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HEUREKA 5/18

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HEUREKA #52018 Österreichische Post AG, WZ 02Z033405 W, Falter Zeitschriften GesmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien

D A S W I S S E N S C H A F T S M A G A Z I N A U S D E M F A LT E R V E R L A G

Utopien

FOTO: MARLIES PLANCK

Wie nötig haben wir sie?

Die Rückkehr der Utopie Über einen Wiedergänger: Klarstellungen, Warnungen und eine Würdigung. Seite 12

Gegen Hoffnungslosigkeit Der Autor Ilija Trojanow schreibt, es sei Zeit für neues radikales Denken – also Utopie. Seite 14

Weltfriede – eine Utopie? Weltfriede ist ein alter Wunsch der Menschheit. Aber macht er auch Sinn? Seite 16


Vorträge:

Gerald Bast Anab Jain Harald Katzmair Martina Mara* Peter Parycek Robert Trappl Peter Weibel Virgil Widrich Diskussion:

Gerald Bast Kerstin Koren Thomas Lampoltshammer Eva Maria Stadler

Universität für angewandte Kunst Wien Vordere Zollamtsstraße 7, 1030 Wien

Moderation:

David F. J. Campbell www.dieangewandte.at

* angefragt

BUCHPRÄSENTATION

Gesellschaft, Bildung und Arbeit im Umbruch

29.11.18

SYMPOSIUM

AB 11UHR


IN TRO D U K TIO N  :   H EU R E KA  5/18   FALTER 44/18  3

CHRISTIAN ZILLNER

A U S D E M I N H A LT

:   E D I TO R I A L

Utopisch leben Die Sehnsucht nach dem Gestern angesichts der Furcht vor dem Morgen  Seite 7 „Retrotopia“ nannte der 2017 verstorbene Soziologe Zygmunt Bauman seine Analyse der Gegenwart und ihrer Möglichkeiten

FOTOS: MARLIES PLANCK, PRIVAT, HARALD KRICHEL, KARIN WASNER

Kopf im Bild  Seite 4 Der Mathematiker Herbert Edelsbrunner erhielt den ­Wittgenstein-Preis des Wissenschaftsfonds FWF

Die Rückkehr der Utopie  Seite 12

Die Drohne bringt menschliches Blut  Seite 8

Über einen Wiedergänger: Klarstellungen, Warnungen und eine Würdigung

Um die Versorgung mit Blut in der Stadt Frankfurt am Main gewährleisten zu können, wurde eine eigene Drohne als Trans­ portmittel entwickelt

Weltfriede – eine Utopie?   Seite 16

Weltfriede ist ein alter Wunsch der Menschheit. Aber macht er auch Sinn?

Die Geschichte von der Utopie Europa  Seite 18 Utopie gegen Hoffnungslosigkeit  Seite 14

Um zu wirken, erzählen Uto­ pien Geschichten. Kommt man ihnen mit Geschichten bei?

„Was wir machen, ist Weltklasse“  Seite 22

Der Autor Ilija Trojanow schreibt, es sei Zeit für neues radikales Denken – also Utopie

Bücher und Glossar zum Thema Utopie  Seite 20

Thomas Henzinger, Präsident des IST Austria, über den Erfolg des Instituts

Österreich sei eine Insel der Seligen, habe Papst Paul VI. einmal gesagt, wofür er heuer im Okto­ ber heiliggesprochen wurde. Nein, nicht dafür, aber aus unserer Sicht – lassen wir das. Insel also. In der Vorstellung von Plato (Atlantis) und Thomas Morus (Utopia) sind Inseln der Ort, an dem eine Utopie realisiert werden kann. Das lassen wir nun etwas einwirken – und fer­ tig ist die österreichische Utopie. Eine passende Dystopie haben wir auch. Sie wurde von Karl Kraus formuliert: Österreich sei eine „Ex­ perimentierstation für den Weltun­ tergang“, meinte er. Also eine Insel, die Tsunamis auf sich zieht. Wie kommt ein Papst darauf, dass wir Selige sind, und wie ein Literaturpapst auf unsere Unter­ gangssehnsucht? Nun, Selige sind per se nicht von dieser Welt, im Gegenteil, sie werden selig gespro­ chen, weil sie sich hienieden so ganz und gar unirdisch gezeigt ha­ ben. Man muss zuerst untergehen, um dann selig zu werden. Oder eine Welt zerstören. Uh, das klingt roh. Doch jeder, der ver­ sucht, sie zu zerstören, erkennt rasch, dass es die Welt gar nicht gibt. Sie ist bloß eine ­Illusion, mit der wir uns und anderen Menschen das Leben schwer machen. Um se­ lig zu werden, sollte man sich um den Untergang der eigenen Welt bemühen. Dann kann man frei leben. Utopisch halt.

:   G A ST KO M M E N TA R

Kann es realistische Utopien geben?

FOTO: JAN DREER

THOMAS MACHO

Vor zwei Jahren zum fünfhunderts­ ten Jahrestag der Drucklegung eines lateinischen Textes, dessen Titel ein Genre konstituieren sollte, nämlich der „Utopia“ des englischen Staats­ manns Thomas Morus, hat der nieder­ländische Historiker und Jour­ nalist Rutger Bregman ein erfri­ schend freches Manifest publiziert, das den provozierenden Titel „Utopia for Realists“ trägt. Da­rin plädiert er für ein bedingungsloses Grundein­ kommen, für eine Arbeitswoche von fünfzehn Stunden und weltweit of­ fene Grenzen, weil nicht einzusehen sei, dass globale Warenströme, Ka­ pitalverkehr und digitale Daten na­ hezu ungehindert zirkulieren dürfen, während Menschen immer häufi­ger auf neue Mauern stoßen. Gleich eingangs prophezeit ­Bregman eine Wie­derkehr der Uto­ pien. Sie waren spätestens seit dem

Zusammen­bruch der ­Sowjetunion weithin diskreditiert: die totalitären faschisti­schen Utopien von der Züchtung einer neuen Herrenrasse und der Errichtung eines „Tausend­ jährigen Reichs“, die kommunisti­ schen Utopien, die emanzipatori­ schen Utopien der späten 1960er Jahre, die religiösen Utopien funda­ mentalistischer Strömungen, ja so­ gar die technischen Utopien. Letztere werden von den Erfah­ rungen der Atomkatastrophen in Tschernobyl und Fuku­shima, von

Thomas ­Macho ist Philosoph und Direktor des IFK

Ängsten vor einer Aufspaltung der Menschheit in evolutionär dis­ tinkte Bioklassen oder vor steigen­ der Überwachung und Kontrolle im Internet begleitet. Seither dominie­ ren auch in Literatur und Kino die Welt­untergänge und apokalypti­ schen Szenarien ohne Visionen einer nachfolgen­den Erlösung und himm­ lischen Gerechtigkeit. Utopien sind, aus dem Altgriechi­ schen „oú-topos“ übersetzt, „NichtOrte“. Inwiefern können sie, so die Frage an Rutger Bregman, „realis­ tisch“ sein? Implizit folgt er der These des is­ raelischen Universal­historikers Yuval Noah Harari, der in seiner „Brief History of Humankind“ behaup­tete, die menschliche Geschichte werde vor allem von Narrativen, von gro­ ßen Er­zählungen, regiert. So haben sich etwa die Pilgrim Fathers auf

ihrer Fahrt in die Neue Welt am biblischen Buch Exodus orientiert; ­Thomas Morus ver­fasste eine Er­ zählung von der Abschaffung des Privateigentums und der Todes­ strafe auf seiner „neuen Insel Uto­ pia“. Geschichten und Narrative sind unver­zichtbar; sie können Hoffnun­ gen begründen, Wünsche, Visionen und Ängste, wie der Bericht von der Sintflut. Erzählungen sind histori­ sche Triebkräfte, die Entwicklungen nicht bloß begleiten, sondern auch ermöglichen: Self-fulfilling Prophecies. Im Um­kehrschluss gilt darum auch für apokalyptische Erzählun­ gen, dass sie Untergänge und Ka­ tastrophen geradezu herbeireden. Schon allein darum müssen wir Ge­ dankenexperimente und Utopien entwerfen. Wir müssen fragen, wie eine andere, bessere Welt aussehen könnte – so realistisch wie möglich.


4 FALTER  44/18  H EUR EKA  5/18 :  P ERSÖNLIC H K E ITE N

:  KO P F I M B I L D

Preisträger „Ich bin ein Fan von ­Ludwig Wittgenstein“, sagt Herbert Edelsbrunner. „Darum ist es mir eine Freude, mich in die ­Liste von ­hervorragenden Wissenschaftern unter dem ­Namen des Philosophen einreihen zu ­dürfen.“ Er spricht von den Wittgenstein-Preisträgern des ­Wissenschaftsfonds FWF. Seit heuer zählen ­Mathematiker dazu. Edelsbrunner hat zum Aufbau der Computergeometrie und der ­Begründung der Computertopologie beigetragen. Dieses neue Gebiet kann man sich als ­logische Erweiterung der ­Computergeometrie vorstellen. Allerdings basiert es auf anderen mathematischen Grundlagen. ­Edelsbrunner möchte es weiterentwickeln und neue Anwen­ dungen erschließen. „Ich finde unendliche Tiefen in der Mathematik. Man kann in sie beliebig viel mentale Energie investieren.“ Das Credo des Professors am Institute of Science and Technology Austria: „Forscher müssen offen sein, um die Realität zu erkennen und die Gelegenheit beim Schopf zu packen. Ideologische Grundeinstellungen aller Art sind der Feind der Wissenschaft.“ TEXT: USCHI SORZ FOTO: KARIN WASNER

:   J U N G FO RS C H E R I N N E N   USCHI SORZ

Santa Pile, 32 „Die Welt der Atomphysik finde ich genauso faszinierend wie die Erforschung anderer Galaxien“, sagt die in Litauen geborene und in Russland ­aufgewachsene Physikerin. Mit ihrem Beruf stieg sie in die Fußstapfen ihrer Mutter, die ihr schon als sie vier Jahre alt war zu erklären versuchte, was ein Atom ist. „Ich war beeindruckt, wie viel Welt um uns herum ist, die man nicht unmittelbar sieht.“ Pile hat ein Diplom der Moskauer Lomonossov-Universität und absolvierte ihren Master an der Universität Duisburg-Essen. Für ihre Dissertation erforscht sie nun die dynamischen magnetischen Eigenschaften von Materialien. „Magnetische Materialien sind von der Elektronik bis zur Kreditkarte nicht nur allgegenwärtig, sondern werden immer winziger. Man sollte wissen, was in diesem Maßstab passiert, damit die Geräte zuverlässig funktionieren.“

Huiying Huang, 28 Als sie vor sieben Jahren im Zuge ihres Bachelors als Austauschstudentin nach Ulm kam, hatte die Chinesin noch nicht viel über Quantencomputer und Quantenkommunikation gehört. „Höchstens in Science-Fiction-Filmen“, lacht sie. „Damals machte das Unternehmen D-Wave gerade mit einem ersten Quantencomputer von sich reden. 2016 starteten Wiener und chinesische Wissenschafter den ersten Quantensatelliten, trotzdem war das lange von meiner Lebenswelt entfernt.“ Sie studierte Materialwissenschaften im Master in Ulm. Erst durch die externe Masterarbeit am Leibniz-Institut für Festkörper- und Werkstoffforschung in Dresden kam sie in Berührung mit der Quantenoptik. „Diese kreative Art zu forschen hat mich fasziniert.“ Für ihre Dissertation arbeitet sie in Linz an der Verbesserung von Quantenlichtquellen für Halbleiter.

Margherita Matzer, 29 „Ich habe lange gebraucht, um mich für ein technischnaturwissenschaftliches Fach zu entscheiden“, sagt die Grazerin. „Ich wollte etwas gesellschaftlich Wertvolles tun und sah das hier zuerst nicht.“ Die Einsicht, dass die Wissenschaft der Allgemeinheit zugutekommt, gab den Anstoß zum Studium der Technischen Physik an der JKU. Für ihre Dissertation arbeitet sie in der Grundlagenforschung von Nanostrukturen auf dem Gebiet des Elektronenspins, den man sich wie eine Eigendrehbewegung vorstellen kann. „Ich erforsche diese Eigenschaft der Elektronen für neue Methoden der Stromerzeugung, die vor allem im Nanogrößenbereich interessant sind“, etwa um Smartphones oder Computer immer kleiner und effizienter zu machen. Neben der Laborarbeit liebt sie den fächerübergreifenden „Blick über den eigenen Forschertellerrand“.

FOTOS: PRIVAT

Am Institut für Halbleiter- und Festkörperphysik der Linzer Johannes-Kepler-Universität forschen diese drei Physikerinnen an den Materialien der Zukunft


KO M M E N TA R E  :   H EU R E KA 5/18   FALTER 44/18  5

EMILY WALTON

MARTIN HAIDINGER

FLORIAN FREISTETTER

Utopie Brexit

Wirklich unerträglich?

