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FALTER Wien Modern 2014

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FALTER

Wien Modern 14 Die besten Ereignisse. Alle Termine

Nr. 43a/14

WIEN MODERN heuer mit dem Schwerpunkt „on screen“ Interview Bernhard Gander · Porträt G. F. Haas · Arditti Quartet · Film/TV und Musik · Manuela Kerer · Reinhard Fuchs · Festivalkalender · Festivallexikon FOTO: SZENE AUS DER SITCOM-OPER „DAS LEBEN AM R ANDE DER MILCHSTR ASSE“ (BREGENZER FESTSPIELE/ANJA KÖHLER)

Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2472/2014


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„Sitcom ist sehr tauglich

Vorwort Liebe Falter-Leser, liebe Wien-Modern-Besucher, Georg Friedrich Haas ist einer der bedeutendsten Komponisten unserer Zeit, ihm widmet WIEN MODERN heuer einen Komponistenschwerpunkt. In enger Zusammenarbeit mit ihm habe ich die Werke ausgewählt, die wir Ihnen, liebes Publikum, im Rahmen des Festivals präsentieren möchten: Werke, die selten zu hören sind und die G.F. Haas wichtig sind. Bereits die Eröffnung am 29. Oktober stellt die einzelnen Schwerpunkte des Festivals vor. So werden das ORF Radio-Symphonieorchester Wien und das Klangforum Wien unter der musikalischen Leitung von Cornelius Meister mit dem „concerto grosso Nr. 2“ das erste von vielen Werken von Georg Friedrich Haas zur Aufführung bringen. Mit Bernhard Langs Monadologie XXIII „… For Stanley K.“ wird der Programmschwerpunkt „on screen“ eingeleitet. „on screen“ setzt sich mit der Schnittstelle von Film/TV und zeitgenössischer Musik auseinander. Besonderes Highlight wird dabei die Uraufführung der Auftragskomposition „Das Leben am Rande der Milchstraße“ sein, eine Sitcom-Oper in sieben Folgen mit der Musik des österreichischen Komponisten Bernhard Gander. Bedanken möchte ich mich bei allen Künstlerinnen und Künstlern, den zahlreichen Partnern, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, der Stadt Wien als Trägerin des Festivals sowie den Sponsoren Kapsch und Erste Bank, die dieses Festival erst möglich machen. Viele anregende Stunden bei Wien Modern wünscht Ihnen

Matthias Lošek Künstlerischer Leiter WIEN MODERN

Der Komponist Bernhard Gander über seine Arbeit an der SitcomInterview:

Bernhard Gander

im Gespräch über seine Art zu arbeiten  2

„on screen“ Film­ museum Über die

Beziehung von Film und Musik Das Arditti Quartet

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ist das Quartett der zeitgenössischen Musik schlechthin  7 Georg Friedrich Haas

im Porträt von Daniel Ender  8 Lexikon Sämtliche Veranstaltungen im Überblick  10 Manuela Kerer

Heinz Rögl über die vielseitige Komponistin  12

Reinhard Fuchs

Lena DraŽiĆ über einen Vielbeanspruchten  13

Erste BankKompositionspreis

Lothar Knessl begründet die Preisvergabe  14 Terminübersicht  16 Impressum Falter 43a/14 Herausgeber: Armin Thurnher Medieninhaber: Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H., Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, www.falter.at Redaktion: Heinz Rögl, Armin Thurnher Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.; Layout: Raphael Moser; Geschäftsführung: Siegmar Schlager Druck: PNPD GmbH, Passau DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/ falter ständig abrufbar.

Heinz Rögl, Armin THurnher

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ir treffen Gander, einen bekennenden Sitcom- und Junk-Fan, im Kaffeehaus. Er ist bestens gelaunt und auskunftsfreudig.

Falter: Wie kam die Idee zu einer SitcomOper zustande? Bernhard Gander: Matthias Lošek, selber ein Sitcom-Spezialist und Liebhaber dieses Formats, meinte, machen wir doch eine Sitcom-Oper! Damit war das geboren.

Welche Sitcoms schauen Sie sich gerne an? Gander: „Two and a Half Men“, am liebsten „The Big Bang Theory“, einige wie zum Beispiel „Coupling“ oder „The Office“ habe ich mir auf DVD angeschaut. Es gibt auch Mischformen zwischen Sitcom und Serie, wie „Malcolm in the Middle“. „Breaking Bad“ ist natürlich ein Highlight … Sitcoms gehen immer weiter, Oper ist etwas Abgeschlossenes. War das ein Problem? Gander: Eine Sitcom-Folge ist bei mir schon etwas Abgeschlossenes, aber die Haupthandlung kommt halt immer wieder. In einer 25-Minuten-Folge gibt es klare Handlungsstränge, einen strengen formalen Aufbau, Point of Attack, Plot Point, Midpoint, Plot Point 2, Climax, Moment of Truth, Tag. Sehr tauglich für eine Oper. Für mich war interessant, dass aus einem banalen Dialog auf einmal eine Arie herausspringen kann. Bei einer Liebesszene in der traditionellen Oper ist ganz klar, da muss eine Arie sein. Aber es kann auch eine Arie kommen, wenn wir hier beim Kaffee sitzen … Eine Arie über einen Kugelschreiber finde ich lustig.

manden aus der Drehbuch/Film-Szene, Johannes Heide, der wiederum kannte Christa Salchner, die schon einige solche Sitcoms mitentwickelt hat. Damit stand das Librettoteam. Matthias und ich haben uns ungefähr vorgestellt, worum es gehen könnte, aber die beiden haben Gott sei Dank eine ganz eigene Geschichte gemacht. Wie lange dauerten die Vorarbeiten? Gander: Seit vier Jahren redeten wir darüber. Mit dem Libretto haben sie vor mehr als zwei Jahren angefangen. Auch ich saß zwei Jahre an der Komposition, mit Unterbrechungen. Die Zusammenarbeit war großartig. Ich habe gesagt, sie sollen das fix und fertig schreiben, ohne daran zu denken, dass es eine Oper wird. Ich fragte mich selbst: Was kann ich streichen, ohne dass der Inhalt gestört wird? Wo sollen wir etwas verknappen, was geht nicht, wo sollen wir etwas ausbauen, weil es gut gesungen werden kann? Wir haben ständig daran gearbeitet und sind immer wieder darüber gegangen. Die Szenen spielen immer im selben Raum, es kann einen Fokus auf zwei Personen geben, andere tun irgendetwas im Hintergrund, ob sich das im Stehen oder am Schreibtisch abspielt, spielt keine so besondere Rolle, daraus kann die Regie etwas machen.

Sind das kurze Arien? Gander: Ein paar sind manchmal länger.

Erklären Sie uns doch einmal Ihre Musik, bitte! Gander: Da gibt es zum Beispiel bei einem Szenenwechsel ein, zwei Gitarrenakkorde, damit man weiß, jetzt kommt etwas anderes. Manchmal braucht man auch ein bisschen mehr. In der Musik bin ich ein wenig traditionell leitmotivisch vorgegangen, also: Jede Person hat ein klar erkennbares Motiv und ein tendenziell zugeordnetes Instrument, mit dem man vorbereiten kann, dass etwas gesungen werden wird.

Haben Sie beim Plot mitgemischt? Gander: Nein. Matthias Lošek kannte je-

Also wie Filmmusik? Mit einem Kammerensemble?

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für die Oper“

Oper „Das Leben am Rande der Milchstraße“ und seine Vorliebe für Heavy Metal Gander: Sieben Instrumente. Es wird alles,

Figur wütend ist oder weint, es reichen ein paar Striche. So ganz klare Linien möchte ich auch mit der Musik zeichnen.

jede Sekunde ausgenützt. Wir haben natürlich keine Werbeunterbrechungen. Es wäre zu hoffen, dass sich noch hundert Sponsoren melden, dann machen wir Werbeunterbrechungen. (Lacht.) Es hat sich nicht ergeben, dass wir Product-Placement einbauen könnten. Filmmusik bleibt doch mehr im Hintergrund, während bei mir in der Musik alles eine Rolle spielt. Es gibt schon auch ein bisschen Hintergrundmusik. Melodien funktionieren als Hintergrundsounds, aber so, dass man weiß, es wird jetzt um die oder die Figur gehen. Sie sind motivischer, spielen eine größere Rolle als nur Background.

Zur Person geboren 1969 in Lienz, Osttirol. Studium: Klavier, Tonsatz und Dirigieren am Tiroler Landeskonservatorium und Komposition an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Beruht die Wahl der Instrumente, wie etwa Graz bei Beat Furrer. Bassklarinette und E-Gitarre, auf Ihren Studienaufenthalte am persönlichen Vorlieben? Studio UPIC in Paris Gander: Ja. Das sind allesamt tiefere Ins- bei Julio Estrada und trumente. Geige ist das höchste, Kontra- Curtis Roads und am bass, Cello, dann Schlagzeug, E-Gitarre, fast Schweizerischen Zentrum um eineinhalb Oktaven hinuntergestimmt, für Computermusik in Kontrabassklarinette und Saxofon. Ich mag Zürich. alle Instrumente, aber diese Instrumente Zahlreiche Preise, sind meine Favoriten. Aufführungen durch alle relevanten Ensembles

Foto: Ingrid Götz

Hat das auch etwas mit Ihrer Liebe zu Hardrock und Heavy-Metal-Rock zu tun? Gander: Ein bisschen. Aber ich habe das nie kopiert. Oft werde ich darauf angesprochen, meine Musik klinge ja nicht nach Metal. Aber es ist klar, dass man so eine Band nicht einfach kopieren und eins zu eins auf ein Ensemble oder Orchester übertragen kann. Das hat eine andere Einschwingzeit, aber man kann einiges davon übernehmen. In Ihren Kompositionen kommt zum Beispiel eine Band wie „Motörhead“ vor, oder immer wieder eine Comicfigur, wie Hulk oder Peter Parker, das Alter Ego von Spiderman. Hat die Sitcom etwas comichaftes? Gander: Nein. Man kann allerdings sagen, dass bei Comics mit wenigen Pinselstrichen etwas genau charakterisiert wird. Ob eine

Können Sie uns den Plot erklären? Gander: Treffpunkt ist das Europäische Büro für Zukunft, ein EU-Außenbüro in Klosterneuburg, in dem zukunftsträchtige Ideen entwickelt werden sollten. Aber natürlich tun die Angestellten dort alles andere als arbeiten. Jeder verfolgt seine eigenen Vorlieben, zum Beispiel will einer Komponist werden, eine träumt dauernd von der Revolution, eine andere hat so ihre ganz eigenen Spielchen. Der Vorsteher macht schon eigene Zukunftskonzepte, aber sehr abgehobene, er ist eigentlich eine gescheiterte Existenz. Da kommt ein Agent aus Brüssel, der evaluieren soll, ob sich das Büro noch rentiert. Es ist eigentlich schon beschlossene Sache, dass das Büro geschlossen werden soll. Der Agent hat sich selber ins Spiel gebracht, weil er weiß, dass der Vorstand sein biologischer Vater ist, aber er traut sich nicht, ihm das direkt zu sagen. Eine klassische Vater-Sohn-Geschichte wie bei „Star Wars“, sie bildet den Rahmen. Und eines der Hauptworte ist Evaluation. Das ist ganz wichtig heutzutage, darüber lassen sich grandios Arien schreiben. Gibt es eine Evaluierungsarie? Gander: Ja, die gibt’s. Eine Endlosarie, die sich selber zu Tode evaluiert. Der Sinn, warum irgendwann etwas gesungen wird, beginnt hier, weil man diesen Vorgang durch die Musik noch verstärken oder karikieren kann. Das ist für mich der Einstieg für die Lust an der Oper.

Gespräch „Der Komponist Bernhard Gander“, mit Axel Petri-Preis, Freitag, 14. November 2014, 18:30 Uhr, MuTh

Eine Antibürokratieoper? Gander: Ja, aber nicht nur. Wir machen kein Büro- oder EU-Bashing oder eine Antikapitalismus-Satire. Das wird höchstens so nebenbei ein bisschen eingestreut. Fortsetzung nächste Seite

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„on screen“ Ein Schwerpunkt prägt ein Festival in seiner 27. Ausgabe im Rahmen von „on screen“ ganz besonderes Augenmerk auf die Schnittstelle von Film/TV und Neuer Musik. Vor dem Bildschirm, der Leinwand beziehungsweise dem Screen goutiert ein Neuer Musik sonst eher skeptisch begegnendes Publikum zeitgenössische Klänge durchaus. Ein Highlight dieses Schwerpunktes ist die Sitcom-Oper „Das Leben am Rande der Milchstraße“. Auch andere Werke zeigen die Auseinandersetzung einzelner Komponistinnen der Gegenwart mit dem Medium Film/TV sowie dem Screen auf. Die polnische Komponistin Jagoda Szmytka macht in der audiovisuellen Performance „Limbo Lander“ den Screen zum Kommunikationsmittel der Gegenwart und somit zu einem Lieferanten musikalischer Komplexe und Strukturen. Inspiriert von David Lynchs Filmklassiker „Blue Velvet“ reiht sich das Erste-Bank-Kompositionspreis-Stück „MANIA“ von Reinhard Fuchs im Konzert des Klangforum Wien zu Filmkompositionen von Rihm, Feldman, Schönberg oder Neuwirth. Auch das Konzert des Ensemble Kontrapunkte steht ganz im Zeichen filmmusikalischer Klassiker der Gegenwart. Im Projekt „Monsters & Angels“ wird der Komponist Bernhard Gander, bekennender Horrorfilmfan, zu den Klängen seiner Kompositionen selbst über die Leinwand des Horrors huschen. Das Projekt „Gebrauchsanweisungen“ bietet mit vier experimentellen Videofilmen und vier Kompositionen dem Publikum ein vielfältiges synästhetisches Erlebnis. In Kooperation mit der Viennale und dem Gartenbaukino wird im Rahmen des Ciné-concert dem Film „Maudite soit la guerre“ von Alfred Machin im Gedenken an 100 Jahre Erster Weltkrieg mit der Musik von Olga Neuwirth eine aktualisierende klangliche Ausprägung verliehen. Auch das gemeinsam mit der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien organisierte Symposion setzt sich mit dem Thema „Musik für Film und bewegte Bilder“ auseinander. F ::  WIEN MODERN richtet


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Fortsetzung von Seite 3

Es geht eher um Aspekte des modernen Lebens? Gander: Ja. Und um Büro. Für viele ist Büro die Hauptfamilie, Sitcom ist immer Familie, entweder Büro oder eine wirkliche Familie, Zentrum ist immer das Sofa oder hier halt der Kaffeepausenraum, wo sich die ganzen Beziehungsgeschichten abspielen. Es gibt sieben Folgen, ganz klassisch auch einen Cliffhanger, also es könnte weitergehen … Vielleicht finden sich ja viele Auftraggeber, die eine neue Staffel bei uns bestellen wollen. Für das Finale heißt es wortwörtlich: „Das Büro … sitzt auf den Trümmern seiner glorreichen Vergangenheit.“ Man könnte diese Vergangenheit mit einer neuen Oper evaluieren! Gander: Wäre aber eine gute Idee! Es gibt ja auch Kritiker, die das Geschehen in der Oper „evaluieren“. Gander: Die Kritiken werde ich aber erst nach der Aufführung in Wien evaluieren. Auch die Bregenzer Kritiken habe ich noch nicht gelesen, weil ich mir noch nicht die Laune verderben will. Der Arbeitsprozess des Werkes ist noch nicht abgeschlossen. Was in der Zeitung geschrieben steht, das belastet einen, auch wenn es hundert gute Meinungen aus dem Publikum gibt. Sind Sie noch beim Komponieren? Gander: Es ist alles komplett fertig. Eine Sitcom-Oper, verteilt auf drei Abende. Man kann auch nur eine Folge ansehen, man kennt die Figuren und kennt sich aus, aber wenn man alle Teile anschaut, the more you know the more you get, macht es mehr Spaß, aber es muss nicht sein. Zwischen den einzelnen Folgen gibt es Pausen, wo man ins Buffet hinausgehen kann? Gander: Ja, jeweils zehn Minuten. Man kann auch im Saal zusehen, wie umgebaut wird. Wir überlegen auch, drinnen mit Bauchläden irgendwas zu verkaufen. Das Ganze soll leicht verdaulich werden. Neue Musik gilt im Allgemeinen als schwer

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verdaulich und anstrengend. Was sagen Sie dazu? Gander: In diesem Fall ist sie wirklich leichter verdaulich. Da habe ich mich sogar selber ordentlich zurückschrauben müssen. Manches, eine Menge eigentlich, habe ich geschrieben und nach ein paar Monaten durchgeschaut und gefunden: Mist. Das war Konzertmusik, aber Oper ist für mich nicht Konzertmusik. Ich habe es vereinfachen müssen. Konzertmusik hat einen anderen Fokus. Wenn ich gleichzeitig Darsteller auf der Bühne habe und Text, dann muss ich mit der Energie einfach haushalten und das anders verteilen. Wenn ich etwas hypervirtuos durchspielen lasse, ist der Fokus immer auf der Musik, da geht was anderes verloren.

