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HEUREKA 7/17

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HEUREKA #72017 Was bleibt?

Archivierung im Zeitalter digitaler Speichermedien

FOTO: OLIVIER MARTEL SAVOIE

Österreichische Post AG, WZ 02Z033405 W, Falter Zeitschriften GesmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien

D A S W I S S E N S C H A F T S M A G A Z I N A U S D E M F A LT E R V E R L A G

Zentralfriedhof Facebook Im Jahr 2098 soll es mehr Tote als Lebende auf der Social-MediaPlattform geben. Seite 14

In der Cloud oder in der DNA? Die Suche nach neuen, größeren und sicheren Speichermedien bringt die DNA ins Spiel. Seite 16

Strahlenkatzen, Atomblumen Das am längsten nachwirkende Erbe unserer Generationen an die Nachwelt ist Atommüll. Seite 18


FALTER

Radio

Der PoDcast mit raimunD Lรถw FALTER-Redakteurinnen und -Redakteure diskutieren jede Woche die interessantesten Geschichten der aktuellen Ausgabe und bieten Einblicke in ihre Arbeit.

Jeden Donnerstag unter: www.falter.at/radio


in tro d u k tio n   :   h eu r e ka 07/17   FALTER 49/17  3

Christian zillner

A u s d e m I n h a lt

:  e d i to r i a l

Ewig? Dumm Wo ist nur die Hardware hin?  Seite 12

Fotos: Karin Wasner, IMBA / Peter Duchek, Olivier Martel Savoie(2)

Statt auf rasch veraltenden ­Geräten speichern immer mehr Menschen ihre Daten in der Cloud. Wie lange aber halten sie dort?

Kopf im Bild  Seite 4 Johannes Schmidt von der BOKU Wien untersucht ­Konfliktpunkte rund um die ­erneuerbaren Energien

Am Zentralfriedhof der digitalen Welt  Seite 14

Facebook ist auf dem Weg, auch der größte Friedhof der Welt zu werden

In der Cloud – oder doch in der DNA?   Seite 16

Was von uns bleibt: Archive und Erbe  Seite 10 Zahlen und Einleitung zum Thema dieser Ausgabe: Was bleibt?

Auf der Suche nach neuen Speichermöglichkeiten wird die DNA zum Hoffnungsträger

Atomblumen und Strahlenkatzen  Seite 18

Nuklearer Abfall ist unser nachhaltigstes Vermächtnis an künftige Generationen

Rizin und Zucker – und Schluss mit lustig  Seite 8 Eine Gruppe am IMBA in Wien erforscht das tödliche Gift und eine mögliche Nutzung

Glossar und Bücher zum Thema  Seite 22

Wie die Digitalisierung nicht nur unser Leben, sondern auch unsere Totenrituale verändert

Selfies als Technologie der Kontrolle  Seite 20 Medienwissenschaftler Thomas Waitz erklärt unser Bedürfnis nach dem eigenen Bild

Was bleibt, ist Dummheit, bin ich versucht zu schreiben (und habe es schon getan). Auf sie kann man sich bis zum Ende der Menschheit verlassen. Sie äußert sich in ­Zeichen wie den 450 Millionen Dollar für ein angeblich von Leonardo da Vinci geschaffenes Gemälde, das eine offenbar an Sehnervschwäche, jedenfalls aber am Unsinn leidende Person erworben hat. Der Preis ist eine Lächerlichkeit verglichen mit dem Unsinn des F35-Kampfjetprogramms, bei dem man von 400 Milliarden Dollar spricht. Der Jet macht militärisch so viel Sinn, wie der da ­Vinci ein Bild des gleichnamigen Renaissancemalers ist. Hauptsache ist eine Unsumme, die den Beteiligten das gute Gefühl gibt, die Dummen seien die anderen. Früher hat man die geballte Dummheit in Bibliotheken eingelagert, heute versteckt man sie in einem Safe oder jagt sie in die Luft. Wobei sie auch dort verborgen bleiben soll, schließlich verfügt die F35 vor allem über eines: Tarnkappenqualität. Die Dummheit hat ja das Bedürfnis, sich zu tarnen, um als überlegen zu erscheinen. Für die Dummheit sind stets Experten zuständig, die sie sich durch harte (Forschungs-)Arbeit erworben haben. Jemand muss uns ja den Da Vinci oder die F35 einreden. Ungebildeten Dorfdeppen wird das nicht gelingen.

:  g a st ko m m e n ta r

Was braucht der Wissenschaftsstandort Österreich für die Zukunft?

Foto: Universität Basel

Antonio Loprieno

In der Wissenschaftspolitik ist die Ära der ideologischen Debatten vorbei und Pragmatismus angezeigt. Was es zu tun gibt, wird von globalen Trends diktiert. Ob man es auch tut, steht allerdings auf einem anderen Blatt, dem Blatt des Wollens. Als Standort einer entwickelten Wissensgesellschaft lebt Österreich seit Jahren mit einem Paradox: Einem der Länder, in denen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung am meisten steigen (3.14 Prozent des BIP 2017 – im Jahr 2007 waren es 2.43 Prozent), gelingt es weniger gut als den europäischen Spitzenreitern, seine Investitionen in quantitativ messbare Leistungen umzusetzen. Gemäß der Studie „Österreich 2025“ erreichen wir bei den Hochschulausgaben nur 85 Prozent der innovationsführenden Länder, und bei der Finanzierung der Universitäten

durch Wettbewerbe nur 40 Prozent. Warum? Die Antwort liegt in der Spannung zwischen den zwei gerade eingeführten Begriffen: Wir sprechen hier nicht von wissenschaftlicher Leistung generell, sondern von quantitativ messbarer Leistung. Und wir sprechen nicht von allgemeiner Finanzierung, sondern von Finanzierung durch Wettbewerb. Das österreichische Defizit betrifft also nicht den Algorithmus österreichischer Forschung und Wissenschaft, sondern den Verteilschlüssel, der diesen

Antonio Loprieno ist Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates

Algorithmus operationalisiert. Der Grund für die Kluft zwischen hohen Ausgaben und bescheidenen Rankings liegt also in der Unterentwicklung des Wettbewerbs im österreichischen Wissenschaftssystem. Dadurch bahnt sich aber eine kulturelle Entwicklung an: Ein für die österreichische (und übrigens generell für die deutschsprachige) Wissenschaft konstitutives Merkmal, jenes der Privilegierung der Kooptation, beugt sich dem ursprünglich für den angelsächsischen Kulturkreis spezifischen Wettbewerb um Forschungszuwendungen. Die Forschung am Lehrstuhl oder am Institut wird durch eine kompetitive Mittelvergabe ersetzt. Ausschlaggebend für rankingrelevante Resultate ist nicht mehr die bei der Berufung ausgehandelte Ausstattung, sondern der nachweis-

bare Erfolg in der Einwerbung von Drittmitteln. Besonders bemerkbar macht sich dabei die chronische Unterfinanzierung der Grundlagenforschung, namentlich des FWF, gegenüber dem namhaften Engagement der öffentlichen Hand im Bereich der wirtschaftlich verwertbaren Innovation (FFG). Letztere ist genauso wichtig, kann jedoch in einem hochentwickelten Wissenschaftssystem nur auf Exzellenz in den basic sciences beruhen. Deshalb weist auch ein Exzellenzprogramm, das sowohl die anwendungsorientierte Grundlagenforschung als auch den kulturellen Wandel vom paritätischen Lehrstuhl zur drittmittelstarken Professur berücksichtigt, das beste Potenzial auf, um der bestehenden wissenschaftlichen Qualität österreichischer Forschung auch die ihr zustehende Sichtbarkeit zu verleihen.


4  FALTER 49/17   h eur eka 07/17  :   p ersönl ic h k e ite n

:  ko p f i m b i l d

Energiefragen Erneuerbare Energiesysteme sind wichtig, um globale Klimaschutzziele zu erreichen. „Zugleich bringt deren Ausbau zunehmend Landnutzungskonflikte mit sich, da sie teilweise massive Eingriffe in das Landschaftsbild nach sich ziehen“, sagt Johannes Schmidt. Er ist Assistenzprofessor am Institut für Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung der Universität für Bodenkultur (BOKU). Mit einem ERC Starting Grant baut er eine Forschungsgruppe auf, die in den nächsten fünf Jahren die Konfliktpunkte rund um nachhaltige Energien untersuchen wird. „Das ist eine große Chance zur Etablierung solcher neuen Themen.“ Wie etwa die sozialen Folgen der Energiewende. Oder die globale Verteilung der Technologien und die Rolle des Handels mit Energieträgern – Kernfragen in seinem Projekt „reFUEL“. „Methodisch verknüpfen wir quantitative computergestützte Modellierungen auf globaler Ebene mit lokalen qualitativen Fallstudien. Das soll uns helfen, ein vielschichtiges Bild künftiger Energiesysteme und ihrer Auswirkungen zu zeichnen.“ Text: Uschi Sorz Foto: Karin Wasner

:  j u n g fo rs c h e r i n n e n   uschi sorz

Was war vor Handyfilm und Selfie? In einem interdisziplinären DOC-Team-Projekt erkunden diese drei Dissertantinnen den österreichischen Amateurfilm des 20. Jahrhunderts. Sandra Ladwig, 32, Universität für angewandte Kunst Wien „Der Amateurfilm nimmt mich in seiner widerspenstigen, vielfältigen Eigenart seit der Diplomarbeit als Forschungsgegenstand in Beschlag“, sagt die gebürtige Berlinerin. Nachahmend und sich abgrenzend, sei er eine Art Parallelkultur zum professionellen Kino. Ladwig hat in Braunschweig Medien- und Kunstwissenschaft, in Wien Theater-, Film- und Medienwissenschaft studiert. „Uns konfrontieren Amateurfilme mit scheinbar Gegensätzlichem: Politische Ereignisse fallen mit persönlichen Erinnerungen zusammen, sodass etablierte wissenschaftliche Erklärungen oder Analysemodelle anhand solcher Filme infrage gestellt und überdacht werden müssen.“ Ein Beispiel seien Aufnahmen von Hitlers Einmarsch in Österreich, gefolgt von Gärntnerarbeiten und Kaffeejause auf der Veranda.

Sarah Lauß, 33, Universität für angewandte Kunst Wien Schon im Studium der Kunstgeschichte sowie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft hat die Oberösterreicherin einen Schwerpunkt auf Film und Fotografie gelegt. Ihre Diplomarbeit widmete sie der Pressefotografie. Am Amateurfilm, ihrem Dissertationsthema, fasziniert sie die Formenvielfalt und das breite Themenspektrum. „Da geht es nicht nur um Familienereignisse, die Kinder oder Freizeitaktivitäten.“ Auch Stadtviertel, die Umgebung, politische Geschehnisse, Reisen oder kleine Inszenierungen seien festgehalten worden. „Genau diese Vielfalt macht die Arbeit mit dem Material so spannend.“ Neben der kulturellen und historischen Bedeutung der Motive erforscht Lauß auch deren filmische Umsetzung. Sie freut sich bereits auf den bevorstehenden Forschungsaufenthalt an der Uni Glasgow.

Fotos: Thomas Kronsteiner

Michaela Scharf, 30, Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Gesellschaft Als berufliche Perspektive waren die Geschichtswissenschaften der Niederösterreicherin doch wichtiger als der Jazzgesang. Mit dem hat sie sich das Studium finanziert. Schon früh interessierte sie der Film als historische Quelle. „Insbesondere Amateurfilme werden in meinem Fach recht stiefmütterlich behandelt.“ Sie möchte Methoden entwickeln, um private Filmdokumente „für die Geschichtswissenschaft zum Sprechen zu bringen“. Mit der Förderung der ÖAW analysiert sie nun im Austausch mit ihren Teamkolleginnen analoge Amateurfilme. „Die Auseinandersetzung mit anderen Wissenschaftssprachen ist herausfordernd, aber lehrreich.“ Ihr Fokus liegt auf der unterschiedlichen Art, wie sich Menschen auf Film darstellen, und wie sich das im Lauf der Zeit verändert.


Ko m m e n ta r e   :   h eu r e ka 07/17   FALTER 49/17  5

emily walton

martin haidinger

Florian Freistetter

#R.I.P. Twitter

Digitale Dodeln

Digitaler Rest

Was bleibt von uns im digitalen Zeitalter? Von vielen werden es veraltete Profile auf verwaisten sozialen Netzwerken sein. Tote Benutzerkonten, von denen niemand mehr das Passwort weiß, gepaart mit Millionen Urlaubsfotos, die wenig herzeigenswert sind. Von anderen wiederum werden Aussagen bleiben, die man retrospektiv wohl am besten für sich behalten hätte, die dank Internet nun aber für viele Jahre erhalten bleiben. In letztere Kategorie hat sich unlängst EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker eingeordnet. Genauer gesagt: Sein SocialMedia-Team hat ihn und sich mit Worthülsen-Werbesprech der feinsten Sorte auf Twitter verewigt. Auf einem Kanal, den man als Brüsseler Politiker wohl eher für die Verbreitung von etwas Lockerheit und Bürgernähe nutzen sollte, war sperriges Eurokratisch zu lesen. Übersetzt stand da (im Original auf Englisch): „Die #SäulenDerSozialenRechte sind mehr als nur eine Absichtserklärung. Ihre Prinzipien werden in den länderspezifischen Empfehlungen des #EuropäischenSemesters verankert werden.“ Das sind dann wohl jene Momente, in denen man als Satiriker nicht weiß, ob man gerade Material gefunden hat oder doch schon überflüssig geworden ist. Weil ­Juncker nicht der Einzige ist, bei dem Twitter, Facebook & Co. oft derart befüllt werden, gibt es längst, etwa auf Twitter, Profile, welche die EU-Spitzen parodieren. Und dabei teils beängstigend nahe an die Originale herankommen: So wie etwa der Account von Albert Kunardocz, dem „EU-Kommissar für Inlandwasserwege und Catering“. Der fiktive Kommissar macht absichtlich, was in den Institutionen oft unabsichtlich passiert: technokratische, inhaltsleere, gekünstelt jung und frisch wirkende Botschaften absetzen. Dass Albert Kunardocz auch zu Junckers jüngstem Eurosprech auf Twitter etwas zu sagen hatte, versteht sich von selbst: „#MitJuncker in dieser Frage. #InlandWasserwege und ein smarter innovativer #CateringSektor werden ihre Rolle spielen beim Aufbau des #SozialenEuropa. Mixtur von sozial & kommerziell ist der Schlüssel zu nachhaltigem, verantwortungsvollen Wachstum.“ Es sind Kommentare, über die in der Zukunft so mancher die Stirn runzeln wird. Stellt sich die Frage, ob da nicht ein paar verjährte Bikinifotos oder ein Benutzername à la Hoppelhäschen1999 nicht sogar das geringere Übel darstellen.

