FA LT E R V E R L A G
Die Befreiung Wiens von der Herrschaft der Nationalsozialisten – Schreckensbilder, Bilder der Freude? Zwei sowjetische Fotografen haben den Einzug der Roten Armee in Österreich bis ins Herz von Wien begleitet. Erstmals werden in diesem Buch ihre Aufnahmen publiziert. Herausgeber Erich Klein hat nicht nur diese Bilder in Moskau gesammelt, es gelang ihm auch, zahlreiche Augenzeugen aufzuspüren. Zusammen mit den historischen Fotografien ergeben ihre Erzählungen ein bisher weitgehend unbekanntes Bild eines dramatischen Zeitbruchs.
ISBN 978-3-85439-561-4
W W W. FA LT E R . AT
FA LT E R V E R L A G Geschichte
„Die Russen in Wien. Die Befreiung Österreichs“ erzählt den letzten Kriegsmonat und die neun Tage dauernde Eroberung Wiens im April 1945 auf zwei Ebenen: Der Krieg als Bildergeschichte, an deren Anfang symbolisch ein getöteter deutscher Soldat und ein verwundeter Rotarmist stehen. Die Fotos der sowjetischen Fotografen Jewgenij Chaldej und Olga Lander zeigen den Vormarsch der Sowjetarmee von der ungarisch-österreichischen Grenze durchs Burgenland und durch Niederösterreich bis zur Einsetzung der Provisorischen Regierung Renner am 27. April 1945. Kampfszenen (echte und propagandistisch nachge stellte) wechseln mit Bildern befreiter „Ostarbeiter“; misstrauisch treffen österreichische Zivilisten und ihre Befreier aufeinander. Der Schrecken des Krieges ist allgegenwärtig. Am Ende stehen die Übergabe des Parlaments und die Errichtung des „Russendenkmals“ am Schwarzenbergplatz. Die zweite Ebene ist nicht weniger wichtig: Noch Jahrzehnte nach dem Krieg war in Österreich das Bild der „Russen“ als Plünderer und Vergewaltiger vorherrschend. Relativiert wurde diese teils begründete, teils rassistisch und propagandistisch motivierte Sichtweise durch den Hinweis, dass es auch „gebildete Offiziere“ und „einfache Soldaten, die Schokolade an die Kinder verschenkten“ gegeben habe. „Die Russen in Wien. Die Befreiung Österreichs“ – bis heute die einzige Darstellung ihrer Art – unternimmt eine Revision dieses Bildes. In zwanzig Einzelporträts erzählen sowjetische Kriegsteilnehmer von ihren Erlebnissen und Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg, bei der Befreiung Österreichs und in den Jahren der Besatzung. Die „Russen“ erzählen vom Alltag bei Kriegsende, es wird aber auch über die „Leichtigkeit des Tötens“ gesprochen und über die „Schuld, die selbst jeder Soldat eines gerechten Krieges“ auf sich lädt. Der Philosoph Wladimir Bibler räsoniert über die „Befreiung der Völker Europas“ (Inschrift am Wiener Denkmal der Roten Armee): „Die Soldaten sind als Internationalisten in Europa einmarschiert und als russische Imperialisten abgezogen.“
Erstausgabe 1995 © Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Herausgeber, Interviews, Übersetzungen: Erich Klein Lektorat: Walter Schübler Fotos: Jewgenij Chaldej, Olga Lander Grafische Gestaltung: Hofmann und Kraner, Wien Satz: Tom Rengelshausen, Wien Produktion: Susanne Schwameis