Science-Fiction

Welches ist das richtige Maß an Utopie? Wo liegt der Punkt, an dem eine Utopie eher hemmt statt zu beflügeln? In Brüssel schien lange Zeit Strategie zu sein, in Utopien zu denken, um in der Realität zumindest einen kleinen Schritt weiterzukommen. Groß ansetzen also, im Wissen, dass sich nie alles verwirklichen lässt, aber gewiss doch ein Teil davon. Was unterm Strich dann auch einen schönen Fortschritt bedeutet. So lange die generelle Marschrichtung klar schien und es mehr um Tempo und Details ging, gab es daran nicht viel auszusetzen: Die EU sollte weiter zusammenrücken und sich dabei erweitern. Das schien einer Mehrheit in Europa lange Zeit als logischer Weg. In dieser Grundstimmung dachten manche dann schon weit in die Zukunft: An eine europäische Republik, an die Vereinigten Staaten von Europa, an eine echte gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik sowieso. Angesichts einer Reihe von Wahlergebnissen in Europa, die sich auch als Ausdruck einer EUSkepsis deuten lassen, scheinen dieser Schwung gebremst und der einst gewisse Weg fraglich. Braucht es in dieser Lage eine Abkehr von Utopien, um die euroskeptischen Menschen nicht zu überfordern? Oder vielmehr eine Rückkehr zu den großen Ideen, die andeuten, wo die EU trotz Fehler in den Details Sinn macht? Politikwissenschafterin Ulrike Guerot plädiert für letzteren Ansatz. In ihrem 2016 erschienenen Buch „Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie“ skizziert sie eine europäische Republik inklusive Fiskalund Sozialunion, die viele der Probleme am Kontinent lösen soll. Waren es derlei utopische Pläne, die dazu beigetragen haben, den Ausstieg Großbritanniens aus der EU herbeizuführen? So könnte man das jüngst erschienene Buch von FAZ-Auslandsredakteur ­Jochen Buchsteiner deuten. In „Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie“ beschreibt er, wieso die Brexit-Volksabstimmung kein Unfall, sondern auch ein Resultat des Andersseins auf der Insel war. Buchsteiner sieht im bevorstehenden Abschied eine Chance: Der Brexit-Schock könnte ein Motor für Europa sein. Dann „hätte der britische Eigensinn Europa ein weiteres Mal vorangebracht“. Eine EU, die nach dem Brexit enger zusammenrückt und sich konstruktiv weiterentwickelt? Klingt nach einer erstrebenswerten Utopie.

„Ich hab’ einen innigen Wunsch, einen frommen: Ich möcht’, wenn ich sterb’, in die Hölle kommen! Schütteln Sie nicht so Ihr weises Haupt, die Hölle ist reizender als man es glaubt!“ Welch paradoxe Utopie des in Dachau ermordeten Kabarettisten Fritz Grünbaum! Der Himmel ist langweilig, die ­Hölle dagegen gratis eingeheizt. Kein Schneider will Geld, weil alle Fell tragen, und man kommt in interessante, vor allem erotisch prickelnde Gesellschaft von Sündern beiderlei Geschlechts. Um dieser wonnigen Aussicht nicht zu erliegen, widme ich mich der Betrachtung des Tryptichons vom Weltgericht des Malers Hieronymus Bosch. Dort ist alles wie es sein soll: Menschen werden von Teufeln bestialisch gefoltert, Fabelwesen treiben ihr sadistisches Spiel. Nur wenige Menschen kommen gerettet ins Himmelreich. So ist sie, so hat sie zu sein, unsere Hölle! Auch beim „Philosophicum Lech“ sprach man unlängst über „Die Hölle und Kulturen des Unerträglichen“. Ein Fazit: Der moderne Mensch fährt nicht mehr zur Hölle, sondern errichtet sie selbst auf Erden. 1944 diente die Hölle JeanPaul Sartre nur noch als Parabel. In seinem Drama „Geschlossene Gesellschaft“ treffen drei sündige Menschen in der Hölle aufeinander und merken, dass sie Teufel sind, die einander mit ihren Lebenslügen

:  B R I E F AU S B RÜ SS E L

:  H O RT D E R W I SS E N S C H A F T

: FREIBRIEF

quälen. Der Schluss daraus: Die Hölle, das sind die anderen! Für nervolabile Naturen ist die Hölle überall auszumachen: An US-amerikanischen Universitäten werden Studienpläne den Bedürfnissen hysterischer Studierender angepasst. Sie fühlen sich von antiken Lehrinhalten wie den „traumatisierenden Botschaften“ der „Metamorphosen“ Ovids, aber auch von den Thesen Kants oder Schopenhauers „offended“. In Europa rufen angeblich liberale Persönlichkeiten angesichts „unerträglicher“, also ihnen nicht genehmer Wahlergebnisse, nach Denk- und Diskussionsverboten. Allerorten werden statt Gesprächsrunden Wut- und Hassmärsche veranstaltet. Es ist etwas faul in den Staaten! Wer so tut, als seien Politiker wie Trump oder Merkel „unerträglich“, hat nie in einem wirklich unerträglichen Land zu einer unerträglichen Zeit gelebt. Doch das kümmert offenbar jene wenig, die sich nicht mit den Realitäten der Welt abfinden können. Sie verkriechen sich frustrationsintolerant in elitären Blasen, verharren in randständigen Politzirkeln und digitalen Echokammern, oder werfen gar mit Pflastersteinen. Vielleicht hilft dagegen die Lektüre des Buches „Wir müssen reden. Warum wir eine neue Streitkultur brauchen“ meiner ORF-Kollegin Susanne Schnabl. Unbedingt lesen!

ZEICHNUNG (AUSSCHNITT)

:   F I N K E N S C H L AG   HANDGREIFLICHES VON TONE FINK TONEFINK.AT

Wissenschaft und ScienceFiction sind ein gutes Team. Wenn man vernünftig darüber spekulieren möchte, wie die Zukunft aussehen könnte, muss man den aktuellen Stand der Wissenschaft weiterdenken. Es ist also natürlich, wenn Science-Fiction sich von Wissenschaft inspirieren lässt. Viele in den Naturwissenschaften Tätige haben ihre Berufswahl zumindest zum Teil der Science-Fiction zu verdanken. Utopische Romane, Science-Fiction-Filme und -Serien können das Interesse an Wissenschaft wecken und zum Wunsch führen, durch Forschung dazu beizutragen, einen Teil der fiktiven Zukunft real werden zu lassen. Den Visionen der Science-Fiction wohnt eine enorme Faszinationskraft inne. Wir träumen davon, andere Planeten zu besiedeln, zu anderen Sternen zu fliegen, außerirdische Wesen zu treffen und künstliche Intelligenzen zu konstruieren. Und von all den anderen Dingen, die uns für die Zukunft versprochen werden. Diese Faszination bringt uns nicht nur zum Träumen. In ihr liegt auch die Gefahr der Utopie. Professionelle Visionäre wie Elon Musk leben davon, den Menschen die faszinierende Welt der Zukunft schon für die Gegenwart zu versprechen. Wenn diese Versprechen nicht nachhaltig sind, wird die Faszination schnell zur Enttäuschung. Vor ein paar Jahren behauptete der Niederländer Bas Lansdorp, er würde mit seiner privaten Stiftung „Mars One“ schon 2022 Menschen auf den Roten Planeten bringen. Jeder konnte sich als Astronaut bewerben, der Auswahlprozess fand öffentlich unter gewaltigem Medienhype statt. Doch diese Science-­ Fiction-Vision war ausschließlich Fiction und ohne Science. „Mars One“ entpuppte sich als PR-Projekt ohne wissenschaftliche Grundlage. Das Projekt hat mittlerweile alle Aktivitäten eingestellt. Aus der großen Menge hoffnungsvoller Astronauten ist eine große Menge enttäuschter Menschen geworden. Als Elon Musk Anfang des Jahres mit einer Rakete ein Elektroauto ins All transportierte, war der mediale Rummel ebenfalls groß. Auch er verspricht eine Besiedelung des Mars für die nahe Zukunft. Sollten sich seine Ankündigungen als nicht realisierbar herausstellen, wird die Enttäuschung groß sein. Das wäre schade. Schließlich brauchen wir unsere Träume – und sollten sie nicht für PR-Aktionen aufs Spiel setzen. MEHR VON FLORIAN FREISTETTER: HTTP://SCIENCEBLOGS.DE/ ASTRODICTICUM-SIMPLEX


6 FALTER  44/18  H EUR EKA  5/18 :  NAC H R I C H TE N

Seiten 6 bis 9 Wie Wissenschaft in ­unsere ­alltäglichen Lebensumstände eingreift und sie verändert

:   W I SS E N S C H A F T S P R E I S

Großes Geld für große Geister Die B&C Privatstiftung erhöht den Houskapreis 2019 auf 500.000 € JOHANNES MÖRTH

Von 1. September bis 30. November 2018 können österreichische Universitäten und Forschungseinrichtungen, darunter zum ersten Mal auch Privatunis und Fachhochschulen sowie kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ihre besten Forschungsprojekte einreichen. Das Prozedere läuft unter www.houskapreis.at online ab. Im ersten Schritt werden fünf Projekte für jede der zwei Kategorien des Preises nominiert. Die beiden Gewinner erhalten je 150.000, die Zweitplatzierten je 60.000 Euro. Die Drittplatzierten (je 20.000 Euro) werden vom Publikum im Rahmen der Preisverleihung gewählt. Für die übrigen bleibt ein Preisgeld von jeweils 10.000 Euro. Für 2019 wurde die jährliche Dotierung auf insgesamt 500.000 Euro erhöht. Der Houska­preis ist damit der größte private Preis für anwendungsnahe Forschung in Österreich. Er wurde zum ersten Mal 2006 von der B&C Privatstiftung ausgelobt. Diese wurde 2000 mit dem Ziel ge-

Die ­Trophäe des Houskapreises gründet, das österreichische Unternehmertum und den Wirtschaftsstandort Österreich zu fördern. Über ihre Holdinggesellschaften ist B&C als Kernaktionär in heimischen Industrieunternehmen tätig. Sie hält derzeit Mehrheitsbeteiligungen an Lenzing, Semperit und der Austria Metall AG.

: GENETIK

:   M AT H E M AT I K

Die Wirkung eines „Keuschheitsgürtels“ bei zwittrigen Pflanzen

Abzählen ist gar nicht so einfach

Pflanzen, die als Zwitter vorkommen, haben einen Mechanismus, um die Selbstbestäubung zu vermeiden und Veränderungen zu ermöglichen

Benjamin Hackl durchdringt mit Mathematik komplexe Strukturen

JOCHEN STADLER

USCHI SORZ

Viele zwittrige Pflanzen erkennen nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip, ob ein Pollenkorn eigen oder fremd ist, und vermeiden so Inzucht. Weil bei diesem System zwei Komponenten zusammenpassen müssen, sind evolutionäre Veränderungen nur über Zwischenstufen und „unvollständige Schlüsselsätze“ möglich, berichten Katarina Bodova und ­Melinda Pickup vom IST A ­ ustria im Fachjournal Genetics. Sie untersuchten, wie bei Pflanzen mit Nichtselbsterkennungssystemen, etwa Petunien und Löwenmäulchen, neue Paarungstypen entstehen können. Landet der männliche Pollen eines solchen Gewächses auf der weiblichen Narbe, sollte er den Schlüssel zu deren Keuschheitsgürtel aus Giftstoffen mitbringen. Er verfügt über ein ganzes Arsenal von „F-Box-Genen“, die Gegenmittel gegen alle Gifte außer jenem der eigenen Narbe produzieren.

Bei Veränderungen auf der weiblichen Seite entsteht ein Gift ohne Gegenmittel. Wenn sich bei den Pollen etwas ändert, haben sie Schlüssel, die zu keinem Schloss passen. Neue Kombinationen können aber über Zwischenstufen entstehen, die

Melinda Pickup, Katarina Bodova sich ausnahmsweise selbst befruchten dürfen, so die Forscherinnen. Ein unvollständiger Schlüsselbund bei den Pollen sei ebenfalls wichtig, damit sich neue Paarungstypen entwickeln. Denn wenn sie Schlüssel für sämtliche weibliche Narben besitzen, können sie alle erobern, ohne Neues hervorzubringen.

:   N AC H H A LT I G K E I T S FO RS C H U N G

Es wäre ein grandioser Fortschritt für Europas Landwirtschaft In Südkorea bilden 1,5 Millionen Menschen die landwirtschaftliche Vereinigung Hansalim: eine koreanische Utopie für Europa TOBIAS SCHMITZBERGER

1,5 Millionen Mitglieder, 2.200 Bauern: Das ist „Hansalim“, eine landwirtschaftliche Vereinigung in Südkorea. Die Initiative fördert eine starke Verbindung zwischen Lebensmittelerzeugern und Konsumenten. Die Lebensmittel gelangen dabei über 23

Niko Paech, Universität Singen Verteiler-Kooperativen, 217 eigene Geschäfte und ein riesiges Verteilungszentrum zu den Konsumenten. Niko Paech, deutscher Volkswirt und Nachhaltigkeitsforscher an der Universität Siegen, war an der Dokumentation „Zeit für Utopien“ von Kurt Langbein beteiligt. Auch die Vereinigung Hansalim war hier Thema.

„Die Wertschöpfungsarchitektur ist beeindruckend, weil sie sich aller unnötigen Zwischenstufen entledigt. So entstehen direktere Beziehungen zwischen Verbrauchern und Produzenten. Neben anderem spart das Kosten und Ressourcen“, erklärt Paech. Laut Hansalims Jahresbericht gehen 73 Prozent der Verkaufserlöse an die beteiligten Bauern. Zum Vergleich: Das Thünen-Institut für Marktanalyse gibt an, dass deutsche Bauern und Bäuerinnen nur etwa 25 Prozent des Gewinns an ihren Produkten lukrieren. „Es wäre ein grandioser Fortschritt, das System Hansalims in leicht angepasster, mit Europa kompatibler Form bei uns zu übernehmen“, sagt Paech. Allerdings müsse man es ergänzen, etwa mit Elementen wie Gemeinschaftsgärten, in denen Menschen selbst Lebensmittel anbauen. Doch Hansalim zeigt immerhin, dass sich Utopien verwirklichen lassen.

