Skip to main content

1 pdfsam 9788087895382

Page 1

Komik und Intention alit ät im Bild / Eine zeichentheoretische Untersuchung V E RO NI K A O PLE TA LOVÁ


Gutachter: Prof. PhDr. Jarmila Doubravová, CSc. Gutachter: Prof. Dr. habil. Peter Kosta Fachlektorat: Dr. Martin Siefkes Edition Přirozený svět [Natürliche Welt], Band 2 Herausgegeben von Prof. PhDr. Jan Kořenský, CSc. Die Herausgabe dieser Publikation wurde durch finanzielle Unterstützung vom Ministerium für Schulwesen, Jugend und Sport der Tschechischen Republik im Jahre 2015 ermöglicht, das im Rahmen des Institutionellen Entwicklungsplans, Bereich Exzellenz in der Bildung, die Wissenschaftsproduktion an der Philosophischen Fakultät der Palacky-Universität Olomouc fördert. Zpracování a vydání publikace bylo umožněno díky finanční podpoře udělené roku 2015 Ministerstvem školství, mládeže a tělovýchovy ČR v rámci Institucionálního rozvojového plánu, okruhu Excelence ve vzdělávání, Filozofické fakultě Univerzity Palackého v Olomouci: Podpora vědeckých výstupů na FF UP. Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Kein Teil dieses Werkes darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verbreitet werden. Herausgegeben von der Philosophischen Fakultät der Palacky-Universität Olomouc 1. Auflage © Veronika Opletalová, 2015 © Univerzita Palackého, 2015 ISBN 978-80-87895-36-8


5

I N H A LT

DANKSAGUNG

Das vorliegende Buch geht auf die Dissertation Zeichentheoretische Aspekte der Komik unter besonderer Berücksichtigung der Bildkomik zurück, die im Jahre 2014 am Lehrstuhl für Germanistik der Palacky-Universität in Olmütz verteidigt wurde und die auf Forschungen an der Arbeitsstelle für Semiotik der Technischen Universität Berlin beruht. Mein Dank gilt zunächst Mitarbeitern beider Institutionen, die mich bei der Durchführung des Vorhabens unterstützt haben. Besonders verpflichtet bin ich Prof. Dr. Roland Posner und Dr. Andrea Moshövel, die diese Arbeit über längere Zeit hinweg mit Ratschlägen und Anregungen begleitet haben. Mein besonderer Dank gehört auch Dr. Martin Siefkes, der mich im letzten Jahr mit konstruktiver Kritik und zugleich zahlreichen Ermutigungen begleitet hat. Sein gründliches Lektorat hat bewirkt, dass die in der Arbeit vielfach thematisierte „unfreiwillige Komik“ kaum in die Sprachform hinein floss. Meinen Dank möchte ich ebenfalls meinem wissenschaftlichen Betreuer Doc. PhDr. Karel Frank, CSc., aussprechen, der mir die Wahl eines Themas ermöglichte, das über die Grenzen des Fachgebiets der germanistischen Linguistik hinausreicht. Auch den Gutachtern der Dissertation, Prof. Dr. habil. Peter Kosta und Prof. PhDr. Jarmila Doubravová, CSc., bin ich für ihre Ratschläge verpflichtet, welche ich in die Buchfassung einarbeiten konnte. Zahlreiche Anregungen verdanke ich darüber hinaus den Teilnehmern der von Prof. Posner geleiteten Doktorandenkolloquien an der Berliner Arbeitsstelle für Semiotik; diese Zusammenarbeit wurde 2009 durch ein dreimonatiges Forschungsstipendium des DAAD eingeleitet. Wichtige Hinweise erhielt ich außerdem in Diskussionen, die im

