Das Cabinet des Herman Greff Entstehungsgeschichte
Bericht von Maeve von Ungern-Tannenberg & Arthur Baron von Aktaion
Peeacock Island Press
Inhalt
Erste Nachricht. Zerschundendes Büchlein –7–
Zweite Nachricht. Unbeholfene Rohrpost – 11 –
Dritte Nachricht. Hübsches Typoskript – 15 –
Impressum – 21 –
Erste Nachricht. Zerschundendes Büchlein
D
ie erste Nachricht von Herman Greff erhielten wir an einem Sonntag vor nicht allzu langer Zeit. Wir lagen — schläfrig vom Rotwein und einer Agriade Saint-Gilloise — auf dem blauen Sofa der Romantik in der Grande Taverne de Paon am westlichen Ufer von Peacock Island an der Rue de Culinaire.1 Über uns ein bestirnter Himmel, vor uns ein Kamin und im Feuer ein leiser Gesang.2 Im Halbschlaf plötzlich die Wahrsagergeistin aus Endor3, eine Vertraute der Königin des Weltalls4. Sie brachte uns ein kleines zerschundenes Büchlein und einen handschriftlichen Vermerk: „Lesen Sie dieses Buch, den ersten Band der von mir herausgegebenen Reihe The Greatest Panopticon On Earth, gez. H. Greff!“ 1 Das Restaurant liegt am westlichen Ufer des Gläsernen Meeres auf Peacock Island an der Rue de Culinaire. Hier ist jeden Abend ethnomaieutischer Jour Fixe und alle sind immer bester Laune: aus dem Vorstand Johann Kunckel von Löwenstern (Vorsitzender des Aufsichtsrats), Niklas L. Incandenza (CEO), Mr. Kurz (COO) und Fräulein Trinitas (CRO); aus dem Heer der Namenlosen Consultanten die Freaks & Artisten, die Metamorphen & Dämonen, die Brigade de Cuisine und Honey Rider, DIE ERSTE unter den Sekretärinnen im Dr. No-Bikini; und natürlich Vampira, die zum Nachtisch immer burlesque tanzt, auf den Lippen und Nägeln das Rot des Rubins. 2 „A gray sky with bitter skin / A rain cloud would rain on me / All out behind horizon / A gray sky of bitter skin / And I will hang my head low“ Marianne Faithfull, The Crane Wife 3 (feat. Nick Cave), in: Easy Come, Easy Go (Deluxe Edition), 2008. Quelle: Apple Music 3 1 Sam 28, 7-13: „Ich sehe Götter heraufsteigen aus der Erde.“ 4 Von fürchterlichen Heimsuchungen geplagte Bewohnerin des Portikus auf Peacock Island, in den sie stets erst am frühen Morgen zurückkehrt, wenn in den Stimmen die Engel gelacht haben. –8–
Da wir im kulinarischen Nebel des blauen Sofas für gewöhnlich nicht lesen, uns aber eine Neugier trieb, baten wir die Sirene der Metamorphen & Dämonen aus dem Heer der Namenlosen Consultanten um eine Vorlesung. Die Sirene war so freundlich und sang aus dem kleinen Greff‘schen Büchlein, das einen Bericht eines gewissen Edgar Allen Poe enthielt: „Lebendig begraben zu werden, ist ohne Frage die grauenvollste aller Martern, die je dem Sterblichen beschieden wurde. Daß es häufig, sehr häufig vorgekommen ist, wird von keinem Denkenden bestritten werden. Die Grenzen, die Leben und Tod scheiden, sind unbestimmt und dunkel. Wer kann sagen, wo das eine endet und das andere beginnt? Wir wissen, daß es Krankheitsfälle gibt, in denen ein völliger Stillstand all der sichtbaren Lebensfunktionen eintritt, und dennoch ist dieser Stillstand nur eine Pause, nur ein zeitweiliges Aussetzen des unbegreiflichen Mechanismus. Einige Zeit vergeht — und eine unsichtbare, geheimnisvolle Ursache setzt die zauberhaften Schwingen, das gespenstische Räderwerk wieder in Bewegung. Die silberne Saite war nicht zerrissen, der goldene Bogen war nicht unrettbar zerbrochen. Wo aber war währenddessen die Seele?“5 The Horror! The Horror!6 Wir waren in Aufruhr, vergewisserten uns unserer Seelen und schliefen ein. Im Traum schritt der Daywalker über den Horizont von Peacock Island. Er grüßte freundlich und ein Wind kam auf.