Lassen wir einmal die sprachliche Verständlichkeit beiseite und betrachten wir diesen Text aus Sicht der Kombinatorik. Diese ist ein Gebiet der Mathematik, das sich mit Abzählproblemen beschäftigt. Ein solches könnte auch die Frage sein, auf

Benjamin Hackl wie viele Arten man die Buchstaben in diesem ersten Absatz anordnen könnte. „In der analytischen Kombinatorik möchte man außerdem verstehen, wie die Anzahl der Möglichkeiten mit der Größe der zugrunde liegenden Struktur wächst“, erklärt Benjamin Hackl sein Forschungsfeld. Etwa wenn wir den untersuchten Bereich von einem Absatz auf den ganzen Artikel oder gleich auf sämtliche je erschienene HeurekaAusgaben ausdehnen. „Achtung Spoiler!“, schmunzelt Hackl. „Die möglichen Varianten nehmen extrem schnell zu.“ Kombinatorik spielt auch in der Informatik eine Rolle, etwa wenn bei der Analyse von Algorithmen präzise Wachstumsangaben gefragt sind. Hackl ist Postdoc an der AlpenAdria-Universität Klagenfurt, als deren jüngster Doktoratsabsolvent er im Mai von sich reden machte. Damals war er 23 Jahre alt. Im November wird ihm der Bundespräsident den Titel „sub auspiciis“ verleihen. Zu studieren begann er mit 15 Jahren parallel zur Schule. Das Programm „Schüler/innen an die Hochschulen“ des Österreichischen Zentrums für Begabtenförderung und Begabtenforschung machten dies möglich. „Reiner Zufall“, so Hackl. „Meine Mutter holte mein Zeugnis von der Schule, weil ich krank war. Mit einem Blick darauf empfahl ihr die Sekretärin spontan ein Talentecamp der Uni.“ Dort lernte er die höhere Mathematik kennen. Aktuell befasst er sich mit Graphen, Ansammlungen von mit Strichen verbundenen Punkten. Damit lassen sich Netzwerke modellieren, u. a. geografische. „Ich kann mir etwa anschauen, wie viele Flüsse im Ausmaß der Drau in einem größeren Flussnetzwerk wie dem der Donau zu erwarten sind.“

FOTOS: B&C PRIVATSTIFTUNG, MICHAEL MESSAL, PAUL PÖLLERITZER, PRIVAT, ROOOBERTBAYER

NACHRICHTEN AUS FORSCHUNG UND WISSENSCHAFT


N AC H R IC H TE N   :   H EU R EKA  5/18   FALTER 44/18  7

:   ZO O LO G I E

Der Wolf ist nach dem Streit dem andern Wolf kein Hund, sondern versöhnlich Wölfe versöhnen sich nach einem Streit, während Hunde nach einem Streit einander aus dem Weg gehen JASMIN GERSTMAYR

Wölfe streiten miteinander öfter als Hunde, versöhnen sich danach aber rascher wieder, fanden die Forscherinnen Simona Cafazzo und Friederike Range heraus. „Versöhnung“ äußert sich in der Tierwelt meist als Versuch, nach einem Konflikt gegenseitige

Friederike Range, Wolf Science Center Nähe herzustellen. Sie wurde bereits bei einigen Tierarten nachgewiesen. Um das Versöhnungsverhalten von Wölfen und Haushunden zu ergründen, wurden jeweils vier Rudel in Gehegen des „Wolf Science Center“ in Ernstbrunn über einen Zeitraum von 500 Stunden beobachtet. Obwohl die Zahl der Aggressionen unter Hunden

bei Weitem niedriger war als unter Wölfen, handelte es sich bei diesen Konflikten meist um tätliche Angriffe, zum Beispiel Beißen und Niederstoßen, im Gegensatz zu Varianten ohne Körperkontakt wie etwa reines Drohen und Schnappen. Die Hunde zeigten danach keine Anzeichen von Versöhnung, sondern mieden einander, während bei Wölfen Konflikte sogar dazu führten, dass die Individuen mehr Zeit miteinander verbrachten, meist initiiert vom rangniedrigeren Tier. Dieses Verhalten erklären sich die Forscherinnen dadurch, dass Wölfe in der Natur stark aufeinander und eine funktionierende soziale Gruppe angewiesen sind, um zu überleben. Hunde hingegen müssen sich eher mit den Menschen gutstellen als mit ihren Artgenossen. Folglich ist die Fähigkeit, sich flott wieder auszusöhnen, für Wölfe viel wichtiger als für ihre domestizierten Verwandten.

WISSENSCHAFT FÜR DIE OHREN

Der neue Podcast der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Zu finden in iTunes und auf Soundcloud

:   S OZ I O LO G I E

Die Sehnsucht nach dem Gestern angesichts der Furcht vor dem Morgen

— io d a r s t f a h c s n e — Wiss hr U 1 1 – 0 1 , g a t s On Air: Dien Y 91.3 Radio NJO

„Retrotopia“ nannte der 2017 verstorbene Soziologe Zygmunt Bauman seine Analyse der Gegenwart und ihrer Möglichkeiten MARTINA NOTHNAGEL

Die Zeit der Utopien ist zu Ende, der Glaube an eine „bessere, zukünftige Gesellschaft“ verloren. Stattdessen speisen sich unsere Zukunftsvisionen aus einer „untoten Vergangenheit“, aus der Illusion eines besseren Gestern. So das Postulat von Zygmunt

Zygmunt Bauman, Retrotopia, Suhrkamp, Berlin 2017 Bauman. „Retrotopia“ ist das letzte Werk des 2017 verstorbenen polnisch-britischen Soziologen. In einer Welt der rasanten Globalisierung, „der Umbrüche und Diskrepanzen“ macht der Gedanke an die Zukunft Angst. Vertrauensunwürdige Nationalstaaten, prekäre Arbeitswelten, florierende soziale Ungleichheit, Flucht

und Migration, Entsolidarisierung, Narzissmus als Gesellschaftsstörung. Vorbei der hoffnungsvolle Fortschrittsglaube. Eine Lösung bieten Retropien freilich nicht. Wir werden die Zukunft nicht meistern, wenn die Sehnsucht nach einer (vermeintlich besseren) Vergangenheit uns den Blick verstellt. Denn wir müssen uns „auf eine lange Zeit einstellen, in der es mehr Fragen als Antworten und mehr Probleme als Lösungen gibt“. Zygmunt Bauman war einer der bedeutendsten Soziologen und Philosophen der Gegenwart. Er beschließt sein Lebenswerk mit einer scharfsinnigen, akkuraten Analyse unserer modern-globalen Gesellschaft und der ihr inhärenten Probleme. Scharfsinnig und genau ist auch seine Conclusio: „Wir stehen heute mehr denn je vor einem Entweder-Oder: Entweder wir reichen einander die Hände – oder wir schaufeln einander Gräber.“

t f a h c s Wissen h erklärt. einfac t yradio.a jo .n n ie n de r W K W w : W t s a c r der FH ie d e o d n P e s s & g n s Info Ausbildu Radio NJOY

91.3 – der


8 FALTER  44/18  H EUR EKA  5/18 :  T I T ELT H EM A

:  W I SS E N S C H A F T L I C H E B Ü C H E R AU S Ö ST E R R E I C H EMPFEHLUNGEN VON ERICH KLEIN

Das Bankhaus, um das sich bis heute Legenden ranken

Sehr Privates in einer ­Sprache, die manchmal sehr privat wird

Der Aufstieg der Rothschilds aus dem jüdischen Getto Frankfurts zum größten Bankhaus der Habsburgermonarchie hatte eine Besonderheit jenseits aller Wirtschaftsgeschichte: „Sie haben einen Mythos. Sie waren ein Welthaus.“ In der Zwischenkriegszeit erfolgte der Niedergang der österreichischen Linie, die Nazis raubten den Rest, die Zweite Republik beseitigte Spuren. Zur umfassend erzählten Historie gehören überdies: Rotschild und Wittgenstein, komplizierte Verhältnisse zu Sozialdemokratie und Zionismus, die Gründung der „Vienna“ und Österreichs letzter Urwald.

Die Geschwister reden ihn mit „Mein Herzenslukas“ oder „Sr. Hochwohlgeboren Herrn k.u. k. Fähnrich“ an, Ludwig Wittgenstein seinerseits empfiehlt Hölderlin. Als „Prigioniere di guerra“ bestellt er Freges „Grundlagen“, dem Bruder dankt er für ein Paket, das er gerne „auffresse“. Die Wittgensteins hadern über einstigen Reichtum, Ludwig räsoniert über das Wort „Scheißhäusl“. Anrührend ein Brief des todkranken Philosophen aus 1951 an die Schwester: „Ich habe in der letzten Zeit oft an dich gedacht, mit dem Wunsche, ich könnte wieder einmal mit Dir blödeln.“

Roman Sandgruber: Rotschild. Glanz und Untergang des Wiener Welthauses, Molden, Wien 2018, 528 S.

Brian McGuinness, Radmila Schweitzer: Wittgenstein. Eine Familie in Briefen, Haymon Verlag, Innsbruck 2018, 384 S.

Schau, diese Drohne Um die Versorgung mit Blut in der Stadt Frankfurt

D

ie Straßen sind verstopft, Stoßstange reiht sich an Stoßstange. Oft geht im Berufsverkehr gar nichts mehr. Bei einem medizinischen Notfall kann das zu einer lebensbedrohenden Verzögerung werden: „Wenn menschliches Blut zur Notversorgung von einer Blutbank oder einem anderen Krankenhaus benötigt wird, zählt jede Minute“, sagt Dennis Göbel. Er ist Vorstandsmitglied der „Stiftung kreuznacher diakonie“ im deutschen Frankfurt am Main. Die Fahrtzeit der Einsatzfahrzeuge verlängert sich durch dichten Verkehr, außerdem steigt das Unfallrisiko. „Nicht zuletzt kostet ein Einsatz mit Blaulicht viel Geld.“ Vor vier Jahren entstand daher die Idee, Flugdrohnen für den Bluttransport einzusetzen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Der direkte Luftweg ist kürzer, Geschwindigkeit und damit Transportzeit genau kalkulierbar. Gemeinsam mit einem ehemaligen Studienkollegen machte sich Göbel daher daran, ein Konzept und danach in einer Kooperation mit dem

Die Transportbox für Blut hängt an einer Drohne mit acht Motoren

Hat eine Drohne für Bluttransport entwickelt: Dennis Göbel

: MEDIZIN

Wozu Geschichte?, fragt ­Rudolf Burger in geschichtsträch-­ tigen Zeiten

Wiener Medizinerinnen konnten ein an Krebs erkranktes Kleinkind retten Am Kinderherzzentrum des AKH Wien gelang eine aufsehenerregende Operation eines herzkranken Neugeborenen DIETER HÖNIG

Karl Kraus war über die „Verwandlung des Kriegspressequartiers in eine Rote Garde“ im Jahr 1918 überrascht. Der revolutionäre Eifer der austriakischen Intelligenzija, die soeben noch Kakaniens Kriegsherrn gedient hatte, hielt sich allerdings in Grenzen. E. E. Kisch, hysterischer Umstürzler jener Novembertage, wurde wieder rasender Reporter, ­Robert ­Musil stoppte die Weltgeschichte 1913 im „Mann ohne Eigenschaften“, der Rest überdauerte als Habsburgermythos. Eine Darstellung der Gründe, warum Österreichs Literatur nie revolutionär wurde.

Kaum war vor einem Vierteljahrhundert deren Ende verkündet, drohte die Gegenwart in Beschwörung von Geschichte zu ersaufen. Es war mehr als ein Sturm im Wasserglas, den der Wiener Philosoph mit essayistischen Volten gegen das ewige „Nie wieder!“ in Sachen Nationalsozialismus auslöste. Warum gerade daraus gelernt werden sollte, fragte er aufreizend und lieferte eine akademische Antwort mit: „Geschichte“ lehrt in Wahrheit nichts, sie ist nur „lautverzerrender Echoraum gegenwärtiger Ideologien, Hoffnungen und Ängsten.“ Ein Kabinettstück, neuaufgelegt.

N. C. Wolf: Revolution in Wien. Die literarische Intelligenz im politischen Umbruch 1918/19, Böhlau, Wien 2018, 364 S.

Rudolf Burger: Wozu Geschichte? Molden, Wien 2018 160 S.

Ein „Wunder“, das es nach menschlichem Ermessen gar nicht geben könnte: Die perfekte Zusammenarbeit eines interdisziplinären Teams am AKH Wien machte es möglich. In Deutschland wurde bei einer schwangeren, 35jährigen Frau ein Herztumor ihres ungeborenen Kindes diagnostiziert und als unheilbar eingestuft. Da die Eltern nicht aufgeben wollten, haben sie sich auch bei einem Kardiologen in Kanada nach weiteren Behandlungsoptionen erkundigt. Er hat sie an die Pränatalmedizinerin und Geburtshelferin Barbara Ulm am AKH Wien verwiesen. Ulm wurde sehr schnell klar, „dass hier eine „Zeitbombe“ zu ticken beginnt“. Sie nahm mit dem Chirurgen Daniel Zimpfer Kontakt auf, der sich bereit erklärte, trotz schlechter Prognose so bald wie möglich nach der Geburt die Operation zu wagen. Denn ein Eingriff, noch im Mutterleib, wäre chancenlos, da war man sich im Team

einig. Nachdem Barbara Ulm dies den Eltern mitgeteilt hatte, entschlossen sich diese, ans AKH Wien zu kommen. Danach ging alles sehr rasch: Schon einen Tag nach der Aufnahme wurde ein Kaiserschnitt vorgenommen, der problemlos verlief. In weiterer Folge konnte der Kreislauf des Kindes stabilisiert werden. Nun bestand Hoffnung, den Tumor des Neugeborenen außerhalb des Mutterleibs behandeln zu können. Das Kind zeigte sich unter der Intensivbehandlung und nach Entlastung des Herzbeutelergusses kreislaufstabil. So ließ sich dreizehn Tage nach der Geburt der Tumor in einer offenen Operation des Brustkorbs zur Gänze entfernen. Dem Leiter des Kinderherzzentrums am AKH Wien, Günther Laufer, ist kein einziger Fall bekannt, bei dem ein Kind dieser Größe mit dieser Erkrankung außerhalb des Mutterleibs behandelt werden konnte.

