuzeyDoğa opened its bird ringing station on the Aras marshes near the village of Çığrıklı. Two years later, it began lobbying the government to grant protected status to the marshes.
A L E X A N DE R C H R I S T I E - M I L L E R I am a freelance journalist, writer and photographer, based in Istanbul since 2010. I am Turkey correspondent for the Times of London and also for the Christian Science Monitor and Eurasianet.org. My work has also been published in The Atlantic, Der Spiegel, The Middle East Report and Vice. I have a particular interest in nature and the environment. Words and photographs about Turkey, nature and literature: http://turkeyetc.wordpress.com/about/
Der Mensch will zum dritten und zum fünften Kranich werden, wenn man das Bild aufgreift, dass ein Kranich sich nur selber beim Fliegen beobachten kann, wenn er einen dritten Kranich erfindet, der den zweiten beim Fliegen beobachtet.
VOM NUTZEN UNGELÖSTER PROBLEME 04
VON ALEXANDER KLUGE
„Ich bin und bleibe in erster Linie ein Buchautor, auch wenn ich Filme hergestellt habe oder Fernsehmagazine. Das liegt daran, daß Bücher Geduld haben und warten können, da das Wort die einzige Aufbewahrungsform menschlicher Erfahrung darstellt, die von der Zeit unabhängig ist und nicht in den Lebensläufen einzelner Menschen eingekerkert bleibt. Die Bücher sind ein großzügiges Medium und ich trauere noch heute, wenn ich daran denke, daß die Bibliothek in Alexandria verbrannte. Ich fühle in mir eine spontane Lust, die Bücher neu zu schreiben, die damals untergingen.“
A L E X A N DE R K L UG E wurde am 14. Februar 1932 in Halberstadt geboren. Er studierte in Marburg und Frankfurt/Main Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik. Nach seiner Zulassung als Rechtsanwalt absolvierte er ein Volontariat bei dem Filmregisseur Fritz Lang und betätigte sich mit Erfolg als Filmemacher und literarischer Autor. Er erhielt zahlreiche Preise, unter anderem den Deutschen Filmpreis 2008 (Ehrenpreis). In der filmedition suhrkamp erschien zuletzt Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital.
A L E X A N DE R K L UG E (Dankesrede zum Heinrich-Böll-Preis, 1993)
Zitiert aus: Dirk Baecker, Alexander Kluge: Vom Nutzen ungelöster Probleme. Merve Verlag, Berlin 2003, S. 97
U
nendliche Weiten, Wasserperlen glitzern wie Diamanten, tosender Wind. Das ist es also, das Wattenmeer. Wir sind auf dem Weg zur Vogelwarte auf Scharhörn, um von Vögeln das wahre Leben zu lernen.
Der schönste Ort der Welt, raunt meine Sitznachbarin, die sich später als Babsi und ebenfalls Teilnehmerin des Wochenendseminars „Das Geheimnis der Vögel – Evolution statt Strategie“ entpuppt. Das Geschaukel der Kutsche, der Gestank der Pferde und die feuchten, moderig muffigen Decken lassen bei mir Zweifel am schönsten Ort der Welt aufkommen.
bei unserer Expansion nach Osten, prahlt er. Die läuft hervorragend – wir suchen uns auch den Transporteur mit den besten Konditionen aus, um die Waren nach Fernost zu transportieren, mal geht es dann über Afrika, mal auf direktem Weg nach China. Dieter strahlt überlegen und schaut Heike fordernd an. Heike kontert gelassen, Wissenschaftler haben Kreuzungsversuche mit Mönchsgrasmücken durchgeführt. Diese Vogelart gehört zu den Teilziehern, manche Tiere ziehen sehr weit, andere hingegen legen nur kurze Strecken zurück. Andere wiederum ziehen gar nicht. Mit der Wahl ihrer Flugroute verhält es sich ähnlich. Einige Tiere fliegen über Gibraltar nach Afrika, andere über Zypern und wiederum andere über Israel. Es ist Forschern sogar gelungen, Vögeln eine neue Flugroute anzuzüchten: den Südziehern. Die Flugroute ist demnach eindeutig angeboren und wird von den Eltern weitervererbt.
Inzwischen steigt das Wasser fast bis zu den Sitzen. Unbeeindruckt fährt unser Kutscher mit seinem begeisterten Monolog über das UNESCO-Weltkulturerbe, die überaus aktiven Wattbewohner und die über 10.000 Arten von Pflanzen, Einzellern, Pilzen und Tieren fort. Man müsse nur nah genug herangehen, um in die Welt der unterschiedlichsten Mikrohabitate von Krebsen, Muscheln, Schnecken und Würmern einzutauchen. Mir reicht die Nähe bereits von der Kutsche aus.
Solltest Du, Dieter, demnach offensichtlich Glück gehabt haben, dass deine Eltern dir so gute Gene vermacht haben? fragt Gerlinde spitz. Ansonsten würde das Geschäft ja wohl nicht so gut laufen, stellt sie mit einem breiten Grinsen in die Runde fest.
Gerlinde stellt sich vor, Projektmanagerin aus Bochum, auch sie auf dem Weg zur Selbsterkenntnis in die Vogelwarte, doch schon mit sehr klaren Vorstellungen: Was wir Menschen uns langwierig erarbeiten, wofür wir studieren, recherchieren, Seminare besuchen und Fachliteratur wälzen, das macht uns doch die Natur vor, ist sie überzeugt. In Millionen von Jahren sind Überlebens- und Erfolgsstrategien entwickelt, durchgeführt, verworfen und schließlich perfektioniert worden und nun wir hier!
Zugvögel sind viel weniger strategisch als wir glauben, führt Heike weiter aus. Ihre Evolution hat sich über viele Jahre entwickelt und setzt sich bis heute fort. Die Arten passen sich ihrer Umwelt und den veränderten Bedingungen an. Ihr inneres Navigationssystem ist der angeborene Magnetsinn. Dieses Sinnesorgan ist wahrscheinlich ein Lichtrezeptor in den Nervenzellen der Augen, ein Protein namens Crytochrom. Es funktioniert wie ein Kompass, wenn die Vögel durch das Magnetfeld der Erde fliegen.
Ein Mittvierziger dreht sich zu uns um und bemerkt: Trostlose Kraterlandschaft dieses Wattenmeer. Dieter, erfolgreicher Jungunternehmer aus Nürtingen, scheint daneben lediglich die Sorge um sein iPad zu belasten – auch er auf dem Weg zum Seminar.
TSCHIRP
– DIE NATUR PLANT NICHT. WARUM PLANEN SIE? –
Wahnsinnig interessant, kreischt Gerlinde. Das muss man doch alles viel systematischer nutzen können.
Betrachten wir zuletzt noch das Phänomen der V-Formation. Heike lässt sich in 05 VON C. BONATI, K. LIENEMANN, O. ABBÉ & A. KÜHNEN ihrem Vortrag nicht beirren. Der Knutt Behäbig schieben sich die vier Wattwagen z.B. zieht in riesigen Schwärmen, die aus durch das Watt. Eher Bonanza als ein Spitzentreffen vielversprechender Manager. Und mehreren zehntausend Vögeln bestehen können. Das Leben im Schwarm hat Vorteile so fährt sie durch das Watt, die Hoffnung auf die ultimative Gebrauchsanweisung durch – insbesondere bei der gemeinsamen Futtersuche während der Rast im Wattenmeer. die Natur. Die Hilfestellung auf dem Weg zur erfolgreichen Positionierung im VerdränDabei nehmen die Vögel bis zu 80% ihres Körpergewichts zu. Außerdem bringt der gungswettbewerb der oberen Führungsetagen. Flug in V-Formation bei manchen Arten Energieeinsparungen von bis zu 70%. Auf der Insel angekommen eröffnet Heike, Seminarleiterin im bunten Poncho: Unser Seminar befasst sich mit der ganzheitlichen und nachhaltigen Lebensgestaltung durch den individuell-optimalen Umgang mit der Natur. Tagtäglich erlebt man doch, wie in einer immer komplexer werdenden Arbeitswelt Pläne nicht mehr up to date sind und der Aufwand, sie zu aktualisieren erdrückend viel Zeit verschlingt. Was nützen Pläne, die keiner kennt und umsetzt. Strategien, Planung, Korrekturen von Plänen und dessen aufwendige Kommunikation verursachen enorme Kosten. Von der Natur können wir lernen, effizienter zu sein. Sie ist inflationär innovativ. Im Gegensatz zu uns setzt die Natur seit jeher auf Vielfalt und investiert – für uns fast schon verschwenderisch – in Neues. Die Natur reagiert und adaptiert. Zum Fazit bäumt sich Heike vor uns auf, erhebt ihre Stimme und fordert nicht ohne Pathos: Akzeptieren Sie das Chaos! Gezielt lässt sie die Provokation im Raum nachzittern. Chaos? empört sich Dieter. In der Natur findet man doch unendlich viele erfolgreiche Strategien, die das Überleben von Arten sichern. Man muss sich doch nur einmal die Zugvögel ansehen, die tausende von Kilometern zurücklegen, um dem Winter zu entfliehen. Ich kann darin kein Chaos erkennen. Er schaut sich um und sucht Unterstützung. Survival of the fittest, attestiert Gerlinde auf sächsisch. Sie hat mal gelesen, dass es auch Arten gibt, bei denen die Vögel ganz unterschiedliche Routen fliegen. Woher kennt denn der Vogel eigentlich „seine“ Route? Sag‘ ich doch, reine Überlebensstrategie. Dieter ist aufgebracht und fährt fort: Die Vögel suchen sich den besten Weg, um schnell an ihr Ziel zu gelangen. Das ist genau wie
Das Seminar ist vorbei. Akzeptiert das Chaos! In der abschließenden Runde versichern alle Teilnehmer überzeugt, dass das Seminar den Blick auf das eigene Leben nachhaltig verändert hat. Jeder fühlt sich in seinem Ansatz bestätigt: Babsi fühlt sich bestärkt, dass “Das Leben spüren“ genau der richtige Weg ist. Dieter sieht sich in seinen Zweifeln am Vorbild Natur und seiner Vorahnung bestätigt, dass die 500 Euro für das Seminar in den Wind geblasen sind. Dieses Seminar unterstützt seine Lebensweise und bisherige Strategie zu 100% – hoch am Wind segeln und immer Vollgas. Und nicht zuletzt Gerlinde, die nach diesem Wochenende große Pläne für ihre Zukunft schmiedet. Die Inhalte bleiben zwar noch unklar. Zumindest ist sie aber die Einzige ohne kalte Füße und nassen Hintern. Zurück durch Priele und das Wattenmeer umkreisen uns Möwen und ein paar andere Seevögel – ohne Plan und Strategie wie ich jetzt gelernt habe – vielleicht empfinde ich deshalb eine solche Sympathie für sie.
Ob ihrer Neigung sowohl privat als auch im Job den Kontinent zu bereisen, die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, sich offen gegenüber Neuen und Neuigkeiten zu geben und dies mit so viel Humor wie möglich und Kritik wie nötig zu bewerkstelligen, wurde die Reisegruppe um C O R I N N A B O N AT I , K E R S T I N L I E N E M A N N , O L A F A B B É & A L E X A N DE R K Ü H N E N von der Künstlerin gebeten, die Vogelwelt im Watt zu erkunden. Dem sind wir sehr gerne nachgekommen.
G
eführt von Niklas L. Incandenza, CEO der Ethno-Maieutik & Reduce Ltd., in den frühen Morgenstunden des 04. Oktober 2012 zum Abschluss des Begrüßungsabends der 145. Jahresversammlung der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft (DO-G) im Gasthaus „Zum Stiefel“ (Fußgängerzone Saarbrücken). Herr Revelar, General Manager des Amts für Apokalyptische Aufklärung (AfAA), war als Gastredner zum Mitternachtsumtrunk geladen und referierte zum Thema: „Im Sturm des Mühlsteins bricht der stumme Frühling an. Der Fall Babylons als ornithologisches Problem.“
Ja, dazu behelfen wir uns mit dem dritten Buch Mose (11,13-20). Ich darf zitieren: „13 Und dies sollt ihr scheuen unter den Vögeln, daß ihr‘s nicht eßt: den Adler, den Habicht, den Fischaar, 14 den Geier, den Weih, und was seine Art ist, 15 und alle Raben mit ihrer Art, 16 den Strauß, die Nachteule, den Kuckuck, den Sperber mit seiner Art, 17 das Käuzlein, den Schwan, den Uhu, 18 die Fledermaus, die Rohrdommel, 19 den Storch, den Reiher, den Häher mit seiner Art, den Wiedehopf und die Schwalbe. 20 Alles auch, was sich regt und Flügel hat und geht auf vier Füßen, das soll euch eine Scheu sein.“
N I K L A S L . I N C A N DE N Z A : Herr Revelar, in Ihrem Amt für Apokalyptische Aufklärung haben Sie eine „Abteilung für technische und soziale Infrastruktur“ einrichten lassen. Was ist das, eine Infrastruktur?
Eine rote Liste der durch die Apokalypse vom Aussterben bedrohter Vögel?
JO H A N N R E V E L A R : Infrastrukturen sind das apokalyptische Nervensystem. Energie, Wasser, Informationstechnik, Mobilität, Straßennetze, Tier-, Forst- und Landwirtschaft, Waffen, symbolische Gerätschaften und so weiter – all dies muss zuverlässig auch im apokalyptischen Krisenfall funktionieren. Fallen diese Infrastrukturen aus, führt dies zu schwerwiegenden Störungen der apokalyptischen Grundordnung. Der Leiter dieser Abteilung, Vitruvius Daidalos, hat sich und seine Mitarbeiter in einem Interview über „Die Pädagogik des Störfalls“ am Rande der Feier zur Ausfertigung der Zwölften Störfall-Verordnung am 26.04.2000 in Berlin einmal als „vorausschauende Hüter des apokalyptischen Gemeinwesens“ bezeichnet. In der Apokalypse aber werden Infrastrukturen in erster Linie in großem Ausmaß zerstört. Sehen Sie hier keinen Widerspruch?
Eine rote Liste der durch die Apokalypse, ich betone, zu Recht vom Aussterben bedrohter Vögel, da es geschrieben steht und sie unrein sind. Daher ist es unsere Aufgabe, eine städtebaulich attraktive Wohninfrastruktur zur errichten, damit die Anwerbung der gefiederten Gesellen erleichtert wird. Und genau hier fehlen die Ausführungsvorschriften: Wie baut man Behausungen, die den verschiedensten Anforderungen dieser bunten Vogelartenvielfalt genügen? Wir können die Behausungen nicht im operativen Blindflug planen! Ein standardisiertes Vogelreihenhäuschen ist ausgeschlossen? Sämtliche architektonischen Versuchsanordnungen, die wir in diese Richtung unternommen haben, sind restlos gescheitert. Standardisierungen erzeugen, wie es im Fachjargon heißt, „Structural Bird Problems“ – nichtsteuerbar und tödlich: Tür an Tür in Nachbar-
»EIN BEHÄLTNIS ALLER UNREINEN & VERHASSTEN VÖGEL.« 06
INTERVIEW MIT JOHANN REVELAR
Keineswegs. Eine Apokalypse ohne eine verlässliche Infrastruktur ist ganz grundsätzlich undenkbar. Nehmen Sie nur die Sieben Sendschreiben an die Sieben Gemeinden. Die können Sie ohne eine stabile Kommunikationsinfrastruktur nicht verteilen. Und dazu benötigen Sie Strom, der über ein weit verzweigtes Netz stets am rechten Ort verfügbar gehalten werden muss. Sie müssen wissen, die Apokalypse kann nicht nicht kommunizieren. Passende Infrastrukturen müssen also zuallererst einmal konzipiert und bereitgestellt werden, und zwar funktionsfähig. Dann, meinetwegen, kann dass alles in Schutt und Asche gelegt werden.
schaft mit einem Habicht verkümmert der Ruf des Sperbers zum Klagegesang.
Dazu gehört auch die Hure Babylon?
Für unser internationales Bauvorhaben „Apokalyptische Vogelhäuschen – Monumente der Unreinheit“ werden wir unsere Wissenslücken auf diese Weise schließen können. Wir benötigen 144.000 Ornithologen.
Unbedingt. Eines unserer anspruchsvollsten Infrastrukturprojekte überhaupt. Keine Apokalypse ohne den Fall Babylons. Und vor diesem Fall müssen wir planen, konstruieren, aufbauen, einrichten und den vorgesehenen Bewohnern einen angenehmen Einzug ermöglichen. Hier leistet die Unterabteilung „Urbanistik“ gemeinsam mit der Unterabteilung „Architektur & Geiselnahme“ eine wirklich vorzügliche städteplanerische Arbeit. Wir sind weit fortgeschritten. Worin besteht dann die Herausforderung im Aufbau Babylons? Babylon ist eine große Stadt, bevölkert von Heiden, die mit dem Wein der Hurerei getränkt sind. Sie ist die Mutter der Hurerei und aller Greuel auf Erden. Eine Behausung der Teufel, wenn Sie so wollen, ein Behältnis aller unreinen Geister und ein Behältnis aller unreinen und verhassten Vögel. Ihre Bewohner sind bekleidet mit köstlicher Leinwand und Purpur und Scharlach und übergoldet mit Gold und Edelstein und Perlen.
Worum ging es in Ihrem Gastvortrag? Um die Darlegung dieses ornithologischen Problems und um die Bekanntmachung einer Rekrutierungsoffensive, die ich kürzlich gestartet habe. Zur Rekrutierung ornithologischen Sachverstands?
Die D-OG hat etwa 2000 Mitglieder… …das ist unerheblich, wir rekrutieren weltweit… …und bauen weltweltweit… … nein, das konzentrieren wir auf das Verwaltungszentrum der Apokalypse, auf Berlin. Eine Stadt der unreinen Vögel. Nein, eine Insel. Wir haben eine Baugenehmigung für die Pfaueninsel erteilt. Dort werden auch die rekrutierten Ornithologen angesiedelt und gezähmt.
Und das ist städtebaulich schwer darstellbar?
Gezähmt?
Im Prinzip ist das gar nicht darstellbar mit städtebaulich-architektonischen Mitteln. Aber wir sind Architekten des festen Willens und der formalen Schamlosigkeit, wir sind voller Zuversicht. Konstatieren müssen wir allerdings empfindliche Lücken im ornithologischen Sachverstand. Die Behausungen für die unreinen und verhassten Vögel bereiten uns Kopfzerbrechen.
Es geht um die Zähmung des ornithologischen Eigensinns, den Ausschluss von Vogelschutzbefindlichkeiten, wenn Sie so wollen. Sie dürfen nicht vergessen, wir bereiten den Fall Babylons vor. Wir inszenieren den stummen Frühling, in dem die unreine Vogelstimme im Sturm des Mühlsteins auf immer verstummt.
Das ornithologische Problem am Fall Babylons sind demnach Vogelhäuschen? In der Tat, Vogelhäuschen! Schauen Sie, wir sind als Amt für Apokalyptische Aufklärung mit der Wahrnehmung hoheitlicher Aufgaben betraut. Und das heißt in erster Linie für jeden von uns in jeder auch nur erdenklichen Hinsicht, die Dienstobliegenheiten täglich stets regelkonform zu bearbeiten. Die Fehlertoleranz beträgt Null-Komma-Zero. Und diese Regeln stehen geschrieben, sind nachlesbar? Ja, zumindest gilt das für die übergeordneten Regeln. Aber bisweilen fehlen die Ausführungsvorschriften. Wir haben die klare Anweisung, für Babylon geeignete Behausungen für die unreinen und verhassten Vögel zu konzipieren und zu bauen. Wir haben zudem eine klare Definition, welche Spezies als unrein und verhasst zu gelten hat. Die Offenbarung des Johannes schweigt hierzu.
Herr Revelar, ich danke Ihnen für das Gespräch.
JO H A N N R E V E L A R ist General Manager im Amt für Apokalyptische Aufklärung (AfAA). Er residiert in Patmos und leitet das AfAA nach den Grundsätzen der Offenbarung des Johannes. Zu den wichtigsten Aufgaben des AfAA gehören die Gewährleistung einer geordneten Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der Apokalypse sowie der Schutz des Einzelnen vor unsachgemäßem Verhalten im apokalyptischen Krisenfall. N I K L A S L . I N C A N DE N Z A ist Chief Executive Officer der Ethno-Maieutik & Reduce Ltd. Das Unternehmen mit Sitz auf Peacock Island vor Berlin wurde 1685 gegründet und ist auf das Management von Untergängen spezialisiert. Neben zahlreichen internationalen Organisationen, Konzernen und Regierungen betreut das Unternehmen insbesondere den General Manager des Amts für Apokalyptische Aufklärung.
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3
8.13
Amt für Apokalyptische Aufklärung
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In Anlehnung an eine Rede von Ernst Reuter vom 09. September 1948 an das Volk von Berlin.
UNTITLED 07
BY APPARATUS 22
A PPA R AT U S 2 2 is a multidisciplinary collective from Bucharest (RO) that since January 2011 works in the art context with ideas and actions that will ignite the critical potential of clothing and fashion. In their quest for projects with greater
2012
consequences on fashion topics they are mixing fiction with reality, storytelling and critical approach and using knowledge and experiences from art, design, sociology, literature and economics.
V
erglaste Bürogebäude, Wintergärten, durchsichtige Lärmschutzwände, ja selbst das Wartehäuschen an Bushaltestellen kann für Vögel zur tödlichen Falle werden. Denn Vögel können durchsichtige oder reflektierende Glasflächen, wie sie in der Architektur zunehmend eingesetzt werden, nicht rechtzeitig erkennen und prallen mit hoher Geschwindigkeit dagegen. Jeden Tag verenden in Europa auf diese Weise über 250.000 Vögel, in den USA sind es über 270.000 pro Tag. Pro Jahr wird der Vogelschlag alleine in den USA aufgrund der hohen Dunkelziffer auf eine Milliarde Vögel geschätzt. Angesichts des Baubooms in den aufstrebenden Schwellenländern ergeben sich Summen erschreckenden Ausmaßes. Vergleicht man die Zahlen, sterben jährlich Vögel in der Größenordnung der Weltbevölkerung – alleine an Glasscheiben. Die Menschheit wäre ausgelöscht, würde eine derartige Gefahr für uns bestehen. Grund genug, die gefiederten Freunde des Menschen endlich effektiv vor diesem grausamen Tod zu schützen. Oftmals sind die Vögel nach dem Aufprall an Scheiben nicht sofort tot, sondern vegetieren mit schweren Kopfverletzungen noch einige Zeit dahin oder sterben jämmerlich an inneren Verletzungen oder Blutungen nach Stunden oder wenigen Tagen. TAT O R T WO H N Z I M M E R F E N S T E R : J Ä H R L IC H S T E R B E N VÖ G E L I N DE R G RÖ S S E N OR D N U N G DE R W E LT B E VÖ L K E RU N G A N G L A S S C H E I B E N Da die Verwendung von Glas in vielen Bereichen unverzichtbar geworden ist, hat Ar-
In den USA ist das Glas aus Deutschland sehr gefragt: Ornilux schützt unter anderem das Verwaltungsgebäude des New Yorker Zoos vor Vogelschlag. Mit einem eigenen Vertriebspartner für den US-amerikanischen Markt bedient Arnold Glas das Interesse. „Warning to Birds: All-Glass Buildings Ahead“ titelte die New York Times über einem fünfspaltigen Artikel in ihrer Rubrik „Novelties“. Neben dieser medialen Auszeichnung ist das Glas auch vielfach preisgekrönt: mit dem „Innovationspreis Architektur und Bauwesen“ und dem „Innovationspreis 2007 Industrie“ im Bereich Umwelttechnik der Initiative Mittelstand. Nach der Nominierung für den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland wurde Ornilux schließlich von der Tierschutzorganisation PeTa ausgezeichnet. Seit Frühjahr 2009 steht die überarbeitete Serie „Ornilux Mikado“ zur Verfügung, deren Muster für das menschliche Auge noch unauffälliger ist als die erste Ornilux-Generation. Das neue Design wurde 2010 mit dem renommierten Designpreis „red dot: best of the best“ prämiert. Ornilux mikado setzte sich dabei gegen 1.600 Mitbewerber durch. Inzwischen zählt Arnold Glas mit Ornilux deutschlandweit zu den „365 Orten im Land der Ideen 2011“. Bei dem von der deutschen Regierung sowie weiteren Partnern getragenen Wettbewerb werden besonders innovative und zukunftsweisende Projekte ausgezeichnet. „Es hat sich gelohnt, dass wir in das Vogelschutzglas langwierige Forschung und Entwicklung in Zusammenarbeit mit Partnern aus Wissenschaft und Tierschutz investiert haben“, so Arnold Glas-Geschäftsführer Hans-Joachim Arnold angesichts der hohen Zahl und außergewöhnlichen Qualität der bei diesem Wettbewerb eingegangenen Bewerbungen.
VOGELSCHUTZGLAS VERMINDERT DEN TOD AN GLASSCHEIBE GLAS IN DER ARCHITEKTUR ALS LEBENSRETTER 08
VON ARNOLD GLAS
nold Glas ein Isolierglas gegen Vogelschlag entwickelt und erfolgreich getestet. Die Lösung ist eine unauffällige und weitgehend transparente Markierung, die Ultraviolett (UV)-Licht sichtbar macht. Hintergrund ist die wissenschaftliche Annahme, dass Vögel im Gegensatz zum Menschen in der Lage sind, UV-Licht zu sehen. Ornilux-Scheiben beinhalten für Vögel sichtbare Beschichtungen wodurch die Scheibe als Hindernis erkennbar wird. G A N Z E A R T E N S I N D DU RC H VO G E L S C H L AG B E DRO H T Das Vogelschutzglas Ornilux wurde schon mehrfach mit Tierschutz- und Designpreisen ausgezeichnet. Der LBV in Bayern, und damit eine der wichtigsten Vogelschutzorganisationen in Süddeutschland, ist eine exklusive Partnerschaft mit dem Glashersteller eingegangen. „Alleine in Deutschland werden ganze Arten gefährdet. Wir waren schon lange auf der Suche nach einer Lösung seitens der Glasindustrie“, erklärt LBV-Artenschutzreferent Andreas von Lindeiner. „Mit dem Vogelschutzglas, das unter dem Namen Ornilux auf dem Markt ist, gibt es nun endlich ein wirksames Spezialglas.“ Im Rahmen des Exklusiv-Kooperationsvertrags präsentieren der Vogelschutzbund und Arnold Glas das innovative Produkt im Internet, in der LBV-Mitgliederzeitschrift und in einer Broschüre, die auch in Bauämtern ausliegt. LBV-Mitarbeiter und -Mitglieder informieren Ämter, Architekten und Privatpersonen über die Vorteile des Spezialglases. In LBV-Zentren klären Arnold Glas-Experten mit Symposien und Vorträgen über die technologischen Hintergründe auf. Weitere Kontakte zu anderen europäischen Naturschutzorganisationen sind ebenfalls geplant. O R N I L U XG L A S F Ü R DE N Z O O I N N E W YOR K Für einen Zoo, in dem Tierschutz die höchste Priorität hat, ist Ornilux mikado die optimale Lösung. Im Münchner Zoo Hellabrunn ist das Vogelschutzglas von Arnold genauso eingebaut wie im Zoo von New York. Die großen Glaswände sind im Münchner Tierpark eine freundliche Alternative zu unschönen Gitterstäben oder Schutzgräben. Das Gehege, das dem natürlichen Lebensraum der Eisbären stark nachempfunden ist, behält seine Natürlichkeit, ohne dass die Glasscheiben zur Todesfalle für Vögel werden. Die Vögel erkennen das Hindernis, Eisbären und Zoobesucher erfreuen sich am klaren Durchblick. E I N E DE R M O DE R N S T E N E I S B Ä R E N A N L AG E N DE R W E LT In nur 287 Tagen wurde im Münchner Tierpark Hellabrunn eine der großzügigsten und modernsten Eisbärenanlagen der Welt geschaffen. Für Arnold Glas war das Projekt Hellabrunn eine besondere Herausforderung: Die bis zu 750 kg schweren Einheiten in Übergröße mussten innerhalb von kürzester Zeit zur Auslieferung bereit stehen. „Durch die spezielle Ornilux-Beschichtung, die einen stark erhöhten Fertigungsaufwand zur Folge hat“, erläutert Arnold Glas-Geschäftsführer Hans-Joachim Arnold, „mussten die Gläser bei uns innerhalb von zwei Tagen zu Verbundgläsern verarbeitet werden.“ 34 Ausführungen ohne Beschichtung (243 Quadratmeter) und 37 OrniluxGläser (236 Quadratmeter) stellte Arnold Glas innerhalb weniger Wochen fertig. In München wusste man diesen Aufwand zu schätzen, denn nur dank der passgenauen Arbeit des Glaszulieferers konnte das Gehege rechtzeitig eröffnet werden. VO G E L S C H U T Z G L A S VO N A R N O L D G L A S I S T I N DE N U S A S E H R G E F R AG T
VO G E L S C H U T Z G L A S I N 2 . 2 4 4 M E T E R N HÖ H E Das Naturinformationszentrum Karwendel, in Form eines 34 Meter langen, über sieben Meter hohen und fast neun Meter breiten Fernglases neben der Seilbahnstation Mittenwald ist ein weltweites Unikum. Abgesehen von einer faszinierenden Fernsicht beherbergt das als EU-Projekt finanzierte Gebäude in rund 2.300 Metern Höhe eine 200 Quadratmeter große Ausstellungsfläche über die Natur der Alpen. Zu erreichen ist der Innenbereich über die im Sockel eingelassene Wendeltreppe. Die Gebäudehülle besteht aus Lärchenholz, das sich über einen Korpus aus Beton spannt. Das unbehandelte Holz erhält nach einer kurzen Verwitterungszeit einen ähnlichen Grauton wie das im Karwendel vorherrschende Dolomitgestein und wird sich so seiner Umwelt perfekt anpassen. Das große Panoramafenster an der Auskragung des Gebäudes – sieben Meter über der Felskante – ist ein gelungenes Bespiel für die Kombination aus Architektur und Naturschutz. Dass Vogelschutz auch in über 2.000 Metern Höhe ein Thema ist, beweisen die Schneehühner – häufige Gäste, die das 34 Meter lange Fernrohr und die nahegelegene Terrasse der Seilbahnstation als Windschutz zu schätzen gelernt haben. Wenn sie das Gebäude anfliegen, ist es ein Vorteil, dass sie die Scheiben des neuen Zentrums wahrnehmen können. Der Landesbund für Vogelschutz hat als Naturschutzverband bei der Konzeption des Naturinformationszentrums beratend zur Seite gestanden. PR Ä DI K AT „VO G E L S C H U T Z G E R E C H T E S B AU E N “ Schneehühner halten sich in der Karwendelgrube auf. Sie sind aber nicht die einzigen Tiere, die hier vorbeifliegen. Beispielsweise ist von der Zugspitze, mit rund 3.000 Metern Deutschlands höchster Berg, bekannt, dass ein Eisvogel beim Anflug auf eine Scheibe verendet ist. Auch der Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) empfiehlt das lebensrettende Glas. So hat der NABU das neue Verwaltungsgebäude der Hamburger Wohnungsbaugenossenschaft Gartenstadt Wandsbek mit einem besonderen Prädikat ausgezeichnet. Noch vor dem Bezug des 2,5 Millionen Euro teuren Neubaus war das Bürogebäude prämiert worden. Der NABU verlieh dem bisher in ganz Norddeutschland einzigartigen Bauprojekt die Auszeichnung für „Vogelschutzgerechtes Bauen“. Die Hamburger Gartenstadt in Wandsbek erfüllt alle Anforderungen des Städtebaukonzeptes „Leben im Grünen“: Die Wohnanlage ist im natürlichen Umfeld großzügig angelegt. Ländliche Architektur mit Gartenanlagen und die naturnahe Lage sind Gründe für die reiche Pflanzen- und Tierwelt der Gartenstadt: Amsel, Meise, Zaunkönig, Spatz und Co. sind häufige Gäste in Wandsbek. Daher war der Tierschutz für die Wohnungsbaugenossenschaft WGW bei der Erweiterung ihrer Büroräume ein wichtiger Aspekt, ohne dabei auf moderne, repräsentative Architektur zu verzichten. Beide Ansprüche verbindet die neue, 325 Quadratmeter große Glasfassade, die eine optimale Transparenz von jeder Etage des viergeschossigen Gebäudes bietet.
A R N O L D G L A S ist einer der innovativsten Glasveredler Europas mit Sitz in Remshalden und Standorten in Merkendorf, Fürstenfeldbruck, Lichtenstein, Kirchberg und Klagenfurt. Das Leistungsspektrum umfasst eine umfangreiche ISOLAR-Isolierglaspalette, Einscheiben- und Verbundsicherheitsglas, den konstruktiven Glasbau sowie anspruchsvolle Sondergläser, wie z. B. das Vogelschutzglas ORNILUX.
GESPRÄCH ÜBER VÖGEL MITHILFE ELEKTRONISCHER BRIEFTAUBEN 09
EIN MAILDIALOG VON ASMUS TRAUTSCH & BETTINA LEHMANN
A B
: Was meinst Du, können wir herausfinden, ob Vögel Fragen stellen?
: Nein, das können wir nicht. Aber wir können mutmaßen. Unsere Möglichkeit zur Mutmaßung geht wie jede Beobachtung von uns selbst aus, uns als – zumeist – Zweibeinige, Flügellose, über Stimmbänder und Ohren Verfügende. Die wir selbst bei anderen physisch gleich Strukturierten oft nicht mit Sicherheit sagen können, ob sie Fragen stellen (da wir es ihrer Intonation oder Mimik nicht entlesen können). Wir (Menschen) nehmen es an (dass sie (die Vögel) Fragen stellen), da sie zu kommunizieren scheinen. Mehr nicht. Was ist der Mensch wohl aus der Vogelperspektive? A: Auch das können wir nur mutmaßen, vermute ich. Die Empathie ist ein sanftes Sprungvermögen: wir versetzen uns mit einem Mal in die Perspektive eines anderen. Der virtuelle Sprung über die Organismusgrenze muss mit Beobachtung aus Distanz zusammengehen. Doch wenn er, wie Du sagst, schon bei Exemplaren unserer eigenen Gattung einen seelisch akrobatischen Akt mit ungewissem Ausgang darstellt, muss man ihn bremsen, wenn er ins Federkleid schlüpft. Ich möchte aber gern glauben, dass die seit über 100 Millionen Jahren an den Freiraum der Luft gewöhnten Vögel einen feineren Sinn für Richtungen besitzen als wir zweibeinigen Erdbewohner. Wir erscheinen ihnen deshalb wohl als schwerfällig, langsam und relativ unfrei – aber sicher auch als gefährlich. Hast du schon einmal mit einem Vogel kommuniziert? B: Wenn Du von „seit über 100 Millionen Jahren an den Freiraum der Luft gewöhnten Vögeln“ schreibst und mich fragst, ob ich schon einmal mit einem kommuniziert habe, denke ich an einen Pinguin, den ich im Alter von etwa 11 Jahren traf. Der Pinguin, lehrt mich ein Nachschlagewerk, hat seinen Namen vermutlich aus dem Walisischen: pen gwyn, „weißer Kopf“, eines der vielen Missverständnisse der Naturwissenschaften, da wohl – so die Fama – auf oberflächlichen Beobachtungen von Seeleuten beruhend, die den ähnlich gebauten, am Kopf weiß gefleckten Riesenalk (ehemals Pinguinus impennis, später Alca impennis bezeichnet) mit dem Pinguin gleichsetzten. Der Riesenalk ist ausgestorben, das letzte Exemplar wurde 1852 gesichtet, auf der Nordhalbkugel, wo sie hauptsächlich vorkamen – während Pinguine am Südpol noch immer leben und in Größen von 30 Zentimeter bis 1 Meter 20 daherkommen. Beiden gemein ist: Sie können nicht fliegen. Nicht einmal flattern. Der Freiraum der Luft ist ihnen fremd. Sie sind darin den Straußen und Kiwis verwandt, nur sind sie auch zu Fuß nicht allzu flink unterwegs. An Land watscheln sie schwankend umher, was uns Menschen (ich erlaube mir, für „uns Menschen“ zu sprechen) lustig erscheint, auch ein wenig melancholisch. Im Wasser aber bewegen sie sich mit der Eleganz von Schwalben, nur etwas fülliger. Meine Begegnung mit dem Pinguin fand in einem Vogelpark statt, was den Rahmen setzte und klar machte, das der Pinguin ein Vogel ist. Er hockte auf einem Mäuerchen am Beckenrand, an das der Besucher herantreten konnte. Er guckte, machte aber keine Anstalten, sich fortzubewegen, als ich herantrat und meine Hand ausstreckte. Die Oberfläche des Pinguinrückens war glatt und feucht, und ich sah und fühlte, dass, was wie kurzes Fell wirkte, sehr feine Federn waren. Ich bezweifle, dass der Pinguin Verlangen spürte, mich zurückzustreicheln. Fraglich wäre ohnehin womit. Es trifft die Sache nur bedingt, zu behaupten, der Pinguin und ich hätten kommuniziert. Weder gab er
A
einen Laut von sich noch zeigte er irgendeine andere Reaktion. Ich erinnere mich an das Gefühl eines stillen Einverständnis: Du bist ein Vogel, ich bin ein Mensch, ich habe keine Vorstellung davon, als was Du mich wahrnimmst, Du hast keine Vorstellung von meinem (damals noch vagen) Freiheitsbegriff. Ich kann nicht fliegen, Du kannst nicht fliegen. Dann hopste der Pinguin ins Wasser und schwebte davon. Im Übrigen hat mich der Text dieses Liedes immer irritiert: Wenn ich ein Vöglein wär‘ und auch zwei Flügel hätt‘. Als wäre das eine ohne das andere denkbar. Flög’ ich zu Dir. Welch Hohn für alle Pinguine, Straußenvögel, Kiwis, selbst Hühner! Hast Du schon einmal mit einem Vogel kommuniziert? A: Es muss früh gewesen sein, als ich zum ersten Mal versuchte, mit einem Vogel Kontakt aufzunehmen, vermutlich war es ein Spatz oder eine Drossel. Die Bemühungen, den Blick der Vögel auf meinen zu lenken oder das Gefieder zu streicheln, sind mir nie gelungen. Irgendwann wurde mir klar, dass die Gänse im Park schneller laufen, die Tauben rascher abheben und die Enten schneller vom Ufer wegschwimmen, als meine Beine mich tragen und meine Tätschelhände sich strecken. Gegenüber den Vögeln hatte ich immer das Nachsehen. Und so verlegte ich mich mit der Zeit auf die Wahrnehmung aus genehmer Entfernung. Vermutlich ist die Vogelbeobachtung als Hobby so verbreitet, weil man Vögeln haptisch kaum nahezukommen vermag – es sei denn, man hält sie sich als Haustiere. Als ich Grundschüler war, hatten wir zuhause zwei Kanarienvögel, die nicht lange überlebten. Erst später kam das Bedauern, dass diese Raumexperten in einem Käfig zu existieren hatten, als wäre Nahrung alles, was sie bräuchten. Nahrung – Vögel sind mir immer nur nahegekommen, wenn ich ihnen Krümel oder Kerne anbot. Aber auch dann waren sie auf eine zur Flucht hinreichende Distanz bedacht. Vögel sind von Natur aus Distanzierungsexperten; wir haben uns dazu erst in Jahrtausenden durch die Kultur gemacht und brauchen Apparate zur vorübergehenden Lösung vom Boden. Langsam, erdgebunden, schlecht schwimmend, nackt musste der Mensch durch Werkzeuge den Lebensraum an seine Bedürfnisse anpassen. Die Vögel dagegen sind so flexibel in ihrer Ortsveränderung, dass sie sich im großen Stil und rasch an verändernde Umweltbedingungen anpassen können. Man denke an die Zugvögel, die mit den Jahreszeiten die Kontinente wechseln. Rücken potentielle Feinde an, heben sie ab und fliegen auf‘s nächste Dach. Umso bitterer erscheint das Schicksal der Riesenalke, die Du erwähnt hast. Da nisten sie fernab jeder Zivilisation auf einsamen Inseln und Küsten in nördlichen Meeren. Jahrtausende geht es gut, weil der Mensch noch nicht überall hinfährt. Vielleicht haben sich währenddessen die Flügel zurückgebildet. Sie waren auf den abgelegenen Orten nicht nötig, die bis zur globalen Kolonisierung maritim geschützte Biotope darstellten. Ohne die rasche Fluchtoption durch entsprechende Flügel hatten die Riesenalke keine Chance, als Seeleute und Jäger sie in kurzer Zeit zu Tode prügelten, das letzte brütende Paar am 3. Juni 1844 auf Eldey, einer unbewohnten Vulkaninsel vor Island. Welch rätselhaftes, vorgeschichtlich anmutendes Wort: Riesen-alk! Und irreführend, wenn man an das schreckliche Ende der Gattung denkt. In Marcel Beyers Roman „Kaltenburg“, den wir zusammen lesen, erinnert sich der Erzähler Hermann Funk an das geheimnisvoll verlockende Versprechen seiner Eltern, in Dresden den Balg eines Riesenalks sehen zu können. Doch als sie am 13.2.1945, gerade aus Posen angekommen, das Naturkundemuseum besuchen, sind die Bestände ausgelagert. Der Balg ist vor dem nachts folgenden Bombenangriff rechtzeitig durch Menschenhände geflohen, die ihn einst töteten, weil er nicht rechtzeitig fliehen konnte. Hast Du je etwas von Vögeln gelernt?
B: Zwei Kanarienvögel? Du erwähnst sie beiläufig, und beiläufig auch ihr rasches Verenden. Was ist passiert? Warum habt ihr sie gehalten? Um die Distanz aufzuheben, die Vögel instinktiv zum Menschen halten? Von Vögeln lernen... Nein, ich glaube nicht, dass ich je etwas von Vögeln lernen konnte. Offen gestanden weiß ich nicht, was ich von Vögeln lernen könnte. Wäre ich Ingenieur, es wäre sicher eine Verlockung ihren Körperbau zu untersuchen und zu versuchen, ihn nachzuempfinden um... nun ja, natürlich um das nahe und zugleich am fernsten Liegende zu erreichen. Dabei fällt mir das wunderbare Möwenlied von Christian Morgenstern ein (die Künste, die bildlichen wie die mit Worten umgehenden, haben sich umfassend den Vögeln gewidmet in immer wieder erneuerten Bestrebungen, die unaufhebbare Distanz zu den flugfähigen Gattungen zu verringern). Er schreibt, die Möwen sähen alle aus, als ob sie Emma hießen (Emma? Ein absolut geläufiger Name zu Morgensterns Zeit. Mich lässt er an Lokomotiven denken.), sie trügen einen weißen Flaus (um des Reimes willen, denn Flaus, oder Flausch, tragen bestenfalls Jungvögel) und seien mit Schrot zu schießen. Heute verenden Möwen vornehmlich am Verzehr von im Meer treibenden oder zuvor von Fischen verzehrten Kunststoffteilen, durch Öl, durch des Menschen Gleichgültigkeit und Unachtsamkeit massenhaft statt einzeln durch zielgerichteten Beschuss. Der Dichter distanziert sich vom Möwenmord und verfüttert Brot und Rosinen. Artgerecht ist auch das nicht, aber zumindest wohlwollendem Unwissen geschuldet; die Rosinen nennt er in seiner süddeutschen Mundart Zibeben – und was kann der Süddeutsche schon von den Ernährungsgewohnheiten von Seevögeln wissen... Die Emmas scheinen sie jedenfalls anzunehmen. Von Glück kann ein Vogel sprechen (hätte er einen Begriff davon), Leuten wie Dir oder Herrn Morgenstern zu begegnen, die respektvoll sich auf solch zarte Bändeleien mit ihnen bescheiden! Die die naturgegebene Distanz wertschätzen: O Mensch, du wirst nie nebenbei/ der
Der gläubige Katholik nahm sie in unterschiedlichen Weltgegenden auf, um ihre Laute später in Musik für abendländische Instrumente zu verwandeln. Auf einmal waren Amseln, Pirole und Nachtigallen in der rechten Hand des Pianisten vereint. Dadurch kam Messiaen die Welt wieder nahe, manch Publikum schüttelte dagegen den Kopf. Der Vogelgesang wirkt wie eine interspeziezistische Gabe, die funktioniert, auch wenn sie niemand so geplant haben dürfte, am wenigsten die Vögel. Wer weiß, vielleicht hören sie unseren Gesang oder gar unser Sprechen ebenfalls ästhetisch. In London bemerkten Bekannte von mir, wie Vögel an einem Bahndamm anfingen, die Signale der Handys in ihre Lautproduktion aufzunehmen. Wir lauschten ihnen neugierig wie Improviationspartnern, vereint in mimetischem Vergnügen (so unsere Unterstellung). Vielleicht müsste man Singvögeln freien Einflug in Konzerte lassen. Es wäre zu hoffen, dass wir neben Geflügelkonsum, Vergiftung und Verklebung auch etwas für sie zu bieten hätten, das sie direkter willkommen heißt als Dachrinnen, Erker und Mansarden. Hattest Du schon einmal den Eindruck, Du wärst gemeint gewesen, wenn Vögel Dir nahe zu singen anfingen? B: Ja, das Gefühl hatte ich schon einmal: gemeint zu sein. Ich Ego-Wesen! Allerdings hatte ich das Vogelpfeifen für menschliches gehalten. Nachdem ich einige Male an der selben Stelle vorbeigegangen war und mich immer wieder angepfiffen empfunden hatte, teilte ich meine Irritation und wurde belehrt, es sei ein Vogel, der da pfiff, er pfeife nur so oder jedenfalls nicht um mich. Das menschliche Pfeifen folgt ja derselben Ambition wie der, die Du beschreibst – zur Steigerung des Reproduktionswahrscheinlichkeitserfolgs. Der Reproduktionserfolgswahrscheinlichkeit. À propos, verehrter Ohrenmensch, was Dich an Messiaen und die in seiner Rechten versammelte Ornis denken lässt, bringt mir den Auerhahn vor Augen, den Pfau (noch so ein Flugunfähiger) und den Gockel,
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EIN MAILDIALOG VON ASMUS TRAUTSCH & BETTINA LEHMANN
Möwe Flug erreichen! (Die Hoffnung auf Erfolg bei nur kräftigem Bemühen ist noch hörbar) Wofern du Emma hießest, sei/ zufrieden ihr zu gleichen. Im letzten Sommer saß ich eines Abends lesend am Elbufer und hörte Möwengeschrei zum Wellenplätschern und Zikadenzirpen. Dieses Dresden des fiktiven Kaltenburgs bietet maritimes Flair, und die Vogelstimmen sind elementar dazu. Lass uns noch über Vogelstimmen sprechen, nachdem wir über ihr Fliegen und Entfliegen schon gesprochen haben. Selbst die räudigste Straßentaube gurrt sanft. Vor dem Balkon einer der Wohnungen meiner Vergangenheit lebten Käuzchen, die ich nie sah, aber allabendlich hörte, und ihr Geräusch fehlte mir, als ich fortzog. Nachtigallen, Lerchen, Möwen, Tauben... Gibt es Vogelstimmen, die Dir etwas bedeuten? A: Vogelstimmen – da haben wir schon wieder den Anthropomorphismus: Stimmen, gar Gesang, diese vermutlich späten Produkte der menschlichen Entwicklung! Vielleicht waren sie auch der Grund für unsere Episode mit den Vögeln im Arbeitszimmer meines Vaters. Ich weiß es nicht. Und doch kann ich nicht anders, als die mitunter bezaubernden Laute wie Gesangsstimmen eigener Art zu hören. Es gibt nicht einen bestimmten Vogelruf, der mir mehr als andere bedeutet. Insgesamt aber erfahre ich das ‚Konzert‘, das verschiedene Vogelarten polyphon ab und an für uns zu geben scheinen, als wunderbares Beispiel dafür, wie eine evolutionär entstandene Funktion in der Perspektive einer anderen Gattung eine weltnaherückende Qualität annehmen kann, die gänzlich von der Indienstnahme für die Mühe des Überlebens befreit ist. Bekanntlich steigern die männlichen Vögel die Wahrscheinlichkeit ihres Reproduktionserfolgs durch entsprechend auffällige, ja mitunter individuelle Lautfolgen. Wir aber hören sie uns zurecht als Gesang, als Güte der ästhetischen Natur. Der französische Komponist Olivier Messiaen wurde einst dafür belächelt, dass gerade er, der entscheidende Impulse und Lehren für die Avantgarde der Musik nach dem Ende des 2. Weltkrieges geliefert hatte, sich in einer Schaffenskrise den Vögeln zuwandte, den seiner Meinung nach größten Musikern des Planeten.
B
drei Paradebeispiele visuell balzender Vögel. Erwähnt sei auch noch der Albatros. Der Blaufußtölpel! Es wären noch so viele Vögel zu nennen... Dass wir ihnen etwas zu bieten haben, wage ich zu bezweifeln, zumal musikalisch. Immerhin: Man könnte, da der Winter naht, einen Meisenknödel in die Fensternische hängen, und hinter dem Fenster still sitzen, wenn eine kommt, und schauen. Mehr, glaube ich, braucht der Vogel nicht von uns und wir nicht vom Vogel. (Das eine oder andere Sonntagsfrühstücksei vielleicht noch, Freiland, selbstverständlich.) A: Ja, lass uns einen Meisenknödel vorm Fenster aufhängen. Vielleicht schauen dann ein paar sogenannte Standvögel (so heißen die, die im Winter hier bleiben, bizarrerweise!) für einen Moment hinein. Und wir denken frühstückend weiter, was sie sich denken mögen. Mit weiterhin offenen Fragen und schweren Körpern, ihnen für Sekunden nachblickend, wenn sie in ihr Element springen und wie Gedanken ins Weite ziehen. B: Vogelfrei also, gewissermaßen?! Ach, A...
B E T T I N A L E H M A N N hat vor längerer Zeit aufgehört Tiere zu essen und ist immer wieder erstaunt, wenn ihr Vögel als Alternative angeboten werden. Für den Broterwerb und das Wohlbefinden erfindet und organisiert sie Kunst- und Kulturveranstaltungen und hat sich dazu derzeit in Dresden niedergelassen. A S M U S T R AU T S C H stammt aus Kiel, wo er vermutlich schon vor der Geburt dem durchdringenden Ruf der Möwen ausgesetzt war. Als ausgebildeter Komponist bestaunt er regelmäßig die Vielfalt des Gesangs aus Bäumen und gibt zu, Vögel ab und an zu beneiden, vor allem in der Dämmerung und im Herbst. Meist denkt er etwas und schreibt es auf, derzeit in Dresden.
F
or you, being in Barrow means three weeks of continuous sexual harassment. You try to keep a low profile, but males are always on the lookout. If a male spots you, you know what will happen. So you fly off as fast as you can. He goes after you. You fly to the neighbour, who joins the chase, as does the next guy. You fly high up in the air, hoping that they will get in trouble with each other, but it is hard to get rid of all of them. In between the harassment, you have to find time to rest, to find a nest site, to feed enough to produce four eggs. Then comes the worst period: you have to sit on those eggs for three weeks trying to keep them warm and avoid that they get found by a fox or a skua, who always seem around, searching for a quick meal. And what do those males do? Whenever you leave the nest for a quick feed or a bath, they are after you, wanting sex. No restraint. No help, whatsoever. At some point they notice that they cannot expect any copulations anymore, and then they are off. Hang out with their buddies – as if nothing happened – further south. They never see their young grow up. At least you have that pleasure.
The story of the pectoral sandpiper can be told in a more scientific manner, of course, but essentially this is what happens in polygynous societies. They are characterized by intense competition among males, in the form of aggressive interactions and enormous investment in display, by a strong mating skew, meaning that only few males get to mate and reproduce successfully, and by the absence of male care for female or offspring. In some of those societies, including the pectoral sandpiper, there are males that do not compete. They avoid direct competition by pretending to be females, and indeed they look and behave like females. The sneaky manner in which they go through life and try to copulate and fertilize eggs gave them their name “sneakers”. Whether “sneakers” are simply an alternative solution MATING SYSTEMS AND FAMILY POLITICS evolution has come up with apart from the “machos”, or 10 VON BART KEMPENAERS A whether these individuals are attempting a “best-of-a-badjob” because they are young and not quite strong enough yet, we do not know, at least not in the pectoral sandpiper. In any case, there is no such thing as fair play. y favourite birds are the raptors, birds of prey such as the hawks and the eagles. Yes, they come with a certain status, but that is not the main The other alternative, quite rare in birds, is polyandry. Here, females mate with more reason why I like them. What I find appealing is their mating system: than one male, either in succession or simultaneously. This occurs either in societies they have long prenuptials, and once they are married great sex and little where conditions are harsh and a pair has difficulties raising a brood on their own, like conflict, and a clear division of tasks in the household. Take our common buzzard as an in the dunnock, or indeed in another buzzard, the Galapagos hawk. Incidentally, for example. You rarely see buzzards fight, except for some skirmishes at the border of their similar reasons, this mating system is also found in the Ladakhi people, living in the stable territories. In spring, the male engages in a spectacular aerial display where he Himalayan mountains. With two men in the household, it is not hard to see that trouble soars high up in the sky to drop down spiralling, twisting and turning, just to do it all is just around the corner. The female has to make sure she divides her time as equally as over again. It is known as “the roller coaster” and it looks like fun. The display lures the possible between the two males, and make both believe they could be the father of the female to mate with him and they mate for life. Both partners build the nest and during offspring. This is the only way to ensure that both will invest in the brood. Each male, this time they copulate on average five times a day. Sure, each one takes only about ten however, would rather like the female to himself. The result is a society characterized by seconds, but that is long, for a bird. She lays a few eggs and keeps them warm, he goes females that fight among each other for males, and males that constantly bend the rules off to hunt. He brings the food, she keeps the young warm. Then the young grow and and try to cheat each other for access to the female. can be left alone in the nest, so both parents go off to hunt for food. The teenagers – now about 50 days old – leave the nest, but stay with mom and dad for another six to eight So, what is it that we want? Do we prefer a relatively stable, harmonious world, where weeks. Then they are off on their own. Buzzards are – as many modern bird societies something like long-term loving relationships can develop and be nurtured, a more ega– characterized by social monogamy, and neither secular nor religious laws are needed litarian society with little aggression and less of a need to overexploit the environment? If to keep them from doing something else. Perhaps you find their lifestyle boring, their so, there is only one solution: monogamy! Only in truly monogamous societies are the remating arrangements conservative, their society in need of some gender mainstreaming. productive interests of males and females the same. Once mated, being mean to your mate To me, buzzard society seems a rather attractive model, in particular compared to the will hurt your own reproductive output, and evolution will select for friendly, supportive alternatives that I have studied, which seem a lot less pleasant, in several ways. partnerships. Any other mating system and sexual conflict before, during and after mating will be rampant. Here is the horror cabinet of examples evolution has come up with. Imagine you are a shorebird, a pectoral sandpiper. In winter, you stay at one of your lakeside residences in Brazil, Argentina, or Australia. Not too bad. In spring, you undertake (1) Infanticide: adults killing young. When a male tree swallow starts a relationship a flight of roughly 14000 km and you end up in the Arctic. You are a male? It is end with a female whose partner died or left, and she is still laying eggs, he will care for her of May, and the tundra around Barrow, Alaska, where you just arrived is still covered offspring as if they were his own, provided she allows him to copulate. However, if she is with snow. The temperature is -4°C, but there is a cold wind blowing, so that it feels already incubating eggs, he will wait until the eggs hatch, only to take the young out of like -20°C. Together with some other diehards, you frantically search for food and start the nest one by one and drop them somewhere to die. Why? So he can mate again with practicing aerial and ground displays. But there is no such thing as team play. Females the female! Men are evil? Females are jealous! Female jacanas, beautiful tropical birds, will arrive soon, and you have to be ready. Ready to defend a small patch of snow-free have males that care for the young. As such caring fathers are in short supply, other tundra, ready to size yourself up to the competition, ready to fight, ready to relentlessly females will attempt to kill the pretty young, so that they can mate with the male and pursue females, who are seemingly never interested in sex. They just play games with he can care for their young. you and let you chase them, usually asking some other guys out as well. You compete, fight, and try to impress them, for hours, days, weeks. You hardly dare to sleep, at least (2) Mutilation of female genitals. Some insect species have evolved a spiky penis that not for more than a few seconds at a time, otherwise you are out. You snooze, you lose. causes damage to the female genitalia during copulation. This will make it less likely Most of you still fail. You will not have sex, not once. You will have tried, but no luck that the female successfully mates with another male, and hence increase the chances this year. You will know of some males who boast about getting one, two, three,… six that the first male will sire the offspring. females. Maybe you will be that male, next time. Maybe she will let you copulate, once, but then she will never look at you again. (3) Make your partner do something unhealthy. The ejaculate of male fruit flies contains toxic substances that change the behaviour of the female to his advantage. Her sex drive You would rather be a female pectoral sandpiper? Welcome to the Arctic: you have just is reduced and she produces more eggs than is good for her, so that she will die earlier. arrived from your +10000 km journey and look forward to some rest. You have not even The male does not care, because he can go inseminate the next female. landed yet, and there is the first one who wants to jump on you. He flies over you, with his ridiculous throat sac hugely extended and producing a hooting sound that carries far (4) Sexual cannibalism. During or after copulation some female spiders eat the male. over the tundra. Very impressive, but you are hungry. And cold. You pretend you did not Once they have received the sperm to fertilize the egg, they benefit from the extra see him, but he ignores it. He is so full of himself, he comes after you performing a little nutrients and can increase the quality and number of their offspring. In some species, dance with his big throat sac going up and down. You run away from him, but he keeps males bring an edible gift to the female, to avoid being eaten. Sometimes, this works. following you. You want him to leave, but he only thinks about copulating.
STRUCTURAL PROBLEMS OF BIRDS
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(5) Forced copulation. In most bird species, males can sexually harass females, but they cannot force a copulation. This is because they do not have an intromittent organ (like a penis) and female cooperation is needed to transfer sperm. However, in those species where a penis-like structure has evolved, such as the ducks, forced copulations are common. In the mallard, groups of young males that have little chance to find a mate, have been observed gang-raping a female, who desperately tries to escape. Males even drown females that were unwilling to copulate. I argued that social monogamy is the solution for a more stable society, but even such a system can easily get out of balance. Imagine that a male that is in a partnership copulates with the neighbouring female, who is also mated. This happens, by the way, in about 95% of bird species where it has been studied. If this leads to the fertilization of eggs, the cuckolder will increase his reproductive output, at the expense of the reproductive success of the cuckolded. Not surprisingly then, evolution has come up with tricks on how to cheat and how to avoid being cheated. When their female is fertile, males guard their territories more intensely against intruding males, and often they closely guard their female, never leaving her out of sight. Alternatively, they attempt to copulate frequently, thereby avoiding that sperm from another male would fertilize his partner’s eggs. Unfaithfulness may lead to “extra-pair paternity”, and this in turn may cause males to reduce their help for the family or to divorce. Another problem arises when resources are unequally distributed. Females may then leave to live in the better areas, with unpleasant consequences. First, they will have to compete with the local females in these areas, and many females will then be left unmated or will have to MATING SYSTEMS AND FAMILY POLITICS become secondary wives of a polygynous male (or worse). 10 VON BART KEMPENAERS B The result is higher female aggression and lower male investment in the offspring. In our society this form of polygyny is illegal, but males are allowed to divorce their first wife, and remate with an (often) younger female, with whom they can reproduce again, thus essentially becoming sequentially polygynous. In such a society, signals of status become more important, leading to runaway selection for ever more and bigger (in birds: fancy coloured plumage, ridiculously elongated tail, wing or head feathers, ornamented “gardens”; in humans: cars, yachts, airplanes, houses, whole islands, you name it). I would argue that sexual selection does explain the peacocks and the Berlusconi’s of the world. Second, where females have left because resources are not as plentiful, many males will not be able to find a partner. This is the general problem of unequal distribution of resources, which inevitably leads to social instability and an increase in aggressive conflicts, including war and rape. Just providing females with resources – independent of male territory defence – is not a viable solution for conflict reduction. Females indeed can then raise their brood by themselves, but the B A R T K E M PE N A E R S , a Belgian behavioural ecologist, manages structural bird story of the pectoral sandpiper shows the kind of dynamics that will then evolve. problems at the Max Planck Institute for Ornithology in Seewiesen, where he became Director of the Department Behavioural Ecology and Evolutionary Genetics in 2003. I thus draw my conclusions: I vote for a buzzard society. After studying biology at the Universities of Limburg and Antwerp in Belgium, he worked in the Netherlands, Canada and Austria before coming to Seewiesen in 1999. PRO F. DR . B A R T K E M PE N A E R S Bart Kempenaers has a passion for fieldwork: his research took him to Alaska and New Department Behavioural Ecology & Evolutionary Genetics, Zealand to learn about bird mating behaviour. He is interested in the evolution of love, Max Planck Institute for Ornithology, 82319 Seewiesen, Germany lust and jealousy in humans and other animals.
STRUCTURAL PROBLEMS OF BIRDS
EXTASE EN AVAL 11
BY BEAT LIPPERT
B E AT L I PPE R T Né à Lausanne en 1977 Ayant étudié la sculpture (Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft à Bonn en Allemagne (1997-2001), l’archéologie et les arts visuels (Haute Ecole d’Art et de Design (HEAD-Genève) (2003-2007) Beat Lippert combine dans son œuvre principalement conceptuel ces trois domaines. Dans plusieurs travaux, il s’approprie des motifs de la statuaire antique, par exemple en voyageant à travers l’Italie avec une colonne corinthienne remorquée à sa bicyclette dans Véhicule (2008) ou en reproduisant de manière subtilement modifiée le fameux Tireur d’épine dans Spinario (2009).
2010
Prix de la Mobilière Young art au Swiss awards, Bâle 07, Bourse du fonds Berthoud 2008 et prix de la fondation Gertrude Hirzel 2009. Son travail a déjà été exposé dans divers institutions comme le Kunstmuseum de Zurich, Mamco Genève, La Galerie centre d‘art contemporain de Noisy-le-Sec Paris, le Contemporary Art Centre de Vilnius ou encore au centre Pasquart dans l‘exposition collective internationale intitulé Arkhaiologia. TM Project, galerie fraîchement installé dans son nouveau lieu dans le quartier des bains, lui consacrera une exposition personnelle en septembre 2012. Vit et travaille a Genève
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ch bin der Trauer Fliegenschnapper und ich bin ein Verlierer kein mondäner Kosmopolit nein, nur ein konservativer Flachländer, und wenn ich wiederkomme aus dem tiefsten Süden ist alles leer gefressen, nur noch verwelkte Frühlingsblüten.
ch bin der grüne Halsbandsittich und ich bin der Gewinner ich habe mich befreit aus ihrem überheizten Zimmer draußen ist es fast so warm wie zu Haus am Amazonas und Nüsse schmecken mir so gut wie die Reste von Mc Donalds man sagt, die Stadt sei nicht so gut für die Natur und Tiere doch da bin ich ganz anderer Meinung weil ich nicht gern verliere Ihr verdient das Geld doch auch mit Emissionen Handel Also, warum soll ich nicht Gewinner sein von eurem Klimawandel?
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he winner takes it all, the loser standing small …
DER GRÜNE HALSBANDSITTICH 12
VON BERNADETTE HENGST, INSPIRIERT VON TON MATTON
B E R N A DE T T E L A H E N G S T lebt in Berlin, arbeitet als Musikerin, Autorin, Performerin und Regisseurin u.a. in den Sophiensaelen Berlin, im Thalia Theater Hamburg und im Theater Freiburg. Ihr aktuelles Album „Integrier mich, Baby“ erschien im Herbst 2012 bei Trikont. 2003 erhielt sie für ihr bisheriges Gesamtwerk den Künstlerinnenpreis für Popularmusik in Nordrhein-Westfalen. Kooperationen u.a. mit dem
Stadtplaner Ton Matton, dem bildhauenden Performance-Künstler Volker März oder dem Autor Till Müller-Klug. Ihr aktuelles Theaterprojekt „Bedingungsloses Grundeinsingen“ hat Ende März in den Sophiensaelen Berlin Premiere. Mehr unter www.lahengst.com
„Man gehe hinaus in die freie Natur, man sehe die Thiere in ihrem Leben und Wirken; wie ganz anders wird man dann urtheilen, wenn man so manches anders als im Cabinete gefunden haben wird.“ J . F. N AU M A N N , 1822
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s war einmal ein Bauer namens Johann Andreas Naumann in Ziebigk, der hatte zwei Söhne. Er erzog sie mit seiner Frau in Liebe und mit Achtung für die sie umgebende Welt. Als sein Ältester gerade elf Jahre alt war, starb die Mutter. So mussten die Knaben früh in der Wirtschaft mithelfen. Jedoch wurde ihre Bildung nicht vernachlässigt, dass ihnen die Wissenschaft und Kunst nicht verschlossen bliebe. Der Vater sah es mit Wohlwollen, dass jeder der Söhne mit seinen besonderen Fähigkeiten mit Interesse das Geschehen in der Natur verfolgte. Carl Andreas widmete sich vor allem der Beobachtung im Felde und der Jagd. Bereits als zehnjähriger Knabe war er ein treffsicherer Schütze, der sein Ziel nie verfehlte. Sein älterer Bruder Johann Friedrich dagegen notierte sich schon bald Beobachtungen und wollte das Wissen über die gesamte Vogelwelt zusammentragen. Gerade in der Zeit begab es sich, dass Vater Naumann an einem Buch arbeitete, in dem er die Vogelwelt der Anhaltischen Herzogtümer beschreiben wollte. Große Geldsummen waren notwendig, sich die einschlägige Literatur dafür zu beschaffen. Und doch schienen alle bisherigen Werke unvollkommen, denn in ihnen waren die echten wissenschaftlichen Erkenntnisse noch sehr mit volkstümlichen Legenden und Mythen gemischt. Besonders die Abbildungen aber waren mangelhaft, denn sie stimmten oft nicht mit den eigenen Beobachtungen überein.
ansehnliche Bibliothek in seinem Haus zusammen. Sie spiegelt sein weit gefächertes Interesse nicht nur für Vögel sondern auch für die Pflanzen und Insekten wieder, die deren Lebensraum und Nahrung bilden. So war er in der Lage, ein umfassendes Bild jeder Vogelart zu entwerfen. Dadurch erwarb er sich bald die Anerkennung der Fachwelt und schon ab 1815 trugen sich namhafte Besucher von nah und fern in das Gästebuch seines in Ziebigk entstehenden Museums ein, denn sein Ruf war mittlerweile bis weit über die Grenzen des kleinen Herzogtums Anhalt-Köthen hinausgedrungen. Die herzogliche Familie selbst erwies ihm mehrfach die Ehre und gestattete fortan die Jagd im gesamten Land Anhalt, damit er sein Werk zur Vollständigkeit bringen konnte. Doch bald geriet Naumanns Arbeit ins Stocken, denn die Alpen, die See und die südöstlich angrenzenden Steppengebiete lagen in weiter Ferne und die dortige Vogelwelt blieb ihm verschlossen. Dies klagte er seinen Ornithologenfreunden, die ihm zunächst Vögel übersandten und Beobachtungen mitteilten. Doch er wollte dies ja alles gern selbst in Augenschein nehmen. Endlich bot sich die Gelegenheit, in Gesellschaft seines Kieler Freundes Friedrich Boie eine Reise an die Nordsee zu unternehmen. Vieles war zuhause in der Landwirtschaft zu ordnen, bis endlich der Tag der Abreise nahte. Voller Vorfreude bestieg er die Kutsche in Richtung Hamburg, wo er alsbald ein Dampfschiff bestieg, das die nordfriesischen Inseln ansteuerte. Wie faszinierten ihn dort die lärmenden Kolonien der ihm bis dahin unbekannten Seeschwalben und Möwen. Treue Freunde halfen ihm, Ordnung in das viele Neue zu bringen. Das größte Geschenk war für ihn jedoch, dass er zahlreiche neue Vogelarten und deren Eier mit ins heimatliche Ziebigk nehmen konnte, wo sie seine Sammlung bereicherten.
Nach der glücklichen Heimkehr und der stürmischen Begrüßung durch seine treue EheSo begann Johann Friedrich bereits als Jugendgattin Juliane und die mittlerweile sechs Kinder licher, die von seinem Bruder erjagten Tiere für machte er sich gleich fieberhaft ans Werk. Präpadas Buch des Vaters zu zeichnen und in Kupfer zu rieren, zeichnen, schreiben – dass nichts vergessen stechen. Bald beschäftigte er sich in den wenigen werde. Schon im nächsten Jahr (1820) konnte der freien Stunden, die ihm die Landwirtschaft ließ, erste Band seiner neuen „Naturgeschichte der Vögel noch eingehender mit der ihn umgebenden NaDeutschlands […]“ zum Druck gebracht werden. 13 VON BERNHARD JUST & IRIS HEYNEN A tur. Gemeinsame Jagdausflüge mit Vater und Bruder erweiterten sein Wissen und schärften seinen Bald zeigte sich, dass die Fachwelt sein Werk beBlick für Unterschiede, so dass er bald eine hervorragende Artenkenntnis hatte. geistert annahm, denn eine aktuelle Übersicht der Kenntnisse über die Vogelwelt war schon lange überfällig gewesen und so etablierte sich Naumanns Naturgeschichte rasch Seine Liebe zum Detail verbot es ihm, andere Vogelmaler zu kopieren – er wollte jeden zum gesuchten Standardwerk für alle Vogelforscher, da hier zum ersten Mal alle Leeinzelnen Vogel selber gesehen haben und nach der Natur zeichnen. Dazu brauchte er bensbereiche der Vogelarten in einem Werk behandelt wurden: Aussehen, Verbreitung, allerdings eine Methode, die erjagten Vögel als Vorlagen haltbar zu machen. Schon sein Stimme, aber auch Nutzen oder Schädlichkeit und die besten Fangmethoden. Vater hatte Versuche angestellt, die toten Vögel dauerhaft zu konservieren und diese zunächst im Backofen getrocknet. Johann Friedrich war damit nicht zufrieden. Eines Während Naumann in Ziebigk fleißig ornithologische Forschung betrieb, stand die Zeit Tages lernte er einen umherziehenden Tierpräparator namens Hoffmann kennen. Von draußen nicht still. Einige Zeit zuvor waren schwere Jahre übers Land gegangen: Die ihm erlernte er die Fertigkeit der Tierpräparation und übertraf schon bald das Können Bauern mussten drückende Abgaben für Napoleons Armeen aufbringen, was auch an seines Lehrmeisters bei weitem. Naumanns Gut in Ziebigk nicht spurlos vorüberging. Trotz Dürre und Verwüstung wollten die inzwischen neun Kinder versorgt sein und Geldsorgen verhinderten den So schuf er sich eine Sammlung aller im Herzogtum vorkommender Vogelarten, die er Fortgang von Naumanns Werk. Die Rettung kam in der Person des regierenden Herwohlgeordnet nach deren Verwandtschaft oder Ähnlichkeit in seinem Hause aufstellte. zogs Ferdinand Friedrich von Anhalt-Köthen: Dieser wollte sich die Berühmtheit NauDoch bald hörte er davon, dass im fernen Schlesien ein Freund seines Vaters eine große manns zunutze machen und dessen Sammlung in seinem Schlosse in Köthen zeigen. Vogelsammlung besaß und brannte fortan darauf, diese mit eigenen Augen zu sehen, Fortan nannte sich Naumann „Inspektor des herzoglichen Vögelkabinettes“ und konnte um auch diese Vögel für sein Buch malen zu können. Das Tagewerk in der Landwirtbei seiner wissenschaftlichen Arbeit auf die Unterstützung des Herrscherhauses zählen. schaft des Vaters brauchte aber jede Hand und so wurde die Reise von einem aufs andere Jahr verschoben. Im Juli 1805 war es endlich so weit. Guter Dinge bestieg Johann FriedJahre vergingen und Band auf Band des großen Werkes begeisterte Menschen in Nah rich die Postkutsche. Die Zeit wurde ihm nicht lang, denn neue Eindrücke der Natur und Fern für die Welt der Gefiederten. Viele von diesen suchten den Kontakt zu Naufesselten seinen Blick, zumal er das heimatliche Anhalt zum ersten Mal in seinem Leben mann und den anderen Koryphäen des Faches wie Martin Hinrich Lichtenstein (Berlin), verließ. In Briefen beschrieb er seine Erlebnisse auch der daheimgebliebenen Familie. Christian Ludwig Nitzsch (Halle) oder Friedrich August Ludwig Thienemann (Dresden) und so regten sie bald ein gemeinsames Wissenschaftlertreffen an. Naumanns Freund Bei schönstem Wetter kam er endlich bei Freund Silvius August von Minckwitz an, August Carl Eduard Baldamus drängte darauf, dieses in Köthen abzuhalten, wo sich die der ihn herzlich willkommen hieß. Auf dessen Schloss in Grunwitz tat sich für Johann berühmte Sammlung befand, die dem bahnbrechenden Werk zugrunde lag. Dies war die Friedrich eine neue Welt auf, denn dort gab es viele Vögel, die denen, die er aus Ziebigk Geburtsstunde der Deutschen Ornithologen-Gesellschaft, welche es heute noch gibt. kannte, zwar ähnelten, aber doch irgendwie anders aussahen. Was hatte das zu bedeuten? Sogleich begann er, die ihm unbekannten Formen zu zeichnen, wobei ihn der erfahrene Schnell wuchs die Zahl der Mitglieder. Auf den regelmäßigen Versammlungen wurde Vogelkenner Herr von Minckwitz auf Besonderheiten hinwies und so auch Naumanns diskutiert, gefachsimpelt und vor allem gestritten, da die Meinungen zu verschiedenen Blick für Details schärfte, was ihm später noch gute Dienste leisten sollte. Fragen sehr auseinander gingen und man kam zu keinem Ende. Einig war man sich dagegen, dass zur Klärung strittiger Fragen allein eine reichhaltige Sammlung von VerDie ihm aus Anhalt völlig unbekannten Gebirgsgegenden faszinierten ihn während der gleichsmaterial unabdingbar war. So wurde der Grundstock für die heute berühmten Jagdausflüge mit seinem Gönner und ließen in ihm dem Beschluss reifen, sich eine großen Forschungssammlungen in Halle, Leiden, Bonn und Berlin gelegt. möglichst komplette Sammlung aller Vögel Europas zuzulegen und sein Leben fortan der Erforschung und Beschreibung der Vogelwelt zu widmen. Mit neuen Erkenntnissen Fortan widmeten sich einige besonders den Federn der Vögel, andere dem Knochenbau, reich beschenkt trat er die Reise in die Heimat an. wieder andere beschäftigten sich mit der Ernährungsweise und manche zogen sogar in die weite Ferne, um dort die Vogelwelt exotischer Länder zu erforschen oder gänzlich Doch es war schwer für ihn, dem Vater beizubringen, dass dessen „Naturgeschichte der neue Arten zu entdecken. Über alledem vergaßen sie aber nie den Vorkämpfer und Land- und Wasser-Vögel […]“ nur einen ersten Versuch darstellen konnte, die Vielfalt Freund auf seinem kleinen Hof im ländlichen Ziebigk. Naumann sah dies mit Wohlgeder Vögel umfassend zu beschreiben und dass daher eine erweiterte Neufassung drinfallen und förderte seinerseits auch jüngere Ornithologen und stand mit Rat und Tat bis gend geboten war. Der Gedanke, ein wirklich umfassendes Werk über alle Vogelarten zuletzt im Dienst der ihm so lieben Wissenschaft. Mitteleuropas zu schaffen, ließ ihn fortan nicht mehr los. Unermüdlich vervollkommnete er sich im Malen und Kupferstechen und drängte seinen Bruder, ihm seine BeobDer Grundstein für die wissenschaftlich begründete Ornithologie in Mitteleuropa war achtungen aus Wald und Flur mitzuteilen. somit gelegt und für die nächsten Jahrzehnte bildete Naumanns Werk die Basis für alle weiteren Forschungen, so dass nahezu 50 Jahre nach Naumanns Tod eine Neuauflage Um wirklich alle nach dem damaligen Wissensstand verfügbaren Informationen zu den seines Buches erschien, die den Namen Naumanns in immer weiteren Kreisen bekannt Vogelarten zusammenzutragen, korrespondierte Johann Friedrich Naumann mit vielen machte. Dies führte letztendlich auch zur Gründung des Naumann-Museums, in dem Ornithologen des In- und Auslandes. Darunter waren zum Beispiel Coenraad Jacob seither sein Nachlass gezeigt wird. Temminck in Leiden, Heinrich Rudolf Schinz in Zürich und natürlich der „Vogelpastor“ Christian Ludwig Brehm in Renthendorf. Und heute? Heute gibt es viele Ornithologen und Fachrichtungen, von denen Naumann nie geträumt hätte. Unverändert wichtig ist aber immer noch das Sammlungsmaterial Nach und nach trug Johann Friedrich Naumann trotz ständiger Geldsorgen und der als Basis und Referenz jeglicher Forschung. Lückenlose Sammeltätigkeit über die Jahrbeschränkten Verfügbarkeit von aktueller Fachliteratur weitab der großen Städte eine hunderte ermöglicht es uns heute, zeitliche Veränderungen in der Vogelwelt überall auf
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der Erde zu dokumentieren und direkt mit Präparaten zu belegen. An 200-jährigen Präparaten kann man mit heutigen Methoden Erkenntnisse gewinnen, an die Brehm, Naumann und ihre Zeitgenossen nie gedacht hätten und so wird es auch in 200 Jahren mögliche Anwendungen geben, von denen wir heute noch nichts ahnen. Schon immer haben sich durch klimatische Veränderungen die Verbreitungsgrenzen von Vogelarten verschoben. Der Mensch verändert die Umwelt und Arten passen sich an oder sterben aus, andere werden in fremden Gebieten angesiedelt und müssen dort mit ungewohnten Bedingungen zurechtkommen. Umweltgifte lassen sich in ihrer Zunahme erkennen und quantifizieren. Durch technischen Fortschritt kann man inzwischen den Vögeln viele Informationen entlocken, so ist es zum Beispiel möglich, aus winzigen Gewebeproben DNA-Studien an Museumsmaterial durchführen oder durch die Analyse der Isotopenzusammensetzung von Vogelfedern Aufschlüsse über deren Herkunft und Wanderwege gewinnen. Auch heute ist es noch sinnvoll, die Sammeltätigkeit fortzuführen, denn so, wie wir aus Naumanns Sammlung Erkenntnisse über die Vogelwelt seiner Zeit gewinnen können, so werden die Ornithologen in 200 Jahren einmal auf die von uns heute angelegten Sammlungen angewiesen sein. „Dergleichen Beispiele […] beweisen, dass wir mit der deutschen Ornithologie noch lange nicht am Ende sind, noch gar Vieles nachzuholen haben, theils zum Berichtigen oder zum Vervollständigen des Vorhandenen, theils neue Erscheinungen.“ J . F. N AU M A N N , 12. Juli 1844
N AU M A N N - M U S E U M Schlossplatz 4 06366 Köthen/Anhalt 03496-700 99 276 www.bachstadt-koethen.de/kunst-und-kultur/naumann-museum.html
B E R N H A R D J U S T geboren 1967 in Köthen, studierte in Halle Biologie mit Schwerpunkt Tierökologie und beschäftigte sich im Rahmen seiner Diplomarbeit mit dem „reversiblem Sexualdimorphismus beim europäischen Uhu“. Nach einem halbjährigen Praktikum in Rumänien wurde er 1994 als technischer Mitarbeiter/Präparator am Naumann-Museum Köthen eingestellt und übernahm dann ab 2010 dessen Leitung. Desweiteren engagiert er sich im örtlichen Naturschutz. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. I R I S H E Y N E N wurde 1972 in Wuppertal geboren. Nach einem Biologiestudium in Köln und einer Buchhändlerausbildung arbeitet sie derzeit vor allem als Museumsornithologin, zunächst im Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart, seit 2010 im Naumann-Museum Köthen. Ihr Interesse gilt besonders den Themen Inventarisierung und Sammlungsdatenbanken sowie historischen und biografischen Recherchen. Seit 1995 ist sie ehrenamtliche Beringerin für die Vogelwarten Radolfzell und Helgoland. Im Rahmen der Fachgruppe „Ornithologische Sammlungen“ beteiligte sie sich an einem Buch über das Vermessen von Vögeln.
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WA L F I S C H E KÖ N N E N N IC H T F L I E G E N , A B E R S I N G E N .
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m Museum für Naturkunde in Berlin werden Tierstimmen konserviert. An die 1.800 Vogelstimmen, Stimmen von 580 Säugetier- und von mehreren Fisch-, Amphibien-, Reptilien- und Insektenarten, finden sich im digitalen und öffentlich zugänglichen Archiv. Die Zahl der erfassten Einträge an Vogellauten lässt darauf schließen, dass die durchschnittlich eher kleinen Tierchen uns in Summe stark beschäftigen. Kaum eine andere Tierart ist so gut dokumentiert wie die Gattung der Vögel. Sie gelten als eine der artenreichsten Klassen unter den Wirbeltieren. Das allgemeine Interesse an ihnen könnte sich über diverse Aspekte konstruieren lassen. So zum Beispiel, dass sie uns als Nachfahren einiger Dinosaurier-Arten bekannt sind. Vielleicht ist es aber auch bloß die Faszination am Flugverhalten oder dem Fliegen selbst, am Eierlegen oder am bunten Gefieder was ornithologie-affine Menschen zu Vogel-Stalkern werden lässt. Oder eben: alles zusammen. Als eher junger Zweig der Zoologie ist die Vogelkunde diskurs-technisch, was interdisziplinäre Versuchsanordnungen betrifft, noch einigermaßen beweglich und anwendungsoffen.
Rebelliere im Stillen, diskutiere banal, wenn man Vieles verliert, ist dir vieles egal. Ich habe beschlossen, ich gehe konform. Ich stelle mich richtig und entspreche der Norm. Ich wollte viel ändern und die Jahre, sie vergehn, und ich hab nichts bewirkt und es blieb alles stehn. Drum zieh ich die Schlüsse, wenn ich Schlüssel seh, ich wähl den Weg des geringsten, denn der andere tut so weh, so weh, so weh. Drum singet ihr Vögel: »Tschiep, tschiep, tscharip.« Drum singet ihr Vögel, denn ich sing jetzt mit.
