FALTER
HEUREKA Das Wissenschaftsmagazin
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sst Schnecken! Sie sind umwelt- und klimaverträglicher als Rinder oder Schweine und gesund
Neue Immigranten in Österreich Mit dem Klimawandel kommen Neozoen und Neophyten In die Champions League will die Österreichische Akademie der Wissenschaften
Nr. 5/12
Klimaverlierer
Inselstaaten gelten als die ersten, die vom Klimawandel beeinträchtigt werden. Wen
in Österreich
aber treffen die Auswirkungen des Wandels in Österreich am härtesten?
T I T E L B I L D : W O L F G A N G B E N D E R , O H N E T I T E L , F A R B E A U F F O T O G R A F I E , 2 0 11
Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2376/2012
HEUREKA
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Inhalt
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Der Mikrobiologie neue Methoden Porträt des Mikrobiologen Michael Wagner Omega-3-Fett säuren von Schnecken Gute Gründe, Schnecken zu essen Omega-3-Fett säuren bei Operationen Neue Verfahren bei Bruchoperationen Wie kann man Emotionen messen? Neuer Forschungszweig: die Empathieforschung
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Die Klimaverlierer in Zahlen Der Countdown zum Thema Kein Strom(kabel) aus der Wüste Der Anfang vom Ende von DESERTEC? Klimaverlierer in Österreich Wen triff t der Klimawandel am härtesten? Neue Immigranten in Österreich Von Neozoen und Neophyten im Land
Wasserspeicher statt Hochtäler Kaunertal: Klimaschutz versus Umweltschutz Klimaverlierer in Österreich: Das Glossar Ein Überblick über wichtige Begriffe zum Thema Eine Akademie will in die Champions League Pläne der Österr. Akademie der Wissenschaften Gedicht, HEUREKA-Rätsel, Kommentar Stumm stehen die Dichter vor dem Klimawandel
Kommentar
Editorial
Wissenschaft soll kommunikativ sein FLORIAN FREISTETTER
GRAFIK: TONE FINK, FOTO: FLORIAN-FREISTETTER.DE
s lohnt sich, über Wissenschaft Bescheid zu wissen. Die Politik E muss Entscheidungen über Atom-
kraft, Gentechnik oder Klimawandel treffen, und wer als Bürger informiert mitreden und als Wähler mitentscheiden möchte, der sollte sich auskennen. Dazu muss man selbst kein Wissenschafter sein – aber man sollte zumindest eine grundlegende Ahnung von den Dingen haben. Die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse ist darum eine wichtige Aufgabe. Aber auch eine undankbare. Denn wenn Wissenschafter zu viel Zeit mit Öffentlichkeitsarbeit verbrin-gen, dann schaden sie damit unter Umständen ihrer eigenen Karriere. Das liegt am System, das den wissenschaftlichen Erfolg definiert. Wer sich um eine Stelle an einer Universität bewirbt oder einen Förderantrag stellt, wird fast ausschließlich anhand der Publikationsliste beurteilt. Je mehr Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, desto besser. Engagement in der Öffentlichkeits–arbeit oder auch der Lehre wird bei der Beurteilung in der Praxis nicht nur kaum berücksichtigt, sondern kann aktiv schaden. Wer seine Zeit nicht nur für die reine Forschung, sondern auch für die Vermittlung von Wissen verwendet, kann weniger publizieren und hat schlechtere Chancen, Karriere zu machen. Das gilt besonders für junge Wissenschafter. Arbeitszeiten von 80 Stunden pro Woche sind hier üblich und werden auch als normal angesehen. Freie Stellen sind begehrt und die Konkurrenz ist dementsprechend groß. Wer sich hier freiwillig zusätzlich noch mit Öffentlichkeitsarbeit beschäftigt, muss Idealist sein. Dabei gäbe es genug Forscherinnen und Forscher, denen die Wissenschaftskommunikation nicht nur Spaß machen würde, sondern die
auch fähig wären, ihr Arbeitsgebiet der Öffentlichkeit allgemein verständlich zu erklären. Aber man kann es ihnen nicht verübeln, wenn sie sich lieber ganz auf ihre Forschung konzentrieren, statt ihre Karriere durch anderweitiges Engagement zu gefährden. Solange das System bleibt, wie es ist, wird sich das nicht ändern. Wissenschafter müssen forschen, das ist klar. Aber Wissenschaft ist mehr als nur reine Forschung: Wissen muss auch vermittelt werden. Nur so kann am Ende die Gesamtgesell-
schaft davon profitieren. Wissenschaftskommunikation muss also als das gesehen werden, was sie ist: Ein normaler und vor allem wichtiger Teil der wissenschaftlichen Arbeit!
Finkenschlag Handgreifliches von Tone Fink
Florian Freistetter ist Astronom und Wissenschaftsautor in Jena und erfolgreicher Wissenschaftsblogger: http://scienceblogs.de/ astrodicticum-simplex
www.tonefink.at
CHRISTIAN ZILLNER
Die österreichische Nation besteht seit dem Jahr 1955. Berge gehören zu ihrem Selbstverständnis, nicht ohne Grund nennt man sie auch „Alpenrepublik“. Ein Name wie „Kaprun“ steht für ihren Gründungsmythos und eine ihrer größten Tragödien: Der eine bezieht sich auf das Speicherkraftwerk, die andere auf ein Unglück mit Wintersporttouristen. Die größten Töchter und Söhne (oder zumindest die bekanntesten) stammen aus den Bergen und bezwingen deren Skipisten meist vor Konkurrenten aus anderen Nationen. Die Nationenwertung im alpinen Skiweltcup entscheidet Österreich in den meisten Fällen für sich – wer außer ewiggestrigen Verlierern wollte da noch an der Nation zweifeln? Wintersport und Wintertourismus schaffen uns unseren Platz unter den Nationen. Die winterlichen Berge waren bis in die Sechzigerjahre weitgehend unzugängliche Wüsten. Mit dem Nationalgefühl wuchsen dort Freizeitoasen, die mittlerweile große Teile der Bergwelt überziehen. Aus Wüsten sind Lebensräume geworden. Doch zu ihrem einhundertsten Geburtstag 2055 wird die Nation neue Tourismusformen und zumindest teilweise auch ein neues Selbstverständnis brauchen. Ihre Davids werden nicht mehr Zwilling, sondern Alaba heißen und nicht mehr aus den Bergen, sondern aus anderen Ländern kommen.
Impressum Falter 47a/12 Herausgeber: Armin Thurnher Medieninhaber: Falter Zeitschrift en GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at Redaktion: Christian Zillner Produktion, Grafik, Korrektur: Falter Verlagsges.m.b.H. GRAFIK: Cornelia Gleichweit, Raphael Moser LEKTORAT: Martina Paul FOTOREDAKTION: Karin Wasner Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar.
HEUREKA ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit
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Aus Wissenschaft und Forschung Kopf im Bild Der Mikrobiologie neue Methoden Michael Wagner, Leiter des Depart ments für Mikrobielle Ökologie an der Uni Wien, zählt zu den zwanzig am häufigsten zitierten Mikrobiologen der Welt. Für sein aktuelles Projekt NITRICARE hat er im Vorjahr den mit 2,5 Millionen Euro dotierten ERC Advanced Grant erhalten, die wichtigste Forschungsförderung der EU. Zur Analyse der Nitrifikation setzt Wagners Team neben molekularbiologischen Techniken auch Methoden wie das innovative Gerät NanoSIMS oder die Ramanmikrospektroskopie ein. „So können wir wesentliche Eigenschaften der nitrifizierenden Mikroorganismen direkt in Umweltproben untersuchen“, erklärt der frischgebackene Präsident der International Society for Microbial Ecology. Die schwer zu untersuchenden Bakterien und Archaeen sind „global player“ im Stickstoffkreislauf der Erde. In der Abwasserreinigung und in der Landwirtschaft spielen sie eine große Rolle. „Nitrifizierende Organismen faszinieren mich schon seit meiner Doktorarbeit“, sagt der gebürtige Bayer. „Mein Ziel ist es, ihre Evolution, Physiologie und Ökologie besser verstehen zu lernen.“ T e x t : usc h i sorz F oto : k arin wasner
JungforscherInnen
K
ürzlich stellten DoktorandInnen der Wiener Fakultät für Sozialwissenschaften ihre Projekte am „Tag des SOWI-Doktorats“ vor. Hier drei vielversprechende Beispiele. Christian Rogler, 31, Kulturund Sozialanthropologie
„Im Endeffekt beforsche ich mein eigenes Arbeitsumfeld“, sagt Christian Rogler. Er durchleuchtet am Institut für Kultur und Sozialanthropologie im Rahmen eines DOC-Stipendiums der Österreichischen Akademie der Wissenschaften Arbeitsbedingungen sowie Wissenschafts- und Bildungsbegriffe in den Sozialwissenschaften. Sein Thema: „Kultur und sozialanthropologische Wissensproduktion und
-vermittlung im Kontext der neoliberalen Wissensgesellschaft.“ Wie wirken sich aktuelle Veränderungen auf die – heute oftmals unter prekären Bedingungen forschenden – WissenschafterInnen aus? „Mir ist wichtig, sowohl die Perspektiven der betroffenen WissenschafterInnen als auch die ihrer Vorgesetzten und Fördergeber zu erfassen“, so Rogler, der seine Betrachtungen nicht nur auf heimische Universitäten beschränkt, sondern auch internationale Positionen einbezieht. Simone Schumann, 34, Wissenschaftsforschung
Die vielschichtigen Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Technik und Gesellschaft haben Simone Schumann
schon während ihrer Magisterarbeit zum Institutionalisierungsprozess von Reproduktionstechnologien interessiert. Nun untersucht sie in ihrer Doktorarbeit „Encountering Nanofood. How Austrian Citizens Appropriate an Emerging Technology in the Field of Food and Nutrition“, wie Menschen neue Nahrungsmitteltechnologien in ihre Lebenswelt integrieren. „Dabei geht es unter anderem um die Performanz und Neuverhandlung von gesellschaftlichen Werten und Normen, Diskursen und Praktiken, Erfahrungen und Erwartungen“, so die Grazerin, die das Verhältnis von Essen und Technologie besonders spannend findet. „Bei dem Thema werde ich sicher auch nach meinem Doktorat bleiben.“
Anna Wanka, 25, Soziologie
„Wer nicht hinausgeht, wird in der Gesellschaft unsichtbar“, sagt Anna Wanka. Was bedeutet es also für ältere Menschen, wenn sie sich immer mehr in ihre Wohnungen zurückziehen? Oder umgekehrt gefragt, welche Bedingungen brauchen sie, damit sie doch hinausgehen und am sozialen Leben teilnehmen? Fragen wie diese untersucht die junge Wienerin in ihrem Dissertationsvorhaben „Withdrawal from Public Space. Elderly Urban residents and the Social Practice of ,Going Out‘“. Zur Soziologie kam Wanka, weil sie Politikerin werden wollte. Den ersten Berufswunsch hat sie aber durch die Begegnung mit ihrer Disziplin revidiert. „Schon von der ersten Vorlesung an war mir klar, dass das hundertprozentig mein Fach ist.“
Fotos: Privat
U sc h i S orz
Foto: iStockfoto
Das BMVIT fördert Praktika für Studentinnen aus Technik und Naturwissenschaften
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Vom Hörsaal ins Labor
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Sie finden alle Informationen und Kontakte unter: www.ffg.at/femtechpraktika Foto: Astrid Bartl
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ut bezahlte Praktika sind selten. Das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) will das ändern. Das Ministerium ist mit dem Frauenanteil in den Forschungsberufen nicht zufrieden. Daher startet es jetzt ein Projekt, das Forschungspraktika für Studentinnen fördert.
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Aus Wissenschaft und Forschung Ernährungswissenschaft
Medizin
Brief aus Brüssel
Esst Schnecken! Sie liefern Eiweiß und leben im Garten
Studien belegen bessere Heilung von Bruchoperationen durch Omega-3Fettsäuren
Emily Walton
Anja Stegmaier
H
elix pomatia, die Weinbergschnecke, ist uns im Alltag eher als lästige Gartenbewohnerin bekannt. Dass diese Schalen weichtiere aber seit der Altsteinzeit zu den wichtigsten Nahrungsmitteln der Menschen zählen, ist in Vergessenheit geraten. Dabei sind schon drei Stück so reich an Omega-3-Fettsäuren, dass damit die von der WHO empfohlenen 200 Milligramm für den täglichen Bedarf gedeckt sind. Ernährungswissenschafter Daniel Reheis attestiert einem Großteil der westlichen Gesellschaft eine 95-prozentige Unterversorgung an T3, eines von zwei wichtigen fertigen Schilddrüsenhormonen, dessen Vorläufer mit dem Schneckenfleisch aufgenommen werden können und die eine Schlüsselrolle in der menschlichen evolutionären Entwicklung darstellen. Der Hauptnährwert der Schnecke besteht aus ihrem hohen Gehalt an Selen, Jod, Eisen und Zink und ist deshalb für uns Menschen eine wichtige Nahrungsquelle. Das Fleisch hat einen hohen Proteingehalt und eine für den Menschen optimale Fettsäurenzusammensetzung. Vor allem die Leber ist reich an den genannten Nährstoffen; leider wird sie, wie viele andere Innereien, oft entsorgt.
