FALTER HEUREKA
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ildung Der Philosoph Herbert Hrachovec über unsere Bildungsvorstellungen seit Plato Feinstaub Physikerinnen in Wien gehören zu den führenden Feinstaubforschern der Welt
Wissensdynamik Der Soziologe und Ökonom Gunnar Heinsohn über den Erfolg Südkoreas
Das Wissenschaftsmagazin
Nr. 5/10
Armut und der Kampf mit ihr
Der Armutsbekämpfung haben sich auch Wissenschaftler verschrieben. In Österreich wird sogar ein Projekt vorbereitet, bei dem Studierende mit Obdachlosen leben sollen
Günter Gubics, 50: „Ich denke gern an die Zeit zurück, als ich noch am Theater gearbeitet habe. Aber man muss nach vorne schauen“ TITELBILD: K ARIN WASNER
Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2276/2010
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Falter FORUM NEU
DAS JÜDISCHE ECHO 2010/11 Weit von wo? Menschen in der Diaspora Die Diaspora von heute ist vielfältig: Exil, Vertreibung oder eine Völkerwanderung aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen! Weit von wo? stellt die Frage, ob in unserer globalisierten, Welt geografisch eingegrenzte Identitäten noch zeitgemäß sind. 184 Seiten, 5 14,50
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Inhalt
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„Bildung kommt auch aus Datenbanken“ Ein „Bildungsbuch“ des Philosophen Hrachovec Forschen, dass es nur so staubt Wiener Forscher messen den Feinstaub Rechtssicherheit bei Daten Behindert der Datenschutz die Forschung? Armut und der Kampf mit ihr Der Countdown zum Thema
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Eigentum und Wissen gegen Armut Soziologe Heinsohn über Südkorea und Ghana Grundeinkommen gegen die Armut Löst das Grundeinkommen das Problem Armut? Durch die Bank arm? Stürzen uns die Kreditinstitute in Armut? Arme Kinder hamma ned! Kinderarmut kommt offiziell bei uns nicht vor
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Kann eine Akademikerin arm sein? Eine Jungakademikerin versucht es zu ergründen Bereichernde Begegnungen Ein Sozialprojekt: Studierende und Obdachlose „Wäre gern eine europäische Kuh“ Was der Weltagrarbericht zur Armut sagt Gedicht, HEUREKA-Rätsel, Gut und Böse Slavenka Drakulic übers Gutes-Tun
Kommentar
Editorial
Vertreibung der Vernunft 2010 HUBERT CHRISTIAN EHALT
GRAFIK: TONE FINK, FOTO: FLORIAN STECHER
Bundesregierung ist mit der D ieZielsetzung angetreten, Wissenschaft, Forschung und Innovation zu unterstützen, die Forschungsquote zu erhöhen und öffentliche Anerkennung für Wissenschaft und Forschung zu stärken. Nach den Kürzungen der Familienbeihilfe für Studenten gibt es nun aus dem Wissenschaftsministerium eine neue Hiobsbotschaft. Die Basisförderung von etwa 80 Instituten des außeruniversitären Wissenschaftssektors soll gestrichen werden. Ein Akt, der das Gerede von der Notwendigkeit der Forschungs- und Innovationsförderung als das entlarvt, was es in Österreich war und auch in der Gegenwart ist: lauwarme Rhetorik. Es gibt in der Wissenschaftsförderung einen Hauptsatz: Stärken müssen gestärkt werden! Diese Erkenntnis folgt der Einsicht, die Hubert Markl auf den Punkt gebracht hat: In schwierigen Zeiten darf man alles drosseln, nur nicht die Blutzufuhr zum Gehirn. Seit den 70er-Jahren hat Österreich eine Entwicklung durchgemacht, in der trotz aller Brüche, Rückfälle, Gegenentwicklungen Demokratie und Zivilgesellschaft gestärkt wurden. Die Öffnung und in Hinblick auf demokratische Standards Normalisierung der österreichischen Gesellschaft wurde durch wissenschaftliche Institutionen initiiert, vorangetrieben und begleitet, die in einem Begegnungsfeld zwischen Forschung, Vermittlung und Anwendung agieren. Institute wie das IWM, das IFK, das IHS, das ZSI, um nur einige der betroffenen zu nennen, leisten erfolgreich jene Vermittlungstätigkeit zwischen Analyse und Expertise und zwischen Forschung und Öffentlichkeit, die in der internationalen Scientific Community heute Standard ist. Aktuelle Forschungsansätze im Bereich von Gender und Cultural Stu-
dies und in innovativen Bereichen der Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften sind mit diesen Instituten verbunden. Im Ministerium ist von „Strukturbereinigung“ die Rede und von dem Plan, die Institute, denen man die Basismittel streicht, an die Universitäten, die ebenso unter akutem Geldmangel leiden, anzubinden. Jeder, der nur minimale Sachkenntnis hat, weiß, dass die Umsetzung dieses Plans weder sinnvoll noch machbar ist. Die Streichung der Förderung für diese Institutionen bedeutet die Gefährdung der Arbeitsplätze von eini-
CHR ISTIAN ZILLNER
gen Tausend Wissenschaftlern; sie ist ein bedrohlicher Anschlag auf das ohnedies unterentwickelte intellektuelle Klima in Österreich. Die Entscheidung zeigt, dass von Exzellenzförderung gesprochen wird, die Exzellenzfelder aber offensichtlich unbekannt sind.
Finkenschlag Handgreifliches von Tone Fink
Hubert Christian Ehalt ist Univ.-Prof. und Wissenschaftsreferent der Stadt Wien
www.tonefink.at
Selig, heißt es in der Bibel, sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich. Und: Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt. Der Himmel gehört also ganz den Armen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das freilich kein Trost, weil es nicht als gesichert gelten kann, dass dieses Himmelreich auch wirklich existiert. Sonst würde wohl das Streben nach Reichtum nur den härtesten Knochen verlockend erscheinen: maximal 90 Jahre Reichtum für eine Ewigkeit in der Hölle … Wäre dem tatsächlich so, würde Reichtum vermutlich vom Staat verboten werden. Ähnlich wie der Drogenkonsum, den der Staat ja auch nicht der Entscheidung des Einzelnen überlässt. Man kann doch niemandem gestatten, für den Kick des Reichtums sein ewiges Heil aufs Spiel zu setzen, oder? Stellen wir uns einen Moment lang vor, die Staaten weltweit würden die Mittel für die Drogenbekämpfung zur Bekämpfung der Armut einsetzen. Geht offenbar nicht. Es freut uns, wenn ein Drogenbaron verhaftet wird – wenn ein „DritteWelt-Land“ den Sprung aus der Armut schafft, kümmert uns das wenig. Armut ist so – armselig. Hat nichts Glamouröses. Was möchten Sie lieber sein (außer, was Sie eh sind)? Drogenbaron oder arm, for heaven’s sake? heureka@falter.at
Impressum Falter 47a/10 Herausgeber: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at Redaktion: Dr. Christian Zillner Artdirektion: Dirk Merbach Layout: Reini Hackl, Raphael Moser Fotoredaktion: Karin Wasner, Ioulia Kondratovitch Korrektur: Helmut Gutbrunner, Anna D. Szyma Druck: Goldmann Druck AG, 3430 Tulln DVR: 047 69 86
heureka! erscheint mit Unterstützung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung
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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Kopf im Bild
Junge Forscher ALE X ANDR A AURELIA NEME TH
ie wollen auf ihrem Gebiet mehr S erreichen, als nur eine gute Abschlussarbeit zu verfassen; drei junge Forscher aus Österreich.
Norbert Reitinger, 28, Karl-Franzens-Universität Graz
„Schon in der Grundschule galt Physik als mein Lieblingsfach. Die darauffolgende naturwissenschaftlich-technische Ausbildung an der HTL Braunau hat dies noch gefördert“, sagt Norbert Reitinger. Er arbeitet als Dissertant in der Nanooptik. Sein Forschungsschwerpunkt: „Ich widme mich der Erforschung des Zusammenspiels von fluoreszierenden Halbleiternanopartikeln mit plasmonischen Metallsystemen.“ Die Anwendungsbereiche: Sensorik, Fotovoltaik und Elektronik. Die Arbeit an der Universität bewertet Norbert als „überwiegend positiv“. Elisabeth Kuhn, 29, Boku Wien
Silvesterraketen und Gallensteine. Johannes Sterba arbeitet als Strahlenschutzphysiker am Atominstitut an der Herkunftsbestimmung von keramischen Artefakten mithilfe des chemischen Fingerabdrucks. Mit den Forschungsergebnissen ist der 33-Jährige in der Lage, Handelsbeziehungen, die schon in der Eisenzeit existiert haben, zu belegen. Ein weiteres Projekt, das ihn Jahr für Jahr beschäftigt, ist der Zusammensetzung von Feinstaub zu Silvester in Wien gewidmet. Sein Team und er stießen bei den Untersuchungen auf eine hohe Arsenkonzentration. Arsen erzeugt bei Silvesterraketen eine blaue Farbe, ist aber bei der Feuerwerksproduktion verboten. Untersuchungsobjekte findet Sterba überall: Einmal ist es der operierte Gallenstein seines Chefs, dann wieder sind es steinzeitliche Obsidianwerkzeuge. www.ati.ac.at TE X T: NATHALIE GROSSSCHÄDL FOTO: ARNOLD PÖSCHL
Science-Man knockt Historikerin aus Die Eingliederung außeruniversitärer Forschung in die Unis soll mehr Effizienz bringen CHRISTIAN ZILLNER
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heard it through the grapevine. Not much longer would you be mine. Oh I heard it through the grapevine. Oh I’m just about to lose my mind
– so klingt das Lied vom Ende der außeruniversitären Forschung, besser gesagt, vom Ende ihrer Basisfinanzierung, seit rund einem Jahr. Mancher hat es gehört, rockte da House damit, aber schließlich hat jedes Lied ein Ende. Diesmal freilich eines mit Schrecken. Der Vorsitzende des Österreichischen Wissenschaftsrats Jürgen Mittelstraß lässt keinen Zweifel da-
ran, dass es eine Empfehlung seiner Institution war, die meisten der außeruniversitären Forschungseinrichtungen nach einer unabhängigen Evaluierung ihrer Leistungen in die Universitäten einzugliedern. Er verwehrt sich freilich dagegen, dass dies aus rein budgetären Gründen geschieht. Die Bereinigung des Feldes der außeruniversitären Forschung erinnert an die Rettung des Finanzmarkts: Da gibt es jene, to big to fail, wie die Österreichische Akademie der Wissenschaften, und ein Menge kleiner, die draufzahlen. Size matters, das gilt auch hier.
Hinter all dem steht der Wunsch, Wissenschaft müsste Vorteile für die nationale Wirtschaft erbringen. Arbeitsplätze für Wissenschaftler erscheint wohl als zu wenig. Und was soll schon eine Historikerin bringen, außer unangenehme Einsichten in die eigene Vergangenheit? Ein knallharter Science-Man hingegen befeuert die Zukunftsvorstellungen von Bildungsplanern. Seltsam nur, dass in Großbritannien, wo es praktisch keine außeruniversitäre Forschung gibt, die Science-Men in höherem Ausmaße arbeitslos sind als Historiker, wie der Vice-Chancellor der Uni London Geoffrey Crossick berichtet.
Die Tirolerin ist momentan bei dem FWF-Projekt „Tyrolean Emigrants Knowledge“ an der Boku Wien beschäftigt und verfasst ihre Dissertation am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien. Als Tirolerin fühlte sie sich von dem obigen Projekt angesprochen und bewarb sich, um bei den Ausgewanderten in Brasilien zu forschen. Elisabeth Kuhn brachte auch die Sprachkompetenzen mit: „Frühere Brasilienaufenthalte und Sprachkurse am Romanistikinstitut verhalfen mir zu diesem Vorteil.“ So verfasste sie auch im Rahmen des Projekts ihre Diplomarbeit zum Thema Veränderung von Tradition durch Migration in dem von Österreichern gegründeten Ort Dreizehnlinden im Süden Brasiliens. Roland Lezuo, 31, TU Wien
„Das Dissertationsthema kam eher zu mir als ich zu ihm“, sagt Roland Lezuo. Er bekam „glücklicherweise“ eine Dissertationsstelle „an diesem Institut“. Die Informatik habe ihn schon „immer interessiert“, wie er sagt. Früh hat er einen PC bekommen. Anfänglich hat er diesen nur zum Spielen verwendet, dann habe er auf ihm „erste Programmiererfahrung durch Abänderung von Spielen gesammelt“. Sein Forschungsthema sind verifizierende Compiler. Im Wesentlichen ist ein Compiler ein Programm, welches menschlich lesbare Quellcodes in maschinenverständliche Binärcodes übersetzt. „Industrielle Anwendungen sind Steuerchips eines Airbags zum Beispiel.“
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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Philosophie
„Bildung kommt auch aus Datenbanken“ INTERVIE W: ERICH KLEIN
ie „Aushöhlung“ des Bildungsideals wird oft der Ökonomisierung der öffentlichen Verhältnisse zugeschrieben. Der Philosoph Herbert Hrachovec, als Vorsitzender der Curricularkommission an der Universität Wien für die Umsetzung des Bologna-Prozesses verantwortlich, sieht sie in der Geschichte angelegt. Seine überraschende These: „Platon hat die Karriere für soziale Aufsteiger als Bildungsweg beschrieben.“ Und: „Die technischen Formalitäten von Datenbanken sind keine fremdartigen barbarischen Erfindungen, die Platons Erbe gefährden.“
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Ein Gespräch mit dem Philosophen Herbert Hrachovec über sein Buch zur Bildungspolitik, „Platons ungleiche Erben. Bildung und Datenbanken“
Als Koordinator des BolognaProzesses darf man keine Berührungsängste mit Ausdrücken wie „Wissenskapital“ haben? Hrachovec: Es ist ein Standard, sich
Falter HEUREKA: Der Titel Ihres neuen Buchs mutet ein wenig rätselhaft an: sehr rigoros wie ein Traktat einerseits und andererseits disparat. Herbert Hrachovec: Ich hatte lange Zeit
keine Lust, Bücher zu schreiben. Es gibt viele andere Technologien, die interessanter sind als Bücher. Dann gab es eine Koinzidenz von Ereignissen – die Audimax-Besetzung und eine Lehrveranstaltung, die ich im Anschluss mit Studierenden machte: Mein Versuch, die Studierenden zu überzeugen, dass sie nicht mit einem Begriff wie Bildung hausieren gehen sollen, traf auf großen Widerstand. Für mich war es unfassbar, dass „Bildung“ derart große politische Wirksamkeit hat, und zwar nicht nur in der Bildungspolitik, sondern als Protest überhaupt. Darüber hinaus wollte ich für mich selbst im Feld von Internetarbeit, Wissensgesellschaft, den neuen Formen von gemeinschaftlicher Wissensproduktion und alten Kriterien Ordnung schaffen. Ein viertes Motiv waren die Tendenzen innerhalb der Fachwelt, über Bologna herzuziehen und den völligen Verlust der Bildung zu beklagen.
„Platon ist gerade in der Schrift, die alle Bildungsapostel zitieren, …
Kraus von der Apokalypse – dass alles zusammenbricht, von der Bildungskatastrophe, dass alles verkommen und verblödet ist. Es wundert mich auch, dass die Leute nicht müde werden, diese Dinge zu wiederholen und ihre politischen Aktionen mit diesem Refrain zu befeuern.
FOTOS: K ARIN WASNER
über Ökonomisierung zu beschweren – auch wenn vieles dabei ärgerlich ist. Die Perspektive der Wirtschaft wird unbedacht abgelehnt, mitunter auch aus akademischem Dünkel. Dennoch gilt gegenwärtig: Firmen, die großes intellektuelles Potenzial haben, in denen viel Wissen oder Softwareprogramme stecken, sind sehr viel mehr wert als Bergwerke. Man kann die Frage nach Forschung, Entwicklung und dem intellektuellen Kapital nicht immer nur als Feindpropaganda sehen. Österreich und speziell die Uni Wien hat den Bologna-Prozess nur fluchend über sich ergehen lassen. Ich habe mich einigermaßen exponiert und wurde dafür stark kritisiert – dabei war mein Überzeugung, dass das, was man hatte, nicht so gut und so unantastbar ist, um sich darauf auszuruhen. Die grundsätzlich gute Idee, dass nicht mehr die vorgetragenen Lehrstunden der Professoren am wichtigsten sind, sondern die Arbeit des Studierens, wie viel von deiner Lebenszeit du dafür brauchst, ist meiner Meinung nach eine sinnvolle und fruchtbare Umstellung.
