THEMA :
#82017
E N T G E LT L I C H E V E R L A G S B E I L A G E Z U FA LT E R 5 0 / 17
: BILDUNG
Die Zukunft der Bildung
FOTO: CARITAS
Österreichische Post AG, WZ 02Z033405 W, Falter Zeitschriften GesmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien
Lernen im digitalen Zeitalter
Besser als du! Internet und Digitalisierung machen Bildung zum neoliberalen Konzept Seite 4
Ein Kanon für Europa Dafür argumentiert der Philosoph und Bildungsexperte K. P. Liessmann Seite 8
Kreativ und empathisch Das sollte man sein, will man in der Industrie 4.0 eine Berufschance haben Seite 12
Individuell studieren Unis und FHs bieten den Studierenden immer mehr spezielle Studiengänge Seite 18
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In h a lt : B i l d u n g : Th ema 8/17 FALTER 50/17 3
A u s d e m I n h a lt
Die Fotos zeigen Bildungsprojekte der Caritas
Bildung im digitalen Zeitalter Seite 4
Spenden dafür unter: http://caritas.at/spenden Spendenkonto: AT92 6000 0000 0770 0004
Internet und Digitalisierung haben den Begriff Bildung zu einem neoliberalen Konzept werden lassen: Selbstoptimierung, um andere Menschen am Arbeitsmarkt auszustechen
Ein Kanon für Europa Seite 8
Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann ist auch ein Experte in Sachen Bildungsfragen. Im Gespräch mit Erich Klein erläutert er seine Vorstellung von Bildung
Bildung gegen Vorurteile Seite 22
Diversity in der Bildung macht Menschen offen für Unterschiede, die in Beruf und Alltag gegenwärtig sind, erklärt die Diversity-Expertin Renate Dworczak
Sei kreativ und empathisch! Seite 12 Andernfalls wird es mit der Aussicht auf Arbeit schwierig in einer Welt, die von der Effizienz der Maschinen getrieben ist
Individuell studieren Seite 18
Universitäten und Fachhochschulen verändern ihr Studienangebot laufend. Offenbar wollen immer mehr Studierende ein maßgeschneidertes Curriculum durchlaufen. Wir haben dazu einige Expertinnen und Experten befragt
Das Cover zeigt eine von der caritas unterstützte schule im libanon Fotos: Caritas, Heribert Corn, sissi furgler, patrick wally
IMpressum Medieninhaber: Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H., 1010 Wien, Marc-Aurel-Straße 9, T: 0043 1 536 60-0, ¬ F: DW 935, E: wienzeit@falter.at, www.falter.at; Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.; Redaktion: Fuchs & Partner; Gestaltung und Produktion: Reini Hackl, Andreas Rosenthal; Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau, DVR: 047 69 86.
Diese Beilage ist ein Service der Sales-Abteilung der Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar.
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Bildung im digitalen Zeitalter N
un ging es an das Auswendiglernen. Das ‚amo, amem, amas, ames‘ ward bald nach dem Takte hergebetet, und in den ersten sechs Wochen wußte er schon sein ‚oportet‘ auf den Fingern hersagen; dabei wurden täglich Vokabeln auswendig gelernt, und weil ihm niemals eine fehlte, so schwang er sich in kurzer Zeit von einer Stufe zur andern empor und rückte immer näher an die Veteraner heran.“ Dies schrieb Karl Philipp Moritz in den 1780er Jahren in dem autobiografischen und als Bildungsroman berühmt gewordenen „Anton Reiser“ über seine ersten Schuljahre. Seinem Schriftstellerkollegen Jean Paul, der vom eigenen Vater, einem Pfarrer, unterrichtet wurde, erging es ähnlich: „Vier Stunden vor- und drei nachmittags gab unser Vater uns Unterricht, welcher darin bestand, daß er uns bloß auswendig lernen ließ, Sprüche, Katechismus, lateinische Wörter und Langens Grammatik. Wir mußten die langen Geschlechtregeln jeder Deklination samt den Ausnahmen, nebst der beigefügten lateinischen BeispielZeile lernen, ohne sie zu verstehen“, heißt es in Jeans Pauls „Selberlebensbeschreibung“ von 1818. Bis in die letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts blieb Auswendiglernen eine so gelebte wie gehasste Tradition – Stichwort: Schillers „Glocke“ oder Goethes „Zauberlehrling“. Im 21. Jahrhundert ist es aus den Klassenzimmern verschwunden. Kein Zufall, handelt es sich doch beim Auswendiglernen um eine höchst analoge Tätigkeit: Eins folgt auf das andere. Das ist heute obsolet, denn wir finden schließlich alle Fakten jederzeit
auf Google oder sonstwo im Internet und müssen sie uns daher eigentlich nicht mehr merken. Schon gar nicht in der richtigen Reihenfolge …
„Sich Fakten zu merken oder ganz allgemein viel zu wissen, darf man nicht mit Bildung verwechseln“ Thomas Damberger, Goethe-Universität Frankfurt
Links: Website von Thomas Damberger: damberger.org Website zur Gig-Economy: www.gig-economy.at TED-Vortrag von Gary Wolf: www.ted.com/talks/ gary_wolf_the_quantified_self
Bildung ist mehr als die Summe aller Fakten „Sich Fakten zu merken oder ganz allgemein viel zu wissen, darf man nicht mit Bildung verwechseln“, sagt der Erziehungswissenschaftler Thomas Damberger von der Goethe-Universität Frankfurt. Sein Forschungsschwerpunkt ist Bildung im Kontext der Digitalisierung. Damberger verweist auf eine literarische Figur – und zwar auf den „Autodidakten“ in Jean-Paul Sartres „Der Ekel“ (1938). Dieser liest mit Akribie und Systematik, nämlich in alphabetischer Reihenfolge, sämtliche Bücher seiner Bibliothek, um das dort enthaltene Wissen in seinem Kopf abzuspeichern. Das Wissen, so Damberger, wechsle dabei lediglich den Datenträger: Es wandert von der Buchseite auf die „Festplatte“ des Gehirns. „Der Punkt ist“, sagt Damberger: „Bildung zielt darauf ab, Zusammenhänge zu erkennen bzw. herzustellen. Ferner geht es darum, sich mit dem zu erlernenden Wissen auseinanderzusetzen: Was macht dieses Wissen mit mir, was bedeutet es für mich, für die Gesellschaft, für die Menschheit insgesamt? Fakten ohne Kontext sind bedeutungslos.“ Ob diese kontextlosen Fakten nun aus dem Internet oder aus der Encyclopædia Britannica stammten, ist egal. Wissen wird dann zur Bildung, wenn es zur Kritikfähigkeit beiträgt. Damberger glaubt auch nicht, dass man
sich Bildung einfach aneignen kann – ob mit oder ohne Internet: „Ich kann mich selbst oder andere in Situationen bringen, in denen Bildung stattfindet.“ Das sei das „unverfügbare Moment“ der Bildung. Das Internet, in dem fast jede Information gratis ist, mache Bildung insofern schwieriger, als diese beispielsweise voraussetzt, Quellen einschätzen zu können. Neben mangelnder Unterscheidungsfähigkeit führt die digitale Informationsfülle auch zu einer Abhängigkeit – nicht nur von einzelnen Diensten wie Google oder Wikipedia, sondern vom Internet als Ganzem. Man stelle sich vor, auf einer beliebigen Universität gäbe es eine Woche lang kein Netz … Warum lassen wir eigentlich zu, dass wir im Internet Daten von uns preisgeben und in der Folge wertvolle Lebenszeit mit dem Lesen und Schreiben von Internetpostings und dem Warten auf sogenannte Likes zu vergeuden? „Likes, die man in den sozialen Medien auf Postings bekommt, sind eine Form der unmittelbaren Anerkennung“, sagt Damberger – wenngleich diese nur eine scheinbare sei. Mögliche Nachteile blieben für die meisten oft Theorie. Aber es geht um mehr als nur Postings. Laut Damberger befinden wir uns innerhalb bestimmter Strukturen, die wir nicht ignorieren können: „Es ist nicht so ohne Weiteres machbar, auf das Internet zu verzichten. Das Netz ist demnach, so scheint es, ein Teil von uns bzw. sind wir ein Teil vom Netz geworden.“ Fortsetzung Seite 6
Foto: goethe-universität frankfurt
Internet und Digitalisierung haben den Begriff Bildung zu einem neoliberalen Konzept werden lassen: Selbstoptimierung, um andere auszustechen
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Pa k is ta n . Sch u le K h a m iso Go h t
Foto: caritas
Karachi, eine der größten Städte der Welt, wächst rasant. Jährlich kommt eine halbe Million Menschen hinzu. Landflucht und die Hoffnung, dem Teufelskreis der Armut zu entkommen, treiben Tag für Tag mehr als tausend Menschen in die Armenviertel. Familien können sich die Schule für ihre Kinder nicht leisten. Seit vielen Jahren unterstützt die Caritas im Slum Khamiso Goht daher eine Schule, die 400 Kinder besuchen. Im Schulgebäude untergebracht ist außerdem eine Gesundheitsstation, die zusätzlich zu medizinischen Behandlungen auch Mutter-Kind-Programme durchführt.