Neben Schnecken gehören auch Insekten auf den Speiseplan der Zukunft. Im Vergleich zur Masttierzucht von Rind oder Schwein sind Schnecken und Insekten sehr gute Futterverwerter. Sie brauchen wenig Platz, Futter und Wasser.
Vor allem die Leber ist reich an Nährstoffen; leider wird sie, wie viele andere Innereien, oft entsorgt Bei Rindern hingegen werden fünf Kilogramm Futter und 14.000 Liter Trinkwasser für die Produktion von einem Kilogramm Fleisch benötigt. Weltweit stoßen Rinder 18 Prozent der Treibhausgase aus, das ist mehr als der gesamte Autoverkehr. 2050 soll laut Vorhersagen unser Fleischund Wurstkonsum auf das Doppelte steigen. Alles gute Gründe, einmal in der Woche vielleicht doch den Schnecken den Vorzug zu geben. Aber Obacht: Freilebende Weinbergschnecken stehen heute fast in gesamt Mitteleuropa unter Naturschutz und dürfen nicht mehr gesammelt werden. Ein Besuch beim Schneckenbauer des Vertrauens ist daher angeraten.
Ein Schneckenzüchter Ihres Vertrauens: Andreas Gugumuck
zu hören. Es ist der neckische, kleine Hinweis darauf, dass man während der Zeit in Europas Hauptstadt ein bisserl zugelegt hat. Der langen Arbeitsstunden oder der (extrem) guten Parlamentskantine wegen. Vielleicht dieter hönig liegt es auch nur an den Waffeln und den Pralinen. Bekommt man diesen Satz zu hönlässlich des internationalen Symposiums „Innovations in Vis- ren, nimmt man ihn nicht zu persönceral Surgery“ am 2. und 3. Dezember lich, zieht den Bauch ein – und geim Linzer AKH werden neueste Stu- nießt weiter. Oder man nimmt sich dienerkenntnisse aus den Benelux- vor, joggen zu gehen. Wenn denn das Ländern zu Omega-3-beschichteten Wetter hier einmal schön wäre! Um mich vor den Brüsseler Kilos Netzen präsentiert. Die positive Wirkung der Omega-3-Fettsäuren auf un- zu wappnen, beschloss ich, selbst mehr seren Körper ist mittlerweile wissen- zu kochen. Wenn ich mir selbst Miesschaftlich anerkannt: Stärkung des muscheln und Crêpes mache, würde Immunsystems und Entzündungs- ich die Zutaten kennen, vielleicht kleihemmung sind nur einige der Vortei- nere Portionen essen, dachte ich. Bis le. Nun sollen sie auch bei Bruchope- ich feststellte, dass es mit den richtirationen zum Einsatz kommen. gen Rezepten fast besser als im Res„Die Sanierung eines Narben-, Na- taurant schmeckt. (Brüsseler Freunbel- oder Leistenbruchs wird in hoch- de hatten mir zum Einstand ein belspezialisierten Zentren zunehmend gisches Kochbuch geschenkt.) Von Kochlaune gepackt, wollte ich schon per Mini-Schlüsselloch-Technik durchgeführt. Dabei arbeitet man in eine Küchenmaschine investieren narbenfrei ausschließlich durch den und fuhr ins nächste EinkaufszentNabel oder durch zwei zusätzliche, rum. Der Elektrofachhandel sah aus winzige Einstichöffnungen“, erklärt wie bei uns. Der einzige Unterschied: Symposiumsleiter Andreas Shamiyeh Mangels Französisch- und Flämischkenntnissen konnte ich nur mit Hänvom AKH Linz. Um die Bruchpforte sicher zu ver- den und Füßen kommunizieren. Zu Hause packte ich mein schließen, werden nun von einigen österreichischen Zentren neue, opti- 36-teiliges Gerät aus (obwohl wir mierte Polypropylennetze, mit Omega- nicht dieselbe Sprache sprachen, 3-Fettsäuren beschichtet, ins Gewe- schaffte es die Verkäuferin, mir eine be eingesetzt. Denn der menschliche Luxusmaschine anzudrehen.) Gierig auf den ersten Milchshake, Körper nimmt, wie Studien aus dem In- und Ausland zeigen, die Omega- füllte ich den Behälter. Es tropfte. 3-Fettsäuren als Zellnahrung nach Der Krug leckte. Enttäuscht packte und nach wohldosiert auf. Das Netz ich alle 36 Teile wieder in die Kiswächst besser ein, Fremdkörpergefühle te, eine größere Herausforderung als treten nicht auf und die Entzündungs- jedes Tetris-Spiel. Die Schachtel war etwas verbeult, trotzdem nahm man gefahr ist geringer. Die innovativste Variante, ein das gute Stück im Elektromarkt zudreidimensionales Netz, das sich der rück. Der junge Mitarbeiter stellte mir Organform optimal anpasst (C-Qur- eine Gutschrift aus, schickte mich in CentrFX), soll diesen Effekt noch ver- die Haushaltsabteilung, um mir ein stärken. Was auch der Leistenbruch- neues Exemplar zu besorgen. Doch Experte René Fortelny vom Wilhelmi- die gewünschte Maschine war nicht nenspital Wien bestätigt. Für ihn stellt im Regal. Ausverkauft, sagte man mir die Kombination von Schlüsselloch- zunächst. Dann aber kam die Verkäuferin Chirurgie und einem mit Omega-3- Fettsäuren beschichteten Netz die der- vom Vortag. „Warten Sie“, deutete sie zeit verträglichste Form der Bruch mir. Sie glaube, es sei noch ein Gerät im Lagerraum. Ich wartete und warsanierung dar. Fortelny ergänzt: „Optimal für den tete – probierte Stabmixer und KafPatienten ist es, wenn zur Fixierung feemaschinen aus –, bis sie mit einer des Netzes auch ein spezieller Gewe- Schachtel ankam. Es war meine verbekleber zum Einsatz kommt. Denn beulte Schachtel, man hatte sie zuMetallclips können ein Fremdkörper- getackert und beklebt. Ich bedankte gefühl vermitteln und Nervenschädi- mich, so höflich ich es auf Französisch gungen mit chronischen Schmerzen kann, stellte die Maschine aber ins Reverursachen. All das kann man dem gal und dachte mir: Es wäre vielleicht Patienten in spezialisierten Zentren doch besser und einfacher, in die Parlamentskantine zu gehen. heute ersparen.“
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Foto: luk a s ilgner / für falter bes t of vienna
Schnecken? Wäh – die essen nur kleine Kinder, wenn niemand aufpasst. Falsch: Weinbergschnecken waren Nahrungsmittel
eit wie vielen Kilos bist du schon in Brüssel?“ Diese Frage bekomS men viele nach einer Weile in Belgien
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Aus Wissenschaft und Forschung Neurowissenschaften
Wie kann man Emotionen messen? Welche neuronalen Netzwerke und Prozesse das menschliche Sozialverhalten bestimmen, untersucht die Empathie-Forschung Uschi Sorz
S
chon lange denkt man in der Psychologie über jene Mechanismen nach, die uns in die Lage versetzen, mit anderen mitzufühlen und mitunter sogar Fremd- vor Eigennutzen zu stellen. Warum tun wir das? Mit den heutigen technischen Möglichkeiten im Gepäck nähern sich die Neurowissenschaften dieser Frage an der Schnittstelle von Psychologie und Hirnforschung. „Wir wollen den neuronalen Grundlagen prosozialen Verhaltens auf die Spur kommen. Auf dieser Basis können später in der Anwendung gezieltere Interventionen gesetzt werden“, sagt Claus Lamm, seit 2010 Leiter der Abteilung für soziale, affektive und kognitive Neurowissenschaften (SCAN-Unit) an der Universität Wien. „Das ist ein extrem interdisziplinäres Gebiet, das neben der Psychologie auch die Soziologie, Ökonomie oder Pharmakologie berührt.“
Mit Verfahren wie Magnetresonanztomografie, Elektroenzephalografie oder transkranieller Magnetstimulation lassen sich Zusammenhänge zwischen der Aktivität bestimmter Gehirnregionen und Entscheidungsprozessen herstellen. Während Versuchspersonen in soziale Interaktionen verwickelt werden, können Forscher buchstäblich in ihre Köpfe spähen und auch unbewusste Vorgänge abbilden. „Soziales Verhalten wird von vielfälti-
gen Entscheidungen bestimmt“, erklärt Lamm, der zu den Pionieren der Empathieforschung zählt. In einer Studie wurden Menschen Schmerzreize verabreicht, wobei andere zusahen. Bei den Beobachtern wurden ähnliche Bereiche im Gehirn aktiviert, als hätten sie selbst den Schmerz erlitten. „Körpergefühle werden in der anterioren Insel und im medialen zingulären Kortex repräsentiert“, sagt Lamm.
„Emotionen haben eine starke körperliche Komponente, so können sie den Puls in die Höhe treiben.“ Das Gehirn bemerke die Reaktion des Körpers auf die Emotion des anderen – so könne man sie am eigenen Leib fühlen.
Versuchspersonen werden in soziale Interaktionen verwickelt, während Forscher in ihre Köpfe spähen und unbewusste Vorgänge abbilden Die akademische Psychologie setzt Empathie nicht mit Mitgefühl gleich. „Empathie ist nur das Sichhineinversetzen in den anderen.“ Damit sie zu altruistischem Verhalten führt, muss Mitgefühl hinzukommen. Und Empathie kann es, muss es aber nicht zwangsläufig auslösen. „Sozio- oder
Psychopathen können auch empathisch sein, reagieren aber anders darauf als die Normalbevölkerung.“ Gerade hat Lamm mit seinem Team die Effekte der „Humanisierung“ untersucht. „Je mehr wir uns in die Gedankenwelt eines Menschen hineinversetzt haben, desto eher sind wir bereit, ihm zu helfen“, erklärt er. Versuche hätten gezeigt, dass schon ganz einfache Überlegungen zu einer Person genügen, um sie als Individuum wahrzunehmen. Versuchspersonen wurden vor die Entscheidung gestellt, ob sie fünf Menschen durch Umlegen einer Weiche vor einem Zug retten würden, wenn auf dem anderen Gleis auch eine Person stände. Zuvor humanisierte Personen wurden deutlich weniger oft geopfert. „Der Konflikt zwischen Emotion und Kognition stresst enorm. Aber Rettungsmannschaften stehen oft vor einem ähnlichen Dilemma.“
Titel 8
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klimaverlierer (in Österreich) Der Countdown zum Thema Carolin Gier mindl
Euro hat Österreich bisher insgesamt für CO2- Zertifikate ausgegeben. Heuer musste die Republik für 160 Millionen Euro Verschmutzungsrechte einkaufen.
120 000 000
Euro Schaden hat Österreichs Landwirtschaft 2012 durch Überschwemmungen, Frost, Dürre, Sturm und Hagel genommen.
4 000 000
150
Umbruch.
Höhenmeter wird die jetzige Baumgrenze im Gebirge nach oben wandern. Laut Experten steht der gesamte Wald vor einem
80 69 67
Prozent der Erträge in der heimischen Landwirtschaft sind wetterabhängig.
Prozent der heimischen Fischarten sind bedroht. Neben Ü berfischung zählt auch veränderter Lebensraum zu den Ursachen.
Hektar Wald gibt es in Österreich, das sind 48 Prozent des Staatsgebietes. Die Hälfte des Baumbestandes sind Fichten. Die Fichte reagiert am empfindlichsten auf Trockenheit und Temperaturanstieg.
Prozent des Umsatzes der Bio-Industrie werden im Supermarkt erzielt. Kleine Bioläden sind aus Österreichs Geschäftslandschaft verschwunden.
70 000
Tierarten leben in Österreich. Amphibien, fast alle Reptilien sowie mehr als die Hälfte der Vögel und Säugetiere sind vom Aussterben bedroht.
62
Prozent der Österreicher gehen davon aus, dass es in den nächsten Jahren klimabedingt zu dramatischen Veränderungen und reignissen im eigenen Land kommen wird. E
25000
55
15 000
Kubikmeter Gestein sind am Rettenbachjoch in Sölden im August 2006 in die Tiefe gestürzt. Die Ursache: aufgetauter Permafrostboden.
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Der Platz, den Österreich laut Umweltorganisation German Watch im Ranking der Klimaverlierer unter allen Ländern belegt. Auf Platz eins steht im langjährigen Vergleich Bangladesch.
3106
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2012 2011 & 2003
Prozent der Energie will Österreich bis 2020 aus erneuerbaren Energien beziehen. Derzeit werden 71 Prozent des ruttoinlandsverbrauchs mit fossilen Energieträgern gedeckt. B
Schadensmeldungen verzeichnete die Hagel- versicherung Österreich bis 31. Juli 2012 wegen Wetterextremen. Das ist Rekord in der 65-jährigen Unternehmensgeschichte.