ISBN 978-3-85439-561-4 2. Auflage 2015 © Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. 1010 Wien, Marc-Aurel-Straße 9 T: +43/1/536 60-0, F: +43/1/536 60-935 E: bv@falter.at, service@falter.at W: www.falter.at Alle Rechte vorbehalten. Gedruckt in der EU
Einleitung/Seite 7 Die Befreiung/Seite 19 An der Grenze/Ostwall/Lockenhaus/Kirchschlag in der Buckligen Welt/General Kosak/Schlöglmühl/Befreite „Ostarbeiter“/ Flüchtlinge/Kriegsgefangene/Stab der 3. Ukrainischen Front. Ilja Gurwiz/Seite 20. Pjotr Satunowskij/Seite 40. Vitalij Tschernow/Seite 58. Donat Tschepkin/Seite 72. Krieg in Wien/Seite 79 Am Stadtrand von Wien/Einmarsch der Roten Armee/ Favoritenstraße (10. Bezirk)/Arsenal/Plünderung/Favoritenstraße (4. Bezirk)/Karlsplatz/Kampf an der Donau/1. Bezirk/ Stephansplatz/Opernkreuzung/Parlament/Rathaus/Die Familie eines Nationalsozialisten/Mariahilfer Straße/Lainzer Straße/Russen und Wiener/Kommandantur im Hotel Imperial/ Der Stadtkommandant Alexej Blagodatow/Zentralfriedhof/ Die Provisorische Regierung/Übergabe des Parlaments durch den Stadtkommandanten am 29. April 1945. Wladimir Afanasjew/Seite 88. Ilja Schatunowski/Seite 104. Wladimir Bibler/Seite 113. Die Veteranen von Riga/Seite 128. Nikolaj Kuusin, Nikolaj Nasarow, Nikolaj Jurenow/Seite 132. Auszug aus dem Roman „Durchbrechung der Finsternis“ von Wladimir Tschernow/Seite 150. Georgi Leskis/Seite 172. Auszug aus der Denkschrift „Über die Geschichte der Unabhängigkeitserklärung“ von Karl Renner/Seite 184. Unabhängigkeitserklärung/Seite 194. Brief Karl Renners an Stalin/Seite 196. Russen in Österreich/Seite 201 1. Mai/Treffen der Roten Armee mit den Amerikanern an der Enns und in Linz/8. und 9. Mai 1945/Demarkationslinie/Marschall Fjodor Tolbuchin/Rotarmisten/Soldaten und Offiziere/Militärische Übungen, Freizeit/Denkmal zu Ehren der sowjetischen Soldaten, „Russendenkmal“. Igor Reformatskij/Seite 204. Wladimir Sergeev/Seite 212. Wladimir Tschutschin/Seite 217. Wladimir Dowletow/Seite 224. Iwan Schinkarjew/Seite 230. Mila Intisarjan/Seite 234. Michail Scheinfeld/Seite 239. Alfred Schnittke/Seite 243. Primo Levi/Seite 245. Literatur und Fotografen/Seite 246
„Wer in den Monaten nach dem Einmarsch der Roten Armee Wien, Niederösterreich, das Burgenland und die Steiermark besuchte oder dort lebte, konnte den Eindruck gewinnen, daß dieser Teil Österreichs kommunistisch und russisch geworden sei. Überall amtierten Bürgermeister und Polizeibehörden, die von der lokalen Stelle der besetzenden Armee eingesetzt waren und sich auch nur diesen verantwortlich fühlten, es gab bloß die Soldaten der Roten Armee, es gab in deutscher Sprache nur zwei Zeitungen: das „Neue Österreich“, dessen Chefredakteur der Kommunist Ernst Fischer war, und die von der Roten Armee für die einheimische Bevölkerung herausgegebene „Österreichische Zeitung“; das Staatsamt für Inneres war dem Kommunisten Honner unterstellt, das Staatsamt für Unterricht und Propaganda dem Kommunisten Fischer; Stellen der katholischen Kirche empfahlen ihrer Jugend die Zusammenarbeit mit kommunistischen Organisationen. Die russische Zone war von den übrigen Zonen fast hermetisch abgeschlossen; in ihr herrschten Hunger und Arbeitslosigkeit, die durch die fortdauernden Demontagen immer wieder belebt wurde.“ Adolf Schärf, Zwischen Demokratie und Volksdemokratie