Danks ag u n g


6

I N H A LT

Rahmen der 13. Internationalen Humor-Sommerschule (Juli 2013 in Magdeburg) und der 15. Internationalen Humor-Sommerschule (Juli 2015 in St. Petersburg) geführt wurden, sowie in zahlreichen Einzelgesprächen, insbesondere mit Prof. Dr. Willibald Ruch, Dr. Graeme Ritchie, Dr. Christian Hempelmann, Prof. Alexander Kozintsev und Dr. Liisi Laineste. Für Hilfe bei der Literaturbeschaffung danke ich Christian Trautsch, StR, für Hilfe bei Bildrecherchen Dr. Petr Karlíček und für Ratschläge bezüglich der formalen Notation Harald Kühl. Für Korrekturlesen und Hilfe mit der Mikrotypographie bedanke ich mich bei Dr. Doris Schöps, Dr. Sabine Voda Eschgfäller und Mgr. Zdeňka Březinová. Antonio Di Roma, Mgr. Michal Gondek und Bc. Marta Zachová bin ich für ihre Unterstützung und Ermutigung verpflichtet. Schließlich gebührt ein besonderer Dank meiner Mutter, MgA. Jarmila Opletalová, nicht nur dafür, dass sie für die Studie Bilder gezeichnet hat. Diese Danksagung könnte nun den Anschein erwecken, dass die genannten Personen unterstützende Figuren bei einem von vorne herein feststehenden Plan auftraten. Tatsächlich haben sie durch vielfache Anregungen Wesentliches zur Entwicklung des Themas und zur Ausarbeitung der Thesen beigetragen. Zweitens hat das Forschungsprojekt bewirkt, dass ich viele von ihnen überhaupt erst kennengelernt habe. Letzteres ist für mich der größte Gewinn der sich über mehrere Jahre erstreckenden Arbeit. Berlin, im August 2015 Veronika Opletalová

Danks ag u n g


7

INHALT

Verzeichnis der Abkürzungen

11

1 Einleitung

13

2 Humor Studies und Semiotik

19

2.1 Typen von Humortheorien

22

2.2 Semiotische Beiträge zur Humorforschung

25

2.2.1 Inspirationsquellen und Anfänge der semiotischen Humorforschung

27

2.2.2 Komik als Herausforderung – die 1970er Jahre

32

2.2.3 Theorien der 1980er und frühen 1990er Jahre

34

2.2.4 Neuere Arbeiten mit allgemeinem Anspruch

37

2.3 Studien zur Bildkomik

40

2.3.1 Semiotische Studien

41

2.3.2 Linguistische, kunst- und kulturhistorische Studien – eine Auswahl

44

2.4 Perspektiven der semiotischen Humorforschung

48

3 Zeichentheoretische Grundlagen

55

3.1 Zur Allgemeinen Zeichentheorie von Roland Posner

56

3.1.1 Die Stimulusseite – Arten von potentiellen Zeichenträgern

70

3.1.2 Anwendungen und Weiterentwicklungen von Posners Zeichentheorie

74

3.2 Fiktion und Kommunikationsdarstellungen

81

I nhalt


8

3.2.1 Darstellung von Zeichenprozessen im Bild

84

4 Zeichentheoretische Aspekte der Komik

87

4.1 Humor process als Zeichenprozess

87

4.1.1 Abgrenzung der Zeichenprozesse bei der Rezeption von komischen Stimuli

91

4.1.2 Modellierung der Zeichenprozesse

96

4.1.3 Komische Direktive am Beispiel der BSR-Sauberkeitskampagne

106

4.2 Die Stimulusseite

109

4.3 Das Konzept der unfreiwilligen Komik

115

4.3.1 Inszenierung unfreiwilliger Komik

124

4.3.2 Kontextualisierung von Aufnahmen unfreiwilliger Komik

129

4.3.3 Metakommunikative Aufwertung unfreiwilliger Komik

130

4.3.4 Wechsel zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik

131

4.4 Intentionalitätsbasierte Klassifikationen im Vergleich 133 4.5 Exkurs: Weitere Auslöser der Erheiterung

138

4.5.1 Lachen der Erheiterung als Ausdruck und als Stimulus 138 4.6 Diskussion der bisherigen Ergebnisse

146

4.6.1 Komik – Stimuli und Zeichenprozesse

147

5 Komik im Bild

151

5.1 Das Bild

153

5.2 Bildkomik und Intentionalität

157

5.2.1 Unfreiwillige Komik im Artefaktbereich

158

5.2.2 Die Senderperspektive

162

5.2.3 Zeichenprozesse bei der Produktion und Rezeption von komischen Bildern

167

5.2.4 Die Dimension der Abbildung

171

5.2.5 Anzeige der Komikabsicht

174

5.3 Komische Fotografien zwischen Authentizität und Inszenierung

177

I nhalt


9

5.3.1 Authentizität und Inszenierung im Bild

178

5.3.2 Darstellung von authentischen Ereignissen in komischen Fotografien

180

5.3.3 Zeichenprozesse in komischen Fotografien

182

5.3.4 Bildmodifikationen

191

5.3.5 Zwischenfazit

193

5.4 Komische Zeichnungen als fiktionale Weltausschnitte 196 5.4.1 Darstellung der Selbstdarstellung in Cartoons und Karikaturen