Meter hoch ist der Rauriser Sonnblick. Der Gipfel muss mit Betonklammern gestützt werden, denn schwindender Permafrost im Boden macht den Untergrund instabil. hat die Pasterze am Großglockner, Österreichs größtem Gletscher, im unteren Bereich 9 Meter an Eisdicke verloren.
waren Rekordschmelzjahre.
1700
Milliarden Tonnen organischen Kohlenstoff speichern Permafrostböden weltweit. Österreichs dauerhaft gefrorener Boden setzt beim Auftauen neben CO2 hoch klimaschädigendes Methan frei.
1500
Meter über dem Meer: In dieser Höhe gelten Österreichs Skipisten nicht mehr als schneesicher. Künstliche eschneiung ist in dieser Höhenlage unrentabel. B
1000
Liter Wasser sind für zwei bis drei Kubikmeter Kunstschnee nötig. Mehr als die Hälfte aller Skipisten in Österreich erden beschneit. w
542
Quadratkilometer betrug die Fläche der Gletscher in den Siebzigerjahren in Österreich. Derzeit gibt es noch rund 470 Quadratkilometer.
Prozent des Energieverbrauchs eines Haushalts lassen sich bei einer umfassenden Sanierung einsparen. Der Sektor Raumwärme verursacht 16 Prozent unserer Treibhausgasemissionen.
Prozent der rund 3000 wild wachsenden Pflanzenarten in Österreich sind gefährdet.
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27
Prozent aller wild wachsenden Pflanzen in Österreich sind „Exoten“, sogenannte Neophyten. Seit 1983 wächst das südafrikanische Greiskraut, seit 2011 die wärmeliebende Samtpappel bei uns.
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Zentimeter kann der mehrjährige Gletscherhahnenfuß an Wuchshöhe erreichen. Die Hahnenfußart, die bis zur Schneegrenze im Gebirge vorkommt, ist wie viele andere Alpenpflanzen vom Aussterben bedroht.
11 4,9
Milliarden Euro erwirtschaftete Österreich 2011 mit Wintersporttouristen. Jeder 14. Arbeitsplatz hängt am Wintersport.
globale Hektar verbraucht ein Mensch in Österreich im Durchschnitt mit seinem Lebenswandel. 1,8 globale Hektar sind ökologisch vertretbar.
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Grad mehr: Die Wassertemperatur der heimischen Seen wird bis zum Jahr 2050 um diesen Wert ansteigen.
W o l f g a n g b e n d e r , LEO , F a r b e a u f F o t o g r a f i e , 2 0 1 1
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KLIMAVERLIERER (IN ÖSTERREICH)
Zu den Bildern Der österreichische Künstler Wolfgang Bender bezeichnet seine Arbeitsweise gerne als BildArchäologie.Er bewegt sich thematisch zwischen den Polen der Fotografie und der Malerei. Seine großformatigen Fotoprints bedeckt er mit Schichten von metallisch silberner Farbe, die er teilweise wieder abkratzt oder ausdünnt, wie er es nennt. Derzeit arbeitet Bender an einer neuen Werkreihe von Landschaften und deren Bewohnern unter den Vorzeichen sich verändernder sozialer und klimatischer Bedingungen. Zu seinem Verfahren meint er: „Die Überlagerung (mit Farbe) und das anschließende Freilegen von Teilen der Fotografie bewirkt für mich auch immer eine Neuinterpretation von schon einmal Gesehenem. Das Bild, das langsam zum Vorschein kommt, ist auf jeden Fall immer anders als die Erinnerung, die ich von gewissen Vorstellungen zurzeit des Aufnehmens einer Fotografie hatte. Meine Wirklichkeit ist ein Amalgam von verschiedenen Zeiten.“ wolfgang_bender@yahoo.de
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Klimaverlierer (in österreich)
Kein Strom(kabel) aus der Wüste Spanien verweigert DESERTEC Stromleitungen aus der Wüste nach Europa – Siemens und Bosch steigen aus Gunnar Heinsohn
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elbst Hartgesottene, die auf gemessene Temperaturen schauen und ideologisch befrachtete Computermodelle als zeitgemäße Religion für Gebildete verbuchen, spüren den politischen Eros und die technologische Schönheit einer Elektrizität aus orientalischen Sandmeeren für abendländische Kochherde. Wenn die Energie von einer Minute Sonnenschein den irdischen Bedarf ein Jahr lang decken könnte, haben Träume über das Anzapfen dieser nie versiegenden Quelle alle Berechtigung, selbst wenn die Kosten die unsäglich surrenden Windmühlen noch in den Schatten stellen. 2003 kann deshalb der Club of Rome, den seine 1972er-Fehlprognosen über die „Grenzen des Wachstums“ ins Abseits bugsiert hatten, mit dem Projekt DESERTEC noch einmal begeistern. Deutschlands Versicherungsriese Munich Re übernimmt die Federführung und holt am 13. Juli 2009 mit Siemens Europas besten Technologiekonzern sowie als Geldmanager die Deutsche Bank ins Boot. Auch in Österreich findet man Gefallen am Segen aus Arabien: Der Salzburger Johannes Zickler gründet im April 2012 seinen Verein DESERTEC Austria. Er hätte gewarnt sein können. Denn bereits im Jänner 2012 stoppte das spanische
Gunnar Heinsohn ist Soziologe und Ökonom
„Hier sei die Wette gewagt, dass die Spanier auch Berlin und Wien in ihre Verzichtsspur zwingen werden.“ Gunnar Heinsohn
Industrieministerium Subventionen für die nationale Einspeisung von Strom aus Fotozellen und Metallspiegeln. Während die Führungen in Wien und Berlin ihre Bürger unter überteuertem Strom noch eine Weile keuchen lassen können, ist es damit im bankrotten Spanien vorbei. Ein beredtes Omen. Denn so viel weniger Sonne als Nordafrika hat der iberische Süden auch nicht, und dessen Stromertrag will man in den marokkanischen Markt drücken. Deshalb lässt Madrid DESERTEC nicht in seine kostbaren Leitungen über die Straße von Gibraltar. Doch den schwersten Schlag empfängt das Konsortium am 5. November 2012: Siemens steigt aus. Zu lange erlagen die Münchner den Prophezeiungen ihrer Ökovorstände über die alsbaldige Unbezahlbarkeit von Erdgas und Erdöl. Doch nachdem 800 Millionen Euro für die Solarsparte in den Sand gesetzt wurden, wird das Fallen der Gaspreise eingestanden. Deutschlands Spitzenkonzern gerät ins Trudeln: Erst schlägt ihm Berlin die nukleare Weltmarktführerschaft per Gesetz aus der Hand, dann zeigt ihm der Markt selbst die Aussichtslosigkeit der von Berlin vorgeschriebenen Sonne. Und doch dürften Siemens und die am 13. November abgesprungene Bosch-GmbH
noch dankbar sein, nicht mehr den Strom vom Himmel holen zu müssen. Denn als am 29. Oktober Hurrikan ,Sandy‘ New York und New Jersey traf, begriff die Welt einmal mehr, dass bei Extremwetter nur Systeme helfen, die stets verfügbar und sekundenschnell einschaltbar sind. Muss man überschwemmte Gebiete leer pumpen, kann man nicht bis zum nächsten Monat auf Sonnenlicht warten. Firmen, die wegen zerstörter Überlandleitungen ihre Lieferkontrakte nicht einhalten können, wollen nicht noch einmal aus dem Geschäft fliegen. So setzen sie auf feste Gasleitungen, Dieselgeneratoren und Minireaktoren – auf Anlagen also, die selbst im Normalfall zusätzlich und kostenverdoppelnd in Reserve stehen müssen, wenn Alternativenergie siegen soll. Wer also nicht für alle Zeiten zweifach bezahlen kann, kippt aus der Weltspitze. Deshalb sei hier die Wette gewagt, dass die Spanier auch Berlin und Wien in ihre Verzichtsspur zwingen werden. Bis 2060 lassen zu wenige Kluge, zahllose Alte und jede Menge Schulversager Deutschland (von fünf auf zehn) und Österreich (von 27 auf unter 50) die Weltrangliste herabpurzeln (laut OECD, 9. November 2012). Für das Bezahlen doppelter Strompreise ist an Rhein und Donau dann ohnehin niemand mehr da.
Am Gipfel ist für alle Arten Schluss Wer vertreibt wen? Wer weicht wohin aus? Warum Pflanzen und Tiere in den Himmel steigen urch die globale Erwärmung verschieben sich in Österreich die LebensräuD me der Pflanzen und Tiere in die Berge und
nach Norden. Für wärmebedürftige Arten wie die Gottesanbeterin ist das kein Nachteil, erklärt der Zoologe Wolfgang Rabitsch vom Umweltbundesamt: „Die Gottesanbeterin ist bis vor Kurzem nur in Tieflagen vorgekommen, doch im Zuge des Klimawandels breitet sie sich nach oben hin aus.“ In der Steiermark sei sie seit Neuestem schon auf über 1000 Metern Seehöhe zu finden. Dort trifft sie auf eingesessene Arten, die durch die neue Konkurrenz benachteiligt oder verdrängt werden könnten. Ihnen bleibt oft nichts anderes übrig, als in Richtung Gipfel auszuweichen. „Doch irgendwann ist der Berg aus, und dann können sie nicht mehr weiter nach oben wandern“, so Rabitsch, „es besteht die Gefahr ihres Aussterbens“. „Es ist nicht nur am Gipfel Schluss, die Fläche wird auch nach oben hin kleiner, da Berge kegelförmig sind“, so Stefan Dullinger vom Department für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie der
„Es ist nicht nur am Gipfel Schluss, die Fläche wird auch nach oben hin kleiner, da die Berge kegelförmig sind.“ Stefan Dullinger, Universität Wien
Universität Wien. Außerdem würden sie oft mit zunehmender Höhe felsig und seien aus Schutt; durchwurzelbare Böden sind nur noch fragmentarisch ausgebildet – und die für Pflanzen besiedelbare Fläche schrumpft weiter. Je kleiner die bewohnte Fläche sei, umso größer wäre das Risiko, dass eine Störung wie der Befall mit einem Krankheitserreger oder ein mächtiger Steinschlag die Population vernichtet, warnt Dullinger. In einer Studie des Umweltbundesamts hät-
te man einige hundert Pflanzen- und Tierarten gefunden, die es nur in Österreich gibt, so Rabitsch. Viele davon leben über der Waldgrenze, etwa in Hochgebirgsrasen. Wandert der Wald durch die Klimaerwärmung nach oben, verlieren sie ihren Lebensraum. „Sie sind durch den Klimawandel besonders gefährdet, denn wenn sie in Österreich aussterben, sind sie weltweit ausgestorben“, erklärt er. Auch Vögel wie der Wasserpieper, der auf Almmatten lebt, hätten ein Problem damit, dass der Wald höher rückt, beobachtet
Hans Winkler vom Department für Integrative Biologie und Evolution am Konrad- Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung: „Aber das tut er nicht nur wegen des Klimas, sondern auch wegen verminderter Beweidung und Veränderungen in der Landwirtschaft.“ Für Arten, die auf offene Lebensräume wie Almwiesen angewiesen sind, wäre es sinnvoll, „eine nicht übertrieben intensive Almwirtschaft aufrecht zu erhalten“, meint Dullinger. Außerdem müsse man vor allem im Tiefland Migrationskorridore für Pflanzen und Tiere einrichten. „Das Problem ist, dass in der Europäischen Union durch die intensive Landwirtschaft die Ausweichräume fehlen“, sagt Winkler. Doch immerhin stünde die Vernetzung der Lebensräume mithilfe der sogenannten „grünen Infrastruktur“ relativ weit oben auf der EU-Agenda, sagt Rabitsch. Die Umsetzung sei freilich nicht immer einfach, vor allem deswegen, weil sie nicht nur in einzelnen Ländern, sondern europaweit geschehen muss.
F o t o s : U n i b r e m e n , k a t h a r i n a r o SS b o t h
Jochen Stadler
heureka
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Haidingers Hort der Wissenschaft
Grafikkabinett Püribauers Tierversuche
Schmelzeffekt und Fichte M a r ti n H aidi n g e r
Als Eis wie Holz Gleichsam schmolz … Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschafts journalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschafts journalismus
I ll u st r atio n : B e r n d P ü r iba u e r
Freihandbibliothek Buchtipps von Emily Walton Wenn Badeenten baden gehen
Wir alle sind Versager
Moby-Duck: The True Story of 28,800 Bath Toys Lost at Sea and of the Beachcombers, Oceanographers, Environmentalists, and Fools, Including the Author, Who Went in Search of Them. Donovan Hohn. Viking Adult. 416 S.
A Perfect Moral Storm: The Ethical Tragedy of Climate Change. Stephen Gardiner. Oxford University Press. 512 S.