»Tschiep, tschiep, tscharip.« Ich muss stets an die Geschichte von Kurt Schwitters Ursonate – Sonate in Urlauten »Tschiep, tschiep, tscharip.« – denken, wenn es um das Thema ›Vögel‹ in der Kunst geht. Eine mir bekannte Gestalterin, Astrid Seme, schenkte mir 2010 ein Poster weil sie sich intensiv mit der Sonate (Gustav – Abgesang, vom Album: Verlass die Stadt, Chicks on Speed Records, 2008) auseinandergesetzt hatte. Begeistert ließ ich mich auf eine kleine Recherche zum Thema ein und stieß auf folgende Geschichte: Der Berliner Künstler Wolfgang Müller hatte sich einen Urheberrechtsstreit mit einem Verlag eingeL I E B E R DE N S PAT Z I N DE R H A N D handelt, der – über Umwege – den Nachlass von Kurt A L S DI E TAU B E AU F DE M DAC H . Schwitters Werk verwaltet. Müller war zur ehemaligen Sommerdestination von Schwitters nach Norwegen In der Traumdeutung oder in esoterischen Praktiken aufgebrochen, um nach Überresten seiner Hütte auf sind Vögel ein Sinnbild für Phantasie, Gedanken und der Insel Hjertøya am Molde-Fjord zu suchen. Dort Ideen. Der Vogel als Luftwesen gilt seit jeher aufgrund hatte der Künstler Laute von Staren aufgenommen, die seiner Flugfähigkeiten als mysteriös. Er wird den GeFÜNF BILDER ZU VÖGELN er assoziativ mit der Ursonate in Verbindung brachdanken zugeordnet, die unseren Alltag bewegen. te. Höchstwahrscheinlich sehr erstaunt, verarbeitete Vögel stehen für die Seele des Menschen. Bekann14 VON CHRISTIAN HOFFELNER er diese Entdeckung später in einer Ausstellung. Er te Gleichnisse sind weise Eulen oder Raben, die bannte den Gesang der Vögel auf einen Tonträger: beispielsweise das Dunkle und Unglückliche verkör»Fümms bö wö tää zää Uu, pern. In verschiedenen Traumdeuter-Foren im Netz ist Weiteres von ziemlich platten pögiff, assoziativen Bezügen, wie der Eitelkeit in Zusammenhang mit einem opulenten FederKwii Ee.« In aller Klarheit gingen die rechtlichen Besitzer kleid die Rede, oder von Zugvögeln, deren Erscheinen im Traum, auf ein unzufriedenes des Œuvres von Schwitters ihrer Pflicht nach, den Missbrauch des Werkes jedenfalls Dasein rückschließen lassen. nicht unbeachtet zu lassen. Solchen Betrachtungen und Verquickungen werden in der anfangs erwähnten VogelDer juristische Schachzug der Nachlassverwalter war ebenso bizarr wie die Tatsache, kunde wenig Beachtung geschenkt. Doch wohin führen uns Vögel mit ihrer Symbolik, dass rund 40 Jahre später eine Generation Singvögel sich Schwitters Werk habhaft geden Sinnbildern, Flugrouten, dem Gezwitscher, Gegacker und Geschrei? Was können macht hatte. Es waren Stare, die in der Lage waren Laute der Sonate zu imitieren und wir in technischen Belangen von ihrer Form, dem Federkleid oder ihrem Orientieüber Generationen hinweg zu erlernen. So zumindest kenne ich die Geschichte. rungssinn lernen? Was würde geschehen wenn wir natur- und geisteswissenschaftliche Zugänge vermengen, diese mit Mysteriösem anreichern und durch okkulte Methoden Bis heute ist nicht vollständig enträtselt, wie Vögel zu singen beginnen. Nachahmung verbinden? Es würde vermutlich bunter Rauch aufsteigen; oder aber, eine Kulturtechnik und beständiges Üben spielen dabei eine wichtige Rolle. Wissenschaftler konnten bezur Anwendung kommen, deren Verfahren sich weder auf Forschungsobjekte, noch auf reits nachweisen, dass Singvögel ihr Repertoire auch im Schlaf erlernen, indem sie in die Wirkung auf den Menschen reduzieren lassen. ihren Träumen immer und immer wieder das üben, was sie tagsüber von sich geben und erfahren. In nachahmungsanfälligen Vögeln stecken daher ungeahnte Möglichkeiten – In einem Text von Graham Harman, ›Der dritte Tisch‹, geht es, wie der Name schon so wie es scheint – vor allem was die Datenspeicherung und ihre Vermittlung betrifft. sagt, nicht um Vögel. Es wird die These aufgestellt, dass ein Loslösen eines innerdisziplinären Diskurses andersartige Denkweisen hervorbringt. Verfahren, die Phänomene weder auf Quarks und Elektronen, noch auf Wirkungen von Tischen auf Menschen DI E VÖ G E L reduzieren (Tische sind im zitierten Text ein Beispiel für ein Forschungsobjekt, es könnten auch Vögel sein, wenn man sie als Objekte betrachtet). Harman beschreibt, dass »Krähen sind auch sehr schlaue Vögel.« Das behauptete zumindest eine Freundin, als ich geistes- bzw. naturwissenschaftliche Phänomene im allgemeinen freigelegt, isoliert und ihr die Geschichte erzählte. In einem einschlägigen Gespräch, das auf meine Ausführungen dermaßen reduziert betrachtet werden, dass es nur eine sehr geringe produktive Schnitthin folgte, hatte sie mir ein Video von einer Katze und einer Krähe gezeigt. Die Katze hatte menge an Kooperationen und andersartigen Resultaten gibt – womöglich liegt es an der sich mit dem Vogel angefreundet: Gemeinsames Essen, zusammen durch die Straßen ziestark gewichteten, bipolaren Annäherung. »Der Wissenschaftler reduziert den Tisch hihen, draußen rumtollen – echte Freunde eben. Die Krähe fütterte die Katze und zeigte ihr nunter zu winzigen Partikeln, die für das Auge unsichtbar sind; der Humanist reduziert Dinge im Garten. Ein älteres Ehepaar aus den Vereinigten Staaten hatte diese Episoden – ihn hinauf zu einer Reihe von Wirkungen auf Menschen und andere Dinge. […] Der von deren Terrasse aus – mit einer Videokamera dokumentiert. Meine Erkenntnis: Krähen reale Tisch ist in Wirklichkeit ein dritter Tisch, der zwischen diesen beiden liegt.«* sind in ihrem sozialen Verhalten überdurchschnittlich anpassungsfähig, sie benutzen Hilfsmittel um an Nahrung zu kommen, sie können Werkzeuge herstellen und sich Gesichter Es werden nicht zwingend Tische oder Vögel sein, mithilfe derer sich die angewandte und die Gestalt anderer Lebewesen merken – das wären Eigenschaften, die wir auch von Kunst in das Korsett wissenschaftlicher Forschung stecken lassen wird, dennoch deuten Primaten kennen. Ich bin natürlich kein Experte, weder Liebhaber noch Wissenschaftler Philosophen wie Graham Harman auf die Potentiale einer Kultur hin, die es vermag, und auch sonst keineswegs speziell interessiert was Tiere oder insbesondere Vögel betrifft, um eine dritte Betrachtungsebene zwischen natur- und geisteswissenschaftliche Phänomene weitere Vergleiche zu ziehen, die zu irgendwelchen fundierten Ergebnissen führen würden, und Vorgehensweisen zu legen oder gar eine autonome Plattform dafür zur Verfügung geschweige denn, in der Lage Ähnlichkeiten zu wissenschaftlichen Diskursen aufzuzeigen. zu stellen. Und es könnte die Kultur der Kunst sein, die diese Leerstelle zu besetzen Am Ende musste ich nun wieder an das Ehepaar denken, das mir als Sympathieträger – mit weiß. »Drum singet ihr Vögel: ›Tschiep, tschiep, tscharip.‹ Videokamera und improvisiertem Tierobservatorium auf der Terrasse – stark in ErinneDrum singet ihr Vögel, denn ich sing jetzt mit.«** rung geblieben war. Und, wie bei vielen Produktionen – im nun besten Sinn verstanden –, weit gefassten Bereich der Kunst, lassen sich auch hier interessante DeutungszusammenC H R I S T I A N HO F F E L N E R , Wien, 2012 hänge herstellen.
VOGEL V
PE AC E A N D M U S IC Ich bekenne mich schuldig, die Welt tut mir weh. Drum zieh ich die Schlüsse, wenn ich Schlüssel seh. Wenn innen wie außen, so blind sind wie wir, Dann hilft nur das Warten, das Trinken von Bier. Ja, auch ich unterschreibe nun die Petition, ich bin für mehr Logik, für mehr Konzentration.
A N M ER K U NGEN * Graham Harman – Der dritte Tisch, dOCUMENTA (13): 100 Notes – 100 Thoughts, 100 Notizen – 100 Gedanken # 085, Hatje Cantz, 2012 ** Gustav – Abgesang, vom Album: Verlass die Stadt, Chicks on Speed Records, 2008 C H R I S T I A N HO F F E L N E R ist grafischer Gestalter und betreibt die Grafik Design Werkstatt CH Studio zwischen Wien, Bozen und Leipzig. Letzte Veröffentlichung: A Zine – Aspekte architekturrelevanter Drucksachen: Das Phänomen Eigenverlag in gestaltenden Disziplinen, 188 Seiten, erschienen bei Spector Books, Leipzig, 2012
BLAUKEHLCHEN 15
VON CHRISTIAN NAUMANN
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eit nunmehr vier Jahren versuche ich jedes Frühjahr, meist Mitte April, Blaukehlchen (luscinia-svecica) in Hessen zu fotografieren. Angeregt durch eine Exkursion des Naturschutzbundes Hessen und oftmaligen Besuchen des Gebietes mit dem Fernglas in den vergangenen Jahren hat es in diesem Frühjahr nun geklappt. Die Blaukehlchen waren zwar noch relativ weit im Schilf und sind balzend die meiste Zeit geflogen. Hin und wieder haben sie sich jedoch auf fotogenen Halmen niedergelassen, so dass ich sie fotografieren konnte. Der Wind, der die Schilfhalme hin und her bewegte, hat sich für ein kurzes Zeitfenster gelegt. Die Halme standen still und nun musste ich schnell sein: Das Blaukehlchen in den Sucher bekommen, fokussieren und den Bildausschnitt kontrollieren, dann auslösen. Die Bilder waren in der Kamera.
Z
wei heftige Regenschauer haben mich und einen Freund beim Ansitzen vorher kräftig durchnässt. Bei strahlend blauem Himmel waren wir losgezogen, hatten zuversichtlich die Regensachen im Auto gelassen und haben uns auf den wolkenlosen Himmel verlassen. Nach dem ersten Schauer wollten wir schon zurückfahren, sind aber dann doch noch glücklicherweise geblieben und mit Blaukehlchen-Bildern belohnt worden.
C H R I S T I A N N AU M A N N lebt im Rhein-Main-Gebiet. Nach einem Studium der Politikwissenschaft und Betriebswirtschaftslehre nutzt er jede freie Minute, um in der Natur zu sein. Stilistisch ordnet er seine Bilder dem dokumentarischen Bereich zu. Technisch hochwertige Abbildungen zu schaffen, die auch eine naturwissenschaftliche Aussage haben, ist ihm wichtig. Christian Naumann begeistert es aber auch, abstrakte, künstlerische Bilder zu schaffen. Seine Bilder sind durch einen aufgeräumten und klaren Bildaufbau charakterisiert. Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum sind seine Hauptmotive. Besonders liegt Christian Naumann die heimische Fauna und Flora am Herzen. Seine Bilder werden in Ausstellungen, Artikeln, Fine Art Prints und Kalendern publiziert.
PRENDS-EN DE LA GRAINE 16
DE LA COMPAGNIE DES PLUMÉS
J A N V I E R 2 013 L E 24 E T 25 J A N V I E R : À T H É ÂT R E D E C R É PY E N VA L O I S
M E T E N S C È N E DE S P OU L E S S AVA N T E S : E R N E S T I N E , R E N É E , O R N E L L A , B R E E , W I M , G A B I N, L U
DU 2 8 J A N V I E R AU 3 F É V R I E R : F E S T I VA L J A N V I E R D A N S L E S É T O I L E S À L A S E Y N E S U R M E R G U I N G U E T T E E T P R E N D S EN DE L A GR A INE
À la fois cirque, théâtre, art du clown, ce spectacle poétique et drôle présente des numéros étonnants de dressage de poules. Diane Dugard et Juan Cocho enchaînent saynètes après saynètes, surprises après surprises, créant un monde au rythme surprenant, et une ambiance tendre et singulière. Ils sont sur scène, ils vous attendent au milieu des plumes, sur un air d’accordéon. Ce spectacle est unique en son genre. C’est l’histoire d’un homme et d’une femme qui vivent en douceur dans de la plume. Ils ont leurs poules et ils sont bien. Avec une simplicité et une naïveté incroyable Diane nous montre ses poules. Elle est si fière de les faire danser et jouer de la musique ... Juan l’accompagne en jouant de l’accordéon et de sa plume, débordant d’énergie, il tente de dresser des «animots» qui lui échappent. Elle aimerait être une poule ... Il parle une sorte de langue des oiseaux…
F É V R I E R 2 013 DU 5 AU 11 F É V R I E R : F E S T I VA L L E S E L A N C É E S À I S T R E S E T P O R T S A I N T L O U I S DU R H Ô N E . M A R S 2 013 DU 18 AU 2 3 M A R S : 5 R E P R É S E N TAT IO N S D E P R E N D S E N D E L A G R A I N E D A N S L’A B B E V I L L O I S S O U S N OT R E C H A P I T E AU. AV R I L 2 013 L E 27 AV R I L : F E S T I VA L D E L‘ O I S E AU À A B B E V I L L E P R E N D S E N D E L A G R A I N E Y V E T OT M A I 2 013 L E 13 M A I : P R E N D S E N D E L A G R A I N E À Y V E T OT M A I E T J U I N 2 013 T O U R N É E C H A P I T E AU E N P IC A R D I E E T E N L O R R A I N E 4 0 D AT E S
P LU S D’ I N F O E N S E P T E M B R E
«Invraisemblable dresseuse de poules!» Le canard Enchaîné «Aussi déjantée que décalée...» Paris Match «Diane, ses lunettes d’hypo-khâgneuse et ses poules dréssées façon sexy.» Le Monde «un spectacle pouleversant» France inter L A C O M PAG N I E DE S PL U M É S a été fondée en avril 2009, par Diane Dugard, artiste de cirque (voltigeuse aérienne, dresseuse de poules et clown) qui associe très rapidement à son travail celui de Juan Cocho, comédien écrivain formé à l’école National du Théâtre de Strasbourg, et celui d’Eric Dugard, technicien, qui les accompagne dans leur recherche. La réunion de leurs univers respectifs va donner naissance à la première création de la Compagnie des Plumés: «Prends-en de la graine», et définir la spécificité de la compagnie: travailler avec des poules vivantes et savantes. Basée en Picardie, la compagnie est actuellement installée en résidence permanente au Centre des arts équestre du cirque de Valerie Fratellini à Noailles, dans l’Oise, où elle continue à développer son travail. www.poulesavante.fr
KLETTERNDE VÖGEL FLÜGEL ERLEICHTERN DAS ERKLIMMEN STEILER HÄNGE 17
VON DIEMUT KLÄRNER
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ogelflügel dienen nicht nur zum Fliegen, auch beim Bergsteigen können sie nützlich sein. Das hat Kenneth Dial von der University of Montana in Missoula erstmals bei jungen Chukarhühnern beobachtet. Wie sein europäischer Verwandter, das Steinhuhn (Alectoris graeca), bevölkert auch das Chukarhuhn (Alectoris chukar) meist felsiges Terrain. Typisch für den Hühnervogel ist sein Nachwuchs schon bald nach dem Schlüpfen gut zu Fuß. Die Küken können wie ihre erwachsenen Artgenossen ohne weiteres Hänge mit bis zu 45 Grad Neigung erklimmen. Sie können sogar etwas steilere Anstiege bewältigen, wenn sie beim Laufen heftig mit ihren noch kümmerlich kleinen Flügelstummeln schlagen. Je weiter sich ihre Flügel entwickelt haben, desto besser kommen die heranwachsenden Chukarhühner mit starken Steigungen zurecht. Vier Tage alte Küken können bis zu 60 Grad bergauf sprinten, im Alter von zwanzig Tagen bezwingen sie sogar senkrechte Felswände. Mit Beschleunigungsmessern bestückt, zeigten die Chukarhühner, dass sie von ihren abwärts schlagenden Flügeln gegen die Lauffläche gedrückt werden. So können ihre Füße dort Halt finden und der Schwerkraft trotzen. Der Wissenschaftler erfuhr von Farmern und Jägern, dass auch erwachsene Chukarhühner bisweilen flügelschlagend an Felsen hinaufsteigen. Dank ihrer voll funktionsfähigen Flügel können die Vögel auf diese Weise sogar leicht überhängende Klippen erklimmen. Doch warum gehen sie in so schwierigem Gelände überhaupt zu Fuß, wenn sie doch fliegen könnten? Des Rätsels Lösung fand Kenneth Dial zusammen mit seinen Kollegen Brandon Jackson und Bret Tobalske bei der Felsentaube (Columbia livia): Kurze Steilhänge im Flug zu überwinden wäre für die Vögel viel anstrengender als Schritt für Schritt bergauf zu gehen, berichten die Forscher in der Zeitschrift „The Journal of Experimental Biology“ (Bd. 214, S. 2354). Die Felsentaube besiedelt Felswände, im Gebirge ebenso wie an der Küste. Als verwilderte Haustaube bevölkert sie die Städte und nutzt Simse und Nischen an Gebäuden als Nistplatz. Wie bei Tauben allgemein üblich, brauchen die Jungen nicht mobil zu sein. Bis sie flügge sind bleiben sie im Nest und lassen sich von ihren Eltern versorgen. An der University of Montana wurden einige erwachsene Tauben darauf trainiert, einen bestimmten Sitzplatz entweder im Flug zu erreichen oder in über eine steile Rampe anzusteuern. Winzige implantierte Messgeräte erlaubten währenddessen, die Leistung der Flugmuskulatur zu registrieren. Dabei stellte sich heraus, dass diesen Muskeln erstaunlich wenig abverlangt wird, wenn sich die Tauben als Bergsteiger betätigen. Eine Steigung von 65 Grad geht mit einer so geringen Muskelleistung einher, dass die elektrische Aktivität der Flugmuskulatur kaum messbar ist. Auf einer nahezu senkrechten Rampe schlägt der Vogel zwar kräftiger mit den Flügeln.
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inaufzufliegen würde von der Flugmuskulatur aber einen Einsatz fordern, der diese Leistung noch um das Drei- bis Vierfache übertrifft. Bergauf zu Fuß gehen, kann also eine gute Alternative sein. Nicht nur dann, wenn der Vogel schon so erschöpft ist, dass ihm die Energie für einen fliegenden Start ohnehin fehlt. Es kann auch ratsam sein, mit begrenzten Kräften zunächst sparsam hauszuhalten, um jederzeit auf und davon fliegen zu können, wenn es brenzlig wird. Dass es so wenig Muskelkraft bedarf, damit die Flügel den gefiederten Bergsteiger wirksam unterstützen können, ist auch für Evolutionsbiologen aufschlussreich. Im Erdmittelalter waren nämlich nicht nur Vögel mit Federn ausgestattet. Diverse Fossilien kleiner Dinosaurier zeigen eindeutige Überreste eines Federkleides. Einige dieser Saurier begnügten sich sogar nicht mit einem wärmenden Daunenmantel. Anscheinend taugten die Federn an ihren Gliedmaßen auch für Gleitflüge. Durch aktiven Flügelschlag heben sich die Vögel von dieser Verwandtschaft ab. Aus den Vorderbeinen sogenannter Coelurosaurier, die erhobenen Haupts auf zwei Beinen liefen, müssen allmählich Vogelflügel entstanden sein. Wie sich an den Küken der Chukarhühner beobachten lässt, macht jede Vergrößerung der gefiederten Vorderbeine das Tier merklich geländegängiger. Dass die Vorfahren der Vögel im Laufe von Jahrmillionen eine vergleichbare Entwicklung durchliefen, scheint eine plausible Hypothese zu sein: Um die Hinterbeine effizient gegen einen Steilhang zu drücken, müssten sich die Vorderbeine bereits eher auf und ab bewegt haben als vor und zurück. Damit hätten die Saurier auf dem Weg zum Vogel schon ein Bewegungsmuster herausgebildet, das dem Flügelschlag beim Fliegen nahekam. Die ersten Flugversuche dürften freilich im Gleitflug hangabwärts geführt haben, denn diese Flugtechnik erfordert am wenigsten Muskelkraft. Senkrechtstarter waren die Urahnen der Vogelwelt sicher nicht. Wenn die „missing links“ zwischen gefiederten Dinosauriern und flugfähigen Vögeln in felsigem Terrain lebten, minderte das freilich ihre Chancen, fossile Spuren zu hinterlassen. Doch womöglich haben die flügelschlagenden Bergsteiger mitunter – ähnlich wie heutzutage die Felsentauben – auch Klippen an der Meeresküste bevölkert. Dann könnten die Paläontologen doch noch hoffen, in versteinerten Meeressedimenten einschlägige Überreste zu entdecken. in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2012, Nr. 3, S. N2 © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv
DIE GESCHWISTER EIERLEGER 18
VON ERDUAN MALIQI
E R DUA N M A L I Q I Klasse 3 (Schuljahr 2011/2012) · Maria Montessori Grundschule Hausen · Stuttgart
The players:
Opera ( O ) Narrative ( N ) Communication ( C ) Music ( M )
O N B I R D S A N D O PE R A
If C = N let us call it CN
amed ornithologist Professor Erica Finkel telephoned me around 4am. In a state of agitation she muttered and yelped her way through a proposal for a project that had apparently kept her awake all night. Outside the Dawn Chorus was breaking through the silence of night-time like the bubbles of a drowning man on the top of the water, whilst Professor Finkel, speaking at hyperspeed so I caught only every second or third word of her increasingly convoluted narrative, persisted into the darkness.
Then does O = M + CN ?
F
If we accept that O = M + CN and we know that B = M + CN then clearly B = O A text message from Professor Finkel arrives on my mobile telephone:
Drifting off into my reveries, I saw architecture, like the “wilderness of buildings sinking far and self withdrawn into a wondrous depth” by Wordsworth. The buildings were of a strange form, seemingly two-dimensional and twelve-dimensional, flat and endless, shifting and melting through one another, like a child‘s toy theatre that has decided it is unhappy with the shape of the universe and decided to alter the structure of the cosmos from scratch. As the architectures dissolved, I found 19 VON ERGO PHIZMIZ myself seated, the only spectator in a vast auditorium contained within the world of buildings I had travelled through.
‘
After almost two hours of Professor Finkel‘s manic narrative she signed off the telephone. I hung up the receiver, and went back to bed. My mind was overtaken by one of those extraordinarily vivid and concrete dreams, the kind that only comes if your sleep has been disturbed by an enthusiastic insomniac ornithologist in the small hours of morning.
Let us continue and add Birdsong ( B )
U R CORRECT B = O. SO U PROVE MATHEMATICALLY THAT OPERA N BIRDSONG R THE SAME NTT. GIVE URSELF A MEDAL. BUT THE PROB IS (message incomplete)
PROFESSOR FINKEL S PROBLEM
I applauded, as I felt I ought to, when on the vast proscenium-arch stage a tiny Starling hopped to the centre, before the red velvet curtains. He summoned to the orchestra pit with a flick of his wing, and I noticed an orchestra, not of birds, but of people in badly made and terribly fitted bird-costumes, except for the conductor, a massive and terrifying crow with a piece of bone for a baton. I pressed my arm and found my fore-arm soft, floppy, and empty. The crow conductor tapped for silence, raised his baton. I coughed slightly, he turned to me with a glare. I hid my face behind my hands. Beep beep. In my bedroom the computer teases me to wake. An inbox alert: you have one new message. Early to receive an e-mail. Of course – it‘s Professor Erica Finkel. From: Professor Erica Finkel To: Ergo Phizmiz I trust you slept well. Please keep this information quiet on your Twitter stream. What they steal from the birds, we are stealing back. I am, as ever, Tweet tweet. Further to our telephone conversation of this morning It was all coming back to me. I‘d forgotten almost everything Professor Finkel had said to me but slowly the information was being conveyed, as if through loops and cycles that were embedded somewhere deep in my brain. I have made some structural drawings to indicate the matter of the ornithological operas. You will find the files attached I did not find the files attached. Still, this is Professor Finkel and really I have come to expect such absent mindedness. When you look or don‘t look at the files you will see or not see what I mean. The principle is the loop. Or the loop and variation. I have discovered that birds inherently do not like the medium of opera, considering it a pale imitation of the way in which they quite naturally exist. At the back of my garden is a large elm tree. I climbed into the branches and eventually to the top of the beast, where I perched. There were two things on my mind – storytelling / narrative and opera. The gist of Professor Finkel‘s ideas was, put in the simplest possible terms, that opera is a medium invented by birds which can only reach its apex as an artform if it is created expressly for the birds. I took my trusty pen-knife from my pocket and began to carve into the bark of the tree:
A
I waited for the rest of the message to arrive. Tapped my finger on my knee. A sparrow sprang into the tree, caught a glimpse of me, flew away. My mobile telephone beeped again:
…. HOW 2 FIND PROOF FOR THIS STRUCTURAL SOURCE OF OPERA, 2 STEAL IT FROM VERDI N RETURN IT 2 THE FEATHERED FRIENDS FROM WHENCE IT CAME. THE PROOF IS IN THE PUDDING, THE PUDDING IS IN THE LOOP, THE LOOP IS THE KEY, THE KEY IS IN THE DOOR.
I clambered down from the branches and Professor Finkel was correct, the key was in the door. Attached to the handle-end of this key was a laminated ring of sheet music. I went back in the house and poured myself some breakfast cereal. The issue is, then, as far as I can glean from Professor Finkel‘s communications, that opera is a format invented and perfected by birds, taken and modified by human beings. Professor Finkel believes that the hour is ripe for the humans to return the favour abegin to create operas particularly for the enjoyment and consumption of birds. A paper aeroplane flew in from the open window and landed in my cornflakes. The aeroplane was covered in text. Looking from above at each of the wings, it read: Time is less of feathered it is for com ers op r
an issue for our friends than human pos of e a
Immediately I proceeded to unfold the paper aeroplane. Inside was more text, scrawled in a childish, almost idiotic hand: The communication of a narrative across time is a uniquely human trait, a simplistic solution to a complex question – the passing on of information. Mankind thoughtlessly decided that stories ought to be linear. This is a misguided way of thinking. When man stole opera from the birds, he stole only the style and omitted the substance. That is to say, the true value of opera lies not in its capacity to tell stories through music, but in its ability – when formed correctly in the manner of the birds – to express many stories simultaneously through cycles, loops, themes, repetitions and variations. I folded the document back into paper-aeroplane form and walked back into the garden. Convinced something cataclysmic was about to occur I threw the paper-aeroplane upwards into the sky, anticipating the inevitable take-off that would transform the dreams of mankind and the history of opera simultaneously. Instead, it simply landed in the drain next to bits of chicken that had obviously been pushed down the kitchen plughole the night before.
Disappointed, I returned to my cornflakes. I took out my penknife, and carved into the kitchen table: The transmission of information from Spectator ( S ) to Recipient ( R ) If communication ( C ) begins with what we understand to be music ( M ) then C = M, in a fundamental sense. If C = M, that is to say if Communication and Music are different terms for the same thing, then all transmission of information from S to R has its roots in what we have come to know as Opera ( O ), an invention of birds. This is all very well, but I was running out of space on the table. My eyes turned to the cornflakes box. The crowing chicken on the front of it reminded me of the paper-aeroplane, sitting in the drain with the bits of chicken from last night. I felt no remorse for the aeroplane – it was in good company. I turned the box of cornflakes around and read the back of it. FREE GIFT! Professor Finkel‘s problem: the source of opera comes from birds, who have the capacity to convey complex messages in an entirely non-narrative fashion. Professor Eric Finkel aims to understand how a story can be communicated through the combination of music, repetition and cyclical forms.
‘
PROFESSOR FINKEL S PROBLEM 19
B
BY ERGO PHIZMIZ
I slunk my hand deep into the bag inside the box of cornflakes, and through the worlds of forms that crinkled around my hand. I pulled out the free gift. Encased in a small, transparent plastic bag was a tiny plastic disc, emblazoned with the words: MESSAGE
VORTEX
I examined it. A small peephole. Inside the disc I saw a bird, washing itself in a white cereal bowl, in my garden. The bird noticed me, gave me an admonishing look for peeping, then spoke to me, in a language I didn‘t quite understand, but I will attempt to relay the meaning from the bird as I understood it. If your narrative is X and my narrative is Y X travels sideways and Y travels front ways inwards into eternity into meanings rather than along meanings. That is to say that your narrative ( X ) skirts alongside meanings rather than, like my narrative ( Y ), delving into meanings, headlong front ways, like a kamikaze bird. Your opera ( X O ) is different from my opera ( Y O ) because your opera X O relays a series of events but my opera Y O is the event itself and in my opera Y O all stories are contained. A knock on the door, and I‘m suddenly snapped out of this conversation with a bird. I leave him to his bath. I go to the door. It‘s the postman, who hands me a letter. I recognise Professor Finkel‘s handwriting. I open the letter, and disappear. E RG O PH I Z M I Z is a composer, writer, collagist, performer and film-maker. He hasn‘t yet learned to fly but is trying very hard, though still years away from giving Icarus a run for his money. He enjoys curries, wine, and cigars, in that order, and loves 1920s dance band music, Laurel & Hardy, and harmoniums. His work, which currently exceeds 300 hours of cross-media mess, has been performed and broadcast around the world over the past twelve years. He lives in Bridport, a small town full of bookshops in England, with a lovely lady and two little girls. More birds at ergophizmiz.net
En dessous des yeux bleus qui transperçaient la photo comme deux phares à brouillard, il y avait un extrait du texte : Il s’accouda à la balustrade et fuma se première cigarette en regardant les oiseaux tomber sur le sable : il y en avait qui palpitaient encore. Personne n’avait jamais pu lui expliquer pourquoi ils quittaient les îles du large pour venir expirer sur cette plage, à dix kilomètres au nord de Lima.
... AV E C DE S H I S T O I R E S D ‘O I S E AU X PA S T R É S C L A I R E S ?
R
ichard Chamberlain a des mâchoires découpés au cutter, un brushing aérien qui donne l’impression qu’une petite brise souffle juste pour lui, une soutane noire surmontée d’un col cassé blanc mettant en valeur son teint hâlé, et surtout des yeux bleus lagon qui rendent très bien dans les pages quadri des magazines TV. Richard Chamberlain joue dans LES OISEAUX SE CACHENT POUR MOURIR, une série qui a beaucoup fait pleurer les ménagères dans les années 80 et peut-être contribué à retarder la diffusion des centrales vapeur dans les foyers (les ménagères font souvent leur repassage devant la télé). Tout ce liquide lacrymal produit grâce à Richard Chamberlain a disparu dans des piles de chemises et des tas de culottes.
Colleen voyait chaque jour mourir des souris, elle n’avait donc pas trop envie de lire des choses sur l’agonie des oiseaux, même si ça se passait à Lima. Elle a fait une photocopie de la 4ème de couverture qu’elle a épinglée au-dessus de son bureau et a rendu le livre à la bibliothèque sans même l’avoir ouvert. Mais le titre du livre mélangé aux yeux bleus de la photo s’est mis à faire son chemin dans son cerveau. A la fin de l’été 1976, le taux de mortalité des souris du département de recherche médicale de l’Université de New Haven a mystérieusement chuté au moment où Colleen achevait l’écriture de son premier roman en utilisant l’incubateur du laboratoire comme paravent pour dissimuler cette activité illicite. Elle avait décidé d’intituler celui-ci LES OISEAUX SE CACHENT POUR MOURIR. C’était un hommage à Romain Gary doublé d’un clin d’œil à l’incubateur. Sans la référence au Pérou évidemment.
Ça racontait l’histoire d’un prêtre aux yeux bleus qui faisait se pâmer toutes les femmes de son diocèse en Australie sans jamais quitter sa soutane. Colleen avait eu l’idée d’utiliser ce vêtement liturgique comme argument érotique et ressort dramatique à force de croiser des collègues en blouse blanche dans les couloirs de l’Hôpital. Elle avait compris l’importance capitale de ce genre de détail pour l’agencement méthodique des schémas On ne sait pas grand chose de Richard Chamberlain, il n’a pas eu de carrière cinénarratifs en participant, durant le pont de l’Ascension, à un atelier d’écriture proposé matographique importante, ni avant ni après LES OISEAUX SE CACHENT POUR par l’Université à tous les chercheurs MOURIR. Mais ce qui est sûr, c’est scientifiques désireux d’élargir leurs qu’il n’est pas mort, qu’il n’a pas horizons. Bientôt elle allait pouvoir besoin de se cacher et surtout qu’il n’est pas un oiseau. Même s’il se laisser tomber définitivement la promène dans tous les épisodes avec sienne (de blouse blanche) grâce aux cette soutane qui le fait ressembler à montagnes de royalties rapportées par 20 DE FABIENNE RADI A un corbeau. son livre.
QUE FAIRE ...
Dans LES OISEAUX SE CACHENT POUR MOURIR, on croise vaguement des chiens, des chevaux, des chats, quelques mouches et même un sanglier, mais aucun volatile. Alors ces oiseaux c’est quoi ? Pourquoi doivent-ils se cacher? Où vont-ils mourir ? Ont-ils des cimetières secrets comme les éléphants ? A-t-on retrouvé des petits squelettes agglutinés en tas inhabituels dans des endroits improbables ? C’est là qu’on pense à Konrad Lorenz, l’homme qui écoutait les oies sauvages dans les années 70 à défaut de murmurer à l’oreille des chevaux dans les années 90. Les connaissances du zoologue autrichien auraient sûrement aidé à résoudre cette énigme superposant sémiologie et éthologie. Dommage, il est parti trop tôt. Oublions Konrad et tournons-nous vers la littérature. Avant d’être une série TV idéale pour plier ses culottes, LES OISEAUX SE CACHENT POUR MOURIR a été un roman écrit par une Australienne, Colleen McCullough, qu’il ne faut pas confondre avec Carson McCullers, même si leurs noms sonnent un peu pareil. Au début des années 70 Colleen travaillait comme chercheuse en neurologie à l’Université de New Haven dans le Connecticut. Elle s’embêtait dans son laboratoire de l’Ecole de Médecine et avait des bouffées de nostalgie en pensant au bush et aux kangourous durant les pauses de midi. Injecter des hormones en intraveineuse à des souris et noter le moindre geste de celles-ci chaque jour de 8 à 18h samedi compris ne l’enthousiasmait pas du tout. Du coup elle allait souvent à la bibliothèque municipale pour emprunter des livres qu’elle dévorait entre deux piqûres de progestérone et trois commentaires sur son carnet d’observation. Colleen ne se fiait jamais aux suggestions des bibliothécaires qui proposaient leurs coups de cœurs sur des fiches colorées écrites à la main et disposées sur les espaces libres des étagères, ceci dans l’espoir d’augmenter les taux de rotation des livres. Non, elle avait décidé une fois pour toutes de choisir ses livres uniquement en fonction de leur titre. Elle aimait les titres courts, directs et qui soient en lien d’une manière ou d’une autre avec les animaux. Les Australiens sont des gens proches de la nature. Cette méthode de sélection lui avait parfois réservé des surprises. Elle avait adoré Le Poney Rouge, Les Contes du chat perché, Vipère au poing, Attention au barracuda, Peau d’Ane, La Planète des singes ou encore La Jument verte, mais avait moins apprécié Le Loup des steppes, Sa Majesté des mouches et Les Petits chevaux de Tarquinia. Vu sa profession, elle refusait catégoriquement de lire Des Souris et des hommes. Et se méfiait un peu de Vol au dessus d’un nid de coucou qui lui semblait louche. Un jour elle avait demandé à la bibliothécaire s’ils avaient La Mouette de Tchekhov en s’excusant d’avoir oublié le nom de l’auteur. La bibliothécaire, une femme acariâtre, avait gloussé d’un air moqueur avant de lui expliquer sa méprise sur un ton qui se voulait supérieur. Ça n’avait pas affecté Colleen plus que ça, elle avait continué de parler de La Mouette de Tchekhov comme elle l’aurait fait de La Chèvre de Monsieur Seguin ou du Chien des Baskerville. Les Australiens sont des gens décomplexés. En juin 1976, juste avant le début des vacances académiques, Colleen était tombée sur le livre d’un écrivain français dont la photo en quatrième de couverture l’avait carrément hypnotisée. Comme Richard Chamberlain qui allait jouer dans la série tirée du livre qu’elle n’avait pas encore écrit, l’écrivain français avait des yeux bleus pénétrants qui ne pouvaient convenablement pas la laisser indifférente. Le livre s’appelait LES OISEAUX VONT MOURIR AU PEROU. Et l’auteur Romain Gary.
Les oiseaux ont sauvé Colleen des souris. Accessoirement ils l’ont aussi vengée de toutes les bibliothécaires acariâtres qui ont dû recopier des milliers de fois son nom sur des fiches de prêt qu’il fallait ensuite classer sans les mélanger avec celles de Carson McCullers. Depuis 1977, son livre explose les taux de rotation des bibliothèques municipales sans avoir besoin de fiche colorée.
E
pilogue - Les livres qu’on n’a pas lus - comme les films qu’on n’a pas vus - possèdent une existence rien que par leur titre. On essaie d’imaginer ce qu’il y a derrière, tout en sachant pertinemment que pour certains on n’ira jamais plus loin. Ils sont là comme des enseignes lumineuses qui clignotent et dont on ne saisit pas toujours très bien le sens. Personnellement je me demande souvent ce qu’il y a au-dessus du volcan, je ne connais pas l’espion qui venait du froid, je ne sais pas comment se passe la mort d’un commis-voyageur ni ce qu’est l’angoisse du gardien de but au moment du penalty, tout comme je n’ai jamais entendu l’appel de la forêt ou reçu la visite de la vieille dame. Il n’empêche que la vieille dame, le gardien de but et le commis voyageur existent dans mon paysage littéraire intérieur. Se contenter de regarder l’enseigne clignoter sans entrer dans la boutique peut comporter des risques. Ainsi longtemps j’ai vraiment cru que les oiseaux se cachaient pour mourir au Pérou. Jusqu’à ce que je comprenne, tout à fait par hasard et grâce à un magazine TV, que je télescopais depuis toujours la nouvelle de Romain Gary et le roman de Colleen McCullough. Je me suis dit alors que cette confusion méritait bien une fiction.
P
S: Lorsque Ursula Achternkamp m’a demandé un texte sur les oiseaux, j’ai tout de suite songé à cette histoire. Son projet s’appelle Managing Structural Bird Problems et fait l’objet d’échanges internet assez intenses de toute une petite communauté, ceci depuis plusieurs mois et la plupart du temps en allemand. Maîtrisant très mal cette langue, j’ai l’impression de comprendre ce projet complètement de travers. Tout ce que je sais, c’est qu’il est question d’oiseaux. Ursula m’a aussi précisé que mon texte serait traduit en allemand. Tous ces éléments m’ont confortée dans mon choix initial : j’allais faire un texte sur la confusion par les oiseaux. Et la traduction allait même ajouter une deuxième couche de confusion. Parce que toute l’histoire inventée plus haut pour expliquer comment Colleen McCullough avait bricolé son titre à partir de celui de Romain Gary ne tient plus, mais alors plus du tout debout. Le titre allemand du livre de Colleen est en effet DORN(...)VÖGEL, soit une traduction littérale du titre original THORNBIRDS. Je ne sais pas quelle mouche a piqué l’éditeur français de traduire ça par LES OISEAUX SE CACHENT POUR MOURIR. J’espère que la personne qui va traduire ce texte connaît Konrad Lorenz. Je pense bien à elle.
FA B I E N N E R A DI a suivi des études de géographie, de bibliothéconomie et d’art. Elle écrit des textes critiques et de fiction autour et à partir de l’art contemporain, du cinéma et de la pop culture, dans des revues, des magazines, des catalogues et des livres d’artiste. Depuis 2008, elle donne un cours sur la pop culture à la Haute école d’art et de design à Genève. En 2013 un recueil de ses textes, intitulé Ça prend. Art contemporain, cinéma et pop culture, est publié aux éditions du Mamco à Genève. www.fabienneradi.ch
Zu Beginn der 70er Jahre forschte Colleen als Neurologin an der Universität New Haven in Connecticut. Sie langweilte sich in ihrem Labor an der medizinischen Fakultät und wurde nostalgisch, wenn sie in den Mittagspausen an die Kängurus im australischen Busch dachte. Sie konnte sich nur mäßig dafür begeistern, Mäusen Hormone zu spritzen und sechs Tage die Woche von 8 bis 18 Uhr jede noch so nichtige Regung der Tiere zu protokollieren. Deshalb machte sie es sich bald zur Gewohnheit, sich in der Stadtbibliothek Bücher auszuleihen, die sie dann zwischen zwei Progesteron-Spritzen und drei Einträgen in ihrem Beobachtungsprotokoll förmlich verschlang. Colleen ließ sich niemals durch die Bibliothekare beeinflussen, die ihre persönlichen Buchempfehlungen handschriftlich auf bunte Karteikarten schrieben und diese an leere Stellen in den Regalen stellten, um damit die Ausleihzahlen zu erhöhen. Nein, sie hatte sich unwiderruflich dafür entschieden, ihren Lesestoff einzig und allein anhand der Buchtitel auszusuchen. Dabei gefielen ihr vor allem kurze und ansprechende Titel, in denen Tiere vorkamen. Die Australier sind sehr naturverbundene Menschen. Ihre spezielle Auswahlmethode bescherte ihr so manche Überraschung. Für Das rote Pony, Kater Titus erzählt, Viper im Würgegriff, Achtung Barracuda!, Eselshaut, Planet der Affen oder auch Die grüne Stute hatte sie sich sehr begeistert, doch von Der Steppenwolf, Der Herr der Fliegen und Die Pferdchen von Tarquinia war sie weniger angetan. Aufgrund ihres Broterwerbs lehnte sie es kategorisch ab, sich auf die Lektüre Von Mäusen und Menschen einzulassen und auch Einer flog übers Kuckucksnest war ihr nicht ganz geheuer. Einmal fragte sie die Bibliothekarin, ob Die Möwe von Tschechow für die Ausleihe verfügbar sei, und entschuldigte sich dafür, den Namen des Autors vergessen zu haben. Die Bibliothekarin, eine mürrische Frau, lachte hämisch, um sie dann in geflissentlich überheblichem Tonfall darüber aufzuklären, was sie von einem solchen Umgang mit den Fakten hielt. Colleen ließ sich davon VON FABIENNE RADI & AKZÉNT DOMETSCHER TEAM BERLIN B nicht beeindrucken, sie sprach einfach unbeirrt weiter über „Die Möwe von Tschechow“, so wie man es bei Die Ziege des Herrn Seguin oder Dem Hund von Baskerville tat. Die Australier kennen keine Komplexe.
WAS TUN ...
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Im Juni 1976, unmittelbar vor den Semesterferien, stieß Colleen auf das Buch eines französischen Schriftstellers, dessen Vor- und Rückseite des Schutzumschlags ausfüllendes Foto sie in seinen Bann gezogen hatte. Ganz wie Richard Chamberlain, der eines Tages in der auf dem noch ungeschriebenen Buch basierenden Fernsehserie mitspielen würde, hatte der französische Schriftsteller durchdringend blaue Augen, die einen nicht gleichgültig lassen konnten. Das Buch hieß VÖGEL STERBEN IN PERU, der Autor Romain Gary. . . . M I T U N K L A R E N VO G E L G E S C H IC H T E N ?
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ichard Chamberlain hat wie mit einem Cuttermesser geschnittene Wangenknochen und eine Föhnfrisur, die anmutet als wehe nur für ihn allein eine leichte Brise. Aus seiner schwarzen Soutane ragt ein weißer Stehkragen hervor, der seinem sonnengebräunten Teint schmeichelt, aber mehr noch seinen tiefblauen Augen, die sich auf den Doppelseiten der Fernsehzeitschriften so gut ausnehmen. Richard Chamberlain spielt in WENN SICH DIE VÖGEL ZUM STERBEN ZURÜCKZIEHEN mit, einer australischen Fernsehserie, die den Hausfrauen in den 80er Jahren so manche Träne entlockte und einer der Gründe dafür war, dass sich die Dampfbügelstationen nur sehr langsam durchsetzten. All die Tränen, die Chamberlains wegen vergossen wurden, versickerten in Stapeln von Hemden und Unterhosen. Was wir von Richard Chamberlain wissen, ist nicht sonderlich viel. Seine Kinokarriere war nicht weltbewegend - weder vor noch nach WENN SICH DIE VÖGEL ZUM STERBEN ZURÜCKZIEHEN. Soviel jedoch ist sicher: Er ist nicht gestorben, er muss sich nicht zurückziehen und – vor allem dies – er ist kein Vogel. Auch wenn er in der Fernsehserie permanent in dieser Soutane herumläuft, die ihn aussehen lässt wie ein Rabe. In WENN SICH DIE VÖGEL ZUM STERBEN ZURÜCKZIEHEN laufen uns hier Hunde, Pferde und Katzen, da ein paar Fliegen und gar ein Wildschwein über den Weg – niemals jedoch Federvieh. Was hat es also mit den Vögeln auf sich? Weshalb müssen sie sich zurückziehen? Wohin verkriechen sie sich zum Sterben? Haben auch sie geheime Friedhöfe, so wie man es von den Elefanten kennt? Ist man etwa an völlig unvermuteten Orten auf seltsame Anhäufungen kleiner, aneinander klebender Skelette gestoßen? Diese Fragen bringen uns auf Konrad Lorenz, den Mann, der in den 70ern den Wildgänsen zuhörte, lange bevor andere in den 90ern mit Pferden flüsterten. Das Wissen des österreichischen Zoologen hätte sicherlich dazu beigetragen, dieses Rätsel zu lösen, das Semiologen und Ethologen gleichzeitig auf den Plan ruft. Wie schade, dass er zu früh von uns gegangen ist! Vergessen wir also Konrad und widmen uns der Literatur. Bevor aus dem Stoff eine Fernsehserie entstand, bei der es sich trefflich Unterhosen falten lässt, war WENN SICH DIE VÖGEL ZUM STERBEN ZURÜCKZIEHEN ein Roman der australischen Schriftstellerin Colleen McCullough – nicht zu verwechseln mit Carson McCullers, deren Name nur ähnlich klingt.
Unter den blauen Augen, die wie zwei Nebelscheinwerfer aus dem Foto herausleuchteten, gab es eine Textprobe: „Er stützte sich mit den Ellbogen auf dem Geländer ab, rauchte seine erste Zigarette und beobachtete, wie die Vögel in den Sand fielen: Einige unter ihnen atmeten noch. Niemand hatte ihm jemals plausibel erklären können, warum sie die der Küste vorgelagerten Inseln verließen, um hier an diesem Strand, zehn Kilometer nördlich von Lima, ihren letzten Atemzug zu tun.“ Colleen beobachtete tagaus, tagein sterbende Mäuse; ihre Lust, etwas über die Agonie von Vögeln zu lesen, hielt sich folglich in Grenzen, selbst wenn sich das alles weit weg in Lima zutrug. Deshalb kopierte sie sich nur den Schutzumschlag, hängte ihn sich über ihren Schreibtisch und brachte das Buch in die Bibliothek zurück, ohne es auch nur aufgeschlagen zu haben. Doch der längst untrennbar mit dem Blick der blauen Augen auf dem Schutzumschlag verbundene Titel hörte nicht mehr auf, ihr durch den Kopf zu gehen. Im Spätsommer 1976 ging die Sterberate der Mäuse der Medizinischen Forschungsabteilung der Universität von New Haven genau zu der Zeit auf mysteriöse Weise zurück, als Colleen ihren ersten Roman vollendete und den Laborbrutkasten als Raumteiler verwendete, um ihren verbotenen Zeitvertreib vor neugierigen Blicken zu schützen. Sie hatte sich entschieden, dem Buch den Titel WENN SICH DIE VÖGEL ZUM STERBEN ZURÜCKZIEHEN zu geben. Eben als Hommage an Romain Gary und zugleich als Anspielung auf den Brutkasten. Den Bezug auf Peru ließ sie dabei natürlich fallen. In ihrem Buch ging es um die Geschichte eines Paters mit blauen Augen, der alle Frauen in seiner Diözese in Australien in Ohnmacht versetzte, aber dennoch gar nicht daran dachte, sein Priestergewand abzulegen. Colleens besonderer Coup bestand darin, aus dem liturgischen Gewand ein Erotikaccessoire und ein dramatisches Element zu machen. Auf den Krankenhausfluren liefen ihr unentwegt Kollegen im weißen Kittel über den Weg, und dank eines Schreibworkshops, den die Universität ihren Forschern über Himmelfahrt zur Erweiterung ihres Horizonts anbot, wusste sie, wie ausgesprochen wichtig die Fokussierung auf ein Detail für die methodische Anordnung eines Erzählmusters ist. Schon bald darauf ermöglichte die Flut von Tantiemen für ihr Buch es ihr, den eigenen weißen Kittel an den Nagel zu hängen. So retteten die Vögel McCullough vor den Mäusen. Gleichzeitig konnte sie sich an allen mürrischen Bibliothekaren rächen, die nun tausendfach ihren Namen auf die Entleihkarten übertragen und diese sortieren mussten, ohne sie mit Karten von Carson McCullers zu verwechseln. Seit 1977 bricht ihr Buch sämtliche Ausleihrekorde der Stadtbibliotheken, und das ganz ohne das Aufstellen von farbigen Karteikarten zu zur Beeinflussung der Leser.
WAS TUN ... 20
VON FABIENNE RADI (D/ AKZÉNT DOMETSCHER TEAM BERLIN)
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P. S . :
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icht gelesene Bücher führen ebenso wie nicht gesehene Filme allein aufgrund ihres Titels ein Eigenleben. Man versucht sich vorzustellen, was sich dahinter verbirgt, auch wenn man ganz genau weiß, dass man in manchen Fällen der Sache wohl niemals auf den Grund gehen wird. Sie sind einfach da, wie eine aufblinkende Leuchtreklame, deren Sinn sich einem nicht immer erschließt. Ich persönlich stelle mir oft die Frage, was sich wohl unter dem Vulkan verbirgt, ich kenne nicht den Spion, der aus der Kälte kam, ich weiß nicht, wie der Tod eines Handlungsreisenden eintritt, und auch nicht, wie sich die Angst des Torwarts vor dem Elfmeterschießen bemerkbar macht, ebenso wenig, wie ich jemals den Ruf des Waldes vernommen oder den Besuch der alten Dame empfangen hätte. Das ändert jedoch nichts daran, dass die alte Dame, der Torwart und der Handlungsreisende in meiner eigenen literarischen Vorstellungswelt durchaus existieren. Sich nur damit zu begnügen, die Leuchtreklame aufblinken zu sehen, ohne jemals das Ladenlokal zu betreten, kann mit bestimmten Risiken verbunden sein. So bin ich beispielsweise lange Zeit tatsächlich davon ausgegangen, dass sich „die Vögel zurückzogen, um in Peru zu sterben.“ Bis mir vollkommen zufällig dank einer Fernsehzeitschrift klar wurde, dass sich bis dahin in meinem Kopf die Erzählung von Romain Gary mit dem Roman von Colleen McCullough vermischt hatte. So kam ich darauf, dass eine solche Art von Verwechselung durchaus Stoff für einen Roman gäbe.
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ls Ursula Achternkamp mich um einen Text über Vögel bat, fiel mir sofort diese Geschichte ein. Ihr Projekt heißt Managing Structural Bird Problems und ist Gegenstand von recht intensiv geführten Debatten einer ganzen kleinen Internet-Community. Das Projekt läuft bereits seit einigen Monaten, Projektsprache ist zumeist Deutsch. Da ich diese Sprache nur sehr rudimentär beherrsche, werde ich den Verdacht nicht los, dass ich das Projekt vollkommen falsch verstehe. Ich weiß nur, dass es um Vögel geht. Man hat mich auch darauf hingewiesen, dass mein Text ins Deutsche übersetzt würde. All dies bekräftigte mich in meiner ursprünglichen Entscheidung: Ich würde einen Text über die Verwirrung durch Vögel schreiben. Und die Übersetzung würde noch eine weitere Hürde der Verwirrung einbauen. Denn die ganze Geschichte, die ich mir da weiter oben habe einfallen lassen, um zu erklären, wie Colleen McCullough sich ihren eigenen Buchtitel aus dem Titel der Erzählung von Romain Gary gebastelt hat, passt nun plötzlich weder hinten noch vorn, denn der deutsche Titel des Buches von Colleen lautet in Wirklichkeit Die Dornenvögel, ist also aus dem englischen The Thorn birds wörtlich übersetzt. Ich habe keine Ahnung, was den französischen Herausgeber geritten hat, den Titel mit WENN SICH DIE VÖGEL ZUM STERBEN ZURÜCKZIEHEN zu übersetzen. Ich hoffe, dass die Person, die meinen Text übersetzen wird, Konrad Lorenz kennt. Ich muss plötzlich an sie denken. FA B I E N N E R A DI studierte Geographie, Bibliothekonomie und Kunst. Radi schreibt Kunstkritiken und Fiktionen rund um und ausgehend von zeitgenössischer Kunst, Kino und Popkultur, die sie in Zeitschriften, Magazinen, Katalogen und Künstlerbüchern veröffentlicht. Seit 2008 erteilt sie einen Kurs über Popkultur an der Hochschule für Kunst und Design in Genf. 2013 erscheint von ihr eine Sammlung von Texten unter dem Titel Ça prend. Art contemporain, cinéma et pop culture in der Édition Mamco in Genf. www.fabienneradi.ch
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it einer spektakulären Aktion startet das Projekt „Bulls, Bears & Brieftauben“ von Frank Bölter: Hunderte Brieftauben sollen in der Frankfurter Aktienbörse feierlich aufgelassen werden. Sie überbringen die zu diesem Zeitpunkt aktuellen Börsenkurse in den heimischen Taubenschlag des Brieftaubenzuchtvereins Hörstel e.V., der dann mit diesen Informationen spekuliert. Den „real-time-Aktionen“ an der Börse werden erstmals durch die Flugzeit verzögerte „past-time-Finanztransaktionen“ entgegengesetzt. Lassen sich auch mit diesen Spekulationen Gewinne erzielen? R E A L I S I E R U N G 1. B R I E F TAU B E N AU F L A S S I N DE R F R A N K F U R T E R B ÖR S E Die Brieftauben werden mit aktuellen DAX-Tageswerten beringt und aufgelassen – der Heimflug beginnt. 2 . WA R T E N A M H E I M AT S C H L AG Den Brieftauben werden unmittelbar nach ihrer Ankunft im Heimatschlag die überbrachten Börsennachrichten abgenommen, damit sie ausgewertet werden können. Die Auswertungen dienen als Grundlage für die dann ohne Zeitverzug einsetzende Spekulation an der Börse im sog. Futurehandel, in dem auf einen Kursanstieg bzw. Kursverlust aller an der Börse notierten Werte spekuliert werden kann. Das notwendige Kapital wird vom Taubenzuchtverein Hörstel e.V. eingebracht, der Künstler als neues Mitglied des Vereins geht mit seinem vom Projektstipendium frisch erworbenen Kapital als leuchtendes Beispiel voran. 3 . B I L A N Z I E RU N G
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uszug aus einem Gespräch mit der stellvertretenden Leiterin der Kunstsammlung der Deutschen Börse Frankfurt, Andrea Treber:
AT: Ich kann ja verstehen, dass Sie die Kunst weiter entwickeln wollen, aber wir wollen uns auch weiter entwickeln. Wir haben neuerdings ja Fotografie als neuen Schwerpunkt in der Sammlung. Das war lange undenkbar hier im Haus. Das ist doch schon ein großer Schritt. Wir haben hier auch kürzlich eine Aktion gemacht, da hat ein Künstler eine Lichtschranke installiert.... FB: Aha. AT: Ja, wir versuchen schon, neue Trends in der Kunst aufzunehmen, deswegen fahren wir ja auch ständig auf die großen Kunstmessen. FB: Ich will Sie ja mit dieser Aktion viel weiter bringen, zur Avantgarde erklären, wenn Sie so wollen. Ich glaube, Sie würden in jedem Printmedium und jeder Tagesschau auftauchen mit dieser Aktion. Sie würden inhaltlich zeigen, dass die Finanzbranche in der Lage ist, sich selbst in Frage zu stellen. Das ist genau das Signal, was die Öffentlichkeit braucht, um kritischen Frieden zu schließen mit Ihrer Branche. Schon deswegen müssten Sie das eigentlich machen. Überlegen Sie bitte, wie groß das Signal an die Öffentlichkeit wäre, wenn Sie selbst eine Reflexionsebene Ihrer Aktivitäten liefern, das ist genau das, was der Öffentlichkeit fehlt. Ich will Ihnen ja auch helfen, nicht nur mir ...
BULLS, BEARS & BRIEFTAUBEN
AT: Jaja, verstehe, da haben Sie schon Recht. Wir haben hier einen Tierschutzbeauftragten, mit dem habe ich über Ihre Projektidee gesprochen. Der behauptet, das wäre den Tierschützern nicht vermittelbar.
21 VON FRANK BÖLTER Gewinn- und Verlustrechnung des eingesetzten Kapitals. Im Falle eines Gewinns kommt dieser dem Taubenzuchtverein Hörstel e.V. und seinen Bemühungen FB: Ich habe mit Computerexperten gesprochen, die können Sie abdecken, denen pasin der schwierigen Nachwuchsförderung im Brieftaubenvereinswesen zugute. Selbstversiert nichts. ständlich kann ein potentieller Gewinn erneut an der Börse eingesetzt werden, jedoch ausschließlich nach einer Transaktion unter erneutem Einsatz der Brieftauben als Bote AT: Aber die armen Tiere, die müssen doch hier rausfliegen können. für die „aktuellen“ Börsenwerte. FB: Machen Sie sich da keine Sorgen, die Brieftaubenzüchter sagen, die finden einen Weg, wenn man ihnen eine halbe Stunde Zeit gibt, und ein Fenster öffnet.
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uszug aus einem Interview mit Herrn Steinfurth, dem Vorsitzenden eines Brieftaubenvereins: „Die Gesellschaft heutzutage besteht doch heute nur noch auf Konkurrenz, jeder will die beste Taube haben!“, dafür gäben manche alles. „Das ist ein Hauen und Stechen!“, gibt Steinfurth zu bedenken. „Das macht manchmal wirklich keinen Spaß mehr, das war früher mal anders. Deswegen sind wir heute auch nur noch zu siebt, früher waren wir mal 20 Leute, und alle befreundet. Allerdings fehlt den Jugendlichen heute auch das Geld für die Tauben, wer investiert denn heute noch so viel Zeit in eine Sache, die ausschließlich mit der Liebe zum Tier zu tun hat, und nichts einbringt.“ Steinfurth errechnet aus dem jährlich zu investierenden Tierfutterbetrag, dem Fahrtgeld, den Beiträgen für den Verein und dem Unterhalt des Auflass-Transporters einen persönlichen Verlust von 3.500,- bis 4.000,- € per Anno für seine etwa 170 bis 180 Tauben, davon 50 weiße Hochzeitstauben, „Die fliegen aber nicht so weit, höchstens mal 50 Kilometer, danachsind die kaputt. Die sind nicht so trainiert.“ Überhaupt müsse man früh anfangen damit, noch im ersten Lebensjahr. „Sonst bekommen sie die nicht mehr an dieLeistungsgrenze.“ Er habe sich leider im letzten Jahr „den Hacken“ gebrochen, gerade nachdem er 50 Jungtauben gekauft hatte, die konnte er dann nicht sofort trainieren. Deswegen müsse er dieses Jahr unbedingt früh anfangen mit den Trainingsflügen. Die Tauben müssten jetzt schon jeden Tag eine große Runde fliegen. „Die beißen und kratzen sich ja sonst manchmal die Augen aus!“, so Herr Steinfurth. „Sowas Ähnliches habe ich von einem Vertreter einer ganz anderen Branche schon mal gehört“, antworte ich.
AT: Aber da müssen wir auch erst wieder mit den Sicherheitsleuten reden. FB: Das übernehme ich dann für Sie. AT: ... na gut. Vielleicht haben Sie recht. Ich bespreche das Projekt nochmal mit dem erweiterten Vorstand. Es gab sowieso viele Fürsprecher für Ihr Projekt, nur die Sicherheitsbeauftragten hatten Bedenken. Und der Tierschutzmensch. Können Sie mir nochmal sagen, was daran genau jetzt Kunst ist? FB: Ich schicke Ihnen nochmal einen neuen Entwurf.
F R A N K B Ö LT E R verwickelt Öffentlichkeiten in komplexe Kommunikationsprozesse, die zumeist zur gemeinsamen Herstellung von fragil-monumentalen, den Verfall miteinkalkulierenden Skulpturen führen. 2006 faltete er mit Mönchen des Zisterzienserordens ein überdimensioniertes Papierschiff, mit dem er anschließend europäische Kultivierungs- und Kolonialisierungswasserwege befuhr. Die Akropolis Linz, eine durch die Bewohner eines Stadtteils erbaute lebensgroße Kopie des Athener Parthenons der Akropolis aus Pappe, der „ersten Kulturhauptstadt Europas“, stand 2009 in der damaligen Kulturhauptstadt Linz nur einen Tag, bevor sie ein Orkan in Trümmer legte. Im gleichen Jahr teilte zum 20jährigen Mauerfalljubiläum in Berlin eine Papiermauer Belgrad in zwei Hälften, was u. a. zu Kontroversen zwischen Kriegsveteranen und Pazifisten an der Mauer, in den Medien und in der gesamten Bevölkerung führte. 2012 faltete er lebensgroße Panzer mit Kriegsflüchtlingen und Soldaten der Bundeswehr in der friedvollen kunsthandwerklichen Technik des Origami. Frank Bölter erhielt zahlreiche Stipendien im In- und Ausland.
DER ROTE FLECK 22
VON FRANZISKA GERSTENBERG
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ie Möwen bestimmten alles, vom ersten Tag an. Das Kind war gebannt. Am Strand lief es ihnen nach, versuchte dabei, jede einzelne Bewegung zu imitieren. Die Mutter hatte nicht erwartet, dass die Vögel so groß sein würden – woher hätte sie das wissen sollen? Sie erlebte zum ersten Mal ein Meer, das salziger war als die Ostsee. Sie befand sich auch zum ersten Mal auf einer Insel. Ob es ihr gefiel, war schwer zu sagen: Sie fühlte sich ausgeliefert, weil sie nicht jederzeit wegfahren konnte. Anwesenheit und Abwesenheit spielten hier eine stärkere Rolle als sonst. Es gab – um ein Beispiel zu nennen – keine Maulwürfe. Weil nie jemand welche vom Festland mitgebracht hatte? Es waren hauptsächlich Silbermöwen. Sie hatten kräftige, fast klobige gelbe Schnäbel, mit einem roten Fleck in der Nähe der Spitze. Der Blick wirkte grimmig. Die Federn reinweiß, auf den Flügeloberseiten grau mit einem Stich ins Blau, fleischige, rötliche Beine und Füße. Die Vögel waren bestimmt sechzig Zentimeter groß, vielleicht noch größer. Wenn sie die Flügel ausbreiteten, die Spannweite sichtbar wurde, geriet die Mutter in Panik, kniete sich hin und drückte das Kind an sich. Das Kind wehrte sich, hasste es, festgehalten zu werden, es wollte den Möwen hinterherlaufen. Es konnte noch nicht sehr lange sprechen, hatte sich damit schwergetan, seine Stärken lagen eher in der Bewegung, im Laufen und Springen. Hier auf der Insel aber sprach das Kind. „Möwen“, sagte es andächtig, „Möwen“, und sobald eine in der Nähe war, wurde sie direkt angesprochen: „Möwe. Möwe.“ Die Mutter fand die Tiere hartnäckig und frech. Vielleicht lag es daran, dass die Touristen ihnen Brotstückchen zuwarfen. Die Vögel hatten sich daran gewöhnt und erwarteten jetzt, ständig gefüttert zu werden. Dabei sahen die Silbermöwen, verglichen mit anderen Arten, sowieso schon recht füllig aus. Wenn die Mutter und das Kind auf der Terrasse eines Strandrestaurants saßen, hockte bestimmt eine Möwe auf der Brüstung, kaum drei Meter entfernt, und beobachtete sie. Das Kind lachte dann entzückt auf und konnte sich nicht mehr auf die Fischstäbchen konzentrieren. Weil es so windig war, trug das Kind ständig seinen dünnen roten Mantel. Manchmal fiel ihm beim Essen etwas herunter, zum Glück war der Mantelstoff beschichtet.
Sie hielten sich viel am Strand auf. Schwimmen konnte man nur zu bestimmten Zeiten, früh am Morgen, wenn die Flut ihren höchsten Stand hatte. Die Mutter fand sowieso, dass es zu kalt war, um ins Wasser zu gehen. Sie liefen aber barfuß und blieben in Bewegung. Die Möwen schaukelten auf den Wellen, das Kind watete ihnen entgegen, ins Meer hinein, bis die Mutter schrie, es solle zurückkommen. Sie hatte Angst, die Strömung würde dem Kind die Beine wegreißen. Manchmal wurde der Saum des Röckchens nass, oder der des roten Mantels. Einmal stand das Kind hinterher auf dem nassen Sand und weinte bitterlich, weil es nicht zu der Möwe hinaus ins Wasser durfte. Gerade weil auf der Insel keine Autos fuhren, fiel auf, wie laut und ausdauernd die Möwen schrien. Die Rufe klangen, fand die Mutter, wie ein ka oder kiu. Manchmal auch wie ein Jaulen, sogar wie ein Miauen. Die Möwen brummten, schnatterten, kreischten.
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s war in der dritten Nacht, dass die Mutter aufwachte. Sie sah auf die Uhr, noch nicht einmal vier. Erst wusste sie nicht, was sie geweckt hatte, aber dann gab das Kind erneut die Geräusche von sich. Es lag neben ihr im Bett und schlief, der Mond schien auf den kleinen Kopf, den das Kind hin- und herwarf, während es kreischte, schnatterte, rief. Es klang ganz genau wie eine Möwe. In diesem Moment, erst jetzt, ergriff die Mutter eine große Furcht. Die Angst legte einen Flügel über die Betthälfte der Mutter und nahm ihn dort nicht mehr weg. Während es draußen zu dämmern begann, betrachtete die Mutter mit weit aufgerissenen Augen das Kind, das jetzt wieder ruhiger schlief, nur ab und zu leise schnarchte. Am nächsten Tag schlug das Kind, als es am Strand den Möwen hinterherlief, mit den Armen auf und ab. Dazu gab es die gleichen Rufe von sich wie in der Nacht. Die Mutter regte – aus dem Eindruck heraus, etwas unternehmen zu müssen – den Besuch des örtlichen Wellenbads an. Das Kind zuckte die Achseln. Den Rest des Tages verbrachten sie zwischen künstlichen Palmen, im warmen Kinderbadebecken und an der Delfinrutsche. Das Kind lachte. Die Mutter ließ sich heißes Wasser aus dem Wasserpilz auf die verspannten Schultern regnen und hatte das Gefühl, einer Gefahr entronnen zu sein. Sie verließen das Gebäude Hand in Hand und erst am frühen Abend, liefen durch die Fußgängerzone. Die Mutter fühlte sich glücklich wie nie in den letzten Tagen auf der Insel. Sie betraten einen Imbiss, an dessen Theke sich die Mutter ein Fischbrötchen kaufte und das Kind ein Eis bekam. Damit stiegen sie hoch zur Strandpromenade, wo einer der sandigen Übergänge hinunter ans Wasser führte. Der Angriff kam aus dem Nichts. Der Angriff kam aus der Luft. Die Möwe kreischte, war auch schon da und riss dem Kind die komplette Eiswaffel aus den Fingern. Die Mutter glaubte zu erkennen, dass das Tier gelbe Augen hatte. Mit der Waffel im Schnabel gewann es an Höhe und flog Richtung Meer. „Warte!“ Die Mutter hörte sich selber schreien. „Warte!“ Aber das Kind war auf und davon. Rascher als je zuvor rannte es der Möwe nach. Der Strand war jetzt beinahe leer. Von der Promenade aus konnte die Mutter erkennen, was geschah. Sonst bemerkte es keiner, oder zumindest reagierte niemand. Im Rennen schlug das Kind mit den Armen auf und ab. Es rief nach der Möwe, miaute, jaulte. Immer schneller lief das Kind, tauchte in den abendlichen Dunst, berührte mit den Füßen die erste Gischt, und endlich – hob es ab. Einige Sekunden lang war noch der rote Mantel zu sehen. Dann verschwamm der Mutter der Himmel vor den Augen. Das Kind war fort.
F R A N Z I S K A G E R S T E N B E RG , 1979 in Dresden geboren, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und lebt heute in Berlin. Sie erhielt zahlreiche Stipendien und Literaturpreise, unter anderem 2013 den Förderpreis zum Lessing-Preis des Freistaates Sachsen. Nach zwei Erzählbänden erschien 2012 zuletzt der Roman „Spiel mit ihr“.
DÉ M O DÉ - F I N E F E AT H E R S M A K E F I N E B I R D S
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m Überseemuseum der Hansestadt Bremen schlendere ich zwischen den Sammlungen weit gereister Händler, entlang an Schaukästen mit ausgestopften Vögeln.1 Mein Blick bleibt an den Federn eines Vogels hängen, verwundert und etwas ungläubig erkenne ich diese wieder. Der Vogel selbst ist mir unbekannt.
Kampf für die Paradiesvögel und andere bedrohte Vogelarten wie den Silberreiher, versuchte sie auf eine breite Basis zu stellen.4 Auf jeder ihrer Zugreisen setzte sie sich in die “Holzklasse” und stieg meistens mit ein paar neugewonnen Mitgliedern/innen für den Vogelschutzbund aus. Die Hut- und Federindustrie verteidigte ihre Interessen mit Gutachten, welche beglaubigten, daß die Paradiesvögel zumindest im Inneren der Insel nicht in absehbarer Zeit vom Aussterben bedroht sind. Es wird als ein harter Kampf beschrieben. Gut vorstellbar, denn die Modebranche ist von Ethik weit entfernt und leidet nicht unter Geldmangel Gegenkampagnen zu finanzieren. Aber die Sensibilisierung gegen das Töten der Tiere stieß auf offene Ohren verantwortungsbewusster Konsumenten/innen. Die Federhüte wurden als démodé demontiert. Eine breite Basis schaffte es die Modehersteller/innen diesbezüglich unter Druck zu setzten und die Frage nach einer Ethik im Herstellungsprozess aufzuwerfen. Auch Kaiser Wilhelm II. drängte seine Frau in London auf den Kauf dieses Luxusgutes zu verzichten. Kritische Berichte über die Jagd auf Paradiesvögel in Neuguinea besserten das Image der Federhüte nicht. Zudem waren die Steuereinnahmen aus dem Vogelimport für den Staat gering. Von den weißen Jagdtruppen in den Wäldern Papuas - mit Schusswechseln gegen die Bevölkerung, bis zu einem Niederbrennen der Dörfer - erzählt der spätere SPD-Innenminister Noske in der Haushaltsdebatte 1914. Im Reichstag wird der nationalliberale Abgeordnete Dr. Paasche so zitiert: „Es ist durchaus nicht notwendig, dass ein solcher Vogelbalg, der dem Jäger 200 Mark einbringt, gerade auf den Hüten der Damen prangt, wenn möglich noch mit Schnabel, Glasaugen und Krallen, damit das ganze arme hingemordete Tierchen den Hut der Dame ‚schmückt‘.“ 5 1912 erlassen endlich die Vereinigten Staaten ein Einfuhrverbot für Federn wild lebender Vogelarten, ebenso Großbritannien, Frankreich und Belgien. Wilhelm Heinrich Solf, Staatssekretär im Reichs-Kolonialamt, erlässt ein befristetes Abschussverbot für alle Paradiesvogelarten. Der erste Weltkrieg bricht aus, diese Kolonie ist abhanden gekommen.
Wie angewurzelt stehe ich vor der Vitrine. Ich betrachte diese ausgestopften Vögel im Glassturz und sehe gleichzeitig eine Dame mit wippenden Federn am Hut in der Straßenbahn vor mir sitzen. Die Wipp-Bewegungen der seltsamen, schön geschwungenen Federn hatte ich als Kind ein paar Tram-Stationen lang in Wien beobachtet. Ich erinnere mich an einen abstoßenden Geruch – war das der Gestank von Mottenkugeln? Nun sehe ich diese als Schwanzfedern an einem kleinen Vogel wieder. Auf dem Schild an der Vitrine ist der Inhalt mit Paradiesvogel betitelt. Sagt mir nichts. Hier in Bremen wird der Vogel als Handelsware ausgestellt und die Jagd auf diese Vögel mit einem Goldrausch verglichen. Also ich kenne das Ensemble der Feder am Hut aus Wien und sehe erstmals die Federn und den Vogelkörper im Überseemuseum in einem. Gibt es zwischen den Bildern meiner Kindheit und den ausgestellten Paradiesvögeln in Bremen Zusammenhänge? Dieser ersten Fragestellung folgend erfuhr ich von regen Handelsbeziehungen zwischen Bremen und Wien. Aufgrund der Existenz einer deutschen Kolonie auf Neuguinea, gab es in dieser Zeit nicht nur „deutsche Bananen“ zu kaufen, sondern auch Paradiesvögel. Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. waren diese Federn ein begehrtes Modeasseccoire in den europäischen Metropolen. Händler holten aus “DeutschNeuguinea”, (dem Kaiser Wilhelmsland), das sehr gefragte Gut in großen Mengen nach Hamburg und Bremen.2 Von dort aus lieferten sie, verkauften, tauschten die Vögel und deren Federn. Die Modisten/innen brachten die Paradiesvogelfedern auf unsere Hüte und damit in den öffentlichen Raum 23 VON GABRIELE STURM A für alle sichtbar in Umlauf – so dass auch ich selbst diese am Hut befestigt Frau Hähnle entwickelte auch die Strategie, Lebensräume der Vögel durch den Ankauf von Landstücken zu schützen, gesehen habe und im Überseemuseum wiedererkannte. Die ersten Paradiesvogelexemihn für „alle freilebenden Geschöpfe“ so Lina Hähnle, zu erhalten. Mit der jahrzehnteplare erreichten Europa 1522 mit dem Rest der Crew von Magellan. Magellan selbst langen Aufklärungs- und Vortragstätigkeit hinterließ sie keine bahnbrechende Werke hat diese Reise nicht überlebt. Diese farbenprächtigen Vögel waren zuerst ein begehrtes über Vögel und Naturschutz6, aber sie schaffte es, Gebiete, in welchen Vögel und andere Objekt für die Kuriositäten- und Wunderkammern. Alle der mitgebrachten Paradiesvögelbälger waren ohne Beine. Wildtiere leben “dürfen”, uns zu hinterlassen. Bei der flächendeckenden, intensiven AgDaraus folgerten die Wissenschaftler, daß die Paradiesvögel nur in der Luft lebten, rarnutzung7 bleibt das ein Thema und ist mehr denn je aktuell. niemals den Boden berührten und sich vom Tau des Morgens ernährten. Das Weibchen Y U TOK 8 legte vermutlich das Ei auf dem Rücken des Männchens ab und brütete es dort aus. Diese Vorstellungen waren mit den Phantasien über dieses ferne Land verwoben. Die VO N E I N E M E N DE DE R H A N DE L S K E T T E Z U M A N DE R E N Theorien entstanden im Kontext einer Zeit in welcher laufend unbekannte und seltsame Tiere und Pflanzen Europa erreichten. Zudem war den Matrosen bei tage- bis woas historische Handelsprodukt wird in den großen Museen der Welt verchenlangen Segelflauten langweilig. Sie zerlegten die Sammlungen der Wissenschaftler, wahrt. Mit der Vergegenwärtigung dieses „Handelsproduktes“, aber auch der ewig langen Handelswege und der Bedeutung des Vogels in der Wissetzten diese neu zusammen und vertauschten Kopf und Körper verschiedener Arten.3 senschaftsgeschichte sowie der Natur- und Tierschutzbewegung bleibt die Noch über 200 Jahre später brachten verschiedene weitere Entdecker und HandFrage nach dem Vogel selbst offen. Wie sieht heute die Situation für die Paradiesvögel lungsreisende ebenfalls nur beinlose Bälger mit. Abbildungen davon finde ich im Stanaus? Den roten Faden der bisherigen Recherche ziehe ich in die Gegenwart. Was für eine dardwerk der Naturgeschichte der Tiere von Jan Jonston (1650/53). Dieses Buch war Bedeutung hat der Paradiesvogel im Kontext der Gesellschaft seiner Herkunftsregion? ein Jahrhundert lang das meist verbreitete Handbuch der Tierkunde und zeigt in seinen Gibt es auch heute „Güter“, welche um die halbe Welt verschifft werden, damit sie uns Darstellungen alle Paradiesvogelarten ohne Beine. Carl von Linné benannte in seinem in den Regalen der Geschäfte zum Kaufen angeboten werden? Kurzum, wie sieht die 10. Band der Systema Naturae 1758 die größte Art Paradisea apoda (fußloser ParadiesSituation am anderen Ende der Handelskette aus? vogel), obwohl er die Ansicht über die bisher angenommene Lebensform der Paradiesvögel nicht teilte. Alfred Russel Wallace unternahm im 19 Jh. viele Reisen, um über die Die Informationen, die ich dazu gefunden habe, spiegeln unseren Blickwinkel wieder, Paradiesvögel etwas zu erfahren und konnte nach langem Suchen auch eine unentdeckte ich finde keine Äußerungen der Menschen aus Papua Neuguinea, weder über ihre SichtSpezies finden, den Semioptera Wallacii. weise der Situation heute noch über die Paradiesvögel. Die Geschichte und die Geschichten über den Vogelhandel ist und sind bis heute Weder historisches noch gegenwärtiges Material legen mir an diesem Ende der allgegenwärtig. Den Vogelzüchter Herrn Vala aus Wien kenne ich persönlich. Er fuhr Handelskette nahe, dass ich mittels Recherche etwas über das andere Ende der Kette in den 60er und 70er Jahren regelmäßig in die Hafenstädte Hamburg, Bremen und erfahren kann. Ich stoße auf verklärte Südsee-Sehnsüchte fern jeglicher Versuche eine Rotterdam. Dort kaufte er von den Matrosen geschmuggelte Prachtfinken aus Australiaktuelle Realität zu beschreiben und beschließe, das Land zu bereisen, um mir jenseits en (strenges Ausfuhrverbot...), die es in Europa nicht gab oder sehr überzüchtet waren. dieser Projektionen Klarheit zu verschaffen. Das stellt sich als schwierig heraus, das Land Die Vögel wurden in winzigen Käfigen transportiert, waren geschwächt, manchmal tot. ist alles andere als ein Touristen/innentipp & -trip. Vor der hohen Kriminalitätsrate Herr Vala konnte mit viel Erfahrung einige dieser Vögel durchbringen. Er erzählte mir warnt das Außenministerium auf seiner Homepage – sowie vor der kaum vorhandenen auch folgende Geschichte von den Ereignissen an den Häfen, die ich nachträglich in medizinischen Versorgung im Falle einer Krankheit oder Unfalls. Im Vorfeld meiner meinen Recherchen bestätigt fand. Die Eier der Keas, Papageien, welche am Boden leReisevorbereitungen wartet jeder/e, der davon erfuhr, mit wuchernden Anekdoten über ben, wurden ebenfalls aus Australien geschmuggelt und von den Herren in den Bauch„grausame“ Gebräuche der Bevölkerung auf - von Kannibalismus, Voodoo, Vergiftunfalten während der langen Schiffsreise gewärmt. Wieder Männer, die Vogeleier bei sich gen wurde „geschwärmt“ - damit ich gewarnt sei, wenn ich mich darauf einlasse. Nach tragen! – wie bei der Annahme über die Paradiesvogelmännchen, welche mit den Eiern einer Phase der Enttäuschung, da alles, was ich recherchierte und hörte darauf hinwies, am Rücken wohl sehr bedachtsam durch die Lüfte geglitten sein müssen. dass Papua Neuguinea zu bereisen, vor allem für eine alleinreisende Frau ohne große finanzielle Mittel (eine begleitende Security ist extrem teuer, Hotels unerschwinglich) Der Vogelimport löst nicht nur einen intensiven Handel, Sammelleidenschaft und Vounrealistisch sei, war die Neugierde, einmal geweckt, doch nicht mehr auszureden: ich gelzuchtinteresse aus, vor allem mit dem Paradiesvogelimport ist auch eine ganz anwollte und musste einen Eindruck von der Realität dieses Landes gewinnen und in diedere Geschichte geschrieben worden. Frau Lina Hähnle (1851 – 1941), Spitzname ‚die sem Feld von Projektionen nach heute noch relevanten Inhalten suchen! deutsche Vogelmutter’, lieferte sich einen harten Kampf mit der Modebranche und geSo begann ich Kontakte zu Menschen in Papua Neuguinea zu knüpfen. Über Miswann. Sie begann in der Filzfabrik ihres Mannes, Hans Hähnle, welcher später auch als sionare fand ich den Zugang. Monatelange Korrespondenz mit verschiedenen GrupReichstagsabgeordneter tätig war, aktiv zu werden. Dort initiierte sie eine Kinderkrippe pen folgte, alle fragte ich nach ihrer Einschätzung der Situation und es entstand ein für die Arbeiter/innen. Bei „Hähnle“ gab es auch eine freiwillige ArbeiterkrankenversiNetzwerk, welches mich ermutigte, in das Land aufzubrechen. Auf diese Weise konnte cherung, die damals noch nicht selbstverständlich war. ich die Touristen Sackgasse umschiffen. Allerdings mussten mich alle Korrespondenten Mit 48 Jahren, 1899, gründete sie den Bund für Vogelschutz und zu Beginn des 20. vom jeweiligen auch noch so kleinen Flughafen abholen. In irgendein Taxi zu steigen Jahrhunderts läuft ihre Paradiesvogelkampagne. Um 1910 war die Aktion gegen Federhüte war nicht im Sinne der Gastgeber, denn das könne auch weniger glimpflich ausgehen. eine der ersten Naturschutz-Kampagnen mit internationaler Absprache – die Federn Ebenso sich alleine zu bewegen, daran wäre nicht zu denken. Mit vielen Fragen und wegalten auch in anderen Staaten als schick. Jahrelange, aufreibende Aufklärungsarbeit in nig Geld im Koffer reiste ich nach Papua Neuguinea. Nach drei Tagen Anreise endlich der Presse und ein unermüdliches Bearbeiten der Reichstagsabgeordneten, vor allem das angekommen entwickelten sich meine Kontakte Dank der Missionare und NGO´s vielpersönliche Einwirken beschreibt Lina Hähnle als ausschlaggebend für den Erfolg. Den
DIE REISE DER FEDER
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schichtig. Mit den meisten Menschen konnte ich nur persönlich in Kontakt treten,da Vor rund 100 Jahren forderte Frau Hähnle die Kaufverweigerung der Federhüte und kaum Internet und selten ein Handy vorhanden war. So wurde das Aufsuchen und das im Weiteren auch die von Pelzen. Heute sind wir als die Konsumenten/innen gefordert, Vorstellen einer Person zu einem besonderen Ritual. Gikmai ist ein bekannter Künstler, mit unserer Kaufentscheidung eine Lebenssituation für alle Lebewesen dort wie hier jetzt um die 65 Jahre alt ist, schätze ich. Er wurde mir in Port Moresby vorgestellt und er zu ermöglichen. Häufig wird der Lebensraum Regenwald durch die extensive Anpflanhat auch schon in Deutschland ausgestellt. Sein Name stammt von einem Vogel. Seine zung von Ölpalmen ruiniert, siehe www.regenwald.org. Welche Firmen ermöglichen Vorfahren stammen von den Vögeln ab. mit ihrem Geld den verschiedenen Loggingfirmen die großflächigen Rodungen des ReEr imitiert die Laute dieses Vogels. So klingt also ein Gikmai. Soweit ich es vergenwaldes? In Madang ist auch der Kampf vieler Einheimischer gegen die chinesiche standen habe ist es eine Papageienart. Er erzählt mir, wie wichtig es ist, auf die Vögel Miningfirma MCC ein wichtiges Thema. Ikea ist in Europa allgegenwärtig – ist ein zu hören. Sie warnen vor Unwettern, vor Gefahren und sie zeigen, wenn die Stimmung Wettbewerbsgewinner unserer „Alltagskultur“. Dieser Konzern läßt zum Großteil in entspannt ist. Sie wissen, wann der Tsunami kommt. 100 %. Auf meiner Reise höre ich China produzieren. Die Frage muss gestellt werden, inwieweit Ikea mit diese Mining das immer wieder. Ich nehme es mit mir wie unverrückbare Wahrheit. und Logging Firmen zusammenarbeitet. Bei einer der wichtigsten Einfahrten von Port Moresby steht die Skulptur, welche einen großen Paradiesvogel darstellt. Sie ist gestaltet und geformt von Gikmai, so wie as Handelsgut, welches heute zwischen Papua Neuguinea und der Europänoch viele weitere Skulpturen im Stadtraum. Er kann gut Englisch und von ihm erfahre ischen Union direkt verschifft wird, ist der Thunfisch. Die Thunfischdosen ich sehr viel über manche Regionen in Papua Neuguinea, über den Brautpreis, der im aus Wewak und Madang. Diese Fischgründe sind noch nicht leergefischt. Hochland mit der Anzahl von Paradiesvögeln und Schweinen verhandelt wird, über In der Fischfabrik in Wewak durfte ich fotografieren, der australische die Wichtigkeit des Clans eines Dorfes und die Verwahrlosung ohne diesen Rückhalt Kleinstteilhaber führte mich durch die Fabrik. Die Firma in Madang ist philippinischer in der sich auflösenden Struktur. In den Kirchen finde ich nicht nur die Taube als den Besitz. In Wewak betreibt die South Tuna Cooperation mit der Beteiligung eines euroheiligen Geist. Oft nimmt diese Rolle der Paradiesvogel ein. Mit seinen prächtigen und päischen Landes die Fischereiflotte und Fischfabrik. Was früher der Paradiesvogel war, mächtigen Schwanzfedern eignet er sich gut für diese Darstellungen. ist heute vor allem der Thunfisch. Notizen über diese Situation, das Sammeln kleiner In Alotau, der Insel der Liebe, sind die Vögel besonders wichtig. Sie werden dort Gegenstände, die ich für den heutigen Alltag in Papua Niugini sprechend finde, Infornicht gejagt. Die Ahnen verwandeln sich in Vögel und fliegen zwischen den Bäumen mationen und Skizzen packe ich während meiner Reise in eine Kiste. Jede Woche sende umher. Manchmal kann man fast ihre Menschengestalt noch erahnen. Ein „Father“ ich solch eine Box nach Österreich. Die Kisten transportieren Botschaften, welche aus der Missionare aus Indien arbeitete in Alotau und berichtet, dass er gerade noch aus dem Kontext der Situation vor Ort entstehen. Analog zum historischen Handel mit dem Augenwinkel eine Frau, die von Baum zu Baum flog, gesehen hat. In Wewak flieParadiesvögeln gelangen nun die von mir verpackten Gegenstände an das „andere Ende gen die Schwalben. Sausen mit ihrem der Handelskette“. Bei ihrer Ankunft Gezwitscher durch die heiße Luft und sind diese disloziert, ihres Kontextes klingen wie daheim. Auch hier sind enthoben. Um ihnen einen neuen sie für ein paar Wochen auf Besuch. Kontext zu geben, welcher diesem Die Raben krächzen anders, sehr anEnde der Kette entspricht, lade ich ders und viel. Abends warte ich schon Personen aus verschiedenen Arbeits23 VON GABRIELE STURM B regelmäßig auf ihre Heimreise ins feldern ein, sich den Inhalt der KisNachtquartier und ihre gut hörbare ten anzusehen. Ich bitte sie darüber Unterhaltung hoch oben im Blau. Zu sehen sind die Vögel in dem üppigen Dickicht selTexte ohne meine Mithilfe zu verfassen und eigene Vorstellungen zu entwickeln, wie der ten. Die Vogelstimmen, die ich höre, singen andere Lieder als die, die ich kenne. Noch Inhalt präsentiert werden kann. Diese Choreografie spiegelt die historische Tatsache, vor dem Morgengrauen beginnen sie. Sogar ich, die Langschläferin, klettere dafür aus dass die beinlosen Paradiesvogelbälger Wissenschaftler/innen, wie Künstler/innen und dem Bett. Mit der Filmkamera würde ich gerne die Töne einfangen. Eine lange ProzeHandelsreisende zu Theorien und Arbeiten veranlasst haben. Damit leisteten sie damals dur, denn kaum habe ich das zigfach versperrte Haus entriegelt und das dunkle Freie eine Neukontextualisierung der exotischen Wesen. Jede Kiste ist an eine andere Person betreten, verstummen sie. Es dauert lange, bis ich ein paar Töne sammeln kann, bis es aus einem unterschiedlichen Fachbereich adressiert: an Herrn Dr. Sackl aus der Ornimir „erlaubt“ ist, ein paar Töne aufzunehmen. thologie, an Herrn Günther Holler-Schuster aus der Kunst, an die Gruppe IZK Cabinet In der Nacht wecken mich in Wewak und Madang weithin hörbare Flügelschläge der Technischen Universität Graz geleitet von Dr. Daniela Brasil, aus dem Bereich Arund ich phantasiere riesige Vögel. Später erfahre ich, dass die Flying Foxes mit ihren chitektur und an Herrn Dr. Helmut Marko aus Wirtschaft und Handel. orange bepelzten Körpern in der Nacht die Obstbäume aufsuchen, um die Früchte zu Die erste Präsentation11 der vier aufbereiteten Kisteninhalte fand in einem eigens daessen. Dafür fliegen sie sehr, sehr weit in den „Busch“, ein Synonym dort für den Regenfür aufgestellten Fracht-Container am Lendplatz statt, dem ehemaligen, wie heutigen wald. Später, in Madang sehe ich sie dann in Scharen. Untertags schlafen sie kopfüber Markt- und Handelsplatz in Graz. Diese Ausstellung im öffentlichen Raum zeigt die hängend auf den Bäumen. Sie fliegen auf, wenn sie gestört werden. Über die Rasengesendeten Artefakte, Fieldnotes, Skizzen, Zeitungen aus Papua Neuguinea und die flächen, Rasenmähen ist in Papua Neuguinea sehr beliebt, gleiten dann die Schatten Neukontextualisierungen der Personen aus den unterschiedlichen Fachbereichen. der Flügel, die klein und manierlich wirken und keineswegs so groß wie ich es mir im Die vier verschiedenen Bereiche sind in Form von vier Inseln in der Ausstellung Dunkeln ausgemalt habe. sichtbar. Das Display ist angelegt wie in einem naturhistorischen Museum mit amorMit Father Big Joe lande ich nach einer Fahrt mit viel ABBA und Queen am Sepik, phen, “lebensraumnahen” Formen. Zwischen den Inseln spannt sich eine raumgreifende einem riesigen Fluss, der weniger bekannt ist für seinen Vogelreichtum als für seine kartografische Linie mit Informationen über das heutige Papua Neuguinea. Auf den Krokodile und tiefen Strudel. Ein schmales Einbaumboot, überfüllt mit verschiedenen Wänden des Containers sind einige der vor Ort gemachten Fotos angebracht. Von den Ladungen, droht ständig zu kippen. Wir sind deswegen sehr langsam und die Nacht Gesprächen und Interviews mit vielen Menschen in Papua Nuigini, NGO´s, dem EU bricht an bevor wir ein Dorf erreichen. Von den Krokodilen sehe ich auch in der DämAbgeordneten, den Missionaren und Schwestern, erzählen kleine Textausschnitte. merung nichts, aber weiße Reiher, Adler, unzählige kleine Vögel in den Schilfen. In Die heutige Situation des Paradiesvogels, seine Bedeutung für die Menschen wird in dieser Gegend stammen die Menschen nicht wie der Bildhauer Gikmai von den Vöden Bereichen zwischen den vier Inseln thematisiert. Ihre Schilderungen über die aktugeln, sondern von den Krokodilen ab. Weiße Reiher sehe ich auch in Madang wieder, elle Problematik des großräumigen Leerfischens, des verschwindenden Rest-Regenwalsofern das Gras nicht ständig gemäht wird, finden sie dort Frösche. Am betonierten Weg des und der Umbruchsituation in der Gesellschaft dargestellt. Mit den Interpretationen springt hin und wieder auch ein winziger Frosch. Die Regenzeit ist noch nicht lange entsteht ein wunderbarer neuer Kontext für viele Gegenstände aus Papua Neuguinea, vorbei, das Wasser steht noch in manchen Rasenflächen. In allen Regionen werden die eine Irritation - ähnlich der Situation in den Kuriositäten- und Wunderkammern - was Federn dieser Vögel als Kopfschmuck getragen. Meistens sind es nicht die einzelnen „wahr” ist und „was wahrscheinlich nicht“. Federn sondern die ganzen Vogelbälger werden auf den Kopfschmuck festgeklemmt. Bei Festen zum Tanzen und bei Demos habe ich den Einsatz dieses Kopfschmuckes A N M ER K U NGEN gesehen. Die wichtigste Figur, ob Frau oder Mann konnte ich nicht erkennen, ist von 1 Barbara Claassen-Schmal, Galerie für Gegenwartskunst, hat mich 2009 eingeladen, um für oben bis unten mit Federn, Vögeln, Zähnen und auch schon mit Billigplastikfedern aus den Kunstfrühling Bremen ein Ausstellungsprojekt zu machen. 2 China geschmückt. Diese Gestalt umscharen fast alle Anwesenden im Dorf. Die alten z.B. die Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft der Südseeinseln zu Hamburg, die Bismarck-Archipel Gesellschaft Damen hingegen, vor allem aus den Highlands, tragen eine gehäkelte, in der Form sehr 3 Interview mit Herrn Dr. Becker, Ornithologe des Überseemuseums Bremen, 2009 schlichte, elegante Art von Mütze, die unserer modernen Formensprache gut entspre4 Die Mitgliedsbeiträge legte sie sehr niedrig fest. 5 chen würde. Mit der Reise ließe sich leicht der Raum zwischen zwei Buchdeckeln füllen, Quelle: Geschichte von NABU 6 Stolberg Wernigerode: Biografie, vgl. S. 432-433 aber die Situation für den Paradiesvogel läßt sich in wenigen Sätzen beschreiben: „Ah, 7 Gift in der Landwirtschaft ist alltäglich, tonnenschwere Fahrzeuge bearbeiten riesen LandSie interessieren sich für den Paradiesvogel?“ striche, Hecken-nischen sind nur bei Biobetrieben vorgeschrieben... Die gefragte Person lacht, alle tun das immer, alle freuen sich über ein Interesse an Jeder/e von uns kann diese Liste beliebig fortsetzen. Streuobstwiesen und alte Obstgärten bieten auch Vögel eine Nahrungsgrundlage. ihrem Vogel. Ihr Vogel ist es deshalb, weil diese Spezies nur dort vorkommt, auf dieser 8 „Du sprichst” ist die wörtliche Übersetzung aus dem Pidgin Englisch, der Sprache mit welcher 9 Insel , die nun Papua Neuguinea zur einen Hälfte ausmacht und zur anderen West Pasich alle in Papua Neuguinea verständigen. 10 9 pua. „Ja die Paradiesvögel sind scheu, die können Sie nur noch in den Highlands frei Der Paradiesvogel lebte früher auch auf den Molukken Inseln. Von der ursprünglichen Fauna und Flora ist nichts mehr da, so auch nicht der Paradiesvogel. fliegend sehen. Sie brauchen den Regenwald, um zu leben. Den gibt es heute nur noch 10 West Papua wird heute von Indonesien beherrscht. Amnesty International berichtet von dort.“ Und auch in den Highlands gibt es laut den Einheimischen keinen Fleck mehr, keinem „guten“ Umgang mit den Papuas. 11 wo nicht schon die Kreissägen zu hören sind. Ein Ornithologe, Hr. Gottschling aus Bre29.6.2012 – 30.9.2012 DIE REISE DER FEDER 29.6 .- 30.08.2012 „The READING of the BOXES“: work in progress men, welcher immer wieder nach Westpapua fliegt und auf Birdwatchtour geht, hat mir 05.09-30.09.2012 YU TOK : Eröffnung: Dr. Elisabeth Fiedler – Kunst im öffentlichen Raum dies per Mail auf genau die gleiche Weise sehr verzweifelt geschildert. Leider auch, daß er die Brutplätze nur noch leer vorfindet. In Papua Nuigini sehe ich einige dieser Vögel G A B R I E L E S T U R M ist freischaffende Künstlerin und hat an der Akademie der in Käfigen. Sie sind für die wenigen Touristen/innen aufgestellt. Sie sind wie alle auf bildenden Künste in Wien, bei Markus Prachensky und Heimo Zobernig (1995 – 2002) engem Raum eingesperrten Lebewesen, deprimiert, ohne Lebensgeist. Diese Vögel hier studiert. Sie lebt und arbeitet in Wien. Ausstellungen u.a. im ZKM (D), in der Apex haben nur noch wenige, verschmutzte Federn. Von der Pracht, wegen der sie so gejagt Art, New York (USA), Neue Galerie Graz (A), Kunsthalle Exnergasse (A), Galerie 5020 worden sind und noch gejagt werden, ist da nichts mehr zu erkennen. (A), Bambinart Gallery, Tokyo.