200

5.4.2 Sach- und Realitätsbezug in komischen Zeichnungen 203 5.5 Bild als Thema

208

5.6 Sprache-Bild-Relationen

213

5.6.1 Blicke vom fiktionalen Weltausschnitt heraus

217

5.7 Zum Manipulationsbegriff im Bildbereich

222

6 Übersicht über die zentralen Begriffe und Annahmen

227

7 Schlussfolgerungen

233

Summary

237

Literaturverzeichnis

241

Filmografie und Videoquellen

265

Bildnachweis

267

Personenregister

271

Sachregister

277

I nhalt


PŘIROZENÝ SVĚT


11

I N H A LT

VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN AU Aktionseinheit BF

bona fide

BSR

Berliner Stadtreinigung

FACS Facial Action Coding System GTVH General Theory of Verbal Humor ISHS International Society for Humor Studies NBF

non bona fide

LEGENDE ZUR FORMALEN NOTATION TERME a

reagierendes System

b

agierendes System

e, f

Ereignis

r, g Verhalten SATZ p

Proposition

E

„existieren“; einstelliger Prädikator, der die Eigenschaft

PRÄDIKATOREN UND SATZOPERATOREN bezeichnet, dass das von seinem Argumentterm bezeichnete Ereignis vorkommt T

„tun“; zweistelliger Prädikator, der eine Vollzugs-Beziehung bezeichnet

Z

„sich in gewissem Zustand befinden“; einstelliger Prädikator, der die Eigenschaft seines Arguments bezeichnet, in einem bestimmten Zustand zu sein

G

„glauben“; zweistelliger Satzoperator, der eine Glaubens-Beziehung bezeichnet

→

„verursachen“; zweistelliger Satzoperator, der eine Ursache-

I

„beabsichtigen“; zweistelliger Satzoperator, der die Absicht seines

Wirkungs-Beziehung bezeichnet Arguments bezeichnet, eine Proposition zu verwirklichen

VERZEICHNIS DER ABKÜRZUNGEN


PŘIROZENÝ SVĚT


13

I N H A LT

1 EINLEITUNG

Die Semiotik untersucht Zeichenprozesse aller Art: Zeichenhandlungen, unabsichtlich produzierte Zeichen sowie senderlose Ereignisse, die jedoch für einen Empfänger eine Botschaft realisieren. Auf der Ebene der Zeichenhandlungen lassen sich noch weitere Differenzierungen vornehmen. Der Unterschied zwischen einem Anzeichen und dem zweckgebundenen Anzeigen wiederholt sich auf mehreren Ebenen, denn bereits die Mitteilungsabsichten bei Zeichenhandlungen treten nicht nur einfach auf, sondern werden auch selbst absichtlich angezeigt. Dabei wächst die Reflektiertheit der Zeichenprozesse, indem der Sender voraussetzt, dass seine Mitteilungsabsicht erkannt wird.1 Die Intentionalität, im Sinne der Zuschreibung von intentionalen Zuständen, wird als ein Konstrukt von hohem Erklärungswert für das Fungieren menschlicher Kommunikation angesehen.2 Bei der Untersuchung von Komik spielt die Unterscheidung zwischen absichtlich produzierten und unabsichtlich verursachten komischen Effekten eine große Rolle. Einer der grundlegenden Denkansätze zu dieser Problematik stammt von Nicolai HARTMANN (1953), der zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik unterscheidet. Unter der „unfreiwilligen Komik menschlichen Gebarens“ versteht er „jede 1

Diese Umstände sind für das Vorliegen der Kommunikation im engeren Sinne bestimmend (vgl. GRICE 1957, MEGGLE 1979). Der enge Kommunikationsbegriff wurde in der analytischen Philosophie vorwiegend am Sprachmateriel etabliert und hat in semiotischen Arbeiten eine Verallgemeinerung erfahren (z. B. POSNER 1993).

