HEUREKA #52017 Zukunft der Hochschulen Wie Unis und Fachhochschulen wettbewerbsfähiger werden sollen
ILLUSTRATION: GERALD HARTWIG-ZEICHENSTRICH
Österreichische Post AG, WZ 02Z033405 W, Falter Zeitschriften GesmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien
D A S W I S S E N S C H A F T S M A G A Z I N A U S D E M F A LT E R V E R L A G
Recht und Wirtschaft Die Entwicklung in diesen beiden Bereichen – und was sich dabei verbessern lässt. Seite 8
Zukunft Hochschule hieß der Workshop von BMWFW, Universitäten und Fachhochschulen. Hier sind die Ergebnisse. Seite 10
Unis und Fachhochschulen Beide sollen profiliert bleiben, sich aber bei den Studierendenzahlen annähern. Seite 20
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Christian zillner
A u s d e m I n h a lt
: e d i to r i a l
Bildung 4.0 Europäischer und interdisziplinärer Seite 8
Fotos / illustrationen: martin vandory, gerald hartwig - zeichenstrich
So werden die Rechts wissenschaften in Zukunft sein müssen
Enormes Potenzial für die Gesellschaft Seite 14 Kopf im Bild Seite 4 Hanns-Christoph Nägerl, weltweit renommierter Quantenforscher an der Uni Innsbruck und Wittgenstein-Preisträger
Dies bieten vor allem die LifeSciences. Daher gilt ihrer Effizienz und ihrem Nachwuchs besonderes Augenmerk
So viel Luft nach oben Seite 12
Von Wien nach Linz mit Hindernis Seite 18
Ansätze zur Lösung der vielbeschworenen Krise in den Geistes- und Kulturwissenschaften
Ein Ziel des Workshops „Zukunft der Hochschule“ ist die höchstmögliche Durchlässigkeit für Studierende im gesamten akademischen System
Wir wollen deutlich mehr! Seite 20
Thema Zukunft der Hochschule Seite 10 Zahlen zum Workshop des BMWFW mit Universitäten und Fachhochschulen
Sagen die Fachhochschulen: Viel mehr Studierende, weit mehr Forschung und mehr Personen, die ein Doktorat machen
Glossar und Bücher zum Thema Seite 22
Auch andernorts macht man sich Gedanken zur Entwicklung der Hochschulen
Ohne Informatik geht fast gar nichts mehr Seite 16 Im gesamten Hochschulbereich wird Informatikkompetenz künftig notwendig sein
Wozu brauchen wir in Hinkunft Anwälte, Chirurgen, Journalisten oder Informatiker, kurz, all jene Berufe, für die wir akademisch ausbilden, wenn dann Maschinen eh deren Arbeit besser erledigen? „In Frankreich, wo sich die Sozialistische Partei in den Achtzigerjahren zum Ziel setzte, dass 80 Prozent eines Jahrgangs im Jahr 2000 Zugang zu akademischer Bildung haben sollten, endete das in einer tiefen Krise. Drei Viertel der Franzosen (…) hätten zwar die Hochschulberechtigung, aber die Hälfte von ihnen scheitere im Studium“, schreibt Wolf Lotter im Magazin brand eins, 9/2017. Wir versuchen Bildung auch noch jenen beizubringen, die eigentlich lieber mit den Händen als mit dem Kopf arbeiten. Klar, sie sollen Chancen am Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft haben. Nur entwickeln sich beide gerade in eine Richtung, die aus den meisten von uns nette Haustiere von Maschinen macht, die man füttern und hegen muss, weil sie dazu selbst nicht mehr in der Lage sind. Den von den Maschinen Emanzipierten unter uns bleiben Tätigkeiten wie Gartenbau, um zu gesunder Bewegung, gesundem Essen und sinnvoller Tätigkeit zu kommen. Und ein bissl Kunst, Musik und Theater, kurz, Kultur, für die sich Maschinen weniger interessieren. Und Bildung zur eigenen Freude.
: g a st ko m m e n ta r
Zukunft Hochschule: Revolutionäre Pragmatik
Foto: Julia Kozeluh
ulrike plettenbacher
Am Anfang stand die Skepsis, bei vielen, die vom Ministerium zu „Zukunft Hochschule“ geladen waren. Noch mehr Arbeitskreise? Curriculare Reformen in einem halben Jahr? Nie und nimmer. Die Gestaltung der Lehre – Sache der Universitäten. Und bei den Fachhochschulen ist sowieso alles anders. Ich gebe zu, auch ich war skeptisch: Wozu schon wieder alle zu allem fragen? Modernes Projektmanagement, gezeichnet in zarten Ellipsen? Partizipative Schattenspiele? Verordnete Beteiligungsverfahren versprechen viel und produzieren wenig. Allerdings: Einsame strategische Planspiele können wir schon, und das Anliegen im Untertitel hieß „Weiterentwicklung des österreichischen Hochschulsystems“ – als solches uneingeschränkt begeisterungswürdig. Also ging ich hin.
„Zukunft Hochschule“ hat mich überrascht. Begonnen hat es damit, dass es gelang, die Arbeitsteilung zwischen Universität und Fachhochschule am runden Tisch kurz und prägnant nicht nur niederzuschreiben, sondern als Bekenntnis aller zu erwirken. Das war dringend nötig, denn auch wenn die Aufgaben von Universitäten und Fachhochschulen gesetzlich verankert sind, gab es realpolitisch interpretative Differenzen, sichtbar durch den zunehmenden Typen-Kannibalismus, nämlich das
Ulrike Plettenbacher ist Generalsekretärin des Österreichischen Wissenschaftrats
kräfteraubende Knabbern an den Aufgaben des jeweils anderen. „Zukunft Hochschule“ hatte sich vorgenommen, Bildung und Erkenntnis, Ausbildung und Kenntnis als Charakteristika wieder stärker herauszuschälen. Deren Haltbarkeit und Ergänzungsfähigkeit zu prüfen, um fit für alle möglichen Zukünfte zu sein. Dieser gemeinsame programmatische Start war revolutionär: Er impliziert die aktive Akzeptanz des Gegenübers. Überzeugt hat mich die Auswahl der Fächer, mit denen „Zukunft Hochschule“ begann. Ministerielle Pragmatik erwies sich dabei als zielführend: „Massenfächer“ (Wirtschafts-, Rechtswissenschaften) und solche, die an Unis und Fachhochschulen angeboten werden (Wirtschaft, Informatik, Life-Sciences), Fächer mit wenigen Studierenden (z. B. Altertumswissenschaften) wurden
analysiert, die Curricula durch jene dargestellt, die es am besten wissen: die Fachvertreter, unterstützt von der Datenabteilung des BMWFW. Sichtbar wurde, welche Lehrinhalte ausbaubar, welche profilsichernd solitär, welche anschlussfähig sein sollten , und welche Reformüberlegungen bereits laufen. Das erlaubte eine beeindruckende Übersicht und man begann gemeinsam, lustvoll an strategischen Stellschrauben zu drehen, das bestmögliche Lehrangebot im Visier. Jetzt kommt es drauf an, Ideen nicht versickern zu lassen und Bande für künftige Kooperationen und Absprachen zur Arbeitsteilung zwischen Fächergruppen, Universitäten und Fachhochschulen fester zu knüpfen. Ritualisieren wir das Zusammendenken, wie es das Format „Zukunft Hochschule“ bietet. Machen wir weiter! Ich wäre gern dabei.
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: ko p f i m b i l d
Ultrakalt Hanns-Christoph Nägerl ist Professor am Institut für Experimentalphysik der Uni Innsbruck und einer der weltweit führenden Wissenschafter auf dem Gebiet der ultrakalten Quantenvielteilchensysteme. Im Juni wurde er mit dem Wittgenstein-Preis des FWF ausgezeichnet, Österreichs prestigeträchtigstem und höchstdotiertem Forschungspreis. Nägerl beschäftigt sich mit Quantengasen in der Nähe des absoluten Temperaturnullpunkts. Er möchte Quantensimulatoren herstellen, in denen die quantenphysikalischen Zustände der einzelnen Teilchen gezielt erzeugt werden können. Mithilfe dieser Systeme lassen sich Phänomene analysieren, für die herkömmliche Computer nicht die Kapazitäten haben. „Der Preis zeigt, dass Grundlagenforschung in Österreich gewürdigt wird“, freut sich Nägerl. Als Fußballfan sehe er übrigens durchaus Parallelen zwischen der Forschung und dem Ballsport. „Talent allein reicht nicht aus, Resultate erfordern harte Arbeit.“ Es komme auf jeden im Team an. Und es mache Spaß. „Etwas Glück gehört natürlich auch dazu“, schmunzelt er. Text: Uschi Sorz Foto: Martin Vandory
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David Tudiwer Die technischen und naturwissenschaftlichen Aspekte von Gebäuden und Städten faszinieren ihn. „Ich lerne gerne, warum Dinge sind, wie sie sind, und was man besser machen könnte“, sagt der Wiener. Er hat in Graz Umweltsystemwissenschaften mit Schwerpunkt Physik studiert. Jetzt unterstützt er als Uniassistent die noch junge Forschungsgruppe Ökologische Bautechnologien von Azra Korjenic an der TU Wien. „Wir erforschen, wie sich Gebäudebegrünungen auf das Mikroklima der Umgebung auswirkt, und den Effekt unterschiedlicher Begrünungssysteme auf die Gebäude selbst.“ Für seine Dissertation nimmt er speziell die thermische Fassadendämmung unter die Lupe. „Ich hoffe, dass Fassadenbegrünungen durch meine Arbeit künftig im Energieausweis berücksichtigt werden.“ Denn der ist ein wichtiges Dokument bei Förderungen.
Maria Soledad Peñaranda Moren Sie arbeitet in derselben Forschungsgruppe. Die Österreicherin mit chilenischen Wurzeln ist Projektassistentin am Institut für Bauphysik und Schallschutz. Schon im Architekturstudium in Lateinamerika hat sie sich für erneuerbare Energien und Energieeffizienz begeistert. Seit zehn Jahren lebt sie in Wien. Für ihre Doktorarbeit forscht sie zu einer multifunktio nalen Systemlösung, die Fassadenbegrünungen und Photovoltaikanlagen kombiniert. „Das ist einzigartig. Bisher hat man die Systeme nur nebeneinander genutzt, aber nicht miteinander als Doppelsystem.“ Der Effekt: Die Module schützen die Pflanzen vor Sonne und Wind, wodurch sie besser gedeihen. Die Hauswände wiederum heizen sich bei Hitzewellen um ein Vielfaches weniger auf, als sie es sonst täten. „Wir haben es patentieren lassen“, sagt Peñaranda.
Elma Krasny Ihren Master machte die Bosnierin an der Fakultät für Bauingenieurwesen der Uni Kansas/USA. Danach begann sie in der Bauindustrie zu arbeiten. Für alternative und umweltrelevante Materialien hat sie sich schon früh interessiert. Sie begegnete den Professorinnen Azra Korjenic von der TU Wien und Sanela Klaric von der Burch University. Deren Themen zu nachhaltiger Architektur trafen ihr Interesse. „Sie wurden meine Mentorinnen“, freut sich Krasny. Nun arbeitet sie an einer interdisziplinären Dissertation an der TU Wien und der International Burch University in Sarajewo. Diese dreht sich um natürliche lokale Baustoffe wie Stroh, Holz, Lehm, Kalk und Mörtel und ihre Verwendung in Solar- und nachhaltiger Architektur. „Mein Ziel: Wissenslücken in dieser ökologischen Bauweise zu füllen und die Ergebnisse bekannt zu machen.“
Fotos: privat
Gebäudebegrünung, Energieeffizienz und ökologische Bauweise sind große Zukunftsthemen. Diese drei Doktoranden forschen in Wien dazu.
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emily walton
martin haidinger
Florian Freistetter
Sugar, sugar!
„Die alten Lieder …
Mitteilen
Wenn in Brüssel das Thema Universitäten auf der Tagesordnung steht, dann zumeist in positivem Kontext: Üblicherweise gibt es dann eine neue, grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Hochschulen zu präsentieren. Oder zumindest die neueste Statistik der Europäischen Kommission zum allseits geschätzten Erasmus-Programm. Nun aber war eine eigene, belgische Universität gleich zwei Mal großes Gesprächsthema in Brüssel – und beide Male auch noch mit fetten Negativ-Schlagzeilen. Pünktlich zu Semesterbeginn wurden vor der Freien Universität Brüssel nämlich Werbeplakate aufgestellt, auf denen Studentinnen – hübsche Studentinnen, wohlgemerkt – ermutigt wurden, mit reiferen, reicheren Männern auszugehen: Eine Kampagne für eine Dating-Website, die junge, gutaussehende Frauen, an „Sugardaddys“, also ältere, wohlhabende Männer vermittelt. Die Universität beschwerte sich prompt beim Werbe-Ethikausschuss. Die Präsidentin der französischsprachigen Studentenvertretung meinte: „Die jungen Frauen brauchen Stipendien, keine Sugardaddys.“ Mit den freizügig gestalteten Plakaten wurde freilich auch bei so manchem Brüsseler die Erinnerung an eine unrühmliche Aktion der Uni selbst geweckt: Zu einer Diplomfeier der Medizinischen Fakultät gab es vor dem Sommer eine kleine Anleitung den Dresscode betreffend. In der Einladung hieß es: „Von einem ästhetischen Gesichtspunkt aus betrachtet, wäre es wünschenswert, wenn junge Frauen ein Kleid oder Rock und einen schönen Ausschnitt tragen.“ Was ältere Frauen anziehen sollten, blieb unerwähnt. Männern wurde in dem Schreiben das Tragen eines Anzugs nahegelegt. Nach kurzer öffentlicher Aufregung entschuldigte sich die Freie Universität: Die Hinweise zur gewünschten Kleidung der Absolventinnen seien „deplatziert“ und würden freilich den Werten widersprechen, die die Medizinische Fakultät und die gesamte Hochschule in ihrer täglichen Arbeit leiten würden. Der Medizin-Dekan versuchte zwar nicht, die sexistische Einladung zu rechtfertigen. Immerhin eines konnte er aber versichern: Die Einladung kam aus dem Sekretariat. Was die Sache für ihn umso überraschender gemacht habe. Denn dort, so der Dekan, arbeiten ganz gewiss keine Sugardaddys – sondern ausschließlich Frauen.