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DIE REISE DER FEDER
WOVON MENSCH UND VOGEL TRÄUMEN 24
VON GUZO
RO M A N T S C H Ä PPE L E R , 1978 in Bern geboren, arbeitete für eine Ideenfabrik und gründete als Teenager ein Kulturzentrum. 2003 schloss er sein Studium an der Kaospilot School in Dänemark ab und schrieb diverse ausgezeichnete Kochbücher für den Schweizer Sternekoch Ivo Adam, dessen Management er seither innehat. Zudem entwickelt er Kampagnen für Firmen und Hilfsorganisationen und produziert Musikalben und Dokumentarfilme. Aktuell forscht er an der Hochschule der Künste in Zürich im Bereich der Zukunftsforschung. Er ist Autor von Die Welt erklärt in drei Strichen, 50 Erfolgsmodelle und Fragebuch (alle Kein&Aber, Zürich).
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M I K A E L K RO G E RU S , 1976 in Stockholm geboren, ist finnischer Staatsbürger und in Schweden und Deutschland aufgewachsen. Er studierte Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin und schloss 2003 sein Studium an der Kaospilot School in Dänemark ab. Danach war er Redaktor bei der TV-Jugendsendung Chat the Planet in New York und ab 2005 Redaktor bei NZZ Folio, dem Magazin der Neuen Zürcher Zeitung. Seit 2009 schreibt er als freier Journalist u.a. für Brand eins, Neue Zürcher Zeitung und Das Magazin. Er ist Autor von Die Welt erklärt in drei Strichen, 50 Erfolgsmodelle und Fragebuch (alle Kein&Aber, Zürich).
EINS WERDEN BEI DER PIRSCH 25
VON HAJO KOBIALKA
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ögel sind mit den beiden menschlichen Sinnen des Sehens und Hörens weltweit zu entdecken. All jene Menschen, die vom Virus der Vogelbeobachtung angesteckt wurden, leben allerdings nicht ganz ungefährlich. Viele lässt es nicht mehr los und manche entwickeln eine Sucht. Dann müssen sie fast täglich raus in die Natur. Hier gilt es möglichst keinen Augenblick zu verpassen: Für das Erlebnis der Schönheit, der Vielfalt, des Verhaltens, der Entwicklung, der Besonderheit oder um ein noch schöneres Foto zu schießen.
Vogelkundler sind durchaus Sammler und Jäger einer vergangenen Zeit in einer zivilisierten Welt. Die schönsten Augenblicke des Abenteuers auf der Jagd der Vogelbeobachtung sind für mich die Orte der Stille. Dort kann ich eintauchen in die Farben der Landschaft, in das Spiel von Licht und Schatten, den Wind fühlen und all die Klänge der Lebewesen wahrnehmen. In seltenen Momenten vergesse ich mich selbst und werde eins bei der Pirsch.
So mancher Vogelkundler fährt fast ganzjährig Auto mit offenem Fenster, um bloß keinen Gesang oder Ruf nebenbei zu verpassen. Ob es sich hierbei um eine Form der fortgeschrittenen Sucht handelt, vermögen andere besser zu beurteilen. Die Gabe des sechsten Sinnes, also etwas zu bemerken ohne es mit den fünf Sinnenorganen (Auge, Ohr, Nase, Zunge und Haut) wahrzunehmen, ist vermutlich nur wenigen vergönnt. Sie spüren einfach, dass da etwas im Raum ist. Und plötzlich sehen sie im Bruchteil von Sekunden den Vogel.
H A JO KO B I A L K A leitet die Agentur Umwelt Höxter - ein Büro für angewandte Tierökologie. Es repräsentiert faunistische, umweltpolitische, Management- und Bauleitererfahrungen und leistet gutachterliche Tätigkeit. In seiner freien Zeit beobachtet Hajo Kobialka gerne Vögel - daheim und unterwegs. www.agentur-umwelt.de
DI S Z I PL I N I E R T E U N D I N T E R DI S Z I PL I N Ä R E A N N Ä H E RU N G A N E I N B I OA K U S T I S C H E S PH Ä N O M E N Verfügt das Tier nicht nur über Zeichen, sondern auch über eine Sprache, und welche? Stirbt das Tier? Weint es? Trauert es? Langweilt es sich? Lügt es? Verzeiht es? Singt es? Erfindet es? Erfindet es Musik? Spielt es Musik? Spielt es? Jacques Derrida: Das Tier, das ich also bin VO RG E Z W I T S C H E R
Eulenart, die schon im Spätwinter vorgetragen werden und kilometerweit zu hören sind. Und da ist natürlich der Kuckuck, den bereits jedes Kind zumindest dem Namen nach als probaten Duettpartner des Esels kennt und den doch in seiner recht heimlichen, scheuen Lebensweise auch so mancher Erwachsene noch nie zu Gesicht bekommen hat. (Wie steht es mit Ihnen: Kennen Sie die an einen etwas zu kleinköpfig geratenen Sperber erinnernde Gestalt des Kuckucks, die ebenfalls sperberähnliche Bänderung seiner Brust, seinen zügigen Flug, der ihn, einmal aufgescheucht, rasch außer Sichtweite bringt?)
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DE R W U R M I M VO G E L G E DIC H T s ist schon lange nicht mehr über meine Lippen gekommen. Nicht das ZwitEiner Begegnung mit dem Kuckuck hat Tomas Tranströmer, der schwedische Lyriker schern selbst, ich kann ja nicht zwitschern (können Sie etwa zwitschern?), und Nobelpreisträger, eines seiner gar nicht besonders zahlreichen Gedichte gewidmet. sondern das Wort »zwitschern«, diese seltsam zischelnde oder gar tschilpenIn diesem kleinen Text mit dem Titel »Der Kuckuck«1 – eigentlich ein Prosagedicht oder de Lautfolge, die im unbeholfenen Versuch der Lautmalerei nicht an jene ein Stück lyrischer Prosa, wie immer man jenes hybride Genre bezeichnen mag, das weit eloquenteren Lautäußerungen heranreicht, die mit dieser Vokabel üblicherweise beides will: dichten und erzählen – berichtet Tranströmer: »In der Birke gleich nördlich gemeint sind. Und damit wir uns gleich richtig verstehen: Nur von der akustischen Ausprägung des Zwitscherns soll in diesem kleinen Aufsatz die Rede sein, von jenem vom Hause saß ein Kuckuck und rief. Er war so laut, dass ich erst glaubte, ein OpernZwitschern, das aus einer Vogel- oder sonstigen stimmbegabten Kehle ins Freie tritt, sänger gebe eine Kuckuckimitation. Mit Staunen sah ich den Vogel. Die Schwanzfedern bewegten sich bei jedem Ton auf und ab, wie der Schwengel einer Pumpe. Der Vogel nicht aber von jenem Zwitschern, das den umgekehrten Weg kehlabwärts nimmt – um hüpfte mit geschlossenen Füßen, drehte sich um und schrie in alle Himmelsrichtungen. dann nicht selten indirekt, auf dem Umweg über die Blutbahn, weniger wohltönende Dann hob er ab und flog leise fluchend über das Haus und weit weg nach Westen ... Der Gesänge in Gang zu setzen. Wir reden hier also stocknüchtern und puritanisch vom Urzwitschern, vom Zwitschern ersten Grades, vom naturgegebenen Primärzwitschern. Sommer altert, und alles verfließt zu einem einzigen wehmütigen Rauschen. Cuculus »Zwischen zwei Zwetschkenzweigen sitzen zwei zwitschernde Schwalben«, weiß der canorus kehrt zurück in die Tropen. Seine Zeit in Schweden ist vorbei. Lang ist sie nicht Volksmund zungenbrecherisch zu berichten, wobei ich weder sagen könnte, wo das Volk geworden! In Wirklichkeit ist der Kuckuck ein Bürger von Zaire ... Ich bin nicht mehr so seinen Mund hat, noch, wie man zwischen Zweigen sitzen kann; dort kann, wer eine närrisch aufs Reisen. Aber die Reise besucht mich. [...]« Tranströmer spricht über den Kuckuck und Schwa lbe im nächsist, allenfalls flieten Mogen, sofern ment über die Zweige sich selbst, nicht zu eng ordnet sich 26 VON HELWIG BRUNNER A stehen, zunächst aber sitzen als staunenlässt es sich nur auf den Zweigen, das gilt sogar für so luftig leichte Geschöpfe wie die der Beobachter der Beobachtung unter und drückt ihr dann doch den Stempel subSchwalben. Worauf ich aber hinaus will: Das Zwitschern der Schwalben klingt in der jektiver Interpretationen und Assoziationen auf. In gewisser Weise setzt er damit die Tradition fort, den Vogelgesang dort, wo er im Gedicht oder allgemein in der Literatur Tat noch am ehesten wie ebendieses Wort: hell und freundlich, ein bisschen verhaspelt auftaucht, zur Projektionsfläche menschlicher Befindlichkeiten, ja sogar menschlichen und vernudelt, ziemlich geräuschreich und nicht allzu melodiös. Insofern hat der Volksmund schon Recht, wenn er ausgerechnet den Schwalben das Zwitschern nachsagt. Schicksals zu machen. Und doch bricht er gleichzeitig auch mit dieser Tradition, indem In der Regel klingt Zwitschern aber überhaupt nicht wie »Zwitschern« und umgeer sauber trennt, was Natur ist und was Mensch, was der Vogel, was seine, Tranströmers, kehrt. Wenn wir auf einem Frühlingsspaziergang durch einen halbwegs naturähnliWahrnehmung von ihm und was der persönliche Gedanke, der daran anknüpft. Meist fällt der Blick der Dichter (vielleicht auch der Dichterinnen, doch dazu liegt mir chen, noch nicht völlig kaputtgeforsteten Wald zu unserer Begleitung sagen: »Hör nur, kein passendes Beispiel vor) auf die Natur allerdings weniger umsichtig aus, gerät dann wie hübsch es hier überall zwitschert«, dann meinen wir nichts, was auch nur annähernd dem vermeintlich lautmalerischen Wort ähnelt. Falls uns diese kleine Diskrepanz stört, möglicherweise zur Vereinnahmung, indem etwa dem zwitschernden Vogel menschliche können wir, gewisse ornithologische Grundkenntnisse vorausgesetzt, um einer flüchtig Gefühle untergejubelt werden. Derartiges findet sich etwa im Gedicht »Schneegesicht« imaginierten Genauigkeit willen sagen: »Hör nur, wie hübsch hier die Reviergesänge der von Thomas Rosenlöcher: »Am schönsten ist der erste Schnee, / sprach ich und ging. Ich beiden Rotkehlchen, des Buchfinken, des Zaunkönigs und des Wintergoldhähnchens kannte eine Stelle, / wo sich der Weg, strauchüberwölkt, verengte. / Und wirklich war klingen.« Das würde uns aber nicht nur den Verdacht der Klugscheißerei einbringen, das schneeverflochtne Holz / das Zwitscherchaos eines ganzen Jahres, / und noch aus kleinsten Höhlungen / piepten mir Wesen voller Angst entgegen. [...]«.2 Man darf diese sondern wäre zudem tatsächlich nicht viel hilfreicher als jener landläufige erste Satz, denn was heißt schon hübsch, wenn es um die territoriale Selbstbehauptung und das Zeilen durchaus als stimmungsvoll empfinden, möchte das Gedicht vielleicht als gelunPartnerwerben von Singvögeln geht, und was helfen schon Namen und die Aufforgen bezeichnen – Rosenlöcher ist ja auch kein Niemand unter den Dichtern –, und doch derung, ihren Trägern zu lauschen, wenn das etwas höhere Semester an unserer Seite wird angesichts der Art, wie der Dichter hier vorgeht, auch ein gewisses Unbehagen die feine Gesangsstrophe des Wintergoldhähnchens vielleicht gar nicht zu hören in der nicht ausbleiben, was die Redlichkeit der poetischen Aussage betrifft. Die beschriebene Lage ist und auch keine Ahnung hat, wie dieser kleine Hervorbringer des Unhörbaren Situation lässt sich leicht ausmalen: Ein Meisenschwarm, wie er sich in der kalten Jahüberhaupt aussieht. Ob außerdem die erfolgreich um fachliche Korrektheit bemühte reszeit zusammenfindet, turnt in den verschneiten Zweigen über besagtem Weg umher, Bezeichnung »Gesang«, die uns unvermeidlich in Kategorien menschlicher Musikaliman hört die hohen, feinen Kontaktrufe, die den Zusammenhalt des Schwarms gewährtät verstrickt, dem bioakustischen Phänomen, von dem wir sprechen, wirklich näher leisten, auch den einen oder anderen Warnruf angesichts des herannahenden Dichters, kommt als unser arglos dahingesagtes »Zwitschern«, bleibt ebenfalls dahingestellt. Gedenn Dichter sind, wie man nicht nur als Meise weiß, gefährlich. (Anstelle der Meisen rade in unserem zweiten, um mehr Genauigkeit und so etwas wie Objektivität bemühkämen auch Stieglitze, Bergfinken, Hänflinge und andere, im Winter Schwärme bilten Satz würde deutlich, wie unangemessen die anthropozentrische Vereinnahmung dende Vogelarten in Frage, ihre Lautäußerungen wären aber vom Dichter wohl kaum des Zwitscherns durch ein oberflächliches Geschmacksurteil (»hübsch«) letztlich ist und als Piepen beschrieben worden, zudem hätten sie bei seiner Annäherung aufstiebend das wie sehr das Naturphänomen und unser Sprechen darüber auseinander klaffen; aber Weite gesucht, was im Gedicht wohl nicht unerwähnt geblieben wäre.) Was die Vögel in den Belangen, über die wir eigentlich reden wollten, wären wir, abgesehen vielleicht allerdings an einem Wintertag aus jenen kleinen Baumhöhlen piepen lässt, die sie zu vom nomenklatorischen Reiz der Benennung einiger Vogelarten mit ihren freundlichganz anderer Jahreszeit für ihr Brutgeschäft nutzen, und was, abgesehen von den angesprochenen, allerdings nicht piepend klingenden Warnrufen, den Dichter dazu berechverspielten Namen, auch nicht wirklich weitergekommen, soll heißen: Über das Zwittigt, von »Wesen voller Angst« zu sprechen, bleibt ebenso unklar wie die Frage, was den schern an sich wäre noch nichts gesagt. im Gedicht beschriebenen Wintertag dazu befähigt, das »Zwitscherchaos eines ganzen Das alles spielt aber überhaupt keine Rolle, denn im nächsten Moment reden wir Jahres« im verschneiten Zweigdickicht zu versammeln. Allein das Gehirn des Dichters sowieso wieder von etwas anderem. Die Vokabel »Zwitschern« hat irgendwo an einem selbst, der jenen Weg auch zu anderen Jahreszeiten gegangen ist, vermag in der Erinneentfernten Rand unseres Wortschatzes auf ihre beiläufige Verwendung gewartet und rung eine solche Zusammenfassung zu leisten. Ob hier dichterische Freiheit geltend zu sich, kaum ausgesprochen, sofort wieder dorthin zurückgezogen. Jetzt werden wieder machen oder doch eine willkürliche Deformation des Naturgeschehens zu konstatieren viele Wochen ins Land und viele Vögel nach Afrika ziehen, ohne dass wir auch nur ein ist, wird jeder Leser, jede Leserin für sich entscheiden. Ersteres mag einer Beliebigkeit einziges Mal vom Zwitschern sprächen. So behält es immerhin, wie andere seltene Wörder poetischen Aussage das Wort reden, Letzteres ein wenig kleinlich erscheinen – in ter, den Reiz des Unverbrauchten, ja weitgehend Unentdeckten. jedem Fall wirft eine solche dichterische Sprechweise mögliche Probleme auf. An anderer Stelle finden wir die Vogelstimme noch viel unverblümter in den Dienst N O C H M E H R L AU T M A L E R E I E N poetischer Absichten gestellt. In fast schon frivoler Dreistigkeit bemüht Michael Augustin in seinem Gedicht »Fünf Uhr früh« die synästhetische Fantasie seiner Leser, wenn Nicht wenige Vögel tragen Namen, die ihren Lautäußerungen nachempfunden sind. er schreibt: »Im Baum vorm Haus / zwitschert / ein erstes Gedicht.«3 Interessanterweise Da ist der Zilpzalp, ein unscheinbares grünlichgraues Vögelchen aus der Verwandtbleibt das Unbehagen, von dem oben die Rede war, hier aus; zu offensichtlich ist die schaft der Laubsänger, der unserem Hörempfinden nach tatsächlich ungefähr so singt, Bruchlinie zwischen Realität und poetischer Umdeutung dem Gedicht eingeschrieben, wie er heißt. Da ist der Stieglitz, ein clowngesichtiger Finkenvogel, dessen hell klingelnzu unmissverständlich begleitet ein Augenzwinkern die dichterische Aneignung des Vode Rufe mit »stigelitt« umschrieben werden können, während sein Zweitname Distelgelgesangs bzw. des Vogels selbst, als dass sich noch die Frage nach der Zulässigkeit fink auf eine Vorliebe für Disteln und andere nahrhafte Samen tragende Hochstauden solcher Vereinnahmung stellen würde. Hier wird Natur nicht bloß zur Projektionsfläche hinweist. Da ist der Uhu mit seinem wissenschaftlichen Namen Bubo bubo, und beide Bezeichnungen imitieren unverkennbar die dumpfen Balzrufe dieser weltweit größten gemacht, sondern mindestens ebenso sehr als solche thematisiert und ironisiert.
DAS ZWITSCHERCHAOS EINES GANZEN JAHRES
pozentrischen, gleichwohl um Faktenorientierung bemühten, mit vielen Wissensdetails angereicherten Sprechweise finden wir im englischen Sprachraum, wo die Vogelkunde seit jeher einen hohen Stellenwert hat. Geradezu euphorisch äußert sich etwa Ambrose G. H. Pratt 1933 über »eines der schönsten und seltensten und gewiß das klügste der wildlebenden Geschöpfe der Welt«, den australischen Prachtleierschwanz, dem er nicht nur »eine tiefe Liebe zur Melodie« zuschreibt, »die er mit vollendeter Kunst und höchst gefällig zum Ausdruck bringen kann«, sondern auch »die Fähigkeit, Ideen durch eine Art von Sprache zu übermitteln« und sogar, man lese und staune, »einen ausgeprägten Sinn für Eigentumsrechte und -werte«.5 Solche gewagten Zusammenfügungen disparater Materialien, Sprechweisen und Begrifflichkeiten gewinnen im Zusammenhang postmoderner Erzählweisen zweifellos einen neuen, wenn auch oberflächlichen Reiz. So Sicher ließe sich beim Stöbern in den unüberschaubaren Weiten der Poesie – rund 3.000 verwundert es nicht (oder vielleicht doch ein wenig), wenn etwa die Friedenauer Presse deutschsprachige Lyriktitel erscheinen jedes Jahr – noch so manches Beispiel finden, wie in Berlin das genannte Werk Pratts 2011 nicht nur in deutscher Sprache herausgebracht, Vogelgesänge in dichterischer Absicht thematisiert, interpretiert und instrumentalisiert sondern es auch mit einem setzkastenartigen Anhang versehen hat, in dem der Überwerden. In der Mehrzahl der Gedichte, in denen gezwitschert wird, stellt der Vogelgesetzer und Herausgeber allerlei historische, philosophische und literarische Fundstücke sang allerdings bloß ein oberflächliches Stimmungskolorit dar, das nicht weiter hintervon Friedrich Schiller über Elias Canetti bis Jacques Derrida nebst diversen neueren fragt mit Glück, Fröhlichkeit und Unbeschwertheit, Naturidyll und Frühlingserwachen Erkenntnissen zur Biologie des Leierschwanzes zusammengestellt hat. Ein leises Unkonnotiert wird. behagen gegenüber dieser Art der Rezeption von Vogelgesängen, die unweigerlich an das berüchtigte »anything goes« einer auf die leichte Schulter genommenen PostmoDA S Z W I T S C H E RC H AO S DE R DI S Z I PL I N E N derne denken lässt, soll aber keineswegs die Tatsache schmälern, dass der australische Leierschwanz tatsächlich über einen außerordentlich reichhaltigen und für unser Ohr Kommen wir nochmals auf Genauigkeit zu sprechen. Sie könnte, dachte ich zunächst naiv, spektakulären Gesang verfügt, der übrigens auch den Komponisten Olivier Messiaen der Schlüssel zum Erfolg sein, wenn es darum geht, ein Thema, das im Bewusstsein der beeindruckt und musikalisch inspiriert hat. meisten Menschen nur als Frühlingsmarginalie existiert, in der gebotenen Ausführlichkeit zu entfalten – immerhin gilt es hier ein Drittel eines Buches vollzuzwitschern. Was Im Bemühen, ein vermeintlich so partikuläres und leichtgewichtiges und in Wahrheit doch ungemein aufgesplittertes und schwer fassbares Thema wie das Zwitschern »genau« aber kann Genauigkeit sein, wenn die Zuständigkeit eines Fachgebietes, somit auch eines darzustellen Vokabulars (wobei Geund einer diskursiven nau ig keit Hera ngehier wohl hens weise Vo l l s t ä n so wenig digkeit, 26 VON HELWIG BRUNNER B geben ist Detailtreue wie hier? oder auch Das »Zwitschern« liegt in der Überlappungszone so verschiedener Fach- und Denkricheine angemessene Gewichtung und Verbindung der unterschiedlichen Zugänge betungen, so unterschiedlicher Reflexionsniveaus von der unmittelbar sinnlichen Wahrdeuten könnte), möchte man vielleicht ein ganzes Team von Autorinnen und Autoren nehmung bis hin zur wissenschaftlichen Analyse oder künstlerischen Transformation, verschiedener Fachrichtungen darauf ansetzen. Gerade dann würde aber vermutlich dass allein schon die Wahl eines Sprachregisters, das dem Phänomen umfassend gerecht umso mehr jene Zusammenschau fehlen, die aus dem fachdisziplinären Stückwerk eiwerden soll, nicht selbstverständlich gelingt. Wie also sprechen über das Zwitschern? nen konsistenten Begriff zu formen imstande wäre. Eine sachliche, für verschiedene Terminologien offene, doch gleichzeitig auch ästhetisch und poetisch durchlässige Sprache sollte es wohl sein, wenn nicht von vornherein eine HELL UND SCHNELL Eingrenzung auf eine fachdisziplinäre Sicht, beispielsweise die biowissenschaftliche, allein durch die Wahl der Mittel festgeschrieben werden soll. Versuchen wir, nachdem wir bereits an so viele Fachgebiete angestreift sind, zu einer Die Blickwinkel, aus denen ein vermeintlich so simples Phänomen wie das Zwitphänomenologischen Betrachtung zurückzukehren: Was meinen wir eigentlich, wenn schern betrachtet werden kann, sind tatsächlich erstaunlich vielfältig. Zunächst ist es wir vom Zwitschern sprechen? Auch wenn wir ein intuitives Verständnis dafür haben, ein Klangereignis, das im Rahmen der Akustik in seinen physikalischen Qualitäten was Zwitschern ist und was nicht, fällt uns eine Definition doch schwerer als erwartet. – der Tonhöhe als Ergebnis der Grundfrequenz, der Klangfarbe als Resultat des Ober»Singen, tirilieren, tschilpen, trällern, trillern, zirpen« – so die (angeblichen) Synonyme, tonspektrums, der Lautstärke als Ausdruck der Schallenergie und dem mehr oder mindie das Web-Wörterbuch Wictionary vorschlägt6 – sind wohl kaum gleichbedeutend der melodischen Verlauf der Frequenzmodulationen in der Zeit – beschrieben werden mit »zwitschern«. Auch die derselben Quelle entnommene Worterklärung »eine Reihe kann. Da wir uns gleichzeitig im Gebiet der Biologie bewegen, können wir die Akustik, aufeinander folgender Töne von sich geben (meist im Zusammenhang mit Vögeln)« deren Grundkenntnisse wir voraussetzen, auf die Bioakustik eingrenzen. Innerhalb der erscheint ungenügend; mehr als die Wortbedeutung tatsächlich zu definieren, markiert Biologie wiederum sind es unter anderem anatomisch-morphologische und sinnesphysie vielmehr ziemlich hilflos den Punkt, ab dem eine solche Definition schwierig wird. siologische Gegebenheiten, welche die Hervorbringung und Rezeption des Zwitscherns (Zudem ist der Begriff »Töne« hier ungenau gewählt, da die Rufe und Gesänge von ermöglichen, außerdem können genetische Voraussetzungen und evolutionsbiologiVögeln durch Obertöne angereichert und im akustischen Sinn also meist Klänge sind.) sche sowie ethologische und lernpsychologische Aspekte des Vogelgesangs hinterfragt Tatsache ist: Bei weitem nicht jede »Reihe aufeinander folgender Töne« (oder Klänge), werden. In der Feldornithologie, der Arbeit des Vogelkundlers im Lebensraum seiner die Vögel von sich geben, bezeichnen wir als Zwitschern. Umgekehrt zwitschern nicht Studienobjekte, ist wiederum die artdiagnostische Bedeutung der Vogelgesänge wichnur Vögel, auch Delphine tun es, Spitzmäuse, Fledermäuse und Heuschrecken, von tig, wenn der Vogelbestand eines unübersichtlichen Landschaftsausschnitts möglichst denen eine Art tatsächlich Zwitscherschrecke genannt wird. Auch manchen Menschen, vollständig erfasst werden soll. Fragestellungen der Ökologie wiederum zielen unter andie affektiert oder zuckersüß oder tuntig sprechen, wird ein Zwitschern nachgesagt. derem auf das Zwitschern in seiner Bedeutung für das einzelne Tier, für die Population Was das Zwitschern zum Zwitschern macht, scheint zweierlei zu sein: einerseits eine einer Art und für das Zusammenleben verschiedener Arten im Lebensraum ab. Abseits helle Klangfarbe in mittleren bis höheren Frequenzlagen, andererseits eine relativ große der Biowissenschaften begründet die musikalische Umsetzung von Vogelgesängen in Geschwindigkeit. Meist sind es daher Gesänge von kleineren Singvögeln, die wir so Kompositionen eine musikgeschichtliche und musikästhetische Auseinandersetzung. nennen. Langsame, dumpfe Rufreihen wie etwa den Balzruf der Großen RohrdomEine mögliche Verwandtschaft des Vogelgezwitschers mit der menschlichen Musik mel oder des Uhus, die okkarinaartig tönenden Rufe des Raufußkauzes oder auch die kann musikologisch und letztlich auch philosophisch beurteilt werden, die Frage der Rufe des Kuckucks, von dem schon die Rede war, würden wir niemals als Zwitschern bezeichnen, auch nicht etwa die klangvollen, vergleichsweise langsamen Gesänge der Sprachähnlichkeit der Gesänge und Rufe von Vögeln ruft Sprach- und KommunikatiAmsel und einiger anderer Drosseln – obgleich diese Lautäußerungen allesamt der onswissenschaftler auf den Plan. Die Tradition des Fangs und der Käfighaltung möglichst »kunstvoll« tirilierender Singvögel zum Zweck der Konkurrenz in einschlägigen Wictionary-Definition genügen. Für die rasch dahinplätschernden Gesänge einiger Grasmückenarten und Rohrsänger, die perlenden Gesangskaskaden des Rotkehlchens, Wettbewerben, etwa im österreichischen Salzkammergut von der UNESCO zum imdas geräuschreiche Schwätzen der Rauchschwalbe, die metallisch trillernde Strophe des materiellen Kulturerbe erklärt, kann aus brauchtumskundlicher Sicht beschrieben oder Buchfinken oder den hell klingelnden Reviergesang des Girlitzes würden wir hingegen durch die Brille des Tierschutzes kritisch gesehen und an den EU-rechtlichen Normen ohne zu zögern die Bezeichnung »Zwitschern« gelten lassen. des Vogelschutzes gemessen werden. Auch die Bedeutung von Vogelstimmen in ReliAn dieser Stelle muss erwähnt werden, dass das Singvogelohr über ein weit besseres gionen und Mythologien oder in den Literaturen der Welt – wie oben am Beispiel einzeitliches Auflösungsvermögen verfügt als das menschliche Ohr. Im Fall des Buchfinzelner deutschsprachiger Gedichte exemplarisch aufgezeigt – kann dokumentiert und ken etwa, des häufigsten Singvogels Österreichs, übertrifft das Auflösungsvermögen das interpretiert werden. des Menschen um das Zehnfache. Um alle Details seines Gesangs wahrnehmen zu könSo verschieden wie die fachlichen Zugänge fallen naturgemäß auch die sprachlichen nen, die der Sänger selbst und seine Artgenossen zu hören vermögen, müssten wir den Mittel aus, die hier zum Einsatz gelangen, wobei die Zeit, zu der jeweils gesprochen Gesang daher auf ein Zehntel seiner normalen Geschwindigkeit verlangsamen.8 wurde oder wird, sowohl die Inhalte als auch die Wahl der für adäquat gehaltenen SpraIn ihrer Originalgeschwindigkeit verschmelzen rasche Klangfolgen in den Gesänche zusätzlich prägt. In Brehm’s Tierleben von 1878, für viele wohl der Inbegriff deutgen oder Rufen vieler Singvögel für uns zu undifferenzierten Sweeps oder Geräuschen. scher Naturgeschichtsschreibung, lesen wir etwa im einleitenden Kapitel des Bandes Gerade diese informationsreichen Rufe oder Gesangselemente, die unser Ohr an oder über die Vögel folgende, aus heutiger Sicht gelinde gesagt kühn erscheinende Ausfühjenseits der Grenze zur Geräuschhaftigkeit wahrnimmt und nur mehr unvollständig rung: »Die Stimme ermöglicht reichhaltige Sprache und anmutigen Gesang. Jede eingeaufzulösen vermag, dürften maßgeblich dazu beitragen, dass wir ein »Zwitschern« höhendere Beobachtung lehrt, daß die Vögel für verschiedene Empfindungen, Eindrücke ren und nicht etwa ein Singen oder Flöten. Überhaupt wohnt das Zeitliche als Struktur und Begriffe besondere Laute ausstoßen, denen man ohne Übertreibung die Bedeutung gebendes Prinzip dem Zwitschern in auffallender Weise inne. Die Zusammensetzung vonWorten zusprechen darf [...]«.4 Besondere Blüten einer schwärmerischen und anthroEine Ausdeutung der dichterischen Intentionen könnte in etwa folgendermaßen lauten: »Ich höre am frühen Morgen im Baum vor dem Haus einen Vogel zwitschern, empfinde dieses Zwitschern als belebend (auch wenn ich vielleicht ganz gerne noch weiterschlafen würde) und möchte dem so gewonnenen positiven Lebensgefühl mit einem Gedicht Ausdruck geben, ohne mich als Dichter dabei allzu ernst zu nehmen oder gar einer romantisierenden Schreibhaltung verdächtig zu machen. Gleichzeitig will ich auf den sonderbaren Vorgang hinweisen, mit dem wir Menschen und insbesondere wir Dichter uns die Natur unter den Nagel zu reißen pflegen.« Augustin erspart uns diesen Sermon, er setzt sein Gedicht geradewegs in den Baum und lässt es zwitschern. Chapeau!
DAS ZWITSCHERCHAOS EINES GANZEN JAHRES
rasch oder langsamer vorgetragener Elemente und Silben zu Strophen variabler oder konstanter Länge, die Aufeinanderfolge der Strophen mit kürzeren oder längeren Pausen dazwischen sowie die tages- und jahreszeitliche, aber auch lebenszeitliche Verteilung der Gesangsaktivität bilden ein relativ komplexes hierarchisches Muster. Die Sangesleistungen sind in bestimmten Zeitabschnitten oft gewaltig: 18 bis 22 Stunden am Tag singen manche Nachtigallen – die entgegen ihrem Namen durchaus auch tagsüber gesangsaktiv sind – während ihrer Hauptgesangszeit, und beim Rotaugenvireo, einem der eifrigsten amerikanischen Sänger, hat man während eines einzigen Tages über 22.000 seiner kurzen Strophen gezählt.7 S E N DE R U N D E M PFÄ N G E R An der Basis unseres Verständnisses für das Zwitschern des Vogels steht die Kenntnis des Aufbaus und der Leistungen einerseits des Stimmorgans, mit dem er seine Lautäußerungen hervorbringt, andererseits des Vogelohres, das empfängerseitig die funktionierende akustische Kommunikation garantiert. Das Stimmorgan des Vogels ist nicht wie beim Menschen der Kehlkopf (Larynx), sondern der Untere Kehlkopf oder Stimmkopf (Syrinx), der ein »Stockwerk« tiefer an der Gabelung der beiden Hauptbronchen liegt. Er ist aus Knorpelringen und Membranen aufgebaut. Durch Muskeln, beim Singvogel sind es sieben bis neun Paare, kann die Spannung der Membranen verändert werden, die durch die vorbeiströmende Luft in Schwingung versetzt werden. Die weitere Ausformung des Lautes geschieht nicht wie beim Menschen in der Mundhöhle, sondern in der Luftröhre. Daneben hat auch der Schnabel wesentlichen Anteil an der Frequenzmodulation der Laute.
wird das Rufrepertoire eingesetzt, in dem unter anderem Warnrufe, Bettelrufe und Kontaktrufe unterschieden werden können. Rufe sind in der Regel einfacher aufgebaut als Gesänge, der Übergang zwischen Rufen und Gesängen ist allerdings fließend. So werden jene Rufe und Rufreihen der Nichtsingvögel, die Gesangsfunktion übernehmen, oft als Gesänge bezeichnet, umgekehrt sind besonders einfach strukturierte Gesänge mancher Singvögel wenig mehr als eine Aneinanderreihung von Elementen, wie sie auch als Rufe Verwendung finden. Neben stimmlich hervorgebrachten Rufen und Gesängen gibt es auch so genannte Instrumentallaute, von denen das Schnabelklappern des Weißstorches bei der Begrüßung am Horst und das Trommeln der Spechte die bekanntesten sind. Bei den Spechten übernimmt das Trommeln vielfach die Rolle eines Reviergesangs (z. B. Buntspecht); manche Spechtarten trommeln allerdings selten oder nie, haben dafür aber auffallende Rufreihen mit Gesangsfunktion (z. B. Grünspecht), wieder andere Arten verfügen alternativ über ein Trommeln und eine entsprechende Rufreihe (z. B. Kleinspecht). Weitere Instrumentallaute sind etwa das Flügelklatschen der Ringeltaube auf dem höchsten Punkt ihres Schaufluges und das so genannte Meckern der Bekassine, das in raschem Abwärtsflug mit den äußeren Steuerfedern produziert wird.
Während alle diese Gesänge, Rufe und Instrumentallaute in der Regel der innerartlichen Kommunikation dienen, gibt es auch Beispiele einer zwischenartlichen Verständigung. Hierzu zählt jener hohe, durchdringende Warnruf, den viele Vogelarten bei Annäherung eines Luftfeindes, etwa eines Sperbers, in ähnlicher Weise von sich geben und der in der Art eines »Vogel-Esperantos« auch von anderen Arten verstanden wird. In ihrer klanglichen Charakteristik spiegeln die Lautäußerungen des Vogels nicht nur seine physiologischen Möglichkeiten, sondern auch die in seinem Lebensraum herrDas Voschenden akustischen gelohr Rahmenbeentspricht in seinem dingungen wider. So Auf bau ist mehreim Prinzip 26 VON HELWIG BRUNNER C ren Vogeldem Ohr arten, die der Säugetiere und des Menschen, ist aber einfacher gebaut. So weist das Mittelohr des Vogels an rauschenden Wildbächen und Flüssen leben – in unseren Breiten etwa der Wasseramsel, dem Eisvogel und dem Flussuferläufer –, eine hohe Tonlage und eine scharfe, anstelle unserer drei Gehörknöchelchen – Hammer, Amboss und Steigbügel – nur ein Knöchelchen auf, die so genannte Columella auris, die entwicklungsgeschichtlich dem durchdringende Klangfarbe ihrer Stimmen gemeinsam. Dass die Evolution nicht still Steigbügel entspricht. Im Innenohr ist die Cochlea nicht wie bei uns zur Schnecke gesteht, zeigt sich in der urbanen Zivilisationslandschaft: Um sich von den vorherrschend wunden und weist weniger Sinneszellen auf. Dennoch ist das Vogelohr sehr leistungstiefen Frequenzen des städtischen Grundrauschens besser abzuheben, singen Kohlmeifähig. Der Hörbereich hinsichtlich der Tonhöhe ist durch eine etwas höhere untere sen in verschiedenen europäischen Großstädten höher, zudem auch kürzer und schneller Hörgrenze gekennzeichnet als beim Menschen, die obere Hörgrenze liegt je nach Voals ihre Artgenossen in nahe gelegenen Wäldern und benutzen öfter atypische Tonfol9 gelart unter oder auch deutlich über der des Menschen. Beide, Vögel und Menschen, gen.10 verfügen über eine ähnliche Hörschärfe, also ein ähnliches Unterscheidungsvermögen für verschieden hohe Töne; im Bereich der höchsten Trennschärfe können Mensch und A N G E B OR E N O DE R E R L E R N T ? Singvogel Töne unterscheiden, die weniger als 0,5 % der Schwingungszahl auseinanderVielfach wurde die Frage nach den angeborenen und den erlernten Anteilen des Voliegen, wobei im Einzelnen aber auch hier große Unterschiede zwischen verschiedenen Vogelarten bestehen.7 Von dem wesentlich besseren zeitlichen Auflösungsvermögen des gelgesangs untersucht, entsprechend vergleichbaren Problemstellungen in der menschVogelohrs im Vergleich zu dem des Menschen war bereits weiter oben die Rede. lichen Entwicklungspsychologie. Die klassische experimentelle Herangehensweise an Die Erfordernisse des Richtungshörens, das etwa für nachtaktive Beutegreifer wie diese Frage ist der so genannte Kaspar-Hauser-Versuch, eine Versuchsanordnung, in die Eulen von lebenswichtiger Bedeutung ist, haben bei dieser Vogelgruppe als Besonder ein Jungvogel ohne Kontakt zur Außenwelt und insbesondere ohne Kontakt zu derheit zu einer recht spektakulären Anpassung geführt, nämlich einem stark asymmearteigenen Vorbildern aufgezogen wird. In neuerer Zeit treten in diesem Forschungsfeld zunehmend genetische Fragestellungen und Methoden in den Vordergrund. Zahlreiche trischen Schädelbau, der allein dem Zweck dient, die Entfernung zwischen den beiden Ohren zu maximieren, um die Richtung, in der sich ein potenzielles Beutetier befindet, Ergebnisse wiesen schon früh in die Richtung, dass eine einfache und pauschal für alle Vogelarten geltende Antwort hier nicht möglich ist und dass kaum jemals nur eines von exakter bestimmen zu können. Zudem ist die Oberfläche der Deckfedern bei den Eulen mit einem weichen Flaum bedeckt, der für einen nahezu lautlosen Flug sorgt und somit beidem – der zur Gänze angeborene oder gänzlich erlernte Gesang – zutrifft. Für verschiedene Rufe und Gesänge ist erwiesen, dass ihre ungefähre Struktur dem Störgeräusche verhindert. Vogel angeboren ist, die letztliche Ausformung dieser Anlagen jedoch nach dem Vorbild Gleichzeitig als Sender und Empfänger betätigen sich die Fledermäuse. Sie haben ein ausgeklügeltes Echoortungssystem entwickelt, mit dem sie noch bei größter Finsternis erwachsener Vögel erlernt wird. Dies gilt beispielsweise für den Gesang des Buchfinken, kollisionsfrei unterwegs sind und ihre Beute aufspüren. Ihre Stimmen nehmen wir, soein klassisches Studienobjekt der Vogelstimmenforschung. Die charakteristische und weit sie nicht über unserer oberen Hörschwelle im Ultraschallbereich liegen, in lauen arttypische Form des Jugendgesangs scheint hingegen immer angeboren zu sein, was aber nicht bedeutet, dass nicht auch hier Lernprozesse stattfinden. Dass gelernt wird, Sommernächten mitunter als sehr hohe, zwitschernde oder spitze Rufe wahr; der Großerkennen wir beispielsweise beim Buchfinken daran, dass in den Jugendgesang sogar teil dieser Laute wird aber erst anhand technischer Hilfsmittel (etwa so genannter BatImitationen anderer Vogelarten eingeflochten werden, während der spätere ReviergeDetektoren) für uns wahrnehmbar. Auch die Beutetiere der Fledermäuse zeigen eine sang des erwachsenen Buchfinken eine weitestgehend stereotype Strophe ohne jegliche raffinierte Anpassung: Die pelzige Behaarung vieler Nachtfalter »schluckt« die Peillaute und entzieht die Falter dadurch weitgehend dem Echolot ihrer Fressfeinde. Imitationselemente ist. Bei anderen Vogelarten wiederum wird der Gesang zur Gänze vom Vater erlernt, oder aber von demjenigen Vogel, der in einer bestimmten sensiblen F U N K T I O N E N U N D S I T UAT IO N E N Prägungsphase als Vorbild zur Verfügung steht – was beispielsweise bei einem in Gefangenschaft aufgezogenen Gimpel durchaus auch ein Kanarienvogel sein kann. So kommt Die funktionale Bedeutung des Zwitscherns für den Vogel selbst ist vielfältig. In unsees zur Ausbildung von Gesangstraditionen, die über viele Generationen hinweg, normalerweise vom Vater zum Sohn, in vollkommener Übereinstimmung weitergegeben ren Breiten hören wir meist Reviergesänge, die der Abgrenzung und Verteidigung eines werden.7 Ein Schelm, wer hier an Männergesangsvereine denkt. Vogelrevieres gegenüber den Nachbarn dienen; das Revier wiederum ist mit seinen verschiedenen Ressourcen, insbesondere Nahrung und Nistplatz, von entscheidender BeDurch die Tatsache, dass nicht nur die Vogelgesänge selbst, sondern auch Lernprodeutung für ein erfolgreiches Brutgeschehen. Die meisten Reviergesänge sind zugleich zesse eine genetische Grundlage haben, dass also auch Lernbereitschaft und Lernvermöauch Werbe- und Balzgesänge, die zur Paarbildung führen sollen. Daneben gibt es gen ihrerseits angeboren sind, gewinnt die Frage »angeboren oder erlernt?« bei näherer Drohgesänge, die bei der direkten Konfrontation mit einem Eindringling, meist einem Betrachtung zusätzlich an Komplexität beziehungsweise erweist sich als so nicht beantReviernachbarn, vorgetragen werden, Zeigegesänge, mit denen potenzielle Nistplätze wortbar. Die genetische Verankerung des Lernvermögens konnte vor einigen Jahren daoder fertige Nester dem Weibchen offeriert werden, Ehegesänge, die dem Paarzusamdurch gezeigt werden, dass ein experimentell herbeigeführter Defekt des FOXP2-Gens menhalt dienen, sowie Jugend- und Wintergesänge ohne erkennbare soziale Funktion, bei jugendlichen Zebrafinken zu schlechteren Gesangsleistungen führte.11 Das FOXP2mit denen der Vogel möglicherweise seine Gesangsfähigkeiten übt. Die GesangsaktiviGen spielt beim Erlernen des Vogelgesangs wie auch der menschlichen Sprache eine tät und Ausformung des Gesangs ist vom Geschlecht des Vogels, von anderen genetizentrale Rolle; es wurde erstmals 2001 bei den Mitgliedern einer (Menschen-)Familie schen Dispositionen, dem hormonellen Status des Tieres, Lernprozessen und äußeren mit einer auffälligen Sprachstörung entdeckt. Personen mit defektem FOXP2 haben Faktoren wie der Tageslichtmenge und dem Vorhandensein oder Fehlen ebenfalls sinSchwierigkeiten mit der Aussprache, zudem mangelt es ihnen an grammatikalischem gender Reviernachbarn abhängig. In der Regel singt das Männchen, doch ist dies weniVerständnis. Nach Angaben des Forscherteams vom Berliner Max-Planck-Institut für ger ausschließlich der Fall, als oft geglaubt wird. Beispielsweise werden Gesänge, die in molekulare Genetik könnten die am Zebrafinken gewonnenen Erkenntnisse auch zum erster Linie dem Paarzusammenhalt dienen, von beiden Partnern vorgetragen, etwa bei besseren Verständnis von Sprachproblemen bei Menschen beitragen – was natürlich im Schwalben oder Rabenvögeln. Auch verfügen Weibchen über Jugend- und WintergeWissenschaftsbetrieb immer auch ein willkommenes Argument ist, um den Bedarf an sänge, die allerdings nur rudimentär und selten zu hören sind. Stark situationsabhängig Fördergeldern zu legitimieren.
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Z W I T S C H E R N A L S S PR AC H E Dass es sich bei den Lautäußerungen des Vogels um eine Sprache oder ein der menschlichen Sprache vergleichbares Kommunikationssystem handle, ist vielfach unkritisch bejaht, dann wieder entschieden in Abrede gestellt worden. Wir erinnern uns an den weiter oben zitierten alten Brehm, der ganz ungeniert Sprache und Vogelgesang in einen Topf wirft, und lesen an anderer Stelle12 berechtigte Einwände gegen eine solche Deutung: »Eine Sprache besteht aus Worten. Worte sind abstrakte Symbole für Begriffe und Ideen; sie können zu sinnvollen Einheiten verknüpft werden, die mehr aussagen als die Summe der einzelnen Worte. [...] Wir können daher tierische Laute und Gesänge mit unserem Lachen, Weinen, unseren Schmerzlauten und unserer nicht bewußt kontrollierten Mimik vergleichen, nicht aber mit unserer Sprache.« Menschensprache und Vogelgesang sind unabhängig voneinander entstandene Kommunikationssysteme, doch offenbaren gezielte Vergleiche mehr Parallelen im Erwerb und in der Funktion als erwartet. Besondere Beachtung bei psychologisch wie evolutionär orientierten Verhaltensforschern finden in neuerer Zeit verschiedene nicht genetisch fixierte, per Tradition weitergegebene Verhaltensprogramme (etwa Werkzeuggebrauch bei Primaten), zu denen auch sozial erlernte, tradierte Formen des Vogelgesangs gezählt werden können. Immerhin lassen solche »proto-kulturellen« Verhaltensweisen im Tierreich ein kulturevolutives Potenzial erahnen, das somit nicht gänzlich auf den Menschen und sein unmittelbares verwandtschaftliches Umfeld beschränkt wäre. Sozial tradierte, teilweise auch durch zwischenartliches Lernen erworbene Vogelgesänge bilden das Haupt-Kommunikationsmittel mancher Vogelarten, das über den Fortpflanzungserfolg entscheiden und somit Prozesse der genetischen Evolution mitbestimmen kann.
Demgegenüber pocht etwa Igor Strawinsky auf genau jene Beschränkung des Musikalischen auf den Menschen, wenn er zur Frage des Vogelgesangs schon Jahrzehnte früher klipp und klar feststellt: »Diese tönenden Erscheinungen gemahnen uns an Musik, aber sie sind keine Musik. [...] Es bedarf eines Menschen, um diese musikalischen Verheißungen zu erfüllen.«18 Generell vor einer voraufklärerischen Verbrämung »schöner« Naturerscheinungen, wie der Vogelgesang eine ist, warnt Theodor W. Adorno, wenn er schreibt: »Die Vieldeutigkeit des Naturschönen hat inhaltlich ihre Genese in der der Mythen. Deshalb vermag der Genius, einmal zu sich aufgewacht, am Naturschönen nicht länger sich zu befriedigen. In ihrem ansteigenden Prosacharakter entwindet Kunst vollends sich dem Mythos und damit dem Bann der Natur, der doch wiederum in deren subjektiver Beherrschung sich fortsetzt. Erst was der Natur als Schicksal entronnen wäre, hülfe zu ihrer Restitution.«19 Tatsache ist, dass bis zum heutigen Tag neben der selbstverständlich autorisierten naturwissenschaftlich-bioakustischen Betrachtungsweise immer wieder auch musikologische Zugänge zum Phänomen des Vogelgesangs gewählt und postwendend auch kritisiert werden. Eine gültige Antwort auf die Frage des Verhältnisses zwischen Musik und Vogelgesang wird vielleicht schon dadurch unmöglich gemacht, dass auch beim Menschen selbst wohl keine scharfe Trennlinie gezogen werden kann, ab welchem individuellen oder kulturevolutiven Entwicklungsstand kommunikative Signale und die Hervorbringungen einer akustischen Experimentierfreudigkeit (etwa beim Kleinkind) als Erscheinungen oder Anfänge der Musik zu deuten sind. Z W I T S C H E R N AU F S C H R E I B E N
Die schriftliche beziehungsweise grafische Aufzeichnung von Vogelgesängen war lange Zeit nur sehr grob in Notenschrift, mit Zeichen oder Silben möglich. Derartige Niederschriften dienen Fremdbestenfalls elemente, die expeeiner oberri mentel l f lächlichen ge w i s serIllustration 26 VON HELWIG BRUNNER D maßen als sowie als »Sonden« Bestimmungs- oder Merkhilfen. Syllabische Umschreibungen wurden oft in Vogelbestimin Gesangstraditionen eingeschleust werden, können helfen, die Bedeutung einzelner Gesangskomponenten zu erhellen und zu prüfen, ob der Vogelgesang ein ähnlich rekurmungsbüchern angeführt und geben zusammen mit deskriptiven Angaben einen grosives System wie die menschliche Sprache ist, das heißt, ob eine Änderung der Abfolge ben, für die Artbestimmung oft ausreichenden Eindruck von den Lautäußerungen eines von Elementen die Bedeutung der ganzen Folge ändert. Anhand derartiger UntersuVogels. In Verbindung damit kann auch die Notenschrift gelegentlich nützlich sein, chungen hofft man auch nähere Erkenntnisse über die neuroanatomischen Korrelate um einen im Gelände gehörten, zunächst unbekannten Vogelgesang näherungsweise des Lernens und über den Selektionsvorteil tradierter Verhaltensanteile zu gewinnen. zu notieren und im Nachhinein – etwa durch den Vergleich mit Tonaufnahmen – be[13] Die Herangehensweise knüpft an ältere Untersuchungen an, in denen Rotkehlchen stimmen zu können. Alle diese Notationsformen sind aber für eine nähere Analyse und arteigene Gesänge in modifizierter Form – mit veränderter Strophenreihenfolge, von wissenschaftliche Objektivierung der Rufe und Gesänge von Vögeln letztlich völlig unhinten nach vorne, in halber Geschwindigkeit oder nach willkürlicher Kombination geeignet. der einzelnen Gesangselemente – auf Tonband vorgespielt wurden, wobei die ersten beiEntscheidende Fortschritte auf diesem Gebiet brachte die Erfindung des Sonagramms den Eingriffe erstaunlicherweise keine Minderung der Reaktion auf den vermeintlichen in den 1940er-Jahren. Bei dieser zweidimensionalen Aufzeichnungsform wird die Zeit Konkurrenten zur Folge hatten.7 (in Sekunden) auf der waagrechten Achse aufgetragen, die Tonhöhe (Frequenz in kHz) auf der senkrechten Achse. Neben der Tonhöhe und den kräftigsten Obertönen einzelner Klänge werden so insbesondere auch komplexere Klangverläufe in ihrer zeitlichen Z W ITSCHER N A L S MUSIK und spektralen Struktur darstellbar. Damit bietet sich die Möglichkeit einer objektiv In einer ähnlichen Grauzone zwischen Zustimmung und Ablehnung finden wir uns, nachvollziehbaren grafischen Notation des Zwitscherns, die in der Folge nach vielerlei Gesichtspunkten analysiert werden kann. wenn wir der Frage nach einer möglichen Verwandtschaft zwischen Vogelgesängen und Allerdings tritt hier möglicherweise ein grundsätzliches Problem der VerschriftliMusik nachgehen. Zunächst liegt die Interpretation nahe, dass beide Phänomene schon chung zutage: Je näher sie dem Sachverhalt kommt, der beschrieben oder wiedergegeben aufgrund ihrer gänzlich verschiedenen funktionalen Zusammenhänge nicht vergleichwerden soll, desto mehr entgleitet sie ins Unlesbare. Auch bei einiger Übung wird es bar seien. Doch neben den arterhaltenden Leistungen des Vogelgesangs und den Selektionsvorteilen, die sich für den Vogel aus reichhaltigen im Vergleich zu ärmeren Gesänuns nicht gelingen, allein anhand des Sonagramms eines Vogelgesangs eine konkrete Klangvorstellung dieses Gesangs zu entwickeln – etwa so, wie wir aufgrund der chemigen ergeben, kann im Hintergrund durchaus auch ein gewisses spielerisches Moment, schen Strukturformel einer Substanz zwar viele ihrer Eigenschaften objektivieren, uns eine Komponente des individuellen Vergnügens erkannt werden, die den Vogel gerade aber keine sinnlich konkrete Vorstellung von ihrem Geruch oder Geschmack machen dort zu besonders »kreativen« Gesangleistungen zu veranlassen scheinen, wo ein Situakönnen. Ob und inwiefern eine solche Unschärferelation auch sprachlichen Texten antionsdruck beziehungsweise eine unmittelbare biologische Funktion des Singens nicht haftet, bliebe zu überprüfen. Zumindest bei avancierten Formen poetischen Schreibens erkennbar ist.14 Hinsichtlich des Auftretens und der gesetzmäßigen Abfolge elementarer kann sie mit einiger Berechtigung vermutet werden. Einheiten bestehen beträchtliche strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen Musik und Vogelgesang. Die klangmikroskopische Vertiefung in Vogelgesänge durch deren verZ W I T S C H E R N KO M P O N I E R E N langsamte Wiedergabe, die sie erst für unser Gehör voll erschließt, fördert erstaunliche Strukturen zutage, denen sich musikalische – oder eben nur musikanaloge – Qualitäten Ungeachtet des offensichtlichen Ungenügens der Notenschrift für die grafische Wiedernur schwer absprechen lassen.15 Schon Charles Darwin attestierte den Vögeln einen »Geschmack für Schönes«. Und der große österreichische Verhaltensforscher Konrad gabe des Zwitscherns haben sich europäische Komponisten eines halben Jahrtausends 20 daLorenz bekräftigt in einem Brief an den amerikanischen Ornithologen Wallace Craig, ran versucht, ihre innere musikalische Vorstellungswelt und das konventionelle vokale den er immerhin als seinen »einflussreichsten Lehrer« bezeichnete: Der Vogelgesang »ist und instrumentale Klangrepertoire der jeweiligen Zeit durch vorgefundene Naturklänsicherlich schöner als nötig und ähnelt in dieser Hinsicht der menschlichen Kunst im ge und ganz besonders durch Vogelstimmen zu bereichern. Die gestalterischen EinsatzAllgemeinen«.16 gebiete für die Rufe und Gesänge diverser Vogelarten in den Kompositionen sind im Während in der neueren Ausgabe des musikologischen Standardwerkes MGG (Die Einzelnen so vielfältig wie die dahinter auszumachenden künstlerischen Beweggründe. Musik in Geschichte und Gegenwart) von 1998 ein Artikel über den Vogelgesang beSie reichen vom vergnüglichen Imititationsspiel in der vokalen Unterhaltungsmusik der zeichnenderweise fehlt, findet sich in vorangegangenen Ausgaben (1979, 1986) eine Renaissance über die klassische Pflege eines pastoralen Idylls und die gefühlsschwanumfangreiche Abhandlung, in der Vogelgesänge zumindest in die Nähe der Musik gegere, eine übersteigerte Anthropozentrik spiegelnde Naturromantik bis hin zur zeitrückt werden: »Wenn man die Fähigkeit zur Musik per definitionem auf den Menschen genössischen Erweiterung des ästhetischen Rahmens in Richtung eines Archaischen, beschränkt, dann kann Vogelgesang keine Musik sein. Wenn man aber die Musik vom Ungebändigten, das sich der schriftlichen Notation nie ganz überlässt und nicht in Phänomenologischen her definiert, kommt man nicht darum herum, zumindest die das Regelwerk einer Tonsatzlehre passt. Olivier Messiaen, wohlder Inbegriff des »Vokomplizierten Gesänge systematisch hochstehender Vögel als Musik zu bezeichnen. gelstimmen-Komponisten« in der europäischen Musikgeschichte, begründet seine jahrVögel und Säugetiere stammen von gemeinsamen Vorfahren ab und haben nicht nur zehntelange, beispiellos intensive kompositorische Beschäftigung mit Vogelgesängen Verschiedenheiten wie die der Fortbewegung entwickelt, sondern auch Gemeinsamkeifolgendermaßen: »In meinen düsteren Stunden, wenn ich mir plötzlich meiner eigenen ten wie die Warmblütigkeit und den Ausbau der akustischen Kommunikation. Wegen Nutzlosigkeit bewusst wurde, wenn mir jedes musikalische Idiom – klassisch, orientader formalen Übereinstimmungen lassen sich Vogelgesänge und menschliche Musik als lisch, alt, modern und ultramodern – nur noch als ein bewundernswertes, mühseliges parallele Bildungen betrachten. Beim Gesang der Schamadrossel und bei den Gesängen Experimentieren erschien, ohne jede letzte Legitimation, was blieb mir übrig als dies: vieler anderer Vogelarten kann man deshalb im gleichen Sinne von Musik sprechen, das wahre, verlorene Gesicht der Musik irgendwo draußen zu suchen, in den Wäldern, wie man die koordinierten, der Fortbewegung im Wasser dienenden Bewegungen von in den Feldern, in den Bergen oder an der Küste, unter den Vögeln.« Und an anderer 17 Enten und Menschen ›schwimmen‹ nennt.« Stelle meint Messiaen sogar, Vögel seien »in der künstlerischen Hierarchie [...]
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wahrscheinlich die größten Musiker, die unseren Planeten bewohnen.«21 Die begrenzten Möglichkeiten der Notenschrift mit den in ihr darstellbaren Tonschritten und ihrer ebenfalls allzu groben rhythmischen Differenzierung, die klanglichen Grenzen der verfügbaren Musikinstrumente und die limitierten Leistungen unseres Gehörs begründen gemeinsam das, was bei näherer Betrachtung ein wenig provokant als heilloses Scheitern der europäischen Kunstmusik am Zwitschern bezeichnet werden könnte. Die kompositorische Annäherung an Vogelstimmen beschränkt sich, sofern nicht Tonbandaufnahmen singender Vögel in die Musik integriert werden, zwangsläufig auf einen stark abstrahierten, auf wenige grobe Merkmale reduzierten Abklatsch der bioakustischen Vorlage. Auch die Erfindung eigener Effektinstrumente, die auf die Nachahmung des Nachtigallengesanges abzielten – etwa die »Nachtigaal«, eine wassergefüllte Keramikpfeife niederländischer Herkunft, oder ein nach diesem Vogel benanntes Orgelregister – änderten daran nichts. Beispielsweise würde keine Nachtigall beim Anhören der zahlreichen Musikpassagen, in denen Gesangsmotive dieser Vogelart aufgegriffen worden sind, auch nur auf die Idee kommen, es handle sich um den Gesang eines ein wenig wunderlichen Artgenossen.22 Dies gilt nicht nur für musikalische Umsetzungen des Gesangs der Nachtigall, die über einen besonders reichhaltigen und komplexen Gesang verfügt und für viele Menschen zu Recht als Inbegriff des Singvogels gilt, sondern etwa auch für das simple Motiv des Wachtelschlags in Beethovens »Pastorale«, dessen musikalische Ausführung ebenfalls nicht geeignet wäre, das Interesse einer Wachtel zu wecken. Nun wollten allerdings die Komponisten aller Epochen mit ihren Werken sicherlich keine Vögel überlisten, sondern menschliche Zuhörer unterhalten und ästhetisch überzeugen.
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Tomas Tranströmer, Sämtliche Gedichte, hg. von Michael Krüger, Edition Akzente, Carl Hanser Verlag, München 1997, Seite 236. Schneegedichte, hg. von Ron Winkler, Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2011, S. 29. Das Gedicht, Zeitschrift für Lyrik, Essay und Kritik, Heft 19/2011, S. 28. Alfred Edmund Brehm, Das Leben der Tiere – Die Vögel, zitiert nach der neu bearbeiteten Ausgabe von Fritz Bley, Deutsche Buchgemeinschaft, Berlin o. J. [um 1930], S. 10 f. Ambrose G. H. Pratt, Menura – Prächtiger Vogel Leierschwanz, übersetzt und herausgegeben von Rainer G. Schmidt, Friedenauer Presse, Berlin 2011, S. 5 und S. 73 f. Auch das Motto von Jacques Derrida am Anfang des vorliegenden Textes ist nach diesem Buch (S. 118) zitiert. http://de.wiktionary.org (Aufruf 04.01.2012) Karl-Eduard Linsenmair, Wie die Alten sungen ... Warum singen Vögel? Kosmos-Bibliothek Bd. 258, Franck’sche Verlagshandlung, Stuttgart 1968, 87 S. Ein anderes Beispiel ist das scheinbar zweisilbige Gesangsmotiv der Kohlmeise, das sich für uns in etwa wie ein leicht aufgerautes zibe – zibe – ... anhört. Hinter ihm verbirgt sich in Wahrheit eine wesentlich komplexere Tonfolge. Die so genannte »Klangmikroskopie«, wie die stark verlangsamte Wiedergabe auch genannt wird, legt in der ersten der beiden Silben, also dem zi, eine ganze Tonleiter frei (nachzuhören bei 15). Der Hörbereich des Menschen liegt bei etwa 16 bis 20.000 Hz, wobei die obere Hörgrenze im Alter deutlich absinkt; beim Vogel wird nach [7] die untere Hörgrenze mit etwa 40 bis 100 Hz angegeben, die obere liegt je nach Vogelart zwischen 10.000 und 29.000 Hz. Wenn man bedenkt, dass eine Verdoppelung der Frequenz einem Tonintervall von einer Oktav entspricht, ist der Hörbereich des Vogels somit von Art zu Art als stark unterschiedlich zu bezeichnen. Da Töne über 20.000 Hz von Vögeln nur bei sehr hoher Schallintensität gehört werden, kann auch bei den Arten mit hoher oberer Hörschwelle nicht von wirklicher Ultraschallwahrnehmung gesprochen werden. Kohlmeisen in Paris zwitschern heller als die Meisen vom Land http://www.focus.de/wissen/wissen¬schaft/vogelgesang_aid_120449.html, 04.12.2006. Anonymus, Defektes Gen sorgt für schlechten Vogelgesang, Welt online http://www.welt.de/wissenschaft/tierwelt/article1425333/Defektes_Gen_sorgt_fuer_schlechten_ Vogelgesang.html, 03.12.2007. Quelle 7, S. 79.
DAS ZWITSCHERCHAOS EINES GANZEN JAHRES
Das ist in der einen oder anderen Form sicherlich 26 VON HELWIG BRUNNER E g e lu n g e n und wird 13 bis zum heutigen Tag immer wieder aufgegriffen.23 Daher wird die oben geäußerte BeLucie H. Salwiczek, Gesangstraditionen und Sprache – Bird song tradition and human language Forschungsbericht 2004 – Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie hauptung, die Musik sei am Zwitschern gescheitert, hier gleich wieder zurückgezogen. 14
G L ÜC K S F O R M E L Was macht, frage ich mich abschließend, ungeachtet alles fachlichen und weniger fachlichen Redens über die klangliche Welt des Vogels, das »Zwitschern« für uns leise und doch unüberhörbar zur Glücksvokabel? Ist es die Erinnerung an laue Frühlingstage, wallende Hormone, unbeschwerte Spaziergänge im Grünen – pures Wohlbefinden also, das wir wie Pawlow’sche Hunde mit dem Zwitschern verbinden? Spüren wir angesichts der Art und Weise, wie das Zwitschern unserem allzu trägen Gehör merklich entgleitet, ein Vorgefühl von der Beschränktheit unserer Weltwahrnehmung, hinter der die verheißungsvollen Denkmöglichkeiten einer Transzendenz oder auch nur eines künftigen Erkenntnisfortschritts beginnen? Oder ist in dem einen oder anderen von uns der spielerische Wunsch zugange, mit einer heimlichen Seite seiner selbst auch ein bisschen Vogel zu sein, der befreit aus schnöden sprachlichen Sinnzusammenhängen mit schieren Gesängen alles zu sagen imstande wäre? Das Vergnügen, das empfindet, wer durch einen Wald spazierend zwei Dutzend Vogelarten zwitschern hört, sie an ihren Stimmen erkennt und fein säuberlich beim Namen nennt, ist kein geringes. Doch im Bemühen um komplexere Fragen, etwa nach dem Verhältnis von Vogelgesang, menschlicher Sprache und Musik, geraten, wie wir gesehen haben, unsere Begriffe gehörig ins Trudeln. Gewiss, wir brauchen sie, die Sprache mit ihrer Sinn stiftenden, Welt stiftenden Macht, wir brauchen sie samt allerlei abgelegenen, verheißungsvollen und zugleich ein wenig widerständigen Wörtern wie dem »Zwitschern« – und dürfen uns, Zuschauer und Zuhörer unserer selbst, zugleich diebisch an der Ohnmacht unseres Sprechens freuen, die uns immer wieder in unsere menschlichen Schranken weist.
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Die Kunst des Zwitscherns - Unruhe bewahren Helwig Brunner, Kathrin Passig und Franz Schuh Residenz Verlag, St. Pölten 2012
hhttp://www.mpg.de/866578/forschungsSchwerpunkt (Aufruf 14.11.2011). Darauf ist schon der große Verhaltensforscher Konrad Lorenz ausführlich eingegangen (Die angeborenen Formen möglicher Erfahrungen, Zs. für Tierpsychologie V, 1943, 235-409). Vgl. hierzu auch in neuester Zeit das fachlich nicht unumstrittene Buch Klangsphären – Motive der Autonomie im Gesang der Vögel von Walther Streffer, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2009, in dem die »Autonomie«, also die individuelle Freiheitsentwicklung, als Erklärungsansatz für die Vielfalt der Vogelgesänge herangezogen wird. Péter Szőke, Die unbekannte Vogelmusik, Schallplatte und Faltblatt, Hungaroton, Budapest 1987. Zitate Darwin und Lorenz nach: Reinhard Lassek, Rezension: Schöner als biologisch erforderlich. Spektrum der Wissenschaft 10/2008, http://www.spektrum.de/ sixcms/detail.php?id=968695&_z=798888&_druck¬version=1 (Aufruf 14.11.2011). Johannes Kneutgen, Vogelgesang, in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Digitale Bibliothek Band 60, Bärenreiter-Verlag, Kassel und Basel 1986, S. 78774 (vgl. MGG Bd. 16, S. 1911). Igor Strawinsky, Poétique Musicale (1942; deutsch als Mus. Poetik, Mainz o.J. [1960]), nach 17. Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, Band 7: Ästhetische Theorie, S. 3889; zitiert nach http://www.janreichow.de/sdg_swr_messiaen_200707.htm (Aufruf 14.11.2011). Dabei denken wir unter anderem an das französische Chanson der Renaissance mit seinem Vertreter Clément Janequin (von dem etwa die beiden Vokalkompositionen »Le rossignol« und »Le chant de oyseaux« stam¬men), an Ludwig van Beethovens »Szene am Bach« in seiner 6. Sinfonie, der »Pastorale«, in der als Ingredienzien eines ländlichen Idylls die Stimmen von Nachtigall, Wachtel und Kuckuck von Holzblasinstrumenten wiedergegeben werden, an Richard Wagners »Waldesweben« in der Oper »Siegfried« mit der Wiedergabe von fünf verschiedenen Vogelarten, an den virtuosen »Gesang der Nachtigall« für Violine und Klavier von Pablo de Sarasate, an Igor Strawinskys Oper »Le Rossignol«, an das umfangreiche einschlägige Œuvre Olivier Messiaens, der in seinen Kompositionen die Stimmen heimischer wie auch exotischer Vögel – unter anderem des bereits weiter oben erwähnten australischen Prachtleierschwanzes – aufgegriffen und in ausführlichen Begleittexten quasi ornithologische Höranleitungen beigesteuert hat, bis hin zu den zeitgenössischen Arbeiten der Komponistin Emily Doolittle, die das Verhältnis zwischen Vogelstimmen und menschlicher Musik erkunden. Olivier Messiaen, 1959, zitiert nach http://www.janreichow.de/sdg_swr_messiaen_200707.htm (Aufruf 14.11.2011), sowie 1967 im Gespräch mit Claude Samuel, zitiert nach 5. Helwig Brunner, Der Nachtigallengesang in der europäischen Kunstmusik. Wesen, Möglichkeiten und Grenzen der musikalischen Umsetzung eines natürlichen Klangereignisses, Beiträge zur elektronischen Musik 3, Graz, 32 S. So fand im Dezember 2011 in Zusammenarbeit der Bayerischen Staatsoper mit dem Max-Planck-Institut für Ornithologie eine »ornithologische Soirée« statt, bei der in einem »Gesprächskonzert« mit Werken der Komponistin Emily Doolittle nach Angabe der Max-PlanckGesellschaft eine »tiefergehende ästhetische Betrachtung des Vogelgesangs« angestrebt wurde.
H E LW IG B RU N N E R , geboren 1967, lebt in Graz/Steiermark. Studienabschlüsse der Musik und Biologie, Dissertation im Fach Ornithologie, Brotberuf in einem ökologischen Planungsbüro. Etliche literarische Buchveröffentlichungen, zuletzt „gemacht/ gedicht/gefunden. über lyrik streiten“ (gemeinsam mit Stefan Schmitzer, Droschl Verlag 2011), „Vorläufige Tage“ (Gedichte, Leykam Verlag 2011), „Die Kunst des Zwitscherns“ (gemeinsam mit Katrin Passig und Franz Schuh, Residenz Verlag 2012) und „Die Sicht der Dinge. Rätselgedichte“ (edition keiper 2012). Seit 2012 Herausgeber der Buchreihe „keiper lyrik“, langjähriger Mitherausgeber der Grazer Zeitschrift für Literatur, Kunst und Zeitkritik „Lichtungen“. Näheres auf helwigbrunner.jimdo.com
HELLO MR MAGPIE 27
BY IRINA BUJOR
I R I N A B U JO R Born 1982 Targu Mures (RO), Irina Bujor lives and works in STUHR (DE). Her works are based on formal associations which open a unique poetic vein. By applying a wide variety of analytic strategies, she tries to develop works that are
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based on subjective associations and formal parallels, which incite the viewer to make new personal associations. The results are deconstructed to the extent that meaning is shifted and possible interpretation becomes multifaceted.
O DE R : S I T Z E N Z W E I PA PAG E I E N AU F DE R S TA N G E , S AG T DE R E I N E Z U M A N DE R E N . . .
tagein tagaus vor ihnen gestikulierend „Krieg“ und „Frieden“ ruft und auf ein Echo wartet, und man stelle sich dazu jenen Logopäden vor, der in Katharina Zdjelars Videoarbeit „The Perfect Sound“ in selber Weise seinem Schüler die korrekte Aussprache von „Miau“ beibringt.7 Verkehrte Welt? Wobei der weibliche Papagei bei Echavarría nicht die korrekte Aussprache lernte, sondern den karibischen Dialekt seines Trainers übernahm und nun das „z“ verschluckt, das heißt immer nur „Pa“ sagt. Ein falsch ausgesprochener Frieden in vielerlei Hinsicht: denn die zugleich Bedeutung produzierende und Bedeutung vernichtende Stimme des Papageis droht auch ihre Performativität, jene Macht, „Worte in Akte zu verwandeln“8, einzubüßen. Ebenso wenig wie der miauende Mensch je in der Konferenz der Tiere etwas zu Sagen haben wird, ist es vorstellbar, dass ein Papagei den Krieg oder Frieden ausrufen könnte. Oder doch?
Worte in Akte verwandeln: Echavarría lässt die beiden Papageien auf einer schlichten Bühne interagieren. Es ist ein einfaches, kreuzförmiges Holzgestänge, das vor einem neutralen, fast klinisch weißen Hintergrund platziert ist. Die Geräuschkulisse aus Vogelgezwitscher verortet das Szenario akustisch in eine unsichtbare Naturlandschaft oder Vogelvoliere. In zehn Sequenzen, die szenisch vom Drama und Melodrama über die Klamotte bis zur Posse reichen, sehen wir die beiden, wie sie in einem gleichermaßen tänzerischen wie unbarmherzigen und manchmal auch ungelenken Kampf um die territoriale Vormachtstellung auf der Bühne ringen. Ihr Auftritt umfasst Siegerposen und Demutsgesten, Aufstieg und Fall, Behauptung und Verdrängung, Überschreitung und Verteidigung. Hin und wieder krächzen sie dabei „Guerra“ und „Pa“, mal lauernd, mal triumphierend, mal resigniert und mal so, als wären sie in ein Streitgespräch verwickelt, dessen wahrer Sinn sich uns verschließt. Die Vögel tun ja nur so, als ob sie „Krieg“ und „Frieden“ sagen. Sie führen den Sprechakt nur vor. Doch was, wenn sie diese Worte gar nicht sinnbefreit, sondern als Tarnung für eine ganz andere Art der Unterredung nutzten? Dann würden die Vögel nur so tun, als ob sie nur so tun als ob sie einen Sprechakt aufführten. Vom Raben weiß man, dass VON IRIS DRESSLER A er seine Konkurrenten durch Täuschung in die Irre führt. Vielleicht müssten wir den Papageien nur richtig zuhören? Doch gilt ihre Ansprache überhaupt uns? Sind wirklich wir es, die von ihnen nachgeahmt werden?
SCHWEIGEN HÖREN 28
Wie wird man in der eigenen Sprache Nomade, Fremder, Zigeuner? Kafka sagt: Indem man das Kind aus der Wiege stiehlt, indem man auf einem Seil tanzt.