5 The Premature Burial, 31. Juli 1844, in: The Philadelphia Dollar Newspaper. Deutsche Fassung: Lebendig begraben. 6 Joseph Conrad, Heart of Darkness, Blackwood‘s Magazine 1899. „He cried in a whisper at some image, at some vision — he cried out twice, a cry that was no more than a breath: The horror! The horror!“ –9–
Zweite Nachricht. Unbeholfene Rohrpost
A
m nächsten Tag, wir hatten das blaue Sofa nicht verlassen, erhielten wir die zweite Nachricht von Herman Greff. Diesmal erschien die Königin des Weltalls persönlich. Es war ein Hortensienduft überall und kein Wind nirgends. Sie überreichte uns ein vergilbtes, unbeholfen mit einer Schreibmaschine beschriftetes Stück Papier in einer Rohrpostbüchse. Ach! Wir schliefen ein und im Traum sang uns die Sirene von einer unerhörten Begebenheit: „Meiner ergebensten Dienste, und was sonst an Phantastischem und Curiosem ich vermöge, seien Sie dessen versichert! Meine werteste Maeve, mein werter Baron, ich bin Herman Greff. Als die Erde wüst war und leer und finster, da schwebte mein Geist auf dem Wasser. Ich kann mich an das Licht erinnern, das von der Finsternis unterschieden war, an den Himmel, an die Erde und an den Abend. Ich kann mich an den Klagegesang des ersten Erstlings erinnern, an den Geruch des Essigschwamms, an die gebrochnen Beine, die Lanze, das Blut, die Tränen — und an das leere Grab. Ich habe Maria Magdalena geströstet. Ich habe im See Tiberias gebadet und 153 Fische gefangen. Ich bin Herman Greff. Ich bin der Daywalker. Immer wenn ich am Horizont entlang schreite, formiert sich in den Wolken ein Gesang, dem das Wachs in den Ohren nicht standhält:„In the land of Gods and Monsters / I was an angel / Livin‘ in the garden of evil.“7 Im Garten des Bösen sehe ich wieder und immer wieder, wie ein Vogelschwarm, lautlos und grau, an den Klippen der Barmherzigkeit zerschellt. Im Regen aus Vogelkot gerate ich ins Wanken und stürze in die Brandung. Alle Hoffnung zerfällt zu Staub. Neumond. Die weiße Königin bittet zum Tanz. Ich bin Herman Greff, der gefallene Daywalker. Ach! Im Tanz mit der weißen Königin zwischen Tageslicht und Tageslicht in den Falten der Zeit am 8. Oktober 1613 plötzlich der 7 Lana Del Rey, Gods & Monsters, feat. Jessica Lange. Quelle: Apple Music – 12 –
zweite Erstling — lebendig begraben nach seinem Rendezvouz mit dem Rattenfloh. In meinen Armen lag kalt, weiß und stumm Tonies Kallenboel, den die Leichengräber ausgegraben haben, weil der alte Pfaffe den Schlaf nicht gefunden hatte in seiner speckigen Soutane. Und Kallenboel sprach, dass er der Erstling unter den Schlafenden sei und bleiben werde, bis alle Feinde unter seinen Füßen liegen.8 Es ging ein Raunen durch die Menge, die uns auf dem Kirchplatz umzingelte, Pfaffen, Amtsträger, Schaulustige. Ich sah die drei schlaflosen Taphephobiker aus Rom und auch den alten Pfaffen. Ich sah Luzifer und den feisten Debaucheur von General Tilly. Und ich sah Freaks und Artisten, die mir allwissend zuzwinkerten und mich mit freundlichen Blicken aufforderten, Tonies Kallenboel an mich zu nehmen. Und das tat ich. Seitdem bin ich, Herman Greff, im Besitz des Tonies Kallenboel, der ein zweiter Erstling unter den Schlafenden ist, begabter Freak und listiger Söldner. Ich bin Herman Greff, Direktor des Greatest Panopticon On Earth (GPOE).