… machen mich so melancholisch!“ heißt es in einem Wienerlied von Horst Chmela. So sehr ich den Ottakringer Barden schätze, nehme ich die leiernden Lieder auf die österreichischen Universitäten von diesem sentimentalen Befund aus. Bei aller Liebe: Wir alle konnten den Singsang von den „Weltklasse-Universitäten“ schon nicht mehr hören, oder? Erinnern Sie sich noch an jene Ära vor einigen Jährchen, als dieser Slogan rauf und runter gepredigt wurde und zugleich der Appell an die jungen Menschen da draußen erging, nur ja nicht Lehrer oder Lehrerin werden zu wollen und lieber was Gscheites zu studieren? Mehrere Abstürze in internationalen Uni-Rankings später und mit einem drohenden Lehrermangel im Genick sind wir von so manchem Schlagwort geheilt, haben aber von der Bildungspolitik längst weitere Parolen geerbt: „Differenzierung“, „Exzellenz“, „Wettbewerb“, „Diversität“ – uff! Welche Leitbilder brauchen denn solche differenziert exzellenten Wettberwerbsdiversitäten? Immerhin sind die Unis zwischen öffentlichem Bildungsauftrag und Selbstentwürfen hin- und hergerissen. Mit ein bisschen PR allein ist da nichts getan, außer vielleicht das Falsche. Ein Beispiel zum Fremdschämen: 2014 feierte die Goethe-Universität zu Frankfurt ihr hundertjähriges
Die Welt ändert sich. Auch die Ausbildung an den Universitäten. Statt Magister und Doktoren gibt es nun Bachelors, Masters und PhDs. Das Studium hat sich vom freien, selbstverantwortlichen Lernen zur streng strukturierten Wissensaufnahme mit maximaler Geschwindigkeit gewandelt. So können die Universitäten zwar schnell qualifizierte Kräfte für den Arbeitsmarkt produzieren, ein wesentlicher Teil ihrer gesellschaftlichen Rolle geht dabei jedoch verloren. Denn Hochschulen sollten eben nicht nur Ausbildungszentren sein. Sie sind auch die Orte, an denen gut ausgebildete Forscher und Forscherinnen sich Gedanken über die drängenden Probleme unserer Zeit machen. Und – das ist wichtig – die Resultate dieser Gedanken auch der Gesellschaft mitteilen. Der menschengemachte Klimawandel ist ein gutes Beispiel dafür: Seine politische Relevanz ist unbestritten. Um etwas gegen den Klimawandel zu tun, sind politische Entscheidungen notwendig. Es braucht dafür nicht nur gut informierte Politiker, sondern auch eine ebenso gut informierte Gesellschaft, die zwischen Notwendigkeit und Populismus unterscheiden kann. Und deshalb braucht es auch dringend Forschende, die sich aktiv in der Öffentlichkeitsarbeit engagieren. Dazu müssen ihnen aber nicht nur Möglichkeiten geboten werden: Es darf im Gegensatz zur aktuellen Situation der Karriere nicht schädlich sein, Arbeitszeit für die Kommunikation mit der Öffentlichkeit aufzuwenden. Und sie müssten entsprechend ausgebildet werden. Unter Kollegen und Kolleginnen über die eigene Forschung zu diskutieren, erfordert ganz andere Fähigkeiten als wissenschaftliche Zusammenhänge einer Öffentlichkeit ohne wissenschaftliches Vorwissen zu vermitteln. Das zu lernen ist zwar durchaus möglich, doch entsprechende Angebote gibt es an den Unis noch viel zu wenige. Und wenn es sie gibt, sind sie im Allgemeinen nicht verpflichtend. Das aber sollten sie sein! Forschung muss vermittelt werden, und Studierende müssen die Fähigkeit zur Vermittlung als verpflichtenden Teil ihrer universitären Ausbildung lernen. Die Welt wird sich weiterhin verändern. Und diejenigen, welche diesen Wandel erforschen, müssen in der Lage sein, vernünftig mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren.
: b r i e f au s b rü ss e l
: h o rt d e r w i ss e n s c h a f t
: f r e i b r i e f
Bestehen und ließ, damit es in der hektischen Mainmetropole auch ja jeder mitbekommen möge, in der halben Stadt Gartenzwerge mit dem Antlitz des armen Goethe aufstellen! Goethe-Gnome! Schöner hätte man die Verzwergung von Wissenschaft und Forschung im postfaktischen Zeitalter nicht darstellen können. Dagegen darf man als Positivum in aller Bescheidenheit eine feine österreichische Universität neueren Typs vor den Vorhang bitten, die derlei Mätzchen nicht nötig hat: Die 1966 gegründete Johannes-KeplerUniversität in Linz hat sich im Lauf von mehr als 50 Jahren von der Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften zur Volluni gemausert. Ihr starkes Profil mit Pädagogik- und Technologieschwerpunkten braucht keine Image-Kampagne. Die JKU Linz ist mit 14.000 Studentinnen und Studenten die viertgrößte Universität in Österreich, rund drei Viertel der Studierenden sind voll oder nebenbei berufstätig. Die Universität betreibt 60 Studienrichtungen, von Wirtschafts-, Sozial- und Geschichtswissenschaft über technische Fächer bis hin zur Medizin und ist außerdem die führende akademische Einrichtung im Bereich des Fernstudiums und e-Learnings in Österreich. Da singe ich schon eher mit bei den Lobliedern. Ganz ohne Melancholie.
Zeichnung (ausschnitt)
: F i n k e n s c h l ag Handgreifliches von tone fink tonefink.at
Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/ astrodicticum-simple
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Seiten 6 bis 9 Wie Wissenschaft in unsere alltäglichen Lebensumstände eingreift und sie verändert
: m e d i z i n
340 Millionen Euro für die Vorklinik In der Mariannengasse entsteht ein Kompetenzzentrum der Vorklinik Dieter Hönig
Bis 2025 werden auf einer Nutzfläche von 35.000 Quadratmetern wesentliche Teile der Vorklinik am MedUni Campus Mariannengasse stehen. Wissenschaftsministerium, Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) und MedUni Wien arbeiten dafür zusammen. Von diesem Kompetenzzentrum für Grundlagenforschung und Lehre in unmittelbarer Nähe zur klinischen Forschung am MedUni Campus AKH erwartet man sich Synergien und eine gemeinsame Nutzung der Infrastruktur. Der Architekturwettbewerb ist für 2017 geplant. Das Wissenschaftsministerium investiert insgesamt 339,4 Millionen Euro, davon gehen 283,9 Millionen in die Forschungs- und Lehrinfrastruktur sowie den Neubau der Vorklinik. Weitere 55,5 Millionen Euro fließen in Erstausstattung und Einrichtung. „Mit dem MedUni Campus Mariannengasse stärken wir den Life-Sciences-Standort Wien und
Markus Müller, Rektor der MedUni Wien leisten einen wertvollen Beitrag zur Qualität der medizinischen Versorgung“, sagt Wissenschafts- und Forschungsminister Harald Mahrer. Und MedUni Wien Rektor Markus Müller ergänzt: „Unser größtes Ziel ist es, Patienten möglichst rasch auch vom Nutzen der Grundlagenforschung profitieren zu lassen.“
: au s l a n d ss e m e st e r
: M at h e m at i k
Brief aus Cambridge, Großbritannien. Diesmal: Psychowochen
Einblicke ins Innere von Körpern
Erasmus-Stipendiat und Bachelor-Student Lukas Schöppl schreibt vom Jesus College der Universität Cambridge über britische Eliteausbildung
Barbara Kaltenbacher berechnet die Ursachen von Wirkungen
Lukas Schöppl
Uschi Sorz
Nach einer Woche in Cambridge kann ich eines mit Bestimmtheit sagen: Vieles hier ist anders als zu Hause. Linksverkehr, Baked Beans, viktorianische Architektur. Soweit, so britisch. Aber auch das Leben an der Universität ist anders. Man wohnt in einem College (in meinem Fall das Jesus College) und wird schnell Teil der regen Community dort. Während man an österreichischen Universitäten größtenteils anonym bleibt, hat man hier sogar College Parents (eine Art Buddy-Programm). Nach sieben Tagen kenne ich mehr Menschen beim Namen als nach einem Semester an der Uni Wien. Für das soziale Wohlbefinden wird also früh gesorgt. Zusätzlich finden viele Vorträge zum Thema „Mental Health“ an der Universität statt. Ausgerechnet in der „Freshers’ Week“, in der die Erstsemestrigen ihre Hirnzellen in Alkohol ertränken. In der Tat ist der Stellenwert, den das psychische Wohlbefinden
in Cambridge hat, beachtlich. Die Studierenden der britischen Eliteuniversitäten Oxford und Cambridge gehören zu den unglücklichsten des Landes. Der Erfolgsdruck sowie der hohe Arbeitsaufwand sorgen für viel Stress und wenig Schlaf. Deshalb sind „Oxbridge“, wie die beiden Universitäten als Kofferwort bezeichnet werden, in den letzten Jahren in Sachen „Mental Health“ offensiv geworden. Es werden mehrere Instanzen zur psychischen Betreuung angeboten. Eine erste Anlaufstelle ist die Studienvertretung, für schwerwiegendere Probleme gibt es Vertrauensprofessoren und -professorinnen, die spezielle Schulungen erhalten haben. Zwar mögen österreichische Studierende durch den freien Hochschulzugang unter weniger Leistungsdruck leiden, trotzdem haben unsere Hochschulen in puncto psychologischer Versorgung Aufholbedarf.
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Was sind denn bitteschön eigentlich Werte? Und wer braucht so etwas? Unter Werten versteht jeder das, was ihm selbst am besten passt. Die Wissenschaft nähert sich dem Thema mit eigenen Wertestudien Tobias Schmitzberger
Der Wahlkampf war auch ein Kampf der Werte. Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit waren Themen, die Platz auf Plakaten und Wahldebatten fanden. Doch diese Begriffe sind abstrakt. Im Endeffekt können sie für jeden Menschen etwas anderes bedeu-
hristian C Friesl, Theologe, Universität Wien ten. Wie werden Werte also gebildet? Was sind Werte? Solche Fragen stellt sich der Forschungsverbund interdisziplinäre Werteforschung. Seit Juli 2017 ist er tätig, vier Fakultäten sind beteiligt: Die Katholische Theologie, die Philosophie und Bildungswissenschaft, die Rechtswissenschaften sowie die Sozialwissenschaften.
Leiter des Verbundes ist Christian Friesl vom Institut für Praktische Theologie an der Universität Wien. Hier ist man seit 1989 in der empirischen Werteforschung engagiert und wirkte mehrmals an der länderübergreifenden „europäischen Wertestudie“ mit. Im Jahr 2008 beschloss man, künftig mit anderen Fakultäten kooperieren zu wollen. „Das hat dann konzentrische Kreise gezogen. Wir haben gesagt: Werte sind nicht nur ein theologisches Thema. Religionen sind Wertequellen, aber bei Weitem nicht die einzigen“, so Friesl. So entstand eine Zusammenarbeit mit der Sozialwissenschaft, später holte man die anderen Fakultäten hinzu. Doch damit ist für Friesl nicht unbedingt Schluss: „Wir haben besprochen, dass uns etwa auch noch Historiker fehlen. Aber jetzt wollen wir den Forschungsverbund erst einmal anlaufen lassen, es gibt genug Arbeit.“
Wie kann man einen elektronischen Bauteil innen prüfen, ohne ihn zu zerlegen? Einen Krankheitsherd suchen, ohne den Körper aufzuschneiden? Verborgene Risse in einer Autobahnbrücke orten? Aufschluss über das Innere der Sonne gewinnen?