er Zweite Weltkrieg endet in Europa am 7. 5. 1945. In deutscher Uniform sind 170.800 Österreicher gefallen, 76.200 vermißt. 2700 Österreicher wurden hingerichtet, 16.000 starben in Gestapohaft und Konzentrationslagern. 65.000 österreichische Juden wurden in KZ ermordet. 500.000 Österreicher befinden sich zu Kriegsende in Gefangenschaft. Am 1. Mai 1945 findet in Wien der „traditionelle“ Umzug unter Beteiligung aller Parteien statt. Rotarmisten hissen auf dem Berliner Reichstag die rote Fahne der Sieger. Lebensmittelspende Stalins an die Stadt Wien. Am 30. April Selbstmord Hitlers. Bis Mai 400.000 sowjetische Soldaten in Wien, Niederösterreich, Burgenland und Steiermark. Am 1. Mai, rückdatiert vom 13. Mai, wurde die österreichische Verfassung von 1920 durch das Verfassungsüberleitungsgesetz wieder in Kraft gesetzt. Artikel I: „Die demokratische Republik Österreich ist wiederhergestellt und im Geiste der Verfassung von 1920 einzurichten.“ Am 4. 5. besetzen amerikanische Truppen Salzburg und Innsbruck, am 5. 5. Linz, am 8. 5. die Rote Armee Graz, am 9. 5. marschieren Briten und jugoslawische Einheiten in Klagenfurt ein. Die Rote Armee und amerikanische Einheiten treffen zusammen. Das Deutsche Reich unterschreibt die bedingungslose Kapitulation am 7./8. 5. 1945. Am 8. 5. Verbot der NSDAP. Am 4. 7. Erstes Kontrollabkommen, welches das alliierte Kontrollsystem für Österreich festlegt und einen Alliierten Rat vorsieht, der einstimmig Beschlüsse fassen kann. Am 9. 7. Zonenabkommen. Am 24. 7. Einzug englischer Truppen in Graz. Am 11. 7. erste Sitzung der Stadtkommandanten in Wien. Von 16. 7. bis 2. 8. Konferenz von Potsdam (Churchill/Attlee, Truman, Stalin). Am 6. 8. bzw. 9. 8. Atombombenabwurf auf Hiroshima bzw. Nagasaki. Am 9. 8. wird der Alliierte Rat für Österreich gebildet. Am 19. 8. Eröffnung des Denkmals für die bei der Befreiung von Wien gefallenen sowjetischen Soldaten am Schwarzenbergplatz. Am 20. 8. erste Länderkonferenz (der westlichen Bundesländer). Am 11. 9. sind die Zonen besetzt. Erste Sitzung des Alliierten Rates. Gemeinsame Kontrolle des Wiener 1. Bezirks, „Vier im Jeep“. Am 24. 9. Länderkonferenz mit dem Beschluß, am 25. 11. 1945 freie und geheime Wahlen (unter Ausschluß der ehemaligen Nationalsozialisten) abzuhalten. Am 20. 10. De-facto-Anerkennung der Provisorischen Regierung durch den Alliierten Rat. In den ersten freien Wahlen seit 1930, am 25. 11., erhält die ÖVP 85, die SPÖ 76 und die KPÖ 4 Mandate. Am 13. 12. Währungsreform. Am 19. 12. tritt der Nationalrat erstmals zusammen, Regierung Figl-Schärf (ÖVP-SPÖ-Koalition, ein Minister der KPÖ). Am 20. 12. wählt die Bundesversammlung Karl Renner zum ersten Bundespräsidenten der Zweiten Republik.