„Die Töchter hätten ihn gern gekannt: so ein richtiger altmodischer Pfarrer im schwarzen Gehrock mit Kragenröhre! Die von ihm hinterlassenen Dinge laufen in unserem Haushalt mit, ohne sich mit den unsrigen zu vermischen: Tintenfaß, Löscher, Federkästchen aus Libanonzeder, silberne Briefwaage, lange Pfeifen mit Porzellankopf, Großvaters Bilderbibel, Schreibtisch mit Schrankaufsatz, ehemals mit Theologie vollgestopft, jetzt von Thomas zur Ablage von Marx, Engels, Lenin benutzt, aber in den Schubladen hält sich ein Rest Pfeifenrauch. In drei Holzkästen sind Briefe, Fotos, gebündelte Predigten verwahrt …“ So beschreibt die Schriftstellerin Ruth Rehmann 1981, was von ihrem 1940 verstorbenen Vater, einem rheinischen evangelischen Pastor, an Relikten noch erhalten war, und wie es diesen stummen Überbleibseln einer menschlichen Existenz im 68er-Haushalt erging. Was aber wird von uns heutigen, dem Digitalen ausgelieferten Menschen übrig bleiben? Eine leere Packung Zigaretten, eine kaputte Festplatte mit unlesbaren Dokumenten, ein paar gelöschte Mails auf fremden Rechnern und ein ­Facebook-Profil mit dem letalen Vermerk „Status geändert“? Der Schriftsteller Egon ­Friedell sah bereits im Jahr 1912 das zu Papier gebrachte Wort auf dem Rückzug. Obsiegen ­würden das

:  b r i e f au s b rü ss e l

:  h o rt d e r w i ss e n s c h a f t

:  f r e i b r i e f

Telefon, das Grammofon und der Kinematograf: „Höchstwahrscheinlich steht uns auch die Erfindung des Fernsehers bevor! Nimmt man nun alle diese Dinge ein wenig im Geiste vorweg, so darf man sagen: es ist gar nicht ausgeschlossen, daß es in hundert Jahren eine Art der publizistischen Wirksamkeit geben wird, die der Schriftstellerei an Eindringlichkeit, Vielseitigkeit und Beweglichkeit ebenso überlegen ist wie das Buch und die Tageszeitung dem Kanzelredner und Wanderprediger.“ Wie bitte? Prophezeit der Kulturphilosoph Friedell hier etwa die Social media? „Es ist außerdem auch gar nicht ausgemacht, dass zum Dichten notwendig ‚Werke‘ gehören. Ja, es ist noch sehr die Frage, ob jene Genialität nicht höher steht, die sich in den täglichen improvisierten Lebensäußerungen eines Menschen offenbart. Vielleicht wäre der größte Künstler derjenige, der sagen könnte: ,Das einzige Kunstwerk, das ich geschaffen habe ist meine Biographie‘. An solche Dichter hat wahrscheinlich Schopenhauer gedacht, als er vom ‚Heiligen‘ sprach, und Nietzsche, als er das Ideal des Übermenschen aufstellte.“ Ach Friedell, du konntest noch nicht ahnen, dass von uns heutigen Internet-Dodeln in Wahrheit wohl nichts anderes als nur digitales Rauschen übrigbleiben wird. Von wegen Übermensch.

Zeichnung (ausschnitt)

:  F i n k e n s c h l ag   Handgreifliches von tone fink tonefink.at

Vor Kurzem habe ich mein Büro ausgemistet und dabei auch einige alte USB-Sticks gefunden. Was ich darauf vor ungefähr zehn Jahren gespeichert habe, weiß ich nicht mehr, da sie fast alle nicht mehr funktionstüchtig waren. Der Verlust dieser Daten war nicht tragisch – hätte es aber sein können. So wie mir geht es vielen Wissenschaftern. Unsere Daten liegen auf Computern herum, oder sie sind auf veralteten Medien gespeichert. Sobald die Ergebnisse publiziert worden sind, landet der Rest der Rohdaten meist in einer (digitalen) Schublade und wird vergessen. Dabei können auch solche Daten wertvoll sein. Der wahre Wert von Messungen und Beobachtungen zeigt sich oft erst später, und dann muss man die Originaldaten erneut prüfen. Manchmal haben spätere Forschergenerationen neue Ideen, um aus Daten Erkenntnisse zu erhalten, die den Wissenschaftern damals nicht zugänglich waren. Und schließlich gibt es auch noch die Wissenschaftshistoriker, die ebenfalls auf möglichst viele Originalquellen zugreifen wollen. Daten bleiben wichtig, auch wenn sie alt sind. Um ihren Wert zu erhalten, müssen sie aber nutzbar bleiben. Die umfassende Digitalisierung macht das schwieriger. Es müssen nicht nur die Daten archiviert werden, sondern auch die Lesegeräte. Die kurze Lebensdauer der digitalen Speichermedien erfordert ständige Datenpflege, um den Zugriff zu ermöglichen. Brauchbare Archive entstehen nicht von selbst. Sie müssen finanziert werden und brauchen Personal. Ich selbst habe einige Zeit für das „Virtuelle Observatorium“ gearbeitet, astronomische Daten archiviert und aus erster Hand erfahren, wie schwierig es ist, die nötige Finanzierung für solche Projekte zu bekommen. Archive sind nicht „sexy“. Sie erzeugen keine öffentliche Aufmerksamkeit, die man nutzen kann. Aber Archive sind wichtig. Je mehr digitale Daten wir erzeugen, desto wichtiger werden sie. Wir können es uns nicht leisten, sie zu ignorieren. In meinen Kisten waren übrigens auch noch einige alte Bücher. Das älteste davon aus dem Jahr 1886. Ein wenig verstaubt zwar, aber noch problemlos lesbar. Die Bücher werden uns bleiben. Damit auch der digitale Rest unserer Zivilisation überlebt, müssen wir uns aber noch ein wenig anstrengen. Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/ astrodicticum-simple


6  FALTER 49/17   h eur eka 07/17  :   Nac h r i c h te n

Seiten 6 bis 9 Wie Wissenschaft in ­unsere ­alltäglichen Lebensumstände eingreift und sie verändert

:  m e d i z i n

Künstlich denkendes Knie für Sportler Ein Kunstgelenk soll die Stabilität im operierten Knie gewährleisten Dieter Hönig

Bereits jetzt erhalten jährlich rund 16.000 Menschen in Österreich ein neues Kniegelenk, Tendenz steigend. Laut Studien sind rund zwanzig Prozent mit einem herkömmlichen Kunstgelenk unzufrieden. „Neben Schmerzfreiheit wünscht man sich, wieder voll beweglich und sportlich aktiv zu sein“, berichtet der orthopädische Chirurg ­Thomas Wallner aus Bad Aussee. Dank einer gelungenen Weiterentwicklung bei Knie-Implantaten kann man heute vielen Betroffenen diesen Wunsch erfüllen. „Unser Kniegelenk muss eine große Bewegungsvielfalt ausführen. So ist bei der Prothesenkonstruktion zu beachten, dass die innere Seite wie ein Kugelgelenk beim Beugen und Strecken stabil bleibt, während die äußere Seite eine Gleitbewegung nach vorne und hinten ausführt.“ Genau darauf basierte die Entwicklung des ­Endoprothesensystems „Evolution“. Dieses Implantat gilt als erste Gelenksprothese, die natürliche

Thomas Wallner, Bad Aussee Bewegungsabläufe exakt nachbildet. Es kommt dem körpereigenen Gelenk am nächsten und lässt irgendwann vergessen, dass man nicht mit seinem natürlichen Kniegelenk unterwegs ist. Auch anspruchsvolle Sportarten sind damit möglich, wie das Beispiel eines 63-jährigen Bergsteigers aus dem Salzkammergut zeigt.

:  B r i e f au s C a m b r i d g e

:  M at h e m at i k

Postkoloniale Studien hindern die Elite am Putzen der eigenen Bude

Smarte Boiler für warmes Wasser

Erasmus-Stipendiat Lukas Schöppl schreibt vom Jesus College der Universität Cambridge aus über britische Eliteausbildung

Peter Kepplinger berechnet energie­effiziente Wasserspeicher

Lukas Schöppl

Uschi Sorz

Remember, remember! Am heurigen 5. November flogen in Cambridge die Raketen in Erinnerung an Guy Fawkes und sein geplantes Attentat auf das Parlament 1605. Fragwürdigen Ereignissen wird also mit Feuerwerk gedacht, unbedacht hingegen scheinen die Entscheidungen mancher Fakultäten: Auf der Lektüreliste einer Lehrveranstaltungsreihe über „Postkolonialismus“ waren so gut wie keine Schreibenden vertreten, die einer ethnischen Minderheit angehören. Als das Studierende anmerkten, reagierte der britische Boulevard mit der Schlagzeile „Studentin zwingt Cambridge, weiße Autoren zu verbieten“. Das Versäumnis, den Lehrplan zu „de-kolonialisieren“, ist aber gerade in britischen Universitäten problematisch und zeugt von einem „vergesslichen“ Geschichtsbewusstsein. Auf was hier auch manchmal vergessen wird, ist, dass das Leben nicht nur aus Studieren besteht.

In einem Mail eines Professors an seine Studierenden mahnte dieser ein, dass das Studium hier in Cambridge harte Arbeit sei und keine Zeit für Partys ließe. Statt die Chance zu nutzen, einen Diskurs über Eigenverantwortlichkeit zu starten, propagierte das Mail eine ebenso ungesunde Lebensweise. Selbstständigkeit ist einmal mehr eine Kernkompetenz, die in Cambridge nicht vermittelt wird. Hier putzt man für einen fünfmal die Woche. Wenn eine Glühbirne ausbrennt, darf man sie nicht selbst auswechseln, sondern muss den Hausmeister rufen. Zwar wird im Gegensatz zu Österreich ein gemeinschaftliches Leben durch ein stärkeres Zugehörigkeitsgefühl zum College erreicht. Aber das nimmt einem nicht die notwendige Eigeninitiative ab, die das Zusammenwohnen und Interagieren mit anderen mit sich zieht. Das Studentenleben in Wien ist da um einiges selbstständiger.

:  G e n e t i k

Steinzeitjäger mischten sich gern mit Zuzüglern aus anderen Ländern Einwanderer aus dem Nahen Osten fanden durchaus, dass es auf der Alm auch die Sünd’ geben müsse Jochen Stadler

Bauern aus Nahost zogen vor rund 7.500 Jahren in weite Teile Europas und brachten die Jungsteinzeit mit. Bisher galt, dass sie die hiesigen Jäger- und Sammlervölker weitgehend verdrängten. Stimmt nicht, fanden österreichische Forscher heraus.

Kurt W. Alt, Danube ­Private University, Krems Sie vermischten sich durchwegs mit ihnen – im kargen Bergland früher als in fruchtbaren Ebenen. Mancherorts trugen die Nachkommen fast ein Drittel Jäger- und Sammler-DNA. Anna Szécsényi-Nagy und Kurt W. Alt von der Danube Private University in Krems untersuchten mit einem internationalen Forscherteam

das Erbgut hunderter menschlicher Knochenfunde aus der Jungsteinzeit, Kupferzeit und frühen Bronzezeit, die im Karpatenbecken in Ungarn, dem mitteleuropäischen Tiefland (Deutschland) und auf der Iberischen Halbinsel (Spanien) gefunden wurden. Sie stellten damit die Bevölkerungsentwicklung in den Regionen nach. Die Ergebnisse veröffentlichten die Forscher in den Journalen Nature und Scientific Reports. Die Gebiete der heutigen Länder Ungarn, Österreich und Deutschland besiedelten die Jungsteinzeitbauern über die Balkanroute, die Iberische Halbinsel entlang des Mittelmeers und vielleicht aus Nordafrika, so Alt. Im gebirgigen Spanien gab es eine schnelle Durchmischung, während sich die Jäger und Sammler aus den Ebenen Mitteldeutschlands und Westungarns zurückzogen und erst 1.500 Jahre später mit den Zuwanderern wieder in Kontakt kamen.

Hände waschen, duschen, Geschirr spülen: Das machen wir, ohne groß darüber nachzudenken. Warmes Wasser liefert ja der Boiler. Peter Kepplinger nennt diesen lieber elektrisch betriebenen Warmwasserspeicher. Denn die Erhitzung geschieht

Peter ­Kepplinger,

Fachhochschule

Vorarlberg

oft über einen elektrischen Widerstand. Aus dem oberen Teil kommt das warme Wasser, kaltes fließt unten nach. Kepplinger ist Gruppenleiter für Demand-Side-Management an der FH Vorarlberg in Dornbirn und beschäftigt sich am dort angesiedelten Josef-Ressel-Zentrum für angewandtes wissenschaftliches Rechnen in Energie, Finanz und Logistik mit der Optimierung des Energieverbrauchs im Haushalt. „Erneuerbare Energien kann man dafür besser nutzbar machen, indem man den Stromverbrauch so verschiebt, dass er mit der Erzeugung zusammenfällt“, sagt er. Windkraft- oder Photovoltaikanlagen können durch ihre Wetterabhängigkeit nicht gleichmäßig Strom produzieren. Den Verbrauch durch Haushaltsgeräte, die Energie speichern, kann man jedoch zeitlich anpassen. Kepplingers Forschungsergebnisse fließen auch in seine Dissertation ein, die er neben der Arbeit an der FH an der Universität Innsbruck schreibt. In dieser stehen Boiler im Fokus. „Ich verfolge den Ansatz, wie man den Speicher so betreiben kann, dass das Aufheizen möglichst dann passiert, wenn die Erzeugung elektrischer Energie es begünstigt“, so der gebürtige Salzburger, der mit Frau und zwei Söhnen im Örtchen Eichenberg lebt. Der 37-Jährige hat an der Uni Wien Biomathematik studiert und war lange Zeit Softwareentwickler. „Das Studium war für mich ein Versuch, die logische Art des Denkens zu erlernen“, erzählt er. Die habe ihn seit der Lektüre von Wittgensteins Tractatus fasziniert. Letztlich fehlte ihm an der reinen Mathematik aber die Frage nach „dem geeigneten Modell, um ein Thema zu bearbeiten“. Das fand er nun in der Energietechnik.

Fotos: Privat, FH Vorarlberg

nachrichten aus forschung und wissenschaft


N ac h r ic h te n   :   h eu r e ka 07/17   FALTER 49/17  7

:  m e d i z i n

:  v e r h a lt e n s b i o lo g i e

Ist meine Plazenta wirklich ein Superfood, oder essen das nur prominente Mütter?