FOTO: CHRISTIAN LIETZMANN, AGAPLESION FRANKFURTER DIAKONIE KLINIKEN

Revolution in Wien: Wer dabei war und sich rasch wieder entfernt hat


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bringt menschliches Blut! am Main gewährleisten zu können, wurde eine eigene Drohne als Transportmittel entwickelt ­ ersteller Globe UAV eine geeignete H Drohne zu entwerfen. Das Fluggerät wurde ausgetestet, ist aber noch nicht bewilligt Das entwickelte Fluggerät wiegt zwischen sieben und acht Kilogramm, hat acht Motoren und die Fähigkeit, bis zu 2,5 Kilogramm Fracht in einer­ gekühlten Box zu transportieren. „Die Drohne fliegt halb-autonom, das heißt, sie wird ständig überwacht und es kann jederzeit eingegriffen werden“, erklärt Göbel. Auch der Ladezustand der Akkus und die Temperatur in der Box befinden sich unter Beobachtung, schließlich soll die Kühlkette­ nicht unterbrochen werden. Einmal erwärmt, darf menschliches Blut nicht erneut gekühlt werden: „Wird das Blut allerdings sofort verwendet, ist eine eventuelle Erwärmung kein Problem.“ Die Drohne darf Frankfurt am Main in vier definierten Flugkorridoren überqueren: „Aus Gründen der Flugsicherheit ist es nicht erlaubt,­ Gebäude von Behörden und Personen-

„Die Drohne fliegt halbautonom, das heißt, sie wird ständig überwacht und es kann jederzeit eingegriffen werden“ DENNIS GÖBEL, ENTWICKLER

gruppen zu überfliegen. Autobahnen dürfen nur im rechten Winkel überflogen werden“, sagt Göbel. Entlang dieser Routen existieren fixe Plätze, auf denen die Drohne bei einem Problem autonom landen darf. Ist der Akkustand zu niedrig, um es noch bis dorthin zu schaffen, gibt sie einen lauten Ton von sich und bleibt in der Luft so lange stehen, bis der Akku fast leer ist. Wird die Steuerung zu diesem Zeitpunkt nicht extern übernommen, sinkt die Drohne selbstständig zu Boden, wobei sie mithilfe einer separaten Stromversorgung helle Lichtsignale aussendet. Die Drohne verfügt über einen Fallschirm, der sich bei negativer Beschleunigung automatisch öffnet. Gleichzeitig werden die Rotoren ausgeschaltet, um niemanden zu verletzen. Alle technischen Systeme sind dreifach gesichert und die Akkus für das Doppelte der zurückzulegenden Strecke konzipiert. Zur Ortung wird das 3G- bzw. 4G-Mobilfunknetz genutzt: „Das funktioniert ähnlich

wie beim Handy.“ Dadurch kann die Drohne auch während der Nacht fliegen, Regen und moderater Wind sind ebenfalls keine Hindernisse. „Problematisch wird es erst bei Schlagregen, starkem Schneefall oder Windgeschwindigkeiten von mehr als dreißig Stundenkilometern.“ Der Bedarf an Spenderblut steigt in Deutschland aktuell um ein Prozent jährlich. Durch eine gesicherte, rasche Verteilung ließe sich die kostenintensive Aufrechterhaltung von Blutbanken mit unterschiedlichsten Blutgruppen pro Spital effizienter als bisher handhaben. Die von Dennis Göbel und seinem Team entwickelte Blutdrohne funktioniert, ist getestet, einsatzbereit – und muss dennoch fürs Erste am Boden bleiben. Trotz Betriebs- und Sicherheitskonzept, wissenschaftlicher Begleitung und zahlloser Testflüge lässt die finale Genehmigung auf sich warten: „Wir hoffen, dass wir noch in diesem Jahr endlich den Betrieb starten dürfen.“

CLAUDIA STIEGLECKER

13.11.2018 – 19.00 Uhr

Entgeltliche Einschaltung

100 Jahre und viel weiser

Wohin geht die Demokratieentwicklung in Österreich und Europa 2018? Vortrag: Sonja Puntscher Riekmann Moderation: Barbara Tóth Gartenbaukino, Großer Saal

26.11.2018 – 19.00 Uhr

Fußball zwischen Demokratie und Diktatur

Der FK Austria Wien im Nationalsozialismus 1938 – 1945 Vortrag: Matthias Marschick Moderation: Elisabeth Auer Wiener Rathaus, Festsaal

Planung und Koordination: Daniel Löcker post@vorlesungen.wien.gv.at www.wienervorlesungen.at www.facebook.com/WienerVorlesung


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T I T E LT H E M A UTOPIEN

Seiten 10 bis 22 Die Wiener Künstlerin Marlies Planck betreibt ihre Seifenblasen-Studien bereits seit acht Jahren. Der Kontrollverlust über das Endergebnis und das ­Surreale, das reale Landschaften und Stadtszenarien durch die schillernde Blase betrachtet bekommen, faszinieren die Fotografin. Utopien sind für die Fotokünstlerin wie Seifenblasen: Oft zu schön, um wahr zu sein, manchmal zerplatzen sie schnell, und nie weiß man, wohin sie ziehen oder wie lange sie überdauern. Für diese Strecke war Marlies Planck in Wien an der WU, im Prater, auf der Donauinsel und auf Wiener Baustellen unterwegs. Mehr Seifenblasen gibt es auf marliesplank.com oder auf Instagram bei @marliesplank@marliesplank.

:  AU S G E S U C H T E Z A H L E N Z U M T H E M A ZUSAMMENGESTELLT VON SABINE EDITH BRAUN

16 200 808 Dokumente Im Zeitungskorpus ab 1945 (16 200 808 Dokumente, 373 122 452 Sätze, 6 266 503 650 Tokens) des „Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache“ (DWDS) erreicht das Wort „utopisch“ mit einer Frequenz von 6,95 Treffern pro Million Tokens (476 Treffer absolut) einen ersten Höhepunkt im Jahr 1973. Im Jahr 2013 verdoppelt sich zwar die Zahl der absoluten Nennungen (964), doch die Frequenz fällt auf 2,67 Treffer pro Million Tokens. 2017 ist die Frequenz wieder auf 2,96 gestiegen (892 Treffer).

8 710 000 deutschsprachige Treffer wirft die Suchmaschine Google für das Wort „Utopie“ aus. Ihr Gegenteil, die Dystopie, schafft gerade einmal 1 490 000 Treffer.

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erschien Thomas Morus’ „Utopia“: Ein fiktiver Reisebericht über eine Insel, auf der jeweils dreißig Familien zu einem Verband zusammengeschlossen sind. Die Bewohner arbeiten täglich sechs Stunden, Beamten werden jeweils für nur ein Jahr gewählt.“

2017

Ein „Zeitalter der Nostalgie“ diagnostiziert der Soziologe Zygmunt Bauman in seinem 2017 erschienenen „Retrotopia“ (siehe auch Seite 7) anhand von drei „Zurückzu“-Tendenzen: der Rehabilitation des tribalen Gemeinschaftsmodells, dem Rückgriff auf eine „nationale Identität“ sowie der Ansicht, es gäbe unabdingbare Voraussetzungen einer „zivilisatorischen Ordnung“.

100 Jahre

Vor genau einhundert Jahren erschien das 445 Seiten starke Buch „Geist der Utopie“ des damals erst 23jährigen Ernst Bloch. Aus diesem Anlass wurde im Sommer 2018 eine Jubiläumsausgabe der ersten Fassung herausgegeben. Der junge Sozialist Bloch entwickelt darin vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs den Begriff von der „konkreten Utopie“. Denn der Mensch sei ein zur Utopie begabtes Wesen.

410 000 000 40 Jahre ist sie alt, die Utopie vom „papierlosen Büro“, entworfen im XeroxLabor (entwickelte 1973 den ersten Personal Computer und Farbdrucker sowie 1977 den ersten Laserdrucker). Ausgerechnet die Digitalisierung befeuert den Papierverbrauch: 50 bis 200 Seiten drucken Computernutzer im Büro heute aus. Weltweit werden jährlich 410 000 000 Tonnen Papier und Karton produziert und verbraucht. Beim Verbrauch ist Österreich Spitzenreiter: pro Kopf sind es jährlich 218 Kilo. Auf die EU und USA zusammen kommen rund 37 Prozent der weltweiten Papierproduktion.


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Die Rückkehr der Utopie Über einen Wiedergänger: Klarstellungen, Warnungen und eine Würdigung

V

or 500 Jahren erschien „Utopia“ von Thomas Morus. Es ist die Geschichte  eines idealen Inselstaates. Das utopische Programm lautet seit damals: Wir können unser Zusammenleben selbst gestalten, und zwar ohne Bezug auf heilige Schriften, ohne Würdigung der Privilegien des Adels, ja wir können sogar anscheinend unverrückbare menschliche Grundkonstanten wie Gier nach Eigentum, Reichtum und Macht verändern. Eine ganz andere Welt ist möglich, und unsere Vernunft erlaubt es uns, sie zu schaffen. Utopien zu entwerfen ist ein Anspruch an die Vernunft. „Utopia“ war ein Startschuss. Ab da gab es kein Halten mehr. Die Zahl der utopischen Entwürfe für ideale Staaten, die seitdem entstanden sind, geht in die Hunderte. Muße und Überfluss als erklärtes Staatsziel Thomas Morus löst in „Utopia“ die Frage  nach der Verteilung der knappen Ressourcen mit zeitlich begrenzter, erzwungener Arbeit für alle. Auch für jene, „die bei anderen Völkern untätig dahinleben, wie die Priester und frommen Ordensbrüder und alle die reichen Leute.“ Es ist ein Staat mit ausbalancierter Produktivität: Alle produzieren für alle das, was für das Leben an Nahrung, Kleidung und Wohnraum benötigt wird. Und alle erhalten es kostenlos. Es gibt keine Unter-, aber auch keine Überproduktion; Privateigentum und Luxus sind verboten, anstelle von Völlerei gibt es verordnete Mußezeit – Muße ist das erklärte Staatsziel. Damit werden die materiellen Ressourcen geschont, jegliche Verschwendung wird verhindert: Der Staat des ­Thomas Morus ist ressourceneffizient, noch bevor dieser Begriff erfunden wurde. Etwa hundert Jahre nach Morus geht der Philosoph und Staatsmann Francis Bacon einen ganz anderen Weg, als er nach einer Lösung für das Problem des Ressourcenmangels sucht. Zwar ist sein Staat „Nova Atlantis“ wie der Vorläufer „Utopia“ auf einer Insel realisiert (häufig bei Utopien), von der eine europäische Expedition berichtet. Allerdings schöpft dort eine Art Akademie der Wissenschaften die Möglichkeiten von Naturwissenschaften und Technik so weit aus, dass für alle Bewohner alles reichlich produziert werden kann. Bacons Botschaft lautet verkürzt: Wir brauchen uns nicht einzuschränken, wir müssen nur den Überfluss der Natur technisch nutzen. Mit Morus und Bacon sind den nachfolgenden abendländischen Utopisten zwei Modelle für die Lösung des Ressourcenproblems vorgegeben, die das Denken und Handeln bis in die Gegenwart beeinflussen. Lewis Strauss, Chairman der US Atomic  Energy Commission, verkündete 1954, elektrische Energie auf Basis von Atomkraft werde bald „too cheap to meter“, also zu billig sein, um überhaupt noch gemessen und verrechnet zu werden.

TEXT: JOHANNES SCHMIDL

Er steht damit ebenso in der Tradition Francis Bacons wie der utopische Sozialist  Johann Adolph Etzler im 19. Jahrhundert. Dieser konstruiert in Gedanken eine Welt des Überflusses, die er, ohne den Energiebegriff zu kennen, auf das gründet, was wir heute „erneuerbare Energieträger“ nennen. In seinem „Paradies, für jedermann erreichbar, …“ übernehmen Maschinen, angetrieben  von Sonne, Wind und Wasser, alle mühsamen Arbeiten. Die Staatsreligion als Grundlage der ersten Utopie Bereits die erste abendländische Utopie, Platons „Politeia“ („Der Staat“, ca. 370 v. Chr.), schlägt vor, um das utopische Experiment auf Vernunft gründen zu können, eine den Staat unterstützende und stabilisierende Religion zu entwerfen. Platon gründet seine Religion auf eine gewollte Lüge: Sie wird zu einem auf gesellschaftliche Ziele verpflichteten pragmatischen Instrument ohne Wahrheitsanspruch. Platon schlägt damit eine keineswegs selbstverständliche zivilisatorische Leistung vor, die Religionen hervorbringt, die den säkularen Staat unterstützen – also Religionen des Friedens. Die meisten Utopisten stellten sich ihren angeblichen Ort von Gerechtigkeit und Wohlstand als vom Rest der Welt getrennt vor: Der Ort der erfüllten Utopie ist die Insel. Nur auf einer Insel konnte das utopische Realexperiment begonnen und über längere Zeit betrieben werden. So wurde es von Beginn an für eine Insel geplant. Es scheint, dass auch wir für unsere Realutopie eine äußere Grenze benötigen. Die Attraktivität jener Gegend (auch Industrienationen oder Erste Welt genannt), in der wir uns zahlreiche Ideale früherer Utopien verwirklicht haben, entwickelt nach außen eine Anziehungskraft, die uns offenbar allmählich unheimlich wird. Der reichere Teil der Bevölkerung in den industrialisierten Ländern lebt heute in realisierten Utopien: räumlich vom Rest der Welt aus, zeitlich von einem Großteil der

