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FALTER Special 54

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SPECIAL

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Ve r l a g s b e i l a g e z u F a l t e r 2 6 , J u n i 2 0 1 2

Foto: Reinhard Werner / Burgtheater

d  Off-Theaterszene d

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Wien, die Stadt der Off-Theater

d  Was kann das Off-Theater?    Was hat die Wiener Theaterreform gebracht? d  Punkig, sperrig und lustvoll    Über die Möglichkeiten von radikalem Off-Theater d  Statt zu sterben, stampft der Schwan    Die Tanzszene in Wien hat sich etabliert d  Raus aus dem Klischee!    Wien fördert gezielt „postmigrantische“ Ansätze im Theater d  Kinder, das ist ein Theater!    Die Theaterszene für Kinder in Wien ist sehr vielfältig d  So klingt die Gegenwart    Die freie Musiktheaterszene in Wien behauptet sich d  Kleine Bühnen, großes Theater!    Masken, Puppen und freie Gruppen d  Wiener Off-Theater    Ein Überblick über die Off-Theaterszene der Stadt


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Off-Theater

Szenen aus dem Off-Theaterstück „Hate Radio“ im

brut,

das international Aufsehen erregt

D

Off-Theater? Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen: Was hat die Wiener Theaterreform gebracht? Wie steht die freie Szene heute da?

Neue Gruppen und neue

Theaterplattformen in Wien Unabhängig von den exakten Zahlen und Details, welche die ExpertInnen von der Wirtschaftsuni im Sommer vorlegen werden, kann Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny schon jetzt feststellen: „Es sind neue Gruppen und neue Konzepte in Wiens Theatern zu sehen. Es wurde eine Umverteilung von größeren zu kleineren Häusern erreicht. Die gläserne Decke zwischen Freien Gruppen und festen Häusern ist durchlässig geworden. Und die Zusammenarbeit der Off-Theater und Mittelbühnen hat sich verbessert.“ Ausdruck dafür sind auch die neu gegründeten Plattformen. Da gibt es die „Plattform zeitgenössischer Theater- und Tanzhäuser“ (PZTT), die versucht, die Zusammenarbeit untereinander zu fördern und quasi zu institutionalisieren. „Das ist für die Freien Gruppen und Theater nicht immer einfach“, sagt Mailath. „Die bilden ja eine sehr heterogene Gruppe, deshalb ist es für sie naturgemäß eher schwierig, eine gemeinsame Linie zu finden. Trotzdem ist jede Form von Kooperation wichtig: um Infrastrukturen gemeinsam zu ­nutzen und Kooperationen zu

Fotos: Daniel Seiffert

Was kann das

ie Spannung steigt: Gerade wird die Theaterreform evaluiert. Die Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7) hat externe ExpertInnen beauftragt, sich die Zahlen genau anzusehen. Verglichen werden die Jahre 2004 (das letzte vor der Reform), 2007 (erste Wirksamkeit der Maßnahmen) und 2010 (aktuellste verfügbare Daten). Man möchte wissen, wie wirksam die neu entwickelten Förderinstrumente waren – aber ausdrücklich nicht die einzelnen Häuser und Gruppen vergleichen. Parallel werden momentan Mittel in der Konzeptförderung für die nächsten vier Jahre vergeben. Diese Art der mittelfristigen Förderung ist ein wichtiger Teil der Reform.


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v­ erwirklichen. Wir versuchen zu helfen, wo wir können. Aber wir mischen uns inhaltlich nicht ein. Wir wollen kein zentralistisches System, wo jemand von ganz oben definiert, was gut für die Theater ist.“ Auch die freien Musiktheater haben eine solche Plattform gebildet – und sie arbeitet gerade an einem schönen Projekt am Steinhof (siehe Artikel über die Musiktheater). Ein wichtiges Instrument der Wiener Theaterförderung (siehe Kasten) ist die langfristige Konzeptförderung. Über die eingereichten Anträge entscheidet eine unabhängige ExpertInnenkommission. In ihr ­sitzen Elke Hesse, die den Konzertsaal Augarten leitet und viel Erfahrung im Bereich der freien Produktion hat. Außerdem ist die Dramaturgin Angela Heide dabei, die als Mitglied im Kuratorium Theater und Tanz für die Projektförderung die AkteurInnen der Szene bestens kennt. Dazu kommen – als VertreterInnen der letzten Jury der Wiener Kulturbürobetreiber – Thomas Licek, und, ganz wichtig für einen unbefangenen Blick von außen, zwei Nicht-Wiener: Michael Stolhofer, Leiter der Szene Salzburg, und Amelie Deuflhard, Chefin des renommierten Hamburger Theater-, Performance- und Produktionszentrums Kampnagel.

Die Off-Theaterszene Wiens

Foto: Sarah Tabea Meier

hat sich enorm entwickelt

Und was meint die Expertin aus Hamburg zur Wiener Theaterszene? „Seit der Theaterreform und der Abschaffung des Gießkannenprinzips hat sich die Wiener Off-Szene enorm entwickelt“, sagt sie. „Weil mit ihr einzelnen Gruppen gezielt mehr Geld zur Verfügung gestellt wird. Das hat sich positiv auf die Qualität ausgewirkt und führte zu relativ gut ausgestatteten Häusern wie dem brut oder dem ­Tanzquartier. Im Tanzquartier wird seit Jahren systematisch die österreichische ­Tanzszene ­gefördert,

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Off-Theater

die sich so profilieren konnte. Auch wir in Hamburg arbeiten immer wieder intensiv mit dem Tanzquartier zusammen. Oder nehmen Sie die Wiener Performance-Gruppe God’s Entertainment: Die erregt internationales Aufsehen. Gleiches gilt für Alexander Nikolic, der gerade am WUK seine New Bohemian Gastarbeiter Opera inszeniert. Das sind Leute und Produktionen aus dem Off-Bereich, die international ausstrahlen.“ Internationale Ausstrahlung genießt unbestritten auch das Burg­theater, das bestausgestattete Theater der Welt. Was können die Off- und Mittelbühnen, was das Burgtheater nicht kann? „Im Gegensatz zu den immer noch etwas schwerfälligen Staatstheatern sind das Schnellboote“, sagt Deuflhard. „Sie können ­f lexibler reagieren, besser eine Art ­Labor herstellen, im besten Fall sind sie auch innovativer. Sie bieten, wie das brut, Freien Gruppen, die oft international vernetzt sind, Auftrittsmöglichkeiten und Infrastruktur für Produktionen. Leider können sie keine guten Gehälter bezahlen – und wie das brut, WUK oder die Garage X auch keinen Repertoirespielplan bieten. Das können die großen Bühnen besser, das ist auch eine ihrer wichtigen Funktionen. Off-Theater haben immer eine im Verhältnis ­schlechtere Ausstattung, wir müssen immer überlegen, wie wir mit unseren begrenzten Mitteln etwas Interessantes schaffen können.“

Neues Verhältnis zwischen Off- und Staatstheater

Bräuchte die Off-Szene mehr Geld? „Die finanzielle Ausstattung im Verhältnis zu den staatlichen Bühnen ist seit Jahrzehnten gleich schlecht. Die Kluft zwischen dem Burgtheater und zum Beispiel dem WUK bleibt einfach zu groß. Aber es gibt auch sonst im Leben keine gerechte Verteilung der Reichtümer. Daran können wir

„Im Gegensatz zu den etwas schwerfäl- ligen Staatstheatern sind Off-Theater Schnellboote“ Amelie Deuflhard, Leiterin des Hamburger Theaterzentrums Kampnagel

Theaterleute wenig ändern. Was wir tun können, ist unsere Zusammenarbeit zu verstärken. Das klappt international schon sehr gut. Auf lokaler Ebene steht uns der Konkurrenzgedanke oft noch im Weg. Man kann auch mit Nicht-Theater-Bereichen kooperieren wie zum Beispiel der Wissenschaft oder der Architektur. Manche ArchitektInnen arbeiten mit performativen Installationen, da gibt es Berührungspunkte zum Theater. Oder man setzt sich im Umfeld eines Theaterstücks aus dem Kongo mit soziologischen Erkenntnissen zum Kolonialismus und Postkolonialismus auseinander. Das beschäftigt die KünstlerInnen aus Afrika ja auch – und es würde zu unserem Verständnis ihrer Theaterarbeit beitragen.“

Die Off-Theater bringen

preiswürdige Produktionen

Theaterstadt Wien • Wien besitzt rund 120 Bühnen • täglich 70.000 Sitzplätze (Theater & Musik) • jährlich 5 Millionen Besucher • Mit knapp 100 Millionen Euro fördert die Stadt Wien die darstellende Kunst (inkl. Festwochen)

Wer gehört zu wem? • Bundestheater: Burgtheater, Volksoper, Staatsoper • Stadt Wien und Bund: Josefstadt, Volkstheater, Theater der Jugend • Vereinigte Bühnen Wien (Stadt Wien): Raimund Theater, Ronacher, Theater an der Wien

Förderstrukturen • Konzeptförderung: Vierjahresverträge im Theaterbereich (Jury): 14,2 Mio. • Kuratorenmodell für Projektförderung: 2,5 Mio. • Standortförderung (MA 7): 8,3 Mio.