In Ihrer Beschäftigung mit Platons „Staat“ tauchen sogleich die „Politikberater“ auf – Bildung wird mit der Bildungsgeschichte Europas und dem sozialen Aufstieg gekoppelt. Hrachovec: Platon ist gerade in der
Warum bricht immer gleich der Untergang des Abendlandes aus, wenn Philosophen zur Bildung sprechen? Hrachovec: Schon 1903 schreibt Karl
Widersprechen Wikipedia und Orchideenfächer als Gütesiegel für Bildung einander nicht? Hrachovec: Die Frage ist jene nach
„Wiki“ und konventionellen Medien: Wie viel Vertrauen bringt man gegenüber einer Kooperation auf im Gegensatz zum Modell des autoritär funkti-
onierenden Autors oder Editors? Das ist der spannende Punkt zwischen Bildung und Datenbanken. Konventionellerweise ist Bildung das gewachsene Ganze einer Person oder Gruppe – Datenbanken sind ein Durcheinander von Infos. Die Organisation der Informationsarbeit über Datenbanken kann jedoch Effekte der Bildung produzieren – speziell im Bereich der Enzyklopädie. Orchideenfächer werden dort geradezu promotet.
… der ärgste Staatsplaner und totalitäre Technokrat“
Schrift, die alle Bildungsapostel zitieren, der ärgste Staatsplaner und totalitäre Technokrat, ein Sozialingenieur des Gemeinwesens. Mich interessierte das Szenario des Höhlengleichnisses – des Aufstiegs. Diese Idee, sich aus dem Dunkel zu befreien und ans Licht zu kommen, war eine ideale Vorlage für das Christentum. Das Gute wurde durch Gott ersetzt – solange der Glaube funktionierte, hatte Christus eine Erlöserfunktion –, davon blieb dann später nur die Struktur; in der Aufklärung wird der Mensch zum Selbster-
löser. Die Schwierigkeit dabei – man braucht gehörigen Glauben, um am Umstand, dass Menschen ihr eigenes Glück verwalten, nur die positiven Seiten zu sehen. Es lässt sich nachweisen, dass die Verwaltung des Glücks durch die Menschen ziemlich viele Katastrophen produziert hat. Einer Ihrer Kronzeugen dieser Dialektik der Aufklärung ist Heidegger. Hrachovec: Er sah, dass der Glaube an
diese Muster entleerter religiöser Gehalte problematisch ist. Die Ironie besteht darin, dass Heidegger – inklusive Nationalsozialismus-Touch – eine revolutionäre Attacke gegen das Bildungsbürgertum und das Professorale geritten hat. Mit gedankenloser Gläubigkeit haben sich die deutschen Bildungsphilosophen nach dem Zusammenbruch dieser revolutionärnazistischen Geschichte in eine akademische Gemeinschaft HeideggerGläubiger verwandelt. Das ist relativ amüsant, und der Gerechtigkeit halber muss man sagen: nicht alle; es gab auch Kantianer und Hegelianer, die standhaft blieben.
Bei Ihnen spielt Wittgensteins Begriff der „Lebensform“ eine wichtige Rolle. Hrachovec: Bildung war für Wittgen-
stein, der gebildet war, kein wichtiger Begriff. Meine Überlegungen zu Wittgenstein basieren darauf, dass das, was wünschenswert sein kann, eine Lebensform ist. Wie etwa die Lebensform des kleinen österreichischen Weinbauern. Sie wird durch Weinimporte billigster Art infrage gestellt; dennoch besteht sie. Sie kann nicht für die ganze Weltwirtschaft produzieren. Dafür aber hohe Qualität herstellen. Man kann damit in einer hochtechnisierten Welt leben. Und so wie es diese Lebensform des Weinbauern gibt, so gibt es auch die Lebensform des Gebildeten. Bildung ist ein geglückter Verschnitt verschiedener Ingredienzien. Dazu gehören die Kenntnis von Schriften, von Rede und Argumentationsweisen, die Einschätzung des Verhältnisses von Wirtschaft und Kunst sowie Urteilsfähigkeit – alles zusammen ergibt im besten Fall eine gelungene Cuvée.
Herbert Hrachovec: Platons ungleiche Erben. Bildung und Datenbanken. Löcker, Wien 2010
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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Physik
Forschen, dass es nur so staubt USCHI SOR Z
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Weltweite Forschung am Staub Die Zusammensetzung und Mechanismen des Feinstaubs in allen Einzelheiten zu entschlüsseln, ist langwierig und mühsam, denn es handelt sich um ein äußerst vielschichtiges Gemisch. Unzählige feste und flüssige Teilchen weisen die unterschiedlichsten Eigenschaften und Merkmale auf. Die einzelnen Partikel sind kleiner als zehn Mikrometer, das ist kleiner, als ein Haar dick ist. Es gibt aber noch wesentlich winzigere, wahrscheinlich auch gefährlichere. Ihnen ist die internationale Forschung auf der Spur. „Um wirklich sinnvolle Schritte setzen zu können, brauchen wir fundierte wissenschaftliche Daten“, sagt Jürgen Schneider, Leiter des Programmbereichs Wirtschaft & Wirkung im Umweltbundesamt. „Erst wenn wir wissen, wo die Quellen sind, wie groß ihr jeweiliger Beitrag ist und welche die wichtigsten sind, können wir entscheiden, wo wir ansetzen, um den größten Effekt zu erzielen.“ Sei es beim Verkehr oder beim Hausbrand, bei SO2- oder Ammoniakemissionen, um nur einige der vielen Faktoren zu nennen. „Wir gehen davon aus, dass Feinstaub der Luftschadstoff mit den gravierendsten gesundheitlichen Folgen ist“, fährt der Lufthygieneexperte fort. „Ziel der Forschung ist es, uns bessere und
kosteneffizientere Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung zu ermöglichen.“ Feinstaubforschung hat vielfältige medizinische, technische und naturwissenschaftliche Aspekte. Geforscht wird weltweit und transdisziplinär. „Bei einem derart komplexen Thema funktioniert Forschung nur im internationalen Gleichklang“, so Schneider. Mit Feinstaub befasst sich auch die Arbeitsgruppe für Aerosolphysik und Umweltphysik an der Universität Wien. Neben Caltech (California Institute of Technology) und den Universitäten von Minneapolis und Helsinki zählt Wien zu den internationalen Zentren der Aerosolwissenschaften. Die Forschungskooperationen der Spezialisten aus der Boltzmanngasse erstrecken sich über den gesamten Globus.
Wiener Messmethoden Erworben hat sich Wien den guten Namen in der Aerosolphysik u.a. auf dem Gebiet der Methodenentwicklung für innovative Aerosolmessungen. Der Vienna Differential Mobility Analyser DMA von Reischl oder der Impak-
tor von Berner beispielsweise sind international ein Begriff. Triebfeder für solche Entwicklungen sind zumeist wissenschaftliche Fragestellungen. „Mit den üblichen Techniken lassen sich Aerosole nun einmal nicht messen“, sagt Regina Hitzenberger von der Forschungsgruppe Aerosolund Umweltphysik. „Also, was macht man, wenn man sich dafür interessiert? Man entwickelt sich die Messmethoden selbst.“ Und dafür hat die Wiener Aerosolgruppe offenbar ein gutes Händchen. Auf Hitzenbergers Konto geht etwa eine optische Rußmessmethode, mit der man den Anteil von Holzrauch im atmosphärischen Ruß von jenem fossiler Brennstoffe – in unseren Breiten hauptsächlich Dieselruß – quantitativ trennen kann. „Es ist weltweit das einzige Gerät“, erklärt die Universitätsprofessorin. Bisher konnte man Holzruß nicht direkt messen. Ihre Integrating Sphere Method hat nicht nur im internationalen Kollegenkreis Interesse geweckt, auch eine Firma ist schon mit einem konkreten Kooperationswunsch an sie herangetreten. Der Trend zu Holzheizungen durch den Umstieg auf
Wladyslaw Szymanski, Sprecher der Wiener Aerosolgruppe, vor seinem Messgerät
kohlendioxidneutrale Energietechnologie hat nämlich eine Kehrseite: Holzfeuerung ist eine nicht unerhebliche Quelle für Feinstaub.
Nanoforschung am Feinstaub Neben Einzelbestandteilen sind auch Größenkategorien ein Kriterium. Messen gängige Monitoringgeräte in Dimensionen bis zehn oder neuerdings auch 2,5 Mikrometer, bewegt sich die Forschung inzwischen schon in viel kleineren Dimensionen. „Nanoteilchen entstehen bei jedem Verbrennungsprozess“, sagt Wladyslaw Szymanski, Sprecher der Wiener Aerosolgruppe. „Sie sind Teil des atmosphärischen Aerosols und stecken natürlich auch im Feinstaub.“ Noch gibt es keinerlei offizielle Richtlinien für relevante Konzentrationen von ultrafeinen Partikeln. „Aber die Physik muss ja vorausdenken“, so Szymanski. Der Universitätsprofessor hat gemeinsam mit ungarischen Kollegen ein bahnbrechendes optisches Messgerät für Feinstaub entwickelt: Das Dual Wavelength Optical Particle Spectrometer DWOPS steht derzeit im Vorprototypstadium in der Boltzmanngasse und erregt in Forscherkreisen international große Aufmerksamkeit. Es misst Teilchen unter 2,5 Mikrometer, dazu ihre Anzahl und ihr Vermögen, Licht zu absorbieren oder zu streuen. „Wir entwickeln auch Methoden, um Partikel zu finden, die so winzig sind, dass man sie optisch gar nicht mehr messen kann“, ergänzt Szymanski. „Denn auch die wollen wir physikalisch verstehen.“ Was sie der Gesundheit antun, liegt noch weitgehend im Dunkeln. „Wissenschaftlich sind wir mit Nanopartikeln heute so weit, wie es Madame Curie mit der Radioaktivität war.“
F O TO: T U W I E N/PR I VAT, I LLU S T R AT I ON: J O C H E N S C H I E V IN K
er Winter steht vor der Tür und mit ihm werden nicht nur die neuesten Grippeviren Einzug ins Register der saisonbedingten Unannehmlichkeiten halten. Schon lange ist durch Studien belegt, dass auch Lungen- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der kalten Jahreszeit signifikant ansteigen. Einen der Übeltäter kennt man ebenfalls: Feinstaub.
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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Medizin
Rechtssicherheit bei Daten DIE TER HÖNIG
aben Menschen, die vom hohen Entwicklungsstand der Medizin profitieren, auch die moralische Verpflichtung, zum weiteren Fortschritt der Forschung beizutragen? Immer wieder betonen Forscher, dass begleitende Qualitätssicherung und medizinischer Fortschritt sich nur dann auf höchstem Niveau realisieren lassen, wenn man von 90 Prozent der Patienten über Langzeitergebnisse verfüge. Dem wiederum stehen Datenschutzüberlegungen entgegen. Medizinischer Fortschritt oder Schutz der Privatsphäre – ist der Interessenkonflikt wirklich unüberwindbar? „Leider herrscht in Österreich vielfach noch ein völlig falsches Verständnis von Wissenschaft. Datenschutz darf nicht als Vorwand dienen, die Forschung zu blockieren“, übt Ferdinand Mühlbacher, Transplantationschirurg und Vorstand der Chirurgie am Wiener AKH, Kritik an der
FOTO: AKH
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Ferdinand Mühlbacher, ChirurgieVorstand am AKH: „Datenschutz darf nicht die medizinische Forschung blockieren“
gegenwärtigen Situation. „Jemand, der zu Recht von neuesten medizinischen Erkenntnissen profitieren möchte, sollte auch fairerweise etwas zum Fortschritt der Forschung beitragen, indem er der Auswertung seiner Krankheitsdaten zustimmt. Seriöse Forschung kann keine Einbahnstraße sein, sondern funktioniert nur in einer Win-win-Situation.“ Datenschutzrechtlich sind derlei Fragen längst geklärt, die Umsetzung hinkt noch hinterher. Seit 1999 erlaubt das österreichische Datenschutzgesetz die Weiterverwertung von indirekt personenbezogenen Daten für Forschungszwecke. Unklar ist allerdings, wie diese „pseudonymisier-
ten“ Daten so sicher zu verwalten sind, dass wirklich jeder Missbrauch ausgeschlossen ist. Für Waltraud Kotschy, geschäftsführendes Mitglied der Österreichischen Datenschutzkommission, wäre es vorstellbar, „die Daten in einer zentralen Institution zu pseudonymisieren und zu administrieren“. Österreich hat aus verschiedenen Gründen Handlungsbedarf, diese gesetzliche Lücke im Sinne aller Beteiligten endlich zu schließen. Ethisch heikle Fragen werden – wenn überhaupt – bis heute in verschiedenen Gesetzen geregelt oder an einzelne Ethikkommissionen delegiert. Deren Entscheidungen fallen dann, aufgrund individueller Sichtweisen, sehr unterschiedlich aus und hinterlassen Verwirrung statt Rechtssicherheit. „Und eine solche ist in Österreich längst überfällig“, erklärt auch Christian Kopetzki, Professor für Medizinrecht am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht der Universität Wien. Er verweist auf
die Schweiz, wo ein neues Humanforschungsgesetz als Entwurf vorliegt. Dieses Gesetz weist auch strittige Punkte auf, etwa „urteilsunfähige Personen“: Wer urteilsfähig ist, kann selbst entscheiden, ob er an einem Versuch teilnehmen will, der möglicherweise eine Heilung oder Besserung der Krankheit bringt. „Kranke Menschen sind verletzlicher als gesunde“, sagt die Theologin Ruth Baumann-Hölzle von der Schweizer Nationalen Ethikkomission. Sie sieht die Gefahr, dass kranke Menschen aus Verzweiflung Forschungsversuchen zustimmen, die gefährlich sind. Besonders heikel wird es, wenn sich die betroffenen Personen nicht selbst äußern können. „Wenn Menschen nicht selbst einwilligen können, welchen Risiken sie ausgesetzt werden, werden sie Mittel zum Zweck.“ Mühlbacher sieht es ähnlich: „Forschung an Unmündigen ist nur zulässig, wenn die Betreffenden daraus Nutzen ziehen.“
CALL FOR PhD STUDENTS The Graduate School at IST Austria invites applicants from all countries to its PhD program. IST Austria is a new institution located on the outskirts of Vienna dedicated to cutting-edge basic research in the natural sciences and related disciplines. The language at the Institute and the Graduate School is English. The PhD program combines advanced coursework and research, with a focus on Biology, Computer Science, Neuroscience, and interdisciplinary areas. IST Austria offers internationally competitive PhD salaries supporting 4-5 years of study. Applicants must hold either a BS or MS degree or equivalent. The Institute offers PhD students positions with the following faculty: Nick Barton Evolutionary and Mathematical Biology Jonathan P. Bollback Evolutionary Biology Tobias Bollenbach Biophysics and Systems Biology Krishnendu Chatterjee Game Theory and Software Systems Theory Sylvia Cremer Evolutionary and Behavioral Biology Herbert Edelsbrunner Algorithms, Geometry, and Topology Caˇlin C. Guet Systems and Synthetic Biology Carl-Philipp Heisenberg Cell and Developmental Biology Thomas A. Henzinger Software Systems Theory Peter Jonas Neuroscience Christoph Lampert Computer Vision and Machine Learning Michael Sixt Cell Biology and Immunology Gašper Tkacˇik Theoretical Biophysics and Neuroscience Chris Wojtan Computer Graphics Additional faculty members will be announced on the IST website www.ist.ac.at.