Eine Sitcom-Oper in sieben Folgen von Bernhard Gander (Libretto: Johannes Heide & Christa Salchner), R: Raab, Ausstattung: Burgstaller, Licht: Jelinek, D: Pironkoff, S: Appl, Isherwood, Dlouhy, Hauf, Landauer, Nwobilo, PHACE

Es gab früher auch in der Oper das Continuo als Begleitung. Gander: Bei mir kann das ein längerer Klarinetten- oder Kontrabassklang im Hintergrund sein, der dann aber eine Bedeutung hat. Wenn etwas Wichtiges gesprochen wird, muss ich den Fokus besser kontrollieren. Noch zum Thema „leicht verdaulich“: Bei mir ist alles singbar, es gibt fast Ohrwürmer, es gibt Referenzen zur traditionellen Musik, einmal ist etwa Beethovens Neunte drin, Monteverdis „Orfeo“, dann das „Phantom der Oper“. Kleine Querverbindungen, wo man das Gefühl bekommt, das könnte man kennen, oder auch nicht. Bei einer Komödie tut sich tonale Musik wahrscheinlich ein bisschen leichter als die Neue Musik, wenn man bei Neuer Musik versucht Witze einzubauen klingt das bald einmal fad. Da kann man mit tonaler Musik besser arbeiten.

Staffel I / Folge 2 „Das Hollywood-Prinzip“ Leo macht einen seltsamen Fund …

Schreiben Sie also tonale Musik? Gander: Das nicht, aber ich schreibe mittlerweile Neue Musik mit tonalen Einsprengseln. Nicht nach Funktionsharmonik, aber man könnte mitunter durchaus denken, in einer bestimmten Tonlage zu sein. Sie haben in Donaueschingen über Ihre Orchesterstücke gesagt, das Primäre bei Ihrem Komponieren sei der Rhythmus. Ist das auch hier so? Gander: Eigentlich schon. Ich denke aber auch an bestimmte Akkorde und Sounds, da

Staffel I / Folge 1 „Der Agent aus Brüssel“ Brüssel beauftragt einen seiner besten Agenten, Leo Maria Bloom, um das Büro auf Vordermann zu bringen

Staffel I / Folge 3 „Halloween – Es kommt (fast) immer auf die Größe an“ Staffel II / Folge 4 „Figls Erbe“ Leo ist ein netter Kerl und schenkt dem Europäischen Büro für Zukunft ein neues Sofa Staffel II / Folge 5 „Die Geister, die sie riefen“ Leo will endlich wissen, was Jürgen Oder über ihn denkt Staffel II / Folge 6 „Das Büro ist tot. Lang lebe das Büro“ Brüssel trifft Streikvorbereitungen Finale / Folge 7 „Eine Million kommt selten allein“ Das Europäische Büro für Zukunft sitzt auf den Trümmern seiner glorreichen Vergangenheit

kann ein Sound fett sein oder eher ­schmal, prägnant. Es geht um solche Kategorien – und auch um Melodie, weil ja gesungen wird. Nicht gegen die Stimme arbeiten, sondern es muss wirklich gut klingen. Ist Neue Musik nun schwer verdaulich? Gander: Nein, finde ich nicht. Eigentlich ist es totaler Quatsch, was ich da gesagt habe. Eine Beethoven-Sonate ist auf den ersten Blick verdaulicher, weil sie anderes harmonisches Material hat. Es sind viele schöne Harmonien drinnen, aber die Struktur oder die motivische Verarbeitung ist oft so kompliziert, dass sie doch nicht leicht verdaulich ist. Bei der Neuen Musik, in der man mit Atonalem arbeitet, habe ich von vornherein schon sperriges Material, das nicht so schnell die Kehle hinuntergeht. Man muss sich daran gewöhnen und es öfter anhören. Für mich ist zum Beispiel Mozart oder Schubert sehr unnatürlich und sperrig, weil ich damit keine regelmäßige Hörerfahrung habe. Spielen Sie für sich ein Instrument? Gander: Ich habe in Innsbruck Klavier studiert und Komposition in Graz, ein Jahr in Paris elektronische Musik. Aber ich habe keine Lust, als Musiker aktiv zu spielen. Ich habe ein Keyboard um 50 Euro zu Hause, wo ich hin und wieder ein paar Sachen kontrolliere, aber mich hinzusetzen und eine Nummer durchzuspielen, darauf habe ich keine Lust. Ich habe auch nicht das Bedürfnis, auf einer Bühne zu stehen. Ich höre aber sehr viel Musik. Was?

Gander: Eigentlich nur Metal. Seit Jahren

fast ausschließlich. Das ist seit 35 Jahren eine Konstante, mit zehn Jahren habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen. Und Neue Musik? Oder Beethoven? Gander: Im Konzert. Der Beethoven kommt mir manchmal dazwischen. Bei Metal-Musik habe ich nicht direkt eine Sammelleidenschaft, aber ich will ein bisschen einen Überblick haben, da bin ich ziemlich hineingerutscht. Welche drei Metal-Platten muss man unbedingt haben? Von welchen Bands?

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W i e n M o d e r n 1 4    Gander: Das ist schwierig, bei über hundert

Lieblingsbands … Iron Maiden mit „The Number of the Beast“ ist bei den traditi­ onellen Bands ein Muss. Das war absolut wegweisend. Slayer mit „Reign in Blood“. Und vieles von Cannibal Corpse finde ich ganz wichtig … Ich muss mich fast inner­ lich entschuldigen für die hundert Bands, die ich jetzt nicht erwähne. Aber diese drei Gander im Konzert sind klassische Meilensteine.

Foto: Axel Petri-Preis

Wir würden gerne mit Ihren Ohren diese Musik hören können. Gander: Ich mag Lautstärke und Energie. Natürlich ist es laut, aber Metal ist für mich einfach kräftigere Kammermusik, ich höre jetzt immer noch differenzierter, zum Bei­ spiel, wie ist der Drummer, was für Beats macht er, was macht gleichzeitig seine Base­ line, welche Gitarrenriffs gibt es, was singt die Stimme, machen alle das Gleiche oder ist es superkontrapunktisch aufbereitet, wie ist die ganze Songstruktur, wie die Stro­ phenüberleitungen, die Soli … Man kann einen Song dermaßen zerpflücken. Viele Metal-Musiker sind sehr gut ausgebildet, es gibt eine Richtung, die „Technical Death Metal“ heißt, das sind wahre Virtuosen auf ihren Instrumenten, weil sie rhythmisch hy­ perkomplexe Sachen spielen, wo sie Mona­ te dafür üben müssen. Viele, die das hören, merken diese Feinheiten vielleicht gar nicht, andere hören nur Lärm? Gander: Für jemanden, der das nicht ge­ wohnt ist, ist das anfangs nur Lärm. Ich lege einmal im Monat im „Elektro Gön­ ner“ Metal auf und bin draufgekommen, dass die Leute nach einiger Zeit mit mei­ nen Ohren auch zuhören. Das ist immer an einem Sonntag im Monat unter dem Motto „Darkness awaits us“. Die Leute, die zum ersten Mal Metal gehört haben, sag­ ten, das ist ja immer dasselbe, dann gehen sie raus und kommen wieder rein und beim dritten Mal merken sie, hoppla, das ist ja doch jedes Mal etwas anderes. Nach zwei, drei Sessions hat man ein relativ konzent­ riertes Ohr entwickelt, also das geht dann relativ schnell. Sagen Sie uns noch etwas zu den anderen Stücken, die von Ihnen bei WIEN MODERN gespielt werden, etwa

hukl (2012) EA, SWR-Orchester, 2.11. Wiener Konzerthaus, Großer Saal

Peter Parker (2004) Christopher Hinterhuber, Klavier, SchülerInnen der 3D des G11 und Jugendliche der Caritas WG Studenygasse, Tanzensemble; 8.11., 16.30, Bildungs­ zentrum Simmering Monsters & Angels lovely monster (2009), dirty angel (2010) Tonkünstler-Orchester im MuTh, 14.11. Bernhard Gander im Gespräch 14.11., 18.30 im MuTh

Gander als Nosferatu

zum Projekt „Monsters & Angels“ im Konzert mit den Niederösterreichischen Tonkünstlern. Gander: Das ist ein Superprojekt. Es war die Idee von Axel Petri-Preis, einen Film von circa 20 Minuten zu machen, wo ich als Monster, also als Frankenstein oder als Nosferatu, über meine Musik erzäh­ le. (Gander holt Fotos heraus.) Live wer­ den auch einzelne Stellen herausgenom­ men und vom Orchester gespielt werden, und dann auch jeweils das ganze Stück. Die Musikvermittlung wird praktisch als Kon­ zert inszeniert. Es gibt noch etwas, ein Tanzprojekt mit Schülerinnen und Schülern und Jugendlichen zu Ihrem Werk „Peter Parker“ im Bildungszentrum Simmering.

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Gander: Das heißt heldINNEN-HELDinnen.

Dabei geht es um diese Superhelden, dazu passt diese „Spiderman“-Musik gut. Das Konzept dazu stammt ebenfalls von Axel Petri-Preis. Nicht zu vergessen ist das Gastspiel des SWR-Orchesters mit „hukl“. Diese Komposition ist vor zwei Jahren in Donaueschingen uraufgeführt worden. Gander: Damit macht das Orchester nächs­ tes Jahr ein Vermittlungsprojekt. Darin wird Jugendlichen die Musik erklärt, auch indem Teile des Stücks oder Einzelstimmen vorge­ spielt werden. Wir nehmen auch Slam-Po­ etry dazu. Die Deutschen machen auf dem Gebiet überhaupt sehr viel, weil Musikver­ mittlung häufig an Fördergelder gebunden ist. Man sollte auch bei uns noch mehr in diese Richtung arbeiten. F

Bernhard Gander. Bei ihm bebt der Elfenbeinturm Bernhard Gander bringt mit seinen Kompositionen den zeit­ genössischen Elfenbeinturm zum Erbeben. Seine von Jugend an vorherrschende Lei­ denschaft für Heavy-Metal-Musik verbirgt er nicht. Tattoos von Skeletten und Toten­ köpfen zieren seine Unterarme. Zur Preis­ verleihung des Ernst-Krenek-Preises der Stadt Wien erschien er mit einem T-Shirt der Death-Metal-Band Cannibal Corpse. Von Beginn an zeugen seine Kompositi­ onen vom Versuch, die Grenzen und Gegen­ sätze zwischen Klassik und Pop zu über­ schreiten. Als ehemaliges Mitglied einer Rockgruppe verarbeitet er – auch der Ma­ xime John Cages verpflichtet: „Jedes Ge­ räusch ist Musik“ – in seinen Werken alle nur möglichen Arten musikalischen Mate­ rials, entzieht es jedoch jeglicher eindeuti­ ger Zuordnung. Das Harte, Fremde, Uner­ wartete und Unbekannte findet Eingang in die Kompositionsweise des Komponisten, wobei er nie an der Oberfläche des Mate­ rials bleibt. Struktur und Form verändert er im Zuge des Komponierens mehrmals, niemals bleibt er in seinen Quartetten, En­ semblestücken und Orchesterwerken bei der bloßen Adaption fremder Klangmate­ rialien stehen. ::  Der gebürtige Osttiroler

Seit längerem bereits reizte Gander der Gedanke, eine Oper zu komponieren. Die Vereinigung von Text, Bühne und Mu­ sik zu einer spannenden und funktionie­ renden Story schien ihm dabei besonders verlockend. Seine Inspiration gewinnt der Komponist seit jeher aus den verschie­ denen Bereichen des Alltagslebens und der Alltagskultur. So finden sich in sei­ nen Werken Geräusche aus dem Tierreich und Klangkulissen von Vorführungen der Modebranche. Musikalisch thematisiert werden be­ kannte Comicfiguren, aber auch mensch­ liche Schwächen. So kann es kaum mehr verwundern, dass WIEN MODERN den Sitcom-Junkie Bernhard Gander, der ge­ sellschaftspolitische Fragen des Heute auf humoristische Art und Weise in Einklang mit der Musik der Gegenwart bringt, mit der Sitcom-Oper „Das Leben am Rande der Milchstraße“ beauftragte. Hingebungsvol­ le, „seriöse“ Konzertsaalatmosphäre, aus­ gelassener Discosound, dröhnender Indus­ triemaschinenlärm, unüberhörbare Assozi­ ationen an populäre Film- oder TV-Serien erlauben dem Zuhörer, in den Gesamtkos­ mos zeitgenössischen Musikgeschehens zu tauchen. F


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Das Unglaubliche zu sehen Die besten Filme aller Zeiten kennt jeder. Und niemand weiß, wer die Musik zu ihnen schrieb Michael Omasta