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„Die erste öffentliche Kundgebung der wiedererstandenen Sozialistischen Partei, die erste Probe darauf, ob wir über den Kreis der erprobten Kämpfer hinaus Anhang unter den Massen haben, wurde die Feier des 1. Mai. (...) Wir einigten uns mit den Kommunisten darauf, daß der 1. Mai in den einzelnen Bezirken gemeinsam mit anderen Parteien gefeiert werden könnte, sonstige organisatorische Vereinbarungen wurden aber nicht getroffen. (...) Das Kennzeichnende für die Aufzüge in mehreren Wiener Bezirken war die Tatsache, daß die Kommunisten viele Fahnen und Standarten, die Sozialisten viele Menschen stellten, während die Anhänger der Volkspartei anscheinend mehr ‚im Geiste mitmarschierten‘, obwohl ihre bedeutendsten Wortführer, darunter Kunschak, in den gemeinsamen Kundgebungen auftraten.“ Adolf Schärf, April 1945 in Wien „Gegen 11 Uhr am Ring sehe ich noch den Abmarsch eines Teiles der Straßenkundgebung vor dem Parlament. Alle Häuser sind beflaggt, die rotweiß-roten Fahnen halten den roten etwa die Waagschale. Die meisten der roten Fahnentücher zeigen mitten einen helleren Kreis – dort war früher die weiße Scheibe mit dem Hakenkreuz aufgenäht gewesen. Die Zeitung hat bereits vorgestern in großer Aufmachung die als Maigeschenk von der Roten Armee der Stadt Wien gespendeten Lebensmittel gemeldet: 3000 t Getreide, 800 t Mehl, 300 t Fleisch etc. – böse Zungen behaupten, man habe uns nur einen Teil der in den Lagerhäusern und bei Großfirmen wie Meinl etc. beschlagnahmten Lebensmittel freigegeben. (...) Über den Ring ziehen Gruppen der Ausländer mit Stalinbildern und Spruchbändern in allen Sprachen – Sprechchöre auf Stalin und die UdSSR. (...) Überall den Ring entlang Menschenmassen. Man sieht rot-weiß-rote Bändchen mit dem Aufdruck ‚1. Mai‘ auf den Rockaufschlägen, rote Nelken, Postkarten mit dem Bild Stalins werden verkauft. Alles strömt in der Fahrbahn und in den Alleen, zwischen notdürftig zugeschütteten Bomben- und Granattrichtern, vorbei am Parlament, von dessen Weiße die ausgebrannten Fensterhöhlen des rechten Flügels traurig abstechen. Das nackte Dachgerippe des Rathauses ragt gegen den trüben Himmel – in der Mitte eine rote Fahne, auf den Ecktürmen rot-weiß-rot und die weiß-roten Wiener Farben.“ Josef Schöner, Wiener Tagebuch, 1. Mai 1945 „Die Regierungen von England und der USA haben, wie wir auch nur aus dem Radio erfahren, die Anerkennung der neuen Regierung abgelehnt, weil dieselbe ohne vorheriges Einvernehmen mit ihnen nur unter den Fittichen der UdSSR gebildet worden sei. Der englische Sender bringt den ‚Times‘-Kommentar, wonach die Zusammensetzung der Regierung Renner wohl demokratischen Grundsätzen entspricht, aber ihr Zustandekommen einseitig unter russischem Einfluß erfolgt sei. Wie hätten wir schon vorher das Einverständnis suchen können. Wichtig ist für uns, daß überhaupt eine Regierung gebildet wurde, um das innenpolitische Vakuum zu beenden.“ Josef Schöner, Wiener Tagebuch, 1. Mai 1945
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Igor Reformatskij, Moskau. Professor für Radiochemie am Kurtschatow-Institut. Stammt aus einer berühmten Moskauer Gelehrtenfamilie. Im Krieg Redakteur einer Frontzeitung. Frau 0., das Mädchen aus einem kleinen Flirt des Jahres 45, wollte nach 50 Jahren nichts mehr dazu sagen außer: „Nein, Schreckliches ist mir damals nicht passiert.