For further information and access to the online application please consult www.ist.ac.at/gradschool. For inquiries, please contact gradschool@ist.ac.at. For students wishing to enter the program in the fall of 2011, the deadline for applications is January 15, 2011. IST Austria is committed to Equality and Diversity. Female students are encouraged to apply.
CAMPUS VISIT DAY N ov e m b e r 2 7 , 2010
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TITEL ARMUT UND DER KAMPF MIT IHR
Der Countdown zum Thema CAROLIN GIER MINDL
Menschen weltweit leiden Hunger. Das Recht auf angemessene Ernährung ist ein Menschenrecht (Allgemeine UN-Erklärung der Menschenrechte, Art. 25).
925.000.000
120 Prozent mehr als noch von drei Jahren kostet heute eine Tonne Wei-
862.000.000
105 der insgesamt 148 Entwicklungsländer sind Nettoimporteure von
Menschen rund um den Globus können laut Schätzungen der Unesco weder lesen noch schreiben. 45 bis 90 Millionen davon leben in den EU-Ländern. Experten schätzen die Zahl der Analphabeten in Österreich auf 600.000.
568.000
Frauen in Österreich (13 Prozent) sind laut jüngsten Daten der Statistik Austria von Einkommensarmut betroffen. Knapp die Hälfte davon lebt in akuter Armut.
300.000 Österreicher haben monatlich nicht mehr als 600 Euro zur
Verfügung. Die Armutsgrenze für einen Ein-Personen-Haushalt liegt bei 951 Euro. Arbeitslose, Migranten, Pensionistinnen und Alleinerziehende sind besonders armutsgefährdet.
180.000 schwer verschuldete indische Bauern haben sich seit 1997
laut Angaben der indischen Staatsregierung das Leben genommen. Die Baumwollregion Vidarbha, 600 Kilometer nordöstlich von Mumbai, gilt als „Selbstmordgürtel“.
70.000 Mikrofinanzinstitute existieren weltweit. Die ersten Kleinst-
kredite vergab die Grameen-Bank in Bangladesch, 1976 vom späteren Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus gegründet. Der Markt für Mikrokredite hat mittlerweile ein Volumen von 60 Milliarden US-Dollar erreicht.
37.000
Menschen in Österreich sind laut Sozialministerium geschätzterweise wohnungslos. Exakte Zahlen über Menschen, die auf der Straße leben, gibt es nicht. Fakt ist: Der Anteil der 18- bis 30-Jährigen unter den Obdachlosen steigt.
20.000 Hektar Getreideanbau landen bei uns jährlich im Müll. Je-
des fünfte Brot wird weggeschmissen. Für diese Anbaufläche gehen etwa 75.000 Tonnen CO2 in die Luft. Das ist etwa so viel, wie 31.000 Pkw jedes Jahr ausstoßen, berechnete die Boku Wien. Die Entsorgung der gesamten Überproduktion kostet etwa sieben Millionen Euro pro Jahr.
2025
Nach Schätzungen der Vereinten Nationen werden in 15 Jahren fast zwei Milliarden Menschen in Gebieten mit absolutem Wassermangel leben.
2015 ist das Jahr, in dem die Vereinten Nationen die Zahl der Hungern-
den weltweit halbiert haben will. So lautet eines der acht Millenniumsziele, auf die sich die Weltgemeinschaft geeinigt hat. Alle Zwischenbilanzen bisher: negativ.
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zen. Die Getreidepreise steigen dramatisch. Eine Tonne Reis kostet 75 Prozent mehr, Mais hat eine Teuerungsrate von etwa 100 Prozent. Nahrung. Nach Schätzungen der UN wird ihr Importbedarf in den nächsten fünf Jahren auf fast 200 Millionen Tonnen Getreide ansteigen. Mitte der 90er-Jahre waren es noch 100 Millionen Tonnen.
70
Prozent aller Frauen weltweit leben in absoluter Armut. In Entwicklungsländern stehen Frauen am Ende der sozialen Leiter und haben kaum Zugang zu Bildung.
66
Prozent der österreichischen Bevölkerung spenden mindestens einmal pro Jahr, erhob das Österreichische Institut für Spendenwesen. Beamte und Landwirte spenden überdurchschnittlich viel, geringe Beteiligung gibt es bei Arbeitern und selbstständigen Geschäftsleuten.
40 Prozent der Getreideernte weltweit werden als Futtermittel für Tiere verwendet. In Österreich ist 2009 der jährliche Fleischbedarf pro Einwohner auf 100 Kilo angestiegen, 2008 waren es noch 98 Kilo pro Person. Österreicher bevorzugen Schweinefleisch (56,8 Kilo), gefolgt von 18,3 Kilo Rindund Kalbfleisch und 20,1 Kilo Geflügel.
29 Länder der Welt sind laut Welthunger-Index 2010 sehr ernst bis gravierend von Hungersituationen bedroht. „Gravierend“ ist die Lage in Burundi, in der Republik Kongo, in Eritrea und im Tschad. „Sehr ernst“ in afrikanischen Länder südlich der Sahara und in Südasien.
12 Millionen Euro verwendet die Austrian Development Agency (ADA) pro Jahr für administrative Kosten. Die Agentur der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit ist für die Umsetzung bilateraler Programme und Projekte zuständig, die vom Außenministerium geplant und finanziert werden.
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Sekunden dauert es noch, dann stirbt das nächste Kind an den Folgen von Mangel- und Unterernährung. 2,2 Millionen Kinder sind es jährlich.
6 der zehn reichsten Österreicher bezogen im Jahr 2008 Subventionen für ihre Ländereien, belegt Hans Weiss im „Schwarzbuch Landwirtschaft – Die Machenschaften der Agrarpolitik“.
2 Spitäler für Superneureiche gibt es in den USA. Die millionenschweren Patienten leiden unter dem Sudden-Wealth-Syndrome und bedürfen medizinischer und psychologischer Behandlung.
US-Dollar-Milliardäre gibt es weltweit. Ein Drittel davon hat ihr Vermögen geerbt. New York belegt mit 55 Milliardären Platz eins der Megareichen-Bürger-Liste, gefolgt von London mit 28 und Moskau mit 27 Milliardären.
1 Prozent des Vermögens, das Industrieländer pro Jahr erwirtschaften,
535 Millionen Menschen in Afrika haben keinen Zugang zu Elektrizität.
Prozent seines Bruttoinlandsprodukts gibt Österreich für Entwicklungszusammenarbeit aus. Damit bildet Österreich mit Griechenland, Portugal und Italien das Schlusslicht in der Entwicklungspolitik der europäischen Staaten.
Manche Haushalte geben über 25 Prozent ihres Einkommens für Holzkohle, Kerzen oder Kerosin aus. Weltweit leben etwa 1,6 Milliarden Menschen ohne Strom.
würde ausreichen, um Investitionen in die Wege zu leiten, die die Armut ausrotten.
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ARMUT UND DER KAMPF MIT IHR
„Der einzige Ort, an dem ich mich gut fühle, ist diese Wohnung. Seit wir die haben, bin ich glücklich. Ohne die würde ich noch immer auf der Straße liegen.“
Zu den Fotos des Themas Die Fotografin Karin Wasner hat Menschen, die im VinziRast-CortiHaus wohnen (siehe Seite 19), gefragt, ob sie für diese Ausgabe von Falter HEUREKA auf ihren Betten für Aufnahmen zur Verfügung stehen (liegen) würden. Einige haben sich bereit erklärt – und in zwei Sätzen ihre gegenwärtige Lebenslage umrissen. FOTOS: K ARIN WASNER
Josef Zierl, 43, mit Hund Pipsi
„Was ich mir wünsche, ist, dass alles so bleibt, wie es ist, und Gesundheit. Mehr will ich gar nicht.“
Selma Ovcina, 31
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Eigentum und Wissen gegen Armut Südkorea ist ein Beispiel dafür, wie eine Nation aus der Armut kommt. Ghana fehlt es an Bildung GUNNAR HEINSOHN
er kein Lohngeld mehr bekommt und dann kein Eigentum für Kredit verpfänden oder gegen Geld verkaufen kann, ist arm. In über 30 der rund 200 Nationen weltweit erhält dieser Bedauernswerte Sozialhilfe. Seine Regierung zwingt also die Nachbarn, ihn während der Notlage aus Steuern zu finanzieren. Das Gunnar Heinsohn ist vermag sie, weil sie einer Gesellschaft mit Soziologe und Ökonom Eigentumsverfassung vorsteht, ihre Bürger also nicht auf Besitz reduziert sind. Deshalb können sie Kreditverträge abschließen, für deren Erfüllung sie wachsend wirtschaften müssen. Dabei blockieren die einen zeitweilig ihr Eigentum – für diesen Verlust an Verwendungsfreiheit verlangen sie Zins –, um damit Geld zu besichern. Ein Schuldner muss ebenfalls Eigentum zeitweilig unfrei machen, weil er es als Pfand für die Besicherung des Kredits einsetzt.
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Wie es in den Eigentumsgesellschaften Arme gibt, können auch ganze Nationen bedürftig sein, weil sie nur gering „vereigentümert“ sind. Das beschränkt ihre Möglichkeiten, Geldschulden zu generieren und für das Erwirtschaften der dafür fälligen Zinsen zu wachsen. Dabei geht es global um rund 150 Länder. Nach OECD-Angaben flossen zwischen 1970 und 2010 allein
nach Subsahara-Afrika 600 Milliarden USDollar. Dennoch liegen nach Auskunft der World Trade Organisation WTO die Exporterlöse südlich der Sahara mit jetzt 800 Millionen Menschen im Jahre 2009 um zehn Prozent unter denen von 1974. Für die gesamte Welt hingegen schnellt der Handel pro Kopf zwischen 1955 und 2005 um den Faktor 10 nach oben. An diesem Aufschwung partizipieren Länder wie Taiwan, wo 1953 Tschiang KaiSchek die Umwandlung des Bodens zu Vermögen mit Besitz- und Eigentumsseite in Gang bringt. Von weniger als 1000 Dollar schuldet und arbeitet sich das Land bis 2009 auf ein Pro-Kopf-Einkommen von 28.000 Dollar hoch. Der Insel helfen also keine Barüberweisungen, sondern Gesetze, das Einrichten von Katastern und der Aufbau einer Justiz. Doch leisten selbst bei gleicher Eigentumsstruktur zwei Länder nicht automatisch gleich viel. Südkorea beginnt 1949 unter Sygman Rhee seine Bodenreform und steigert bis 1959 den Anteil verpfändbarer, weil mit Eigentumstiteln versehener Liegenschaften von 14 auf 93 Prozent. Chinas Schanghai erzeugt seinen Boom mit einer Wiederholung dieses Vorgangs in den 1990er-Jahren. Nordkorea hingegen bleibt
ohne Eigentum und steht heute bei 1800 US-Dollar Pro-Kopf-Einkommen. Bis 1970 ziehen die Koreaner mit Ghana gleich, das mit einer britischen Eigentumsverfassung prunken kann. Doch 2009 steht es zwischen beiden Ländern nicht mehr 1:1, sondern 18:1 für die Asiaten. Ghana schafft nicht einmal die Leistung der eigentumslosen Nordkoreaner. Hat das etwas mit Qualifikation zu tun? In der Tat entfaltet Südkorea eine ganz andere
Wissensdynamik als Ghana. Das ist schon daran ablesbar, dass 90 Prozent über einen Internetbreitbandanschluss verfügen. Korea liegt 2009 bei der Akademikerquote der 25- bis 34-Jährigen mit 55,5 Prozent hinter Kanada (55,8%) global auf dem zweiten Rang. Wie kann einem kürzlich noch bettelarmen Bauernland so etwas gelingen? Es hat sehr viel mit den verfügbaren Köpfen zu tun. Südkorea erreichte bei der Mathematikolympiade 2007 TIMSS für Schüler der achten Klasse hinter Taiwan und vor Singapur Rang zwei – Ghana wird unter 49 teilnehmenden Nationen 47. Wo Eigentumsstrukturen und Matheasse ausbleiben, muss man auch 2015 wieder auf Barüberweisungen hoffen.
Die „Kultur der Armut“ — einst und heute Anthropologie Oscar Lewis hat den Begriff „Kultur der Armut“ geprägt – heute wird damit Politik gemacht
ie Armen sind gezwungen, in überD füllten Elendsquartieren zu leben, jeglichem Individualismus abzuschwören, ein Herdendasein zu fristen, in Alkohol und Drogen Zuflucht zu suchen und nicht nur bei Streitigkeiten, sondern auch in der Erziehung ihrer Kinder häufig rohe Gewalt anzuwenden.“ So beschreibt der US-Anthropologe Oscar Lewis 1959 jene Lebensweise, die er bei der Erforschung der Lebensbedingungen sogenannter Dritte-Welt-Länder vorfand. Jene „Kultur der Armut“ verewigte Lewis eindrucksvoll in der Ethnografie „Five Families: Mexican Case Studies in the Culture of Poverty“. Kennzeichen der „Kultur der Armut“ sei eine mit individueller Frustration und fehlender sozialer Organisation einhergehende gesellschaftliche Ausgrenzung. Sie entwickle sich im Kontext der Dauerarbeitslosigkeit und führe zu entsprechenden Reaktionen und Lebenseinstellungen bei den Betroffenen: dauernde Geldknappheit, niedrige Qualifikation, fehlende
Oscar Lewis beschrieb 1959 jene Lebensweise, die er bei der Erforschung der Lebensbedingungen sogenannter DritteWelt-Länder vorfand
Zukunftsplanung, Misstrauen gegenüber Behörden, Gefühle der Hilflosigkeit etc. Im Mittelpunkt seiner Theorie steht die These: Ist die „Kultur der Armut“ einmal entstanden, so verselbstständige sie sich gegenüber ihren (materiellen) Entstehungsbedingungen und bleibt auch dann noch aufrecht, wenn diese nicht mehr wirken. Das gilt auch für die Kinder der Armen. Weil arme Menschen nicht mehr in der Lage seien, ihre Bedürfnisse hinaufzuschrauben, investierten sie weder in ihre eigene Ausbildung noch in die ihrer Kinder. Für Lewis stellt die „Kultur der Armut“ eine Reaktion auf die Lebensbedingungen derjenigen dar, die vom materiellen Wohlstand ausgeschlossen sind. Sie ist somit keine bewusste Reaktion der Abgrenzung. Das eigentliche Problem für die Überwindung der Armut sei die „Kultur der Armut“ selbst. Als einzige Lösung sieht er eine von außen kommende Intervention, etwa die kompensatorische Erziehung, da der Armut allein mit finanzieller Unterstützung
nicht beizukommen sei. Diese Erziehung wurde in den 1960er-Jahren in den USA mit dem Ziel entwickelt, die schulischen Leistungen von Kindern aus sozial schwachen Familien zu steigern. In den frühen 1980er-Jahren wird das Konzept „Kultur der Armut“ von Charles Murray, einem in den USA einflussreichen konservativen Politikanalysten und Bestsellerautor aufgegriffen. Im Gegensatz zu Lewis sieht Murray die Maßnahmen des Wohlfahrtsstaats und ihre Empfänger selbst dafür verantwortlich, dass sich unter Sozialhilfeempfängern Faulheit, Gewaltbereitschaft und Drogenmissbrauch ausbreiteten und von Generation zu Generation weitervererbt würden. Für ihn liegt es daher nahe, Bekämpfung von Armut im Abbau sozialstaatlicher Unterstützung zu betreiben. Ein Denkansatz, der auch in Europa nicht unbekannt ist. Er lastet soziale Ausgrenzung ausschließlich den Ausgegrenzten selbst an und ignoriert global-kapitalistische Armutsproduktion sowie die Ungleichverteilung des gesell-
FOTOS: UNI BREMEN, AMERIC AN ANTHROPOLOGIST ASSOCIATION
DIE TER HÖNIG
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Kommentar Armenausspeisung
Grafikkabinett Püribauers Tierversuche
Rumfordsuppe CLAUDIA STIEGLECKER
Nach 200 Jahren hat sich die Rumfordsuppe vom ehemaligen Armeneintopf zur traditionellen Spezialität gemausert
ILLUST R AT ION: BE R ND PÜR IBAUE R
Freihandbibliothek Buchtipps von Emily Walton
FOTOS: PANTHEON VERL AG, POLIC Y PRESS, UNIVER SIT Y PRESSES OF C ALIFORNIA, FISCHER
Zusammenspiel von Wirtschaft und Wohlstand
Warum sind manche Länder wirtschaftlich erfolgreich, während andere nicht aus ihrer Armut herausfinden? Liegt es am Klima? An der Kultur? An der Politik? In „Wohlstand und Armut der Nationen“ geht David Landes dieser Frage nach. Er spannt einen weiten Bogen vom Mittelalter bis zur Neuzeit. Beleuchtet werden die Entwicklungen und Rahmenbedingungen für das Wirtschaften verschiedener Nationen. David Landes. Wohlstand und Armut der Nationen: Warum die einen reich und die anderen arm sind. Pantheon, 688 Seiten Armut? Eine Begriffsbestimmung
Was ist Armut? Bedeutet Armut Mangel an Materiellem? Mangel an Geld? Ist Armut ein Synonym für Bedürftigkeit? Grenzt die Armut den Menschen aus der Gesellschaft aus? Autor Paul Spicker untersucht Mythen und Stereotypen der Armut. Für Studenten geschrieben, gibt das Buch einen guten Einblick – auch für Laien. Paul Spicker. The Idea of Poverty. Policy Press, 184 Seiten Darwin und die soziale Veränderung?