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ventuell war es Glück im Unglück, dass Bernard Herrmann wieder ausstieg. Anfang der 1960er ersuchte ein junger Regisseur den legendären Filmkomponisten, die Musik zu seinem nächsten Film zu schreiben: „Lolita“ nach Nabokovs skandalösem Roman. Herrmann zeigte sich interessiert, bis der Jungfilmer ihn auf eine marginale Bedingung hinwies: Er müsse bitte eine Melodie seines Schwagers in das Score einbauen. Damit war das Ende der Zusammenarbeit von Bernard Herrmann und Stanley Kubrick besiegelt, noch bevor sie begonnen hatte. Doch wer weiß, ob der Regisseur andernfalls jemals auf die Idee zu jenem musikalischen Konzept gekommen wäre, die alle seine späteren Filme auszeichnet, auch seinen berühmtesten: Für „2001: A Space Odyssey“ (1968) bediente er sich neben Johann Strauss, Chatschaturjan und Ligeti noch bei Richard Strauss, zu dessen „Zarathustra“-Sinfonie sich der Evolutionssprung von der Primaten-Urhorde zum Menschsein vollzieht. Kubrick hat mit „2001“ die Filmtechnik er-

neuert. Die Verwendung von Musik im Film indes hat er revolutioniert, und der Gang in die „musikalische Leihanstalt“ ist seither eine Selbstverständlichkeit. Die bedeutendsten Regisseure greifen heute mit Vorliebe auf bereits vorhandene, meist sehr bekannte, präformierte Musik zurück. Das gilt für Martin Scorsese genauso wie für JeanLuc Godard, der über deren Bedeutung für sich und seine Arbeit sagt: „Ich bin blind, und die Musik ist meine kleine Antigone, die mir helfen wird, das Unglaubliche zu sehen.“ So gestaltete Godard die Tonspur von „Nouvelle Vague“ (1990), einer hochkomplexen Doppelgänger-Geschichte mit Alain Delon, als Mosaik aus musikalischen Zita-

Citizen Kane. Bei Orson Welles’ Meisterwerk sorgt die Musik für 50 Prozent des Erfolgs

2001: A Space Odyssey. Stanley Kubrick montiert die Musik aus vielen Kompositionen zusammen

ten von Hindemith, Schönberg und Werner Pirchner. Scorsese, maßlos wie seine Filme, ließ für „Shutter Island“ (2010) ein gewaltiges Score zusammenstellen, das von Gustav Mahler über John Cage und Morton Feldman bis zu Ligeti und Penderecki reicht (eine zweischneidige Sache, wenn man bedenkt, dass dieser Thriller ausschließlich unter Psychiatriepatienten auf einer Gefängnisinsel spielt)! Ganz anders, nämlich eng mit dem jeweiligen

Komponisten zusammen, arbeitete Alain Resnais. Für den französischen Meisterregisseur war Film nur eins der Instrumente im Konzert der Künste, wie Musik oder Literatur. Zweimal verpflichtete er Hans Werner Henze als Komponisten: für „Muriel ou le temps d’un retour“ (1963), ein sperriges Pamphlet gegen den Algerienkrieg, und für „L’Amour à mort“ (1984), einen formal radikalen Kammerspielfilm um Glaube, Liebe, Tod und Wiederauferstehung, in dem

Filmmusik-Kontrapunkte unter Peter Keuschnig: von Paul Dessau bis G.F. Haas

Kontrapunkte am 17.11. im Musikverein

Einen Streifzug durch das Filmmusikschaffen des vergangenen Jahrhunderts unternimmt das Ensemble Kontrapunkte, das unter Peter Keuschnigs Leitung schon seit 1965 Musiker aus Wiens führenden Orchestern versammelt und seit 1974 einen Abonnementzyklus im Musikverein bestreitet. Zu hören sind aus 1928–1930 stammende Kompositionen von Dmitri Schostakowitsch zu „Das Neue Babylon“, von Paul Dessau zu einem Disney-Kurz-Animationsfilm, und Hanns Eislers Suite Nr. 1 aus dem Film „Opus III“ (das war ein Experimentalfilm von Walter Ruttmann), weiters von Nino Rota, Hans Werner Henze und Alfred Schnittke. „AUS.WEG.“ von G.F. F Haas rundet den Abend ab.

Das Festival WIEN MODERN richtet mit dem Schwerpunkt „on screen“ einen Fokus auf die Schnittstelle von Film/ TV und Neuer Musik. In Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum zeigt es anhand sieben ausgewählter Spielfilme, in welchem unerwarteten Raum es zu Begegnungen mit Neuer Musik kommen kann

Jeweils Dienstag, 21.10. bis 2.12., Österreichisches Filmmuseum

die Musik strikt vom Drama getrennt bleibt; sie erklingt zu Schwarzfilm, der zwischen die Spielszenen montiert ist. Wenn man will, haben Resnais und Henze die dramaturgische Kontrapunktierung, die Hanns Eisler einst für die Filmmusik gefordert hat, auf die Spitze getrieben. „Hangmen Also Die!“ (1943) war der erste von acht Spielfilmen, die der deutsche Komponist im Exil in Hollywood vertonte. Das Score entstand parallel zum Dreh des Films von Fritz Lang (Regie) und Bert Brecht (Koautor), der die Ermordung des SS-Reichsprotektors Heydrich in Prag und deren Folgen für die Zivilbevölkerung zum Inhalt hat. Unter den Geiseln, die bis zur Festnahme der Täter erschossen werden sollen, befindet sich auch ein Professor Nowotny, dessen Tochter in einen schier unlösbaren Gewissenskonflikt gerät, als sie die Identität des Attentäters herausfindet. Bei allen Zerwürfnissen, die diese Produk-

tion überschattet haben, gelang es Eisler, sein Konzept durchzusetzen. Während sich die Handlung des Anti-Nazifilms „in private und psychologische Einzelzüge auflöst“, wird diese „durch Musik von besonderem Ernst durchbrochen“, notierte er in „Komposition für den Film“ (1943/44 gemeinsam mit Theodor W. Adorno verfasst). „Ihr Gestus hilft dem Zuhörer, sich auf das Wesentliche des Vorgangs, den allgemeinen Zustand zu besinnen.“ Zu den wenigen Hollywoodfilmen, die Eisler und Adorno in ihrem Standardwerk sonst noch gelten ließen, gehört „Citizen Kane“ (1941) von und mit Orson Welles. Bizarr daran ist, dass der Komponist namentlich keine Erwähnung findet, obwohl die Musik, meinte selbst Welles, „zu 50 Prozent“ für den künstlerischen Erfolg verantwortlich sei. „Citizen Kane“ firmierte jahrzehntelang als „bester Film aller Zeiten“, bis Hitchcocks „Vertigo“ ihn 2012 ablöste. Zu beiden hat Bernard Herrmann die Musik geschrieben. F

Fragmentierte Kommunikation zwischen virtueller und realer Ebene als Musiktheater

Ensemble Interface am 6.11. im Odeon

Die aus Polen stammende Komponistin Jagoda Szmytka, die in Wrocław und in Graz und Frankfurt bei Beat Furrer studiert hat, konzipierte die audiovisuelle Performance „Limbo Lander“ für das in Frankfurt 2009 gegründete, aus sechs Instrumentalistinnen bestehende Ensemble F Interface.

Fotos: ös t er r eichisches Fil m museum , Kult ur Kot r a s t/Erwin Sük ar , Daniel Pufe

Text:


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Hoch lebe das Streichquartett! Das Arditti Quartet wird heuer 40 Jahre alt und ist wie jedes Jahr zu Gast bei WIEN MODERN Text: Marie-Therese Rudolph

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F o t o s : A r c h i v , M a r k u s S e p p e r e r , A n d r e a s HE c h e n b e r g e r / M a r k u s S e p p e r e r

ur wenige Ensembles prägen den Konzertbetrieb wie sie. Kaum ein Komponist oder eine Komponistin von Renommee hat nicht für das Arditti Quartet geschrieben. Trotzdem gibt es immer noch Wunschkandidaten – Pierre Boulez zählte dazu, wie Ensemblegründer Irvine Arditti vor zehn Jahren, zum 30-Jahre-Jubiläum des Quartetts, dem Standard berichtete: „Ich habe Boulez gefragt, aber er ist zu beschäftigt mit anderen Sachen. Immerhin: Er hat einst behauptet, das Streichquartett sei tot. Er hat sich entschuldigt und den Spruch zurückgenommen. Er meinte: ,Es ist eindeutig nicht tot – Ihrer Gruppe wegen.‘“ Dass das Quartett das Genre am Leben erhalten hat, ist nobel untertrieben. In diesem Jahr begeht das Arditti Quartet sein vierzigjähriges Jubiläum, und bis heute spielte das Ensemble in über 2000 Konzerten mehr als 7400 Werke, darunter über 600 Uraufführungen. Die Liste liest sich wie das Who’s who der zeitgenössischen Musik: Thomas Adès, Georges Aperghis, Harrison Birtwistle, Benjamin Britten, John Cage, Elliott Carter, James Dillon, Pascal Dusapin, ­Brian Ferneyhough, Sofia Gubaidulina, Francisco Guerrero, Jonathan Harvey, Toshio Hosokawa, Mauricio Kagel, Helmut Lachenmann, György Ligeti, Philippe Manoury, Wolfgang Rihm, Giacinto Scelsi, Salvatore Sciarrino, Karlheinz Stockhausen oder Iannis Xenakis. Natürlich ist in dieser Liste auch österreichische Musik von Friedrich Cerha, Karlheinz Essl, Reinhard Fuchs, Beat Furrer, Bernhard Gander, Olga Neuwirth oder Christian Ofenbauer vertreten.

Sein Faible für zeitgenössische Musik erwachte in Irvine Arditti, dem Gründer und Namensgeber des Streichquartetts, als er elf Jahre alt war und erstmals Musik von Boulez und Xenakis gehört hatte: „Ich wollte Stockhausen treffen und Livekonzerte hören. Mit 15 fuhr ich nach Oxford, um Irvine Arditti: Mit jedem Komponinisten, der seinen Stil entwickelte, entstand eine neue Herausforderung für uns

das Französische Rundfunkorchester mit Stücken von Xenakis und Messiaen zu hören, und lernte bei dieser Gelegenheit beide Komponisten kennen. Das war 1968 …“ Irvine Arditti, 1953 in London geboren,

trat mit 23 Jahren dem London Symphony Orchestra bei und übernahm dort bereits zwei Jahre später die Position des Konzertmeisters. Zugunsten seiner solistischen Karriere und um sich voll und ganz seinem 1974 gegründeten Quartett zu widmen, gab er 1980 die Orchesterarbeit auf. Gefragt, was sich in den letzten vierzig Jahren am zeitgenössischen Musikleben geändert habe, konstatiert Arditti ein Verschwinden des damals vorherrschenden Schubladendenkens: „Man galt als Serialist oder Cage-Anhänger oder als von Britten oder Schostakowitsch beeinflusster Traditionalist. Minimal Music fing gerade erst an. Mit jedem Komponisten, der seinen eigenen Stil entwickelte, entstand eine neue Herausforderung für uns.“ Auch wenn die jahrzehntelange Erfahrung kein Garant dafür ist, dass jedes Stück, das einstudiert wird, ihm

Das Arditti Quartet spielt Georg Friedrich Haas „late at night“ im Dunkeln

Arditti Quartet, am 10. und 11.11. im Konzerthaus

Das 3. Streichquartett „In iij. Noct.“ wird in völliger Dunkelheit aufgeführt, die Musiker spielen auswendig. In möglichst weiter räumlicher Distanz kommunizieren die Musiker allein durch den Klang ihrer Instrumente. Gegen Ende des Stücks erklingt ein Gesualdo-Zitat, dem auch der Titel des Werks entnommen ist. F

selbst auch gefällt, ist Irvine Arditti mittlerweile recht urteilssicher. Das Quartett leitet er mit der ihm eigenen Mischung aus selbstbewusstem Führungsstil und gelegentlichen Demokratie-Einsprengseln. Dies, gepaart mit dem enormen Output und Einstudierungsaufwand mit zumeist recht knapper Probenzeit, ist eine große Herausforderung für die Mitglieder. So ist Irvine Arditti auch der einzige, der seit vierzig Jahren konstant dabei ist. Der Cellist Rohan de Saram war mit 26 Jahren am längsten Teil des Quartetts, Levine Andrade, erster Bratschist bis 1990, insgesamt 16 Jahre. Mit dem deutschen Cellisten Lucas Fels ist seit 2006 eine jüngere Generation vertreten. Irvine Arditti ist sich bewusst, dass personelle Wechsel Probleme mit sich bringen: „Es ist immer noch beängstigend, wenn uns jemand verlässt. Aber beim Arditti Quartet geht es nicht um die Mitglieder, sondern darum, was wir tun. Für mich hat das Quartett eine ganz klare Aufgabenstellung: zeitgenössische Musik spielen, mit Komponisten zusammenarbeiten und neue Stücke hervorbringen. … Ich verstehe mich als das Gedächtnis des Quartetts …“ Seit den Anfängen von WIEN MODERN ist das Arditti Quartet regelmäßiger Gast des Festivals. Bereits im ersten Jahr, 1988, gab es drei Konzerte, davon das dritte mit einem reinen György-Kurtág-Programm, gemeinsam mit ungarischen Musikern. Gleich mehrere Konzerte bei WIEN MODERN, allein oder erweitert mit Gastmusikerinnen, ist für das Arditti Quartet keine Seltenheit; sei es Feldman mit Markus Hinterhäuser (1994) oder Irvine Ardittis Solo-Konzert mit Nonos Lontananza im Jahr 2000 zur Eröffnung von WIEN MODERN.

Es scheint, als fühlte sich das Quartett in Wien und hier speziell bei WIEN MODERN besonders wohl. Was wahrscheinlich auch auf das Publikum zurückzuführen ist. Irvine Arditti hat erkannt, dass das NeueMusik-Publikum nicht homogen ist: „Manche kommen von der klassischen Musik her, andere wiederum vom Jazz oder von der Alternative Music. Es ist wunderschön, bei so unterschiedlichen Menschen Anklang zu finden, und jedes Land, jede Stadt, hat seine bzw. ihre eigene Geschichte. … Welche Veranstalter leisten Erziehungsarbeit bei ihrem Publikum? Für welches Publikum spielen wir und wie ist es vorbereitet?“ In diesem Jahr interpretiert das Quartett

in drei Konzerten alle acht Streichquartette von Georg Friedrich Haas. In komprimierter Form werden an zwei Abenden alle acht Streichquartettkompositionen dem Publikum präsentiert und ermöglichen somit ein ganz besonderes Erlebnis klanglicher Selbstund Weiterentwicklung des Komponisten. Orientiert an der Spieltechnik des afrikanischen Mundbogens gelangt Georg Friedrich Haas in seinem „1. Streichquartett“ durch geringfügiges Umstimmen der Instrumente zu mikrotonaler, sphärischer Klangentfaltung. Das Einbeziehen von Live-Elektronik im „4. Streichquartett“ erlaubt den Interpreten wie auch gleichermaßen dem Publikum die Konfrontation der Gegenwart mit der unmittelbaren Vergangenheit. Gleitende Übergänge, langsame Glissandi, Triller und Tremoli verschleiern im „6. Streichquartett“ vertikale Strukturen und lassen die Harmonik des Stückes instabil erscheinen. F Arditti Quartet 10. und 11.11, Konzerthaus

Spektralmusik mit dem œnm, dem österreichischen ensemble für neue musik

œnm, am 3.11. im Casino Baumgarten

Kompositionen rufen bei den Zuhörenden fast immer Gefühle hervor. Selbstverständlich möchte dies auch Georg Friedrich Haas tun. Ihn nur als Vertreter der Spektralmusik zu bezeichnen, greift zu kurz. Das œnm führt sein Sextett „tria ex uno“ auf, dessen Idiom Parallelen zum Agnus Dei einer Messe von Josquin Desprez aufweist. Ergänzt wird der Abend durch „FLATLAND“, einer Komposition von Haas-Schüler David Bird, inspiriert durch einen satirischen Roman gleichen Titels aus dem 19. Jahrhundert. Zum Abschluss erklingt „Vortex temporum I–III“ des 1998 in Paris verstorbenen Komponisten Gérard Grisey, einem der Hauptvertreter der Spektralmusik, F die auf Obertöne abstellt.