abendländischen Geschichte aus gesehen. Was in den klassischen Utopien als technischer Fortschritt beschrieben wird, ist heute  erreicht oder überboten worden. Die materielle Basis dafür sind die Energieträger, im Wesentlichen Kohle, Erdöl und Erdgas. Das weltweit realisierte System zur Nutzung fossiler Energien macht deutlich,  welch ungeheure Kraft in dem Streben liegt, die menschlichen Lebensbedingungen zu verbessern. Für den Genuss der Früchte der Utopie sind wir bereit, außer Acht zu lassen, was wir wissen: Dass die Erfüllung der Utopie das Leben zukünftiger Generationen bedroht. Dieses Wissen scheint uns aber kaum in einer Form zu erreichen, aus der wir konkrete Taten ableiten könnten. Brauchen wir Utopien? Jedenfalls müssen wir den utopischen Diskurs in seiner ganzen Vielfalt und Buntheit wieder aufnehmen: Einmal, weil sich sehr viel an ursprünglich utopischen Ideen und Denkweisen beinahe unbemerkt in der Alltagswelt der westlichen Industriestaaten einquartiert hat. Mit allen realisierten Versprechen sind aber auch einige der dystopischen Schreckensbilder, die Utopisten spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts ebenfalls gezeichnet haben, unserem Alltag bedenklich nahe gerückt. Zum anderen steht die Menschheit heute vor nie gekannten Herausforderungen und Aufgaben, deren Lösung alle ihre Kräfte in Anspruch nehmen wird. Dabei wird es notwendig sein, größere gesellschaftspolitische Entwürfe und Veränderungen zu erwägen, zu planen und letztlich auch zuzulassen. Utopien sind das. Sie zeichnen ein Bild von gelingender Zukunft und motivieren uns, den Weg dorthin zu suchen und zu gehen. Diese Doppelgesichtigkeit von Gefahr und Notwendigkeit wird zukünftiges utopisches Konstruieren begleiten. Wer es beachtet, sollte sich aber nicht scheuen, dieses gefährliche und faszinierende Land der gesellschaftlichen Gedanken- und Realexperimente zu betreten, um es mit Leidenschaft und Augenmaß urbar zu machen.

Was sind Utopien?

Johannes Schmidl: Bauplan für eine Insel. 500 Jahre Utopia, Sonderzahl, Wien 2016, 123 S.

Utopien beanspruchen, das gesellschaftliche  Leben rational gestalten zu können. Gesellschaftliches Elend ist nicht durch unabwendbares Schicksal, göttliche Vorsehung oder menschliche Unzulänglichkeit vorherbestimmt, es wird vom Wirtschaftsverhalten des Menschen selbst hervorgebracht und kann entsprechend geändert werden. Utopien sind radikale soziale Gedankenexperimente. Sie setzen an konkreten Problemen der gesellschaftlichen Wirklichkeit an und konstruieren dazu diametral entgegengesetzte (Utopie) oder radikal negativ übersteigerte (Dystopie) Bilder einer neuen

Gesellschaft. Sie zeichnen sich durch ihre große Distanz zum Status quo aus und wirken deshalb oft realitätsfern. „Utopie“ ist dennoch kein Synonym für „geht nicht“. Oft verdrängen sie die Religion aus der Position der Herrschaft, verfolgen mitunter aber selbst den Anspruch eines alle Lebensbereiche umfassenden politischen Programms. Meistens kümmern sie sich nicht um die Details des Transfers in die reale Welt, sondern erzählen die Geschichte ihres  Gelingens. Diese ist oft in eine belletristische Handlung eingebettet, die häufig auf Inseln spielt.


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Utopie gegen Hoffnungslosigkeit Der Autor Ilija Trojanow schreibt, es sei Zeit für neues radikales Denken – also Utopie rehwon“ ist der Name einer literarischen Utopie des britischen Autors ­Samuel Butler. Liest man das Wort von hinten nach vorne, beschwört es einen berühmt­-berüchtigten Nicht-Ort. Das utopische Verfahren wird dadurch deutlich: Die herrschenden Verhältnisse werden auf den Kopf gestellt und umgestülpt, und was im vertrauten Alltag gilt, ist im Gedankenexperiment außer Kraft gesetzt. Utopia ist somit viel mehr als eine Insel der Seligen, auf der Frieden und Gleichheit herrschen und Bildung als höchstes Gut gilt: Utopia ist die Vorwegnahme von Veränderung im Reich der Imagination, Utopia umfasst das freieste Denken, das Ersinnen von Alternativen. Die Flaute des radikalen Denkens nach den Ereignissen von 1989 Insofern war der nach 1989 oft verkündete „Untergang der Utopien“ ein Totengräbergesang, der alle Träume begraben wollte, um allgemeine Friedhofsruhe durchzusetzen. Ideologisch begleitet von der unbeweisbaren Behauptung, die Schrecken des 20. Jahrhunderts wären die Folge utopischen Denkens. Die Flaute radikalen Denkens konnte nur vorübergehend sein. Heute, da Überwachungsstaat, oligarchische Strukturen, destruktive Finanzmärkte und viel Kriminelles mehr Gegenentwürfe geradezu provozieren, braust der Wind wieder auf. Akut wird die Notwendigkeit spürbar, geistig jenseits eines Systems zu blicken, das Eigennutz als wirtschaftlichen Motor einsetzt, zum Nutzen einiger weniger, zum Schaden vieler, auf Kosten künftiger Generationen. Immer wieder gab es Momente in der neueren Geschichte, das Miteinander radikal anders zu gestalten. Beispielsweise die von Bauern, Kaufleuten und Handwerkern getragene Loslösung der britischen Kolonie in Amerika: Diese Revolution führte vorübergehend zu einer Föderation selbstverwalteter Gemeinden, in denen vieles, wenn auch nicht alles zum Guten stand. Oder die anarchistischen Versuche wie die Pariser Kommune, die Bauern- und Partisanenbewegung von Nestor Machno in der Ukraine oder die Revolution in Spanien in den 1930er Jahren, bei der sich die militante Arbeiterschaft in Teilen des Landes gegen den Putsch von General Franco wehrte. Bedeutend auch Einzelkämpfer wie etwa der Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau (1817–1862). Thoreau zog in eine selbstgebaute Blockhütte am Walden Pond, wollte aus dem amerikanischen Staat austreten, dessen Einstellungen u.a. zur Sklaverei ihm widerstrebten, was er mittels Verweigerung der Steuerzahlung kundtat. Dies brachte ihm eine Nacht im Gefängnis ein und der Welt den Text „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“. Die Blockhütte stand auf Ralph Waldo Emersons Grundstück, einem anderen utopischen Philosophen und Kämpfer gegen staatliches Unrecht.

TEXT: ILIJA TROJANOW

Utopia ist die Vorwegnahme von Veränderung im Reich der Imagination, Utopia umfasst das freieste Denken, das Ersinnen von Alternativen“ ILIJA TROJANOW, SCHRIFTSTELLER

Die menschliche Natur ist halt so – eine Ausrede? Gewiss, kaum einer wird bezweifeln, dass das Streben nach einem Ideal uns zu besseren Menschen machen würde. Zugleich trösten wir uns damit, dass ein Idealzustand ohnehin am Menschen selbst scheitern muss, der fehlerbehaftet ist und im Grunde seines Herzens stets egoistisch bleiben wird. Mit der Ausrede, „die menschliche Natur ist halt so“ ist schon viel Grausames gerechtfertigt worden. Statt begreifen zu wollen, was wir von Natur aus sind und wie weit wir uns von diesem ursprünglichen Zustand entfernt haben, werden in den Schulen weiterhin die Thesen von Thomas Hobbes gelehrt, der mit tönernen Argumenten Zwang und Ordnung legitimiert. Denn gerade die inhärente moralische Schwäche des Menschen wird in dem Maße potenziert, in dem man dem Einzelnen Macht in die Hände gibt, wird verschlimmert durch Privilegien und institutionalisierte Autorität – die Geschichte bietet hierfür Beweise im Überfluss. Mit klassischem utopischem Denken sollte die herkömmliche Binsenwahrheit auf den Kopf gestellt werden: Der Mensch ist zu schlecht, um gütig und uneigennützig über seine Mitmenschen zu herrschen, er kann nicht weise und abgeklärt mit den eigenen Privilegien umgehen. Die Träume von Gleichheit und Gerechtigkeit sind gegenwärtig dem Schlaf überlassen, im Wachsein dominiert die Ersatzdroge Konsum, vulgo der alleinseligmachende, globalisierte Kapitalismus. Unter dem Druck, funktionieren zu müssen, um konsumieren zu können, geht der Blick fürs visionäre Ganze leicht verloren, ebenso wie der Glaube daran, etwas verändern zu können. Statt uns zu fragen, ob Demokratie überhaupt mit Vermögenskonzentration vereinbar ist, überlegen wir uns, in welchem Maß wir umverteilen sollen. Geld ist Macht, sagt der Volksmund seit Jahrhunderten und nahm vorweg, dass keines der Regulative der parlamentarischen Demokratie eine weitere Konzentration des Vermögens in den Händen einer oligarchischen Elite verhindern kann, wie wir gegenwärtig erleben. Massiver persönlicher Reichtum beschädigt den Gleichheitsanspruch, auf den eine halbwegs demokratische Gesellschaft nicht verzichten darf. Materielle Ungleichheit bedingt politische Ungleichheit. Dagegen kann man eben nichts machen, denkt sich der Pessimist (also einer, dem es an Fantasie mangelt); die vielzitierte Schere klafft nicht nur immer weiter auf, sie schnippelt eifrig am Mittelstand, bis von diesem nichts mehr übriggeblieben sein wird als eine verängstigte Schicht zwischen Stigmatisierten und Selbstoptimierten. Zum Ausgleich ergötzen wir uns an Dystopien, an Endzeitvisionen, die keineswegs als lächerlich diffamiert werden,

egal wie apokalyptisch sie daherkommen. Der Dystopie räumen wir gegenwärtig mehr Deutungshoheit ein als der Utopie. Ob in „Die Tribute von Panem“ oder „Walking Dead“, es wird in den populärsten Fiktionen ums brutale Überleben gekämpft. Gerade wenn man das Privileg hat, selber keinen existenziellen Überlebenskampf führen zu müssen, lässt man sich offensichtlich von Dystopien einlullen. Der erste Grundstein einer neuen Utopie Eine weitere Utopie zu entwickeln, wie Menschen jenseits von Gettos und Eingrenzungen kreativ zusammenwirken können, wie ein gerechtes Wirtschaften umgesetzt werden könnte, verknüpft mit der Konfluenz, in der sich die verschiedenen Kulturen befruchten, ist unabdingbar – und noch nie war es so leicht wie in den Zeiten des Internets, diese Vision mit Millionen Menschen zu teilen. Der erste Grundstein einer neuen Utopie übrigens ist der Glaube, dass ein alternativer Weltentwurf kein theoretisches Konstrukt bleiben muss, sondern tatsächlich möglich ist. Der zweite Grundstein wird zum Pflasterstein der Wegbereitung, denn einer Utopie geht konkretes Handeln voran, weil die Revolution zur Erreichung einer besseren Welt nicht per Telepathie geschehen wird. Sie beginnt übrigens schon im Kleinen, in Netzwerken, die freies und kollektives Gesellschaftsleben praktizieren. Oder im Allerkleinsten wie beispielsweise in Tauschbörsen, in denen die Währung etwa in Zeiteinheiten bemessen wird, in denen Babysitten gegen Fahrradreparatur getauscht werden. Wir müssen uns gegen das voranschreitende Kapern des Allgemeinbesitzes wehren, egal, ob es sich um Wasser oder das Internet handelt, vor allem, wenn dabei unwiederbringlich natürliche Ressourcen ausgebeutet oder gar vernichtet werden. Widerstand im Alltag muss die Devise lauten. Jeder Einzelne ist aufgerufen. Aber um die Welt zu verändern, gibt es keine Alternative zu organisiertem, gemeinsamem Handeln. Zur Utopie eines besseren Lebens übrigens auch nicht. Trotz eines Systems, das Eigennutz und Gier belohnt, erleben wir täglich solidarisches Handeln, gegenseitige Hilfe, gemeinschaftliche Lösungen. Diese tragen mehr zum Gleichgewicht in der Gesellschaft bei als das profitable Funktionieren all jener quantifizierbaren Prozesse, die allein die Macht und den Reichtum einer kleinen Schicht sichern. Leicht werden uns darauf einigen können, dass, abhängig von den jeweiligen sozialen Rahmenbedingungen, dem Menschen sowohl Aufopferung als auch egoistische Gier eigen ist. Ebenso klar sollte sein, dass wir weiterhin und jetzt erst recht Utopien benötigen, sonst drohen Hoffnungslosigkeit und Niederlage.“