“ Als wir erwachten, lag die Sirene, schlafend und seltsam entrückt, in den Armen der Königin des Weltalls, die auf ihrer hellblauen Wolke stand und uns ansah. Wir verloren uns in ihren schwarzen Augen und irrten ab. Hinter uns, im Kamin, ein leiser Gesang vom barfüßigen Leiermann.9 8 1 Kor 15, 20-25. 9 „Drüben hinterm Dorfe/ Steht ein Leiermann/ Und mit starren Fingern/ Dreht er was er kann./ Barfuß auf dem Eise/ Wankt er hin und her/ Und sein kleiner Teller Bleibt ihm immer leer./ Keiner mag ihn hören,/ Keiner sieht ihn an, Und die Hunde knurren/ Um den alten Mann./ Und er läßt es gehen,/ Alles wie es will,/ Dreht, und seine Leier/ Steht ihm nimmer still./ Wunderlicher Alter! Soll ich mit dir geh‘n? Willst zu meinen Liedern/ Deine Leier dreh’n?“ Franz Schubert, Winterreise, D.911, XXIV: Der Leiermann. Auf Peacock Island exclusiv präsentiert von Dietrich Fischer-Dieskau und Gerald Moore. Quelle: Apple Music – 13 –
Dritte Nachricht. Hübsches Typoskript
I
n den Augen der Königin des Weltalls gab ein Sonnenaufgang den Blick auf zerschnittene Himmel und ramponierte Landschaften frei. In der Mitte ein gefrorner See, an den verkommenen Ufern silberne Trümmer, die sich auf Trümmer häuften. Im Hintergrund ein kahler Wald, in dem eine Eule mit der Weisheit um die Wette flog. Auf dem See ein Kahn, den Bug im rechten Winkel zum Himmel gestreckt, festgefahren und reglos ins Eis getrieben von der letzten Welle, bevor die Eiszeit kam. Am gebrochnen Mast der gefesselte Herman Greff, wie ein glückloser Engel taub vom Gesang der Sirenen. Mein lieber Herman, rief die Königin des Weltalls, mein lieber Herman, komm und sprich! Die Fesseln lösten sich im süßen Duft der Hortensien, der liebe Herman verließ den Mast und wankte ans südliche Ufer. Er schaute freundlich und sprach zu uns — — — Nach unserer Rückkehr aus den schwarzen Augen der Königin des Weltalls lagen wir auf dem blauen Sofa der Romantik und konnten uns an nichts erinnern. Über uns der bestirnte Himmel und in uns eine Leere. Aber Honey Rider, DIE ERSTE unter den Sekretärinnen im Dr. No-Bikini, hatte alles aufgezeichnet und unser Gespräch mit Herman Greff in den Schreibstuben am nordöstlichen Ufer von Peacock Island ins Reine tippen lassen. Wir lasen — noch ganz benommen von den Erlebnissen und schläfrig vom Rotwein — die dritte Nachricht von Herman Greff in einem hübschen Typoskript:
Greff Ich bin’s, Herman Greff. Schaut in den Himmel und rutscht aus. Oh, ich bin etwas unpässlich, es ist ein glattes Eis hier und kalt ist’s auch. Steht mühsam auf, hustet. Ich freue mich, Sie in den Augen der Königin des Weltalls begrüßen zu können. Blinzelt. Ich sehe Sie. Winkt. Lächelt.
Maeve & Baron Winken. Herr Greff, Sie sind unscharf. Der Ton ist porös.
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Greff Ich höre Sie. Bückt sich, schiebt silberne Trümmer zu Seite. Jetzt ist’s besser.