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Fortsetzung von Seite 4
„Geistige Tätigkeiten sind heute so unter Druck geraten wie die Arbeiterschaft vor 200 Jahren“ Martin Risak, Uni Wien
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Für seine Lehrveranstaltungen verwendet er, so wie viele andere an seiner Fakultät, Open-Source-Materialien. Die Studierenden erhalten Powerpoint-files, über die sie nach Belieben verfügen können. „Ich persönlich finde, man sollte jeden Kanal nützen, Wissen zu verbreiten“, sagt Martin Risak. Kopien werden am Juridicum jedenfalls keine mehr verteilt. „Ökologisch gesehen finde ich die Digitalisierung super“, sagt Risak, gibt aber zu bedenken, dass klassische Wissenschaftsverlage dabei außen vor blieben. Was es am Juridicum kaum gebe, seien gestreamte Vorlesungen. „Die Lehrenden sind da sehr vorsichtig. Sie haben Angst vor dem gesprochenen Wort und sagen, dass alles auf die Goldwaage gelegt werden muss.“ Könne man in dem Zusammenhang von Selbstzensur sprechen? „Für Personen, die davor Angst haben, gilt das sicher“, sagt Risak. Der universitäre Raum sei in Bezug auf die politische Korrektheitsdebatte heikel. Dadurch sei nicht zuletzt auch viel von der Spontaneität des gesprochenen Wortes verloren gegangen. Virtuelles Bodyshopping: die outgesourcte Geistesarbeit Risak selbst hält aktuell ein Seminar zur „Gig-Economy“. Die Bezeichnung kommt aus der Musikersprache, wo ein Gig den einzelnen Konzertauftritt bezeichnet. Es geht um das Phänomen, dass Menschen durch die Digitalisierung zwar viele einzelne, kurzfristige Verträge eingehen können, dabei aber ein sehr hohes wirtschaftliches Risiko tragen. Dies betreffe mittlerweile nicht mehr nur Botendienste und Essensauslieferer, sondern durch entsprechende Plattformen, etwa das 2001 gegründete „Topcoder“, auch Sektoren wie Programmiertätigkeit, Steuerberatung, Übersetzungen oder die Befundung von Röntgenbildern im Ausland. In Großbritannien sei dies durchaus üblich, bei uns noch nicht. Wenn etwa ein Arzt in Indien nicht ausgelastet ist, befundet er online auch britische Röntgenbilder. „Virtuelles Body-Shopping“ nennt man es, wenn die weltweite „Crowd“ am selben Projekt arbeitet, ohne dass einer den anderen kennt. Durch die Digitalisierung werden Tätigkeiten, die früher nicht teilbar waren, aufgesplittert. „Geistige Tätigkeiten sind heute so unter Druck geraten wie die Arbeiterschaft vor 200 Jahren“, sagt Martin Risak. Thomas Damberger zufolge spielt sich auch Bildung in Zeiten der Digitalisierung als neoliberales Konzept ab. Allerdings diene als Orientierungspunkt nicht der klassische Kapitalismus, bei dem tatsächlich etwas produziert werde, sondern der Finanzkapitalismus, bei dem es um Scheinwerte geht. „Aus einer Bildungsperspektive gesprochen, vergeuden wir
also beim Posten auf Facebook nicht mehr Zeit als beim Erwerb eines Zertifikats im Zuge eines Webinars oder beim Creditpoint-Sammeln an einer Hochschule“, sagt Damberger. Das Sammeln von Likes oder das Optimieren des eigenen Lebenslaufes durch das Sammeln von Zertifikaten lässt sich auch unter dem Überbegriff „Quantified Self “ (QS) subsumieren. Thomas Damberger hat zu diesem Thema im letzten Sommersemester an der Universität Wien eine Lehrveranstaltung gehalten. Das Phänomen QS zielt auf Selbsterkenntnis durch Zahlen ab. Alles soll erfasst werden: Körperdaten, Verhalten und emotionale Befindlichkeit. Die QS-Bewegung mit ihren vier Schlüsselzielen „thin“ – „rich“ – „happy“ – „smart“ geht auf den US-amerikanischen Journalisten Gary Wolf zurück, der im April 2010 den Artikel „The Data-Driven Life“ im „New York Times Magazine“ veröffentlicht hatte. Die Datafizierung durch QS setze, so Thomas Damberger, ein bestimmtes Menschenbild voraus: „Der Mensch gilt als Wesen, das prinzipiell vollständig erfassbar ist. Das Erfassen ist dabei aber nur der erste Schritt. Tatsächlich geht es darüber hinaus um die Optimierung. Das Erfasste soll besser gemacht werden, und besser machen orientiert sich am gegebenen System. Quantified Self ist bei genauem Hinsehen eine Gegenbewegung zur Bildung. Denn Bildung zielte ihrer Idee nach nie auf ein ausschließliches Anpassen ab, sondern war immer auch von einem utopischen Moment getragen.“ In diesem Zusammenhang verweist Damberger auf Rousseau und Kant, die ihre Schriften in einer Zeit verfassten, in der aufgeklärte, mündige Menschen selbst noch Utopie waren. Außerdem gehe Bildung davon aus, dass der Mensch weder sich selbst noch einen anderen Menschen ganz erfassen kann. Sabine Edith Braun
„Es ist nicht so ohne Weiteres machbar, auf das Internet zu verzichten. Wir sind ein Teil vom Netz geworden“ Thomas Damberger, Goethe-Universität Frankfurt
Foto: Peter Reitmayer
Ohne Smartphone bleibt man heute außen vor Dies bestätigt Martin Risak, der sich an der Juristischen Fakultät der Universität Wien mit den arbeitsrechtlichen Auswirkungen der Digitalisierung beschäftigt: „Das Erste, was Studierende heute machen: Sie gründen eine Facebook- oder WhatsApp-Gruppe.“ Das sei „das Beste, um die Studierenden abzuholen“. Wer kein Smartphone besitzt, ist vom Informationsfluss abgeschnitten. Da hat sich einiges verändert: „Ich kann auch nicht mehr verweigern, im Studium einen englischen Text zu lesen.“ Auch das gehört mittlerweile zum Uni-Alltag. Bücher sind durch die Digitalisierung fast uneingeschränkt zugänglich. Während man früher viel Zeit mit Zettelkatalogen und dem Ausfüllen von Bestellscheinen verbrachte – sofern die gewünschten Bücher überhaupt physisch vor Ort waren –, genügen heute ein paar Klicks. Vor allem für die Arbeit in der Rechtswissenschaft seien digitale Bücher ideal: Paragrafen können angeklickt werden, und deren Wortlaut poppt in einem zweiten Fenster auf. Martin Risak arbeitet mittlerweile auf diese Weise, obwohl er selbst, wie er sagt, ein „PapierMensch“ sei.
Vielfalt als Wert Mit rund 50 Gesellschaften und ca. 25.000 MitarbeiterInnen in Österreich und Zentral- und Osteuropa (CEE) ist die VIG geprägt durch die Diversität der unterschiedlichen Nationen, Kulturen, Sprachen, geschichtlichen Hintergründe, Unternehmenskulturen und lokalen Märkten. Die VIG sieht in dieser Vielfalt einen großen Wert und stützt daher ihr erfolgreiches Unternehmenskonzept auf die sog. „Mehrmarkenstrategie“. Dadurch bleiben etablierte und gut eingeführte Marken, die bereits im
Kundenbewusstsein verankert sind, erhalten. Das stärkt die regionale Identität und das Engagement der lokalen MitarbeiterInnen. Es wird darauf vertraut, dass das Management und die MitarbeiterInnen vor Ort die größte Expertise über den lokalen Markt haben. Und diese Vielfalt ist unser Erfolgsfaktor. Die Vielzahl an Ideen, Herangehensweisen und Möglichkeiten ist ein Potential für kreative Ideen und Innovation. Vielfalt wird somit zum Wert und durch unterschiedliche Perspektiven verbessern wir unsere Ergebnisse.
Unsere Unternehmenskultur und unser Arbeitsumfeld sind durch Wertschätzung und Respekt gekennzeichnet. Ein fairer und gerechter Umgang steht im Vordergrund, um sich mit all den unterschiedlichen Erfahrungen, Hintergründen, Bedürfnissen und Erwartungen, die die Menschen mitbringen, bestmöglich entfalten zu können. Unser Anliegen ist, dass die Menschen stolz sind, für die VIG zu arbeiten und durch diese Identifikation mit dem Unternehmen zum Geschäftserfolg beitragen.
„So vielfältig wie die Menschen in der VIG sind auch die Möglichkeiten, die wir bieten!“ Eli sabEth s tadlEr CEO der VIG
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Ein Kanon für Europa Der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann ist auch ein Experte in Sachen Bildungsfragen. Im Gespräch mit Erich Klein erläutert er seine Vorstellung von Bildung
Herr Liessmann, Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, in der Bildung noch etwas galt. Als Sie in den 1970er Jahren akademisch sozialisiert wurden, war der Begriff eher negativ konnotiert. Konnten Sie mit dem Ausdruck „Bildungsbürger“ je etwas anfangen? Konrad Paul Liessmann: In der kleinen Stadt, in der ich ins Gymnasium ging, gab es kein Bildungsbürgertum als soziale Schicht. Villach war in meiner Jugendzeit die paradigmatische Eisenbahnerstadt. Eine Stadt ohne Theater oder Konzerthaus entwickelt auch kein Bildungsbürgertum. Erst als ich nach Wien kam, habe ich es dann in jugendlich revolutionärem Geist nur unter negativem Aspekt gesehen. Kunsttempel des Bildungsbürgertums wie Oper oder Burgtheater waren damals Orte, die ein Student und Marxist wie ich nicht betreten hat.
Was war Ihr aufregendstes Bildungserlebnis mit einem Buch? Nur eine Antwort ist erlaubt. Liessmann: Schade. Es gab viele Bucherlebnisse! Das aufregendste Bildungserlebnis war „Titan“ von Jean Paul. Ich musste drei Versuche unternehmen, um in das Buch hineinzufinden, wurde aber durch eine der aufregendsten Lektüren meines Lebens entlohnt. Daraus ziehe ich den Schluss, dass es bei Bildungserfahrungen um etwas geht, das man sich auch gegen einen bestimmten Widerstand selbst abverlangt. Wenn alles leicht und eingängig ist, gibt es sie nicht.