Nachkommen reicher Eltern haben höhere Überlebenschancen. Folglich sterben die Armen in der (Arbeits-)Gesellschaft aus. Ökonom Gregory Clark geht dieser gewagten These nach. Er fokussiert auf England,
weil er hier diesen Prozess am stärksten ausgeformt sieht, und geht auf Theorien in der Global- und Wirtschaftsgeschichte ein. Gregory Clark. Farewell to Alms: A Brief Economic History of the World. University Presses of California, 432 Seiten Wachstum und Wohlstand in Einklang bringen
Armut, Überbevölkerung, Klimawandel und Umweltzerstörung – trotz wachsenden Wohlstands befinden wir uns in einer ökologischen und sozialen Krise. Volkswirt Jeffrey Sachs analysiert in seinem Buch die drängendsten Probleme und beschreibt Wege, möglichst viele Menschen an Wohlstand und Frieden teilhaben zu lassen. Jeffrey D. Sachs. Wohlstand für viele: Globale Wirtschaftspolitik in Zeiten der ökologischen und sozialen Krise. Pantheon, 480 Seiten Der Armut so fern
Sie haben keine Ahnung vom Leben in Armut: die Superreichen. Wall Street JournalKorrespondent Robert Frank hat deren Lebensstil untersucht. Fazit: Reich ist nicht immer gleich reich. In „Richistan“ beschreibt er die unterschiedlichen Schichten der Wohlhabenden: Einkommensmillionäre, Unternehmer, Ölmilliardäre und Immobilienhaie. Robert Frank. Richistan: Eine Reise durch die Welt der Megareichen. Fischer, 272 Seiten
er Geist der Vergangenheit wehte dieD ses Jahr auf dem Münchner Oktoberfest. Zum 200-jährigen Jubiläum wurde auf
der „historischen Wiesn“ die gute alte Zeit heraufbeschworen: traditionelles Festzelt, Spezialbier und historische Münchner Gerichte inklusive. Besonderes Schmankerl auf der geschichtsträchtigen Speisekarte: die Rumfordsuppe, ein über zwei Jahrhunderte altes Eintopfgericht.
Seit 1795 wird diese spezielle Münchner Suppe schon gekocht. Der US-amerikanische Physiker Benjamin Thompson erfand die nahrhafte und vor allen Dingen preisgünstige Speise im Auftrag des damaligen bayerischen Kurfürsten, um einerseits Soldaten, andererseits Bettler und Arbeitslose im Arbeitshaus zu versorgen. Seine Brühe, die in der Urform hauptsächlich aus Graupen, Erbsen, Wasser und Essig bestand, war im Preis-Leistungs-Verhältnis so unschlagbar, dass sie Thompson nicht nur den Titel „Graf von Rumford“ einbrachte, sondern in weiterer Folge zum Standardgericht für Bedürftige in den öffentlichen Suppenküchen ganz Europas avancierte und im Lauf der Jahre in immer neuen Varianten zubereitet wurde. Nach 200 Jahren hat sich die Rumfordsuppe vom ehemaligen Armeneintopf zur traditionellen Spezialität gemausert. Überflüssig geworden ist sie damit allerdings nicht, nach wie vor sind Menschen auf die Versorgung durch Gratismahlzeiten angewiesen. Die Suppenküche des 21. Jahrhunderts heißt Tageszentrum, Essensbus oder Sozialmarkt. So teilte im Jahr 2008 das Wiener Obdachlosenbetreuungszentrum Gruft 82.266 Portionen Essen an Bedürftige aus. Im Schnitt waren das 234 essende Personen pro Tag und exakt 26.165 Portionen mehr als noch vor zehn Jahren. Der Canisibus und der Francescobus der Caritas, die allabendlich an fixen Stationen in Wien Halt machen, versorgen Menschen mit warmer Suppe sowie Brot und Tee. Auf 62.000 ausgeschenkte Teller brachte es der Canisibus 2008. Die Wiener Tafel dagegen bringt ihre täglich gesammelten überschüssigen Lebensmittel aus Handel und Industrie zu Sozialeinrichtungen, die die Produkte dann an Bedürftige weitergeben. Damit werden Tag für Tag etwa 9000 Personen versorgt. Die Ideen der Armenversorgung sind vielfältiger, die Rezepte variantenreicher und die Speisepläne ausgewogener geworden. Für die Betroffenen ist das Grundproblem jedoch das Gleiche geblieben wie vor 200 Jahren. Mehr als 13 Prozent der österreichischen Bevölkerung gelten derzeit als arm bzw. armutsgefährdet – Tendenz steigend.
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Grundeinkommen
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napp zwei Monate ist es her, dass Staats- und Regierungschefs zum Weltarmutsgipfel in New York zusammenkamen. Im Mittelpunkt standen die UN-Millenniumsziele, festgeschrieben vor zehn Jahren: acht Aufgaben, die die Armut bis 2015 halbieren sollen. Konkret geht es um Menschen, „die von weniger als einem US-Dollar pro Tag leben“ bzw. „unter Hunger leiden“. Eine vollständige Grundschulausbildung für alle Kinder soll gewährleistet, die Gleichstellung bzw. der gesellschaftliche Einfluss von Frauen gefördert werden. Weitere Anliegen: die Gesundheit der Mütter zu verbessern und die Kindersterblichkeit zu senken; die Verbreitung von Krankheiten wie Aids und Malaria einzudämmen; ein nachhaltiger Umgang mit der Natur; sowie – um diese Ziele ernsthaft anstreben zu können – eine globale Partnerschaft.
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Armut in Österreich In „absoluter Armut“ leben Menschen, die weniger als 1,25 US-Dollar täglich haben – diese Definition hat in erster Linie für Entwicklungsländer Bedeutung. „In den reichen Industriestaaten mit umfassenden Sozialsystemen kommt absolute Armut praktisch nicht vor“, informiert das österreichische Sozialministerium auf einer Website zum Europäischen Jahr zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung (www.2010gegenarmut.at). Die verweist auf einen relativen Armutsbegriff, der sich „an den durchschnittlichen Standards“ dieser Staaten orientiert. Hierzulande stellt sich Armut in Abhängigkeit zum gesellschaftlichen Durchschnitt dar. Dazu wird das Durchschnittseinkommen herangezogen – eine statistische Größe: „Gegenüber dem arithmetischen Mittel hat der Durchschnitt den Vorteil, dass er durch einzelne besonders hohe bzw. niedrige Einkommen nicht verzerrt wird.“ Das Durchschnittseinkommen unter Berücksichtigung der Sonderzahlungen beträgt in Österreich 1584 Euro netto pro Monat. Die Grenze zur Armutsgefährdung liegt bei 60 Prozent davon, das sind 951 Euro für eine alleinstehende Person. Jeder weitere Erwachsene im Haushalt wird mit 475 Euro berechnet, für Kinder werden je 285 Euro berücksichtigt. Laut Statistik Austria sind 12,4 Prozent der österreichischen Bevölkerung von Armut bedroht – mehr als eine Million Menschen. Rund die Hälfte davon wird als „manifest arm“ bezeichnet – sie können sich „zwei oder mehr der folgenden Dinge nicht leisten“: ausreichend zu heizen, die Miete oder Betriebskosten rechtzeitig zu begleichen, Arztbesuche in Anspruch zu nehmen, unerwartete Ausgaben (z.B. für Reparaturen) zu finanzieren, neue Kleidung zu kaufen, jeden zweiten Tag Fleisch, Fisch
oder eine vergleichbare vegetarische Speise zu essen sowie Freunde oder Verwandte einmal monatlich zum Essen einzuladen.
Alten Frauen droht die Armut Anhand dieser Daten sind in Österreich „ältere Menschen über 65 leicht überdurchschnittlich gefährdet“, erklärt Stefan Angel, Universitätsassistent am Institut für Sozialpolitik der Wirtschaftsuniversität. Die Gefährdungsquote liege bei 15 Prozent. Bezogen auf die EU-27 liege unser Land aber unter dem Mittelwert von 19 Prozent. Neuere EU-Staaten wie Tschechien oder die Slowakei scheinen mit 14 Prozent auf. Seit gut zehn Jahren sei zudem abgesichert, „dass Frauen ein größeres Risiko haben, im Alter in die Armut abzurutschen“. Das resultiert etwa aus den unterschiedlichen Erwerbsbiografien – Frauen übernehmen eher die Kindererziehung, was zu geringeren Pensionsbeiträgen führt. Länger zu arbeiten würde nicht viel bringen, „da die Einkommen immer niedrig waren und die Pensionen damit nicht eklatant höher ausfallen“, so Angel. Die Situation habe sich verschärft, weil der Durchrechnungszeitraum länger wurde: „Früher waren die besten 15 Verdienstjahre ausschlaggebend, heute werden 45 Arbeitsjahre hergenommen, auf deren Basis die Vollpension möglich ist.“ Entschärft werde die Lage durch die gesellschaftliche Umverteilung: „Ohne Transferleistungen wie Pflegegeld, ohne die Inflationsanpassung bei den Pensionen oder Ausgleichszulagen wäre die Problematik deutlich größer.“
Migranten, Alleinerzieherinnen, Pensionisten und Arbeitslose sind am stärksten von Armut betroffen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte Abhilfe schaffen, meinen Wissenschaftler
Bildung gegen Armut
Familien sind eher arm Zuwanderer, Alleinerzieher (hauptsächlich Frauen), Mehrkindfamilien, alleinlebende Pensionisten sowie Menschen ohne Erwerbsarbeit sind am stärksten armutsgefährdet. Darin stimmt Verena Fabris von der Volkshilfe Österreich „mit den EU-SILC-Zahlen überein“. SILC ist laut Statistik Austria „eine Erhebung, durch die jährlich Informationen über die Lebensbedingungen der Privathaushalte in der Europäischen Union gesammelt werden“. Die Abkürzung steht für Community Statistics on Income and Living Conditions, also „Gemeinschaftsstatistiken über Einkommen und Lebensbedingungen“. Die Armutskonferenz, ein Netzwerk, zu dem auch die Volkshilfe zählt, machte unlängst publik, dass im jüngsten vom Wirtschaftsministerium in Auftrag gegebenen Familienbericht ein Kapitel fehlt. Der „verschwundene“ Beitrag zur Familienarmut (welcher auf www.armutskonferenz. at zum Download steht) enthalte „interessante Ergebnisse“, was besonders die Analyse der Kostenbeiträge und Selbstbehalte für Familien betreffe.
Problematisch sei, dass sich „viele kleine Zuzahlungen“ aufsummieren und Familien stark belasten: Selbstbehalte in der medizinischen Versorgung, Kosten für Schulbücher und bei schulbezogenen Aktionen, in der Musikschule, für Eintritte etc. Die einzelne Zuzahlung sei kein Problem – jedoch der Gesamtumfang. „Diese Erfahrungen machen wir auch in den Beratungsstellen“, verweist die Armutskonferenz auf rund 500.000 Hilfesuchende, die ihre Mitglieder jährlich betreuen. „Notwendig wäre ein Konzept, diese vielfältigen, je Einzelfall durchaus niedrigen Kostenbeiträge zu erfassen und ihre kumulierende Wirkung auf Familienbudgets darzustellen“, wird das fehlende Kapitel zitiert. Insbesondere sollten „jene finanziellen Belastungen, die qualifizierte Ausbildung und Bildung gefährden, reduziert werden, damit alle Kinder gleiche Chancen haben“.
Verena Fabris, Armutsexpertin: „Eine Gruppe, die in Österreich stark zunimmt, sind die ,Working Poor‘“
Stefan Angel, WU Wien: „Frauen haben ein größeres Risiko, im Alter in die Armut abzurutschen“
Dass der Armut durch die Gewährleistung des Bildungszugangs tendenziell über Generationen hinweg vorgebeugt werden könnte, besagt eine Studie der University of Nevada. Die Soziologin Mariah Evans hat Daten aus 70.000 Haushalten in 27 Nationen verarbeitet und fasst zusammen, dass ein Hochschulabschluss beider Elternteile die Ausbildungszeit von Kindern im Durchschnitt um 3,2 Jahre verlängert. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder selbst einen akademischen Grad erlangen, ist über die Länder hinweg um 19 Prozent höher. Ebenso interessant ist die Auswirkung einer größeren Heimbibliothek – die selbstverständlich auf einer bedeutenden finanziellen Investition fußt. Wenn ein Haushalt über 500 oder mehr Bücher verfügt, wirkt sich das fast exakt so förderlich aus: Die Ausbildungsdauer wird ebenfalls um 3,2 Jahre verlängert und die Wahrscheinlichkeit eines Hochschulabschlusses steigt um immerhin 16 Prozent.
Armutsgefährdet trotz Fulltimejob Eine Gruppe, die stark wächst, ist laut Armutsexpertin Fabris jene der „Working Poor“ – also jener Menschen, die trotz Berufstätigkeit nur ein Einkommen nahe oder unter der Armutsgrenze erzielen. Sie nehmen jedoch (wie viele andere) mitunter Leistungen nicht in Anspruch, „auch wenn sie es könnten“. So bekomme im Burgenland nur eine von 43 Personen, die unter der Armutsgrenze lebt, eine Sozialleistung – in Wien sei es immerhin jede dritte einkommensarme Person. Der Grund dafür ist, dass sich viele Menschen schämen oder erst gar nicht über ihre Rechte Bescheid wissen. Bei der Mindestsicherung, die zuletzt als Ersatz für die Sozialhilfe eingeführt
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gegen die Armut worden ist, stand ursprünglich die Idee im Vordergrund, „beim AMS einen One-StopShop einzurichten, damit die Stigmatisierung geringer wird“, so Fabris. „Nun kann man zwar einen Antrag dort einbringen, geprüft wird aber immer noch von der zuständigen Bezirksbehörde, dem zuständigen Sozialamt.“ Auch gebe es „grobe Mängel im Vollzug“, wie eine Studie der Armutskonferenz zeige. Fabris: „Ein Drittel der Beratungseinrichtungen berichtet, dass die Hilfesuchenden am Sozialamt Falschauskünfte erhalten. 17 Prozent der sozialen NGOs machen die Erfahrung, dass Sozialämter Anträge ablehnen. 47 Prozent erleben, dass Rechte nur nach Intervention zugestanden werden.“
„Ohne Transferleistungen wie Pflegegeld, ohne die Inflationsanpassung bei den Pensionen oder Arme (Pseudo-)Selbstständige Ausgleichszulagen „Es gibt eine Gruppe von Personen, die wäre die Armut nach wie vor durch das Sozialversicherungsnetz fällt“, schlägt Reinhard Mül- deutlich größer“
ler, Soziologe, Wissenschafts- und Anarchismushistoriker an der Uni Graz, in dieselbe Kerbe. Diese werde etwa „durch Pseudoselbstständige rasant größer“. Daneben gibt es jene, „die schlecht oder gering entlohnt werden – auch diese Gruppe wächst“, was ein Problem der Zukunft sei. Denn damit wird die Arbeitslosenunterstützung immer geringer: „Prekäre Arbeitsverhältnisse führen zu prekären Arbeitslosenverhältnissen.“ Müller hat sich intensiv mit der Geschichte der Arbeitslosigkeit beschäftigt und gab das neue Buch „Mythos Marienthal“ im Studien Verlag heraus – eine Aufarbeitung des berühmten soziografischen Versuchs „Die Arbeitslosen von Marienthal“ unter der Leitung von Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel. Diese Studie wurde erstmals 1933 veröffentlicht und beschreibt die Situation der Arbeiterkolonie einer Textilfabrik in den burgenländischen Marktgemeinden GrammatManfred Füllsack, neusiedl und Reisenberg.