Was passiert, wenn ein Frachtschiff einige Container mit Badespielzeug verliert? Enten, Frösche und Co. treiben auf hoher See, werden irgendwann angeschwemmt – und später für teures Geld versteigert. Donovan Hohn wollte mehr über die Reise der Badetiere wissen, die 1992 von Bord gingen. In seinem Buch geht es um weit mehr als Spielzeug: Er führt seine Leser von chinesischen Spielzeugfabriken bis zu arktischen Forschern.
Jeder weiß es, doch keiner tut etwas dagegen: Mit unserem Lebensstil fahren wir die Erde und damit uns selbst an die Wand. In seinem Buch „A Perfect Moral Storm“ zerpflückt der Philosoph Stephen Gardiner die zu oft gehörten Ausreden, die längst nicht mehr glaubhaft klingen, und stellt Politiker, Institutionen und die Gesellschaft im Allgemeinen an den Pranger. Und er mahnt, dass es in höchstem Grad unmoralisch sei, Klimawandel auf die Nachkommenden und Anderen abzuwälzen und stets auf später zu verschieben.
Sonnenfreundliche Staatsmänner?
Humorvolle Pointen
Energy for Future Presidents: The Science Behind the Headlines. Richard Muller. Norton. 350 S.
This Other Eden. Ben Elton. Black Swan. 400 S.
Ressourcen-Management ist Kernaufgabe jedes Einzelnen, sollte aber auch ganz oben auf der Agenda der Politiker stehen. Denn die Politik wird in Zukunft nicht an ökologischen Themen vorbeikommen, mahnt Autor Richard Muller, da sie Außenpolitik und -handel prägen. Umso wichtiger ist es, dass die Verantwortlichen wissen, wohin es mit unseren Ressourcen geht. Werden sich Solar- und Windenergie durchsetzen? Wie wird sich die Atomenergie entwickeln? Dieses Buch versucht Antworten zu geben.
Die Themen Erderwärmung und Klimawandel sind viel zu ernst, um sich darüber lustig zu machen. Umso überraschender scheint es, dass ausgerechnet der britische Komiker Ben Elton sich immer wieder mit diesen Themen auseinandersetzt. Und das ist gut so: Denn mit gezielten Pointen und intelligentem Humor gibt der Autor Denkanstöße. In seinem Roman ist unser Planet längst kaputt und die Menschen planen, unter einer großen Käseglocke zu leben. Ein abschreckender, unlustiger Gedanke.
o könnte die Ode, oder besser das Lamento eines Walther oder Oswald S von Wolkenstein beginnen, das von einem
fundamentalen Wandel im Leben der Menschen berichtet. Sie hätten schon damals, im europäischen Mittelalter, recht gehabt, denn das war das sogenannte Klimaoptimum, etwas profan auch „mittelalterliche Warmzeit“ genannt. Damals lag durch geheimnisvolle Sonnenaktivitäten das Durchschnittsklima um zwei Grad über jenem der Spätantike. Die nordischen Eisschluchten zogen sich zurück und verhalfen Wickie und den starken Männern zu einem fruchtbarer werdenden Nordland, das andererseits auch dem darob gut genährten schrecklichen Sven und seinen Wikingerkumpeln Raubzüge durch Europa ermöglichte. Am Ende des Mittelalters kam dann die kleine
Eiszeit über die Welt und trollte sich erst wieder gegen 1900. Und jetzt befinden wir uns gerade wieder auf dem Weg zurück in die Erwärmung. Wer ist schuld daran? Die Sonne, der (gar nicht so) liebe Gott, die giftigen Flatulenzen weidenden Nutzviehs oder doch die Industrie? Die Gewalt der Elemente ist ein Sinnbild für alles, was wir fürchten, und tatsächlich bangen wir hierzulande mit unseren gleißenden Gletschern und wallenden Wäldern um Filetstücke unserer österreichischen Identität. Nun sind die Gletscher, sogar ganz hoch droben auf der Pasterze, im letzten Jahr wieder stark geschmolzen. Wo sie zurückweichen, bilden sich Seen aus Schmelzwasser, und diese können gefährlich werden. Auch wenn der Mensch vielleicht nicht allein
der böse Bube ist – einen gewissen Anteil an der Erwärmung hat er sicher, sagen die wissenschaftlichen Wetterfrösche der meteorologischen Zentralanstalt auf der Wiener Hohen Warte. Akribische Schweizer wiederum haben ausgerechnet, dass die Erwärmung der europäischen Nadelwälder in den nächsten neunzig Jahren einen wirtschaftlichen Schaden von mehreren hundert Milliarden Euro anrichten wird. Denn wenn die 30-Meter-Holzlieferantin namens Fichte sich verzieht und Tapetenwechsel im allerhöchsten Norden sucht, bleibt für unsereins nur noch die kümmerliche mediterrane Korkeiche. Und an ihr kann man höchstens noch eine Hängematte befestigen, aber keinen grünen Wirtschaftszweig erwarten.
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HEUREKA
KLIMAVERLIERER (IN ÖSTERREICH)
WERNER STURMBERGER
N
och halten sich die Auswirkungen des Klimawandels in Österreich in Grenzen. Sie werden ab der Hälfte dieses Jahrhunderts verstärkt spürbar werden. Die Veränderung bei Temperatur und Niederschlag gehen weiter, wir werden uns dem anpassen müssen. „In Anbetracht von Ereignissen wie ,Sandy‘ entsteht momentan der Eindruck, wir seien die Insel der Seligen. Dem ist nicht so“, warnt Erwin Mayer, Ökonom der Umweltagentur denkstatt, vor den Folgen des Klimawandels in Österreich. Auch wenn uns Katastrophen wie ,Sandy‘ gegenwärtig erspart bleiben, ist der Klimawandel in Österreich wie im gesamten Alpenraum bereits deutlich ausgeprägt“, erklärt Michael Hofstätter, Klimaforscher an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik: „Im Großraum der Alpen haben wir seit der Industriellen Revolution einen Temperaturanstieg von plus 1,6 Grad, während er im globalen Mittel nur bei etwa 0,8 Grad liegt. Zwischen 1860 und 1930 haben sich die Temperaturen nur wenig geändert. Einen deutlichen Temperaturanstieg kann man erst ab Mitte des letzten Jahrhunderts und ganz massiv ab 1980 ausmachen.“
Die Schneefallgrenze ist um 160 Meter gestiegen
Die Drastik dieses Vorgangs wird besonders augenscheinlich, wenn man den Temperaturanstieg in die Höhe der Schneefallgrenze übersetzt. Folgt man Michael Hofstätter, gilt die Formel, dass für ein Grad Erwärmung die Schneefallgrenze um hundert Meter nach oben wandert – in den letzten Jahrzehnten um 160 Meter. Dies hat Auswirkungen auf die Gletscher: Sie befinden sich weiterhin auf dem Rückzug. Für Erwin Mayer ist ein völlig gletscherfreies Österreich bis zur Jahrhundertwende kein gänzlich unrealistisches Szenario: „Die Alpen waren schon ohne menschliches Zutun gletscherfrei – dieses Mal hätte es aber klare anthropogene Ursachen.“ Ökonomisch betrachtet, betrifft die Temperaturerwärmung vor allem den Wintertourismus: Es steigt die Schneefallgrenze, auch ist mit einer früheren Schneeschmelze zu rechnen, wie Wolfgang Schöner, Klimafolgenforscher an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, erläutert. Das reduziert die Anzahl der möglichen Skipisten sowie die Dauer der Saison. Besonders betroffen sind vor allem Wintersportorte in niedrigen und mittleren Lagen. Mit der Schneefallgrenze steigt auch die des Dauerfrostbodens. Das macht es schwieriger, Gebäude und Infrastruktur in hochgelegenen Regionen zu errichten. Was ehemals als „Zement der Alpen“ bekannt war, ist als Fundament kaum mehr geeignet. Felsen, die nicht mehr durch den Dauerfrost geschützt sind, beginnen zu erodieren und
Klimaverlierer
werden instabil. Bereits bestehende Gebäude müssen oft mit großen Mengen Stahlbeton gesichert, einzelne Hütten sogar aufgegeben werden.
Die Zahl der gefährlichen Bergzonen steigt
Durch den Klimawandel sind größere Teile des Gebirgsmassivs von natürlicher Erosion betroffen. Dadurch werden Gesteinsmassen ins Rollen kommen und Felsstürze zunehmen – damit wächst auch die Zahl alpiner Gefährdungszonen. Die Folgen der steigenden Schneefallgrenze werden in der Form von Hochwasser auch noch in voralpinen Regionen spürbar sein. Erwin Mayer macht dafür den „Klospülungseffekt“ verantwortlich: Die winterlichen Niederschläge in Form von Schnee und Eis fielen bislang auf schnee- und eisbedeckte Flächen und wurden dort sofort gebunden. Die Gletscherschmelze und das Abtauen der Schneemassen setzten diesen Niederschlag langsam in unsere Gewässer frei. Das führte zu einer „relativen Glättung der Pegelstände“. Je geringer die Gletschermasse und je höher die Schneefallgrenze, desto mehr Winterniederschlag fällt – als Regen – bis hinauf auf 2000 oder 3000 Meter. Und desto schneller fließt das Wasser wieder in die Täler ab, was den Pegelstand der Gewässer binnen weniger Stunden drastisch steigen lässt. Erwin Mayer folgert daher: „Die sinkende Schneebedeckungsdauer führt zu einer Tendenz, dass Überflutungen wie im Kärntner Drautal öfter auftreten werden.“ Auch Wolfgang Schöner hält es für wahrscheinlich, dass weniger Niederschlag in Form von Schnee fallen wird. Darüber hinaus rechnet er mit einer Niederschlagszunahme im Winter.
Der Klimawandel steht nicht bevor, wir sind bereits mitten drin. Auch in Österreich
Wird Österreich wesentlich trockener werden?
Wer leidet unter Steinschlag und Hochwasser?
Wen Steinschläge oder Hochwasser treffen, hängt auch davon ab, wo man lebt. In den gefährdeten Lagen findet man vor allem einkommensschwächere Haushalte, was Erwin Mayer auf die niedrigeren Grundstückspreise zurückführt. Dass dort überhaupt gebaut werden durfte, liegt daran, dass Raumplanung und Festlegung von Gefährdungszonen lange Zeit in lokaler Kompetenz lagen. Gemeinden standen so vor einem Dilemma: Gefährdete Gebiete zur Bebauung freigeben, um über die Einwohnerzahl mehr Kommunalsteuer zu generieren, oder auf Wachstum verzichten und Sicherheitsbedenken den Vorzug geben? Dennoch sieht Mayer die Bemühungen im Hochwasserschutz auf einem guten Weg – hier sei vor allem das Hochwasser von 2002 besonders lehrreich gewesen und hätte zu einem Umdenken geführt: „Man muss den Flüssen zwischen den Gemeinden
mehr Platz bieten, damit sie sich ausdehnen können. Die alte Methode – wir kanalisieren von der Quelle bis zum Schwarzen Meer – hat nicht funktioniert, sondern zu erhöhten Geschwindigkeiten und noch stärkeren Hochwässern geführt.“ Als nachhaltig für den Hochwasserschutz bezeichnet er eine striktere Raumordnung. Teilweise wird diese auch Rückbauten fordern müssen, um zu Überflutungsflächen und zu einer Steigerung des Rückhaltevermögens des Bodens zu kommen. Dies lässt sich durch einen höheren Humusanteil und eine geringere Verdichtung schaffen.
Willi Haas, Sozialökologe, IFF Wien: „Wenn wir in den nächsten Jahren nicht unsere Handlungsfähigkeit drastisch erhöhen, haben wir in den nächsten zehn Jahren noch kein Problem. Danach werden wir aber zu einer von Klimafolgen getriebenen Gesellschaft mit drastisch reduzierten Handlungsspielräumen.“
Ein erhöhtes Rückhaltevermögen des Bodens würde sich bei Hochwasser, aber auch in Trockenperioden bezahlt machen. Die steigenden Temperaturen werden, da sind sich Hofstätter und Schöner sicher, die Niederschlagshäufigkeit im Sommer senken. Die beiden Forscher gehen auch davon aus, dass das Niederschlagsvolumen bei einzelnen Ereignissen zunehmen könnte, weisen aber darauf hin, dass hinter dieser Annahme viele Fragezeichen stehen. Weder für unsere Trinkwasserversorgung noch für die Stromerzeugung werden diese Trockenperioden längerfristig problematisch sein. Dies gilt jedoch nicht für die Landwirtschaft. Vor allem im Osten Österreichs kämpft sie schon jetzt gelegentlich mit Dürreperioden. Doch auch darauf könne man sich einstellen, erklärt Willi Haas: „Zukünftige Wasserknappheit lässt sich durch den Einsatz effizienterer Bewässerungssysteme bewältigen. Das setzt die effektive Verbreitung von Wissen darüber voraus, welche Pflanzen in welchen Phasen wie viel Wasser brauchen.“ Mittelfristig werden die Landwirte wohl nicht umhin kommen, ihre Fruchtfolgen und Pflanzensorten an die sich nun rascher wechselnden Bedingungen anzupassen. Die hohen Temperaturen führen in der Land- und Forstwirtschaft zu neuartigem und potenziell stärkerem Schädlingsbefall. Unklar ist, wie die steigenden Temperaturen die Qualität der Gewässer beeinflussen und wie sie sich auf die Pegelstände der von der Schifffahrt genutzten Gewässer auswirken werden.