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Schönheit im Konjunktiv Dem Komponisten Georg Friedrich Haas widmet WIEN MODERN in diesem Jahr einen umfassenden Schwerpunkt

Porträtist: Da n i el E n d e r

Wenn sich das Arditti Quartet an zwei lan-

gen Konzertabenden allen acht bisherigen Streichquartetten von Haas widmet, dürf-

te das – abgesehen von der Qualität der Interpretationen – einer der Höhepunkte der heurigen Ausgabe von WIEN ­MODERN werden. Denn der 1953 geborene Grazer ist zwar jemand, der unaufhörlich mit dem Klang experimentiert – und das heißt auch: mit den Ausdrucksmitteln insgesamt, mit der Form, ja mit dem Musikbegriff überhaupt –, doch gilt für ihn etwas, das schon wieder ungeheuer altmodisch anmuten mag. Nicht anders als bei großen Vorgängern, von Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert bis zu Bartók und Schostakowitsch, enthalten seine Werke für Streichquartett im Kern seine gesamte Ästhetik, ebenso die Entwicklung kompositorischer Konzepte mehrerer Jahrzehnte. Es besteht kein Zweifel, dass Haas auf der Höhe der Zeit steht oder, pessimistischer formuliert, gerade die Tiefpunkte der Gegenwart künstlerisch ebenso frappierend wie individuell reflektiert. Dennoch hat sein Schaffen – wie andere eigensinnige Kunst

Das ORF Radio-Symphonieorchester und das Klangforum Wien eröffnen das Festival Eröffnungskonzert Wien Modern: Klangforum und RSO Wien am 29.10. im Konzerthaus Die zwei wichtigsten Klangkörper Neuer Musik in Österreich spielen gemeinsam auf einer Bühne: Im „concerto grosso Nr. 2“ von Georg Friedrich Haas ist das RSO Wien das Orchester und das Klangforum Wien der Solist. Das Orchester als essenzieller Klangkörper europäischer Musik war in den vergangenen circa 250 Jahren im Genre Konzert immer wieder

künstlerischer Partner von Instrumentalsolisten. Sozusagen von Vivaldi bis Rihm. Das Ensemble als essenzieller Träger zeitgemäßer Musik entstand in der uns heute geläufigen Form in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Idee des Abends: Ein Werk kombiniert orchestralen Klangsinn mit den Feinheiten eines ensemblehaften Solistenkollektivs zu einem neuen und luxuriösen Genre von Musik. Bernhard Langs Monadologie XXIII „… For Stanley K.“ verweist auf den Programmschwerpunkt „on screen“, auf die intensive Verflechtung von Musik und Film. Abgerundet wird das Programm mit „Transitoires“ von Gérard Grisey, der mit der Musique spectrale dem Klangerleben neue Dimensionen F eröffnete.

Das Programm hat Matthias Lošek in enger Absprache mit dem Komponisten ausgewählt. Ganz bewusst werden Werke präsentiert, die selten gespielt werden und die einen speziellen Blick auf Haas’ musikalische Sprache ermöglichen. Hier ein Vorgeschmack auf seine wundersamen Klangwelten

auch – etwas Anachronistisches. Die Nacht, der Wahnsinn, die Schattenseiten des Daseins, düstere Visionen und entrückte Träume sind in seinen Stücken immer wiederkehrende Themen. Insofern könnte er fast ein Zeitgenosse der Romantik sein. Insbesondere in Haas’ Werken für das Musiktheater fließen die soeben skizzierten Motive zusammen. In seiner Kammeroper „Nacht“ wird eine Hölderlin nachempfundene Figur in einem Strudel von Bewusstseinsströmen ebenso hin- und hergerissen wie das Publikum in die dichten Klangtableaus hineingezogen. In der Oper „Die schöne Wunde“ sind es die Charaktere aus Franz Kafkas „Landarzt“ und aus Edgar Allan Poes „Grube und Pendel“, die von einem verheerenden Schicksal, aber auch von wogenden orchestralen Wallungen bedrängt werden. Ähnliche existenzielle Grenzsituationen hat der Komponist auch in „Melancholia“ nach dem gleichnamigen Roman von Jon Fosse sowie zuletzt in „Bluthaus“ und

Intermedia-Musik mit Elektronik und belebten Zuspielungen

Niblock am 1.11. in der Alten Schmiede

Phill Niblock, der nicht nur Jazzer, Komponist und Elektroniker ist, sondern auch Fotograf und Filmemacher, gründete schon 1968 die Experimental Intermedia Foundation, eine der wichtigsten Förderinnen der Neuen Musik in New York. Niblock führt auf der ganzen Welt intermediäre Konzerte mit computergenierter Musik voller Mikrotöne auf, die von Livemusikern unterstützt wird, etwa von dem vielseitigen Gitarristen und Klarinettisten Martin Zrost (unter anderem Mitglied beim Trio Lepschi), der die Klarinetten häufig mit dem Saxofon vertauscht und im letzten Jahrzehnt regelmäßig mit Niblock spielte. F

F o t o s: N a f e z R e r h u f, K at h a r i n a S t r u b e r , K at h e r i n e L i b e r ov s k aya

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ölliges Dunkel. Aus den vier Winkeln des Raumes nähern sich kleine Klanggesten, tasten sich aneinander heran, verbinden sich zu irisierenden Flächen. Das Zusammenspiel der vier Spieler – ihr Kommunizieren, Zurechtfinden, Auseinanderdriften – wird im 3. Streichquartett von Georg Friedrich Haas selbst zur Musik. „In iij. Noct.“, „In jener Nacht“, ist das Stück überschrieben, das in völliger Finsternis aufgeführt werden muss und das aus der mehr oder weniger freien Kombination vorgegebener Elemente immer wieder neu entsteht. Entsprechend offen ist das konkrete Klangergebnis, selbst die Spieldauer kann variieren. Man hört hier anders, und man hört etwas Anderes, reduziert und zugleich bereichert. (10. und 11. November, 22 Uhr, Wiener Konzerthaus, Berio-Saal)


W i e n M o d e r n 1 4    „Thomas“, beide nach Libretti von Händl Klaus, weiterverfolgt. Doch auch in seiner Instrumentalmusik schafft Haas ähnlich unmittelbar wirkende dramatische Situationen von hoher Suggestivkraft. Das hat nicht nur damit zu tun, dass die außermusikalischen Bereiche von Dunkel und Licht immer wieder in sein Werk hineinstrahlen, sei es rein metaphorisch oder aber ganz konkret. So hat er etwa auch mit „Hyperion“ ein Konzert für Lichtstimme (!) und Orchester geschrieben – sodass in diesem einen Fall eindeutig schlagend wird, wie eng für ihn die visuelle und die akustische Sphäre zusammenwirken. Ihre Dramatik gewinnt Haas’ Musik auch aus

eindringlichen innermusikalischen Situationen und Prozessen. Eines seiner wohl größten Meisterwerke ist das rund einstündige Ensemblewerk „in vain“ („vergeblich“) (2000), in dem wiederum für eine längere Passage das Licht ausgeht und sich die Musik an dieser Stelle so drastisch wandelt, dass der Einschnitt auch auf der CDAufnahme (erschienen beim Label Kairos) sofort zu erkennen ist. Vor allem aber wurde hier ein abstraktes Prinzip – die musikalische Form der Reprise, des wiederholten Beginns – als Metapher für eine höchst konkrete Situation gewählt, nämlich dass etwas wiederkehrt, was man überwunden glaubte. Zur Entstehungszeit der Komposition im Jahr 2000 war dieser Gedanke direkt auf die Regierungsbeteiligung der Haider-Partei im Kabinett Schüssel I gemünzt. Dass Haas derart handfest auf den damaligen Zustand der Republik reagierte, mag die Dringlichkeit erklären, die aus dem Stück spricht. Auch wenn es völlig vom Anlass losgelöst gehört werden kann, vermittelt sich doch auf emotionaler Ebene eine enorme Drastik. Wie sein verehrter Lehrer Friedrich Cerha, der ehemalige Wehrmachtsdeserteur, der zeitlebens auf dem Eigenwert des Individuums beharrte und eine geradezu idiosynkratische Abneigung gegen jede Unteroder nur Einordnung in ein Kollektiv entwickelte, nahm auch Haas mehrfach die Gattung des Konzerts für Solisten und Orchester zum Anlass, um die Gegenüberstellung eines Einzelnen und einer Gruppierung gegen den Strich zu bürsten, um auf dem

Werke von Georg Friedrich Haas bei Wien Modern concerto grosso Nr. 2 Konzerthaus, Großer Saal, Mi 29.10., 19.30 Ausgewählte Stücke 1990 –2001 Konzerthaus, MozartSaal, Do 30.10., 19.30 limited approximations. Konzerthaus, Großer Saal, So 2.11., 19.30 Georg Friedrich Haas im Gespräch Konzerthaus, WotrubaSalon, So 2.11., 18.00 tria ex uno. Casino Baumgarten, Mo 3.11., 20.00 concerto grosso Nr. 1 Musikverein, Großer Saal, Di 4.11., 19.30 Streichquartett­ kompositionen Konzerthaus, MozartSaal, Mo 10.11., Di 11.11., 19.30 In iij. Noct./ 5. Streichquartett Konzerthaus, Berio-Saal, Mo 10.11., 22.00, Di 11.11., 22.00 AUS.WEG Musikverein, BrahmsSaal, Mo 17.11., 19.30 Nach-Ruf … ent-gleitend … Konzerthaus, Berio-Saal, Di 18.11., 19.30

Recht des Schwächeren zu beharren. Diese Thematik ist häufig mit dem Aufeinanderprallen – scheinbar – unvereinbarer Klangwelten verbunden, vor allem harmonischer Systeme, deren technische Erklärung ohne weiteres möglich wäre, allerdings die sinnliche Erfahrung nicht ersetzen kann. Und erfahrbar ist das ganz direkt, wenn etwa eine starre Übereinanderschichtung von Quarten und Quinten in der temperierten Stimmung (wie beim Klavier) mit jenen Klängen zusammentrifft, denen seit langem Haas’ besondere Aufmerksamkeit gehört: Obertonakkorden, die jene Schwingungen als Ausgangspunkt nehmen, welche bei jedem Ton schon immer mitklingen, sie aber zusätzlich „auskomponieren“, also direkt anspielen. Das Ergebnis ist eine dichte Fülle eng miteinander verschmolzener Klanganteile – viele Worte für einen Effekt, der mit unmittelbarer Kraft auf die Hörer einwirkt. Bei Haas bleibt es allerdings im Gegensatz zu manchen „Spektralisten“ nicht beim Schwelgen in solchen Klangbädern. Zwar entfaltet er manchmal eine nachgerade schrankenlose Schönheit. Sie bleibt jedoch immer fragil und gefährdet, kann jederzeit umkippen, ist eine Schönheit im Konjunktiv, weil sie sich an anderen Elementen reibt oder aber die Obertonakkorde – wie Haas es ausführlich selbst erklären kann – bereits in sich wiederum nicht nur Verschmelzung, sondern ebenso Reibung und Rauheit tragen (für musiktheoretisch Beflissene: im Bereich der oberen Teiltöne). Immer wieder sucht und findet der Komponist neue Konstellationen, die oftmals von sehr eigentümlichen Besetzungen ausgehen und gerade daraus nicht nur ihren Reiz, sondern eine eigene Charakteristik für das ganze Stück entwickeln. Das ist so beim Konzert für sechs Klaviere im Zwölfteltonabstand und Orchester, das bei seiner Uraufführung bei den Donaueschinger Musiktagen vor vier Jahren für Furore sorgte. Der Titel „limited approximations“ gibt bereits die Richtung an: Es stehen einander zwei Formationen gegenüber, die nie ganz zueinander kommen können, aber – soweit möglich – eine Annäherung vollziehen. Auch diese Prozesse lassen sich bei WIEN MODERN am 2. November hörend gut nachvollziehen.

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Ganz ähnlich und doch ganz anders ist es beim „Concerto grosso Nr. 1“, einem Auftragswerk von WIEN MODERN, das erst heuer beim Münchner Festival „musica viva“ uraufgeführt wurde und sich nicht nur durch den Hinweis auf die barocke Gattung als Anachronismus zu erkennen gibt. Vollends exotisch mutet die Solistengruppe an, die von vier Alphörnern gebildet wird. Deren scheinbare Vertrautheit bildet allerdings den Ausgangspunkt für eine mehrfach überraschende klangliche Entdeckungsreise. Denn bei Haas spielen diese Holztrompeten mit ihrer archaischen Aura bei weitem nicht nur jene Obertonreihen, die ihre Bauart geradewegs in Reinkultur hergibt: Zum einen werden sie minimal gegeneinander verstimmt und entfalten so völlig ungewohnte Qualitäten. Zum anderen beginnen sie ein Wechselspiel mit dem Orchester mit einer originellen Pointe, als würden sie – so der Komponist – sagen: „Freunde, wir können auch anders!“ Solche Direktheit, wie sie Haas – halb im

Scherz, aber mit ernstem Hintergrund – diesen Instrumenten in den Mund, will sagen: ins Mundstück legt, ist auch ihm selbst eigen. Leidenschaftlich und ohne Rücksicht auf Verluste kann er sich zur (Kultur-)Politik zu Wort melden und scheut sich – rückhaltlos authentisch im Gegensatz zu manchen Nadelstreifkomponisten – auch nicht davor, unangenehme Dinge auszusprechen. Das mag es neben den besonderen Schwierigkeiten bei der Wiedergabe seiner Musik – weniger beim Hören! – erklären, dass er lange auf den gebührenden Erfolg warten musste und noch immer manchmal viele Jahre vergehen, bis seine Werke hierzulande gespielt werden, wenn es denn überhaupt dazu kommt. Aber wenn es so weit ist, dann vermittelt die Musik von Haas, der nach langjähriger Unterrichtstätigkeit in Graz und Basel seit dem Vorjahr Professor an der Columbia University New York ist, eine Sogwirkung, die ihresgleichen sucht. Gerade auch, weil sie die dunklen Seiten der menschlichen Existenz ebenso anklingen lässt wie immer wieder Hoffnungsschimmer. Denn zur Dunkelheit und zur Nacht gehört nun einmal der Traum. F

Fotos: Stefan Conr adi, Klaus Polkowski

Rebecca Saunders’ Schlagzeug-Doppelkonzert Sechs Klaviere (im Zwölfteltonabstand) und und „concerto for solo double bass & ensemble“ das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden Rebecca Saunders am 4.11. im Musikverein und am 18.11. im Konzerthaus Die in Berlin lebende Rebecca Saunders war beim England-Schwerpunkt bei WIEN MODERN 2011 etwa mit ihrem für Carolin Widmann geschriebenen Violinkonzert vertreten und gilt als eine der führenden Komponistinnen aus Großbritannien. Neben faszinierenden Auseinandersetzungen mit räumlichen Strukturen in Collagewerken wie „Stirring

Still“ oder „Chroma“, ihrer Zusammenarbeit mit Choreografen („insideout“ entstand als Musik zu einer choreografischen Installation in Zusammenarbeit mit Sasha Waltz) und der Planung weiterer Musiktheaterstücke nahm ihre Beschäftigung mit konzertanten Werken kontinuierlich zu. Ihre Komposition „void“ für Schlagzeug-Duo und Orchester mit den Solisten Christian Dierstein und Dirk Rotbrust ist ein Kompositionsauftrag von WIEN MODERN und dem Westdeutschen Rundfunk, uraufgeführt wurde es unter Peter Rundel bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik. Auch das Ensemble PHACE wird ein Werk für Kontrabass und Ensemble („fury II“) von ihr F spielen.