Auch solche Sichtweisen sind typisch „off“: „Staatstheater arbeiten eben nicht wie wir mit Gruppen aus dem Kongo zusammen“, sagt Amelie Deuflhard. „Aber der tiefe Graben zwischen den freischaffenden KünstlerInnen und den festangestellten ist viel kleiner geworden. Das Ansehen der Off-Theater ist ­immens gestiegen – innerhalb wie außerhalb der Theaterszene.“ Das zeige sich auch daran, dass sich beim ­Theatertreffen in Berlin immer häufiger freie Produktionen mit den ­etablierten Bühnen um die beste Produktion des Jahres matchen. Und umgekehrt werden mittlerweile auch Off-Off-Truppen wie das Nature Theatre of Oklahoma ans Burgtheater eingeladen. Jan ­Lauwers, der Chef der belgischen Needcompany, ist zurzeit sogar ­Artist in Residence am ­Burgtheater und inszeniert dort auch. „Viele Grenzen haben sich verflüssigt“, sagt Amelie Deuflhard. „Das tut sowohl den freischaffenden KünstlerInnentruppen als auch den Staatstheatern gut.“ Text: Thomas Askan Vierich


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Off-Theater

Punkig, sperrig und lustvoll

Die Off-Bühnen Wiens werden mit ihren Produktionen immer ambitionierter: über die Möglichkeiten von radikalem Theater – und die Stärken von Off-Theater in der gesamten Theaterszene

as ist der größte Unterschied zwischen Off-Theater und städtischen oder staatlichen Bühnen? „Wir können subjektive Positionen einnehmen“, sagt die Wiener Theatermacherin Anna Maria Krassnigg vom Salon5. „Wir müssen keinen Gemischtwarenladen für unsere Abonnenten anbieten. Deshalb haben wir die Möglichkeit, ein radikales, sorgfältiges, unangepasstes Theater zu machen.“

Gloria Theater ein Theater in den Wiener „Außenbezirken“

Theater für ein Publikum mit neuen Erwartungen

Was Anna Maria Krassnigg vorschwebt und was sie seit fünf Jahren immer wieder auf die Bühne im Salon5 und anderswo bringt, ist weniger „gefällig“, ist kein Theater, das sich „gut verkauft“, entspricht nicht den Erwartungen einer bildungsbürgerlichen Stammklientel: „Mich interessiert Theater, das schmerzhaft und sperrig ist, das mir etwas eröffnet, was ich vorher noch nicht gesehen habe. Komplexe Inhalte in einer komplexen Form. Das ist schon so seit der Orestie von Aischylos.“ Regisseure wie Luc Perceval oder Christoph Marthaler haben sie geprägt. Sie hat Marthaler in ihrer ­Züricher Zeit erlebt, als der dort seine ersten großen Erfolge und Provokationen am Schauspielhaus feierte, während sie an der Gessnerallee inszenierte, einem führenden Off-Theater Zürichs. „Die haben eine sehr offene ­Theaterszene in Zürich, was man am Aufstieg Marthalers aus dem Off-Off-Bereich bis zum Intendanten des Schauspielhauses sieht. Das wäre in Wien in dieser Geschwindigkeit nicht möglich gewesen.“ Marthaler war von 2000 bis 2004 Intendant. Dann kam ­Matthias Hartmann, der das erregte Publikum wieder etwas besänftigen konnte, bis er 2009 ans Burgtheater wechselte,

Drachengasse kleine, feine Spielstätte in der Wiener City

wo er seitdem ein sehr ­erfolgreiches, wenn auch nicht immer ganz unumstrittenes („zu gefällig“) Programm macht. Anna Maria Krassnigg brennt für das Theater. Die Worte sprudeln bei unserem Treffen im Café Korb nur so aus ihr heraus. „Drama ist die dritte große literarische Gattung – und für mich die spannendste. Ein großer Text entfaltet auf der Bühne eine unmittelbare Wirkung.“ Deshalb ist sie keine Anhängerin des postdramatischen Theaters, das sich eher vom Text wegbewegt und oft mit improvisierenden ­Laien agiert, weil so der „Alltag“ auf der Bühne Einzug halte. „Aber der Text ist und bleibt entscheidend“, sagt Krassnigg. „Und die SchauspielerInnen – Profis, keine Laien. Nur über die Künstlichkeit kommt man zur Wahrheit.“ Das setzt sie in ihren Stücken um. Aktuell zum Beispiel in „­Camera Clara oder Wie man leben muss“: „Das habe ich mir selbst zum Jubiläum geschenkt“, sagt sie und lacht. „Der Text von Anna Poloni wirkt wegen seiner vielen Leerstellen zunächst kryptisch. Aber ich wollte herausfinden, wie viel Anstrengung ich unserem Publikum zumuten kann.“ Und siehe da: Die Vorstellungen sind immer ausverkauft – und es gab viele positive Besprechungen in der Presse.

Unerwartete Begegnungen

OFF-Theater in Wien http://salon5.at www.garage-x.at www.dastag.at www.hamakom.at www.drachengasse.at www.wennessoweitist.com

anstrengend, viel habe ich nicht verstanden, aber es hat mich berührt.“ Auf Nachfrage konnte die ­Theaternovizin die gesamte Geschichte des Stücks nacherzählen. „Sie hatte also sehr wohl verstanden“, sagt Krassnigg. „Sie fühlte sich nur eingeschüchtert von diesem ganzen bildungsbürgerlichen Ballast, der für sie und viele andere am Theater hängt. Ich finde man sollte den Satz ‚Ich verstehe nichts vom Theater‘ streichen. Gutes Theater versteht man auch ohne akademische Vorbildung. Alles andere ist kein gutes Theater.“ Auch hat sie keine Angst vor „Unterhaltung“, im Gegenteil. Viele ihrer Stücke sind sehr lustig. Aber eben nicht platt. Den 5. Geburtstag von Salon5 wird sie am 25.9. in der geräumigen Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik feiern: mit einer Galafassung ihres Erfolgsstücks „Power to Hurt“: „Das wird ein Filmtheaterkonzert mit 14 Songs von Christian Mair, gesungen von Raphael von ­Bargen.“ Da wird es um Shakespearemonologe und -sonette gehen: „punkig, ­sperrig, lustvoll“. Ein Konzept, das man von „Fool of Love“ kennt, der Vertonung von ­Shakespearesonetten am Burgtheater. „Das haben die uns geklaut“, lacht Anna Maria Krassnigg. Allerding gibt es gesungene Shakespearesonette auf vielen Bühnen im deutschen Sprachraum.

im Theater

Zwischen Mainstream und

Denn bei aller vorgeblichen „Sperrigkeit“: Das Konzept von Salon5 ist auch ein niederschwelliges. In der tollen Bar kann man mit Mitwirkenden über das eben Gesehene und Erlebte sprechen. Da kommt es zu spannenden Begegnungen – zum Beispiel mit einer Hausbesorgerin aus der Nachbarschaft. „Ich war noch nie im Theater“, sagte die Frau. „Es war sehr schön, aber auch