FOTO: HARALD KRICHEL

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Weltfriede – eine Utopie? Weltfriede ist ein alter Wunsch der Menschheit. Aber macht er auch Sinn?  as Australopithecus-Mädchen Lucy lebte vor rund 3,2 Millionen Jahren und kannte keinen Krieg. Die Wildbeuter der Homo-erectus-Menschen sowie die Jäger und Sammler der Neandertaler und der ersten modernen Menschen (Homo sapiens) ließen einander weitgehend unbehelligt. Millionen Jahre hindurch lebten die Menschen in Frieden. „Natürlich gab es kleine Scharmützel zwischen benachbarten Stämmen“, erklärt der Verhaltensforscher Kurt Kotrschal von der Universität Wien. Sie gingen aber in der Regel ritualisiert und ohne großes Blutvergießen ab, ähnlich wie Territorialkämpfe im Tierreich. „Bei Skelettresten aus dieser Zeit sieht man zwar Schädelverletzungen, die von Waffengewalt herrühren könnten, aber dabei handelt es sich immer nur um Einzel­ funde“, berichtet die Anthropologin Maria Teschler-Nicola vom Naturhistorischen Museum Wien. Sie zeugen bestenfalls von zwischenmenschlicher, aber nicht von kollektiver Gewalt. Außerdem sei es unmöglich festzustellen, ob ein Stein geworfen wurde, oder ob das Opfer daraufgefallen sei. Erst Pfeilverletzungen deuten klar auf einen Täter hin. Auch in diesem Fall findet man immer nur einzelne Opfer. „Nur weil man Ötzi mit einer Pfeilspitze in der Schulter gefunden hat, kann man noch nicht von Krieg sprechen“, erklärt der Sozialwissenschafter Khaled Hakami von der Universität Wien. Mit der neolithischen Revolution kam der Krieg Damit Krieg entstehen konnte, brauchte es die „neolithische Revolution“: Die Menschen waren sesshaft geworden, besaßen erstmals Grund und Boden, vererbten und verteidigten diese Ressource. „Während die Jäger- und Sammlerpopulationen weitgehend stabil blieben, vermehrten sich die Sesshaften rasant“, erklärt Hakami. Etwa dreihundert Jahre lang war das Bauern­dasein offensichtlich noch recht friedvoll. Doch dann zeugen erste Massengräber etwa in Aspern-Schletz in Niederösterreich oder an mehreren deutschen Fundstätten von Massakern an der Bevölkerung. Während bislang nur Werkzeuge wie Flachhacken und Steinbeile zweckentfremdet wurden, „stellten die Menschen nun spezielle Waffen für den Kampf gegen andere Menschen her, etwa Streitäxte“, so Maria Teschler-Nicola. Ein weiterer indirekter Nachweis für die erhöhte Gefahr von Überfällen sind die Befestigungen der Siedlungen gegen Ende des Frühneolithikums. Die Menschen konnten bei Konflikten nicht immer in neue Territorien ausweichen. „In Gebieten, in denen sich die ersten Staaten gebildet haben, gab es rigide ökologische Grenzen“, sagt Khaled Hakami. Etwa Wüsten hinter den schmalen, fruchtbaren Ufern des Nils im Ägypten der Pharaonenreiche oder Meer auf der einen und hohe Gebirge auf der anderen Seite

JOCHEN STADLER UND JASMIN GERSTMAYR

Maria ­Teschler-Nicola, Naturhistorisches Museum Wien

Kurt Kotrschal, Universität Wien

Wolfgang ­Dietrich, Universität Innsbruck

wie im Peru der Inkareiche. „Wenn sich die Bevölkerung ausbreitet und niemand ausweichen kann, kommt es zu steigendem Bevölkerungsdruck und mehr oder weniger automatisch zu starken Kriegshandlungen.“ Ein Mensch muss zum Töten anderer erzogen werden Die siegreichen Gesellschaften inkorporierten andere, die Reiche wuchsen. Von der Antike bis ins 20. Jahrhundert waren Kriege so häufig, dass der Friede als Ausnahmezustand erschien. Dabei ist der Mensch nicht für den Krieg gemacht. „Es gilt, interne psychologische Widerstände zu überwinden, um aus normalen Menschen Killer zu machen“, meint Kurt Kotrschal. So müsse man seinen „Kriegern“ erst erzählen, dass die anderen „keine Menschen, sondern Untermenschen sind“. Wie effektiv dies ist, hat der Zweite Weltkrieg in erschreckender Weise gezeigt. Außerdem sei im Stress des Kampfes die soziale Kognition ausgeschaltet und Mitleid mit dem Gegner unmöglich. Kriegsherrn gewöhnen ihren Untergebenen durch Drill das eigenständige Denken ab und erklären die Loyalität innerhalb der Gruppe zur obersten Maxime.Dahinter liegen stets Interessen von Staaten und Gesellschaften, die mit System, Strategie und Absicht diese biopsychologischen Mechanismen missbrauchen. „Staaten und Gesellschaften handeln nach ihren ökonomischen Interessen und nicht gemäß der Moral“, meint dazu Khaled Hakami. Aktuell sind wir mitten im Prozess der Vergrößerung von Staaten. „1500 vor Christus gab es weltweit schätzungsweise 600.000 unabhängige politische Einheiten, heute halten wir bei rund zweihundert Nationen.“ Forscher haben hochgerechnet, dass es in wenigen hundert Jahren nur noch ­einen einzigen Weltstaat geben wird. Bis dahin ist mit massiven kriegerischen Auseinandersetzungen vor allem an der Peripherie der mächtigen Staaten zu rechnen. „Man sieht das schon heute“, meint Hakami. „In der westlichen

Welt gibt es kaum Krieg, ­jenseits ihrer Grenzen sehr wohl. Erst wenn die gesamte politische Macht in einer Hand ist, kann es innerhalb der Gesellschaft Frieden geben.“ Friede als Vorwand, andere zu vertreiben oder zu töten Laut traditionellen Definitionen ist Frieden die Abwesenheit von Konflikten. „Wenn ich keine Konflikte habe, bin ich tot“, stellt Wolfgang Dietrich von der Universität Innsbruck fest. Dies findet er nicht erstrebenswert. Jeder Mensch habe seine eigene, ganz persönliche Definition von Frieden, die nicht notwendigerweise mit der Abwesenheit von gewalttätigen Auseinandersetzungen zu tun hat. Naturgemäß ergäben sich bei acht Milliarden Erdbürgern unterschiedliche Ansichten und Widersprüche, doch böte sich stets die Chance eines Dialogs mit dem Gegenüber, meint Dietrich. Er hält nichts von der Vorstellung des perfekten Weltfriedens. Der Nationalsozialismus und andere totalitäre Ideologien haben unter dem Vorwand eines „Endfriedens“ unerwünschte Bevölkerungsgruppen vertrieben und ermordet. Besondere Sorge bereitet dem Forscher das typisch menschliche Verhalten, Menschen wie etwa Flüchtlinge als „die Anderen“ auszugrenzen. Aus der Sicht der „noblen“ Griechen der Antike waren jene, die ihre Kultur und Sprache nicht teilten, Barbaren, also die Anderen, gegen die Gewalt gerechtfertigt, ja erwünscht war. Stets unter dem Vorwand der Erhaltung des Friedens. Eine Gesellschaft, die ein friedvolles Miteinander stärken will, muss dem uralten Mechanismus, die eigene Gruppe über das Ausgrenzen anderer zu definieren, bewusst entgegensteuern.„Um eine Gruppe zu bilden, brauchen wir keine Feinde, wir können auch so Gemeinschaftsgeist erleben“, erklärt Wolfgang Dietrich. Auch muss die menschliche Fähigkeit zur Empathie geschult und gefestigt werden, da wir uns mit ihrer Hilfe in die Lage anderer versetzen und so schließlich deren Friedensbegriff nachvollziehen können.

Friedensjournalismus Kann auch Journalismus etwas zum Weltfrieden beitragen? Ja, meint Jürgen Grimm, Kommunikationsforscher an der Universität Wien, der mit seinem Team die Rolle der Medien in Konflikten untersucht. Er selbst würde einen Journalismus befürworten, dessen Ziel die genaue Analyse eines Konfliktes auf allen Ebenen ist. Grimm bezeichnet dies als „Konflikttransformation“. „Wir müssen im Kopf einen Schalter umlegen und uns angesichts eines Konflikts nicht nur fragen: Wer ist der Stärkere? Wer gewinnt?“ Vielmehr sei es entscheidend, die wirklichen Hintergründe von Aus-

einandersetzungen zu erkennen. „Plötzlich tun sich dann tausend neue Ideen auf.“ Als Beispiel nennt er Syrien. „Die Berichterstattung in diesem Fall ist stark vereinfachend. Zahlreiche Parteien sind involviert, von Russland über die Türkei bis zu den USA. Trotzdem wird oft Assad die alleinige Schuld zugeschrieben. Aber was ist das eigentliche Problem? Und wie können wir es beheben?“ Friedensstiftender Journalismus sollte versuchen, der Komplexität einer Situation gerecht zu werden und den verschiedenen Perspektiven der Beteiligten ausreichend Raum geben.

MARIA TESCHLER-NICOLA / NHM WIEN, ALEXANDRU MUNTEANU, DANIELA INGRUBER

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Die Geschichte von der Utopie Europa Um zu wirken, erzählen Utopien Geschichten. Kommt man ihnen wiederum mit Geschichten bei? rzählungen schaffen Erfahrung. Nur die, nicht die Einsicht in vernünftige Argumente, kann einen Menschen wirklich ändern. Das wusste schon der Aufklärer Denis Diderot (1713 bis 1784). Heute suchen von Schuhherstellern über Urlaubsdestinationen bis zu Energieversorgern alle ein Narrativ, also eine Erzählung, die ihre Produkte und Dienstleistungen vermittelt. Der Grund für Auswanderung: Schöne Bilder eines anderen Orts Ohne Verheißung eines besseren Lebens und dem Versprechen, den Ort dafür zu kennen, wandert niemand aus. Der Realitätsgehalt dieser Bilder wird sich erst viel später überprüfen lassen, wenn der Neubeginn längst riskiert, die alte Welt zurückgelassen und nur noch in Erzählungen präsent sein wird. Heute kommen lebendige Bilder vom glücklichen Leben in Europa in „Echtzeit“ im hintersten afrikanischen Dorf an, und jeder Jugendliche kann sich davon überzeugen, welch fantastische Möglichkeiten das Leben in anderen Ländern, unter anderen Voraussetzungen, bereithält. Die Empfänger der Bilder und Erzählungen setzen ihre eigene Situation ins Verhältnis zum Möglichen und schaffen sich so ihre eigene Utopie. Macht es einen Unterschied, dass die Erzählung vom glückenden Leben in Europa und den USA gar nicht als Utopie gedacht ist, vor allem nicht als Aufforderung zum Aufbruch? Es scheint, als könne man heute gar nicht mehr „keine“ Utopie erzählen. In Europa ist alles gratis – eine fatale Erzählung Melitta Sunijc arbeitete 25 Jahre lang beim UNHCR, der UN-Flüchtlingsorganisation. Die promovierte Kommunikationswissenschafterin, die bei der Wiener Zeitung als Außenpolitikjournalistin tätig war, weiß, wie sich Geschichten von der Utopie Europa in Afrika verbreiten. Sie leitet heute eine Medien­agentur zum Flüchtlingsthema, um Mythen über die Realutopie Europa möglichst früh zu zerschlagen. Möglichst früh bedeutet: Bevor sich Familien und ganze Dörfer für die Reise Einzelner nach Europa verschulden und belasten. „Die afrikanische Erzählung von Europa ist kein koloniales Erbe“, stellt sie klar. „Sie hat aber zumindest vier Quellen, und sie ist verwandt mit jener Geschichte, die sich Europäer im 19. Jahrhundert von Amerika erzählten. Sie ist eine Projektionsfläche für Träume.“ Diese Erzählung verbreitet sich heute hauptsächlich über (Kitsch-)Filme. Das Thema Armut, das Elend der Migranten in Europa und auf dem Weg dorthin und deren Schwierigkeiten kommen darin nicht vor. Dafür aber ein Auto, die Villa mit Swimmingpool, ein funktionierendes Gesundheitssystem, kostenlose Schul­bildung, Freiheit,

TEXT: JOHANNES SCHMIDL

Ein wichtiger kontraintuitiver Zusammenhang: Mit wachsendem Wohlstand eines Landes emigrieren mehr Menschen

Melita Sunjic, UNHCR

Literatur: Michael Clemens, Does Development Reduce Migration? Working Paper, 2014

Demokratie sowie fehlende Korrup­tion etc. Übrigens erzählt Europa diese Geschichte ja selbst auch, und zwar als Friedens- und Wohlstandsprojekt. Die in Europa angekommene Diaspora erzählt die Geschichte des angeblichen eigenen Erfolges. Diese Gruppe steht unter enormem Druck. Ausgewanderte sind Geldverleihern, der eigenen Familie, ja ganzen Dörfern verpflichtet, denen sie eine Geschichte von Autobesitz, Haus, beruflichem Aufstieg etc. auftischen, weil sie nicht als Verlierer dastehen wollen. Aufgrund dieser Geschichten vom angeblichen Reichtum verlangen die Familien, die Dorfgemeinde, Bekannte usw. immer wieder Geld – ein Teufelskreis kommt in Gang. Und schließlich erzählen auch die Schlepper eine Geschichte, die ihr Marktmodell unterstützt: Nur die Reise nach Europa sei schwierig. Sei man dort angekommen, gebe es alles, vom Auto, Haus, Studium usw. gratis: Die Utopie sei in Europa erfüllt. Menschen in Afrika können angesichts ihres eigenen Lebens und der Information, die auf sie einströmt, überhaupt nicht einschätzen, wie es in Europa wirklich zugeht. Die Schlepper arbeiten teilweise ähnlich professionell wie Werbeagenturen. Warum die (männliche) Mittelschicht auswandert Wer sind eigentlich die Menschen, die von Afrika nach Europa aufbrechen? (vgl. Abbildung). Es gilt, ein verbreitetes Klischee zu widerlegen. Hauptsächlich macht sich nämlich der Mittelstand aus Afrika auf den gefährlichen Weg nach Europa. Für die Armen ist die Reise zu kostspielig, die Reichen haben kein Interesse daran. Es geht also die Mittelschicht, nicht die Armen. „Man darf nicht vergessen“, gibt Sunijc zu bedenken, „dass die politischen Eliten dieser Länder die jungen zornigen Männer gern gehen lassen, weil sie ein revolutionäres Potenzial darstellen, das die Korruption der Eliten irgendwann nicht mehr dulden würde.“ Die afrikanischen Staaten befürworten die Migration außerdem, weil diese ein wichtiger Devisenbringer ist, der häufig treffsicherer ist als viele Projekte der Entwicklungszusammenarbeit. Die „real story“ über die Realutopie Europa Was macht man mit der Geschichte vom Paradies Europa, die viele Europäer offenbar überfordert? Melitta Sunijc glaubt, dass man ihr am besten die europäische Wirklichkeit entgegenstellt. Dementsprechend betreibt sie seit einigen Jahren die Website http://tellingtherealstory.org. Die „wirkliche Geschichte“ ist aber nicht jene, dass Europa Angst vor Migranten hat. Das würde in Afrika niemand glauben. Die wirkliche wirksame Geschichte muss auf Augenhöhe der Migrationswilligen erzählt werden. „Eine Gesellschaft ändert