Die Österreicher geraten in Hitzestress
Die steigenden Sommertemperaturen werden zu mehr Hitzestress bei der Bevölkerung führen. Während der Hitzewelle im August 2003 in Frankreich erhöhte sich die Sterblichkeitsrate um 55 Prozent, es kam zu über 14.000 Todesfällen. Besonders betroffen sind ältere Menschen, Kinder und Kranke. „Es gibt natürlich Gebiete, die
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in Österreich ikroklimatisch besonders ungünstig sind. m Dort gibt es sehr wenig Grünraum, dafür vermehrt Luftstauzonen, es herrscht ein ge ringer Luftdurchzug. In diesen Stauzonen kann sich warme Luft besonders lange hal ten. Wenn dort ältere Menschen wohnen, kann es kritisch werden“, führt Willi Haas aus. Es werden daher vor allem die Städte be sonders stark unter den steigenden Tempe raturen leiden. Erwin Mayer erklärt das so: „Es gibt einen Hitzeinseleffekt. Beton ist eine riesige Speichermasse, nimmt sehr viel Energie auf und gibt sie erst langsam wie der ab. Das heißt, die Hitzeperioden werden in den Städten noch dramatischer sein als am Land.“ Die Zahl aufeinanderfolgender Tropennächte, also jener Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad Cel sius fällt, werden infolge mangelnder Ab kühlungsperioden zunehmen. Abkühlung lässt sich mit Klimaanlagen erreichen. Da mit würde aber unser Energiebedarf steigen. Einsparungen durch kürzere Heizperioden Michael Hofstätter, werden durch die Kosten der Klimaanlagen Klimaforscher, ZAMG deutlich überkompensiert.
Fotos: mat thias hemd, privat
Der Klospülungseffekt in den Städten
Nicht nur aufgrund der CO2-Emissionen ist eine Zukunft mit weniger Autos erstre benswert: „Je weniger motorisierter Indi vidualverkehr im urbanen Raum, desto mehr Möglichkeiten gibt es, mikroklima tische Verbesserungen herbeizuführen“, er klärt Willi Haas. „Dazu braucht man ge staltbaren Raum, der ohne größere Kon flikte zur Verfügung steht. Hier können Sy nergien von Anpassung und Klimaschutz hergestellt werden.“ Die Idee: Kühlung nicht durch techni sche Anlagen, sondern durch die Errichtung von Grünflächen anstelle von Straßen oder Stellplätzen. Das brächte natürliche Be schattung ebenso wie Verdunstungskühle, erläutert Erwin Mayer. „Wie wir das von unserer eigenen Haut kennen, ist die Ver dunstung von Wasser ein effizientes und billiges Kühlmittel – besser als jede Kühl anlage im Sommer. Wenn wir das Wasser länger in der Stadt halten und damit einen Verdunstungsprozess auslösen, können wir die Stadt massiv kühlen.“ Für die Stadt gilt schon jetzt, was uns in den Alpen vermehrt bevorsteht: der Klo spülungseffekt. Durch die Versiegelung der städtischen Oberfläche bleibt der Nieder schlag als mögliches Kühlmittel nie lange in der Stadt, sondern wird über Kanäle rasch abgeleitet. Es gelte daher, mehr Biomas se in die Stadt zu bringen, um so Wasser für die Verdunstung speichern zu können. Das kann spektakulär sein wie die vertika len Gärten des Botanikers und Künstlers Patrick Blanc im Innenhof des SofitelHotels am Donaukanal. In den meisten
„Man müsste das Konsum- und Mobilitätsverhalten ändern. Dazu braucht es den politischen Willen, das der Wirtschaft schmackhaft zu machen.“
Erwin Mayer, denkstatt.at „Man muss sich auch eine Einigung mit der Versicherungswirtschaft überlegen.“
Adam Pawloff, Politikwissenschafter, BOKU Wien „Wir sehen zunehmend, dass alle größeren Probleme die Grenzen der Nationalstaaten überschreiten: Klima, Luftverschmutzung, Wassernutzung. Konflikte werden sich erheblich verschärfen.“
ällen aber wird es reichen, mehr Grünflä F chen zu schaffen und Fassaden und Dächer zu begrünen, um spürbar für Kühlung zu sorgen.
Afrikas Erde den Chinesen und Europäern
Es wächst die Gruppe der Menschen, die dem Klimawandel nicht durch Anpas sung, sondern nur mit Absiedlung begeg nen kann. Für viele bedeutet dies den Ab schied aus ihrer Heimat. Vor allem Gebie te in Afrika sind massiv von Dürre und Bo denerosion betroffen. Dennoch sichern sich chinesische und europäische Unternehmen hier fruchtbares Land für die Produktion von Nahrungsmitteln und Agrartreibstof fen – Flächen, die der Nahrungsmittelpro duktion für die lokale Bevölkerung vor enthalten bleiben. Ein Szenario, das an die große irische Hungersnot zwischen 1845 und 1849 erinnert: Missernten, Export von Nahrungsmitteln – und ein folgender Massenexodus. „Laut Schätzungen des Environmental Change Institute der Universität Oxford gibt es im Moment 50 Millionen durch Umwelt und Klima bedingte Flüchtlinge weltweit. Im Jahr 2050 wird diese Zahl auf rund 200 Millionen steigen. Die sozialen Folgen des Klimawandels lassen sich noch schwer ab schätzen, da diese von dessen Ausmaß ab hängen werden. Aber nicht nur für Öster reich, sondern für ganz Europa wird das Thema Klimaflüchtlinge ganz zentral sein“, sagt Adam Pawloff, Politikwissenschafter an der BOKU Wien. Die größten Verlierer des Klimawandels in Österreich sind also jene, die sich auf den Weg hierher machen.
Österreich versagt bei der Einhaltung der Klimaziele
Für Adam Pawloff stößt das Modell Natio nalstaat im Zuge des Klimawandels an sei ne Grenzen. Das beständige Scheitern in ternationaler Klimaverhandlungen bestätigt ihn in dieser Sicht: „Da gibt es natürlich aufgrund sehr unterschiedlicher, nationaler Ausgangslagen sehr unterschiedliche Inter essen. Bis jetzt hat man es nicht geschafft, zu globalen Entscheidungen zu kommen und effektive Maßnahmen zu setzen.“ Die oberste Direktive der Klimafolgen bearbeitung laute noch immer: so viele Emis sionen wie möglich einsparen, um zukünfti ge Generationen vor noch größeren Folgen des Klimawandels zu bewahren. „CO2 wirkt sehr langfristig. Wenn wir jetzt eine Ände rung setzen, dann wirkt sie erst in 50 oder 60 Jahren“, sagt Schöner. „Das erscheint so weit weg, dass es in der wirtschaftlichen und politischen Planung oft nicht berücksichtigt wird und kein Umdenken zu längerfristigen Perspektiven auslöst.“ Erwin Mayer resümiert die heimi sche Klimaschutzpolitik so: „Wir haben in
sterreich ein sehr niedriges Emissions Ö reduktionsziel und keine Ambitionen, ein höheres zu setzen. Man übernimmt nur das, was man in Brüssel nicht verhindern konn te.“ Auch Willi Haas’ Fazit fällt kritisch aus: „Von seiten der Bundesregierung ist hier nur wenig Interesse zu bemerken, sich mit die sem Thema zu beschäftigen. Österreich ist bei der Einhaltung der Klimaziele alles an dere als wegweisend.“ Willi Haas bemängelt auch, dass unser Gesundheitssystem nicht darauf vorberei tet ist, betroffene Menschen über Gefahren zu informieren und bei Bedarf zu unterstüt zen – etwa im Falle von Hitzewellen. Adam Pawloff regt an, sich um die Errichtung ei nes Netzwerks von Katastrophenschutz
„Die wirtschaftlichen Voraussetzungen machen den großen Unterschied bei den Folgewirkungen aus. Setzt eine Gemeinde auf harten Tourismus, wird sie wesentlicher anfälliger für klimatische Änderungen“ wo l f ga n g s c h ö n e r K l i m af o l g e n f o r s c h er , Z a m g
zentren zu bemühen, damit im Ernst fall Einsätze effektiv koordiniert werden können. Für Erwin Mayer knüpft sich daran auch die Frage nach den Kosten von Klimafol gen. Im Fall von Extremphänomenen wie Hochwasserkatastrophen werden diese in der Regel aus dem allgemeinen Budget über einen Zuschuss aus dem Katastrophenfond finanziert. Alternativ könnte er sich vor stellen, einen Topf zu schaffen, der stär ker das Verursacher-Prinzip berücksichtigt: „Das heißt, je mehr CO2 jemand ausstößt, desto mehr müsste er in den Topf einzah len. Das würde auch einen sozialen Aus gleich schaffen.“ Der Klimawandel stellt jedoch nicht nur die Politik, sondern auch die Wissenschaft vor schwierige Aufgaben. Sie muss neue Klimamodelle entwickeln, die genauere Aussagen über regionale Auswirkungen zu lassen. Dieses Wissen kann genutzt werden, um sozial-ökologische Systeme auf ihre An fälligkeit gegenüber klimatischen Verände rungen zu untersuchen. Willi Haas meint darüber hinaus, dass man in vielen Berei chen schon wüsste, was zu tun sei. Es feh le jedoch der auf Kurzfristigkeit ausgerich teten Politik der Anreiz, dieses Wissen zur Vermeidung langfristiger Nachteile umzu setzen. „Es ist sehr wichtig zu schauen, was die Bedingungen derzeitigen Handelns sind und was sich an diesen ändern müsste, da mit Reaktionen auf den Klimawandel ent schieden und effektiv ausfallen.“
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Neue Immigranten in Österreich SABINE EDITH BRAUN
Es ist ein unaufhaltsamer Strom: Fremde kommen zu uns, weil sie höhere Temperaturen schätzen. Treibt sie der Klimawandel zu uns?
Neozoen und Neophyten
Alles, was nach 1492 nach Europa kam, ist definitionsgemäß Neophyt/Neozoon – und nicht notwendig invasiv. „Invasive Arten breiten sich invasionsartig über ein Gebiet aus, wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Türkentaube“, sagt Fiedler. Sie ist nicht die problematische Stadttaube. Und mit dem Klimawandel hat sie auch nichts zu tun. „Türkentauben sind spontan in vom Menschen veränderte, urbane Lebensräume eingewandert. Viele andere Neozoen, wie Kastanien-Miniermotte und BuchsbaumZünsler, wurden mit zunehmendem Warenverkehr eingeschleppt.“ Letztere sind aber ökologisch weitgehend belanglos, weil weder Rosskastanie noch Buchsbaum in Ostösterreich heimisch sind. Anders am Mittelmeer, wo die Argentinische Ameise das ökologische Gleichgewicht stört, weil sie keine Blütensamen weiterträgt und die autochthonen Ameisen, die das tun, verdrängt. In Österreich gibt es sie nur im Gewächshaus, draußen ist es ihr zu kalt. „Aber wie lange noch? Darüber kann man nur spekulieren“, so Konrad Fiedler.