Barbara Kaltenbacher, Mathemati kerin, Univer sität Klagenfurt Mathematisch gesehen sind solche Probleme sogenannte inverse Probleme. „Inverse Verfahren beschäftigen sich mit der Bestimmung von Ursachen für beobachtete Effekte“, erklärt Barbara Kaltenbacher. „Egal, ob es um biologische oder physikalische Körper geht: Sind sie nicht direkt zugänglich, ist man auf Messungen von außen angewiesen.“ So lassen sich etwa von der Spannungsverteilung auf der Haut Rückschlüsse auf das darunterliegende Gewebe ziehen. Unter bestimmten Bedingungen und mit geeigneten Methoden kann man auf den Zustand im Inneren rückrechnen. „Man braucht dazu ein gutes mathematisches Modell der inneren Prozesse und eine genaue Beschreibung der Beobachtungen.“ Kaltenbacher ist Professorin am Institut für Mathematik der Universität Klagenfurt. In einem FWF-Projekt arbeitet sie an neuen Rechenverfahren für allgemeine inverse Probleme. Herkömmliche inverse Verfahren setzen die Lösung der Modelle in die Beobachtungsgleichungen ein und nähern sich rechnerisch schrittweise der gesuchten Größe an. Das ist aufwendig. Kaltenbachers Idee ist, Modell und Beobachtungen zugleich als Gesamtsystem von Gleichungen zu betrachten und so mehr Spielraum und Effizienz zu gewinnen. Neben Grundlagenforschung wie dieser arbeitet die 47-Jährige auch gerne anwendungsorientiert, oft in Kooperation mit Kolleginnen und Kollegen aus den Ingenieurswissenschaften. Die Leidenschaft für Mathematik hat sich bei ihr erst nach und nach entwickelt. „Das Fach ist ja keineswegs nur für Mathe-Freaks seit dem Kindergarten reserviert“, findet die dreifache Mutter. „Das Studium ist wahnsinnig spannend und eröffnet vielfältige Möglichkeiten in Industrie, Wirtschaft und Forschung.“
Fotos: Walter Elsner (www.riccio.at), Medizinische Universität Wien/APA-Fotoservice/Hörmandinger, krpelan
nachrichten aus forschung und wissenschaft
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: b i o lo g i e
: n e u rot ec h n o lo g i e
Auch Pflanzen unternehmen etwas gegen Gedächtnisverlust
Musik findet den Weg aus dem Kopf direkt auf die Notenblätter
Das genetische Gedächtnis von Pflanzen wird unmittelbar nach der Erbgutverdopplung aufgefrischt, und zwar sehr viel schneller als bei Tieren
Grazer Forschende haben eine Schnittstelle für Musik zwischen dem menschlichen Gehirn und Computern entwickelt
jochen stadler
jochen stadler
Selbst Pflanzen kommen nicht ohne Gedächtnis aus. Sie müssen sich an die optimalen Blütezeiten der vergangenen Jahre erinnern. Ein schnelles Auffrischen des genetischen Gedächtnisses direkt nach jeder Verdopplung ihres Erbguts sorgt dafür, dass sie Danhua Jiang, Gregor Mendel Institut für Molekulare Pflanzenbiologie, Wien beim Wachsen und Gedeihen nichts vergessen, berichten Wiener Forschende im Fachjournal Science. Für das genetische Gedächtnis sind bei Pflanzen und Tieren Veränderungen an der Verpackung des Erbguts zuständig, also an den HistonEiweißstoffen, welche die DNA umhüllen. Danhua Jiang und Frederic
Berger vom Gregor Mendel Institut für Molekulare Pflanzenbiologie (GMI) in Wien haben sich bei Tabakpflanzenzellen eine spezielle Veränderung genauer angesehen, die Gene ruhigstellt – unter anderem eines, das bei Pflanzen das Blühen unterbindet. Die Forscher fanden heraus, dass diese Veränderungen unmittelbar nach dem Kopieren des DNA-Fadens für die Zellteilung vorgenommen werden, wenn er sogleich wieder wohlverpackt wird. Sie geschieht direkt am Ort der DNA-Verdopplung, was eine verlässliche Übertragung der Gedächtnisinformation auf den neu hergestellten DNA-Faden gewährleistet. Dieser Prozess erfolgt bei Pflanzen deutlich schneller als bei Tieren. Dies sei auch notwendig, denn Pflanzenzellen sind etwa weit mehr in Gefahr, ihre Identität zu vergessen, da sie im Gegensatz zu tierischen Zellen ihr ganzes Leben lang Alleskönner bleiben.
Eine Melodie entsteht zunächst im Kopf. Grazer Forscher haben eine Gehirn-Computer-Schnittstelle entwickelt, über welche die Melodie den direkten Weg auf Notenblätter findet. Menschen, die weder schreiben noch reden können, weil sie etwa unter
Gernot MüllerPutz, TU Graz Muskelkrankheiten oder Hirnschädigungen leiden, wird es so ermöglicht, sich musikalisch-kreativ zu betätigen, erklären sie im Fachmagazin Plos One. Betrachtet man einen Buchstaben (der für eine Tonhöhe steht), einen Notenwert, ein Pausenzeichen oder ein anderes Notenschriftelement, entsteht im
Kopf eine Gehirnwelle, die sogenannte „ereignisorientierte P300-Gehirnwelle“, die man mittels EEG ablesen kann, erklärt Gernot Müller-Putz vom Institut für Neurotechnologie der TU Graz. Hat man gerade intensiv an ein bestimmtes Notenzeichen gedacht, wenn es gezeigt wurde, sieht diese Gehirnwelle ein wenig anders aus. Die P300Gehirnwelle kann daher als Aufmerksamkeitsmaß verwendet werden. Ein Computeralgorithmus erkennt nach dem Präsentieren aller möglicher Notationszeichen jenes, welches davon der „Komponist“ im Sinn hat. Die Forschenden setzten siebzehn musikbegeisterte Laien und einem Profimusiker ein Mützchen mit EEGElektroden auf und ließen sie mit ihren Gedanken komponieren. Die Eingebungen wurden tadellos vom Computer aufgezeichnet. Beim professionellen Musiker fanden die Töne zu 98,2 Prozenten ohne Fehler von seinem Kopf auf das Notenblatt.
: St i l i st i k
Schreiben, um verständlich & korrekt zu biben Wer wissenschaftliches Schreiben üben will, muss öfter Texte handschriftlich exzerpieren, meinen die Coaches des Schreibzentrums an der FHWien
Fotos: Thomas Steibl, Lunghammer – TU Graz, Ruben Gutzat
Sabine Edith Braun
„Ich habe es offenkundig handwerklich nicht gut gemacht. Natürlich würde ich 17 Jahre später vieles anders machen.“ Das sagte ein österreichischer Politiker im April, als die Universität Graz seinen Promotionsbescheid wegen wissenschaftlicher Mängel aufhob. Ob intentional oder nicht: Heute würde eine solche Arbeit nicht angenommen werden. Sie fiele durch die Plagiatsprüfung. Seit 2008 testen Hochschulen mittels Spezialsoftware Diplom-, Master- und Doktorarbeiten, an der Universität Graz auf Wunsch der Lehrenden auch Bachelorarbeiten. 40.000 Arbeiten verzeichnet der Hochschulserver der Universität Wien. Darüber hinaus gibt es an allen Universitäten Angebote für Studierende zur Verbesserung ihrer Schreibkompetenz. Das von der Stadt Wien geförderte Schreibzentrum an der FHWien richtet sich an Studierende sowie an Lehrende. Es werden auch Unterlagen für Lehrende vorbereitet, unter anderem Zi-
tierleitfäden. „Wir sind keine Nachhilfeeinrichtung“, betont die Leiterin Regina Fenzl. Das war beim Start im Jahr 2012 nicht allen ganz klar. Keine Nachhilfeeinrichtung, aber ein Plädoyer fürs Exzerpieren Mittlerweile ist das Schreibzentrum etabliert: Ein Viertel der 3.000 Studierenden nimmt die Angebote an. „Es sind die obersten und die untersten 12,5 Prozent“, sagt Regina Fenzl. Also jene, die es besonders gut machen, und jene, die sich ins wissenschaftliche Schreiben erst einarbeiten müssen, da sie nicht aus dem klassischen Bildungsbereich kommen, oder Probleme haben und im schlimmsten Fall mit Schreibblockaden kämpfen.“ Es stellte sich heraus, dass die Studierenden nicht bewusst Fehler machen, sondern unzureichend paraphrasieren. Das sei auch der Zeitnot geschuldet, denn an der FHWien studieren viele berufsbegleitend. „Wer viel mit der Hand schreibt, lernt paraphrasieren, aber das wird
an den Oberstufen der Mittelschulen kaum noch gemacht“, sagt Natascha Miljković. Viele Studierende wüssten außerdem nicht, warum sie zitieren müssen. „Keiner will ein Plagiat abgeben – aber niemand denkt daran, dass es hier um den Argumentationsfaktor geht!“
Natascha Miljković, Lektorin am Schreibzentrum der FHWien Miljković ist als Lektorin am Schreibzentrum tätig. Als Selbstständige leitet sie die „Agentur Zitier-Weise“. „Ich bin keine Plagiatjägerin, sondern ausschließlich präventiv tätig“, sagt sie und fügt hinzu: „Nicht alles ist gleich ein Skandal.“ Aber sehr viele, auch Lehrende, glaubten noch immer, dass alles im Netz frei sei:
„Hier spießt sich Open Access mit Verwertungsrechten.“ Schreiben und tanzen zur Wissensaneignung Regina Fenzl plädiert für eine „schreibintensive Lehre“: „Man soll die Gedanken nicht nur im Kopf kreisen lassen.“ Doch dazu bedürfe es mehr Inputs seitens der Lehrenden und mehr „Lust zum Schreiben“ seitens der Studierenden. Abhilfe können vielleicht Trends wie der „Dance your Ph.D.“-Contest schaffen. „Das zwingt zum Verkürzen, und das brauche ich in jedem Forschungsantrag“, so Miljković. www.fh-wien.ac.at/kontakt/ schreibzentrum www.plagiatpruefung.at Buchtipp: Natascha Miljković et al. (Hg.): Erfolg in Studium und Karriere – Fit durch Selbstcoaching. UTB, 2017
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Internationaler, europäischer, interdisziplinärer Walter Berka, Universität Salzburg, und Elmar Pichl, Leiter der Hochschulsektion im BMWFW, über die Zukunft der Rechtswissenschaften BARBARA FREITAG
Herr Berka, Jus ist eines der am meisten nachgefragten Studien in Österreich. Warum? Walter Berka: Nicht immer liegt zunächst ein besonderes Interesse oder gar eine Leidenschaft für die Rechtswissenschaft zugrunde. Die besten unter den Studierenden kommen freilich im Lauf des Studiums auf den Geschmack: ,Es ist mit der Jurisprudenz wie mit dem Bier; das erste Mal schaudert man, doch hat man’s einmal getrunken, kann man’s nicht mehr lassen‘, wusste schon der Jurist Goethe. Hat die Bologna-Reform das Jus-Studium bereits verändert? Elmar Pichl: Die Rechtswissenschaften sind eine der letzten Studienrichtungen, die in Österreich noch nicht auf das Bologna-System im Sinn von Bachelor – Master – PhD umgestellt sind. Die Rechtswissenschaft zählt zu den ältesten Wissenschaftsdisziplinen, und der grundlegende Fächerkanon des heutigen Jus-Curriculums reicht in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Veränderungen in der Studienstruktur, die immer auch mit dem spezifischen Fächerkanon verbunden ist, sind daher immer ein schwieriges Thema. Wo Bologna aber sichtbar geworden ist, sind die Bemühungen, auch im Rahmen der Curricula-Gestaltung der Diplomstudien europäische Mobilität, sprich Auslandssemester oder
Walter Berka, Jusprofessor an der Universität Salzburg
Elmar Pichl, Leiter der Hochschulsektion im
BMWFW
-aufenthalte, zu ermöglichen. Europa recht oder Völkerrecht gehören unter den Fächern, die im Ausland unproblematisch absolviert werden können und im Inland unkompliziert angerechnet werden, zu den Klassikern. In Bezug auf die Studienstruktur zeigt aber beispielsweise die WU Wien mit ihrem Studium des Wirtschaftsrechts, dass eine Kombination von Bachelor und Master nicht nur unter den Studierenden gut nachgefragt wird, sondern dass sie auch im Bereich der klassischen Justizberufe akzeptiert ist.
Bologna-Struktur nur in den Varianten 3+2 oder 4+1 realisiert werden, was auf eine deutliche Verlängerung der Studienzeit hinauslaufen würde, freilich aber auch die Chancen für eine Verbesserung der Studienbedingungen eröffnen könnte. Vertretbar wäre eine solche Verlängerung nur, wenn gleichzeitig die überaus langen Zeiten der praktischen Ausbildung bei den klassischen juristischen Berufen wie Anwalt, Richter und Notar verkürzt werden oder entsprechende Anrechnungsmöglichkeiten geschaffen werden.
Warum ist das Jus-Studium noch immer ein Diplomstudium und wird sich das ändern? Berka: Es ist ein Studium für hochgradig professionalisierte Berufe, auch wenn sich die Berufsbilder wandeln, und ein solches Studium braucht seine Zeit. Ein dreijähriger Bachelor wird gegenwärtig nirgendwo in Europa als ausreichend für die eigentlichen Rechtsberufe angesehen und würde gegenwärtig vom Markt nicht akzeptiert werden. Daher könnte die
Wie werden sich die juristischen Berufe verändern? Pichl: Sie werden internationaler, europäischer, interdisziplinärer, kommunikativer und digitaler ausgerichtet sein. Entsprechend müssen sich auch die Studienangebote verändern. Die Rechtswissenschaftlichen Fakultäten müssen sich interdisziplinärer aufstellen, etwa in Richtung Neue Technologie oder Gesundheit wie Life-Sciences, und stärker an ihrer Grundlagenforschung arbeiten sowie
die europäischen und die globalen Aspekte stärker berücksichtigen. Hat die Studieneingangsphase, die sogenannte STEOP, eine Drop-out-Funktion angesichts des Andrangs von Studierenden? Berka: Die STEOP hat sich bewährt, weil sie dazu führt, dass die Studienwahl bereits in einem frühen Stadium nochmals überprüft werden kann. Gibt es Fächer, die man an Fachhochschulen auslagern könnte? Pichl: Das klassische rechtswissenschaftliche Studium wird auch in der Zukunft ausschließlich universitär angeboten werden. An den Fachhochschulen werden bereits, und das soll auch in Zukunft so sein, interdisziplinäre Studiengänge angeboten, etwa Management und Recht, Finanzmanagement und Steuerrecht, wobei der rechtswissenschaftliche Anteil am Curriculum nicht überwiegen soll.
„Das klassische rechtswissenschaftliche Studium bleibt auch künftig universitär“ Elmar Pichl
: w i rt s c h a f t sw i ss e n s c h a f t e n
„Für Wettbewerbsfähigkeit brauchen wir Betreuung Edeltraud Hanappi-Egger, Informatikerin und Rektorin der Wirtschaftsuniversität Wien, im Gespräch über die Zukunftsaussichten der wirtschaftswissenscha Jochen Stadler
Frau Rektorin, die WU Wien ist, verglichen mit anderen Universitäten, recht praxisorientiert. Wie wichtig ist die Wissenschaft im Studium? Edeltraud Hanappi-Egger: Sie ist das zentrale Element in der universitären Lehre. Die WU Wien bereitet ihre Studierenden mittels forschungsgeleiteter Lehre auf die Berufstätigkeit vor und qualifiziert sie für vielfältige Disziplinen und Einsatzgebiete, nicht nur für ein spezielles Berufsfeld. Sind WU-Professoren wissenschaftlich genauso aktiv wie etwa ihre Kollegen in den Life-Sciences? Hanappi-Egger: Natürlich! Exzellente Forschung ist ein Leitprinzip der WU
Edeltraud Hanappi-Egger, Rektorin der WU Wien Wien. Unsere Wissenschafter und Wissenschafterinnen beschäftigen sich mit relevanten Themen, publizieren ihre Forschungsergebnisse in wichtigen Fachjournalen und bringen diese auch über Medien und Podiumsdiskussionen in die öffentliche Diskussion ein. Wie wichtig ist die Wissenschaft für die Wirtschaft?