Anspruchsvolle Konzepte verfolgen auch andere Off-Bühnen mit Erfolg. Beispielhaft seien hier genannt: Garage X (siehe Artikel zum postmigrantischen Theater), das Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG), Nestroyhof-Hamakom, „wenn es soweit ist“, und das Theater Drachengasse. Die Drachengasse bewegt sich zwischen Avantgarde und Mainstream

jüdischer Theatertradition

Fotos: Andreas FRIESS / picturedesk, Gloria Theater

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Off-Theater

SPECIAL

Off-TheaterProduktionen von links nach rechts „Hamlet“ am TAG,

Ganymed Boarding im Kunst-

historischen Museum und „Disrupted“ im

Fotos: Teresa Zötl, Anna Stöcher, Helmut Wimmer, Nick Mangafas

Hamakom

und möchte wie der Salon5 „Theater für alle“ machen. Die aktuelle Eigenproduktion „Zuhause“ ist ein satirisches Stück über „verunsicherte Zeitgenossen, die in ihren kleinen Paralleluniversen Überlebenskämpfe mit sich und ihrer unmittelbaren Umgebung ausfechten“. Im Nestroyhof knüpfen Frederic Lion und Amira Bibawy an jüdische Theatertraditionen in der Leopoldstadt an. Ihr Ansatz ist auch immer dezidiert politisch. Neben Theaterproduktionen gibt es Lesungen und Diskussionen. Das TAG bietet junges, kurzweiliges Theater und ist ein echtes Kind der Wiener Theaterreform – wie die Garage X. Das TAG übernahm das Haus der „gruppe80“. Deren LeiterInnen Helga Illich und Helmut Wiesner übergaben ihr Haus nach 23 Jahren an eine jüngere Generation. Heute wird das TAG von Margit Mezgolich geleitet. Im Herbst wird die Erfolgsproduktion „Hamlet sein“ („Eine mittelschwere Sensation“, schrieb der Kurier: „‚Hamlet sein‘ ist die beste Wiener Theateraufführung seit Monaten“) fortgesetzt und eine weitere Klassik-Überschreibung von Gernot Plass zur Uraufführung kommen. „wenn es soweit ist“ planen eine Fortsetzung ihres Erfolgsprojekts „Ganymed Boarding“, wo sie im Kunsthistorischen Museum ­Gemälde szenisch umsetzten, diesmal am ­Theseustempel im Volksgarten. Theseus kehrt als Skulptur zurück – und das löst eine Menge Konnotationen aus. Theseus erschlug in der griechischen Mythologie den Zentaur – und steht symbolisch für den Sieg der Zivilisation über die Natur. Diese Symbolik – darf man annehmen – werden Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf gegen den Strich bürsten. Ein Theaternachmittag der etwas anderen Sorte. Text: Peter Badowien

Anna Maria Krassnigg vom

Salon5

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Off-Theater

Statt zu sterben, stampft der Schwan

Die Tanzszene in Wien hat sich in den letzten Jahren international etabliert. Die Stadt ist zu einem Zentrum des zeitgenössischen Tanzes geworden

eim ImPulsTanz ­Festival 2012 in Wien wird er wieder auferstehen, der sterbende Schwan, den Anna Pawlowa 1907 erstmals darbot. Mit schwarzer Lederjacke, Vollvisierhelm, Stiefeln und Tutu interpretiert die österreichische Tänzerin und Choreografin Doris Uhlich ihren „Rising Swan“. Zarte, zerbrechliche Ballettbewegungen und klassische Musik tauscht Uhlich im „Rising Swan“ gegen Popsongs der letzten dreißig Jahre ein, stampfend, wild um sich schlagend, sportelnd und mit DiscoMoves. Der Schwan hat sich verändert und auch der Tanz.

„Durch das Tanz- quartier wurde Wien einer der wichtigsten Orte in Europa für die zeitgenössische Choreografie“ Christine Gaigg, Choreografin

sich in Wien entwickelt hat“, wie Andrea Amort vom Wiener Kuratorium für Theater, Tanz und Performance erklärt.

Der Boom begann mit einem Haus für den Tanz

Zahlreiche KünstlerInnen erhalten heute kontinuierlich Unterstützung durch die Stadt Wien. Doch das war nicht immer so. Anfang der Achtzigerjahre schuf die Kulturabteilung MA7 ein eigenes Budget für Tanz und Performance und stellte damit die finanziellen Weichen für die damals aufblühende freie Tanzsze-

Wien hat eine große und wichtige Tanzszene

Zeitgenössischer Tanz und Performance nehmen heute eine wichtige Stellung in der Wiener Kunst- und Kulturszene ein und werden dementsprechend gefördert. Mehr als sieben Millionen Euro gab die Stadt Wien 2011 in Summe für Gruppen und Institutionen des zeitgenössischen Genres aus. Neben dem alljährlichen Höhepunkt in der Tanzszene, dem ImPulsTanz Festival, haben sich einige Orte für zeitgenössischen Tanz gebildet, allen voran das Tanzquartier Wien. Aber auch in Häusern wie dem WUK und dem brut sind Tanz und Performance in der Programmierung ein wesentlicher Faktor. Ein etablierter Ort für Tanz ist auch das Odeon Theater. „Prägend sind natürlich die KünstlerInnen selbst: Elio Gervasi und Willi ­Dorner aus der älteren Generation etwa, auch Daniel Aschwanden, der in der entstehenden Seestadt Aspern arbeitet, das französisch-österreichische Kollektiv Superamas, Anne Juren, Philipp Gehmacher und ­Doris Uhlich. Es ist mittlerweile eine sehr gefragte internationale Szene, die

ne. Während sich die Fördertöpfe mit der wachsenden Szene langsam vergrößerten und die Stadt in diverse Spielorte und Probelokale ­investierte, wurde der Ruf aus der Tanzszene nach einem eigenen Haus für den zeitgenössischen Tanz immer lauter. Nach langen Diskussionen schrieb die Stadtregierung 1998 in ihrem Regierungsprogramm den Bau eines Tanzquartiers fest, das zur Gänze von der Stadt Wien getragen werden sollte. Im Herbst 2001 öffnete das neue Tanzzentrum im Wiener Museumsquartier schließlich seine Tore. „Durch die Gründung des Tanzquartiers wurde Wien einer der wichtigsten Orte in Europa für die zeitgenössische Choreografie. Zum ersten Mal fand nicht nur ein ständiger Austausch zwischen den ChoreografInnen statt: Das Tanzquartier hat auch neue Begegnungen initiiert, etwa zwischen Tanz und bildender Kunst oder Wissenschaft“, sagt die österreichische Choreografin Christine Gaigg. Gaigg und die von ihr gegründeten Company 2nd nature, die mit einer Vierjahresförderung vom Kulturamt der Stadt Wien unterstützt wird, arbeitete zuletzt für das Stück „Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen“ mit dem Tanzquartier Wien zusammen. Auch tägliches Training und Theoriearbeit finden im Tanzquartier statt. „Ebenso steht der Dialog zwischen heimischen und internationalen KünstlerInnen im Mittelpunkt. Denn dieser trägt maßgeblich zur Weiterentwicklung der Kunstform bei“, sagt der künstlerische Intendant des Tanzquartiers, Walter Heun.

Im Netz des

zeitgenössischenTanzes

Phillip Gehmacher

in seinem Tanzstück „In Their Name“

Gerade der Austausch zwischen den KünstlerInnen ist es, der das

Foto: Eva Würdinger

B


„Kein Applaus für Scheiße“ zu Silvester wieder im

Fotos: Gina Tinte, Lucia Glass, Lennart Laberenz, Alexi Pelekanos

Die Produktion „Sensation“ im

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Off-Theater

SPECIAL

brut. „Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen“ von der Choreografin Christine Gaigg

Tanzquartier

­ edium vorantreibt, weiß Doris M Uhlich: „Kommunikation und Kollaboration sind besonders wichtig, denn durch sie werden neue Perspektiven geschaffen, im Tanz selber, aber auch in der Organisation und Vernetzung der Szene.“ Die Präsentations- und Interaktionsmöglichkeiten, die das Tanzquartier während des Jahres schafft, bietet das international anerkannte ImPulsTanz Festival im Sommer. Seit den frühen Achtzigerjahren trägt das Sommertanzfestival mit seinen Aufführungen und Workshop-Reihen maßgeblich zur Vernetzung zwischen den KünstlerInnen bei und bietet der freien Tanzszene eine international beachtete Bühne. Für die Aktivitäten des mittlerweile größten europäischen Tanzfestivals für zeitgenössische Tanzkunst,

und die Tänzerin und Choreografin

das heuer vom 12. Juli bis zum 12. August stattfindet, stellt die Stadt Wien jährlich rund 1,85 Millionen Euro zur Verfügung. Dass diese sich bezahlt machen, weiß ­C hristine Gaigg: „Allein die Besucherzahl spiegelt die Bedeutung des Festivals wider. Das Publikum, das Interesse am ­zeitgenössischen Tanz zeigt, ist riesig und während des Jahres so nicht vorhanden.“

Verschiedene Kunstformen im Tanz vereinen

Spielte ImPulsTanz zu Beginn noch in kleineren Häusern, wie dem Schauspielhaus, werden in den letzten Jahren die Staatsoper oder auch das Burgtheater mit Tanzproduktionen mühelos gefüllt. Neben den internationalen Größen, die

Doris Uhlich

mit einem Accessoir ihres Stückes „Rising Swan“

das Festival nach Wien bringt, sind inzwischen ebenso viele Wiener ­ChoreografInnen eingebunden, was die freie Tanzszene Wiens nachhaltig belebe, sagt Gaigg. Als Tanzpädagogin schätzt ­Doris Uhlich diesen Effekt: „Ich gebe selber Kurse, besuche aber ebenso die Kurse anderer PädagogInnen, um Neues kennenzulernen.“ Neben dem ImPulsTanz Festival findet in Wien jährlich imagetanz statt, das Tanzfestival des Koproduktionshauses brut Wien. „imagetanz ergänzt das ImPulsTanz Festival, denn es ist auf die Nachwuchsförderung noch unbekannter Tanz- und PerformancekünstlerInnen fokussiert und somit eine wichtige Bereicherung der ­Szene“, erklärt der künstlerische CoLeiter und Geschäftsführer des brut, Thomas Frank.