Das SWR am 2.11. im Konzerthaus

Dieses in Donaueschingen alljährlich Maßstäbe setzende und um seinen Weiterbestand kämpfende Orchester führt mit sechs Pianisten ein Konzert für sechs im Zwölfteltonabstand gestimmte Klaviere auf. Komponist Georg Friedrich Haas überschreitet in „limited approximations“ Grenzen, um das klangliche Spektrum auszuloten. Aber bereits György Ligeti orientierte sich an außereuropäischen Tonsystemen, welche die traditionellen westlichen Hörgewohnheiten unterwandern. Renaud Capuçon spielt sein Violinkonzert. Ganz anders lässt Bernhard Gander in „hukl“ eine berühmte Comicfigur sich aufplustern: Wann immer sie gereizt wird, „explodiert“ sie F vor Wut.


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Musik Alte Schmiede I Martin Zrost (Saxofon, E-Gitarre), Phill Niblock (Elektronik) Phill Niblock: „Zrost“, „FeedCorn Ear“, „Sethwork“, „Vlada BC“. Phill Niblock, eine wichtige Figur der Neuen-Musik-Szene nicht nur in New York, führt auf der ganzen Welt intermediäre Konzerte mit computergenierter Musik voller Mikrotöne auf, die von Livemusikern unterstützt wird; etwa von dem vielseitigen Gitarristen und Klarinettisten Martin Zrost, der regelmäßig mit Niblock spielte und dem Niblock sogar ein Stück unter seinem Namen widmete. Alte Schmiede – Kunstverein, Sa 1.11., 17.00 Alte Schmiede II Weiping Lin (Violine), Stefan Gartmayer (Violoncello), Aya Klebahn (Klavier) Luna Alcalay: „Apostroph I–III“, „Quasi Una Fantasia“, „Transparenzen“, Alfred Uhl: „Kleines Konzert für Violine, Violoncello und Klavier“. Die Pionierin und „Grande Dame“ der Neuen Musik in Österreich, Luna Alcalay, die im Oktober 2012 starb, wird mit drei ihrer kammermusikalischen Werke gewürdigt, außerdem wird ein Stück ihres Kompositionslehrers Alfred Uhl aufgeführt. Alte Schmiede – Kunstverein, Sa 8.11., 17.00 Alte Schmiede III Agnes Boll (Stimme), Sebastian Efler (Schlaginstrumente), Alejandro del ValleLattanzio (Lithophon, Elektronische Äolsharfe, Synthesizer, Live-Film) Alejandro del Valle-Lattanzio: „Vilca-Gesänge“ (Kompositionsauftrag von WIEN MODERN, UA). Im Mittelpunkt dieses Zyklus von Liedern und Intermezzi steht ein vom Wiener Komponisten mit kolumbianischen Wurzeln selbst entwickeltes Lithophon (Steinspiel), dessen Klang, Resonanzen und Stimmungen durch liveelektronische Instrumente und Visualisierungen erweitert werden. Alte Schmiede – Kunstverein, Sa 15.11., 17.00 Alte Schmiede IV Trevor Wishart (Klangregie) Trevor Wishart: Encounters in the Republic of Heaven. All the coulors of speech. Elektroakustische Komposition. Alte Schmiede – Kunstverein, Sa 15.11., 20.30 Arditti Quartet I Irvine Arditti (Violine), Ashot Sarkissjan (Violine), Ralf Ehlers (Viola), Lucas Fels (Violoncello) In komprimierter Form werden an zwei Abenden alle acht Streichquartettkompositionen Georg Friedrich Haas’ vom Arditti Quartet, welches heuer sein 40-jähriges Bestehen feiert und seit Beginn an zu Gast beim Festival ist, dem Publikum präsentiert. Heute: 1., 6. und 4. Streichquartett von Georg Friedrich Haas. Konzerthaus, Mozart-Saal, Mo 10.11., 19.30 Arditti Quartet II Irvine Arditti (Violine), Ashot Sarkissjan (Violine), Ralf Ehlers (Viola), Lucas Fels (Violoncello); Experimentalstudio des SWR Programm am zweiten Abend: 2., 8. und 7. Streichquartett von Georg Friedrich Haas (das siebte Quartett mit live-elektronischer Realisation). Konzerthaus, Mozart-Saal, Di 11.11., 19.30

Limbo Lander Collage

Arditti Quartet late at night Irvine Arditti (Violine), Ashot Sarkissjan (Violine), Ralf Ehlers (Viola), Lucas Fels (Violoncello) „Late at night“ wird das 3. Streichquartett „In iij. Noct.“ in Dunkelheit aufgeführt wird, zuvor das 5. aus dem Jahr 2007. Konzerthaus, Berio-Saal, Mo 10.11., 22.00, Di 11.11., 22.00 Ciné-concert Ensemble 2e2m, D: Pierre Roullier, Christina Bauer (Klangregie) Olga Neuwirth: „Maudite soit la guerre“. Ein filmmusikalisches War-Requiem (2014) zum gleichnamigen Film (Regie: Alfred Machin, F 1914). Gartenbaukino, Do 20.11., 20.30 Das Leben am Rande der Milchstraße, Staffel I, Folge 1–3 Eine Sitcom-Oper in sieben Folgen von Bernhard Gander (Libretto: Johannes Heide, Christa Salchner), R: Raab, Ausstattung: Burgstaller, Licht: Jelinek, D: Pironkoff, S: Appl, Isherwood, Dlouhy, Hauf, Landauer, Nwobilo, PHACE Folge 1: „Der Agent aus Brüssel“ Als Leo Maria Bloom (Benjamin Appl) mit seiner Praktikantin Imogen (Theresa Dlouhy) im Europäischen Büro für Zukunft ankommt, muss er feststellen, dass es um das ehemalige EU-Prestigeprojekt schlimmer steht als befürchtet. Folge 2: „Das HollywoodPrinzip“ Leo macht einen seltsamen Fund … Folge 3: „Halloween – Es kommt (fast) immer auf die Größe an“ Ist im EBF etwas ganz Besonderes. Konzerthaus, Berio-Saal, Fr 31.10., 20.15, Sa 1.11., 20.15 Das Leben am Rande der Milchstraße, Staffel II, Folge 4–6 Eine Sitcom-Oper in sieben Folgen von Bernhard Gander (Libretto: Johannes Heide, Christa Salchner), R: Raab, Ausstattung: Burgstaller, Licht: Jelinek, D: Pironkoff, S: Appl, Isherwood, Dlouhy, Hauf, Landauer, Nwobilo, PHACE Folge 4: „Figls Erbe“ Weil Leo ein netter Kerl ist, hat er beschlossen, dem Europäischen Büro für Zukunft ein neues Sofa zu schenken. Folge 5: „Die Geister, die sie riefen“ Leo will endlich wissen, was Jürgen Oder (Nicholas Isherwood) über ihn denkt und wirft dafür vorübergehend seine moralischen Prinzipien über Bord. Folge 6: „Das Büro ist tot. Lang lebe das Büro“ Während Brüssel Streikvorbereitungen trifft, ist das Europäische Büro für Zukunft noch dabei, die feinen Unterschiede zwischen Meuterei und anderen Formen des zivilen Ungehorsams zu klären. Konzerthaus, Berio-Saal, Fr 7.11. (Uraufführung), 20.15, Sa 8.11., 20.15 Das Leben am Rande der Milchstraße, Finale, Folge 7 Eine Sitcom-Oper in sieben Folgen von Bernhard Gander (Libretto: Johannes Heide, Christa Salchner), R: Raab, Ausstattung: Burgstaller, Licht: Jelinek, D: Pironkoff, S: Appl, Isherwood, Dlouhy, Hauf, Landauer, Nwobilo, PHACE Finale / Folge 7: „Eine Million kommt selten allein“ Das Europäische Büro für Zukunft sitzt wortwörtlich auf den Trümmern seiner glorreichen Vergangenheit. Konzerthaus, Berio-Saal, Fr 21.11., 20.15 (Uraufführung), 22.00

Georg Friedrich Haas

Ensemble ascolta, Enno Poppe „Gebrauchsanweisungen (Audiovisuelle Dialoge)“. Vier experimentelle Videofilme und vier Kompositionen entstanden im wechselseitigen Austausch der Beteiligten nach den Vorgaben des Ensembles. Die Kompositionen sind alle Uraufführungen und stammen von Neele Hülcker („Zu spät für das Privatleben“), Malte Giesen („Tu m“), Clemens Gadenstätter („les cris des lumières“), Benjamin Schweitzer („before I sleep“), die Videos: Astrid S. Klein („nighty move“), Ruth Anderwald + Leonhard Grond („Ohne Worte (Gespenster und Steinobst)“), Daniel Kötter („Momentaufnahmen“), Lillevan („Partitur und Partikel“). Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste (Semperdepot), Mi 19.11., 20.30 Ensemble Kontrapunkte, Peter Keuschnig Streifzug durch das Filmmusikschaffen des 20. Jahrhunderts. Als Schwerpunktkomponist ist aber auch Georg Friedrich Haas in diesem Konzert mit seiner Komposition „AUS.WEG“ prominent vertreten. Dmitri Schostakowitsch: Musik zu „Novyi Vavilon / Das Neue Babylon“ op. 18 (Regie: Grigorij Kosinzew / Leonid Trauberg, UdSSR 1929) (Auszug), Nino Rota: Musik zu „Il Gattopardo“ (Regie: Luchino Visconti, I/F 1963), Paul Dessau: Musik zum Kurz-Animationsfilm „Alice und die Flöhe“ (Regie: Walt Disney, USA 1926), Hans Werner Henze: „In memoriam: Die weiße Rose“, Alfred Schnittke: „Polyphonischer Tango“, Hanns Eisler: „Suite Nr. 1 op. 23 für Orchester“. Musikverein, Brahms-Saal, Mo 17.11., 19.30 Ensemble Platypus, Jaime Wolfson Kaoko Amano (Sopran), Clemens Kölbl (Bariton), Elisabeth Lang (Mezzosopran), Belinda Loukota (Sopran, Martin Maier (Tenor) Manuela Kerer: „chiaroscuro“ (Kompositionsauftrag Sammlung Essl Privatstiftung, UA). Manuela Kerer bezieht sich in ihrer Komposition auf Platons Höhlengleichnis, aber auch auf Kassenbons und vieles andere in unserer Konsumgesellschaft … Bustransfer ab Wiener Konzerthaus um 18.30 Uhr. Schömer-Haus, So 16.11., 19.30 Eröffnung WIEN MODERN ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Klangforum Wien, D: Cornelius Meister Bernhard Lang: Monadologie XXIII „... „For Stanley K.“; Gérard Grisey: „Transitoires (Les Espaces Acoustiques Nr. 5)“; Georg Friedrich Haas: „concerto grosso Nr. 2 für Kammerensemble und Orchester“ (Kompositionsauftrag, 2014): In Haas’ 2. concerto grosso ist das RSO Wien das Orchester und das Klangforum der Solist. Das Stück kombiniert orchestralen Klangsinn mit den Feinheiten eines ensemblehaften Solistenkollektivs zu einem quasi neuen und luxuriösen Genre von Musik. Konzerthaus, Großer Saal, Mi 29.10., 19.30 heldINNEN-HELDinnen Schülerinnen und Schüler der AHS G11 Geringergasse und Jugendliche mit mehrfacher Beeinträchtigung der Caritas WG

Studenygasse, Christopher Hinterhuber (Klavier), Valerie Klein, Daniela-Katrin Strobl (Choreografie), Axel Petri-Preis (Moderation, Konzept, Gesamtleitung) Die Jugendlichen erarbeiteten zehn Wochen lang gemeinsam mit einer Choreografin diese Tanzperformance. Der Pianist spielt Werke von Bernhard Gander („Peter Parker“), Akira Nishimura („Kalavinka“) und Frederic Rzewski („Cotton Mill Blues“). Bildungszentrum Simmering, Sa 8.11., 16.30 Junge Musik Ensembles und Solist(inn)en der Musikschule Wien und der Johann Sebastian Bach Musikschule Wien, Klangforum Wien (Workshopleitung), Andreas Lindenbaum (Leitung), Cordula Bösze (Dramaturgie), Ursula Strubinsky (Moderation) Die Jugendlichen erprobten die Interpretationsmöglichkeiten zeitgenössischer Musik und präsentieren ausgewählte Kammermusik- und Solowerke, darunter eine Uraufführung von Andreas Lindenbaum. Radiokulturhaus, Großer Sendesaal, So 9.11., 16.00 Klangforum Wien Wichtige, ausgewählte Stücke über die Welt zwischen Tag und Nacht, die Georg Friedrich Haas zwischen 1991 und 2001 komponiert hat: „flow and friction. kleine Studie“, „de terrae fine“,„… wie ein Nachtstück“, „… Schatten … durch unausdenkliche Wälder“. Konzerthaus, Mozart-Saal, Do 30.10., 19.30 Klangforum Wien, Sylvain Cambreling Inspiriert vom filmischen Schaffen David Lynchs ist „MANIA“ des diesjährigen Erste Bank-Kompositionspreisträgers Reinhard Fuchs’ entstanden, das heute uraufgeführt wird. Weiters auf dem Programm: Wolfgang Rihm („Bild (eine Chiffre)“), Morton Feldman („Untitled Film Music“), Arnold Schönberg („Begleitungsmusik zu einer Lichtspielscene op. 34“), Olga Neuwirth („Diagonal Symphony“), Giacinto Scelsi („Quattro Pezzi (su una nota sola)“). Im Anschluss der traditionelle Umtrunk im Berio-Saal. Konzerthaus, Mozart-Saal, So 9.11., 19.30 Limbo Lander Ensemble Interface, Kurt Dreyer (Szene), Damjan Jovanovic, Moritz Büchner (LiveVideo, Video), Alexander Hofmann (Klanggestaltung, Tonmeister) Jagoda Szmytka: „Limbo Lander“. Eine audiovisuelle Performance. Das aus sechs Instrumentalistinnen bestehende Ensemble aus Frankfurt bestreitet die Performance der aus Polen stammenden Komponistin, in der es um die Identitätsbildung eines jungen Ensembles im Konflikt zwischen der Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit und dem Sich-nicht-binden-dürfen/ können/wollen geht: Kommunikation findet zu einem wichtigen Teil nur noch auf virtueller Ebene statt. Odeon, Do 6.11., 20.30 Monsters & Angels Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, D: Rossen Gergov, Anders Nyqvist (Flügelhorn), Krassimir Sterev (Akkordeon), Chris Ziegler (Kamera, Schnitt), Diego Rojas Ortiz (Maske, Kostüm) Axel Petri-Preis (Konzept), Christoph

heldINNEN–HELDinnen

F o t o s : J a g o d a S z m y t k a , N a f e z R e r h u f , A l e k s a n d a r P r o k i c / V i k t o r P a nn a g l / P a u l P a s s a u e r