Gilles Deleuze / Félix Guattari1
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ine der neueren Formen der sogenannten „living sculptures“, die man immer häufiger auf öffentlichen Straßen und Plätzen antrifft, verblüffen damit, dass die DarstellerInnen auf den ersten Blick in der Luft zu schweben scheinen. Stets befinden sich davor größere oder kleinere Menschenansammlungen, die eifrig und nicht ohne wohlwollende Annerkennung für die gelungene Illusion darüber diskutieren, wie der Trick wohl gemacht sei – ganz so, als redeten sie über ein stummes und taubes Objekt hinweg, wovon sich die stoischen Akteure aber in keiner Weise aus der Ruhe bringen lassen. Ich stelle mir dann immer vor, wie sie innerlich grinsen, weil sie als Einzige und nur zu gut wissen, dass sie ja tatsächlich fliegen; dass sie nur so tun, als sei das Ganze ein Schwindel, weil ihnen die Wahrheit ohnehin niemand glauben würde – oder, falls doch, um die öffentliche Ordnung nicht zu gefährden. Sie täuschen einen Schwindel vor, um uns vor dem Unvorstellbaren, dem ganz und gar Anderen zu bewahren, dessen Stimme, wie es der indische Autor Ranjit Hoskoté ausdrückt, das zuhörende Ich sprengen und wieder neu zusammensetzen würde – im Sinne eines alles erschütternden, die eigene Existenz riskierenden Zuhörens2. So aber, durch das Schweigen der Gaukler, bleibt alles beim Alten: das Fliegen bleibt den Vögeln, Flugzeugen und Insekten vorbehalten, das Sprechen und die Seele den Menschen. Es sei denn, es handelt sich um Papageien, denen man bekanntlich das Sprechen beibringen kann, doch handelt es sich dabei ja um nicht mehr, als um ein krächzendes, sinn- und verständnisloses Nachplappern einzelner Worte, wie wir hoffen und annehmen. Das Komische und zugleich Unheimliche, das uns in der Rede des Papageis begegnet, besteht genau darin, dass wir hier einer Stimme lauschen, die im selben Atemzug Bedeutung produziert und auslöscht. Es sei denn, der Papagei tut nur so, als könne er das, was er spricht, nicht verstehen. Vielleicht sagt er ja etwas ganz anderes, als das, was wir zu vernehmen glauben? Vielleicht entspricht sein Nachäffen unserer Worte dem, was Homi K. Bhabha Mimikry genannt hat: einem unvollständigen, vorgetäuschten und ambivalenten Nachahmen des Anderen3. Oder es handelt sich – in Anbetracht jener beständigen De- und Reterritorialisierung des Mundes zwischen Essen und Sprechen [4] (oder, so könnte man vielleicht auch sagen, zwischen Gefressen- und GesprochenWerden) – um einen Akt der Anthropophagie, jener Aneignung, die die Kultur des Anderen mit Haut und Haaren verschlingt. Oder es verhält sich wie mit dem rosaroten Panther in den „Tausend Plateaus“ von Gilles Deleuze und Félix Guattari: „Der rosarote Panther imitiert nichts, er reproduziert nichts, er malt die Welt in seiner Farbe an, rosarot auf rosarot, das ist seine Art, zur Welt zu werden, so daß er selber unsichtbar und asignifikant wird, seinen Bruch und seine Fluchtlinie selber erzeugen … kann“.5 In der Videoarbeit „Guerra y Pa“6 des kolumbianischen Künstlers Juan Manuel Echavarría jedenfalls treten zwei Papageien auf, denen man in mühsamen Repetitionen über einen Zeitraum von acht Monaten jeweils ein Wort beigebracht hat: Das Männchen sagt „Guerra“, Krieg, das Weibchen „Paz“, Frieden. Man stelle sich vor, wie der Trainer
Eine Sequenz in Echavarrías Video besteht nur aus den stummen Blicken der beiden Vögel, die starr auf die Kamera – und somit auf uns – gerichtet sind, ganz so, als ob sie darauf warten würden, dass wir die von ihnen vorgegebenen Laute endlich wiederholten. Aber sie blicken ja nur in die Kamera, vielleicht weil sie sich selbst in der Linse spiegeln, doch wir möchten glauben, dass sie uns anschauen, um sagen zu können: wie putzig, sie kehren die Situation zwischen Beobachter und Beobachtetem um. Echevarrías Videoarbeit, die sich zum einen als Metapher des politischen Zirkus’ in Kolumbien versteht, wo seit den 1950er-Jahren ein gnadenloser Drogenkrieg herrscht und Worte wie Krieg und Frieden zu leeren Worthülsen verkommen sind9, evoziert zum anderen eine weitreichende Reflexion über das Verhältnis zwischen Tier und Mensch, Stimme und Bedeutung, Schrei und Rede. Dabei verweist sie auf jenen grundsätzlich fremden Kern der Stimme, der dafür sorgt, dass, wie Slavoj Žižek es formuliert hat, im Sprechen immer ein „Mindestmaß an Bauchrednerei im Spiel ist“10. Der Bauchredner bedient sich einer Puppe, mittels derer er nicht nur so tut, als wäre sie die Quelle seiner Stimme, sondern mit der er auch unsere Aufmerksamkeit von seinen auf ihre Lippen lenkt. Zu fragen ist aber, ob wir beim Zuhören wie jemand spricht nicht grundsätzlich einer Illusion aufsitzen, etwas übersehen und überhören, um Stimme und Sprecher in Einklang zu bringen, um das Unheimliche der Stimme zu bannen. Es ist diese merkwürdige Topologie der Stimme, die sich immer zugleich im Körperinneren und außerhalb des Körpers befindet, diese den Körper zugleich ein- und ausschließende Extimität, wie Mladen Dolar sagen würde, die das Unheimliche der Stimme, die Unklarheit darüber, wo sie eigentlich herkommt, charakterisiert. In Echavarrías Video treten die Papageien in der Rolle der Bauchrednerpuppe auf, durch die hindurch eine ganz andere Stimme spricht. Es ist die Stimme des Künstlers, der sie etwas Bestimmtes sagen (und auch tun) lassen möchte, und es ist die Stimme des Trainers, die samt seines besonderen Dialektes durch ihre Kehlen hindurch wiederhallt. Wie die Puppe des Bauchredners so stehen die Vögel und auch die Politiker und Guerilleros, auf die die Vögel verweisen, gleichermaßen für die Täuschung, Tarnung und Fernsteuerung, die ihrer Rede innewohnt – der Rede einer „Zwitscher-Maschine“ wie Paul Klee sie 1922 erfand und damit in gewisser Weise Twitter den Weg ebnete.11 In den westlichen Denktraditionen ist es die Sprache, die den Mensch als Menschen auszeichnet und ihn vom Tier bzw. vom Nicht-Menschen trennt. Bereits Aristoteles unterscheidet zwischen den Stimmen der einen, die Bedeutung produzieren und Recht von Unrecht unterscheiden können, und den Stimmen der anderen, die lediglich einen Schrei auszustoßen vermögen, der Lust oder Schmerz anzeigt: eine Differenz, die nicht nur für die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier ausschlaggebend ist, sondern auch zwischen denen, die in die politische Gemeinschaft ein- bzw. aus dieser ausgeschlossen sind: Frauen, Sklaven, Kinder … Das heißt, es geht hier also weniger um den Tatbestand der Sprachfähigkeit selbst, über die Sklaven ja ebenso verfügen wie Frauen und Kinder, sondern um jene Ordnung, die Jacques Rancière „Polizei“ genannt hat, und die dafür verantwortlich ist, dass die Stimmen der einen als Rede und die der anderen nur als Schrei vernommen werden, dass die eine Rede zählt, und die andere nicht. Es hat vielleicht damit zu tun, dass wir geneigt sind, von etwas, für das unsere Ohren, unser Vernehmen taub sind, zu glauben, dass es selbst weder sprechen noch hören noch irgendetwas begreifen kann und somit auch auf nichts einen Anspruch hat. Könnte es
dabei auch umgekehrt sein, dass wir manchen Schrei, weil wir es so wünschen, als Rede wahrnehmen? Für den, „der Ohren hat zu hören“, so Mladen Dolar, ist bereits der erste Schrei des Säuglings ein Sprechakt. Das heißt, sobald jemand auf diesen Schrei reagiert und die Position des Adressaten einnimmt, verwandelt er sich rückwirkend in einen Appell. „Der Schrei wird zum Appell an den Anderen; er bedarf einer Interpretation und einer Antwort, er verlangt nach Befriedigung […] Die Stimme verwandelt sich also in dem Moment in einen Appell, einen Sprechakt, in dem das Bedürfnis zum Begehren wird; sie verstrickt sich in das aus Appell, Antwortheischen, Provokation, Bedürfnis und Liebe gewebte Drama.“12 Das Rede- oder Schrei-Sein der Stimme liegt also wesentlich im Ohr des Zuhörers. Über die Ordnung, die darüber entscheidet, wer spricht und wer schreit bzw. wer zur politischen Gemeinschaft zählt und wer nicht, sagt Rancière: „Es gibt Ordnung, weil die einen befehlen und die anderen gehorchen. Aber um einem Befehl zu gehorchen bedarf es mindestens zweier Dinge: man muss den Befehl verstehen, und man muss verstehen, dass man ihm gehorchen muss. Und um das zu tun, muss man bereits dem gleich sein, der einen befehligt.“ Und er fügt hinzu: „Dies ist die Gleichheit, die jede natürliche Ordnung aushöhlt.“13 Was bedeutet dies alles nun möglicherweise für unsere beiden Papageien, für „Krieg“ und „Frieden“, wie wir sie nennen könnten – liegen doch Ara und Guerra phonetisch nicht so weit auseinander und ist „Pa’“ die erste Silbe von „Papagayo“. In dem Moment wo der Mensch dem Papagei befiehlt, etwas zu tun, zum Beispiel den Laut „Guerra“ zu reproduzieren, und dieser gehorcht, gibt es eine Gleichheit, eine Angleichung zwischen Mensch und Vogel. Er hat uns, zumindest theoretisch, in der Hand, aber wir begreifen es nicht.
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Nur weil seine Stimme – selbst wenn sie unsere Worte nachahmt – nicht für uns zählt, nur weil wir sie nicht vernehmen, gehen wir davon aus, dass der Vogel weder etwas sagt noch etwas begreift noch etwas zu sagen hat. 28 VON IRIS DRESSLER Weiß er es besser? Ist das vermeintliche Schweigen der Vögel – und an12 derer Nicht-Menschen – grundsätzlich unterbewertet? Sind wir mit unseren verstopften 13 Ohren immer schon von diesem Schweigen getäuscht worden? 14
Gilles Deleuze / Félix Guattari, Kafka. Für eine kleine Literatur, Frankfurt am Main 1976, S. 28-29. „Sie [die Stimme, Anm. der Autorin] ist plötzlich da, ohne Vorwarnung; sie sprengt die Texturen der Erfahrung des Hörers statt sie zu glätten; sie verlangt, dass der Hörer sich mit seinem ganzen Körper mit der Bedeutung auseinandersetzt und dabei seine Existenz aufs Spiel setzt. Sich einer solchen Stimme zuzuwenden, der Stimme des Anderen, des zuweilen erhabenen und Furcht einflößen den Anderen, sprengt das zuhörende Ich und setzt es wieder neu zusammen.“ In: Ranjit Hoskoté, Anmerkungen zu der Möglichkeit eines transformativen Zuhörens, Vortragsskript, April 2010, http://www.initiative-humboldt-forum.eu/index.php?id=12 Homi K. Bhabha, Von Mimikry und Menschen: Die Ambivalenz des kolonialen Diskurses, in: ders.: Die Verortung der Kultur, Tübingen 2000, S. 125-136. „Jede Sprache … impliziert eine Deterritorialisierung des Mundes, der Zunge und der Zähne. Mund, Zunge und Zähne finden ihre ursprüngliche Territorialisierung in der Nahrung. Indem sie sich der Artikulation von Lauten widmet, deterritorialisiert sie sich.“ In: Gilles Deleuze / Félix Guattari, 1976, a.a.O., S. 29. Gilles Deleuze / Félix Guattari, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie, Berlin 1997, S. 22. Juan Manuel Echavarría, Guerra y Pa, 2001; Video, Farbe, Ton, 8:37 Min. Das gesamte Video ist zu sehen unter: jmechavarria.com/gallery/video/gallery_video_guerra_pa.html Katarina Zdjelar, The Perfect Sound, 2009, Video, Farbe, Ton, 14:30 Min. Mladen Dolar, His Masters Voice. Eine Theorie der Stimme, Frankfurt am Main 2007, S. 77. siehe: From a dialogue between Juan Manuel Echavarría, Marianna Garin & Luca Frei http://publicmcd.blogspot.de 0 „Eine unüberbrückbare Kluft trennt den menschlichen Körper für immer von ‚seiner’ Stimme. Die Stimme weist eine gespenstische Autonomie auf, sie gehört nie ganz zu dem Körper, den wir sehen, so daß auch dann, wenn wir eine leibhaftige Person sprechen sehen, immer ein Mindestmaß an Bauch rednerei im Spiel ist: Es ist, als ob die eigene Stimme den Sprecher aushöhlte und in gewisser Weise ‚von selbst’, durch ihn spräche.“ In: Slavoj Žižek, On Believe, London/New York 2001, S. 58, zitiert nach: Mladen Dolar, a.a.O., S. 96. Paul Klee, Die Zwitscher-Maschine, 1922, Ölpause und Aquarell auf Papier, mit Aquarell und Feder eingefasst, auf Karton, 64,1 x 48,3 cm, Sammlung Museum of Modern Art (MOMA), New York. Eine Abbildung der Zwitscher-Maschine leitet in der deutschen Ausgabe von Deleuze / Guattaris Tausend Plateaus das 11. Kapitel, „1837 – Zum Ritornell“, ein. Siehe: Gilles Deleuze / Félix Guattari, 1997, a.a.O., S. 423.
SCHWEIGEN HÖREN
Vielleicht ist es ja wie in Franz Kafkas Erzählung über das Schweigen der Sirenen14, jener hybriden Wesen zwischen Frau und Vogel, deren verführerischen Gesängen man vielleicht entkommen könnte, wenn man schlau und listig genug wäre – gegen deren Schweigen sich jedoch niemand je wird wehren können. Denn gegen das, was abwesend ist, lässt sich kein Widerstand leisten. Kafka erzählt die Geschichte über Odysseus’ Begegnung mit den Sirenen auf seine eigene, verschobene Weise. Um den Verlockungen ihrer Stimmen zu entgehen, hat sich Odysseus hier die Ohren voll Wachs gestopft und sich am Mast seines Schiffes festketten lassen. Doch als er an den Sirenen vorbeirudert, tun diese nur so, als würden sie singen, tatsächlich bringen sie keinen einzigen Laut hervor, sondern nur eine Art Lippenbekenntnis. Es scheint, als dass die Sirenen Odysseus, der denkt, er sei der Macht ihrer Gesänge durch ein paar Tricks entkommen, ordentlich an der Nase herum geführt hätten, weil er mit seinen verstopften Ohren ja gar nicht hören konnte, dass sie schwiegen. Doch nicht genug: Kafka lässt es am Ende offen, ob möglicherweise alles ganz anders gewesen ist, selbst wenn dies mit menschlichem Verstand kaum noch zu fassen sei: dass nämlich Odysseus sehr wohl vernahm, dass die Sirenen schwiegen, und nur so tat, als würde er glauben, sie sängen, um sie zu hintergehen. Es hat etwas mit den Grenzen des menschlichen Verstehens zu tun. Sie verdrängen das ganz und gar Unmögliche, das jedoch regelmäßig in Form von Mythen wiederkehrt. Vielleicht sind wir es ja, die unentwegt die Worte der Papageien, jener Bauchredner par excellence, nachahmen, während wir weder ihre Stimmen noch ihr Schweigen hören, die sie hinter ihrer vorgetäuschten Rede, die nur so tut, als sei sie vorgetäuscht, verbergen. So können wir uns weder ihrer Rede noch ihrem Schweigen wiedersetzen, da wir ja beide nicht vernehmen und man sich gegen Nichts nicht wehren kann – es sei denn, wir wären „ein solcher Fuchs“ wie Kafkas Odysseus.
B Mladen Dolar, a.a.O., S. 41 ff. Jacques Rancière, Das Unvernehmen. Politik und Philosophie, Frankfurt am Main 2002, S. 29. Franz Kafka, Das Schweigen der Sirenen, in: derselbe, Erzählungen aus dem Nachlaß (1904-19249) http://www.textlog.de/32098.html
I R I S DR E S S L E R DIREKTORIN DES WÜRTTEMBERGISCHEN KUNSTVEREINS STUTTGART Iris Dressler (*1966 in Neuss) studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Literaturwissenschaft in Marburg und Bochum. 1996 gründete sie gemeinsam mit Hans D. Christ den Hartware MedienKunstverein in Dortmund, den sie bis 2004 leitete. Von 2002 bis 2004 war sie zudem Kuratorin am Museum am Ostwall in Dortmund. 2003 initiierte sie das Forschungsprojekt und den Kongress 404 Object Not Found. Was bleibt von der Medienkunst?. Seit 2005 leitet sie gemeinsam mit Hans D. Christ den Württembergischen Kunstverein in Stuttgart. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Erprobung offener und multiperspektivischer Formen des Kuratierens. Sie hat zahlreiche Texte über zeitgenössische Kunst und KünstlerInnen veröffentlicht bzw. Ausstellungspublikationen herausgegeben. Zuletzt (ko)kuratierte Ausstellungen/Projekte (Auswahl): 2012: Acts of Voicing. Über die Poetiken und Politiken der Stimme, 2011: Michaël Borremans. Eating the Beard, 2010: Re-Designing the East. Politisches Design in Asien und Europa / Sektion: Die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden; Territorien des In/Humanen; 2009: Subversive Praktiken; 2008: Postcapital. Archive 1989-2001; NOH Suntag. States of Emergency; 2007: Stan Douglas. Past Imperfect; 2006: Muntadas. Protokolle; 2006 und 2005: On Difference #1; On Difference #2.
BEDIENUNGSANLEITUNG FÜR DAS RAUMSCHIFF ERDE... 29
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JOACHIM KRAUSSE PRÄSENTIERT R. BUCKMINSTER FULLER
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ei der Organisation unserer großen Strategie müssen wir erst einmal feststellen, wo wir uns jetzt befinden, das heißt, was unsere gegenwärtige navigatorische Position im universalen Rahmen der Evolution ist. Um mit dem Fixieren unserer Position an Bord unseres Raumschiffes Erde zu beginnen, müssen wir anerkennen, dass der Vorrat an sofort konsumierbaren, offenbar wünschenswerten oder lebensnotwendigen Ressourcen bis zum jetzigen Zeitpunkt voll ausgereicht hat, um uns trotz unserer Ignoranz weiterexistieren zu lassen. Da sie aber schließlich nicht unerschöpflich und vor allem nicht unzerstörbar sind, sind sie für uns nur bis zu diesem kritischen Moment angemessen verfügbar. Für dieses Reservepolster zum Überleben und Aufwachsen der Menschheit bis heute ist anscheinend ebenso vorgesorgt worden, wie für einen Vogel in einem Ei mit flüssiger Nahrung vorgesorgt ist, damit er sich bis zu einem gewissen Punkt entwickeln kann. Dem Design zufolge ist die Nahrung aber genau zu dem Zeitpunkt aufgebraucht, wo das Küken groß genug ist, um auszuschlüpfen und auf eigenen Füßen zu stehen. Sobald das Küken auf der Suche nach mehr Nahrung gegen die Schale pickt, bricht es unversehens auf. Nachdem das Küken sein erstes Asyl verlassen hat, muß es nun seine eigenen Beine und Flügel in Bewegung setzen, um die nächste Phase seiner regenerativen Erhaltung zu entdecken.
R . B UC K M I N S T E R F U L L E R wurde 1895 in Milton, Massachusetts, geboren und starb 1983 in Los Angeles. Er war Architekt, Konstrukteur, Designer, Philosoph und Schriftsteller. Neben Frei Otto und Santiago Calatrava zählt Fuller zu den führenden Vertretern einer biomorphen Architektur.
Das Bild, das ich mir von der Menschheit heute mache, zeigt, wie wir gerade dabei sind, aus den Bruchstücken unserer erst vor einer Sekunde zerbrochenen Eierschale herauszusteigen. Unsere naive, Versuch-und-Irrtum-gestützte Ernährung ist am Ende. Wir werden mit einer ganz neuen Beziehung zum Universum konfrontiert. Uns bleibt jetzt nur, die Flügel unseres Intellekts auszuspannen und zu fliegen oder unterzugehen; das heißt, wir müssen sofort wagen zu fliegen, und zwar nicht nach den Faustregeln falsch konditionierter Reflexe von gestern, sondern auf der Grundlage der allgemeinen Prinzipien, die das Universum regieren. Und sobald wir den Versuch machen, kompetent zu denken, fangen wir sofort wieder an, uns unseres angeborenen Triebes zum komprehensiven Verstehen zu bedienen.
JOAC H I M K R AU S S E war bis 2008 Professor für Designtheorie und Designwissenschaften an der Hochschule Anhalt in Dessau. Mit seinen Arbeiten über R. Buckminster Fuller wurde er bekannt - wie mit der Ausstellung und dem Buch Your Private Sky: R. Buckminster Fuller – The Art of Design Science, 1999-2002. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher und Artikel und beteiligte sich an der Produktion von Dokumentarfilmen. Er ist Redakteur des Verlags Edition Voltaire und seit 1991 ständiger Mitarbeiter der Arch+. Momentan untersucht Joachim Krausse als Associated Investigator in dem interdisziplinären Labor Bild Wissen Gestaltung der Humboldt Universität Berlin unter anderem die Küche - „die Küche (als) ein folgenreicher Ort des Energieaustausches im Zeitalter des Anthropozän“.
Aus:
Richard Buckminster Fuller Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde und andere Schriften FUNDUS Band 137, S. 52 f. Philo Fine Arts, Hamburg 2010 Herausgegeben von Joachim Krausse (Original 1969, S.58f)
VOGELSPERSPEKTIVEN UND AMSELSANSICHTEN 30
VON ANNA & PETER MALNIKOW
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in Vogel ist – bezeichnenderweise – nicht das Wappentier der Städtebauer. Zirkel und Winkel in Händen haltend (wo bleibt die Säge?) oder streng geordnet, so zeigt sich die Disziplin der Architekten, der Urbanisten, ursprünglich. Die Ferndiagnose, die Telearchie – so wollen wir die Wissenschaft der Vogelperspektive, mit Blick auf ihre Anwendung nennen – die Fernanfänglichkeit also, blickt von schräg auf das Bewohnte: ein Gottesblick auf Engels Vermittlung. Ein isoliert und einsamer Blick, der sieht den Feind am Horizont, das Kommen der Waren und stetigen Gefahren. Naso! Ich könnte die Drangsal, die mir der Bube bereitet, nicht mit eilenden Worten in vielen Wochen erzählen. Würde die Leinwand von Gent, so viel auch ihrer gemacht wird, alle zu Pergament, sie fasste den Unbill nicht, der mir geschehen. Was Perdix da lachte, was ihn freute, war die Erinnerung an den Grund seiner eignen Verwandlung. Zwölfjährig dem Onkel anvertraut, Erfinder der Säge aus dem Innern der Fische, der Zirkel Patron und auch des Neides. Denn Daedalus stieß ihn in die Tiefe, dort Pallas stand schaffender Geister Gönnerin und sprach: halte der Mitte Bahn und meide die höheren, bleibe nahe dem Boden, zwischen Zäunen und niedrigem Geäst lege deine unvollständige Brut. Kevin, Du stiegest nicht die Treppe hinan und sprachst oben am Austritt introibo ad altare dei, sondern strecktest Deine Hände aus Deiner Zelle, es war doch der 16. Juni und nicht zur Fastenzeit. Da setzte sich eine trächtige Amsel in Deine wohlgeformten Hände, die gerade zum Gebet sich schlossen. Das Warme, Ungeschlüpfte hieltst Du solange, bis die Brut davonflog, schwellenadult, wie neugeboren, quasimodogentii, mit unbändigem Verlangen nach wahrem, unverfälschtem Blick.
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rei blieb mir der Himmel und der Turm, von dort herab sah ich die große Stadt, die erst viel später Behausung den Amseln bot, diesen scheuen und wohl lernwilligen Vögeln. Wie ich, der spät und unwillkommen durch die engen Gassen irrte, dann aber droben im Turm Wohn und Brot fand. Nun kann ich die Lüfte wohl fassen, aber nur in halber Höhe getraue ich mir das Land zu erblicken unter mir. Kein Wind, kein Mut, keine Wohnstatt dort, nur die Interpunktion der Stadt – Häuser, Straßen und Plätze. Den Austru im Zungengemüt, denn Luftschnappen, seit da mein Beruf, das Tiefe atmend aufgetaner Winde – Boreas, Notos, Zephyrod und Anemoi Euros – allumtosen sie auf Deinem Bild, Jacopo, den corpo di Venzia. Was sahst Du, von Barbari, wie sahst Du es, da kein Nürnberger Meister die Stadt so in Holz hat schnitzen können. Aber, zuweilen erträgt auch ein kleiner Flügelschlag den Schatten eines größeren, so mag der Meister dem Kaufmann die Feder doch geführt haben. So will ich nun keine Zeit verlieren, will noch ein wenig quinquilieren und für der Schöpfungsstunde Traum beladenes Wort, noch ein wenig huren im Resultatverließ, im Satzbordell: „Ehre Sei Gott und Dank den Engeln für diese veramselnde Welt!“
(nach Ovid, Petrus, Goethe, Hopkins, Busch, Rilke, Benn und Perros)
A N N A & PE T E R M A L N I KOW leben seit 1986 in Meilen bei Zürich.
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ar manches Mal sind wir auf unserem Weg zu den Gipfeln durch den Bergwald gestiegen. An jenem Dezembermorgen, als wir uns zum Simmentaler Bäderhorn aufmachten, war das Tal angefüllt mit grauem Nebel. Wir gaben nicht auf, denn die Gipfel – hofften wir – seien im Sonnenschein. Irgendwo im Bergwald hörte ich Klopfen, ganz dicht neben dem Pfad. Und auf einmal standen wir beinahe neben dem Specht. Die schwarz-weiße Bänderung am Kopf und der goldene Scheitel fielen mir auf. „Ein Dreizehenspecht...“, raunte mein Begleiter. Wir wagten nicht, uns zu bewegen. Der Dreizehenspecht ließ sich nicht beirren. Ja, er flog sogar noch näher an uns heran. Auf kaum drei Meter Entfernung verfolgten wir sein Tun. Eine viertel Stunde lang mochte er an der Rinde herumgehackt haben. Dann, ganz unvermittelt, flatterte er fort. Diese Begegnung habe ich nicht vergessen. Es war mir wunderbar, ein Tier zu treffen, einen Vogel, der dem Menschen ganz ohne Scheu begegnet. Der Wunsch, mit diesem Vogel vertrauter zu werden, wurde damals geboren – zunächst unbewusst. Als ich dann erfuhr, wie fremd uns der Dreizehenspecht ist, fremder noch als andere Vögel, dass wir von diesem Vogel der Alpenwälder noch fast keine Aufzeichnungen hatten, erwuchs auch die wissenschaftliche Neugier.
kenne die Terrassen, auf denen mehrere Höhlenbäume beieinander stehen. Nach kaum einer halben Stunde Suchen entdecke ich die Fichte. Weiße Späne am Boden verraten mir, da hat ein Specht gebaut. Dreizehenspecht oder Buntspecht, ich bin mir nicht sicher. Die Höhle ist kaum einen Meter über dem Boden. Ich staune über die vielen Späne, wundere mich wieder einmal, wie der SpechtSchnabel so etwas fertig bringt. Ich schaue mich um. Kein Specht zu sehen. Meine kleine Höhlenleuchte hüser ich in die Höhle, angenehm harzig riecht es daraus. Bis auf den Höhlenboden lasse ich die Lampe hinab. Mein schmaler Taschenspiegel zeigt mir das Höhleninnere: zwei weiße Eier auf einer Unterlage von Spänen. In diesem Augenblick hör ich ein weiches Kixen, Kratzen von Vogelfüßen. Über mir sitzt der Dreizehenspecht, ein Weibchen mit weißer Kopfplatte. Jetzt hab ich alles verdorben, denke ich, das war zu viel Nähe. Ich setze mich auf den Boden, will mich langsam von der Höhle entfernen. Ich hocke noch an dem Höhlenbaum, da klettert das Weibchen zum Höhleneingang, schaut zu mir, als wollte es fragen „was willst du denn hier“ und schlüpft in die Höhle. Ich bleibe nur noch eine kleine Weile bei der Höhle. Dann eile ich zu Tal, um meine Ausrüstung zu holen: Zelt, Tonband, Fotoapparat, Brot, Butter, Käse.
In der folgenden Zeit hab ich oft auf die Gipfel verzichtet. Ich hoffte, den Dreizehenspecht zu finden. Manchen Tag hab ich vergeblich gesucht. W I E DE R I M WA L D ! Der Zufall half mir: ein Freund fand eine Dreizehenspechthöhle mit Jungen. Ich zauderte nicht lange. Am Nachmittag schon trafen wir uns und eine halbe Stunde späEs ist ein lichter Wald, so wie es Spechte an ihren Höhlenorten lieben. Zuerst baue ter standen wir vor der Höhle. ich ein Versteck aus Ästen und Fichtenreisern rund fünf Meter von der Specht-Höhle Der Lebensraum des Bergspechts mutete fast wie ein Urwald an. Da waren rieentfernt. Ich merke bald, dass ich darauf verzichten kann. Für mein Schlafzelt finde sige Felsklötze durcheinander geworfen, Bäume ich einen leidlichen Platz unmittelbar am Fels. wuchsen schon darauf. Umgefallene Stämme laIch will mit den Spechten wohnen. Ich brauche gen kreuz und quer, der moosige Boden gurgelmeinen Kopf nur aus dem Zelt zu stecken und te bei jedem Schritt. Unter jedem Steinbrocken, habe gleich das Höhlenloch im Auge. aus jeder Vertiefung quoll Wasser hervor. ÜberNoch eh es am nächsten Morgen zu dämall hatten sich kleine Tümpel gebildet. Von den mern beginnt, setze ich mich vors Zelt. Ich 31 VON KLAUS RUGE A Fichten hingen lange Bärte. schaue durchs Fernglas und habe den HöhIn den letzten Jahren hab ich noch manches leneingang im Auge. Kurz nach vier höre ich Dreizehenspechtbrutgebiet gesehen. Nicht alle waren so wild, so urig wie dort in Obkratzende Geräusche aus der Höhle, dann ein leises Klopfen. Wenig später schaut der walden, aber überall gab es tote Stämme, moderndes Holz am Boden, wo der DreizeSpechtkopf heraus. Der Specht guckt nach rechts, nach links, nach unten. Dann ist er henspecht dicke weiße Käferlarven heraushacken konnte. wieder in der Höhle verschwunden, erscheint nach 15, 20 Sekunden erneut. Da kann Aber er lebt auch dort, wo die Wälder aufgeräumter wirken: im Engadin zum Beiich deutlich das Männchen erkennen, das über Nacht bei den Eiern gewacht hat. Es spiel. In den Fichtenwäldern des Engadins habe ich die meisten Erfahrungen gesamschlüpft aus der Höhle, rutscht ein kleines Stück am Stamm der Fichte nach oben, hackt melt. Im Frühjahr, wenn der Schnee schmilzt, wenn die Lawinen zu Tal donnern, dann in ein Flechtenpolster, fliegt auf, hinab zur Höhle und verschwindet. Plötzlich ist das beginnen die Spechte zu trommeln. Zu dieser Zeit sind wenig Menschen in den Bergen. Weibchen da mit seinem weißen Scheitel. Sofort ist auch das Männchen im Höhlenloch Das mag der Grund gewesen sein, warum wir über die Paarbildung beim Dreizehenzu sehen. Das Weibchen sitzt außen daneben. Ich höre Laute, eine kurz anschwellende specht in den Büchern nichts fanden. Keckerreihe. Dabei schwenken beide mit dem Kopf, das Männchen fliegt fort, und das An einem richtigen Föhn-Tag hab ich die lohnendsten Beobachtungen der DreizehenWeibchen schlüpft in die Höhle. spechtbalz gemacht: Lange geschieht gar nichts. Ich wage nicht zu frühstücken, will ich doch unbedingt Es ist früher Morgen. Die Sonne steht noch tief unter den Gipfeln. Warmer Wind sehen, wenn das Weibchen die Höhle verlässt. bläst mir ins Gesicht. Endlich, nach drei Stunden höre ich links von oben kommend ein weiches KiAuf dem oberen Zollweg steige ich zum Plain God Dars. Tonbandgerät, Mikrofon xen. Das kann nur das Dreizehenspecht-Männchen sein. Schon krallt das Weibchen im und Filmkamera trage ich im Rucksack. Gegen neun Uhr höre ich plötzlich siebzig bis Höhlenloch und fliegt davon. Blitzschnell renne ich zur Höhle. Bevor das Männchen achtzig Meter über mir Trommeln. Trommeln, das deutlich anders ist als das Trommeln einschlüpft, will ich wissen, ob sich in der Höhle etwas verändert hatte. Ich lasse das des Buntspechts. Bei einer Baumgruppe, die unmittelbar neben einem Lawinenzug Lämpchen in die Höhle und spiegel: drei Eier. Nach kaum einer halben Minute geh ich steht, muss der Specht sitzen. Ich überquere die Lawinenrunse. Dort, wo ich wieder an zurück. Das Männchen fliegt zur Höhle, beachtet mich nicht und schlüpft ein. den Waldrand komme, schnalle ich die Ski ab. Dort ist der Schnee schon geschmolzen. Nach gut zwei Stunden kommt das Weibchen wieder, löst das Männchen ab. So geht es Meinen Rucksack stelle ich auf einen Baumstumpf. Nur mit Fernglas, Notizbuch und bis zum Abend. So kurz nach acht kommt das Männchen, flutscht in die Höhle. Nach Bleistift haste ich den Berg hinauf. Wieder höre ich das Trommeln. Noch kann ich ein paar Minuten klettert es nochmal raus, fliegt zur Arve sieben oder acht Meter neben den Specht nicht sehen. Ich steige höher. Am Boden liegen Spechtfedern im Schnee dem Höhlenbaum, pickt an der Rinde und fliegt wieder zurück. zerstreut. Ein Falke hatte dort einen Buntspecht geschlagen. Ein schmales Feld mit aufAm nächsten Morgen kommt wiederum das Weibchen. Nachdem ihr Brutabschnitt einander getürmten Baumstümpfen muss ich überqueren. Mit meinem Fernglas suche abgelaufen ist, wage ich noch mal einen Blick in die Höhle. Immer noch liegen drei Eier ich die Randbäume ab. Immer wieder höre ich die Trommelwirbel. am Höhlenboden. Und da sitzt er, ein Dreizehenspecht, ein Männchen. An einer Fichte mit vielen verwitterten Ästen. Ich hatte also Glück gehabt und genau den Brutbeginn erwischt. Er krallt sich an der Rinde fest, schlägt mit dem Schnabel gegen das Holz. TromIn den folgenden Wochen saß ich von morgens vier bis abends neun vor der Höhle, melwirbel hallen durch den Wald. Es wundert mich, wie ein kleiner Vogel es fertigdamit mir nichts vom Spechtleben entginge. Allerdings, es gab auch Tage, da trieben dibringt, so kraftvoll, so weithin tönend zu trommeln. cke Wolken durch den Wald – immerhin lag die Höhle auf etwa 1900 Metern über dem Meer –, da konnte ich nicht einmal den Höhleneingang erkennen. Nur die Keckerlaute Aus Büchern hatte ich gelernt, die knöcherne Hülle des Gehirns sei stärker als bei andeverrieten mir, die Spechte lösten sich ab. ren Vögeln. Zwischen den Augen befinde sich eine knöcherne Scheidewand. Außerdem Einmal war der Sommerwald über Nacht sogar zum Winterwald geworden. sei der Schnabel mit dem Hirnschädel federnd verbunden, so als wäre ein Stoßdämpfer Es waren schöne, es waren erlebnisreiche, aber auch anstrengende Tage da oben. dort eingebaut. Doch Spechte brauchen ihre Schnäbel ja nicht nur beim Höhlenbau, Versuchte ich doch, so viel wie möglich zu dokumentieren. Ich schrieb nicht nur auf, sondern auch, um an die Käferlarven im Holz zu gelangen und als Trommelschlegel. was ich sah, ich fotografierte, filmte und versuchte auch, die Dreizehenspecht-Laute Mit dem Schnabel schlagen Spechte an Äste, die möglichst gut vibrieren und entlocken aufzunehmen. ihnen die weithallenden Signale. Nach zehn Bruttagen, rechnete ich, könnten die Spechtkinder schlüpfen. Ich legte mein Ohr an den Höhlenstamm. Nichts. Dann wagte ich noch einmal, mit dem Spiegel Das Dreizehenmännchen hab ich einige Stunden ohne Unterbrechung belauscht. Ich in die Höhle zu schauen. Ein Ei hatte ein ganz kleines Loch. Am nächsten Tag, nach elf war so gefesselt von seinem Tun, dass ich nicht einmal hörte, wie die Lawine in der RunBruttagen konnte ich deutlich die knörenden Laute der Spechtkinder hören. Es klang se herab donnerte. Erst als sie knapp vor meinem Ansitz war, wurde mir die Ursache des ein wenig wie das perlende Gas, das einer Sprudelflasche entströmt. Polterns und Grummelns bewusst. Ich sprang zum Waldrand, die Lawine schoss vorbei, Auch jetzt noch, nachdem die Jungen geschlüpft waren, lösten sich Männchen und tosend, krachend. Sie knickte Bäume und riss Baumstümpfe aus. Über eine Stunde Weibchen ab beim Wärmen ihrer Kinder. versuchte ich, meine Ausrüstung zu bergen. Es war vergeblich. Nur ganz selten und nur für wenige Minuten war kein Elternvogel in der Höhle. Der Schrecken saß mir in den Knochen. Wie gelähmt fühlte ich mich, all meine Solche Momente nutzte ich, um mir die Spechtkinder anzuschauen: völlig nackt waren sie, Begeisterung war entwichen. Ich wollte zurück nach Basel, musste meine Ausrüstung nicht einmal ein paar Dunen waren zu sehen, ihre Augen geschlossen, auch die Ohren. ergänzen. Die Vogeleltern schleppten dicke weiße Maden herbei. Larven von Bockkäfern, die sie Wichtige Beobachtungstage gingen verloren. aus abgestorbenem Holz hackten. Manchmal brachten sie auch langbeiniges Futter: Spinnen oder die großen Schnaken, die die Zoologen Tipuliden nennen. Ende Mai bin ich wieder im Engadin. Den God Chasalitsch hab ich schon im Frühjahr Vom Versteck aus beobachte ich, wie sie Stück für Stück ganze Fichten entrinden, wie durchstreift, von den Alpmatten bis zum Inntal. Ich kenne alte und neue Höhlenbäume, sie Schnaken von Stämmen sammeln oder aus Flechtenpolstern Spinnen herausklauben.
MEIN SPECHTSOMMER
Eine Beobachtung beeindruckte mich besonders: Ich sah, wie das Männchen Löcher in die Rinde einer Fichte unmittelbar neben dem Höhlenbaum schlug. Dann flog es zur Höhle. Durchs Fernglas erkannte ich, ein Tropfen Baumsaft hing an seinem Schnabel und den gab es einem Jungen. Das war, als die Spechtjungen schon gut befiedert waren und zur Höhle hinausschauten. Noch einiges verwunderte mich: Zunächst einmal, wie schnell die Jungen wachsen. Schon nach fünf Tagen haben sie ihr Gewicht vervierfacht. Mit etwa acht Tagen öffnen sich die Augen. Ich konnte auch deutlich sehen, wie die Federanlagen durch die Haut schimmerten. Wahrhaft überrascht hat mich die Mauser. Ich wusste, junge Buntspechte vermausern ihre Handschwingen als richtige, ausgebildete Federn bald nachdem sie flügge geworden sind. Bei den Dreizehenspechten jedoch bleiben die innersten fünf Handschwingen winzig kleine Gebilde und die fallen schon in der Höhle aus. Das bedeutet, die zweite Federgeneration kann schon vor dem Ausfliegen wachsen. Der junge Vogel hat Zeit gewonnen, hat das Federwachstum eher abgeschlossen, als hätte er die Mauser erst nach dem Ausfliegen begonnen. Bei den kurzen Sommern in subalpinen Wäldern ist das für die Vögel sicher von Vorteil. Nicht alle drei Kinder sind groß geworden. Am sechsten Lebenstag schleppt das Männchen ein totes Küken zum Eingang, fliegt mit ihm fort und lässt es irgendwo fallen. Die beiden anderen aber werden zu richtigen kräftigen Spechten mit schönem Gefieder und aufgewecktem Blick.
Zwei Monate nach dem Ausfliegen habe ich Spechtkinder und Spechteltern das letzte Mal beieinander gesehen. Dass sich die Spechteltern so lange um ihre Kinder kümmern, hatte ich wahrhaftig nicht erwartet. Aufregende und anstrengende Tage waren es da oben und dennoch war Wehmut in mir, als ich den vertrauten Wald verlassen musste – und meine Spechte. Vom Julierpass schaute ich noch einmal zurück auf den Spechtwald: ein Blick und viele Erinnerungen. P.S.: Das ist jetzt alles ein paar Jahre her. Heut erlauben mir kleine Sender, die ich an die Schwanzfedern der Spechte klebe, die Vögel auch dann zu orten, wenn ich sie weder sehe noch höre.
Nach gut drei Wochen ist es dann so weit: Das Weibchen kommt mit einem Schnabel voller Spinnen angeflogen. Ein Junges lehnt sich bis über den Flügelbug aus der Höhle. Das Weibchen stopft das Futter nicht in den gierenden Schnabel, sondern rückt auf die Seite und schon ist das Spechtkind draußen. Das Weibchen fliegt zum nächsten Baum und das Kind folgt. Nach einer Weile blickt auch das zweite Junge in die fremde Welt. Es strampelt aus der Höhle, sitzt minutenlang am Eingang und klettert dann bis in die Spitze des Höhlenbaums. Jetzt noch eine Woche, denke ich, dann kann 31 VON KLAUS RUGE B ich das Zelt abbrechen, um zu Hause all meine Aufzeichnungen auszuwerten. Dann nämlich würde sich die Familie auflösen, so wie ich es von Buntspechten kenne. Die Dreizehenspechte überraschten mich erneut – und verschafften mir noch ein paar Wochen Bergsteigen. Ich heftete mich an ihre Flügel, weil ich mehr erfahren wollte über die Nahrung der Spechte, über das Gebiet, in dem sie sich aufhielten und das sie nutzten. So schön das Laufen und Klettern im Bergwald gewesen ist – oft hätte auch K L AU S RUG E ist Vorsitzender des Bundesverbands Wissenschaftlicher Vogelschutz ich gern Flügel gehabt. Nicht nur, wenn die Spechte nach einer Beobachtungsfolge auf (BWV) und Sprecher der Fachgruppe Spechte in der DO-G. Viele Jahre hat er die die Idee kamen, über eine Schlucht zu fliegen... Das, was die Dreizehenspechte in weniStaatliche Vogelschutzwarte für Baden-Württemberg geleitet. In Büchern und Radiogen Sekunden schafften, dazu brauchte ich Stunden mühsamen Kletterns – und dann sendungen hat er immer wieder versucht, Menschen für Natur zu begeistern. Beim waren die Spechte oft schon wieder weiter geflogen. Aufbau der NAturschutzJUgend im NABU war er wesentlich beteiligt.
MEIN SPECHT SOMMER
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it den Vögeln, die wie besessen auf Menschen einhacken und einen ganzen Ort terrorisieren, hat Alfred Hitchcock1 eine Ikone des Horrorkinos geschaffen. In Horrorfilmen geht es um Kontrollverluste. Sie werden meist dadurch ausgelöst, dass etwas Phantastisches in die vertraute Welt einbricht und die Herrschaft an sich zu reißen droht. Wie kein anderes Genre erzählt der Horrorfilm von den Ängsten und Lüsten, die damit verbunden sind, und von den Versuchen, das Phantastische aus der Welt zu vertreiben, um die verlorene Herrschaft über die Welt wiederzuerlangen. Doch Die Vögel2 (1963) unterscheidet sich von den meisten Horrorfilmen dadurch, dass beide Elemente miteinander verschränkt sind: Aus dem Kontrollverlust wird ein Mittel der Disziplinierung. Außerdem überkreuzt sich in Die Vögel der Horror- mit einem Liebesfilm, denn die Liebe von Melanie und Mitch löst in manchen Panik aus.
Und zur Bestrafung dieses Verbrechens wird ein beeindruckendes Arsenal disziplinierender Techniken aufgeboten: Alicia wird ins Gesicht geschlagen und vergiftet, Miriam wird erdrosselt, Judy wird in die Spitze eines Glockenturms gezerrt, von dem sie herabstürzt und stirbt; Marion wird erstochen, Melanie wird von Vögeln angegriffen, bis sie bewußtlos ist (auf Annie Hayworth wird eingehackt, bis sie tot ist); Marnie wird psychisch gefoltert; und Brenda wird erdrosselt.«7 Dieser Befund gilt erst recht für die Göttin der Weiblichkeit und ganz besonders, wenn sie einen Pelz trägt. Die Vögel führen ihre Attacken so lange durch, bis Melanie nicht mehr Venus ist und damit das Bedrohlich-Phantastische abgewehrt und die Kontrolle über die Welt wieder hergestellt ist. F L I E G , Ö DI PU S , F L I E G !
Venus ist vor allem für die gutbürgerlichen Frauen eine Bedrohung; demonstriert wird dies an einer ödipalen Beziehung, die Sigmund Freud für jede Familientrias mit männlichem Nachwuchs annimmt. Lydia sieht durch Melanie ihre Beziehung zu ihrem Sohn Mitch gefährdet.8 Die ödipa le Motivik zeigt Margaret M. Horwitz auf;9 diese Lesart Das Phantastische, das die Kleinstadt-Idylle von Bodega Bay heimsucht, sind nicht in wird im Film lanciert – wenn auch in ihrer Negierung. Wie Melanie seitens der hyserster Linie die Vögel, sondern es ist Melanie. Als sie über die Bucht fährt, kommt sie terischen Mutter im Restaurant, sah sich Annie ebenfalls Beschuldigungen von Lydia in ihrem Boot auf Mitch zu wie die Venus auf Sandro Botticellis Gemälde Geburt der ausgesetzt, wenn auch unausgesprochenen: Sie habe »[…] tagelang darüber nachgedacht, Venus (1484–86): der personifizierte Liebreiz, meerschaumgeboren, der Wind spielt in was ich der Frau getan haben könnte. – Melanie: Und was haben Sie getan? – Annie: Gar ihrem goldblonden Haar wie auf dem Gemälde. Melanie fährt zwar nicht in einer Munichts. Ich war bloß da. Also woran lag es? War sie eifersüchtig? Eine Mutter, die ihren Sohn schel wie ihr Vorbild, aber in einem Boot, das kaum größer ist. Auch die Umgebungen für sich alleine haben möchbeider Szenen gleichen sich: te? Falsch. Es war bei ihr kein Muschel und Boot befinden Ödipus-Komplex, sondern etsich jeweils in einer großen was anderes« (0:41:41). Doch Bucht mit sanften SchwünAnnies Erklärungsversuche gen, die von grünen Hügeln klingen wenig überzeugend. gesäumt wird. Melanies ausStattdessen wird die Muttergesprochen blondes Haar entODER: ÜBER STRUKTURELLE VOGEL-PROBLEME IN ALFRED HITCHCOCKS FILM „DIE VÖGEL“ Sohn-Beziehung um weitere spricht nicht nur Hitchcocks Ödipus-Motive bereichert: Vorliebe für Blondinen, son32 A VON KONRAD KIRSCH Mitch nennt Lydia (im engdern auch einem Beinamen lischen Original) abwechder Aphrodite, chryse = die selnd »dear […] mother […] dear […] Darling«.10 Dadurch vermischen sich die Ebenen Güldene.3 Ein weiterer Beiname der Aphrodite rührt da her, dass die Liebe die Dunkelheit sucht: Melaina oder Melainis = die Schwarze.4 So wird Melanie bereits durch ihren der Mutter und der Geliebten, und Lydia nimmt die Rolle der Iokaste des antiken DraNamen als Aphrodite bezeichnet. Um dies zu betonen, ist sie bei ihrem ersten Auftritt mas ein. Lydias Mann ist tot und daher in dieser Konstellation die Laos-Figur. In Soim Film ganz in Schwarz gekleidet, mit schwarzen Schuhen, schwarzer Handtasche und phokles‘ Tragödie rufen der Vatermord und der Inzest zahlreiche Plagen hervor, worauf ebensolchen Handschuhen: Sie heißt nicht nur Melanie, sie ist Melaina. Als besäße sie die Angriffe der Vögel rekurrieren. Nachdem Ödipus erkennen muss, dass er aufgrund als Liebesgöttin nicht schon genug Macht über die Männer, trägt Melanie zudem einen seiner Missetaten selbst die Ursache der Plagen ist, reißt er sich die Augen aus. Dieses Pelz, wodurch sie als eine Transformation von Wanda ausgewiesen wird, der Titelheldin Motiv findet sich bei dem getöteten Farmer wieder, dem die Vögel die Augen ausgehackt in Leopold von Sacher-Masochs Roman Venus im Pelz (1870). haben, und in den zersplitterten Brillengläser eines der attackierten Schulkinder. Durch das sexuelle Begehren, das die Venus Melanie auslöst, ist die Ordnung des Mitch ist zwar ein er wachsener Mann, dennoch erscheint er als Kind: Als Melanie Örtchens bedroht. Daher wird sie von der hysterischen Mutter im Restaurant als ›das den Krämer nach dem Weg zu Mitchs Haus fragt, zeigt er auf die andere Seite der Böse‹ des Horrorfilms identifiziert: »Sie sind die Ursache für das Unheil. Sie alleine sind Bucht, wo die Brenners wohnen. »Die Brenners? Mr und Mrs Brenner?«, fragt Melanie schuld! Sie sind böse! Böse!« (1:25:22).5 Dieses ›Böse‹ gilt es aus der Welt zu vertreiben oder verunsichert. Krämer: »Nö, nur Lydia und die zwei Kinder. – Melanie: Die zwei Kinder? unschädlich zu machen, und das Mittel dafür sind die Vögel. Sie greifen an, als Melanie – Krämer: Ja, Mitch und seine kleine Schwester. – Melanie [erleichtert lachend]: Ach so« Venus-gleich über die Bucht gleitet: Eine Möwe stößt herab und verletzt sie am Haaran(0:12:56). In der Familienkonstellation ist Mitch also infantilisiert. Genauso war bereits satz. Melanie berührt die kleine, klaffende Wunde, die der Möwenschnabel hinterlässt, sein verstorbener Vater infantilisiert: »Er verstand die Kinder sehr gut […]«, sagt Lydia wie Botticellis Venus mit der Hand ihre Scham bedeckt. Anschließend wird sie von über ihn. »Er hatte so eine natürliche Art auf sie einzugehen und mit in ihrer Welt zu leben« Mitch Brenner in Empfang genommen, der sie in das Restaurant am Hafen bringt. (0:52:23). So war schon Lydias Beziehung zu ihrem Mann ödipal geprägt: Sie machte Die Szene wiederholt strukturell jene zu Beginn des Films in der Zoohandlung, wo ihn zu ihrem Kind, und nach seinem Tod machte sie ihr Kind zu ihrem Mann. sich Mitch und Melanie kennenlernen. Melanie gibt sich als Verkäuferin aus und lässt Dies ist der Grund, weshalb Lydia unerträgliche Angst davor hat, dass Mitch heiratet: versehentlich einen Kanarienvogel fliegen; das Tier setzt sich in eine muschelförmige »[…] ich will nicht, dass man mich allein lässt. Ich könnte es nicht ertragen, allein zu sein« Scha le und bildet so gleichfalls Botticellis Gemälde nach. Wie Melanie von der Möwe (1:04:20). Denn der Vater konnte durch den Sohn ersetzt werden, doch für diesen gäbe von oben angegriffen wird, deckt Mitch flink seinen Hut über den Kanarienvogel und es keinen Ersatz. Verließe Mitch seine Mutter, wäre Melanie aus ihrer Sicht die Ursache setzt ihn zurück in das Drahtgehäuse mit den Worten: »Zurück in den goldenen Käfig, allen Übels (während sie tatsächlich nur der Anlass ist) – wie ihr Lydias alter ego, die Melanie Daniels« (0:06:10). Durch diese Parallele erweist sich die Szene in der Zoohandhysterische Mutter im Restaurant, vorwirft. Die Vögel verkörpern – in Bezug auf Lydia lung als Schlüssel des Films. Denn das ist der Plan: die Venus wie den Kanarienvogel zu – ihre Angst, verlassen zu werden.11 So ist aus den Plagen als Folge des Vatermords und fangen und in einen Käfig zu sperren. des Inzests, die Ödipus beging, in Die Vögel ein Symbol für die Ängste der Iokaste-Figur Das Tier, das Venus beigeordnet ist, ist ein Vogel: die Taube. Als Begleiterinnen der geworden: Der mögliche Verlust ihres Sohnes / Liebhabers löst bei ihr derartige Ängste Venus sind die Tauben Liebesvögel, weshalb die Lovebirds, die Melanie Mitch schenken aus, als drohte die Welt in einer Vogel-Apokalypse zugrundezugehen. möchte, die Vögel der Venus symbolisieren. Doch in Hitchcocks Film wenden sich die In Annie ist es Lydia schon einmal gelungen, eine Nebenbuhlerin abzuwehren, und Liebesvögel in Gestalt von Möwen und Krähen gegen ihre Herrin. Raymond Bellour über weite Strecken des Films scheint es, als würde sich Annies Geschichte für Melanie zeigt, dass sich bei Melanies Fahrt über die Bucht Hin- und Rückfahrt formal entwiederholen. Annie leitet aus ihrer Erfahrung ab: »Wahrscheinlich ist wohl nie etwas zwisprechen; das Scharnier zwischen beiden bildet der Moment, als sie die Liebesvögel im schen Mitch und einem Mädchen gewesen« – »any girl« (0:41:04), wie es im Original heißt: Haus der Brenners deponiert.6 Dies markiert einen Wechsel: Sie bringt die sanften LoWie Annie scheint es »any girl« zu ergehen. Doch Melanie ist Annies Komplementärvebirds hin und tauscht sie gewissermaßen gegen die aggressiven Möwen und Krähen Figur: Mel-Annie, vielleicht sogar Mal-Annie = die böse Annie. Ihr Name bedeutet ein. Der Auslöser für den ersten Angriff ist Mitchs verliebter Blick: Erst als er sie durch zwar die Schwarze, doch schwarzhaarig ist Annie, Melanie ist entgegen ihres Namens das Fernglas im Boot sieht, erscheinen die Möwen, von denen eine kurz darauf Melanie entschieden blond, und genauso entschieden strebt sie in Bezug auf Mitch ein anderes attackiert. Das nämliche, allerdings noch ohne Angriff, zeigt die erste Szene des Films, Schicksal an als das von »any girl«. in der ein Junge hinter Melanie herpfeift, bevor sie Zoohandlung betritt. Der Pfiff beZugleich könnte Melanie zu einer neuen Lydia werden. Diese sieht aus, wie man kundet sein sexuelles Interesse – und darauf hin kreisen kreischende Vögel am Himmel sich eine ältere Melanie vorstellen könnte,12 und wie Lydia scheint Melanie eine Neivon San Francisco. Die Bedrohung entsteht also durch die sexuelle Anziehungskraft gung zu Ödipus-Figuren zu haben: Der Junge vor der Zoohandlung könnte ihr Sohn Melanies. sein; sein sexuelles Interesse er widert sie mit einem Lächeln. Er antizipiert daher die In einigen Hitchcock-Filmen ist es ein ›Verbrechen‹, eine Frau zu sein, wie James andere Ödipus-Figur, die Melanie anschließend in der Zoohandlung treffen und mit McLaughlin ausführt: »Alleinstehende Frauen mit Geld (oder sonst einer Art von Macht) der sie eine Liebesbeziehung eingehen wird: den infantilisierten Mitch. sind bei Hitchcock todbringend; sie rufen in den Männern eine unkontrollierbare Angst hervor, Lydias Vögel die sich in mörderische Wut wandelt. Sie werden als unmenschlich und unnatürlich angesehen, Lydia sieht sich von der Venus im Pelz bedroht und setzt gegen sie deren eigene sie bringen die soziale und die natürliche Ordnung aus dem Gleichgewicht. Die berühmten Vögel ein – als Waffe. Margaret Horwitz schreibt: »Die rasenden Vögel fungieren als eine Hitchcock-Heldinnen, die in den Filmen nach Schatten des Zweifels auftreten, wie Alicia Art bösartiges weibliches Über-Ich, sie off enbaren indirekt Lydias Charakter. […] Es gibt Huberman (Berüchtigt), Miriam Haines (Der Fremde im Zug), Judy Barton (Vertigo), keinen Hinweis […], dass sie über die Vögel Kontrolle hat. Aber die rasenden Vögel wecken Marion Crane (Psycho), Melanie Daniels (Die Vögel), Marnie Edgar (Marnie) und Brenda Assoziationen, die darauf deuten, dass sie eine verdrängte Energie Lydias sind. […] Das Blaney (Frenzy) sind ›selbständige‹ Frauen […] Diese Selbständigkeit macht sie alle gewisAuftreten der rasenden Vögel ist spezifischer mit einer mütterlichen Angst verbunden, die sermaßen verdächtig – das heißt, kriminell: Letztlich ist es ein Verbrechen, eine Frau zu sein. jeden Ausdruck von Sexualität zu bestrafen sucht.«13 Das zeigt sich bei dem ersten VogelDI E V E N U S I M PE L Z
VENUS MIT MÖWEN UND KRÄHEN
Je mehr Angst man hat, desto mehr Ängste bekommt man – darum werden es von Szene angriff, der dezidiert der pelztragenden Venus in der Muschelscha le gilt. Lydia weiß zu zu Szene immer mehr Vögel, bis am Ende die ganze Welt von ihnen besetzt zu sein scheint. diesem Zeitpunkt noch nichts von Melanie, doch die Möwe handelt schon in ihrem Und nur wenn man sich ganz ruhig verhält, keine plötzlichen Bewegungen macht, zwicken Sinne. Wenn sie Melanie auch nicht vertreiben kann, so zerstört die Möwe doch die sie einen vielleicht lediglich ins Bein oder in die Hand, wie Mitch, als er das Auto holt. romantische Situation, als Mitch die meerschaumgeborene Venus an Land willkommen heißen will. Auch der nächste Vogel greift an, als wäre er von Lydia ausgesandt worden: Melanie VO N VÖ G E L N U N D M E N S C H E N fragt Annie, ob sie zu Cathys Geburtstag gehen solle, sie habe den Eindruck, dass es Lydia nicht recht wäre. Annie antwortet darauf: »Ach, was heißt Lydia. Haben Sie Lust zu In Die Vögel kommt es zu einer Verschränkung von Vögeln und Menschen. Dies zeigt gehen? – Melanie: Ja. – Annie: Dann gehen Sie doch. – Melanie: Danke, Annie« (0:45:17). sich bereits in den ersten Momenten des Films: Indem der Junge vor der Zoohandlung Just in diesem Moment poltert etwas gegen die Tür; als die beiden Frauen nachsehen, hinter Melanie herpfeift, ist er nicht nur ein Mensch, sondern auch ein Vogel. Das gleifinden sie eine tote Möwe, die mit voller Wucht gegen die Tür geflogen ist – als handelche gilt für die Parallele, die Mitch zwischen Melanie und dem ›blonden‹ Kanarienvogel te sie im Auftrag der zornigen Lydia. Unterstrichen wird die Verbindung zwischen den zieht. Die Analogie von Menschen und Vögeln setzt sich darin fort, dass immer wieder Vögeln und Lydias Angst vor Melanie durch die vorangehende Szene, in der Melanie Gruppen, ›Schwärme‹ von Kindern vorkommen, deren Durcheinandersprechen an Voeben nicht attackiert wird: Mitch verhält sich beim Abschied nach dem Abendessen so gelgeschnatter und -gezwitscher erinnert, so auf dem Kindergeburtstag oder der schier ungeschickt, dass die Liebesgeschichte beendet scheint, bevor sie richtig begonnen hat. endlose Gesang der Schulklasse: »Ristle-tee, rostle-tee, now, now, now / I brought her home Melanie fährt erzürnt davon, vorbei an Telefonleitungen, die schwarz von Vögeln sind. by the light of the moon / Ristle-tee, rostle-tee / Hey, donnie-dostle-tee / Knickety-knackety, Doch sie wird nicht angegriffen, obwohl sie mit offenem Verdeck fährt – denn: Die Gerustical quality / Willow-tee, wallow-tee / Now, now, now / She combs her hair but once fahr, die von ihr für Lydia ausgeht, scheint gebannt. Sie wird erst wieder erneuert, als a year / Ristle-tee, rostle-tee, now, now, now / With every stroke she shed a tear / Ristle-tee, Melanie sich bei Annie entschließt, trotz Mitchs Verhalten zu Cathys Party zu gehen, rostle-tee / Hey, donnie-dostle-tee / Rustical quality, ristle-tee, rostle-tee / Now, now, now um ihn dort zu treffen. Nun fliegt die Möwe mit solcher Wut gegen Annies Tür, dass sie […]« (1:05:39). sich daran den Schädel einschlägt. In dieser Analogie von Vögeln und Menschen symbolisieren die Lovebirds Melanie Die nächste Attacke erfolgt auf dem Geburtstag. Hier ist aus den vereinzelten und Mitch. Aber sie spiegeln Ängsten und Aggressionen nicht deren Beziehung wähbereits ein kleiner Schwarm rend des Films wider, songeworden, der schon allein dern stellen eine Art Ziel dar, aufgrund der größeren Zahl ein Muster, auf das sie ihre nicht mehr so zielgenau vorBeziehung ausrichten. Dargeht. So richten sich die Attaum lässt sich Mitchs schon cken jetzt nicht mehr nur geODER: ÜBER STRUKTURELLE VOGEL-PROBLEME IN ALFRED HITCHCOCKS FILM „DIE VÖGEL“ angeführte Beschreibung gen Melanie, sondern gegen der Lovebirds auch als Sizze alles, was sich bewegt. Der 32 B VON KONRAD KIRSCH der angestrebten Beziehung Angriff beginnt aber erst, als sehen: Er »möchte nicht welLydia sieht, wie Melanie und che, die ununterbrochen schnäbeln... Verstehen Sie mich? – Melanie: Ach so, ja, ich verstehe, Mitch von ihrem tête-à-tête in den Dünen zurück kommen. Sir. – Mitch: Das heißt, zu passiv sollen sie natürlich auch nicht sein. – Melanie: Zu neutral Auch die Ereignisse auf der Fawcett-Farm hängen mit Lydias Ängsten zusammen. auch nicht.« Indem sie ihm in jedem Punkt zustimmt, gibt sie sich als ›die Richtige‹ zu Lydia bringt Cathy in die Schule und will danach mit Dan Fawcett sprechen. Damit erkennen. Ihrem Mustercharakter entsprechend hat der Käfig der Lovebirds die Form haben Melanie und Mitch das Haus für sich alleine, der Zeitpunkt für eine Liebesszene eines Hauses: Wie die Vögel soll das künftige Paar in einem Haus in trauter Zweiwäre gekommen – doch es wird keine gezeigt.14 An dieser Stelle ist der Film so dezent, dass sich Mitchs Wünsche, die er in der Zoohandlung in Bezug auf die Lovebirds äusamkeit leben. Doch die Analogie funktioniert auch umgekehrt: In diesem Haus sollen ßert, als metatextueller Kommentar auf den Film lesen lassen: Er möchte keine Vögel, Melanie und Mitch miteinander eingesperrt sein wie in einem Kä fig. Vorläufig ist in »die ununterbrochen schnäbeln... Verstehen Sie mich? – Melanie: Ach so, ja, ich verstehe, diesem Haus-Käfig allein Mitch, und er kann sich aufgrund seiner Infantilisierung darSir. – Mitch: Das heißt, zu passiv sollen sie natürlich auch nicht sein. – Melanie: Zu neutral aus nicht befreien, seine Mutter lässt ihn nicht entkommen. Will er nicht allein bleiben, auch nicht« (0:04:05). Ähnlich verhält es sich mit der Liebesszene: Wie das Liebesspiel muss er einen ›Vogel‹ fangen und zu sich in den Käfig holen.16 der Vögel ist sie nicht zu offensichtlich, aber auch nicht zu zurückhaltend. »Wie haben Sie das gemacht, Mr. Hitchcock?«, ließe sich mit François Truffaut fragen. Die Episode beginnt damit, dass Melanie im Nachthemd vor dem Spiegel steht und DE R H U T DE S VO G E L FÄ N G E R S sich die Lippen schminkt (Spiegel und Kosmetik sind ebenfalls der Venus beigeordnete Attribute); erstmals sieht man sie mit offenem Haar. Melanie hört, wie Lydia zu Mitch Mitch ist von einer Ambivalenz geprägt, die darin besteht, dass er nach dem Scheitern sagt, dass sie wegfahre, und beobachtet, wie der Truck die Straße hinunterfährt; der der eigenen Befreiung andere (zu sich) in den Käfig sperrt. Das zeigt sich in zwei PunkBettpfosten ragt wie ein erigierter Penis in der Bildmitte auf. Statt nun die Liebenden ten: Zum einen ist er Rechtsanwalt, das heißt, sein Beruf ist es eigentlich, Menschen vor zu zeigen, folgt die Kamera dem Truck. Lydia erreicht die Farm, und da Fawcett noch dem Gefängnis zu bewahren oder sie daraus zu ›befreien‹. Tatsächlich verhält er sich aber, nicht auf dem Hof gesehen wurde, geht sie in die Küche und von da aus recht zielstrebig als wäre er ein Staatsanwalt. Deshalb arten die Gespräche mit ihm schnell in Verhöre ins Schlafzimmer – also dorthin, wo sich in ihrem Haus die Liebenden mutmaßlich geaus, Melanie scheint bei ihm ständig auf der Anklagebank zu sitzen. Sie fragt daher, ob rade befinden. Zu sehen, was die beiden dort miteinander tun, wäre für Lydia furchtbar, er Polizist sei, und vermutet, er wolle »am Liebsten alle Leute einsperren« (0:26:33), so ihre schlimmsten Ängste würden bestätigt. So bekommt sie auch in Fawcetts Schlafauch sie. Mitch: »Der Richter hätte Sie dafür« – für einen Streich, den sie seinem Manzimmer et was Schreck liches zu sehen: Die Vögel haben das Zimmer völlig ver wüstet danten spielte – »einsperren müssen« (0:06:46). Das gleiche Verhalten – (sich) befreien (= die Ordnung ist zerstört), und Fawcett liegt tot in der Ecke. Seine leeren, blutigen zu wollen, aber tatsächlich andere einzusperren – legt Mitch in der Zoohandlung an den Augenhöhlen ver weisen auf Ödipus, wobei sie in diesem Kontext nicht den Inzest meiTag. »Ist das nicht ein scheußliches Gefühl? [...] Dauernd diese armen, eingesperrten nen, sondern allgemeiner für die Überschreitung des sexuellen Verbots stehen, das Lydia Geschöpfe um sich zu haben?« (0:04:46), fragt er die vorgebliche Vogelhändlerin. Doch über Mitch in Bezug auf andere Frauen verhängt hat. An die Stelle der Liebesszene in als Melanie dann tatsächlich einen Vogel freilässt, ist er es, der ihn mit seinem Hut fängt dem einen Schlafzimmer ist also der Anblick des augenlosen Leichnams in dem anderen und in den Käfig sperrt; auch dieser hat die Form eines Häuschens. Schlaf zimmer getreten. Die Kamera zeigt zwar et was völlig anderes als eine LiebesszeDadurch stellt die Vogelfänger-Szene eine mis-en-abyme des Films dar und spiegelt ne, aber für Lydia sind beide gleich schrecklich und daher austauschbar; eine klassische den Kern der Geschichte. Wie der ›blonde‹ Kanarienvogel in der Muschel mit dem Hut Freudsche Verschiebung. Unterstrichen wird der Nexus zudem durch die Parallele von gefangen wird, der sich von oben aus der Luft über ihn herabsenkt, genauso sind die von Fawcetts Vor- und Melanies Nachnamen: Als Lydia Dan Fawcett in der Obszönität oben herabstoßenden Krähen und Möwen das Mittel, Melanie zu fangen. Betrachtet man vor diesem Hintergrund noch einmal das Gemälde von Botticelli, so scheint die seines Todes sieht, erblickt sie eigentlich Mitch und Melanie Dan-iels beim Liebesspiel. Auf diese Weise überkreuzen sich Liebes- und Horrorfilm. – Die mythische Aphrodite Figur auf der rechten Seite, eine der Horen, Venus ebenfalls einfangen zu wollen (tatsächlich möchte sie deren Nacktheit mit einem Mantel bedecken). erzeugt im wörtlichen Sinne ebenfalls Furcht und Schrecken, da aus ihrer Verbindung mit Ares Phobos und Deimos hervorgehen: Furcht und Schrecken.15 Damit ist Lydias Macht vorläufig gebrochen. Ihre Angst vor Melanie wandelt sich in K Ä F IG E die Angst um Cathy: Die Vögel könnten die Kinder in der Schule angreifen, die großen Fenster des Gebäudes würden keinen Schutz bieten. Melanie teilt Lydias Furcht zu dieDie aggressiven Vögel bewirken, dass Melanie in geschlossene Räume flieht: Die ersten sem Zeitpunkt nicht, doch fährt sie zur Schule, um sie zu beruhigen. In der Tat ist alles beiden sind das Auto vor der Schule und die Telefonzelle neben dem Restaurant. Beide ruhig, kein Vogel ist zu sehen. Bis der Unterricht vorbei ist, wartet Melanie vor einem weisen Eigenschaften von Käfigen auf:17 Sie bieten zwar Schutz vor den Vögeln, doch Spielgerüst. Dort auf der Bank ist es, als würde sie von Lydias Befürchtungen angegleichzeitig bleibt die Welt außerhalb sichtbar, und wie sich durch die Stäbe ins Innere steckt: Besteht wirklich keine Gefahr für die Kinder? Was wäre, wenn…? des Käfigs greifen lässt, können auch die Vögel Löcher ins Glas schlagen und so minDa setzt sich schon die erste Krähe auf das Gerüst hinter ihr, weitere folgen, es destens ein stückweit ins Innere gelangen. Der hausförmige Käfig der Lovebirds zeigt an, dass auch das Haus der Brenners werden immer mehr, bis das Gerüst schwarz vor Krähen ist. Damit ist eine neue Ebene erreicht: Lydias Ängste haben sich verbreitet – aus ihren Vögeln sind die Vögel aller ein Käfig ist. Damit hier die Vögel nicht durch die Öffnungen – die Fenster und Türen geworden. Hitchcock benutzt die Ödipus-Motive und die damit verbundenen privaten entsprechen den Spalten zwischen den Stäben – eindringen können, nagelt Mitch sie Ängste also nur exemplarisch, gewissermaßen als Einstieg, um dann von ihnen zu abzu. Nun können die Vögel zwar nicht mehr herein – aber es kann auch niemand mehr stra hieren und sie zu verallgemeinern. heraus.18 Das heißt, das, was sich als Schutzraum präsentiert, ist ein Käfig, und je größer Denn die Vögel erzeugen nicht nur Angst – sie verkörpern die Ängste, jede Art von der Schutz ist, den er bietet, desto schwerer ist es, daraus auszubrechen. Das ist der golAngst. Jeder kennt sie, jeder hat sie, deshalb fallen die Vögel in Die Vögel auch jeden an. dene Kä fig, in den Mitch Melanie stecken möchte.
VENUS MIT MÖWEN UND KRÄHEN
Damit der ›Vogel‹ nicht merkt, dass er gefangen wird (und er ausbrechen will), muss eine Gefahr herauf beschworen werden, vor der er sich in den Käfig flüchtet und nicht mehr heraus will. Es muss gar keine reale Gefahr sein, es genügt, ihm Angst zu machen. Dies leisten die Vögel: Sie erzeugen Furcht vor der Welt außerhalb des Käfigs, Angst davor, sich im Freien aufzuhalten – Angst vor der Freiheit. Wer Menschen Ängste induzieren kann, kontrolliert sie; hier deutet sich eine politische Ebene an, die Hitchcock am Ende des Films ausspielt. N O C H E I N M A L E L F W E R DE N
Dies bestätigt sich dadurch, dass Mela nie von ihrer Mutter im Alter von elf Jahren verlassen wurde, und sie nun, an Cathys elftem Geburtstag, in Lydia eine neue Mutter findet. Als Kind – nicht als Venus im Pelz – kann diese sie ak zeptieren, und so hält Lydia Melanie am Schluss in den Armen wie eine Mutter ihr krankes, verängstigtes Kind. Da mit ist Melanie zum einen in die Fa milie aufgenommen. Zum anderen ist Mitch jetzt ihr großer Bruder, was bedeutet, dass die ödipale Mutter-Sohn-Beziehung nun durch den symbolischen Bruder-Schwester-Inzest ergänzt wird. Offenkundig ist es die Per versität der Beziehung, die es Lydia ermöglicht, Mela nie zu ak zeptieren; stellt sie doch ein Äquiva lent ihrer Beziehung zu Mitch dar.
DI E G E FA N G E N E F R E I H E I T Durch die Erfahrung mit Annie weiß Mitch, dass er keine Frau in den Käfig bringen kann. Welche Möglichkeit gibt es noch? Die einzige ›Frau‹, die Lydia an seiner Seite Ihre Infantilisierung bringt sich Melanie geradezu planvoll selbst bei, wie sich in einem duldet, ist Cathy: ein Kind. Dadurch, dass Mitch ihr Lovebirds schenken will (die sie anderen Motivstrang zeigt. Denn parallel zu ihrer Infantilisierung wird aus dem freien sich gewünscht hat), wird Cathy unterschwellig sexua lisiert. In dieser Ambiva lenz von Kanarienvogel in der Muschelschale ein Lovebird im hausförmigen Käfig. Bevor MeSchwester und Noch-Kind auf der einen Seite sowie latenter Sexualisierung auf der lanie in die Dachkammer geht, sieht sie sich noch einmal die Lovebirds an mit ihrem anderen Seite stellt Cathy das Rollenmuster dar, in das Melanie sowohl gedrängt wird, grünen Gefieder, dem roten Gesicht und Hals sowie dem gelbem Schnabel. Sie selbst als auch selbst anstrebt. trägt ein lindgrünes Kostüm und hat blonde Haare, es fehlt nur noch die Farbe rot.21 Es Zu Beginn des Films wird Melanie als unernste Person gezeigt: Sie will Mitch einen ist, als betrachte sie die Blaupause ihrer künftigen Existenz im goldenen Käfig, bevor sie Streich spielen, indem sie sich als Verkäuferin ausgibt; einer ihrer Streiche hat ihr sogar sie umsetzt. Bislang war sie im Brennerschen Käfig nur Gast, aber sie möchte dauerhaft einen Prozess eingebracht; und auch mit den Lovebirds, die sie den Brenners heimlich bleiben. Dazu verlässt Melanie kurzfristig den Käfig, denn da die Vögel das Dach aufgeins Haus stellt, spielt sie eine Art Streich. Wenn also Cathy noch Kind ist, dann hat Merissen haben, ist die Kamlanie noch et was Kindlichmer schon Teil des ›Außen‹. Kindisches. Ein Streich ist es Dort, im ›Freien‹, ist sie auch, der sie überhaupt in die nicht (nicht mehr) in der LaZoohandlung führt: Sie hat ge, sich allein gegen die Vöfür ihre Tante einen Mynahgel, ihre Ängste, zu wehren Bird (= Beo) bestellt. Auf der und in der Freiheit zurechtDüne erklärt sie Mitch, was ODER: ÜBER STRUKTURELLE VOGEL-PROBLEME IN ALFRED HITCHCOCKS FILM „DIE VÖGEL“ zukommen. Sie ruft nach sie mit dem Vogel vorhat: Mitch, und mit diesem Ruf dass sie im obszöne Worte 32 C VON KONRAD KIRSCH gibt sie ihre Selbständigkeit beibringen und dann ihrer auf: Sie hat sich mit der ToTante schenken möchte, um desangst, der sie sich selbst aussetzte, selbst gezähmt. Erst jetzt öffnen Mitch und Lydia diese zu schockieren und sich über sie lustig zu machen. Bei Mitch löst ihr Vorhaben die Käfigtür (obwohl sie den Lärm lange zuvor gehört haben müssen) und ziehen die jedoch kein Lachen aus, wie Melanie erwartet hatte. Statt dessen sagt er mit nur halb Ohnmächtige aus der Dachkammer. Melanies Bewusstlosigkeit zeigt an, dass sie eine gespielt strenger Stimme: »Ihnen fehlt die mütterliche Hand, mein Kind« (0:48:40). Das Metamorphose durchmacht: Aus den Wunden fließt Blut über ihr Gesicht, so dass sie ist der Plan: aus Melanie ein Kind machen – eine Kind-Frau, die von der Iocaste-Figur in dem lindgrünen Kostüm und mit ihren blonden Haaren nun genau die Färbung der geduldet wird. Ihre Infantilisierung ist jedoch nicht nur Mitchs Plan, auch Melanie Lovebirds aufweist;22 als sie auf wacht und unter Schock Mitch abwehrt, ist ihr Mit-denselbst scheint sie als die einzige Möglichkeit zu sehen, von Lydia in den Käfig gelassen zu Armen-Schlagen ein Flügelschlagen. werden. Bereits am Vorabend, als Annie sagt, Lydia habe Angst, Mitch zu verlieren, antMelanies Zähmung entspricht damit dem Schema des Horrorfilms: Sie bricht in die wortet Melanie: »Kann man ihr nicht sagen, sie bekäme eine Tochter dazu?« (0:42:33). vertraute Welt von Bodega Bay ein wie etwas Phantastisches, ›das Böse‹ – als Venus im Doch es ist mehr als nur eine List, zu Mitch in den Käfig zu gelangen. Mit ihrer Pelz, die Männer dominiert und damit die hergebrachte Ordnung bedroht. Doch da Infantilisierung würde Melanie auch einen eigenen Mangel ausgleichen, denn sie hat Melanie in die ödipal-bürgerliche Familie eingehen will, treibt sie sich die Venus selbst keine Mutter: »Als ich elf Jahre alt war, ist sie mit irgendeinem Mann auf und davon geaus. Danach sind die Vögel zwar immer noch präsent, sogar allgegenwärtig, doch halten gangen«, sagt sie und fügt mit tränenerstickter Stimme hinzu: »Ich weiß gar nicht, wo sie eine Art Waffenruhe – bereit, sofort wieder zuzuschlagen, sollte sich die Venus im sie ist« (0:48:56). Mit ihrer Infantilisierung betreibt Melanie gleichzeitig ihre Adoption: Pelz erneut zeigen. »Na, ich will mal lieber wieder zu den Kindern gehen« (0:49:26), sagt sie und kehrt mit Freiwillig wird Melanie den Käfig nie wieder verlassen. Insofern ist Die Vögel auch Mitch zum Kindergeburtstag zurück. Es ist Cathys elfter Geburtstag, und es wird auch eine politische Allegorie auf den Verlust der Freiheit durch Angst. Denn Melanie repräMelanies elfter Geburtstag werden, ihr zweiter. sentiert in der Dachkammer auch die Freiheitsstatue, wie Camille Paglia zeigt: In ihrem grünen Kostüm und mit der Taschenlampe, die sie meist über dem Kopf hält, verkörpert Melanie die Freiheitsstatue mit dem Gewand aus grün-oxidiertem Kupfer und der GE SCH W ISTER LIEBE Fackel.23 Als sie bewusstlos zu Boden sinkt, stürzt mit ihr die Freiheitsstatue: ›Zurück in den goldenen Käfig, Lady Liberty‹. Bevor das Mutter-Kind-Verhältnis von Lydia und Melanie besteht, stellt es sich allerdings zunächst umgekehrt dar. Nach dem Schock über den Anblick in Fawcetts Schlafzimmer, hat sich Lydia ins Bett gelegt. Damit geht die mütterliche Rolle auf Melanie C AT H Y, O DE R DI E V E R S C H L E I E R T V E N U S über:19 Sie kocht Lydia Tee, hört sich deren Ängste an, beruhigt sie und fährt an ihrer Stelle zur Schule, um nach Cathy zu sehen. Auch gegenüber Mitch tritt sie mütterlich-bestimmend auf, besonders als sie Cathy Melanie kauft die Lovebirds eigentlich für Mitch, doch erinnert sie sich, dass er die Vögel für seine Schwester kaufen wollte und widmet das Geschenk um: »To Cathy« vom Haus der toten Annie abholen. Dort sagt sie ihm, was er zu tun und zu lassen habe, (0:21:40) steht nun auf der Karte, die sie neben dem Käfig hinterlässt. Cathy freut sich nämlich nicht (wie ein ungezogener Junge) mit Steinen nach den Krähen zu werfen und Annies Leiche nicht vor dem Haus liegen zu lassen. Melanie hält die weinende Cathy zwar sehr darüber, doch überraschenderweise sieht man sie nie gemeinsam mit den fest umschlungen, und von Mitch komplettiert weisen die drei die passende AltersVögeln im Bild: Als Cathy beim Abendessen das Wohnzimmer betritt, deckt Lydia struktur einer Familie auf, wohingegen Lydia eigentlich als zu alt erscheint, um Cathys den Käfig schnell mit einem Tuch ab. Beim Angriff der Möwen auf das Haus wird es Cathy verwehrt, die Lovebirds aus der Küche zu holen. Als die Gruppe nach San FranMutter oder Mitchs Frau zu sein. Doch dass sich hier eine Familie gefunden zu haben cisco aufbricht, bittet sie darum, die Lovebirds mitnehmen zu dürfen, sie hätten doch scheint, dient nur als narrativer Kontrapunkt für das Folgende. Denn Annies Tod ist der nichts getan. Diesmal wird es Cathy gestattet, und so setzt sie sich mit dem – erneut Wendepunkt: Mit ihm beginnt Melanies Infantilisierung. abgedeckten – Käfig ins Auto. Die Figurenkonstellation dort transformiert eine frühere Nachdem der große Angriff der Vögel auf das Haus abgewehrt ist, schlafen Cathy, Lydia und Mitch. Nur Melanie ist wach. Sie hört Vogelgeräusche und folgt ihnen bis in die Szene des Films. Als Melanie und Mitch Cathy abholen wollen, finden sie Annie tot vor ihrem Haus. Dach kammer. Dort greifen sie die Vögel sofort an, mit weit aufgerissenen Schnäbeln fliegen sie Melanie ins Gesicht und hacken nach ihren Augen. Melanie schlägt mit eiCathy konnte sich ins Haus retten und läuft nun in Tränen aufgelöst zu Melanie. Auf der anschließenden Fahrt zu den Brenners sitzt Mitch am Steuer, hinter ihm Melanie ner Ta schenlampe um sich, doch ihre Abwehrversuche bleiben wirkungslos. Sie kann mit der verängstigten Cathy im Arm. Die beiden umarmen sich so innig, dass es zu noch nach Mitch rufen, dann bricht sie zusammen. Er und Lydia erscheinen in der jener Verschmelzung kommt, die Melanies Infantilisierung einleitet. Doch bewirkt sie Tür und ziehen sie ins Innere des Hauses. Als sie wieder zu sich kommt, steht Melanie umgekehrt, dass auch Cathy eine neue Rolle einnimmt: Beide Figuren bewegen sich unter Schock und wehrt Mitch mit unkoordinier ten Schlä gen ab. Die Szene ist vielschichtig. Am offenkundigsten bewirkt sie Mela nies Inaufeinander zu, überkreuzen sich und gehen mit vertauschten Rollen auseinander. Ihre Trennung findet während des Angriffs der Möwen auf das Brennersche Haus statt: Zu fantilisierung 20 und leitet ihre Adoption ein. Denn in der Dachkammer ver wandeln Beginn sitzen sie eng umschlungen auf dem Sofa, doch als die Vögel angreifen, läuft Cadie Vögel sie in ein hilfloses, unselbständiges Kind, das Schutz sucht. Es wiederholt sich struktruell also die Szene von Annies Tod: Durch die Attacke der Vögel ›stirbt‹ thy zu Lydia und Melanie bleibt allein. Später wird sie in die Dachkammer gehen und sie nach der Gehirnwäsche als elfjähriges Kind wieder verlassen. Daher wiederholt sich Mela nies er wachsenes Selbst (wie zuvor Annie), und sie bleibt als verängstigtes Kind im Käfig zurück (wie zuvor Cathy in Annies Haus). Als sich in den vorangegangenen auf der Fahrt nach San Francisco die Konstellation der Fahrt vom Haus der toten Annie, nur mit vertauschten Figuren: Mitch als Vaterfigur (oder großer Bruder) sitzt wieder Szenen Mela nie und Cathy fest umschlungen halten (vor Annies Haus, auf der Fahrt am Steuer, hinter ihm hält die Mutterfigur (diesmal Lydia) die traumatisierte Kindfigur zu den Brenners, dort auf dem Sofa), drückt sich darin also nicht nur Mela nies Mutter-Status aus, sondern es kündigt sich hier auch die Vertauschung ihrer Rollen an. (jetzt Melanie) im Arm. Neben Mitch, auf dem Beifahrersitz, sitzt nun Cathy; sie hat
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also Melanies Platz eingenommen (wenn deren Platz nicht überhaupt der Fahrersitz ist, da es sich um ihren Wagen handelt). Da Melanie ihren Status als Venus abgegeben hat, sind auch die aphrodisischen Vögel auf Cathy übergegangen, an die sie ja auch adressiert waren. So deutet sich an, dass Cathy zu einer neuen Venus heranwachsen wird, die den Männern den Kopf verdreht und die Frauen gegen sich aufbringt. Doch wie der Käfig der Lovebirds mit einem Tuch bedeckt ist, ist diese Venus noch unter dem Schleier verborgen. Aber das Ende der Kindheit nähert sich, und Venus wird sich in einer neuen Gestalt offenbaren. Dieser Text ist eine gekürzte Version meines Beitrags Die Venus im Käfig, in: Vf: Der zweite Blick / A Second Look, Edition Axel Menges, Stuttgart/London 2013. Ein Auszug daraus findet sich unter http://axelmenges.de/buch/Kirsch_A-Second-Look.pdf. Neben Die Vögel werden darin betrachtet: Der Partyschreck von Blake Edwards, Blade Runner und Gladiator von Ridley Scott sowie Anatomie von Stefan Ru zowitzky. In dem Band befindet sich auch ein ausführliches Literatur ver zeichnis.