2

Zur Verortung des Begriffs Intentionalität in Sprachwissenschaft, Semiotik, Literaturwissenschaft und analytischer Philosophie vgl. HARENDARSKI (2012: 86ff.), zur Intentionalität in der analytischen Philosophie vgl. BIERI (2007), der eine Bibliographie einschlägiger philosophischer Texte bietet.

1 E inleit u n g


14

I N H A LT

Ungeschicklichkeit, jedes Ausrutschen, jede unzweckmäßige Bewegung“ (HARTMANN 1953: 412f.). Er plädiert für das Primat der unfreiwilligen Komik und widmet sich auch der Problematik ihrer Nachahmung im Theater, die bereits als freiwillige Komik gilt. Obwohl diese Unterscheidung unter Humorforschern jahrzehntelang diskutiert worden ist3, sind einige wichtige Fragen unbeantwortet geblieben: Wie lässt sich das Konst‑ rukt der unfreiwilligen Komik genau abgrenzen? Können auch Artefakte als Er‑ gebnisse von Handlungen unfreiwillige Komik aufweisen? Kann die unfreiwil‑ lige Komik auch als Begleiterscheinung von Manifestationen der freiwilligen Komik vorkommen? Dabei leuchtet ein, dass ein semiotischer Ansatz auf verhaltenstheoretischer Basis sich für die Beantwortung solcher Fragen besonders eignet. Eine andere Diskussionslinie im Bereich der Intentionalität in der Komik haben linguistische, literaturwissenschaftliche und psychologische Arbeiten gebracht, die sich auf das Gebiet der Zeichenhandlungen, vorwiegend Sprechakte, beziehen.4 Diese Untersuchungen behandeln die Fragen, wie die Komikabsicht angezeigt und erkannt wird und ob der absichtlich produzierten Komik ein spezieller Kommunikationsmodus zugrunde liegt, der vom ernsthaften Zeichengebrauch einerseits und von der Lüge andererseits zu unterscheiden ist.5 In diesem Buch wird ein Versuch unternommen, die Probleme aus beiden Debatten im gleichen konzeptuellen Rahmen zu integrieren. Dafür wird ein Begriffsapparat auf zeichentheoretischer Basis entwickelt, 3

Einen Erklärungsansatz mit vielen Beispielen bietet die neueste Studie von Carsten JAKOBI (2015). Klassifikationen komischer Erscheinungen mithilfe des Merkmals (+/–) Absicht stammen von Theoretikern, die unterschiedlichen Richtungen der Humorforschung angehören. Bereits der Anfang der psychologischen Humorforschung ist mit dem Interesse für dieses Problem verbunden: Sigmund FREUD (1905 [1970]) nutzt das Vorkommen von Absichten bei seiner Unterscheidung von Komik und Witz. Eine Affinität zu semiotischen Fragestellungen weisen die literaturwissenschaftlichen Erklärungsansätze zu Komik und Komödie von Rainer WARNING (1976) und Karlheinz STIERLE (1976) auf. Beide verwenden das Merkmal Absicht neben anderen Kriterien, um einen bestimmten, für die Theorie zentralen Bereich abzugrenzen. Den genannten Arbeiten werden wir uns näher in den Abschnitten 4.3 und 4.4 widmen.

4

Vgl. z. B. die Witzstudien von ADER (1983) oder SCHÜLTING (1991), die sich auf die Sprechakttheorie stützen.

5

Dieser wird als Non-Bona-Fide Modus (RASKIN 1985, 1992; für Diskussion hierzu vgl. VOGEL 1989, ZAJDMAN 1992 und KOTTHOFF 1998, 2006) oder Spielmodus (KOTTHOFF 1998) bezeichnet; er lässt sich auch der Fiktionalität nach SEARLE (1979 [1982: 80ff.]) zuordnen (vgl. Abschnitt 3.2).