Wölfe zeigen sich untereinander kooperativer als unsere Hunde

US-amerikanische Jungmütter verspeisen nach der Geburt ihres Babys die Plazenta. Wohlstandskannibalismus, weil es so gesund sei …

Sind sie doch die besseren Tiere? Wölfe verhalten sich beim Verfolgen eines Ziels jedenfalls kooperativer als Hunde

Barbara Freitag

Jochen Stadler

Eine Art moderner Aberglaube geistert durch die sozialen Netzwerke US-Amerikas: Prominente amerikanische Jungmütter raten zum Verzehr der Plazenta nach der Geburt eines Kindes. Entweder verarbeitet zu Globuli, oder gekocht als Speise. Rezepte

Fotos: www.meeshoo.com, Giuliano Cingoli, privat, philipp derganz, Wikipedia / Bartosz Kosiorek / Gang65

Alex Farr, MedUni Wien finden sich genügend im Internet. Der Hintergrund um den Hype des abgestoßenen Gewebes liegt in der angeblichen Gesundheit, die von alternativmedizinischen und esoterischen Communitys behauptet wird. So soll die Plazenta wegen eines hohen Nährstoff- und Hormongehaltes für eine bessere Milchbildung der stillenden

Mutter sorgen, präventiv gegen die Wochenbettdepression wirken und insgesamt neue Energie sowie eine raschere Rückbildung nach der Schwangerschaft bringen. Wissenschaftlich belegt ist all das nicht. Der Gynäkologe Alex Farr von der MedUni Wien meint dazu: „Medizinisch gesehen ist die Plazenta ein Abfallprodukt. Nachdem sie genetisch zum Neugeborenen gehört, grenzt das Verspeisen an Kannibalismus.“ Auch Farr sieht keinerlei Hinweise auf medizinische Vorteile. „Im Gegenteil, denn die vermuteten Nährstoffe wie Eisen, Selen und Zink befinden sich in keinen ausreichenden Konzentrationen in der Plazenta. Es wurden jedoch hohe Konzentrationen von Schwermetallen festgestellt, die sich dort im Laufe der Schwangerschaft ansammeln. Und vor allem birgt der Verzehr, der meist in Form verarbeiteter Kapseln oder Globuli geschieht, auch ein Infektionsrisiko.“

Wölfe können besser an einem Strang ziehen als Hunde, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, fanden Verhaltensforscher des Wolf ­Science Center in Ernstbrunn (NÖ) heraus. Die Haustierwerdung hat Hunde demnach nicht kooperativer gemacht

Sarah MarshallPescini, Wolf Science Center Ernstbrunn als ihre wilden Verwandten, wie man bisher angenommen hat, erklären sie im Fachmagazin Pnas. Die Forschenden um Sarah ­Marshall-Pescini haben Wölfe und Hunde, die beide in Rudeln und an Menschen gewöhnt aufgezogen wurden, beweisen lassen, wie gut sie mit ihren Artgenossen zusammenarbeiten:

Hinter einem Zaun lagen, unerreichbar für sie, zwei Küken auf einem Futtertablett, erklärte Marshall-Pescini. Wenn zwei Tiere gleichzeitig an den Enden eines Seils zogen, das um das Tablett gefädelt war, konnten sie an die Mahlzeit kommen. Die Wolfspärchen schafften dies bei jedem vierten Versuch (hundert von 416), Hundepärchen nicht einmal bei jedem zweihundertsten (zwei von 472), berichten die Forscher. Dies passe gut zu den Beobachtungen in der freien Natur. Wölfe leben in Familiengruppen, die gemeinsam jagen, die Jungen aufziehen und ihr Territorium verteidigen. Freilebende Hunde, die achtzig Prozent der weltweiten Hundepopulation ausmachen, sind hingegen meist Einzelgänger. Hunde seien nicht dümmer, meinen die Verhaltensbiologen. Aber sie zogen fast nie gemeinsam am Seil, um soziale Konflikte um das Futter zu vermeiden.

:  Zo o lo g i e

Die Insekten sterben heute wie die Fliegen Eine Studie zeigt einen dramatischen Rückgang der fliegenden Insekten in den letzten 27 Jahren in Deutschlands Naturschutzgebieten Sophie Hanak

Uns allen ist es wahrscheinlich schon in irgendeiner Weise aufgefallen: Es gibt weniger Insekten. Bei verschiedenen Tiergruppen wie Schmetterlingen oder Bienen wurde schon in früheren Studien gezeigt, dass ihre Zahl rückläufig ist. Doch nun belegt eine Studie der Radboud University in den Niederlanden, dass nicht nur sensible Spezies wie eben Schmetterlinge davon betroffen sind, sondern die fliegende Insektengemeinschaft als Ganzes. „Es ist sehr wichtig, dass diese Studie endlich einmal den Beweis dafür bringt, was schon lange vermutet wird: Dass die Zahl der Insekten besorgniserregend abgenommen hat“, sagt ­Thomas Frank vom Institut für Zoologie der Universität für Bodenkultur BOKU. „Es gibt ja schon viele wissenchaftliche Studien, die das Vorkommen einzelner Arten untersuchen, aber keine, die die gesamte Biomasse behandelt.“ Insekten erfüllen im Ökosystem besonders wichtige Aufgaben wie

etwa die Bestäubung von Pflanzen. Durch die Insektenabnahme kann es zu geringerer Bestäubung und folglich zu starken Verlusten der Ernteerträge kommen. Auch fressen viele Insekten Schädlinge. Und sie dienen Vögeln und Fledermäusen als Nahrung. So hat der Schwund immense Auswirkungen. „Ich vergleiche das gern mit

Thomas Frank, BOKU Wien einem Mobile, an dem immer mehr Stücke abgeschnitten werden und so eine immer größer werdende Schieflage entsteht, bis irgendwann einmal überhaupt nichts mehr funktioniert. Insektensterben bedeutet, dass viele wichtigen Funktionen unserer Umwelt, die auch für den Menschen enorm wichtig sind, verloren gehen“, so Frank.

Welche Gründe sind verantwortlich für die Abnahme der Insekten? Die Autoren der vorliegenden Studie gehen davon aus, dass der Klimawandel nicht der Grund ist. Wahrscheinlicher sind die intensive Landwirtschaft und der starke Einsatz von Insektiziden. Weiters verlieren wir durch Verbauung und Versiegelung des Bodens immer mehr naturnahe Lebensräume – dies drängt den Lebensraum der Insekten zurück. „Es wäre immens wichtig, vermehrt naturnahe Lebensräume zu belassen, die Verbauung einzudämmen und Schutzgebiete einzurichten. Schon kleine Flächen können sehr schnell neu besiedelt werden. Die Landschaft sollte so gestaltet werden, dass Insekten gefördert werden, etwa durch Blühstreifen. Das öffentliche Grün muss zu einem öffentlichen Bunt verwandelt werden“, meint Frank. In letzter Zeit ist auch zu beobachten, dass nicht nur die Zahl der Insekten abnimmt, sondern auch immer öfter nur die selben Arten gefunden

werden können. „Wir machen an unserem Institut ein Biodiversitätsmonitoring. Im Jahr 2007 wurden hundert Landschaftsausschnitte in Österreich bezüglich Habitat-Typen untersucht. Nach zehn Jahren gibt es wieder eine Untersuchung, um zu sehen, ob sich die Landschaftsstruktur und die Artenzahl von Pflanzen und Tieren

Werden rasch weniger: unsere Insektenpopulationen verändert haben. Auf diese Ergebnisse bin ich schon sehr gespannt“, sagt Frank. Leider ist zu befürchten, dass er und sein Team Ergebnisse erhalten werden, die uns wieder vor Augen führen, wie rücksichtslos wir die Insekten aus unserer Umwelt verdrängen – und damit unser gesamtes Ökosystem gefährden.


8  FALTER 49/17   h eur eka 07/17  :   Nac h r i c h te n

:  z e i tg e s c h i c h t e

Rizin auf Zucker – und Schluss Regenschirm-Attentat in den 1970er Jahren, abgefangene „Ricin-Letters“ an Obama – Rizin ist eine Biowaffe Uschi Sorz

„Das Interessante an unserer Arbeit mit Rizin ist, dass das Gift trotz jahrhundertelanger Forschung noch immer überraschend viele Geheimnisse birgt“, sagt Jasmin Taubenschmid. Sie ist Doktorandin in der Gruppe des Genetikers und Wittgensteinpreisträgers Josef Penninger am Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Gemeinsam mit ­Johannes Stadlmann, der als Wittgenstein-Fellow in Penningers Labor forscht, konnte sie nun etwas mehr Licht ins Dunkel um das tödliche Pflanzengift bringen. Zugangscode an der Zellwand aus Zucker Der hübsch blühende Wunderbaum Ricinus communis ist weit verbreitet. In der Medizin und Industrie nutzt man das aus den Samen gewonnene Rizinusöl. Doch bei der Samenschale ist Vorsicht geboten: Sie enthält ein wasserlösliches Gift. Einmal in den Organismus gelangt, entfaltet es eine fatale Wirkung. Es zerstört die „Proteinfabriken“ in den Zellen, die sogenannten Ribosomen. Bereits winzige Dosen können innerhalb von 36 bis 72 Stunden zum Tod führen. Gegengift gibt es bis heute keines. Der Beitrag von Taubenschmid und Stadlmann könnte helfen, eines zu finden. „Der Schlüssel liegt im ­Zucker“, so Taubenschmid. Zwar habe

man schon von der Wechselwirkung des Giftes mit Zuckerbausteinen gewusst; doch in welcher Kombination Rizin diese benötigt, um so mörderisch zu wirken, sei bislang unbekannt gewesen. Die IMBA-Forscher entdeckten die beiden dafür verantwortlichen Gene. Sie regulieren einen besonderen zellulären Zuckerstoffwechsel und ermöglichen dem Gift den Zugang zum Transportsystem der Zelle. So gelangt es zu den Ribosomen, die es zersetzt. „Ein Blockieren der Gene, etwa durch ein künstlich hergestelltes Molekül, bringt den Transport von Rizin in den Zellen durcheinander. Es kommt dann gar nicht erst an die Orte, wo es so großen Schaden anrichten kann“, erklärt Taubenschmid. „Dafür braucht es eine charakteristische Zuckersignatur an der Zellwand, an die es binden kann.“ Ergebnisse publizierten die Forscher in Nature und Cell Research. Die Forschung bringt auch neue Erkenntnisse über die Verbindung von Proteinen und Zucker. Diese spielt bei vielen biologischen Prozessen eine Rolle. „Bisher hat man Proteine und Zucker separat untersucht“, sagt Stadlmann. „Tatsächlich ist aber vor allem deren Wechselbeziehung spannend. Das Forschungsfeld der Glykoproteomik liefert uns eine zusätzliche Ebene der Information.“

Zur Beantwortung der Fragen rund um das Rizin hat er eine Glykoproteomik-Methode entwickelt, die auch andere neuartige Untersuchungsmöglichkeiten eröffnet. Auf der Plattform „SugarQb“ teilt sie die IMBA-Gruppe mit anderen Wissenschaftern. Neue Methode bringt Durchbruch in der Rizinforschung „Unsere Plattform erlaubt die umfassende Identifizierung komplexer Zucker­strukturen und deren Lokalisierung an den entsprechenden Proteinen“, erklärt Stadlmann. „Es wäre großartig, wenn sich viele Forscher an der Kartierung dieses wissenschaftlichen Neulands beteiligen. Zu entdecken gibt es vieles.“ So halfen Zellproben eines deutschen Patienten mit einer seltenen Zuckerstoffwechselstörung, die ihn gegen Rizin immun macht, den Wiener Forschern bei der Aufklärung des Rizin-Wirkmechanismus. Umgekehrt könnte man mit deren Methode der Frage nachgehen, welche Zuckerbestandteile bei bestimmten Krankheiten maßgeblich sind. „Diese überraschenden Wendungen finde ich das Faszinierende an der Grundlagenforschung“, sagt Taubenschmid. „Eben dass Untersuchungen eines Pflanzengifts auch zu neuen Erkenntnissen über Krankheitsursachen führen können.“

:  sta rt- u p

Dieser Facebook-Grabstein gefällt mir, den werde ich Wie funktioniert eigentlich die digitale Nachlassverwaltung? Wer soll nach dem Sterben meine Daten erben? Mit solchen Fragen – und deren Antworten –

Jeder von uns hinterlässt Spuren im Netz. Und die bleiben. Während materielle Besitztümer unter den Angehörigen aufgeteilt und Erinnerungen im Gedächtnis bewahrt werden, existieren für den digitale Nachlass weder klare gesetzliche Regelungen noch gesellschaftliche Konventionen. Gleichwohl weiß inzwischen jeder, dass das Internet nicht vergisst. Laut einer kürzlich präsentierten Studie des Digitalverbandes „bitkom“ haben sich 18 Prozent bereits mit ihrer Erbregelung auseinandergesetzt. Relativ wenig bedenkt man, dass diese Thematik etwa zwei Dritteln der Befragten bewusst ist. Den größten Aufholbedarf haben Senioren und Jugendliche.

Grundsätzlich gibt es vier Möglichkeiten für die Nachlassregelung: Erhaltung, Löschung, Archivierung oder Übertragung der Daten an Erben. ISPA, der Dachverband der österreichischen Internetwirtschaft, veröffentlichte kürzlich eine Orientierungsbroschüre mit hilfreichen Tipps und Checklisten. „Das Themenfeld ,digitaler Nachlass‘ wird in der Zukunft fast jeden angehen, sei es als Erblasser oder als Hinterbliebener“, sagt Dennis Schmolk. Umso wichtiger sei es jetzt, den Menschen einen „kontrollierten und aufgeklärten Umgang mit ihrem digitalen Leben zu ermöglichen“. Nur so lasse sich der eigene digitale Nachlass selbst bestimmen.

Dennis Schmolk, digital.danach Um das Gemisch aus Grauzonen, Unsicherheiten und Unwissenheit zu entwirren, hat Schmolk gemeinsam mit Sabine Landes die Plattform ­digital.danach gegründet. Beratung und Aufklärung sollen dabei helfen, dem Tod zuvorzukommen. „Unser Infoportal ist Anlaufstelle für Start-ups im Bereich digitaler Nachlass, aber auch für andere Unternehmer aus dem Bereich Tod und

Trauer“, so Schmolk. Anfragen würden etwa Bestatter, Hospize oder Trauerredner. Generell bemerke man eine wachsende Aufmerksamkeit für das Thema. Die beiden Initiatoren halten Vorträge vor Anwälten, Versicherungen, Friedhofsverwaltungen, Seniorenstiften und Volkshochschulen. Ein Ausrufezeichen konnte man kürzlich mit der zweiten Ausgabe der Fachkonferenz „digina“ im Microsoft Office in Schwabing bei München setzen. Zu den Teilnehmern zählten Microsoft, das Zentrum Digitalisierung.Bayern (ZD.B) sowie auf digitalen Nachlass spezialisierte Startups und Unternehmen wie Somnity, ­Memrange, Columba, Semno

Fotos: Sabrina Kurtz, IMBA / Peter Duchek

Joshua Köb


N Ac h r ic h te n   :   h eu r e ka 07/17   FALTER 49/17  9

:  w i ss e n s c h a f t l i c h e b ü c h e r au s ö st e r r e i c h empfehlungen von erich klein

„Kindsköpfige Illusion“, so nannte Karl Renner die Oktober­ revolution

Am IMBA in Wien erforscht eine Gruppe die Wirkmechanismen von Rizin im Zusammenhang mit Zucker, um über Krankheiten zu lernen

liken befassen sich neue Beratungsunternehmen

Consulting, Digital Heritage oder auch Digitales Erbe Fimberger. Diese Firmen kümmern sich in unterschiedlicher Weise um die letzten Wünsche ihrer Kunden. Eine Nachlassregelung ist keine besonders attraktive Freizeitgestaltung. Wer es also langsam angehen möchte, kann zunächst beim Facebook-Account loslegen. Dort findet man unter den Einstellungen zur Kontoverwaltung die Möglichkeit zur Angabe eines Nachlasskontakts. Dort heißt es: „Ein Nachlasskontakt ist eine von dir ausgewählte Person, die im Todesfall dein Konto verwaltet. Diese Person kann beispielsweise einen Beitrag in deiner Chronik fixieren, auf

neue Freundschaftsanfragen antworten und dein Profilbild aktualisieren.“ Der Nachlasskontakt kann bestimmen, ob das Konto in den „Gedenkzustand“ versetzt oder gelöscht werden soll. Der „Gedenkzustand“ ist so etwas wie ein Facebook-Grabstein, ergänzt durch den Zusatz „In Erinnerung an“. Kinder und Jugendliche, die einen nicht unwesentlichen Teil der Community bilden, können sich erst ab ihrem 18. Lebensjahr für einen Nachlasskontakt entscheiden. Wie viele den Dienst nutzen und wie die Wünsche der Verstorbenen garantiert werden können, ist nicht bekannt. Entsprechende Anfragen an Facebook blieben unbeantwortet.