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Fotos: Jana Wilfing, Kult ur kon t r a s t/Erwin Sük ar , Anna K romer

Alle Termine, Tag für Tag, vom 29. Oktober bis zum 21. November Zauner (Regie) Vor der Aufführung von „lovely monster“ und „dirty angel“ (für Flügelhorn, Akkordeon und Orchester) von Bernhard Gander werden einzelne Passagen dieser Stücke vom Orchester zu eigens produzierten (Horror-)Filmszenen gespielt, die sich auf Ganders Inspirationen und Ideen seiner Musik beziehen. Bernhard Gander selbst tritt darin auch auf. (Um elf Uhr gibt es dasselbe Programm als geschlossene Veranstaltung für Schulklassen). MuTh – Konzertsaal der Wiener Sängerknaben, Fr 14.11., 11.00, 19.00 Neue Musik im Spielfilm I „Citizen Kane“ (Regie: Orson Welles, USA 1941), Musik: Bernard Herrmann Bahnbrechend der Einsatz der Musik Bernard Herrmanns, dem Welles die Hälfte des künstlerischen Erfolgs zuschrieb (Harry Tomicek). Filmmuseum, Di 21.10., 21.00 Neue Musik im Spielfilm II „Hangmen Also Die!“ (Regie: Fritz Lang, USA 1943), Musik: Hanns Eisler Hanns Eisler verwirklicht seine Ideen der Komposition für den Spielfilm. Filmmuseum, Di 28.10., 20.30 Neue Musik im Spielfilm III „Deserto rosso“ (Regie: Michelangelo Antonioni, I 1964), Musik: Giovanni Fusco, Vittorio Gelmetti Antonionis erster Film in Farbe bescherte „eine futuristische Abfolge zerstörter/zerstörender Industrielandschaften und unwohnlicher Innenräume“ (Christoph Huber). Fusco war ein bedeutender italienischer Filmkomponist, von dem auch die Musik zu „Hiroshima, mon amour“ oder „La guerre est finie“ stammt. Filmmuseum, Di 4.11., 20.30 Neue Musik im Spielfilm IV „2001: A Space Odyssey“ (Regie: Stanley Kubrick, GB & USA 1965– 1968), Musik: Richard Strauss, Johann Strauss, Aram Chatschaturjan, György Ligeti Stanley Kubrick erneuerte die Filmtechnik, um die Filmsprache zu erneuern, um das Genre Science-Fiction einem endgültigen Testlauf zu unterziehen und bediente sich dabei der Musik großer Komponisten. Filmmuseum, Di 11.11., 20.00 Neue Musik im Spielfilm V „L’Amour à mort“ (Regie: Alain Resnais, F 1984), Musik: Hans Werner Henze Zwischen den Szenen des dunklen CinemaScope-Kammerspiels finden sich „reine“ Sequenzen der Musik von Hans Werner Henze (Christoph Huber). Filmmuseum, Di 18.11., 20.30 Neue Musik im Spielfilm VI „Nouvelle Vague“ (R: Jean-Luc Godard, F/CH 1990); Musik: Paul Hindemith, Heinz Holliger, Meredith Monk, Werner Pirchner, Arnold Schönberg u. a. Filmmuseum, Di 25.11., 20.30 Neue Musik im Spielfilm VII „Shutter Island“ (R: Martin Scorsese, USA 2010); Musik: John Cage, Morton Feldman, György Ligeti, Gustav Mahler, Krzysztof Penderecki, Giacinto Scelsi u. a. Filmmuseum, Di 2.12., 20.00 œnm . oesterreichisches ensemble für neue musik Georg Friedrich Haas: „tria ex uno“. Sextett

für Flöte, Klarinette, Schlagzeug, Klavier, Violine, Violoncello, David Bird: „FLATLAND“ für Flöte, Klarinette, Violine, Viola, Violoncello, Gérard Grisey: „Vortex temporum I–III“. Haas und sein Schüler David Bird greifen auf Klänge früherer Jahrhunderte (Josquin Desprez) bzw. auf einen satirischen Roman gleichen Titels aus dem 19. Jahrhundert zurück. Schlusspunkt des Konzerts ist das Spätwerk von Gérard Grisey. Casino Baumgarten, Mo 3.11., 20.00 ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Peter Rundel Anna Maria Pammer (Stimme),hornroh modern alphornquartet, Christian Dierstein, Dirk Rothbrust (Schlagwerk) Georg Friedrich Haas: „concerto grosso Nr. 1“ (Kompositionsauftrag von WIEN MODERN, dem Bayerischen Rundfunk/musica viva, der Tonhalle Zürich und der Los Angeles Philharmonic Association), Rebecca Saunders: „void“ (Kompositionsauftrag WIEN MODERN und Westdeutscher Rundfunk), Reinhard Fuchs: „wo Angst auf Umhülle prallt“. Im 1. concerto grosso prallen vier Alphörner auf das Sinfonieorchester, Saunders’ „void“ ist ein Konzert für SchlagwerkeDuo und Orchester, schließlich wird das schon 2000/2001 komponierte Stück von Reinhard Fuchs für Frauenstimme und großes Orchester aufgeführt. Musikverein, Großer Saal, Di 4.11., 19.30 PHACE, Ernst Kovacic Anna Maria Pammer (Stimme), Alexandra Dienz (Kontrabass) Nachruf, Transkript, Aufspalten des Wahrnehmbaren und Rage: Spannende Werke verschiedener „Schulen“. Georg Friedrich Haas: „Nach-Ruf … entgleitend“, Thomas Amann: „Fa / Ifa“ (Kompositionsauftrag von PHACE und WIEN MODERN, UA), Reinhard Fuchs: „Transkript“ für Stimme und Ensemble, Rebecca Saunders: „fury II. concerto for solo double bass and ensemble“, Charlotte Seither: „Chercher le chien“. Konzerthaus, Berio-Saal, Di 18.11., 19.30 SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg D: François-Xavier Roth, Renaud Capuçon (Violine), Klaus Steffes-Holländer, Matan Porat, Florian Hoelscher, Julia Vogelsänger, Akiko Okabe, Christoph Grund (Klavier); Marino Formenti (Vortrag, Klavier) Bernhard Gander: „hukl“, György Ligeti: „Konzert für Violine und Orchester“, Georg Friedrich Haas: „limited approximations“. Konzert für sechs Klaviere im Zwölfteltonabstand und Orchester, im Anschluss an das Konzert: „Marinos Nachspiel“. Haas überschreitet in „limited approximations“ Grenzen, um das klangliche Spektrum auszuloten. György Ligeti orientierte sich Anfang der 90er-Jahre an außereuropäischen Tonsystemen, welche die traditionellen westlichen Hörgewohnheiten unterwandern. Ganz anders lässt Bernhard Gander in „hukl“ eine berühmte Comicfigur sich aufplustern. Konzerthaus, Großer Saal, So 2.11., 19.30

Jorge Sánchez-Chiong

Ensemble Kontrapunkte

Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat Ab drei Jahren. Ein Singspiel nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Werner Holzwarth und Wolf Erlbruch (Songtexte: Peter Ahorner) von Hannes Dufek, R: Ostertag, B: Schlechter, Bühnenmusik: Fennes, Rohrbach (Schauspiel), Rösler (Tanz) Mit der Komposition des Ensemble-Platypus-Gründers Hannes Dufek, mit Songtexten des „Die Strottern“Dichters Peter Ahorner und der Bühnenmusik von Florian Fennes, entwickelt Sara Ostertag ein Singspieltheater für Kinder. Ein kleiner Maulwurf macht sich auf die Sache nach einem unbekannten Täter, „der ihm auf den Kopf gemacht hat“. Dschungel Wien, Saal 2, Fr 7.11., 10.00, 16.30, Sa 8.11., 10.30, 16.30, So 9.11., 10.30, 16.30, Mo 10.11., 10.00, Di 11.11., 10.00 WIEN MODERN Klubnacht feat. Klangforum Wien & Zirkus Maximus ) Klangforum Wien, Zirkus Maximus (Künstlerkollektiv) Auch heuer lädt WIEN MODERN in die nächtliche, urbane Klubszene. Das Klangforum Wien versucht mit Zirkus Maximus ein Amalgam zwischen Kunstperformance, Konzert und Party zu kreieren. Auf dem Programm stehen Werke von Jukka Tiensuu („Hei“), Jorge Sánchez-Chiong („Final Girl Resurrection“), Timothy McCormack („Interfacing with the Surface“), Björn Wilker („Schlagen“), Eva Reiter („In groben Zügen“). Fluc, Fr 14.11., 22.00 WIEN MODERN Studio NACHT I Auch dieses Jahr lädt WIEN MODERN wieder zu Studionächten ein. Einst als Elektrofachhandel bekannt, bringen nun zwischen Ofenrohr-Installationen, Klebeband-Bildern und so manch anderen Utensilien des Alltags ausgewählte DJ-Lines und Live-Gigs die vier Wände des Elektro Gönner zum Erbeben. Heute: Trio Frühstück (live), DJs Adorno & Rosa von Luxemburg. Elektro Gönner, Fr 31.10., 22.00 WIEN MODERN Studio NACHT II Auch in der zweiten Studionacht gibt es Live-Gigs sowie ausgewählte DJ-Lines. Diesmal: Yaron Deutsch (Guitar), Brian Archinal (Drums); DJs Tingel Tangel Elektro Gönner, Fr 7.11., 22.00 WIEN MODERN Studio NACHT III Die dritte Studionacht gestaltet Oliver Weber (Electronics), am Plattenteller stehen Hauptmann Kim. Elektro Gönner, Fr 21.11., 22.00 Work Brigitte Wilfing (Idee, Konzept, Choreografie, Performance) Jorge Sánchez-Chiong (Turntables, Performance), Marie Spaemann, Roland Schueler (Violoncello, Performance), Thomas Jelinek (Lichtund Rauminstallation), Florian Bogner (Sounddesign), Reinhard Fuchs (Produktionsleitung) Eine choreografische Komposition für Streichinstrumente, Elektronik und Bewegung (UA) von Brigitte Wilfing und Jorge Sánchez-Chiong. An der Schnittstelle von Musik und Tanz werden die Performerinnen zu Bewegungsträgern choreografisch-kompositorischer Anordnungen von Beschleunigung, Wiederholung und Erschöpfung . Die funktionale

Ensemble Platypus

Bewegung, die zur Klangerzeugung führt, sowie die Entkörperlichung bei maximaler Soundentfaltung durch die Verwendung von Elektronik ist Ausgangspunkt und Ziel von „Work“. Wuk, Projektraum, Mi 12.11., 20.30, Do 13.11., 19.00, 21.30

Gespräche und Workshops Künstler(innen)gespräch Dschungel WIEN MODERN Im Anschluss an die Aufführung „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte …“ gibt es ein Gespräch mit den Mitwirkenden. Dschungel Wien, Saal 2, Sa 8.11., 17.30 Symposion WIEN MODERN Vortragende: Hartmut Krones, Christian David, Stefan Drees, Francesco Finocchiaro, Jörn Peter Hiekel, Daniel Ender, Siegfried Friedrich, Alexander Kukelka, Harald Huber/Magdalena Fürnkranz „Musik für Film und bewegte Bilder“. Das Symposion in Zusammenarbeit mit dem Institut für musikalische Stilforschung setzt sich mit der Geschichte der Filmmusik auseinander, diskutiert die nachträgliche „Vertonung“ von Stummfilmen, betrachtet die neuen Kunstformen, die Bild und Musik in teils sehr unterschiedlicher Weise koppeln und bezieht hierbei audiovisuelle Performances und Kompositionen mit Lichtdesign ebenso mit ein wie Licht- und Rauminstallationen oder Videoclips. Es wird mit Vorträgen im Konzerthaus eröffnet und am 10. und 11.11. an der Universität für Musik und darstellende Kunst am Rennweg fortgesetzt. Konzerthaus, Schönberg-Saal, So 9.11., 17.00 mdw/ Rennweg, Mo 10.11., 10.00, 15.00, Di 11.11., 10.00 The Man Who Bangs His Big Bass Drum Performance, Gespräch, Party mit Marko Ciciliani, Curt Cuisine (Lesung), Renald Deppe, Electric Indigo, Matthias Kranebitter, Barbara Lüneburg, Anna Schauberger Lesung – Performance – Party. Welchen Weg beschreitet die Neue Musik, die das Neue in ihrem Namen trägt und gleichzeitig auf ihre Tradition verweist? Präsentation des von mica – music austria herausgegebenen Buches „Neue Musik – heute? – Versuch einer Standortbestimmung“. Texte vom und zum gleichnamigen Symposion im Rahmen von WIEN MODERN 2012. Café Heumarkt, Do 6.11., 18.00 WIEN MODERN: Im Gespräch („Der Komponist Georg Friedrich Haas“) Georg Friedrich Haas, Wolfgang Schaufler Der bei der UE (Universal Edition) tätige Musikwissenschaftler spricht mit dem Komponisten darüber, wie er in seinen Werken musikalisches Neuland betreten hat. Konzerthaus, Wotruba-Salon, So 2.11., 18.00 WIEN MODERN: Im Gespräch („Der Komponist Bernhard Gander“) Bernhard Gander, Axel PetriPeis Im Gespräch mit dem Musikvermittler, der den nachfolgenden Konzertabend konzipiert hat, ermöglicht Bernhard Gander Einblicke in musikalische Grenzüberschreitungen und erläutert Zusammenhänge zwischen den beiden Orchesterwerken „lovely monster“ und „dirty angel“. MuTh – Konzertsaal der Wiener Sängerknaben, Fr 14.11., 18.30


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Kassenzettel, Socken und Cappuccino Manuela Kerer vertont auch Platons Höhlengleichnis, nur von oben nach unten habe „Kassenbons, Äpfel, Schatten, Socken, Augenschein, Schmerzen, Ideen, Milch und Licht … in einen klanglichen Topf geworfen und kräftig umgerührt“.