1 Filme sind Gemeinschaftsproduktionen mit einer Vielzahl von Beteiligten; wird im Folgenden der Namen Alfred Hitchcocks im Sinne des Urhebers genannt, hat dies vor allem pragmatische Gründe. Es soll damit weder ein na iver Genie-Kult betrieben, noch sollen die Leistungen der anderen Beteiligten herabgesetzt werden (vgl. G.J. Weber: Jeder tötet, was er liebt, Marburg 2007, S. 17ff ). 2 Die Vögel (OT: The Birds), USA 1963/2006; Regie, Produktion: Alfred Hitchcock; Drehbuch: Evan Hunter, nach der Erzählung The Birds (1952) von Daphne Du Maurier; Kamera: Robert Burks; Musik: Bernard Hermann, Oskar Sala; Produktionsdesign: Robert Boyle; Szenenbild: George Milo. Darsteller: Tippi Hedren (Mela nie Da niels), Rod Taylor (Mitch Brenner), Jessica Tandy (Lydia Brenner), Suzanne Pleshette (Annie Hayworth), Veronica Cart wright (Cathy), Doreen Lang (Mutter im Restaurant). 3 Vgl. K. Kerényi: Die Mythologie der Griechen, Bd.1, München 1998, S. 65; H.K. und S. Lücke: Antike Mythologie, Reinbek bei Hamburg 2006, S. 53. Alle Informationen zur antiken Aphrodite / Venus in diesem Beitrag stammen aus diesen Bänden. 4 Vgl. K. Kerényi (Anm. 3), S. 66. 5 Wie hier beziehen sich die Timecodes hinter Zitaten aus dem Film auf die DVD Die Vögel, USA 1963/2006. 6 Vgl. R. Bellour: The Analysis of Film, ed. by C. Penley, Bloomington 2001, S. 50ff. 7 J. McLaughlin: All in the Family: Alfred Hitchcock’s ›Shadow of a Doubt‹, in: A Hitchcock Reader, ed. by M. Deutelbaum / L. Poague, 2. Aufl., Maine 2009, S. 150f. S.a. B. Nichols: Ideology and the Image, Blooming ton 1981, S. 165, 168f. 8 Vgl. B. Nichols (Anm. 7), S. 162. 9 Vgl. M.M. Hor witz: ›The Birds‹: A Mother’s Love, in: A Hitchcock Reader, ed. by M. Deutelbaum / L. Poague, 6. Aufl., Iowa 1994, S. 136; B. Nichols (Anm. 7), S. 136; S. Zizek: Warum greifen die Vögel an?, in: Ein Triumph des Augenblicks über das Auge. Psychoanalyse bei Alfred Hitchcock, hrsg. von dems., Wien 1992. 10 Timecode: 0:36:16, 0:36:30, 0:37:07, 0:37:11. Vgl. M.M. Horwitz (Anm. 9), S. 282. 11 Vgl. M.M. Horwitz (Anm. 9), S. 284. 12 Vgl. B. Nichols (Anm. 7), S. 138. 13 M.M. Horwitz (Anm. 9), S. 281f. 14 Im Gespräch mit F. Truffaut sagt A. Hitchcock, dass ursprünglich eine Liebesszene zwischen Melanie und Mitch vorgesehen gewesen wäre, sie wä re auch gedreht worden, doch habe er, Hitchcock, sie aus Gründen der Spannung weggelassen; vgl. F. Truffaut: Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?, München 1999, S. 283ff. 15 K. Kerényi (Anm. 3), S. 59. 16 Zur Unterwerfung der Frauen unters Patriarchat in Hitchcocks Filmen vgl. T. Modleski: The Woman Who Knew Too Much, New York/London 1989, S. 3; s. a.: M. Feldvoß: Alfred Hitchcock und die Frauen; in: Obsessionen. Die Alptraum-Fabrik des Alfred Hitchcock, hrsg. vom Filmmuseum Düsseldorf, Marburg 2000. 17 Vgl. F. Truffaut (Anm. 14), S. 280. S.a. Th. Wydra: Alfred Hitchcock. Leben, Werk, Wirkung, Berlin 2010, S. 119.
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VON KONRAD KIRSCH
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18 Vgl. B. Nichols (Anm. 7), S. 147; T. Wydra (Anm. 17), S. 121. 19 Vgl. M.M. Horwitz (Anm. 9), S. 283; B. Nichols (Anm. 7), S. 145; s.a. C. Paglia: Die Vögel, Hamburg/Wien 1998, S. 89. 20 Vgl. B. Nichols (Anm. 7), S. 152. 21 Mitch ist nicht ganz so Lovebird-mäßig gekleidet, allein seine grüne Militärhose greift deren grünes Federkleid auf. 22 Vgl. C. Paglia (Anm. 19), S. 44. 23 Vgl. C. Paglia (Anm. 19), S. 119.
KO N R A D K I R S C H ist Literaturwissenschaftler und sieht gerne Filme. In seinen Betrachtungen erweitert er den hermeneutischen Ansatz mit einer intertextuellen Perspektive. Kirsch veröffentlichte u.a. Texte zu Elias Canetti, Franz Kafka, Robert Walser, Georg Büchner und Heinrich von Kleist. Kontakt: info@konradkirsch.de
KÜCHE AUF DEN FERSEN – AUSZUG AUS EINER KURZPROSASAMMLUNG 33
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VON LISA VERA SCHWABE
ir sitzen im Auto, wir halten Ausschau. Rechts auf dem Seitenstreifen liegt Totes, auch Gestreiftes. Beinahe fliegen wir nach vorn, wir sind viele auf der Rückbank, so können wir uns gegenseitig am Fliegen hindern. Wir bleiben lieber mit beiden Beinen auf dem Boden. Zum Glück sind wir vernünftig. Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul, sagt der Vater. Er öffnet den Kofferraum und legt den Fasan hinein, welcher ordentlich den Kopf hängen lässt. Der Vater ist ein Mensch mit Sinn für die Schönheit der Natur, auch für deren Prinzipien. Er zählt die Maden und teilt sie in verschiedene Bataillone ein. Er bestimmt Offiziere und Unteroffiziere und ernennt den Hauptlagermannschaftsführer. Er verteilt Noten und motiviert durch Zuspruch, rügt und erwartet Besserung. Dann schlägt er den Kofferraum wieder zu, mit dem guten Gewissen, seiner Pflicht als Oberhaupt der Familie auf das Beste nachgekommen zu sein.‘
L I S A V E R A S C H WA B E , Jahrgang 1982, ist in Berlin aufgewachsen. Sie studierte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim. 2006 gründete sie mit anderen Studierenden das Künstlerinnenkollektiv THEATER KORMORAN, mit dem sie zahlreiche Produktionen als Spielerin und als Regisseurin für ein Kinderpublikum realisiert. Mit ihrer Kurzprosasammlung Auf den Fersen (erschienen März 2012 beim hochroth Verlag, Leipzig) war sie 2011 Teilnehmerin der Schreibwerkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung zur Förderung junger Künstler. 2012 war sie Stipendiatin im Künstlerhaus Lukas in Ahrenshoop. Gemeinsam mit der Bildenen Künstlerin Greta Hoheisel erstellte sie dort das Darßer Bestiarium. Die Arbeit wurde in einem Vortrag, einer Ausstellung (Neues Kunsthaus Ahrenshoop) und in einer Publikation präsentiert und dokumentiert. Ihre Texte erschienen in verschiedenen Anthologien. Sie lebt und arbeitet als freie Theatermacherin und Autorin in Leipzig. www.theaterkormoran.de
K
atja schenkt mir eine kleine Eule. Es ist ein Schlüsselanhänger, der leuchtet und „Uhu“ schreit, wenn man auf einen kleinen Knopf an der Seite drückt. Das Leuchten ist dazu da, dass man den Schlitz für den Schlüssel findet. Als Kind wollte ich eine Eule sein.
struktion der Wirbelsäule, das ganze Knochengerüst, und vermischen in ihrem Magen außen und innen. Dann schließen sie die Augen und würgen die unverdaulichen Reste wieder aus. Ein Haut- und Knochencocktail. So sieht ein Lebewesen aus, wenn die Muskeln und das Fett weg sind.
Sie guckt immer noch so. Durchdringend, böse und stumm aus ihren kleinen stechenden Augen. Es ist schlimm, wenn sie nur guckt, aber es ist noch schlimmer, wenn sie spricht. Früher hat sie oft meine Hände genommen und sie auf ihren Rücken gelegt. Du hast heilende Hände, hat meine Großmutter gesagt und meine heilenden Hände eine halbe Stunde an ihren Rücken gepresst, wie eine Wärmflasche. Wahrscheinlich ist es so irgendwie passiert, dass ich angefangen habe, mich vor ihr zu fürchten. Es kann auch sein, dass ich gar keine Angst vor ihr hatte, sondern mich eigentlich vor ihrem Wachhund fürchtete. Er hat mich einmal angriffen, als ich dreizehn oder vierzehn war. Sie hat vorher immer gesagt, ich bräuchte keine Angst vor dem Hund zu haben, der würde nichts tun. Ich wusste, dass der Hund mich hasste und ich wusste, sie wäre machtlos, wenn er die Gelegenheit bekäme, mich anzugreifen. Das war dann auch so: Der Hund hing an meinem Hals und meine Großmutter hing am Hund, und der machte sich nichts aus dem Geschrei und Gezerre und Gewicht meiner Großmutter. Dann kam Herr Rehder, der Nachbar, und rettete mich. Jetzt ist sie alt und der Hund ist eingeschläfert. Ihre Augen sind immer noch böse und klein und stechend, aber ich traue mich wieder, sie zu besuchen.
Eine Maus hat zwischen 48 und 51 Wirbel. Die sind alle in dem Gewölle drin. Sieben Halswirbel, der Rest sind Brust, Lenden und Schwanzwirbel. Menschen haben auch sieben Halswirbel, das ist bei allen Säugetieren so. Eine Eule hat 14, deswegen kann sie ihren Kopf so weit drehen. Mir erscheint das ein wenig wie Hohn, wenn jemand so Bewegliches einem beständig die Reste des eigenen, unbeweglichen Körperbaus vor die Füße kotzt.
Früher hat man Eulen mit ausgebreiteten Schwingen an Scheunentore genagelt. Ob sie, während man die Nägel durch ihre Flügel schlug, noch lebendig waren oder bereits tot, darüber gibt es unterschiedliche Auskünfte. Es scheint, als hätte man die Eulen wegen
Was wäre aus Batman geworden, wenn er nicht die Angst vor Fledermäusen, sondern Angst vor Eulen für sich genutzt hätte? Er würde sich bestimmt Halswirbel einbauen lassen. Und große Füße. Die Füße und die Nase wären seine Hauptwaffen, er hätte ein ganz großes rundes Gesicht, das wie ein Parabolspiegel den Schall leitet und so verstärkt, dass er selbst eine Maus unter einer Schneedecke hören kann. Sie braucht jetzt, mehr denn je, andere, die etwas für sie tun. Früher, da war meine Großmutter eine Schleiereule und der Hund war ihre Krallen. Sie war sehr wohlhabend. Sie traute den Menschen nicht, sie schwieg gern und war allein mit ihren Kaninchen. Wenn man sie nach der Nazizeit fragt, dann redet sie auch von ihren Kaninchen. Trotzdem brauchte sie jemanden, der das mit dem Draußen für sie regelte. Sie brauchte einen Schnabel, der aussprach, was sie nicht aussprechen konnte, sie brauchte Augen, die weiter schauten, als nur auf ihr Herrenhaus, und sie brauchte Krallen. Diese Positionen
IF THE OWLS ARE NOT WHAT THEY SEEM, WHAT ARE WE? 34
VON VON MAREIKE MAAGE
ihrer Verbindung zur Unterwelt nicht sofort getötet. Die Rache einer ermordeten Eule, dachte man, würde höllisch sein. Sie würde all ihre Verbündeten mobilisieren (Götter, Hexen, Dämonen und gefallene Engel), um sich an ihren Mördern zu rächen. Also hat man sie lebendig ans Tor genagelt, um den Rest des Unterweltgesindels abzuschrecken und die Zeit das Übrige tun zu lassen. Eine Schleiereule hat eine Spannbreite von 95 cm. Wie viele Nägel braucht man für 95 cm? Meine Mutter erzählt, dass ihr das immer unheimlich war, wenn eine Eule bei uns auf dem Hof genistet hat. Ich stimme ihr zu, irgendwie war das unheimlich. Mein Bruder sagt, Eulen wären gut für Höfe, weil sie die Mäuse auffressen. Wir sitzen am runden Tisch unterm Kirschbaum und essen Mandarinenkuchen. Mandarinenkuchen ist die Spezialität meiner Tante. Der sieht toll aus mit einer Schicht aus Stärke und Multivitaminsaft oben drauf und Mandarinen aus der Dose innen. Er schmeckt anders, als er aussieht. Ich denke jedes Mal, es wäre Eierlikör drin, und nehme ein großes Stück. Aber dann schmeckt es doch nach Multivitaminsaft. Kartoffelgroße Wollbrocken mit Knochen darin. Mein Bruder hat in der letzten Woche im Lager Gewölle gefunden und beschreibt den Fund detailliert. Seine Freundin quietscht angeekelt. Der Rest der Familie kaut unbeeindruckt weiter Mandarinen. Ein Freund von mir hat die Ohrringe seiner Freundin einmal als Gewölle bezeichnet. Sie sahen wirklich ein bisschen so aus. Die Knochen haben gefehlt. Das Paar hat sich zwei Monate später getrennt, sie wollte ihn heiraten und er wollte sie nicht heiraten. Noch nicht, er hat sich damals noch zu jung gefühlt, zum Heiraten. Eulenkinder verdauen die Knochen der Nahrung besser als ihre Eltern. In ihrem Gewölle findet man lange nicht so viele Knochen-Reste, wie im Gewölle der alten Vögel. Die jungen Eulen brauchen den Kalk, damit sie wachsen können. Sie schlüpfen im Abstand von Tagen, manchmal Wochen und sind deshalb alle unterschiedlich groß. Das erinnert an eine menschliche Familie. Die Freundin meines Bruders ist besänftigt, dass wir nicht mehr über Gewölle reden, über Kinder redet sie gern. Sie haben noch keine eigenen, aber ihre Zwillingsschwester hat schon ein Kind. Im Wohnzimmer der beiden hängt ein sehr großes Bild der Freundin meines Bruders mit ihrem Neffen auf dem Arm. Ausgekotztes Essen, das den Finder den Aufbau der Beute erkennen lässt – mich fasziniert das und ich spreche es noch einmal an. Die Eulen zertrümmern die tragende Kon-
besetzte sie, je nach dem wer gerade freundlich zu ihr war, neu. In schneereichen Wintern haben Eulen Schwierigkeiten, unter der Schneedecke Mäuse zu finden. Manche Eulen legen dann ein Nahrungsdepot an. Man hat Depots mit 95 Kleinsäugern bei Schleiereulen gefunden. Und wir Menschen, wir bilden Eulendepots. Ein junger Mann hat über seine ganze Brust eine Eule tätowiert, die ein Radio trägt; ein Vater schenkt seiner Tochter eine Tasche mit Eulen darauf, sie wollte eigentlich Karten für „The Yes Man“, aber die waren zu teuer; Straßenkünstler malen auf rissigem Asphalt Äste mit Eulen darauf; auf dem Flohmarkt gibt es rote und grüne Eulen zum Kuscheln; das Internet bietet mir täglich Kleider mit Eulenbildern darauf an; ein deutscher Radiosender vergleicht das Gesicht des englischen Trainers Roy Hodgson mit dem einer Eule; Harry Potter hat seine Schneeeule Hedwig und die Schaufensterpuppen in der Frankfurter Fußgängerzone haben Eulengesichter. Am glaubwürdigsten von allen Darstellungen, die Menschen mit diesem Vogel anstellen, finde ich die kleine Eule Eglantine in dem Film „Die Legende der Wächter“. Als sie zum ersten Mal ein Gewölle auskotzt, ist sie empört und angewidert. Das will sie jetzt aber nicht ihr ganzes Leben machen, nur leider muss sie das, erklärt ihre schlangenförmige Amme. Meine Großmutter ist keine Eule und ihr Hund ist nicht die Krallen, die sie nie hatte. Ein Mensch, der sein Leben lang kotzt, hat nicht besonders große Chancen zu überleben. Seit wir die Herrschaft über diesen Planeten für uns beanspruchen, fordern wir die Organisation von Naturzuständen immer dann, wenn es uns machbar scheint. Sobald es unbequem wird, leugnen wir unsere Verantwortung. Wenn also jetzt etwas geregelt werden muss für die Eule, dann spiegelt vielleicht ein Gesetz, das die Nationalsozialisten sich ausgedacht haben, unsere Ambivalenz gegenüber diesem Tier am besten: Das Reichsnaturschutzgesetz von 1935 gibt die Eulen zur Jagd frei, mit ganzjähriger Schonzeit.
M A R E I K E M A AG E , 1979 in Hannover geboren, 1998 Abitur am Deutschen Gymnasium in Apenrade, Dänemark, studierte Bildende Kunst und Experimentelles Radio in Weimar, Nagoya und Tokio. Seit 2007 arbeitet sie als Künstlerin, als Programmassistentin sowie Autorin für diverse Kulturinstitutionen und Rundfunkanstalten der ARD. Mareike Maage lebt in Berlin und Frankfurt am Main.
O.T. (LOOK) 35
VON NIKLAS NITZSCHKE
N I K L A S N I T Z S C H K E 1982 in Gifhorn geboren, studierte Architektur in Stuttgart, Trondheim, Delhi und Patan. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Bauhaus Dessau war er an der Abschlusspräsentation der „IBA – Internationale Bauaus-
2012
stellung Stadtumbau Sachsen-Anhalt 2010“ beteiligt. Er arbeitete für Architekturbüros in Stuttgart und Berlin und nahm an zahlreichen Ausstellungen teil. Niklas Nitzschke arbeitet derzeit für das Projekt ‘morethanshelters’ in Hamburg und Berlin.
J
ulian Montagues fiktiver Buchtitel irritiert erst auf den zweiten Blick. Zunächst hat alles seine Richtigkeit: Dass es „strukturelle Probleme“ geben soll, die es zu „managen“ gilt, verwundert eigentlich niemanden – und schon gar nicht den sozialwissenschaftlich geübten Leser, der über einen solchen Titel stolpern mag.
Erst nach einem Moment stockt man und bemerkt, dass einem hier Vögel untergeschoben werden. Die strukturellen Probleme, um die es in diesem Buch gehen könnte, sollen also jene der Vögel sein (oder jene der Menschen, die sich um die Vögel sorgen, was für uns auf dasselbe hinausläuft). Montagues Titel funktioniert (und fast möchte man umgangssprachlich sagen: fliegt) also durch die Spannung, die sich zwischen den Vögeln einerseits und dem Management struktureller Probleme andererseits ergibt. Niemand, und erst recht nicht der oben erwähnte Sozialwissenschaftler, wäre verwundert, einen Titel zu sehen wie „Managing Structural Problems in the International Financial System“ oder „Managing Structural Problems in Urban Youth Unemployment“. Sicher wären diese Titel nicht sonderlich elegant. Die entsprechenden Titel würden sich nicht zur interessanten und kurzweiligen Lektüre empfehlen. Sie würden in ihrem Jargon („Management“, „Structures“, „Problems“) auf ein Fachthema verweisen, das in den entsprechenden Semantiken und im spezifizierten Gegenstandsbereich mutmaßlich den Dreischritt aus Problem, Ursachen (Strukturen) und Lösungen (Management) vollzieht. Hier ginge es um Ernstes, um Fachwissen, um eine Verbesserung von Lebensverhältnissen oder die bessere, effektive und effiziente Einrichtung eines irgendwie relevanten Funktionsbereichs moderner Gesellschaften. Die Aufbereitung für ein breites Publikum wäre dann den Journalisten überlassen, wiederum nach den Regeln und Mechanismen ihrer Zunft.
D
enn zunächst sind die Probleme, die unsere Gesellschaften heute haben, moderne Probleme in dem Sinne, dass wir erwarten dürfen, dass es auch Lösungen gibt (mit mehr oder weniger klaren Zuständigkeiten, etwa: das politische System für die Entscheidungsfindung, das wissenschaftliche System für Optionenanalyse). Moderne Probleme sind nicht mehr „gottgegeben“ oder einer prinzipiell unbeeinflussbaren Natur entsprungen. Sie werden mit einer Gesellschaft in Verbindung gebracht, und diese Gesellschaft wird als beeinflussbar begriffen. Diese Beeinflussbarkeit steht in mehr oder weniger direkter Beziehung mit der Idee, dass dieser Gesellschaft Strukturen zugrunde liegen, und das heißt zunächst: dass sie zergliedert und analysiert werden kann. So lässt sich dann zum Beispiel verstehen, wie ein Strukturelement ein anderes beeinflusst und welche Mittel einem zu Gebote stehen, um die Struktur zum besseren hin zu verändern. Versuch der Veränderung zum besseren heißt dann gleichzeitig: Management, verstanden als veränderungswilliger Umgang mit Komplexität – was auch immer der Gegenstandsbereich des Managements sein mag und was auch immer das Ziel. Klassischerweise geht es um Effizienz und Effektivität des behandelten Funktionsbereichs, doch ist man damit wohl eher schon im Bereich der Luxusprobleme. Zuallererst geht es doch darum, dass die Dinge überhaupt erst (weiter) funktionieren, und genau diese Dimension des grundsätzlichen Lösungsdesigns macht Management unentbehrlich. In diesem Sinne bilden Management – Strukturen – Probleme einen Dreischritt. Währungskrisen, dem Klimawandel oder den Rentensystemen liegen strukturelle Probleme zugrunde, und es ist nicht abwegig darauf zu hoffen, dass sie sich diese Probleme als Managementherausforderungen begreifen und lösen lassen. Die Werte und letzten Ziele, die in das entsprechende Lösungsdesign eingehen, wären dabei alles andere als evident. Vielmehr sind sie dem Management äußerlich und müssten wohl dem gesellschaftlichen „sensemaking“ entspringen. Aber das macht die möglichen Lösungen keineswegs per se schlechter.
MANAGING STRUCTURAL […] PROBLEMS
Diese Art diskurKurz: es geht darum, sive Praktiken sind auf wissenschaftlich es, die Montagues informierte, dabei Titel auf die Schippraktisch und zweckpe nimmt. Vögel, rational orientierte 36 VON OLAF BACH so hoffen wir, haben Art und Weise Teilkeine strukturellen bereiche der GesellProbleme – und sicher keine solchen, die es zu managen gelte. Als Bild und Motiv stehen schaft zu gestalten und sich dabei Werkzeuge und Herangehensweisen des ManageVögel gerade für das Gegenteil (und zunächst wollen wir konsequent auf der Ebene der ments zunutze zu machen. Keineswegs hat man dabei mehr ein „Grand Design“ im kulturellen Werthaltigkeit des Vogelmotivs bleiben, denn auch darauf muss Montagues Blick. Dafür werden die übergreifenden Strukturen als zu komplex verstanden, und dafür Titel Bezug nehmen, um zu funktionieren). Vögel sind frei. Vögel sind ungebunden. ist die fachliche Spezialisierung zu weit fortgeschritten. Allenfalls geht es um Lösungen Vögeln wurde von der Evolution eine körperliche Ausstattung beschert, die sie von eimittlerer Reichweite, die sich sachlich oder räumlich hinreichend klar abgrenzen lassen. nem der fundamentalsten physikalischen Phänomene, der Schwerkraft, wenigstens zeitOben wurde die Hoffnung geäußert, dass die Vögel tatsächlich keine Strukturprobleme weise enthebt (oder besser: sie können auf andere Art und Weise mit diesem Phänomen haben mögen. Wenigstens die Vögel sollte der umrissene Diskurs nicht zu kümmern umgehen). Diese Eigenschaften und Zuschreibungen prägen in den unterschiedlichsten brauchen. Doch was, wenn doch? Wenn bspw. die Welt der Vögel nicht nur durch beSpielarten das Bild der Vögel für den Menschen. Und neben dem Vogelmotiv in Mystimmte Umweltprobleme beeinflusst wäre, sondern sich in den strukturellen Problemen then, Metaphern und Symbolen, von Prometheus‘ Qualen bis hin zum Bundesadler, der Vögel irgendwie eine besonders herausgehobene Problemlage zeigte – wir ihnen, steht die moderne Vogelbeobachtung, die, wissenschaftlich gesteigert zur Ornithologie, unter Zuhilfenahme der zuständigen Wissenschaften, also besondere Aufmerksamkeit wohl als eine der kontemplativsten Tätigkeiten gelten kann, auf die moderne Individuen schenken müssten? Darüber kann man nur spekulieren. Die Sperrigkeit, die ungewollte im Umgang mit der Natur gekommen sind. Man lese nur Jonathan Trouern-Trends NaKleinteiligkeit und das ganz und gar unutopische des Strukturproblemmanagements turjournal „Birding Babylon“, worin der US-Soldat seine vogelkundlichen Expeditionen weisen darauf hin, dass uns die Leichtigkeit oder wenigstens doch: der Optimismus im inmitten des zweiten Irak-Krieges festhält. Umgang mit der modernen Welt verloren gegangen sind. Montagues Vögel laden uns Aber: weit und breit keine strukturellen Probleme, ganz im Gegenteil. There are no ein, dieser Erkenntnis mit Ironie zu begegnen. Die damit provozierte Distanz mag willstructural bird problems. Damit könnte man den Titel als Witz, als milde ironischen kommen sein – auch wenn sie zunächst kein einziges Problem löst. Kommentar zur vermeintlichen Ernsthaftigkeit des Managements struktureller Probleme einordnen und weiterziehen. Doch kann man die Spannung auch zum Anlass nehmen, näher auf jenen Diskurs einzugehen, welcher der Welt der Vögel (hoffentlich) nichts zu sagen hat – aber sich sonst so ziemlich um alles kümmert. O L A F B AC H studierte Geschichte an der Universität Bielefeld, der University of Edinburgh und der Fernuniversität Hagen sowie Wirtschaftswissenschaften an der Denn umgehen mit und zurechtkommen in der Wirtschaft und der Gesellschaft der Universität St. Gallen. 2008 promovierte er an der Universität St. Gallen mit seiner Moderne heisst, mit Problemen umzugehen. Karl Popper stellte fest: „Alles Leben ist Dissertation Die Erfindung der Globalisierung. Zu Entstehung und Wandel eines zeitProblemlösen“. Managing Structural Problems lässt sich somit als eine Verschlagworgeschichtlichen Grundbegriffs. Er arbeitet als Projektleiter bei einer internationalen tung eines der bestimmenden Diskurse der Moderne verstehen. Strategieberatung in Zürich.
VO R N E W E G
M
itte dieses Jahres erreichte mich die Anfrage, ob ich es mir vorstellen kĂśnne, im Rahmen eines Literaturprojekts einen Beitrag Ăźber den monetären Wert des Blaukehlchens schreiben zu kĂśnnen. Als Biologe und Landschaftsplaner der Praxis war ich erstaunt Ăźber eine literarische Anfrage zu diesem scheinbar so trockenen Thema, aber nach einigem ZĂśgern sagte ich zu. Zum Blaukehlchen. Uns allen ist aus unseren Gärten das Rotkehlchen bekannt, welches häufig die Nähe zum Menschen aufsucht, sich uns sozusagen aufdrängt, aber gern gesehen ist. Als Mann vom Fach kann ich bestätigen, es gibt auch Blaukehlchen, sogar in zwei verschiedenen europäischen Unterarten – dem braun- und dem weiĂ&#x;sternigen. Damit nicht genug, es gibt auch Schwarz- und Braunkehlchen, ich aber bleibe beim Blaukehlchen, einer versteckt lebenden Singvogelart der feuchten RĂśhrichte und Schilfe, die zuweilen mangels besserer Lebensraumangebote auch in Getreideäckern nahe von Gewässern zu beobachten ist. VO N DE R FA S Z I N AT IO N DE R VĂ– G E L
Tiere werden in Deutschland gehandelt und die Nachfrage bestimmt den Wert einer Art. Um sich von dem Handelswert wilder Tiere zu Ăźberzeugen, braucht man nur ein Zoofachgeschäft aufzusuchen. Allerdings werden nicht alle wild lebenden Tiere gehandelt und mit Preisetiketten versehen. Gehandelt werden Ăźberwiegend exotische Tiere; heimische Arten und womĂśglich „unattraktive“ Tiere bleiben auĂ&#x;en vor. DafĂźr ist wild lebenden Tieren ein Strafwert zuzubilligen, d.h. weniger den Tieren selbst, als vielmehr den Straftaten der Menschen, die illegal mit wild lebenden Tieren handeln oder diese aus „jagdlichen Interesse“ fangen, vergiften oder abschieĂ&#x;en. Die HĂśhe der Strafe / der Tagessätze erwischter und verurteilter Täter richtet sich nach dem individuellen Einkommen des Täters, d.h. der Strafwert illegal getĂśteter Tiere fällt hĂśchst unterschiedlich aus. Verurteilungen gegen illegale Greifvogelverfolgungen gibt es eine Reihe, stellen aber fĂźr eine allgemein gĂźltige Wertermittlung von VĂśgeln einen untauglichen Ansatz dar: t ÇŽ GĂ S EBT 7FSHJGUFO WPO ESFJ #VTTBSEFO FJOFT 3PUNJMBOT VOE FJOFT XFJUFSFO Greifvogels t ÇŽ GĂ S EFO "CTDIVTT FJOFT .ĂŠVTFCVTTBSET t ÇŽ GĂ S EBT "VGTUFMMFO FJOFS (SFJGWPHFMGBMMF t ÇŽ GĂ S EBT "VGTUFMMFO FJOFS ,SĂŠIFONBTTFOGBMMF t ÇŽ GĂ S EBT 7FSHJGUFO FJOFT #VTTBSET VOE EFS /BDITUFMMVOH WPO (SFJGWĂšHFMO NJU einer Falle
VĂśgel faszinieren Menschen seit jeher und hierfĂźr gibt es viele GrĂźnde. VĂśgel sind Ăźberwiegend tagaktiv und annähernd Ăźberall anzutreffen. VĂśgel teilen unseren Lebensraum und sind von den Alpen bis zur KĂźste präsent, kommen selbst in unserer urbanen City Eine illegale Greifvogelverfolgung wird geahndet, aber auch andere Vogelarten bleiben vor und sind daher alltäglich vor Ort und somit mehr oder weniger leicht zu beobWPS FJOFS 5ĂšUVOH OJDIU HFTDIĂ U[U 4QFLUBLVMĂŠS JTU FJO &SFJHOJT BVT EFN +BIS achten. VĂśgel sind agil, bunt und machen oftmals laut auf sich aufmerksam. Insbesondere SingvĂśgel fallen durch ihre vielfältigen FrĂźhjahrs- und Herbstgesänge auf und „ B AU E R E R S C H I E S S T S T O RC H U N D PF L ĂœG T I H N U N T E R “: erfreuen sich allseits groĂ&#x;er Beliebtheit. Auch das Verhalten von „Cuxhaven – Ein Landwirt hat VĂśgeln ist spannend und zuweiim Kreis Cuxhaven einen Storch len mystisch. Aktuell ist z.B. der angeschossen und danach unherbstliche Vogelzug durch den tergepflĂźgt. Der 75-Jährige habe Wegzug der Kraniche intensiv beim PflĂźgen von seinem TrakVON OLAF MIOSGA 37 A erlebbar. Ăœberhaupt der Vogeltor aus mit einem Schrotgewehr zug fasziniert: plĂśtzlich sind der auf MĂśwen geschossen und daGroĂ&#x;teil der im FrĂźhjahr und Sommer präsenten Arten weg und trĂśpfeln nach einem bei auch einen Storch getroffen, teilte die Polizei am Freitag mit. Nach Aussagen von langen Winter dafĂźr im FrĂźhjahr des nächsten Jahres langsam wieder ein. Die mit Augenzeugen trat der Bauer dann mehrmals auf das verletzte Tier ein und pflĂźgte es dem Vogelzug verbundenen Fragen nach dem wieso, wohin und wie sind so alt, wie dann einfach unter.“ 4Ăƒ%%&654$)& ;&*56/( Menschheit und VĂśgel sich begegnen und begeistern nach wie vor Vogelliebhaber Bislang ist unbekannt ob, und wenn ja, welchen Strafwert ein Storch hat. Vielleicht aus aller Welt. So reisen viele Menschen (sogenannte Birdies) oft zu Orten, wo VĂśgel wurde dem Landwirt auch nur der Jagdberechtigungsschein entzogen, die HĂśhe seigehäuft auftreten und besonders intensiv und vielfältig zu beobachten sind. Bis auf ner Tagessätze dĂźrften bei ihm als Rentner relativ gering ausfallen. Es gilt somit anwenige Ausnahmen erfreuen sich daher VĂśgel meist einer sehr groĂ&#x;en Beliebtheit und dere und plausible Wertansätze zu finden. emotionalen Wertschätzung. Dies gilt jedoch nicht gleichermaĂ&#x;en fĂźr alle VĂśgel, so sind z.B. Kormoran, Krähe und auch GreifvĂśgel zuweilen verhasst und werden als VO M B A R T G E I E R „Nahrungskonkurrenten“ oder „Wirtschaftsschädlinge“ verfolgt, da sie Menschen vermeintlich Schaden zufĂźgen. Den monetären Wert wild lebender VĂśgel zu erfassen ist schwierig. Am ehesten lassen sich entstehende Kosten aus der erfolgreichen Auswilderung von Wildtieren ableiten. HierfĂźr VO M „ K R I E G G E G E N DI E S PAT Z E N “ gibt es eine ganze Reihe von Beispielen, z.B. das Auswilderungsprojekt des Bartgeiers in EFO "MQFO 7PO CJT XVSEFO #BSUHFJFS BVTHFXJMEFSU EJF ,PTUFO IJFS[V ZurĂźck zur Ausgangsfrage: Haben VĂśgel nicht nur einen emotionalen, sondern auch FSNJUUFMU %FS 8FSU WPO EFO _ XJME nJFHFOEFO #BSUHFJFSO JO XVSEF JO FUXB NJU einen monetären Wert? Die Antwort ist schlicht ja. Insbesondere Fischer und auch von 10 Millionen ₏ eingeschätzt, was einer stattlichen Summe von ~70.000 ₏ pro Bartgeier äsenden Gänsescharen betroffene Landwirte beklagen oft und lautstark ihre wirtschaftentspricht. Es gibt zwar viele Auswilderungsprogramme, aber leider liegen nicht viele solche lichen Verluste und fordern finanzielle Kompensationen, die auch in begrĂźndeten Fällen Kostendarstellungen vor. Auch gibt es beileibe mehr Wildvogelarten als Auswilderungsprozu Recht gewährt werden. Dass VĂśgel sogar einen volkswirtschaftlichen Wert haben, gramme, so dass der monetäre Wert wild lebender VĂśgel anders erfasst werden muss. lässt sich an einem bekannten historischen Beispiel aus den 1950er Jahren aus China beleben. Damals fĂźhrte auf Anweisung Mao Zedongs China den berĂźhmten „Krieg geVO M A R T E N S C H U T Z gen die Spatzen“! Zur Bekämpfung des vermeintlichen Nahrungskonkurrenten wurden 1957 rund zwei Milliarden Spatzen getĂśtet, damit diese nicht das Getreide der MenDas beschleunigte Aussterben von Arten ist hinlänglich bekannt und fĂźhrte Ăźber die schen weg fraĂ&#x;en – eine gewaltige Insektenplage, HungersnĂśte, Tod und Elend waren Jahre zu einer verschärften Naturgesetzgebung, um diesem Trend entgegenzuwirken. die Folgen, da die Sperlinge als wesentliche Vertilger landwirtschaftlicher Schädlinge 4FJU JTU EFS TUSFOHF "SUFOTDIVU[ JN #VOEFTOBUVSTDIVU[HFTFU[ WFSBOLFSU XPEVSDI fehlten. Mittlerweile werden in China Sperlinge wieder als NĂźtzlinge angesehen und der Artenschutz deutlich gestärkt wurde. Vereinfachend gesagt, muss eine von einem es werden Anstrengungen unternommen, deren Populationen wieder zu erhĂśhen. Das Planvorhaben – etwa dem Bau einer StraĂ&#x;e – betroffene Art nach dem Eingriff ebenBeispiel macht deutlich, dass VĂśgel nicht nur hĂźbsch anzusehen, sondern einen realen so gute Lebensbedingungen vorfinden, wie zuvor ohne den Eingriff. Wird dies nicht volkswirtschaftlichen Wert darstellen, der bei dem „Krieg gegen die Spatzen“ mit MenberĂźcksichtigt, ist das Planvorhaben nicht zulässig. Zur Herstellung und zum Erhalt schenleben gegen gerechnet werden kann. guter Lebensbedingungen mĂźssen häufig besondere artspezifische AusgleichsmaĂ&#x;nahmen durchgefĂźhrt werden, wie z.B. die Herstellung einer nassen GrĂźnlandfläche. Wenn VO M W E R T DE R VĂ– G E L nicht der Wert eines wild lebenden Tieres direkt ermittelbar ist, so lassen sich jedoch die Kosten fĂźr die MaĂ&#x;nahmen beschreiben, die fĂźr den Erhalt der betroffenen Art Beschäftigt sich man mit dem Wert von VĂśgeln, stellt sich die Frage, wie will man durchzufĂźhren sind. Diese Kosten kĂśnnen dann als MaĂ&#x;stab angesetzt werden, was ein diesen ermitteln. Interessant wird die Frage, wenn man annehmen will und muss, dass Tier wert ist. Der Aufwand und die Kosten fĂźr den Erhalt von Arten kĂśnnen durchaus auch wild lebende, nicht nutz- oder jagdbare VĂśgel einen finanziellen Wert haben, woerheblich sein; in diesem Zusammenhang haben Arten wie Feldhamster, WachtelkĂśnig bei es verschiedene Ansätze gibt, sich dem Thema zu nähern. Frederick Vester hat 1987 oder Kleine Hufeisennase eine gewisse mediale Bekanntheit erlangt. Am einfachen Beiin seinem wunderbaren Fensterbildbuch den monetären Wert eines Blaukehlchens mit spiel „Kiebitz“ sei das erläutert: Der Kiebitz ist eine typische Art der offenen Feldflur in der Summe von 301,38 DM (~154,- ₏) veranschlagt. In seine Rechnung flossen MateNordwestdeutschland. Wird ein Brutpaar des Kiebitzes verdrängt bzw. dessen Lebensrial- und Fleischwert sowie die Leistungen des Blaukehlchens als Schädlingsbekämpfer, raum vernichtet, ist hierfĂźr an anderer Stelle ein Ersatzlebensraum herzustellen. FĂźr als Verbreiter von Samen, als Freude fĂźr das menschliche GemĂźt, als Bioindikator fĂźr ein Kiebitz-Brutpaar sind 1,5 Hektar Acker in extensives GrĂźnland mit einer flachen, Umweltbelastungen u.a.m. ein. Von humoristischer KĂźhnheit zeugt, dass er „OhrenWasser fĂźhrenden Blänke umzuwandeln. Die Kosten fĂźr diese MaĂ&#x;nahmen (Bodenschmaus und Augenweide eines Vogels“ mit dem Gegenwert einer täglichen ValiumQSFJT (SBTFJOTBBU "OMBHF FJOFS #MĂŠOLF TJOE NJU _ ÇŽ [V WFSBOTDIMBHFO E I Tablette gleich gesetzt hat. Den Materialwert des Blaukehlchens fĂźr Mineralien aus EFS FJO[FMOF ,JFCJU[ LPTUFU ÇŽ %JFTF IJFS BOHFHFCFOFO ,PTUFO TJOE TFIS SFBM Knochen, Fleisch, Federn und Blut ging jedoch nur mit einem vernachlässigbaren und finden sich täglich in der artenschutzrechtlichen Genehmigungspraxis wieder. Der Anteil von wenigen Pfennigen (~1,5 Cent) in die Gesamtsumme mit ein und ist somit Kiebitz steht hierbei als Bioindikator fĂźr einen unbelasteten Offenland-Lebensraum. irrelvant. FĂźr handelbare Tiere lässt sich ein Handelswert (₏ / kg) beschreiben, dieDie eben vorgestellte Kostenermittlung von Ersatzlebensräumen lässt sich fĂźr alle Arten ser liegt bei einem tief gefrorenen Masthähnchen bei ~5,-₏, i.d.R. allerdings deutlich realisieren. FĂźr ein Blaukehlchen-Brutpaar ist eine 1 ha groĂ&#x;e Schilf- / RĂśhrrichtfläche darunter. Trotz vergleichsweise erhĂśhter KĂśrpergrĂśĂ&#x;e verbleibt auch hier der chemische herzustellen und kostet ~53.000,- ₏. Jedes einzelne Blaukehlchen hat also eine monetäMaterialwert des Masthähnchens in unbedeutender GrĂśĂ&#x;enordnung. Auch wild lebende SFO 8FSU WPO ÇŽ
VOM WERT DES BLAUKEHLCHENS
VO N DE R W E R T S T E IG E RU N G DE S B L AU K E H L C H E N S
L I T E R AT U R
Frederic Vester hatte 1987 den Wert eines Blaukehlchens mit umgerechnet ~154,- ₏, veranschlagt, hierfßr meinen ausdrßcklichen Dank, denn er hat meines Wissens als erster eine Inwertsetzung einer wild lebenden, nicht nutzbaren Art versucht. Allerdings gibt es zwei begrßndbare Einwßrfe. Zum einen hat Vester das Blaukehlchen viel zu billig angesetzt oder aber der Wert des Blaukehlchens ist seit 1987 stark um ungefähr das GBDIF HFTUJFHFO 8ÊISFOE EBT #MBVLFIMDIFO vOVSi ǎ LPTUFUF JTU FT OBDI EFS IJFS WPSHFTUFMMUFO -FTBSU OVONFIS ǎ XFSU "MMFSEJOHT JTU GFTU[VIBMUFO EBTT es 1987 den strengen Artenschutz der heutigen Form natßrlich noch nicht gab. Zum anderen lässt sich mit dem Vester´schen Denk- / Rechenansatz der Wert des weit verbreiteten Rotkehlchens ebenfalls mit ~154,- ₏ beschreiben. Ist jetzt ein Rotkehlchen ebenso viel wert wie das viel seltenere Blaukehlchen? Ich denke eher nicht. Ohne es bilanziert zu haben, dßrfte der Wert des weit verbreiteten Rotkehlchens, das in jedem Ziergarten anzutreffen ist, deutlich gßnstiger ausfallen.
7&45&3 ' %FS 8FSU FJOFT 7PHFMT ,ĂšTFM .Ă ODIFO *4#/ .*04(" 0 v8JF UFVFS JTU FJO #MBVLFIMDIFO i PEFS v%FS ĂšLPOPNJTDIF 8FSU XJME MFCFOEFS 7ĂšHFMi &JOF FYFNQMBSJTDIF 8FSUFSNJUUMVOH /BUVSTDIVU[ VOE -BOETDIBGUTQMBOVOH /V- 7FSMBH &VHFO 6MNFS GmbH & Co. Stuttgart.
VO N DE N L E B E N S R ÄU M E N DE R VÖ G E L
O L A F M IO S G A Biologe. Geboren 1959 im westfälischen Mßnster. 1989 Mitgrßndung eines Landschaftsplanungsbßros. Seit 1994 Sachverständiger fßr Naturschutz, Landschaftspflege und Gewässerschutz. Vielfältige VerÜffentlichungen zu Schnitt-Themen der Landschaftsplanung und -Ükologie und dem Blaukehlchen sehr verbunden. Kontaktdaten: O L A F M IO S G A Öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen fßr Naturschutz, Landschaftspflege und Gewässerschutz ÜKon – Angewandte Ökologie und Landschaftsplanung GmbH -JCPSJTUS r .à OTUFS r 5FM r 'BY email: miosga@oekon.de
Dass wild lebende VĂśgel und auch andere Tierarten einen monetären Wert haben, ist in der Praxis hinlänglich bekannt – wie hoch diese Kosten ausfallen kĂśnnen, dagegen häufig nicht. Die HĂśhe des Wertes einer Art hängt von dem Lebensraum ab, den diese Art besiedelt. Kulturbiotope wie Acker oder GrĂźnland lassen sich relativ schnell und preiswert wieder herstellen, andere dagegen nur schwer und kostenintensiv wie z.B. naturnahe FlieĂ&#x;gewässer. Auch gibt es Landschaftselemente, die sich nicht oder nur bedingt wieder herstellen lassen. So sind Biotope wie KĂźste, Strand und Gebirge häufig nicht vermehrbar und kĂśnnen bestenfalls renaturiert werden. Besiedelt eine Vogelart solche limitierten Lebensräume, steigt ihr monetärer Wert deutlich an. Seeschwalben, Steinadler, VON OLAF MIOSGA 37 Gänsegeier und Bartgeier sind durchweg teuer, da sie in Lebensräumen leben, die nicht vermehrbar sind (Gebirge, KĂźste). Auch Wald gebundene Arten sind teuer, zumal sie häufig auf reife Altholzbestände angewiesen sind. Arten des Graslands (Kornweihe, Nonnengans und SchwarzstirnwĂźrger) sind vergleichsweise gĂźnstig, Ăźberwiegend sind fĂźr die Herstellung ihrer Brutbiotope nur Ackerflächen zu extensivieren. Auch die Herstellung von Sumpf- und Feuchtwiesenbiotopen ist relativ kostengĂźnstig, während die Herstellung von Gewässern, SteinbrĂźchen und Mooren dagegen wiederum sehr teuer ist. FĂźr alle VĂśgel lässt sich so eine monetäre Wertermittlung durchfĂźhren, unser Blaukehlchen nimmt hierbei „nur“ einen der unteren kostengĂźnstigen Plätze ein, ist aber deutlich mehr wert als „Ohrenschmaus und Augenweide“.
VOM WERT DES BLAUKEHLCHENS B
INSTITUT FÜR DEN LOSGELÖSTEN MENSCHEN 38
VON OSCAR PRINSEN
I
nstitut für den losgelösten Menschen (2000). In zunehmendem Maße sind wir auf uns selbst angewiesen. Wenn wir keinen Halt mehr finden können in der Kirche, in einem Verein oder in der Politik, wo finden wir ihn dann? Das Institut für den losgelösten Menschen ist eine Art ‚Freistaat‘, in dem man seinen Gedanken und Zweifeln freien Lauf lassen kann. Um neue Richtungen im Leben einzuschlagen, sucht der moderne Mensch nach neuer Sinngebung und Bedeutung: Was ist mir eigentlich wichtig und was bedeutet etwas für mich? Der Sinngeber (2012) ist eine multifunktionale Installation aus der Serie „Prothesen für den losgelösten Menschen“. Der losgelöste Mensch ist auf der Suche nach einem Halt in seinem Leben. Dabei nutzt er gerne „Hilfsmittel“, die es ihm ermöglichen neue Einsichten zu bekommen. So wird es ihm zum Beispiel durch das Einnehmen einer (physisch) anderen Position als üblich möglich, eine andere Beziehung mit der Umgebung einzugehen. Der Sinngeber ist sowohl funktional für den Benutzer als auch für den Betrachter. Jedoch hat die Installation für beide eine andere Bedeutung.
Der Benutzer wird sich in seiner neuen Position buchstäblich über den „Alltag“ um sich herum erhöht fühlen. Er kann die Dinge mit größerer Entfernung ansehen und mit seinen ausgestreckten Armen nimmt er auch automatisch eine offenere und verletzbarere Haltung gegenüber seiner Umwelt an. Gleichzeitig ist es auch nicht möglich, sich im Sinngeber hinter seiner vertrauten Identität zu verstecken.
Wenn Sie dort stehen, brauchen Sie nichts mehr zu tun - denn nur zu “sein”. Einmal unten, wird er sich wieder fragen, was sein Platz im Leben ist und welche Bedeutung er seinem Leben geben möchte. Für den Betrachter bleibt diese „Erscheinung“ nicht unbemerkt. Wer ist diese Person, die sich dort über die Wirklichkeit hinstellt? Und warum steht sie dort? Der Betrachter wird sicherlich neugierig werden und möchte auch einfach mal „aufsteigen“, nach diesem hohen Ort, wo man sich gerade dem Irdischen und dem Trubel entziehen kann. In seinem hektischen Leben bekommt er die Gelegenheit einen Blick auf das, was er tut, zu werfen. www.oscarprinsen.de www.loslopendemens.nl O S C A R PR I N S E N (1966) Autodidakt: In 1989 I quit the art academy (after 3 month) and decided to go on make art by myself. The first 11 years I developed myself in getting knowledge, knowhow, skills and finding out what my aim was to make art. In 2000 I started the ‚Institute for the Wandering Man‘ as a result of the 11 years before. I‘m keep busy in a continuous process of changing by learning, thinking and moving in time with the aim to connect in live with myself, the other and my environment.
T I N T RO DUC T I O N During the process of evolution, humans and animals adapted slowly to the physical, chemical and even biological conditions of the earth. Because of some variation in climate and geography over latitude and longitude we can find differences in species among different regions. Some are common over large parts of the world, and others are restricted only to small islands or biotopes with very special conditions. However, within each group of species we find some traits which are typical for this group and make it specific. These traits are used by scientists to differentiate and categorize the diversity of biological beings. Even a child is aware that insects have six legs, mammals usually have fur or that birds wear feathers and can fly. In some cases we can also imagine how it is to have a certain kind of trait, e.g., what a feeling it gives to walk with legs, to smell a scent with a nose, to touch things with our fingers, or even to see the world with eyes. For us, these are common experiences. Therefore, we can talk about them with other people, and we can use our imaginations of the world when we create things. If a designer plans to create a chair, he will probably use a lot of rational knowledge about the demands of people (anatomy, size, shape, stability) to give it not only a form but also a functionality – form follows function (Sullivan 1896).
hird, birds do not only have a broader range of visible colours, but also the opportunity to see the oscillation direction of the light waves – they can detect phenomena based on polarized light that were caused, e.g., by reflection on smooth or wet surfaces.
Fourth, the birds’ eyes do not simply play a role for the visual orientation; many of the approximately 10.000 bird species in the world use their eyes also for the orientation around the magnetic field of the earth. This functionality has nothing to do with seeing in the common sense, but it can be influenced by light of a certain colour. More precisely, the molecular radical pair mechanism (Christopher et al. 2009) underling this sense can be heavily disturbed by artificial light of longer wavelength, which we find at the other end of the spectrum of visible light for humans, in the range of yellow and red. Last but not least, we should not forget that most birds move much faster through their world than humans even in dense structures like forests. In general, they can react in subsecond response time, but even this ability may sometimes be too slow to survive in a world built upon technical infrastructure. S T RUC T U R E S O F T H E M O DE R N WO R L D N E V E R K N OW I N N AT U R E B E F O R E
In an artificial world made by humans, like the one we mainly have in towns, we can find a lot of new materials and constructed technical structures that never existed before in nature. Materials such as glass, metal or smooth stone with transparent, glossy or reflecting surfaces which can already be found in the smallest settA NORDT & JING-SHU HUANG lements.
DISORIENTED - BIRDS IN THE MODERN WORLD
In nature, this law applies to all or g a n i sm s 39 BY REINHARD KLENKE, ANJA because they have evolved under specific living conditions and become adapted over time. In an artificial world chiefly set up by humans – like the one we find in settlements with a lot of buildings mainly designed under aesthetical and very specific functional points of view – other organisms may have structural problems. They fly against windows which we can obviously see, they get disoriented at night because of colourful illuminated buildings while we feel amazed by the light, they wake up much earlier in the morning because of noise and the brightness of street lights while we enjoy the comfort of public transportation and the safeness of the artificial light. Many other similar phenomena we can find in this regard. Such problems become evident if the instruments which collect information about a species environment differ from each other in their basic functionality and the range of perception. In addition, it also makes a difference if the ways to deal with the collected information and to react to the environment are not the same. From their blueprint birds are not humans, and our world is not theirs, but why do they have problems and crash against windows while we can see them? Why do water birds land on the pure asphalt surface of roads like on a river were we know at first sight that this would cause severe injuries? Why do songbirds feel uncomfortable with artificial light and lose their orientation while we feel safe at night? T H E RO L E O F A N AT O M Y A N D PH Y S IO L O G Y Of course, birds are not humans; but they have eyes, ears, a nose and nerves. Therefore, they should have the ability to see a structure, to react to light, or to move through a landscape either it is natural or artificial, right? Basically, yes. Birds can see but they do it in a way which is different from ours: their eyes partly have additional functionalities making them superior. But in some respects they are very sensitive to human alterations of the world!
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irst of all, the bird’s eyes are situated on either side of the head. Their fields of view only slightly overlap in front of the head. Contrarily, in humans the fields of view of both eyes overlap to 2/3, resulting in a good binocular vision. Birds have a different visual field:
The human visual world is ‚in front‘ and humans move ‚into‘ it. The avian world is ‚around‘ and birds move ‚through‘ it. M A R T I N , 2 012
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econd, Humans have three types of cells (cones) in their retina that enable us to perceive different ranges of colours: one for red, green, and blue, respectively. Humans are therefore called trichromates. In secular world this is reflected, e.g., in the RGB (red/green/blue) colour space that one probably knows from computer programs for image editing etc. Birds have not only three cell types, they have four! They are called tetrachromates, able not only to see three but four different ranges of colour (Hart et al. 2000, Martin 2012). To make it even more complicated birds additionally have red, orange, yellow or transparent oil droplets in the retina changing the wavelength (colour) of the light that hits the different cones (Wallin 2002). Therefore, unlike humans, birds can also see colours in the near Ultraviolet. But is that relevant? Probably, we will see later.
Beside that, these elements can also be found in the technical infrastructure like roads, power lines, and wind power turbines which act more and more as vanguards of civilization occupying even the last remaining open green spaces. In almost all cases, the elements of technical infrastructures were accompanied by additional detrimental effects on the environment, such as environmental pollution, noise and disturbance or electromagnetic radiation (Roth et al. 2006). Those effects can be much more important than it appears on the first sight. A road dissecting an area of open space into two parts will not only divide the available space. Although the summed-up area is more or less the same as before, the remaining area without any external influence will be much smaller because of edge effects of different kinds influencing the remaining area until several hundred or even thousand meters in direction of the centre of the patch. Glass windows, power lines and wind energy turbines can cause lethal collisions because windows reflect surroundings, indicating attractive habitats (Fig 1), in the second case the wires are too thin to be seen, and finally the wheels are too fast to dodge. Studies have shown that every year at least one bird deadly collides with each window (http:// www.windowcollisions.info/). Summing up we get a number between approximately 100 to over one billion birds that die every year especially in the United States (Klem 1990, http://www.birdsandbuildings.org/). The numbers depends on the scenarios we chose (Tab.). But not only reflections of the surrounding on windows can attract birds and lead them to collisions. Dark, smooth and wet surfaces, like we find, e.g., on asphalt roads on rainy days or especially in winter time, can imitate the water surface of small rivers and lead not only insects as described by Horváth (et al. 2010) but also water fowls to land on it (Bell 2011).
Tab.: Estimates of bird mortality for different types of collisions. Source: American Bird Conservancy*
Collisions with - Year of estimate - Mortality estimate low - Mortality estimate high Wind turbines Towers Power lines Roads/vehicles Urban light Glass
2009/10 2008 2001 2005 2009 2006
100,000 4,000,000 10,000,000 10,700,000 31,158,000 100,000,000
(2010)
440,000 (2009) 50,000,000 154,000,000 380,000,000 1,000,000,000
*) http://www.abcbirds.org/abcprograms/policy/collisions/index.html
Image: Birds collected after colliding with buildings, Toronto 2009, by Kenneth Herdy, FLAP (2012)
This effect occurs probably much more often than expected (Gumpenberger & Scope 2012). It is mainly caused by the reflection of polarized light on surfaces especially when the sun is low in the sky at the beginning or end of a day, or during winter time at higher latitudes.
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id you know that the tip of a turbine blade can reach a speed of more than 200 km/h while the whole blade causes turbulences preventing birds from keeping their flight coordinated? Such impacts are obvious and easy to understand. However, there are still a lot of rather subtle effects influencing life of birds in the man-made environment. One of them is called light pollution (Hölker et al. 2010). Artificial light has been used since humans discovered the fire. However, it really became important first with the use of electricity in the last century. Since that moment artificial lighting has been rapidly increasing with an average rate of around 6% per year (range: 0-20%; Hölker et al. 2010). These authors claim that artificial lighting has clearly enhanced the quality of human life on the one hand. On the other hand, the benefits were accompanied by hidden costs. As lighting becomes brighter and extends farther into rural areas and even offshore in marine systems, the distinction between day and night gets blurred (Hölker et al. 2010). And this could be dangerous. Although our understanding of the negative effects of light pollution is vague and mostly based on purely observational case studies like mentioned by Hölker et al. (2010), scientific studies have shown clear evidences that artificial lighting can alter physiology, including hormonal balance, as well as behaviour, orientation, organism fitness, food web interactions, and biotope connectivity.
fuel for a successful migration between breeding and wintering habitats. Other effects can depend on the wavelength of light. Birds use information from the near ultraviolet range with a very short wave length, e.g., to rate the attractiveness of mating partners based on their plumage or bill colour (Bright et al. 2004) but probably also for the detection of food sources. In physiological regards, blue light with longer wave length than UV is more effective than light of longer wavelengths like green, yellow or red. It suppresses the synthesis of the Melatonin hormone, a light sensitive hormone controlling the biological rhythm of vertebrates and preserving the organism against negative influence of oxidative processes. In future, the extensive use of LED lamps may change this because these devices often emit an higher proportion of light in the range of blue and near ultraviolet than current light bulbs. Such light has a “colder” temperature than daylight or than the one of normal light bulbs. This can alter the whole spectrum of reflected light in the surrounding environment probably with consequences for bird behaviour, reproductive success, fitness, and even evolution like Kempenaers et al. (2010) have shown in an other context. M I T IG AT I N G E F F E C T S A N D PR E V E N T I N G PRO B L E M S Birds may have severe problems with artificial structures and conditions in man-made environments as we have seen in the previous parts. However, in many cases solutions can be found if the knowledge about the anatomy and physiology of birds is already taken in consideration during the planning process of buildings, settlements and interlinking roads. Some books were published about the subject (e.g., Baier et al. 2006) and also guidelines (http://www.fws.gov/habitatconservation/) that can be found in the Internet. Especially the prevention of collision with window has taken B NORDT & JING-SHU HUANG many advantages from new knowledges and the use of modern materials (http://web4.audubon.org/bird/ at_home/SafeWindows.html).
DISORIENTED - BIRDS IN THE MODERN WORLD
A short example from Leipzig (Germany) shows the 39 BY REINHARD KLENKE, ANJA complexity of interactions. Compared to many other towns, Leipzig is unique because it is divided into two parts by a river network that is accompanied by a flood plain forest. Between this partly semi-natural and dark deciduous forest without any artificial light lies a chain of parks Schmid et al. (2012) have published a guide in German language about the “bird friendwith different size and vegetation density leading to the city centre that is characterized by a clear circular urban structure, a lot of street lamps, and bright illuminated display ly” construction of buildings with glass and light. It is easy to incorporate bird-safe windows. design elements into new architecture for commercial buildings and houses (ABC 2012, EEI 2012) or to retrofit existing buildings with solutions such as applying tapes (http:// This is an ideal precondition to study the above mentioned effects in a steep gradient of www.abcbirdtape.org/), films, paintings, or decals to their exterior to create visual barriers. Beside this installing nets in front of the glass or the use of exterior shutters can help. increasing light pollution, noise, and urbanization. Therefore we started the study “Birds It is also easy to modify interior and exterior lighting regimes in and around buildings. in Illuminated Landscapes” (http://www.ufz.de/index.php?en=20772) as part of the interdisciplinary research project “Loss of the Night” (http://www.verlustdernacht.de/). In this study we focused not only on one of the urban factors, but several types of surrounStudies made by Gaston et al. (2012) have shown advantages and disadvantages of difding noise and weather as well as artificial night light to understand their impact on the ferent ways to avoid or reduce light pollution. They have compared the effects of (i) onset of dawn song of urban dwelling blackbirds (Turdus merula). We investigated the preventing areas from being artificially lit; (ii) limiting the duration of lighting; (iii) reducing the ‘trespass’ of lighting into areas that are not intended to be lit (including the song activity along the mentioned steep urban gradient ranging over a 9 week period. night sky); (iv) changing the intensity of lighting; and (v) changing the spectral compoOur first results have clearly shown that light combined with noise has a big influence sition of lighting. From several reasons maintaining and increasing natural unlit areas is likely to be the most effective option for reducing the ecological effects of lighting. But, on the behaviour and probably also on the physiology of the blackbirds living in this like the above mentioned authors have pointed out, this will often conflict with other area. While the male blackbirds living in the forest initiated their dawn song to attract the females around 50 minutes before sunrise - the normal time as it is known for this social and economic objectives. At the end the authors mentioned above assume that: species - those ones living in the city centre started partly up to five (5!) hours earlier (Nordt & Klenke 2012). Overall, traffic noise is the driving factor of the shift of dawn …the artificial lightscape will change considerably over coming decades with the drive for song into true night, although it is not completely separable from the effects of ambient more cost-effective low-carbon street lighting solutions and growth in the artificially lit area. night light. Cloudy and cold weather conditions delayed the onset, but cloud cover also Developing lighting strategies that minimize adverse ecological impacts while balancing reflected night light emissions (Kyba et al. 2011) and thus amplified sky luminance and the often conflicting requirements of light for human utility, comfort and safety, aesthetic increased the effect of artificial light at night. Besides these temporal effects, we also concerns, energy consumption and carbon emission reduction constitute significant future found differences in the spatial autocorrelation among dawn song onsets showing an challenges. However, as both lighting technology and understanding of its ecological effects significantly higher variability in noisy and brightly illuminated city areas than in rural develop, there is potential to identify adaptive solutions that resolve these conflicts. parks and forests. This means that birds in the forest started to sing more or less at the same time while most of the birds in the city started very early, except a few, probably M A R T I N , 2 012 G A S T O N E T A L ., 2 012 living in rather dark parts or already exhausted because of the stress in this area. These findings suggest that urban hazards as surrounding noise and light pollution show seveCompared with the above mentioned partly easy applicable measures it is much more ral interferences with naturally evolved cycles and have immense effects on the activity difficult to avoid the creeping loss of habitats and the in-between connectivity due to the patterns of urban blackbirds. At the moment, the whole spectrum of consequences has landscape fragmentation caused by new roads and growing towns. Germany, e.g., fails not yet been completely understood. That is the aim of further studies, which focus on since decades to stop the continuously increasing yearly consumption of open space altreproductive outputs, levels of stress hormones, and body conditions. hough this is a widely accepted objective for the improvement of environmental quality. Additional, new threats emerge with the increasing importance of New Energies. Fast The amount of artificial light, as mentioned above, is not the only feature of light that land use changes due to bio fuel or bio gas production and the scattered construction influences birds. The colour of light can also affect orientation and behaviour of birds. of wind parks may lead to a substantial increase of additional mortality that can not Wiltschko & Wiltschkos’ experiments on three passerine species published in 2004 be compensated by the reared offspring anymore. The challenges to save our nature are showed normal orientation ability under dimmed monochromatic light ranging from growing faster than ever before. the blue spectrum to the green one, while they were disoriented by yellow and red light. This effect leads also to important consequences in natural environments like the example of the Post Tower in Bonn showed. Heiko Haupt (2009) has found in his study lasting one year between 2006 and 2007 around 1000 birds belonging to 29 species in DR . R E I N H A R D K L E N K E , UFZ – Helmholtz Centre for Environmental Reclose proximity to a bright illuminated skyscraper called Post Tower in Bonn. Most of search, Department of Conservation Biology, reinhard.klenke@ufz.de them were injured and exhausted, and 200 of them died because of collisions and due to other reasons. All of them were attracted and disoriented from their migration routes A N J A N OR D T, UFZ – Helmholtz Centre for Environmental Research, Department of Conservation Biology, reinhard.klenke@ufz.de through the valley of the river Rhine by the bright illumination of the building mainly coloured in blue, yellow and red at that time. Nothing is known about the proportion J I N G - S H U H UA N G , Department of Bioenvironmental Systems Engineering, Naand fate of birds which have spent a long time flying around but were still able to find tional Taiwan University, bubblepink33@gmail.com a way to escape. Furthermore, those birds could have been heavily affected on their further survival because they may have wasted a substantial part of their body fat, the
R E I N H A R D K L E N K E is biologist and obtained his PhD in Ecology at the University of Greifswald, Germany. He was member of the staff of the bird observatory “Vogelwarte Hiddensee” from 1985 until 1990. Currently he is scientific manager of the EU FP7 project SCALES and leader of the BILL project (Birds in Illuminated Landscapes) at the Department of Conservation Biology of the Helmholtz Centre for Environmental Research in Leipzig. His research focuses on population ecology and conservation of larger vertebrates (birds and mammals) and how they are influenced by changes in landscape structure and land use activities. A N J A N O R D T is biologist and obtained her diploma in biology with a Life History study about Wilson’s storm petrels in the Antarctic at the Friedrich-Schiller-University Jena, Germany. She is PhD student working mainly for the project Birds in Illuminated Landscapes (BILL) at the Department of Conservation Biology of the Helmholtz Centre for Environmental Research in Leipzig. Her research focuses on population ecology of birds and how they are influenced by artificial light pollution. J I N G - S H U H UA N G has studied English Literature and obtained her Master of Arts from the National Cheng Kung University in Tainan, Taiwan. She is the research assistant of Prof. Yu-Pin Lin at the Department of Bioenvironmental Systems Engineering of the National Taiwan University in Taipei.
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C
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enn Vögel ruhen oder schlafen, dann stehen sie häufig auf einem Bein (Clark 1973, Stiefel 1979). Dies kann am besten bei langbeinigen Vögeln wie Störchen, Flamingos oder Reihern beobachtet werden, doch zeigen auch kurzbeinige Vögel wie Ente, Taube oder einige Singvögel dieses Verhalten. Stehen auf einem Bein stellt hohe Anforderungen an das Halten des Gleichgewichts. In dieser Übersicht soll dargestellt werden, welche Mechanismen beim Stehen auf einem Bein eine Rolle spielen und welche Bedeutung dieses Verhalten der Vögel hat. MECH A NISMEN Halten des Gleichgewichts beim Stehen auf beiden Beinen Zweibeinige Fortbewegung mit den Hinterextremitäten findet sich bei den Vögeln und beim Menschen. Beim Menschen ist der Körper vertikal zur Schwerkraft ausgerichtet und der Schwerpunkt liegt in der Nähe der Ansatzstelle der Beine. Der Körper der Vögel ist mehr horizontal ausgerichtet und der Schwerpunkt liegt vor dem Ansatz der Beine. Dies erfordert eine aufwändigere Gleichgewichtsregulierung. Die Hinterextremität der Vögel besteht aus einem Oberschenkel (Femur), einem Unterschenkel (Tibia und Fibula) und dem Fuß. Das Kniegelenk zwischen Ober- und Unterschenkel ist meist im Gefieder versteckt. Vögel laufen auf den Zehen und es gibt ein Intertarsalgelenk, eine Besonderheit der Vögel. Der Name ergibt sich daraus, dass das untere Ende der Tibia Teile der Fußknochen enthält (Tibiotarsus) und die restlichen Fußknochen den Tarsometatarsus oder Tarsus bilden. Das Intertarsalgelenk erscheint wie ein verkehrt angeordnetes Kniegelenk.
Stolpe (1932) erwähnt, dass Langer (1859) einen Schnappmechanismus beschreibt, er selbst kann diesen aber weder bei frischen Präparaten von Flamingo, Jungfernkranich oder Purpurreiher finden. Stolpe erwähnt, dass Prof. R. Hesse beim Storch einen Schnappmechanismus gefunden hat, er konnte dies aber mangels eines geeigneten Präparats nicht überprüfen. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass Langer (1859) bei einem entzündeten und geschwollenen Ellenbogengelenk mit verkürzten Seitenbändern einen Schnappmechanismus gefunden hat, den es unter normalen Bedingungen nicht gibt. Dies wirft die Frage auf, wieweit der Zustand des Präparats, der meist nicht erwähnt wird, einen wesentlichen Einfluss auf die Funktion hat. Auch im Hüftgelenk findet Stolpe (1932) bei Stelzvögeln Besonderheiten zur Stabilisierung des Gleichgewichts beim Stehen auf einem Bein: „Auf der Außenseite des Trochanter verläuft ein hoher Kamm. Dieser ist nach vorn etwas gebogen und hat hier eine Vertiefung. Sinkt nun beim Stehen der Vogel zwischen die Oberschenkel, so klemmt sich der Antitrochanter in dieser Vertiefung des Kammes fest. Der Vogel ist also gegen ein Vorübersinken gesichert. Gleichzeitig wird hierdurch eine Auswärtsrotation des Femur beim Stehen auf einem Bein verhindert. Der Körper kann sich also nicht nach der nicht unterstützten Seite drehen. Die Muskulatur wird hierdurch entlastet.“ Dies scheint ein wichtiger Mechanismus zur Stabilisierung des Körpers beim Stehen auf einem Bein zu sein. S E N S OR I S C H E KO N T RO L L E DE S G L E IC HG E W IC H T S B E I M S T E H E N AU F E I N E M B E I N
Das Halten des Gleichgewichts wird normalerweise von verschiedenen Sinnessystemen kontrolliert: dem Gleichgewichtsorgan im InWenn Vögel auf beiden Beinenohr (Labyrinth), MechaMECHANISMEN UND BEDEUTUNG nen stehen, dann ist das norezeptoren in den MusHüftgelenk gebeugt und das keln und Gelenken und dem 40 A VON REINHOLD NECKER Kniegelenk liegt nahe dem Sehsystem. Bei den Vögeln Schwerpunkt. Der Antitrogibt es ein erst kürzlich entchanter bildet mit dem Kopf des Femur ein Gelenk, das eine Abduktion des Femur verdecktes zusätzliches Gleichgewichtsorgan im Rückenmark und zwar dort, wo die Beine hindert und Kräfte, die auf das stets gebeugte Hüftgelenk wirken, dämpft (Hertel and ansetzen (Necker 2006). Dieses Sinnesorgan wirkt direkt auf die Motorik der Beine Campbell 2007). Die Zehen und damit der Unterstützungspunkt des Vogels werden und erlaubt deshalb rasche Korrekturen der Beinhaltung. Da es Hinweise gibt, dass das so positioniert, dass sie unter dem Schwerpunkt liegen. Damit wird ein stabiler Stand Labyrinth auf dem Boden kaum aktiv ist und im Schlaf das Sehsystem ausfällt, kann erreicht. davon ausgegangen werden, dass das Gleichgewichtsorgan im Rückenmark beim Stehen auf einem Bein eine wichtige Rolle spielt. Wenn Vögel auf beiden Beinen ruhen, dann ist der Oberschenkel nahezu horizontal ausgerichtet. Der Antitrochanter der Beckenknochen verhindert zusammen mit den BänB E DE U T U N G dern des Hüftgelenks mechanisch eine weitere Beugung, d.h. es bedarf keines größeren Zur Funktion des Stehens auf einem Bein energetischen Aufwands, diese Position zu halten; außerdem liegt der Schwerpunkt nun unterhalb des Kniegelenks, was eine weitere Stabilisierung des Gleichgewichts bedeutet, Es gibt viele Spekulationen aber kaum experimentelle Untersuchungen oder quantida der Körper im Kniegelenk aufgehängt erscheint. tative Verhaltensbeobachtungen, warum Vögel (vor allem Flamingos) auf einem Bein stehen. Eine Sammlung von Deutungen zum Verhalten der Flamingos findet sich in S T E H E N AU F E I N E M B E I N Flamingo file (1991). Neben den unten näher beschriebenen Funktionen werden folgende Interpretationen angeboten: im angezogenen Bein kann das Blut leichter in den Ruhen auf einem Bein unterscheidet sich nicht wesentlich vom Ruhen auf beiden BeiKörper zurückfließen (könnte für langbeinige Vögel zutreffen); auf einem Bein stehende nen, außer dass jetzt das jeweilige Standbein unter den Schwerpunkt gesetzt wird. Dies Flamingos können sich leichter in den Wind drehen (dem widersprechen Anderson & strapaziert zwar die Seitenbänder, die Knie- und Intertarsalgelenk zusammenhalten, Williams 2009 und die anatomischen Besonderheiten, s.o.); Schutz vor Räubern durch doch diese sind beim Vogel stark entwickelt. die Auflösung der normalen Körperkontur (offensichtlich Spekulation); eine Hälfte des Gehirns schläft (wenn im Schlaf auf einem Bein beide Augen geschlossen sind, schläft L A N G B E I N IG E VÖ G E L auch das ganze Gehirn; s. Rattenborg 1999). Hier soll auf zwei mögliche Funktionen Gibt es einen Schnapp- oder Sperrmechanismus? näher eingegangen werden, die in neuen Untersuchungen durch quantitative Verhaltensbeobachtungen überprüft wurden (Anderson & Williams 2009; Bouchard & AnBei den langbeinigen Vögeln (z.B. Störche, Kraniche, Flamingos) liegt der Körperderson 2011): eine thermoregulatorische Funktion und die Erholung der durch das Steschwerpunkt weit oberhalb des Untergrunds. Daraus ergibt sich die Frage, ob diese hen ermüdeten Muskulatur. Vögel einen besonderen Mechanismus haben, um ein Einknicken der Beine zu vermeiden. Besonders häufig erwähnt wird ein Sperrmechanismus beim Flamingo. Eine Thermoregulatorische Aspekte. Schlafhaltungen vieler Vögel, einschließlich Schlafen frühe Beschreibung einer Besonderheit im Intertarsalgelenk langbeiniger Vögel findet auf einem Bein, werden ausführlich von Stiefel (1979) beschrieben. Wenn Vögel auf sich in dem Buch „A familiar history of birds“ (Stanley 1835), aber Einzelheiten werden einem Bein stehend schlafen, dann ruht der Kopf meistens auf dem Rücken, wobei nicht genannt. Wenig später beschreibt Bell (1847) einen Schnappmechanismus im er entweder über dem Standbein oder über dem Schwerpunkt positioniert wird. Dies Intertarsalgelenk des Straußes. Langer (1859) bestätigt die anatomischen Beobachtununterstützt ein stabiles Gleichgewicht. Das andere Bein wird meist unter den Flügel gen von Bell (1847), beschreibt aber einen etwas anders gearteten Schnappmechanisgezogen. Damit werden nichtbefiederte Teile des Körpers (Schnabel, Lauf und Zehen) mus. Langer stellt keine Verbindung zwischen diesem Mechanismus und dem Stehen im wärmenden Gefieder versteckt, was in kalter Umgebung zu einer Verminderung des auf einem Bein her. In einer neuen Untersuchung zum Intertarsalgelenk des Straußes Wärmeverlusts führen kann. (Schaller et al. 2009) wird ein Schnappmechanismus beschrieben, der ähnlich wie bei Bell (1847) und Langer (1859) von den Ligamenten und knöchernen Strukturen des Aus thermoregulatorischer Sicht dienen die Beine der warmblütigen Vögel dem WärIntertarsalgelenkes gebildet wird. Ein Video der Autorin (persönliche Beobachtung) meaustausch (Steen & Steen 1965, Dawson & Whittow 2000). In warmer Umgebung zeigt eindrucksvoll die tatsächliche Existenz eines solchen Mechanismus, der bei dem wird überschüssige Wärme zur Stabilisierung der Körpertemperatur hauptsächlich über auch in Ruhe leicht gebeugten Intertarsalgelenk und einer Körpermasse von etwa 100 die Beine abgeführt. In kalter Umgebung wird die Blutzufuhr zu den Beinen gedrosselt, kg durchaus sinnvoll erscheint. Da Strauße nicht auf einem Bein stehen, bietet dieser und ein Gegenstromprinzip sorgt dafür, dass der Körper nicht auskühlt: Arterien und Mechanismus zunächst keine Erklärung für das Stehen auf einem Bein. Ob ein ähnliVenen, die die Beine versorgen, liegen dicht beieinander, so dass das kalte venöse Blut cher Mechanismus auch bei langbeinigen Vögeln beim Stehen auf einem Bein wirksam aus der Peripherie durch das in die Beine fließende körperwarme Blut der Arterien erist, bedarf genauerer Untersuchungen, wie sie jetzt beim Strauß durchgeführt worden wärmt wird, bevor es in den Körper eintritt (Kahl 1963, Midtgård 1989). Dies bedeutet, sind (Schaller et al. 2009). dass der Wärmeverlust über die Beine in der Kälte auch ohne das Verstecken eines Beines im Gefieder relativ gering ist (10% bei -10°C nach Steen & Steen 1965). Eine ausführliche Studie zur funktionellen Organisation der Beine der Vögel, die sich auch mit dem Stehen auf einem Bein beschäftigt, stammt von Stolpe (1932). Im geIn neueren Untersuchungen wurden quantitative Verhaltensbeobachtungen an Flastreckten Zustand des Intertarsalgelenks passt ein Fortsatz des Tarsometatarsus in eine mingos durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass im Wasser stehende Flamingos (stärkerer Grube des Tibiotarsus. Obwohl das wie ein Sperrmechanismus aussieht, meint Stolpe, Wärmeentzug) häufiger auf einem Bein ruhen als sie das an Land tun. Außerdem trat dass hierdurch nur ein Überstrecken verhindert wird. Ähnliche Strukturen soll es nach das Stehen auf einem Bein an Land bei kühlen Außentemperaturen häufiger auf als bei Stolpe bei Störchen und Kranichen, nicht aber bei Reihern geben. wärmeren Temperaturen (Anderson & Williams 2009; Bouchard & Anderson 2011).
STEHEN DER VÖGEL AUF EINEM BEIN
Diese Ergebnisse sprechen für eine thermoregulatorische Funktion des Stehens auf einem Bein. Stehen auf einem Bein bedeutet aber nicht immer Inaktivität. Häufig betreiben auf einem Bein stehende Vögel intensives Putzen des Gefieders und auch Futteraufnahme oder aggressives Verhalten, z.B. in einer Gruppe Flamingos (eigene Beobachtungen). Weiterhin kann man bei langbeinigen Vögeln beobachten, dass ein Bein nur teilweise angehoben wird, was eine thermoregulatorische Funktion ausschließt. Gegen eine alleinige thermoregulatorische Funktion spricht auch, dass Stehen auf einem Bein auch an warmen Tagen zu beobachten ist.
Eine thermoregulatorische Funktion des Stehens auf einem Bein steht mit den thermoregulatorischen Eigenschaften der Beine in Einklang. Für diese Funktion sprechen neueste Verhaltensbeobachtungen (Anderson & Williams 2009; Bouchard & Anderson 2011). Eine vermutete Entlastung der Muskulatur des angezogenen Beines konnte bisher nicht bestätigt werden. Ob das Stehen auf einem Bein einen energetischen Vorteil bedeutet, ist eine wichtige, aber bisher nicht eindeutig geklärte Frage. Dazu müsste man den Energieaufwand (Sauerstoffverbrauch) während des Stehens auf beiden Beinen mit dem während des Stehens auf einem Bein vergleichen. Zum Schluss eine Spekulation: könnte es sein, dass Vögel gern auf einem Bein stehen, weil sie es gewohnt sind, beim Flug die Beine anzuziehen? Dafür würde sprechen, dass die Laufvögel (Strauß & Co) nicht auf einem Bein stehen.
Entlastung der Muskulatur eines Beines. Menschen verlagern bei längerem Stehen häufig das Gewicht auf ein Bein und entlasten damit die Muskulatur des anderen Beines. Clark (1973) mutmaßt, dass das Stehen auf einem Bein bei den Vögeln eine ähnliche Funktion haben könnte, allerdings ist das Anziehen eines Beines an den Körper mit L I T E R AT U R Muskelaktivität verbunden. In diesem Zusammenhang ist eine eigene Beobachtung an Anderson MJ, Williams SA (2009) Why do flamingos stand on one leg? Zoo Biology 28: 1-10. einer Nilgans (Alopochen aegyptiacus) interessant, deren angezogenes Bein bei zunächst Baumel JJ, Witmer LM (1993) Osteologia. In: Handbook of avian anatomy: Nomina anatomica avium. 2nd edition. 45-132. Nuttal Ornithol Club, Cambridge, Massachusetts. geöffneten Augen absank und dann immer wieder angezogen wurde. Nach Schließen Bell C (1847) Die Hand und ihre Eigenschaften (translated from the English by F Kottenkamp; original: The hand, der Augen wurde das Bein dann aber bleibend ins Gefieder gezogen. Für eine Entlasits mechanism and vital endowment as evincing design). Expedition der Wochenbände, Stuttgart. tung der Muskulatur gibt es bis jetzt, wie schon Clark (1973) anmerkt, keine strukturelBouchard LC, Anderson MJ (2011) Caribbean Flamingo resting behavior and the influence of weather variables. J Ornithol 152: 307-312. len (z.B. ein Einrastmechanismus im Gelenkbereich) oder physiologischen Belege (z.B. Clark GA (1973) Unipedal postures in birds. Bird Banding 44: 22-26. eine wenig Energie verbrauchende Haltemuskulatur). Vögel ziehen während des Fluges Dawson WR, Whittow GC (2000) Regulation of body temperature. In: Whittow GC (Hrsg) Sturkies´s Avian ihre Beine an. In einer biochemischen Untersuchung wurde festgestellt, dass die für diePhysiology: 343-390. Academic Press, San Diego. se Flugposition zuständigen Beinmuskeln keine Besonderheiten aufweisen (McFarland & Meyers 2008), was obige Feststellung stützt. Zu bedenken ist aber, dass die Beinmuskulatur der Vögel MECHANISMEN UND BEDEUTUNG sich nahe dem Körper konzentriert (meist versteckt im 40 B VON REINHOLD NECKER Gefieder). Dies dürfte den Energieaufwand beim Anziehen des Beines reduzieren. Flamingo file (1991): New Scientist Nr. 1782 vom 17. August 1991, Letters: Flamingo file. URL: http://www.
STEHEN DER VÖGEL AUF EINEM BEIN
Im Unterschied zum Stehen auf einem Bein der Vögel, stützen Menschen einiger Volksstämme, die auf einem Bein ruhen (Aborigines in Australien, Buschmänner in Afrika), das angezogene Bein auf dem Standbein ab und halten ihr Gleichgewicht durch Stützen auf einem Stab. Der Frage der Entlastung der Muskulatur versuchten Anderson & Williams (2009) durch quantitative Beobachtungen zu klären, wobei die Latenzzeit bis zum Start einer Vorwärtsbewegung bei Flamingos gemessen wurde. Postuliert wurde dabei, dass eine entlastete Muskulatur rascher reagieren müsste. Es zeigte sich aber, dass die Initiierung einer Vorwärtsbewegung beim Stand auf zwei Beinen rascher erfolgte als beim Stehen auf einem Bein. Die Autoren schließen daraus, dass es die postulierte Entlastung der Muskulatur beim Flamingo nicht gibt. Die meisten untersuchten Vögel zeigen keine Seitenpräferenz beim Stehen auf einem Bein (Randler 2007; Anderson & Williams 2009). Dies gilt auch für einzelne Flamingos (Anderson & Williams 2009), d.h. sie stehen mal auf dem linken und mal auf dem rechten Bein. Es wäre interessant zu sehen, ob ein regelmäßiger Wechsel stattfindet, um mal das eine und dann das andere Bein zu entlasten, doch dies ist offensichtlich bisher nicht untersucht worden.
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S C H L U S S F O L G E RU N G E N Viele Vögel ruhen auf einem Bein ohne erkennbare besondere Spezialisierungen. Die Beine werden so positioniert, dass der Körper auch ohne größeren Energieaufwand stabil steht. Bei langbeinigen Vögeln finden sich Spezialisierungen sowohl im Hüft- als auch im Intertarsalgelenk, allerdings ist ein oft erwähnter Schnappmechanismus im Intertarsalgelenk bisher nur beim Strauß, der nicht auf einem Bein steht, überzeugend nachgewiesen. Wahrscheinlich reichen die normalen Mechanismen der Gleichgewichtshaltung auch bei den langbeinigen Vögeln aus, um das Stehen auf einem Bein zu gewährleisten. Mit einem zusätzlichen Gleichgewichtsorgan im lumbosacralen Rückenmark haben die Vögel ein Instrument zur Verfügung, auch unter schwierigen Gleichgewichtsbedingungen, wie dem Stehen auf einem Bein, die Körperhaltung stabil zu halten.
R E I N HO L D N E C K E R Geboren am 13.4.1941 im damaligen Westpreußen, aufgewachsen in Süddeutschland. Nach dem Abitur Studium der Biologie an den Universitäten Tübingen und Heidelberg mit anschließender Universitätslaufbahn bis zur Ernennung zum Professor an der Universität Bochum. Forschungstätigkeit im Bereich der Sinne der Vögel. Seit 2005 im Ruhestand mit praktizierender Vogelbeobachtung und rezipierendem Interesse an Kunst, Literatur und Musik.