Das Habsburger­ reich ging an seinen Eliten zugrunde

Im Februar 1917 endet in Russland die Zarenmacht. Im „Großen Oktober“ ergreifen die Bolschewiki die Macht. In Wien warnt Außenminister Czernin seinen Kaiser ob der „verblüffenden Leichtigkeit“, mit der „die stärkste Monarchie der Welt“ fiel. Links herrscht Ambivalenz: Karl Renner befürchtet „kindsköpfige Illusion, Putsch und Radau“, Otto Bauer und die Arbeiterzeitung hoffen: „Vermag es der Sozialismus, der gequälten Welt den Frieden zu bringen, dann fliegen ihm Millionen befreiter Seelen zu; der Triumph des Friedens wird dann der Triumph des Sozialismus sein!“

„Wecken Sie mich morgen um vier Uhr, ich habe viel zu tun“, waren die letzten Worte des vorletzten Kaisers, Franz Joseph I, am 21. November 1916. Die rasch durchlaufene Vorgeschichte eines halben Jahrtausends führt zur Ermordung des Thronfolgers in Sarajevo und zur Frage: Welche Möglichkeit blieben Österreich-Ungarn danach? Der Wiener Historiker verschränkt Alltags- und Herrschaftsgeschichte, Diplomatie und Verlauf des Ersten Weltkriegs samt Nachwirkungen. Fazit: „Das Habsburgerreich ging vor allem auch an seinen eigenen Eliten zugrunde.“

Verena Moritz, 1917. Österreichische Stimmen zur Russischen Revolution, Residenz Verlag 2017, 288 S.

Hannes Leidinger, Der Untergang der Habsburgermonarchie, Haymon Verlag 2017, 440 S.

Der Umbau von der Monarchie zur Republik Deutschösterreich

Am 12. November 1918 titeln die Zeitungen des Kaisers Worte: „Ich verzichte auf jeden Anteil an den Staatsgeschäften.“ Am selben Tag wird „Deutschösterreich“ ausgerufen. Die Bewältigung von Hunger und Krankheit sind ebenso monumentale Aufgaben wie eine Verfassung, Name und Grenzen des Landes neu festzulegen und den Bundesstaat zu definieren. Ein übersichtliches und dichtes Panorama der Anfangsmühen von Österreich I - vom „Wasserkopf Wien“ über Spekulanten bis zu Antisemiten und der neuen Rolle der Frauen. Andreas Weigl, Alfred Pfoser, Die erste Stunde Null. Gründungsjahre der österreichischen Republik 1918-1922 Residenz Verlag 2017, 360 S.

Der Absturz der Ersten ­Republik und seine Gründe

Der Absturz der Ersten Republik sei aus deren „politischer Kultur“ zu erklären, aus Spannungen zwischen „antibolschewistischem Bollwerk“ rechts und „Träumen von der Weltrevolution“ links. Paradigmatisch: „Rotes Wien“ und Salzburger Festspiele. Es entsteht Wissenschaft von Weltgeltung, der einzige Kulturmensch mit Realitätssinn ist Karl Kraus. Ob selbst Musil der „Welt der Grafen und der k.u.k.-Sektionschefs verhaftet“ blieb, sei dahingestellt. Erst in der Zweiten Republik werden Widersprüche zwischen Sehnsüchten und politischer Realität aufgehoben. Anton Pelinka, Die gescheiterte Republik. Kultur und Politik in Österreich 1918-1938 Böhlau Verlag 2017, 319 S.


10  FALTER 49/17   h eur eka 07/17  :   T i t elt h e m a

T I T E LT h e m a W a s b lei b t ? Fotostrecke Seiten 10 bis 21 Der junge Kanadier Olivier Martel Savoie fotografiert nur mit seinem iPhone die schönsten Bibliotheken der Welt. Unter #olive_libraries veröffentlicht er sie auf Instagram. Die Serie umfasst bereits über dreißig Bilder. „Bibliotheken haben mich schon immer fasziniert. Ihre außergewöhnliche Architektur und die Menge an Wissen, die dort gespeichert ist.“ Das iPhone ermöglicht ihm, unauffällig Momente an Orten einzufangen, an denen Fotografieren oft schwierig ist. Sein nächstes Ziel ist die Tianjin Binhai Library in China. Seine Serie wächst ständig: instagram.com/une_olive

n :  au s g e s u c h t e z a h l e n z u m t h e m a : wa s b l e i bt vo n u n s ? zusammengestellt von Sabine Edith Braun

2.000.000.000 monatlich aktive User (MAU) hatte Facebook im 2. Quartal 2017 weltweit. Ein MAU loggt sich zumindest einmal im Monat ein, kommentiert oder teilt etwas, oder drückt den like-Button. Rund 1.000.000 Profile von Verstorbenen soll es auf Facebook bereits geben. Im Jahr 2098 könnten mehr Tote als Lebende auf Facebook stehen.

8.000.000 Tonnen Plastikmüll gerieten 2010 in die Weltmeere. Bis zu 500 Jahre dauert der Zersetzungsprozess eines Plastiksackerls – während es im Schnitt nur rund 30 Minuten benutzt wird. 2014 entdeckten Geologen an der Küste von Hawaii Gebilde aus geschmolzenen Kunststoffen, Vulkangestein, Korallenfragmenten und Sandkörnern. Bis zu 1.900 kleinste Kunststoffteilchen pro Waschgang wurden selbst im Abwasser von Waschmaschinen gefunden.

10.000.000.000.000.000.000

(= 10 Trillionen) pro Sekunde betrug die Hash-Leistung im Bitcoin-Netzwerk im September 2017. Hashfunktionen reduzieren eine große Datenmenge auf eine kleinere Zeichenfolge.

40%

50%

130

Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre betrug 400 ppm (parts per million) im Jahr 2016, das sind um 40 Prozent mehr als in vorindustrieller Zeit. Mehr als 400.000.000.000 Euro betrugen die wirtschaftlichen Schäden durch klimabedingte Extremwetterereignisse in den EWR-Ländern seit 1980.

50 Prozent ihres Volumens haben Alpengletscher seit dem Jahr 1900 verloren, seit 1980 ist dieser Prozess stark beschleunigt. Der globale Meeresspiegel wird im 21. Jahrhundert im Schnitt um 26 bis 81 Zentimeter steigen.

130 Jahre alt ist die Schallplatte – und sehr lebendig: Im Jahr 2016 wurden in Deutschland 3,1 Millionen Stück verkauft (2015: 2,1 Mio.), in Großbritannien waren die Verkaufszahlen mit 3,3 Millionen Alben auf dem höchsten Wert seit 25 Jahren. Die Vinylplatte ist der einzige Tonträger mit einer jährlichen Absatzsteigerung im zweistelligen Prozentbereich.

2kB

betrug 1978 die Speicherkapazität des Modells TES 401 von Olivetti, der ersten elektronischen Schreibmaschine mit Plasmadisplay zur Textbearbeitung samt MiniMagnetscheibenlaufwerk. „Gehirn“ war ein 8-Bit-Mikroprozessor: der Intel 8080. Die TES 401 ist im Laboratorio-Museo Tecnologic@ mente in Ivrea bei Turin ausgestellt.


10  FALTER 49/17   h eur eka 07/17  :   T i t elt h e m a

T I T E LT h e m a W a s b lei b t ? Fotostrecke Seiten 10 bis 21 Der junge Kanadier Olivier Martel Savoie fotografiert nur mit seinem iPhone die schönsten Bibliotheken der Welt. Unter #olive_libraries veröffentlicht er sie auf Instagram. Die Serie umfasst bereits über dreißig Bilder. „Bibliotheken haben mich schon immer fasziniert. Ihre außergewöhnliche Architektur und die Menge an Wissen, die dort gespeichert ist.“ Das iPhone ermöglicht ihm, unauffällig Momente an Orten einzufangen, an denen Fotografieren oft schwierig ist. Sein nächstes Ziel ist die Tianjin Binhai Library in China. Seine Serie wächst ständig: instagram.com/une_olive

:  au s g e s u c h t e z a h l e n z u m t h e m a : wa s b l e i bt vo n u n s ? zusammengestellt von Sabine Edith Braun

2.000.000.000 monatlich aktive User (MAU) hatte Facebook im 2. Quartal 2017 weltweit. Ein MAU loggt sich zumindest einmal im Monat ein, kommentiert oder teilt etwas, oder drückt den like-Button. Rund 1.000.000 Profile von Verstorbenen soll es auf Facebook bereits geben. Im Jahr 2098 könnten mehr Tote als Lebende auf Facebook stehen.

8.000.000 Tonnen Plastikmüll gerieten 2010 in die Weltmeere. Bis zu 500 Jahre dauert der Zersetzungsprozess eines Plastiksackerls – während es im Schnitt nur rund 30 Minuten benutzt wird. 2014 entdeckten Geologen an der Küste von Hawaii Gebilde aus geschmolzenen Kunststoffen, Vulkangestein, Korallenfragmenten und Sandkörnern. Bis zu 1.900 kleinste Kunststoffteilchen pro Waschgang wurden selbst im Abwasser von Waschmaschinen gefunden.

10.000.000.000.000.000.000

(= 10 Trillionen) pro Sekunde betrug die Hash-Leistung im Bitcoin-Netzwerk im September 2017. Hashfunktionen reduzieren eine große Datenmenge auf eine kleinere Zeichenfolge.

40%

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Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre betrug 400 ppm (parts per million) im Jahr 2016, das sind um 40 Prozent mehr als in vorindustrieller Zeit. Mehr als 400.000.000.000 Euro betrugen die wirtschaftlichen Schäden durch klimabedingte Extremwetterereignisse in den EWR-Ländern seit 1980.

50 Prozent ihres Volumens haben Alpengletscher seit dem Jahr 1900 verloren, seit 1980 ist dieser Prozess stark beschleunigt. Der globale Meeresspiegel wird im 21. Jahrhundert im Schnitt um 26 bis 81 Zentimeter steigen.

130 Jahre alt ist die Schallplatte – und sehr lebendig: Im Jahr 2016 wurden in Deutschland 3,1 Millionen Stück verkauft (2015: 2,1 Mio.), in Großbritannien waren die Verkaufszahlen mit 3,3 Millionen Alben auf dem höchsten Wert seit 25 Jahren. Die Vinylplatte ist der einzige Tonträger mit einer jährlichen Absatzsteigerung im zweistelligen Prozentbereich.

2kB

betrug 1978 die Speicherkapazität des Modells TES 401 von Olivetti, der ersten elektronischen Schreibmaschine mit Plasmadisplay zur Textbearbeitung samt MiniMagnetscheibenlaufwerk. „Gehirn“ war ein 8-Bit-Mikroprozessor: der Intel 8080. Die TES 401 ist im Laboratorio-Museo Tecnologic@ mente in Ivrea bei Turin ausgestellt.


Foto: Olivier Martel Savoie

Tit e lt h e m a   :   h eu r e k a 07/17   FALTER 49/17  11

Die Stadtbibliothek Stuttgart glänzt hell und modern. Sie bezog 2011 den vom südkoreanischen Architekten Eun Young Yi entworfenen Neubau auf dem umstrittenen Stuttgart-21-­Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs. Der moderne, helle Quader hat die Nutzer überzeugt: Im Jahr nach der Eröffnung stieg die Zahl der Neu­anmeldungen um 50 Prozent und die Zahl der Ausleihen um 33 Prozent.


12  FALTER 46/17   h eur eka 07/17  :   T i t elt h e m a

Wo ist nur die Hardware hin? Vor allem 16- bis 24-Jährige nutzen die Cloud als Speicher. Wie lange diese hält, ist offenbar egal n dem 2017 auf Deutsch erschienenen Roman „Die Melodie meines Lebens“ von Antoine Laurain (Hollitzer Verlag) erhält ein vom Leben gebeutelter Arzt mit 33 Jahren Verspätung den auf der Post hängengebliebenen Plattenvertrag. Das ebenfalls in Übersetzung erschienene „Ende. Abermals.“ von Dino Bauk (Atlantik Verlag) handelt von der Liebe zwischen einer Mormonin und einem Rocker im Ljubljana der 1980er und 1990 Jahre. Gemeinsam ist beiden Romanen nicht nur ein Sog in die Vergangenheit: Beide Cover ziert eine Kassette, aus der kokett das Magnetband quillt. Kein Medium verdrängt ein etabliertes Medium Ob Buchcover, T-Shirt, Schüttelpennal oder Handyhülle: Die Audiokassette, die als Datenträger keine Rolle mehr spielt, ist als Kult(ur)- und Designobjekt wieder in Gebrauch. Darüber kann man sich wundern, muss man aber nicht. Denn dies entspricht der Logik der von dem deutschen Journalisten Wolfgang Riepl im Jahr 1913 aufgestellten These, wonach kein etabliertes Medium von einem neuen Medium verdrängt wird. Das alte Medium müsse lediglich einen neuen Aufgabenbereich finden. Die 3,5-Zoll-HD-Disk hat immerhin Symbolstatus erreicht. Dies verdeutlicht ein seit einigen Jahren kursierendes InternetMeme: Der Vater hält dem Sohn eine Diskette vor die Nase: „Hast du so was schon einmal gesehen?“– Antwort des Sohnes: „Cool, du hast einen 3D-Ausdruck vom Speicherlogo gemacht!“ Auch Abspielgeräte geraten aus dem Blickfeld – zumindest in der ursprünglichen Form. Um heute einen VHS-Rekorder aufzustöbern, muss man zwar noch nicht ins Technische Museum gehen, doch bei den Elektronikketten ist die Auswahl schmal. Auf Amazon ist ein VHS-Rekorder nicht unter 80 Euro zu haben. Denn heute hat jedes analoge Gerät auch die digitale Funktion dabei. Im Zuge dessen sind Hybridwesen wie der „USB-Plattenspieler“ entstanden: Er kann von Platte, CD, Radio oder auch Kassette auf mp3 übersetzen. Die Produktion von VHS-Kassetten wurde 2015 eingestellt, knapp vor ihrem 40-jährigen Geburtstag. Auf digitalem Weg sind sie nach wie vor erhältlich: Amazon hat leere VHS-Kassetten im Angebot, zum zehnfachen Preis als zur Jahrtausendwende. Die CD hingegen wurde heuer „erst“ 35 Jahre alt. Ob es noch dauern wird, bis sie zum Kultobjekt mutiert? Oder wird sie so sang- und klanglos verschwinden wie einst die Mini-Disc? Letztere wird selbst als Kultobjekt garantiert nicht wiederkehren. Denn ­Riepls Gesetz trifft nur auf etablierte ­Medien zu, und so weit hat es die Mini-Disc nie gebracht. Haben alle (analogen) Speichermedien „ihre“ Zeit, um danach einfach zu verschwinden oder in neuer Form zurückzukehren?

