Journalisten der Wiener Wochenzeitung Falter und Ökonomie-Experten der Wiener Arbeiterkammer erklären in diesem Buch alles, was man wissen muss, um die Debatten über die Krise zu verstehen – abseits der üblichen Sprechblasen des Wirtschaftsjournalismus.
ISBN 978-3-85439-528-7
W W W. FA LT E R . AT
Joseph Gepp (HG.)
Die krise verstehen
Ökonomie: die Debatten, die Theorien, die Denker, die Lehren. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem, was unsere Wirtschaft bewegt
FA LT E R V E R L A G
Welche historischen Denker prägen unsere moderne Sicht auf die Ökonomie und ihre Krisen? Wer erklärt in der österreichischen Öffentlichkeit komplizierte Wirtschaftsangelegenheiten? Was sind die Ursachen der seit 2008 andauernden Krise? Und was wären mögliche Auswege?
Die krise verstehen
gepp (HG.)
FA LT E R V E R L A G ökonomie
ISBN 978-3-85439-528-7 © 2015 Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. 1011 Wien, Marc-Aurel-Straße 9 Tel. +43/1/536 60-0, Fax +43/1/536 60-935 E-Mail/Verlag: bv@falter.at E-Mail/Bestellungen: service@falter.at Web: faltershop.at Alle Rechte vorbehalten. Herausgeber: Joseph Gepp Lektorat: Helmut Gutbrunner Umschlagdesign: Dirk Merbach Grafik und Layout: Marion Großschädl Illustrationen: P.M. Hoffmann Fotos: detaillierter Bildnachweis Seite 216 Produktion: Susanne Schwameis Gedruckt in der EU
Redaktionsschluss: Dezember 2014
Inhalt Vorwort
7
1. DIE DENKER Karl Marx: Das Kapital verstehen
11
John Maynard Keynes: Die Krise verstehen
15
Friedrich August Hayek: Den Markt verstehen
21
Tim Jackson: Die Ökologie verstehen
25
Joseph Schumpeter: Von Kreisläufen schöpferischer Zerstörung
30
Elinor Ostrom: Erfolgreich teilen – aber wie?
33
Käthe Leichter: Für Frauen am Arbeitsmarkt
35
Milton Friedman: Apologet der freien Märkte
37
Joan Robinson: Sie hat Keynes verallgemeinert
39
Ludwig von Mises: der radikalste Marktradikale
41
Amartya Sen: Wie sich der Wohlstand messen lässt
43
Maria Szécsi-März: Keynesianerin am Puls der Zeit
45
Karl Polanyi: Ökonom der Transformation
47
Rosa Luxemburg: Der Kapitalismus ist grenzenlos
50
Hyman P. Minsky: Der Mann und sein Moment
52
Harrier Taylor Mill: Feministin und vergessene Ökonomin
54
Kurt W. Rothschild und Josef Steindl: Zwei große österr. Ökonomen
56
2. DIE KRISE Die Spielanordnung zerstört sich selbst. Und wir sind mittendrin
61
Von Bear Stearns bis zu Mario Draghi: Wie lief die Krise ab? Und was ist schuld an ihr?
65
Gegensatzpaare der Krise I: Hyperinflation oder Deflationsgefahr?
71
Gegensatzpaare der Krise II: Sparender oder investierender Staat?
77
Gegensatzpaare der Krise III: Demokratie oder Troika?
83
Gegensatzpaare der Krise IV: Handelsinteressen oder öffentliche Interessen?
85
Gegensatzpaare der Krise V: Gleichheit und/oder Wohlstand?
88
5
3. DIE ERKLÄRER Essay: Wie der Neoliberalismus die Hegemonie erlangte
93
Wer erklärt uns die Wirtschaft?