Kultur fand im Kellertheater statt? Liessmann: Ich habe die Stätten des Bildungsbürgertums und die damit verbundenen Kunstformen erst später näher in Augenschein genommen und – horribile dictu – schätzen gelernt. Ironischerweise brachte mich die Lektüre von Adorno in die Oper. Welche Rolle spielte Bildung damals an der Uni? Sie haben vor Ihrer Karriere als Philosoph auch Germanistik studiert. Ein klassischer Gegenstand war der Entwicklungsroman, der schon eher als Auslaufmodell galt … Liessmann: Bildung war damals in der Philosophie kein Thema – es gab Reformbestrebungen an der Uni, es ging um Mitbestimmung und Demokratie,
um „Wissenschaft im Dienste des Volkes“, wie die Phrasen der Linken damals lauteten. Bildung, wie man heute davon spricht, war eine Selbstverständlichkeit – allerdings hätte man nicht von „bildungsfernen Schichten“ gesprochen. Die Dinge wurden noch beim Namen genannt und nicht euphemistisch dumm umschrieben. Was Bildung als Konzeption bedeuten kann, erfuhr ich tatsächlich aus dem Bildungsroman. In meiner Leseliste für die Diplomprüfung, die mehr als hundert Titel enthielt, standen auch die namhaften Bildungsromane von „Wilhelm Meister“ bis zum „Zauberberg“. Ich halte diese Tradition der Bildungsromane – natürlich mit kritischer Distanz – für unglaublich essenziell und erkenntnisbringend, wenn es darum geht, wie vielfältig Bildung gedacht werden kann und wie vielfältig sie auch scheitern kann.
„Ich halte die heutige Rede, nur Bildung schütze uns vor Populismus, für Unsinn“ Konrad Paul Liessmann
„Bildung“ klingt humanistisch. Im 20. Jahrhundert stellte sich heraus, dass sie der Barbarei des Nationalsozialismus praktisch hilflos gegenüberstand … Liessmann: Ich kenne das Argument und verwende es auch selber, um vor dem Glauben zu warnen, es gebe eine Form von Bildung, die gegenüber Verführungen totalitärer Systemen oder autoritären Versprechungen immun macht. Das tut Bildung nicht. Ich halte deshalb auch die heutige Rede, nur Bildung schütze uns vor Populismus, für Unsinn. Man kann auch nicht sagen, dass es falsche Bildung war, die die Menschen damals besaßen. Sie war nicht falsch, sie war am Stand ihrer Zeit, die Leute waren wissenschaftlich und humanistisch gebildet und trotzdem nicht immun.
Sie meinen Gebildete in der Zeit der Nazis? Liessmann: Ja. Gleichzeitig muss man aber auch sagen, dass diejenigen, die die Gefahren des Faschismus und Nationalsozialismus erkannten und dagegen schrieben, Leute wie Adorno, Benjamin oder Günther Anders, dass die auch allesamt Absolventen von humanistischen Gymnasien waren. Bildung schützte übrigens auch nicht davor, der linken Barbarei zu verfallen. Pol Pot, einer der großen Schlächter des 20. Jahrhunderts, hat in Paris studiert und dort den Kommunismus kennengelernt. Der Terror im Namen des Guten, den die Sowjet-Kommunisten betrieben, stellt vermutlich eine noch größere Herausforderung an Bildung dar, weil es scheinbar um Befreiung ging, beginnend mit den Alphabetisierungskampagnen … Liessmann: Ich bin dagegen, dass man diese Frage nach dem Terror des Guten irgendwo in Sibirien versickern lässt. Die Auseinandersetzung mit der Sowjetunion war gerade für die mitteleuropäische Intelligenz ganz entscheidend, für ihr Selbstverständnis, auch für das Bildungsverständnis. Eine zentrale Frage der Linken war etwa, wie man mit dem sogenannten bürgerlichen Erbe, mit den Klassikern, umzugehen hat. Das Problem der Alphabetisierung wurde in den kommunistischen Gesellschaften von Anfang an aber auch ganz stark unter technokratischen Gesichtspunkten behandelt. Sie haben das gemacht, was wir heute machen: Sie waren kompetenzorientiert. Das heißt, es kommt nicht so sehr darauf an, was die Menschen lesen, sondern Hauptsache, sie können lesen, um die Betriebsanleitungen und die Verkündigungen der Partei zu verstehen. Sie wenden sich in „Bildung als Provokation“ dagegen, diese als Heilmittel für oder gegen alles zu verwenden. Was ist sie dann? Liessmann: Bestenfalls eine conditio sine qua non, um eine bestimmte Form der Mündigkeit – Erziehung zur Mündigkeit war eine von Adorno gebrauchte Formulierung – von Autonomie, Kritikfähigkeit und Urteilskraft zu entwickeln.
Fortsetzung Seite 10
Foto: Heribert corn
K
onrad Paul Liessmann (Jg. 1953), Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien, befasst sich seit gut zwei Jahrzehnten mit dem „Lebensprojekt“ Bildung. In essayistisch brillanter Weise zeigt seine „Theorie der Unbildung“ (2006) die Irrtümer der Wissensgesellschaft auf, „Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung.“ (2014) nannte er eine „Streitschrift“. In „Bildung als Provokation“ (2017, Zsolnay Verlag) räumt der Wiener Philosoph mit den Schlagwörtern der aktuellen Bildungsdiskussionen auf und setzt auf literarische Bildung. Bildung nicht als Wunderglaube, sozialer Kitt und Lösung aller Fragen, sondern als Beitrag zur Ausbildung eines europäischen Bewusstseins.
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Foto: Sebastian Philipp
Sü dsu da n . Sch u le i n Gu m bo Durch jahrzehntelange Kriege ist das Land schwer gezeichnet. Es mangelt an allem: Infrastruktur, medizinischer Versorgung, Arbeitsplätzen und vor allem an Ausbildungsmöglichkeiten. Die Caritas ermöglicht Grund- und Sekundarschülerinnen und -schülern den Schulbesuch mitten im Bürgerkrieg. Der regelmäßige Schulbesuch schafft im Alltag der Kinder ein gewisses Maß an Normalität und Stabilität. Bildung mildert die psychischen Belastungen von Gewalterfahrungen und kann Ausbeutung und Missbrauch verhindern.
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Fortsetzung von Seite 8 Ist die Diskussion über Bildung eigentlich eher eine linke oder eine rechte? Liessmann: Das ist nicht einfach zu sagen. Es ist keine authentisch linke Diskussion. Bildung, wie sie durch Gymnasien und Universitäten vermittelt wurde, war eine Sache des Bürgertums – nicht der Aristokratie, obwohl diese einiges beigesteuert hatte. Ein Aristokrat musste nicht gebildet sein, wenn er gebildete Lakaien hatte. Darauf wies schon Marx hin: Ich selbst muss nicht intelligent sein, wenn ich Geld habe, kann ich mir den Intelligenten kaufen. Andrerseits gab es auf der linken Seite im 19. Jahrhundert die Idee, dem Bürgertum zu entreißen, was dieses als seine Bildung verwaltete. Dazu gehörten auch die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft und die neuesten Entwicklungen in der Kunst. Deshalb wurde die Arbeiterbildungsbewegung ins Leben gerufen und wurden Volkshochschulen gegründet.
„Bei Bildungserfahrungen geht es um etwas, das man sich auch gegen einen bestimmten Widerstand selbst abverlangt“ Konrad Paul Liessmann
Davon ist heute nicht viel geblieben … Liessmann: Der Diskurs läuft heute ganz anders. Man sagt, bürgerliche Bildung brauchen wir nicht, die können wir aus den Lehrplänen kippen. Statt sich kritisch anzueignen, was bürgerliche Bildung sein könnte, tut man so, als könnten wir darauf verzichten. Keiner muss mehr bestimmte Bücher lesen, aber gleichzeitig haben wir eine bemerkenswerte Rate an
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funktionalen Analphabeten. Wenn Bildung, und das gilt sowohl links wie rechts, dann im Hinblick darauf, ob sie Jobs für junge Menschen bringt. Wir bereiten auf Digitalisierung vor und achten darauf, die Bedürfnisse der Wirtschaft zu befriedigen. Das ist Bildung heute. Dass sie auch eine große Tradition und eine kritische Funktion hat, spielt keine Rolle. Eine aktuelle Publikation des „Bundesinstituts für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des Bildungswesens“, kurz BIFIE genannt, gibt folgende Definition: „Bildung ist in der heutigen Gesellschaft weder ein Privileg noch ein Kennzeichen bestimmter sozialer Schichten, sondern eine notwendige Voraussetzung für ein solidarisches und selbstbestimmtes Miteinander.“ Was wäre daran auszusetzen? Liessmann: Man muss nur auf die anderen Sätze achten, die in derselben Studie vermutlich auch stehen. Etwa: Bildung ist eine notwendige Voraussetzung, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können. Solidarische Existenz – wunderbar! Auf der anderen Seite stehen Wettbewerbsvorteile, die uns an Solidarität hindern. Beides zusammen geht nicht. Das ist unsauberes und dummes, also ungebildetes Denken. All diese Instanzen, ob sie BIFIE, OECD oder PISA-Konsortium
heißen, müssen sich einmal klarwerden, was sie eigentlich wollen. Sie wollen aber immer alles … Liessmann: Genau daran krankt die gegenwärtige Bildungsdiskussion: Die sogenannten Kompetenzen beschreiben Tätigkeiten in einem derart umfassenden Sinn, dass jemand, der eine kompetenzorientierte Schule durchlaufen hat, am Ende alles und nichts kann. Er weiß zwar nichts, kann aber alles: beschreiben, kritisieren, präsentieren, PowerPoint bedienen. Nur eines kann er nicht: denken. Gibt es einen Punkt, von dem man sagen könnte, ab hier ist etwas falsch gelaufen? Liessmann: Nein, den kann man nicht bestimmen. Das Interessante bei den Irrwegen der Bildungspolitik ist, dass sehr viele fatale Entwicklungen von durchaus richtigen Überlegungen ausgingen. Die in der Kreisky-Ära propagierte Öffnung der ehemals bürgerlichen Bildungseinrichtungen wie Gymnasien und Universitäten für alle oder möglichst viele war ein richtiger Ansatz. Es sollte keine sozialen Schranken für einen Universitätsbesuch geben. Die Idee war aber nicht, dass jeder die Universität besuchen muss. Das richtige Konzept einer Öffnung von Bildungseinrichtungen wurde später in eine Art Verpflichtungspro-
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gramm umgedreht, wobei sukzessive das entwertet wurde, was wir unter Matura oder Universitätsstudium verstehen. Gleichzeitig gibt es die Sehnsucht nach Eliteuniversitäten. In den 1970er Jahren wäre das ein Unwort gewesen! Heute schaffen es Bildungspolitiker, in einem Satz zu sagen, „Wir brauchen eine Elite!“ und „Kein Kind darf zurückbleiben!“. Und sie kommen dabei nicht einmal auf die Idee, hier einen Widerspruch zu sehen. Wagen Sie angesichts der Katastrophenmeldungen in Sachen Bildung zu sagen, wie diese in Zukunft ausschauen könnte? Liessmann: Ich bin keiner, der ständig von Bildungskatastrophen spricht – im Gegenteil. Ich kritisiere diese Rhetorik der Bildungskatastrophe – deshalb habe ich auch keine düstere Prognose, weil ich an Lust und Freude bei Bildung glaube. Ich habe schon viel zu viele bildungsreformerische Ideen gesehen, wobei jede mit derselben Emphase eingeleitet wurde. Tonnen an Papier wurden über „lernzielorientierte Curriculargestaltung“, über Grobund Feinlernziele beschrieben. Heute erinnert man sich nicht einmal mehr daran. Was die technische Entwicklung betrifft, so werden sich manche Dinge dadurch ändern, aber nicht so schnell und nicht so gravierend, wie man heute glaubt.