Text: Sabine Edith Braun

„Das Risiko, dass unbefugte Dritte auf in der Cloud gespeicherte Daten zugreifen, ist höher als bei lokal gespeicherten Daten“ Nicolas Stolz, Universität Innsbruck

Stefan Zahlmann, Universität Wien

Was bedeutet das kulturell? Der Historiker Stefan Zahlmann, ein begeisterter Analogfotograf, hält es für müßig, das Thema auf einer Entweder-Oder-Basis abzuhandeln. Nur zu oft fiele die Publizistik in die analoge Verteidigungshaltung: „Man versucht hier immer noch auf einer qualitativen Ebene zu vergleichen! Dabei vergisst man auf die kulturellen Praktiken, die sich eröffnen.“ Und wie sehen diese aus? Wir befänden uns, so Zahlmann, in einer „neuen Steinzeit“, in der sich das Analoge und das Digitale gegenseitig befruchten: „Ich fotografiere ausschließlich analog, aber ich digitalisiere jedes Negativ und stelle meine Bilder auf digitale Plattformen.“ Die Digitalisierung möchte Zahlmann nicht als Substitution verstanden wissen; die Negative bewahrt er auf. Einen Widerspruch sieht er darin nicht: „Ich gehe ins Internet – und dort ins Analogforum.“ Die analoge Fotografie sei nur ein Beispiel dafür, dass man das Analoge und das Digitale als jeweilige Ergänzung des anderen betrachten müsse. „Digitalisierung ist nicht nur das Internet, es ist alles Mögliche dazwischen“, sagt Stefan Zahlmann. So helfe das Digitale dem Analogen beim Überleben: „Die analoge Fotografie zieht nach, Kodak stellt wieder mehr Filme her.“ Zahlmann erklärt am Beispiel Berlin: „Fast jede Woche entsteht ein neues Start-up. Sie kaufen von den alten Herstellern, die sich die Produktion nicht mehr leisten können oder wollen, Maschinen auf und halten so analoge Techniken am Leben.“ In der Brandenburger Kleinstadt Bad Saarow östlich von Berlin führt die Firma Fotoimpex das laut Eigenbezeichnung europaweit größte Sortiment an Filmen, Foto­ papieren, -chemikalien und Zubehör. Was nicht aufgetrieben werden kann, stellt das Unternehmen selbst her. Im firmeneigenen Forum „für Themen rund um analoge fotografische Geräte und Materialien, Prozesse und verarbeitungsspezifische Fragen“ sind aktuell 2.680 Themen mit insgesamt rund 15.500 Beiträgen anhängig. Schallplatten aus Vinyl verzeichnen Absatzsteigerungen Nicht nur der analoge Film, auch analoge Tonträger erleben eine Renaissance: In Großbritannien lagen 2016 die Verkaufszahlen für Platten mit 3,3 Millionen Stück auf dem höchsten Wert seit 25 Jahren. In anderen Ländern sieht die Entwicklung ähnlich aus. Die Vinylplatte ist derzeit der einzige Tonträger mit einer jährlichen Absatzsteigerung im zweistelligen Bereich. Der Plattenspieler passt aber nicht in die Hosentasche, und Analogfilme sind kurz: Die Verwendung analoger Techniken ist mühevoll. Auch beim Thema Lernen hat das Analoge die Nase vorn. Der Psychiater und Philosoph Manfred Spitzer berichtet in seinem Buch „Digitale Demenz“, dass papierene

Information beim Lernen weniger müde ­ ache als etwa E-Books. Das bestätigt Stem fan Zahlmann, der an der Universität Wien eine Einführungsvorlesung zur Geschichte und Theorie von Medienkulturen hält. „Obwohl die Vorlesung gestreamt wird, schreibt die Mehrzahl der Studierenden mit“, sagt er, der selbst nur noch digital publiziert. Brauchen wir in Zukunft noch Bücherschränke, CD-Fächer und physische Archive? Der Trend geht in Richtung digitale Aufbewahrung in der Cloud. Die Speicherung erfolgt oft über mehrere Standorte, die weltweit verteilt sind. „Entsprechend gelten in diesen Ländern andere Gesetze, die oft nicht mit der hiesigen Datenschutzordnung vereinbar sind“, sagt Nicolas Stolz, System­administrator am Institut für Informatik der Universität Innsbruck. Und alle und alles sind in der Cloud Bei der Cloudverwaltung gebe es zwei Aspekte von Sicherheit zu betrachten: hinsichtlich des Schutzes vor unberechtigtem Zugriff sowie im Sinne der Verfügbarkeit der Daten, was etwa Ausfälle betrifft. Neben einer stabilen Internetverbindung als Voraussetzung gebe es aber ein ganz anderes Risiko: Geht der Cloud-Anbieter pleite, sind die dort gespeicherten Daten weg. „Prinzipiell ist das Risiko, dass unbefugte Dritte auf meine in der Cloud gespeicherten Daten zugreifen, höher als bei lokal gespeicherten und entsprechend gesicherten Daten“, erklärt Stolz und erwähnt einen krassen Fall von Datenverlust: Einer Professorin der Bostoner Kunst Universität wurden 2013 rund 200 Filme und 3.000 Bilder gestohlen, die auf Dropbox gespeichert waren. Privaten Anwendern rät der IT-Experte zum Verteilen wichtiger Daten auf mehrere Speichermedien und zur Ablage an verschiedenen Orten (bei den Eltern, am Arbeitsplatz). Auch das Ausdrucken auf säure­ freiem Papier und die Lagerung im Tresor sei bei kleinen Datenmengen eine Option. Jenes digitale Speichermedium, das der Haltbarkeit der langlebigsten analogen Speichermedien – bei Keramik- und Steintafeln sind es mehrere tausend Jahre – am nächsten kommt, ist die GlassMasterDisk, eine DVD aus Spezialglas, in welche der Hersteller die Daten selbst eingraviert. Sie ist mehr als tausend Jahre haltbar, kostet aber 160 Euro. Da kommt die Cloud allemal billiger. Deren häufigster User ist laut Eurostat 16 bis 24 Jahre alt. Was hinterlassen wir unseren Urenkeln, wenn es keine Schuhschachteln mit Fotos oder Dachböden voll Zeitungen und Tagebüchern mehr zu entrümpeln gibt? Stefan Zahlmanns Zugang ist pragmatisch: „Aus unserer Sicht ist das ein Verlust. Aber wenn es nichts bedeutet, ist es kein Verlust. Und den Nachkommenden bedeutet es offenbar nichts. Jede Generation baut sich ihre kulturellen Gedächtnisse selbst.“

Fotos: stolz / universität innsbruck, Sabine Edith Braun

I


Foto: Olivier Martel Savoie

Tit e lt h e m a   :   h eu r e k a 07/17   FALTER 46/17  13

Die Russische Staatsbibliothek in Moskau ist eine Präsenzbibliothek, das heißt, ihre Bestände dürfen nur in den vorgesehenen Lesesälen eingesehen werden. 577.000 Menschen sind derzeit als Nutzer registriert. Besucher können einen Tagesausweis beantragen, oder eine offizielle Führung durch die Räumlichkeiten mitmachen. Im Jahr 2010 zählte die Bibliothek 1,1 Millionen Besucher und 9,3 Millionen Ausleihen in den Lesesaal.


14  FALTER 46/17   h eur eka 06/17  :   T i t elt h e m a

Am Zentralfriedhof der digitalen Welt Die Digitalisierung macht vor Toten nicht halt. Wird Facebook der größte Friedhof der Welt?  n Wien gibt es mehr Tote als Lebende. Allein auf dem Wiener Zentralfriedhof wurden seit dessen Eröffnung 1874 mehr als drei Millionen Menschen beigesetzt. Ein ähnliches Schicksal scheint Facebook zu blühen. Aktuell hat das soziale Netzwerk rund zwei Milliarden Benutzer. Diese altern: So verstarb 2016 knapp eine Million FacebookUser in den USA. Laut Berechnungen von Hachem Sadikki, Statistikdoktorand an der University of Massachusetts, wird es 2098 mehr tote als lebende Menschen auf Facebook geben. „Man darf davon ausgehen, dass das soziale Netzwerk wenig Interesse hat, als größtes virtuelles Massengrab im Netz in die Geschichte einzugehen“, schreibt das ITMagazin CHIP. Wie das eigene digitale Erbe anderen hinterlassen? Aus rechtlicher Sicht macht es keinen Unterschied, ob eine Hinterlassenschaft real oder virtuell ist. Auch der digitale Nachlass ist Teil der Erbschaft. Dass Verstorbene in ihrem Testament Onlinezugangsdaten hinterlassen und regeln, wer nach ihrem Tod auf was zugreifen darf, ist eher die Ausnahme. Die Übertragung von Konten ist vor allem beim Fehlen testamentarischer Verfügungen schwierig. Europaweit geltende Standards für die Regelung solcher Situationen fehlen weitgehend. Facebook bietet seinen Usern an, zu Lebzeiten schon zu regeln, was mit dem Profil passieren soll: Gedenkzustand (alle Daten bleiben erhalten) oder löschen. Des Weiteren ist es möglich, einen Nachlassverwalter aus dem Facebook-Freundeskreis zu benennen. Diese Person kann das Profil verwalten, aber keine persönlichen Nachrichten einsehen. Unterbleiben diese Maßnahmen, wird das Profil in den Gedenkzustand versetzt, sobald die Person als verstorben gemeldet wird. Eine Löschung kann hingegen nur von Angehörigen beantragt werden. „Eine zentrale Frage lautet: Wer ist der Haupttrauernde? Wem fällt das Recht zu, das Profil zu verwalten? Oft ist das eine Machtfrage. Manchmal erhält der Haupttrauernde auch keinen Zugriff auf das betreffende Profil“, sagt Tony Walter, Professor für Death Studies an der University of Bath. Mit der steigenden Anzahl von Gedenkprofilen und semiöffentlich Trauernden in den sozialen Medien stellen sich natürlich auch Fragen nach den angemessenen Formen, um diese zum Ausdruck zu bringen: Kann ich auf die Bekanntgabe des Verlustes einer nahen Person mit einem Klick auf „Gefällt mir“ reagieren, oder verwendet man besser das Smiley mit der Träne? Ist Facebook als Arena der Selbstdarstellung überhaupt der richtige Ort für Trauer und Erinnerung? „Die Menschen fällt es in solchen Situationen schwer, sich auf Facebook richtig auszudrücken“, erklärt Tony Walter.

Text: Werner Sturmberger

„Der Cyberspace ersetzt oder erweitert den Himmel als unbegreifliche Heimat des Verstorbenen“ Tony Walter, University of Bath

Katrin Döveling, Universität Klagenfurt

„­Das Onlinetrauern ist noch im Entstehen begriffen. So sind es Kinder, Teenager und junge Erwachsene, die mit ihren Gewohnheiten implizit Kondolenzregeln schreiben und damit eine neue Kultur des Trauerns begründen.“ Diese würde sich laut dem Death-­Studies-Spezialisten von der privaten Trauer des 20. Jahrhunderts unterscheiden. Die Entwicklungen damals hätten zu einer stärker fragmentierten Gesellschaft geführt. Wer im 20. Jahrhundert trauerte, verbrachte sehr viel Zeit mit Menschen, die den verstorbenen nicht kannten. In der vorindustriellen Zeit war Trauer eine geteilte Erfahrung: Der Tote war ja bekannt. Die Veränderungen im 20. Jahrhundert haben dazu geführt, dass Menschen weniger Erfahrung mit dem Tod und seiner Bewältigung sammeln konnten. „Vor der Industrialisierung war der Tod von Angehörigen ein normaler Bestandteil des Aufwachsens“, sagt Walter. „Im 20. Jahrhundert war es möglich, die Kindheit hinter sich zu lassen, ohne mit diesem schwierigen Teil unseres Menschseins konfrontiert zu werden. Im Zeitalter der sozialen Medien ist das nun wieder schwieriger geworden.“ Eine Reaktion auf diese fehlende Erfahrung sei die Professionalisierung der Trauerarbeit im 20. Jahrhundert gewesen. Du bist tot – und deine Kumpel auf Facebook: cool, oida! „Die sozialen Medien, allen voran Facebook, bringen unterschiedliche Bereiche unseres Lebens wieder näher zusammen“, meint Walter. „Die Art und Weise, wie in den sozialen Medien um Angehörige getrauert wird, erinnert nicht so sehr an das vergangene Jahrhundert, sondern an die vorindustrielle Zeit.“ Trauern werde wieder öffentlicher und Trauernde dadurch auch angreifbarer. Typisch sind etwa Konflikte zwischen religiösen und säkularen Menschen. Gerade auf sprachlicher Ebene gibt es zwischen jüngeren und älteren Menschen Unterschiede: Beim Tod junger Menschen sind deren Eltern manchmal verstört über den sehr jovialen Ton, der in den sozialen Medien auch bei Trauerbekundungen herrscht. „Soziale Medien eröffnen den Toten selbst die Möglichkeit, ins Netzwerk ihrer Freunde eingebunden, präsent zu sein“, sagt der Soziologe Walter. Viele Trauernde besuchen die Facebook-Gedenkseiten und sprechen in ihren Postings direkt mit den Toten. Walter hebt in diesem Kontext hervor, dass viele Menschen in ihren Nachrichten auf den „Himmel“ zu sprechen kommen: „Der Cyberspace ersetzt oder erweitert den Himmel als unbegreifliche Heimat des Verstorbenen.“ Die virtuelle Greifbarkeit einer verstorbenen Person könnte aber auch dazu führen, dass es Trauernden schwieriger fällt, sie gehen zu lassen. Die Gedenkprofile können nicht nur Trost spenden, sondern auch Kummer bereiten, wenn plötzlich immer

weniger Menschen mit dieser Seite agieren und für die Hinterbliebenen der Eindruck entsteht, ihre geliebte Person sei vergessen worden. Walters Fazit über Trauer im virtuellen Raum fällt positiv aus: Das Trauern in sozialen Netzwerken würde die Menschen verbinden. Zu einem ähnlichen Befund kommt auch Katrin Döveling vom Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Klagenfurt: „Untersuchungen zeigen, dass soziale Unterstützung als emotionale Ressource zu verstehen ist. Fehlt diese in der realen Welt, oder wird diese als mangelhaft empfunden, wenden sich Menschen spezifischen Trauerportalen zu.“ Trauern auf Facebook, dem Zentralfriedhof der Welt Bei den Wellen globaler Anteilnahme in den sozialen Medien im Gefolge von Naturkatastrophen oder Anschlägen stünden allerdings andere Mechanismen stärker im Vordergrund, meint Döveling: „Teilweise handelt sich dabei um eine schneller geklickte Form der Anteilnahme als etwa auf Trauerportalen: Ein Profilbild ist schnell geändert, um Solidarität zu demonstrieren. Ich war letztes Jahr während des Anschlags in Berlin und habe dort erlebt, dass auch diese Form der Unterstützung sehr hilfreich sein kann.“ Hinter diesen Solidaritätsbekundungen steckt das Bedürfnis Betroffener, sich mitzuteilen, um so ein Gefühl eines Miteinander-Verbunden-Seins in Zeiten der Unsicherheit zu erleben. Eine völlige Virtualisierung von Gedenken und Trauer hält Döveling allerdings für unwahrscheinlich: „Die Angebote im Internet können ein gutes Auffangbecken sein, weil sie zeit- und ortsunabhängig sind. Friedhöfe aber bieten Greifbarkeit und erfüllen damit eine ganz wichtige Funktion: Sie verschaffen Klarheit. Für Trauernde ist es oft eine immense Belastung, wenn es diese nicht gibt.“ Eine weitere Verschmelzung zwischen Onund Offline-Gedenken sei vorstellbar, etwa mittels QR-Codes auf Grabsteinen, die zum Profil der Verstorbenen verlinken. Ein Abebben von Formen digitaler Anteilnahme und Trauer scheint dagegen unrealistisch. Katrin Döveling spricht von neuen, internetbasierten Trauerritualen wie der Änderung von Profilbildern oder dem Anzünden virtueller Kerzen. Death-Studies-Experte Tony Walter argumentiert dagegen für ein Primat der Technik: „In modernen, an Ritualen armen, aber an Information und Kommunikationstechnologien reichen Gesellschaften sind es vielleicht nicht so sehr Rituale, sondern medienunterstützte Formen kollektiver Erinnerung, mittels derer der Vorfahren gedacht wird, soziale Gruppen begründet werden und eine individuelle Teilhabe an diesen Gruppen erfahren wird.“ Sollte er Recht behalten, wird Facebook zum Zentralfriedhof der Welt werden.