1 E inleit u n g


15

I N H A LT

der es erlaubt, Zeichenprozesse bei der Rezeption und Produktion von komischen Stimuli im Hinblick auf das Vorliegen von Absichten, Fiktionalität, Reflektiertheitsgrade und Wissensverteilung der Beteiligten zu untersuchen. Der Begriffsapparat stützt sich auf die Allgemeine Zeichentheorie von Roland POSNER (1993, 1994a), die es ermöglicht, verschiedene Arten von Zeichenprozessen – von den einfachsten Empfängerzeichen, denen keine (Produzenten‑) Absichten zugrunde liegen, über Manipula‑ tion, Simulation bis zu komplexen Prozessen der Kommunikation – zu modellieren. Die Modellierung6 von komikbezogenen Zeichenprozessen mit Hilfe dieses Apparats ermöglicht uns, die Unterschiede zwischen den absichtlich produzierten und den unwillkürlichen oder natürlich entstandenen komischen Erscheinungen sowie dem Als-Ob-Modus von Inszenierungen der unwillkürlichen Komik genau zu erfassen und innerhalb dieser Klassen noch weitere Differenzierungen vorzunehmen. Auf diesem Hintergrund wird auch die Angemessenheit und das explikative Potential des Konstrukts der unfreiwilligen Komik (nach HARTMANN 1953) untersucht. Die Modellierung erfolgt in zwei Schritten. Zunächst werden keine Einschränkungen in Bezug auf Erscheinungen, die als komische Stimuli fungieren, vorgenommen – die Abgrenzung der untersuchten Zeichenprozesse wird durch eine Rahmenbeschreibung von kognitiven und physiologischen Prozessen ermöglicht, die der Rezeption von komischen Stimuli zugrunde liegen.7 Im zweiten Teil wird die allgemeine Systematik am Beispiel der komischen Bilder erprobt und präzisiert. In Bildern muss man neben Zeichenprozessen, bei denen das Bild als Zeichenträger dient, 6

Unter Modell verstehe ich mit SONESSON eine „Art von Schema […], das aus wiederkehrenden Begriffen besteht, die ausreichend definiert und miteinander verbunden sind, um eine Anwendung auf eine Reihe von Texten […] [in diesem Falle Zeichen im Allgemeinen] zu erlauben, so daß das Schema durch seine Anwendung noch verfeinert werden kann“ (SONESSON 1993: 138).

7

Ich stütze mich dabei auf psychologische Untersuchungen, insbesondere auf die Studien von Willibald RUCH, der die Emotion Erheiterung beschrieben hat (vgl. RUCH 1993, 2000). Die in der linguistischen sowie semiotischen Humorforschung ausgiebig diskutierte Frage, welche Bedeutungskonfigurationen üblicherweise der Komik zugrunde liegen, steht in der vorliegenden Studie nicht im Vordergrund; sie versucht vielmehr, durch ihren Fokus auf die Intentionalität eine komplementäre Sicht zu solchen Beiträgen zu liefern. Es werden jedoch auch einige allgemeine Eigenschaften aufgezeigt, die sich für komische Zeichenträger nachweisen lassen (vgl. Abschnitt 4.2).

1 E inleit u n g


16

I N H A LT

auch die abgebildeten Zeichenprozesse berücksichtigen. Das Vorgehen in zwei Schritten trägt dazu bei, folgende Fragen zu beantworten: Welche Zei‑ chenprozesstypen sind bei der Komikproduktion und ‑wahrnehmung generell denkbar? Welche Zeichenprozesstypen erlaubt das Bildmedium? Und schließlich: Welche Zeichenprozesstypen werden in komischen Bildern dargestellt, und welche Mittel werden für diese Darstellung eingesetzt?