„Ein Kanon funktioniert aus zweierlei Gründen: Einerseits, weil er eine Orientierungshilfe bedeutet. Andrerseits, weil man dagegen immer opponieren kann“ Konrad Paul Liessmann
In ihrem jüngsten Buch plädieren Sie ein wenig überraschend für einen literarischen Kanon von Romanen an allen höheren Schulen? Liessmann: Ich glaube, dass ein derartiger Kanon funktioniert, und zwar aus zweierlei Gründen: Einerseits, weil er eine Orientierungshilfe bedeutet. Andrerseits, weil man dagegen immer opponieren kann. Ein Kanon provoziert und schärft deshalb die Urteilskraft. Mein Traum ist, dass junge europäische Menschen, die sich über das Erasmus-Programm treffen, wissen, sie haben, egal woher sie kommen, schon einmal gemeinsamen Gesprächsstoff. Cervantes, Shakespeare, Goethe, Thomas Mann oder Dostojewski sind geistige und poetische Koordinaten eines ganz anderen, aber nicht weniger wichtigen Europas, als das, was die vier Freiheiten der Europäischen Union vorgeben. Europa interessiert Sie dabei mehr als die Bildungsdiskussion als solche? Liessmann: Das Problem besteht darin, dass wir Bildung heute nur unter bürokratisch-technischen oder ökonomisch-sozialen Gesichtspunkten, nicht aber unter inhaltlichen Gesichtspunkten diskutieren. Wenn ich Bildung mit den Ideen der europäischen Kultur assoziiere, mit der europäischen Philosophie, Wissenschaft,
Kunst, mit europäischen moralischen, ethischen Ideen, dann wird Bildung zu einer inhaltlichen Frage. Dann muss ich Stellung beziehen, Urteile fällen und Wertungen treffen und dann wird es wirklich intensiv. Genau das geht mir bei den gegenwärtigen Bildungsdebatten ab, egal ob sie in den Nationalstaaten oder auf europäischer Ebene geführt werden. Dort geht es immer nur um Qualifikationskriterien, Kompetenzraster, um Messbarkeit und Evaluierungen, Wettbewerbe und Rankings. Ich denke, das ist der Tod von Bildung, denn es geht bei ihr nie um Quantitäten, egal welcher Art, sondern um Qualitäten. Zwanzig wirklich europäische Romane zu lesen bedeutet mehr und wird mehr Leidenschaft und Verständnis für diesen Kontinent entfachen als vieles, was mit besten Absichten von der OECD oder der Bertelsmann Stiftung oder sonst einer formal operierenden Bildungsbehörde vollzogen wird. Vor allem wird man ganz andere Fähigkeiten und Kenntnisse entwickeln in der Auseinandersetzung mit dieser Literatur als jene Kompetenzen, die dann bei PISA getestet werden. Also: Man verzichte auf PISA und etabliere einen Kanon europäischer Literatur in allen Mitgliedstaaten der EU – natürlich auch in England! Interview: Erich Klein
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Sei kreativ und empathisch! A
utomatisierung und Digitalisierung haben bisher vor allem das Verhältnis zwischen den Berufen mit manueller und nicht manueller Tätigkeit verschoben – zugunsten der nicht manuellen. Doch damit ist Schluss. Nicht manuelle Arbeit, auch Wissensarbeit genannt, wird künftig vermehrt von Maschinen mit digitaler Technologie ausgeführt. Menschen, die bisher diese Aufgaben erledigt haben, werden Überwachungstätigkeit übernehmen. Folglich verschieben sich die Anforderungen an Arbeitskräfte. Die Arbeitsinhalte ändern sich. Geht uns dank der digitalen Roboter die Arbeit aus? Sprachliche Kompetenz und Problemlösungskompetenz sind Fähigkeiten, die Menschen künftig vermehrt abverlangt werden. „Gute Kommunikation und Empathie werden immer wichtiger“, sagt Clemens Zierler, Geschäftsführer des Instituts für Arbeitsforschung und Arbeitspolitik an der Johannes Kepler Universität Linz. „In Unternehmen gestaltet sich die Hierarchie flacher. Die neuen Technologien erleichtern organisatorische Tätigkeiten enorm und beschleunigen sie.“ Dennoch brauchen Unternehmen weiterhin kreative Menschen, die von Robotern nicht so leicht ersetzen werden können.
„Wir müssen diese Veränderung positiv sehen, da Menschen eher schöpferische, kreative und soziale Wesen sind. Roboter aber werden uns Erwerbsarbeit, wie wir sie heute kennen, abnehmen“, betont Franz Kühmayer, Trendforscher am Zukunftsinstitut und Unternehmensberater. Die Maschinen können uns jene Bereiche der Arbeit erleichtern, die uns ermüden und weniger Spaß machen. Für viele Menschen ein Befreiungserlebnis. Aber bedeutet es auch, dass uns die Arbeit ausgeht? Manche meinen, die Arbeit würde sich nur ändern und Platz für neue Berufsfelder schaffen. Dieser Meinung ist auch Justus Piater, Wissenschaftler am Department für Computerwissenschaften der Universität Innsbruck. „Der Trend, dass zukünftig mehr Menschen im Softwarebereich benötigt werden, setzt sich fort. Es wird aber auch viele andere Bereiche geben, die schwer automatisierbar sind, etwa soziale Berufe oder Tätigkeiten mit hoher Fingerfertigkeit. Menschen fällt immer etwas ein. Sie müssen nur flexibel genug sein. Es wird sich alles verschieben, aber keine Katastrophe geben.“ Bildung beginnt zunächst einmal mit Lesekompetenz Die Gefahr, arbeitslos zu werden, lässt sich wie heute schon mit Bildung ver-
„Roboter werden uns Erwerbsarbeit, wie wir sie heute kennen, abnehmen“ Franz Kühmayer, Zukunftsinstitut
mindern. Bildung muss schon früh eine feste Grundlage für künftige Berufsaussichten schaffen. „Schon in der Eingangsphase müssen Basiskompetenzen ausreichend gestärkt und die Kinder in der Frühphase der Schule vermehrt gefördert werden“, sagt Julia Bock-Schappelwein vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung. „Es ist sehr wichtig, sich bewusst zu sein, dass ein essenzielles Element die Lesekompetenz ist. Denn im Endeffekt geht es darum, Informationen zu verstehen und lesen zu können. Leider schaffen nicht alle Jugendlichen diesen Standard.“ In den letzten zehn Jahren lag der Anteil der Leistungsschwachen in Lesen oder Rechnen bei rund einem Fünftel aller Schülerinnen und Schüler in Österreich. Unzureichende Basiskompetenzen führen zu höherem Arbeitslosigkeitsrisiko, geringerem Einkommen und zu einer unsicheren Beschäftigung. Welche Kompetenzfelder werden in zwanzig Jahren relevant sein? Das lässt sich nicht leicht voraussagen. Derzeit sind Betriebe nach Fachbereichen geordnet. Dem folgen auch die Ausbildungsprogramme. In Zukunft sollten wir jedoch in Netzwerken denken und einen Blick über den Tellerrand wagen, wodurch sich die ursprünglichen Funktionsbereiche auflösen und neue Fertigkeiten wichtig werden.