“ Ich habe in der 4. Garde-Armee als Stellvertretender Chefredakteur der Divisionszeitung gedient. In Österreich war ich als Soldat der 57. Armee, unsere Einheit ist kurz vor Kriegsende an die südliche Flanke verlegt worden. Wir sind über Jugoslawien nach Graz marschiert. Kurz vor Kriegsende gab es noch einmal schwere Kämpfe mit den Deutschen. Unser Weg führte das Drautal entlang, über Maribor nach Graz. Am 9. Mai standen wir kurz vor Graz. Nach einigen Tagen sind wir weiter bis zur Demarkationslinie an der Enns vorgestoßen. Die Orte dort hießen Hieflau ... In Eisenerz war unsere Redaktion. Können Sie ein wenig über die Zeitungsarbeit während des Krieges erzählen? Die meisten Frontzeitungen sind heute kaum mehr zu lesen, so kitschig ist ihr Pathos, nur Heroengeschichten, keine Toten sind da zu sehen. Getötete Soldaten wurden natürlich nicht gezeigt, um die noch lebenden nicht zu demoralisieren. Die toten Feinde hingegen bekam man zu sehen, in Zeitungen und im Film, auch wir haben solche Fotos gedruckt. Wir sollten Beispiele von Heroismus und Patriotismus bringen, und wahrscheinlich hatte das auch einen gewissen Sinn. Die Auflage hat 1000 Exemplare betragen, das ist nicht sehr viel, aber eine Division bestand nach den Verlusten schon aus viel weniger Mann. Wir haben alles mögliche gedruckt, hauptsächlich natürlich die Mitteilungen des Sowjetinformbüros. Lesen konnten auch fast alle – außer den Mittelasiaten. Bei uns waren sehr viele Usbeken, die schlecht Russisch sprachen, sie konnten auch nicht lesen. Einmal haben wir sogar eine usbekische Nummer gemacht, in russischen Buchstaben gesetzt. Ein Usbeke war bei uns in der Redaktion, mit Hilfe usbekischer Lehrer haben wir dann übersetzt. Wurde über einen Bekannten, einen Freund oder gar einen selbst in der Zeitung geschrieben, so hat man diese Nummer den Eltern nach Hause geschickt. Wir haben auch deren Briefe an die Soldaten an der Front veröffentlicht. Abwechslung war in jedem Fall wichtig, gewiß nicht im Jahre 1941, aber ab 42 gab es viele Kulturklubs, Laiengruppen, Schauspieler, Sänger, viele Soldaten haben Gedichte geschrieben, um sich vom Krieg abzulenken. Die waren zwar fürchterlich schlecht, wir haben sie ein wenig redigiert und gedruckt, außerdem gab es in allen Divisionen offiziell den Rang eines Dichters. Wir hatten einen Geiger, der später Konzertmeister in der Oper von Minsk wurde. Ich habe selbst oft Puschkin und auch eigene Gedichte vorgelesen. Es wurde nicht nur geschossen, getötet, es gab auch dieses Leben. 204
Wie war damals das Verhältnis der Soldaten und konkret Ihr eigenes zu den Deutschen? Es gab eine offizielle Erklärung über die „Befreiung Österreichs“, andrerseits ist es schwer zu glauben, daß hier nicht Rache geübt wurde. Außerdem sind die zahlreichen Übergriffe der Rotarmisten bekannt. Den Österreichern gegenüber bestand eine andere Haltung, es war bekannt, was im Jahre 38 geschehen war. Ich war in der Zeitung und hatte genügend Kontakt zur Politischen Abteilung, außerdem haben wir darüber geschrieben. Wir haben auch die Befehle über die Befreiung Österreichs bekommen und abgedruckt. Man kann prinzipiell sagen, je ärmer die Leute waren, desto besser war ihre Einstellung zu uns. Das gilt für alle Länder, die ich gesehen habe. Die Österreicher waren auf jeden Fall korrekt. Wir waren nicht sehr lange in Jugoslawien, aber man hat den Unterschied zwischen Serben, Kroaten und Slowenen gespürt. Ich habe später immer wieder über die Unterschiede nachgedacht, auch was die Ungarn betrifft, die von uns nichts wissen wollten. Bei all dem hat sicher auch eine Rolle gespielt, woher unsere Soldaten kamen, aus der Stadt oder vom Land. Auf dem Kopf Ihrer Zeitung stand ein mächtiges „Tod den deutschen Okkupanten“. Mit den Österreichern war es etwas anderes als mit den Deutschen, ganz sicher. Nicht weil ich etwas beschönigen will, dafür habe ich zuviel gesehen, aber als wir in Österreich einmarschiert sind, war von Rache nicht mehr die Rede. Der Krieg war zu Ende, der Feind ist niedergeworfen, was soll man ihm noch tun? Was noch, sie haben ohnedies verloren. Von Rache wurde in Stalingrad gesprochen. ‚Wenn du einen Deutschen siehst, bring ihn um. Sooft du einen siehst, so oft bring ihn um“, hat Konstantin Simonow geschrieben. Wir haben in unserer Zeitung