Bei Fotos ergibt sich außerdem die Frage nach dem Grad der Inszeniertheit, also die Frage, ob und inwieweit die darzustellenden Ereignisse im Hinblick auf die Präsentation beeinflusst und damit inszeniert worden sind. Dabei wird ein Versuch unternommen, die Begriffspaare freiwillige vs. unfreiwillige Komik (HARTMANN 1953) und Authentizität vs. Inszenie‑ rung (SCHULTZ 2003; GOFFMAN 1959 [1983])8 im gleichen konzeptuellen Rahmen zu behandeln. Im Folgenden wird mit einem weiten Komikbegriff gearbeitet: Komik wird als nicht wertender Oberbegriff für diverse Erscheinungen, die das Subjekt aufgrund kognitiver Verarbeitung in den Zustand einer emotionalen Erheiterung bringen, verwendet. Der Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung von Zeichenprozessen bei der Produktion und Rezeption von komischen Stimuli, daher wird im deskriptiven Teil das Adjektiv komisch bevorzugt (entsprechend etwa den englischen Ausdrücken humorous oder funny).9 Das Substantiv Komik10 wird als Bezeichnung 8

Bei bibliographischen Verweisen auf deutsche Übersetzungen, nachgedruckten Texten oder Auflagen, die von der Erstauflage zeitlich weit entfernt liegen, wird jeweils neben dem Jahr der Erstausgabe das Jahr der zitierten Ausgabe in eckigen Klammern angegeben.

9

Die Begriffe humorous und funny (sowie humorig und komisch) lassen sich zwar unter Umständen voneinander unterscheiden, (z. B. in Sätzen dieser Art: Some humorous stimuli are more funny). Dies liegt daran, dass fun/funny als eine quantifizierbare Eigenschaft verstanden wird – es werden mittlerweile psychologische Untersuchungen vorgenommen, die Aspekte wie rated/perceived funniness bei gewissen Stimuli untersuchen (vgl. RUCH 1995). Die hier vorliegende Auffassung erfordert aber keine derartige Unterscheidung.

10

In älteren Studien wurde gelegentlich zwischen der Komik (als Technik der Produktion von komischen Reizen) und dem Komischen (als dem eigentlichen Ergebnis, dem Lachen erregenden Phänomen) unterschieden. Diese Unterscheidung kommt auch in neueren Ansätzen – wenngleich selten – vor (JURZIK 1985: 7): „Wie alle Worte, die auf ‑ik enden, meint Komik eine Technik, eine Verfahrensweise. Mit dieser Technik eine Sache zu bearbeiten, heißt, ihr eine bestimmte Intention abgewinnen zu lassen.“ Neuerdings setzt sich immer mehr der weitere Komik-Begriff durch, der sowohl für die Verfahrensweise, als auch für das Phänomen verwendet wird; dieser Tendenz folgen auch wir.

1 E inleit u n g


17

I N H A LT

für das Phänomen, dem entsprechende Zeichenprozesse zugrunde liegen, verwendet (zur genauen Begriffsbestimmung vgl. Abschnitt 4.1.1). Der Ausdruck Humor wird lediglich als Bestimmungswort in einigen üblichen Komposita wie Humorinteraktion, Humortheorie oder Humorfor‑ schung verwendet. Das Buch ist wie folgt gegliedert: Das zweite Kapitel enthält einen Überblick über die semiotische Humorforschung mit Fokus auf allgemein orientierten Ansätzen und Beiträgen zur Bildkomik. Im dritten Kapitel werden die zeichentheoretischen Grundlagen vorgestellt; im Mittelpunkt steht dabei POSNERs (1993, 1994a) Allgemeine Zeichentheorie, die als Basis für die nachfolgende Analyse von Zeichenprozessen in verschiedenen Formen der Komikproduktion und ‑rezeption dienen wird. Das vierte und fünfte Kapitel bilden den Kern der Arbeit, sie sind der Beschreibung von zeichentheoretischen Aspekten der Komik im Allgemeinen und der Bildkomik im Besonderen gewidmet. Es folgen eine Übersicht über zentrale Begriffe und Annahmen dieser Arbeit (Kap. 6) und die Schlussfolgerungen (Kap. 7).

1 E inleit u n g


PŘIROZENÝ SVĚT


19

I N H A LT

2 HUMOR STUDIES UND SEMIOTIK

For more than two thousand years scholars have given much time and thought to the nature and significance of humour and laughter, and they have put forward a large number of views on the subject. Yet at the end of it, we cannot be said to have advanced very far, and the riddle is still with us. […] At the present stage of semiotic studies, there is nevertheless a strong likelihood that a fresh examination of these problems will yield new insights and valuable data. (MILNER 1972: 1f.)