Text: Heinz Rögl

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Ist „chiaroscuro“ ein Musiktheater? Oder eine

Rauminszenierung? Mit dem Ensemble Platypus treten fünf Gesangssolisten auf. „Es gibt keine Kostüme, keinen Bühnenbildner, keinen Regisseur. Aber ich würde mich als Klangregisseurin bezeichnen. Das Auge hört auch mit, daher würde ich es schon als eine Art Musiktheater bezeichnen. Alles, was ich in der Partitur konzipiert habe, wie sich die Klänge bewegen, ist regietechnisch durchdacht. Es gibt kei-

Manuela Kerers erste Oper war das Ab-

ne Handlung, sondern einfach hingeworfene Ideen, die ich in eine chronologische Abfolge gebracht habe, weil Musik immer eine zeitliche Abfolge hat. Sie hat aber keinen Beginn und kein Ende.“ Wie bezieht Kerer die verschiedenen Ebenen im Schömer-Haus ein? „Als ich das Haus zum ersten Mal angeschaut habe, kam mir die erste Philosophiestunde im Gymnasium in den Sinn, als der Lehrer das Höhlengleichnis erklärte, und ich stellte mir vor, dass es in der Höhle irgendwie so ausgesehen haben muss. Die Person, die hinausgeht und vom Sonnenlicht geblendet wird, geht aber nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten. Ich lasse es offen, ob sie wieder zurückgeht oder ob die Höhlenbewohner allein bleiben.“ Gibt es in „chiaroscuro“ einen Text? „Die Personen singen unter anderem auch einen Text, sie werden aber über weite Strecken fast wie Instrumente behandelt.“ Kerer

Auszug aus Manuela Kerers HöhlengleichnisWerkeinführung, die „kein Beipackzettel“ ist Ensemble Platypus: „chiaroscuro“ So 16.11., 19.30 im Schömer-Haus, Klosterneuburg „Platons Höhlengleichnis: Einer wird befreit und gezwungen, Feuer, Licht und die wirklichen Dinge zu sehen. Das schmerzt ihn und er kann, weil seine Augen nicht an das Licht gewöhnt sind, nur verschwommene Umrisse sehen und sie zunächst nicht als wahr akzeptieren. Er berichtet es den anderen Höhlenbewohnern. ‚Verrückt‘, sagen die nur und lachen ihn aus.

Und wir? Was ist mit uns? Wo kauern, was sehen wir? Wollen wir einen Aufstieg aus der sinnlich wahrnehmbaren Welt der vergänglichen Dinge – aus der Höhle? (…) Ich weiß es nicht. Auch werte ich nicht. Ich komponiere. Und stelle neue Fragen. Kassenbons fließen in die Partitur. Sie wurden weltweit gesammelt. (…) Ich werfe Äpfel, Schatten, Socken, Erfahrung, Annahme, Augenschein, Behauptung, Malerfarbe, Schmerzen, Klopapier, Feuer, Cappuccino, Ideen, Milch oder Licht in einen klanglichen Topf und rühre kräftig um. Dies ist kein Beipackzettel, und Antworten auf die obigen Fragen gibt es weder hier noch dann in ‚chiaroscuro‘ und wir müssen schon selber einen gedanklichen Beitrag zur Musik leisten. Im platonischen Sinne.“ (Manuela Kerer)

Manuela Kerer Die Südtirolerin (geboren 1980 in Brixen) ist nicht nur Komponistin und ausgebildete Violinistin, sondern auch studierte Psychologin und Juristin (mit Gerichtsjahr). Sie wurde schon mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Für WIEN MODERN komponierte sie „chiaroscuro“.

„chiaroscuro“ UA , So 16.11., 19.30 im Schömer-Haus, Klosterneuburg

schlusswerk ihres Kompositionsstudiums, sie wurde auch auf einer Tournee gezeigt. Das Hugo Wolf Quartett führte ein Streichquartett Kerers in Wien auf. Kerer ließ auch Zeitung lesende Parlamentarierinnen in eine Opernkomposition einfließen. „tickende polli“ ist eine „durchgeknallte Kurzoper“, inspiriert von einem Besuch der Komponistin im italienischen Senat. Neben einem Rechtsanwalt-Abschluss mit Gerichtsjahr und Anwaltspraktikum in Italien ist Kerer auch doppelte österreichische Doktorin. Als Südtirolerin fühlt sie sich Österreich und den Innsbruckern sehr verbunden, italienische Staatsbürgerin will sie dennoch bleiben. Die politische Situation in Südtirol hält sie derzeit für „ganz akzeptabel“. Vorgänge im Kopf spielen bei Kerer oft eine musikalisch strukturelle Rolle, zum Beispiel in ihrem Violinkonzert „plas“ (2009), das nichts weniger als eine Reise durchs Gehirn ist. Immer wieder unternimmt sie Versuche, die Konzertsituation zu durchbrechen. „Dem Weggehen zugewandt“ etwa ist ein Interview- und Musiktheaterprojekt über musikalische Erinnerung, das im Vorjahr mit dem Solistenensemble Kaleidoskop in Hamburg und Dresden gezeigt wurde. Gibt es für Manuela Kerer ein Best-of in ihrer Werkliste? Gehören dazu jene Werke, die auf einer ORF-CD erschienen sind, unter anderem „Sleghe pa dar nacht“ für den Dom von Asagio, oder ihr Violoncelloquartett „Dolce malinconia“? Nein. Eine Best-of-Liste hält Kerer nie „eins zu eins“ für gültig. „Natürlich ist jetzt ‚chiaroscuro‘ für mich sehr wichtig, das dauert 62 Minuten, und ich habe so viel Zeit damit verbracht.“ F

„Work“ im Wuk: Choreografie für Streichinstrumente, Elektronik und Bewegung

„Work“: 12.11., 20.30, 13.11., 19.00, 21.30 Wuk, Projektraum

Die Choreografin und Performerin Brigitte Wilfing und der Komponist Jorge Sánchez-Chiong beschäftigen sich mit funktionalen Bewegungen, die zur Klangerzeugung führen, sowie der Entkörperlichung durch maximale ElektronikSoundentfaltung. Wilfing zur Seite performen zwei Violoncelli und Jorge Sánchez-Chiong an F den Turntables.

F o t o s : R a i n e r H e l d , A n n a K r o m e r , J o r g e S á n c h e z - Ch i o n g

ie Südtirolerin Manuela Kerer hat ihre Komponierstube in ihrem Hauptwohnsitz Brixen, auch wenn sie viel in Innsbruck arbeitet. Neben Komposition und Instrumentalpädagogik (Violine) studierte sie auch Psychologie und Jus. All dieses Wissen lässt sie in ihre Kompositionen einfließen, wenn sie beispielsweise Teile des italienischen Strafgesetzbuches für ein Streichsextett vertont oder sich mit neuropsychologischen Vorgängen auseinandersetzt. Ihr Auftragsstück, das sie für WIEN MODERN und das Schömer-Haus in Klosterneuburg komponierte, nennt sie „chiaroscuro“. Ihre kurze Werkerläuterung – „kein Beipackzettel“, sagt sie – zitiert Platons Höhlengleichnis. Könnte die Ausgangssituation etwas mit Beat Furrers Oper „Die Blinden“ aus dem Jahr 1989 zu tun haben? „Ich beziehe mich auf die derzeitige Konsumgesellschaft“, erklärt Kerer. „Das Blindenbeispiel meint die Bedürfnisse. Brauche ich die zehnte Hose, muss ich das zwölfte Mal fein essen gehen? Was ist eigentlich die heutige Erfahrungswelt? Ich habe das Gefühl, irgendwie zwischen zwei Stühlen zu sitzen, in dem Sinn, dass ich mir manchmal gerne etwas leiste und was kaufe und mir anderseits die Frage stelle, was unsere kapitalistische Gesellschaft eigentlich ist, ob Geld wirklich Glück bringt.“


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für mich viel wichtiger als strukturelle Konzepte. In meinen frühen Arbeiten gab es zwar auch solche, aber mittlerweile arbeite ich viel intuitiver.“ Ausgangspunkt sind für Fuchs kurze Einfälle, die er in Form von Skizzen zu Papier bringt. Daraus meißelt er das fertige Werk: „Eigentlich gehe ich wie ein Bildhauer vor, der eine Skulptur herstellt – nur dass ich nicht mit greifbarem Material, sondern mit Klängen arbeite.“ Mitunter bilden auch außermusikalische Eindrücke den Anlass – wie etwa im Fall von „MANIA“, dem Auftragswerk für den Erste Bank-Kompositionspreis, das von dem Film „Blue Velvet“ von David Lynch inspiriert wurde.

Text: Lena Dražić

er 15. Bezirk ist für Reinhard Fuchs eine gute Gegend: Der D Kindergarten im Park ermöglicht sei-

nem Sohn das Spielen im Grünen, an der Ecke lockt die Beisl-Institution Augustin, und in einem Hinterhof hat PHACE seine Heimstatt gefunden. Seit 2008 leitet der Komponist zusammen mit Simeon Pironkoff die Geschicke dieser Neuen-MusikFormation. Die Doppelfunktion als Komponist und Musikmanager ist für Fuchs nicht Notwendigkeit, sondern freie Entscheidung – schließlich hat er jahrelang ausschließlich vom Komponieren gelebt. „Das hat eigentlich ganz gut funktioniert“, zerstreut Fuchs das Vorurteil von der Brotlosigkeit des schöpferischen Künstlers. Obwohl – zum Anhäufen von Vermögen hätten die Kompositionsaufträge, Preise und Stipendien freilich nicht gereicht. Dennoch waren es nicht finanzielle Nöte, die den Mittdreißiger schließlich in die geregelte Erwerbstätigkeit trieben, sondern soziale: „Ich hatte das Problem, dass mir dieser Job zu einsam war. Man sitzt eben den ganzen Tag am Schreibtisch.“ Dies – und der Wunsch, Kollegen in ihrer Arbeit zu unterstützen – ließ Fuchs dem Komponierstübchen zeitweilig den Rücken kehren und führte ihn zu PHACE (damals noch Ensemble on_ line), das sich unter seiner Geschäftsführung vom Spezialistengrüppchen ohne fixe Proben- und Aufführungsorte zur etablierten Größe in den Konzertprogrammen der Stadt mauserte. Diese Aufbauarbeit kostete Reinhard

F o t o s : A r t u r o F u e n t e s , A x e l P e t r i - P r e i s , C h r i s t i a n Sc h l e c h t e r

Fuchs erst einmal den Großteil seiner Zeit und Energie. Heute nimmt das Komponieren wieder einen bedeutenden Raum in seinem Leben ein. Am 9.11. wird sein Werk „MANIA“, für das er den Erste Bank-Kompositionspreis erhielt, uraufgeführt. Ein Auftragswerk für das Arditti Quartet, das beim steirischen herbst uraufgeführt wird, hielt ihn in den letz-

Bei WIEN MODERN war Reinhard Fuchs

Weder Blasmusik noch Akkordeon – Reinhard Fuchs wählte einen anderen Weg

Nur keine Walzer! Reinhard Fuchs – sein Weg vom Akkordeonschüler zum vielbeschäftigten Musikmanager und Komponisten ten Monaten ebenfalls auf Trab. Auch wenn der Drang zu komponieren nicht immer gleichmäßig stark ausgeprägt war, begleitet er den gebürtigen Oberösterreicher doch schon von Kindesbeinen an. Bereits als zehnjähriger Akkordeonschüler – „am Land geht man entweder zur Blasmusik oder man spielt Akkordeon“ – wurde er von einer ambitionierten Lehrerin mit Neuer Musik in Berührung gebracht: „Die hat mich damals schon an die Klangwelt des 20. Jahrhunderts herangeführt, sehr zum Leidwesen meiner Eltern.“ Zur Lebensaufgabe wird das Komponieren beim Akkordeon-Studium in

Tanzperformance mit Jugendlichen und „Monsters & Angels“ mit Horrorfilm-Szenen Monsters & Angels Konzertsaal der Wr. Sängerknaben. heldInnen-­ HELDinnen im Bildungs­­zentrum Simmering Auf der Leinwand kurze Szenen aus Gruselfilmen und Kommentare dazu von Bernhard Gander: Der Komponist, der die Grenzen zwischen Genres überwinden will, komponierte nicht nur die Sitcom-Oper „Das Leben am Rande der Milchstraße“, sondern wirkt auch in durch seine Stücke „lovely monster“ und „dirty angel“ inspirierten Filmszenen mit, die der rührige

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Musikvermittler Axel Petri-Preis konzipierte und die vor der Aufführung in voller Länge in einzelnen Passagen zu den Filmen vom Tonkünstler-Orchester Niederösterreich gespielt werden. Das inszenierte Konzert soll Jugendlichen die Scheu vor Neuer Musik abbauen helfen. Petri-Preis fungiert zudem auch als Leiter einer interkulturellen und inklusiven Community-Tanzperformance mit dem Titel heldINNEN-HELDinnen. Zwei Choreografinnen entwickelten mit AHS-Schüler(inne)n und beeinträchtigten Jugendlichen einer Caritas-WG dieses Projekt, Pianist Christoph Hinterhuber spielt Musik von Bernhard Gander, Frederic Rzewski und Akira F Nishimura.

Linz: „Eigentlich war es ‚Le Sacre du Printemps‘ von Strawinsky, das mir die Tür, die Ohren und die Augen geöffnet hat. Ich habe das Akkordeon in die Ecke gestellt und mich ausschließlich dem Komponieren gewidmet.“ 1995 kommt Fuchs nach Wien in die Kompositionsklasse von Michael Jarrell. Von ihm lernt er die Feinheiten des kompositorischen Handwerks, mit ihm teilt er die Faszination für die zeitgenössische Musik aus Frankreich, die Spektralmusik mit ihrem Fokus auf der Klangfarbe: „Meine Musik ist zwar überhaupt nicht spektral, aber der Aspekt der Farbigkeit ist

schon in der Vergangenheit immer wieder als Komponist vertreten, so auch letztes Jahr, wo er ein Stück für die Veranstaltung „RSO WIEN MODERN tanzt“ beisteuerte. WIEN MODERN hatte Komponisten und Komponistinnen um kurze Beiträge gebeten. Voraussetzung: Tanzbar müssten sie sein. Keine leichte Aufgabe, erinnert sich Reinhard Fuchs: „Ich wollte eigentlich ein Stück schreiben, das aus der elektronischen Tanzszene kommt. Aber leider durfte man nur das klassische Orchesterinstrumentarium verwenden.“ Er versuchte sich trotzdem an einer Mischung aus zeitgenössischer Musik und Clubmusik: „Für mich war klar, dass ich keinen Walzer komponieren wollte.“ Interessant war für ihn die Reaktion des Publikums: „Zuerst wurden zwei klassische Walzer gespielt, da wurde viel getanzt. Als dann bei meinem Stück der Schlagzeug-Beat kam, stürmten plötzlich die Jüngeren auf die Tanzfläche. Das fand ich sehr lustig.“ F wo Angst auf Umhülle prallt Musikverein, Großer Saal, Di 4.11., 19.30 MANIA Konzerthaus, Mozart-Saal, So 9.11., 19.30 Transkript für Stimme und Ensemble Konzerthaus, Berio-Saal, Di 18.11., 19.30

Ein kleiner Maulwurf auf der Suche – Kindermusiktheater von Hannes Dufek

Vom kleinen Maulwurf, ... im Dschungel Wien

Mit der Komposition des EnsemblePlatypus-Gründers und Songtexten des „Die Strottern“Dichters Peter Ahorner entwickelt Sara Ostertag ein Singspieltheater für Kinder ab drei Jahren. Ein kleiner Maulwurf macht sich auf die Sache nach einem unbekannten Täter, „der ihm auf den Kopf F gemacht hat“.