Maeve & Baron Ja! Winken. Lächeln freundlich. Greff Ich hoffe, Sie waren von meinen Nachrichten nicht allzu
veriwrrt. Es ließ sich anders nicht einrichten. Aus den Falten der Zeit, in denen ich gefangen bin, kommuniziert es sich etwas — ich würde sagen — umständlich. Schaut in den Himmel und rutscht aus. Herrje! Sie verstehen?
Maeve & Baron Ja, selbstverständlich. Winken. Lächeln freundlich.
Greff Ich habe dort einen Koffer. Zeigt hinter sich auf den Schiffsrumpf, der senkrecht in den zerschnittenen Himmel zeigt. Der Koffer enthält alles, was ich der Welt über Tonies Kallenboel mitteilen muss. Tagebücher, Souvenirs, Devotionalien, Polaroids, Photographien und Ähnliches. Dreht eine Pirouette, lässt Sterne regnen und singt auf die Melodie von Mackie Messer. Wohoo!10
Maeve & Baron Staunend. Ach was! Greff Ich brauche Ihre Hilfe. Bitte, wenn Sie so freundlich
wären! Ein Wind kommt auf, im Augapfel der Königin plötzlich Bildschirmstörungen. Hallo? Klopft an den Augapfel der Konigin des Weltalls. Winkt. 10 „Denn nach 15 vollen Stunden/ Klopft der Tonies an den Sarg/ Und ein Pfarrer auf dem Kreuzweg/ Hört das Klopfen und erstarrt // Denn er ahnt gleich, in dem Grabe/ Liegt ein Toter, der noch lebt/ Ach du Wehe und oh Herre/ War‘s der Teufel oder Gott // Und der Pfarrer voller Zweifel/ Läuft zum nächsten Leichenhaus/ Und er ruft dort Leichenträger/ Und die graben Tonies aus.“ Auszug aus der bekannten Moritat von Tonies Kallenboel. Verfasser unbekannt. – 17 –
Maeve & Baron Hallo, Herr Greff? Klopfen an den Augapfel der Königin des Weltalls. Winken. Sind Sie noch da? Greff Aber natürlich. Hängt schief am Schiffsrumpf, in der rech-
ten Hand den Greff’schen Koffer, in der linken Hand eine Kerze. Als Direktor des Greatest Panopticon On Earth (GPOE) ersuche ich Sie hiermit höflichst — — — Springt auf den gefrorenen See, rutscht aus, flucht und steht auf. Herrje! — — — ersuche ich Sie hiermit höflichst um Ihre freundliche Unterstützung. Zeigen Sie bei nächster Gelegenheit bitte in einem schönen Cabinet die Utensilien, die ich seit 1613 in diesem Koffer versammelt habe. Errötet. Ach, schön wär’s, wenn’s ein Cabinet des Herman Greff wäre. Dreht eine Pirouette. Und bitte, treffen Sie Tonies Kallenboel, er würde sich so gerne von Ihnen photographieren lassen, Ihnen schöne Geschichten erzählen und Ihnen meinen Koffer anvertrauen. Senden Sie ihm eine Rohrpost. Er wird Sie im Gasthof zum Kunckel treffen, wann immer Sie möchten. Ach! Fällt hin, steht auf und fährt freundlich winkend auf goldenen Schlittschuhen hinaus in die ramponierte Landschaft. Die Königin des Weltalls schließt die Augen.
Maeve & Baron Goodbye, lieber Herman. Winken. Wir werden das für Sie machen.
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Impressum Das Cabinet des Herman Greff. Entstehungsgeschichte Bericht von Maeve von Ungern-Tannenberg & Arthur Baron von Aktaion 1. Auflage 2022 © 2022, Peacock Island Press Schrift: IM Fell DW Pica von Igino Marini www.iginomarini.com/fell
Peacock Island Press Editors–in–Chief Maeve von Ungern-Tannenberg Serendipitista Arthur Baron von Aktaion Ethnomaieutiker
Lektorat Honey Rider Die Erste der Sekretärinnen im Dr. No-Bikini
Kontakt c/o From Elsewhere Allee des Barometrographen 14109 Peacock Island vor Berlin www.from-elsewhere.com info@from-elsewhere.com
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