Fotos: University of Bath, Walter Elsner / www.riccio.at

I


Foto: Olivier Martel Savoie

Tit e lt h e m a   :   h eu r e k a 06/17   FALTER 46/17  15

Die Königliche Bibliothek in Stockholm sammelt alle in Schweden veröffentlichten Tondokumente, Bilder und Printprodukte und bewahrt sie für die Nachwelt. Sie ist eine der größten Bibliotheken der Welt. Allein die audiovisuelle Sammlung umfasst über sieben Millionen Stunden Ton- und Videomaterial. Unter ihren Beständen befinden sich auch Personenarchive, z.B. jenes von Astrid Lindgren oder von August Strindberg.


16  FALTER 49/17   h eur eka 07/17  :   T i t elt h e m a

In der Cloud – oder doch in der DNA? Auf der Suche nach neuen Speichermöglichkeiten im virtuellen Raum ald ist Weihnachten. Das bedeutet für mich, das beliebteste Geschenk für die Verwandtschaft vorzubereiten: Fotobücher und Fotokalender. So muss ich aus rund tausend Fotos, die ich in diesem Jahr gespeichert habe, brauchbare auswählen und damit ein Album gestalten. Sollte ich öfter machen, denn die Speicherung meiner persönlichen Daten auf Festplatten ist nicht langlebig. Hinsichtlich der Dauerhaftigkeit der Datenspeicherung hatten unsere Vorfahren bessere Methoden: In Stein gemeißelte Inschriften halten etwa zehntausend Jahre, Informationen auf Pergament an die eintausend. Kein Vergleich zu den externen Festplatten, die derzeit nur rund zehn Jahre überdauern. Dafür ist der Platz auf einem Stein wiederum sehr begrenzt. Neue Datenspeicher sollen demnach hohe Kapazitäten mit langer Lebensdauer kombinieren. Ein neues Speichersystem für das neue Jahr? Dieter Süss, Physiker an der Universität Wien, arbeitet gemeinsam mit mehreren internationalen Universitäten im Auftrag von Festplattenherstellern an magnetischen Speichern, um das Potenzial von zukünftigen Technologien zu berechnen. „Wir beschäftigen uns derzeit mit einer Speichertechnologie, die voraussichtlich nächstes Jahr auf den Markt kommen wird, dem sogenannten Heat-assisted magnetic recording“, sagt Süss. Bei den herkömmlichen magnetischen Speichern werden kleine Magnete mithilfe winziger Elektromagneten umgepolt. Die neue Methode wird mittels Laser bewerkstelligt und führt dazu, dass mehr Informationen gespeichert werden können. In den letzten Jahren wurden die meisten Speicher schon sehr weit ausgereizt. Etwa von 1955 bis vor ungefähr sieben Jahren gab es bei der Speicherkapazität ein exponentielles Wachstum. „Ich vergleiche das immer mit dem bekannten Märchen vom Reiskorn und dem Schachbrett“, sagt Süss. „Da wünscht sich ein Untertan zur Belohnung, dass der König ein Schachbrett mit Reis auffüllt. Und zwar so: ein Reiskorn auf das erste Feld und auf jedes weitere Feld stets die doppelte Zahl an Körnern. Allerdings stellten sie beim 64. Feld fest, dass es im ganzen Königreich nicht genug Reiskörner gab: Um das Schema zu erfüllen, bräuchte man um die achtzehn Trillionen Reiskörner.“ Damit Wachstum weiterhin gewährleistet werden kann, müssen die magnetischen „Körner“ auf einer Festplatte, auf denen die Information gespeichert wird, laufend kleiner werden. Ab einem gewissen Punkt ist dies jedoch nicht mehr möglich, weil die Körner thermisch instabil werden. Deshalb hat sich das Wachstum der Speicherkapazität auf ungefähr dreizehn Prozent pro Jahr reduziert.

Text: Sophie Hanak

„Unter den Speichermedien wird die DNA zum Hoffnungsträger“ Robert Grass, ETH Zürich

Mathias Tausig, FH Campus Wien

„Es wird künftig sehr spannend werden, auf welche Weise wir Daten ­speichern. Die Datenflut wächst unaufhaltsam, nämlich um zweiundvierzig Prozent pro Jahr und weit schneller als die Steigerung des Fassungsvermögens der Festplatten von rund dreizehn Prozent pro Jahr“, erklärt Süss. Ein weiteres Problem ist die Lebensdauer von digitalen Speichern. Eine externe Festplatte etwa muss etwa alle zehn Jahre ausgetauscht werden. „Rein technisch gesehen, wäre es gar kein Problem, die Langlebigkeit der Daten auf Festplatten zu verlängern. Das ginge jedoch auf Kosten der Datendichte. Magnetische Materialien könnten auf tausende Jahre hinaus stabil gehalten werden. Daran besteht aber seitens der Kunden kein Interesse. Auch weil die Mechanik nicht so einfach auf so lange Zeiträume ausgelegt werden kann“, meint Süss. Informationen künftig in der DNA gespeichert?

Wer also speichert in Zukunft? Zum Beispiel Flashspeicher und 3D-XPoint-Speicher. Flashspeicher sind mechanisch sehr robust, kommen sie doch ohne bewegliche Teile aus. Ihr Energieverbrauch und ihre Wärmeentwicklung sind geringer, und sie sind unempfindlich bei Erschütterungen. Die Technik des 3D-XPoint basiert auf der Veränderung des elektrischen Widerstandes und soll um ein Vielfaches schneller und haltbarer als bisherige Speichertechnologien sein. Um das Problem der Datenspeicherung zu lösen, sucht man auch nach scheinbar utopischen Methoden. So wollen Wissenschafter Text- und Bildinformation in den Code der DNA übersetzen und so auf künstlicher DNA Informationen speichern. DNA-Datenspeicher verwenden für das Auslesen der Daten die Methode der DNA-Sequenzierung. Dies ist ein relativ aufwendiges ­Verfahren zur Bestimmung der Nukleotid-Abfolge in einem DNA-Molekül. „Eigentlich hat sich diese Idee aus dem Kunstprojekt ‚Microvenus‘ von Joe Davis entwickelt. Er ist ein Wissenschaftskünstler und hat im Jahr 2000 begonnen, ganz einfache Informationen, nämlich Bilder in bakterielle DNA, zu übersetzen“, erklärt der Vorarlberger Robert Grass, Dozent an der ETH Zürich. Sowohl George Church, einem Molekularbiologen, der Techniken zur DNA-Sequenzierung entwickelt hat, als auch dem Bioinformatiker Nick Goldman ist etwa zur selben Zeit die Idee gekommen, DNA zur digitalen Datenspeicherung zu nutzen. Immerhin ist sie imstande, die riesigen Datenmengen unseres Genoms zu speichern. „Die Methode der Sequenzierung ist genau gleich wie bei molekularbiologischen Anwendungen. Der große Unterschied: Unsere DNA-Segmente sind kürzer und mit einem Index versehen, der angibt, wo das Segment, das man gerade liest, im Datensatz hingehört. Die gelesene Information wird anhand dieser Indices wieder richtig

angeordnet und mithilfe einer eigenen Software in digitale Information rückübersetzt“, erklärt Grass. Um digitale Daten überhaupt in DNA speichern zu können, werden diese zuerst in einen digitalen Code übersetzt und mit einer eigens entwickelten Software in den Code der DNA umgewandelt. Anhand dieses Codes werden mittels chemischer Synthese Moleküle gebaut. Dabei entsteht künstliche Speicher-DNA. Zum Auslesen der Information kommt die DNA in den Sequenzierer, wo der Code gelesen werden kann. Solch ein Speicher ist sehr stabil und sehr lange haltbar. Allerdings ist die Methode derzeit noch recht umständlich und teuer. „Der Bedarf an großen Speichern ist heute sicherlich anders als vor fünfzehn Jahren“, sagt Grass. „Für Anbieter wie beispielsweise Google oder Amazon wird der Aufwand immer größer, daher sucht man ständig nach einem passenden Medium, um die riesigen Datenmengen zu speichern. So wird DNA zu einem der Hoffnungsträger.“ Speichern von großen Datenmengen in der Cloud Clouddienste speichern unsere Dateien auf Servern. Nutzer können davon ausgehen, dass die dort gespeicherten Daten vor Datenverlust geschützt sind. Ein weiterer Vorteil ist, dass von jedem Gerät mit Internetanschluss auf die Daten zugegriffen werden kann. Man ist jedoch dem Anbieter ausgeliefert und muss darauf vertrauen, dass große Betreiber wie etwa Amazon oder Google mit den Daten verantwortungsbewusst umgehen. Zudem ist diese Speicherart nicht unbedingt sicher. Das macht die Cloud vor allem für Unternehmen zu einem Problem. Solche Bedenken sollen jetzt aus dem Weg geräumt werden. An der Lösung dazu forscht Mathias Tausig am Kompetenzzentrum für IT-Security der FH Campus Wien. „In unserem Projekt geht es darum, wie man bestehende Cloudspeicherdienste sicherer und einfach nutzbar machen kann.“ Wenn Daten in eine Cloud hochgeladen werden, müssen sie verschlüsselt sein, um ihre Vertraulichkeit garantieren zu können. „Das Problem ist, dass man dadurch sehr viel an Komfort verliert. Es ist nicht mehr so leicht möglich, nach bestimmten Dateien zu suchen. Deshalb suchen wir nach Verfahren, die Daten verschlüsselt anlegen, also für den Cloud-Betreiber uneinsehbar, aber ermöglichen, innerhalb dieser Daten nach Begriffen zu suchen“, erklärt Tausig. Diese Verfahren sind in der Anwendung sehr kompliziert und daher noch wenig verbreitet. Tausig und sein Team wollen sie nun vereinfachen. Cloudanbieter können sie dann in ihre Software einbauen, um die Cloud sicherer und anwenderfreundlicher zu machen. Dann können wir unsere privaten Daten und Fotos ohne Bedenken in der Cloud speichern. Bis dahin ist die wohl beste Lösung immer noch das Fotoalbum.

Fotos: ETH Zürich / Giulia Marthaler, Privat

B


Foto: Olivier Martel Savoie

Tit e lt h e m a   :   h eu r e k a 07/17   FALTER 49/17  17

Die Metropolitan Ervin Szabó Bibliothek in Budapest ist in einem neobarocken Schloss aus dem 19. Jahrhundert untergebracht. Besonders stilvoll studiert man im vierten Stock des ehemaligen Palais Wenckheim. Dort befinden sich fünf historische Lesesäle im Rokoko-Stil.


18  FALTER 49/17   h eur eka 07/17  :   T i t elt h e m a

Atomblumen und Strahlenkatzen Nuklearer Abfall ist das langlebigste Vermächtnis unserer Kultur an zukünftige Generationen ürde man alle abgebrannten Brennstäbe der Welt aneinander schlichten, würde man einen Würfel mit einer Kantenlänge von rund fünfzig Metern erhalten“, sagt Nikolaus Müllner vom Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften der BOKU Wien. Sie sind der Treibstoff der weltweit 449 Kernreaktoren, die sich im Jahr 2017 in Betrieb befinden. Damit produzieren sie ungefähr 2.500 Terawattstunden Strom pro Jahr, also elf Prozent des globalen Strombedarfs, und etwa 14.000 Tonnen Atommüll. Wohin mit all dem radioaktiven Abfall? „Der Kern eines 1-Gigawatt-Druckwasserreaktors wiegt etwa achtzig Tonnen“, führt Müllner weiter aus. „Rund ein Drittel des Kerns muss jährlich getauscht werden.“ Die hochradioaktiven Brennstäbe kommen dann in ein Abklingbecken, das sich meist innerhalb des Sicherheitsbehälters der Reaktoranlage befindet. Beim Nachzerfall produzieren die abgebrannten Brennelemente noch erhebliche Wärmemengen, sodass sie gekühlt werden müssen. Nach zwei bis fünf Jahren haben Radioaktivität und Wärmeentwicklung soweit abgenommen, dass sie in einen Trockenlagerbehälter, etwa einen CASTOR, umgelagert werden können. Dabei handelt es sich um einen mehr als hundert Tonnen schweren Stahlbehälter, in dem die Brennstäbe für rund dreißig Jahre weiter abkühlen. Diese hoch radioaktiven Abfälle stellen anteilsmäßig die geringste Menge des anfallenden Atommülls dar, sind aber für beinahe die gesamte vom Menschen erzeugte Radioaktivität verantwortlich und machen eine Langzeitlagerung erforderlich. Gering verstrahlter Müll (Arbeitskleidung, Putzlappen, Kühlwasser) macht den Großteil des radioaktiven Abfalls aus, ist aber verhältnismäßig unproblematisch. Abfälle von mittlerer Belastung können aus wissenschaftlichen, medizinischen und technischen Anwendungen stammen, umfassen aber auch Bauteile aus Reaktoren und Wiederaufbereitungsanlagen. Typischerweise müssen sie mehrere Jahrhunderte gelagert werden. Die Zwischenlagerung in Abklingbecken und CASTOR ist ein notwendiger Schritt, doch als Dauerlösung ungeeignet. Die sichere Betriebsdauer der CASTOR-Behälter wird auf rund vierzig Jahre geschätzt. Zudem bietet eine oberirdische Lagerung deutlich weniger Schutz vor Naturkatastrophen, Unfällen oder Anschlägen als unterirdische Deponien. „Das Problem der Lagerung sind die ungeheuer langen Zeiträume, die mit den Dimensionen der Menschheitsgeschichte eigentlich nicht fassbar sind. Für die Geologie hingegen sind es verhältnismäßig alltägliche Zeitspannen“, sagt Müllner. Man versucht daher Gesteinsschichten zu finden, die seit Millionen von Jahren stabil sind, und von denen man annehmen kann, dass sie das auch bleiben werden. Als besonders

Text: Werner Sturmberger

„Sollte die Erde in ein paar Millionen Jahren von fremden Zivilisationen besucht werden, würde sie noch immer Spuren unserer nuklearen Gegenwart finden“ Nikolaus ­Müllner, BOKU Wien

