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Tatort Würstelstand

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Edith Kneifl (Hg.)

Tatort W端rstelstand

13 Kriminalgeschichten aus Wien

Falter Verlag


Edith Kneifl (Hg.)

Tatort W端rstelstand 13 Kriminalgeschichten aus Wien

Falter Verlag


Die Handlung der folgenden Kurzgeschichten ist frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig.

ISBN 978-3-85439-491-4 © 2013 Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. 1011 Wien, Marc-Aurel-Straße 9 Tel. +43/1/536 60-0, Fax +43/1/536 60-935 E-Mail/Verlag: bv@falter.at E-Mail/Bestellungen: service@falter.at Web: www.faltershop.at Alle Rechte vorbehalten. Herausgeberin: Edith Kneifl

Autorinnen und Autoren der Kurzkrimis: Reinhardt Badegruber, Hermann Bauer, Raoul Biltgen, Herbert Dutzler, Stefan M. Gergely, Edith Kneifl, Koytek & Stein, Lisa Lercher, Gerhard Loibelsberger, Sabina Naber, Thomas Schrems, Sylvia Treudl, Thomas Askan Vierich & Berndt Anwander Mit einem Textbeitrag von Florian Holzer Lektorat: Helmut Gutbrunner

Grafik und Layout: Marion Großschädl

Illustration/Cover: Reinhard Hackl; /Vorsatz: VectorStock/Ateli Produktion: Susanne Schwameis Gedruckt in Österreich


Inhalt Vorwort ~ Edith Kneifl

7

Vorsicht, heiß und fettig ~ Florian Holzer

9

Koytek & Stein ~ Strike back!

15

Herbert Dutzler ~ Das mit dem Ferdi

31

Lisa Lercher ~ Am großen Schotter

45

Reinhardt Badegruber ~ Bürstensandler und Würstelstandler

61

Gerhard Loibelsberger ~ A Schoafe

77

Thomas Askan Vierich & Berndt Anwander ~ Praterglück 97 Sabina Naber ~ Therapie am Linienwall

115

Hermann Bauer ~ Einmal Feinschnitt, bitte

135

Raoul Biltgen ~ Der Zufall, das Schicksal, ein Pferd

153

Sylvia Treudl ~ Faschingswürstel

171

Stefan M. Gergely ~ Kebab und Klobasse

187

Thomas Schrems ~ Der Witwenmacher von Favoriten

203

Edith Kneifl ~ Tschuschengriller

227

Herausgeberin, Autorinnen und Autoren

245

5


Vorwort Was wäre Wien ohne Würstelstände? Vermutlich ziemlich

trostlos, vor allem für Nachtschwärmer. Aber nicht nur nach einer durchzechten Nacht, sondern auch zwischendurch holen sich die Wiener und Wienerinnen ihre »Haaße« und ihr Sechzehnerblech bei der Würstelmausi, beim Donau Fritzi oder beim Leo, den es seit 1928 fast ohne Unterbrechungen gibt und der damit der älteste Würstelstand der Stadt ist. Seine »Big Mama« ist pures Gift in den Augen von Vegetarierinnen und Vegetariern. Auch Friedrich Torberg hätte wohl nicht viel übrig gehabt für die 0,5 Kilo schwere Käsekrainer, er zog es vor, des Nachts beim Würstelstand am Schottentor einen Apfel zu verzehren, wie er in der »Tante ­Jolesch« schreibt. Andere berühmte Literaten hingegen wussten diese Wurstspezialitäten sehr wohl zu schätzen. So etwa setzte H.C. Artmann in seinen Wiener Skizzen »Im Schatten der Burenwurst« derselben ein würdiges Denkmal. Würstelstände gehörten bereits in der k. u. k. Monarchie zum Stadtbild, sie sollten den Kriegsversehrten ein Einkommen sichern. Die ursprünglich fahrbaren Verkaufsstände oder Garküchen hatten jedoch außerhalb der streng geregelten Öffnungszeiten rasch wieder von den Straßen und Gassen Wiens zu verschwinden. Erst in den 1960er-Jahren wurden in Wien fixe Stände erlaubt. Soziologisch betrachtet ist der Würstelstand ein hochinteressanter Ort, da hier Angehörige aller Gesellschaftsschichten aufeinandertreffen. Aber so unterschiedlich Hofräte und 7