ihre ­Einstellung“, erklärt Sunijc, „wenn sie über ein Thema diskutiert: In Österreich geschieht das beispielsweise am Wirtshaustisch. Man glaubt keine Botschaft, man glaubt den Menschen aus der eigenen Gemeinschaft, die etwas erlebt haben und es nun weitererzählen.“ Es ist ihr beispielsweise gelungen, dass die Diaspora aus Eritrea und Somalia den Bann gebrochen hat und endlich berichtet, was ihnen auf der Flucht tatsächlich passiert ist und wie es ihnen wirklich in Europa geht. Sobald die ersten beginnen zu erzählen, werden es immer mehr, die es ihnen gleichtun. Denn niemand will permanent in der Lüge und der Beschönigung leben. Die Website ist für die interne Kommunikation von Sunijc’ Team gedacht. Die Kommunikation mit Migrationswilligen verläuft via Facebook. Aktuell zählt ­Sunijc etwa zwei Millionen Zugriffe pro Monat. Das Handy ist der Computer der Dritten Welt, Facebook ersetzt das Web. Mit der Kampagne bringt sie einen Diskurs in Gang. Es sind ungeschnittene Filme auf Facebook in regionalen Sprachen, in denen Menschen erzählen, was sie wirklich denken. Etwa ein Drittel der User teilt diese Geschichten, sie schreiben zum Teil ihre eigenen dazu: Erlebnisse aus Lagern oder von der Überreise in Schlauchbooten. Inzwischen haben auch andere Organisationen diese Idee der wirksamen Kommunikation aufgenommen. Es sind eigentlich Ideen aus der Werbung. Zeitutopie für die Menschen vor Ort entwickeln Was soll Europa machen, wenn es aus Sicht der Nichteuropäer ein Ort der erfüllten Real­utopie ist, es aber anscheinend nicht sein will? Sunijc sieht das Hauptproblem darin, dass Europa kein funktionierendes Migrationsmodell hat. Derzeit bietet sich für Afrikaner praktisch nur Asyl als Migrationsmöglichkeit an. Das führt bei Migrationswilligen zu einer gewissen „Missbrauchsnotwendigkeit“, die den wirklich Asylsuchenden schadet. In Summe müsse Europa versuchen, den Push-Faktor „Migrationsdruck“ zu reduzieren. Das bedeutet, in den Herkunftsländern Stabilität zu schaffen: Mit für junge Menschen attraktiven Rahmenbedingungen hält man diese im Land. Dazu kann man den Pull-Faktor, die Aussicht, im Zielland werde sich der utopische Wunsch erfüllen, mit gezielter Information beeinflussen. Um es im utopischen Diskurs zusammenzufassen: Die Zeitutopie vor Ort muss entwickelt, Familienbetriebe müssen aufgebaut werden. Dazu braucht es Rechtssicherheit, Frieden, wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten usw. Und die Ortsutopie Europa muss sich zielgruppengerecht so erzählen, wie sie gesehen werden will. https://ourworldindata.org/migration

FOTO: UNHCR/IGOR PAVICEVIC

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:  VO N A B I S Z

:   F R E I H A N D B I B L I OT H E K

Utopie: Das Glossar

BUCHEMPFEHLUNGEN ZUM THEMA VON EMILY WALTON

JOCHEN STADLER

1000jähriges Reich  Utopie eines Psychopathen aus Braunau am Inn und seiner Komplizen, die nach apokalyptischen Zerstörungen und Millionen von Toten nach ein paar Jährchen ausgeträumt war. Apokalypse  Das von einer höheren  Macht eingeläutete Ende der Welt, weil jene dem verrückten Treiben der Menschheit nicht mehr länger zusehen kann. Dystopie  Negatives Zukunftsszenario, in dem deutlich wird, was die Menschen alles anrichten. Ist leider viel realistischer als die Utopie. Einwanderungsstopp  Neuerdings propagierte Utopie, dass erstmals in der Geschichte alle Menschen dortbleiben, wo sie gerade sind, und dies irgendeinen Vorteil hätte. Ende der Flüchtlingsbewegung  Utopischer Wunsch, wenn man gewisse Länder weiter ausbeutet, gleichzeitig Waffen und Truppen dorthin schickt und den Klimawandel dermaßen vorantreibt, dass sich die Lebensbedingungen dort weiter verschlechtern. Flüchtlingskrise  Politisch forcierte ­Vision, dass ein vor Krieg oder der Unmöglichkeit, ein menschenwürdiges Leben zu führen, flüchtender Mensch in einem der reichsten Länder der Welt nicht aufgenommen und integriert werden kann. Ewiges Leben  Religiöse Utopie, die auch ein unerfüllbarer Wunschtraum der modernen Medizin ist. Grenzenloses Wachstum  Der utopische Glaube, dass man sich in einem endlichen System ungestraft überallhin ausbreiten und es endlos ausbeuten  kann. Kapitalismus  System, das von der Utopie lebt, dass Geld alles kann und regelt, und somit das einzig Wichtige auf der Welt ist. Kommunismus  Gab es real in 95 Prozent der Menschheitsgeschichte, also bis zur Jäger- und Sammlerzeit, wie Sozialethnologen feststellten. Heutzutage, wo sich jeder einen übermäßigen Anteil an Ressourcen zulegt und es Hauptziel vieler Menschen ist, mehr zu verdienen und ein schöneres Auto zu besitzen als der Nachbar, sind soziale Gleichheit und kollektive Problemlösungen wohl eher im Reich der Utopien anzusiedeln. Nationalsozialismus  Wohl eine der destruktivsten Dystropien in der Geschichte der Menschheit, als einige paranoide Spinner die überwiegende Mehrheit der Menschen aus Deutschland und Österreich in den Bann gezogen und zu Mittätern gemacht haben. Naturschutz  Die Utopie, dass die Menschen behutsam mit den natürlichen Ressourcen, von denen sie abhängig sind, umgehen. Retrotopie  Sehnsucht nach der Vergangenheit, also den „guten alten

Zeiten“, wo zum Beispiel Amerika „great“, Österreich eine kaiserlich-königliche Weltmacht und alles Essen steinzeitdiätmäßig war. Unbegrenzte Ressourcen  Utopie, auf der unser derzeitig vorherrschendes Wirtschaftssystem aufbaut. Utopie  Fiktive Gesellschaftsordnung in der Zukunft, wo alles besser, schöner und konstruktiv ist, weil die Menschen endlich zur Vernunft gekommen sind und sich nicht wegen fadenscheiniger Dinge wie Religion, Nationalismus, Neid, Ausbeutung und konstruierter Andersartigkeit das Leben gegenseitig schwermachen. Im täglichen Sprachgebrauch Bezeichnung für etwas, dass nie eintreten wird. Vereintes Europa  Utopie, dass sich die Vernunft durchsetzt und die Menschen dieses Kontinents Probleme gemeinsam angehen, statt dass sich ihre politischen Vertreter in lokalpatriotische Selbstdarstellung verlieren und alle ihre Fehler und Missetaten der EU zuschreiben. Vision  Eine Vorstellung der Zukunft, wo alles besser, schöner und bequemer ist; eine Sinnestäuschung, oder die Erscheinung eines Retters, Heilands oder Ähnlichem im Traum oder Fastenwahn. Wahnvorstellung  Psychopathologische Denkstörung, die einem zum Beispiel glauben macht, dass ein mittelloser Flüchtling pro tausend „Hiesige“ eine Krise und Invasion darstellt, seines Handys beraubt werden muss und am besten im Mittelmeer ertrunken wäre. Weltfriede  Gab es laut Wissenschaftern bis vor etwa 10.000 Jahren und kommt frühestens wieder in mehreren hundert Jahren (siehe Artikel Seite 18). Weltreich  Wollten Despoten wie ­Alexander, Cäsar, Napoleon oder Hitler mit Waffengewalt errichten, um dann darin friedlich (!) zu leben. Werbung  Verkauft den Menschen nebst Emotionen auch eine formidable Anzahl an Utopien und Retrotopien. Zum Beispiel, dass Biofleisch von glücklichen, mit dem Bauern befreundeten Schweinchen kommt, man durch tägliches Auftragen dieser und jener Creme ewig jung aussieht, und ein protziger SUV dem Fahrer Freiheit beschert. Ein Blick in einen realen Stall, den Spiegel oder durch die Windschutzscheibe auf den täglichen Stau zum Arbeitsplatz im Großbüro können einen dann jedoch ernüchtern. Wissenschaft  Macht Utopien oder sogar Dinge, die sich keiner vorstellen konnte, in ein paar Jahren, Dekaden oder Jahrhunderten möglich. Wunsch  Hoffnung, dass etwas eintritt, ohne dass man viel dazu beitragen muss. Dass man etwa gesund bleibt, obwohl man raucht und sich schlecht ernährt, mehr Geld verdient, ohne sich in der Arbeit groß anzustrengen, und das Pech immer nur die anderen trifft.

Reportage über ­ esentliche w weltweite Entwicklungen

Wie Künstliche Intelligenz unsere Welt formt und wie man sich darauf vorbereitet

Während seiner Zeit als Senior Advisor für Innovation der USAußenministerin Hillary Clinton bereiste Alec Ross 41 Länder, um zu erforschen, was die Zukunft auf den unterschiedlichen Kontinenten bringen wird. Dabei besuchte er etwa Startups in Kenia und Forschungsund Entwicklungslabore in Südkorea. In seinem Buch leitet er aus diesen Erfahrungen ab, welche Technologien unsere Zukunft am meisten prägen werden. Das Spektrum reicht von Robotern und Künstlicher Intelligenz über Cyberkriminalität bis zur Kommerzialisierung des Genoms.

Künstliche Intelligenz macht scheinbar Unmögliches möglich. Doch die Verbreitung der „zum Leben erweckten“ Maschinen kann zunächst furchteinflößend wirken und muss sinnvoll vorbereitet werden. Die Autoren Agrawal, Gans und Goldfarb, drei renommierte Ökonomen, beleuchten, welche Richtlinien Regierungen schaffen und welche Strategien Unternehmen verfolgen können und wie sich der Einzelne auf die veränderte Welt vorbereiten kann. Zeitgleich bieten sie einen Abriss über die Entstehung der Künstlichen Intelligenz, einem Gebiet der Informatik.

The Industries of the Future. Von Alec Ross. Simon & Schuster. 320 S.

Prediction Machines: The Simple Economics of AI. A. Agrawal, J. Gans, A. Goldfarb. Harvard Business Review. 272 S.

Die Welt ändert sich und wir sollten uns allmählich darauf einstellen

Mensch wird Gott und kennt sich in seiner selbstgeschaffenen Welt nicht mehr aus

Der US-Journalist Kevin Kelly zeichnet ein optimistisches Bild der Zukunft und schildert, wie virtuelle Realität, On-DemandEconomy (also eine Wirtschaft, die auf Dienstleistungen auf Abruf basiert) und auch Künstliche Intelligenz den Alltag verändern werden. Dabei geht der Publizist davon aus, dass diese Entwicklungen von zwölf Strömungen gelenkt werden, darunter etwa Trends wie Sharing, Tracking oder Remixing. Um dem Wandel gerecht zu werden, plädiert Kelly für tiefgehendes Verständnis und Akzeptanz der Veränderung.

Im vergangenen Jahrhundert ist es der Menschheit gelungen, Hunger, Seuchen und Krieg zu bezwingen. Yuval Noah Harari, Geschichtsprofessor an der Hebrew University in Jerusalem, beschreibt, wie jene einst unkontrollierbar scheinenden Krisen nun zu bewältigbaren Herausforderungen geworden sind: Mehr Menschen sterben von zu viel Essen als von zu wenig.  Doch welche werden die neuen,  unkalkulierbaren Gefahren der Menschen sein? Harari beleuchtet Träume und Albträume des Homo Deus des 21. Jahrhunderts.

The Inevitable: Understanding the 12 Technological Forces That Will Shape Our Future. Von Kevin Kelly. Viking Press. 336 S.

Homo Deus: A Brief History of Tomorrow. Von Yuval Noah Harari. Harper Perennial. 464 S.


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„Was wir machen, ist Weltklasse“ Der Informatiker Thomas Henzinger, Präsident des IST Austria, über den Erfolg des Instituts eine wissenschaftliche Karriere führte den Linzer Informatiker Thomas Henzinger über drei Jahrzehnte lang an renommierte Universitäten in den USA, Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Im Jahr 2009 kehrte er nach Österreich zurück, um die Leitung des damals neu gegründeten Institute of Science and Technology IST Austria in Klosterneuburg zu übernehmen. Ziel war dabei, in Österreich ein Institut für Grundlagenforschung von Weltrang zu schaffen. Für seine Leistungen in den Computerwissenschaften hat Henzinger 2012 den Wittgenstein-Preis des Wissenschaftsministeriums erhalten.