Foto: Zukunftsinstitut
Andernfalls wird es mit der Aussicht auf Arbeit schwierig in einer Welt, die von der Effizienz der Maschinen getrieben ist
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Foto: keidinger-photography.at
„Heute noch ist unser Bildungs system nach einem Qualifikations system aufgebaut, das einem Zu stand entspricht, in dem Menschen in Fabriken arbeiten“, sagt Justus Pi ater. „Doch wir benötigen Menschen, die das bestehende System in Frage stellen, die selbstständig und reflek tiert agieren und nicht besonders gut auswendig lernen können.“ Dem fügt Zierler hinzu: „Unser Bildungssys tem entspricht derzeit wirklich nicht dem 21. Jahrhundert. Bildung braucht viel mehr Freiheit, viel mehr Förde rung von Talenten und soll Lust auf die Entdeckung des Neuen machen. Schule müsste so gestaltet sein, dass die Wissbegierde nicht verloren geht. Durch den raschen technologi schen Wandel ist die Halbwertszeit von Fachwissen im freien Fall, so etwa beim Informatikstudium – Wissen aus den ersten Studienjahren ist nach Stu dienabschluss schon veraltet.“ Wir werden uns von der Vorstel lung verabschieden müssen, dass wir in der Jugend ausgebildet werden und anschließend ausschließlich arbeiten. Bildung wird uns lebenslang beglei ten, und wir werden immer wieder Bildungspausen zwischen dem Ar beiten einzulegen haben. Roboter Robins Ausbildung zur Haushaltshilfe Auch Roboter müssen anfangs noch vieles lernen. „In meiner Forschung geht es darum, Roboter mit der Fä higkeit des Lernens auszustatten, so dass sie mit ihrer Umgebung sinnvoll interagieren können“, erklärt der Com puterwissenschaftler Piater. „Eine An wendung wären Haushaltsroboter. Um solche Aufgaben ausführen zu kön nen, muss der Roboter ein Verständ nis für unsere Umwelt entwickeln wie beispielsweise, dass man Teller höher stapeln kann als Tassen.“ Tatsächlich könnte ein Roboter na mens Robin, den Piater und sein Team entwickelt haben, bald dazu in der Lage sein. Schon jetzt kann er selbst einen Turm bauen. Um den Geschirr spüler auszuräumen, muss er jedoch noch viel lernen: etwa wie man einen Kasten öffnet; dass Glas zerbricht, wenn man es aneinanderschlägt und dergleichen mehr. Auch in der Arbeitswelt werden uns Roboter immer mehr helfen können. In Anwaltskanzleien wird viel Zeit da mit verbracht, ähnlich geartete Fälle zu recherchieren. Das lässt sich auto matisieren, was Zeit spart. In der Me dizin wird ein Arzt künftig von Robo tern bei der Diagnose und Auswahl von Therapien unterstützt. Hat das Lernen der Roboter Gren zen? „Seit fünfzig Jahren machen wir fast gar keinen Fortschritt darin, dass Roboter selbst etwas erlernen“, sagt Piater. „Alle Aufgaben müssen von Menschen vorgegeben werden. Es könnte sein, dass Roboter ähnlich lan ge wie Kinder benötigen, um selbst et was zu lernen.“
„Wir brauchen ein Zukunftsbild für eine umfassende Bildungsreform, die den Schulen ermöglicht, die Kinder gestärkt in ihre Zukunft zu entlassen“ Clemens Zierler, Institut für Arbeitsforschung, Uni Linz
Industrie 4.0 ist in Österreich momentan nur Theorie „Ich denke, Industrie 4.0 ist kein re volutionärer Prozess“, meint Clemens Zierler. „Dafür dauert die Einführung der Technologie zu lang. Der Groß teil der österreichischen Betriebe ist noch nicht einmal in Industrie 3.0 angekommen.“ Moderne Technolo gien haben das Potenzial, dramatische Veränderungen zu bewirken. Aber nur dann, wenn sie von Menschen auch angewendet werden können. Selbst fahrende Autos beispielsweise funkti onieren bisher in Österreich einen Teil des Jahres nicht, weil bei bestimmten Witterungsbedingungen noch zu gro ße technische Hindernisse auftreten. Außerdem lehnt die Bevölkerung au tonomes Fahren mehrheitlich ab. Der Berater Franz Kühmayer sieht die Situation anders: „Wir machen uns Gedanken darüber, wie sehr Industrie 4.0 unsere Arbeitswelt verändert wird. Doch diese Gedanken sind viel zu naiv. Denn wir werden unsere Gesellschaft ebenso wie die Arbeitswelt in der Zu kunft gar nicht wiedererkennen. Ein Indiz dafür: In der Vergangenheit wur den Berufe mit hohem Routineanteil durch Automatisierungsprozesse weg gefegt. Der Schluss daraus: Bildung und höhere Qualifikation können da vor schützen. Doch dies funktioniert nun nur noch sehr eingeschränkt, da
die Roboter auch in kognitiven Pro zessen Stärke zeigen, analysieren und Entscheidungen treffen können.“ Noch sind sich die Experten un eins, wie die Zukunft unsere Arbeits welt und, damit verbunden, die Ent wicklung unserer Bildung ablaufen werden. Aber wir müssen für alle Fäl le gerüstet sein. Um nicht Gefahr zu laufen, den Zug der Zeit zu verpas sen, brauchen wir positive Zukunfts bilder – vor allem von der Politik. In diesem Punkt sind sich die Wissen schaftler einig. „Die Verantwortungs träger in unserem Land müssen sich darauf einigen können, einen konst ruktiven Prozess zu gestalten – abseits von parteipolitischen Spielereien. Vor allem brauchen wir ein Zukunftsbild für eine umfassende Bildungsreform, die den Schulen ermöglicht, die Kin der gestärkt in ihre Zukunft zu ent lassen“, betont Zierler. Und Kühmay er ergänzt: „Um ein zukunftsorientier tes Bildungssystem aufzubauen, müs sen sich Menschen, die in der Politik arbeiten, überlegen, wie die Gesell schaft in den nächsten Jahren ausse hen soll. Wir benötigen Politik mit Vorstellungskraft und Visionen, die sich nicht nur darauf beschränkt die derzeitige Situation bestmöglich zu verwalten.“ Sophie Hanak
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„Unser Bildungssystem entspricht derzeit wirklich nicht dem 21. Jahrhundert“ Clemens Zierler, Institut für Arbeitsforschung, Uni Linz
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M osa m bi k . Tageszent ren
Foto: caritas
In Mosambik herrschen regelmäßig Dürreperioden, die zu Hungersnöten führen. Selbst die arbeitende Bevölkerung kann ihre Familien nur unzurei chend versorgen. Aidskranke Angehörige zu pflegen gehört in Mosambik für viele Menschen, auch Kinder, zum ganz normalen Alltag. In vier Tages zentren werden sozial benachteiligte Kinder und Aidswaisen verpflegt und schulisch begleitet. In Massaca beispielsweise werden etwa hundert Kinder im Alter von zwei bis achzehn Jahren betreut. Durch die Projekte können viele Kinder weiterführende Schulen besuchen oder Praktika absolvieren, was ihnen eine bessere Zukunft ermöglicht.
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Moderne Lehrmethoden, wenig Präsenzzeiten und individuelle Fernstudienphasen machen flexibles Studieren möglich.
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16 FALTER 50/17 T h em a 8/ 17 : B i ld ung : au sb il d u n g
Digitale Ausbildung ist keine Nische mehr Die Bildungsangebote der Stadt Wien zum kindgerechten Erwerb von Kenntnissen und Fertigkeiten zielen auf Chancengleichheit für alle
Mit der Digitalisierung bildungsmäßig Schritt halten Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist voll im Gang. So versuchen immer mehr Ausbildungsangebote mit dieser Entwicklung Schritt zu halten. Die Technikum Wien Academy, eine Tochter der FH Technikum Wien, die berufsorientierte Aus- und Weiterbildung anbietet, ist ein gutes Beispiel dafür. Neben „Business Development and Transformation“, „User Experience Management“ und „App und Web Development“ wird hier im digitalen Bereich seit vergangenem Jahr auch der Master-Lehrgang „Digital Business“ angeboten. „Die Idee für die Fortbildung entstand aus der Entwicklung heraus, dass Unternehmen heute immer weniger nur eine singuläre Instanz sein können, sondern sich miteinander vernetzen und auf Kollaboration und integrierte Geschäftsprozesse setzen müssen“, erklärt Lehrgangsleiterin und Wirtschaftsinformatikerin Sylvia Geyer. Dafür brauche es digitalisierte Kommunikation und Marketing. Genau hier setzt Digital Business an. Die Studierenden lernen einerseits wichtige digitale Tools wie Apps, Social-Media-Kanäle oder Content-Management-Systeme kennen, vor allem geht es aber darum, eine digitale Strategie, passend zum jeweiligen Unternehmen, entwickeln zu können. Hier
hake es laut Geyer oft noch. Unternehmen hätten zwar beispielsweise einen Facebook-Zugang, aber keine Strategie, um ihre Zielgruppe damit zu erreichen. Dabei könne man mit einer guten Social-Media-Kampagne viel günstiger und zielsicherer Werbung machen als mit einer teuren Billboard-Kampagne. Vor allem bei KMUs fehle es, laut Geyer, dafür meist an der nötigen Erfahrung. Personen mit Know-how in diesem Bereich sind daher gefragt.
