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Interview

» Eltern sollten ihre Kinder in der begleiten« digitalen Welt

Kinder bekommen immer früher ein Smartphone – doch damit dürfen sie nicht allein bleiben, sagt Nicole Baumgart vom medienpädagogischen Projekt »Drahtseil« der Diakonie in Leipzig. Sie brauchen Regeln, gute Vorbilder und Schutz.

Frau Baumgart, viele Eltern und Großeltern klagen, dass Kinder und Jugendliche zu oft auf ihr Handy schauen – hilft Verbieten?

Nicole Baumgart: Verbote haben erfahrungsgemäß eher die Wirkung, dass sie es noch attraktiver machen. Ich plädiere lieber für klare Absprachen in einer Familie.

Je nach Alter müssen die sicher sehr verschieden sein …

Im Grundschulalter ist ein Mediennutzungsvertrag eine gute Idee. Auf der Internetseite www.mediennutzungsvertrag.de können Eltern und Kinder Regeln definieren, an ihre Entwicklung anpassen – und danach zusammen unterschreiben. Für Kinder ist das ein Vertrag auf Augenhöhe, damit haben wir gute Erfahrungen gemacht. In höheren Klassen und Altersgruppen ist es schwieriger. Da empfehlen wir Eltern, immer wieder zu schauen, welche Apps und Spiele die Jugendlichen nutzen, und über Gefahren, aber auch Chancen ins Gespräch zu kommen.

Wie viele Minuten pro Tagen sollten Kinder digitale Medien höchstens nutzen?

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt da Empfehlungen, für Zehnjährige sind es 45 bis 60 Minuten pro Tag. Das ist eine gute erste Orientierung.

Viele Eltern und Großeltern schauen selbst oft auf ihr Smartphone – lernen Kinder von diesen Vorbildern?

Auf jeden Fall. Von Schülern höre ich in unseren Projekten oft: Meine Eltern sehen doch beim Essen selbst auf ihr Handy. Oder wenn wir den Kindern erklären, dass jeder Mensch ein Recht am eigenen Bild hat und solche Fotos nicht einfach an fremde Personen verschickt werden dürfen – dann sagen Kinder schon manchmal: Aber meine Eltern nutzen ein Foto von mir als Profilbild in Sozialen Medien. Da sollten Eltern Vorbilder sein.

Im Internet treffen Kinder und Jugendliche auch auf Gewalt und gefährliche Kontakte. Hilft dagegen Kinderschutz-Software besser oder Aufklärung?

Eine Mischung aus beidem. Die Internetseite www.medienkindersicher.de zeigt für jedes digitale Endgerät und jedes Alter,

Nicole Baumgart

Zur Person (37) arbeitet im medienpädagogischen Projekt »Drahtseil« der Diakonie in Leipzig im Bereich der Prävention mit Schülerinnen und Schülern sowie und mit Eltern. sie ist Diplom- Sozialpädagogin und systemische Familientherapeutin.

welche Einstellungen Eltern vornehmen können für einen technischen Jugendmedienschutz. Aber es reicht nicht, wenn sie ihren Kindern einfach ein Smartphone schenken. Sie müssen es auch gemeinsam einrichten, Regeln aufstellen und ihre Kinder in kleinen Schritten in der digitalen Welt begleiten. In den letzten Jahren ist die sexuelle Belästigung im Netz massiv gestiegen. Sogar Kinder in der fünften Klasse erzählen uns mittlerweile davon. Teilweise vertrauen sie sich ihren Eltern aber nicht an – aus Angst, weil sie vereinbarte Medienzeiten und andere Absprachen überschritten haben. Hier wären Erziehende als bedingungslose Ansprechpartnerinnen und -partner wünschenswert. Im Sinne von Verständnis für die Situation vor Sanktion.

Viele Kinder glauben wie auch viele Erwachsene im Internet unseriösen Quellen. Wie können sie gemeinsam lernen, worauf man vertrauen kann?

Für den Erwerb einer gewissen Medienkritik empfehlen wir im Grundschulalter Kindersuchmaschinen wie www.blindekuh.de oder www.helles-koepfchen.de. Für ältere Kinder und Jugendliche gibt es Seiten wie www.mimikama.at, die über aktuelle Fake-News und Gerüchte in Sozialen Netzwerken sehr gut aufklären und Schritte zur Prüfung von Informationen zeigen.

Heute haben schon Grundschüler Smartphones – gibt es ein Alter, in dem Kinder reif dafür sind?

Es gibt keine feste Altersgrenze. Aber auf der Internetseite www.klicksafe.de finden Eltern eine Checkliste zu der Frage, ob ihr Kind bereit ist für ein Smartphone. Kann es Kosten und Gefahren im Internet einschätzen oder Regeln zur HandyNutzung akzeptieren? Die Fähigkeit, sich zu begrenzen, müssen Kinder lernen.

Verlieren Kinder mit dem Smartphone das Interesse an anderen Freizeitbeschäftigungen oder am Lernen?

Wenn Kinder sehr stark digitale Medien konsumieren, können sie sich weniger gut konzentrieren oder auf andere Spiele einlassen. Da sollten Eltern mit ihnen die Zeit nach der vereinbarten Mediennutzung aktiv planen. In unseren Projekten sagen uns Kinder oft: Wenn ich keine Alternativen zuhause zum Medienkonsum habe, zocke ich eben weiter.

Gibt es einen Punkt im Medienkonsum, an dem Eltern und Kinder Hilfe von außen suchen sollten?

Wenn eine Familie das Gefühl hat, etwas läuft aus dem Ruder, dann können und sollten sie das tun. Mediennutzung ist schon ein großer Zankapfel in vielen Familien, der sie auch auseinanderbringt. Sie können sich an das anonyme Eltern- oder Jugendtelefon sowie Jugend-, Jugenddrogen- und Familienberatungsstellen wenden. Für Jugendliche empfehle ich bei Cybermobbing oder Belästigung im Netz auch gern die Onlineberatung www.juuuport.de. •

•Die Fragen stellte Andreas Roth

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