Hanappi-Egger: Wirtschaftswissenschaftliche Forschung trägt zu einem umfassenden Verständnis des Zusammenspiels von ökonomischen, sozialen und ökologischen Faktoren bei – und damit natürlich auch zu zukunftsfähigem Wirtschaften. Was sind zurzeit die brennenden Themen in den Wirtschaftswissenschaften? Hanappi-Egger: Etwa Digitalisierung und Dezentralisierung, die aktuell vor allem Wirtschaftsfragen aufwerfen: Wie sich Arbeit verändern wird, welche Auswirkungen das auf den Arbeitsmarkt hat, welche neuen Geschäftsmodelle sich auftun, wie verschiedene Märkte darauf reagieren
und mehr. Spannend sind im Moment auch Fragen zu Alterung und Gesundheit, ökonomische Ungleichheit, Teilhabechancen und Wohlstandssicherung, disruptive Technologien und ihre wirtschaftspolitischen und gesellschaftlichen Konsequenzen wie in der Kryptoökonomie. Auch das Thema der Gestaltung der Globalisierung mit ihren vielfältigen Auswirkungen wird in allen Disziplinen an der WU Wien ein Dauerbrenner bleiben. Gibt es eine Diskrepanz zwischen der Wissenschaft und der Umsetzung in der Praxis? Hanappi-Egger: Der Wissenstransfer zwischen WU Wien und Wirtschaft
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: w i ss e n s c h a f t l i c h e b ü c h e r au s ö st e r r e i c h empfehlungen von erich klein
Fotos: Hasenöhrl, Klaus Vyhnalek, Justsmilepics, BOAnet
Studie über Wiens Sozialstruktur zwischen 1850 und 1930 einer legendären Sozialforscherin
An der WU Wien wird auch ein Studium für Wirtschaftsrecht angeboten
und Ressourcen“ ftlichen Studien in Österreich
ist grundsätzlich in beide Richtun gen sehr erfolgreich. Wirtschaftswis sen fließt in die Gestaltung gesell schaftlicher Systeme ein, und die WU Wien erhält wichtiges Feedback zur Praxisrelevanz ihrer Forschungs- und Lehrthemen. Der Forschungstransfer in Richtung evidenzbasierter Wirt schaftspolitik sollte aber noch deut lich ausgebaut werden. Gibt es Bereiche der Wirtschaftswissenschaften, bei denen großer Forschungsbedarf besteht? Hanappi-Egger: Aktuelle Wirtschafts systeme zeichnen sich durch hohe Komplexität, globale Vernetzungen und unvorhergesehene Dynamiken
aus, daher müssen die entsprechenden Fragestellungen multidisziplinär bear beitet werden, also ökonomische, so ziale, ökologische und rechtliche As pekte mitbedacht werden. Das gilt es noch auszubauen. Ist die Wirtschaftswissenschaft in Österreich groß genug? Hanappi-Egger: Einerseits ist die Kooperation zwischen Wirtschaftswis senschaften und technisch-naturwis senschaftlicher Forschung noch aus baufähig. Für die WU Wien geht es um die internationale Wettbewerbsfä higkeit. Das heißt, wir brauchen ent sprechende Betreuungsrelationen und Ressourcenausstattungen.
Über das Leben in Österreich zurzeit des nationalsozialistischen Terrors
Zweiundfünfzig Lebensge schichten von Frauen und Männern aus Versorgungs häusern des Roten Wien wa ren Ausgangsmaterial für die Dissertation von Marie Jahoda. Eine Befragte aus Mähren: acht Geschwister, Kühe gehütet, mit dreizehn das Elternhaus ver lassen, Heirat mit einem Perl muttdreher, Bankrott im Ersten Weltkrieg. Den „Beitrag zur Le benspsychologie“ ergänzt eine Darstellung von Wiens Sozi alstruktur und Arbeitsmarkt zwischen 1850 und 1930 so wie eine Biografie der Sozial forscherin, die 1937 aus Öster reich fliehen musste.
Während der Reise zum Ober salzberg im Februar 1938 scherzte Kurt Schuschnigg düs ter, eigentlich hätte ein Psychia ter zu Hitler fahren sollen. Tage später wurden Nationalsozi alisten in die Regierung auf genommen, doch der Stände staatskanzler markierte weiter hin Optimismus. Einige wie der Literat Anton Kuh erkannten die Zeichen der Zeit: „Sind Ju den intelligent? Wenn ja, rettet euch!“ Die Apokalypse der fol genden sieben Jahre wird analy tisch präzise und zugleich poin tiert erzählt, mit allen Facetten von Widerstand, Mitläufertum, Verfolgung und Mord.
Marie Jahoda: Lebensgeschichtliche Protokolle der arbeitenden Klassen 1850-1930 Studien Verlag 2017, 392 S.
Kurt Bauer: Die dunklen Jahre. Politik und Alltag im nationalsozialistischen Österreich 1938 bis 1945 S. Fischer 2017, 239 S.
Flüchtlinge unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich
„We demand to open the ga tes of Palestine!“, war auf der Barackenwand eines jüdischen Flüchtlingslagers in Salzburg plakatiert. Das „Wiener Jahr buch für jüdische Geschichte“ dokumentiert drei Fotobestände über das Schicksal von Überle benden des Holocaust und so genannter Displaced Persons aus Osteuropa, für die Öster reich nach 1945 erste Zwi schenstation auf dem Weg in die Freiheit darstellte. Ein Ka pitel dieser vergessenen Ge schichte: Zwischen 1970 und 1990 emigrierten 185.000 sow jetische Juden über Wien. Danielle Spera, Werner Hanak-Lettner (Hrsg.): Displaced in Österreich. Jüdische Flüchtlinge seit 1945 Studien Verlag 2017, 176 S.
Der Konflikt zwischen Russen und Ukrainern im Lauf ihrer Geschichte
Ein loser Herrschaftsverband slawischer Völker namens Kiewer Rus stand im Mittelal ter am Anfang. In bekannt sou veräner Manier rekapituliert der Wiener Osteuropahistori ker die wechselvolle Geschich te von Russen und Ukrainern: Vom Aufstieg Moskowiens über die Integration der ukrainischen „Kleinrussen“ ins Zarenreich bis zum russischen „imperialen“ Nationalismus und den Krisen der ukrainischen Nationenbil dung. Eine Lösung des aktuel len Konflikts gibt es erst, „wenn Russland sich aus der Ukraine zurückzieht und seine paterna listische Haltung aufgibt“. Andreas Kappeller: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart C. H. Beck 2017, 267 S.
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T I T E LT h e m a Zukunft der H o c h s c h u le n
In diesem Heft hat sich der Künstler Gerald Hartwig zeichnerisch mit unserem Titelthema auseinandergesetzt. Wie er sich die Universitäten und Fachhochschulen der Zukunft vorstellt, sehen Sie auf den Seiten 11–21.
: au s g e s u c h t e z a h l e n z u m t h e m a zusammengestellt von Sabine Edith Braun
1.400
Studien bzw. Studiengänge werden in Österreich an insgesamt
70
Einrichtungen von
Mehr als
39.072
Studierende der Informatikund Wirtschaftswissenschaften würden vom neuen Transparenzinstrument der Vereinheitlichung des Übertritts vom Bachelor- ins Masterstudium profitieren. Alle Bachelorstudien zusammengenommen, profitieren insgesamt 13 Prozent.
50.000
Menschen arbeiten in Österreich in über 800 Firmen im Biotech-Sektor. Sechs Prozent trägt dieser Sektor aktuell zum BIP bei.
22
30%
öffentlichen Universitäten und
21
Fachhochschulen angeboten. Der internationalen UNESCO-Klassifikation ISECD-97 zufolge lassen sie sich auf
11
thematisch geclusterte Studienfelder aufteilen.
528
Aktionsfelder umfasste „Zukunft Hochschule“ 1. Life-Sciences 2. Informatik 3. Geistes- und Kulturwissenschaften 4. Durchlässigkeit 5. Abgleich des Studienangebots zwischen den Hochschulen sowie Weiterentwicklung des FH-Sektors. Im Sommer 2017 wurde das Projekt abgeschlossen – die Ergebnisse fließen nun in die weitere Gestaltung des Hochschulraums ein.
Studien wurden für „Zukunft Hochschule“ bereits analysiert. 329 Personen waren an dem Projekt beteiligt, ebenso waren 31 Hochschulen involviert.
Auf 30 Prozent soll der Anteil der Studierenden an Fachhochschulen mittelfristig ausgebaut werden. Das ist eines der Ziele von „Zukunft Hochschule“.
8.600 jährlich begonnenen Erstabschlussstudien (Bachelor und Diplom) stehen lediglich 1.812 Abschlüsse gegenüber: So sieht es in der Rechtswissenschaft aus – die letzten fünf Jahre betrachtet. Ein Grund, warum dieses Fach für die Teilnahme am Projekt „Zukunft Hochschule“ ausgewählt wurde.
Illustration: Gerald Hartwig-Zeichenstrich
Tit e lt h e m a : h eu r e k a 05/17 FALTER 43/17 11
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So viel Luft nach oben Geistes- und Kulturwissenschaften stecken in einer Krise. Die Chance für bessere Ergebnisse er ist schuld an der Krise der Geistesund Kulturwissenschaften? Sie selbst, meint Antonio Loprieno, Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates. Das Projekt „Zukunft Hochschule“, an dem Loprieno maßgeblich beteiligt ist, will Österreichs geistes- und kulturwissenschaftliche Studien aus der Krise heraus und in eine bessere Zukunft hineinführen. Die Initiative des BMWFW hat zum Ziel, Österreichs Hochschullandschaft zukunfts- und konkurrenzfähig zu machen. Im Rahmen des Projekts haben sieben Fokusgruppen an den Themen „FH-Portfolio“ und „Durchlässigkeit“ sowie an Reformkonzepten für fünf Studienfelder (Geistes- und Kulturwissenschaften, Life-Sciences, Wirtschaftswissenschaften, Informatik und Rechtswissenschaften) gearbeitet. Neue Ausbildungsideen für sogenannte Orchideenfächer Die Geistes- und Kulturwissenschaften (GK) gelten nicht erst seit Kurzem als Sorgenkind der Universitäten. Während in beliebten Studiengängen katastrophale Betreuungsverhältnisse und regelrechte Kämpfe um Plätze in Seminaren herrschen, stoßen viele Studien auf wenig Interesse. Sie attraktiver zu machen, war ein erklärtes Ziel des Projekts „Zukunft Hochschule“. Andrea Geisler vom BMWFW hat als Aktionsleiterin im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften für den Austausch mit den Universitäten gesorgt und Workshops durchgeführt, in denen Ideen für die Justierung des Studienangebots erarbeitet wurden. Der neue Ansatz setzt auf interdisziplinäre Bachelorstudiengänge mit anschlussfähigen, fachspezifischen Masterstudien. Im Fall von Fächern wie Iranistik würde das bedeuten, dass nach Absolvierung eines allgemeinen Bachelors (etwa in Geschichte oder Sprachwissenschaft) ein fachspezifischer, spezialisierter Master in Iranistik gemacht werden kann. Als weiteres Beispiel führt der Ägyptologe Loprieno, der an der Universität Basel lehrt, die Fächer Slawistik und Orientalistik an: „Es wäre viel besser für alle, würden solche Orchideenfächer gemeinsam mit großen Studiengängen wie Literaturwissenschaft und Linguistik unterrichtet werden. Die Spezialisierung in den einzelnen Fächern erfolgt dann im Master.“ Stellt sich die Frage, ob die Fächer bei der Umstellung auf ein solches System nicht an Tiefe verlieren würden. Dies verneint Loprieno und verweist darauf, dass sich die Gesellschaft und mit ihr die Studierenden verändert haben: „Das herrschende Studienmodell geht von anderen Prämissen aus als jenen, mit denen wir heute konfrontiert sind: Den idealen Studenten, der ab dem ersten Semester ägyptisch rezipieren kann, gibt es nicht mehr. Aus diesem Grund sind Einführungsstudien unbedingt notwendig, um die Basis für Spezialisierungen zu schaffen.“
Text: Sophie Jaeger
„Auf die österreichischen Studierenden wartet nach Studienbeginn eine Blackbox. Die Begleitung des Fortschritts im Studium ist mangelhaft“ antonio loprieno, Vorsitzender des wissenschaftsrates
Andrea Geisler, Aktionsleiterin im Bereich der Geistes- und Kulturwissenschaften des BMWFW
Bernhard Fügenschuh, Vizerektor für Lehre und Studierende der Universität Innsbruck
Fachhochschulen sollten gleich viele