„Nach dem Konzept des ,blended learning‘ wird neben den Präsenzveranstaltungen die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts über eine Lernplattform abgewickelt“ Sylvia Geyer, Technikum Wien Academy
Mit Digitalisierung aufzuwachsen heißt nicht, sie verstehen Laut einem Policy-Paper der Arbeiterkammer (AK) sind digitale Kompetenzen und Qualifikationen heute schon eine Voraussetzung für die Teilhabe am Arbeitsmarkt. Digitale Technologien würden mittlerweile in fast allen Arbeitsbereichen immer stärker eingesetzt. Doch auch wenn junge Menschen in einer digitalisierten Lebenswelt aufwachsen, heißt das noch lange nicht, dass sie auch über die notwendigen Kompetenzen verfügen, um damit umgehen zu können. Laut einer Studie der AK ist der digitale Graben innerhalb der jungen Generation tief. Digitale Ausbildung ist daher wichtig und notwendig. Der Digital-Business-Lehrgang der Technikum Wien Academy hat derzeit 45 aktiv Studierende, die meisten zwischen dreißig und 45 Jahre alt, was auch daran liegt, dass man ein fachnahes abgeschlossenes Hochschulstudium oder ausreichend einschlägige Berufserfahrung für die Aufnahme braucht. Für die vier Semester, die man mit einem Master of Science abschließt, fallen Kosten von 12.500 Euro an. Ganz selbstverständlich ist für Sylvia Geyer, dass auch die Vermittlung der Lehrinhalte in vielen
Bereichen digital verläuft. Nach dem Konzept des „blended learning“ wird neben den Präsenzveranstaltungen die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts über eine Lernplattform abgewickelt. Auch Online-Quiz oder Konferenzen mit Skype-Calls gehören zum Studienalltag. Die Lehrgangsleiterin ist sich sicher, dass die hier erlernten Kompetenzen ein wichtiges Asset bei der weiteren Jobsuche sind. Man müsse sich nur die Stellenausschreibungen vom Digital Marketing Specialist über Community ManagerIn bis zum/zur Social Media ManagerIn und die dazugehörigen Anforderungsprofile anschauen, die derzeit omnipräsent sind, und werde genau die Themen wiederfinden, die Inhalt der Ausbildung sind. Technische Grundlagen sind bei der Jobsuche notwendig Bei der Frage, wie man heute auf dem Arbeitsmarkt bestehen kann, ohne zumindest ein paar digitale Basics mitzubringen, sieht Geyer die Unternehmen am Zug. „Sie haben die große Chance, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die auf der digitalen Welle noch nicht ganz so mitschwimmen, aktiv weiterzubilden und zu fördern. Um sie auf ein anderes Level zu heben, was für alle Beteiligten nur ein Vorteil sein kann“, sagt die Wirtschaftsinformatikerin. Die Academy bietet Unternehmen für diese Zwecke sogar maßgeschneiderte Seminare an, zu denen sie ihre Mitarbeitenden schicken können. Es wird, laut Geyer, gut angenommen. Digitale Ausbildung ist keine Nische für SpezialistInnen mehr. Sie ist in allen Berufsbereichen gefragt. Zumindest ein paar technische Basics und Tools zu beherrschen, könnte bei der Jobsuche bald unentbehrlich werden.
Sonja Dries
Foto: Lukas Beck / FH Technikum Wien
S
ocial Media Marketing, User Experience Design, Search Engine Optimization oder Mobile Business – all diese Begriffe, die man vor zehn Jahren noch eher einem ITSpezialisten zugeordnet hätte, sind heute Kompetenzen, die bei MitarbeiterInnen in fast allen Unternehmen, von Handel über Industrie, von KMUs bis zu Großkonzernen, gefragt sind.
au sb il d u n g : Bil d u n g : Th e ma 8/17 FALTER 50/17 17
Foto: Caritas
UG a n da . Ausbi ldu n gszen t ru m Der Nordosten Ugandas gehört zu den am wenigsten entwickelten Regionen Afrikas. In Karamoja haben viele Nomaden den Kampf um Weiden und Wasserplätze verloren und mussten sesshaft werden. Das karge Savannenland und fehlende Kenntnisse im Ackerbau machen es vielen unmöglich, sich und ihre Kinder zu ernähren. Im Ausbildungszentrum Loyoro lernen die Kinder Lesen und Schreiben, während ihre Mütter in Gemeinschaftsgärten in Sachen Existenzsicherung geschult werden.
praxisnah forschungsstark chancenreich 18 Bachelor- und 10 Masterstudiengänge Die innovative Hochschule mit Fokus auf Technik, Gesundheit, Medien sowie Soziales und Wirtschaft. fh-salzburg.ac.at
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Individuell studieren Unis und FHs verändern ihr Studienangebot laufend. Offenbar wollen immer mehr Studierende ein maßgeschneidertes Curriculum durchlaufen. Wir haben dazu Expertinnen befragt
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Astrid Josefine Fajtak, ÖH-Referentin für Individuelle Studien, Universität für Boden kultur Wien
rau Fajtak, gibt es nicht genügend Regelstudien, die alle Möglichkeiten abdecken? Astrid Josefine Fajtak: Individuelle Studien sollen der persönlichen Vertiefung in eine Idee oder ein Spezialgebiet dienen. Oft haben Studierende eine geniale Idee oder eine Leidenschaft, die sie in einem individuellen Studium verwirklichen können. Eine dieser Ideen war Wasserwirtschaft und Mediation/Recht zu kombinieren, also sich auf ein neues Spannungsfeld zu konzentrieren. So sind Jus und Wasserwirtschaft vereint worden. Manche finden damit die Möglichkeit, in Österreich etwas zu studieren, das es sonst nur im Ausland gibt. Ist das generell für Universitätsstudien interessant oder eher nur für spezielle Fächer? Fajtak: Grundsätzlich ist das generell interessant, da in Österreich der Bologna-Prozess relativ starr umgesetzt wurde. Da sind Diplomstudien in drei Jahre Bachelor gepresst worden. Das Ergebnis sind Bachelorstudien mit zehn bis zwölf Kursen pro Semester, die nicht immer das sind, was man gern macht. In vielen anderen Ländern dauern Bachelorstudien vier Jahre und haben zwei bis drei Kurse pro Semester. Geht die Ausbildung immer weiter in Richtung Spezialisierung? Fajtak: Vor vierzig Jahren war es Thema einer Doktoratsarbeit, bestimmte Simulationen zu erstellen, um die Chaostheorie etwas begreiflicher zu machen. Heute wird das für ein Dok-
torat vorausgesetzt. Eine engere Spezialisierung und „das Schärfen der Kompetenzen“ werden in vielen Studiengängen wichtiger. Schaden würde es deswegen nicht, Studienpläne, die im ersten Schwung des Bologna-Prozesses entstanden sind, „auszumisten“ und so Spezialisierung zu fördern. Es geht dabei seitens der Unis aber nicht nur um die fachliche Spezialisierung der AbsolventInnen. Es geht da oft um Studierendenzahlen oder die Finanzierung von Projekten. Da kommt es gut an, wenn man sagen kann: „Sie werden Spezialist in XY!“ Als individuell Studierender kann man sich ein Nischenprodukt in Sachen Bildung schaffen. Oft wird das auch gut vom Arbeitsmarkt angenommen. Reagieren die Hochschulen damit auf den Arbeitsmarkt? Fajtak: Viele Absolventenverbände sehen aktuell eine schlechtere Qualität in den Fertigkeiten der AbsolventInnen. Vor allem im technischen Bereich und in den MINT-Fächern. Da meistens nicht zeitnah reagiert werden kann, muss ich leider mit Nein antworten. Manchmal sind individuelle Studien eher am Puls der Zeit, wenn man eine gesuchte Spezialisierung erkennt und dann abdecken kann. Sollten auch die Curricula der Unis mehr Praxisbezug ermöglichen, ähnlich den Fachhochschulen? Fajtak: Ein Universitätsstudium ist per se vielleicht weniger Ausbildung als Bildung. Man füllt einen Kopf, nicht um ihn an eine bestimmte Stelle in der Arbeitswelt zu setzen, son-
dern um ihm die Möglichkeit zu geben, ein Forschungsthema umzusetzen. Die BOKU stellt traditionell immer wieder Praxisbezug her, aber der Spagat ist schwierig zu schaffen. Exkursionen und Pflichtpraktika geben einem Studierenden die Möglichkeit, sich in der „richtigen Welt“ umzu sehen. Individuelle Curricula können ein bisschen Motivation erreichen: In dem, was einem Menschen Freude bereitet, wird er gut, lernt und arbeitet lieber. Aber auch da muss man in den sauren Apfel beißen und an der Uni hin und wieder Forschungsbezug nehmen. Wenn Sie Ihren persönlichen Ausbildungsweg betrachten: Was hat Sie motiviert, ein individuelles Studium zu machen? Fajtak: Die Hauptmotivation war weniger mein Bildungsweg als die Praxis erfahrungen. Meine Eltern haben es immer gefördert, dass ich so viel wie möglich sehe, bevor ich mich für einen Weg entscheide. Ich habe seit der 9. Schulstufe jeden Sommer gearbeitet. Zuerst im Büro, dann in der Natur, bei kommunalen und privaten Betrieben. Bis ich bei der Wildbach- und Lawinenverbauung in Bad Ischl meine Leidenschaft für die Verbindung aus verschiedenen BOKU-Disziplinen in den Bereichen Wald, Wasser und Boden gefunden habe. Daraus wurde mein individuelles Bachelorstudium „Ingenieurökologie“. Es war also wirklich die Leidenschaft für eine Idee. Und der Wille, sie sofort umzusetzen – und nicht erst im Masterstudium oder nach dem Abschluss.