Tanz und Performance nehmen im brut eine zentrale Stellung ein, sagt Frank: „ Im Unterschied zu den anderen Tanzzentren versuchen wir verschiedene Kunstströmungen in unserem Programm zu vereinen. Ebenso steht die Verschränkung von zeitgenössischer darstellender Kunst mit popkulturellen Formaten im Mittelpunkt.“ Das vielfältige und qualitätsreiche Angebot an Tanz und Performance zeigt, dass aus Wien in den letzten dreißig Jahren ein „rising swan“ der internationalen freien Tanzszene geworden ist. Einen wichtigen Beitrag dazu haben sicher gezielte Subventionen geleistet. Zu hoffen bleibt, dass die Fördermittel durch die Stadt auch in Zukunft in vergleichbarem Ausmaß erhalten Text: Martina Weinbacher bleiben.


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Off-Theater

Das Erfolgsstück

Die Reise

am Wiener Volkstheater

Raus aus dem Klischee, rein in die Kunst

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reißig MigrantInnen umarmen sich. Dann erzählen sie von ihrer Flucht nach Österreich und ein bisschen davon, wie es ihnen hier seitdem ergangen ist. Manchmal tanzen sie auch oder joggen auf der Stelle, um ihre Flucht zu symbolisieren. Sie kommen aus Japan, Argentinien, Polen, Irak oder Somalia. Ein Schwarzafrikaner erzählt, dass er seit zwölf Jahren in Österreich lebt und seit zwölf Jahren nicht mehr mit seinen Eltern in Afrika telefoniert hat. Warum er das nicht getan hat, erzählt er nicht. Auch nicht, warum er geflohen ist. Aus politischen Gründen? Hatte er Streit mit seiner Familie? Hat sie ihn

verstoßen? Hat er gar ein Verbrechen begangen? Nein, das erzählt er alles nicht. Leider. Aber sonst würde dieser Abend im Volkstheater wohl nie enden. 27 Mal hat man dort „Die Reise“ gespielt. Damit hatte niemand gerechnet, als sich Volkstheaterchef Michael Schottenberg entschloss, das Stück gemeinsam mit der ­Theatergruppe „wenn es soweit ist“ zu produzieren.

MigrantInnen erzählen auf der Theaterbühne

„wenn es soweit ist“ wurde vom ehemaligen Burgschauspieler Peter Wolf und seiner Frau Jacqueline

Kornmüller gegründet. Ihre Spezialität ist es, mit „echten“ Menschen und nicht mit SchauspielerInnen zu agieren. Am Schauspielhaus Hamburg haben sie ein Stück mit SeniorInnen über das Alter gemacht. Ihre DarstellerInnen fanden sie recht schnell über eine Annonce im ­Hamburger Abendblatt. „MigrantInnen zu finden, die offen über ihr Schicksal sprechen, war nicht so einfach“, erklärt Peter Wolf. „Die haben andere Probleme, als sich auf eine Bühne zu stellen.“ Doch über Asylanwälte und das Flüchtlingsprojekt von Ute Bock fanden sie dann doch ihre LaiendarstellerInnen, sie casteten über 300, wählten 30 aus,

die sie ausführlich interviewten und für ihre „Rolle“ coachten. 30 MigrantInnen fast 30-mal auf der Bühne des ausverkauften Volkstheaters: Das haben viele als großen Erfolg des „postmigrantischen“ Theaters gefeiert. Ein Begriff und ein Konzept, das die rot-grüne Wiener Kulturpolitik und auch viele Theaterschaffende stark propagieren. „Wir wollen für die WienerInnen mit Zuwanderungsgeschichte Schwellen abbauen, sie ihre Geschichten erzählen lassen“, sagt der grüne Kultursprecher Klaus Werner-­Lobo. Deswegen wurde von der Stadt Wien auch die Produktion „Die Reise“ gefördert. Aber ist „Die

Fotos: Helmut Wimmer

Die Stadt Wien fördert gezielt „postmigrantische“ Ansätze im Theater. Große Erfolge in dieser Richtung waren die Reihe „Pimp My Integration“ in der Garage X und „Die Reise“ im Volkstheater


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Reise“ wirklich schon „postmigrantisch“? Wohl eher „migrantisch“. Für Schottenberg und viele begeisterte ZuseherInnen ist es ein bewegender Theaterabend, für KritikerInnen wie Anna Maria Krassnigg vom Salon5 eher ­„Sozialpornografie“: „Hier werden Menschen ausgestellt.“ Peter Wolf sagt, vielen Mitwirkenden hätte das Projekt Mut gemacht, ihnen Selbstbewusstsein zurückgegeben. Theater als Therapie? Wohl auch für die ZuseherInnen, vor allem, wenn am Ende Ute Bock die Bühne betritt und unter Applaus für mehr „Freundlichkeit“ im Umgang mit MigrantInnen wirbt. Mehr will sie gar nicht (mehr). Selbst das scheint aber schon zu viel verlangt zu sein, wie ihre aktuellen Erfahrungen an ihrem neuen Standort in Favoriten zeigen: Dort will man sie und ihr Flüchtlingsheim am liebsten wieder los sein. Und in Zeiten der „Krise“ spare man natürlich auch an finanzieller Unterstützung für Flüchtlinge, beklagt sie. Da scheint Therapie und Aufklärung bitter nötig zu sein. Zumindest sollte man sich kennenlernen. Das kann man bei einem Besuch von „Die Reise“. Aber vermutlich haben sich das Stück nur wenige Ute-BockGegner aus Favoriten angesehen.

Berlin: Es zeigt den Alltag einer sehr gemischt-ethnischen Schulklasse, die erst ihre Lehrerin drangsaliert – und dann von ihr drangsaliert wird: Mit einer Pistole in der Hand zwingt sie ihre SchülerInnen Schiller zu spielen, um sich selbst zu begegnen. Diese Inszenierung von Volker Schmidt ist mehr als ein Stück über Xenophobie oder das Machogehabe von MigrantInnenkindern. Es zeigt, dass wir eigentlich schon viel weiter

sind. Sein müssten. Alle Aspekte der „Ausländer“-Diskussion kommen vor: die Unterdrückung moslemischer Frauen, die Doppelmoral moslemischer Männer, die Einforderung von Respekt von Leuten, die selbst am wenigsten Respekt zeigen. Das meiste davon brüllt die Lehrerin ihren Schülern mit gezückter Pistole ins Gesicht. Was ihre Aussagen in ein zweifelhaftes Licht stellt. Trotzdem könnte sie Recht haben.

Postmigrantische Produktionen: „It’s my Life“ von Wiener Wortstätten und „Wie Branka sich nach oben putzte“ von daskunst

Theaterhaus entstehen?

schem Hintergrund

Fotos: Yasmina Haddad, Martin Vukovits, daskunst / Bernhard Mrak

Vor allem, als sie ihren SchülerInnen beizubringen versucht, dass sie aus ihrer Opferrolle herauskommen müssen. Und es funktioniert: Sie machen irgendwann freiwillig mit und werden zu selbstbewussten jungen Männern und Frauen. Zumindest, wenn sie auf der Bühne stehen. Am Ende sagt Hasan, der Kurde, das klassische „Opfer“: „Das Einzige, was an dieser Schule funktioniert, ist die Bühne. Wir spielen Theater. Aber was wird aus mir, wenn das hier vorbei ist? Ein echter Erfolgskanake? Wie viele Erfolgskanaken erträgt dieses Land? Außerdem bin ich gar kein Kanake, meine Mutter ist Italienerin.“ Plötzlich spricht also der Schauspieler Paul Brusa. Das ist klassisch „postmigrantisch“: Es zeigt die lächerliche Schubladisierung von Menschen mit „migrantischem Hintergrund“, wie man neuerdings politisch korrekt „Gastarbeiter“, die keine sind, nennt. Ein türkischer „Tatort“-Kommissar ist noch keine gelungene Integration.