Studierende aufweisen wie Universitäten Curricularen Änderungen im Bereich der GK-Studien kann auch der Vizerektor für Lehre und Studierende der Universität Innsbruck, Bernhard Fügenschuh, etwas abgewinnen. Fügenschuh war als Vertreter der Universität Innsbruck aktiv am Projekt „Zukunft Hochschule“ beteiligt und ist der Meinung, dass eine curriculare Umstellung auf allgemeine Bachelorstudiengänge zweierlei Vorteile bringen würde: Einerseits werden so prekäre Fächer der Geistes- und Kulturwissenschaften überlebensfähig, und andererseits seien Veränderungen in den Curricula ohnehin notwendig, um sich von den Fachhochschulen klarer abzugrenzen. „Zukunft Hochschule“ strebt langfristig eine massive Stärkung der Fachhochschulen gegenüber den Universitäten an. Während heute 85 Prozent der Studierenden an Universitäten studieren und nur 15 Prozent an Fachhochschulen, soll künftig mehr als die Hälfte der Studierenden ebensolche besuchen. „Ausdifferenzierungsprozesse im curricularen Bereich sind unabdinglich, weil sich die Universitäten in den letzten Jahren deutlich an den Fachhochschulen-Markt angepasst haben“, sagt Fügenschuh. Umgekehrt hätten sich die Fachhochschulen in Richtung Universitäten orientiert, wodurch sich eine Art Melange ergibt, die für die Hochschullandschaft Österreichs nicht von Vorteil sei. Durch Anpassungen der Curricula kann Klarheit geschaffen werden. „Unis sollen wieder Unis werden, und Fachhochschulen ihrerseits Fachhochschulen bleiben“, so der Vizerektor. Die Angst der Geisteswissenschaft vor Veränderungen Reformpläne finden nicht überall Anklang. „Die erste Reaktion bei uns im Haus in Innsbruck war große Irritation“, sagt Fügenschuh. Auch Aktionsleiterin Geisler erzählt, dass vielfach gegen die Idee von interdisziplinären Bachelorstudiengängen argumentiert wurde: „Viele sehen die intensive fachspezifische Beschäftigung von Tag eins des Studiums als Voraussetzung für eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere.“ Hier widerspricht Loprieno vehement: „Fächer, in denen zwangsweise eine gewisse Spannung zwischen der Tiefe der Inhalte und der überschaubaren Belegung herrscht, können durch Kombination nur gewinnen!“ Den GK-Wissenschaften wirft er vor, eine defensive Politik zu betreiben und aus Angst vor Veränderungen an nicht zeitgemäßen Curricula festzuhalten: „Den Physikern gelingt es ohne viel Aufhebens, beispielsweise die Nanowissenschaften in die Curricula zu integrieren, wohingegen die Geistesund Kulturwissenschaften oft Lehrstuhlpolitik betreiben.“ Hier gelte es, kategorisches Denken aufzubrechen. „Die österreichischen Geistes- und Kulturwissenschafter denken in
Humboldtschen Kategorien: Ein Studium muss unbedingt mit einem Fach, mit einer akademischen Größe ident sein“, erklärt er. Als Plattform für alle Beteiligten sei „Zukunft Hochschule“ jedoch in der Lage gewesen, auf das Entwicklungspotenzial der Geistes- und Kulturwissenschaften in einem differenzierten System zu verweisen und aufzuzeigen, dass nicht alle Studiengänge in Fächer gegossen werden können und umgekehrt. Viel zu viele Studienangebote, viel zu wenige Absolventen Ein weiteres Problem, dem sich das Projekt gewidmet hat, sind die geringen Absolventenzahlen in den GK-Wissenschaften: Sie machen 22 Prozent des gesamten Studienangebots aus, erbringen aber nur elf Prozent der Absolventen (Studienjahr 2015/16). Das liegt einerseits an der geringen Nachfrage, andererseits daran, dass bei Weitem nicht alle Studienanfänger ihr Studium auch abschließen. „Auf die österreichischen Studierenden wartet nach Studienbeginn eine Blackbox“, sagt Loprieno. „Die Begleitung des Fortschritts im Studium ist mangelhaft. Viel effektiver als Zugangsbeschränkungen finde ich daher Qualitätskontrollen, die im Laufe der akademischen Entwicklung stattfinden.“ Loprieno führt an dieser Stelle als Beispiel die ETH Zürich an. „Prinzipiell kann jeder an der ETH studieren“, sagt er. „Jedoch wird den Studierenden bereits am ersten Tag eine kleine Aufgabe mitgegeben, die bis zum nächsten Tag zu lösen ist. Dadurch wird die Qualitätskontrolle ganz natürlich in den Studienalltag miteingeflochten.“ Sogenannte Studieneingangs- und Orientierungsphasen (STEOP), die mittlerweile in fast allen Bachelorstudien absolviert werden müssen, seien ein Schritt in die richtige Richtung. Andrea Geisler sieht ausführlichere Informationen vor Studienbeginn als eine weitere Möglichkeit, um die Zahl der Studienanfänger jener der Absolventenzahl anzugleichen: „Eine zusätzliche Chance bieten curriculare Änderungen und inhaltliche Anpassungen, um das Studienangebot insgesamt attraktiver zu gestalten.“ Insgesamt scheint die Krise der Geisteswissenschaften in Anbetracht derartiger Reformpläne durchaus bewältigbar. Für Loprieno ist die Krise ohnehin ein hypothetisches Problem: „In meinen Augen gibt es keine Krise. Sie ist eher ein PR-Gag, eine kluge Erfindung der Geisteswissenschaften, um im Gespräch zu bleiben.“ An der Uni Innsbruck will man ebenfalls nicht über eine Krise reden, sagt Bernhard Fügenschuh. Die Entwicklungspotenziale der GK-Wissenschaften schätzt der Vizerektor sogar höher ein als die der Naturwissenschaften. Und zwar nicht, weil diese weniger wichtig seien, sondern weil bei den Geistes- und Kulturwissenschaften schlichtweg mehr Luft nach oben sei.
Fotos: Universität basel, BMWFW, Eva Fessler
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Illustration: Gerald Hartwig-Zeichenstrich
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Enormes Potenzial für die Gesellschaft Life-Sciences sind ein wesentlicher Aspekt der Zukunft – wie auch ihre Effizienz und ihr Nachwuchs ie Alterung der Gesellschaft, die Digitalisierung, der steigende Kostendruck im Gesundheitssystem oder der Klimawandel: Für diese Herausforderungen gelten die Lebenswissenschaften als Schlüsseltechnologien. In den letzten Jahren sind die Studienabschlüsse an den Universitäten und Fachhochschulen im biowissenschaftlichen Bereich stetig gestiegen: Gab es in Österreich im Studienjahr 2011/12 um die 800 Abschlüsse, waren es fünf Jahre später bereits um die 1.800 Absolventen. Im Life-Sciences-Sektor sind Unis und Fachhochschulen gefordert Das Projekt „Zukunft Hochschule“, das im Oktober 2016 vom Wissenschaftsministerium gestartet wurde, möchte dazu beitragen, Effizienz und Qualität der universitären Bildung zu erhöhen. Das soll durch eine Optimierung des Ausbildungsprofils von Universitäten und Fachhochschulen, durch eine Strukturierung des Studienangebots und durch die Verbesserung der Durchlässigkeit innerhalb des tertiären Sektors erreicht werden. „Jede Universität und jede Fachhochschule nimmt ihre Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen autonom wahr“, sagt Thomas Weldschek vom Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft. „Unsere Aufgabe im Ministerium ist, den Standort Österreich im Blickfeld zu haben und zu wissen, in welche Richtung sich das System entwickelt und bestmöglich entwickeln kann. Seit einigen Jahren haben wir mit den Universitäten im Zuge der Leistungsvereinbarungen und deren Begleitung einen konstruktiven Dialog aufgebaut.“ In bestimmten, längeren Intervallen macht es Sinn, diesen Dialog breiter anzulegen und Universitäten, Fachhochschulen, die Österreichische Hochschülerschaft und Stakeholder aus der Wirtschaft an einen Tisch zu holen. „Deshalb haben wir zu Beginn des Projekts mit allen Akteure in der Österreichischen Universitätenkonferenz einerseits die derzeitige Lage des Studienangebots und andererseits die Forschungs-, Infrastruktur- und Administrationskooperationen in den Life-Sciences in Österreich analysiert“, erklärt Martin Gerzabek, Rektor der Universität für Bodenkultur BOKU in Wien. An diesem Projekt haben im Bereich der Life-Sciences zwölf Universitäten und acht Fachhochschulen teilgenommen. „Die Ergebnisse zeigten, dass das Studienangebot an Unis und Fachhochschulen vielfältig und überwiegend stark ausdifferenziert ist. Wir haben erkannt, dass wir beide brauchen, denn die Studierenden haben unterschiedliche Zugänge und Erwartungen im Hinblick auf organisatorische Rahmenbedingungen. Auch in der Erstellung der Curricula gibt es Unterschiede: An der Universität ist sie eher forschungsgetrieben, wohingegen sich die Fachhochschulen hauptsächlich an einem
Text: Sophie Hanak
„Das Studienangebot an Unis und Fachhochschulen ist vielfältig und überwiegend stark ausdifferenziert. Wir haben erkannt, dass wir beide brauchen“ thomas w eldschek, Wissenschaftsministerium
Martin Gerzabek, Rektor der Universität für Bodenkultur BOKU in Wien
bestehenden Berufsbild orientieren“, sagt Thomas Weldschek. Trotz dieser systemimmanenten Ausdifferenzierung konnten im Rahmen des Projekts eine Fülle von Kooperationen zwischen Fachhochschulen und Universitäten gefunden werden. Es wurde eine Datenbank über die derzeit bestehenden 200 Kooperationen erstellt. So wurde erstmals gezeigt, dass die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Universitäten und zwischen Fachhochschulen und Universitäten sehr gut ist. LifeSciences erweisen sich als außerordentlich kostenintensiv. Daher ist die Zusammenarbeit unerlässlich. „Die Geräteinfrastruktur, die innerhalb der Life -Sciences benötigt wird, ist zumeist sehr teuer“, sagt Martin Gerzabek. „Somit ist es auch sinnvoll, sogenannte Core Facilities zu schaffen, an denen eine spezielle Infrastruktur gemeinsam genutzt werden kann.“ Verstärkte Durchlässigkeit bei Masterstudien in den Life-Sciences Besonders spannend und attraktiv für Studierende ist das Vorhaben, eine verstärkte Durchlässigkeit bei Masterstudien zu ermöglichen. „Studiert beispielsweise jemand an der Universität Innsbruck Biologie und möchte in Salzburg eine bestimmte Vorlesung besuchen, kann er dort ein Semester studieren“, erklärt Gerzabek. Die Idee dahinter ist es, die besonders exzellenten Fachgebiete einer Universität sichtbar zu machen und dieses Know-how den Studierenden anzubieten. So können Universitäten ihre besonderen Schwerpunkte und Stärken sichtbarer machen. Als weitere Maßnahme wurden bestimmte Masterstudien genauer untersucht, etwa darauf, ob sie zu eng ausgerichtet sind, oder in Einzelfällen am Arbeitsmarkt vorbeigehen. Das kann bei hochtechnischen Studien ebenso wie bei den klassischen Studien Zoologie und Botanik der Fall sein. Im Zuge des Projekts geht es nicht um Budgetkürzungen, sondern darum, die Effizienz und die Qualität der Hochschulen zu optimieren. „Molekularbiologie, Biotechnologie und Genetik stehen naturgemäß im Fokus, trotzdem darf nicht auf die klassischen Fächer vergessen werden. Wir brauchen in Österreich Botaniker, die hinausgehen und in der Lage sind Pflanzen zu bestimmen, um die Veränderungen in unserer Umwelt zu verstehen“, meint Gerzabek. Kooperation mit Schulen verstärken und Studieneingangsphasen verbessern Ein zentrales Ziel des Projekts ist, die Schnittstelle zwischen Schulen und Hochschulen noch intensiver auszubauen und die Studienangebote im Bereich der Life-Sciences aufzulisten. „Das bietet eine große Hilfe für angehende Studierende, um einen Überblick über die vielfältigen Möglichkeiten zu bekommen und in der Studienwahl unterstützt zu werden“, erklärt Thomas Weldschek.