Herr Staudinger, was genau bietet die FernFH für Studienmöglichkeiten an? Martin Staudinger: In einem ersten Schritt haben wir in einem unserer Masterstudiengänge die klassischen Vertiefungsrichtungen aufgelöst und sind zu Wahlpflichtfächern mit individuellen Verknüpfungsmöglichkeiten übergegangen. Für die nahe Zukunft haben wir in unserem Kompetenzzentrum Distance-Learning aber schon den nächsten Schritt entwickelt: weg vom relativ unflexiblen Studiengang hin zu einem „lernpfadorientier-
ten Curriculum“. Das kann man sich in etwa wie ein U-Bahnnetz vorstellen, in dem Sie nicht nur von A nach B fahren können, sondern ein Stück auf der Linie U1, dann einen Abschnitt auf der U2 und zwischendurch auf einer anderen Linie, je nachdem, welche Ziele Sie erreichen wollen. Je nach Ihren Vorkenntnissen können Sie dabei an verschiedenen Haltestellen einsteigen. An der Ausstiegsstelle müssen Sie natürlich weiterhin ein bestimmtes akademisches Niveau (Bachelor, Master) erreicht haben. Aber
inhaltlich kann der Weg viel individueller gestaltet sein. An wen richten sich diese individuellen Studien? Staudinger: Vor allem an Personen, die schon einige Zeit im Berufsleben stehen. Sie können meistens ziemlich gut abschätzen, welche Kompetenzen sie für die nächsten Jahre in ihrem Beruf brauchen. Generell richten sich unsere Fernstudien vor allem an Personen, die im Sinne eines „lebenslangen Lernens“ auch in späte-
Fotos: privat, Stephan Huger
Martin Staudinger, Kollegiumsleiter der Ferdinand Porsche FernFH und Studiengangsleiter
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Bu lg a ri en . Spr ach e lern en Foto: Patrick Wally
Das Projekt „I am studying and playing in Bulgarian“ unterstützt RomaKinder und ihre Eltern in der größten Roma-Siedlung Südosteuropas beim Lernen der Landessprache – ein essenzieller Schritt auf dem Weg in ein Leben ohne Armut. In Banya, einem kleinen Bergdorf in Bulgarien, hat die Caritas gemeinsam mit der Gemeinde eine Schulküche eingerichtet. Hier bekommen die Kinder täglich nach dem Unterricht eine warme Mahlzeit.
für Wirtschaftsinformatik (Bachelor) ren Lebens- und Berufsabschnitten in ein Studium einsteigen wollen, in irgendeiner Form aber mit einer Barriere konfrontiert sind, die sie abhält, ein „klassisches“ Studium zu ergreifen und abzuschließen. Dafür kann es persönliche, berufliche oder strukturelle Gründe geben. Warum ist so eine Kombination interessant? Es gibt doch mittlerweile eine hohe Zahl von unterschiedlichsten Lehrgängen an Hochschulen?
Staudinger: Bisherige Lehrgänge und Studiengänge haben in der Regel einen fest vorgegebenen seriellen Verlauf. Oft gibt es zwar Vertiefungsrichtungen, aber auch die sind „nur“ in der angebotenen Form wählbar, aber nicht individuell gestaltbar. Eine individuellere Curriculumsgestaltung wäre hier eine gute Ergänzung zum bestehenden Angebot. Auf lange Sicht sind wir überzeugt, dass die Zukunft des Studierens in diese Richtung gehen wird. Es gibt nicht nur eine „digitale Transformation“ – wenn man
„Neben der digitalen Transformation gibt es international auch eine Transformation des Bildungswesens“ Martin Staudinger
sich in der internationalen Bildungslandschaft ein bisschen genauer umschaut, dann sieht man auch eine „Bildungstransformation“. Geht die Ausbildung generell immer weiter in Richtung Spezialisierung? Staudinger: Das Ergebnis einer individuelleren Curriculumsgestaltung muss nicht zwingend „Spezialisierung“ bedeuten. Es gilt, Studierende gut dabei zu unterstützen, welche
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René Sturm, AMS Österreich
Pfade sie wählen müssen, um möglichst effizient und effektiv ihre Ziele zu erreichen. Das Ziel kann eine Spezialisierung sein, aber vielleicht auch eine Verbreiterung der Kompetenzen. Zumindest ist das unsere Sicht. Generell hat man im Moment aber tatsächlich den Eindruck, dass auf Seiten der Wirtschaft und der Bildungspolitik eine besondere Nachfrage nach Spezialistinnen und Spezialisten besteht. Bildungsanbieter müssen und werden natürlich darauf reagieren. Wie weit reagieren die Hochschulen heute schon auf die Erfordernisse des Arbeitsmarktes? Staudinger: Wenn sie die Erfordernisse des Arbeitsmarktes als ihre „Mission“ sehen und soweit es in ihrer Macht steht: so schnell wie möglich. Aber um alles unter Dach und Fach zu bekommen und etwas Neues, Innovatives starten zu können, ist in Österreich ein relativ aufwendiges und oft restriktives Verfahren notwendig. Manchmal wächst sich schon eine einfache Namensänderung eines Studiengangs zu einem unglaublichen bürokratischen Verfahren aus. Der Innovationsfreudigkeit steht ein ausgeprägter Wille zur unbedingten Steuerung und Kontrolle gegenüber. Offenbar fehlt ein Grundvertrauen in die handeln-
Herr Sturm, was bringt ein „individuelles Studium“ am Arbeitsmarkt? René Sturm: Es kann etwas bringen, wenn man sich schon im Vorfeld genau überlegt hat, welches Ausbildungs- und Berufsprofil damit angestrebt wird. Das erfordert einen profunden Reflexionsprozess, der sowohl die fachliche Ebene als auch die Ebene der Social Skills betrifft. Idealerweise wird hier ein Profi zurate gezogen, also eine professionelle Bildungsund Berufsberatung.
den Institutionen, die man Jahre zuvor gerade wegen einer größeren Flexibilität und kürzerer Reaktionszeiten geschaffen hat. Vertrauen kann natürlich Scheitern und Fehler nicht immer verhindern, aber Misstrauen und Einschränkungen werden ein innovatives Vorgehen in jedem Fall stark einbremsen und das Entstehen von Neuem eher verhindern als unterstützen. Wie konkurrenzieren einander die Hochschulen im Hinblick auf das individuelle Studium? Staudinger: In Zeiten knapper Mittel ist jede Mitbewerberin, die Ähnliches macht oder vorhat wie ich, auf den ersten Blick eine „Konkurrentin“. Aus einem wissenschaftlich-akademischen Blickwinkel – und wenn man es genauer anschaut auch aus einem ökonomischen – führen aber in der Regel Kooperation und das gemeinsame Vorantreiben einer Sache zu besseren Lösungen. Was aber nicht bedeutet, dass alle dasselbe tun sollten, sondern jede Hochschule entsprechende Autonomie hat, sich auch unabhängig von ihrer „Sektorenzugehörigkeit“ (Universität, Fachhochschule, etc.) ein Profil zu geben, und die Studierenden, die Wirtschaft und auch die Bildungspolitik aus der so entstehenden Vielfalt „aus dem Vollen schöpfen“ können.
Ins. Falter PR DUK 10.17_: 12.10.17 10:08 Seite 1
höchste Ansprüche an
Wir stellen
uns selbst – und an unsere Studierenden.
„Ein individuelles Studium kann etwas bringen, wenn man sich genau überlegt hat, was man damit beruflich will“ René Sturm, AMS Österreich, Abt. Arbeitsmarktforschung und Berufsinformation
Warum werden aus Ihrer Sicht immer mehr solcher Programme angeboten? Sturm: Tendenziell steht hinter diesen Programmen die Überlegung, dass man als Bildungsanbieter mit dieser Studienform flexibler auf Arbeitsmarkterfordernisse reagieren kann und darüber hinaus im Sinne des Bildungsmarketing auch „attraktiv klingende“ Bildungsangebote auf den Markt bringt. Würden Sie Studierenden zu so einer individuellen Kombination raten? Sturm: Nur dann, wenn die Entscheidung zum individuellen Studium von einem Reflexionsprozess begleitet wird, also diese Studienwahl keine Ad-hoc-Entscheidung darstellt, sondern geklärt ist, wie sich die Situation am Arbeitsmarkt darstellt, also ob eine Nachfrage nach dieser spezifischen Qualifikation besteht. Weiters, wie man das Ausbildungs- und Berufsprofil, das mit dem Studium erworben wurde, am Arbeitsmarkt effektiv kommunizieren kann, etwa bei Bewerbungsgesprächen, und ein klares Bild darüber vermittelt, ob man eher akademisch spezialisiert oder eher ein akademischer Allrounder ist.
Univ.-Prof. MMag. Dr. Gottfried Haber, Gesundheitsökonom und Vizedekan
80 Prozent der AbsolventInnen bezeichnen die Donau-Universität Krems als ausgezeichnet oder sehr gut. Auch vom Erfahrungsschatz ihrer KollegInnen profitieren die Studierenden: Der Großteil bringt mehr als 10 Jahre Berufserfahrung mit.
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Monika Litscher, Center für Geistes- und Kulturwissenschaften, Uni Liechtenstein Frau Litscher, an der Uni Liechtenstein gibt es die Möglichkeit eines Zusatzangebotes von Wahlfächern. Kann man das als individuelles Studium ansehen? Monika Litscher: Wir bieten an der Universität Liechtenstein ein Programm von fakultätsübergreifenden Wahlfächern für die Studierenden der beiden Fakultäten Wirtschaft und Architektur auf unterschiedlichen Stufen an. Dabei besteht die Möglichkeit, aus verschiedenen Lehrangeboten zu wählen und so die geforderten Punkte außerhalb des eigenen Fachbereichs zu sammeln. Die Lehrangebote in diesem Bereich zielen grundsätzlich darauf, ein breites Orientierungswissen zu vermitteln, den Blick fürs Ganze, für Kontexte und Zusammenhänge zu schärfen, reflexiv zu handeln und kritisches Denken im professionellen und persönlichen Alltag zu trainieren. Damit wird klar, dass es sich nicht nur um ein paar alternative Ergänzungen handelt, sondern um einen integralen und bedeutsamen Bestandteil der universitären Bildung.