Vorwort

Sandler, Arbeitslose und Ballgäste, Studenten und Touristen auch sein mögen, hier haben sie eines gemeinsam: den Gusto auf eine fette, heiße Wurst. Obwohl die Gäste oft bereits einen über den Durst getrunken haben, geht es bei diesen »Gourmettempeln der Finsternis« überraschenderweise meist recht friedlich zu. Ganz anders in den dreizehn Kriminalgeschichten österreichischer Krimiautorinnen und -autoren, die in dem vorliegenden Band über diese Wiener Institution schreiben. Einige wählten fiktive, andere real existierende Würstelstände als Tatorte. Jedenfalls hat das Thema meine Kolleginnen und Kollegen zu sehr spannenden und skurrilen Kriminalgeschichten inspiriert: Schräge Gestalten, bunte Vögel und windige Hunde scharen sich vor allem des Nachts um die Wiener Würstelstände. Da treffen sich Bürstensandler und Würstelstandler auf Kebab und Klobasse bei einem Tschuschengriller am großen Schotter, ein Witwenmacher aus Favoriten bestellt sich »a Schoafe«, außen knusprig, innen durch und einmal Feinschnitt bitte, zwei ungleiche Brüder träumen vom kleinen Praterglück und streiten sich um ein paar Faschingswürstel, der Zufall, das Schicksal und ein Pferd beenden zuletzt auch das mit dem Ferdi, der eine Therapie am Linienwall hinter sich hat. Dass Ihnen bei der Lektüre das Würstel vor lauter Lachen nicht im Hals stecken bleiben möge, hofft die Herausgeberin Edith Kneifl Wien, im Mai 2013

8


•  Koytek & Stein  •

Strike back!

I

Außen knusprig, innen durch

» st es soweit?!« Keine Antwort, nur gespannte Stille. Die vier – eigentlich waren es nach dem präzisen Schnitt fünf – lagen dicht aneinandergereiht. Nackt. Haut an Haut. Das große Messer mit dem wackeligen schwarzen Griff hatte das einzige Paar soeben getrennt und war daraufhin mit lautem Scheppern direkt neben ihnen gelandet, so, dass die verschmierte Klinge nun die Strahlen der grellen Deckenlampe reflektierte. Die Kunststoffplatte unter ihnen vibrierte nach dem harten Aufprall des Messers immer noch ein wenig. Nur allzu selten fuhr ein Lappen über eben diese Platte, weswegen sie im Lauf der Jahre zum abgenutzten, unansehnlichen Ding verkommen war. Dem Rest der Einrichtung war es nicht anders ergangen. Eine ölige Schicht hatte jeden einzelnen Gegenstand, jedes noch so kleine Loch, ja sogar die winzigste Ritze überzogen. Heute allerdings lag zumindest ein Hauch von künstlichem Zitronengeruch in der Luft. »Ist es soweit?«, flüsterte der Dünne links außen erneut. Um seinen Hals baumelte eine goldene Plankette an einer roten, seidenen Schnur. »Das …, das war erst der Anfang …«, antwortete die Dicke neben ihm mit gebrochener Stimme und fuhr leicht 15