Christian Trautsch, TU Berlin

geeignet gelten Salz, Ton und Granit. In mehreren, hunderte Meter unter der Erde liegenden Stollen soll das radioaktive Material vor Umwelteinflüssen sicher gelagert werden. Doch gibt es bis dato kein Endlager für den Abfall ziviler Nutzung der Kernenergie. Das WIPP (Waste Isolation Pilot Plant) in Carlsbad, New Mexico, ist den Abfällen des US-Nuklearwaffenprogramms vorbehalten. In Finnland hat man mit dem Bau eines Endlagers begonnen, in Schweden soll der Baubeginn in zwei Jahren erfolgen. Frankreich hat eine Region im Auge. In Deutschland sucht man noch immer. Warum nicht einfach vergraben und vergessen? Wenn die Einlagerungsphase in Olkiluoto (Finnland) und Oskarshamm (Schweden) endet, sollen die Granitstollen der 400 bzw. 450 Meter tief gelegenen Tunnelsysteme zugeschüttet und verschlossen werden. Man will die Lager nicht markieren, sondern vergessen. Beim WIPP hingegen geht man einen anderen Weg. Die Befüllung soll 2033 abgeschlossen sein. Im Anschluss daran startet eine hundertjährige Abklingphase. Dann soll die Deponie verschlossen und über ihr eine Art Mahnmal errichtet werden. Es basiert auf Plänen des Semiotikers Thomas Sebeok, der in den 1980er Jahren den Auftrag erhielt, als Leiter der „Human Interference Task Force“ eine geeignete Kennzeichnung für Endlager zu entwickeln. Sein Konzept sieht eine Reihe von riesigen Monolithen vor, die das Lager markieren und mit Texten in unterschiedlichen Sprachen und auch mit Piktogrammen versehen sind. Diese Form der Kennzeichnung war aber bereits damals umstritten. Christian Trautsch von der Arbeitsstelle für Semiotik der TU Berlin gibt zu bedenken: „Linguisten gehen davon aus, dass nach spätestens zehntausend Jahren alle heute gesprochenen Sprachen keine erkennbare Verwandtschaft mehr zu ihren Ausgangssprachen aufweisen werden. Zudem werden Warnsignale nicht in allen Kulturen gleich interpretiert.“ Aktuell herrscht auch keine Einigkeit darüber, ob man Menschen überhaupt warnen soll: Monumentale Bauten wie jene des WIPP könnten erst recht Neugierige anziehen und sie so in Gefahr bringen. Also doch lieber dem finnischen und schwedischen Beispiel folgen? „Der Atomsemiotik liegt eine Atomethik zugrunde, die auf einem Verantwortungsbewusstsein und Mitgefühl für unsere Nachwelt fußt“, so Trautsch. Das würde eben auch bedeuten, zukünftige Generationen über die Gefahren aufzuklären. Da Sebeok selbst nicht vollends von der Wirkmächtigkeit von Schildern überzeugt war, regte er die Gründung einer Art Atompriesterschaft an. Sie sollte mittels Mythen dieses Wissen um die Gefahren der Lagerstätten in der Bevölkerung verankern. In Europa schlugen die Linguisten Françoise

Bastide und Paolo Fabbri die Züchtung von Tieren, etwa Strahlenkatzen vor, deren Fell sich bei hohen Strahlungswerten verfärbt. Dass sich auch noch einer der wichtigsten Science-Fiction-Autoren in die Thematik einbrachte, ließ die Debatte auch nicht gerade seriöser erscheinen: Stanislaw Lem schlug die Züchtung von Atomblumen vor, die nur am Ort der Lagerstätten wachsen sollten. Zusätzlich sollten die Pflanzen als organisches Trägermaterial für codierte Informationen über die Lagerstätten dienen. Trautsch favorisiert dagegen eine Idee seines Kollegen Roland Posner: „Es braucht eine soziale Institution, die atomare Endlager solange betreut, solange diese eine Gefahr für Mensch und Umwelt darstellen. Diese sollte mit der Wartung der Endlager betraut sein, aber auch für eine kontinuierliche Adaptierung von Warnungen und Informationen an sprachliche Entwicklungen Sorge tragen.“ Einen demokratischen legitimierten Zukunftsrat, als dritte Kammer neben Bundestag und Bundesrat, wie Posner ihn bereits in den 1980er Jahren vorschlug, hält er für realistischer als Sebeoks Atompriesterschaft. Gerade in Deutschland, wo die Skepsis gegenüber Atomenergie und Lagerstätten besonders groß ist, könnte dies ein Mittel sein, um das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen. Tatsächlich hat sich die Bundesregierung ein Durchgriffsrecht gesichert, um ohne das Einverständnis einer betreffenden Kommune ein Endlager errichten zu können. Von einer Demokratisierung der Atomkraft und ihren Folgen ist man in Deutschland weit entfernt: Die Gewinne aus der Atomkraft werden privatisiert, ihre Folgen sollen autoritär abgewickelt werden. Demokratisch sind nur ihre Folgekosten, aus Steuergeldern beglichen. Ist Österreich immer noch die Insel der Atomfreien? „Auch in Österreich gibt es radioaktive Abfälle aus dem Versuchsreaktor Seibersdorf, der bis ins Jahr 1999 betrieben wurde. Das war natürlich ein kleiner Reaktor, aber auch er produzierte Atommüll. Laut EURichtlinie muss für dessen Abfälle ein Endlager errichtet werden“, ruft Müllner in Erinnerung. Eine mögliche Lösung verspricht das Konzept der Tiefbohrlagerung. Dieses eignet sich aber nur für Länder mit geringen Mengen hochaktiven Abfalls. Nimmt man die Solidarität österreichischer Gemeinden im Zuge der Flüchtlingspolitik als Gradmesser, wird es in Österreich schwierig werden, eine Gemeinde zu finden, die sich bereiterklärt, die Endlagerung radioaktiver Abfälle zu übernehmen. Ob eine Tiefenbohrung wirklich die ideale Lösung ist? Angesichts der extremen Zeitdimensionen sind alle Versuche einer Endlagerung ergebnisoffene Experimente. Aber unumgänglich, da die Bewältigung der Folgen der Atomkraft alternativlos ist.

Fotos: privat

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Foto: Olivier Martel Savoie

Tit e lt h e m a   :   h eu r e k a 07/17   FALTER 49/17  19

Das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum wurde 2009 in Berlin eröffnet. Das Herzstück des zehngeschossigen ­Gebäudes des Schweizer Architekten Max Dudler ist der riesige Lesesaal: 70 Meter Länge, 12 Meter Breite, 20 Meter Höhe. Von den 2,5 ­Millionen lagernden Büchern sind rund zwei Millionen in Freihandaufstellung verfügbar. Das ist der größte frei zugängliche Bibliotheksbestand im deutschsprachigen Raum.


20  FALTER 49/17   h eur eka 07/17  :   T i t elt h e m a

Selfies als Technologie der Kontrolle So versteht der Medienwissenschaftler Thomas Waitz den Hype um das Selbstbildnis homas Waitz lehrt an deutschen Hochschulen und an der Universität Wien Medienwissenschaft. Weiters arbeitet er in der Redaktion der in Berlin und Zürich erscheinenden Zeitschrift für Medienwissenschaft und ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Medienwissenschaft. Herr Waitz, wann wird etwas zum Medium? Thomas Waitz: Denken Sie an die Auguren, jene römische Beamte, die man vor wichtigen Entscheidungen über die Gewogenheit der Götter befragt hat. Sie haben versucht, in den Anzeichen der Natur Hinweise zu lesen, etwa anhand der Flugbahnen von Vögeln. Wir lesen das Zittern der Börsenkurse in Grafiken als Hinweise auf gesellschaftliche Befindlichkeiten. Beides ist ähnlich spekulativ. Medienwissenschaft interessiert, warum etwas zu einer bestimmten Zeit als Medium akzeptiert ist. Die Publizistik als sozialwissenschaftliche Disziplin fragt nach Wirkungen und Zusammenhängen von Massenmedien und Gesellschaft, nach der Entwicklung von Medien. Die Medienwissenschaft bestimmt sich dadurch, dass sie mit dem traditionellen Verständnis von Geisteswissenschaft gebrochen hat: Nämlich mit jenem Axiom, dass man den Dingen durch ein verstehendes Nachvollziehen auf den Grund gehen kann. Wir sagen, dass es einen Bereich gibt, der nicht sinnhaft ist, nicht durch Sinnkonstruktionen zu verstehen und zu rekonstruieren ist. Es ist der Bereich der Medialität. Den gilt es zu untersuchen, weil dieser Bereich maßgeblich mitbestimmt, wie wir denken, handeln und fühlen. Das Bild zum Beispiel eignet sich gut als Erklärungsmodell der Medienwissenschaft. Die Kunsthistoriker erstellen einen visuellen Befund und erklären, was das Bild zeigt, wann es entstanden ist, was der Maler damit ausdrücken wollte. Uns interessiert das alles auch, aber wir schauen am liebsten auf den Rahmen des Bildes. Den physischen oder metaphorischen? Waitz: Auf beide. Denn dieser Rahmen ist so etwas wie die Möglichkeitsbedingung des Bildes. Man kann über die Art des Rahmens durchaus Aussagen treffen. Zum Beispiel haben die heute bevorzugten schwarzen Bilderrahmen sicher mit der Gewohnheit der Verdunkelung in Theatern zu tun. Wir schauen uns auch die Medialität des Wohnens im buchstäblichen Sinn an, denn unsere Wohnungen sind durchsetzt von Medientechnologie. Nehmen Sie die Einbauwand mit integriertem Fernseher und Bücherregalen. Das hat viel zu tun mit der Zurschaustellung von Medien. Was passiert mit der Möblierung, wenn die Medien­welt sich verändert? Aber auch die Veränderung des Begriffes „Wohnen“ ist ein medienwissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand. Gleichzeitig ist die Vorstellung dessen, was eigentlich ein „Zuhause“ ist, ein Topos, den man medienanalytisch

interview: Barbara Freitag

„Es ist relativ wahrscheinlich, dass es in hundert Jahren dieses Facebook nicht mehr geben wird“ Thomas Waitz, Medienwissenschaftler

untersuchen muss. Nehmen wir den „Homebutton“ am Browser oder die „Homepages“. Diese Konzepte sind an mediale Vorstellungen geknüpft. Oder bleiben wir beim Fernsehen. Was das heute ist, lässt sich schwer bestimmen. Ist dieses gegenwärtige Medium tatsächlich in Auflösung, jedenfalls das Broadcasting TV? Oder findet Fernsehen auch auf Youtube oder Netflix statt? Uns interessiert dabei aber nicht, einen normativen Begriff von Fernsehen zu entwickeln. Wir analysieren die gesellschaftlichen Diskurse über Fernsehen. Sie untersuchen auch die Praxis der „Selfies“ als Medium. Sind diese so etwas wie nette Erinnerungen? Waitz: Es liegt erst einmal nahe, Selfies innerhalb der Tradition der Selbstbildnisse zu betrachten. Doch ich denke, dass diese Perspektive nicht hilfreich ist, weil bestimmte Funktionen damit nicht fokussiert werden. Ich schlage vor, Selfies als eine Technologie der Kontrolle zu verstehen, der Selbstund Fremdkontrolle. Mit Michel Foucault kann man auch sagen, dass wir in dem Moment, in dem wir ein Selfie machen und es auf eine soziale Plattform posten, gestehen. Selfies sind immer sozial gerahmt und finden nicht im Privaten statt, sondern treffen auf ein Publikum. Foucault sieht unsere kulturelle Gegenwart als geprägt durch unterschiedliche Formen des Geständnisses, etwa der Schwächen. Im Moment des Gestehens bringen wir uns auch selbst hervor. Das funktioniert wechselseitig, wir werden hervorgebracht und arbeiten daran mit, denn es zwingt uns ja niemand dazu. Hier geht es nicht nur um eine ästhetische Funktion, sondern wir subjektivieren und arbeiten an uns. Wir sind dann Teil einer Gesellschaft, die maßgeblich auf solchen Formen der Subjektivierung beruht. Welche Hinweise könnten Selfies einmal als Medien der Erinnerung in hundert Jahren geben? Waitz: Man wird sich vielleicht fragen, welche Gesellschaft das war, die diesen Bild­ typus hervorgebracht hat. Man könnte sich fragen, welche gesellschaftlichen Bedürfnisse und Zwänge so etwas eingefordert haben. Möglicherweise deutet man das als eine Gesellschaft, die von den Einzelnen verlangt und erwartet hat, sich immer wieder aufs Neue zu gestalten. Interessant an Selfies ist auch ihre Serialität. Es ist eine Arbeit am Selbst, die nie zum Abschluss kommt, sondern im Gegenteil, immer wieder aufs Neue eingefordert und auch geleistet wird. Ich sehe da eine neoliberale Gesellschaft, die stark auf Individualisierung basiert und dem Einzelnen Eigenverantwortung abverlangt. Die neoliberale Idee beruht ja auf der Befreiung des Einzelnen. Es ist also eine Arbeit, die jeder immer wieder zu leisten hat, scheinbar selbstbestimmt. Neoliberalismus in meinem Verständnis bedeutet auch,

dass alle Bereiche des Lebens marktförmig und über den Wettbewerb organisiert werden. Das leuchtet am Beispiel der Selfies sofort ein. Es geht hier weniger um Eitelkeit, sondern um eine Machttechnologie, ein Medium der Kontrolle, das uns zum Sprechen bringt, in einer Mischung aus freiwilliger Hingabe und Erwartung von außen. Geht es nicht auch um Selbstpräsentation? Waitz: Nein, Selfies sind eine massenhafte Praxis und kein Jugendphänomen. Die Arbeit am Selbst kommt nie zum Ende; wir werden permanent dazu aufgefordert, endlich uns selbst zu finden und zu sein. Warum ist man eigentlich nie man selbst? Es ist ein unerreichbares Ziel. Indem wir gestehen, entwerfen wir uns als tätige Wesen, teilweise freiwillig. Es ist ein ständiges Austarieren zwischen Widerstand und Nicht-Widerstand. Eine große Rolle spielen dabei soziale Netzwerke. Freilich ist Facebook keine geeignete Medientechnologie des Widerstandes. Die Eigenlogik dieser Technik ist so stark, die Algorithmen dieser Newsfeed-Generierung sind so intransparent, dass kein Widerstandpotenzial da ist. Ist Facebook als Medium der Erinnerung geeignet? Waitz: Es ist relativ wahrscheinlich, dass es in hundert Jahren diese Onlineplattformen nicht mehr geben wird. Facebook ist wie alle Internettechnologien eine enorm energieaufwendige und instabile Form der Datenspeicherung und Verarbeitung. Wir haben wenig Erfahrung, wie technisch instabile Formen die Zeit überdauern. Ich verweise nur auf Websites des frühen Internet, die sind alle verschwunden. Nur weil etwas digital vorhanden ist, bedeutet das ja nicht, dass es auch zugänglich ist. Wir stehen gerade jetzt vor dem Problem der begrenzten Lebensdauer von Hardware wie CDs oder VHS oder Filmrollen. Das bedeutet enorme Probleme für die Archivierung von Daten, denn die Sammlungen auf diesen Datenspeichern lösen sich auf. Was bleibt also? Waitz: Nicht viel. Wenn man bewahren möchte, bedeutet das auch eine gewaltige gesellschaftliche und finanzielle Anstrengung. Man muss bedenken, dass Medienwechsel nie neutral verlaufen. Es geht immer Information verloren, oder sie verändert sich. Entscheidend ist aus meiner Sicht aber, dass wir uns nicht nur an die Vergangenheit erinnern sollen, sondern auch an die Zukunft als Möglichkeit der Gestaltung. Da fehlen die Visionen auf allen Ebenen. Gibt es heute noch ein Leitmedium? Waitz: Sprache und Bilder steuern maßgeblich unser Leben. Aber im engsten Sinne bestimmen algorithmische Kulturen die Gegenwart. Da gäbe es auch dringenden Forschungsbedarf.