101
Institute und Personen im Überblick
107
4. DIE BÜCHER Thomas Piketty: „Europa denkt nich an seine Zukunft“
125
Das Ereignis Piketty: Ein Buch verändert die wirtschaftspolitische Debatte
139
Gabriel Zucman: „Steuerhinterziehung muss sehr riskant, sehr unprofitabel und sehr teuer werden“
141
Gabriel Zucman: Ein junger Ökonomie-Star plädiert für radikale Lösungen
147
Elisabeth Springler: „Zumindest die großen Banken sind sicherer geworden“
149
Jäger/Springler: Die Vielfalt der Wirtschaftswissenschaften
157
Markus Marterbauer: „Zahlen bitte“
159
Paul Krugman: „Vergesst die Krise!“
163
Robert und Eward Skidelsky: „Wie viel ist genug?“
166
Beigewum u. a.: „Mythen des Reichtums“
168
Richard Wilkinson, Kate Pickett: „Gleichheit ist Glück“
171
Chrystia Freeland: „Die Superreichen“
175
Thomas Fricke: „Wie viel Bank braucht der Mensch?“
177
Axel Honneth: „Das Recht der Freiheit“
180
Ulrike Herrmann: „Der Sieg des Kapitals“
183
Robert Misik, Michel Reimon: „Supermarkt Europa“
185
Giacomo Corneo: „Bessere Welt“
188
Joseph Stiglitz: „Der Preis der Ungleichheit“
190
Wolfgang Streeck: „Gekaufte Zeit“
192
5. anhang Glossar
196
Autorinnen und Autoren
211
Bildnachweis
216
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Vorwort joseph gepp
Dieses Buch entstand aus einem Sonderheft, das im Sommer 2014 dem Falter beilag. Autoren und Redakteure des Falter ebenso wie Experten der wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der Wiener Arbeiterkammer befassten sich darin mit der Wirtschaftskrise – abseits jener weitverbreiteten Sichtweisen und Erklärungsmuster, die Kritiker gern als „neoliberal“ bezeichnen: Was sind die Ursachen der Krise? Was wären mögliche Auswege? Wer prägt die Sichtweise jener Fachleute, die in der Öffentlichkeit komplizierte Wirtschaftscausen erklären? Wer sind diese Erklärer in Österreich? Und ist Wirtschaft wirklich so schwer zu verstehen, wie es oft scheint? Die breite Resonanz, die diese Ökonomiebeilage im Sommer 2014 erfuhr, bestätigte unsere Annahme, dass interessierte Leser bei der üblichen Berichterstattung über die Krise den Blick auf größere Zusammenhänge vermissen. Jeder kennt zwar die ständig wiederkehrenden Schlagzeilen über neuerliche Geldspritzen der Europäischen Zentralbank, die wieder einmal wirkungslos bleiben. Oder über aktuelle Demonstrationen gegen das von der Troika oktroyierte Sparpaket in Athen oder Madrid. Aber was ist eigentlich im Großen und Ganzen seit dem Crash der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008 geschehen? Es gibt nicht viele, die das zu beantworten wüssten – waren doch die weltweiten wirtschaftlichen und politischen Umwälzungen seither so massiv, dass Ökonomen bereits eine Ära vor 2008 zu erkennen meinen, die sie als eine der „Great Moderation“ kennzeichnen. Diesem Bedürfnis nach Orientierung verdankt sich das vorliegende Buch. Es umfasst neben den – aktualisierten – Inhalten der Ökonomiebeilage auch zahlreiche neue Elemente: etwa Porträts von historischen Denkerinnen und Denkern, die unseren modernen Blick auf das Wirtschaftsgeschehen prägen. Oder große Interviews zur internationalen Rolle von Steueroasen und zu Erfolgen und Misserfolgen der Bankenregulierungsmaßnahmen seit 2008. Dazu findet sich am Ende ein Glossar der wesentlichen Fachbegriffe und Protagonisten. Im Übrigen folgt das Buch dem Aufbau, den manche Leser schon von der Falter- Ökonomiebeilage vom vergangenen Sommer her kennen: Auf Porträts einflussreicher historischer Wirtschaftsdenker von Karl Marx aufwärts,
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deren Weltbilder bis heute fortwirken, folgt ein Streitgespräch dreier Ökonomen unterschiedlicher Ausrichtung: eines Liberalen, eines Keynesianers und einer Umweltökonomin, die dem Wachstumsdogma kritisch gegenübersteht. Im darauffolgenden Kapitel geht es um die Frage, welche Personen und Institute uns in Österreich Wirtschaft erklären. Wer sich so einen Überblick verschafft hat, kann im vierten Kapitel Rezensionen bekannter Wirtschaftssachbücher der vergangenen Jahre nachlesen – und erfahren, wo man sich weiter informieren kann. Klar ist mittlerweile eines: Die Wirtschaft ist heute keine Fachmaterie mehr, die nur einige Banker, Ökonomen und Anleger interessiert. Je länger die Krise andauert, desto mehr wird sie zur Angelegenheit der breiten Masse, die zunehmend begreift, wie stark die Frage möglichen künftigen Wohlstands von Wirtschaft und Wirtschaftspolitik abhängt. Viele politische Entscheidungen – man denke nur an den Euro-Rettungsschirm – hängen unmittelbar mit ökonomischen Fragen zusammen. Dieses Buch soll zu einem breiteren Verständnis beitragen und helfen, die üblichen Floskeln, die viele Wirtschaftsdebatten immer noch dominieren, als solche zu erkennen und zu deuten.