Infektionsgefahren
Franz Essl, Umweltbundesamt „Der Klimawandel ist in seiner Geschwindigkeit, Rasanz und globalen Bedeutung erdgeschichtlich ohne Präzedenzfall.“
Tiere als Opfer neuer Erreger
Konrad Fiedler, Von welchen neuen Krankheiten sind Tiere Universität Wien betroffen? „Das West-Nil-Virus, ursprüng- „Invasive Arten breiten lich aus Afrika, kam 2008 via Ungarn zu sich invasionsartig über uns. Die Übertragungskette verläuft Vogel ein Gebiet aus, wie in der – Pferd, kann aber auch den Menschen be- ersten Hälfte des 20. Jh. treffen“, erläutert Katja Silbermayr von der die Türkentaube.“
Vetmeduni Wien. Große Probleme machte 2006 die Blauzungenkrankheit, die höchstwahrscheinlich durch Tiertransporte ins Grenzgebiet Holland-Deutschland-Belgien eingeschleppt wurde und sich schnell in Europa verbreitete. Auch das Schmallenberg-Virus, das von Gnitzen übertragen wird, kam über Nordeuropa nach Österreich. Es betrifft vor allem Wiederkäuer. „Es führt zu Fruchtbarkeitsstörungen, Lämmer und Kälber kommen deformiert zur Welt. Dieses Virus gibt es noch nicht lange, es wurde letztes Jahr neu beschrieben“, erklärt Silbermayr. Hunde,
aber auch Menschen sind durch den Fadenwurm Dirofilaria gefährdet, der von Stechmücken übertragen wird und häufig im Mittelmeerraum auftritt. „Es gibt eine Herzform und eine Hautform. Die Hautform trat hier erstmals im Jahr 2006 beim Menschen auf. Die Herzform gibt es in Österreich derzeit noch nicht, aber das ist nur eine Frage der Zeit.“ Ist nun der Klimawandel schuld oder nicht? „Jein“, sagt Silbermayr. „An den neuen Mücken ist er nicht ursächlich schuld. Aber es gibt durch ihn höhere Temperaturen und mehr Regen. Mücken, Gnitzen oder Zecken können dann mehr Nachwuchs produzieren.“ Auch die Globalisierung trage dazu bei. „Die Tigermücke brütet in stehenden Gewässern – etwa Wasserpfützen, alten Autoreifen oder Blumentöpfen. Auch unsere heimischen Stechmücken können Malariaüberträger sein, das müssen nicht unbedingt exotische Arten sein.“
Katja Silbermayr, Vetmeduni Wien „Das West-Nil-Virus, ursprünglich aus Afrika, kam 2008 via Ungarn zu uns.“
„Eine Stechmücken-Infektion des Menschen kann klinisch unauffällig oder als milde oder akute fieberhafte Erkrankung mit Ausschlägen bzw. Gelenksschmerzen verlaufen. In seltenen Fällen kann es aber zu Komplikationen – zu Pneumonie oder sogar zum Befall des Zentralnervensystems – kommen“, erläutert der Parasitologe Horst Aspöck von der MedUni Wien. „Neben den HI-Viren stellen Leishmanien die wichtigsten Neobiota unter den Krankheitserregern in Mitteleuropa dar.“ Leishmanien sind intrazelluläre Parasiten, die ihre Wirte wechseln. „Die Übertragung erfolgt durch Sandmücken, deren Auftreten in Österreich und Deutschland erst in jüngster Zeit nachgewiesen wurde.“ In Deutschland gab es bereits autochthone Leishmaniose-Fälle, sowohl beim Menschen als auch bei Tieren. In Österreich traten bisher einige Verdachtsfälle auf.
Hochallergenes Unkraut
„Der für den Menschen derzeit gefährlichste Neophyt ist die Ambrosia artemisiifolia“, sagt Swen Follak von der AGES. Bei einer Studie (2009) zeigten 11 Prozent der Allergiker Reaktionen. „Dieser Wert ist in den letzten Jahren gestiegen und wird weiter steigen.“ Die Höhe der Folgekosten dürfte bei 80 bis 90 Millionen Euro liegen. Auch Rispenkraut, Dreilappige Ambrosia und Einjähriger Beifuß sind ähnlich allergen wie die „klassische“ Ambrosia. Sie treten in Österreich aber seltener auf bzw. befinden sich erst vor der Ausbreitung. Die Ambrosia, die im 19. Jahrhundert mit verunreinigtem Getreide aus Nordamerika zu uns kam, war zuerst unbeständig. Echte Probleme gibt es seit den 1990er-Jahren. „In Ungarn, wo es etwas wärmer ist, setzte die Ausbreitung früher ein, auch wegen der Kollektivierung. Die Samen werden über Erntemaschinen von Feld zu Feld und
über die Grenzen transportiert“, so Follak. Ein massives Problem stellt die Ambrosia für Sonnenblumen-, Soja- und Ölkürbiskulturen dar. Wirksame Herbizide fehlen. Was kann der Einzelne tun? „Die Pflanzern ausreißen, am besten samt Wurzel und noch vor der Blüte Mitte Juli.“ Die Entsorgung erfolgt auf dem Komposthaufen. Aber Vorsicht! „Sobald die Ambrosia geblüht hat, gehört sie über den Hausmüll – im Plastiksack – entsorgt, denn am Komposthaufen kann sie nachreifen“, warnt Follak. Eine allgemeine Melde- oder Bekämpfungspflicht für Ambrosiabefall gibt es in Österreich – im Unterschied zur Schweiz oder zu Ungarn – nicht. „Das liegt in Händen der Gemeinden. In der am stärksten betroffenen Steiermark gibt es viele Initiativen. Die AGES stellt Informationen bereit.“
Gewinner und Verlierer
Der Klimawandel übersteige die Anpassungsfähigkeit vieler oder sogar der meisten Arten und Lebensräume. „Dieses Phänomen ist in seiner Geschwindigkeit, Rasanz und globalen Bedeutung erdgeschichtlich ohne Präzedenzfall“, sagt Franz Essl vom Umweltbundesamt. Unter den betroffenen Arten gebe es Gewinner und Verlierer. Gewinner schaffen es, einen Wandel zu nutzen und können viele verschiedene Lebensräume besiedeln, wie die Ambrosia oder die Feuerlibelle aus dem Mittelmeergebiet. Letztere kommt seit einigen Jahren auch in Österreich vor. „Libellen sind sehr ausbreitungsfähig, sie können hunderte Kilometer fliegen. Manche Arten haben keine hohen Ansprüche, solange es warm ist.“ Verlierer sind Arten, die an kühlere Temperaturen und somit an größere Höhen angepasst sind. „Nach oben hin ist es irgendwann aus, man kann nicht ewig ausweichen.“ Der Sonnentau, eine heimische fleischfressende Pflanze, sei ein Verlierer: „Arten, die Moore oder Feuchtwiesen besiedeln, sind speziell an diese angepasst, und wenn es zu wenig Wasser gibt, wird es kritisch: Ein Hochmoor kann nicht einfach abwandern, es entsteht über Jahrhunderte.“
Verliererin Fichte
Am stärksten unter dem Klimawandel leiden wird die Fichte. „Sie wurde von der Forstwirtschaft in suboptimalen, weil zu warmen Bereichen großflächig angepflanzt“, erklärt Essl. Ihre Hauptgefahr: der Buchdrucker, ein Borkenkäfer, der durch höhere Temperaturen mehrere Generationen von Larven produziert. „Früher kam er nur bis 1000 Meter Seehöhe, seit zehn Jahren gibt es ihn bis zur Waldgrenze, bei 1700 Meter. Da die Fichte auch eine Schutzfunktion hat, muss man sich darauf einstellen, dass Erdrutsche häufiger werden.“ DAISIE (Delivering Alien Invasive Species Inventories for Europe) listet die „schlimmsten 100“ invasiven Arten auf. www.europe-aliens.org
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D
ie Dornfingerspinne verbreitete im Sommer 2006 medial Angst und Schrecken. Der Klimawandel sei schuld, hieß es. Falsch! „Dornfinger sind keine Neozoen, sie sind seit Langem in Mitteleuropa nachgewiesen“, sagt Konrad Fiedler von der Uni Wien. „Sie sind wärmeliebend, können also durch den Klimawandel häufiger auftreten und sich weiter ausbreiten, am Alpenostrand und der Thermenlinie.“ Dornfinger-Arten nördlich der Alpen gebe es zwar, sie seien in Österreich aber selten. Wirklich neu ist die mediterrane „Falsche Schwarze Witwe“. „Es sieht verdächtig danach aus, als hätte sie in den letzten zwei Jahrzehnten im Süden Österreichs Fuß gefasst“, meint Fiedler. Sie wurde nicht vom Menschen eingeschleppt, sondern wanderte von selbst ein.
W o l f g a n g b e n d e r , B l a c k S u n s , Fa r b e a u f F o t o g r a f i e , 2 012
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Wasserspeicher statt Hochtäler Die Wasserkraft soll uns ökologisch verträglichen Strom bringen. Doch das Beispiel des geplanten Kraftwerks Kaunertal zeigt die Problematik solcher Überlegungen
I
m März dieses Jahres stellten sich die österreichischen Umweltorganisationen WWF, Greenpeace, GLOBAL 2000 und Ökobüro gegen den Ausbau des Kraftwerks Kaunertal der Tiroler TIWAG. Fünf neue große Wasserkraftwerke will der Stromlieferant errichten bzw. erweitern, um in den nächsten zwanzig Jahren ein Ausbauziel von 2.800 Gigawattstunden (GWh) zu erreichen.
Wasserkraftwerke versus Umweltschutz
Das größte Bauvorhaben, das Kaunertaler Kraftwerk, soll künftig 620 GWh Strom liefern. Eine 120 Meter hohe und 450 Meter breite Staumauer für 42 Milliarden Liter Wasser, ein rund 50 Kilometer langer Druckstollen mit dem Durchmesser des Brennerbasistunnels und ein neues Pumpspeicherkraftwerk sind dafür geplant. Dagegen wehren sich die Umweltorganisationen. Man sei nicht grundsätzlich gegen den Ausbau der Wasserkraft – wohl aber, wenn unberührte Fließgewässer und intakte Lebensräume betroffen sind, wie jene im Tiroler Oberland. Dort soll der bestehende Gepatschspeicher durch die Aufstauung und Ableitung von ökologisch intakten Bächen (einige von ihnen wurden vom Lebensministerium und dem WWF 1998 als „nationale Flussheiligtümer“ ausgewiesen) mehr Wasser bekommen. Betroffen sind die Venter und Gurgler Ache aus dem Ötztal sowie ihre Zubringer, der Königsbach und der Ferwallbach. Zur Ableitung des Wassers müssten rund 70 Kilometer untertunnelt werden. Die Tunnelsysteme berühren gleichzeitig das größte zusammenhängende Gletscher-areal der Ostalpen, das Natura-2000- Gebiet „Ötztaler Alpen“ und Bereiche des Naturparks „Ötztal“. Das sei nicht mit dem Schutzzweck zu vereinbaren, meinen die Umweltorganisationen. Im neuen Stausee müsste zudem das Platzertal verschwinden, ein Hochtal auf 2300 Metern Höhe, Teil eines alpenweiten „Wildnisgebietsverbundes“ und von überregionaler ökologischer Bedeutung. Es gehört zu den am stärksten bedrohten Regionen im ganzen Alpenraum, zeigt die Studie „Wildnisareal Ötztaler Alpen“ von Armin Landmann von der Universität Innsbruck.
Pumpspeicherkraftwerke: keine grünen Batterien
Eine weitere ökologische Herausforderung stellt unter derzeitigen rechtlichen Rahmenbedingungen der Bau eines Pumpspeicherkraftwerks im Kaunertal dar. Solche Kraftwerke bieten bis dato die einzige
Bei einem Ausbaugrad der Wasserkraft von 70 Prozent sind nur mehr 14 Prozent der heimischen Fließgewässer ökologisch einwandfrei
Reinhard Uhrig, GLOBAL 2000: „Man kann davon ausgehen, dass in Õsterreichs Leitungen im Jahr 2011 Atomstrom im Wert von 140 Millionen Euro geflossen ist.“
ser „Graustrom“ unbekannter Herkunft enthält unter anderem Strom aus Kohle und Atomkraftwerken, erklärt Reinhard Uhrig, Atomexperte bei GLOBAL 2000: „Hinter Graustrom verbirgt sich mehr als ein Drittel Atomstrom. Sieht man sich den Zukauf von Graustrom hierzulande an, kann man für das Jahr 2011 davon ausgehen, dass in Österreichs Leitungen Atomstrom im Wert von 140 Millionen Euro geflossen ist. Das sind rund 1,8 Prozent des gesamten jährlichen Stromverbrauchs.“ Ohne gesetzliche Regelung, die vorschreibt, dass die Herkunft von Strom lückenlos gekennzeichnet und ein Pumpspeicherkraftwerk vorrangig mit Strom aus alternativen Energiequellen gespeist werden muss, sind Pumpspeicherkraftwerke keine „grüne Batterien“.
Sind Pumpspeicherkraftwerke ökonomisch?
Murmeltier, Kaunertal: Sein Habitat würde durch Kraftwerksbauten in Mitleidenschaft gezogen
Pumpspeicherkraftwerke sind keine Stromerzeuger im eigentlichen Sinn. Um 1 KWh Strom zu produzieren, sind 1,3 KWh Pumpenergie notwendig. Dieser Energieverlust rechnet sich dank der Gewinnspanne zwischen günstigem Euromix-Strom und teurem Spitzenstrom zur Abdeckung von Verbrauchsspitzen. Prognosen deuten darauf hin, dass die Gewinnspanne durch den technischen Fortschritt in Zukunft sinken wird, sagt Christoph Walder, Flussexperte beim WWF Österreich: „Derzeit sieht es so aus, dass Pumpspeicherkraftwerke an Bedeutung verlieren werden, weil das zukünftige europäische Leistungsnetz weniger auf diese Kraftwerke angewiesen sein wird. So lange keine
konkreten Pläne zum Aus- und Umbau des Leistungsnetzes vorliegen, lässt sich die Wirtschaftlichkeit dieser Kraftwerke nicht überprüfen. Demnach macht es vorerst auch in ökonomischer Hinsicht keinen Sinn, in sie zu investieren.“ Selbst ohne Pumpspeicherkraftwerk sei der Ausbau des Kaunertaler Kraftwerks fragwürdig. Die Ausbaustrategie der Österreichischen Wasserkraft gilt als alternative Energiegewinnung – aber wie steht sie zum Umweltschutz? Ziel der Energiestrategie Österreich ist, den Anteil der erneuerbaren Energieträger auf 34 Prozent zu erhöhen. Dabei kommt der Wasserkraft eine besondere Bedeutung zu, erklärt Flussexperte Christoph Walder: „Bis zum Jahr 2015 soll sie auf 3,5 Terawattstunden ausgebaut werden, bis 2020 strebt man eine Leistung von 7 TWh an.“
Wie ökologisch sind Wasserbauprojekte?