Wird ein postmigrantisches

Theater vor postmigranti- „Die Reise“ ist auch ein Schritt hin zum echten „postmigrantischen“ Theater. Das wäre ein Theater, wo SchauspielerInnen mit migrantischem Hintergrund auftreten und ihren postmigrantischen Alltag in Österreich spielen. Als Selbstverständlichkeit, weil dieser Alltag zum Alltag aller ÖsterreicherInnen gehört. „Irgendwann wird auch eine Ayse oder eine Vesna auf einer österreichischen Bühne die Julia spielen können, ohne dass das einen mittleren Theaterskandal auslöst“, sagt Asli Kislal, die von Oktober bis Februar in der Garage X mit „Pimp My Integration“ eine ganze Reihe zu den Möglichkeiten des postmigrantischen Theaters kuratiert hat. Nationale und internationale Produktionen waren zu Gast. Das herausragende Stück war sicher „Verrücktes Blut“ vom Ballhaus Naunystraße in

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Off-Theater

Das postmigrantische Stück „Verrücktes Blut“ in der Garage X

„Nach wie vor werden auch KünstlerInnen der zweiten und dritten Generation vorwiegend in klischeehafte Rollen und Positionen gedrückt“, konstatiert Harald Posch von der Garage X. „Wir hoffen, dass uns unsere Projektreihe ein Stück näher ans Ziel gebracht hat, ein ‚wir‘ und ‚die‘ zu überbrücken“, sagt Asli Kislal. „Pimp My Integration“ sollte auch darüber Auskunft geben, was besser nach Wien passt: Ein postmigrantisches Theaterhaus wie das Berliner Ballhaus Naunystraße oder ein Fonds, mit dem verschiedene „migrantische“ Theaterprojekte gefördert werden könnten. Die Haltung des Kulturstadtrats scheint eine klare Tendenz zu haben: „Es geht darum, eben genau keinen ‚migrantischen‘ Kulturraum zu schaffen – also einen, in dem die MigrantInnen in ein Ghetto abgeschoben werden und dort ‚ihre‘ Kultur pflegen.“ Vielmehr gehe es darum, das hinter uns zu lassen, also „postmigrantisch“ zu denken, anzuerkennen, dass die WienerInnen zu 40 Prozent zugewandert sind und dass wir in einer gemeinsamen Kultur leben. Text: Thomas Askan Vierich


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Off-Theater

Kinder, das ist ein Theater!

Die Theaterszene für Kinder in Wien bietet eine vielfältige Palette an unterschiedlichsten Spielformen – vom Puppentheater bis zum Theater, bei dem man selbst mitmachen kann

er zehnjährige Tim mag es, wenn es spannend wird. Dann hält ihn nichts mehr auf seinem Sessel und er würde am liebsten auf die Bühne springen. Sein kleiner Bruder nimmt die Spannung gelassener und freut sich dafür, wenn gesungen wird. So unterschiedlich Kinder auch sind – ins Theater gehen fast alle gern.

Puppentheater bezaubert Kinder immer wieder neu

„Kinder erleben Theater aktiv. Sie sehen sich selbst in einer Figur und machen keinen Unterschied zwischen Bühne und Realität.“ ­Andreas Moritz weiß, wovon er spricht. Er arbeitet im Figurentheater Lilarum, und hier wird seit über dreißig ­Jahren Theater für Kinder ab drei Jahren gemacht. Das Besondere: bekannte KünstlerInnen leihen den Puppen auf der Bühne ihre Stimmen. Zu einer Tonbandaufnahme bewegen dann fünf SpielerInnen die Figuren. Dieser außergewöhnliche Ansatz wurde von Lilarum-Gründerin Traude Kossatz begründet. Die Aufnahme gibt buchstäblich den Ton an: „Wir haben keine Möglichkeit, etwas zu wiederholen.“ Was 1980 als Wanderbühne begann, ist mittlerweile dauerhaft sesshaft geworden. „Heuer feiern wir unser 15-jähriges Jubiläum in der Göllnergasse im dritten Bezirk“, sagt Andreas Moritz. Noch heute leitet Traude Kossatz zusammen mit ihrem Sohn Paul das Theater, in dem über 350 Vorstellungen im Jahr gespielt werden. Pro Saison kommen zehn Stücke auf die Bühne, jede Produktion läuft etwa einen Monat lang. „Ein bis zwei Stücke pro Spielzeit sind neu“, so Moritz. Mittlerweile hat das Lilarum 25 Produktionen im Repertoire. Manche Geschichten beruhen auf

Kinderbuchvorlagen, andere wurden eigens für das Lilarum entwickelt. „Unser ältestes Stück im Programm stammt aus dem Jahr 1984.“ So haben sich über die Jahre auch eine ganze Menge Puppen angesammelt. „Wir spielen alle Stücke mit den Originalpuppen, die im Keller aufbewahrt werden“, erzählt Moritz. „Unser Depot platzt mittlerweile aus allen Nähten.“ Alle im Lilarum verwendeten Figuren sind liebevoll selbst entworfen und in der hauseigenen Theaterwerkstatt gebaut. Ebenso vielfältig wie die Charaktere in den auf der Bühne erzählten Geschichten sind auch die Anforderungen an die einzelnen Puppen. So gibt es beispielsweise Handpuppen, Stabpuppen, Klappmaulpuppen, Stockpuppen, Röhrenpuppen oder Maskenfiguren. Diese Figuren zum Leben zu erwecken ist für die PuppenspielerInnen gar nicht so einfach, wie es für die ZuschauerInnen aussieht – beim Bewegen der Figuren ist viel Taktgefühl gefragt. Nach Ende der Sommerpause können ab Mitte September wieder die Puppen und ihre Geschichten vor Ort bestaunt werden.

Feiert sein 15-jähriges Jubiläum: das Puppentheater Lilarum

Kinder stehen als Schauspieler auf der Bühne

Ebenfalls im September finden die Aufführungen der Hauptproduktion des Wiener Kindertheaters im Studio Molière in der Liechtensteinstraße statt. Heuer gibt es „Der Verschwender“ von Ferdinand Raimund. Das Besondere: Hier sind Kinder im Alter von 5 bis 18 Jahren die SchauspielerInnen und stehen auf der Bühne. „Kinder haben eine andere Energie als Erwachsene. Sie stehen den Dingen offen gegenüber, es wird noch nichts negativ gefiltert“, sagt Sylvia Rotter, Leiterin des Wiener Kindertheaters. Die Schauspielerin und Produzentin hat das Theater 1994 gegründet: „Es ist schön, Kinder zu begeistern.“ Jedes Jahr wird ein anderes Stück einstudiert, das im Herbst auf die Bühne kommt. „Wir spielen in Abstimmung mit den Kindern ­eigentlich immer Komödien“, ­erzählt Rotter. „Die Kinder suchen sich auch selbst ihre Rolle aus. Wer allerdings einmal eine große Rolle spielt, muss danach eine kleine Rolle übernehmen.“ Geprobt wird einmal wöchentlich von Ende Jänner bis Mitte Juni, dann gibt es erste Schulvorstellungen im Theaterbrett. Nach der Sommerpause startet die Hauptaufführungszeit im September: etwa 15 Vorstellungen vor jeweils 250 Personen. Während der ganzen Zeit werden die jungen SchauspielerInnen von ExpertInnen unterstützt. „Unser Rahmenprogramm ist professionell. Abseits vom immens wichtigen spielerischen Element lernen die Kinder bei uns auch ein Stück weit das Handwerk.“ Und nicht nur das. Ganz nebenbei werden die Kinder beim Theaterspiel sprachlich, sportlich und sozial gefördert. „Spielen ist Lernen“, betont Sylvia Rotter. „Die Kinder sind mit Begeisterung dabei und merken

gar nicht, dass sie etwas lernen. Wir bemühen uns, ihnen Impulse für das Leben mitzugeben.“

Lehrlinge spielen Romeo und Julia auf der Bühne

Die positiven Effekte des Theaterspiels zeigt Rotters Verein „Schule für das Leben“ im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie auf (www.schulefuerdasleben.org). Das in diesem Kontext durchgeführte Theaterprojekt mit Lehrlingen der SPAR-Akademie war ein so großer Erfolg, dass ab Herbst 2012 ein Modul „Theater“ in die Lehrlingsausbildung aufgenommen wird. „Unsere beiden Aufführungen von ‚Romeo und Julia‘ gipfelten in Standing ­Ovations“, so Rotter, „alle Lehrlinge haben eine große Freude an der Sprache entwickelt, obwohl für mehr als die Hälfte Deutsch nicht ihre Muttersprache ist.“ Jeweils im Frühjahr und Herbst veranstaltet das Wiener Kindertheater Workshops, in denen interessierte Kinder das Theaterspiel für sich entdecken können.