1. RO M A N B I R D S ( R O M A N U M AV I S )
W
hen Roman Emperor Justinian entrusted his minister of justice Tribonian with the compilation of one of the paramount pieces in History of Law1: the Corpus Iuris Civilis, he was hardly thinking about birds, even if he was devout in taking the auspices2 and joyfully enjoyed the presence of crows3. However, what it is remarkable is that the Corpus itself already contains some provisions and references related to these animals, – as example: Institutes, 2, 1, 2: “Birds [which live in the air] so soon as they are taken by anyone, immediately become by the law of nations the property of the captor; for natural reasons gives to the first occupant that which had no previous owner”. G, Digest, 41, 1, 3: “So far as […] birds are concerned, it matters not whether they be taken on one’s own or on someone’s else land. Of course a person entering another’s land for the purpose of hunting or fowling can, if the latter becomes aware of it, lawfully be forbidden entry by the landowner”. Notwithstanding the above, one could still think that these two apparently distant disciplines belong to different worlds. However, Roman Law will not represent the last encounter (sometimes even literally speaking4) between birds and the law, as we will have the opportunity to probe in the following sections of this paper. 2 . SE N T E NC E D BI R DS ( I N R O G AT U M AV I S ) According to the EU legislation, birds (as any other animals) are considered “sentient life”:
Art. 7.6 TAHC15: “When [birds] are killed for disease control purposes, methods used should result in immediate death or immediate loss of consciousness lasting until death; when loss of consciousness is not immediate induction of unconsciousness should be non-aversive or the least aversive possible and should not cause avoidable anxiety, pain, distress or suffering in animals”. There is also another kind of measure that can affect a bird’s freedom besides the abovementioned ones. The same way humans can be banned from leaving the country due to ongoing criminal proceedings, children protection, etc. Birds can be equally banned from leaving or, more accurately, from entering another country due to health or national security reasons. This entry ban may vary depending on the country, but also on the breed. For instance, European Union provisions make a distinction between “poultry” (fowl, turkeys, guinea fowl, ducks, geese, quails, pigeons, pheasants, partridges and ratites16) and “pet birds” (any other bird travelling accompanied by their owner or responsible person). While in the first case, imported poultry only must comply with the conditions about transportation, health certificates, serological tests, etc. of Council Directive 2009/158/ EC, in the latter, more severe restrictions apply. In this regard, a prohibition against importing more than five captive live birds into EU territory was established following the outbreak of highly pathogenic avian influenza in south-eastern Asia in 2004: Art. 1.1, Decision 2007/25/EC17: “Member States shall authorise the movement from third countries of live pet birds solely where the consignment consists of no more than five birds”.
ANIMAL’S LIABILITY
COMPARATIVE LEGAL FRAMEWORK ON BIRD DAMAGES AND OTHER RELATED ISSUES
This ban still remains in force more than eight years later and so it will, at least, until 31 December 2013 “given the epidemiological situation”18, even though Thailand (where the outbreak took place), declared itself free from influenza of the H5N1 subtype in 2009.
41 A BY ROBERTO YANGUAS Art. 13 TFUE:5 “In formulating and implementing the Union‘s agriculIn the US, on the contrary, there is not a ture, fisheries, transport, internal market, research and technological development common regulation and the situation differs from state to state depending on the specific and space policies, the Union and the Member States shall, since animals are sentient zoning laws (v.g., it is illegal to own or sell certain types of breed –e.g. parrots or parabeings, pay full regard to the welfare requirements of animals”. keets– in California19, while in other states as Arizona there are not such a restriction). In any case, it must be highlighted that this geographically non-consistent legal framework But simultaneously, and somehow paradoxically, poultry is considered “livestock”. That may lead to nightmarish situations as the one suffered by Tom Hanks in The Terminal means that birds can be possessed or owned but, quite obviously, that they cannot be movie, but with a very different outcome (probably with the story ending in one of the considered persons for legal purposes. Birds’ lack of legal personality has many serious non-death penalty proceedings referred above) in case the birds’ owner renounces to consequences (especially for their welfare). They do have neither the right to defence, nor stand by his pet and continues his journey. the right to a due process. They cannot hire a lawyer. And what is more important: they cannot be formally convicted. 3 . B I R D S I N C OU R T ( AV I S I N C U R I A ) However, even though according to Criminal Law they cannot be technically imprisoned or sentenced to death in consonance with legal terminology, Administrative Law apIn the previous section we have seen that birds have no place in a regular proceeding. plies, which means, depending on the Jurisdiction, that they can still be “euthanized”6, However, if they are in the US, there still might be room for them in the Court, alt7 8 9 10 11 “culled” , “sacrificed” , “destroyed” , “killed” (they and their yet-to-born offspring hough in a substantially different way. We are talking here about the “struthio camelus –i.e., the eggs–) or even “slaughtered”12. instruction”, better known among lawyers and other legal experts as ostrich instruction. But yes, at least the European Union provides legal guarantees for birds to avoid the unnecessary pain through stunning them during these non-death penalty processes to which they are subjected, since “certain operations related to the killing may be stressful”, according to Recital (2) of the Council Regulation (EC) no 1099/200913. A provision that also establishes that “animals shall only be killed after stunning” (art. 4), a process that involves causing “loss of consciousness and sensibility without pain, including any process resulting in instantaneous death” (art. 2 § f), except in case of emergency killing14 (art. 1.2). A strategy also earnestly recommended by the World Organization for Animal Health (OIE): 1 H, T., Tribonian, Duckworth, London, 1978, passim. 2 In Ancient Rome, the act of taking the auspices was intended to obtain an insight into Jupiter’s will. To this purpose, the augurs announced if this will was either favourable or not after interpreting the flight of birds. Normally it was considered auspices were favourable when the birds (pulcherrima avis) would fly to the left, however there were exceptions depending on the kind of bird. Vid. B, Y. and D W., Roman and European Mythologies, University of Chicago Press, Chicago, 1992, pp. 94 – 97. See as well: C, De Senectute, De Amicitia, De Divinatione, G. P. Putman, London, 1923, pp. 449 – 539. 3 B, J. J, C., “Life of Justinian”, English Historical Review, vol. 2, 1887, p. 687 and ff. 4 See: section 4 in this paper. 5 Treaty of the Functioning of the European Union [OJ C 83/47, 30.3.2010]. 6 S, G., “New York geese gathered for gassing”, New York Post, 10.7.2012: “Federal officials rounded up about 700 of the birds from the area to be euthanized in hopes of cutting down on the strikes with passenger jets that have forced emergency landings from JFK and La Guardia Airports”. 7 B, V. A., “After the outbreak: How the British Columbia commercial poultry industry recovered after H7N3”, Avian diseases, vol. 57, nº 1, 2007, p. 313: “In Spring 2004, an outbreak of highly pathogenic avian influenza (…) occurred in the Fraser Valley of British Columbia (…) and more tan 17 million birds were culled ”. 8 A, P. N. and S, B., Zoonoses and communicable diseases common to man and animals, Pan American Health Organization, Washington, 2003, p. 162: “OIE reported an outbreak of fowl plague in the Netherlands (…) and all the birds were sacrificed ”. 9 “Officials probing killings of birds”, The Rock Hill Herald, 13.8.1974, p. 2: “The birds were ordered destroyed by the Agriculture Department after tests showed that three of the shipment of more than 150 birds were infected with a foreign strain of Newcastle’s disease”. 10 “500 birds sentenced”, The Miami News, 14.9.1960: “Police ordered 500 parrots and canaries killed after two men caught a carrot disease, psittacosis, which causes fever and nausea”. 11 J, T. M., S, R., A-Y, S., S, A. and M, R. L, “The first Salmonella enteriditis phage type 1infection of a commercial layer flock in Findland”, Acta Veterinaria Scandinavica, vol. 37, nº 4, 1996, p. 471. 12 “Bird flu is found on two more U.S. farms”, New York Times, 8.3.2004, p. 13: “Hundreds of thousands of chickens on two commercial farms in Maryland are being slaughtered after a case of avian influenza was found there”. 13 Regulation on the protection of animals at the time of killing [OJ L 303/1, 18.11.2009]. 14 What emergency killing means is something that falls out of the scope of the present paper.
Historically, the first jury “giving the bird” was the one set up to try United States v. Jewell20. In this case, Mr Jewell reported to the Court that he was not aware that he was carrying 110 pounds of marihuana that apparently someone had concealed in a secret compartment in his trunk. Since then, many birds have been awarded in Court, including the one granted in the infamous Enron case. The ostrich instruction is a meaningful term to describe the concept of “deliberate ignorance”, sometimes also referred as “contrived ignorance”, “conscious avoidance” or “willful blindness” 21. By virtue of this instruction, when a defendant has his suspicions aroused but then deliberately omits to make further inquiries, because he wishes to remain in ignorance, averting his eyes, he is deemed to have knowledge about the wrongdoing or crime and, therefore, he may be convicted 22. As Judge P summarized in United States v. Giovannetti 23 the instruction is named after the bird that is believed to behave in a very similar way: “The most powerful criticism of the ostrich instruction is, precisely, that its tendency is to allow juries to convict upon a finding of negligence for crimes that require intent (…) The criticism can be deflected by thinking carefully about just what it is that real ostriches do (or at least are popularly supposed to do). They do not just fail 15 Terrestrial Animal Health Code (2012), which applies to “mammals, birds and bees”. 16 Art. 2.1, Council Directive 2009/158/EC on animal health conditions governing intra-Community trade in, and imports from third countries of, poultry and hatching eggs [OJ L 343/74, 22.12.2009]. 17 Commission Decision 2007/25/EC as regards certain protection measures in relation to highly pathogenic avian influenza and movements of pet birds accompanying their owners into the Community [OJ L 8/29, 13.1.2007]. 18 Recital (4), Commission Implementing Decision 2012/248/EU amending Decisions 2005/692/EC, 2005/734/ EC, 2007/25/EC and 2009/494/EC as regards avian influenza [OJ L 123/42, 9.5.2012]. 19 Cal. Admin. Code tit. 14, § 671. 20 22 III.532 F.2d 697 (9th Cir. 1976). 21 Vid. also, F, J. C., “Avoiding not-so-harmless errors: the appropriate standards for appellate review of willful blindness Jury instructions”, Iowa Law Review, vol. 97, 2011, pp. 275 – 301; P M. D., “Recognizing ‘deliberate ignorance’ as a form of knowledge in customs fraud cases”, The 14th Judicial Conference of the United States Court of International Trade, November 6, 2006, New York; V K, F. J, “Willful blindness: a permissible substitute for actual knowledge under the Money Laundering Control Act”, Washington University Law Review, vol. 71 (4), 1993, pp. 1189 – 2016. 22 Among others: United States v. Ribera, 944 F.2d 1563, 1571 (11th Cir. 1991); United States v. Aguilar, 80 f.3d 329, 331 (9th. Cir. 1996); or Salomon v. State of Florida (Fla 4th DCA, Oct. 2012). 23 United States v. Giovannetti, 919 F.2d 1223 (7h Cir. 1990).
to follow through on their suspicions of bad things. They are not merely careless birds. They bury their heads in the sand so that they will not see or hear bad things. They deliberately avoid acquiring unpleasant knowledge. The ostrich instruction is designed for cases in which there is evidence that the defendant, knowing or strongly suspecting that he is involved in shady dealings, takes steps to make sure that he does not acquire full or exact knowledge of the nature and extent of those dealings”24. Oddly enough, the referred metaphor is based on a popular belief that is nothing but a canard and, even if it is true that ostriches do eat sand25, they do not bury their heads in it26. This assumption is actually taken from P E, who wrongly stated that ostriches imagine that when they “thrust their heads and neck into a bush” (not even the sand!) the “whole of their body is concealed”27. When in fact, what they do in order to avoid a forthcoming danger is flopping to the ground, remaining still28.
caused by the bird even absent negligence. There are only a few exceptions where strict liability might eventually cease: i) force majeure (e.g., an earthquake takes place near to an ostrich farm, releasing them and allowing them to cause damages in the adjoining areas); ii) fault on the part of the victim (e.g., when the victim trespasses without permission the property where birds flock together; or waives a flashlight attracting them on purpose). However, neither of these defences is mentioned by the DCFR34, embryo of a plausible future European Civil Code, which only refers a strict liability regime: VI. – 3:203 DCFR. Accountability for damages caused by animals: “A keeper of an animal is accountable for the causation by the animal of personal injury and consequential loss, loss within VI. – 2.202 (Loss suffered by a third person as a result of another’s personal injury or death), and loss resulting from property damage”.
4 . C R I M I N A L B I R D S (S I C A R I U S AV I S )
This said, independently of the jurisdiction, probably the best advice that could be given to bird possessors is this: get a comprehensive fowl insurance cover and control your ominous fowl!
a) Liability of the keeper
b) Liability of the landowner
In the previous sections it has been reported that birds lack legal personality and therefore they cannot be convicted. After all, it is self-evident that they are not criminal minds29. The question, therefore, is: if birds get off scot free according to legal regulations, then who will be held responsible for their actions?
There are, however, some situations where the solution is not that clear, mostly because the above-mentioned rules do not apply to ownerless birds35. So the question here is how to establish who is responsible in those cases. As a general rule, attention must be paid to landowners of the property where the attack has taken place: e.g., the city council when a swan attacks and nearly Perhaps the most obvious answer can be drowns36 or actually kills37 a person at a inferred from those cases where pet birds local river’s bank; the golf course owner bite or distress someone, yet this answer in which a duck causes injuries to one will once again vary depending on the of the players38; or the stadium manaCOMPARATIVE LEGAL FRAMEWORK ON BIRD DAMAGES AND OTHER RELATED ISSUES jurisdiction. In this sense, generally, unger where a hawk hurts a fan during a der the Common Law rule, the liability baseball game39. All this these cases have 41 B BY ROBERTO YANGUAS depends in turn upon whether the aniin common that the landowner must mal is regarded as “dangerous” or not. In prove, in order to avoid liability, that he the case of birds with “dangerous propensity” (i. e., when the animal has a tendency to was diligent enough taking the necessary steps to prevent birds causing harm on its do any act that might endanger the safety of persons in a given situation – Poznaski v. premises, what necessarily will include getting rid of them as well as warning about his Novak30) strict liability will apply, which means that the bird’s keeper will be held respresence and ferocious nature. ponsible for any harm caused regardless whether it was his fault or not. We can see some examples of this kind of provision here: However, beyond these individual attacks, often birds commit even more heinous crimes by hitting “lofty targets”. This is something well-know among airport managers [U.S] Restatement of the Law, Second, Torts 2d § 507(1): “A possessor of a wild and operators, who experience each year the devastating consequences of bird strikes in animal is subject to liability to another for harm done by the animal to the other, terms of lives and economic loss40. Costs are estimated over 950.000 euros per year41 his person, land or chattels, although the possessor has exercised the utmost care to due to personal injuries (including fatalities) and property damages caused mostly by confine the animal, or otherwise prevent it from doing harm”. engine ingestion, facing airport managers most of them. In order to avoid liability they are required to follow strict safety protocols whose implementation is the only way to [U.K.] Section 2(1) Animals Act 1971: “Where any damage is caused by an animal probe that they have complied with their duty of care. These protocols may vary depenwhich belongs to a dangerous species, any person who is a keeper of the animal is ding on the jurisdiction, but normally will encompass design and implementation of a liable for the damage”. structured wildlife management plan, developments on innovative high-tech deterrent measures (e.g., use of thermal imagine cameras to accurately predict birds’ trajectory42) One could easily think in birds of prey kept in captivity (e.g. that pet owl that you host and use of always-effective old-fashioned tactics (e.g., use of firecrackers and live ammuin your living room) as belonging to the former category. Conversely, in the case of comnition). Failing to comply with these provisions may bring even charges of involuntary monly domesticated birds, fault-based liability exists. This means that the old aphorism manslaughter against the airport operator. “every bird is entitled to one free bite31” will apply and that the keeper will only become liable when he knows or should know of the bird’s abnormally dangerous characteristics or viciousness, as stated in the following exemplary provisions: 5. B I R D S A N D T H E A F T E R L I F E ( Z O M B I E AV I S )
ANIMAL’S LIABILITY
[U.S] Restatement of the Law, Second, Torts 2d § 509(1): “A possessor of a domestic animal that he knows or has reason to know has dangerous propensities abnormal to its class, is subject to liability from harm done by the animal to another”. [U.K.] Section 2(2)(b) Animals Act 1971: “Where damage is caused by an animal which does not belong to a dangerous species, a keeper of the animal is liable for the damage, except otherwise provided by this Act, if (…) likelihood of the damage or of its being severe was due to characteristics of the animal which are not normally found in animals of the same species or are not normally so found except at particular times or in particular circumstances”. Unlike Common Law systems, European Continental Law does not normally make a distinction grounded in the birds’ characteristics or attitudes32. If it is true that each Member State has its own legal framework, it is equally true that in most cases a strict liability regime will apply33. That means that the keeper will be accountable for the harm 24 Emphasis added. 25 W, M., Sand: the never-ending story, University of California Press, California, 2009, p. 261. 26 Vid. A, J., Curious creatures in zoology, Ulwencreutz [re-print], Sweeden [s. l], 2009, p. 119; S, B., The mythical zoo: an encyclopedia of animals as they have appeared in myth and legend throughout history, ABC-CLIO, California, 2001, p. 186. 27 P E, The natural history, book X, chapter 1 [translated by B J. and R, H. T.], Taylor and Francis, Red Lion Court, London, 1855. 28 Vid. A, C., Ostriches and other flightless birds, Carolrodha Books, Minneapolis, 1990, p. 16. 29 Although considering the increasing number human beings attacked by them (vid. infra), you might think twice. 30 According to Poznaski v. Novak, 788, N.E.2d 1281 (2001). The difficulty, after all, is for judges to determine if, for instance, a Blue-and-Gold Macaw that bites someone –May Co. v. Drury, 153 A. 61 (1931)– is or not a dangerous species. 31 Apocryphal. In the original, the reference animal is a dog. 32 For more on this, see V B, C., Principles of European Law: Non-contractual liability arising out of damage caused to another (PEL Liab. Dam.), Sellier, München, 2009, pp. – . 33 Germany (BGB § 833), Austria (ABGB § 1320) and Slovenia (OZ § 158), nevertheless, establish for certain cases a fault-based liability system.
If, despite all the tragic events described in the previous section, you still love your bird, you might be considering leaving him your whole fortune. But if you are thinking in naming him as your only heir, you better think twice. In almost every jurisdiction, birds and other animals are considered tangible goods, what means, as we already know, that they are going to be treated as things or property (and property cannot inherit property!). Following this approach, Inheritance Law will forbid to appoint your parrot as receptor of your estate in case you pass away. However, if you are worried about the future of your bird in case this unfortunate event takes place, still there is a solution: you could constitute a trust in order to secure your bird’s welfare in the forthcoming years. For this purpose one must name a recipient of the bird to take care of him. Simultaneously one has to institute a person as trustee. The trustee will be in charge of managing the fund that you provided in order to ensure the appropriate care for you beloved one. In case that this person does not follow adequately your instructions, 34 Draft Common Frame of Reference. 35 We use here the term “ownerless” instead of the more common “wild” to avoid amphibologies (see the reference to “wild” and “dangerous” as synonyms in the previous section). 36 S, M., “Swan attack nearly drowns whitebaiter”, Nelson Mail, 16.10.2012, available here: www.stuff.co.nz/nelson-mail/news/7821450/Swan-attack-nearly-drowns-whitebaiter; or “Chesire woman sues town over injuries in swan attack”, The Day, 9.10.2005, p. 5. 37 G, A., “Kayaker drowns after coming too close to swan”, Chicago Sun-Times, 15.4.2012, available here: http://www.suntimes.com/news/11923182-418/man-drowns-in-kayak-after-coming-too-close-to-swan.html. 38 “Golfer sues Maui County for duck or goose attack”, Hawaii News Now, 16.9.2012, available here: http://www. hawaiinewsnow.com/story/19550600/golfer-sues-maui-county-for-duck-or-goose-attack. 39 R, A., “An omen? Hawk attacks girl with a familiar-sounding name at Fenway”, Boston Globe, 3.4.2008, available here: http://www.boston.com/news/local/breaking_news/2008/04/hawk_nest_remov.html. 40 An extensive list of these air accidents can be found in D, R. A., “Birds and other wildlife hazards at airports: liability issues for airport managers, USDA National Wildlife Research Center – Staff Publications, Paper 142, 2006. 41 A, J., “A heuristic risk assessment technique for birdstrike management at airports”, Risk Analysis, vol. 26, nº 3, pp. 723 – 729, 2006. 42 P, M., “Frankfurter Flughafen: Hightech gegen Vogelschlag”, Spiegel online, 23.08.2010, available in http://www.spiegel.de/reise/deutschland/frankfurter-flughafen-hightech-gegen-vogelschlag-a-713298.html.
he could be punished and the fund eventually transferred to another trustee. But, what happens in case you survive your pet? In this situation you most probably will wish to organize a burial for your fallen bird. Nevertheless, Administrative Law might stand in your way. In this sense, for instance, the European Control Regulation 1069/200943 imposes a ban on burial and burning, requiring operators (art. 21.1) “to collect, identify and transport [death stock] under conditions which prevent risks arising to public and animal health”. Yet the Regulation establishes an exception in its art. 19.1 § a concerning, precisely, “dead pets animals and equidae”. This means that “animals belonging to species normally nourished and kept but not consumed, by humans for purposes other than farming”, as your macaw, can be effectively buried: sad, but legal.
DR . RO B E R T O Y A N G UA S is a senior researcher specialized in the interaction between law & new technologies. He earned his PhD from the University of La Rioja (Spain), where he has been teaching Private Law for several years. He also worked for the European Commission as Spanish representative in various international projects. In 2010 he co-wrote the winning report of the European Young Journalist Award. Before being a fellow in the Akademie Schloss Solitude he has been fellow and contributor in the Max-Planck Institute (Hamburg) and the Interdisciplinary Centre for Law and ICT (Leuven).
43 Regulation (EC) no 1069/2009 of the European Parliament and of the Council laying down health rules as regards animal by-products and derived products not intended for human consumption and repealing Regulation (EC) no 1774/2002 (Animal by-products Regulation) [OJ L 301/1, 14.11.2009].
ANIMAL’S LIABILITY COMPARATIVE LEGAL FRAMEWORK ON BIRD DAMAGES AND OTHER RELATED ISSUES 41
BY ROBERTO YANGUAS
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BLAUER VOGEL (EINEM EISVOGEL IM HERZEN) 42
VON ROSA VOLKMANN
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tille, von weitem Stimmen spielender Kinder, Vogelstimmen, gehüllt ins Rauschen der Blätter, getrennt von der Welt, alle Sinne geöffnet. Nur ein Ziel vor Augen, ein Ziel, das verschwommen aus dem Grund des reflektierenden Wassers aufblitzt, im nächsten Moment wie eine Illusion verschwindet, sich entzieht, als ob es nicht existierte und das doch in jedem Augenblick spürbar ist. Erinnerungen, einem Spiegelbild im glitzernden Wasser gleich, funkelnd, kostbar, unwirklich. Ungreifbar und doch näher als alles andere, den Rhythmus des Herzschlags durcheinander wirbelnd, etwas, das magisch anzieht, bannt. Geduldig verharrt der blaue Vogel auf dem Ast weit über dem Wasser, zu hoch, um entdeckt zu werden, zu nah, um das Ziel zu vergessen, so vage und unerreichbar es scheinen mag. Kein Ausweg. Bewegungslosigkeit, beinah zur Erstarrung führend, wie gelähmt von der Angst vor dem Absturz, der Angst vor der Leere, der unsichtbaren Tiefe, die sich gegen die Lüfte stemmt, sich immer mehr ausbreitet. Wie lang lässt es sich so verharren, nur der Vorstellung Raum gebend? Plötzlich blitzt es durch das Gelbgrün des Wassers, ein Blau, das sich jeder klaren Einordnung entzieht, das magische, durchdringende Blau, für Sekunden wiedergefunden, vom Hauch des Windes sichtbar gemacht, vom Wasser im nächsten Moment verschluckt, ins unaufhörliche Fließen, als ob es sich für immer der Greifbarkeit entzöge. Schwere, nur noch das Bild der Erinnerung, das verblassende Ziel, das Zufriedenheit und Erfüllung versprach, in Sekunden eingebrannt in der Tiefe des Herzens.
V
erharren. Fest greift sie mit den Krallen den Ast, den Ort nicht verlassend. Festhalten. Im Wind der Blätter auf und ab wiegend, wartend, mit der Zeit den inneren Käfig öffnend. Dem tiefen Drang folgend, um im richtigen Moment blitzschnell wie ein Pfeil in die Tiefe hinabzustürzen, zielsicher ins Wasser einzutauchen, um das Blau des Verlangens nicht ein zweites Mal vorbeiziehen zu lassen. Den seltenen Augenblick genießend, in dem der blau-grün schillernde Körper schwerelos und leicht durch die Luft schnellt, von der Sonne in kostbares Glitzern getaucht, die dunkle Wasseroberfläche einreißt, in die unbekannte Tiefe gleitet, gelöst von den Ängsten. Das Ziel vor Augen verschmilzt das Eisblau im Rausch der Empfindungen. Wassertropfen schimmern im Licht, von den Federn abperlend. Im Schnabel hält sie die kostbare Beute fest umfasst, fortgebracht an den Ort der Stille, hoch über das Wasser. Allein, kein störendes Geräusch, keine falsche Bewegung. Ein heftiger Schlag mit dem spitzen Schnabel gegen den Ast, bevor die Beute für immer entgleitet.
RO S A VO L K M A N N ist in Münster geboren. Sie hat von 1997 bis 2005 an der Kunstakademie Münster und in Genf Freie Kunst mit dem Schwerpunkt „Rauminstallation“ studiert. Nach Recherche- und Katalogarbeiten am Centre Pompidou in Paris, Ausstattungsassistenzen an Theatern in Berlin und Kassel arbeitet sie seit 2010 als Kunstlehrerin in Hamburg.
„Den Auerhahn macht Liebe blind – so geht es manchem Menschenkind“ – Nicht nur dieser Sinnspruch macht deutlich, dass Auerhühner und Menschen mehr „verbunden“ sind, als es im Allgemeinen gesehen wird. Das Auerhuhn ist mehr als Naturschutzgut, Jagdobjekt oder Indikator für Biodiversität – es ist ein Symbol für den nachhaltigen Umgang des Menschen mit der Natur. Ein Symbol, das aus den Urzeiten des Menschen auf der Erde über den heutigen Umgang des Menschen mit der Erde in eine Zukunft blicken lässt, in der wir lernen, Dinge miteinander zu verbinden und nicht zu trennen. Warum?
gewickelt und kam mit schwankendem Kopf seinem Gesicht immer näher – Da rauschte auf einmal ein ungeheurer Auerhahn nieder, packte den Kopf der Schlange mit dem Schnabel, erhob sich mit ihr in die Lüfte, und Holländer-Michel, der dies alles von dem Graben aus gesehen hatte, heulte und schrie und raste, als die Schlange von einem Gewaltigeren entführt ward.“ In der damaligen Zeit hatte demnach der Auerhahn schon eine besondere Bedeutung und wurde als uriger Waldbewohner besonders geachtet. Gleichzeitig war er ein Kulturfolger der intensiven, aber auch nicht nachhaltigen Waldnutzung – seine Bestände nahmen in diesen lichten, nährstoffberaubten Wäldern ungewöhnlich zu und er breitete sich bis in die Tallagen aus. Mit der Industrialisierung, dem Einsatz von KunstDE R U R-VO G E L düngern und der Nutzung fossiler Brennstoffe fand ein Kulturwandel statt, der auch die Schwarzwaldwelt völlig veränderte: nunmehr wurden Nährstoffe nicht mehr entzogen, er Morgen graut. Stille breitet sich im Wald aus. So kurz vor Sonnenaufim Gegenteil wurden und werden über die Luft Nährstoffe in ungeheurem Maß in die gang, Ende April. Einzig ein sachter Wind von Osten raschelt durch die Wälder getragen und verändern die Vegetation. Gleichzeitig wurden die Wälder unter Blätter. Dort färbt sich der Himmel violett und Minute um Minute wird es dem Hauptziel der Nachhaltigkeit durch die Forstwirtschaft wieder aufgebaut. Hierfür heller. Jetzt ist in den Bäumen auch das erste Rumoren der Vögel zu hören. war einerseits eine Trennung von Wald und Weide gesetzlich durchzusetzen. AndererDie frühen Stimmen erwachen und klingen weit durch den lichten Bergwald. Nicht seits wurden durch den Anbau und die intensive Pflege von Bäumen, in vielen Fällen weit, am Rande einer kleinen Lichtung auf einer alten Kiefer sitzt er: Auf einem weit abdie schnell wachsende Fichte, der Holzvorrat, der Holzzuwachs und damit auch die stehenden Ast singt der Auerhahn sein morgendliches Lied. Laut tönt das „tak-tak-tak, Holznutzungsmöglichkeiten wieder deutlich verbessert. telak-telak-telak“, das sich immer schneller zu einem Triller wiederholt und schließlich Die vor 150 Jahren stark aufgelichteten Wälder wurden dadurch sukzessive wieder mit einem „Plopp“ endet. Während der wilde Vogel den Hals nach oben reckt, trippelt dichter und damit für das Auerhuhn unattraktiver. Die Auerhuhnpopulation, die um er in kurzen Schritten auf dem Ast hin und her. Der Hahn wendet und dreht sich 1900 noch bei 6000 bis 8000 Auerhühnern gelegen haben dürfte, ging entsprechend und blickt aufmerksam um sich. Inzwischen glänzt zurück. Der Rückgang erfolgte aber nicht kontinuder Morgenhimmel schon in tiefem Blau, die ersten ierlich, sondern in mehreren Schüben. Auch noch Sonnenstrahlen bahnen sich den Weg über die karg vor 50 Jahren gab es deutlich mehr Auerhühner bewachsene Kuppe. Plötzlich hält der Auerhahn als heute, was durch ein Zitat von Anton Hettich, inne und schwingt sich mit dumpf klingenden Flüeinem Landwirt vom Schänzlehof im Mittleren gelschlägen vom Baum herab. In einer sanften KurSchwarzwald, zum Ausdruck kommt: ve fällt er laut polternd in der Mitte der Lichtung „Mer ging nie in de Wald ohne dass irgendwo en UND DEM UMGANG DES MENSCHEN MIT DER NATUR zwischen Heidelbeerbüschen und Graspolstern ein. Hahn nit ind Höh isch oder zwei, drei. so wars daDort geht es dann in einem fort – wilde „Flattermals. Weils massehaft noch Hähn gab und Henne na43 A VON RUDI SUCHANT sprünge“, in Ruhe verharren, immer wieder eine türlich au. Des Auerwild war also sehr stark vertreurtümliche Balzstrophe. Und gerade während der te. Sogar tagsüber bei der Waldarbeit..mittags bisch Hahn in diesem aufwändigen Ritual um die Gunst der Hennen wirbt, kann er in einer hoch, sind Auerhähn scho wieder an dem Platz gsi, wo de vorher noch Holz gmacht hescht. kurzen Phase der Balzstrophe seine Umgebung nicht wahrnehmen – in dieser kurzen Die sind also praktisch irgendwo einfach um uns rum gsi, immer“. Zeit ist er quasi „blind“. Daher der Sinnspruch. Kommt jetzt ein anderer Hahn in seine Dieses Zitat macht auch deutlich, wie die Schwarzwälder damals mit dem AuerNähe, ist er auch zum Angriff bereit. Mit Schnabelhieben und Flügelschlägen gibt es rehuhn emotional verbunden waren – in einer Zeit, in der Naturschutz noch keine große gelrechte Boxkämpfe. Der Auerhahn balzt. Er buhlt um Aufmerksamkeit und zeigt den Rolle gespielt hat. Heute ist der Schwarzwald wieder zu einem dunkleren Waldgebiet Hennen, wer der tollste Hahn ist auf dem ganzen Platz – ein Abend in einer Disko lässt geworden, in dem lichte Waldstrukturen liebende Tierarten immer weniger Lebensauch hier wieder eine Verbindung zum Menschen herstellen. Nur vom „besten“ Hahn raum vorfinden. lassen sich die Hennen „treten“, das wenig schöne Wort aus der Jägersprache für begatDer Traum-Lebensraum des Auerhuhns sieht so aus: Ein lichter Wald aus Fichten, ten. Das faszinierende Schauspiel zeigt einen urzeitlichen Vogel, der seit Jahrtausenden Tannen oder Kiefern, schön sonnig, der Waldboden übersät mit Heidelbeeren. Heidelmit demselben Balzspiel um die Zuneigung der Hennen wirbt und es immerhin bis in beeren gehen dem Auerhuhn über alles. Die kann es nicht nur stundenlang futtern, es die Neuzeit geschafft hat, zu überleben. Die Balz und die anschließende Aufzucht der kann sich sogar prima darin verstecken. Küken ist die Zeit im Auerhuhnjahr, in der Menschen den größten Schaden anrichten Die Nadeln von Tannen und Kiefern sind die bevorzugte Nahrung für die Winterkönnen, wenn sie diesen Waldvogel zu sehr stören. Gerade wenn die Küken Anfang monate, wenn alle andere Vegetation unter einer tiefen Schneedecke versteckt ist. Sehr Juni aus ihrem im Bodennest bebrüteten Ei mit etwa 35 Gramm schlüpfen, geht es vom schön auch, wenn in der Nachbarschaft vielleicht noch ein paar Buchen stehen. Buchenersten Tag an um Gewichtszunahme. Denn sie müssen bis zum Winter ein Gewicht von knospen sind die ideale Aufbaukost für den Spätwinter. Besonders attraktive Nahrung zwei bis fünf Kilogramm auf die Waage bringen – das Schlüpfgewicht muss nahezu verfindet insbesondere die Henne mit ihren Küken an besonnten Waldrändern. Hier ist hundertfacht werden. Der Vergleich mit einem Menschenbaby, das mit 3000 Gramm reichhaltige Insektennahrung vorhanden und gleichzeitig reichen die Äste der Randauf die Welt kommt, zeigt, dass dieses innerhalb eines halben Jahres eine Gewichtszubäume bis auf den Boden – idealer Unterschlupf bei Regenwetter oder bei einem Angriff nahme auf 300 Kilogramm erreichen müsste. Ein solches Turbowachstum ist nur mögvon Fuchs oder Habicht. Solche Randlinien sind auch der bevorzugte Platz um „Staublich, wenn Auerhenne und Küken möglichst wenig gestört werden. Denn Auerhühner bäder“ zu nehmen. Auerhühner scharren sich eine Bodenmulde und nehmen darin ein sind sehr sensible Waldbewohner, die alles sehen und hören, was um sie herum im Wald Staubbad, um sich von „Ungeziefer“ unter den Federn zu befreien. Zusammengefasst geschieht. So verwundert es nicht, dass dieser große Waldvogel – die Auerhähne wiegen kann gesagt werden: Der ideale Auerhuhnwald ist ein lichter Wald, mit viel Sonne auf fünf bis sechs Kilogramm, die Auerhennen zwei bis drei – nur sehr selten beobachtet dem Waldboden, einer üppigen Heidelbeerdecke und tief beasteten Einzelbäumen. In werden kann. Doch es gibt sie noch auf den Schwarzwaldhöhen! Immerhin noch 300 einem solchen Lebensraum der kurzen Wege müssen Nahrung und Deckungsschutz vor Auerhähne und ebenso viele Hennen haben hier auf über 50 000 Hektar einen geeigneFressfeinden nahe beieinander liegen. Das Prinzip „Fressen und nicht gefressen werden“ ten Lebensraum, der gekennzeichnet ist durch lichte Bergwälder. ist für das Überleben des Auerhuhns entscheidend.
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VON AUERHÜHNERN
DE R L IC H T E WA L D
F R E S S E N U N D G E F R E S S E N W E R DE N
In den Zeiten des 18. und 19. Jahrhunderts waren die Wälder der Mittelgebirge „lichte Wälder“ und wir hätten Schwierigkeiten, den heutigen Schwarzwald wiederzuerkennen: alles, was die Natur damals für das (Über)leben des Menschen bereit hielt, wurde genutzt. Nicht nur das Holz der Bäume, um zu heizen und Häuser zu bauen, sondern auch die Nadel- und Laubstreu für den Stall und Unmengen Holz für die Köhlerei wurden aus dem Wald geholt. In viele Wälder wurden auch Ziegen, Schafe und Kühe getrieben, um sie dort weiden zu lassen. Kurzum, alles was an Nährstoffen verfügbar war, wurde vom Menschen intensiv genutzt – die Folgen dieses großflächigen Nährstoffentzugs waren aufgelichtete Wälder mit wenig Bäumen und eine Bodenvegetation, die häufig von der Heidelbeere geprägt wurde. In solchen Wäldern fühlte sich das Auerhuhn besonders wohl, was auch im Märchen „Das Kalte Herz“ von Wilhelm Hauff zum Ausdruck kommt: „Sie nahmen Kohlenmunk-Peter, der um ein Nachtlager bat, gut auf, gaben ihm Apfelwein zu trinken und abends wurde ein großer Auerhahn, die beste Schwarzwaldspeise, aufgesetzt.“ Damals gab es so viele Auerhühner, dass sie verspeist wurden. Es kann sogar gesagt werden, dass das Auerhuhn der Folge einer Kultur war, die intensiv Naturgüter genutzt hat. Erstaunlich auch, dass die Jagd auf den Auerhahn dem Adel vorbehalten war – das Auerwild als „Hochwild“ durfte nur von den „hohen Herren“ bejagt werden. Das Besondere und auch Mystische dieses Waldvogels zeigt ein weiteres Zitat aus dem Kalten Herz: „Und zu seinem Entsetzen sah Kohlenmunk-Peter, dass es eine ungeheure Schlange sei, was er in der Hand hielt, die sich schon mit geifernder Zunge und mit blitzenden Augen an ihm aufbäumte. Er ließ sie los, aber sie hatte sich schon fest um seinen Arm
Das Auerhuhnleben ist alles andere als romantisch, denn es regiert das Prinzip des Fressens und Gefressenwerdens. Allerdings beurteilen wir diese Gesetzmäßigkeit in der Natur aus menschlicher Perspektive. Wenn wir von „Raubtieren“ sprechen, legen wir humane Maßstäbe der Zivilisation an. Tatsächlich geht es aber einfach darum, dass Auerhühner auch Fressfeinde haben. Nachts sind sie gefährdet durch Fuchs, Dachs und Marder. Die Eier in den Bodennestern können zusätzlich durch das Wildschwein gefressen werden, wenn es auf der Suche nach Nahrung den Waldboden durchpflügt. Der Habicht kann auch tagsüber nach der begehrten Auerhennenspeise greifen. Klar ist aber auch, dass diese Fressfeinde vor allem dann ein leichtes Spiel haben, wenn der Waldlebensraum für Auerhühner nicht so geeignet ist. Insbesondere wenn keine Strukturen vorhanden sind, in denen die Waldvögel sich schnell und gut verstecken können. Oder wenn Pilzsucher und andere Querfeldeingänger die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ist die Achtsamkeit gegenüber den Fressfeinden gemindert. AU F J E DE R F E DE R E I N AUG E … Ein Jägerwort sagt, dass Auerhühner auf jeder Feder ein „Auge“ haben. Dies bringt am besten zum Ausdruck, wie aufmerksam die scheuen Waldvögel jede Bewegung wahrnehmen können, sich verstecken und wenn nötig die Flucht ergreifen. Da sich die Sinnesorgane des Auerhuhns so entwickelt haben, dass jeder „Feind“ frühzeitig erkannt wird, sieht der Mensch mit lediglich zwei Augen so selten ein Auerhuhn – dieses hat
sich längst versteckt oder aus dem Staub gemacht, bevor es entdeckt wird. Doch jede vom Menschen verursachte Störung hat Folgen für diesen Waldbewohner. Im Winter sind die Störungen besonders folgenschwer. Zum Schutz vor Kälte oder Fressfeinden graben sich die Hühner eine Höhle in den Schnee. Mit reduzierter Körpertemperatur und einem minimalen Stoffwechselumsatz verharren sie hier stunden- und tagelang. Werden sie in dem Energiesparmodus aufgeschreckt, müssen sie die Flucht antreten und verbrauchen dabei viel Energie. Die Energie, die sie für den Erhalt der Körpertemperatur dringend benötigen. Aber auch im Sommer, insbesondere im Juni und Juli, wenn die Hennen die Küken „aufziehen“, sind anthropogene Störungen folgenschwer. Daher ist es besonders wichtig, dass alle Waldbesucher und Natursportler Grenzen in der Natur respektieren und nicht jeden Waldwinkel zu jeder Tages- und Nachtzeit aufsuchen. Gerade die großen Waldgebiete, in denen Auerhühner leben, sind durch etwas gekennzeichnet, was in unserer heutigen Zeit in Mitteleuropa zur Seltenheit geworden ist: Ruhe – eine Ruhe, die durch das Zwitschern der Vögel und das Rauschen der Bäume noch verstärkt wird. VO M W I N DR A D V E RW E H T ?
DI E WA L DB E S I T Z E R Der Waldbesitzer oder Förster hat den Anspruch, den Wald so zu bewirtschaften, dass alle im jeweiligen Gebiet relevanten Waldfunktionen erfüllt werden. Diese Funktionen sind von Gebiet zu Gebiet, von Waldbesitzer zu Waldbesitzer und im Wandel der Zeiten sehr unterschiedlich. Daher war und ist der Erhalt oder die Schaffung von Auerhuhnlebensräumen nicht per se ein alleiniges Ziel der Waldbewirtschaftung. Vielmehr kann ein solches Ziel nur Teil eines komplexen Zielsystems sein, bei dem mehrere Waldfunktionen beachtet werden müssen. Wird dagegen von Seiten des Naturschutzes der Erhalt von Auerhuhnlebensräumen als Maxime für die Waldbewirtschaftung gefordert, nimmt der Waldbesitzer entweder direkt eine Gegenposition ein oder verlangt eine entsprechende finanzielle Entschädigung für einen Mehraufwand oder Minderertrag. Betrachtet man die großen Flächen, die für den Erhalt einer überlebensfähigen Auerhuhnpopulation notwendig sind (mehrere zehntausend Hektar), wird deutlich, dass eine spezielle „Auerwild-Waldwirtschaft“ mit enorm hohen Kosten und zahlreichen Konflikten verbunden ist. Wird der Waldbesitzer dagegen davon überzeugt, dass der Erhalt oder die Schaffung von Auerhuhnlebensräumen in eine auch ökonomisch ausgerichtete Waldwirtschaft integriert werden kann, sind die aufzuwendenden Kosten wesentlich geringer und der Waldbesitzer kann vielfach zu einer freiwilligen und dauerhaften Kooperation motiviert werden.
Gar nicht oder nur wenig vom Menschen berührte Landschaften sind in Mitteleuropa selten geworden. Fast überall ist das Licht und der Lärm der Zivilisation mit seinen Straßen, Siedlungen und Industrien verbreitet – Ruheräume für Tiere und auch den Menschen sind zur extremen Seltenheit geworden. DI E T OU R I S T I K E R Das Auerhuhn kann auch als Indikator für diese Ruheräume, den noch großflächigen WaldlandDoch nicht nur Naturschutz, Waldwirtschaft und schaften in Europa angesehen werden. Auch der Jagd haben mit dem Auerhuhn etwas zu tun, sonSchwarzwald ist eine solche grüne Lunge unserer dern alle Nutzer in den vom Auerhuhn besiedelten Zivilisation, die wir auch als Menschen brauchen, Waldlandschaften. Insbesondere Touristen, Erhoum tief Luft zu holen, die Ruhe einzuatmen und lungssuchende und Sportler sind sich dieser TatsaUND DEM UMGANG DES MENSCHEN MIT DER NATUR uns immer wieder von den Strapazen eines immer che häufig nicht bewusst. Einerseits steht bei Freischnelleren und technischeren Lebens zu erholen. zeitaktivitäten im Wald das Naturerlebnis mit im 43 B VON RUDI SUCHANT Und in diese grüne Lunge sollen nun neue techVordergrund, andererseits möchte man bei diesen nische Anlagen gebaut werden – die WindkraftAktivitäten die Freiheit haben „aufzubrechen, wodiskussion wird heftig geführt. Die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt hat hin man will“ – dass dabei Wildtiere gestört und sehr negativ beeinflusst werden köndie Diskussion dadurch versachlichen können, dass eine differenzierte Fachgrundlage nen, ist entweder nicht im Bewusstsein oder wird „billigend“ in Kauf genommen. Wer„Auerhuhn und Windkraft“ erarbeitet wurde (www.fva-bw.de). Auf Basis dieser Exden bestimmte Waldbereiche aus Wildschutzgründen gesperrt, trifft dies auch deshalb pertise werden die zentralen Auerhuhnbereiche (Balz-, Brut- und Aufzuchtgebiete, nicht immer auf Verständnis, weil als „Sperrer“ der Naturschutz angesehen wird und wichtige Verbundkorridore) vom Bau von Windrädern ausgenommen – und damit man sich von diesem nicht vorschreiben lassen möchte, wo man sich im Wald bewegen genau die Bereiche, die am wenigsten vom Menschen beeinflusst sind und in denen darf und wo nicht. Noch schwieriger wird diese Problematik, wenn aus touristischen sich der Mensch am besten erholen und Ruhe finden kann. und damit finanziellen Gründen sukzessive immer neue Angebote für FreizeitaktivitäDoch die Meinungen über diese Expertise gehen weit auseinander, die Medien ten in der Natur von der Freizeitindustrie, den Gemeinden und Tourismusinstitutionen heizen den Konflikt über entsprechende Überschriften noch an: „Auerhühner verentwickelt und angeboten werden. Diese sind mit und ohne infrastrukturelle Einrichhindern Energiewende“, „Naturschutz wichtiger als Klimaschutz“ – so oder ähnlich tungen häufig mit einer fortschreitenden Inanspruchnahme bisher „ungestörter“ Bereiwerden Stimmungen erzeugt. Die Komplexität der Thematik wird in keinster Weise che verbunden. Ob Schneeschuhlaufen oder Geo-Caching – der Druck auf Wildtierberücksichtigt. Auch hier wird vom „Entweder oder“ und nicht vom „Sowohl als lebensräume wird weiter und ständig erhöht. Auch von anderen Seiten wird der Druck auch“ gesprochen. Es geht nicht um Auerhuhn oder Windkraft, sondern um Auerauf die großen, geschlossenen und in gebirgigen Landschaften Mitteleuropas liegenden huhn und Windkraft; es geht nicht um Maßnahmen gegen den Klimawandel oder Waldlandschaften erhöht. um die Erhaltung von Biodiversität, sondern um das Ziel, sowohl Klimawandel als auch Biodiversität als für das Überleben der Menschen entscheidend zu betrachten. Auch hier steht das Auerhuhn in einem symbolischen Fokus. Nur die Sichtweisen der DI E E N E RG I E PL A N E R Menschen sind unterschiedlich. Der Wind weht am stärksten in höheren Lagen, Windkraftanlagen stören am wenigsten das Landschaftsbild oder Wohngebiete, wenn sie in großen Waldgebieten errichtet DI E S IC H T W E I S E N DE R M E N S C H E N werden. Ein zunehmender Druck auf Auerhuhngebiete wird daher von Windkraftanlagenbetreibern ausgeübt. Doch nicht nur Windräder sollen den Energiehunger Das Auerhuhn steht aufgrund seiner jagdlichen, historischen, soziokulturellen und naunserer Gesellschaft stillen, sondern auch Pumpspeicherwerke sollen helfen, einen turschutzbezogenen Bedeutung und auch wegen seiner „Schönheit“ häufig im Fokus der Ausgleich zwischen Stromproduktion und Stromverbrauch zu schaffen. Da für deren Öffentlichkeit, jedoch wird das Auerwild mit unterschiedlichen Brillen betrachtet. Lage ein großes Höhengefälle notwendig ist, sollten die Oberbecken solcher Anlagen am besten auf Bergkuppen liegen und kommen daher auch häufig mitten in Auerhuhngebiete. Der Druck des „öffentlichen Interesses“ ist bei diesen Vorhaben so stark, DI E J ÄG E R dass allein der Auerhuhnschutz als Versagungsgrund kaum ausreicht.
VON AUERHÜHNERN
Den Jäger fasziniert diese urige Wildart, insbesondere während der Balzzeit. Die Möglichkeit, auf den „großen Hahn“ zu jagen, ist in Mitteleuropa nur noch in Österreich möglich, in allen anderen Bereichen sind die Populationen so ausgedünnt, dass eine Bejagung nicht mehr vertretbar ist. Aber auch für Österreich wird die Auerhahnjagd immer wieder in Frage gestellt, da auch hier in vielen Bereichen Rückgänge der Population zu verzeichnen sind. Vielfach wird aber ein generelles Bejagungsverbot gefordert, obwohl die Bejagungsmöglichkeit die beste Motivation für den Erhalt einer Art sein kann, wenn die Bejagung nachhaltig erfolgt. Unabhängig von der Möglichkeit, auf das Auerwild zu jagen, engagieren sich sehr viele Jäger hoch motiviert für den Erhalt dieser seltenen Wildart. Sie „fühlen“ sich dabei historisch-traditionell verantwortlich und auch durch das Jagdgesetz begründet zuständig. Unter anderem wird die Bejagung der Fressfeinde als eine wichtige Hegemaßnahme angesehen. DI E N AT U R S C H U T Z V E R T R E T E R Für die Naturschutzvertreter hat dieser große Waldvogel mit seinen spezifischen Habitatansprüchen eine zunehmend wichtige Rolle als Indikator- und Schirmart für Biodiversität in hochmontanen Waldlebensräumen eingenommen. Auch er „fühlt“ sich traditionell für den Erhalt von seltenen oder gar vom Aussterben bedrohten Pflanzen- und Tierarten verantwortlich und versucht all das zu verhindern, was dem Auerhuhn schaden könnte. Die Autorisierung für dieses Engagement leitet er aus den verschiedenen naturschutzgesetzlichen Regelungen ab, die teilweise sogar eine europaweite Relevanz haben.
DI E V E R B I N DU N G VO N I N T E R E S S E N Diese geschilderten Sichtweisen bedingen häufig und zunehmend Konflikte zwischen den Interessengruppen. Der Raum für das Nutzen der Natur und das Schützen der Natur wird immer enger, da von beiden Seiten immer größere Ansprüche geltend gemacht werden. Daher wird es in Zukunft nicht mehr gehen ein „Entweder Oder“ durchzusetzen, sondern ein „Sowohl als auch“. Mit dieser komplexen Problematik einer notwendigen Verbindung von unterschiedlichen Interessen und Sichtweisen ist sehr schwer umzugehen. Die bisherige Entwicklung läuft genau in die gegensätzliche Richtung: jedes einzelne Interesse wird mit immer größerer Energie verfolgt, Grabenkämpfe verschärfen sich und das gegenseitige Interesse an anderen Sichtweisen tritt immer weiter in den Hintergrund. Dies geht nicht zuletzt auf Kosten des Schutzgutes – in diesem Fall zu Lasten des Auerhuhns. A K T IO N U N D I DE N T I F I K AT I O N Um die unterschiedlichen Sichtweisen zu berücksichtigen und die nachhaltige Nutzung des Schwarzwaldes so zu ermöglichen, dass auch Auerhühner ihren Lebensraum behalten, wurde der Aktionsplan Auerhuhn in einem partizipativen Prozess mit folgenden Eckpfeilern erarbeitet:
E I N B E Z I E H U N G A L L E R E I N F L U S S G RÖ S S E N U N D I N T E R E S S E N G RU PPE N Die Diskussion über die unterschiedliche Meinung darüber, welche Rückgangsursache welche Bedeutung hat, muss ersetzt werden durch ein Management, das alle Einflussgrößen, die auf das Vorkommen und die Populationsentwicklung einer Tierart einwirken, einbezieht. Daraus leitet sich ab, dass beispielsweise die Erhaltung des Auerhuhns nicht nur eine Aufgabe von Förstern und Waldbesitzern ist, sondern auch Jäger, Naturschutzvertreter, Gemeinden, Tourismus- und Energieplaner einbezogen werden müssen. G L E IC HG E R IC H T E T E Z I E L E U N D / O DE R VORG A B E N F Ü R A L L E N AT U R N U T Z E R Auf der Basis einer klaren quantitativen Zielsetzung für die Größe der überlebensfähigen Population, eines transparenten Flächenkonzeptes und qualitativer bzw. quantitativer Vorgaben für die Habitateignung lassen sich auch für alle Nutzer gleichgerichtete Ziele und Vorgaben entwickeln. Entscheidend für deren Umsetzung ist aber, dass diese Ziele einvernehmlich und zwischen den Interessengruppen gleichberechtigt entwickelt werden. B E RÜC K S IC H T IG U N G DE R S U M M AT I O N S W I R K U N G
Eine weitgehende Vision? Eigentlich ist das gar nicht so weitgehend und auch ganz einfach: wenn wir das Prinzip Nachhaltigkeit nicht als Mode- oder Werbewort verwenden, sondern es als wirkliche Grundlage unseres Umgangs mit der Natur ansehen, wird Natur nicht mehr zerstört oder gefährdet und muss daher auch nicht mehr geschützt werden. „Nicht mehr nutzen als nachwächst“ – diese Maxime der Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft könnte auf alle Bereiche der menschlichen Nutzungen bezogen werden. Würde dies konsequent beachtet, wäre im Hinblick auf Klimaschutz und Biodiversität ein neuer Weg eingeschlagen. Das Geld, das durch viele menschliche Aktivitäten und das Wirtschaftswachstum auch dadurch eingenommen wird, dass es auf Kosten der Natur „gewonnen“ wird, muss heute in großen Anteilen auch wieder dazu verwendet werden, Naturschutzverwaltungen, den Ausgleich von Schäden an der Natur und das Management von Schutzgebieten zu finanzieren. Eine im obigen Sinn betriebene nachhaltige Nutzung wäre zwar im Vergleich zur heutigen Vorgehensweise deutlich teurer. Es müsste aber auch kein Geld für Naturschutz mehr ausgegeben werden, da es keinen Bedarf an Naturschutz mehr gab. Was hat nun das Auerhuhn mit diesem „Neuen Weg“ im Umgang des Menschen mit der Natur zu tun? Das Auerhuhn ist ein Symbol dafür, wie eine nachhaltige Nutzung des Waldes durch den Menschen aussehen könnte. Mit dem Aktionsplan Auerhuhn wurde im Jahr 2008 ein großflächiges und wissenschaftlich fundiertes Konzept entwickelt, das schwarzwaldweit alle im Folgenden kurz dargestellten Aktivitäten koordiniert.
VON AUERHÜHNERN
Aufgrund der in den vorgenannten Punkten klar deDE N WA L D AU F L IC H T E N finierten Flächen und Ziele kann fundiert beurteilt werden, ob ein Eingriff in Natur und Landschaft eiDie Waldbesitzer und Förster nutzen Holz als einen Einfluss auf die Tier-Population hat. Dennoch nen im doppelten Sinne ökologischen Rohstoff. In fehlen bislang noch rechtliche Instrumentarien, um den Wäldern werden durch das Umsägen von BäuUND DEM UMGANG DES MENSCHEN MIT DER NATUR nicht jeden einzelnen Eingriff für sich zu beurteimen Lücken geschaffen, Waldränder gestaltet und len, sondern auch die Summationswirkung, die die das Kronendach so aufgelichtet, dass viel Sonne 43 C VON RUDI SUCHANT Summe aller Eingriffe in einem Landschaftsraum auf den Waldboden scheint. Wenn dies nach den bedingen. Vorgaben des Aktionsplans erfolgt, trägt die NutDie vielen Aktionen sind in einem Plan beschrieben. Entscheidend ist, dass sich zung von Holz auch zur Erhaltung und Erhöhung von Biodiversität bei. jede(r) berufen fühlt, seinen Teil zur Umsetzung beizutragen. Nur wenn sich möglichst viele mit den Inhalten identifizieren können, ist gewährleistet, dass die Umsetzung auch längerfristig erfolgt. Für die Identifikation ist entscheidend, dass das Auerhuhn nicht F R E S S F E I N DE R E G U L I E R E N U N D N U T Z E N als Tierart allein des Naturschutzes oder der Jagd angesehen wird, sondern als Teil des Schwarzwaldes und damit der Heimat. Es geht um „unser Auerhuhn“. Der Vergleich Die Jäger entwickeln Bejagungskonzepte für die Fressfeinde des Auerhuhns. Insbesonmit der Schwarzwälder Kirschtorte liegt nahe: sie ist ein weltweit bekanntes Symbol des dere der Fuchs und das Wildschwein haben in unserer nährstoffgeprägten KulturlandSchwarzwaldes. Es gäbe einen weltweiten Aufschrei, wenn dieses Schwarzwald-Symbol schaft flächen- und zahlenmäßig stark zugenommen. Die große Zahl an Füchsen kann aussterben würde. Ähnlich könnte auch das Auerhuhn als Symbol eines Schwarzwaldes und sollte reduziert werden, um die möglichen Beutetiere, zu denen viele seltene Arten angesehen werden, für das sich alle einsetzen und dessen Aussterben von allen gemeinwie das Auerhuhn gehören, in ihrer Populationsentwicklung zu unterstützen. Auch hier sam verhindert wird. Der Aktionsplan ist im Internet einzusehen unter gilt es, das Fuchsfell als einen im doppelten Sinne ökologischen Rohstoff zu nutzen. Das www.waldwissen.net/themen/wald_wild/wildtiermanagement/fva_aktionsplan_ Fuchsfell wird ohne Energie- und Chemikalieneinsatz natürlich „erzeugt“. Wird es nachauerhuhn_schwarzwald_DE lesen. haltig genutzt, wird einerseits dem Fuchs „geholfen“, da die Regulation der Population nicht über Krankheiten wie Tollwut oder Räude erfolgen muss. Andererseits wird ein gewisser Ausgleich in der Waldlebensgemeinschaft erreicht, der häufige Arten reduziert N E U E W E G E I M U MG A N G M I T N AT U R und damit seltenen Arten „hilft“. Auch dies trägt zur Erhöhung von Biodiversität bei. Mit dem Aktionsplan Auerhuhn und seiner Umsetzung wird ein ganz neuer Weg im Umgang mit Natur aufgezeigt. Es geht nicht um Auerhuhnschutz bzw. Naturschutz – die Terminologie und Sichtweise des „Schützens“ hat sich durch die Entstehung des Naturschutzgedankens entwickelt und bedarf dringend einer Weiterentwicklung. Der „Naturschutz“ hat mittlerweile eine über 100jährige Entwicklungsgeschichte und stößt an Grenzen, da einerseits immer mehr Menschen von und in der Natur immer mehr wollen und andererseits die Lebensräume für Menschen, Pflanzen und Tiere extrem begrenzt sind. Die Naturschutzgeschichte ist dadurch geprägt, dass in dem Maß, in dem die Menschen Natur zerstört haben, auch eine Gegenbewegung des „die Natur Schützens“ stärker wurde. Der „Naturschutz“ hat sich mittlerweile zu einem durch Gesetze, Verbände und Verwaltungen getragenen Themenfeld entwickelt, das in den letzten zwei Jahrzehnten eine zunehmende Bedeutung bekommen hat. Dennoch wird Natur weiter zerstört, sterben Pflanzen- und Tierarten aus. Allein in Baden-Württemberg betrug der Flächenverbrauch auch noch im Jahr 2010 täglich sechs Hektar. Jeden Tag werden hier sechs Hektar für Siedlungen, Straßen, Gewerbegebiete oder Rohstoffabbau verbaut – die Grenzen dieses „Wachstums“ sind nicht absehbar, obwohl der ökologische Fußabdruck der Menschheit und auch Deutschlands so groß ist, dass wir mindestens zwei Erden bräuchten, um unsere hohen Lebensansprüche weiterhin zu erfüllen. Tatsache ist also, dass Natur weiterhin überbaut und zerstört wird. Als „Ausgleich“ werden Schutzgebiete ausgewiesen und die Bedeutung des Naturschutzes politisch vergrößert. Doch welchen Erfolg hat diese Vorgehensweise? 10 bis 20 Prozent der Landesfläche stellen wir unter irgendeine Art von Schutz. Die dazugehörigen Verordnungen sollen dazu beitragen, dass Pflanzen, Tiere und ihre Lebensräume erhalten werden. Je stärker der Schutz, d.h. je weniger Nutzungen erlaubt sind, desto besser wird dies als im Sinne des „Naturschutzes“ angesehen. Und auf den übrigen 80 Prozent? Weitere Intensivierung der Landwirtschaft und Ausdehnung von Straßen und Siedlungen. Der Konflikt zwischen den „Nutzern“ der Natur und den „Schützern“ der Natur schaukelt sich zunehmend hoch. Kann dies der richtige Umgang des Menschen mit Natur sein? Meiner Meinung nach überhaupt nicht, wenn wir mit einer unvoreingenommenen Sicht die Rolle des Menschen auf dieser Erde betrachten und das Ziel Klimaschutz und Erhaltung der Biodiversität ernst nehmen. Wir brauchen keinen Naturschutz – wenn wir Natur nicht zerstören. Etwas muss nur dann geschützt werden, wenn es zerstört oder bedroht wird. Wenn wir Wege finden, Natur zu nutzen, ohne sie zu zerstören, uns als Teil des Ganzen zu sehen, dann ist es nicht mehr notwendig, Natur zu schützen.
BE W USST W ILD Um sowohl die touristische und erholungsmotivierte Nutzung der Wälder, als auch die Erhaltung einer überlebensfähigen Auerhuhnpopulation zu erreichen, sind räumliche Konzepte zu entwickeln, die „Naturruhebereiche“ ausweisen, in denen Wildtiere vom Menschen gar nicht oder nur selten „gestört“ werden. Gleichzeitig werden in einem solchen Räumlichen Konzept aber auch Waldbereiche abgegrenzt und dargestellt, in denen Menschen aktiv sein können und auch abseits von Wegen ihr Naturerlebnis genießen können, beispielsweise beim Sammeln von Pilzen und Beeren. Die Entwicklung von räumlichen Konzeptionen erfolgt unter Beteiligung betroffener Interessengruppen. Diese grenzen Naturruhebereiche für Wildtiere und Aktivitätsbereiche für die Freizeitnutzung ab. Um das Bewusstsein für ein Miteinander von Menschen und Wildtieren zu fördern und zu entwickeln hat der Verein Wildwege (www.wildwege.de) eine Initiative mit dem Slogan „Bewusst Wild“ vorbereitet. Mit der Assoziation „Be wild“ sollen insbesondere auch junge Menschen angesprochen und animiert werden, sich der Initiative anzuschließen. Wenn eine(r) bei der Initiative mitmacht bedeutet dies, dass sie t EJF -FCFOTXFJTFO VOE #FEàSGOJTTF EFS 5JFSF LFOOFOMFSOU VOE àCFS sie Bescheid weiß, t TJDI HSVOETÊU[MJDI BO 4QFSSVOHFO VOE 8FHFHFCPUF [VN 4DIVU[ WPO Wildtieren hält, t JO EFS %ÊNNFSVOHT[FJU VOE JN 8JOUFS CFTPOEFST SàDLTJDIUTWPMM durch den Wald geht, t TFJOFO )VOE JNNFS JN "VHF CFIÊMU t EVSDI 7FSBOTUBMUVOHFO VOE 7PSUSÊHF TFJO 8JTTFO FSXFJUFSU VOE FT an andere weitergibt. Diese Initiative zum bewussten Umgang mit Wildtieren und ihrem Lebensraum setzt mit positiven Appellen auf ein neues Bewusstsein im Umgang mit Wildtieren. Auch wenn wir Wildtiere in der Natur oft nicht wahrnehmen, kann es sein, dass wir gerade durch ihr Schlaf- oder Esszimmer laufen. Ohne es zu wissen, stören wir sie bei ihren Gewohnheiten. Daher ist es besonders wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, wo wir uns gerade befinden und welche Auswirkung unser Verhalten auf die Waldbewohner haben kann. (www.bewusstwild.de)
G U T E S T U N U N D DA RÜ B E R R E DE N
DI E S C H WA R Z WÄ L DE R K UC K UC K S U H R
Viele der Maßnahmen aus dem Aktionsplan werden umgesetzt. Dass dies richtig erfolgt, bedarf umfangreicher Schulungen, die seit 2008 jährlich angeboten werden. Um aber auch eine breite Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren, wurden zahlreiche Broschüren und Filme erstellt. Der neueste Film „Wohnungsnot für das Auerhuhn“ ist in Youtube zu finden (www.youtube.com/watch?v=gbERteywU08). Vorträge und Exkursionen bringen die Thematik näher. Mit Natursportlern werden gemeinsame Aktivitäten angegangen, um auch hier Verbindungen zu schaffen. Als bestes Beispiel kann der Ultrabike-Marathon in Kirchzarten genannt werden. Hier wurde die Rennstrecke „auerhuhnverträglich“ gestaltet, die Rennteilnehmer werden über die Homepage und während der Veranstaltung (www.ultrabike.de) auch über das Auerhuhn informiert und 20 bis 30 Mountainbiker beteiligen sich jedes Jahr an einem Pflegetag zur Gestaltung von Auerhuhnlebensräumen.
Für die geschilderten Nutzungen und Aktivitäten gilt als oberstes Prinzip die Nachhaltigkeit. Damit die Handlungsfelder auch richtig ineinandergreifen und jedes auch bearbeitet wird, sind umfangreiche Abstimmungen zwischen den verschiedenen Akteursgruppen notwendig. Diese findet im Rahmen der AG Raufußhühner und im Rahmen von Projekten statt. Als Bild dafür, ob das Ganze auch funktioniert und läuft, habe ich die Schwarzwälder Kuckucksuhr: nur wenn sich jedes einzelne Zahnrad, sprich jedes Handlungsfeld, dreht und die Zahnräder ineinander passen, läuft die Auerhuhnuhr. Das Auerhuhn ist ein Relikt uriger, vom Menschen unberührter Landschaft, ein Bote des Urwaldes und gleichzeitig zeigt sein Balzgesang, dass Urigkeit auch in einer vielfach genutzten Kulturlandschaft noch erhalten werden kann – das Auerhuhn ist somit als Wappentier des Schwarzwaldes Symbol dafür, dass der Mensch durch eine nachhaltige Nutzung der Natur keinen Naturschutz mehr braucht, da etwas, das nicht Gefahr läuft, zerstört zu werden, auch nicht geschützt werden muss. Wenn es das Auerhuhn nicht gäbe, müsste es als ideales Symbol dafür erfunden werden, wie die Menschen in gegenseitiger Achtung und Abstimmung sinnvoll und nachhaltig mit der Natur und miteinander umgehen können.
W ER W ISSEN SCH A FF T „Die messbare Seite der Welt ist nicht die Welt. Sie ist die messbare Seite der Welt“ Martin Seel
Text: Rudi Suchant, Forstl. Versuchs- und Forschungsanstalt Freiburg (FVA Baden-Württemberg), Abt. Waldnaturschutz, Arbeitsbereich Wildtierökologie, 79100 Freiburg/Breisgau, Wonnhaldestr. 4, rudi.suchant@forst.bwl.de
In diesem Sinne können auch die vielen Forschungsergebnisse und Monitoringdaten zum Auerhuhn angesehen werden, die in großer Zahl in Europa und auch im Schwarzwald erarbeitet wurden und werden. Diese Erkenntnisse und Daten sind wichtig, um solche umfassenden Pläne wie den Aktionsplan Auerhuhn zu erarbeiten und umzusetzen. Sie sind auch notwendig, um den ErRU DI S UC H A N T leitet seit 25 Jahren den folg der umgesetzten Maßnahmen zu kontrollieren Arbeitsbereich Wildtierökologie an der Forstlichen UND DEM UMGANG DES MENSCHEN MIT DER NATUR und ggf. Änderungen vornehmen zu können. Sie Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg. können aber in keinem Fall die ganze „AuerhuhnSchon in seiner Kindheit war er mit dem Wald und 43 D VON RUDI SUCHANT welt“ erfassen oder widerspiegeln. Es werden immer Wildtieren eng verbunden. 1958 in Immendingen unklare, mystische und faszinierende Zusammengeboren wuchs er die ersten sechs Jahre seines hänge bleiben, die nicht einfach durch Wissenschaft zu erklären sind. Ein Beispiel sind Lebens in einem Försterhaus am Waldrand auf – sein Vater war Revierförster in den die „balztollen“ Hähne, die aufgrund eines erhöhten Testosteron-Spiegels alles angreiWäldern des Fürsten zu Fürstenberg. So führte diese Kindheitsprägung auch zum Stufen, was sich Ihnen in den Weg stellt – auch Menschen. Warum dies aber so ist, konnte dium der Forstwissenschaften in Freiburg und zu vielen Studienreisen nach Neuseeland, bisher und wahrscheinlich auch in Zukunft nicht erklärt werden. Wenn Auerhähne den Sibirien, Kanada, Türkei und Skandinavien. Der „Rote Faden“ seiner beruflichen Tä„starken Mann“ spielen, taucht wieder eine Verbindung mit dem Menschen auf: der tigkeit ist die Verbindung von Menschen, Natur und Wildtieren. Diese wurde in zahlVergleich mit Männern liegt nahe, die einen hohen Testosteron-Spiegel haben. Erstaunreichen Projekten und Konzepten realisiert. Neben dem Aktionsplan Auerhuhn sind zu lich ist auch unsere Erfahrung, dass ein balztoller Hahn, den wir aus „Sicherheitsgrünnennen: Generalwildwegeplan, Rotwildkonzeption Südschwarzwald, Beurteilungsverden“ 30 Kilometer in einer dunklen Kiste umgesiedelt haben, nach einem halben Jahr fahren Wildschäden, Managementkonzepte Großraubtiere, Wildtiermanagement und wieder zurück in seinem ursprünglichen Revier war. Wie er den Weg dahin gefunden Tourismus, Wildtiermonitoring, Wildunfallprävention. Er initiierte den Verein „Wildhat, ist kaum erklärbar und faszinierend. wege“ und die Initiative „Bewusst wild“.
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50 m über dem Meer, inmitten der Hegauer Vulkanlandschaft liegt zwischen den Dörfern Honstetten und Reute ein kleiner Friedhof, der nicht nur aufgrund seiner überwältigenden Aussicht auf die Schweizer Alpen eine der schönsten letzten Ruhestätten sein muss, die man sich nur vorstellen kann, sondern auch wegen der acht mächtigen Ebereschen, die ihn umgeben. Es sind alte Bäume, die in manchen Jahren so viele Früchte tragen, dass der gesamte Friedhof bis weithin rot leuchtet. 2011 war wieder so ein leuchtendes Jahr – und so sind wir im Herbst losgezogen und haben dort tagelang die schönsten Vogelbeeren geerntet, die es bei uns gibt. Für den Rohverzehr sind die Früchte der Eberesche (Sorbus aucuparia) ungeeignet, nach Frosteinwirkung und damit einhergehender Entbitterung sind sie allerdings wahre alkoholische Freudengaben für exquisite Destillate mit intensiven, kräftigen Aromen nach Bittermandel und Marzipan. Insbesondere im Alpenraum hat der Vogelbeerschnaps mit seinem rauhen und wilden Geschmack eine besondere Bedeutung erlangt. Er ist vor allem als Lagerdestillat geeignet und gewinnt im Alter an unbeschreiblicher Milde und ungeahnter Eleganz. Aufgrund ihres geringen Zuckergehalts erbringen unsere Friedhof-Vogelbeeren nur eine geringere Ausbeute, dafür im Destillat aber um so eigenwilligere und finessenreiche Töne an Nase und Gaumen. Ein sortenreiner, wilder Vogelbeerbrand ist eine absolute Delikatesse und dieser Brand aus dem Erntejahr 2011 zudem eine hochkarätige Spezialität unter den Edelbrandraritäten – ein Genuss, dem sich niemand entziehen kann! Goldmedaille bei der Destillata 2012 Urteil der Jury: „Schöne, intensive Vogelbeeraromatik mit verführerischen malzigen Highlights und Zartbitter-Schokoladen-Noten; voll-fruchtig, mollig und kräftig; angenehm pikanter Abgang.“ Frühere Jahrgänge erhielten folgende Auszeichnungen:
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er Legende nach ist die mährische Form der Eberesche (Sorbus aucuparia var. edulis) durch eine zufällige Laune der Natur entstanden: Ein tschechischer Hirtenjunge soll im 19. Jahrhundert, als er mit dem Vieh auf der Weide war, inmitten einer ganzen Reihe von wilden Ebereschen einen ganz besonderen Baum entdeckt haben, dessen Beeren wesentlich süßer und wohlschmeckender waren, als die Beeren der anderen Bäume. Aus diesem einzelnen Baum soll dann die Kulturform der mährischen Eberesche gezüchtet worden sein. Soweit die Legende. Und tatsächlich ist das Aromenspektrum der mährischen Vogelbeere etwas ausbalancierter und ausgeprägter, als das der Wildformen. Nach Frosteinwirkung und damit einhergehender Entbitterung, sind die mährischen Vogelbeeren wahre alkoholische Freudengaben für exquisite Destillate mit intensiven, kräftigen Aromen nach Bittermandel und Marzipan. Unser Brand aus sortenreinen slowakischen Früchten wird durch die Lagerung in einem heute sehr selten gewordenen Maulbeerfass zur echten Delikatesse und hat mit den konventionellen derb-deftigen und rustikalen, oft verschnittenen Stammtischschnäpsen nichts gemein. Das Maulbeerholz gehört zu den süßesten Hölzern überhaupt und verleiht dem Destillat nicht nur die charakteristische rötlich-braune Farbe, sondern auch eine gewisse elegante Süße, die sich perfekt mit den wilden Aromen der Vogelbeere ergänzt. Er ist vor allem als Lagerdestillat geeignet und gewinnt im Alter an unbeschreiblicher Milde und ungeahnter Eleganz. Aus einer verrückten Idee und der damals rein zufälligen Begegnung mit einem Maulbeerfass, das seither viele Nachfolger erlebt hat, ist hier Destillat entstanden, das vermutlich einzigartig in Europa ist und zum Besten gehört, das wir je destilliert haben!
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VON STÄHLEMÜHLE – CHRISTOPH KELLER
Silbermedaille bei der Destillata 2011 Urteil der Jury: Feine, leichte Fruchtnoten in der Nase, rund und gehaltvoll am Gaumen, mit guter Länge im Abgang!
Frühere Jahrgänge erhielten folgende Auszeichnungen:
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Silbermedaille bei der Destillata 2010 Urteil der Jury: Sauber; feingliedrige, süßlichweiche Aromatik mit guter Frucht-Holz-Balance; am Gaumen würzig und kräftig; intensives Finale! Silbermedaille des Badischen Obstbrennerverbandes 2010
Lagerpotenzial: 2 – 12 Jahre Trinkstärke: 42 % vol. Flasche: 0,5 l Erntejahr: 2011
Lagerpotenzial: 2– 12 Jahre Trinkstärke: 44 % vol. Flasche: 0,5 l Erntejahr: 2010
Destillat Nr. 391: W I L DE VO G E L B E E R E VO N DE R O B E R E N D O N AU
Destillat Nr. 176: G E I S T VO M H E G AU E R S PE I E R L I N G Es gibt immer ein erstes Mal.
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ür den Rohverzehr sind die Früchte der Eberesche (Sorbus aucuparia) ungeeignet, nach Frosteinwirkung und damit einhergehender Entbitterung sind sie allerdings wahre alkoholische Freudengaben für exquisite Destillate mit intensiven, kräftigen Aromen nach Bittermandel und Marzipan. Insbesondere im Alpenraum hat der Vogelbeerschnaps mit seinem rauen und wilden Geschmack eine besondere Bedeutung erlangt. Er ist vor allem als Lagerdestillat geeignet und gewinnt im Alter an unbeschreiblicher Milde und ungeahnter Eleganz. Die Früchte für diesen Brand haben wir in einer der schönsten Landschaften gefunden, die unsere süddeutsche Heimat bietet: dem oberen Donautal. Zwischen dem berühmten Kloster Beuron und der Hohenzollern-Hochburg Sigmaringen schlängelt sich die junge Donau zwischen skulpturalen Kalksteinfelsen, Schlössern und Burgen, alten Gutshöfen und bewaldeten Bergrücken und prägt so eine Natur wie aus dem Bilderbuch. Und wenn in diesem Szenario im Spätsommer dann die Vogelbeeren der höheren Lagen in sattem Rot erglühen, kann uns nur wenig davon abhalten, loszuziehen und den grob fahrlässigen wirtschaftlichen Unsinn zu begehen, einige hundert Kilo dieser Beeren händisch zu ernten – oft unter Einsatz mutiger kindlicher Kletterkünste. Der Ausblick ins Donautal macht dann aber die mühsame Erntearbeit vergessen! Zum Destillat haben wir nun noch nicht so viel gesagt, aber ganz ehrlich: er schmeckt wie dieser Blick hinunter auf die Donau in ihrem Felsenbett – Marzipan, saftige Beere, komplexe Aromatik, viel Druck am Gaumen, harmonisch und rund mit unendlicher Persistenz. Silbermedaille bei der Destillata 2012 Urteil der Jury: „Saubere, typisch ausladende Aromatik; am Gaumen süß.“ Lagerpotenzial: 2– 12 Jahre Trinkstärke: 42 % vol. Flasche: 0,5 l Erntejahr: 2011
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011 war für uns das Jahr, in dem wir zum ersten Mal eine ausreichende Menge an Speierling-Früchten unserer eigenen, noch jungen Bäume ernten und zu einem hocharomatischen Geist verarbeiten konnten. Ein Ereignis, das wir mit fast schon feierlichem Respekt vor dieser wunderbaren Frucht begangen haben! Der Speierling (Sorbus domestica) ist ein Wildobstbaum aus der Familie der Sorbus-Arten, nahe verwandt mit Eberesche und Elsbeere, der in Deutschland leider sehr selten geworden ist. Außer in Hessen, wo man die gerbstoffreichen Früchte des Speierlings gerne zur Schönung des »Äppelwois« nutzt, existieren fast nirgendwo in Deutschland mehr ältere, wild vorkommende Bäume. Der Speierling wurde schon seit der Antike als Nahrungsmittel geschätzt und von den Römern weit verbreitet. Karl der Große gab in seinen »Capitulare de villis« im 9. Jahrhundert den neuerlichen Anstoß, den Speierling vermehrt als Kulturpflanze anzubauen und als Frischobst zu nutzen. Leider unterlag der Speierling in den letzten 100 Jahren dem Konkurrenzdruck der Hochwälder und ist für die moderne Forstwirtschaft aufgrund seines langsamen Wachstums nicht marktfähig. Dies ist besonders für die Edelbrandkultur äußerst bedauerlich, ergeben doch Destillate aus dem Speierling intensiv aromatisch, feine Destillate, mit einem originellen Aromenspiel zwischen wilder Würze, säuerlicher Frucht und raffinierten Marzipantönen. Lagerpotenzial: 1 – 5 Jahre Trinkstärke: 42 % vol. Flasche: 0,5 l Erntejahr: 2010 Stählemühle · Aqua Vitae Christoph Keller Eigeltingen-Münchhöf
S TÄ H L E M Ü H L E
U N S E R E B R E N N E R E I – U N S E R E B R Ä N DE
Eingebettet in die sanften Vulkanhügel des Oberen Hegaus liegt die Stählemühle am Münchhöfer Mühlenbach, einem Zufluss der Stockacher Aach. Das Anwesen findet seine erste Erwähnung um 1753/54 in den Büchern des Klosters Salem als „Mittlere Mühle“.
Im Jahr 2004 konnten wir das Anwesen Stählemühle übernehmen und haben in den letzten Jahren viele Anstrengungen unternommen, die Traditionsdestillerie von einer bäuerlichen Kornbrennerei in eine experimentelle Brennerei für Edelobstbrände der Spitzenklasse zu verwandeln. Seit 2006 produzieren wir feinste Destillate aus regionalen Obstsorten sowie internationalen Obst-Spezialitäten – allesamt in individuell gebrannten Kleinstauflagen von 10 bis maximal 200 Flaschen.
Die spätere Bezeichnung „Stählemühle“ stammt von der Müllerfamilie Anton Stähle, welche die Mühle exakt ein Jahrhundert lang, von 1876 bis zu Ihrer Stilllegung im Jahr 1976 als wasserbetriebene Getreidemühle für die Bauernschaft der Region betrieben hat. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird in der Stählemühle nachweislich unter Abfindung Schnaps gebrannt. Das zu dieser Zeit eigens erbaute „Brennhäusle“, in dem sich auch der Holzbackofen und die Gesellenwohnung des Lehrlings befindet, zeugt heute immer noch vom klassischen Ensemble eines Mühlenanwesens. »Wo Korn und Wasser fließen, da schlägt sich auch ein guter Branntwein nieder!«
Zur Verwendung kommt ausschließlich sortenreines Obst der Spitzenqualität, aus biologischem Anbau, vollreif geerntet, händisch verlesen und gereinigt. Unsere Brenn- und Maischeverfahren werden sorgfältig nach alten Rezepturen durchgeführt. Alle unsere Brände sind von unverfälschten, fruchtreinem und regionaltypischem Aroma und ausgezeichneter Bekömmlichkeit. Wir glauben nicht nur an den „Geist der Frucht“, sondern auch an deren „Seele“. Der Genuss unserer Destillate ist daher mehr als nur ein fruchtiges Geschmackserlebnis – es ist das Erlebnis, unter einem Obstbaum zu stehen und den gesamten Kreislauf der Frucht – Wachstum, Blüte, Reife bis hin zu ihrer Verwesung – im konzentrierten Moment eines einzigen Schlucks zu erfahren. C H R I S T O PH K E L L E R & C H R I S T I A N E S C HO E L L E R
DESTILLATE 45
VON STÄHLEMÜHLE – CHRISTOPH KELLER
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OGAI 46
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VON SILKE PFLÜGER
inder sehen sie und ältere Menschen sind in ihrem Bann. Dazwischen gilt der Satz von Christian Morgenstern: „Man sieht oft etwas hundertmal, tausendmal, ehe man es zum allerersten Mal wirklich sieht.“ Irgendwann rücken sie ins Zentrum der Wahrnehmung.
„Ogai“ war eines der ersten Worte, die meine Tochter aussprach. Sie zeigte dabei mit ihrem kleinen Finger aufgeregt gen Himmel, wo sich ein schwarzer Punkt Flügel schwingend bewegte. Woher sie wusste, dass „ōgai“ im Japanischen „Möwenfern“ bedeutet, bleibt ein Rätsel. „Ein Vogel“, nickte ich freundlich zustimmend, ohne diesem weitere Beachtung zu schenken. „Ogai“, wiederholte sie begeistert. Jahre später im Zoo schüttelten wir uns vor Lachen, als meine Mutter auf dem Schild am Gehege der exotischen Arten die Bezeichnung „Rotorara“ ohne Zäsur wie trallala in einem durchlas. Vögel waren noch immer der langweiligste Teil des Programms und auch der „Rot-Ohr-Ara“ konnte mein Interesse über diesen Vorfall hinaus nicht fesseln. Wann die Geschichte von Karolinchen und Lausbub begann, weiß ich nicht. Aber ich glaube, es war ab dem Zeitpunkt, als meine Mutter die Wohnung aus gesundheitlichen Gründen nur noch selten verlies. Das Amselpärchen, das sie ohne je von Horvarth gehört zu haben mit diesen volkstümlichen Namen bedachte, brütete mehrere Jahre seine Jungen in der Nähe ihres Balkons aus. Meine Mutter fütterte es, nahm Rücksicht, überlies ihm den Balkon, hielt Zwiesprache mit ihm, trauerte um es, und machte es in all den Jahren zum zentralen Gesprächsstoff während unserer Besuche. Den Balkon durften wir nicht betreten, wenn wir die Vögel nicht verscheuchen wollten, in der Küche saßen wir still, damit sie nicht wegflogen.
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ir sprachen über Vögel statt über uns. Auch mein Vater, der ein sehr nüchternes Verhältnis zu Tieren hat, begann eines Tages, die Vögel mit den Nüssen seines Gartens zu füttern und sich zu freuen, wenn sie an sein Fenster kamen. Nehmen wir die Luftbewohner nur bewusst wahr, wenn wir Zeit haben? Sind sie ein Gradmesser für unser Eingesperrtsein in den Alltagszwängen, für unsere besinnungslose Hetze durch den Tag? Hat die Hinwendung zu den Flugkünstlern mit dem Alter zu tun? Geht das Wiederentdecken der Vögel gar einher mit der eigenen Gebrechlichkeit, der Einschränkung der Beweglichkeit, mit dem Schrumpfen des Lebensradius? Sind die fernen und scheuen Geschöpfe uns in unserer ersten und in unserer letzten Lebensphase besonders nah?
In uns wohnt, so sagt ein Kinderbuch, der Seelenvogel. Er öffnet, je nach Stimmung stürmisch oder leise, die Schublade der Wut, der Trauer, der Freude und all ihre vielen Unterschubladen. Es würde mich nicht wundern, wenn eines Tages ein Vöglein auf dem Fensterbrett säße und unseren befreiten Seelenvogel sozusagen beim Flügel nähme und ein Stück auf dem Weg in die Weiten des Himmels begleitete. „Was fällt dir zu Vögeln ein?“, frage ich meine fast erwachsene Tochter. „Ich wär gern einer.“ „Warum?“ „Weil sie fliegen können.“ S I L K E PF L ÜG E R , unter anderem: Studium der Germanistik und Romanistik (M.A.), Referentin für Stipendien an der Akademie Schloss Solitude (seit 2004).
EIN L EIT U NG
L I T E R AT U R Z U M T H E M A
as Graduiertenkolleg StadtĂśkologische Perspektiven III, welches von April 2008 bis März 2011 am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin angesiedelt war, hat zum Ziel, Optimierungsstrategien fĂźr urbane Naturentwicklung und ihre Funktionen hinsichtlich der Lebensqualität des Menschen zu erarbeiten und interdisziplinär zu bewerten. Das Forschungsprojekt „Coevolution of Humans and Animals in Urbanizing Landscapes“ innerhalb dieses Kollegs wird in Zusammenarbeit mit der University of Washington, Seattle, durchgefĂźhrt.