Die Worte von George Bertram MILNER über den Stand der Humorforschung sind auch nach 40 Jahren noch zutreffend. Wir können noch immer vom Rätsel der Komik sprechen und die Methoden der Semiotik sind im Hinblick auf diesen Gegenstand noch lange nicht ausgereizt. Nichtsdestoweniger lassen sich die auf MILNER s Aufsatz unmittelbar folgenden Jahre als eine Blüte der semiotischen Humorforschung ansehen: Viele Semiotiker sahen die komischen Texte als einen enorm interessanten Gegenstand an, dessen Analyse der Semiotik weitere Anregungen geben könnte. Die gesamte Humorforschung wurde in den letzten Jahrzehnten durch einen produktiven Wandel gekennzeichnet – zumindest in Bezug auf die wachsende Anzahl von Fächern, die Humor und Lachen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu erhellen versuchten. Dies brachte eine Tendenz zur Spezialisierung einerseits und zur Interdisziplinarität andererseits mit sich.1 Zu den klassischen Disziplinen, die seit jeher

2 H u mor St u die s u nd Semiotik


20

I N H A LT

den Gegenstand thematisierten (vor allem Philosophie, Literatur- und generell Kunstwissenschaft), kamen bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Untersuchungen seitens der Psychologie, Linguistik, Anthropologie und auch der Semiotik, welche in den 1970er Jahren, die als Anfang der modernen Ära der Humorforschung angesehen werden können, eine besondere Blüte erlebten.2 Dazu gesellten sich alsbald die Soziologie, Pädagogik, Medien- und Kommunikationswissenschaft3 und in den letzten Jahrzehnten auch die Neurowissenschaften, Informatik, Wirtschaftswissenschaft oder Translationswissenschaft. 123 Heute verfügen wir daher über einen methodologischen Apparat zur Analyse von bestimmten komischen Strukturen (insbesondere in narrativen Texten4); beschrieben sind aber auch manche pragmatische und soziologische Aspekte der Humorinteraktion.5 Zudem weiß man viel über psychische Prozesse, die der Komikwahrnehmung zugrunde liegen und die den Sinn für Humor prägen6; wir verfügen sogar über Ergebnisse von neurobiologischen Untersuchungen zur Verarbeitung von ausgewählten komischen Stimuli im Gehirn.7 Es liegen genaue Beschreibungen der

1

1976 fand der erste internationale Kongress der Humorforscher in Cardiff (Wales) statt, der als Anfang der interdisziplinären Zusammenarbeit anzusehen ist (vgl. RASKIN 1987: 441).

2

In diesen Disziplinen wurde das Thema schon früher gelegentlich tangiert. Mahadev L. APTE (1988) schreibt ihnen eine längere Forschungsgeschichte in Bezug auf die Beschäftigung mit der Komik zu: „Philosophers, literary critics, literary biographers and historians, sociologists, folklorists, psychologists, physicians, and scholars from various other disciplines have studied humor since antiquity.“ (APTE 1988: 8)

3

Eine Übersicht über die Methoden und Ergebnisse der grundlegenden Disziplinen der Humorforschung liefert das Handbuch The Primer of Humor Research (RASKIN 2008). Einen kürzeren Überblick über den Wandel innerhalb der Humorforschung bietet KINDT (2011: 7f).

4

Ausführliche Übersichten der linguistischen Humorforschung mit Fokus auf Studien über Witze und längere narrative Texte geben ATTARDO (1994 und 2008) und KRIKMANN (2006).

5

Mit soziologischen und soziolinguistischen Fragen beschäftigt sich z. B. Giselinde KUIPERS (2006); die Pragmatik des konversationellen Humors behandelt z. B. Helga KOTTHOFF (1998, 2006).

6

Vgl. den Sammelband The Sense of Humor (RUCH 1998); zur Entwicklung des Konzepts „Sinn für Humor“ vgl. auch MARTIN (2008: 24ff.).

7

Eine Übersicht der neueren Untersuchungen auf dem Gebiet der Neurowissenschaften gibt Barbara WILD (2010: 10f.).

2 H u mor St u die s u nd Semiotik


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
1 pdfsam 9788087895382 by Flexibooks - Issuu