Theaterleute arbeiten mit Kindern im Dschungel

Entdecken steht auch im „Dschungel Wien – Theaterhaus für junges Publikum“ im Vordergrund, und zwar das Entdecken von Kunst und Kultur. Das Besondere: Der Name ist gleichzeitig das Konzept und repräsentiert die Vielfältigkeit der unterschiedlichen Kunstformen. Ob Schauspiel, Oper, Tanztheater, Musiktheater, Figurentheater oder Installationen – der Dschungel Wien versucht mit seinem Programm, dem Publikum ein breites Spektrum anzubieten. „Wir haben ungefähr 600 Vorstellungen pro Saison, ein Drittel der etwa 90 Produktionen sind Premieren“, sagt Stephan Rabl,

Foto: LILARUM

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Off-Theater

SPECIAL

Angebote für Kinder DSCHUNGEL WIEN – Theaterhaus für junges Publikum www.dschungelwien.at Heuschreck – Theater für Klein & Groß www.heuschreck.at Kabarett Niedermair – Kindervorstellungen www.niedermair.at Märchenbühne „Der Apfelbaum“ – Figurentheater für Kinder www.maerchenbuehne.at Marionettentheater Schloss Schönbrunn – Puppenspiele im Schloss www.marionettentheater.at

Hier sind die Kinder selbst Akteure: Am

Wiener Kindertheater

moki – mobiles Theater für Kinder www.theater-moki.at spielen sie Stücke wie „Der Talisman“ Theater der Jugend – Theater für Kinder und Jugendliche ab 6 Jahren www.tdj.at Theater Lilarum – Figurentheater für Kinder ab 3 Jahren http://lilarum.at Das Wiener Kindertheater – Kinder spielen Theater www.kindertheater.com wienXtra – Kinderinfo www.wienxtra.at/kinder www.kinderwiki.at WUK – Kinderkultur, www.wuk.at ZOOM – Kindermuseum im Museumsquartier www.kindermuseum.at

Fotos: Bill Lorenz, Rainer Berson, LILARUM

Für junge Menschen zwischen 2 und 18 Jahren bieter der künstlerischer Leiter des Hauses im MuseumsQuartier. Die restlichen Produktionen kommen aus der Vorsaison, sind Gastspiele oder auch Koproduktionen. „Wir wollen den Kindern möglichst viele verschiedene Facetten von Theater zeigen und ihnen damit die Möglichkeit geben, für sich selbst rauszufinden, was sie interessiert.“ Das Angebot des Dschungel Wien richtet sich an junge Menschen

Dschungel Wien

zwischen 2 und 18 Jahren. So groß die Altersspanne auch ist, der Zugang ist trotzdem ähnlich: „Wir versuchen, Sachen punktgenau für eine bestimmte Altersgruppe zu machen, das heißt, wir fragen uns, was wir den Kindern wie nahebringen können“, erläutert Rabl. „Bei Zweijährigen sind das beispielsweise eher kurze, meist atmosphärische Stücke.“ Der Erfolg gibt der Idee Recht: Seit der Gründung 2004 hat sich das

alles: hier das Stück „Die Wette“ Publikum verdoppelt. Und wer auch während der Sommerpause im Juli und August nicht auf Theater verzichten will, für den gibt es Workshops und mehrtägige Sommerateliers: „RegisseurInnen, AutorInnen und ChoreografInnen arbeiten etwa in den Bereichen Hip-Hop, Theater, Tanz oder Mode mit den Kindern.“ Vielseitig eben, wie es sich für einen echten Dschungel gehört. Text: Claudia Stieglecker

Kirango – Kinderveranstaltungen der Büchereien Wien www.kirango.at


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Off-Theater Die Produktion „Woyczeck“ von

Neue Oper Wien

So klingt die Gegenwart

Moderne Opern, neue Musikformen, aber auch Musicals – die freie Musiktheaterszene in Wien behauptet sich neben Staatsoper, Volksoper und dem Theater an der Wien und setzt neue musikalische Impulse in der Stadt

tellen Sie sich vor: In der Aufführung eines zeitgenössischen Musikdramas sitzt ein indischer Einwanderer mit seinem zwölfjährigen Sohn und beider Augen leuchten. Am nächsten Tag gehen sie gleich noch in eine andere moderne Operninszenierung. So geschehen bei den Rotterdam Operadagen, die der Wiener Komponist und Regisseur Thomas Desi gerade besucht hat. In Rotterdam gibt es kein Opernhaus. Dafür die Festspiele für zeitgenössisches Musiktheater, die

„Mich interessierte, auf der ­musika- lischen Ebene von Opern einzugreifen – das war neu“ Thomas Desi, Komponist und Regisseur

Intendant Guy Coolen „Operntage“ nennt, obwohl er gar keine Opern im klassischen Sinn aufführt. „Ich habe ihn gefragt, warum er sein Festival trotzdem so nennt“, erzählt Desi. Coolens Antwort: Weil sein Publikum das unter Oper versteht, was er ihnen jedes Jahr anbietet: rund 40 zeitgenössische Musiktheaterstücke in drei Tagen. Mit viel Musik, manchmal auch mit Arien, öfter mit Rezitativen, immer mit viel Theater, Schauspiel und vor allem: mit einem klaren Bezug zur Gegenwart.

Neue Formen des

Musiktheaters in Wien „Das klassische Opernrepertoire ist keine lebendige Kunstform“, sagt Desi. „Sie wirft keinen Blick mehr auf unsere Gegenwart. In die Staatsoper zu gehen ist wie ein Besuch im Kunsthistorischen Museum.“ Dagegen hat Desi gar nichts. Er hat allerdings andere Ansprüche. „Ich möchte keine Parallelwelt zur Staatsoper bauen – solche Ansätze hat es früher in Wien gegeben, das hat aber nicht geklappt, das kann auch gar nicht

Foto: Armin Bardel

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Fotos: Foto Palffy, Armin Bardel, Rare Auld Times Entertainment

funktionieren, dazu ist Oper einfach zu aufwendig und teuer. Das kriegt man nur an der Staatsoper oder ähnlich ausgestatteten Häusern hin. Wir versuchen etwas anderes, wir versuchen, neue Dinge im Musiktheater zu schaffen.“ Wie das aussieht, kann man an den aktuellen Inszenierungen des ZOON Musiktheaters sehen, das Desi leitet. „Das Budapest Verhör“ zum Beispiel ist ein „Noir melodrama“ für eine Solostimme. Die Hauptfigur ist der legendäre ungarische Filmstar Katalin Karády (1910–1990), die 1938 mit dem Film „Halálos Tavasz“ berühmt wurde und im Krieg vielen ungarischen Juden zur Flucht verhalf. 1942 wurde sie von der Gestapo verhaftet – und überlebte. Desi benutzt die Originalfilmmusik aus „Halálos Tavasz“ und Texte aus Karádys Autobiografie sowie von Zeitzeugen für ein beklemmendes Psychodrama, das er mit Vorliebe in Privatwohnungen aufführt – bislang in Budapest. Im Dezember sind Aufführungen in Wien geplant. Gesungen wird nicht, aber die Musik ist „das treibende Element“, Desi nimmt „Melodram“ also wörtlich. In „Der ungarische Faust“ inszeniert er ein Stationendrama, wieder eine authentische Geschichte, diesmal eine Flucht aus Ungarn am Ende des Zweiten Weltkriegs, das er im Herbst rund um einen Güterwaggon im Hof der Ankerbrotfabrik aufführen wird. Die Musik stammt aus der FaustSinfonie von Franz Liszt, von Desi umgeschrieben für ein Disklavier, das ist ein Konzertflügel, bei dem sich die Tasten von einem Motor getrieben bewegen. Außerdem wird in der Garage X im September das Psychodrama „Tactics“ zur Aufführung kommen. Darin geht es um einen aus dem Irak heimgekehrten Marine. Die Musik beruht diesmal auf Monteverdis „Die Heimkehr des Odysseus“ – umgeschrieben für eine Rockband.

Die Plattform „Freies Musiktheater Wien“

Thomas Desi hat Ende der Achtzigerjahre damit angefangen, Opern zu bearbeiten, zum Beispiel die

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Off-Theater

SPECIAL

„Traviata“ für ein Salonorchester oder „Madame Butterfly“ für fünf Konzertflügel. „Mich interessierte auf der musikalischen Ebene von Opern einzugreifen – das war neu. Denn die Opernpartituren sind ja gemeinhin sankrosankt.“ Desi ist auch gemeinsam mit ­Georg Steker von der Opern-Company progetto semiserio Mitgründer der Plattform „Freies Musiktheater Wien“: „Wir sind mittlerweile zwölf Gruppen. Und vereint, weil wir alle keine feste Spielstätte haben. Das ist unser größtes Problem. Wenn man durch die Stadtlandschaft mäandert, erschwert das die Sichtbarkeit. Wir versuchen unsere Kräfte zu bündeln, um unsere knappen Ressourcen besser einzusetzen.“ Am 21./22. September wird die Plattform in der Expedithalle der ehemaligen Ankerbrotfabrik über den „Stand der Dinge“ berichten.