Eine Vielzahl der vorgesehenen Wasserbauprojekte betrifft ökologisch intakte Fließgewässerstrecken, die hierzulande schon jetzt rar sind: „Sechs ausgewiesene „Flussheiligtümer“ sind akut durch Wasserkraftprojekte bedroht. Vor allem Fließgewässer in gutem und sehr gutem Zustand gilt es zu schützen, denn die Qualität der heimischen Flüsse ist im europäischen Vergleich ohnedies kritisch“, mahnt Walder. Bei einem Ausbaugrad der Wasserkraft von 70 Prozent sind nur mehr 14 Prozent der heimischen Fließgewässer in ökologisch einwandfreiem Zustand. Laut Nationalem Gewässerbewirtschaftungsplan verfehlen heute 63 Prozent der Fließgewässer das in der EU-Wasserrahmenrichtlinie definierte Umweltziel. Österreich liegt damit im EU-Schlussfeld. „Das liegt vor allem an der intensiven energiewirtschaftlichen Nutzung", sagt der Flussexperte Walder und verweist auf die BOKU-Studie „Ökologischer Zustand der Fließgewässer Österreichs“ aus dem Jahr 2010, die zum selben Schluss kommt. Der Ausbau der Wasserkraft wird als Umweltschutzmaßnahme vorangetrieben – allerdings wäre er aus ökologischer Sicht nicht sinnvoll. Der Kraftwerksausbau der TIWAG im Kaunertal steht beispielhaft für das Problem, dass ökologische Zielsetzungen gegeneinander ausgespielt werden. Um künftig Umweltschutzziele zu erreichen, empfiehlt Waldner, sich vorrangig auf das Energie-Einsparpotenzial in Österreich zu konzentrieren, etwa bei der Gebäudesanierung und beim Verkehr. „Laut unseren Berechnungen könnte hierzulande Strom eingespart werden, für dessen Produktion es 15 bis 20 Pumpspeicherkraftwerke bräuchte.“
Fotos: global 2000, wild-wonders-of-europe/grzegor-lesniewski/w wf
öglichkeit, größere Mengen Strom zu M speichern, um sie bei Bedarf ins Netz einzuspeisen. Weil sie die unregelmäßige Stromproduktion ausgleichen können, die der vermehrte Einsatz von alternativen Energiequellen unter Umständen mit sich bringt, werden Pumpspeicherkraftwerke oft als „grüne Batterien“ bezeichnet. Sie sollen künftig nicht nur Strom speichern, sondern Österreich auch einen strategischen Vorteil am europäischen Strommarkt bringen. Strom aus Pumpspeicherkraftwerken wird nicht notwendigerweise aus Wasserkraft generiert. Energiekonzerne betreiben solche Kraftwerke auch mit dem an der Strombörse gekauften Euromix-Strom. Die-
martina weinbacher
W o l f g a n g b e n d e r , P a l m a n o v a ( A u s s c h n i t t ) , F a r b e a u f F o t o g r a f i e , 2 0 11
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Klimaverlierer (in österreich)
Klimaverlierer (in Österreich): Das Glossar Der Wintertourismus in Österreich bangt um seine Schneesicherheit, besonders im Süden des Landes j o c h e n s t a dl e r
Allergien
Da die CO2-Konzentration in der Luft steigt, wachsen Pflanzen besser, wodurch aber auch die Pollenproduktion beschleunigt wird. Die milderen Temperaturen verlängern außerdem die Pollenflugsaison. Dies seien die wahrscheinlichsten Ursachen, weshalb der Klimawandel die Situation für Allergiker verschärft, so ein internationales Forscherteam unter der Leitung der TU München, das den Anstieg der Pollenbelastung dokumentierte.
den Körper zusätzlich belasten. Laut Schätzungen des Earth Policy Institute sind etwa wegen der Hitzewelle 2003 mehr als 52.000 Europäer gestorben. Auch die erwartete Reduzierung der Bewölkung im Sommer durch den Klimawandel hat eine Schattenseite: Sie führt zu einer erhöhten Belastung durch UV-Strahlung, wodurch das Hautkrebsrisiko steigt.
Klimawandel – Klimakrise
Gletscher
Viele Pflanzen und Tiere in den Alpen „flüchten“ vor der steigenden Temperatur und zunehmender Konkurrenz von wärmeliebenden Arten in höhere Gebiete. Dort wird aber der Platz eng – und spätestens am Gipfel stecken sie in der Sackgasse, dann sind sie akut vom Aussterben bedroht.
Wird der Lebensraum für eine Pflanze langsam, aber sicher zum Überleben ungeeignet, stirbt sie dennoch nicht sofort aus: selbst wenn sie sich nicht mehr geschlechtlich fortpflanzen kann, vermehrt sie sich oft über Ableger. Funktioniert auch diese Technik nicht mehr, dauert es nicht selten einige Jahrzehnte, bis sie ausgestorben ist, da viele Gebirgspflanzen sehr langlebig sind, so Ökologen der Uni Wien.
Durch den Klimawandel weltweit dezimierte und in Österreich vom Aussterben bedrohte Eisriesen mit entscheidendem Einfluss auf das Weltklima. Sie sind der größte Süßwasserspeicher auf der Welt und damit ein wichtiges Reservoir für Trinkwasser wie auch Lieferant für Wasserkraft. Laut einer Studie war 1850 in den Alpen doppelt so viel Fläche mit Eis bedeckt wie heute. 2011 sind in Österreich 95 von 99 Gletschern geschrumpft, die restlichen blieben gleich groß, berichtete der Alpenverein.
Bergsteiger und alpine Infrastruktur
Grüne Infrastruktur/Biotopvernetzung
Aussterbe-Verzögerung
Höhere Temperaturen tauen den Dauerfrostboden in den Alpen auf. Dieses Phänomen kostete dem Gipfelkreuz des Großvenedigers sein gefrorenes Fundament: es musste versetzt und im Fels verankert werden; Observatorium und Zittelhaus am Sonnblick wurden mit Beton gesichert, damit sie nicht in die Tiefe stürzen. Wegen der steigenden Felssturzgefahr sind manche klassischen alpinen Routen nur noch im Winter begehbar; Höhenwege müssen saniert werden. Endemiten
Pflanzen und Tiere, die in einem bestimmten Gebirgstal, auf einer Bergwiese oder Insel existieren, also in einem kleinen, abgeschlossenen Gebiet. Durch den Klimawandel sind sie besonders gefährdet: sterben sie in ihrem angestammten Revier aus, gibt es sie auch weltweit nicht mehr. Generalisten
Lebewesen, die mit unterschiedlichen Umweltbedingungen gut zurechtkommen und verschiedene Ressourcen nutzen können. Ihre Ansprüche sind leicht zu erfüllen, ihr Verhalten passen sie an die Gegebenheiten an, wie zum Beispiel Menschen und Ratten. Gesundheit
Heiße Sommer erhöhen die Sterblichkeit bei alten Menschen, da sie
Verbindet Naturgebiete, die etwa durch Städte, Felder, Weiden und Straßen voneinander getrennt sind, zum Beispiel Grünbrücken über Autobahnen. Damit gibt man Pflanzen und Tieren, die wegen der globalen Erwärmung in neue Gebiete auswandern müssen, die Möglichkeit dazu. Kälteliebende Arten
Flüchten in Österreich vor den steigenden Temperaturen nach Norden und höher in die Berge. Allerdings sind die Berge bekanntermaßen nicht endlos hoch und oben spitz, was bedeutet, dass der Platz mit der Höhe zunehmend knapp wird. Der Weg in den Norden ist oft durch bebaute Gebiete und Ackerland versperrt. Klima
Alles, was sich im Jahresverlauf an einem bestimmten Ort wettermäßig abspielt. Klimagewinner
Wärmeliebende Wesen und der allgemeine Sommertourismus, dem mehr Sonnentage prophezeit werden. Klimaverlierer
Menschen, Tiere, Pflanzen, Pilze, Bakterien, denen der Klimawandel Probleme beschert. Manche sterben aus, manche verlieren ihre Heimat und den Lebensraum, etwa Skihüttenbetreiber.
Das durch die Menschheit verursachte Aufheizen des Klimas auf der ganzen Erde, daher auch „globale Erwärmung“ genannt. Je nachdem, ob die Menschheit ihren Energiehunger bremsen kann oder nicht, sagen Wissenschafter eine Erwärmung auf der Erde von 1,1 bis 6,4 Grad Celsius bis 2100 voraus. Mountain top extinctions
Neobiota
Gebietsfremde, von Menschen absichtlich oder unabsichtlich eingeschleppte Pflanzen (Neophyten), Tiere (Neozoen) oder Pilze (Neomyzeten). Durch die globale Erwärmung können sich Arten festsetzen, die sich bislang nicht fortpflanzen konnten oder durch einen strengen Winter gleich wieder verschwanden. Wenn sie mit den veränderten Bedingungen besser zurechtkommen als die heimischen Arten, können sie diese verdrängen. Dann charakterisiert man sie als „invasiv“. Ökologie
Beziehungswissenschaft, die untersucht, wie etwa Räuber und Beute, Blume und Bestäuber voneinander abhängen oder Pflanzen und Tiere von ihrer Umwelt. Opportunisten
Können sich gut an unterschiedliche Bedingungen anpassen. Pflanzen solcher Art werden als „Unkraut“, demgemäße Menschen als „Wendehälse“ bezeichnet. Phänologie
Die Vorgänge in der Natur, die im Jahreslauf kommen und gehen, etwa die Blüte von Blumen und Bäumen, das Schlüpfen von Insekten und Vögeln und das Einfrieren und Auftauen von Seen und Flüssen. Durch den raschen Klimawandel kann es passieren, dass das präzise Timing verloren geht. Das kann fatal sein, wenn etwa Zugvögel aus ihren Winterquartieren früher zurückkehren und kein Futter finden, weil Schmetterlingsraupen, die früher zu dieser Zeit reichlich vorhanden waren, noch nicht geschlüpft sind.
Sommertourismus
Vermutlich einer der wenigen Gewinner des Klimaverlierers. Bade- und Wandersaisonen könnten wegen der milderen Temperaturen und längeren Schönwetterperioden früher beginnen und länger dauern. Bloß Städtetouristen mag es zu heiß werden. Spezialisten
Sind an einen bestimmten Lebensraum angepasst, können dort die Ressourcen optimal nutzen und unter teils schwierigen Bedingungen wachsen und gedeihen. Ändert sich aber der Lebensraum oder schwindet ihre oft einzige Futterquelle, stehen sie vor einer Existenzkrise. Umweltflüchtling
Jemand, der wegen einer Naturkatastrophe oder durch sich schleichend verschlechternde Umweltbedingungen seine Heimat verlassen muss. Ist der Klimawandel daran schuld, nennt man Menschen dieser Art Klimaflüchtlinge – so zum Beispiel die 980 Einwohner der Cateret-Inseln im Südpazifik, die wegen des steigenden Meeresspiegels den Boden unter den Füßen verlieren. Nachdem Salzwasserüberschwemmungen den Boden unfruchtbar gemacht hatten und Gezeitenhochwässer die Häuser wegspülten, entschloss sich die Regierung Papua-Neuguineas 2005, die Bewohner auf eine andere Inselgruppe umzusiedeln. Nach Schätzungen werden die Inseln im Jahr 2015 größtenteils vom Meer bedeckt und unbewohnbar sein. Wärmeliebende Arten
Könnten vom Klimawandel profitieren und auf Kosten anderer Arten neue Lebensräume erschließen. Wasserversorgung
Das Verschwinden der Gletscher könnte Europa den Wasserhahn zudrehen, so europäische Wasserexperten. Dazu würde der Grundwasserspiegel sinken und im Sommer häufigere Hitzewellen auftreten. Im Norden Österreichs würde der Niederschlag dafür leicht zunehmen, im Süden sich jedoch reduzieren. Wintertourismus
Bangt um seine Schneesicherheit, vor allem im Süden Österreichs, wo schon in den vergangenen fünfzig Jahren die Tage, während der das Land mit einer weißen Pracht bedeckt war, signifikant weniger wurden.