•  Koytek & Stein  •

hysterisch fort: »Angeblich dauert es ziemlich lange, bis man …« Unvermittelt brach ihre Stimme ab. »Was heißt lange? Wie lange genau?« »Wie lange …? Das kann ich dir nicht sagen, das hängt von ihm ab. Manchen ritzt er nur oberflächlich die Haut ein, andere zerteilt er komplett, bevor …« In der grausamen Stille war ein kurzes Schluchzen zu hören. »Das war, wie gesagt, aber erst der Anfang …«, wiederholte die Dicke, fast als hätte sie an der Vorstellung des Grauens, das ihnen bevorstand, Gefallen gefunden. »Hör doch auf!«, fuhr Wiener vom anderen Ende der Platte energisch dazwischen. Das Paar in der Mitte verharrte nach ihrer Trennung immer noch in Schockstarre und brachte kein Wort hervor. »Warum denn?«, entgegnete die Dicke aufgebracht. »Es ist doch alles verloren und wir sterben genauso wie alle anderen vor uns auch: langsam und qualvoll!« Mit Blick auf die Türe zischte Wiener: »Achtung, er kommt!« Alle fünf zuckten zusammen. Auf der rötlich schimmernden Haut des getrennten Paares erschienen helle Angstflecken. Der rotgesichtige Besitzer – sie nannten ihn den Schlächter – trat schnaufend und schwitzend ein. Er hatte einen ursprünglich weißen Arbeitsmantel an, aus dem er fast herauszuplatzen schien. Die Knöpfe am Bauch mussten ganze Arbeit leisten und waren nicht zu beneiden. Zielsicher griff er zur Schnapsflasche über seinem Kopf, sah sich kurz verstohlen um und nahm einen großen Schluck. Noch während er trank, 16


Strike back!

langte er nach dem Messer. Was keines seiner Opfer wissen konnte, war, dass der Schlächter früher tatsächlich als Fleischhauer gearbeitet hatte. Für einen Augenblick herrschte vollkommene Stille. Der Schlächter setzte die Flasche ab, fluchte verhalten, warf das Messer auf die Platte zurück und bückte sich nach einem Kübel mit bräunlich-flüssigem Inhalt, an dessen Oberfläche Essensreste schwammen. Dann verschwand er mitsamt dem Kübel wieder nach draußen. »Pffff …, das war knapp«, stieß Wiener hervor. »Es ist alles verloren! Wir gehen langsam und qualvoll zugrunde, bis uns die Adern aufspringen!«, schrie die Dicke mit entsetzter Stimme. Der Emmentaler in ihrem Inneren hatte sich bereits gefährlich verflüssigt und drückte gegen ihre zarte Haut. »Mir springen keine Adern auf«, erwiderte Wiener beinahe gleichgültig. »Das nicht«, entgegnete die Dicke, »aber dafür dauert es bei euch länger als bei uns Käsekrainern. Außerdem, wenn der fette Schlächter den Schalter zu weit nach rechts dreht, weil er sich wieder einmal mit dem billigen Fusel besoffen hat, und das Wasser so kocht, dass es über den Topfrand sprudelt, zerreißt es dich vielleicht sogar in der Mitte.« Wiener – um eine Antwort verlegen – schluckte. »Wir wollen nicht sterben«, entfuhr es stattdessen mit zitternder Stimme dem wiedererwachenden Paar in ihrer Mitte. Unbeholfen versuchten sie enger aneinanderzurücken, als könnten sie dadurch ihre Trennung rückgängig machen. »Reißt euch zusammen«, entgegnete ihnen Wiener, der im Übrigen nur deshalb so hieß, weil ihn der Schlächter so bes17


13 österreichische Krimiautorinnen und -autoren machen den Würstelstand, Heimstätte des schnellen Genusses und Institution der Wiener Alltagskultur, zum Ort des Grauens.

• Mörderische Streifzüge rund um Wiener Würstelstände von: Koytek & Stein Herbert Dutzler Lisa Lercher Reinhardt Badegruber Gerhard Loibelsberger Thomas Askan Vierich & Berndt Anwander Sabina Naber Hermann Bauer Raoul Biltgen Sylvia Treudl Stefan M. Gergely Thomas Schrems Edith Kneifl

ISBN 978-3-85439-491-4 www.falter.at


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