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Karl Marx: Das Kapital verstehen Er zeigte die Widersprüche des Kapitalismus auf. In der Krise wird Marx wieder modern P o r t r ät: J o h a n n e s J ä g e r
Karl Marx (1883–1946) wurde im deutschen Trier geboren. Er studierte Philosophie in Jena und wurde oppositioneller Journalist. Später befasste er sich mit politischer Ökonomie. Nach der Revolution 1848 ließ er sich im Exil in London nieder. Im selben Jahr publizierte er mit Friedrich Engels sein „Manifest der Kommunistischen Partei“. Im Jahr 1867 erschien der erste Band des Hauptwerks „Das Kapital“
Mit der Krise ist Marx auch für die breitere Öffentlichkeit wieder aus der Versenkung aufgetaucht. In einem Überblick zu den einflussreichsten Ökonomen im wirtschaftsliberalen deutschen Handelsblatt nahm er kürzlich gar die erste Stelle ein. Wie er allerdings zu beurteilen ist, darüber wird bis heute gestritten. Verständlicherweise – umfassen seine gesammelten Werke doch vierzig Bände, was die Einschätzung nicht unbedingt erleichtert. Neben analytischen Arbeiten finden sich im Werk Marx’ auch politische Schriften wie das bekannte kommunistische Manifest. Die einen sehen in ihm einen Philosophen, der bestenfalls ein schrulliges Verständnis von Wirtschaft hatte und für die Schrecken des Realsozialismus ein Stück weit mitverantwortlich ist. Die anderen sehen in Marx einen herausragenden politischen Ökonomen, der die Bewegungslogiken der kapitalistischen Wirtschaftsweise und die Interessengegensätze in diesem Wirtschaftssystem besser herausgearbeitet hat als irgendwer sonst.
1 . D i e D e n k e r 11
Karl Marx studierte Philosophie, unter anderen bei Hegel. Bürgerliche Revolutionen gegen die alte feudale Ordnung und die Herausbildung eines neuen Gesellschafts- und Wirtschaftssystems bildeten den zentralen Bezugspunkt seiner Forschungen. Dabei verband Marx stets abstrakte Überlegungen mit ganz konkreten historischen, politischen und wirtschaftlichen Analysen. Sein Brotberuf als kritischer Journalist und Verleger kam ihm da entgegen. Theoretisch arbeitete er sich an den ökonomischen Klassikern der politischen Ökonomie ab, an Adam Smith und vor allem an David Ricardo. Der Untertitel zu seinem Hauptwerk „Das Kapital“ lautet entsprechend „Zur Kritik der politischen Ökonomie“. Auch wenn sein Ausgangspunkt ein anderer war, nämlich die Umkehrung von Hegels idealistischer Geschichtsphilosophie und damit eine dialektisch-materialistische Zugangsweise, so hatte er doch viel mit Smith und Ricardo gemein. Wie diese beiden Klassiker begriff auch er Wirtschaft, Gesellschaft und Politik als untrennbare Einheit. Ihnen allen ging es darum zu verstehen, was die Funktionslogiken und Entwicklungsdynamiken des neu aufkommenden Kapitalismus waren, welche Rolle dabei Arbeit als Quelle des Reichtums spielte und was unterschiedliche gesellschaftliche Klassen und ihre politischen Strategien dazu beitrugen. Dabei schrieb Marx emanzipatorischen Akteuren in konkreten historischen Kontexten eine wichtige Rolle zu. Wie er es ausdrückte, machen die Menschen „ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen“. Bei Smith und Ricardo ging es dabei insbesondere um die aufstrebende neue bürgerliche Klasse, die Bourgeoisie, und ihr Verhältnis zur alten feudalen Klasse – also den Grundbesitzern. Smith und Ricardo kritisierten die alte Ordnung und wollten zeigen, wie und warum kapitalistischer Fortschritt auch für die feudale Klasse vorteilhaft sei. Sie schufen damit einen Diskurs, der dem aufstrebenden Bürgertum höchst willkommen war. Marx hingegen, deutlich jünger als Smith und Ricardo, nahm etwas anderes in den Blick: das Verhältnis zwischen Kapitalisten und Arbeiterklasse. Dies erfolgte aufgrund veränderter historischer Umstände. Die Arbeiterklasse und die „soziale Frage“ wurden zunehmend zu einem politischen Faktor. Smith und Ricardo waren noch davon ausgegangen, dass Löhne mit dem Fortschreiten des Kapitalismus nicht wirklich stiegen, sondern auf einem