WIRTSCHAF TSUNIVER SITÄT WIEN, VOLK SHILFE, PRIVAT
Arbeitslose als „müde Gemeinschaft“ Fast 50 Prozent der arbeitenden Bevölkerung in Marienthal wurden 1929/30 in weniger als einem Jahr arbeitslos, über 75 Prozent der Haushalte waren auf Sozialhilfe angewiesen. „Die Kernaussagen der Studie sind heute nach wie vor gültig“, erklärt Müller, insbesondere was die vielzitierte „müde Gemeinschaft“ betrifft: Längere Arbeitslosigkeit führt „zu Resignation, Depressionen und Apathie“. Dennoch gebe es einen wesentlichen Unterschied: „Arbeitslosigkeit wurde damals kollektiv erlebt. Heute ist sie eher ein individuelles Phänomen. Das zeigt sich daran, dass sie in den 30ern offensiv zur Schau getragen wurde – die Leute sprachen auf der Straße darüber.“ Heute werde Arbeits-
Soziologe: „Das Grundeinkommen müsste bedingungslos ausgezahlt werden“
Reinhard Müller, Soziologe: „Es gibt eine Gruppe von Personen, die durch das Sozialversicherungsnetz fällt“
losigkeit versteckt, weil sie „als selbstverschuldetes Phänomen“ gesehen wird. Die finanzielle Situation arbeitsloser Menschen sehe dieser Tage nur auf den ersten Blick besser aus als damals. In Wahrheit hinke die Unterstützung in einigen Punkten sehr: „In einer der wohlhabendsten Gesellschaften wird eine Gruppe in Armut oder an der Armutsgrenze gehalten, und obendrein wird der Eindruck vermittelt, dass die finanzielle Unterstützung Wohltätigkeit ausdrückt.“ Dabei gehe es „um die Einlösung eines Vertrags – denn für eben eine solche Situation haben die Leute Geld von ihrem Einkommen abgegeben: für die Arbeitslosenversicherung. Das wird nun als ‚Almosen‘ wieder zurück verteilt“. Wenn Politiker – wie zuletzt Christine Marek in Wien – fordern, man möge Arbeitslose zu „gemeinnütziger Arbeit“ wie Straßenkehren verpflichten, meint Müller: „Erzwungene Arbeit löst weder das Problem der Arbeitslosigkeit noch mindert oder behebt sie deren soziale und psychische Folgen.“
Arbeitslosengeld ist kein Almosen Abgesehen davon sollte prinzipiell überlegt werden, „dass es nicht Aufgabe von Arbeitslosen sein kann, jene Arbeiten des Staats kostenlos oder gegen symbolische Entlohnung zu machen, für die sie als Arbeitende ohnehin Beiträge in Form von Steuern geleistet haben. In der Privatwirtschaft will man Lohndumping von Staats wegen verhindern – und dann schafft der Staat selbst solche Jobs?“ Da Armut nun „zunehmend nicht nur durch Arbeitslosigkeit, sondern auch durch gering entlohnte Arbeit verursacht wird“, komme die Gesellschaft nicht „um die Frage eines Grundeinkommens herum“. Müller spricht sich damit aber für eine Zwischenlösung aus, denn mittelfristig gebe es nur einen Weg: „Wir müssen unser wirtschaftliches und soziales System grundlegend hinterfragen.“
Das Ende der Marktwirtschaft? Müller ist sich sicher, dass die Marktwirtschaft als „historisch gewachsenes System verschwinden“ wird. Die Gesellschaft sollte sich „schon heute auf die Suche nach neuen Wegen begeben“. Das könnte so ausschauen, „dass man die vielen kleinen Wirtschaftsprojekte ökonomischer und selbst staatlicher Natur, die es gibt, zu erfassen versucht und gründlich analysiert. Und dass man sich mit der Idee anfreundet, dass künftig nicht ein Wirtschaftsmodell unsere Gesellschaft prägt, sondern dass es unterschiedliche Systeme nebeneinander geben wird.“ Konkret meint Müller „freiwirtschaftliche Projekte“, Tauschprojekte, aber auch „im Bereich der Landwirtschaft versuchte Projekte der Autarkie“.
Das Grundeinkommen Der Sozialwissenschaftler Manfred Füllsack beschäftigt sich seit langem mit der „Sozialtheorie des Grundeinkommens“, wie der Untertitel seines 2002 erschienenen Buchs „Leben ohne zu arbeiten?“ lautet. Eine allgemeingültige Definition gebe es nicht, „aber es sollte bedingungslos sein – also gleichsam unabhängig von jeder Gegenleistung ausbezahlt werden“. Der Betrag von 1500 Euro, der oft diskutiert werde, „würde meiner Meinung nach die Anreize zu arbeiten schon massiv aushebeln. Das ist eine Ebene, die wirklich extreme Irritationen im aktuellen System auslösen würde“, gibt Füllsack zu bedenken. Selbst wage er keine Zahl zu nennen, aber „die Partizipation an unserer Kultur“ wäre ein Kriterium. Es sei diskutabel, „dass man sagt, es muss die Möglichkeit bestehen, ins Theater gehen zu können und sich einen Fernseher zu leisten“. Wenngleich er bezüglich einer baldigen Einführung skeptisch ist, bestünden schon Vorleistungen: „Es ist ja auch vorgesehen, Befreiungen von der ORF-Gebühr, von Telefongrundgebühren etc. zu gewährleisten, und es gibt Programme, mit denen Sozialhilfeempfängerinnen und -empfängern kulturelle Aktivitäten ermöglicht werden.“ Ein mögliches Szenario wäre, „dass sukzessive die Kriterien ausgeweitet werden, wofür wir Unterstützungen bekommen“. Derzeit gebe es beim AMS eine ganze Reihe von Auflagen – etwa dass Schulungen besucht oder Bewerbungen verfasst werden. „Man könnte sich nun vorstellen, dass, wenn einer kommt und sagt, ich habe ein so interessantes Forschungsprojekt laufen, gebt mir so lange Aufschub, wie ich brauche, das gewährt wird, weil am Ende ein Verdienst steht. Der nächste Schritt könnte sein, dass es kein wissenschaftliches, sondern ein künstlerisches Projekt ist, etwa eine Theatergruppe, und danach vielleicht, dass jemand Klavier lernen will, und auch das für die Gesellschaft als wertvoll erachtet wird.“ Funktionieren würde so ein System aber nur, wenn die Mehrheit der Gesellschaft über diese Sozialleistung hinaus Arbeit annimmt – und ab einem gewissen Zuverdienst Steuern zahlt. „Im Prinzip schaut man nicht vorher hin, wer arbeiten geht, sondern es gibt erst eine finanzielle Ausschüttung, und dann schaut man: Wird da mit Zuarbeit eine Grenze überschritten, die besteuert werden soll? Es geht nicht vorab um eine Bedürfnisfeststellung, die heute einen extremen Verwaltungsaufwand verursacht, weil sehr viele unterschiedliche Bedürfnisse vorliegen, sondern eher um eine Feststellung im Nachhinein.“ Und die würde nicht anders verlaufen als heute, „nämlich über das Finanzamt“.
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Durch die Bank arm? SABINE EDITH BR AUN
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Viele Menschen geraten durch zu hohe Kredite in Armut. Das nährt die Angst vor und den Ärger über die Banken. Aber sind die wirklich schuld?
Amerikas Anfänge: Kredite Im 18. Jahrhundert lebte die US-Wirtschaft vom Grundnahrungsmittelexport nach Europa. Nach der Unabhängigkeit etablierte sich eine Subsistenzwirtschaft. Zwischen dieser und der industriellen Revolution kam es zu einer Entwicklung, die der USHistoriker Charles Sellers eine „Market Revolution“ nannte, „one of the most turning points in American history“. Es war die Zeit nach dem Britisch-Amerikanischen Krieg von 1812 bis 1814 und dem Ende der First Bank of the United States. Diese wurde zur Schaffung einer nationalen Währung 1791 mit einer Konzession für 20 Jahre etabliert; Konflikte um ihre Verfassungsmäßigkeit verhinderten die Verlängerung der Konzession. Wachstum, Profit und der Drang nach Westen prägten die Zeit: Verführt durch schnelle Kredite, wurden viele, die in einer Subsistenzwirtschaft vom Naturaltausch gelebt hatten, über Nacht zu Unterneh-
„Eine Bank wie die FED, die Geld in Washington verwaltet, gilt als Inbegriff zentraler Machtausübung“ GÜNTER BISCHOF, UNIVER SIT Y OF NEW ORLEANS
mern. Private Banken vergaben Kredite in Form von Papierwechseln („bank notes“), verborgten aber mehr, als sie hatten – um ihren Stockholdern Dividende zu zahlen. Das funktionierte, so lange die First Bank existierte. Nach deren Ende stieg die Zahl der kreditgebenden Banken enorm – und das System brach zusammen. Die zu Unternehmern gewordenen Kleinbauern verloren nicht nur Hab und Gut, sondern hatten obendrein Schulden. Rettung und Kontrolle der unterkapitalisierten Banken versprach die 1816 in Philadelphia auf 20 Jahre gegründete Second Bank – eine Bankenkooperation mit enger
Beziehung zur Regierung. Sie wurde rasch zu einem Hort der Korruption in den Händen des Establishments. Etwa durch die Vergabe politisch motivierter Darlehen, was Spekulation im großen Stil ermöglichte. Als der Markt zu überhitzen drohte, wurden Kredite fällig gestellt. Es folgte die Wirtschaftskrise von 1819. Rettung versprach Andrew Jackson, siebter Präsident der USA von 1829 bis 1837. Er war der erste „Volkspräsident“ und kam nicht nur aus dem Süden (Tennessee), sondern auch von der „frontier“ – der Siedlergrenze im Westen. Hier herrschten Basisdemokratie und die Skepsis gegenüber den Eliten. Jackson brachte diese Skepsis mit nach Washington und kämpfte gegen die Second Bank: Etwa indem er ab 1833 die staatlichen Einlagen nicht mehr dort, sondern in bundesstaatlich konzessionierten Banken deponierte – und sich 1836 weigerte, die Konzession der Second Bank zu verlängern.
Amerikas Angst: Zentralbank
„Der FED wird mehr Macht zugesprochen, als sie wirklich hat“ Günter Bischof, Historiker an der University of New Orleans
„Mikrokredite können eine systematische Entwicklungsstrategie nicht ersetzen“ Karin Küblböck, Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung
Eine echte Zentralbank, die FED, gab es in den USA erst 1913. Gründe dafür sieht Günter Bischof, Historiker an der University of New Orleans, in einer prinzipiellen Skepsis: „Die konspirative Grundhaltung haben die US-Amerikaner von den Briten übernommen – man befürchtete immer das Schlimmste vom Machthunger der Regierungen. Heute manifestiert sich das als die ‚Anti-Washington-Stimmung‘ der Tea Party. Eine Bank, die das Geld in Washington verwaltet, gilt als Inbegriff zentraler Machtausübung – obwohl die FED Filialen in der Provinz hat. Sie wird als Ausgeburt Washingtons gesehen, die mit ihrer Zinspolitik das Schicksal der Bürger bestimmt. Ihr wird mehr Macht zugesprochen, als sie wirklich hat.“ Bischof verweist auf Parallelen in der Geschichte: „In der Periode des Populismus der 1880er- und 1890er-Jahre, als wegen der wirtschaftlichen Entfaltung der ‚Räuberbarone‘ und des rasanten Wachstums zu wenig Geld im Umlauf war, machten die Farmer im Westen und Süden auch die ‚Wall Street‘ für ihre wirtschaftlichen Probleme verantwortlich. Damals gab es keine Zentralbank – trotzdem waren die Banken der Sündenbock!“
Ökonomischer Sachverstand fehlt
„Wie sollte eine Bank an sich moralisch sein?“ “ Peter Berger, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der WU Wien
Und heute? Haben Bürger die Macht, durch ihr Verhalten eine Bank ins Unglück zu stürzen, oder ist es die Bank selbst, die Konsumenten in den Ruin treibt? „Ich halte die Verallgemeinerung ‚die Bank‘ für problematisch“, meint Peter Berger, Professor für Wirtschaftsgeschichte an der WU Wien, „eine Bank besteht aus vielen Verantwortungsträgern – und daher auch aus verschiedenen Auffassungen.“ Hat die Bank einen moralischen Anspruch,
eine öffentliche Verpflichtung? „Zuerst müsste der Unfug, der betrieben wird, abgestellt werden“, sagt Berger. „Das Ethos der Verkäufer gehört überprüft. Man kann nicht alten Leuten auf dem Land riskante Papiere mit langen Laufzeiten andrehen. Aber es passiert. Bei Missbrauch ist der Gesetzgeber gefordert. Doch wie sollte eine Bank an sich moralisch sein?“
„Übersteigerte Kontrollillusion und Überoptimismus tragen zu leichtsinniger Kreditnahme bei“ ERICH KIRCHLER, UNIVER SITÄT WIEN
Bei dem „im Rahmen des Erlaubten und Möglichen“ Geschehenden pocht Berger auf Eigenverantwortung: „Wenn Informationen über Finanzprodukte vorhanden und erfahrbar sind, sollte man sie einholen. Doch in Österreich gibt es wenig ökonomischen Sachverstand. Banken sind nicht per se böse; sie sind ein Instrument des kapitalistischen Systems.“ Berger erwähnt das 400-PS-Auto, das niemand braucht, das man deshalb aber auch nicht verbieten sollte. „Warum auch? Aber es sind Verstand und Vernunft des Einzelnen gefordert. Der Staat müsste mündige Bürger produzieren, die damit umgehen können, wenn man sie mit solchen Unsinnigkeiten konfrontiert.“
Armutsfalle „Kontrollillusion“ Warum findet das 400-PS-Auto trotzdem Abnehmer, die dafür jahrelang Raten zahlen? „Zukünftige Kosten wie die Kreditrückzahlung werden diskontiert“, erklärt Erich Kirchler, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Uni Wien. „Subjektiv werden die tatsächlichen Kosten geringer eingeschätzt, als sie tatsächlich im Laufe der Zeit erlebt werden. Da die Raten gestückelt und in der Zukunft fällig sind, ist die ‚Summe kleiner Schmerzen in der Zukunft‘ aus aktueller Sicht gering. Allerdings wird das erworbene Gut schneller zur Selbstverständlichkeit, als Kreditnehmer üblicherweise annehmen. Die übersteigerte Kontrollillusion und Überoptimismus tragen weiter zu manchmal leichtsinniger Kreditnahme bei.“ Dennoch werden immer mehr und höhere Kredite aufgenommen – und nicht nur in den USA mit 1,5 Millionen Privatkonkursen jährlich, wo selbst Urlaub und Schmuck auf Pump gekauft werden. „Wir leben in einer hedonistischen Zeit“, meint Kirchler, „viele Menschen haben nach dem Kauf eines Guts sehr schnell das Gefühl, sie brauchen jetzt schon wieder etwas Neues.“
FOTOS: SABINE EDITH BRAUN, UNIVERSIT Y OF NEW ORLEANS
enn das Finanzsystem einen Mangel hat, dann den, dass es die menschliche Natur widerspiegelt und ihre Extreme noch steigert.“ Für Historiker wie Niall Ferguson ist der Aufstieg des Geldes trotz negativer Begleiterscheinungen die Voraussetzung für den Aufstieg des Menschen. Armut gehe nicht auf ein Zuviel an Banken, sondern auf deren Fehlen zurück. Aufgabe des Einzelnen wäre, sich genau mit den Funktionen von Krediten und Zinsentwicklungen zu befassen. In dieser Hinsicht verharren viele Menschen immer noch in der Kant’schen „selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Und die kann arm machen.