In vielen technischen Studien zum Beispiel besteht immer noch ein Mangel an Studierenden. Hier müsse das Interesse frühzeitig geweckt und gefördert werden. „Da ist noch viel mehr zu tun. Vor allem auch in den Schulen. Denn meist ist die Studienwahl sehr emotional geprägt und orientiert sich oft vorrangig am Studienort“, sagt Weldschek. Der Fokus soll stärker auf jene Studienrichtungen gelenkt werden, die noch nicht so frequentiert sind und in denen dringend mehr Absolventen benötigt werden. Andererseits gab es in den letzten Jahren in verschiedensten Studienrichtungen einen enormen Ansturm. „Am eindrücklichsten war dies im Studium ,Umwelt- und Bioressourcen Management‘ an der BOKU zu beobachten“, berichtet Gerzabek. „Hier wurden rund 80 Erstsemestrige erwartet, schlussendlich waren es an die 550.“ Aufgrund der großen Nachfrage kommt es seit einigen Jahren in einigen Studienrichtungen zu Engpässen. Daher wurde etwa in der Biotechnologie voriges Jahr eine Obergrenze von 400 Erstsemestrigen pro Jahr eingeführt. Die Ankündigung hat dazu geführt, dass sich statt 550 Studierende nur knapp 300 angemeldet haben. „Das ist immer noch eine große Herausforderung für den Studiengang, aber es ist machbar“, freut sich Gerzabek. Jugendliche schon in den Schulen auf eine berufliche Auswahl vorbereiten Eine frühzeitige Aufklärung über das Studienangebot kann einem Ungleichgewicht entgegenwirken. „Ich denke, es ist extrem wichtig, die Schüler rechtzeitig an die Universitäten und Fachhochschulen heranzuführen. In der achten Klasse ist es schon recht spät“, meint BOKU-Rektor Gerzabek. Projekte wie die Kinderuni, Sparkling Science oder der Töchter-Tag spielen hier eine wichtige Rolle und ermöglichen Schülern und Schülerinnen erste Einblicke. Sie können dabei an Praktika teilnehmen und in Forschungsprojekte eingebunden werden. „Ich würde allen Studieninteressierten raten, zu beobachten, wo die eigenen Stärken, Schwächen und Begabungen liegen“, empfiehlt Gerzabek. „Es ist besser, sich an einem Berufsfeld zu orientieren, statt nur einmal zu schauen, ob das Studium auch wirklich Spaß macht.“ „Am Anfang des Projekts ‚Zukunft Hochschule‘ gab es seitens der betroffenen Institutionen viel Skepsis“, erzählt Thomas Weldschek vom Ministerium. „Aber gegen Ende hin hat sich allgemein die Überzeugung durchgesetzt, dass das Projekt eine gute Sache ist. Das hat uns hier sehr gefreut. Die Life-Sciences sind ein zentrales Zukunftsthema und in den letzten Jahren für unsere Gesellschaft sehr wichtig geworden. Sie haben ein enormes Potenzial, das weiterentwickelt werden muss.“
Fotos: BOKU, Privat
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Illustration: Gerald Hartwig-Zeichenstrich
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Ohne Informatik geht fast nichts mehr Informatikkompetenz wird im ganzen Hochschulbereich verstärkt notwendig sein m 12. März 1365 gründete Herzog Rudolf IV. von Österreich die Universität Wien. Mit einer artistischen, einer juridischen und einer medizinischen Fakultät war ihr Betrieb anfangs recht überschaubar. Heute gehört die Universität Wien zu den größten Hochschulen Europas und ist auch längst nicht mehr die einzige tertiäre Bildungsanstalt in Österreich. Allein die 22 öffentlichen Universitäten und 21 Fachhochschulen bieten zusammen rund 1.400 Studiengänge an, Tendenz steigend. Informatik als Grundlage in allen Berufsfeldern der Gegenwart Speziell im Bereich Informatik besteht eine große Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften. Die digitalen Technologien verändern die Gesellschaft, schaffen neue Berufsbilder und Forschungshorizonte. „Die Informatik reicht mittlerweile in alle Berufsfelder hinein und hat eine große wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung“, sagt Eva Schmutzer-Hollensteiner, Leiterin des Aktionsfeldes Informatik im Rahmen des Projekts „Zukunft Hochschule“. „Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, die Weiterentwicklung des Hochschulsektors koordiniert und effizient voranzutreiben. Daher sollte die Situation im Ausbildungsbereich genau untersucht werden.“ Neun Universitäten und fünfzehn Fachhochschulen, die insgesamt 144 Studienmöglichkeiten im Informatikbereich anbieten, haben sich österreichweit am Aktionsfeld Informatik beteiligt, um das bestehende Studienangebot in den vier regionalen Arbeitskreisen Ost, Süd, Mitte und West zu analysieren, zu adaptieren und zu optimieren. „Durch die Reflexion und Diskussion auf regionalem Level konnten Kooperationspotenziale und neuer Bedarf abgestimmt werden“, erläutert Schmutzer-Hollensteiner. Obwohl sich gezeigt hat, dass das Ausbildungsangebot im Bereich Informatik grundsätzlich adäquat ist, werden die Studienplätze regional sehr unterschiedlich nachgefragt. „Es gibt einen Sogeffekt nach Wien und auch nach Graz.“ So hatte die TU Wien heuer etwa 581 Studienplätze an 1.000 Bewerber zu vergeben, während an der Universität Linz noch freie Kapazitäten verfügbar waren. „Dementsprechend intensiv hat man sich in der Region Mitte damit auseinandergesetzt, wie man die Studierenden in Zukunft besser am Standort halten kann.“
Text: Claudia Stieglecker
„Momentan gibt es zu wenige FH Studienplätze“ Christian kollmitzer, Vizerektor FH Technikum Wien
Eva SchmutzerHollensteiner, Leiterin des Aktionsfeldes Informatik
TU Wien und TU Graz kämpfen
mit zu vielen Bewerbern An den stark nachgefragten Lehrstätten wie der TU Wien, der Universität Wien und der TU Graz ist man bestrebt, das Betreuungsverhältnis, also die Anzahl der Studierenden pro Lehrendem, durch eine Aufstockung des Personals zu verbessern. Das große Potenzial an Studienanfängern soll effizienter genutzt werden, um die Zahl der Absolventen zu steigern, etwa durch fördernde Maßnahmen
Sabine Seidler, Rektorin der TU Wien
vor und zu Studienbeginn. „Im internationalen Vergleich haben wir eine sehr hohe Zahl an Studienanfängern“, meint Sabine Seidler, Rektorin der TU Wien. „Aber auch die Drop-out-Raten sind hoch.“ Viele Studierende im Informatikbereich sind zudem bereits während des Studiums fachnah berufstätig und steigen vorzeitig in den Beruf ein, ohne einen Abschluss zu machen – sogenannte „Job-Outs“. „Das ist oft ein schleichender Austritt“, so Seidler. Aus dem anfänglichen Nebenjob wird langsam eine Vollzeittätigkeit, neben der kein Platz für das Studium mehr bleibt. „Der Bedarf saugt die Studierenden ab“, ergänzt Schmutzer-Hollensteiner. „Das Ziel ist, die Studierenden mit Abschluss zu qualifizieren.“ Ein Aufgabenbereich, den in Zukunft vermehrt die Fachhochschulen übernehmen sollen. „Diese haben die Expertise, was berufsbegleitendes Studieren angeht“, sagt Seidler. „Hier können Brücken für JobOuts gebaut werden.“ Eine Erweiterung des FH-Studienangebots könnte überdies die überfüllten Universitäten entlasten. Mit kommenden Studienjahr sollen daher durch Bundesmittel 450 zusätzliche Plätze an Fachhochschulen geschaffen werden. „Momentan gibt es zu wenige Studienplätze“, sagt Christian Kollmitzer, Vizerektor der FH Technikum Wien. „Aufnahmetests filtern und reihen zwar die besten Bewerber, doch viele, die durchaus für das Studium geeignet wären, können nicht studieren.“ Technische Universitäten und Fachhochschulen sollen kooperieren Gleichzeitig wird vonseiten der Wirtschaft ein Mangel an IT-Fachkräften beklagt. „Wir haben daher ganz bewusst auf überregionaler Ebene Wirtschaftstreibende zu unseren Gesprächen gebeten, um Fragen des Bedarfs klären zu können und Rückmeldungen zu den unterschiedlichen Ausbildungsprofilen zu erhalten“, sagt Schmutzer-Hollensteiner. Klar herauskristallisiert habe sich dabei auch, dass Absolventen beider Ausbildungsschienen benötigt werden. „Die Universität ist wissenschaftsorientierter, das Thema an sich wird weitergebracht. Die Fachhochschule arbeitet eher praxis- und berufsfeldorientiert“, erklärt Kollmitzer, und Seidler ergänzt: „Die Ausbildungen an der Universität und an der Fachhochschule unterscheiden sich – das ist gut so und soll auch so sein.“ Das Projekt „Zukunft Hochschule“ hat in der Region Ost unter anderem zu einer besseren Abgrenzung von Universität und Fachhochschule geführt und Kommunikation auf Augenhöhe ermöglicht, sind sich beide einig. „In Bezug auf Universität und Fachhochschule werden normalerweise vorrangig systemische Unterschiede diskutiert“, meint Sabine Seidler. „Es wird wenig darüber gesprochen, welches Wissen eigentlich vermittelt wird.“ Hier soll in Zukunft eine aktive,
gemeinsame Kommunikations- und Präsentationsstrategie Abhilfe schaffen. „Es muss für Studienanfänger erkennbar sein, was sie in welcher Ausbildung bekommen.“ Weitere Kooperationen sind ebenfalls in Planung, wie etwa ein kooperatives Doktoratskolleg, das sowohl von der TU als auch von der FH Technikum Wien betreut werden soll, oder eine Zusammenarbeit der TU Wien und der MedUni Wien im Masterstudium „Medizinische Informatik“. Zudem bietet die FH Technikum Wien seit heuer in enger Kooperation mit der Wirtschaft erstmals einen dualen Studiengang an, bei dem Berufsausbildung und Studium parallel laufen. „Überall ergeben sich Chancen“, sagt Sabine Seidler. Für Frauen soll die Attraktivität der Studienprogramme gesteigert werden Außerdem sei es notwendig, auch Studierenden anderer Studienrichtungen ITKompetenzen zu vermitteln: „Im naturund ingenieurswissenschaftlichen Bereich ist die Informatik ähnlich wie die Mathematik eine Grundlage, die man beherrschen muss. Das bedingt eine Änderung von Studieninhalten“, betont Seidler. Maßnahmen, um das Studieninteresse an Informatik zu erhöhen, stehen ebenfalls im Fokus. „Es gilt zu hinterfragen, welches Bild von Informatik eigentlich vermittelt werden soll“, sagt Schmutzer-Hollensteiner. Vor allem für Frauen soll die Attraktivität der Studienprogramme gesteigert werden: „Nur 16 Prozent der Informatikstudierenden sind Frauen, das ist die niedrigste Rate im Technikbereich.“ Um den Herausforderungen des rasanten digitalen Wandels der Gesellschaft begegnen zu können, wird von der Region Ost darüber hinaus die Sonderinitiative „Digitale Transformation“ vorgeschlagen: dreißig neue Professuren an Österreichs Universitäten und Fachhochschulen in neu entstehenden Themengebieten. Die relevanten Themenfelder sollen dabei von Experten und Expertinnen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik definiert werden. „In der Schweiz und in Deutschland wird im Bereich der digitalen Transformation bereits massiv aufgestockt“, betont Kollmitzer. „Einer unserer Träume ist auch das ‚Vienna Center for Technology and Society‘, in dem Universitäts- und Fachhochschulkompetenzen bei Querschnittsthemen wie etwa ‚Gender und Technik‘ oder ‚Informatik und Gesellschaft‘ gebündelt werden“, sagt Seidler. „Das Wichtigste ist aber, dass der aktuelle Prozess nicht in den Schubladen verschwindet – wir wollen gemeinsam weiterarbeiten, auch, wenn es nur kleine Schritte sind.“ Das sieht auch Kollmitzer so: „Ohne das Projekt „Zukunft Hochschule“ wären wir nicht in dieser Form ins Gespräch gekommen“, fasst er zusammen und versichert: „Wir reden weiter.“
Fotos: Fachhochschule Technikum Wien, privat, Raimund Appel
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Illustration: Gerald Hartwig-Zeichenstrich
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Von Wien nach Linz mit Hindernis Eines der Ziele von „Zukunft Hochschule“ lautet: horizontale und vertikale Duchlässigkeit er Stolperstein ist das Öffentliche Recht. Zumindest für Jus-Studierende, die einen Standortwechsel von Wien nach Linz erwägen. Umgekehrt ist es kein Problem. Dafür lauert in Wien für wechselwillige Studierende der Rechtswissenschaften eine andere Hürde, die sich FÜM 2 nennt. Aber am besten der Reihe nach … Bessere Information über vertikale Durchlässigkeit im System Rund 1.400 Studien werden an 22 öffentlichen Universitäten und 21 Fachhochschulen österreichweit angeboten. Das Projekt „Zukunft Hochschule“ hat sich zur Aufgabe gemacht, das Ausbildungsprofil von Universitäten und Fachhochschulen zu schärfen, Parallelen im Studienangebot zu vermeiden sowie die Durchlässigkeit innerhalb des tertiären Sektors zu verbessern. Zum Thema Transparenz wurden drei Studienbereiche ausgewählt: Die Wirtschaftswissenschaften sowie die Informatik hinsichtlich der vertikalen Mobilität (Übertritte von Bachelor- in Masterstudien gänge), die Rechtswissenschaften in Bezug auf die horizontale Mobilität, also die Prüfungsanerkennung. „Das sind nur drei Studienfelder, aber es betrifft alle, und bei positiver Erfahrung ist die Ausweitung auf weitere Studienbereiche geplant“, sagt Sabine Koch, Hochschulkoordinatorin im Wissenschaftsministerium und Projekt managerin von „Zukunft Hochschule“. Die genannten Felder weisen besonders hohe Zahlen an Studierenden auf. So begannen 20.132 Personen im Studienjahr 2015/16 ein Informatik-, ein rechts- oder ein wirtschaftswissenschaftliches Studium. „Die Rechtswissenschaften eignen sich außerdem gut für eine Betrachtung, weil eine relativ leichte Vergleichbarkeit der Studienpläne gegeben ist“, ergänzt Ingrid Wadsack-Köchl, federführende Juristin in Sachen Durchlässigkeit im Wissenschaftsministerium. Zur Verbesserung der Transparenz gibt es zwei Zugänge, erklärt Sabine Koch: „In der Informatik und in den Wirtschaftswissenschaften ging es darum, sich auf eine einheitliche Darstellung des Anforderungsprofils zu einigen.“ Dies betrifft die vertikale Durchlässigkeit, also die Anforderungen des Folgestudiums nach dem Bachelor. Denn für ein und denselben Bachelor gibt es je Folgestudium verschiedene Anforderungen. „Dies wurde bisher unterschiedlich gehandhabt“, sagt Koch. „Viele haben ihre Anforderungen nicht in einer für Studierende verständlichen Weise veröffentlicht.“ Im Zuge dessen gehe es aber nicht um eine Angleichung von Niveaus, sondern lediglich um die Preisgabe von Informationen. „In dieser Frage steht uns die Hochschulautonomie im Weg“, ergänzt Ingrid Wadsack-Köchl. Hinsichtlich vertikaler Transparenz gibt es ein Best-practice-Modell, an dem sich andere Studienfelder orientieren könnten: den „Durchlässigkeitsguide“ der Plattform
Text: Sabine Edith Braun
„Es zeigt sich, dass die Verantwortlichen ausschließlich auf die eigene Universität fokussiert sind“ sabine koch Hochschul koordinatorin im bmwfw
Andreas Janko, Vizerektor für Lehre und Studierende, Universität Linz
Informatik Austria. Auf einem einzigen A4-Blatt in Querformat wird hier ersichtlich, ob Auflagen zu erfüllen sind, wenn man etwa einen Bachelorabschluss in „Medieninformatik und Visual Computing“ der Uni Salzburg mit einem Master in „Medizinische Informatik“ an der MedUni Wien fortsetzen möchte (in diesem Fall gibt es keine Auflagen). Das Problem sei, so Sabine Koch, dass im bestehenden Informatikguide die Angebote der Fachhochschulen nicht erfasst sind, da die Plattform Informatik Austria nur Universitäten vertritt. Das Ministerium eruierte die technischen Voraussetzungen für die Umsetzung einer Datenbank, um alle Informationen auch zentral darstellen zu können.