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Skulpturale Klangfarbenblöcke „MANIA“ von Reinhard Fuchs, einschließlich seiner eigenen L o thar K nessl

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enn da einer eine Zeit lang (oder kurz) kreativ pausiert, entschwindet er alsbald der rezeptiven Aufmerksamkeit. Gilt auch für Komponisten. Zum Beispiel Reinhard Fuchs. Da sind anscheinend sogar Aufträge etwa der Salzburger Festspiele (2006, Orchesterwerk „streut licht an den bebenden rändern“), der Donaueschinger Musiktage (Ensemblewerk „blue poles“, nach dem Bild von Jackson Pollock, 2008 revidiert für Paris), des ORFmusikprotokolls, nicht zuletzt von WIEN MODERN (2002, Orchesterwerk „wo Angst auf Umhülle prallt“), weiters Aufführungen in vielen Metropolen und zwei Handvoll Preise kein ausreichendes Gegengewicht, um „daheim“ in die Randzone des Vergessens erst gar nicht zu schlittern. Und dann auch noch ab 2006 die kleine, reinigende Krise … Nach Monaten des Schweigens: Erkunden von kompositorischem Neuland, vorerst klein besetzte Stücke, in denen er viel mit Klangflächen gearbeitet hat. In diese Episode hinein, etwas verspätet, aber doch auch die Anregung, für den Erste Bank-Kompositionspreis 2014 ein Ensemblestück zu schreiben. Nolens volens befand sich da Fuchs schon in der Startposition kompositorischer Vollbeschäftigung, obendrein gekoppelt mit der Geschäftsführung und künstlerischen Leitung des Ensembles PHACE. Aber das taugte ihm gerade. Im Stress, sich aber nicht gestresst fühlend. Zwei Standbeine. Möge die Übung gelingen …

Lothar Knessl ist Mitbegründer von WIEN MODERN und kuratiert den Erste Bank-Kompositionspreis. Hier begründet er seine Wahl des Preisträgers

Das ist die Mania von Reinhard Fuchs: Er muss an seinen Stücken immer weiterarbeiten Reinhard Fuchs Preisträger

Der Auftrag, gekoppelt an die Uraufführung

durch das Klangforum bei WIEN MODERN, erfolgte ohne Auflage. Sven Hartberger, Geschäftsführer des Klangforums, fragte Fuchs, ob er sich ein mit Film zusammenhängendes Stück vorstellen könne. Fuchs konnte, denn er hatte zufällig „Blue Velvet“ von David Lynch wieder gesehen,

mit Dennis Hopper als Psychopath. Fuchs fühlte sich von der Farbsymbolik angesprochen, von Lynchs assoziativer Arbeitsweise, Fährten zu legen, die nicht weiter verfolgt werden, Erwartungen zu schüren, die unerfüllt bleiben. Das Umkippen von der Realität in die Irrealität. Wer glaubt, Fuchs, der oft und gern bei einer außermusikalischen Inspirationsquelle oder mit einer Klangvorstellung ansetzt, habe nun eine Filmmusik geschrieben, irrt sehr. Auch wenn er vorab empirisch das Terrain der bildenden Kunst oder der Literatur betritt (etliche Werktitel enthüllen dies), ist seine Musik nicht illustrativ, sondern autonom. Vor den ersten kompositorischen Schritten sammelt er Ideen, Skizzen, und es folgt ein aufwendiger Selektionsprozess. Ein Konzept a priori festzulegen und dann möglichst genau dabei zu bleiben, liege ihm nicht. Daher sehe

Klangforum Wien Mania Konzerthaus, Mozart-Saal, So 9.11., 19.30

es sich mehr als Handwerker, der Ideen entwickelt und diese dann ausarbeitet; gestalterisch zueinander in Beziehung bringt: componere, zusammensetzen. In unserem Fall wurde daraus „MANIA“. Griechisch bedeutet das Raserei oder Wahnsinn, das Lexikon definiert, es handle sich um einen Erregungszustand mit gehobenem Selbstgefühl. Fuchs versteht unter manisch außergewöhnlich erregte Lebensumstände und empfindet sie temporär positiv. Dies sei, ungeachtet des ruhigen Beginns, in die Komposition eingedrungen, andernfalls wäre der Titel ja unpassend. Also wird bald das komplette Ensemble aktiviert und die Musik sehr dicht. Im Resultat sind es vari-

Wer war der rätsel­hafte Giacinto Scelsi?

Klangforum Wien, 9.11. im Konzerthaus

Neben dem neuen Werk von Reinhard Fuchs wird das Klangforum Wien auch das revolutionäre „Quattro Pezzi su una nota sola“ von Giacinto Scelsi spielen, das, bei Scelsi eher unüblich, in Paris kurz nach der Komposition 1961 uraufgeführt wurde. Bei den angeblichen „Improvisationen“, die Scelsi auf Band gespielt und dann seinen Assistenten zur Transkription übergeben haben soll, handelt es sich in Wahrheit um zumindest sehr weit fortgeschrittene Werkskizzen zu F komplexen Kompositionen.

iert durchbrochene Dichtegrade, eingebaut in die Kette markanter, in sich abgegrenzter Blöcke, deren Abfolge meist nicht der Erwartungshaltung entspricht (vgl. Lynchs gekappte Fährten). Im aufgespaltenen Orchester avanciert die Klangfarbe zum essenziellen Gestaltungselement. Flächig massige Einheiten alternieren mit virtuosen Figuren. Falls deren Notenwerte sehr kurz sind, verschmelzen sie wieder zu Flächen, aufgeladen mit neuer Energie. Ein Skulpturdenken macht sich bemerkbar, ab 2006 die tiefgreifende kompositorische Veränderung im Schaffen von Fuchs. Sein Zugang zur Musik ist skulpturaler geworden. Auf dem Papier bearbeitet er eine Klangidee fast wie ein Bildhauer. Danach versucht er, die Klangskulptur zusammenzusetzen. Ein Gebilde aus kleinen Details, bei der Weiterarbeit entsteht ein Ganzes. Das sei übrigens seine eigene Mania (sagt er leicht ironisch): mit Beharrlichkeit auch an älteren Stücken immer weiterzuarbeiten, geradezu daran weiterarbeiten zu müssen, um unwichtige Details zu verändern oder gar zu verwerfen. „MANIA“, worin Brüche klaffen, im anderen

Umfeld jedoch wieder aufgegriffen und ausgebaut werden, gebärdet sich musikalisch immer manischer, wird schließlich aber doch lockerer, der Bewegungsdrang verebbt. Eine Spezialität im Schlagwerk des Instrumentariums: gerippte Eisenstangen, üblicherweise der Armierung von Betonbauten dienend, von Fuchs selbst zum Idiofon zurechtgebogen, weil so faszinierende Klänge entstehen – der Handwerker im Komponisten klopft an. NB: Die Wiederaufnahme des 2002 bei WIEN MODERN uraufgeführten Orchesterwerkes von Fuchs (4.11.2014, Musikverein) ist keine Notlösung, sondern entspricht gezielt der Festivalidee, nicht nur Uraufführungen zu präsentieren, sondern die „WIEN-MODERN-Komponistenfamilie“ zu festigen. F

Transkript, Aufspalten des Wahrnehmbaren und Rage

PHACE, 18.11. im Konzerthaus

Ernst Kovacic dirigiert mit dem Ensemble PHACE spannende Werke für die Klangwahrnehmung, darunter „Nach-Ruf … entgleitend“ von Georg Friedrich Haas oder ein Werk der deutschen Komponistin Charlotte Seither, die wie Haas mikrotonalen Schwebungen mimimalster Tondifferenzen nachspürt. Sprachliche Fragmente dienen Reinhard Fuchs zum freien Assoziieren, sein in Graz lebender Kollege Thomas Amann interessiert sich für kreatives „haptisches Hören“ zwischen Stille und Ereignis, Zusammenhalt und Auseinanderbrechen. Rebecca Saunders schließlich lässt in ihrem Konzert den solistischen Kontrabass zum Ausdruck von Rage („fury“) F werden.

F o t o s : N a f e z R e r h u f , Ar t u r o F u e n t e s , L u k a s B E c k , Ol i v e r T o p f

Text:


Kalendarium Wien Modern 2014 Di 21.10.  |  21.00

Neue Musik im Spielfilm I

Filmmuseum

So 9.11.  |  19.30

Klangforum Wien, Sylvain Cambreling

Konzerthaus, Mozart-Saal

Di 28.10.  |  20.30

Neue Musik im Spielfilm II

Filmmuseum

Mo 10.11.  |  10.00

Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat

Dschungel Wien, Saal 2

Mi 29.10.  |  19.30

Eröffnung WIEN MODERN, Cornelius Meister

Konzerthaus, Großer Saal

Mo 10.11. | 10.00, 15.00

Symposion WIEN MODERN

mdw/Rennweg

Do 30.10.  |  19.30

Klangforum Wien

Konzerthaus, Mozart-Saal

Mo 10.11.  |  19.30

Arditti Quartet I

Konzerthaus, Mozart-Saal

Fr 31.10.  |  20.15

Das Leben am Rande der Milchstraße, Staffel I, Folge 1–3

Konzerthaus, Berio-Saal

Mo 10.11.  |  22.00

Arditti Quartet late at night

Konzerthaus, Berio-Saal

Fr 31.10.  |  22.00

WIEN MODERN StudioNACHT I

Elektro Gönner

Di 11.11.  |  10.00

Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat

Dschungel Wien, Saal 2

Sa 1.11.  |  17.00

Alte Schmiede I

Alte Schmiede – Kunstverein

Di 11.11.  |  10.00

Symposion WIEN MODERN

mdw/Rennweg

Sa 1.11.  |  20.15

Das Leben am Rande der Milchstraße, Staffel I, Folge 1–3

Konzerthaus, Berio-Saal

Di 11.11.  |  19.30

Arditti Quartet II

Konzerthaus, Mozart-Saal

So 2.11.  |  18.00

WIEN MODERN: Im Gespräch („Der Komponist Georg Friedrich Haas“)

Di 11.11.  |  20.00

Neue Musik im Spielfilm IV

Filmmuseum

Konzerthaus, Wotruba-Salon

So 2.11.  |  19.30

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, François-Xavier Roth

Di 11.11.  |  22.00

Konzerthaus, Berio-Saal

Konzerthaus, Großer Saal

Arditti Quartet late at night

Mo 3.11.  |  20.00

œnm. oesterreichisches ensemble für neue musik

Mi 12.11.  |  20.30

Work

Wuk, Projektraum

Casino Baumgarten

Do 13.11. | 19.00, 21.30

Work

Wuk, Projektraum

Di 4.11.  |  19.30

ORF Radio-Symphonie­ orchester Wien, Peter Rundel

Musikverein, Großer Saal Monsters & Angels

Filmmuseum

Fr 14.11.  |  11.00, 19.00

Di 4.11.  |  20.30

Neue Musik im Spielfilm III

MuTh – Konzertsaal der Wiener Sängerknaben

The Man Who Bangs His Big Bass Drum

Café Heumarkt

Do 6.11.  |  18.00

Fr 14.11.  |  18.30 Fr 14.11.  |  22.00

Do 6.11.  |  20.30

Limbo Lander

Fr 7.11.  |  10.00, 16.30

Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat

Dschungel Wien, Saal 2

Fr 7.11.  |  20.15

Das Leben am Rande der Milchstraße, Staffel II, Folge 4–6

Konzerthaus, Berio-Saal

Fr 7.11.  |  22.00

WIEN MODERN StudioNACHT II

Elektro Gönner

14.30, Sa 8.11.  |  10.30, 16.30

Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat

Dschungel Wien, Saal 2

Sa 8.11.  |  16.30

heldINNEN-HELDinnen

Sa 8.11.  |  17.00

Odeon

WIEN MODERN: Im Gespräch („Der Komponist Bernhard Gander“) WIEN MODERN Klubnacht (Klangforum Wien, Zirkus Maximus )

MuTh – Konzertsaal der Wiener Sängerknaben Fluc

Sa 15.11.  |  17.00

Alte Schmiede III

Alte Schmiede – Kunstverein

Sa 15.11.  |  20.30

Alte Schmiede IV

Alte Schmiede – Kunstverein

So 16.11.  |  19.30

Ensemble Platypus, Jaime Wolfson

Schömer-Haus

Mo 17.11.  |  19.30

Ensemble Kontrapunkte, Peter Keuschnig

Musikverein, Brahms-Saal

Di 18.11.  |  19.30

PHACE, Ernst Kovacic

Konzerthaus, Berio-Saal

Bildungszentrum Simmering

Di 18.11.  |  20.30

Neue Musik im Spielfilm V

Filmmuseum

Alte Schmiede II

Alte Schmiede – Kunstverein

Mi 19.11.  |  20.30

Gebrauchsanweisungen (Audiovisuelle Dialoge)

Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste (Semperdepot)

Sa 8.11.  |  17.30

Künstler(innen)gespräch Dschungel WIEN MODERN

Dschungel Wien, Saal 2

Do 20.11.  |  20.30

Ciné-concert

Gartenbaukino

Sa 8.11.  |  20.15

Das Leben am Rande der Milchstraße, Staffel II, Folge 4–6

Konzerthaus, Berio-Saal

Fr 21.11.  |  20.15, 22.00

Konzerthaus, Berio-Saal

14.30, So 9.11.  |  10.30, 16.30

Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat

Das Leben am Rande der Milchstraße, Finale, Folge 7

Dschungel Wien, Saal 2

Fr 21.11.  |  22.00

Wien Modern StudioNACHT III

Elektro Gönner

So 9.11.  |  16.00

Junge Musik

RadioKulturhaus, Großer Sendesaal

Di 25.11.  |  20.30

Neue Musik im Spielfilm VI

Filmmuseum

So 9.11.  |  17.00

Symposion WIEN MODERN

Konzerthaus, Schönberg-Saal

Di 2.12.  |  20.00

Neue Musik im Spielfilm VII

Filmmuseum

Tel. 01/24 20 02 (Konzerthaus) oder 01/505 81 90 (Musikverein) www.wienmodern.at | Generalpass: € 90,– (ermäßigt: € 60,–)


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