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ARMUT UND DER KAMPF MIT IHR
„Ich bin untergegangen wie die Titanic. Aber ums Geldhaben geht es dabei nicht. Es geht um die Psyche, die Vergangenheit, die du nicht vergessen kannst“ Michael Kummer, 42
Mikrokredite — Lösung oder Hemmschuh?
FOTO: K ARIN WASNER
:: 2006 erhielt der Wirtschaftswissenschaftler
Muhammad Yunus für das Mikrofinanzsystem den Friedensnobelpreis. Mikrokredite sind ein wichtiges Instrument der Entwicklungspolitik, haben aber Nachteile. „Das System basiert auf der Annahme, Armut liegt nur an nichtverfügbarer Liquidität“, meint Karin Küblböck von der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung. Aber nicht alle Armen seien Unternehmer. „Eigentlich sind das oft Scheinunternehmer – die dann alle dasselbe verkaufen. Durch Mikrokre-
Infos und Quellen: Niall Ferguson: Der Aufstieg des Geldes. Die Währung der Geschichte. Berlin 2009 Arthur Schlesinger jr.: The Age of Jackson. Boston 1947 Charles Sellers/Henry May: A Synopsis of American History. Chicago 1963
dite wurde viel erreicht, aber eine systematische Entwicklungsstrategie können sie nicht ersetzen.“ Dass sich die Banken in den letzten Jahrzehnten zusehends weg von der Finanzierungsfunktion in Richtung Handel mit Finanzprodukten entwickelt haben, spüren die Menschen in den Entwicklungsländern besonders: „Seit die Immobilienblase geplatzt ist, fließt alles Geld in die Rohstoffmärkte. Zurzeit wird massiv in Mais, Weizen und Reis investiert. Die Preise sind explodiert, dadurch wurde viel Hunger er-
zeugt.“ Armut hänge unter anderem auch von der Verteilung von Land ab: „100 USDollar zu haben heißt noch nicht, sie auch produktiv verwenden zu können.“ Auch die Zinsen seien mitunter gar nicht so niedrig. Was ist dann der Unterschied zum „normalen“ Kredit? „Man braucht weniger Sicherheiten, um Geld zu erhalten“, erklärt die Volkswirtin Küblböck. Einige private Mikrofinanzierer sind jedenfalls mittlerweile schon so groß geworden, dass sie in den jeweiligen Ländern an der Börse notieren.
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ARMUT UND DER KAMPF MIT IHR
Arme Kinder hamma ned! LAUR A ARI
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Kinderarmut bei uns – gestrichen Besonders betroffen sind Kinder in Alleinerzieherhaushalten, in Familien mit Migrationshintergrund sowie in Familien mit mehr als drei Kindern. Dieses Ergebnis hält die Studie „Tackling child poverty and promoting the social inclusion of children“ (2007) von Karin Heitzman vom Institut für Sozialpolitik der Wirtschaftsuniversität Wien fest. Kinderarmut in Österreich? Ein heikles Thema, besonders in der Politik, meint Michaela Moser, Geschäftsführerin der Armutskonferenz. Wurde doch das Kapitel der „Kinderarmut“ aus dem Familienbericht (5. Familienbericht 2009) des Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend gestrichen. Die Armutskonferenz stellte das besagte Kapitel online. Die offizielle Begründung, der Bericht sei inhaltlich nicht fundiert, kann Moser nicht teilen. Kinderarmut wird in der öffentlichen Debatte oft als singuläres Problem diskutiert. Doch Kinderarmut ist nicht von Familienarmut, von Frauenarmut, von Armut aufgrund von Migration zu trennen. Arme Eltern haben arme Kinder. Im Beitrag zur Familienarmut verweist die Armuts-konferenz auf die Analyse der Kostenbeiträge und Selbstbehalte für Familien.
Mütter geraten in Armut Karin Heitzman nennt Vollzeitbeschäftigung beider Elternteile als wirkungsvollste Waffe gegen Armut. Das Modell „Familie“, bestehend aus Vater, Mutter, Kind(ern), hat sich in den letzten Jahrzehnten rapide verändert. Doch die Rechtspolitik, die Familiengesetzgebung und die Sozialpolitik scheinen diese Entwicklung mit all ihren Folgen nicht rechtzeitig erkannt zu haben. In dem Artikel „Arme Kinder fallen nicht vom Himmel“ definiert Michaela Moser unter „Familienarmut“ die „überproportionale Armutsbetroffenheit bestimmter Haushaltskonstellationen von Erwachsenen mit Kindern“. In dieser Konstellation sind meist Frauen aufgrund unbezahlter Sorgetätigkeit von Armut betroffen. Wer die Verantwortung der Erziehung für das Kind übernimmt, ob alleinerziehend oder innerhalb einer Partnerschaft, kann selten in vollem Maße der Erwerbstätigkeit nachgehen. Personen mit hohem Einkommen können sich (private) Kinderbetreuung und variable Arbeitszeiten ermöglichen, jene mit niedrigem nicht. Ist man zusätzlich Alleinerzieherin, zeigt sich ein Einkommensproblem bis hin zur Armutsgefährdung als vorprogrammiert.
Kinderarmut kommt laut dem Familienministerium bei uns nicht vor – entsprechende Abschnitte wurden aus dem Familienbericht gestrichen
Familienpolitische Maßnahmen, die Frauen wie Männern die Vereinbarkeit von Kinderbetreuungspflichten und Erwerbstätigkeit ermöglichen, fehlen in beinahe allen europäischen Aktionsplänen zur Bekämpfung von Kinderarmut. Alleinerziehende sind überproportional von Armut betroffen. Im Familienbericht ist im Kapitel „Kinder als Armutsrisiko“ nachzulesen, dass 2006 jede fünfte Familie mit Kindern ein Haushalt mit Alleinerziehenden war. Knapp 80.000 alleinerziehende Haushalte mit zusammen 193.000 Erwachsenen und Kindern waren armutsgefährdet. Von den 80.000 wurden 67.800 Haushalte von alleinerziehenden Frauen geführt (177.000 Frauen und Kinder). Flexible Kinderbetreuung sowie familienadäquate Arbeitszeiten müssen dieser (realen) Lebensform angepasst werden.
Neuorientierung an den Frauen
Michaela Moser studierte in Innsbruck und Nijmegen katholische und feministische Theologie. 2007 Dissertation in Philosophie an der University of Wales. Hochschullehrgang Public Relations in Wien. Mitarbeiterin der Armutskonferenz. Öffentlichkeitsarbeit der Dachorganisation der staatlich anerkannten Schuldenberatung
Als mögliche Lösung nennt Moser Nancy Frasers Ansatz der Verwirklichung der Gleichheit der Geschlechter. Die gegenwärtigen Lebensmuster von Frauen sollten als Standard und nicht als eine Abweichung von der Norm gesehen werden. Sozialpolitische Regelungen müssen die gleichmäßige Verteilung von Erwerbs- und Versorgungsarbeit zwischen den Geschlechtern fördern. Das stelle eine Voraussetzung für eine ausreichende materielle und soziale Absicherung von Frauen dar. In Österreich wird zwischen „Armutsgefährdung“ und „akuter Armut“ unterschieden. Armutsgefährdet ist eine Person, deren gewichtetes Einkommen unter 60 Prozent des Durchschnittseinkommens ausmacht. Wenn dazu noch Einschränkungen der Abdeckung grundlegender Lebensbedürfnisse kommen, ist die „akute Armut“ eingetreten. Dazu zählen die Unterkunft in einer Substandardwohnung, Rückstände bei Zahlungen von Mieten und Krediten, Probleme beim Heizen der Wohnung oder Unmöglichkeit, abgenutzte Kleider durch neue zu ersetzen.
Die größte Gruppe der Armen
Herbert Langthaler Studium der Kultur- und Sozialanthropologie und Publizistik an der Universität Wien. Dissertation zu Sklaverei in Ostafrika. Journalist und Mitarbeiter der Asylkoordination Österreich. Publikationen, Lehr- und Forschungstätigkeiten zu Asyl, Migration und Rassismus. Lehrveranstaltungen an den Unis Wien und Klagenfurt
Die größte Gruppe von armutsbedrohten Personen in Österreich ist jene, die keine EWR-Staatsbürgerschaft besitzt. Von diesen 828.000 Menschen muss etwa ein Viertel mit einem Einkommen unter der Armutsgrenze leben. Als „besondere Problemgruppe“ werden kinderreiche Familien, Familien mit Langzeitarbeitslosigkeit und pensionierte Migranten und Migrantinnen genannt. Asylsuchende, die (kaum) über Bargeld verfügen sowie nicht erwerbstätig sein dürfen, fallen in eine separate Gruppe. Durch die meist lange Dauer der Asylverfahren entstehen familiäre Armutslebenslagen. Herbert Langthaler, Sozialanthropologe und Journalist, ist Mitarbeiter der Asylkoordination Österreich und Herausgeber
des Buchs „Integration in Österreich“. Thema der Beiträge verschiedener Autoren ist „Integration“ als zentraler, politischer wie wissenschaftlicher, Begriff. Integration ist ein gesellschaftlicher Prozess, in dem sich die ganze Gesellschaft verändert.
Die Aufgabe der Integration In den Sozialwissenschaften steht der Begriff Integration für eine wechselseitige Anpassung und Veränderung von Aufnahmengesellschaft und Migranten. In der politischen Sprache wurde „Integration“ jedoch immer mehr mit „Assimilation“ gleichgesetzt. Eine individuelle Leistung der Anpassung an das Land Österreich wurde kommuniziert. Es stellt sich die Frage, ob mit dem Begriff Integration noch wissenschaftlich gearbeitet werden kann. Laut Langthaler müsse kommuniziert werden, dass Integration einen gesellschaftlichen Prozess und, im Gegensatz zur Assimilation, keine Eigenleistung von Individuen darstellt. Kinderarmut trete als eine Begleiterscheinung der ethnischen Unterschichtung auf. Einer Frau mit Migrationshintergrund und geringem Einkommen werden kaum flexible Arbeitszeiten oder passende Kinderbetreuung zur Verfügung stehen. Auch fehle es an sozialen Netzwerken, welche diese Defizite abfedern könnten. August Gächters Artikel „Der Integrationserfolg des Arbeitsmarkts“ behandelt u.a. den Dequalifikationsprozess von Migrantinnen. Anhand der Auswertung von Statistiken belegt er, dass Menschen mit höheren und mittleren Qualifikationen in gering qualifizierten Tätigkeiten beschäftigt sind. Festzuhalten ist „die historische Benachteiligung der Frauen im Bildungswesen und ihre aktuelle Benachteiligung am Arbeitsmarkt“. Es lasse sich nicht absehen, „wie lange es noch dauert, bis insbesondere höhere Qualifikationen von Frauen am Arbeitsmarkt ernst genommen werden“.
Absolute und relative Armut :: „Absolute Armut“ bedeutet ein Leben
am äußersten Rand der Existenz, wo der Mensch unter Hunger und Entwürdigung ums Überleben kämpft. „Relative Armut“ bezieht sich auf die gegebene Gesellschaft und orientiert sich an deren Durchschnitt (z.B. Prozentsatz des Durchschnittseinkommens). Es wird mit Begriffen der relativen Einkommensarmut und der relativen Ausgabenarmut gearbeitet. Diese monetären Begriffe erfassen die nicht in Geld messbaren Entbehrungen und Auswirkungen von Armut. Die Exklusion stellt den umfassenden Prozess der gesellschaftlichen Ausgrenzung dar.
FOTOS: PRIVAT
er Begriff „Kinderarmut“ ruft Bilder von klebstoffschnüffelnden Buben in Rumänien oder schmutzigen Straßenkindern in Südamerika hervor. Doch auch in einem wohlhabenden Land wie Österreich sind 15 Prozent der Kinder im Alter unter 15 Jahren armutsgefährdet.
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FOTO: K ARIN WASNER
ARMUT UND DER KAMPF MIT IHR
„Ich bin jung, ich habe Kraft, ich könnte arbeiten. Aber ich darf nicht. Wer soll die Pension für meine Mutter verdienen, wenn die Jungen nicht arbeiten dürfen?“
„Was ich all die Jahre höre: Du bist ein schwarzer Mensch, du bist ein schlechter Mensch. Ich will nur eine Chance und behandelt werden wie andere Menschen auch“
Zsuzsanna Hortobagyi, 23
Branislav Matic, 40
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ARMUT UND DER KAMPF MIT IHR
Kann eine Akademikerin arm sein? SONJA BURGER
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Armut kennt viele Definitionen Karin Heitzmann ist Assistenzprofessorin am Institut für Sozialpolitik der WU, Koordinatorin der Forschungslinie „Armut und soziale Ausgrenzung“ und bringt sozial- wie wirtschaftswissenschaftliche Expertise ein. Diese Disziplinen bestimmen Armut anhand einer messbaren und damit auch vergleichbaren Größe, nämlich am verfügbaren Einkommen. Arm ist diesfalls eine Person, die über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt. In Euro ausgedrückt waren das vor zwei Jahren in Österreich 951 Euro pro Monat. Das verfügbare Einkommen umfasst Sozialleistungen ebenso wie private Geldleistungen – nicht aber Sachleistungen wie eine Lebensmittelspende von der Oma. Richtig schlecht geht es jenen, die ihre Miete nicht mehr bezahlen können und sich in der Apotheke nichts leisten können. Sie gelten als „manifest arm“. Hier treffen zwei der „Deprivationsindikatoren“ zu. Diese bilden den Grad des Mangels oder der Entbehrung ab (in Bereichen wie Nahrung, Wohnraum, Gesundheit etc.). Allerdings berücksichtigt dieses Armutsmodell nicht die Beziehung zwischen verfügbarem Einkommen und Ausgaben, auch nicht deren Anstieg. Darin sieht Heitzmann ein gravierendes Defizit. Die Armutssituation wird nicht wirklichkeitsgetreu abgebildet, die Zahl der manifest Armen unterschätzt. Im Gegensatz dazu erforscht die partizipative Armutsforschung Zustand, Ursachen und Folgen von Armut. Nadja Lobner ist Politologin und Koordinatorin des Zentrums für Ethik und Armutsforschung an der Universität Salzburg sowie Expertin für Jugendarmut und partizipative Armutsforschung. Armut ist für sie, grob zusammengefasst, die relative, strukturelle Ausgrenzung vom Zugang zu materiellen wie immateriellen Gütern. Den Betroffenen mangelt es wegen der ungerechten Verteilung des Zugangs an Entscheidungsfreiheit, um für sich selbst und für jene, die sie versorgen, eine Grundsicherung und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Mittlerweile haben die Forscherinnen ihre Definition weiterentwickelt und die Problematik aus der Perspektive von Jugendlichen näher untersucht. Man betrachtet die betroffenen Jugendlichen als Exper-
Eine junge Akademikerin versucht zu ergründen, ob sie arm ist. Sie kommt zum Schluss, dass zur Armutsbekämpfung Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik gehören
ten ihrer Situation und bezieht sie methodisch ein. Man forscht nicht mehr nur über sie, sondern mit ihnen, und will ihnen „auf Augenhöhe“ begegnen. Und was sagt die partizipative Armutsforschung über mich? Lobner stellt mir eine Fülle an Gegenfragen: Fühlen Sie sich arm? Was heißt Armut für Sie? Woran können Sie teilnehmen und woran nicht? Auch für Wirtschaftspsychologen sind Individuen, besser gesagt deren Konzepte von Geld, Armut oder Reichtum, von zentraler Bedeutung. Wie beurteilt man die Armut oder den Reichtum anderer? Welche Kriterien entscheiden, ob man Hilfe leistet oder nicht? Solche Fragen beschäftigen die Wirtschaftspsychologie. „Aus externer Perspektive ist Armut nicht leicht erkennbar“, betont Erich Kirchler, Wirtschaftspsychologe und Vizedekan der Fakultät für Psychologie an der Uni Wien, „erst wenn es nicht mehr möglich ist, ein vernünftiges Maß der Grundbedürfnisse zu befriedigten, wird Armut zu einem objektiv wahrnehmbaren Problem“. Die Ursache für dieses Schicksal lokalisieren Mitmenschen bei der betroffenen Person selbst. Dahinter steckt eine Vorstellung, die als „Glaube an die gerechte Welt“ bezeichnet wird. Kurz gesagt: Die Fleißigen werden belohnt, die Untätigen bestraft.