Neue Opern aus dem 21. Jahrhundert

Auch der Dirigent Walter Kóbera, Chef der Neuen Oper Wien, ist Mitglied dieser Plattform. Seine Gruppe hat sich seit 1990 auf modernes Musiktheater spezialisiert, „um dem damaligen Mangel an zeitgenössischer Oper abzuhelfen“. Gespielt werden ausschließlich Werke des 20. und 21. Jahrhunderts: Neuentdeckungen, Uraufführungen und österreichische Erstaufführungen. Zum Beispiel schreibt Kóbera die anhaltende Wiener Britten­Begeisterung, die dann auch Einzug ins Theater an der Wien gehalten hat, seiner Neuen Oper zu. „Wir haben ‚Billy Budd‘ 1996 erstmals ins Österreich aufgeführt.“ Auch die erste szenische Umsetzung von Lachenmanns „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ erregte 2003 internationales Aufsehen. Die Neue Oper hat kein fixes Ensemble und keine eigene Spielstätte: „Das hält uns unbelastet und flexibel“, sagt Walter Kóbera. So ist er praktisch gezwungen, nicht nur neue Klangwelten, sondern auch neue Räume für die Oper zu erschließen. Das können das Odeon, das Semper-Depot, die Bank Austria Halle im Gasometer, eine Remise, das Jugendstiltheater oder die Alte Werft in Korneuburg

Die Inszenierung „Das Budapester Verhör“ des Zoon Musiktheaters

„Wir haben in Wien ­dem Mangel an zeitgenössischer Oper abgeholfen“ Walter Kóbera, Chef der Neuen Oper Wien

Sieht sich als „Uraufführungsmotor“: das sirene Operntheater

Eine Legende in Hernals: das Vorstadttheater Metropol

sein. Anfang Oktober wird man „Le Grand Macabre“ von György Ligeti in der Halle E im Museumsquartier zur Aufführung bringen, im März 2013 folgt „Curlew River / The Prodigal Son“ von Benjamin Britten in der Wiener Kammeroper. Als „Uraufführungsmotor“ versteht sich das sirene Operntheater, ebenfalls Mitglied der Plattform. Seine Basis hat das Ensemble seit 2009 in der Ankerbrotfabrik. Man gibt Gastspiele zum Beispiel am Tiroler Landestheater oder auf der Musikbiennale in Zagreb. Im September wird man mit „Türkenkind“ in der Ägyptischen Nationaloper Kairo zu Gast sein. Am 3.12.2012 wird „MarieLuise“, eine Kammeroper von Gernot Schedlberger und Kristine Tornquist, die gemeinsam mit Jury Everhatz sirene leitet, Premiere haben. Es geht um ein siamesisches Zwillingspaar.

Musicals, Kabaretts und Konzerte im Gastgarten

Neben der großen und kleinen Oper – mit und ohne Gesang, mit oder ­ohne Rockband – bietet die freie ­Musiktheaterszene aber auch „leichtere“ Kost – allen voran im Metropol, einem traditionellen Vorstadttheater in Hernals. Im Großen Saal mit 700 Stehoder 550 Sitzplätzen kommen internationale und nationale Musicalproduktionen, Kabaretts und Konzerte zur Aufführung. Das ehemalige Hernalser Stadttheater mit 100 Sitzplätzen kann man auch für Privatvorstellungen mieten. Und in der warmen Jahreszeit wird draußen auf einer Pawlatschenbühne im Gastgarten gespielt. Das Metropol hat eine lange Geschichte: Es wurde schon vor über 100 Jahren bespielt – mit ausgesprochen volkstümlichen Veranstaltungen, zu denen auch Ringkämpfe zählten. Zu sportlichen Treffen kommt es heute nicht mehr, dafür gastieren im September die legendären Dubliners eine Woche lang, und im Oktober wird das Rat-Pack-Musical „Strangers in the Night“ mit Andy Lee Lang gespielt – im Februar 2013 folgt dann das Musical „Die Zähmung des Widerspenstigen“. Text: Thomas Askan Vierich

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Off-Theater

Kleine Bühnen, großes Theater

Masken, Puppen und Spielräume für freie Gruppen: Die Stadt Wien fördert die Vielfalt der Wiener Theaterszene

Berührendes Theater

ohne Worte

Im Stück „Amour Fou“ werden drei im Alltagstrott gefangene Beamte mit der Ankunft einer jungen Kollegin konfrontiert. Jahrelange Routinen werden aufgebrochen und durch hoffnungslose Schwärmereien ersetzt. Das Publikum folgt den tollpatschigen Annäherungsversuchen der Figuren und bekommt auch ohne Worte einen tiefen Einblick in deren Charaktere. „Der Inhalt des nonverbalen Spiels wird über das subjektive Erleben wahrgenommen“, erklärt Autor und Regisseur Martin Schwanda. Sprachbarrieren gebe es dadurch keine: „Mich begeistert es, wenn Kunst etwas ist, das verbindet und nicht spaltet.“ Im Maskentheater treten die SchauspielerInnen in den Hintergrund. Im Fokus des ­Publikums

steht die Figur. „Sonst gehen die Leute oft ins Theater mit dem Gedanken: Wie spielt die Schauspielerin XY die Rolle?“, erklärt er. Noch weniger Aufmerksamkeit wird den SchauspielerInnen bei Produktionen des 24-jährigen Nikolaus Habjan zuteil. In seinen Stücken spielen lebensgroße Klappmaulpuppen die Hauptrolle. „Puppentheater hat mich schon als Kleinkind unglaublich fasziniert. Das ist eine ganz eigene Art des Verzaubertwerdens“, sagt Habjan. „Die Grenzen der Darstellung sind viel weiter gezogen als die des Schauspiels.“ So stirbt beispielsweise eine Puppe auf der Bühne viel authentischer, als es SchauspielerInnen darstellen könnten.

Infos www.scaramouche.at http://nikolaushabjan.wordpress.com http://schuberttheater.at http://palaiskabelwerk.at www.wuk.at www.gloriatheater.at www.englishtheatre.at

Im Wiener Schuberttheater, einem ehemaligen Pornokino an der Währinger Straße, hat Habjan eine Bühne für seinen Kindheitstraum gefunden. Mittlerweile erregen seine Stücke große Aufmerksamkeit. Zuletzt durch die Aufarbeitung der Lebensgeschichte von Friedrich Zawrel, der während des Zweiten Weltkriegs als Kind vom damaligen Anstaltsarzt Heinrich Gross misshandelt wurde. Habjan hat sich monatelang mit Zawrels tragischer Lebensgeschichte beschäftigt: Denn Zawrel, der nach dem Krieg nie richtig auf die Beine kam, während Gross weiter praktizieren konnte, traf 1975 noch einmal auf seinen Peiniger. Der brachte mit einem negativen ärztlichen Gutachten Zawrel in den Häfen nach Stein. In einem Berufungsverfahren durfte Gross zwar „Kindermörder“ genannt werden, seine Taten waren aber verjährt und politische Seilschaften schützten ihn vor weiteren Verfahren.

Die kleinen Theater

sind künstlerische Biotope Neben Schwanda und Habjan gibt es viele erfolgreiche Projekte von freien KünstlerInnen und Gruppen. Ein

Problem haben sie alle: Die schwierige finanzielle Lage. Zwar werden in der Theaterstadt Wien Projekte abseits von Burgtheater und Josefstadt gefördert, rentabel ist es für die KünstlerInnen trotzdem selten. „Verdient habe ich an dem Projekt noch keinen Cent. Dennoch bin ich froh, dass ich aus wirtschaftlicher Sicht unvernünftig gehandelt habe, sonst hätte ich es gar nicht gemacht“, sagt Schwanda. Ähnliche Erfahrungen hat auch Habjan gemacht, der das Schubert Theater mittlerweile als Co-Direktor leitet: „Leicht ist es nicht, in Wien mit einem kleinen Theater zu bestehen. Immerhin müssen wir von unserer Kunst die Miete, den Strom und was wir zum Leben brauchen, bezahlen.“ Beide sehen aber auch die positiven Aspekte der freien Szene: „Da wir kein Geld haben, kann uns auch keiner sagen, was wir damit machen sollen“, sagt Habjan. „Die kleinen Theater sind die Biotope, aus denen alles wächst. Ohne sie würde die Theaterlandschaft in Wien ganz anders aussehen“, sagt Erich Sperger, künstlerischer Leiter des Palais Kabelwerk. Er ist stolz, auf dem ehemaligen Industriegelände in Meidling eine niedrigschwellig zugängliche Plattform für

Fotos: Reinhard Werner / Burgthetaer

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emeinhin spielt die Mimik im Theater eine bedeutende Rolle. Nicht so bei Scaramouche. Hier wird mit alten Theatermustern gebrochen. Denn auch auf Sprache wird verzichtet. Stimmen und ­Gesichter der SchauspielerInnen bleiben hinter überlebensgroßen Masken verborgen.