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Subsistenzniveau stagnierten, also gerade zur Befriedigung der Grundbedürfnisse reichten. Der Überfluss an Arbeitern, die auf wenige Jobs drängten, führte aufgrund der Konkurrenz zwischen diesen zu ebensolchen niedrigen Löhnen. Dieses Erklärungsmodell entsprach der historischen Realität; auch Marx hat in seiner Analyse diese Sichtweise übernommen. Steigende Profite und Grundrenten, geschaffen durch Arbeitskräfte für niedrige Löhne, das sei Ausbeutung. Arbeiter schufen zwar Werte, erhielten aber einen zu geringen Teil dafür. Die politische Ökonomie stellte sich im Lichte dieser Interpretation als wenig geeignet heraus, kapitalistische Produktionsverhältnisse zu rechtfertigen. Entsprechend wurde die gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte und heute noch dominante Sichtweise auf Ökonomie, die Neoklassik, von der herrschenden Bourgeoise freudig aufgenommen. In dieser Sichtweise bekam jeder, was er verdiente. Gesellschaftliche Klassen waren verschwunden. An ihre Stelle waren abstrakte Produktionsfaktoren getreten. Die aus Sicht der neuen dominanten herrschenden Klasse unbrauchbar gewordene politische Ökonomie hatte ausgedient. Für die Arbeiter – egal ob reformistisch oder radikal orientiert – blieb die politische Ökonomie jedoch ein wichtiger Bezugspunkt, um das kapitalistische Wirtschaftssystem zu kritisieren und die eigenen Interessen zu artikulieren – entgegen neoklassischer Argumente. Die Ideen wurden später zum Teil indirekt sowohl im Realsozialismus, aber auch in der Sozialpartnerschaft und der sozialen Marktwirtschaft wirkungsmächtig. Viel hat sich seither verändert. Insbesondere in Westeuropa haben sich mit der Durchsetzung kollektivvertraglicher Lohnabschlüsse und des Sozialstaats die Lebensverhältnisse für viele zumindest bis in die 1980er-Jahre erheblich verbessert. Die kapitalistischen Grundstrukturen sind jedoch gleich geblieben. In den letzten Jahrzehnten haben im Zuge des Neoliberalismus tendenziell Kapitalinteressen wieder die Oberhand gewonnen. Mit dem Diskurs um die 99 Prozent ist aber das Klassenbewusstsein bei denen, die nicht zum reichen einen Prozent gehören, wieder stärker geworden. Aufbauend auf der Tradition von Marx werden auch heute im Rahmen moderner kritischer politischer Ökonomie aktuelle Entwicklungen untersucht. Wenn etwa Arbeitnehmer in Österreich im Schnitt heute deutlich mehr leisten als vor 15 Jahren, viele aber trotzdem real nicht mehr verdienen, stellt sich die Frage, warum dies so ist und wie es geändert werden könnte. Dasselbe gilt für das zunehmende Auseinanderklaffen der Schere
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Journalisten der Wiener Wochenzeitung Falter und Ökonomie-Experten der Wiener Arbeiterkammer erklären in diesem Buch alles, was man wissen muss, um die Debatten über die Krise zu verstehen – abseits der üblichen Sprechblasen des Wirtschaftsjournalismus.
ISBN 978-3-85439-528-7
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Joseph Gepp (HG.)
Die krise verstehen
Ökonomie: die Debatten, die Theorien, die Denker, die Lehren. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem, was unsere Wirtschaft bewegt
FA LT E R V E R L A G
Welche historischen Denker prägen unsere moderne Sicht auf die Ökonomie und ihre Krisen? Wer erklärt in der österreichischen Öffentlichkeit komplizierte Wirtschaftsangelegenheiten? Was sind die Ursachen der seit 2008 andauernden Krise? Und was wären mögliche Auswege?
Die krise verstehen
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