„Wir verfolgen an der Uni Liechtenstein eine Vision, die auf zukunftsfähige Kompetenzen setzt“ Monika Litscher, Leiterin des Centers für Geistes- und Kulturwissenschaften, Uni Liechtenstein, Vaduz
Welche Möglichkeiten für ein individuelles Studium gibt es? Litscher: Das Angebot im fakultätsübergreifenden Bereich wird systema-
Universität für angewandte KUnst CROSS-DISCIPLINARY STRATEGIES
Mit einem disziplinen-übergreifenden Ansatz schöpft das BachelorStudium Cross-Disciplinary Strategies aus einem breiten Spektrum an Wissen, das sowohl Grundprinzipien der Kunst und Philosophie, der Natur- und Ingenieurswissenschaften sowie der Geisteswissenschaften einschließt, als auch künstlerische Strategien umfasst. Schwerpunkte bilden die Vermittlung von Grundlagen über die Herausforderungen der zunehmenden Verschmelzung von Mensch und Maschine, der fortschreitenden Automatisierung der Arbeitswelt und dem Einzug der Künstlichen Intelligenz in allen Facetten der Alltagswelt. Auch der Vormarsch der Robotik in viele Bereiche der Gesellschaft und die Fortschritte im Bereich des Genome Editing werden in den Blick genommen. Bewerbungsfrist: 19. Jänner 2018 Mehr Informationen unter: www.dieangewandte.at/cds_en cds@uni-ak.ac.at
tisch zusammengestellt. Aus dem Pool kann dann gewählt werden. Zum einen gibt es Angebote, die Wissen aus dem geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Bereich vermitteln und somit ermöglichen, das Fachstudium in gesellschaftliche, politische, historische, philosophische, kulturelle und ästhetische Zusammenhänge zu stellen. Zum anderen werden entlang von thematisch interdisziplinären Schwerpunkten Zukunftsfragen über die beiden Fakultäten hinweg bearbeitet. Der Austausch zwischen den Fachbereichen Architektur und Wirtschaftswissenschaften erfolgt entlang ausgewählter, relevanter thematischer Schwerpunkte und interdisziplinärer Zusammenarbeit. Darüber hinaus offerieren wir Kurse, die Werkzeuge für Wissensarbeitende bieten und eine Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit in Gang setzen, auf eine professionelle Haltung in herausfordernden Situationen und auf eine souveräne und empathische Kommunikation in einer globalisierten, komplexen Welt zielen. Worin liegt der Vorteil? Litscher: Wir verfolgen an der Universität Liechtenstein eine Vision, die auf zukunftsfähige Kompetenzen setzt.
Dabei zählen zu einem fundierten, qualitativ hochstehenden Fachstudium eben auch die oben genannten Fähigkeiten, die insbesondere die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften vermitteln. Es braucht sie in einer Gesellschaft, die sich mutig, intelligent und sachlich den stetigen Veränderungen stellt, und es benötigt sie eine Wirtschaft, die sich dem Fortschritt widmet, vernetzt denkt und handelt sowie anstehende Herausforderungen proaktiv bewältigt. Was bedeutet das am Arbeitsmarkt? Litscher: Derzeit fordern unterschiedliche Stimmen der Wirtschaft von Absolvierenden der Hochschulen nebst ausgezeichnetem Fachwissen auch Fähigkeiten, die stark auf kritisches Denken zielen. Dabei geht es etwa um Orientierungs- und Kontextwissen, das Erkennen von Zusammenhängen und das Verständnis von komplexen, dynamischen und widersprüchlichen Veränderungen. Zum anderen wird von Absolvierenden einer Universität auch erwartet, dass sie sich auf unbekanntem Terrain, in unterschiedlichen kulturellen Settings bewegen können und dabei emotional intelligent, profund und kreativ handeln können.
BARBARA FREITAG
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Bildung gegen Vorurteile Diversity in der Bildung macht Menschen offen für Unterschiede, die in Beruf und Alltag allgegenwärtig sind
Diskriminierungsfreie Kultur in der Ausbildung Auch die Universitäten arbeiten derzeit an einem Gleichstellungs-Förderplan und schreiben Diversity in ihre Regelwerke ein. „Universitäten fühlen sich moralisch dazu verpflichtet, für alle Teile der Bevölkerung zugänglich zu sein, und das in jeder Hinsicht“, sagt Renate Dworczak, Vorsitzende der Task Force Gender & Diversity der österreichischen Universitätenkonferenz (Uniko) und Vizerektorin der Universität Graz. Die Task Force hat es sich zum Ziel gesetzt, die Vielfalt im Personalbereich zu fördern und Gleichstellung im universitären Alltag zu erreichen. An der Uni Graz ist der DiversityBeirat beim Vizerektorat angesiedelt.
„Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Vielfalt im Personalbereich zu fördern und Gleichstellung im universitären Alltag zu erreichen“ Renate Dworczak, Vorsitzende der Task Force Gender & Diversity der österreichischen Universitätenkonferenz
Sowohl bei den Mitarbeitenden als auch bei den Studierenden wird auf möglichst viel Diversität Wert gelegt, sei es im Bereich Internationalität, durch First-Generation-Students, die als Erste in ihrer Familie einen akademischen Abschluss anstreben, oder Personen mit begünstigtem Behindertenstatus. Für das Projekt „AntiBias-Universität“ bekam die Uni Graz 2016 den Diversitas-Preis des Wissenschaftsministeriums verliehen. Er wird an Projekte vergeben, die eine diskriminierungsfreie Kultur in den Strukturen von Hochschulen und Forschungseinrichtungen fördern. An der Uni Graz wird versucht, immer Querverbindungen zu schaffen, statt etwas für jede einzelne Anspruchsgruppe zu erarbeiten, und zu schauen, welche Maßnahmen, Möglichkeiten und Lösungen es gibt, die für mehrere Anspruchsgruppen nützlich sind. Ein intersektionaler Ansatz also. Laut Dworczak sei das Mentoring im Gleichstellungsbereich zum Beispiel sehr wirksam, auf der anderen Seite hätte das Peer-Mentoring bei First-Generation-Students große Erfolge. Die Idee sei, diese MentoringAngebote miteinander zu vergleichen und erfolgreiche Aspekte auszutauschen, statt für jede Anspruchsgruppe das Rad neu zu erfinden. Dies erfordere viel Austausch und Gespräche, um einander gut kennenzulernen. Jeder hat Vorurteile – was heißt das für die Bildung? Vorurteile gegenüber Menschen mit bestimmten Merkmalen und Fähigkeiten hegt jede und jeder von uns. „Das Gehirn teilt automatisch erst einmal in Kästchen ein, wenn man in eine neue Gruppe kommt“, erklärt Roland Engel. Seit einigen Jahren leitet er gemeinsam mit einer Kollegin das Seminar „Diversity Management“ an der Donauuniversität Krems. Es soll Personen didaktische Werkzeuge in die Hand geben, um in Unternehmen und Organisationen mit Diversity umzugehen. Gleich zu Beginn des Seminars werden Bilder und Videos
von Personen gezeigt und jeder soll sagen, welche Zuschreibungen er automatisch getroffen hat. Es sei wichtig, sich bewusst zu werden, welche Widersprüchlichkeit man selbst empfindet – und damit auch offen umzugehen, meint Engel. Diversity-Management findet sich mittlerweile in vielen Unternehmen, oft direkt an die Personalentwicklung angebunden. Für öffentliche Institutionen sind Gender- und Diversity-Beauftragte verpflichtend. Ausbildungen in diesem Bereich sind derzeit jedoch wenig vorhanden. Die vier Tage Diversity-Managment an der Donau-Uni sind eine Mischung aus einer Weiterbildung, die extern gebucht werden kann, und einem Wahlmodul der Master-Lehrgänge „Interkulturelle Kompetenzen“ und „Migrationsmanagement“. Derzeit sind etwa sechzig Prozent der Teilnehmenden Studierende dieser beiden Lehrgänge. Sie lernen, wie man mit Unterschieden umgeht, wie Ausschlussmechanismen sichtbar und besprechbar gemacht werden und wie Vielfalt genutzt werden kann. Nicht in Grenzen, sondern in Möglichkeiten denken Die von der Task Force Gender & Diversity forcierte Vielfalt im universitären Bereich wirkt sich auch auf die Studierenden aus. „Wir haben Lehrende, die erkennbare physische Beeinträchtigungen haben, durch die Studierenden vor Augen geführt wird, dass es auch unter erschwerten Bedingungen geht, sich in einem akademischen Umfeld an einer Universität zu etablieren, zu behaupten, dort zu sein und Spaß und Freude zu haben“, sagt Renate Dworczak. Grundsätzlich hätten Studierende einen sehr offenen Zugang, weil sie laut der Vizerektorin selber auch sehr divers seien und die Berührungsängste dadurch viel kleiner wären. „Es geht nicht darum, in Grenzen, sondern in Möglichkeiten zu denken“, sagt Dworczak. Diversität spiele dabei eine große Rolle.
Sonja Dries
Foto: sissi Furgler
G
emeinsamkeiten finden bei möglichst vielen Unterschieden, die einen Unterschied machen“, so definiert Roland Engel, Mitglied der Austrian Society for Diversity, den Begriff Diversität. Der Verein bietet bereits seit 2004 verschiedene Aus- und Weiterbildungen zu dem Thema an und berät auch Bildungsorganisationen in dieser Causa. Neben den auch im österreichischen Gleichbehandlungsgesetz verankerten sechs Kerndimensionen Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit/Hautfarbe, Behinderung, sexuelle Orientierung und Religion geht es bei Diversität auch um gewisse Fähigkeiten wie Sprache oder Organisation, die innerhalb einer Gruppe zusammenspielen. Im Berufsleben ist man in Unternehmen beim Umgang mit KollegInnen und Kundschaft oft mit Diversität konfrontiert. Man hat ständig mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu tun. Deshalb soll Diversity auch in der Bildung schon eine große Rolle spielen. Die OECD empfiehlt in einem bildungspolitischen Bericht, die Diversität unter Lehrenden und Schulleitenden zu erhöhen, um die gesellschaftliche Vielfalt ihrer Schülerinnen und Schüler widerzuspiegeln und als Vorbild agieren zu können.
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