,Ă CMFS 4 8BISOFINVOH EFS "WJGBVOB JO #FSMJO %JF 7PHFMXBSUF .BS[MVÄŠ + . 5 "OHFMM $VMUVSBM DPFWPMVUJPO IPX UIF IVNBO CPOE with crows and ravens extends theory and raises new questions. Journal of Ecological "OUISPQPMPHZ o
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M E T HO DI K Es wurde eine persÜnliche Befragung von BerlinerInnen durchgefßhrt. Bei dieser Fragebogenstudie „im Feld� in fßnf Stichprobengebieten t 4UBEU[FOUSVN .PBCJU t 7JMMFOWJFSUFM %BIMFN t )PDIIBVTTJFEMVOH (SPQJVTTUBEU t &JOGBNJMJFOIBVTTJFEMVOH 3VEPX t v%PSGi JN 4UBEUHFCJFU #FSMJO #MBOLFOGFMEF
S O N J A K Ăœ B L E R hat einen ungewĂśhnlichen Job. Sie muss auf BaugerĂźste klettern und Fassaden inspizieren, sie braucht einen scharfen Blick und ein gutes GehĂśr. Ihre SchĂźtzlinge sind klein. Sie fliegen durch die wurden 53 Fragen zum Thema Avifauna bzw. -Ă GUF VOE TVDIFO TJDI 2VBSUJFSF JO 3JU[FO [VS QFSTĂšOMJDIFO 8BISOFINVOH WPO 7ĂšHFMO und Spalten von Häuserfassaden, wo sie ihre gestellt, z. B. nach dem Erkennen bestimmter Nester bauen und den Nachwuchs aufziehen. "SUFO OBDI 7PHFMGĂ UUFSVOH OBDI TUĂšSFOEFO Sonja KĂźbler ist als Sachverständige fĂźr die 7PHFMBSUFO VOE OBDI 4DIĂŠEFO XFMDIF EVSDI Senatsverwaltung fĂźr Stadtentwicklung un7ĂšHFM WFSVSTBDIU XFSEFO %FS 'SBHFCPHFO terwegs. ZWISCHEN MENSCHEN UND VĂ–GELN IN DER STADT beinhaltet offene und geschlossene AntwortSie wird von Berliner Bauherren beauftragt, formate. Die Arten Elster, Nebelkrähe und Baustellen unter die Lupe zu nehmen und zu 47 VON SONJA KĂœBLER ET AL. (SĂ OmOL TUFIFO JN 7PSEFSHSVOE EFOO FT TDIBVFO PC HFTDIĂ U[UF 7PHFMBSUFO XJF [VN wird davon ausgegangen, dass sich diese Arten Beispiel Spatz, Hausrotschwanz oder Mauerbesonders gut an den Lebensraum Stadt angepasst haben bzw. nach wie vor anpassen segler dort nisten oder Fledermäuse dort leben. „Wenn Bauherren Gebäude sanieren, [ # 7FSIBMUFO .PSQIPMPHJF dann dĂźrfen sie Brutstätten nicht einfach zerstĂśren“, erklärt die Ornithologin, die in der Biologie der Humboldt-Universität promovierte. Wenn sie Niststätten nicht erhalten kĂśnnen, mĂźssen die Bauherren bei der Obersten E RG E B N I S S E NaturschutzbehĂśrde in der Senatsverwaltung fĂźr Stadtentwicklung eine artenschutzrechtliche Zulassung beantragen. Im entsprechenden Bescheid wird geregelt, dass die In der ersten Phase wurden 107 BerlinerInnen auf den drei Probeflächen Zentrum 7ĂšHFM VOE 'MFEFSNĂŠVTF &STBU[ EVSDI LĂ OTUMJDIF /JTUQMĂŠU[F CF[JFIVOHTXFJTF 2VBSUJFSF O Einfamilienhaussiedlung O VOE Villenviertel O CFGSBHU FSIBMUFO EJF BN (FCĂŠVEF BOHFCSBDIU XFSEFO NĂ TTFO %BCFJ TJOE JO EFS 3FHFM /JTUIJMfen in gleicher Anzahl wie zuvor zu schaffen. „Die Nester dĂźrfen nur beseitigt werden, wenn sie verlassen sind.“ W E I T E R E S PRO C E DE R E Art und Anzahl der kĂźnstlichen Nisthilfen richtet sich nach dem Kartierungsergebnis, das die Gutachterin anfertigt. Sie hat bei den Baustellenbesuchen immer einen t %JFTF 'SBHFCPHFOTUVEJF XVSEF BVDI OPDI BVG BOEFSFO #FSMJOFS 1SPCFnĂŠDIFO EVSDIFotoapparat dabei, denn ein Beweisfoto sagt mehr als tausend Worte. Nicht alle BauhergefĂźhrt. ren sind in Hinsicht auf den Erhalt der Brutstätten vorbildhaft. Manche schalten keine t &JO XFJUFSFS 4DISJUU TUFMMU EJF 6OUFSTVDIVOH WPO 7ĂšHFMO BVG EFO 1SPCFnĂŠDIFO EBS Gutachter ein und machen sich keine Gedanken Ăźber die Quartiere der Tiere. Wird das 7FSIBMUFOTCFPCBDIUVOH .FTTVOH EFS 'MVDIUEJTUBO[ FUD 7PO "OXPIOFSO XVSEF FOUEFDLU VOE TJOE TJF OJDIU HFXJMMU JISFO 7FSQnJDIUVOHFO OBDI[VLPNNFO TP ESPIFO z. B. berichtet, dass Nebelkrähen Lebensmittel „aus Kinderhänden klauen“. Geldstrafen, und was fĂźr die meisten Bauherren noch viel schlimmer ist, ein Baustopp. t %JFTFMCF 'SBHFCPHFOTUVEJF VOE EJFTFMCFO 6OUFSTVDIVOHFO XVSEFO BC JO Und auch die HU musste bei einem Bauprojekt daran erinnert werden, an die „WohnunSeattle, USA, durchgefĂźhrt. HFOi EFS HFmFEFSUFO (SP•TUBEUCFXPIOFS [V EFOLFO v,OBQQ FJO 7JFSUFM EFT IJTUPSJTDIFO Gebäudes an der Hessischen StraĂ&#x;e 1-2 wurde saniert, ohne das auf die Brutstätten geachtet wurde“, erklärt KĂźbler, die dort als Gutachterin tätig ist. Kaum auffallende LĂśW E I T E R E B E T E I L IG T E W I S S E N S C H A F T L E R DIFS /JTUTUFJOF GĂ S 'MFEFSNĂŠVTF VOE 7ĂšHFM TJOE OVO JO EFS #BDLTUFJOGBTTBEF [V TFIFO Die TierschĂźtzerin, die am Graduiertenkolleg „StadtĂśkologische Perspektiven“ zum Prof. Dr. J. M. Marzluff, Dr. B. Clucas ɨFNB v/BISVOHTĂšLPMPHJF TUBEUMFCFOEFS 7PHFMBSUFO FOUMBOH FJOFT 6SCBOHSBEJFOUFOi JISF Doktorarbeit geschrieben hat, war auch bei der Sanierung der Mensa Nord als Gutachterin unterwegs. „Das Gebäude war vor der Sanierung eine Kriegsruine, ich bin dort herumW E I T E R E E RG E B N I S S E geklettert, um nach Nestern und Fledermäusen zu suchen, das war ziemlich gefährlich.“ Heute wĂźrde sie das viel vorsichtiger angehen und marode DachbĂśden nicht mehr $MVDBT # .BS[MVÄŠ + . ,Ă CMFS 4 .FÄŠFSU 1 /FX %JSFDUJPOT JO 6SCBO betreten. In Adlershof sind die Bauprojekte der HU schon längst abgeschlossen, aber am "WJBO &DPMPHZ 3FDJQSPDBM $POOFDUJPOT CFUXFFO #JSET BOE )VNBOT JO $JUJFT *O &OE(MBTWPSCBV EFT (FPHSBQIJTDIFO *OTUJUVUT BO EFS 3VEPXFS $IBVTTFF IBU TJDI WPS [XFJ licher, W., Hostert, P., Kowarik, I., Kulke, E., Lossau,J., Marzluff, J., van der Meer, Jahren ein Turmfalkenpärchen häuslich niedergelassen. An dem Anbau ist auf Initiative & .JFH ) /Ă U[NBOO ( 4DIVM[ . 8FTTPMFL ( &ET 1FSTQFDUJWFT JO 6SCBO von KĂźbler ein Falkenkasten angebracht worden, wo schon mehrere JungvĂśgel aufgezoEcology-Studies of ecosystems and interactions between humans and nature in the gen wurden. KĂźbler selbst wird zukĂźnftig nur noch gelegentlich darauf achten kĂśnnen. NFUSPQPMJT PG #FSMJO #FSMJO )FJEFMCFSH 4QSJOHFS 4JF XJSE JISF XJTTFOTDIBGUMJDIF ,BSSJFSF WPS BMMFN BO EFS 6OJWFSTJUĂŠU 3FHFOTCVSH GPSUsetzen. „Es wäre wĂźnschenswert, wenn die HU auch freiwillig Nistplätze und Quartiere ,Ă CMFS 4 .BS[MVÄŠ + . $MVDBT # 8FDITFMCF[JFIVOHFO [XJTDIFO 7ĂšHFMO BOCJFUFO XĂ SEF [VN #FJTQJFM JO "EMFSTIPG EFOO IJFS mOEFO HFCĂŠVEFCSĂ UFOEF 7ĂšHFM VOE .FOTDIFO JO EFS 4UBEU %JF 7PHFMXBSUF TPXJF 'MFEFSNĂŠVTF BO EFO /FVCBVUFO LBVN -FCFOTSBVN i 5FYU -KJMKBOB /JLPMJD
WECHSELBEZIEHUNGEN
I. Treufreund. Ich glaube an Menschheit. Hoffegut. Unter den Vögeln? Treufreund. Am ersten.1
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aben Vögel Sprache? Folgt man der naturgeschichtlichen Tradition, die des Aristoteles politische Schriften begründet haben und der zufolge der Mensch allein als!" #$!%&'#$! (#$ gilt, wird man diese Frage verneinen müssen. Der Begriff des logos beschränkt sich auf Sprache (etwa als Kommunikationssystem) gerade nicht, sondern will neben Semiotik und Artikulation(sfähigkeit) immer auch die Ordnungsleistungen der Vernunft mitverstanden wissen. Und so scheint – wenn auch die aristotelischen Schriften sonst nur wenig vom Anspruch auf eine kategoriale Unterscheidung der Lebewesen erahnen lassen – mit der Sprache (logos) die Grenze gezogen, über die hinaus außer dem Menschen nichts anderes Lebendiges zu gelangen vermag: „Die blosse Stimme ()*+,-) zeigt nur das Angenehme und das Unangenehme an, darum kommt sie auch den anderen Lebewesen zu (denn so weit reicht ihre Natur, Angenehmes und Unangenehmes wahrzunehmen und von dieser Wahrnehmung einander Zeichen zu geben); die Sprache dagegen ist dazu bestimmt, das Nützliche und Schädliche deutlich kundzutun und also auch das Gerechte (díkaion) und Ungerechte (ádikon). Denn das ist eben dem Menschen eigentümlich im Gegensatz zu den Tieren, daß er allein fähig ist, sich vom Guten (agathón) und Schlechten (kakón), von Recht und Unrecht Vorstellungen zu machen“ (Pol. I.2, 1253a, 5.c).2
Sieht man sich die Phänomene genauer an, die Plinius zusammenträgt, dann zeigt sich, dass die Antwort auf die gestellten Fragen nicht so einfach zu geben sind. Denn was die Vögel sprechen, ist offensichtlich nicht die Sprache der Vögel. Wenn Plinius zu Beginn von Kapitel 58 festhält, dass es vor allem menschliche Stimmen seien (humanas voces; X.117), die von Vögeln wiedergegeben würden, wird klar, dass es ihm keineswegs um eine eigene, genuine Vogelsprache geht. II. Der Papagei sprach bloß noch seine Muttersprache.5
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o scheinen auch die Beobachtungen der Naturgeschichte auf jenen Befund herauszulaufen, der mit der aristotelischen Unterscheidung verbunden ist und dem viele Jahrhunderte später Leibniz’ Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand im Kapitel über die Sprache eine präzise Fassung verleihen werden: Weder die passenden physischen Voraussetzungen noch Artikulationsgeschick genügen, damit Sprachfähigkeit im eigentlichen Sinne behauptet werden darf. „Wie die Orang-Utans und andere Affen die Organe haben, ohne Worte zu haben, so kann man sagen, daß die Papageien und andere Vögel Worte haben, ohne Sprache zu haben, denn man kann diese und manche andere Vögel dressieren, hinreichend klare Laute zu bilden; indessen sind sie keineswegs der Sprache fähig. Nur der Mensch ist in der Lage, sich dieser Laute als Zeichen innerer Begriffe zu bedienen, damit diese dadurch anderen offenbar gemacht werden können.“6 Trotzdem verbirgt sich bei Plinius und im zitierten Kapitelanschluss eine subtile kon-
MENSCHENZUNGIGE, ECHOELSTERN, GEWUNDERTE VÖGEL DREI ORNITHO/ANTHROPOLOGISCHE SKIZZEN UND EIN POSTSCRIPTUM 48
VON STEPHAN KAMMER
Die Sprache (logos) bildet, neben dem Gesicht (./&01.#$, Hist. an. I.8,41, 491b) übrigens, das Alleinstellungsmerkmal des Menschen; sie stellt so die Ausnahme von den quantitativen oder graduellen Unterschieden, die ihn im Vergleich zu den anderen Lebewesen sonst kennzeichnen. Immerhin räumt Aristoteles an anderer Stelle in seiner Naturgeschichte ein, dass die Vögel von allen anderen Lebewesen am nächsten zum Sprachvermögen liegen – und zwar aufgrund ihrer breiten Zungen, die es ihnen erlaube, Buchstaben von sich zu geben ('/233454!678''954:;!Hist. an, II.12,50, 504b); auch dass man den Papagei ›menschenzungig‹ nenne (%9'&39$#$! $7/1.&'%155#$; Hist. an. VIII.12,85, 597b), vermerkt Aristoteles kommentarlos. Und dass es Tiere gibt, die über das physiologische Gehör hinaus zur Differenzierung von (Sprach-)Zeichen fähig sind (5 $!0<39=1$!>:4:072$954:!5 ?!>:46#/ ?@!Hist. an. IX.1,1, 608a), gilt ihm ebenfalls als ausgemacht. Abseits der aristotelischen Tradition scheint diese Ausnahmestellung allerdings einigermaßen prekär – was die Frage nach der Sprache/Vernunft der Vögel betrifft, dürfte dann die Antwort also nicht ohne weiteres negativ ausfallen. So weiß Plinius in seiner Naturgeschichte beispielsweise von Vögeln, die sich an Ländergrenzen hielten (terrarum […] termini; Nat. hist. X.76), von der Religiosität der Haushühner (X.116)3 sowie von der Schamhaftigkeit und der ehelichen Treue der Tauben (X.104) zu berichten, was zwar mit Sprache zunächst wenig zu tun zu haben scheint, aber in der Anerkennungsbehauptung symbolischer Ordnungen den Singularitätsanspruch des menschlichen logos ja dennoch zweifelhaft erscheinen lassen könnte: Was sich konsequent an Grenzen oder moralische Kategorien hält, müsste doch, logisch betrachtet, zumindest das Potential zu einem Begriff von all dem haben? Nicht weniger als drei Kapitel des zehnten Buches dann, das hauptsächlich von der Natur der Vögel handelt, widmet Plinius der Erscheinung sprechender Vögel (X.117-124); in zwei weiteren (X.137 und 141f.) finden wir eher kurios anmutende Berichte, die ebenfalls in diesem thematischen Zusammenhang stehen. Doch bedeutet, die Existenz sprechender (also mehr als einfach stimmgebender oder Stimme habender) Vögel nicht schlicht zu verneinen, wie dies Aristoteles tut, die Frage nach der Sprache der Vögel positiv zu beantworten? Und was heißt: die Sprache der Vögel? PL I N I U S T E I LT F O L G E N DE S DA Z U M I T: „Vor allem geben sie menschliche Stimmen wieder, namentlich die Papageien auch, indem sie schwatzen. […] Er grüßt seine Gebieter, und die Wörter, die er aufnimmt, spricht er aus […]. Die Härte seines Kopfes entspricht der des Schnabels. Deshalb wird er, wenn er sprechen lernt, mit einem eisernen Stäbchen geschlagen; denn anders spürt er die Schläge nicht. […] Weniger Aufsehen erregt, wohl weil sie nicht aus weiter Ferne kommt und trotz ihrer deutlicher artikulierten Geschwätzigkeit, die Gattung der Elstern. Sie bekommen Freude an den Wörtern, die sie sprechen. Sie lernen es nicht nur, sondern lieben es auch; und wenn sie sich üben, verbergen sie die Anspannung nicht, in die sie Mühe und Nachsinnen versetzen. Es steht fest, dass sie dahinsterben, wenn sie von der Schwierigkeit eines Wortes überwältigt werden, und dass ihr Gedächtnis versagt, wenn sie dasselbe Wort nicht wiederholt hören. Wenn sie indes ein Wort hören, wonach sie gerade suchen, werden sie auf wundersame Weise aufgeheitert. Ihre Gestalt ist nicht alltäglich, obgleich auch nicht besonders sehenswert. Zur Zier genügt dieser Art die menschliche Rede.“ (Plinius, Nat. hist. X.117f.)4
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zeptuelle Verschiebung, ein Überschuss gewissermaßen gegenüber dieser geläufigen Ordnung der Lebewesen und ihrer Befähigungen. Alles ist darauf angelegt, dass Plinius Papageien und Elstern zwar unter dem Regime menschlicher Zucht und Dressur, aber eben nicht aus Akten bloßer Imitation zur menschlichen Sprache kommen lassen will. Nicht als Nachahmung fasst seine Naturgeschichte das, was sprechende Vögel mit den Artikulationen menschlicher Sprache tun, sondern als Wiedergabe. Mit dem lateinischen Verbum aber, das diesen Unterschied anzeigt – reddere –, werden in Ovids Metamorphosen die akustischen Effekte (des) Echos bezeichnet: Corpus adhuc Echo, non vox erat et tamen usum garrula non alium, quam nunc habet, oris habebat, reddere de multis ut verba novissima posset. (Ovid, Met. III, 359-361) Damals war Echo noch Leib, nicht Stimme nur, doch ihrer Sprache hatte nur den Gebrauch die Geschwätzige, den sie noch jetzt hat, daß sie von vielen Worten die letzten nur kann wiederholen. Mithilfe der Echo-Erzählung kann man denn auch dieses Paradigma der Resonanz genauer zu umreißen versuchen. Das Verhängnis der Echo war es, dass sie immer wieder die eifersüchtige Hera ins Gespräch verstrickte, während Zeus sich mit anderen Nymphen vergnügte; sie hielt die Göttin lange genug auf, dass diese ihren Gemahl nicht auf frischer Tat ertappen konnte. Sobald aber Hera dieser amourösen Kriegslist auf die Schliche gekommen war, bestrafte sie Echo auf die bekannte Weise, indem sie deren Sprachfähigkeit gewissermaßen gleichzeitig halbierte und verdoppelte. Hera reduzierte Echos Sprechen einerseits auf bloße, gleichsam mechanische Responsivität und nahm ihr dadurch die Fähigkeit, ein Gespräch anzufangen; sie verpflichtete dieses Sprechen andererseits und gleichzeitig auch darauf, nicht nicht-antworten (reticere) zu können. „[D]ie [klangreiche] Nymphe [vocalis nymphe], die weder gelernt einem Anruf zu schweigen, / noch zu reden als erste, des Widerhalls Ruferin Echo“ (357f.) – diese „resonabilis Echo“ verstrickte sich dann in die Folgen ihrer Bestrafung durch Hera und ihres Begehrens nach Narziss. Denn diesem letzteren gab sie die ›eigene‹ Rede zurück; ihre Resonanz allerdings verwandelte des Narziss’ Fragen nach den verlorenen Jagdgefährten in eine Sprache des Begehrens und der Verführung, die indes ihrerseits die „fühllos[e] Hochmut“ (354) des eitlen Jünglings nicht zu adressieren vermochte. Man weiß, wie die Geschichte ausgeht. Hier interessiert nur die Warnung, dass offensichtlich mit dieser ganz spezifischen Resonanz der Sprache selbst schon Entstellungen verbunden sind: Man bekommt (überraschenderweise) nicht zurück, was man gibt; die Wiedergabe erfolgt als Widerrede, die Wiederholung als Verschiebung.7 Die Frage ist nun: gilt diese Echo-Verschiebung auch für die Sprache der Vögel? Ja, meint beispielsweise Dante in seiner Abhandlung De vulgari eloquentia (1305). Zwar geht seine Argumentation streng von der aristotelischen Vorstellung der Sprache als menschliches Alleinstellungsmerkmal aus. Tiere haben keine Sprache, ja noch nicht einmal ein Sprechen (locutio), ebensowenig wie Engel oder Dämonen übrigens (I.ii). Aber Dante wird vom Echo-Phänomen der verschiebenden Resonanz ausgerechnet an jener Stelle eingeholt, wo er zugunsten der aristotelischen These auf den entscheidenden Unterschied zwischen menschlichem Sprechen und tierischem Nicht-Sprechen aufmerksam machen will. „Und wenn gesagt wird, dass heute noch Elstern und andere Vögel sprächen, so erwidern wir darauf, dass dies falsch ist, denn ein solches Verhalten ist kein Sprechen [locutio], sondern eine Art von Nachahmung des Klangs unserer Stimme, d.h., sie bemühen sich, uns in unserem Klang, aber nicht in unserem Sprechen nachzuahmen, und
wenn daher dem, der ›Elster‹ spricht, auch ›Elster‹ zurücktönt [resonaret], dies nichts anderes ist als eine Reproduktion oder Nachahmung des Klangs [representatio vel imitatio soni] dessen […], der vorher gesprochen hat“ (I.ii.7). Die Irritationen, die von den verschiebenden, verzerrenden Effekten des Echo-Modells ausgehen, sind also noch nicht einmal auszuschalten, wenn man die Sprechfähigkeit der Vögel bestreitet. Ganz im Gegenteil: gerade wenn man, wie Dante, darauf besteht, dass, was gleich klinge, doch kategorial Anderes sei, verstrickt man sich zwangsläufig in Echos Abgründe. III. „Dschuang dse sagte, daß die Menschen sagen, daß ihr Sagen etwas anderes ist als das Zwitschern der Vögelein; aber ob es diesen Unterschied auch gibt, wollte er nicht sagen.“8
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achahmung oder Dressur, Wiederholung oder Wiedergabe, Resonanz oder Verschiebung – das Sprechen der Vögel, das nach wie vor nicht auf einer eigenen Sprache gründet, wird sich aus der Verstrickung in die subtilen, aber entscheidenden Differenzierungen nicht einfach lösen können, nur weil die Verbindlichkeit der aristotelischen Naturgeschichte zu ihrem Ende gekommen ist. Sie werde „leicht zahm gemacht und lernet vor andern Vögeln gerne, so wohl andere Stimmen nachschreyen, als den Menschen, wie ein Papagey, nachsprechen“, berichtet Zedlers Universal-Lexicon über die Elster. Und der Eintrag zum Papagei, auf den man so verwiesen wird, offenbart vergleichbare Unentschiedenheit: „Die meisten lernen nicht nur
in der endlosen Anstrengung seiner Prüfungen, sondern kommt auch in doppelter Hinsicht, in zwei Fußnoten, zu einer bemerkenswerten Neueinschätzung dieser eigentümlichen Wunder-Wesen. Von „eingepfropften Redensarten“ spricht er zunächst beiläufig, um dieses Epitheton dann in einer ersten Fußnote zu erläutern: „Der oben gewählte Ausdruck ›eingepfropft‹, auf den ich erst im Fortgang meiner Arbeit gekommen bin, scheint mir das Verhältnis noch besser auszudrücken, als die früher gebrauchten Ausdrücke ›auswendig gelernt‹ und ›eingebleut‹. Bei den letzteren Ausdrücken könnte man noch immer an ein Insbewußtseinaufnehmen des Sinnes der Worte denken; davon ist aber bei den gewunderten Vögeln eben nicht die Rede. Ihre Sprache steht rücksichtlich der eingepfropften Redensarten nicht einmal auf der Höhe der Sprache eines sprechenden Papageis. Denn dieser wiederholt die einmal gelernten Worte kraft eigenen Antriebs, also einer Art freier Willensbestimmung. Die gewunderten Vögel aber müssen die eingepfropften Redensarten ableiern, ohne jede Rücksicht auf Zeit und Gelegenheit und gleichviel, ob sie wollen oder nicht“ (212) Die Kulturtechnik der Pfropfung lässt sich, wie Uwe Wirth festgehalten hat, als Prozess beschreiben, „in dessen Verlauf etwas natürlich Gewachsenes in etwas kulturell Gemachtes transformiert wird.“13 Gegen die Richtung von Schrebers Argumentationsabsicht, gleichsam hinter seinem Rücken, bringt die Logik des Pfropfens deshalb dann und in einer zweiten Fußnote eine Verschiebung in Gang, die aus gewunderten Vögeln sprechende macht: „Nach allem, was ich inzwischen in Erfahrung gebracht habe, möchte
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allerley Stimmen der Menschen und Thiere, als Lachen, Weinen, Bellen, Krähen, und dergleichen, nachmachen, sondern auch gantze Worte aussprechen.“9 Die Verstrickung provoziert eigenartige klassifikatorische Hybridisierungen wie die in Brehms Thierleben, dem Papageien als „gefiederte Affen“ gelten dürfen;10 zu einer Art akustischer Supplemente der Welt macht Michelets eigentümliche Wiederbelebung der Naturgeschichte die Vögel dann ganz generell: „Sie sind das Echo Gottes und des Menschen, mischen sich in alles Geräusch, verbinden sich mit allen Stimmen und bringen ihre Poesie, ihre naiven, naturwüchsigen Rythmen [sic!] dazu. Sie vermehren und vervollständigen die großen Effekte der Natur durch Analogieen sowohl wie durch Contraste.“11 Wenig Neues also lässt sich ausmachen, aber auch keine Klärung der verwickelten Verhältnisse.
ich es für wahrscheinlicher halten, daß es sich um durch natürliche Fortpflanzung entstandene Vögel handelt, in deren Leiber nur auf irgendwelchem übersinnlichen Wege die noch vorhandenen dürftigen Reste […] selig gewesener Menschenseelen eingefügt worden sind oder jeweilig neu eingefügt werden. Daß diese Seelen (Nerven) aber in der Tat in den Vogelleibern darinstecken (vielleicht neben den, den betreffenden Vögeln sonst eigentümlichen Nerven […]) ist mir aus den im Texte entwickelten Gründen nach wie vor vollkommen unzweifelhaft“ (215). Sprechende Vögel: ein Wunder.
Zu einer neuen Gattung sprechender Vögel aber und einem neuen Status ihres Sprechens führt es dann, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wenn Daniel Paul Schrebers Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken und damit die Aufzeichnungen des wohl berühmtesten Psychiatriepatienten mit den Postulaten von Michelets rhapsodischer Ornitho-Anthropologie Ernst machen. Zu Schreber, der zur Wiederherstellung der – durch seinen ›Nervenanhang‹ mit Gott bedrohten – Weltordnung eine schier endlose Serie von Eingriffen in Körper, Denken und Sprache über sich ergehen lassen muss, sprechen Stimmen in „eine[r] Art Nervensprache“ – genauer gesagt: seine Sprechnerven werden „von außenher und zwar unaufhörlich ohne jeden Unterlaß in Bewegung gesetzt“ (46); dies widerfährt ihm solchermaßen, dass er „dem natürlichen Rechte des Menschen auf freie Verfügung über den Gebrauch seiner Nerven“ (47) verlustig geht und in seinem Kopf eine schier unüberschaubare Meute von Stimmen, ein „heillose[r] Wirrwarr“ (51) in Gang gesetzt wird.12 Doch nicht nur in seinem Kopf: Denn auch um ihn herum spricht es unaufhörlich in Form von „gewunderten Vögeln“ (209), in denen „Reste […] selig gewesener Menschenseelen“ für die unablässige performance von „sinnlosen auswendig gelernten Redensarten“ (208) sorgen. Auch Schrebers gewunderte Vögel also haben, als Vögel, für diese „Phrasen […] nicht das geringste Verständnis; sie leiern dieselben ab, ohne die Bedeutung der Worte zu kennen; sie stehen eben sonst im Punkte der Intelligenz nicht höher, als irgendwelche anderen natürlichen Vögel“, sie haben aber, „wie es scheint, eine natürliche Empfänglichkeit für den Gleichklang der Laute (210). So kann Schreber zur Gegenmaßnahme schreiten, die ihm „in der sonst kaum erträglichen Öde des Stimmengewäsches oft als eine Art Kurzweil dienen und [ihm] eine allerdings etwas sonderbare Unterhaltung bereiten“ mag (211). Wie des Plinius’ Elstern aufgeheitert werden, wenn ihnen das gesuchte Wort erklingt, so freut sich Schreber an gefundenen und respondierten Klangähnlichkeiten – und vor allem an deren Effekt: „Sobald sie [die „gewunderten Vögel“] daher, während sie noch mit Ableiern der auswendig gelernten Phrasen beschäftigt sind, entweder in den von mir selbst ausgehenden Schwingungen meiner Nerven (meiner Gedanken) oder in dem, was von meiner Umgebung gesprochen wird, Worte vernehmen, die mit dem, was sie gerade selbst zu sprechen (abzuleiern) haben, gleichen oder annähernd gleichen Klang haben, so erzeugt dies für sie anscheinend einen Zustand der Überraschung, infolgedessen sie auf den Gleichklang sozusagen hereinfallen, d.h. über der Überraschung den Rest der noch von ihnen abzuleiernden Phrasen vergessen und plötzlich in echter Empfindung eingehen“ (210).
„Der Mensch antwortet auch dem Vogel; der Gesang des Einen ruft den des Anderen hervor.“14 Schrebers Denkwürdigkeiten führen solche Respondenz, wie skizziert, als Parodie, in ihrer buchstäblichen Ver-rücktheit auf. Andere Echos des Echos, schönere und weniger beunruhigende vielleicht, wären kaum mehr zu erzählen, sondern nur noch zu benennen und zu zeigen: In der Fabel des Raben aus Pasolinis Uccellacci e Uccellini (I 1966) unterzieht sich der Franziskanerbruder Cicillio geduldig den Exerzitien dermeditatio, um die nun in der Tat eigene Sprache der Falken und Spatzen zu erlernen und ihnen dann im Auftrag des Franziskus das Evangelium zu predigen. In seiner Installation El canto de los pájaros (2011) übt sich der spanische Künstler Andrés Galeano in die Gestik von Singvögeln und liest phonetische Transkriptionen ihrer Gesänge ein, die von der Federación Ornitológica Cultural Silvestrista Española angefertigt worden sind und die normalerweise zur Wertung in Vogelsingwettbewerben den Maßstab bieten. Die beschleunigt abgespielte Videoaufzeichnung erzeugt das Echo des Echos, das Echo sprechender Vögel: „I read the phonetic code of the singing of several domestic birds and through acceleration my voice becomes singing, a strange human-bird singing.“15 Wenn die singende menschliche Stimme die Sprache der Vögel, die sprechende Stimme deren Gesang einübt und wiedergibt – reddit –, stellt dies die zweitausendjährige Tradition der Menschenzungigen, der Echoelstern, der nur durch Wunder zur Sprache kommenden Vögel auf den Kopf.
Schrebers Taktik besteht also darin, die (verschiebende) Echostruktur, die dem Sprechen auch dieser „nicht vollkommen natürliche[n] Vögel“ (213) zugrunde liegt, gleichsam gegen sie zu kehren, Echo mit Echo rückzukoppeln und so das Geplapper der gewunderten Vögel zum Stocken, diese zu „echter Empfindung“ zu bringen – der Vögel, die ihn sonst wie Abspielgeräte für Soundfiles in Endlosschleife umflattern. Doch Schreber verschafft sich dadurch nicht nur vergleichsweise kurzweilige Momente
P O S T S C R I P T U M : DAS ECHO DES ECHOS
A N M ER K U NGEN 1 Johann Wolfgang Goethe, Die Vögel. Nach dem Aristophanes, Leipzig 1787, S. 36. 2 Die im Essay zitierte antike und mittelalterliche Literatur wird, den Gepflogenheiten entsprechend, mit Sigle, Buch- resp. Kapitelangabe sowie Abschnittsnummer/Paragraphen direkt im Text zitiert. Ich beziehe mich auf folgende Ausgaben: Aristoteles, Thierkunde, Kritisch-berichtigter Text mit deutscher Übersetzung, sachlicher und sprachlicher Erklärung und vollständigem Register von H. Aubert und Fr. Wimmer, 2 Bde., Leipzig 1868 (= Hist. an.); Aristoteles, Politik, Nach der Übers. von Franz Susemihl mit Einl., Bibliographie und zusätzlichen Anm. von Wolfgang Kullmann, Reinbek b. Hamburg 1994 (= Pol.); Dante Aligheri, Über die Volkssprache. De Vulgari Eloquentia, Lateinisch und deutsch, Übersetzung von Thomas Vormbaum, St. Augustin 2009; Publius Ovidius Naso, Metamorphosen, In deutsche Hexameter übertragen und mit de Text hrsg. von Erich Rösch, München 1952 (= Met.); C. Plinius Secundus d.Ä., Naturalis historiae libri XXXVII/Naturkunde, hrsg. und übersetzt von Roderich König in Zusammenarbeit mit Gerhard Winkler, Buch X: Zoologie: Vögel. Weitere Einzelheiten aus dem Tierreich, München/Zürich 1986 (Nat. hist.); 3 Sie erschräken über das von ihnen gelegte Ei, schüttelten sich, reinigten sich und das Ei selbst mit gewissen Grashalmen – worin Plinius sowohl ein ›technisches‹ Saubermachen (purificant) als auch die religiöse Sühne (lustrant) entdeckt. Dem Herausgeber der einschlägigen frühneuzeitlichen Edition der Naturalis historiae, dem französischen Jesuiten Jean Hardouin – durch die Plinius-Ausgabe ist er bekannt, durch seine aufsehenerregende These, dass beinahe die gesamte antike und mittelalterliche Überlieferung das konspiratorische Machwerk einer benediktinischen Verbrecherbande sei, berüchtigt geworden – ist diese Bemerkung eine Fußnote wert: „Das ist beinahe niedlich: als ob es der von ihrer Bewegung aufgewirbelten Staub wäre, sollen sie die Folgen der Geschlechtsliebe abschütteln und sich so reinigen (lustrent).“ Allerdings gäbe es für diese Beobachtung dann doch eine deutlich elegantere Erklärung, die man in Albertus’ Magnus Büchern De animalibus finden könne: Er berichtet, dass Hühner die gelegten Eier dadurch warmhielten, dass sie Flachsstengel darüber breiteten (De an. VI.1.1). 4 Die Übersetzung an dieser Stelle von mir – diejenige der verwendeten Ausgabe trägt leider gerade den Bedeutungsnuancen wenig Rechung, auf die es in diesem Zusammenhang ankommt.
5 Georg Christoph Lichtenberg, Schriften und Briefe, hrsg. von Wolfgang Promies, Bd. 1: Sudelbücher I, Frankfurt am Main 1994, J 371, S. 707. 6 Gottfried Wilhelm Leibniz, Neue Abhandlungen über den menschlichen Stand, Philosophische Schriften, hrsg. und übers. von Wolf von Engelhardt und Hans Heinz Holz, Bd. 3.2, Frankfurt am Main 1996, S. 5 (Kursivierungen SK). 7 In harmloserer Form tragen diesem Umstand Echo-Witze Rechnung wie der des Bürgermeisters von Wesel. 8 Friedrich A. Kittler, „Autorschaft und Liebe“, in: Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften, hrsg. von dems., Paderborn 1980, S. 156 (Kittler paraphrasiert die Anekdote nach Yoel Hoffmann, Der Ton der einen Hand. Die bisher geheimen Antworten auf die wichtigsten Zen-Koans, Bern et al. 1978, S. 29); dort auch der Hinweis auf die eben zitierte Dante-Passage. 9 Großes vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste […], Bd. 1 (1732), Sp. 1511f., s.v. Alster; Bd. 26 (1740), Sp. 614, s.v. Papagey. 10 Alfred E. Brehm, Illustrirtes Thierleben. Eine allgemeine Kunde des Thierreichs, 3. Band, Hildburghausen 1866, S. 3. 11 Jules Michelet, Das Leben der Vögel, Aus dem Französischen, Berlin 1857, S. 193. 12 Daniel Paul Schreber, Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken nebst Nachträgen und einem Anhang über die Frage: „Unter welchen Voraussetzungen darf eine für geisteskrank erachtete Person gegen ihren erklärten Willen in einer Heilanstalt festgehalten werden?“, Leipzig 1903. – Angesichts der verwickelten Editionslage von Schrebers Buch weise ich die Zitate mit den Seitenzahlen der Originalausgabe aus; die von mir verwendete Edition ist die von Samuel Weber herausgegebene und eingeleitete (Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1973). 13 Uwe Wirth, „Kultur als Pfropfung. Pfropfung als Kulturmodell. Prolegomena zu einer Allgemeinen Greffologie (2.0)“, in: Impfen, Pfropfen, Transplantieren, hrsg. von Uwe Wirth, Berlin 2011, S. 13. 14 Michelet, Das Leben der Vögel, S. 195. 15 Andrés Galeano, El canto de los pájaros, „Creacions al vol“, Espai f, Mataró (E), 2011; zitiert nach dem Beschreibungstext von Galeanos Homepage: http://www.andresgaleano.eu/blog-2/page4/page48/page48.html. Vgl. auch Andrés Galeano, Presume, Mart Stam Förderpreis 2011, hrsg. von der Mart Stam Gesellschaft, Förderverein der Kunsthochschule Berlin-Weißensee und der mart stam stiftung für kunst + gestaltung, Berlin 2012. Den Hinweis auf Galeanos Performances/Installationen und deren Dokumentation verdanke ich Karin Krauthausen (Berlin).
S T E PH A N K A M M E R , geboren in Basel, Studium der Germanistik, Neueren allgemeinen Geschichte und Soziologie an der Universität Basel (Promotion im Jahr 2000). 1997-2000 Stipendiat des Graduiertenkollegs »Textkritik als Grundlage und Methode historischer Wissenschaften« an der LMU München, 2001-2007 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Sprache und Literatur II der Goethe-Universität Frankfurt am Main. 2008-2010 Visiting Fellow am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (Berlin) und assoziierter Wissenschaftler an der institutsübergreifenden Forschungsinitiative »Wissen im Entwurf. Schreiben und Zeichnen als Verfahren der Forschung«. 2011 Habilitation in Neuerer deutscher Literaturwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Im März 2012 akademischer Gast am Zentrum Geschichte des Wissens (ETH/Universität Zürich). Seit 2008 Vertretungs- und Gastprofessuren an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, der LMU München und der Universität Wien.
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to bird mortality during migration, and many birds do not survive the journey between wintering and breeding grounds (Newton 2008). Birds have many strategies to conserve energy during these long flights. Consider the Blackburnian Warbler (Dendroica fusca), another small landbird weighing 8-10 grams. This species migrates at night. The wintering grounds are in the highlands of southern Central and northwestern South America. During spring migration, birds fly northward across the Gulf of Mexico and either up the Mississippi River or along the eastern seaboard of the United States to reach breeding grounds in northeastern North America (Morse 2004) – a journey of 5-8,000 km. Many of these small-bodied species migrate during the cool of the night. Some birds fly the entire route without stopping. Others will stop along the way to eat and thereby refuel their flight. Advantages to night migration include: landing and foraging (or ‘stopover’) during the day when finding food is easier; flying at night when the temperatures are lower reduces overheating and dehydration during long flights; flying at night when humidity is higher and less energy is needed to counteract overheating; and flying when wind speeds and turbulence are lower to reduce the amount of energy needed to stay on course (Newton 2008). Birds can use an array of tools to help them navigate and orient during their nocturnal flights. Birds use celestial cues (including sunset and horizon glow, and light polarization patterns), a star compass, and geomagnetic field of I N T RO DUC T I O N the earth coupled with an internal clock. Prevailing tail winds help speed them on their Human-caused mortality to migratory birds can have population-level impacts and imBirds have captured people’s imagination for millennia, with their soaring flight, melopact the conservation status of a species. Second only to habitat fragmentation, collision dious song, acrobatic behavior, vibrant colors, or something else. A 200,000 year-old Pawith clear and reflective glass is the greatest human-related cause of bird mortality. Estileolithic cave painting from Lascaux Cave, France, picturing a long-legged bird standing mates of one billion birds in the United States per year are most likely an underestimate near a bird-headed human and a charging bison (Krippner 2010) is evidence that this (Klem at al. 2009, Klem 1990). Perhaps because windows are ubiquitous, the data are fascination is not new. harder to collect than Birds were considered to for other localized be sacred in early Egypt. causes of mortality. Ibis (Threskiornithidae Comparable estimates for other humanfamily) were often emcaused sources are: balmed in royal tombs. 49 BY SUSAN ELBIN A Legends and myths are vehicular collision (60 rife with mystical birds: million), mortality at the phoenix, rising from the ashes; wise owls; clever crows; and powerful hawks. Cranes communication towers (4-5 million), collisions at wind turbines (400,000), and predation by free-roaming cats (hundreds of millions) (Longcore et al. 2012, Klem et al. 2009). symbolize love, bluebirds bring happiness, and a single dove portends peace. In classical and contemporary music, Mozart, Beethoven, and Messiaen have captured birdsong in some of their most famous masterpieces (“Die Zauberflöte”, “Symphony No.6”, and “Le The issue with buildings/glass is two-fold: nighttime light from individual, tall buildings merle noir”, respectively). and from a more diffuse urban glow within a city can overpower a bird’s natural cues for navigation at night. Bright lights, especially on an overcast night or when the moon In addition to their place in culture, birds play a role in the local economy. In the Uniis new, can overpower the weaker visible light from the stars. Although the mechanics ted States, birdwatching is a popular hobby. According to the U.S. Fish and Wildlife of how light affects migration, researchers have found nocturnal migrants congregating Service, there are an estimated 46 million birdwatchers, spending 32 billion dollars a around light sources (Gauthreaux and Belser 2006) and changing their flight behavior year on bird books, binoculars and travel. Moreover, birds are an integral part of the (Andrew Farnsworth, personal communication). Night-migrating birds are often atecosystem. They consume pests (insects, rodents, reptiles), spread plants through their tracted to and congregate around bright light (Evans et al. 2007). Throughout modern droppings, pollinate flowers, and eat carrion. history, clouds of birds have been observed fluttering around lit-up structures, such as lighthouses, bridges and skyscrapers, including the Empire State Building and the Statue of Liberty. Nocturnally migrating birds can be disoriented by light and become irds are important and need to be protected. Prior to the U.S. Migratory Bird “trapped” by illuminated structures. Treaty Act of 1918 (MBTA), long-legged wading birds (e.g. egrets and herons) were nearly driven to extinction from hunting for the millinery trade. Birds At night, birds may collide with lighted windows on high-rise building. During the were slaughtered for their feathers, which were used to decorate hats worn by month of April 2011, Elbin found three warblers and two sapsuckers on balconies at women of high society. Protection of the Great Egret (Ardea alba) and other waterbirds the 42nd story level on a building in lower Manhattan. More often, though, birds will led to the formation of the National Audubon Society. The MBTA protects all migratobecome confused or disoriented by the light and up wind up spending the night on sidery species, but enforcement is not easy, especially for neotropical landbirds birds during walks or pocket parks. The next morning they will be ready to either forage for food or migration. For example, Consilium Place, a three tower complex in Toronto, Ontario, they will be ready to lift off to continue their flight. It is at this time that habitat (trees, Canada, has caused the death of at least 7,000 birds from 2000-2010. Environmental shrubs, sky) reflected in glass windows proves fatal. Birds will fly, full force, into what groups sued the government, and after two years of litigation, the charges were dislooks like sky or trees, only to wind up dead on the sidewalk. Most collisions occur dumissed. The building owners were not found to be responsible for the bird mortalities. ring the day at the lower levels of buildings, where large glass exteriors reflect abundant The company owning the complex, however, voluntarily retrofitted the windows to revegetation or sky, or where transparent windows expose indoor vegetation. (Klem 2009, duce bird mortality (Trapper 2012). San Francisco, California, and Toronto, Ontario, Klem et al. 2009, Gelb and Delacretaz 2006, Klem 1991). have bird-friendly guidelines in place, to be followed when new governmental buildings are constructed. Since 1997, New York City Audubon has been involved in the issue of bird collisions with glass. New York City is located at the intersection of several migratory routes (flyAn internationally recognized mark of excellence in architecture, Leadership in Enerways), and the city’s tall buildings and reflective glass pose a serious threat to over 100 gy and Environmental Design (LEED), provides a framework for identifying and imspecies of migratory birds, some of which are experiencing long-term population decliplementing practical and measurable green building design, construction, operations nes. New York City Audubon‘s Project Safe Flight (PSF) was started by a few dedicated and maintenance solutions. A LEED Pilot Credit for Bird Collision Deterrence was volunteers working to protect these birds. Continuing every year since then, Project implemented in 2012. Architects, building owners, and tenants can be responsible for Safe Flight‘s conservation efforts focus on collision prevention, injured bird rescue, and saving thousands of birds through responsible planning and retrofitting of problematic monitoring for dead birds. building (glass) features.
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Many hundreds of species of birds undertake a seasonal movement or migration at night, flying to or from wintering grounds and summer breeding grounds. En route they may cover thousands of miles over land or water. But changing seasons can be a time of uncertainty and stress for migratory birds (Faaborg et al., 2010). Not surprisingly, researchers have shown that migration accounts for the majority of annual adult mortality in many species of land birds. Sillett and Holmes (2002) found that annual adult mortality in Black-throated Blue Warblers (Dendroica caerulescens), a small-bodied bird about 13 cm long and weighing 9-10 g, was 15 times higher during migration than any other time of the year. Eighty-five percent of the annual mortality for that species occurred during migration. Migration is an energetically expensive activity, and migratory birds may increase their body mass by 50% or more. To fuel their flight, shorebirds have been found to more than triple their weight prior to migration (Kvist and Lindstrom 2003). Although difficult to measure directly, predation, bad weather, ill health, and lack of food can all lead
Teams of volunteer citizen scientists have been trained to patrol areas of the city as part of PSF. Volunteers record: species of bird, condition (dead, injured, stunned), location, date, and time of day. Analysis of these data has helped shape the guidelines for creating bird-friendly buildings. C O L L I S IO N S W I T H G L A S S Death or injury for migrating birds occurs all too frequently in New York City, and we estimate that 90,000 birds die every year from collision with glass. The problem is simple: birds do not perceive glass as a solid barrier. They attempt to either fly through it or into it. During spring (March through early May) and autumn (September through early November) migration, volunteers patrol the streets of New York City in search of dead and injured birds that have collided with buildings. Injured birds are transported to animal
care centers or rehabilitators and are released in the wild after their recovery. Dead birds are collected and used for study skins either at New York City Audubon or at the New York State Museum in Albany. All the data from collected birds (dead or injured) are entered in our database, providing a powerful tool for understanding the geography and dynamics of urban bird collisions. Between 1997 and 2012, nearly 5,500 dead or injured birds have become part of the PSF database. Because of this long-term monitoring program, we have been able to add to the understanding of urban bird collisions and investigate ways to prevent them from occurring. S O L U T I O N S T O B I R D C O L L I S IO N S There are two basic problems to solve, to reduce collisions with glass: night-time artificial lighting that attracts birds to urban sites near building structures; and reflective glass. Solutions exist and are addressed in New York City Audubon’s PSF program as 1) Lights Out New York (Lights Out) and 2) Bird-Friendly Buildings: Green Construction‘s Next Dimension (Bird-Friendly Buildings).
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R EFER ENCE S Evans, W. R., Y. Akashi, N. S. Altman, A.M. Manville, II. 2007 Response of night-migrating songbirds in cloud to colored and flashing light. North American Birds. 60:476-488. Faaborg, J., R. T. Holmes, A. Anders, K. L. Bildstein, K. M. Dugger, S. A. Gauthreaux, Jr., P. Heglund, K. A. Hobson, A. E. Jahn, D. H. Johnson, S. C. Latta, D. J. Levey, P. P. Marra, C. L. Merkord, E. Nol, S. I. Rothstein, T. W. Sherry, T. S. Sillett, F. R. Thompson III, And N. Warnock. 2010. Recent advances in understanding migration systems of New World land birds. Ecological Monographs, 80(1), 2010, pp. 3–48 Gauthreaux, S.A., Jr. and C.G. Beser. 2006. Effects of artificial night lighting on migrating birds. In: Ecological Consequences of Artificial Night Lighting. (eds. C. Rich and T. Longcore), pp. 67-93. Covelo, CA: Island Press. Gelb, Y. and N. Delacretaz. 2006. Avian window strike mortality at an urban office building. Kingbird 56(3):190198. Klem, D., Jr. 1990. Collisions between birds and windows: Mortality and prevention. Journal of Field Ornithology 61(1):120-128. Klem, D., Jr. 1989. Bird-window collisions. Wilson Bulletin 101(4):606-620. Klem, D., Jr. 1991. Glass and bird kills: An overview and suggested planning and design methods of preventing a fatal hazard. Pp. 99-104 in L. W. Adams and D. L. Leedy (Eds.), Wildlife Conservation in Metropolitan Environments. Natl. Inst. Urban Wildl. Symp. Ser. 2, Columbia, MD.
ights Out New York and Artificial Light. The solution to artificial light is to Klem, D. Jr., D. C. Keck, K. L. Marty, A. J. Miller Ball, E. E. Niciu, C. T. Platt. 2004. Effects of window angling, feeder placement, and scavengers on avian mortality at plate glass. Wilson Bulletin 116(1):69-73. turn the light out. By 2005, growing awareness of light’s fatal attraction to birds led New York City Audubon to start the Lights Out New York program. Klem, D. Jr., C. J. Farmer, N. Delacretaz, Y. Gelb and P.G. Saenger. 2009. Architectural and Landscape Risk Factors Twice a year during migration, New York City Audubon reaches out to owners, Associated with Bird-Glass Collisions in an Urban Environment. Wilson Journal of Ornithology 121(1): 126-134. managers, and tenants of tall building in the city, asking them to extinguish exterior Klem, D. Jr. 2009. Preventing Bird-Window Collisions. Wilson Journal of Ornithology 121(2):314–321. decorative lighting from midnight to dawn during peak migration, from midnight until dawn. Tenants are asked Krippner, S. 2010. Cave Paintings and the Human Spirit: to turn off the lights at The Origin of Creativity and night on unoccupied Belief. Time and Mind, 3(3), floors and in unused 335-338. space, and use task lighKvist, A. and A. Lindstrom. ting at the workstation. 2003. Gluttony in migratory 49 BY SUSAN ELBIN B By 2012, more than 100 waders – unprecedented energy assimilation rates in vertebrabuildings or building tes. Oikos 103:397-402. complexes have signed on to the program, including number of the city’s iconic buildings (Chrysler Building, Rockefeller Center, and 501 Lexington Avenue). Some builLongcore, T., C. Rich, P. Mineau, B. MacDonald, D. G. Bert, L.M. Sullivan, E. Mutrie, S. A. Gauthreaux Jr., M.L. Avery, R.L. Crawford, A. M. Manville II, E. R. Travis, and D. Drake. Avian mortality at communication ding, light the Empire State Building, extinguish their lights during this time, but have towers in the United States and Canada: which species, how many, and where?. Biological Conservation 158 (2013) not signed on for the official program. 410–419
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Other cities around the country have similar Lights Out programs. In downtown Chicago, Illinois, about 100 buildings go dark after 11pm for six months during spring and fall migrations. That is “virtually all of the buildings downtown over 40 stories,” according to Annette Prince, director of Chicago Audubon Society‘s Chicago Bird Collision Monitors. And in May, Minnesota’s governor signed a bill that requires structures owned or leased by the state to turn out the lights after midnight during spring and autumn migrations. Other bills supporting Audubon lights-out efforts have been passed or sponsored in Michigan, Massachusetts, and San Francisco. Turning out lights saves birds and energy costs (dollars).
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eflective or Transparent Glass. Birds do not recognize glass as a barrier. They try either to fly into it (If it is reflecting habitat) or through it (if habitat is visible on the other side). The solution is to make glass visible to birds. There are several ways to do this: reduce the amount of glass on a building’s façade; coat the glass with non-reflective film; use opaque glass; etch patterns on the external surface of the glass; use window treatments such as ultra-violet reflecting and absorbing film, bars or stripes, overhangs or awnings over expanses of glass; use glass that is visible to birds. One of New York City Audubon’s first successes was in retrofitting the highly reflective windows at the Morgan Mail Processing Facility (421 8th Avenue, New York, NY). Collision rate went from 30 birds a week prior to the retrofit, to zero birds after the retrofit. This and other solutions are described in New York City Audubon’s the Bird Safe Building Guidelines (New York City Audubon 2008) and American Bird Conservancy’s Bird-Friendly Building Design (Sheppard 2011).
There are many different ways to solve the problem of bird collisions with glass. The first step is to monitor the building for collisions and determine where and why the problem exists. The next step is to work with the building owners, to treat the windows and make them visible. Installing bird-friendly glass or covering an entire building façade with window film can be costly. But the cost is insignificant when compared to the decline in migratory bird species that humans may be causing with architecture and lighting.
Morse, Douglass H. 2004. Blackburnian Warbler (Setophaga fusca), The Birds of North America Online (A. Poole, Ed.). Ithaca: Cornell Lab of Ornithology; Retrieved from the Birds of North America Online:http://bna.birds. cornell.edu.bnaproxy.birds.cornell.edu/bna/species/102 doi:10.2173/bna.102 Newton, I. 2008. Mass Mortality of Migrants. pp. 805-821 in The Migration Ecology of Birds. (ed. Newton, I.) Burlington, MA. Elsevier. New York City Audubon. 2008 (second printing). Bird-Safe Building Guideline. New York City Audubon Society. New York, NY. 50 p. Sheppard, C. 2011. Bird-Friendly Building Design. American Bird Conservancy, The Plains, VA, 58p Sillett, T. S., and R. T. Holmes. 2002. Variation in survivorship of a migratory songbird throughout its annual cycle. Journal of Animal Ecology 71:296–308. Trapper, J. Nov 14, 2012. Building owners not responsible for deaths of birds that fly into it, judge rules. http:// www.thestar.com/news/gta/article/1287865--building-owners-not-responsible-for-deaths-of-birds-that-fly-into-itjudge-rules.
S U S A N E L B I N is the Director of Conservation and Science for New York City Audubon where her work is focused on urban ecology—conservation of migratory landbirds and waterbirds in New York City. Susan has worked in the field of conservation, within the US and internationally, for more than 25 years. She holds an MS degree in Ecology (Pennsylvania State University) and a PhD in Ecology and Evolution (Rutgers University). She is an adjunct professor at Columbia University, where she teaches courses in ornithology and migration ecology. Susan chairs the board of the Ornithological Council and is President-elect of the Waterbird Society.
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VON THOMAS KELLNER
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er Speierling (sorbus domestica) ist der seltenste und geheimnisvollste Baum Deutschlands. Nur noch ca. 4000 alte Bäume gibt es in unserer ausgeräumten Kultur- und Waldlandschaft. Woran das wohl liegt? Fast niemand mehr kennt den Baum trotz Pisa-Maßnahmen und HightechZeitalter. Wie aber sollen Lehrer, Professoren, Naturschützer und Förster über einen Baum berichten, den man nur durch eifrige Suche in der Natur entdecken kann? Denn zu Entdecken gibt es einiges: Baum, Rinde, Knospe, Blatt, Blüte, Frucht, Inhaltsstoffe, im Wandel der Jahreszeiten, erlebbar durch Fühlen, Riechen, Schmecken und Tasten. Den Baum als Mikrokosmos gilt es zu erkunden. Evolution, Geschichte, Kultur, Gesundheit, Energie – überall ist der Speierling als Teil des Makrokosmos mit beteiligt. Der Speierling ist botanisch gesehen der große Bruder der Vogelbeere. Die Elsbeere und die Mehlbeere sind die anderen Geschwister. Als größter Vertreter der Rosenfamilie ist der Speierling sozusagen das Oberhaupt, der Rosenpatriarch (die Elsbeere ist die Patriarchin). Sein lateinischer Beiname, sorbus domestica, weist in besonderem Maße darauf hin: Heimat, zum Haus, zum Menschen hingestellt. Doch Heimat verloren, das hat der Speierling. Unkenntnis, Kriegswirren, Lieblosigkeit und verlorenes Wissen über seine Vorzüge haben ihn fast ausgerottet. Dazu kommen die schwierige Nachzucht von Jungpflanzen, das Fehlen der Mutterbäume und noch dazu der Wildverbiss. In der angeblich freien Natur haben kleine Speierlinge ohne Verbissschutz gegen Rehwild leider keine Überlebenschance mehr. Die heilkräftigen Knospen und Blätter schmecken einfach zu gut. Der Speierling braucht viel Licht zum Wachsen und immer eine freie Krone zum Entfalten. Den Kelten und Römern war das wohl bekannt. Vielen Wissenschaftlern, Förstern und Umweltschützern ist das leider nicht bewusst, sonst würden nicht immer noch alte Speierlinge wegen Lichtmangel in sogenannten Naturschutzgebieten ein ungepflegtes, verkümmertes Schattendasein fristen müssen. So ist der Speierling unfreiwilligerweise zum Spielball von Politik, Bildung, Wild, Wald und dem Naturschutz geworden. Er erhält nicht die dringend benötigte Beachtung und Pflege, eher wird unterlassene Hilfe- und Licht-Leistung betrieben. Gesellschaftliche Verantwortung trifft sich beim Speierling. Was macht den Speierling so besonders? Speierlingfrüchte sind schon unseren Vorfahren als Kraftnahrung bekannt. Wer weiß heute noch, dass es allein bei uns in BadenWürttemberg mehr als 20 verschiedene Speierlingsorten gibt? In Italien sind sogar über 50 bekannt. Die ersten Früchte reifen im August, die letzten bis November.
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s gibt grüne, grüngelbe, gelbe, gelbrote, rote und braune Früchte von 2 – 6 cm Größe, apfel- und birnenförmig, mit unterschiedlichem Geschmack je nach Reifezustand und Sorte. Unreif kann man sie dem Most zugeben – der typische Frankfurter Äppelwoi hat seinen Namen und die Würze durch den Speierling. Reife Früchte eignen sich gut als Mus und zum Trocknen/Dörren. So sind sie jahrelang haltbar und eine wertvolle Kraftnahrung. Den Inhaltsstoffen wird sogar nachgesagt, dass sie die Zellalterung hinauszögern. Demnach ist es eine gute Altersvorsorge, junge Bäume zu pflanzen. Vielleicht können somit ja die hohen Pensionskosten, die auf die Allgemeinheit zukommen, geschmacklich aufgewertet werden, vor allem im Staatswald, der ja letztendlich allen Bürgern gehört. Die überreifen Früchte, wir haben schon über 120 Öchsle Mostgewicht gemessen, geben ein aromatisches l‘eau de vie (Lebenswasser), auf schwäbisch Schnaps, welcher sich neben der inneren Anwendung auch äußerlich gut als Einreibung verwenden lässt. Der Speierling besitzt das härteste und schwerste heimische Holz. Es wird wegen seiner Stabilität besonders im Möbelbau geschätzt, außerdem für Holzgewinde und als Klangholz. Flöten, Orgelpfeifen, Schalmeien, Dudelsäcke, Krummhörner, Drehleiern, Lauten, Trommeln und Streichinstrumente werden noch immer daraus gefertigt. Speierlingholz ist aufgrund seiner technischen Eigenschaften auch eines der teuersten Hölzer Deutschlands. Der Rindenbast wurde übrigens früher gerne zum Färben verwendet und ergibt einen schönen Ockerton. Das Holz besitzt mit die größte Heizkraft, was vielen Bäumen zum Verhängnis wurde. Das bietet durch zahlreiche Neupflanzungen natürlich gute Chancen, die Energiebilanz des Waldes deutlich zu erhöhen, man denke nur an das Stichwort Energiewende-Waldwende. Vögel brauchen Bäume. Die Früchte des Speierlings sind begehrtes Gut bei Singvögeln. Bienen brauchen Blüten, von denen der Speierling als größtes Rosengewächs viele hat. Vögel lieben alte Bäume, auch wenn es nur noch wenige gibt. T HO M A S K E L L N E R – Schreinerei Urholz „Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Förderung seltener Baumarten wie Speierling, Elsbeere, Eibe + Co. In unserer kleinen Schreinerei gestalten wir seit über 30 Jahren Möbel wie Betten, Tische, Schränke und Skulpturen aus heimischen Edelhölzern. Die Schönheit und Anmut vom Speierling + Co. zeigen zu dürfen, ist uns ein besonderes Anliegen. Durch den Kauf von Speierlingprodukten und Möbeln unterstützen Sie echte Nachhaltigkeit und tragen somit zum Erhalt und zur Neupflanzung von Speierling-Bäumen bei!“
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ie letzten warmen Oktobertage des Jahres 2012 gingen zu Ende. Ich war fleißig am Dachstuhl des Kleinzerbster Forsthauses zu Gange und bereitete die Dachsparren zum Richten am nächsten Tag vor. Wie fast immer in letzter Zeit endete der Arbeitstag mit Einbruch der Dunkelheit. Ich räumte schnell noch das Werkzeug in die Scheune, um dann zum Abendessen nach Haus zu fahren. Doch was waren das für ungewöhnliche Geräusche in der Scheune? Es klang wie das Zischen einer Selbsttränke. Hatte mein Nachbar etwa so etwas installiert? Geht nicht, dachte ich mir, auf der Koppel ist kein Tier zu sehen. Was ist es dann? Mein Blick ging in den Scheunengiebel hinauf: tatsächlich, in dem vor zwei Jahren in der Giebelspitze eingebauten Eulenkasten war Bewegung. Das Trapsen auf dem Kastenboden war deutlich zu hören, und das Zischen kam auch von da oben. Waren nun endlich gefiederte Untermieter in meine Scheune eingezogen? Schleiereulen in dem historischen Forsthauskomplex! Dort, wo einst Carl Andreas Naumann als herzoglicher Revierförster fast 42 Jahre, bis zu seinem Tod im Jahr 1854, tätig war und einen Großteil der heimischen Vögel für die Naumannsche Sammlung in Köthen lieferte und sein umfangreiches Wissen aus der Praxis mit einbrachte.
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ie Ungläubigkeit stand den Denkmalschützern ins Gesicht geschrieben. Sie fänden es schon schön, wenn alles nach meinen Plänen verlaufen sollte und würden mich da auch fachlich und moralisch unterstützen, jedoch könnten sie sich einem Abriss der maroden Nebenanlagen nicht verweigern. Mein Ehrgeiz war geweckt, der Welt zu zeigen, was aus so einem alten Ding machbar ist. Im Sommer 2007 begannen die Aufräumarbeiten und ich begann mit dem Beschaffen der alten Baustoffe. Im Ort wurde eine ehemalige Gastwirtschaft mit Scheune abgerissen. Von dort bekam ich, mit tatkräftiger Unterstützung vieler fleißiger Hände, behauenes Bauholz, handgestrichene Dachziegel und alte Mauerziegel. 2008 wurde dann die Forsthausscheune wieder aufgebaut. Die Ausfachungen wurden entfernt und etwa zwei Drittel des Holzes musste gewechselt werden. 2009 waren Stall und Wirtschaftsbau an der Reihe: komplett entkernen und fast überall neue Fundamente erstellen. Die ehemaligen Bauherren legten nur große Kalksteinplatten auf den Mutterboden und darauf kam der gemauerte Sockel. Der Garten und die Erdkeller wurden nebenbei wieder hergerichtet. Im Jahr 2010 wurde der Innenausbau der Nebenanlagen begonnen, die bis dahin nur rohbaufertig waren, der Hof wurde gepflastert und die Entwässerung verlegt. 2011 wurden diese Arbeiten beendet und der Backofen wurde gebaut.
2012 dann endlich das Wohnhaus. Zuerst entkernen. Die Decke zum Dachgeschoss Doch nun zu mir und meiner Forsthausgeschichte: Aufgewachsen in Kleinzerbst war wurde entfernt, soweit sie nicht schon von selbst runtergefallen war. Der Hausbock mir das Forsthaus nicht unbekannt. Es liegt etwas verwinkelt am Ortsrand des kleihatte schon einen Großteil der Staken aufgefressen. Beim Entfernen der Holzvernen Dorfes am Urschalung kam dann stromtalrand der Elbe. das Übel zum VorUmgeben von saftigen schein. Fast alle FachWiesen und herrlichen, werkschwellen waren sommerkühlen Auenverfault und hatten für wäldern schmiegt sich verschiedene Senkun51 VON THOMAS SCHÖNLEBE das Dorf in die Landgen des Hauses gesorgt. schaft ein. Man musste Die tragenden Fichtendas forstliche Anwesen schon gezielt aufsuchen, um daran vorbei zu kommen, obwohl stiele in den Wänden waren an den Füßen auch verfault oder wiesen starke Fressschäes in nur etwa 100 Metern Entfernung von der Reppichauer Straße liegt. den des Hausbockes auf. Der Dachstuhl, der von innen noch gut aussah, war nach dem Entfernen der Dachsteine erschreckend schlecht. Hausbock und holzzerstörende Pilze Zu DDR-Zeiten noch Wohn- und Dienstsitz der Revierförster und mit Einliegerhatten sich, begünstigt durch eindringende Feuchtigkeit, breit gemacht, so dass über wohnungen versehen, fristete es seit der Wende einen Dornröschenschlaf. Bewohnt die Hälfte der Sparren ausgewechselt werden mussten. Das Jahresziel wurde trotz aller wurde es noch von der Dorfältesten, die 1944 als Ausgebombte von Dessau zu ihrem bösen Überraschungen geschafft. Die Eulen waren dabei meine treuen Begleiter und Schwiegervater, dem damaligen Revierförster, nach Kleinzerbst zog. übernahmen verantwortungsbewusst die nächtliche Bauüberwachung.
MEINE GEFIEDERTE BAUÜBERWACHUNG
Das Land, welches dieses Denkmal noch im Besitz hatte, versuchte es zweimal in den neunziger Jahren zu verkaufen - allerdings erfolglos. Im Jahr 2006 überlegte ich mir, wo ich nun zukünftig einmal leben wollte. Auf dem Hof meiner Eltern hatte ich schon vor Jahren begonnen, einen ehemaligen Stall als Wohnung umzubauen. Meine Begeisterung für dieses Bauprojekt, mit zukünftig drei Familien diesen Hof zu bewohnen, schwand dann doch mit der Zeit. Etwas Eigenes sollte her. Da, wo ich mich verwirklichen kann und selbst bestimme, wie ich lebe und mein Domizil gestalte. Schon als Kind war ich fasziniert von alten Häusern und ihren Geschichten, die sie erzählen: von den Generationen, die darin lebten; den Handwerkern, die mit einfachen Mitteln solche Gebäude errichteten und sich so in Holz und Stein verewigten. Auch die Ruhe und Geborgenheit, die solche Häuser ausstrahlen, fesselte mich immer wieder. Da lag es nun, ein in die Jahre gekommenes Schmuckstück und wartete darauf wieder hervorgeholt zu werden: das Forsthaus. Angeblich im Jahr 1765 erbaut, gleicht es doch eher einem Herrenhaus statt einem klassischen Forstanwesen. Im Jahr 2007 kaufte ich es dann. Nicht wenige hielten mich für etwas verrückt: die Nebenanlagen im ruinösen, abbruchreifen Zustand, ein Grundstück fast zwei Morgen groß, mit einem verwilderten Garten, einem unbefestigten Hof und einem Wohnhaus, das bestenfalls noch einen brauchbaren Rohbau ergeben könnte. Mein Enthusiasmus war jedoch ungebrochen und eine gewisse „Blauäugigkeit“ gehörte auch dazu. Bei dem ersten Vororttermin mit der Denkmalschutzbehörde stellte ich meine Pläne vor: Zuerst sollten Scheune, Stall und Wirtschaftsbau wieder hergerichtet werden, dann der Hof gepflastert, der Garten wieder als Park gestaltet, ein Backofen gebaut und zu guter Letzt das Wohnhaus restauriert werden. Alles sollte so weit wie möglich mit bauzeitlichen Baustoffen erfolgen.
Oftmals hatte ich schon, bei nächtlicher Jagd, Kontakt zu diesen lautlosen Jägern. Sie setzten sich auf dem Hochsitz neben mich, zum Greifen nah, und spähten mit mir auf der Suche nach Beute in die Nacht. Ich hörte nur das Aufsetzen der Krallen, das die Stille der Nacht durchbrach. Lautlos glitten sie wieder davon, wenn sie eine Maus ausmachten oder doch stutzig wurden über den großen Mitbeobachter neben ihnen. Das nächtliche Fauchen auf meinem Hof war auch bei den Nachbarn nicht unentdeckt geblieben. Dem „world-wideweb“ sei Dank stellten sie das Fauchen als Ruf der Schleiereulen fest. Die Eulen hatten aufgrund des mäusereichen Jahres noch eine späte Brut gesetzt und ziehen sie nun im Eulenkasten meiner Scheune auf. Nachts sitzen sie dann auf den Dachgauben, dem Backofen oder in den alten Bäumen im Park und rufen in die nächtliche Stille. Ich fahre nach Hause. Im Scheinwerferlicht fliegt eine Eule durch die Dunkelheit, über die nebligen Wiesen und die Auenwälder, wie schon seit ewigen Zeiten. Seit Naumann und vielen Generationen früher und hoffentlich noch Jahrhunderte nach mir. Sie werden dann wieder ihre Brut großziehen, in der Scheune, die ich einst für sie mit aufbaute. Mal sehen, was das neue Jahr bringt. Das Haus soll fertig werden, ich möchte einziehen und ich freue mich auf meine gefiederten Mitstreiter.
T HO M A S S C HÖ N L E B E , geboren Februar 1975 in Dessau, nach Realschulabschluss Ausbildung als Orthopädieschuhmacher, Meisterabschluss 2003 und selbstständig seit 2005.
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ass der Mensch dem Vogel dessen Flügel und die damit verbundene Flugfähigkeit neidet, ist ein uraltes strukturelles Vogelproblem. Wie die Geschichte zeigt, hat es nicht an Versuchen gefehlt, sich durch an den Körper montierte Federn und andere Flügelteile flugfähig zu machen. Heute ist es möglich, nicht nur in Flugzeuge zu steigen und sich von Türmen und Bergen zu stürzen, ohne dabei Leib und Leben zu riskieren wie einst der „Schneider von Ulm“. Dank Drachenflügelapparaten, Gleitschirmen und Ähnlichem sowie dank des Wissens über Thermik, die Physik der Lüfte, darüber, wie sich der Wind als Auftriebskraft nutzen lässt, können sich Menschen durch die Luft bewegen. Aber kaum ein fliegender Mensch erreicht die Flugeleganz eines Adlers oder die kleine feine Flugkraft eines Kolibris. Als 1909 der Italiener Filippo Tommaso Marienetti in seinem „Futuristischen Manifest“ verkündete: „Bald werden wir die ersten Engel fliegen sehen!“ meinte er damit etwas anderes als eine durch umständliche äußere Apparate ermöglichte Flugfähigkeit. Er proklamierte, weitaus radikaler als andere Avantgardisten seiner Zeit, die Schöpfung eines „Neuen Menschen“, der ein „mechanischer“ sein würde; ein Mensch, sich der soweit zur Maschine bekennt, dass er bereit ist, sich selbst radikal zu mechanisieren und wie ein technisches Objekt zu behandeln und umzubauen, welches dann, mit ausreichend Ergänzungs- und Ersatzteilen ausgestattet, gewiss nicht nur fliegen, sondern auch irgendwann unendlich leben könnte.
Wäre es möglich, in Erinnerung an dieses Experimentieren mit dem Leib- und Körperbewusstsein in jener eigenartig schillernden Aufbruchsphase der europäischen Moderne – in der es erstmals darum ging, eine neue Balance aus zweifelhaft gewordener Intuition und wissensbasiertem Handeln zu gewinnen – übend anzuknüpfen? Wir wissen ja, dass wir uns ändern müssen, dass die Art und Weise, in der wir derzeit unsere Körper und damit unsere Welt bewirtschaften, nicht längerfristig aufrechtzuerhalten ist. Ähnlich wie am Beginn der Moderne leben wir immer noch mit dem Bewusstsein, als künstliches Naturwesen oder natürliches Kunstwesen planvoll handeln zu müssen, können uns dabei aber weder auf unsere Instinkte, noch auf die sich ständig ändernden wissenschaftlichen Erkenntnisse verlassen. Wir sind im Grunde immer alle Amateure und Dilettanten eines richtigen Lebens. Es geht gar nicht anders, als dass sich der Mensch als übendes Subjekt fortwährend neu erfindet. Und dazu gehören auch alle Leibesübungen, welche nicht in messbaren und zweckmäßigen Leistungsfortschritten des Körpers münden – im Sport, in Gymnastik und Tanz. Schon in der platonischen Politeia verbanden sich elementare gymnastische und musische Kunst-Übungen zu einem Propädeutikum, das dem eigentlichen Lernen vorausgeht.
Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gibt es eine Wiederentdeckung des übenden Lebens, die Peter Sloterdijk in seinem Buch „Du musst dein Leben ändern“ (2009) auch als „athletische Renaissance“ und als „Entspiritualisierung der Askesen“ Auch der russische Theatermacher Wsewolod Meyerhold hoffte auf den „Neuen Menbeschrieben hat. Der absolute moderne Vorrang des Produktwertes wird dabei zuschen“, vor allem aber in Gestalt neuer Schauspieler. Ihm ging es allerdings nicht darum, gunsten von Übungswerten, Performanzwerten und Erlebniswerten revidiert bzw. seine Schauspieler umzubauen, sondern als spielende Kunstmenschen neu zu trainieren. relativiert. Im Sport, in neuen Gymnastiken und nicht zuletzt im populären Tanzen In seinem Aufsatz „Der Schauspieler der Zukunft und die Biomechanik“ schrieb er feiern die selbstbezügliche Bewegung, die Intensivierung des übenden Subjekts, das 1922, dass es jenem möglich sein müsse, nutzlose Spiel, die überflüssige Verausgasich „jedes beliebige in Freiheit lebende bung einigermaßen mutwillig ihr unbeTier, insoweit dessen Bewegungen orgastimmtes, aber hoffnungsvolles Dasein. nisiert und mechanisiert sind, als Objekt Wenn wir weder unseren Instinkten noch für ein Schema (von) puppenartigen Beden Wissenschaften vollends vertrauen könwegungen“ anzuverwandeln. Sein Schaunen und Zukunft vor allem unvorhersehbar 52 VON TORSTEN BLUME spieler sollte demnach als eine perfekt ist, bleibt uns als selbstbewussten Amateufunktionierende Bühnengestalt, die auf ren des Lebens nur ein beständiges Experider Bühne „wie ein vollkommener Auto-Motor“ gezeigt werden kann, so trainiert sein, mentieren mit Materialien und Anregungen aus den unterschiedlichsten Quellen und ein „daß er augenblicklich alle von außen erhaltenen Aufgaben (...) ausführen“ kann. SoÜben auf der Suche nach dem Bestmöglichen, wobei alle Versuche, beglückende Beweweit mir bekannt ist, hat Meyerhold keinem seiner Schauspieler je die Aufgabe gestellt, gungen in uns selbst – z.B. im Nachahmen oder Nachempfinden des Vogelfluges – zu wie ein Vogel zu fliegen oder auch nur dessen Flügelbewegungen nachzuahmen. Und finden, auf jeden Fall nicht schaden können. in seinem „Taylorsystem für Schauspieler“, das ihm als Weg zur Rationalisierung der gestischen Ausdrucksmittel galt und das auf der analytischen Segmentierung kleinster Auch der russische Avantgardist Wladimir Tatlin, der sich in den 1920er Jahren auf Bewegungseinheiten basierte, gehörte der Vogelflug nicht zu den untersuchten Bewedie Suche nach einer körperlich-kinetischen Dimension des Fliegens begeben hatte und gungssystemen. Meyerholds „Biomechanik“, die er bis zum Ende der 1920er Jahre in schließlich 1929/32 seine visionäre Flugplastik Letatlin schuf, in der der Mensch gleichetlichen Aufführungen zur Anwendung brachte, ist wie viele andere avantgardistische sam innerhalb eines Vogelkörpers liegt, hatte kaum annehmen können, dass dieses GeProgramme aber auch ein unvollendetes und heute weitgehend vergessenes Programm rät den Menschen wirklich jemals im praktischen Sinne flugtauglich machen würde. geblieben. Nichtdestotrotz vermag der ungeheure Glaube an die Entwicklungs- und Dementsprechend erklärte er 1932 dem Reporter des „Moskauer Abendblattes“: „Ich Entfaltungsmöglichkeiten des menschlichen Körpers bis heute zu faszinieren, wennmöchte nicht, dass man an diesem Gegenstand nur vom Standpunkt der Nützlichkeit gleich auch die damit verbundenen totalitären Implikationen eines systematisch reguherangeht. ... Sehen Sie diese Krümmung des Flügels: Ich finde sie ästhetisch vollkomlierten Menschen natürlich nicht verdrängt werden können. men.“ In dieser Aussage gibt es keinerlei Spur eines Flügelneids. Jenseits allen Wissens darum, dass die menschliche Muskelkraft niemals ausreichen würde um seinen „LeVor allem im Theater der 1920er Jahre sind unzählige Androiden erfunden worden, tatlin“ zu bewegen, jenseits aller konventioneller Logik meinte Tatlin: „Warum sollen die die technische Überwindung der Unzulänglichkeiten des menschlichen Körpers rewir nicht so schweben können wie die Vögel, wenn wir ihre Bewegungen erlernen? ... präsentierten. Meist geschah dies in Form von Puppen oder mittels Kostümen, die die Fliegen erlernen die Vögel als Jungvögel, und die Menschen müssen es ebenso erlernen.“ Darsteller in menschliche Puppen verwandelten. Denn mehr als in jeder anderen Kunst Dafür „wird es an allen Schulen Flugunterricht geben, damit das Fliegen dem Menkommt das Materialhafte des Körpers in den darstellenden Künsten zum Ausdruck und schen ebenso zum Bedürfnis wird, wie derzeit das Gehen“. ist somit ein zentrales Thema jeder Bühne. Die Moderne hatte nicht zuletzt durch ihre technologischen Möglichkeiten und Verheißungen die Schwierigkeiten des Menschen, Eine Methode, dies zu üben, könnte der „Flugtanz“ (Aerodanza) sein, wie ihn die Tänseinen Körper entweder als naturhaftes Relikt, als authentischen Ausdruck des Selbst zerin und Choreographin Gianna Censi am Ende der 1920er Jahre entwickelt hatte: ein oder als Utopie zu denken, intensiviert. In der Konsequenz galt es und gilt bis heute, schwebendes und kurvenreiches Bewegen in ätherischen Formen, den fließenden Charakden menschlichen Körper als Produkt des Menschen, als sein Artefakt, zu denken und ter von Flugbahnen ebenso imitierend wie die Flügelschläge der Vögel – als Bekenntnis der auch zu behandeln. himmlischen Weite des Raumes. Auch Oskar Schlemmer vertrat als Leiter der Bühnenwerkstatt am Bauhaus die Ansicht: „Alles Mechanisierbare wird mechanisiert. Resultat: Die klassische ästhetische Moderne hatte in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts auf die Erkenntnis des Unmechanisierbaren.“ (1925) Trotz aller morphologischen Ähnlichkeieine radikale Neuformierung des menschlichen Lebens gezielt. Ihre Perspektive war uniten, die das menschliche Skelett mit dem eines Vogels hat, kann der Mensch nicht ohne versal, total und auch totalitär. Neue Technologien, neue Maschinen und eine umfasgrößere Umbauten an sich selbst, bzw. Hilfsapparate, vogelgleich fliegen. Aber als „Tänsend industriell bewirtschaftete Welt galten als die großen Hoffnungen, auf welche sich zermensch“ hat er alle Freiheiten, sich dies vorzustellen und so zu tun als ob er es könnte. der Mensch möglichst vollständig vorbereiten, einstellen und einrichten sollte. Wenn Denn laut Schlemmer ist der Mensch „(als) Tänzer ... frei und Gesetzgeber seiner selbst“. man die Programme, Verlautbarungen und Ratgeber von damals genauer liest, fällt aber auch auf, dass die großen Träume zunächst sehr oft von Situationen des Mangels Wenn Übung „die Herausbildung von einfachen, primitiv-unvollkommenen, kombinaund tiefgreifender Verunsicherung geprägt gewesen sind. Dies wird vor allem deutlich, tionslosen Funktionsabläufen zu immer vollendeteren, glatteren, komplexen Situationswenn man versucht, dass angestrebte und mit pathetischem Überschuss proklamierreaktionen von größerer und stets zunehmender Sicherheit ist“ (Robert Werner Schulte te „große Ganze“ und die konkret möglichen Handlungen auseinanderzuhalten. Das in Psychologie der Leibesübungen, Berlin, 1928), dann findet in jeder Art von Übung maschinengestützte „Wirtschaftswunder“ war erst einmal eine große Erwartung. Uneine Entwicklung statt, auch jenseits vorgefasster Ziele – im Falle von Flugübungen auf mittelbar notwendig und möglich war zunächst die Arbeit am eigenen Selbst. Es galt, jeden Fall ein Zugewinn an Beweglichkeit und Ausdrucksmöglichkeiten. Statt Flügelneid die Leiber darin einzuüben, auf neue Weise „gesund und wirtschaftlich“ zu wohnen, herrscht dann wie bei jeder guten Gymnastik Freude über Arme, Beine, Hände und Finein neues Selbstbewusstsein zu trainieren. Und dabei spielten wissenschaftlich, pseuger, die Gelenke und Muskeln sowie eine neue ungewohnte und ungeahnte Dynamik. dowissenschaftlich und künstlerisch begründete „Leibesübungen“ – auf die auch kein Ratgeberbuch für den „Neuen Haushalt“ verzichtete – eine herausragende Rolle. Denn Letzte Reste von Flügelneid werden ggf. durch geschicktes Inkorporieren von Flügelman war sich neu dessen bewusst geworden, dass auch die neue effiziente Küche, wie gesten gewissermaßen positivistisch-affirmativ aufgehoben bzw. sublimiert. die Wohnung insgesamt, in erster Linie ein zweckmäßiges Lebenserhaltungssystem aller Haushaltsmitglieder bilden muss und also von deren biologischen Bedürfnissen, z.B. T OR S T E N B L U M E arbeitet als Kunstwissenschaftler und Kurator sowie als Szenoderen Dynamiken und Energieumsätzen, her gestaltet werden sollte. Und während die graph und Choreograph. Er ist wissenschaftlicher und künstlerischer Mitarbeiter der neuen Maschinen und Apparate für ein leichteres Leben noch auf sich warten ließen, Stiftung Bauhaus Dessau. Unter anderem entwickelt er dort das Projekt play bauhaus mit hatte man den Leib doch schon immerzu zur Verfügung und auch neueste Erkenntnisse Tanz- und Bewegungsinstallationen, Workshops und Ausstellungen. Zuletzt: I-Ging über dessen Ernährungsbedürfnisse sowie über seine physiologische und psychologische Taiso – komponiere Deine Gymnastik (Dessau, Dez. 2012), Atemfrühstück (Berlin, Haus Funktionsweise als ein eigenständiger „Körperhaushalt“. der Kulturen der Welt, Jan. 2013).