Wer ist „schuld“ an der Armut? Erich Kirchler, Wirtschaftspsychologe: „Aus externer Perspektive ist Armut nicht leicht erkennbar“
Karin Heitzmann, Ökonomin: „Der österreichische Sozialstaat ist nicht armutsfest. Es fehlt an politischem Willen“
Nadja Lobner, Politologin „Die Erwerbstätigen sind immer weniger Gestalter ihrer Arbeitswelt“
Ist ein Mensch von Armut betroffen, sind laut der Sozialwissenschaftlerin Heitzmann drei Säulen von Bedeutung: familiäre Unterstützung, sozialstaatliche Leistungen und Erwerbseinkommen. Je nachdem, wie die Säulen ausgeprägt sind, läuft ein Mensch Gefahr, in Armut zu geraten. Speziell die Höhe von Erwerbseinkommen und sozialstaatlichen Leistungen wie dem Arbeitslosengeld können zu einer Ursache von Armut werden. An diesem Punkt setzt Heitzmanns Kritik an, da weder beim einen noch beim anderen derzeit eine Mindesthöhe existiert. Da die Ursachen von Armut hochkomplex sind, ist die Berücksichtigung mehrerer Faktoren notwendig, um sie zu erfassen. In der partizipativen Armutsforschung bedient man sich deshalb eines Mehrebenenmodells. Die Ursachen ergeben sich aus einem Zusammenspiel verschiedener Aspekte und den Wechselwirkungen zwischen allen drei Ebenen: Mikroebene (Individuum), Mesoebene (Unternehmen, Nationalstaat etc.) und Makroebene (globale politische/wirtschaftliche Verflechtungen). Als Beispiel für solche Wechselwirkungen nennt die Politologin Lobner den Zusammenhang zwischen den aktuellen Entwicklungen in der Arbeitswelt und Armut. Erwerbstätige sind immer weniger Gestalter der Arbeitswelt, sondern werden von ihr gestaltet. So ist es kein Zufall, dass psychische Erkrankungen wie Burn-out oder Depressionen zunehmen. Schlechte Lebens-
bedingungen und Arbeitsbedingungen machen krank, Krankheit wiederum führt zu Arbeitslosigkeit und Armut. Armutsbekämpfung schließt also auch Wirtschaftsund Arbeitsmarktpolitik ein.
Arbeitslose ohne Vertretung Warum vertritt niemand die Interessen der Arbeitslosen? Wieso entsteht es nicht aus der Gruppe heraus? Diesen Fragen gingen Wirtschaftspsychologen nach. In einer Studie wurden unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen (Arbeiter, Beamte, Angestellte, Hausfrauen, Studierende, Arbeitslose) nach den Charakteristika eines typischen Vertreters ihrer eigenen Gruppe befragt. Alle Gruppen, mit Ausnahme der Arbeitslosen, werteten die eigene auf und die anderen ab. Dieses Verhalten zielt darauf ab, den eigenen sozialen Selbstwert zu steigern und die soziale Zugehörigkeit zu festigen. Wenn die Gruppenzugehörigkeit wie bei den Arbeitslosen aber keine positiven Auswirkungen auf den Selbstwert hat, besteht für den Einzelnen die einzig gangbare Lösung in der Distanzierung. Man ist „anders“ als ein typischer Arbeitsloser. Da viele Betroffene so handeln, verhindert dies die Bildung einer Interessenvertretung. Erschwerend kommt hinzu, dass die Angehörigen aller anderen Gruppen wegen deren „Glauben an die gerechte Welt“ die Arbeitslosen sich selbst überlassen.
Aktive Armutsbekämpfung? Die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlerin Heitzmann weist auf Fehlentwicklungen hin, etwa darauf, dass der österreichische Sozialstaat nicht „armutsfest“ sei. Die Geldleistungsorientiertheit sei zu dominant, gleichzeitig hinkt deren Unterfütterung mit Infrastruktur- und Dienstleistungen massiv hinterher. Um dies zu ändern, ist politischer Wille nötig. Für den Wirtschaftspsychologen Erich Kirchler ist das Thema Aufklärung von zentraler Bedeutung. Daran könnten sich Medien wie auch Unternehmen aktiv beteiligen. Erste positive Erfahrungen gäbe es mit dem vom Unternehmen selbst initiierten Seitenwechsel. Mitarbeiterinnen können sich im Rahmen der Weiterbildung statt in die Arbeit zu gehen für eine gewisse Zeitspanne in einem Obdachlosenheim engagieren. Auf institutioneller Ebene existiere auch noch Spielraum. Die Politologin Nadja Lobner setzt mit dem Zentrum für Ethik und Armutsforschung auf die Entwicklung eigener Projekte zur Armutsbekämpfung. Ihr dient auch die Armutsberichterstattung, die erst durch den EU-Beitritt Österreichs richtig begonnen hat. Davor gab es kaum Studien zu Armut. Nun erstellt die Statistik Austria einen jährlichen Armutsbericht. Aber daraus erfahre ich auch nicht, ob ich arm bin oder nicht.
FOTOS: GISEL A ORTNER, SABINE EDITH BR AUN, EVA SPIESSBERGER
ch möchte mich Ihnen kurz vorstellen: weiblich, Akademikerin mit Berufserfahrung, Kundin beim AMS und froh, dass der Einkauf beim Sozialmarkt das Geldbörsl ein wenig entlastet. „Wie bitte? Eine Akademikerin, die beim Soma einkauft? Das passt doch nicht zusammen!“ Armut ist facettenreich – auch wenn nicht ganz klar ist, ob ich aus wissenschaftlicher Sicht tatsächlich arm bin. Daher habe ich mich zur Klärung an mehrere Wissenschaftlerinnen unterschiedlicher Disziplinen gewandt.
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ARMUT UND DER KAMPF MIT IHR Cecily Corti, Leiterin der VinziRast, an einem Fenster der Notschlafstelle
Bereichernde Begegnungen Ein neues Sozialprojekt in Wien bringt Studierende und Obdachlose in einem gemeinsamen Haus unter CHRISTIAN ZILLNER
s begann mit einer Begegnung. Cecily Corti traf im Jahr 2002 Pfarrer Wolfgang Pucher. Der, ein Mitglied des Lazaristenordens, hatte 1993 im Grazer Stadtteil St. Leonhard ein VinziDorf gegründet, eine Ansammlung von Baucontainern für obdachlose Menschen. Mittlerweile gibt es die mobile Essensausgabe VinziBus, den VinziMarkt, die ärztliche Betreuung VinziMed sowie eine Reihe anderer Vinzi-Sozialeinrichtungen.
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FOTOS: K ARIN WASNER
Die Gründung der VinziRast Cecily Corti war von Puchers Arbeit beeindruckt. Sie wollte in der Vinzenzgemeinschaft tätig werden. Mit Spendengeldern erwarb sie ein Haus in der Meidlinger Wilhelmstraße. Zunächst sollte es, von freiwilligen Helferinnen und Helfern betrieben, als Notschlafstelle dienen. „Wir führen es als niederschwellige Einrichtung“, erklärt sie. „Bei uns dürfen alle herein: Frauen, Männer, Pärchen – egal, ob Ausländer, ja sogar Alkoholiker – und Hunde. Unseren Gästen begegnen wir mit Respekt. Wir nehmen sie an, wie sie sind.“ 2008 wurde das VinziRast genannte Haus umgebaut, um ein Stockwerk und einen Dachausbau erweitert und heißt jetzt VinziRast-CortiHaus. Es beherbergt neben der Notschlafstelle auch 16 Wohnungen für 29 Frauen und Männer. Zwei Häuser weiter wurde heuer eine Wohngemeinschaft für ehemals obdachlose Menschen, die nach einem Alkoholentzug oder einer Therapie abstinent leben und einander dabei unterstützen wollen, eröffnet. „Im VinziRast-CortiHaus arbeiten ausschließlich ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt Corti, die Leiterin und Obfrau des Trägervereins Vinzenzgemeinschaft St. Stephan. „Nur der
Geschäftsleiter Christian Spiegelfeld ist Teilzeit angestellt.“ Es begann mit einer Begegnung. Während der Besetzung des Audimax im Rahmen der Studierendenproteste 2009 trafen Studierende, unter ihnen der Lehrer und Anglizistikstudent Peter Nitsche, auf obdachlose Menschen, die im Saal nächtigten. Er wollte für sie eine längerfristige Unterkunft und vor allem Beschäftigung schaffen. Mit einem E-Mail wandte er sich an den Bauunternehmer Hans-Peter Haselsteiner. Der wiederum, ein großzügiger Unterstützer des VinziRast-CortiHauses, verwies Nitsche an Cecily Corti.
Interessierte kontaktieren: Christian Spiegelfeld, Tel. 0699/10 97 37 22, oder Cecily Corti, Tel. 0650/368 31 74. VinziRast, Wilhelmstraße 10, 1120 Wien kontakt@vinzirast.at www.vinzirast.at
Ein einzigartiges Pilotprojekt
Studierende und Obdachlose Aus dieser Begegnung entstand die Idee zu VinziRast-Mittendrin, ein Haus für Obdachlose, Studierende und an Sozialprojekten Interessierte. Mittendrin deshalb, weil das Haus an der Währinger Straße mitten im Studierendenviertel und nahe der Innenstadt liegt. Haselsteiner kaufte das desolate Gebäude, Cortis Verein wird es renovieren, ausbauen und 2012 eröffnen. „Im Haus sollen nicht nur Wohnungen für Obdachlose und Studierende, sondern auch ein Café ohne Konsumzwang, Räume für Beratung, Begegnung und kulturelle Veranstaltungen sowie eine Werkstatt entstehen“, sagt Corti. So haben die Studierendenbewegung „Unibrennt“ und die Begegnung von Studierenden um Peter Nitsche mit der Vinzenzgemeinschaft St. Stephan ein nützliches Ergebnis für Wiens Obdachlose erbracht. Es wird zu Begegnungen führen, das Projekt VinziRast-Mittendrin. Auch zur Begegnung der akademischen Welt mit Obdachlosen. „In diesem Haus sollen Studierende mit Obdachlosen leben“, erklärt
Gregor Kollwinger, ein Politologiestudent und Mitarbeiter am Projekt. Es wird Wohnungen geben, deren Mieten den Betrieb des Hauses teilweise finanzieren. „Die Studierenden sollen aus der täglichen Begegnung mit Obdachlosen etwas für ihr Studium mitnehmen. Vielleicht finden sie hier eine interessante Forschungsfrage. Jedenfalls erleben sie die Probleme von Obdachlosen hautnah und können ihnen mit praktischer Hilfe beistehen.“
Primaria Michaela Seyr: „Hier könnten Forschungsarbeiten in Zusammenarbeit mit Obdachlosen geleistet werden“
Gregor Kollwinger, Politologe: „In diesem Haus sollen Studierende mit Obdachlosen leben“
Die stellvertretende Obfrau der Vinzenzgemeinschaft St. Stephan und Primaria am Landesklinikum Krems Michaela Seyr sieht eine Reihe weiterer Möglichkeiten in der Begegnung von Uni und Obdachlosen. „Man weiß wenig über die Menschen am Rand der Gesellschaft“, sagt sie. „Das Haus soll über die Beratungseinrichtung hinaus zur Erforschung der Lebenswelt der Obdachlosen anregen. Etwa, wie sie mit Krankheiten wie Grippe und Ähnlichem umgehen – sie leben ja auch damit auf der Straße.“ Ihre Aufgabe ist es, „zu verschiedenen Fakultäten der Uni Wien und der MedUni Kontakt herzustellen, aus dem sich konkrete Projekte ergeben sollen. Außerdem soll das Haus ein Begegnungsraum für Menschen in Sozialprojekten werden. Ich denke an kleine Symposien und Workshops. Vor allem aber kann hier Forschungsarbeit in Zusammenarbeit mit Obdachlosen geleistet werden.“ Mittendrin in der akademischen Welt, wo junge Menschen nach ihrem Platz in der Gesellschaft suchen, werden nun bald jene leben, die ihren Platz in der Gesellschaft verloren haben. Hoffen wir, dass sich aus diesen Begegnungen auch neue Einsichten für unser aller Zusammenleben ergeben.
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ARMUT UND DER KAMPF MIT IHR
„Wäre gern eine europäische Kuh“ VERENA AHNE
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Pflanzen gegen Plagen In Nairobi hat sich das Internationale Zentrum für Insektenphysiologie und -ökologie ICIPE der Plagen angenommen und das „Push-Pull-Verfahren“ entwickelt. Für den Push sorgt das bodendeckende Bohnengewächs Desmodium. Es wird zwischen die Maisreihen gepflanzt, sein Geruch stößt den Stängelbohrer ab. Als Pull dient eine Einfriedung des Feldes aus Elefantengras. Es zieht den Falter magisch an und lässt ihn dort seine Eier ablegen. Wenn sich die Larven nach dem Schlüpfen in die Wirtspflanze bohren, sondert diese einen klebrigen Saft ab, in dem die Larven zugrunde gehen. Die Wurzelabsonderungen des Desmodiums bringen die winzigen Strigasamen zum Keimen, hindern sie aber auch am Wachsen, sodass der Keim abstirbt. In kürzester Zeit verschwindet das Unkraut aus der Erde. Außerdem bindet Desmodium Stickstoff – genau in der für Mais idealen Menge –, reichert den Boden mit abgestorbenen Blättern und Wurzeln an, verhindert Erosion und schnelle Verdunstung und dient mit dem Elefantengras als nährstoffreiches Viehfutter. Inzwischen steigern mehr als 25.000 Familien in Kenia und Uganda ihre Erträge mit dem nebenwirkungsfreien Verfahren. Ihre Kühe sind besser genährt, Viehfutter und Milch bringen ein Zusatzeinkommen.
Agrarökologische Evolution Solche Beispiele zeigen, wie gut nachhaltige Landwirtschaft funktionieren kann. Angesichts der ökologischen Probleme – prognostizierte neun Milliarden Menschen, Klimawandel, Ressourcenknappheit – ist das der Weg, der beschritten werden muss. So lautet die Forderung des Weltagrarberichts 2008. Im Jahr 2002 von Weltbank und FAO initiiert, sollte er als „internationale Bestandsaufnahme von landwirtschaftlichem Wissen, Forschung
So lautet der Wunsch vieler armer afrikanischer Bauern und Bäuerinnen. Der Weltagrarbericht verrät, warum und Technologie“ klären, wie wir durch die Schaffung, Verbreitung und Nutzung von landwirtschaftlichem Wissen, Forschung und Technologie Hunger und Armut verringern, ländliche Existenzen verbessern sowie eine gerechte und sozial nachhaltige Entwicklung fördern können (www. weltagrarbericht.de). An seiner Entstehung waren Vertretungen von 110 Regierungen beteiligt, internationale Organisationen, Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen, Agrarkonzerne, Kleinbauern und -bäuerinnen sowie Wissenschaftler. Ihre Botschaft ist klar: Die Nahrungsmittelproduktion steht an einem Scheideweg. Nötig sei nichts weniger als eine agrarökologische Evolution der Landwirtschaft, der Lebensmittelproduktion und des Konsums. Michael Hauser, Boku Wien: „In Afrika ändert sich alle paar hundert Meter der Boden, da kann man nicht mit einem System drüberfahren“
Verlust einer Schweiz pro Jahr 40 Prozent der menschgemachten Treibhausgase entstehen durch die Landwirtschaft. Mehr als ein Drittel der begrünbaren Erdoberfläche wird landwirtschaftlich genutzt, 33 Millionen Quadratkilometer von Hufen zertrampelt, 15 Millionen zur Gewinnung von Futter für Mensch, Tier und Maschinen bebaut. Mit den derzeitigen Erzeugnissen könnten mehr als acht Milliarden Menschen problemlos gesättigt werden. Trotzdem scheint es nie genug zu sein: Um unsere Konsumgewohnheiten, vor allem die weltweit wachsende Lust auf Fleisch, zu befriedigen, werden Feuchtgebiete trockengelegt und artenreiche Wälder, Savannen und Buschländer gerodet. Das verursacht einen Biodiversitätsverlust wie zu Zeiten der Dinosaurier sowie Erosion und Degradation. Pro Jahr wird aus einer Fläche größer als die Schweiz unwiederbringlich Staub oder nackter Fels.