Linz wechseln. Während das Öffentliche Recht in Wien erst im dritten Abschnitt vorgesehen ist, ist es in Linz in einer über die Wiener Einführungsveranstaltungen hinausgehenden Dichte bereits Teil der Studieneingangs- und Orientierungsphase (STEOP). Wer also mit einer fertigen Wiener STEOP im Gepäck nach Linz reist, hat ein Problem. „Wir haben für Fälle wie diesen die folgende Lösung gefunden – und zwar österreichweit“, erklärt Andreas Janko. „Wir rechnen zwar nicht die konkreten Lehrveranstaltungen der STEOP anderer Standorte an, akzeptieren die STEOP aber als erfüllt, wenn sie anderswo nach den dort geltenden Regeln absolviert wurde. Wer von Wien nach Linz wechselt, muss nun zwar den Rechtswissenschaften und die Linzer Anteil des Öffentlichen Rechts an horizontale Durchlässigkeit der STEOP nachholen. Bis es aber so weit Um zum zweiten Zugang und damit zu ist, wird niemand mit einem Stehsemesden Rechtswissenschaften zu kommen: ter blockiert.“ Wer also die Linzer STEOP- Hier geht es um die Verbesserung der ho- Anforderungen nachholt, kann parallel rizontalen Durchlässigkeit, also um die schon Lehrveranstaltungen absolvieren, für Möglichkeit, das Studium an einem ande- die der STEOP-Abschluss erforderlich ist. Ein ähnliches Problem stellt die „Fächerren Ort möglichst auflagenfrei fortsetzen zu können. übergreifende Modulprüfung 2“ für alle dar, Die Rechtswissenschaften sind das gal- die nach Wien wechseln. „Die FÜM 2 – sie lische Dorf auf der Landkarte von Bologna. beinhaltet Bürgerliches Recht und UnterHier gibt es noch die Diplom-Studienarchi- nehmensrecht – ist aus Wiener Sicht untektur mit Magisterium und Doktorat. Wa- antastbar“, sagt Ingrid Wadsack-Köchl. Jerum eigentlich? „Man sieht keinen Vorteil des Fach muss für sich abgeschlossen werin einer Umstellung“, sagt Andreas Janko, den, eine Extraprüfung kommt noch hinzu. Vizerektor für Lehre und Studierende an Wer die einzelnen Fächer hat, erspart sich der Universität Linz und Vorstand des In- die übergreifende Prüfung nicht. „Hier gibt stituts für Universitätsrecht. Janko war bei es noch kein echtes Ergebnis“, sagt Ingrid „Zukunft Hochschule“ in der Fokusgruppe Wadsack-Köchl. „Aber es wurde uns zugeRechtswissenschaften dabei. sagt, dass künftig über Teilanerkennungen Das Rechtsstudium sei, so Janko, stark nachgedacht wird.“ „Bei der Behebung dieser Probleme schlug vom Berufsrecht geprägt, zum Beispiel durch die Erfordernis eines vierjährigen uns zunächst eine Wand der Ablehnung entStudiums vor der Zulassung zum Rechts gegen“, erinnert sich Hochschulkoordinatoanwalts- oder Richteramtsanwärter. In der rin Sabine Koch. „Bis wir eine KonvergenzBologna-Architektur bräuchte man dafür liste vorgelegt haben, auf der die Prüfungsden Master. „Da würde man den Studieren- fächer des Österreichischen Rechts geclustert den ein Jahr stehlen. Umgekehrt, bei Ein- waren.“ Der Aha-Effekt war groß. „Jede Uniführung eines vierjährigen Bachelors, wäre versität konnte nun sehen, wie viele ECTSdas reiner Etikettenschwindel. Die Studie- Punkte sie in einem Fach vergibt: ‚Warum renden würden trotz gleicher Leistung mit vergeben wir nur sieben Punkte, die anderen einem geringerwertigen Abschluss abge- aber zwölf?‘ Daran zeigte sich, dass die Verspeist“, erklärt Janko. antwortlichen ausschließlich auf die eigene Hier driften die Ansichten des Ministe- Universität fokussiert sind.“ riums und der Hochschulen auseinander. Nun liegt ein Konzept zur gegenseitigen Dem Ministerium ist daran gelegen, dass Anerkennung von Prüfungsfächern des Ösdie gesamte Studienlandschaft einheitlich terreichischen Rechts vor, um die horizontale gestaltet und damit international vergleich- Durchlässigkeit zu verbessern. Die Umsetbar ist. „Zukunft Hochschule“ ist nicht zu- zung erfolgt durch die curriculare Abstimletzt eine Ansage für mehr Kooperation und mung in einem gemeinsamen DiskussionsAbstimmung auf nationaler Ebene, um in- prozess der zuständigen Dekanate. Diese ternational als Hochschulsystem wettbe- haben hierfür eine Arbeitsgruppe eingerichwerbsstärker zu werden. „Bei der Bologna- tet. Bei einem Wechsel werden festgelegte Architektur geht es zwar um europäische Fachprüfungen ohne weitere inhaltliche Durchlässigkeit“, erklärt Andreas Janko, Prüfung gegenseitig anerkannt. „aber Jus ist ein Studium, das nach wie vor Die Prüfungsfächer des Österreichischen sehr stark national geprägt ist“. Rechts betragen zwischen sechzig und achtDie größte Hürde bedeutet ein Stand- zig Prozent des Curriculums, damit die Stuortwechsel zu Beginn des Studiums, bei- dierenden weiterhin ihre Schwerpunkte setspielsweise für jene, die von Wien nach zen können.
Fotos: justsmilepics, JKU / Eder
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Illustration: Gerald Hartwig-Zeichenstrich
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Wir wollen deutlich mehr! Die Fachhochschulen wollen mehr Studienplätze, mehr Doktoranden und mehr Forschung
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ie haben eine Wahl, die Uni-Rektoren schon seit Jahren fordern: Fachhochschulen (FH) können sich ihre Studierenden aussuchen und müssen nur so viele aufnehmen, wie Studienplätze mit dem Gesetzgeber vereinbart sind. Dazu dürfen sie Studiengebühren einheben. Dies wirkt sich auch auf die Studiendauer aus: 77 Prozent aller FH-Studierenden sind in Mindeststudienzeit fertig, an den Universitäten hingegen ist es nur ein Drittel. „Auftrag der Fachhochschulen ist und bleibt die berufsfeldbezogene Ausbildung auf Hochschulniveau“, erklärt der Präsident der Fachhochschul-Konferenz Helmut Holzinger. Eine Besonderheit des FH-Bereichs sei das Studium für Berufstätige. Rund vierzig Prozent studieren berufsbegleitend an einer Fachhochschule. Fachhochschulen und Universitäten sollten sich auch in Zukunft deutlich unterscheiden, aber auf Augenhöhe kooperieren. Dazu braucht es eine starke Durchlässigkeit mit Kooperationsmöglichkeiten, ohne das jeweilige Profil zu verlieren und die Bildungsziele zu vermischen. So bleibt zu hoffen, dass man beim Wechsel von einer Fachhochschule zu einer Universität zwecks Doktorats Doktoranden nicht, wie früher geschehen, Steine in den Weg legt. 733 Doktoranden hatten per Februar 2017 ein Studium an einer Fachhochschule absolviert. Man fordert von der Politik jedoch mehr. Helmut Brandstätter vom Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft: „Zur Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Personals an Fachhochschulen wurden eigene PhDProgramme gefordert. Der Prozess ,Zukunft Hochschule‘ hat dazu beigetragen, die Gesprächsbasis zwischen Fachhochschulen
Text: Dieter Hönig
„Da Fachhochschulen
auch einen Auftrag zur Forschung haben, wäre eine Forschungsbasisfinanzierung mehr als nur wünschenswert“
eva werner, Rektorin der FH Krems
und Universitäten zu verbessern. Es gibt einige interessante Projekte, die gemeinsam entwickelt werden, auch auf Doktoratsebene. So könnten auch gemeinsame PhD-Programme geschaffen werden. Diese Entwicklungen sollten zunächst abgewartet werden.“ Der Anteil an FH-Studierenden soll deutlich erhöht werden: 20 Prozent bis 2026 hält man für realistisch. Die Fachhochschul-Konferenz fordert ein jährliches Wachstum von zusätzlichen 1.200 Studienplätzen. „Statistisch gesehen, kommen drei Studierwillige auf einen Platz. Das allein zeigt schon das starke Interesse an einem FH-Studium“, sagt Holzinger. Dazu meint Brandstätter, es sei ein erklärtes Ziel, den FH-Sektor auszubauen: „Der Ausbauplan 2018/19 mit 450 neuen Anfängerstudienplätzen ist im Vergleich mit den vorherigen Ausbauschritten ein deutliches Signal. Die weiteren Ausbauschritte werden im nächsten FH-Entwicklungs- und Finanzierungsplan festgelegt. Bei der Erarbeitung dieses Strategiedokuments ist in bewährter Weise auch die Fachhochschul-Konferenz eingebunden.“ Konkrete Zahlen könne man derzeit nicht nennen, da die erforderlichen Mittel mit dem künftigen Regierungsprogramm abgestimmt werden müssen. Für Eva Werner, Rektorin der FH Krems, ist der mehrfach angesprochene Ausbau der Fachhochschulen zu wenig: „Es braucht Planungssicherheit für die Fachhochschulen, aber auch entsprechende finanzielle Mittel, denn die Qualität darf durch das Wachstum nicht zu kurz kommen. Da Fachhochschulen auch einen Auftrag zur Forschung haben, wäre eine Forschungsbasisfinanzierung mehr als nur wünschenswert.“ Diese sei deshalb so wichtig, weil Forschungskompetenz
personelle Kontinuität voraussetzt, denn Forschungspersonal kann man nicht ausschließlich projektbezogen und damit zeitlich befristet beschäftigen. „Wir wollen Forschern eine langfristige Perspektive an der Hochschule geben“, sagt Helmut Holzinger. Barbara Bittner, Rektorin der FH Campus Wien, spricht auch die Studienplatzfinanzierung an. Diese unterliege keiner Valorisierung, was dazu führt, dass steigende Kosten von den Hochschulen allein getragen werden müssen. Dies führe zu immer engeren Budgets und sei auf Dauer nicht tragbar. Bittners Vorschlag wäre eine entsprechende Valorisierungsautomatik, wie sie im Parteiengesetz 2012 bezüglich der Förderbeiträge vorgesehen ist. Das würde eine wichtige rechtliche und finanzielle Sicherheit bringen. „Das Finanzierungsmodell der Fachhochschulen hat sich von Anfang an ganz bewusst von dem für die Universitäten unterschieden“, erklärt Helmut Brandstätter vom Wissenschaftsministerium. „Der Bund fördert Fachhochschulen mittels einer Studienplatzfinanzierung. Die Lehre ist von Beginn an im Fokus gestanden. Zum Aufbau von Forschung wurden eigene Förderprogramme etabliert.“ Die wichtigsten Förderprogramme für Fachhochschulen stellen die Programmlinien COIN-Aufbau, COIN-Netzwerke und die Josef-Ressel-Zentren dar. Zur Stärkung der Forschung sollte das Fördervolumen für kompetitiv vergebene Mittel bei spezifischen Förderinstrumenten entsprechend erhöht werden. Zudem könnten für bestehende und neue Forschungsprogramme an Fachhochschulen eine Overhead-Komponente eingeführt werden.
Bei Bildungsthemen der Zukunft kleckert die Politik Helmut Holzinger, Geschäftsführer der FH des bfi Wien und Präsident der Österreichischen Fachhochschul-Konferenz, über Forderungen der FH
Sie streben aber mehr an ... Holzinger: Wir haben ganz klare Vorstellungen in die wissenschaftspolitische Debatte eingebracht. Die Fachhochschul-Konferenz fordert ein jährliches Wachstum von 1.200
zusätzlichen Anfängerstudienplätzen. Dadurch würde der Anteil der an Fachhochschulen Studierenden bis 2026 auf 20 Prozent steigen. Die Nachfrage nach Studienplätzen besteht. Von durchschnittlich drei Bewerbern und Bewerberinnen können wir nur eine Person aufnehmen. Helmut Holzinger, Präsident der Fachhochschul- Konferenz: „Im 21. Jahrhundert ist ein offensiver FH-Ausbau notwendig“
Wie wirkt sich dies auf die Doktoratsstudien aus? Holzinger: Da gibt es kein einheitliches Bild. Es bestehen regional aufgesetzte Kooperationen im Doktoratsbereich wie zwischen der FH Oberösterreich und der Uni Linz in Form des Joint-PhD-Programms „Digital Business International“. Oder zwischen dem Management Center Innsbruck und der Uni Innsbruck sowie der FH Kufstein und der Uni Innsbruck. Bezogen auf ganz Österreich sinkt die Zahl der Dokto-
ratsstudierenden mit FH-Abschluss. 2011 hatten 800 Doktoratsstudierende einen FHAbschluss, 2015/16 waren es 733. Führen Sie das auf eine fehlende Gleichbehandlung von FHs und Universitäten zurück? Holzinger: Die Gleichstellung der Fachhochschulen mit den Universitäten ist vollzogen. Nur Doktoratsprogramme dürfen noch nicht eigenständig angeboten werden. Dafür kämpfen wir. Im 21. Jahrhundert ist ein offensiver FH-Ausbau notwendig. FHStudien werden für Berufstätige angeboten. Daher muss die Zahl der neu finanzierten Anfängerstudienplätze auf 1.200 pro Jahr steigen. Während die wirtschaftliche Dynamik zunimmt und zusätzliche Studienmöglichkeiten gefragt sind, ,kleckert‘ die Politik bei Zukunftsthemen im ,Klein Klein‘.