Foto: T. Igassen

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Foto: Olivier Martel Savoie

Tit e lt h e m a   :   h eu r e k a 07/17   FALTER 49/17  21

Die Biblioteca Angelica in Rom wurde 1614 als eine der ersten Bibliotheken für die Allgemeinheit geöffnet. Ihre ältesten Bestände gehen auf die Augustiner zurück. Die Sammlung umfasst heute 200.000 bibliothekarische Einheiten in unterschiedlichen Sprachen, davon mehr als 100.000 aus dem Altbestand Fondo Antico. Von besonderer Bedeutung sind die Handschriften, Inkunabeln und frühen Drucke.


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FALTER 49/17

H EUR EKA 07/17 : T I T ELT H E M A

: VO N A B I S Z

Analoge digitale Welt: Das Glossar JOCHEN STADLER

analog Auf diese Weise funktioniert die Natur größtenteils, mit unendlich vielen Nuancen, Zwischenschritten, Grautönen und Farbvarianten. Analogtechnik Liefert stufenlose Signale mit theoretisch unendlich genauer Information. Analoge Übertragung Wird kontinuierlich übertragen, und kann ebenso kontinuierlich in der Qualität nachlassen. Ein digital übertragenes Programm kommt perfekt an – oder gar nicht. Archiv Dient der zeitlich unbegrenzten Aufbewahrung von Gütern, die man nicht zu entsorgen wagt, weil ihr Wert in Zukunft nicht abschätzbar ist. Archivierung digitaler und analoger Dinge Bringt Problemchen. Bei den digitalen Datenspeichern kennt man die Haltbarkeit nicht besonders gut. Außerdem sind schon heute Informationen des Raumfahrtprogramms Apollo verloren, weil die einstigen Computerprogramme nicht mehr verfügbar sind und die Daten nie auf neuere Systeme übertragen wurden. Beim analogen Datenträger Papier hat wiederum alles, was im 19. Jahrhundert produziert wurde, schädliche Zusatzstoffe und löst sich durch Säurefraß auf. Bibliotheken Sollten eigentlich Bücher und Zeitschriften bewahren. Entsorgen sie aber immer mehr, nachdem sie diese (teils) auf Mikrofilme gebannt haben, von denen man nicht weiß, wie lange sie halten. Bits und Bytes Grundbuchstaben der Digitalisierung. Ein Bit (Binary Digit) hat zum Beispiel entweder den Wert „ein oder aus“, „wahr oder falsch“, „Null oder Eins“. Ein Byte besteht aus acht Bits und kann damit 2 hoch 8, also 256 verschiedene Zustände abbilden. CD Digitaler Musikspeicher, der die Schallplatte und Musikkassette verdrängte, kurz nach der Jahrtausendwende seinen Höhepunkt feierte und von Computerspeichern abgelöst wird. Cyberspace Virtuelle Parallelwelt, die nur aus Daten besteht. Daten Werden benutzt, um die Welt zu beschreiben. Datenspeicher Merkt sich Daten mehr oder weniger permanent und gibt sie auf Abruf preis. Existiert als gravierte Steinplatten und bedrucktes Papier, chemisch fixiert wie bei Filmen, mechanisch als Schallplatten und Lochstreifen, elektronisch als Halbleiterspeicher im Computer, magnetisch als Festplatte, optisch als CD und biologisch als DNA. digital Funktioniert nach dem Prinzip „Alles oder Nichts“, „wahr oder falsch“, „ein oder aus“. Digitale Daten Informationen, die, diskret abgestuft, meist als „Null oder Eins“ codiert vorliegen. Digitale Informationen Machten 1993 drei Prozent aller Daten aus, 2002 die Hälfte, und 2007 94 Prozent.

Digitale Revolution Von der Digitalisierung und Computer, Handy sowie Internet ausgelöste Änderungen in allen Lebensbereichen der Menschen. Digitalisierung Die Überführung von analogen Größen in digitale Daten, die leichter abrufbar, speicherbar und versendbar sind. Digitalsignal Wird aus analogen Signalen durch Abtasten und Quantisierung erzeugt. Gehirn Schrumpft in manchen Bereichen nachweislich durch das Auslagern von Denk- und Speicherarbeit an digitale Apparate wie Handys, GPS-Geräte und Computer. Handy Tragbares Telefon mit etlichen Zusatzfunktionen. Informationsexplosion Massiver Anstieg der gespeicherten Informationen von derzeit etwa 25 Prozent im Jahr. Kryokonservierung Einfrieren in flüssigen Stickstoff zur späteren Verwendung von zum Beispiel Samen, Blut, Eizellen, Embryonen sowie menschlichen Leichen, die gern wiederauferstehen würden. Mikrofilm Medium zur extrem verkleinerten Speicherung von Fotos, Büchern und Dokumenten. Verfügt über eine noch nicht exakt bekannte Lebensdauer. Mündliche Überlieferung Weitergeben von Informationen von einem Gesprächspartner an den nächsten, der dadurch enorm wichtig war, um Wissen zu teilen. Funktionierte einst über Generationen und Jahrhunderte. Museum Bewahrt wertvolle und bewundernswerte Dinge und macht sie der Öffentlichkeit zugänglich. Musikkassette Heutzutage antik bis kultig anmutender Musikträger. Pioneer-Plaketten Zwei goldene Metallplatten an Bord der interstellaren Raumsonden Pioneer 10 und 11, die nackte Menschen, unser Sonnensystem und Wasserstoff abbilden, um außerirdischen Lebensformen von uns kund zu tun. Quantisierung Zuteilung eines diskreten Werts (z.B. Mittelwert) zu einem diffizilen analogen Signal. Dabei geht natürlich Information verloren, aber es ist robuster und leichter handzuhaben. Schallplatte Schwarze Scheibe mit Rillen, deren Flanken Schallschwingungen speichern. Wurde in den 1980er Jahren von der CD abgelöst. Steinplatten Informationsspeicher, der Jahrtausende hält. Überreste Das, was man von früheren Kulturen findet, um sich dann meist ein zunächst reichlich skurriles Bild davon zu machen, wie damals gelebt wurde. Virtualität Die Eigenschaft nicht so zu existieren, wie es scheint. Weltwunder Sind von der Antike bis zur Neuzeit nur zu 14 Prozent erhalten geblieben, also eines von sieben.

: F R E I H A N D B I B L I OT H E K BUCHEMPFEHLUNGEN ZUM THEMA VON EMILY WALTON

Internet für fünf Milliarden Menschen

Wie sich das Leben und unsere Jobs verändern

Rund fünf Milliarden Menschen werden in den kommenden Jahren Zugang zum Internet haben. Eric Schmidt, vormals Google-Vorstand, reiste mit Politikberater Jared Cohen in 35 Länder, denen die „digitale Wende“ bevorsteht, darunter die instabilsten Regionen der Welt. Die Autoren trafen Unternehmer, Politiker und Aktivisten, um über die Herausforderungen zu sprechen. Wichtige Fragen betreffen etwa Sicherheit und Datenschutz, das Bekämpfen von Terrornetzwerken sowie die Gewährleistung schneller Verbindungen.

Google präsentiert ein fahrerloses Auto; das „Watson“-Computerprogramm für Künstliche Intelligenz von IBM schlägt die klügsten Köpfe; digitale Technologien diagnostizieren Krankheiten, und Big Data verändert den Handel. In ihrem aktuellen Werk beschreiben die MIT-Professoren Erik Brynjolfsson and Andrew McAfee Entwicklungen, die unseren Alltag wie auch die Weltwirtschaft verändern. Das Leben wird komfortabler, die Infrastruktur verbessert. Zeitgleich verändern sich zahlreiche Berufsfelder, vom Anwalt bis zum Lkw-Fahrer.

Eric Schmidt, Jared Cohen The New Digital Age: Transforming Nations, Businesses, and Our Lives. Vintage Press, 368 S.

Erik Brynjolfsson, Andrew McAfee The Second Machine Age: Work, Progress, and Prosperity in a Time of Brilliant Technologies. W.W. Norton & Co, 336 S.

Internet und Digitalisierung schulen unser Gehirn um

Wie die Digitalisierung die Sozialforschung verändert

Das Internet verändert auch unser Gehirn. Wir lesen und merken uns Dinge anders, wir kommunizieren und interagieren auf neue Weise, und unsere Aufmerksamkeitsspanne verändert sich. Seit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg im 15. Jahrhundert hat sich keine Technologie derart auf unser Denken ausgewirkt, schreibt Nicholas Carr. Der Ex-Chefredakteur der Harvard Business Review untersucht, wie unser Gehirn durch den Einzug des Internets umgeschult wird. Dabei zeigt er auch, wie sich das Medium auf Lernweisen neuer Generationen auswirken wird.

Die Digitalisierung macht es möglich, riesige Datensätze über menschliches Verhalten und gesellschaftliches Zusammenleben zu sammeln. Internet und Social Media sind zu wichtigen Instrumenten für Soziologen geworden. Sie können anhand der neuen Art der Datengewinnung die Umwelt besser untersuchen und bislang unlösbare Fragen beantworten. Princeton-Professor Matthew Salganik schildert die Veränderungen in diesem Forschungszweig und bildet in seinem Leitfaden auch die neuen Methoden der digitalen Ära an realen Beispielen ab.

The Shallows: How the Internet Is Changing the Way We Think, Read and Remember. Nicholas G. Carr. Atlantic.

Bit by Bit: Social Research in the Digital Age. Matthew J. Salganik. Princeton University Press. 448 S.


Z u g u te r L e t z t  :   h eu r e k a 07/17   FALTER 49/17  23

:  g e d i c h t

erich klein

S ICHER & GUT : L i e sl U j va ry

ich möchte ein gedicht schreiben in dem jede zeile anders ist ich möchte ein gedicht schreiben in dem jede zeile anders ist ich möchte ein gedicht schreiben in dem jede zeile anders ist ich möchte ein gedicht schreiben in dem jede zeile anders ist ich möchte ein gedicht schreiben in dem jede zeile anders ist ich möchte ein gedicht schreiben in dem jede zeile anders ist ich möchte ein gedicht schreiben in dem jede zeile anders ist ich möchte ein gedicht schreiben in dem jede zeile anders ist ich möchte ein gedicht schreiben in dem jede zeile anders ist ich möchte ein gedicht schreiben in dem jede zeile anders ist ich möchte ein gedicht schreiben in dem jede zeile anders ist ich möchte ein gedicht schreiben in dem jede zeile anders ist ich möchte ein gedicht schreiben in dem jede zeile anders ist ich möchte ein gedicht schreiben in dem jede zeile anders ist ich möchte ein gedicht schreiben in dem jede zeile anders ist ich möchte ein gedicht schreiben in dem jede zeile anders ist

:  wa s a m e n d e b l e i bt

Liesl Ujvary (geb. 1939 in Bratislava, ­Slowakei) ist eine der wichtigsten Vertreterinnen der experimentellen Literatur in Österreich. „Sicher & Gut“, ­eine ­Satire auf die austriakische ­Lebensmethodik aus dem Jahr 1977, stand am Anfang ihres bis ­heute durchgehaltenen Experimentierens mit Sprache.

Klever Verlag 2017 (Nachdruck der Erstausgabe von 1977)

:  G r a f i k k a b i n e t t   püribauers tierversuche

:  i m p r e ss u m Herausgeber: Armin Thurnher; Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 0043 1 536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at; Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.; Redaktion: Christian Zillner; Fotoredaktion: Karin Wasner; Gestaltung und Produktion: Dirk Merbach, Reini Hackl, Andreas Rosenthal; Korrektur: Martina Paul; Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau; DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar. HEUREKA ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit

Wie erbt man? Was am Ende bleibt, ist auch eine Frage der Macht. Umso mehr, wenn es um brisante Themen wie Identität, Geschichte oder wie in diesem Fall um den Umgang mit dem „Erbe“ des Nationalsozialismus geht. Hätte man gekonnt, wäre es lieber nicht angenommen worden. Schon Generationen vor uns hatten nach Ausflüchten gesucht. Dennoch reisten drei Historiker zur Zeit, als die Sowjetunion unterging und von fantastischen, jetzt endlich einsehbaren Archivbeständen die Rede war, in eine Stadt hinter dem Ural. Welche neuen Einsichten würden möglich? Das Vorgefundene übertraf alle Erwartungen. Schlüsse, die daraus gezogen wurden, verblüffen, um nicht zu sagen irritieren bis heute. Ein besonders ernsthafter unter den drei Historikern verzweifelte ob der widersprüchlichen, in kein System passenden Erkenntnisse aus den neuen Aktenfunden. Jahre später erklärte er öffentlich, er sehe sich trotz lebenslanger, vorbereitender Arbeit und aufgrund persönlicher Voreingenommenheit nicht in der Lage, etwas Neues über die Schlacht von Stalingrad zu schreiben. Er befinde sich, wie er erkenne müsse, noch immer in einer Phase der Vorbereitung. Der zweite Historiker, damals schon dem verdienten Ruhestand nahe, machte sich zügig an die Aufnahme jener Bestände, die ihm am wichtigsten erschienen. Schließlich waren noch zahlreiche Fragen, den Holocaust und die Ermordung der europäischen Juden betreffend, zu klären. Der Forschungsgegenstand bedurfte keiner weiteren Begründung. Allein, eine möglicherweise böse Legende verbreitete sich unter den Wissenschaftern in Bezug auf die Tätigkeit des dritten Historikers. Er befasste sich, sei es aus persönlichem Interesse oder forschungspolitischen Gründen mit den Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs. Sein Kalkül soll gelautet haben: Jeder einzelne dieser Gruppe hatte einst mindestens drei oder vier Angehörige. Bedenkt man die folgende und die übernächste Generation, kommt man auf eine mehr als beachtliche Zahl von Interessierten, also quasi direkt Betroffenen der historischen Forschung. So machte sich ein Team mittels modernster Medien rasch an die Erfassung jener Akten und „Fälle“, die bislang auf endlosen Regalkilometern vergilbt waren. Es wurden Institute gegründet, die Politik entlohnte die Forscher mit einem neuen Museum, Medien berichteten. Die zentrale Frage aber, welchem der drei historischen Zugänge wir uns verpflichtet fühlen sollen, blieb unbeantwortet.


R E M IM R E D I W E K N E H C S E G S S E STR r e u e h e i S n e k n ! e o b A Sch s t h c a n h i e W R E T L A das F n, o verschenke n: b -A R E T L A F henk gefunde in c e s e t g tz ts je h c ie a n S eih Wenn as perfekte W ch Geld gespart d it m a d ie S haben nd auch no u s s e erkaufspreis, tr lv s e ts z h c in a E n m ih e e d über kein W € 65,– gegen o b a s re h Ja (beim ar € 164,–)! g o s o b a s re h beim Zweija

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