Drei Viertel der verfügbaren Wasserressourcen werden zum Bewässern von Feldern verbraucht, vielerorts, etwa im Mittelmeerraum, weit jenseits der „nachfließenden“ Möglichkeiten. Die Hälfte der Menschheit hat keinen oder nur mangelhaften Zugang zu sauberem Wasser. Jeder sechste Mensch hungert. Für 70 Prozent der Betroffenen sind zu knappe Nahrungsmittel grausame Normalität.
Pannen der Grünen Revolution Es gab Versuche gegenzusteuern, wie die Grüne Revolution. „Man dachte damals, schiebt man die Landwirtschaft an, schiebt das auch alles andere an“, erklärt der auf nachhaltige Landwirtschaft und Entwicklung spezialisierte Agrarwissenschaftler Michael Hauser vom Centre for Development Research an der Boku Wien die Entwicklungskonzepte der 60erund 70er-Jahre. In ökologisch labilen Regionen führten westliche Hochleistungssorten und Anbaumethoden zu – neben sozialen Problemen – Bodenerosion, Versalzung, Überdüngung, Wasserknappheit und -verschmutzung. „In Afrika ändert sich alle paar hundert Meter der Boden“, weiß Hauser aus der Praxis, „da kann man nicht mit einem System drüberfahren.“ Später überließ die Gebergemeinschaft die landwirtschaftliche Entwicklung den Kräften der Märkte. Außer Chemie-Agrar-Multis kümmerten sich nun nur noch wenige Institutionen um Forschung und Entwicklung. Völlig vernachlässigt wurden – auch an Universitäten vor Ort – ressourcenschonende und billige Produktionsweisen und Produkte.
Landwirtschaftliche Beratung Verfahren wie die Push-Pull-Methode stehen beispielhaft für die Botschaft des Weltagrarberichts: Um die Ernährungssouveränität von Nationen und die Welternährung zu sichern, müssen Nahrungs- und Produktionsmittel vor Ort verfügbar sein. Ganz ohne Sozialromantik. „Wir Reichen können nicht sagen, bleibt schön bei eurer Landwirtschaft auf einem Dreiviertel Hektar“, erklärt Hauser die Gratwanderung in diesem Bereich. Auch wer bescheiden lebt, benötigt Geld für Medizin, Schule, Mobilität. Um ihre Produktion zu verbessern, bräuchten die Menschen landwirtschaftliche Beratung. Und die Möglichkeit, ihre Produkte auf lokalen wie internationalen Märkten zu verkaufen. Ohne mit den Dumpingpreisen der hochsubventionierten Bauern des Nordens konkurrieren zu müs-
sen. „Die Leute in Afrika sagen, sie wären gern eine europäische Kuh“, sagt Hauser, „weil das mehr einbrächte als ihre Arbeit.“ Kleinbauern, besonders auch Bäuerinnen, müssen gestärkt und ihr Wissen, ihre ökologischen und sozialen Beiträge anerkannt werden. Selbstbestimmung ist der Schlüssel, sagt der Weltagrarbericht. „Besonders erfolgreich sind (lokale) Initiativen, bei denen Regierungen, Behörden und internationale Hilfsorganisationen die Selbstorganisation unterstützen.“ Wie bei Push-Pull: Da wurde bäuerliches Wissen erfragt und in aufwendigen Labor- und Feldversuchen erforscht. Rund sieben Millionen USDollar haben Stiftungen zugeschossen – Hilfe, die sich lohnt: Die unentgeltlich verbreitete Methode macht unabhängig von westlicher Chemie. Sie setzt auf lokal verfügbare, ans Klima angepasste Ressourcen. Sie ist unkompliziert und abwandelbar. Sie schafft einen Markt und Einkommen.
Gentechnik ist keine Lösung „Der Weltagrarbericht räumt auf mit dem Mythos der Überlegenheit industrieller Landwirtschaft aus volkswirtschaftlicher, sozialer und ökologischer Sicht“, heißt es über Agrochemie und Gentechnik. Gentechnik hätte bisher kaum Vorteile gebracht, werfe eine Reihe von Fragen auf, die ungeklärt seien, und stoße auf breite Ablehnung. Ihre Ausrichtung auf Patentschutz und Monopolisierung stehe im krassen Widerspruch zu den Bedürfnissen von Kleinbauern. Diese Kritik ließ die Vertreter der Biotechnologie vorzeitig aussteigen. Die USA, Kanada und Australien ratifizierten den Weltagrarbericht unter anderem nicht, weil er den Weltagrarhandel als eine Quelle von Armut in ländlichen Regionen ausmacht. Auch Österreich, das sich so viel auf seine kleinteilige Landwirtschaft und Ökoorientierung einbildet, konnte sich bisher nicht zu einer Unterzeichnung durchringen. „Eine weitere verlorene Chance, das Thema Welternährung aktiv und zukunftsorientiert anzugehen“, bedauert Hauser. Franz Fischler, Exlandwirtschaftskommissär, bekundete auf einer Veranstaltung zum Thema zwar Zweifel, ob eine Unterzeichnung einen Paradigmenwechsel einleiten würde. Doch ohne Unterschrift muss man nicht einmal darüber nachdenken. Und die Budgets für Entwicklungszusammenarbeit, die nicht annähernd je die zugesagten 0,7 Prozent des BIP erreicht haben, wurden gerade stillschweigend weiter verringert.
FOTOS: GISEL A ORTNER, SABINE EDITH BR AUN, EVA SPIESSBERGER
er afrikanische Stängelbohrer ist ein gefürchtetes Insekt. Die Larven des beigegrauen Falters durchlöchern die Stiele von Maispflanzen und verursachen in Afrika Ernteausfälle bis zu 80 Prozent. Oft auf den gleichen Feldern anzutreffen und ebenso zerstörerisch ist das rosa blühende „Hexenkraut“ Striga, das sich als Parasit an die Wurzeln des Maises hängt und ihm den Saft abzapft. Besonders auf ausgelaugten Böden vermehrt es sich explosionsartig und kann so dominant werden, dass Felder aufgegeben werden müssen.
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ARMUT UND DER KAMPF MIT IHR
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Kommentar
Brief aus Brüssel CHRISTIAN BRE T TER
ch könnte Ihnen von der Schneekugel Europa erzählen. Jenem Ding, das nach kurzem Schütteln seine in Flüssigkeit schwebenden Flocken wieder sanft auf das Riesenrad, auf den Eiffelturm, auf die Hagia Sophia oder auf die Tower Bridge legt. Die Schneekugel Europa kam mir letzten Sonntagnachmittag in den Sinn. Meine kleine Tochter wurde von ihrer Freundin und deren englischen Eltern besucht. Die junge Mutter der Freundin meiner Tochter ist ebenso wie die Mutter meiner Tochter als Verhandlerin und Informantin für ihr Herkunftsland im Europäischen Rat tätig. Hier arbeiten die Jungmütter an der täglichen Rechtsetzung der EU (http://de.wikipedia.org/wiki/ Rechtsetzung_der_EU), finden mit Geduld Kompromisse und versuchen Lichter am Horizont auszumachen, die es sich lohnt anzusteuern. Diese Jungmütter – natürlich sind es nicht nur Mütter, es ist ein bunter Haufen Europäer, meist zwischen 30 und 40 – stellen eine Kernzelle des Organismus EU dar. Auf ihren von Übersetzerkabinen gesäumten Sesselkreisen pumpen sie unentwegt Neuerungen in die Regionen Europas. Den Regierungschefs wird dadurch das Wasser abgegraben. Um ihre Legitimation zu betonen, wettern sie in ihren Ländern gegen die EU: Natürlich sind die in Brüssel schuld. Nur sind jene, die in Brüssel entscheiden, dieselben Regierungschefs. Gern verschweigen sie, dass sie sich mindestens zweimal pro Halbjahr im Rat in Brüssel treffen, um neue Gesetze zu beschließen. Irgendwie scheint versteckte Autoaggression eine psychopolitische Mechanik in Europa zu sein. Zurück zur Schneekugel. Willkürlich wie die Flocken in der geschüttelten Schneekugel treffen in Brüssel Menschen und europäische Geschichte aufeinander. So gibt es den australischen Anwalt mit holländischen Vorfahren, der sein Haus vermietet; die Frau aus Portugal, die die österreichische Vertretung bei der EU putzt; den spanischen Vater, der sich über belgische Schulbücher aufregt, in denen seinen Kindern von den barbarischen Taten der Spanier in Südamerika erzählt wird, aber nichts über belgische Barbarei im Kongo. Einer auf der Kunstbühne der Nordhalbkugel ist Franz West. Dieser nennt seine aktuelle Ausstellung im Grazer Kunsthaus „Autotheater“. Meint zwar nicht das europäische Theater. Aber auch Europa ist ein Autotheater im griechischen Sinn.
FOTO: K ARIN WASNER
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„Ich bin verlorengegangen. Und finde mich jetzt gerade selber wieder“ Norbert Weisz, 55, mit Hund Puppi
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Gedicht Franz Josef Czernin, geb. 1952 in Wien, lebt in Rettenegg/Stmk. Verfasser von Lyrik und Prosa, Aphorismen und Essays. Beeinflusst von der Wiener Gruppe, beschäftigt er sich auch mit traditionellen Gedichtformen wie Sonetten, Terzinen oder Sestinen. Erhielt zahlreiche Preise, u.a. den Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik (2007), seit 2008 Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Zuletzt erschienen: Der Himmel ist blau. Aufsätze zur Dichtung (2007), Zur Metapher. Die Metapher in Philosophie, Wissenschaft und Literatur (2007), staub.gefässe – gesammelte gedichte (2008)
FR ANZ JOSEF CZERNIN
Was am Ende bleibt
nicht nur caelestisch
Gut und Böse
das austoben. glanzreich kehrseitig. hier angeherrscht, sehr gängelt es.
ERICH KLEIN
auch erzschrei. brachen, glutsweiss dir. hohlmängel, ängstig. daher schuttsacht. finster, bengelort, laut verhehlend. uns verborgen, grubengeld. tiefsinkend. mir leiterteilends, eng irrführst. flugs austritt, geborsten. schürfarten dir. und dreister, blendeinfall. die verschmelzungen. hellhaft stichwunder. schimpf erliess dir auch unternachts. dies argwohnung. wie rings uns anprangst, erneuerlich einst haarfeinst. buchoffen, goldswert. Aus der entstehenden Gedichtreihe anfängliche gedichte von Franz Josef Czernin.
ER ICH K LEIN
Rätsel von Gaja 1
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Gut aufgelegter Boulevard Ohne festen Wohnsitz wird man dort als Angeber abgewiesen Netzwerk für urbane Untergrundbewegung Das Dateiformat hat den Table of Contents zum Inhalt Wenn’s knistert im Terminkalender Klassisch, ein Rätsel an das Land gezogen Blechtrotteltrottel X/V Massiv in Russland anzutreffen Abenteuerliche Zielvorgabe In Marketingsprech übersetzt: Geilschlund Wichtigste Stromversorgung Ägyptens Entfernter Topfklopftipp Der Name der Dame ist buchstäblich eins Adam der Obdachlosen?
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Senkrecht 1 Benotete Not? Wird bei Unvermögen ausgestellt 2 Flüchtig auch als Mutter Courage bekannt 3 Wohltätigkeit als Haupt- und Zeitwort 4 Ist ein Wert so, ist er unantastbar 5 Wenn sogar das fehlt, frisst der Teufel Fliegen 7 Das ist ja hahaha-haft 11 Abschiedsgruß in Madeira 14 Nicht wirklich „posten“ 15 Überwiesenermaßen kein Bankgeheimnis (Abk.) 18 Spanische Königin 19 Fällt symbolisch vor Gericht ins Gewicht 24 So endet Webspace im Sudan
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Auflösung aus Falter HEUREKA 4/2010. Waagrecht: 1 SPEICHER 6 TURBO, 7 UAWG, 9 OBERLAUF, 11 MAU, 12 OLE, 13 RUEHMEN, 15 RAB, 17 CUBE, 18 ICE, 19 CHI, 20 NORM, 22 HTL, 24 NEURONEN, 26 GRINZING Senkrecht:1 STROMRECHNUNG, 2 PU, 3 ERNEUERBAR, 4 COULOMB, 5 ERWUENSCHT, 8 AALE, 10 BAU, 14 HAEMMERN, 16 TEILUNG, 18 ICH, 21 ODER, 23 ROZ, 25 NI Lösungswort: NABUCCO
Bei einem Besuch in Vukovar drückte der serbische Präsident Tadic kürzlich sein Bedauern über die Massaker an der Zivilbevölkerung im Jahre 1991 aus. Alle Symbolik solcher Veranstaltungen wird durch den „banalen“ Umstand des Verbrechens selbst relativiert – die resignative Einsicht ließ Hannah Arendt im Fall Eichmann von der „Banalität des Bösen“ sprechen. Die meisten Bücher über die Jugoslawienkriege der 1990er-Jahre mit mehr als 200.000 Toten und 2,5 Millionen Vertriebenen sind längst vergessen – Ausnahmen wie die von Slavenka Drakulic bestätigen die Regel. Ihre Reportagen, ein Roman über die Massenvergewaltigungen aus der Opferperspektive, „Als gäbe es mich nicht“, und „Keiner war dabei“, ein Bericht über den Kriegsverbrecherprozess in Den Haag, haben Bestand. Die Vorgangsweise der Mörder stand in schrecklichem Einklang mit Entwicklungen der jugoslawischen Länder, am Ende der beklemmende Befund: Die Mörder sind Monster, aber auch normale Menschen. Und: „Der Krieg hält nicht inne, bevor er uns nicht zu der schrecklichen Einsicht gebracht hat, dass wir seine Komplizen geworden sind.“ Auf merkwürdige Weise noch anstößiger als die Abrechnung mit Miloševic & Co ist Drakulic’ jüngstes Buch, „Leben spenden. Was Menschen dazu bewegt, Gutes zu tun“. Nach der Diagnose einer Zystenniere hatte sie im Tito-Jugoslawien nur aufgrund der Beziehungen ihres Vaters, der als Armeeangehöriger zu einem der raren Dialyseapparate Zugang hatte, überlebt. Eine erfolgreiche Transplantation musste 2004 wiederholt werden: Drakulic bekam in den USA eine anonyme Spenderniere. Was bewegt jemand, mit einem Teil seines Körpers das Leben eines Fremden zu retten? Ein New Yorker Priester, einer von Drakulic’ Gesprächspartnern, meint: „Gott ist die Liebe, und mit der Organspende hat uns die moderne Wissenschaft eine wunderbare Möglichkeit gegeben, diese Liebe auszudrücken.“ Wie verhält es sich aber, „wenn wir im 20. Jahrhundert leben und möglicherweise nicht an Gott glauben?“. Wenn wir angesichts dieses „Opfers“ von einem Wunder sprechen, warum stellen wir Güte eigentlich infrage? Gibt es überhaupt Gründe, von der „Banalität des Guten“ zu sprechen? Slavenka Drakulic: Leben spenden. Was Menschen dazu bewegt, Gutes zu tun Wien 2008, Zsolnay, 224 Seiten
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