Das Spiel „Fool of Love“ lebensgroßer Puppen des Schauspielers Nikolaus Habjan mit der Schauspielerin Sunnyi Melles


SPECIAL

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Off-Theater

Fotos: Martin Schwanda, Lucy Pawlak, Rene Grumeth

Das Puppenspiel „Amour Fou“ von Scaramouche bricht mit der Theatertradition: In diesem Stück wird nicht gesprochen

z­ eitgenössische Kunst geschaffen zu haben. Im Kabelwerk finden junge und mittellose Gruppen einen repräsentativen Raum, in dem sie sich künstlerisch ausprobieren können. Dabei werden so manche kleine, vielversprechende Projekte von Einnahmeüberschüssen großer Produktionen, wie etwa Gastspielen der Wiener Festwochen, mitfinanziert. Dass dieses Konzept aufgeht, zeigt nicht zuletzt die hohe Auslastung der beiden Bühnen im Haus. Bis ins nächste Jahr hinein ist das Kabelwerk mit internationalen Theaterprojekten belegt. Dabei freut es Sperger besonders, ein „neues“ Publikum anzusprechen, das man normalerweise nicht im Theater findet. Denn laut Sperger bieten gerade die Stücke der jungen, freien Szene Platz für Themen, „die wirklich brennen – auf dem Herzen und in der Seele“.

Theaterproduktion unter einem eigenen Label

Auch das WUK (Werkstätten und Kulturhaus) arbeitet seit vielen Jahren mit freien Theatergruppen zusammen. Die Art der Zusammenarbeit hat sich in den letzten Jahren jedoch verändert. War das WUK lange Jahre eine reine ­Abspielstätte,

finden heute – durch zusätzliche Fördermittel der Stadt ermöglicht – die Kooperationen auf verschiedensten Ebenen statt. Das reicht von Unterstützung in Sachen Infrastruktur und Produktionslogistik bis hin zur Ideenfindung und dramaturgischen Ausarbeitung sowie Co-Finanzierung. Feste inhaltliche oder ästhetische Auswahlkriterien gibt es nicht. Die Programmierung orientiert sich daran, ob ein Projekt für Johannes ­Maile, künstlerischer Leiter für Theater und Tanz im WUK, und das Haus interessant klingt und eine gute und längerfristige Zusammenarbeit verspricht. „Das ist wie bei einem Plattenlabel, da machst du auch eher die Musik, die du selbst gut findest. Außer du machst einfach Business. Das ist ein legitimer, aber nicht unser Ansatz.“ Dennoch müssen die unterstützten Gruppen und Projekte auch selbst Förderungen aufstellen. Für eine komplette Finanzierung durch das WUK reicht das Budget bei weitem nicht aus. Auch Maile kennt die Probleme der freien Gruppen und hat einen konkreten Wunsch an die Stadt beziehungsweise an den Bund: eine transparente Förderkultur und verstärkte Förderungen für

­ ourneen und internationale GastT spiele. Er sieht darin Chancen, neue PartnerInnen und Finanzierungsmöglichkeiten zu finden. Gleichzeitig ist ihm aber auch bewusst: „Wenn du mit jemanden in Wien sprichst, ist immer zu wenig Geld da. Wenn du das aber zu Leuten aus Hamburg oder Köln sagst, schauen die dich angesichts der bestehenden Förderleistungen in Wien an wie einen Irren.“

Förderungen auch

für den Mainstream

Die Produktionen „Conversation“ und „klang.koerper“ im Kabelwerk

Und die Stadt Wien fördert bewusst auch das Boulevardtheater: „Wir brauchen auch Theater wie das Gloria an der Peripherie in Floridsdorf“, sagt Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. „Wir wollen ganz bewusst nicht nur die ,anspruchsvollen‘ Häuser fördern – auch das Vienna’s English Theatre bekommt Geld, die sind vielleicht nicht besonders innovativ, aber sie bieten Mainstream mit Niveau, gute ­Unterhaltung.“ Und im Fall des E ­ nglish Theatre ein spezielles Angebot für die internationale Community in Wien. Auch das gehört zu einer lebendigen ­Theaterstadt. Text: Matthias Köb, Anna Radl und Peter Badowien


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Off-Theater

Wiener Off-Theater

Ein Blick auf die Wiener Off-Theaterszene. Die Liste ist nicht vollständig, gibt aber einen Überblick über die unterschiedlichen Genres und Theaterformen Verein/Name Tanz und Performance

Website

Tanzquartier Wien brut – Koproduktionshaus Wien ImPulsTanz Odeon liquid loft, Chris Haring Second Nature, Christine Gaigg Mumbling Fish, Ph. Gehmacher Superamas, Caroline Madl insert, Doris Uhlich Salto, Willi Dorner toxic dreams, Yosi Wanunu Theatercombinat, Claudia Bosse

www.tqw.at www.brut-wien.at www.impulstanz.com www.odeon-theater.at www.liquidloft.at www.2ndnature.at www.philippgehmacher.net www.superamas.com www.dorisuhlich.at www.ciewdorner.at www.toxicdreams.at www.theatercombinat.com

Schauspielhaus Wien Rabenhof Garage X Drachengasse Vienna‘s English Theatre Gloria Theater TAG Theater Nestroyhof – Hamakom Kosmos Theater Scala – Theater zum Fürchten Freie Bühne Wieden Salon5 Spielraum Stadttheater Walfischgasse 3raum Anatomietheater Kindertheater

Dschungel Wien Lilarum Das Wiener Kindertheater MOKI Heuschreck Märchenbühne Apfelbaum Szene Bunte Wähne Kabarett Niedermair Wiener Klassenzimmertheater Musiktheater

Netzzeit Neue Oper Wien Wiener Taschenoper ZOON Musikensemble sirene Operntheater progetto semiserio Spezielle Häuser

www.schauspielhaus.at www.rabenhof.at www.ensembletheater.at www.drachengasse.at www.englishtheatre.at www.gloriatheater.at www.dastag.at www.hamakom.at www.kosmostheater.at www.theaterzumfuerchten.at www.freiebuehnewieden.at www.salon5.at www.theaterspielraum.at www.stadttheater.org www.3raum.or.at www.dschungelwien.at www.lilarum.at www.kindertheater.com www.theater-moki.at www.heuschreck.at www.maerchenbuehne.at www.sbw.at www.niedermair.at www.klassenzimmertheater.at

Fotos: Bohumil Kostohryz, Manuela Fiala-Schmidtberger, Helmut Wimmer, Norbert Artner

Sprechtheater

www.netzzeit.at www.neueoperwien.at www.taschenoper.at www.zoon.at www.sirene.at www.progettosemiserio.at

Kulturzentrum Kabelwerk www.palaiskabelwerk.at Wiener Metropol www.wiener-metropol.at Theater AKZENT www.akzent.at Theater Center Forum www.theatercenterforum.com Theater am Spittelberg www.theateramspittelberg.at Kabinetttheater www.kabinetttheater.at Schubert Theater www.schuberttheater.at Tschauner Bühne www.tschauner.at Off-Theater www.off-theater.at Wiener Lustspielhaus www.wienerlustspielhaus.at Multikulturelles/Postmigrantisches Brunnenpassage wenn es soweit ist Interkulttheater Theatergruppe daskunst Wiener Wortstätten

www.brunnenpassage.at www.wennessoweitist.com www.interkulttheater.at www.daskunst.at www.wortstaetten.at

Bilder aus den Inszenierungen verschiedener Wiener Off-Theaterproduktionen. Mehr darüber sowie die gesamte Szene und ihre Entwicklung in den einzelnen Beiträgen in diesem Heft

Impressum: Herausgeber: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.; Verleger: Falter Zeitschriften GmbH, 1010 Wien, Marc-Aurel-Straße 9, T: 01/536 60-0, F: DW 935, E: service@falter.at, www.falter.at;

DVR Nr. 0476986; Im Auftrag der Stadt Wien; Produktion: Fuchs & Partner; Gestaltung und Produktion: Raphael Moser; Lektorat: Helmut Gutbrunner; Druck: Passauer Neue Presse Druck-GmbH, 94036 Passau


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