darüber gesprochen. Sie werden für ihre Untaten büßen, die Verbrechen müssen gerächt werden, alle. Aber einen, der schon am Boden liegt, schlägt man nicht mehr. Die Russen – ich will nichts beschönigen – sind ein gutmütiges Volk, sie verzeihen leicht. Als in Stalingrad der Kessel geschlossen war, haben wir viel Technik der Deutschen erbeutet. Unsere Mechaniker kannten sich mit diesen Autos nicht aus, also haben sie aus den Kriegsgefangenenlagern Deutsche geholt. Jeder hieß gleich Fritz, auch wenn sein Name Willi war. Willi war ein guter Mechaniker. Was glauben Sie, welches Verhältnis zwischen ihnen bestand? „He, Fritz, komm her. Was ist das?“ Zuerst hat Willi natürlich schimpfen gelernt. Sie gaben ihm zu trinken, Zigaretten, haben miteinander gescherzt, und natürlich wurden Witze über ihn gemacht, kaum daß er auf dieser Seite war – eine Woche früher hätten sie ihn umgebracht. Der Feind war besiegt, aus, das genügt. Ich habe einige Male während des Krieges Deutsche getroffen, mir auch Notizen für die Zeitung über die Gespräche mit den Gefangenen gemacht. In Stalingrad wurde ein Deutscher abgeschossen, er konnte noch landen und wurde zur Batterie gebracht. Ein junger, hochnäsiger Bursche, er mußte
„1. Mai: Wir sind durch Bratislava und slowakische Dörfer gefahren. Viele Menschen. Nationalfahnen und Anzüge, Blumen, auf den Plätzen Tänze und Musik. Auf der anderen Seite der Donau ist Österreich. Leere Städte. Nur rote Fahnen. Erst in Wien tauchten österreichische Fahnen auf. Den Abend haben wir im Konzertsaal verbracht. Strauß. Dirigent Clemens Krauss. Ein beweglicher alter Mann. Straußwalzer in Wien! Die wunderbaren ‚Geschichten aus dem Wienerwald‘. Und als Draufgabe den ‚Donauwalzer‘. Die Wiener toben. Das ist sie, die ‚apolitische‘ Kunst. Denn vor kurzem standen hier auf dem Schwarzenbergplatz neben dem Saal des Akademietheaters Geschütze im direkten Beschuß und explodierten Minen. Und jetzt ertönen die Walzer. Wir fahren durch die Stadt. Ich erkenne Häuser und Straßen, wo ich in den Tagen des Kampfes und den ersten Stunden der Befreiung war. Es ist bereits aufgeräumt, aber es sind noch wenige Leute. Die Straßenbahn fährt. Ruhig und menschenleer.“ Semjon Gudsenko, Armeetagebuch „2. Mai: Morgens in Wien. Schlangen vor den Geschäften. Nebel. Wir fahren am Kriegsministerium vorbei über den Kanal, über die Donaubrücke nach Floridsdorf. Hier ist die Front schon nicht mehr weit. 12 Kilometer weiter, in Korneuburg, ist über die Straße ein Draht gespannt und hängt die Aufschrift: ‚Stop! Frontlinie‘. Die Artilleristen schlafen neben den Geschützen. Die Infanterie wird auf dem Platz gedrillt. Die Deutschen sind auf dem Berg. Aber wenn man sie nicht aufscheucht, schweigen sie. In der Kommandantur werden die Deutschen registriert. Eine junge Frau aus Kiew. 1943 heiratete sie einen Österreicher, einen Obergefreiten, und kam hierher. Sie weint. In den Armen ein Kind.“ Semjon Gudsenko, Armeetagebuch „Es gibt die Nachricht, Hitler sei tot. Das gefällt niemandem. Jeder wollte ihn hängen sehen.“ Semjon Gudsenko, Armeetagebuch 8./9. Mai, erster Friedenstag vor dem Parlament Seite 207: Dr.-Karl-Renner-Ring, vor der sowjetischen Kommandantur
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Die Befreiung Wiens von der Herrschaft der Nationalsozialisten – Schreckensbilder, Bilder der Freude? Zwei sowjetische Fotografen haben den Einzug der Roten Armee in Österreich bis ins Herz von Wien begleitet. Erstmals werden in diesem Buch ihre Aufnahmen publiziert. Herausgeber Erich Klein hat nicht nur diese Bilder in Moskau gesammelt, es gelang ihm auch, zahlreiche Augenzeugen aufzuspüren. Zusammen mit den historischen Fotografien ergeben ihre Erzählungen ein bisher weitgehend unbekanntes Bild eines dramatischen Zeitbruchs.
ISBN 978-3-85439-561-4
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