JENSEITS DES FLÜGELNEIDS
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er U D G B ( U N A B H Ä N G IG E R DÜ M M E R G E W E R KS C H A F T S B U N D) ist eine Naturschutzorganisation, deren wesentliches Ziel es ist, die Vereinnahmung der Natur und des Menschen für kommerzielle und politische Zwecke zu stoppen. Gegründet am Naturschutzgebiet Dümmer See, um die Interessen der in der Natur und im Naturschutz Arbeitenden gewerkschaftlich zu vertreten, sieht der U D G B den Kampf für eine gerechtere Gesellschaft mit dem Kampf um eine ‚freie Natur’ elementar verbunden. Der U D G B besitzt heute mehrere Ortsgruppen, unter anderem in Münster, Leipzig, München, Stuttgart, Hamm, Häger-Nienberge und Rheine. Ein bisheriger Schwerpunkt seiner Arbeit liegt darin, die Vermarktung der Tierwelt zu hinterfragen und die Öffentlichkeit auf entsprechende Tendenzen aufmerksam zu machen. Besonders kritisch verfolgt der U D G B seit seinem Bestehen das Verfahren zur Wahl des Vogels des Jahres, die vom NABU in Kooperation mit dem Landesbund für Vogelschutz in Bayern durchgeführt wird. Die folgenden internen Papiere, die die Organisation für das Publikationsprojekt ‚Managing Structural Bird Problems‘ zur Verfügung gestellt hat, sollen den Leserinnen und Lesern Beispiel und Mahnung sein.
dass hier der Naturschutz vor den Karren derjenigen gespannt wurde, die nach Profitmaximierung auf Kosten der Natur streben. Dieser Skandal muss aufgedeckt werden, um die Absurdität der bisherigen Praxis der Wahl des Vogel des Jahres zu demonstrieren. Folgende Strategie scheint zielführend: Es werden intensive Kontakte zu den gewerkschaftlich orientierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Lufthansakonzern aufgenommen, die zu einer langfristigen Zusammenarbeit, insbesondere mit der Gewerkschaft UFO, führen. Ziel des Dialogs muss sein, die Lufthansakolleginnen und Kollegen zu bewegen, im Sommer und Spätsommer 2012 den Lufthansakonzern zu bestreiken. Erste Kontakte zwischen U D G B und den Gewerkschaftsvertretern verliefen positiv. Vor allem beim Bordpersonal ist eine große Streikbereitschaft vorhanden. Viele der Genossinnen und Genossen teilen unsere Zielsetzung und sehen die Wahl des Kranichs als einen Skandal an, der als Beleg für die Ausbeutungsstrukturen des Konzerns steht. Während der Streikaktivitäten steht unsere Forderung nach einer fairen Wahl des Vogels des Jahres zunächst noch im Hintergrund. Vordergründung geht es um mehr Lohn und gerechtere Arbeitsverhältnisse. Es ist zu erwarten, dass die Streikaktio-nen der Genossinnen und Genossen eine große Außenwirkung haben werden. Auf dem Höhepunkt der Streikwelle lanciert der U D G B Meldungen über die Unregelmäßigkeiten bei der Wahl des Vogels des Jahres 1978 in den Medien. Dort wird vor allem die merkwürdige Spendenpraxis des Konzerns in jenen Jahren, bei der auffällig intensiv Naturschutzorganisationen bedacht wurden, aufgedeckt. Das breite Interesse der Öffentlichkeit ist uns in diesen Tagen gewiss. Die große Masse der Bevölkerung wird die Wahl zur Vogel des Jahres als das erkennen, was sie ist: Eine ausbeuterische Verdummung von Mensch und Tier. DA S Z K
STRATEGIEPAPIER 11. 2 . 2 012
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UDGB
Der U D G B wird weiterhin radikal die bisherigen Wahlen zum Vogel des Jahres in Frage stellen. Dabei wird er in der diesjährigen Kampagne einer breiten Schicht der Bevölkerung deutlich machen, dass die Wahl zum Vogel des Jahres - unter dem Deckmantel der Artgefährdung und des Naturschutzes - in Wahrheit nur den Profit- und Machtinteressen bestimmter Kreise dient. So wird beispielsweise von uns darauf hingewiesen werden, dass der Eisvogel bereits zwei Mal Vogel des Jahres war. 1973 und zuletzt 2009, genau nach jenem Jahr, in dem der Konsum von Eiswaren erheblich zurückgegangen ist. Wir werden öffentlich und laut fragen, ob es nur ein Zufall ist, dass genau ein Jahr, nachdem der Lufthansakonzern erstmals in rote Zahlen geraten war, der Kranich zum Vogel des Jahres wurde! Auch werden wir fragen, warum, gerade dann, als der Sportwarenhersteller Falke mit einer neuen Werbestrategie auf den Markt drängte, der Wanderfalke gekürt wurde. Wir werden unsere Analyse in die Öffentlichkeit tragen, nach der andere Wahlen eindeutig auf politische Absichten verweisen: Der schwarzgelbe Pirol sollte im Bundestagswahljahr 1990 Stimmung schaffen für eine entsprechende Koalition. Das im Jahre 1987 gewählte kleine, süße Braunkehlchen sollte zu einer Verharmlosung der deutschen Vergangenheit beitragen und einen Schlussstrich vorbereiten. Auch die vorauseilende Kürung des Wendehalses im Jahr 1988 lässt politische Absichten erahnen. Auch künftig ist die Vogelwelt offensichtlich nicht davor sicher, beliebig vor herrschaftliche Karren gespannt zu werden. Es geht das Gerücht, dass der Vorsitzende des NABU, die gemeinsam mit dem Landesbund für Vogelschutz in Bayern (!) die Wahl organisieren, in trauter Zweisamkeit mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz beim Golfen am Starnberger See beobachtet wurde, um dort die Wahl des Dompfaffs zum Vogel des Jahres 2013 vorzubereiten. Das possierliche Tierchen soll offensichtlich für neue Akzeptanz der unter Mitgliederschwund leidenden katholischen Kirche sorgen. Sollte sich dieses Gerücht bewahrheiten, wird der UDGB auf diesen Skandal mit allem Nachdruck aufmerksam machen. Wir als U D G B sollten uns diese Vereinnahmung der Vogelwelt nicht länger bieten lassen. Das Z K möchte daran erinnern, dass der U D G B sich immer als eine Organisation betrachtet hat, die den Kampf gegen jede Form der Unterdrückung stets gekoppelt sah mit einem aktiven Kampf für eine freie Natur (Dümerrandkanalbefahrung etc.). Wir schlagen deshalb vor, mit unserer Kampagne das Ziel zu verfolgen, dass der Vogel des Jahres nicht mehr, von Macht- und Profitinteressen geleitet, in finsteren Hinterzimmern gekürt wird, sondern dass er durch eine frei Wahl, an der alle Vogelliebhaberinnen und -liebhaber sich beteiligen können, bestimmt wird. Die Wahl sollte zum Maßstab haben, welche Leistung der Vogel für den Kampf gegen Unterdrückung bislang gebracht hat. Der Kuckuck beispielsweise (Vogel des Jahres 2008) wäre demnach nicht deshalb gewählt worden, weil es immer weniger von ihm gibt, sondern weil er durch sein dauerndes hämisches Rufen dem geschundenen Proletariat immer wieder in Erinnerung bringt, wie niederträchtig Schmarotzertum und Faulheit (kein eigenes Nest bauen und andere Eier rausschmeißen) in dieser Gesellschaft sind. Sofern die Basis dieser Zielsetzung zustimmt, wird das Z K in Kürze detaillierte Strategiepapiere zur Umsetzung unseres Ziels vorlegen. 1.4 . 2 012 Das Z K des U D G B schlägt folgende Strategie für den Sommer/Herbst 2012 vor. Zur Aufdeckung der Skandale im Zusammenhang mit der Kürung des „Vogel des Jahres“ konzentrieren wir uns auf den Lufthansakonzern. Wie bereits im Positionspapier des UDGB vom 11. Februar des Jahres erwähnt, ist ausgerechnet im Jahr 1978, ein Jahr nachdem der Lufthansakonzern in Folge der so genannten Ölkrise schwer ins Trudeln geriet, der Kranich zum Vogel des Jahres gekürt worden. Es ist mehr als offensichtlich,
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1. 6 . 2 012 Z U M U MG A N G M I T M I L I TA N T E N A K T I O N E N Es ist wichtig, dass in der Öffentlichkeit nicht der Eindruck entsteht, der UDGB unterstütze oder initiiere gar die Aktionen militanter Vogelschützer, die in letzter Zeit stattgefunden haben. Ein solcher Eindruck gefährdet womöglich unsere Kampagne gegen den Lufthansakonzern. Wir müssen uns entschieden gegen eine Berichterstattung wehren, die dem UDGB eine Beteiligung an diesen Aktionen anzudichten versucht. Im Einzelnen distanzieren wir uns vor allem von der Befreiung des Geiers „Wolle“ aus der Adlerwarte Berlebeck sowie von dem Stinkbombenattentat auf das Kuckucksuhrengeschäft Walther in Titisee-Neustadt (Schwarzwald). Auch die geplante öffentliche Verbrennung von Pinguinen vor dem Hauptsitz der Shell Deutschland Oil GmbH in Hamburg, die auf die Folgen der Erderwärmung aufmerksam machen soll, gilt es entschieden abzulehnen. Achtung! Es ist nicht auszuschließen, dass solche Aktionen gezielt durch V-Leute des Bundesverfassungsschutzes gesteuert werden, um den U D G B in ein schlechtes Licht zu rücken. Öffentliche Distanzierungen sind auch vor dem Hintergrund auf jeden Fall geboten. DA S Z K 18 . 0 8 . 2 012 Auch wenn die Kampagne gegen den Lufthansakonzern offensichtlich erfolgreich verläuft und inzwischen die Kritik an der Wahl des Vogels des Jahres die breite Öffentlichkeit erreicht hat, fordert das Z K die Genossinnen und Genossen auf, trotz des Erfolgs nicht in dem Kampf gegen die so genannte „Wahl“ nachzulassen. Wir erinnern daran, dass die freie Wahl des Vogels des Jahres nach wie vor eine wesentliche Zielsetzung des U D G B darstellt. Es reicht nicht aus, die bisherige Form der Wahl diskreditiert zu wissen. Auch wenn durch die Aktionen gegen die Lufthansa die breite Masse der Bevölkerung dafür sensibilisiert ist, wie undemokratisch und interessengelenkt die bisherige „Wahlpraxis“ zum Vogel des Jahres aussieht, fehlt noch der entscheidende Schritt hin zu einer demokratisch legitimierten Wahl, die den Interessen der Natur gerecht wird. Insofern dürfen wir uns nicht auf dem Erreichten ausruhen, sondern müssen eine Strategie entwickeln, um diese Forderung in die Öffentlichkeit zu tragen und durchzusetzen. In diesem Zusammenhang sind die Informationen, die das Z K in den letzten Tagen aus zuverlässigen Quellen bekommen hat, von hoher Relevanz. Sie belegen, wie dreist und hemmungslos das Kapital nach wie vor trotz der vom U D G B erfolgreich bestrittenen Kampagne, agiert. Nach unseren Informationen plant die Deutsche Bundesbahn, dass ein frei erfundener sogenannter Lockvogel im Jahr 2014 zum Vogel des Jahres gekürt werden soll. Offensichtlich versucht die Bundesbahn seit geraumer Zeit aus einer romantischen Verklärung des Begriffs Lokomotive Kapital zu schlagen. In bundesweiten Werbeaktionen sind großflächig Plakate mit Slogans wie „Lo[c]k mal wieder deine Liebste raus“ „Lo[c]k sie hinterm Ofen vor“ „die große Verlo[c]kung“ zu sehen. Nach unseren Recherchen erklärte zudem die Dudenredaktion, dass ihr eine Anfrage von der Deutschen Bundesbahn vorliege, welche Kriterien erfüllt sein müssten, damit die Recht-schreibung eines Wortes im Duden geändert werde. Das krampfhafte Bemühen, hier das Wort Lokomotive in Verbindung mit den werbewirksameren Worten „locken“, „verlocken“ zu bringen, treibt offensichtlich merkwürdige Blüten. Offen-
sichtlich macht die Deutsche Bundesbahn auch nicht davor Halt, unschuldige Kinder für ihre perfiden Zwecke einzuspannen. Vogelliebhaber haben uns die Information zukommen lassen, dass in der vorletzten Woche an der Loki-Schmidt-Grundschule am Prenzlauer Berg in Berlin im vierten Schuljahr von einem neunjährigen Grundschulkind namens Evi ein Referat mit dem Titel „Der Lockvogel“ gehalten worden sei. Dieses Referat sei von der Lehrerin so auffällig gelobt worden, dass dieses selbst den an überschwängliches Lob gewöhnten Mitschülerinnen und Mitschülern aufgefallen sei. Die Schüler/-innen seien aufgefordert worden, den von der Referentin gemalten Lockvogel abzuzeichnen. Die Zeichnungen wurden sogar benotet. Auf der Lehrer/-innenkonferenz der letzten Woche habe eben jene Lehrerin begeistert von dem Referat erzählt und beantragt, das Thema „Der Lockvogel“ als obligatorisch in das schulinterne Curriculum für die vierte Klasse aufzunehmen. Die Lehrerin soll eine Tochter der Sekretärin des ehemaligen DB-Vorstandchefs Mehdorn sein, die referierende Schülerin ist der Tochter des aktuellen Pressesprechers. Der U D G B hat natürlich den Pressesprecher mit den Vorwürfen bekannt gemacht. Auf die Frage, ob die Bundesbahn eine derart abstruse Wahl für das Jahr 2014 plane, verneinte dieser ungeniert. Daraufhin mit den Vorkommnissen auf der Loki-SchmidtGrundschule konfrontiert, konnte er sein dreistes Lügengebilde natürlich nicht mehr aufrecht halten. Die Bundesbahn plane natürlich nicht, dass ein Lockvogel wirklicher Vogel des Jahres 2014 werden solle. Allenfalls sei vorgesehen, ihn spaßeshalber und ergänzend zum richtigen Vogel des Jahres küren zu lassen. Im Jahr 2013 werde, so der Pressesprecher, dieses wohl nicht mehr möglich sein, da dann ja schon der Dompfaff vorgesehen sei. (Vgl. Strategiepapier 11.2.2012!) Die Wahl eines Lockvogels sei deswegen sinnvoll, weil die Bahn auch künftig die ökologisch Alternative zum motorisierten Individualverkehr darstelle, so dass auch wir (der U D G B) ein Interesse daran haben sollten, der Lokomotive und damit auch der Bundesbahn ein gutes Image zu verpassen. ‚
Senioren öffentlichkeitswirksam kundtun, dass sie und viele ihrer Altersgenossen nicht mehr bereit sind, die Ausbeutungsstrukturen des Haushuhns mitzutragen. Denn wie keine andere Produktmarke so zeigt die Marke Ei Ei Ei Verpoorten, wie hemmungslos das Haushuhn zu einer Legemaschine degradiert wird. Gerade das infantil sich wiederholende „Ei Ei Ei“ macht mehr als deutlich, mit welch erbärmlicher Arroganz dem stolzen Haushuhn von kapitalistischen Kreisen aus begegnet wird. Bewusst werden die Vogelliebhaber im fortgeschrittenen Alter bei ihrem Protest bis an die Grenzen des Erträglichen gehen. „Wenn wir aufgrund des Konsums von Eierlikör zusammenbrechen, dann hat das Symbolkraft“, so die siebenundachtzigjährige Aktivistin Irmgard Röcker. DA S Z K 21.10 . 2 012 In unserer Medienberichterstattung zu dem Wetttrinken der Senioren vor dem Hauptsitz der Firma Verpoorten GmbH & C. KG, Potsdamer Platz 1, in Bonn muss klar werden, dass die beteiligten Senioren sich alle freiwillig an der Aktion beteiligen. Die Ortsgruppe Nienberge-Häger hat die Aktivisten in offenen Gesprächen geworben, eine versteckte Agitation hat nicht stattgefunden. Auf Werbeveranstaltung in Demenzabteilungen wurde ausdrücklich verzichtet. Die von der bürgerlichen Presse zu erwartenden Vergleiche der Aktivisten mit islamistischen Selbstmordattentätern werden wir entschieden zurückweisen. Wir werden deutlich machen, dass unsere Aktivisten nicht das Leben anderer sondern allenfalls ihr eigenes gefährden. Der mögliche Märtyrertod, den wir nicht beabsichtigen, wäre in diesem Fall das Ergebnis eines ausbeuterischen Produktes; der von uns nicht gewollte Märtyrertod diente hier der ganzen Menschheit und Natur.
STRATEGIEPAPIER
Aus unserer Sicht ist es DA S Z K 53 B UDGB wahrscheinlich, dass diese Unverfrorenheit, mit der hier zu Werke gegangen wird, den letzten Sargnagel für die bisherige Wahl des Vogels des Jahres darstellt. Die Stimmung bei der durch uns sofort informierten 2 2 .11. 2 012 Lokführergewerkschaft ist explosiv. Sie zeigt sich wild entschlossen, eine solche „Verhohnepipelung der Lokomotivführer“ zu verhindern. Die Genossen und Genossinnen Parallel zu der „Aktion Wetttrinken“ wird der U D G B die Aktion „Hühnerställe für seien „zum Streik bereit“, notfalls, so Originalton, „wird der ganze Weihnachtsverkehr Altersheime“ unterstützen. Den U D G B freut es besonders, dafür den Deutschen Pfadlahm gelegt.“ Bei der Flugpilotengewerkschaft Cockpit wird zurzeit überlegt, ob ein finderverband St. Georg und andere Pfadfinderverbände geworben zu haben. Mit den Solidarstreik durchgeführt werden soll. Die Lokführergewerkschaft unterstützt unsere Verbänden ist abgesprochen, dass bereits im Frühjahr 2013 der absurde Liedtext „Meine Forderung nach einer freien Wahl des Vogels des Jahres. Sie wird zentrales Streikziel Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ umgeändert wird. in „Meine Oma hat ein Liebwerden. Spätestens nach dem Streik der Lokomotivführer rückt somit eine freie Wahl lingstier, das Haushuhn“. Die geänderte Fassung wird in allen Liederheften der Pfadfindes Vogels des Jahres näher! derverbände aufgenommen. Die Verbände unterstützen inhaltlich unsere Aktion und befürworten die Wahl des Haushuhns. Sie möchten durch den geänderten Liedertext DA S Z K die von ihnen betreute Jugend auf den Nutzen des Haushuhns aufmerksam machen. Der U D G B geht davon aus, dass das Lied, hunderttausendfach auf den Pfadfinderfreizeiten gesungen, auch bei der Jugend zu einem neuen Verständnis des Haushuhns 14 .10 . 2 012 beitragen wird. Der Bühne für das Haushuhn wird durch die Kampagnen des U D G B bei jung und Wir gehen davon aus, dass die erste freie Wahl des Vogels des Jahres im Jahr 2014 alt bereitet sein. Nach einem fairen Wahlkampf wird sich dann beweisen, ob das snobisstattfinden wird. Wir sollten bereits jetzt eine Strategie für den Wahlkampf entwickeln. tische Rebhuhn oder das proletarische Haushuhn die Schnabelspitze vorn haben wird. Es dürfte Konsens unter den Genossinnen und Genossen sein, dass der U D G B das Haushuhn als Vogel des Jahres vorschlagen wird. Wohl kein anderer Vogel hat mehr für das Proletariat getan als das Haushuhn. Wohl kein anderer Vogel hat mehr unter den Bedingungen an einer profitmaximierungsorientierten Geflügelhaltung gelitten! (Besonderes Lob an dieser Stellen der Genossin U.A., die durch ihre vielfältigen Aktionen immer wieder den ungeheuren Nutzen des Haustiers einer breiten Bevölkerungsschicht bekannt gemacht hat!) Von Seiten der Hotel- und Restaurantbesitzer wird nach unseren Informationen hingegen alles getan, um das Rebhuhn im Jahr 2014 küren zu lassen. Bereits im Jahr 1991 konnten interessierte Kreise die Wahl dieses Vogels durchsetzen. Wir dürfen uns deshalb nicht auf einen leichten Wahlkampf einstellen. Die Streikaktionen der Bahn und der Lufthansa dürften zwar unserer Kandidatin viel Rückenwind bescheren, trotzdem müssen wir davon ausgehen, dass das Kapital mit großem Aufwand versuchen wird, die Wahl des Haushuhns zu verhindern. Das Z K schlägt folgende Wahlkampfstrategie vor: Zielgruppe der Wahlkampagne sollten in erster Linie der ältere Teil der Bevölkerung sowie die Erstwähler/-innen sein. Wir gehen davon aus, dass sich diese Bevölkerungsgruppen für die Problematik besonders sensibilisieren lassen. Den Ältern dürfte aufgrund eigener Lebenserfahrungen das Haushuhn nicht fremd sein. Bei den Jüngeren könnte aufgrund der kindlichen Affinität gegenüber Tieren sicherlich ein emphatischer Bezug hergestellt werden. Der mittleren Generation, seit Jahrzehnten an den Ausbeutungsprozess des Haushuhn gewöhnt und als Verbraucher in ihn involviert, dürfte ein Zugang zu der Thematik eher schwerfallen. Der U D G B agitiert folgerichtig zunächst vor allem in Altersheimen. Die Ortsgruppe Nienberge-Häger, die aufgrund ihrer Altersstruktur besonders gut für diese Agitationsarbeit geeignet ist, um Zugang zu den Senioren zu bekommen, hat bereits erfolgreich geworben. Ziel der Agitationstätigkeit war es, Vogelfreunde zu gewinnen, die bereit sind, die Ausbeutungsstrukturen, denen das Haushuhn unterworfen ist, aufzudecken und dabei ein hohes persönliches Risiko einzugehen. Denn der U D G B plant als Beginn der Werbekampagne für das Haushuhn ein Wetttrinken mit der Eierlikörmarke Ei, Ei, Ei Verpoorten vor dem Hauptsitz der Firma Verpoorten GmbH & C. KG, Potsdamer Platz 1, in Bonn. Nach Auskunft der Ortgruppe Nienberge-Häger werden 77 Senioren bereit sein, um symbolisch gegen die industrielle Ausbeutung des Haushuhns und dessen romantische Verklärung zu protestieren. Im Rahmen des Wetttrinkens werden die
Der U D G B ist eine Naturschutzorganisation, deren wesentliches Ziel es ist, die Vereinnahmung der Natur und des Menschen für kommerzielle und politische Zwecke zu stoppen. Gegründet am Naturschutzgebiet Dümmer See, um die Interessen der in der Natur und im Naturschutz Arbeitenden gewerkschaftlich zu vertreten, sieht er den Kampf für eine gerechtere Gesellschaft mit dem Kampf um eine ‚freie Natur’ elementar verbunden. Seit 1975 von dem Ortsgruppenleiter Häger-Nienberge das Boot Front ausgerufen wurde, besitzt der UDGB heute mehrere Ortsgruppen und operiert nomadisch. Für das Z K federschwingend: Bernd Ostendorf (Unser Dorf grüßt Bernd!). Das im Nordstern Münster mit halbem Hahn besiegelte Strategiepapier wurde von der Ortsgruppe Münster (Kirsten Mettmann, Bernd Ostendorf, Olaf Schnoor, Lissy Visse), Ortsgruppe Häger-Nienberge (Reinhold Schapmann), Ortsgruppe Hamm (Sonja Schapmann), Ortsgruppe Stuttgart/ Leipzig (Uschi Achternkamp) einstimmig verabschiedet. Ortsgruppe Bonn, München und Rheine waren durch die Vorbereitungen weiterer Aktionen abwesend (Edson Chu, Wolfgang Glasmeyer, Zewa Hohdorf und Gaby Lafébre).
Kollege Lázló Moholy-Nagy verbeißt sich parallel in der Zeit von 1925 bis 1930 in das Schreiben des Drehbuchs Huhn bleibt Huhn. Kam der Film weder zu einem Ende noch zu einer Aufführung – bei einem Titel wie diesen ist allerdings auch wohl kein Ende in Sicht und es ging eh eher um Frauen. Nachfolger Hannes Meyer experimentierte 1926 fotografisch unter dem Titel Co-op. Construction mit einer Anordnung aus Glas, Licht und Ei und versteckte 1927 mit Herrn Wittwer ein solches groß und transparent im Entwurf des Völkerbundpalasts für Genf. Cedric Price macht’s kaputt – das Ei, also irgendein Ei und auch erst viel später nach 54 VON URSULA ACHTERNKAMP dem nächsten Krieg – eigentlich illustriert er es auch nur. Seine Erzählung besteht aus wenigen einfachen Handzeichnungen, die Jahrhunderte Stadtentwicklung kurz und knapp verfrühstücken. Trotz der mannigfaltigen Möglichkeiten, die die Zubereitung eines gewöhnlichen Hühnereis bietet, beschränkt er sich auf drei Variatier Turmfalke von Havelberg vertaubt dem Dom unregelmäßig die Orgel. onen: als einst die Stadt kompakt sich zeigte, wird sie wie ein gekochtes Ei im Schnitt Er ist klein von Gestalt, schlägt ab und an in dem gewaltigen Felsen eine dargestellt (Schale, Eiweiß, mittig ein scharf umrissener Dotter). Daraufhin wird die Taube, die er auch verspeist. Die Geschichte ist von einem Mann, der die Form flächiger: ein undefiniert ausufernder Rand mit noch festem ‚Kern’ – nun wird die Schlüssel zu allen geheimen Gängen bis unter das Dach und in die alStadtform durch ein Spiegelei vertreten. Mit der Abbildung eines Rühreis war für ihn ten Kellergewölbe hat. Er zeigt Gewölle sowie Ein- und Ausflugslöcher der Tiere. Nun das Durcheinander eingeläutet (The City as an egg – Ancient/ 17 - 19 Cent./ Modern). ist eine Taube recht voluminös und ein Fassen des Fressens keine leichte Aufgabe für Als ich diese Anordnung einmal auf Französisch zu erklären versuchte, verursachte eine schlanke Falken. Dieser hier aber kennt nur zu gut die Hohlräume der Pfeifen und missverständliche Verwechslung von Vokalanhäufungen bei den Worten œil (Auge) stopft seine dicke Beute hinein. Nun bedient er sich am Brustfilet – der Rest scheint und œuf (Ei) zunächst Stille im Raum, doch während ich fröhlich über das Rührei parlierte, zogen sich langsam die Lefzen meines Gegenübers hoch. Take a Ohr, Omnivor! nicht weiter interessant und bleibt im Klangkörper stecken. Satt der Falke – taub die Orgel – in Ruhe verdaut. Gewiefte Carnivore. TAU S E N D KÖ S T L IC H E G E R IC H T S A M K E I T E N ? K AT E R F RÜ H S T ÜC K Zurück also zu alten Schauplätzen auf der Suche nach neuen Rezepten: dem Fasan Ein junges und recht geheimnisvolles Forschungsfeld scheinen die Auswirkungen von gehört nun Detroit und Kräuter werden von urbanen Bauern gezogen. In Dessauer Sekundärstoffen zu sein, die einige Vögel zu sich nehmen – die Beerenfresser. Anhand Siedlungsgärten touren Chicks on Speed in einer ausleihbaren mobilen Hühnerstalleinheit – als Eierlikörchen-Kooperative. Sie produzieren und produzieren – auf dass der Fressfrequenzen der Vögel an Beeren lässt sich die Vorliebe für diverse Wildobst-Sorten herausdestillieren – soweit so gut, aber ich glaube, das Institut für Vogelforschung ihnen noch nicht der Hals umgedreht sei! In Wolkenkuckucksheim werden Gewürze auf in Wilhelmshaven verfolgt eine weitaus heißere Spur, die in Richtung Selbstmedikation die wegen Aufruhr gegen die Vogeldemokratie zum Tode verurteilten Vogelkollegen der Vögel führt. Karotinoide werden als Immunantwort gehandelt. Mein Bauch wittert, gestreut – gut, 414 vor Christus und laut Aristophanes irgendwo zwischen Himmel und Erde – ein sehr alter Schauplatz und keiner weiß, wie man da hin kommt, um mal zu meine Expertise zittert – eigene Erfahrungen in der Linderung von Schmerzen oder im Putsch mit selbstorganisierten Nahrungsmitteln hören eigentlich schon mit der Herstelgucken, wie es da heute zugeht. Neues aus Vogelheim oder Birdland? Wiglaf Droste und das Spardosen-Terzett wollten da ganz schnell hin. Sie gelten als Genießer und Feinlung eines Kamillentees auf – und da ist an Radikalfänger noch nicht einmal gedacht. schmecker, haben sich aber auch mehrfach mächtig verfahren: Sag doch mal - bitte, wie Aber Obacht! Vogelbeere, Speierling, Mehlbeere und Elsbeere werden ab jetzt mit dem Erntekonkurrent Vogel beäugt. Insgeheim wünsche ich mir, mit dem einen oder andegeht es hier nach Vogelheim? ren Finken nach vortrefflichem Genuss von Liebhaberchargen des Herrn Keller leicht taumelnd an Silberweiden gesehen zu werden. Man munkelt, in den Auenwäldern Anhalts Vögel gesichtet zu haben, die sich an Silberweiden mit innewohnenden AspirinU R S U L A AC H T E R N K A M P wuchs in Westfalen in einem Haus mit fünf SitWirkstoffen entweder ent- oder berauschten. Ob dies nach durchdrosselter Nacht ertichen auf, die ihre Tage auf einem Seefahrt-Ölschinken verbrachten. Vogelfüße von folgt ist? Verwegene Frugivore! Vogel mit Kater – was für ein wechselbarer Charakter! unten sah sie zuerst auf dem Bezug des Lampenschirms über dem Esstisch trappeln. Das Pendel der Uhr wurde in der Nacht wegen übermüdeter Vögel angehalten und die Cheers! Wallhecke hinter dem Haus befand sich von einem heimischen Rentner aus der Automobilbranche unter Vogelbeobachtung. Sie baute indes im Friedhofswald Hütten und B I R D S D O N ‘ T VO T E (Henry Ford) Bunker – verantwortlich zeichnete sie sich u.a. für die Medizinhütte. Linus scheute vor Im steam heated bird bath wollte Henry Ford nie kochen. Er heizte nur den Vögeln orRebhühnern. Heute noch ahnt sie einen vagen Zusammenhang von Hütten, Palästen, Untergrund, Pferdestärken, Küche, Meer, Zeit, dem Verlust der Nacht, der Destillation dentlich ein, so dass er sie badend beobachten konnte. Ford war ein Birder. Ford mochte und Vögel. weder Arbeiter noch Gewerkschaften. Insofern wird man auch einem gern als Wohnford bezeichnete Walter Gropius mit der Benennung nicht gerecht. Baute Gropius zwar auch Die Freie Kunst trieb sie durch Münster und in den Genfer See. Die Kunststiftung des in den 1920er Jahren für Hahn und Henne in einer halbländlichen Siedlung in Dessau, Landes Sachsen-Anhalt mit den Bergeschen Stiftungen ermöglichten ihr den Kontakt tat er dies aber vermutlich weniger aus dem Ansinnen heraus, den Tieren zweckfreie Auzum Havelberger Domfelsen und die Akademie Schloß Solitude stellte ein Bett, um gendienste zu leisten oder gar eine Junkers Sparwanne zu installieren, sondern um das einen eventuellen Nutzen von ungelösten Problemen von Vögeln zu wecken. Momentan Geflügel mit ordentlichen Fettaugen in der Suppe möglichst sozial und demokratisch leuchten die Lichter auch ihr in Leipzig. weggelöffelt zu sehen. E S S E N FA S S E N
VOGELGERICHT
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WAS DEM EINEN DAS MÖHRENKRAUT... 55
VON URSULA ARMSTRONG - KRAILING (F)
. . . I S T DE M A N DE R E N DI E Z IG A R E T T E N K I PPE . VO N DE R S E L B S T M E DI K AT IO N DE R VÖ G E L
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er Eichelhäher liegt auf dem Waldboden, die Flügel ausgebreitet und den Schwanz gespreizt. Er fährt mit dem Schnabel über seine Federn. Dann schüttelt er sich ein wenig und schließt die Augen halb. Wohlig, genüsslich – solche Worte gehen einem durch den Kopf, wenn man den schönen Vogel so beobachtet. Dabei liegt er direkt neben einem Ameisenhaufen. Über ihn laufen viele, viele Waldameisen und verspritzen unangenehm beißende Ameisensäure in sein Gefieder.„Einemsen“ nennt man dieses Verhalten. Das hübsche altmodische Wort hat der deutsche Ornithologe Erwin Stresemann in den 30er Jahren geprägt. Er hat als erster beschrieben, dass Krähen- und Singvögel Ameisen – oder, wie man früher sagte, Emsen – in ihr Gefieder eindringen lassen. Außer diesem „passiven Einemsen“ gibt es auch die aktive Variante: Der Vogel schnappt sich eine Ameise oder gleich mehrere und streicht damit über sein Gefieder. Dieses „aktive Einemsen“ ist auch etwa bei Krähen und Eichelhähern beobachtet worden. Von über 250 Vogelarten ist bekannt, dass sie das Einemsen praktizieren. Warum machen die Vögel das? Das ist noch nicht hundertprozentig geklärt. Sicher ist jedoch, dass die Ameisensäure, die die Ameisen zu ihrer Verteidigung ausscheiden, Läuse und Federmilben abtötet. Man kann also davon ausgehen, dass die Vögel mit Hilfe der Ameisen lästige, juckende Parasiten loswerden wollen. Wie Tiere sich selbst von Krankheiten heilen und von Parasiten befreien, erforscht die noch relativ junge Wissenschaft der Zoopharmakognosie. Dabei haben die Wissenschaftler vor allem Affen im Visier. Aber nicht nur. Auch über das Verhalten von Vögeln gibt es faszinierende Forschungsergebnisse. Von Papageien aller Art ist zum Beispiel bekannt, dass sie regelmäßig Lehm fressen. Lehm ist ein Heilmittel mit breiter Wirkung. Lehm bindet Toxine, Bakterien und Viren, schützt die Darmwand und absorbiert Extra-Flüssigkeit, was bei Diarrhö hilft.
Doch das „pharmakologische Wissen“ von Vögeln bezieht sich vor allem auf den Schutz vor Insekten und Hautparasiten. Viele Vögel schützen vor allem ihre Jungen, indem sie Pflanzen, die Insekten und Hautparasiten abwehren, in ihre Nester einbauen. Europäische Stare etwa legen ihre Nester mit frischen Kräutern aus. Unter diesen Kräutern ist oft die wilde Möhre (Daucus carota). Sie enthält das Steroid B-Sistosterol, das Milben abweist und sie daran hindert, Eier zu legen. Wissenschaftliche Versuche haben ergeben, dass eine Brut in Nestern mit Möhrenkraut viel weniger von Milben und Läusen befallen ist. Auch Vögel gehen mit der Zeit. Eine schottisch-mexikanische Studie, die erst Ende 2012 veröffentlicht wurde, zeigt, dass Spatzen und Finken, die in Städten leben, Zigarettenstummel sammeln und sie in ihre Nester stopfen. In Mexiko City wurden bis zu 48 Kippen in den Nestern gezählt. Der Durchschnitt war zehn Stummel pro Nest. Mit Nikotin schützt sich die Tabakpflanze gegen Fressfeinde. Deshalb wird vermutet, dass Nikotin aus den Zigaretten die Vogelnester von Parasiten frei hält. Dass das wirkt, haben die Forscher in Laborversuchen nachgewiesen. Möglich ist natürlich auch, dass die Vögel es eher auf die Zellulose abgesehen haben, die das Nest hübsch auspolstert, und dass der Nikotineffekt nur eine praktische Nebenwirkung ist. Doch Stadtvögel sind clever. Sie werden schon gemerkt haben, dass es mit Nikotin im Nest weniger juckt und kratzt. Von den tierischen Apothekern haben sich Menschen einiges abgeschaut. Die wilde Möhre, mit der Stare ihr Nest gegen Milben schützen, wird in der traditionellen Medizin gegen chronischen Juckreiz eingesetzt. Und auch was die Papageien vormachen, machen wir nach: Aktivlehm und Heilerde werden in der Naturmedizin verwendet, zum Beispiel zur Darmsanierung. Vögel zu beobachten kann also mehr sein als ein wunderbares Hobby. Was wir wohl noch alles von Vögeln lernen können?
U R S U L A A R M S T RO N G ist freie Medizinjournalistin und lebt in Bayern und Frankreich. Eine ihrer großen Passionen ist die Natur. Sie liebt es, Pflanzen (vor allem Heilpflanzen) und Tiere zu beobachten und zu fotografieren, besonders gerne auch Vögel. Außerdem macht es ihr viel Spaß, interessante, kuriose, bizarre Anekdoten und Geschichten herauszufinden. Und natürlich schreibt sie dann darüber. Mehr Infos unter: www.redaktion-armstrong.de
MÄRZ Folgende Dinge will ich anführen: An den Feigenbäumen nimmt man die Augenpfropfung vor, die im Volksmund tarqi heißt; das Frühgetreide richtet sich auf; die meisten Obstbäume beginnen, sich zu belauben. Es ist die Zeit, in der die Weibchen der valenzianischen Falken auf den Flußinseln ihre Eier legen und sie dreißig Tage lang, bis Anfang April, ausbrüten. Zuckerrohr wird angepflanzt. Frühe Rosen und Lilien blühen. In den Gemüsegärten beginnen die dicken Bohnen Form anzunehmen. Wachteln tau chen auf; die Seidenraupen schlüpfen aus; vom Meer wandern Störche und Maifische flußaufwärts. Man pflanzt Gurken, ebenso Baumwolle, Saflor und Aubergine. In diesem Monat werden die Verwalter schriftlich angewiesen, Pferde für die Regierung zu kaufen. Die Heuschrecken vermehren sich, ihre Vernichtung wird angeordnet. Man sät Citronelle und Majoran. Pfauen, Störche, Tauben und viele andere Vögel paaren sich.
DER KALENDER VON CÓRDOBA 56
VON URSULA SCHULZE-DORNBURG
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er Kalender von Córdoba gibt nicht nur an, wie der Himmel in jedem Monat aussieht, wann die Sonne und die wichtigsten Sternbilder auf- und untergehen, wie lange Morgen- und Abenddämmerung dauern – was für die Moslemen wichtig war, um die Gebetszeiten einzuhalten –, erwähnt auch die medizinischen Anwendungen: Die jährliche Bewegung des Himmels bewirkt einen Wechsel der vier natürlichen Eigenschaften warm und kalt, feucht und trocken, die nicht nur das Wachstum der Pflanzen, sondern auch den Zustand des menschlichen Körpers je nach dessen Veranlagung beeinflussen. (Titus Burckhardt: Das maurische Spanien, S. 92, 93). Der »Kalender von Córdoba« wurde um 961 von dem mozarabischen Bischof Rabi’ Ben verfasst und dem Kalifen gewidmet. Übersetzt von Frieda Grafe.
J A N UA R Folgende Dinge will ich anführen: Das Wasser der Flüsse scheint warm, und die Erde dampft. In den Bäumen steigen die Säfte. Die Vögel paaren sich; die valenzianischen Falken bleiben in den Nestern und beginnen zu treten. Die Pferde grasen in dem aufkeimenden Grün, die Kühe kalben um die Wette, es gibt Milch im Überfluß; Gänse und Enten bekommen Küken. Man steckt die Setzlinge in den Boden für Kernobst aller Art, ebenso die Reiser; die Stützen für Oliven-, Granatapfel- und andere Bäume ähnlicher Art werden aufgestellt. Die frühen Narzissen stehen in Blüte; die Spaliere für die ersten Reben und die Pflanzen, die keine Tafeltrauben liefern, werden beschnitten; der frühe Portulak wird gesät und Zuckerrohr geerntet. Zedratkonfitüre wird zubereitet, ebenfalls Sirup von sauren Zitronen und Karotten werden eingemacht. F E B RUA R Folgende Dinge will ich anführen: Die jungen Vögel schlüpfen aus, die Bienen pflanzen sich fort, die Meerestiere beginnen ihre Wanderschaft; unter der Obhut der Frauen beginnen die Seidenraupen zu schlüpfen; die Kraniche kehren zu den Flußinseln zurück. Man pflanzt Safranzwiebeln und sät Sommergemüse; viele Bäume belauben sich. Es gibt Trüffel, wilden Spargel im Überfluß, Fenchelgrün. Man pfropft Birnbäume und Apfelbäume, pflanzt die Reiser und versetzt die Rebenschößlinge. Man darf zur Ader gelassen werden und, wenn es dessen bedarf, Medizin einnehmen – vorausgesetzt, sie ist nicht zu stark. Während dieses Monat gehen Anweisungen zur Anwerbung für die Sommermonate. Schwalben und Störche kehren an ihre Wohnstätten zurück.
Folgende Dinge will ich anführen: Aus Rosen wird Wasser, Sirup, Öl und Konfitüre zubereitet, man pflückt Veilchen und macht daraus Sirup und Öl oder legt sie ein; man macht Sirup aus Erdraute; es gibt Gurken; man nimmt die künstliche Besamung der Palmen vor und schneidet ihre Blätter. Die frühen Trauben beginnen sich zu bilden, die Olivenbäume blühen, die Feigen bilden sich; die kleinen valenzianischen Falken schlüpfen und bekommen bald Federn; es dauert dreißig Tage. Dann zeigen sich die Rehkitzen. Man stützt die Zitronenbäume und steckt Jasminreiser in den Boden. Die wilden Karotten sind reif und werden zu Konfitüre verarbeitet; dann kommen Mohn, Granat, Ochsenzungen und Blätter und Blüten von Wasserdost, woraus man Saft gewinnt. Henna, Basilikum, Blumenkohl, Reis, Gartenbohnen werden gesät; man pflanzt die grünen Kürbisse aus den Mistbeeten aus, ebenso die Auberginen; die kleinen Melonen werden gesät und Gurken. Pfauen, Störche und viele andere Vögel legen Eier und beginnen sie auszubrüten. MAI Folgende Dinge will ich anführen: Es gibt farik, Oliven und Trauben beginnen Form anzunehmen, die Bienen machen Honig; die ersten frühen Früchte tauchen auf: Äpfel, Birnen, Ochsenaugen, Aprikosen, Gurken, Kirschen, Nüsse werden eingemacht und Sirup hergestellt aus sabi-Äpfeln, man erntet Mohnsamen und macht daraus Sirup. Im Orient reifen die Sykomoren. Man erntet die Samen von Erdraute, Eppich, Dill, Jupiter bart, schwarzem Mohn, Senf, Brunnenkresse und taratit und gewinnt deren Saft; Kamillen blüten werden gesammelt und daraus Öl gemacht. Während dieses Monats ergehen Anweisungen mit dem Eintreiben von Kermes, Seide und Walkerde für den tiraz zu beginnen. Bis zum Ende des Monats Juli wird aus Kitzen und Gazellenhaut Pergament gemacht. Die valenzianischen Falken mausern sich, und ihre Mauserung dauert bis Anfang oder Ende des Monats August, je nach ihrer Kraft und Vitalität. Die jungen Falken und Milane schlüpfen aus und bekommen innerhalb von dreißig Tagen ihr Gefieder. Die Sommerkraniche kehren zurück von den Flußinseln; Pfauen, Wasserhühner, Störche, Tauben, Spatzen und viele andere Vögel kommen zur Welt. JUNI Folgende Dinge will ich anführen: Das Korn auf der Tenne wird gewogen, und man bestimmt die Wächter der Speicher zur Entgegennahme des Zehnten. Es gibt die ersten Trauben. Die Feigen aus der Küstengegend kommen; Walnüsse und Zirbelnüsse bilden sich, man sieht die ersten Melonen; aus grünen Trauben wird Saft bereitet, aus Brombeeren, aus Ochsenaugen. Man fängt Täubchen. Es gibt Wildfett. Die Wildenten auf Flußinseln und Seen schlüpfen aus; wenn sie fliegen können, ziehen sie zu den Flüssen und Bächen. Während dieses Monats ergeht die schriftliche Anweisung, Hirschgeweihe und Hörner von wilden Böcken zur Herstellung der Bögen einzusammeln. An Heilpflanzen erntet man in diesem Monat Stefanskraut, Absinth blüten, denen man Saft entzieht, Honigklee, Kamille, Ephitymian, Flachs, Polium, Pfeffer kraut und Saflorblüten. Man sät Kohl, der im August ausgepflanzt wird. Zu Beginn des Monats darf man zur Ader gelassen werden und Medizin nehmen.
DER KALENDER VON CÓRDOBA 56
VON URSULA SCHULZE-DORNBURG
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OK TOBER
JULI Folgende Dinge will ich anführen: Es ist die Hauptzeit der Getreideernte, und die Gerste wird gedroschen. Die Trauben reifen, die Pistazien nehmen Form an. Die süßlichen Birnen und die säuerlichen Äpfel sind vollreif. Kürbiskonfitüre wird zubereitet, Sirup aus Äpfeln und Birnen. Durchweg sind die Trauben reif, und man schätzt an Ort und Stelle die Ernte. Folgende Heilkräuter werden gesammelt: Senfkörner, Schleierkraut, Thymian, Eibisch, seseli-Korn, das heißt Teufelsdreck. Sumpfvögel wie Wasseramseln gibt es in großer Zahl. Die kleinen Rebhühner tauchen auf und werden gejagt. In den Ebenen beginnt man mit dem Trocknen der Feigen. Die Kordien reifen. Man sammelt Fenchel-, Anis- und Salatsamen. Zwiebeln werden gesät von diesem Monat an bis Ende November. AUG U S T Folgende Dinge will ich anführen: Man bereitet Saft aus zwei Sorten Granat mit Fenchelwasser und macht daraus eine zähflüssige Salbe gegen Hornhauttrübung und andere Augenleiden. Die ersten Datteln und Brustbeeren beginnen zu reifen, die glatten Pfirsiche sind reif, die Eicheln bilden sich aus, die al-hindi genannten Wassermelonen sind reif. Man findet späte süße Birnen un macht daraus Konfitüre. Die Meeresäschen vertauschen das Meer mit den Flüssen und werden in großer Zahl gefischt. Auch Sardinen gibt es massenhaft. Man sammelt folgende Heilpflanzen: Sumach, Körner vom weißen Mohn, aus dem Sirup gemacht wird, Rautenkorn und badaward, Läusekraut und Eberraate. Anweisungen ergehen zum Eintreiben von Seide und Indigo für den tiraz. In den Gärten werden Herbstbohnen, die himmelblauen Levkojen, Rübchen, Karotten, Mangold gesät. Die Strauße sind in der Brunst, und von fern hört man die Stimme der Männchen.
Folgende Dinge will ich anführen: Die Olivenernte wird geschätzt und mit dem Pflücken begonnen. Die Kälte nimmt zu. Die Leute legen ihre weißen Gewänder ab und kleiden sich in Rohseide, Wolle oder andere Stoffe. Die Schafe werfen, es gibt reichlich Milch und Lämmer. Die weißen Stare und die schwarzen Stare tauchen auf, die Win- terkraniche kommen von den Inseln. In Ägypten entzieht man dem Judasbaum das Balsamöl. Aus Quitten und späten sauren Äpfeln wird Sirup bereitet. Man stellt Bleiweiß her, Kupfergrün und Mennige. Man sammelt Fenchel-, Anis- und Salatsamen. Zwiebeln werden gesät von diesem Monat an bis Ende November. N OV E M B E R Folgende Dinge will ich anführen: Diese Zeit ist das Herz der allgemeinen Saatperiode. Man pflückt Eicheln, Maronen, Myrtesamen, um daraus Sirup zu machen. Die Bäume verlieren ihr Laub, mit den Sommergemüsen wie Kürbis, Auberginen, Bohnen, Portulak, den »jemenitischen Gemüsen« und dem Basilikum ist es vorbei, aber es gibt Wintergemüse wie Kohl, Rübchen, Mangold, Karotten, Porree und Rettich in Hülle und Fülle. Der Rohrzucker wird eingebracht. Die im August gesäten Herbstbohnen beginnen sich zu bilden; die Gemü- sesaat, die Zitronenbäume, die Bananenstauden und der Jasmin werden zugedeckt, damit der Frost ihnen nichts anhaben kann. Man pflückt die Safranblüten. DE Z E M B E R Folgende Dinge will ich anführen: Das Ochsenauge blüht; in den Bergen der Umgebung von Córdoba und in den Gärten kommen die Narzissen zum Vorschein. Die frühen Mandelbäume blühen; die ersten Zedrate werden reif. Während dieses und des nächsten Monats sammelt man das Regenwasser in den Zisternen, und es verdirbt nicht. Den Palmen entzieht man das Mark; man sät die frühen Kürbisse und Auberginen in den Mistbeeten der Gemüsegärten; gleichfalls sät man den Porree auf ein Jahr, dann reißt man ihn aus. Und man sät Knoblauch, der im August verpflanzt wird, und weißen Mohn.
SEPTEMBER Folgende Dinge will ich anführen: Pfirsiche und Brustbeeren, Granat und Quitten sind gut, Rohrzucker und Bananen fangen an, bestimmte Oliven werden schwarz; es gibt neues Öl sowie Eicheln und Maronen; die Vogelbeeren werden reif. In den Bergen von Córdoba beginnt man mit dem Pflügen und der Aussaat. Die ersten Spargel sind zu sehen in den Bergen. Die Niebla-Geier kommen vom Ozean und werden bis Frühlingsanfang gejagt; die Schwalben fliegen zur Küste zurück. Gegen Ende des Monats färben die Köpfe der Möven weiß; dagegen werden die Köpfe der Sumpfvögel zur Frühlingsanfang wieder schwarz. Während dieses Monats ergeht Anweisung, das Krapprot einzutreiben. Man pflückt Walnüsse und Zirbelnüsse. Henna und Gemüse werden ausgezogen; an Heilpflanzen sammelt man Lorbeersamen, aus dem Öl gemacht wird, Flaschenkürbis und Bilsenkraut.
U R S U L A S C H U L Z E - D O R N B U RG (1938* in Berlin) ist eine international arbeitende Fotografin und Künstlerin. Sie lebt in Düsseldorf und ist durch zahlreiche Ausstellungen in Europa, im Mittleren Osten und in den USA bekannt. „Der Kalender von Cordoba“ gehört als ‚Lesezeichen‘ zu dem ersten Sonnenstand-Katalog, der in der Galerie Wolfgang Wittrock entstanden ist (Sonnenstand, medieval Heremitages along the Route to Santiago de Compostella, Concoran Gallery of Art, Washington; Art Institute of Chicago Galerie Wittrock, Düsseldorf 1996). Die Ausstellung Sonnenstand ist momentan in einer der Kirkeby Kapellen Museum Insel Hombroich in Neuss zu sehen. www.schulz-dornburg.info
FLUGVERSUCHE DER MODERNE 57
VON WALTER SCHEIFFELE
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er Traum vom Fliegen ist ein Traum der Menschheit, – und es ist DER Traum, den die Moderne träumt. Damit meine ich jene Moderne, die in einem Widerspruch gefangen ist, der sich vielleicht am deutlichsten in ihrem Verhältnis zum Fliegen ausdrückt. Jürgen Habermas hat ihn so formuliert: Das erkennende, selbstbezüglich werdende Subjekt verschreibt sich im Bewusstsein seiner endlichen Kräfte einem Projekt, das unendliche Kraft erfordert. Warum fliegt ein Vogel, und die Menschen, die seine Flügel nachzubauen versuchen, können es nicht? Die Moderne beginnt mit dem Beobachten und Kopieren. Schon Leonardo da Vinci und Otto Lilienthal werden so Experten des Vogelflugs. Man möchte fliegen wie die Vögel. Und das heißt: Man entwirft – den Vögeln ähnlich – leichte Fluggeräte. Erst Hugo Junkers löst sich von dieser Vorstellung und formuliert das Prinzip des technischen, des menschlichen Fliegens. Das Flugzeug wird sehr viel schwerer als die Luft und es muss aus Metall sein. Ein Vogel ist in der Tat so beeindruckend „konstruiert“, dass die Abwendung von diesem Vorbild schwer fallen musste. Wie komplex ist der Aufbau einer Feder! An ihrem Schaft befinden sich fein verästelte Strukturen, die nach der einen Seite mit Haken, nach der anderen mit Bögen versehen sind. Beide können sich ähnlich wie bei einem Reißverschluss miteinander verhaken, und sie geben der Feder den notwendigen Halt gegen den Luftdruck. Ein Flügel ist aus unterschiedlichen Federarten aufgebaut. Im Zusammenspiel der einzeln beweglichen Federn, und das sind je nach Vogelart von 3 000 bis 25 000, kann auf jede aerodynamische Anforderung reagiert werden. Wie das Federkleid ist auch das Vogelskelett extrem leicht. Die Knochen sind innen nicht mit Knochenmark gefüllt, sondern weitgehend hohl und mit einem feinen Netzwerk dünner Querstreben durchzogen, das sie stabilisiert. Die Flugversuche der Menschheit beginnen mit vogelähnlichen Konstruktionen. Ein amerikanischer Naturwissenschaftler ist zugegen, als Otto Lilienthal an den Abhängen der Rhinower Berge Flugversuche unternimmt, und er erkennt, dass hier ein neues Zeitalter beginnt: „Als der Flugapparat mit seinen riesigen schneeweißen Flügeln im hellen Sonnenschein ausgebreitet vor mir lag, hatte ich das Gefühl, als ob das Zeitalter des Fliegens jetzt wirklich angebrochen sei. Hier war eine Flugmaschine, nicht von einem Narren zusammengebastelt, um für Pfennige in einer Jahrmarktsbude gezeigt zu werden ... Nein: ihr Konstrukteur war ein befähigter Ingenieur, und sie war das Resultat achtjähriger erfolgreicher Experimente. Eine Maschine nicht zum Anschauen, sondern zum Fliegen gemacht.“ 1 Das erinnert an die Bemerkung von Walter Gropius, es sei die unerbittliche Bestimmung des Flugzeuges zu fliegen. Das Flugzeug wird bei ihm wie bei Le Corbusier zum Maßstab eines durch die Technik geprägten funktionalen Entwurfsdenkens. DI E F U T U R I S T E N U N D DI E A E RO PI T T U R A
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u einem Leitbild für die künstlerische Moderne wurde das Flugzeug als Orville Wright seine Flugapparate in Europa vorführte und Louis Blériot den Ärmelkanal überquerte. In dem wirtschaftlich, politisch und technisch zurückgebliebenen Italien war die Begeisterung für die neue Technik besonders groß. Mit ihrer Hilfe, so hofften die italienischen Künstler, könne die ARRETRATEZZA, die Rückständigkeit des Landes, überwunden werden. Noch vor Philippo Tommaso Marinetti, den Begründer des Futurismus, drängt der Fin-de-Siecle-Poet Gabriele d‘Annunzio zur Fliegerei. Für ihn gilt, dass ein Dichter von nationalem Rang auch Aviatiker sein muss. Als Wright seine Flugvorführungen in Italien unternimmt,
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ist d‘Annunzio zugegen, und auch, als die ersten italienischen Flugtage bei Brescia stattfinden. Er bedrängt Louis Blériot, ihn auf einem Flug mitzunehmen. Der jedoch lehnt ab. Und Glenn Curtiss, der amerikanische Flieger, lässt sich nur dazu herbei, ihm ein „Fotoshooting“ in seinem stehenden Flugzeug zu gestatten. Im Ersten Weltkrieg ist d‘Annunzio endlich Co-Pilot, und er unternimmt waghalsige Flüge ins Feindesland. Über Wien kreisend, wirft er Propagandaschriften ab, bei einem Luftgefecht verliert er sein rechtes Auge. Die futuristische Befreiung der Worte, die Auflösung der Grammatik und die Beseitigung von Satzzeichen, die eine dem technischen Erlebnis entsprechende Beschleunigung der Sprache herbeiführen soll, demonstriert d‘Annunzio in dem Bericht über seinen Flug nach Wien: „... das Unwetter! Gewaltige Windstösse!/ 8 Uhr 35 Höhe 2850 / wir tanzen / Gewölk Geröll / Luftwirbel Strudel / Der Sog der Luft Vorwärts!“2 Flugzeug und Krieg sind Superlative für die italienische Moderne, die in den 30er Jahren zu einer eigenen Variante des Futurismus, der Aeropittura führen. Wie Raubvögel kreisen die Flieger über Dörfern und Städten, im Sturzflug prallen Nah- und Fernsicht schockartig aufeinander. Picasso malt in dieser Zeit „Guernica“. PAU L K L E E I N S C H L E I S S H E I M
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ie Tragikkomik des fliegenden Menschen hat Paul Klee lange vor dem Krieg beschäftigt. Zu dem „Held mit dem Flügel“ von 1905 notiert er: „Dieser Mensch ... macht unentwegt Flugversuche. Dabei bricht er Arm und Bein ...“3
Als August Macke und Franz Marc an der Front fallen, wird Paul Klee als Etappensoldat auf dem Feldflugplatz in Schleißheim bei München eingesetzt. Der Künstler nummeriert Aeroplane mit Schriftschablonen und fotografiert abgestürzte Flugzeuge. Der Held mit dem Flügel gewinnt retrospektiv eine erneute Bedeutung. Die Organerweiterung des Menschen, dieser Topos der Moderne, erweist sich für ihn als verhängnisvoll. Klee notiert hintergründig: „Gestern hatten wir ... Dienst, wie sonst mit zugehörigem Bruch. ... Diese Woche hatten wir drei Tote, einer vom Propeller derschlagen, zwei derhuzten sich aus der Luft! Ein vierter sauste gestern mit Krach, Splitter-Riß und Schurf auf das Dach der Werft. Zu tief geflogen, an einer Telegrafenstange hängengeblieben, auf dem Werftdach einmal aufgehupft, überpurzelt und verkehrt liegengeblieben wie ein Trümmerhaufen. Ein Gerenne von allen Seiten, im Nu das Dach schwarz von Monteurkitteln. ... Kinoeffekt erster Güte.“ 4 Bis ins Jahr 1920 finden sich in Klees Werk Wesen, die halb Vogel, halb Flugzeug sind. Dem „Fliegersturz“ steht der „Angelus Novus“ gegenüber. Walter Benjamin hat das Bild erworben und ihm eine geschichtsphilosophische Deutung gegeben, die tief in die Problematik der Moderne vordringt: „Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor UNS erscheint, da sieht ER eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir Fortschritt nennen, ist DIESER Sturm.“ 5
TAT L I N U N D L E TAT L I N
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ie russischen Künstler verstehen sich bei ihrem Eintritt in die Moderne zunächst als Futuristen. Leo Trotzki erkundigt sich bei Antonio Gramsci, was es mit dem Futurismus auf sich habe. Der schreibt ihm: „Diese Aufgabe haben die Futuristen in der bürgerlichen Kultur erfüllt: sie haben zerstört, zerstört, zerstört, ohne sich darum zu kümmern, ob das durch ihre Tätigkeit Neugeschaffene insgesamt hochwertiger ist als das zerstörte Werk.“ 6 Dennoch haben die russischen Suprematisten und Konstruktivisten viel von den Futuristen übernommen, vor allem deren Begeisterung für die Aviatik. Kasimir Malewitsch nennt den von ihm propagierten Suprematismus einen „aeronautischen“. Seine Skizzen und Gemälde weisen schon über die Erdatmosphäre hinaus bis in den Weltraum. Sein Schüler El Lissitzky inszeniert Räume, die kein oben und unten, kein links und rechts mehr kennen, seine „Prounen“ sind Umsteigestationen in den Kosmos. Auch Vladimir Tatlin lässt sich von der Fliegereuphorie in der Sowjetunion anstecken, aber er schlägt einen ungewöhnlichen Weg ein: Um 1930/31, in einer Zeit also, in der der Stalinismus beginnt, die russische Moderne zu liquidieren, in der eine gigantische Industrialisierungskampagne das Land in Atem hält, kehrt Tatlin zum Nullpunkt zurück. Der ehemalige Matrose, der sich daran erinnert, wie Möwen tagelang seinem Schiff her flogen, beginnt ein Fluggerät zu konstruieren. Ist es ein technischer Apparat mit der Bestimmung zu fliegen oder ist es ein Kunstwerk, dem Fliegen als eine Metapher für Freiheit gilt?
Bauhauses gefunden. Dabei hatte Walter Gropius schon in Weimar ein Manifest mit dem Titel „Wohnmaschinen“ überschrieben und darin den grundlegenden Wechsel von den Immobilien zu den Mobilien im Zeitalter des Fliegens diskutiert. „Das Gehäuse“, so Gropius“, in dem dieser Mensch lebt, wird den Bedingungen seiner anders gerichteten Geisteseinstellung entsprechen. Es wird der Bewegung auf der Erdoberfläche dienen, ein praktisches Mittel, ein Werkzeug, eine Maschine sein, das ihm den leichten Ortswechsel auf allen Stellen seiner Heimat, der Erde, ermöglicht. Dieses Gehäuse wird nicht mehr zu den Immobilien, sondern zu den Mobilien rechnen, in demselben Grade wie der Mensch mobiler geworden ist. Das wachsende Erlebnis der Bewegung hat in unserem Zeitalter die Fahrzeuge, Dampfer, Flugzeuge, Autos geschaffen, Luftschiffe, Lokomotiven usw. Das Zukunftshaus wird diesen ähnlich sehen. Das Ideal wäre die Maschine, die dem Wohnbedürfnis praktisch entspricht und uns jeden Ortswechsel in allen Elementen gestattet, d.h. eine Maschine, die unserem Wohnbedürfnis bei Tag und Nacht entspricht und neben den Einrichtungen für diese, die maschinellen Einrichtungen zum Fliegen, zum Fahren auf dem Lande und dem Wasser in sich birgt.“ 11 Als das Bauhaus von Weimar nach Dessau verlegt wird, wird folgerichtig das berühmte Flugzeugwerk ein Leitbild für die künstlerische Moderne. Der Flugtechnik entspricht eine Bautechnik, die zumindest optisch Leichtigkeit und ein Abheben vom Erdboden suggeriert. Technik und Baukunst bilden eine Einheit in der Dessauer Moderne. Gropius: „die verkehrswege in der luft erheben eine neue forderung an die erbauer von häusern und städten: auch das bild der bauten aus der vogelschau, das die menschen in früheren zeiten nicht zu gesicht bekamen, bewußt zu gestalten.“ 12 Das Luftbild tritt als JunkersLuftbild in Erscheinung und die Betrachtung eines Bauwerkes aus der Luft wird zu einer vorrangigen Sache. Kein Wunder daher, dass Gropius Junkers darum bittet, zur Einweihung des Bauhausgebäudes die Gäste aus Berlin mit dem Flugzeug nach Dessau zu transportieren.
Der Letatlin, so nennt Tatlin sein Gerät, ist ein Zwitter, der den Menschen geistig und real als das handelnde, selbstbezügliche Subjekt voraussetzt, Die Experimentierfreudigkeit der techdas Habermas als Wesensmerkmal der nischen Moderne steht der der künstModerne ausgemacht hat, und die Vö57 VON WALTER SCHEIFFELE B lerischen Moderne keineswegs nach. gel, nicht die Technik, nimmt Tatlin Das Flugzeug fasziniert Techniker als Vorbild: „Die Vögel sind vollkomund Künstler gleichermaßen, und es inspiriert Entwürfe, die weit in die Zukunft weimener beschaffen als die Flugzeuge. Sie sind elastische Konstruktionen, die Flugzeuge sen. Pläne zu einer Weltsprache, die auch als eine Fliegersprache gedacht ist, entstehen. sind steif. Die Vögel haben lebendige, weiche Flügel, die der Flugzeuge sind tot und Weltschrift und Weltluftverkehr kursieren in Dessau und machen die Stadt, wie man so starr. Passagiere wie in der Junkers, d.h. Leute, die sich langweilen, im Ledersessel sitzen sagt, „weltoffen“. Da verwundert es nicht, dass in dieser Atmosphäre im Junkerskonzern und an der Flugkrankheit leiden, wird es im Letatlin nicht geben. ... Im Letatlin wird ein Projekt entwickelt wird, das nur in dieser Stadt selbstverständlich erscheinen kann. der Mensch wie ein Schwimmer liegen. Und den Flug lenken. Er wird mit den Armen Einer der Dessauer Politiker, Heinrich Peus, hat es so geschildert: „Junkers sagte selbst und Beinen arbeiten, so wie beim Schwimmen.“ „Fliegen“, so fährt Tatlin fort, „Fliegen einmal, wenn er keine Flugzeuge baute, würde er wahrscheinlich Häuser gebaut haben. lernen die Vögel als Jungvögel, und die Menschen müssen es ebenso erlernen. Wenn bei Und zwischen Flugzeug und Haus ist ja auch technisch gar kein großer Unterschied. uns erst einmal genauso viele Letatlins hergestellt werden, wie man heute (gebogene) Denn das Dings, wo die Flügel dran sind, ist schon ein ganz anständiges Haus. Und Thonet-Stühle fertigt, dann werden die Kinder schon mit acht Jahren fliegen lernen. ... vielleicht werden wir in Zukunft überhaupt Häuser haben, die fliegen können. Das ist Dann wird es in allen Schulen Flugunterricht geben, damit das Fliegen dem Menschen 7 gar nicht ausgemacht 13„ Als die Zuhörer erheitert reagieren, setzt der Redner hinzu: ebenso zum Bedürfnis wird, wie derzeit das Gehen.“ „Das ist noch gar nicht ausgemacht!“ L E C O R B U S I E R U N D G A B R I E L VO I S I N Und tatsächlich greift man, jetzt konkurrierend mit dem Bauhaus, das Projekt des industrialisierten Hausbaus auf. Im Unterschied zum Bauhaus aber, wo man auf den er große französische Architekt der Moderne verkündet zu Beginn der Betonbau setzt, entwickelt man bei Junkers Lösungen für das Metallhaus. Der Bauhzwanziger Jahre, dass die maschinelle Technik zum Maßstab und Vorbild ausschüler Siegfried Ebeling arbeitet in der Metallhausforschung bei Junkers, und der für die neue Architektur werde. Die „machine à habiter“, die WohnmaschiTitel seines zu dieser Zeit erschienen Buches über den „Raum als Membran“ weist der ne, wird von den anderen Maschinen, von Schiffen, Eisenbahnen, Autos Architektur den Weg in unsere Gegenwart. Der Leichtbau und die Solararchitektur und Flugzeugen lernen müssen. Das Problem des Hausbaus richtig stellen, so Le Corbusind Erbschaften aus den von den Junkerswerken gespeisten Utopien. sier, heiße, von der Problemstellung der Flugzeugkonstrukteure lernen: „Eine Maschine zum Fliegen zu erfinden, ohne Erinnerungen an irgend etwas der reinen Mechanik B UC K M I N S T E R F U L L E R U N D DI E F L Ü S S IG E G E O G R A PH I E Fremdes ...“ Daraus folge als Lektion für die Architekten: „in weniger als zehn Jahren hatte die Welt das Fliegen gelernt.“ 8 er amerikanische Erfinder, Ingenieur, Künstler, Designer und Architekt Von Le Corbusier wird auch Walter Gropius lernen, dass eine moderne Architektur Richard Buckminster Fuller stellt den modernen Architekten in den 20er den direkten Schulterschluss zur technischen Avantgarde suchen muss, darunter zu den Jahren eine irritierende Frage: Wieviel wiegen eure Bauten? Eine Frage, Flugzeugindustriellen. Gabriel Voisin, ein Flugzeugkonstrukteur des Ersten Weltkriegs, die nur aus dem Blickwinkel der Aviatik gestellt werden konnte, denn sie erregt das Interesse, weil er zugleich Versuche zur industriellen Fertigung von Häubeinhaltet die Vorstellung, dass Bauten auch mit dem Flugzeug transportiert werden sern macht. Das „Maison Voisin“, das auf Rädern transportiert wird, ist einer jener können. Und tatsächlich hat Fuller dieses Ziel in den fünfziger Jahren erreicht, als HeZwittertypen zwischen Mobilie und Immobilie, die durch die Zwanziger Jahre geistern licopter seine leichten „Domes“ durch die Luft transportieren. werden. Le Corbusier setzt seine Hoffnung auf Voisin. Der finanziert ihm 1925 den „Plan Voisin“, der noch heute zu den schockierendsten Stadtplänen der Moderne zählt. Bei Fuller gerät anstelle des metaphysischen Weltraums der reale ins Blickfeld. Und er „Mitten im Herzen der (alten) Stadt“ implantiert er eine neue Stadt, deren Zentrum rückt unseren Planeten aus dessen Perspektive wieder ins Zentrum. Unter dem Eindruck ein Flughafen bildet. Le Corbusier hält sich an Vertreter der französischen Luftfahrt der Großkreise, auf denen die Flugzeuge den Planeten umkreisen, verändert sich unser und räumt mit ihnen dem künftigen Luftverkehr höchste Priorität ein: „Der Flugplatz Weltbild. Fuller entwickelt ein Weltkartenmodell, das diese veränderte Sicht dokumenmuß sich im Zentrum von Paris befinden, denn innerhalb von zwei Jahren werden die tiert. Die „Dymaxion map“ zeigt uns „One Island in One Ocean“, zusammenhängende 9 Flugzeuge ohne jede Gefahr vertikal zu landen im Stande sein.“ Ohne dass diesem Plan Kontinente in einem zusammenhängenden Weltmeer. Wir können diese EINE WELT, und das demonstriert er mit großem Vergnügen, aus nationaler Sicht auch umgruppieetwa ein Fliegerangriff vorangegangen wäre, hantiert Le Corbusier mit Begriffen wie „Zerstörung“ und „Wiederaufbau“. Stadtplanung ist für den französischen Architekten ren und damit die jeweilige mentale Situation verdeutlichen, die unserer geografischen vier Jahre später, seit seiner Reise nach Südamerika, eng mit dem Blick aus dem FlugLage entspricht. zeug verbunden: „Man steigt in ein Flugzeug und segelt wie ein Vogel über alle Buchten Eine der wegweisenden Metaphern des Jahrhunderts leitet Fuller aus der Luftschifffahrt hinweg, umschwebt alle Gipfel, dringt in das Innerste der Stadt ein, entreißt ihr mit einem einzigen Blick aus der Vogelperspektive alle Geheimnisse ...“ 10 Ein neuer optischer her: das „Raumschiff Erde“. Fuller beschreibt es so: „Unser kleines Raumschiff Erde hat Maßstab entsteht, das Bild von den Städten, von der Welt ändert sich. nur einen Durchmesser von 8000 Meilen. Das ist in der ungeheuren Weite des Weltraums eine ziemlich unbedeutende Größe. Der Stern, der uns am nächsten ist – unser WA LT E R G RO PI U S U N D H UG O J U N K E R S Energie lieferndes Mutterschiff Sonne -, ist 92 Millionen Meilen von uns entfernt, und der danach uns nächste Stern ist hunderttausendmal weiter. Das Licht braucht rund ie kommen in Deutschland Moderne und Flugzeug zusammen? Das zweieinhalb Jahre für den Weg vom nächsten Energieversorgungsraumschiff bis zu uns. ist die Frage nach dem Bauhaus in Dessau und nach dem FlugzeugDas ist die Art von Raumordnung, in der wir uns bewegen.“ 14 werk von Hugo Junkers. Die „vergnügt am Himmel schwirrenden Fuller macht auf eine Besonderheit dieses Raumschiffs aufmerksam: Es verfüge über Junkersflugzeuge“, die Ilja Ehrenburg bei seinem Besuch des Baukeine Bedienungsanleitung. Und: Die sei bewusst nicht mitgeliefert worden. Daraus hauses bewundert hat, haben lange keinen Eingang in die Geschichtsschreibung des
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folge, dass die Menschheit jene Vorschau-Fähigkeiten erst entwickeln müsse, die sie in die Lage versetze, mit dem komplexen System des Raumschiffs umzugehen. Er schlägt als Training dazu ein „World Game“ vor. Die Installation in Footballstadiengröße soll per Computersimulation den Teilnehmern die Bedingungen globalen Handelns anschaulich machen, darunter die Verteilung von Ressourcen, und sie so für die Bedienung des Raumschiffs qualifizieren. Die Generation des „Whole Earth Catalog“ hat von Fuller viel gelernt. Das erste zivile Computernetz ist aus diesem Impuls entstanden, und wenn wir heute im Internet Bilder mit hoher Auflösung von allen Teilen der Welt betrachten können, dann ist das ein kleiner Teil jenes World Games, zu dem Fuller uns alle aufgefordert hat. Kommen wir zu einem letzten Kapitel des Flugs der Moderne und kehren wir nach Deutschland zurück. O T L A IC H E R S T R AU M VO M F L I E G E N .
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L I T E R AT U R Werner Schwipps, Lilienthal und die Amerikaner. Beiträge zur Entwicklung der Flugtechnik, München 1985, S. 84 2 Peter Demetz, Über Aviatisches – d’Annunzio, Marinetti, die Avantgarde und der Faschismus, Tr@nsit online, Nr. 23/2002 3 O. K. Werkmeister, Versuche über Paul Klee, Frankfurt a. M. 1981, S. 20 4 ebd., S. 58 5 Walter Benjamin, zit.n. O. K. Werkmeister, ... S.98 6 Antonio Gramsci, Ist Marinetti ein Revolutionär?, in: Ders., Gedanken zur Kultur, Leipzig 1987, S. 260 (Ähnlich hat Gramsci in einem Brief an Trotzki 1922 argumentiert, ebd., 261f) 7 Larissa Alexejewna Shadowa, (Hrsg.), Tatlin, Dresden 1987, S.332f 8 Le Corbusier, 1922. Ausblick auf eine Architektur, hg. v. Ulrich Conrads, (Bauwelt Fundamente 2) 4. Aufl., Braunschweig, Wiesbaden 1982, S.92 9 Le Corbusier und Pierre Jeanneret. Ihre gesamtes Werk von 1910-1929, hg. v. O. Stonorov u. W. Boesiger, Zürich 1930, S. 109 10 Le Corbusier, 1929. Feststellungen zu Architektur und Städtebau, 2. Aufl., Braunschweig/Wiesbaden, 1987, S.217 11 Walter Gropius, Wohnmaschinen, in: Walter Scheiffele, bauhaus, junkers, sozialdemokratie. ein kraftfeld der moderne, Berlin, form+zweck 2003, S. 236f 1
12 ie Länder geben ihre Strukturen besser zu erkennen, wenn man sie von Walter Gropius, Bauhausbauten Dessau, Mainz 1974, S.16 13 Heinrich Peus, Bauhaus und Hausbau, Volksblatt für Anhalt, 25.11.1927 oben betrachtet. Das demonstriert Otl Aicher in den sechziger Jahren, als 14 Joachim Krausse (Hrsg.), R. Buckminster Fuller. Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde und andere er fotografische Flüge über Europa unternimmt, die von jener Lufthansa Schriften, Reinbek bei Hamburg 1973, S.31 15 organisiert werden, die in den Zwanziger Jahren aus den Fluggesellschaften Im Flug über Europa, hg. von der Lufthansa, 2. Aufl., Salzburg 1976, S.5 16 ebd. von Hugo Junkers hervorging. Aicher hat großen Anteil daran, dass das Dessauer Bau17 Otl Aicher, die schwalben sind früher gekommen, in: schreiben und widersprechen, Berlin Janus press 1993, S. 50 haus nach dem Krieg seine Fortsetzung an der HfG Ulm fand. Was konnte man bei der „Zweiten Moderne“ lernen, wenn es galt, den Weg in die „Dritte Moderne“ zu eröffnen? Kybernetik und Systemdesign spielen dabei eine entscheidende Rolle. Und Aicher gibt mit dem Erscheinungsbild für die Lufthansa ein Beispiel dafür. Wie oft, wenn er sich mit einem Unternehmen beschäftigt, dringt er tiefer in dessen Wesen ein, als irgendein Betriebsinterner zuvor. Einem Erscheinungsbild, so belehrt er das Management, müsse ein Vorstellungsbild vorausgehen. Und dieses 57 VON WALTER SCHEIFFELE C Bild des Unternehmens von sich selbst erzeugt Aicher. Das Vorstellungsbild, das in der Lufthansa täglich gegenwärtig ist, von dem man aber kein Bewusstsein hat, ist das Luftbild. 200 Flugstunden lang hat Otl Aicher Luftaufnahmen von Europa gemacht, mit einer Hasselbladkamera von dem Typ, den auch NASA-Astronauten auf dem Flug zum Mond verwendet haben.
FLUGVERSUCHE DER MODERNE
„Flugbilder haben ein eigenes Merkmal“, so Aicher, „für sie gilt nicht die gewohnte Komposition Vordergrund-Mitte-Hintergrund, wie sie vom Kulissenbild des klassischen Theaters auf uns gekommen ist. Sie bilden ein Stück Fläche ab, registrierend, nicht genießend.“ 15 Strukturen werden aus diesem Abstand erkennbar. Sie zeigen Sachverhalte, die diskutiert werden können. Aber noch eine andere Dimension des Luftbildes interessiert Aicher: „Flugbilder bauen eine Brücke, unsere Welt von außen zu betrachten. Das ist ungewohnt. wir wohnen im Haus. Wir leben in der Stadt. Wir gehen in den Wald. Wir erleben die Welt von innen, nicht von oben. Die Flugbilder zeigen, daß Höhe eine neue Dimension ist. Sie macht Vertrautes fremd. Sie lehrt, Vertrautes neu zu sehen. Als wärs zum ersten Mal.“ 16 Und das heißt: Wir sehen diese Welt mit den Augen der Lufthansa. Aus solchen Vorstellungsbildern kann ein wirkungsvolles Erscheinungsbild entstehen. In späteren Jahren wendet sich Aicher enttäuscht von den Großprojekten ab. Ob BMW oder Mercedes, ob Lufthansa oder Airbus, in den mehr verwalteten als geleiteten Unternehmen findet er keine Partner mehr, die die notwendige Vorstellungskraft für Vorstellungsbilder aufbringen könnten. Das aus der NS-Zeit herrührende Misstrauen gegen Großorganisationen wächst wieder. Wo wäre das Subjekt zu finden, das sich mit seinen Entwürfen selbst entwerfen kann? Bezogen auf das Fliegen, das auch ihn nicht mehr loslässt, heißt das im Kontext der 80er Jahre: Wie kann man aus eigener Kraft fliegen? Interessiert verfolgt er, wie Aussteiger aus der Luftfahrtindustrie ihr Wissen auf eine andere Art des Fliegens übertragen. Die Technik der Dritten Moderne ist für Aicher eine Leichtbautechnik. Ihr Maßstab ist das subjektive Denken, das aus sich heraus objektivierte Systeme entwickelt und doch mit ihnen wieder zu sich zurück kehrt. Ähnlich wie Tatlin fragt Aicher jetzt: Wie kann der Mensch fliegen ohne Motor? Sein Interesse wendet sich Erfindern wie Paul McCready zu, der als einer der ersten ein Leichtbauflugzeug nur mit Muskelkraft fliegt. Der Traum vom Fliegen beginnt wieder von vorn, und Aicher, der inzwischen im Allgäu seine „autonome republik rotis“ gegründet hat, träumt ihn mit und hat ihn in diesem schönen Text niedergeschrieben: „wir fliegen dem tal entlang. man könnte oben bleiben und in gerader linie über die bergketten ziehen. aber so fliegen flugzeuge. sie fliegen nach tabelle. wir fliegen nach der qualität der luft, nach ihrer körperlichkeit. die luft über den tälern trägt mehr. sie ist ein kissen. die luft über den gipfeln und kämmen bricht ab. sie ist nervös. eine zeitlang fliegen wir östlich, der stadt zu, die wir kennen. sie hat einige hochhäuser, die wie zähne aus dem häusergrund ragen. die sonne, knapp über den gipfeln, blendet uns. aber wir segeln, wir kneifen die augen zu, lassen uns tragen in einem gespinst von licht und luft.“ 17
PROF. DR . WA LT E R S C H E I F F E L E (1946) Designhistoriker Studium an der Akademie für das Graphische Gewerbe München und am Institut für Umweltplanung Ulm. Wissenschaftlicher Assistent an der HdK Berlin, Fachgebiet Industrial Design. Studien zur Alltags- und Industriekultur am Institut für Theorie und Geschichte von Bau, Raum, Alltagskultur. Promotion an der Universität Bremen über „Wilhelm Wagenfeld und die moderne Glasindustrie“. Gastprofessur für Designtheorie und Designgeschichte an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee (2005-2013). Ausstellungen und Publikationen zur Kultur- und Designgeschichte der Moderne.
WARUM DIE VÖGEL FLIEGEN 58
S
VON WERNER NACHTIGALL
o sehen der Journalist Günter Haaf und der Fotograf Dirk Reinartz den Verfasser für einen Artikel im „Zeit-Magazin“. Ich betrachte die in der Messstrecke freifliegende Taube durch ein Beobachtungsfenster des Kanals. Das Foto ist durch das gegenüberliegende Beobachtungsfenster geschossen. Die Taube befindet sich in der Nähe der hinteren Drahtabsperrung der Messstrecke und beschleunigt etwas, um wieder in die Mitte des Messraums zu gelangen. Über den Heiligenschein des Tauben-Spiegelbilds über meinen Kopf bin ich nicht bekümmert: Jeder Mensch hat, wie gesagt, seinen Vogel. Man kann das Bild auch anders interpretieren. Unsere Untersuchungen bringen Basisdaten zu Fragen, wie Organismen physiologisch funktionieren. Sie sind damit typische Grundlagenforschung und als solche zunächst wert- und zweckfrei. Die Gewinnung solcher Daten betrachte ich als Kulturauftrag. Wenn gelegentlich Einwände gegen die Grundlagenforschung gemacht werden (Forschung würde die Menschen nicht glücklicher machen, die Umweltprobleme nicht lösen, den Menschen in größeres technologisches Abseits manövrieren), kokettiere ich manchmal mit der Bemerkung, dass die Forschung, die wir betreiben, niemanden schadet. Sie macht nur Unbekanntes bekannt und erfüllt damit einen der Grundaufträge, die sich der zivilisierten Menschheit als kulturelle Anforderung stellen. Musste ich früher diesen Standpunkt mit einem deutlichen Augenzwinkern vortragen und ihn gegen sehr direkte harte Argumente verteidigen (ein Mediziner: „Wie können Sie es verantworten, Steuergelder dafür auszugeben, zu erforschen, wie eine Fliege fliegt? Die von uns eingesetzten Steuermittel kommen dem Menschen zugute!“), so finde ich zu meinem Erstaunen mehr und mehr Verständnis, sogar für Elfenbeinturm-Aspekte („Zumindest schaden die ja niemanden“). Es wird langsam sogar wichtig, darauf hinzuweisen, dass Grundlagenforschung ja bei der Datengewinnung nie stehenbleibt. So werden auch unsere Daten einfließen in ein Gesamtverständnis des Langstreckenflugs von Zugvögeln und damit zunächst indirekte, mehr und mehr aber auch direkte Relevanz finden für Bemühungen um den Schutz der Zugvögel.
W
arum die Vögel fliegen - für den Fundamentalisten ist die Frage klar zu beantworten. Der große Konstrukteur hat den Vögeln - es war wohl am fünften Schöpfungstag - Flügel geschaffen und sie auf die Reise durch die Luftmeere geschickt. Deshalb fliegen sie gestern, heute und bis hin zum vorbestimmten Tag. Der Naturwissenschaftler dagegen wird sich keine Grenzüberschreitung in Glaubensgefilde gestatten und muss daher sagen, dass er zu dieser Frage keine Aussage machen kann. Als Naturwissenschaftler weiß ich nicht, warum die Vögel fliegen. Ich erforsche und beschreibe, wie sie fliegen. So war auch mein Titelvorschlag: „Wie die Vögel fliegen“ (für das Buch „Warum die Vögel fliegen“ Verlag Rasch und Röhrig, Hamburg - Zürich 1985). Mein Verleger aber meinte, dass die andere Formulierung viel schöner und griffiger sei und da er - im Gegensatz zu mir - davon lebt, dass er seine Bücher verkauft, wollte ich ihm nicht widersprechen. „Aus einer Werkstatt biophysikalischer Forschung“ hieß der Untertitel des Buches über den Insektenflug, das ich vor fünfzehn Jahren geschrieben habe. Auch dies ist wieder ein Bericht über den „Istzustand“ eines Forschungsgebietes. Es stützt sich in vielseitiger Weise auf unsere eigenen Forschungsergebnisse, ist aber kein spezieller Laborbericht. Die Wissenschaft vom Tierflug – speziell vom Vogelflug – basiert nicht nur auf interdisziplinärer, sondern auch auf internationaler Forschungsarbeit. Auszug aus: Vogelflug und Vogelzug von Werner Nachtigall Rasch und Röhrig Verlag, Hamburg - Zürich 1987 Warum die Vögel fliegen von Werner Nachtigall Verlag Rasch und Röhrig, Hamburg - Zürich 1985
PROF. DR . R E R . N AT. W E R N E R N AC H T IG A L L , Jahrgang 1934, hat in München unter anderem Zoologie und Technische Physik studiert. Nach Institutstätigkeiten in München und Berkeley hat er einen Ruf an die Universität des Saarlandes, Saarbrücken, angenommen. Dort hat er das Arbeitsgebiet „Bewegungsphysiologie“ mit Schwerpunkten Vogel- und Insektenflug aufgebaut sowie eine neue Fachrichtung „Technische Biologie und Bionik“. Er ist Autor zahlreicher Fachveröffentlichungen und Bücher sowie Mitglied mehrerer Akademien.
BIRDCAGE 59 HO L Z , L AC K , M E TA L L , KOR DE L 155 x 45 x 45 cm
VON YVONNE ROEB
2010
Y VO N N E RO E B , geboren 1976. Die in Berlin wohnhafte Künstlerin studierte an der Kunstakademie Münster und ist Meisterschülerin von Prof. Katharina Fritsch. Sie arbeitet im Bereich der Skulptur, Installation, Zeichnung und Video und erhielt 2011 das Arbeitsstipendium der Stiftung Kunstfonds. Aktuell bereitet sie eine Ausstellung im Lehmbruck Museum in Duisburg vor.
SECONDARY OCCUPANTS PROJECT 60 ( FAU X )B O O K S / P O S T E R S / R E C OR D S
Managing Structural Bird Problems Ecologies of Decay - Rise of the Post-Urban City Ootheca Invertebrates & Architecture The Pigeon Fancier‘s Gambit The House Spiders - A Play by Zbigniew Jakubowski Books (6/45) digital pigment prints, worn books, all are editions of 4 with 2 A.P.
BY JULIAN MONTAGUE
2010 - 12
In the Secondary Occupants Project the faux books, records and posters are meant to be the reading, listening and viewing materials of the unamed character at the center of the project. Collectively the books are titled Volumes from an Imagined Intellectual History of Animals Architecture and Man. All of them connect in one way or another to the central animal/architecture concern of the project. J U L I A N M O N TAG U E is an artist and graphic designer who uses language, drawing, photography, and other media to explore the peripheral features of our environment. His most recent project is Secondary Occupants Collected & Observed, a multidisciplinary investigation of the intersection of animals and architecture. His work has received attention from Art in America, The Journal of Postmodern Culture, Frieze, The New York Times, Vogue Italia, BBC World Service, and others. Julian Montague is represented by Black & White Gallery in Brooklyn.