Fotos: Michael Parak, Foto Wilke
Herr Holzinger, was hat sich am Sektor Fachhochschulen zum Positiven verändert? Helmut Holzinger: Durch den von Exminister Mitterlehner initiierten Prozess ,Zukunft Hochschule‘ wurde das wechselseitige Verständnis zwischen den Fachhochschulen und den Universitäten verbessert. Die Anzahl der institutionellen Kooperationen hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Die Zahl der FH-Studierenden ist gestiegen, ebenso die der Absolventen an den 21 Fachhochschulen. Im Jahr 2011/12 hatten hier 79.000 graduiert, im heurigen Studienjahr stieg die Zahl auf ca. 131.000.
Illustration: Gerald Hartwig-Zeichenstrich
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Zukunft Hochschule: Das Glossar Jochen stadler
Akademiker Haben ein Hochschulstudium absolviert und werden als Bachelor, Master, Magister, Diplomingenieur oder Doktor tituliert. Arbeitsmarkt Von Angebot und Nachfrage an Arbeitskräften geprägt. Ein Hochschulabschluss erhöht nicht nur die Nachfrage nach einer Person, sondern auch deren Preis. Ärztemangel Situation, in der die Nachfrage nach Ärzten und Ärztinnen das Angebot übersteigt. Ob es in Österreich einen generellen Ärztemangel gibt, ist umstritten. Kann behoben werden, indem man den jungen Medizinern und Medizinerinnen attraktive Arbeitsbedingungen bietet und sie so im Land hält. Bologna-Prozess Bringt die Studien europaweit auf einen Nenner – hoffentlich nicht den kleinsten. Diversifizierung Ausweitung des Sortiments, gibt es bei Waren im Supermarkt genauso wie bei Studien an Hochschulen. ECTS-Punkte Europaweite Währung für Studienleistungen. Ein „European Credit Transfer System“-Punkt vergütet etwa 30 Arbeitsstunden. Exzellenz Die Spitze des Eisbergs, als die sich so viele sehen, dass sie eine ganze Hochebene darstellt. Im Ernst: Kategorie für hochqualitative Forschung (mit internationaler Reputation). Fachhochschule Bildet Studierende anhand wissenschaftlicher Grundlagen, aber anwendungsorientiert aus, was den Absolventen ausgezeichnete Berufschancen zuteil werden lässt. Fachkräftemangel Fehlen von Arbeitskräften mit bestimmten, nur durch eine gute Ausbildung erlangbaren Fähigkeiten. Forscherkarriere Lebensweg von motivierten Wissenschaftern und Wissenschafterinnen an der Universität oder ähnlichen Forschungsinstitutionen, wo sie die meiste Zeit damit verbringen, das Wissen der Menschheit sowie ihren eigenen Ruf zu vergrößern. Forschung Gezieltes Suchen nach neuen Erkenntnissen und Dingen, im Gegensatz zum zufälligen Entdecken. Frauenquote Bei den Akademikerinnen in Österreich fast genau 50 Prozent. Geisteswissenschaften Disziplinen, die kulturelle, geistige, mediale, soziale, historische, politische und religiöse Phänomene erforschen. Lehre Universitäten und andere Hochschulen erweitern durch ihre Forschung nicht nur den geistigen Horizont der Menschheit, sondern geben ihr Wissen auch an den Nachwuchs weiter. Manchmal müssen sie dafür viel mehr Zeit und Energie aufwenden als für wissenschaftliche Tätigkeit. An der Fachhochschule ist sie Hauptaufgabe. Männerquote Bei den Akademikern in Österreich fast genau 50 Prozent (Überraschung!).
Medizinische Universitäten Von den „normalen“ Universitäten abgespaltene einstige Fakultäten (oder Neueinrichtungen), die in Österreich seit 2004 eigenständig sind. Naturwissenschaft Beobachtung, Vermessung und Analyse der Natur. Ist die Grundlage für Medizin, Technik, Umweltschutz und vieles mehr. Orchideenfach Oft belächelt und nur von wenigen Studierenden gewählter Studienzweig, der so wie die Quantenphysik vielleicht von einem Tag auf den nächsten den ganzen Gänseblümchen die Show stiehlt. Pädagogische Hochschule Bildet Lehrende für Volks-, Haupt-, Sonderund Polytechnische Schulen aus. Mittelschullehrende bleiben hingegen von einer pädagogischen Auslese und Ausbildung weitgehend verschont. PISA-Studien Internationale Schulleistungsuntersuchungen, die dem heimischen Bildungswesen meist hohes Verbesserungspotenzial zugestehen. Privatuniversität Ergänzt die Hochschullandschaft quantitativ. Rechtswissenschaften Erforscht das Rechtswesen dieser und vergangener Zeiten. Soziale Durchlässigkeit In Österreich nicht blendend hoch, aber immerhin besser als in so manch anderem Land Europas. Kinder von Akademikern und Akademikerinnen werden jedenfalls mit Abstand häufiger Akademiker als jene von Arbeitern und Arbeiterinnen. Sozialwissenschaft Untersucht die verschiedensten Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen. Spezialisierung Macht aus Menschen mit weitem Horizont Fachkapazunder. Studierende Vormals „Studenten“ genannte Hochschulbesucher und -besucherinnen. Studiengebühren Wird in Österreich abgeschafft, eingeführt, halb abgeschafft, teils eingeführt. Und natürlich diskutiert man zu jeder Wahl und Regierungsbildung heftig darüber. Universität Höchste Instanz für wissenschaftliche Forschung, die auch ihren eigenen Nachwuchs ausbildet. Wirtschaft Profitiert in hohem Maß von gut ausgebildeten Akademikern aus Universitäten und Fachhochschulen. Wirtschaftswissenschaft Untersucht den rationalen Umgang mit Gütern, die nur beschränkt verfügbar sind. Denn Menschen entscheiden ja immer rational. Wissensgesellschaft Basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und kann dadurch von Wien nach New York fliegen, die Pest heilen und erklären, wieso der Mensch das Klima verändert. Zukunft Folgt der Gegenwart und wird der Menschheit demonstrieren, dass sie aus der Vergangenheit nichts gelernt hat.
: f r e i h a n d b i b l i ot h e k Buchempfehlungen zum thema von emily walton
Bestandsaufnahme: „An Agenda for Change in American Higher Education“
Wirtschaft vs. Wissenschaft an englischen Universitäten
Steckt das amerikanische Hochschulsystem in der Krise? Und wenn ja, wo liegen die größten Sorgen? Sind es tatsächlich die Studierendenkredite? Oder die steigenden Studiengebühren, die oftmals nur auf ein allzu bürokratisches System zurückzuführen sind? Oder sind es eher die Studienabbrecherquoten und das Ungleichgewicht zwischen ärmeren und reicheren Studierenden, die im Vordergrund stehen sollten? William Bowen und Michael McPherson setzen sich mit den Kernthemen des Universitätswesens in Amerika auseinander und geben Lösungsvorschläge.
Stefan Collini ist in England bekannt für seine gründlich argumentierten Polemiken zur Lage der britischen Universitäten. In seinem aktuellen Buch publiziert er neue sowie überarbeitete Texte. Ein Fokus liegt dabei auf der Erwartungshaltung, englische Universitäten ökonomischer zu machen: Qualitätsmanagement, Effizienz und Rentabilität sind Schlagworte, die immer häufiger im Hochschulwesen fallen. Wird Bildung durch zu viel Vermarktung zerstört? Wo liegen die Grenzen der Reglementierung durch die Politik? Der Historiker sucht Antworten.
William G. Bowen, Michael S. McPherson, Lesson Plan. Princeton University Press, 184 S.
Stefan Collini, Speaking of Universities. Verso, 304 S.
Aufruf zur Langsamkeit: „Challenging the Culture of Speed in the Academy“
Die Qualität der Bachelor studiengänge in den USA: „Limited Learning on College Campuses“
Forschung und Zeitdruck sind zwei Schlagworte, die nicht gut harmonieren. In Zeiten, da Lehrenden täglich Effizienz und Geschwindigkeit abverlangt wird, drohen Bildung und Forschung zu leiden. Lehrpläne werden dichter, Budgets knapper. Maggie Berg und Barbara Seeber wollen mit ihrem Buch zu einem Innehalten anregen: „The Slow Professor“ ist ein Leitfaden für Lehrende, die zur Langsamkeit zurückfinden wollen. Außerdem ist das Buch ein Aufruf an das Kollegium wie auch an die Studierenden, um zurück zu einer entschleunigten, hochwertigen Bildung zu finden.
Für viele Berufe ist ein Bachelor Voraussetzung. In den USA beginnen Eltern oft mit der Geburt des Kindes für die Hochschule zu sparen. Doch was lernen die „Undergraduates“ – und was bekommen sie für ihr Geld? Die Soziologen Richard Arum und Josipa Roksa befragten 2.300 Studierende an 24 US-Unis und kamen zu einem bedenklichen Ergebnis: Kritisches Denken, komplexe Analysefähigkeit und wissenschaftliches Schreiben entwickeln sich in den ersten zwei Jahren an der Uni kaum. Ein Plädoyer für Qualitätssteigerung bei den Bachelor-Studiengängen.
Maggie Berg, Barbara Seeber, The Slow Professor. University of Toronto Press, 136 S.
Richard Arum, Josipa Roksa, Academically Adrift. University of Chicago Press, 272 S.
Z u g u te r L e t z t : h eu r e k a 05/17 FALTER 43/17 23
: g e d i c h t
erich klein
K i rst i n B r e i t e n f e ll n e r : r eg e n r e i g e n
Kirstin Breitenfellner (Jg. 1966) lebt als Autorin und Literaturkritikerin in Wien. Die Gedichte in „regen reigen“ (Passagen Verlag 2017) spielen – im Unterschied zum erzählerischen Mainstream aktueller Lyrik – mit Abstraktion, mit Reimen und Rhythmen. Soeben erschien bei Picus ihr vierter Roman „Bevor die Welt unterging“.
landzungen der berg steht ins tal in den see der wind weht den hängen ins lee im zug sieht das land einerlei ans meer zieht die möwen ein schrei das auge satellit scannt die strukturen der städte kolorit verdeckt die spuren
: wa s a m e n d e b l e i bt
ein stern ganz fern der mond erhellt die dämmerung das gras erzittert ungewohnt die grillen in umklammerung das land lappt in den see vereint das tier, geruch, die rosen, wind, das kind so rund die worte sätzend züngeln schön gereimt die illusion von einverständnis, wellenhaft und nicht mehr blind aus: Kirstin Breitenfellner: egen reigen, Passagen Verlag r
: G r a f i k k a b i n e t t püribauers tierversuche
: i m p r e ss u m Herausgeber: Armin Thurnher; Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 0043 1 536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at; Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.; Redaktion: Christian Zillner; Fotoredaktion: Karin Wasner; Gestaltung und Produktion: Dirk Merbach, Andreas Rosenthal; Korrektur: Martina Paul; Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau; DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar. HEUREKA ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit
Gedenkrituale Am Areal des ehemaligen Wiener Aspangbahnhofes wurde kürzlich ein Denkmal eröffnet – im Gedenken an 47.035 österreichische Jüdinnen und Juden, die in den Jahren 1941/42 von hier in den Tod geschickt wurden, meist an Orte im heutigen Weißrussland oder in Lettland. Nur 1.073 Menschen überlebten. Das Denkmal – symbolische Gleise, die in einer schwarzen Box enden – ist ästhetisch wenig anspruchsvoll, dafür versteht es jeder. Was waren das für Zeiten, als das Denkmal von Alfred Hrdlicka am Albertinaplatz als „Kitsch“ und jenes am Wiener Judenplatz ob der reduzierten Formensprache als ein Denkmal für den Erfinder der Betonmischmaschine verspottet werden konnten! Heute ist der Holocaust, der auch vor Jahrzehnten kein verhandelbares geschichtliches Ereignis darstellte, in korrekte, praktisch parteienübergreifende Gedenkrituale eingebettet. Jeder Redner der Denkmalseröffnung war um richtige und würdige Worte bemüht. Ein Stadtrat verwies auf die angrenzende Wohnanlage als Zukunftsinvestition, ein Bezirkspolitiker rang glaubwürdig um jene Ausdrücke, die den Anrainern den Sinn der Anlage erklären können müssten. Ein weiterer Stadtrat hob zu einer hymnischen Tirade an, warum wir überhaupt erinnern. Der leider kurz vor der Denkmalenthüllung verstorbene Initiator wurde namentlich genannt. Schließlich sprach der Oberrabbiner das Kaddisch, das jüdische Totengebet. Allein, als einer der wenigen noch lebenden sogenannten Zeitzeugen, ein Wiener, zu sprechen begann, der vor sechsundsiebzig Jahren von dieser Stelle aus deportiert worden war, schien die Zeit stehen zu bleiben: Als der Lastwagen, auf dem der Wiener aus dem Ghetto im zweiten Bezirk abtransportiert wurde, an der Ecke Ungargasse und Rennweg anhielt, um zum Aspangbahnhof abzubiegen, rief ihm ein anderer Wiener nach: „Schleicht’s euch, ihr Juden, endlich kommt’s weg!“ Wer wie in Zukunft von all dem erzählen wird, bleibt fraglich. Merkwürdigerweise nannte bei der Veranstaltung niemand die vor einem Jahr verstorbene Ilse Aichinger. Sie hat diese Gegend Wiens und jene Zeit mehrfach literarisch als ihre Kindheitslandschaft verewigt. Sie schrieb: „Man kann auch zu früh über etwas nachdenken. So wie die Vergessenheit zuletzt Form des Erinnerns wird, kann das Nichtdenken im gegebenen Augenblick zur Form des Denkens werden.“ Und: „Erinnerung erinnert sich nicht zu Ende.“
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