GESPRÄCH: CLAUDIA STIEGLECKER

Wie wird das Institut finanziert? Henzinger: Den Großteil finanziert die öffentliche Hand: Das Land Niederösterreich baut und betreibt den Campus, der Bund stellt das operative Budget. Ein Teil des operativen Budgets ist dabei leistungs­ orientiert und wird nur ausbezahlt, wenn ein gewisser Anteil durch Drittmittel finanziert wird. Solche Forschungsförderungsmittel werden vom Fonds für wissenschaftliche Forschung FWF und vor allem vom Europäischen Forschungsrat ERC vergeben, die prüfen, ob ein Forschungsvorhaben sinnvoll ist. Das geschieht auf rein wissenschaftlicher Basis durch Peer Review. Nach einer Zusage gibt es daher auch keinerlei Vorgaben oder zu erfüllende Meilensteine. Mit annähernd fünfzig Prozent haben wir eine außergewöhnlich hohe Bewilligungsrate beim ERC.

Herr Henzinger, Sie sind nach Österreich zurückgekehrt. Was hat Sie dazu bewogen? Thomas Henzinger: Im Wesentlichen war es die Position beim IST, die mir 2008 angeboten wurde. Das Institut hat damals noch gar nicht existiert und die Gelegenheit, so etwas von Null an aufzubauen, bekommt man nur ‚once in a lifetime‘, da kann man nicht spekulieren. Es war für mich durchaus eine risikoreiche Entscheidung, denn es war nicht klar, was daraus werden würde. Mittlerweile bin ich in meiner dritten Amtszeit als Präsident, wobei eine Amtszeit vier Jahre dauert. Was unterscheidet das IST Austria von einer normalen Universität? Henzinger: Es steht nur fortgeschrittenen Studierenden offen, also Doktoranden. Für die Dauer ihres Doktorats werden die Studierenden am Institut angestellt, geforscht wird in Forschungsgruppen. Diese werden jeweils von einem Professor geleitet, der innerhalb des Forschungsgebietes völlige Freiheit über das Thema und über seine Leute hat. Bei uns forschen einige der besten Köpfe der Welt in den Bereichen Physik, Biologie, Informatik, Mathematik und bald auch Chemie. Obwohl wir im internationalen Vergleich ein eher kleines Institut sind, ist das, was wir machen, Weltklasse. Wie schaffen Sie es, diese Spitzenleute nach Österreich zu holen? Henzinger: Die Mehrzahl der Professoren wird bei uns recht jung, mit unter dreißig Jahren, berufen und erhält anfangs einen Vertrag über sechs Jahre. Nach dieser Zeit erfolgt eine Evaluierung und es wird entschieden, ob sie oder er einen unbefristeten Vertrag erhält oder geht. Dieses System ist unter der Bezeichnung ‚tenure track‘ bekannt. Auf dem internationalen Arbeitsmarkt gibt es mehr erstklassige Forschende als verfügbare Stellen. So haben wir keine Probleme, gute junge Leute zu finden. Etablierte Wissenschafter, die zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt sind, zieht es allerdings oft eher zu bekannteren Institutionen. Da erweist sich für uns als Hindernis, dass das IST noch ein relativ neues Institut ist, das noch keinen weitverbreiteten Ruf hat.

Unsere Doktoranden wiederum durchlaufen ein zweistufiges Auswahlverfahren: In der ersten Runde sind die Noten und die erforderlichen drei Empfehlungsschreiben relevant, in der zweiten Runde erfolgt die Endauswahl nach einem persönlichen Interview. Beim letzten Mal wurden von über 2.000 Bewerbern etwa fünfzig genommen.

„Mit annähernd fünfzig Prozent haben wir eine außergewöhnlich hohe Bewilligungsrate beim ERC, dem Europäischen Forschungsrat“ THOMAS HENZINGER, IST AUSTRIA

Welche Bedeutung hat das IST für die österreichische Forschungslandschaft? Henzinger: Wir orientieren uns an internationalen Karrierestrukturen und bringen damit ein neues Modell nach Österreich. Einerseits werden unsere Doktoranden zentral zugelassen und angestellt, daher sind sie nicht von einem einzelnen Professor abhängig. Auf der Professorenebene setzt andererseits das Tenure-Track-System einen neuen Impuls: Junge Professoren können dadurch in ihrer produktivsten Lebensphase sechs Jahre lang unabhängig arbeiten. Dieses System ist in der außerkontinentaleuropäischen Welt eigentlich überall üblich. Unsere Universitäten bewegen sich zwar auch in diese Richtung, aber langsam. Da das IST komplett neu aufgebaut wurde, war diese Einführung für uns möglich. Fachlich ist es uns gelungen, Spitzenwissenschaft ins Land zu holen: Fünfzehn Prozent unserer Professoren und etwa zwanzig Prozent unserer Doktoranden sind Österreicher, die anderen kommen aus der übrigen Welt. Damit heben wir das internationale Profil des ganzen Landes: Wir bringen fachlichen Mehrwert nach Österreich. Zusätzlich zu Ihrer Tätigkeit als Präsident leiten Sie eine Forschungsgruppe am IST. Worum geht es dabei? Henzinger: Wir forschen in der Softwareentwicklung daran, wie man komplexe Softwaresysteme baut, die auch sicher sind. Das große Thema ist dabei die Verifikation, das heißt sicherzustellen, dass die Systeme bestimmte Anforderungen erfüllen. Durch ihre Komplexität sind Software­systeme

besonders fehleranfällig. Im Gegensatz zu Systemen in den klassischen Ingenieurwissenschaften sind sie außerdem nicht kontinuierlich, sondern diskret. Worin besteht der Unterschied? Henzinger: In einem kontinuierlichen System wirkt sich eine kleine Änderung nicht groß aus. Eine Brücke zum Beispiel ist normalerweise für zu schwere Lasten konstruiert. Wenn Sie eine einzelne Schraube entfernen, sollte die Brücke trotzdem halten und nicht zusammenbrechen. Für Software gilt das nicht: Die Veränderung eines einzelnen Buchstabens im Code kann ein ganzes System zum Einsturz bringen. Dieses sogenannte diskrete System macht eine Fehlerfreiheit sehr schwierig, gleichzeitig hat der kleinste Fehler unter Umständen sehr schwere Auswirkungen. Um Fehler auszuschließen, werden Programme normalerweise in verschiedenen Szenarien getestet: Je komplizierter die Programme werden, desto schwieriger wird das. Besonders dramatisch sind vernetzte Programme, die eigentlich nicht mehr vollständig testbar sind – denken Sie nur an das Internet. Daher entwickeln wir komplexe mathematische Modelle, die noch vor dem Schreiben eines Programmes sicherstellen sollen, dass es funktioniert. Das mag seltsam klingen, aber ein Bauingenieur prüft einen geplanten Bau auch vorher anhand eines mathematischen Modells. In der Softwareentwicklung wird dagegen in der Praxis üblicherweise erst gebaut und dann geprüft. Sie forschen auf diesem Gebiet seit 1990. Hat sich das Forschungsfeld im Lauf der Jahre verändert? Henzinger: Natürlich ist die Welt heute eine ganz andere als im Jahr 1990. Heutzutage läuft uns in gewisser Weise die Entwicklung davon. Die Welt wird von Software infiltriert und das geht schneller, als wir nachkommen können. Im Moment sind Verkehrssysteme und selbstfahrende Autos, die ohne den Menschen komplett auf der Basis von Software arbeiten, große Themen. Eine Herausforderung dabei ist die Echtzeit. Plötzlich kommt es nicht mehr nur auf den Output an, den ein Programm liefert, sondern auch darauf, wann er geliefert wird. Für einen Endanwender, der vor seinem Laptop sitzt, ist üblicherweise nur das Ergebnis auf seinem Bildschirm wichtig. Für den Menschen, der im autonomen Fahrzeug sitzt, ist aber außerdem relevant, dass sein Auto ein Ergebnis, etwa eine Vollbremsung, rechtzeitig liefert. Die Anforderungen an Software steigen extrem und es gibt immer neue Herausforderungen. Das Thema wird nie abgeschlossen sein, denn jede wissenschaftliche Einsicht wirft grundsätzlich neue Fragen auf: Eine Serie aus kleinen Schritten, bei der man erst im Nachhinein erkennt, welches die großen Schritte waren.

FOTO: PRIVAT

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Z U G U TE R L E T Z T   :   H EU R E KA  5/18   FALTER 44/18  23

:   FOTOW E T T B E W E R B

ERICH KLEIN

:  WA S A M E N D E B L E I BT

Augenscheinlich: Forschung im Bild Der Fotowettbewerb „Meine Forschung in einem Bild“ der Universität Wien fand zum vierten Mal statt. Die besten Fotos zeigen wir auch diesmal in Falter Heureka

1. Platz:

Lisa Krammer: Ein Blick durch das Schlüsselloch Die Kommunikation an Hochschulen entspricht einem vielfältigen Sprachbiotop. Wiener Universitäten werden einer empirischen Analyse unterzogen. Konkret wird erforscht, wann mit wem und wie Standard- und Nonstandard-Deutsch von Studierenden und Lehrenden unterschiedlicher Studienrichtungen an den fünf größten Universitäten in Wien verwendet werden. Der Blick durch das Schlüsselloch – der Blick durch die Luke in das Audimax –, symbolisiert den meiner Arbeit inhärenten, essenziellen Perspektivenwechsel, der den Blick von außen auf das inneruniversitäre, sprachliche Umfeld ermöglicht.

2. Platz:

Andreas Ertl „Kristallstruktur und Kind“ Kristallstrukturen, die aus Atomen bzw. Ionen bestehen, sind viel kleiner als ein Kind. Auf diesem Foto wirkt allerdings das Kind kleiner. Tatsächlich handelt es sich hier um ein Modell der Kristallstruktur von Salz. Die wolkige Darstellung des Kindes und der Umwelt soll andeuten, dass die atomaren Bestandteile der Salzkristalle in Wirklichkeit deutlich kleiner sind als dieses Kind und dessen Umgebung. Man könnte aber auch sagen, dass aus Sicht des Kristalls die umgebende Realität „herausgerissen“ erscheint.

ex aequo:

Verena Pühringer-Sturmayr „Let’s cuddle darling“ Studies hint at Northern bald ibises being rather conservative in habitat use, which has been suggested as a reason for the decline throughout its original range. When higher quality sites become available, organisms may switch or show site fidelity. Conservative site use may constrain habitat choice, e.g. when lowquality sites are preferred even if higher quality ones are available. I investigate whether NBI choose and visit foraging areas strictly according to their ecological quality or whether site fidelity affects habitat use.

3. Platz:

Chiara Cardelli „The art of modelling nature“ Scientists use mathematical models to represent real phenomena, such as how water freezes, or how a protein folds into its natural 3D structure. Models are constructed to reproduce and predict specific features of real-life phenomena, and as such their predictive power is often limited to the aspects considered. Here we show a scientist brainstorming a possible model to represent real water freezing into ice. Water might seem simple at first glance, and yet it shows many complex behaviours and peculiar properties. :   I M P R E SS U M Herausgeber: Armin Thurnher; Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 0043 1 536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at; Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.; Redaktion: Christian Zillner; Fotoredaktion: Karin Wasner; Gestaltung und Produktion: Andreas Rosenthal, Reini Hackl, Raphael Moser; Korrektur: Martina Paul; Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau; DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar. HEUREKA ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit

Denkmäler „Heimkehr nach Fukushima“ ist der Titel des neuen Romans von Adolf Muschg. In Anbetracht des Alters des Schweizer Autors handelt es sich um eine Art Vermächtnis des Vierundachtzigjährigen. Dass es der vielfach preisgekrönte Schriftsteller mit diesem Titel allein auf Provokation abgesehen hat, ist zu bezweifeln. Viel eher dürfte es um eine Prüfung sämtlicher Lebens- und Selbstverhältnisse gehen: Adolf Muschg, aus privaten und beruflichen Gründen seit einem halben Jahrhundert mit ­Japan eng verbunden, bezeichnete dieses als sein „Heimwehland“. Warum also, fragt sich, sollte der Schweizer partout nach Fukushima „heimkehren“? Vordergründig wird eine verzwickte Amour fou erzählt. Ebenso großes Augenmerk des Autors gilt aber dem atomverseuchten Landstrich nach der Reaktorkatastrophe. Millionen Tonnen verstrahltes, in schwarze Plastiksäcke verpacktes Erdreich türmen sich zu neuen „Dörfern“, die Natur ist in das geräumte Territorium zurückgekehrt. Wildschweinrudel tummeln sich in einer zum Zeitpunkt des Tsunami fluchtartig verlassenen Bibliothek. Hart an der Grenze zur absoluten Verbotszone tauchen bisweilen einige Versprengte auf, die daran erinnern, dass hier tatsächlich Menschen lebten. Jeder Katastrophenfilm inszeniert diesen Moment: Ein Schwenk von menschengemachter Apokalypse zu gleichsam formloser, roher Natur samt zurückgebliebenen Artefakten. Adolf ­Muschg lässt seinen Protagonisten an dieser Stelle zu den Schriften des düsteren Biedermeierautors Adalbert Stifter greifen: „So bin ich unversehens ein Landschaftsmaler geworden. Es ist entsetzlich.“ Sarkastisch fügt er hinzu: „Stifter schützt vor Strahlen.“ Doch räsoniert der Erzähler über Stifters Bild einer „heiteren Blumenkette, die durch die Unendlichkeit des Alls hängt und ihren Schimmer in die Herzen sendet“. Sollte dieses einst allein aus Gottvertrauen geschaffene Bild des Universums endgültig zerrissen sein, Lücken sich gebildet haben, „in denen nur noch die Blume des Todes gedeiht“? Adolf Muschg beantwortet die Frage nur indirekt, indem er eine Utopie des „sanften Unmenschen“, wie Stifter einmal bezeichnet wurde, zitiert. Was am Ende bleibt? „Ich fühlt’ nur eine Freiheit, Fröhlichkeit und Größe in meinem Herzen wie in einem hell erleuchteten Weltall.“


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