w o l f g a n g b e n d e r , O b e n : B o t e , L o n d o n , F a r b e a u f F o t o g r a f i e , 2 0 10 , U n t e n : H o t e l , F a r b e a u f F o t o g r a f i e , 2 0 11
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Wissenschaftspolitik
Gebeutelt durch Sparmaßnahmen und erschüttert durch Austritte prominenter Mitglieder, will sich die Österreichische Akademie der Wissenschaften neu aufstellen Florian Petautschnig
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Alles nur ein PR-Gag? Geld soll bei der ganzen Strukturreform keines eingespart werden. Kritische Stim men aus der Akademie meinen deshalb, das Ganze sei möglicherweise nur ein PR-Gag, damit die Akademie besser dastehe, werde ihr doch bisweilen „Reformfaulheit“ nach gesagt. Doch das weist Präsident Helmut Denk vehement zurück: „Wir sind nicht re formresistent, und es ist auch keine PRMaßnahme. Es handelt sich um eine kon sequente Weiterführung des seit etwa drei Jahren laufenden Reformprozesses, auf den die Turbulenzen der letzten Monate keinen Einfluss hatten. Die Reform wird sich posi tiv auf die Qualität und die Effizienz aus wirken. Die Akademie wird ihre Aufgaben in Forschung und Beratung besser erfüllen können. Wir gehörten zwar immer schon zu den Speerspitzen der Wissenschaft in Österreich, aber wir wollen uns nicht dar auf ausruhen.“ Ein weiterer Kritikpunkt bei der ganzen Reform ist, dass der Akademierat nur aus Personen bestehen soll, die von außerhalb der Akademie kommen: Stimmen der eige nen Wissenschafterinnen und Wissenschaf ter könnten so womöglich zu kurz kommen, befürchten manche. Präsident Denk recht fertigt das so: „Auch diese Behauptung ist nur teilweise richtig. Richtig ist, dass die auswärtigen Mitglieder dieses Aufsichtsund Kontrollgremiums die Mehrheit bil den werden. Wir brauchen in diesem Kon trollgremium Mitglieder von außen zur Le gitimation des vom Geldgeber, also letzt lich vom Steuerzahler, für die Akademie zur Verfügung gestellten Budgets. Wir brauchen Akademieratsmitglieder, die, ohne dem Vor wurf ausgesetzt zu sein, womöglich Partiku larinteressen zu verfolgen, feststellen: ‚Die Akademie arbeitet erstklassig!‘, aber die, wenn nötig, auch Kritik einbringen.“
„Arbeiten“ lautet das Schlüsselwort „Wir wollen eine Arbeitsakademie schaffen“, erklärt ÖAW-Präsident Helmut Denk. Das betreffe vor allem die Gelehrtengesellschaft, die in Hinkunft „ÖAW Mitglieder“ heißen
Illustr ation: Jochen Schievink
Eine Akademie will in die Champions League
s erinnert ein bisschen an ein Privat unternehmen, betrachtet man das neue Organigramm der ÖAW, bei dem es zwei Säulen geben wird: Einerseits die Forschung, andererseits die sogenannte Gelehrtengesellschaft. Erstere soll interna tionale Spitzenklasse sein, letztere hat die Aufgabe, Gesellschaft und Politik wissen schaftlich auf hohem Niveau zu beraten. Waren diese beiden Bereiche vor der gro ßen Reform eng miteinander verwoben, so sollen sie künftig voneinander getrennt sein: Die Forschung soll in Zukunft ganz eigen ständig von zwei Geschäftsführern (je ei ner für Wissenschaft bzw. Finanzen)gelei tet werden. Kontrolliert werden die beiden von einem neu gegründeten Akademierat, der mit einem Aufsichtsrat in der Privat wirtschaft vergleichbar ist. Die zweite Säule, die Gelehrtengesell schaft, soll von nun an „ÖAW Mitglieder“ heißen und sich so besser auf ihre beraten de Aufgabe konzentrieren können. Außer dem sind getrennte Budgets für die beiden Säulen vorgesehen.
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Wissenschaftspolitik soll. Alexia Fürnkranz-Prskawetz, eine Vertreterin dieses Gremiums, erklärt: „Wir hatten durch die enge Verflechtung mit den Forschungseinrichtungen und der damit verbundenen Bürokratie zu wenig Zeit für unsere eigentliche Aufgabe.“ Diese sei es nämlich, nicht nur Politikerinnen und Politiker in wissenschaftlich brisanten Fragen zu beraten, sondern auch eine Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu bauen: „Wir müssen die Gesellschaft wieder für die Wissenschaft motivieren und die Akzeptanz für Wissenschaft in der Gesellschaft erhöhen.“
Josef Penninger, Molekularbiologe: „Wir wollen in der Champions League mitkicken! Wir sind jetzt schon sehr gut drauf und kõnnen international mithalten.“
Fotos: privat
Die Wissenschaftspolitik Der Molekularbiologe Josef Penninger ist einer der „Vorzeigeforscher“ an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Nach einigen Jahren in Kanada wurde er 2003 Chef des Instituts für molekulare Biotechnologie (IMBA) an der ÖAW. Für ihn ist die Reform eine der wichtigsten forschungspolitischen Entscheidungen der letzten Jahrzehnte: „In den letzten Jahren haben wir uns im Kreis gedreht. Das Ganze ist aber auch ein Problem der Wissenschaftspolitik in diesem Land: Alle sagen, Forschung sei so wichtig. Dabei hat man die Akademie mit ihren Geldnöten einfach allein gelassen und gesagt: Sollen sich die doch intern um’s Geld streiten. Frei nach dem Motto: Wenn der Penninger mehr Geld will, dann müssen andere Forschungsbereiche eben zusperren.“
CAMPUS VISIT DAY
Die jetzige Reform mache zwar den Sparzwang nicht geringer, doch durch die neue Organisation und die Entflechtung von Forschung und Beratung ziehe nun die ganze Akademie an einem gemeinsamen Strang. „Wir sind exzellent aufgestellt, wir stehen nun gemeinsam mit breiter Brust da!“ Denn laut Penninger sei der Umbau an der Akademie die einzige Möglichkeit, trotz vergleichsweise geringer Finanzmittel in Zukunft in der weltweit obersten Forschungs-Liga mitzuspielen. „Wir wollen in der Champions League mitkicken! Wir sind zwar jetzt schon sehr gut drauf und können international mithalten, doch wir wollen Erster in der Champions-League-Gruppenphase werden und ins Finale aufsteigen.“ Und erklärt selbstkritisch: „Wenn wir das nicht schaffen, dann soll man uns austauschen. Das gilt auch für mein Institut!“
Wer profitiert vom Umbau? Bedanna Bapuly, Betriebsrätin ÖAW: „Die Mitarbeiterschaft hat die strikte Trennung von Forschungsträger und Gelehrtengesellschaft schon länger gefordert.“
N ov e m b e r 2 4 , 2012
Anpacken und nach vorne schauen: Innerhalb der ganzen Akademie scheint die Reform-Euphorie groß zu sein. „Wir alle profitieren sehr vom Umbau“, freut sich Molekularbiologe Penninger, dessen Institut zu den größten und finanziell höchstdotierten Einrichtungen der ÖAW gehört. Doch wie sehen die Chefs kleinerer Forschungsinstitute den derzeitigen Umbau? Helmut Kowar, Direktor des Phonogramm archivs, das zu den kleineren und zugleich ältesten Einrichtungen der Akademie gehört, ist bei all der Reform-Euphorie an
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der ÖAW etwas vorsichtiger: Seiner Meinung nach ist es für eine Einschätzung zum Reformprozess noch zu früh, doch auch er begrüßt die Veränderungen: „Der Wille der Akademie, Veränderung anzustreben, ist auf jeden Fall zu unterstützen.“ Vorsichtig zeigt sich auch der Betriebsrat. „Die Mitarbeiterschaft hat die strikte Trennung von Forschungsträger und Gelehrtengesellschaft schon länger gefordert“, erklärt die Vorsitzende des Betriebsrates Bedanna Bapuly. Hinsichtlich des Akademierates, der die beiden Geschäftsführer des Forschungsbereichs kontrollieren soll, zeigt sie sich leicht skeptisch: „Bei dieser Art von Aufsichtsrat muss es eigentlich nicht sein, dass auch das Präsidium der Mitgliedergemeinschaft drinnen sitzt.“
Alle unter einem Dach Auch wenn die zwei Säulen der Akademie künftig weitgehend voneinander getrennt agieren sollen, „wollen wir trotzdem nicht völlig isoliert sein“, betont Fürnkranz-Prskawetz, Mitglied der Gelehrtengesellschaft. „Da wir uns künftig besser auf unsere beratende Funktion konzentrieren können, glaube ich, dass wir bei forschungsrelevanten Fragen sogar mehr mitreden werden können als bisher.“ Und trotz Entflechtung und getrennter Budgets tragen die beiden Säulen immer noch ein gemeinsames Dach, nämlich jenes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
CALL FOR PhD STUDENTS
The Graduate School at IST Austria invites applicants from all countries to its PhD program. IST Austria is a new institution located on the outskirts of Vienna dedicated to cutting-edge basic research in the natural sciences and related disciplines. The language at the Institute and the Graduate School is English. The PhD program combines advanced coursework and research, with a focus on Biology, Computer Science, Mathematics, Physics, Neuroscience, and interdisciplinary areas. IST Austria offers internationally competitive PhD salaries supporting 4–5 years of study. Applicants must hold either a BS or MS degree or equivalent.
The Institute offers PhD students positions in the following fields: Biology | Computer Science | Mathematics | Physics | Neuroscience
For a list of faculty members please visit www.ist.ac.at. For further information and access to the online application please consult www.ist.ac.at/gradschool. For inquiries, please contact gradschool@ist.ac.at. For students wishing to enter the program in the fall of 2013, the deadline for applications is January 15, 2013. IST Austria is committed to Equality and Diversity.
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Gedicht roberta dapunt
Roberta Dapunt (Jg. 1970) lebt mit ihrer Familie auf einem Bauernhof im Südtiroler Gadertal und schreibt in italienischer und ladinischer Sprache. Veröffentlichte drei Gedichtbände: Oscura Mente (1993), La carezzata mela (1999), La terra piú del paradiso (2008). „Nauz“ – ladinisch für „Futtertrog“ – hebt mit einem dramatischen Moment an: Ein Schwein wird geschlachtet. „Tafel, wiederkäuen werden wir das unbestattete Tier.“ Roberta Dapunt Nauz Gedichte und Bilder. Aus dem Ladinischen von Alma Vallazza Folio Verlag Wien–Bozen 2012 er ich k lein
ćiantia dadoman Rafa l’noc pro l’nauz, se miora devënta bun, l’tier contënt, slunfa la böta, sò cioce florësc. Y incö dadoman te chërda na usc, tö corius i vas do a tò bocà. Snüfa, l’nês s’infiza, runćia stöp y paia, n’aicia y n bòt, tomest’ ia por tera, fej l’sanch na burta vera, cöc’ fostü tla nëi arfera. Chît bocà t’aspeta, mör porcel! Sterne maestra, ponü te moltrà, abonora lënga toma y sëdes la morona se romona. Pür’ porcel tüa pel desnüda, taca sö l’bestiun, insnöt les liagnes se mangiunse. Lied am Morgen Hastig frisst das Schwein am Trog, wird fett und gut, das zufriedene Tier legt zu, seine Schwarte blüht auf. Heute morgen nun ruft eine Stimme nach dir und du trottest neugierig auf deinen Metzger zu. Der Rüssel stöbert am Boden, durchwühlt Heu und Stroh, ein zärtlicher Klaps, ein Schuss, und du kippst in die Spreu. Das Blut gurgelt, die rote Spur versiegt im Schnee. Schweigend wartet der Metzger auf dich, stirb Schwein! Geharzt, die Borsten abgeschabt, liegst du in der Wanne, aus dem Maul rutscht dir die Zunge. Armes Schwein, hängt nackt am Haken, heute Abend soll es Würste geben.
Rätsel von Gaja Waagrecht: 1 Abgängiges Schlamassel 6 Grenzwertig: Von der Gesellschaft ausgestoßen 8 Lebensförmlich: Ich atme, also bin ich ... 9 Hält nicht nur Schlafwandler in Bewegung (Abk.) 10 Zeigt Größe, wobei Datenverarbeiter 210 auch mal 103 sein lassen (Abk.) 11 Skandinavischer Tierversuch, sorgte für A-klassischen Umfaller 14 Unbelievable! Da kann man mittendrin mit einer Lüge richtig liegen 15 Zeitwort für belastende Aussagen im Burnout-Verfahren 17 Kleine Energiebündel für Heizer auf dem Holzweg 18 Machen sich literarisch gut in Keller-Kleidern 20 Erwiesenermaßen eine Hochschätzung 22 Dazu verurteilen englische Gerichte 23 Kann Löwenzahn auf den Tod nicht ausstehen 25 Hauptbeschäftigung beim Herum-Lungern 27 Maradona-Erscheinung Senkrecht: 1 Reflektiert steigende Gefahr für die Landbevölkerung 2 In der Branche sind die Natur-Talente unter den Ingenieuren gefragt 3 Den Amerikanern meist um eine Nasa-Länge hinterher (Abk.) 4 Anatomische Rückenwinde? Meteorologen warnen vor direktem Augenkontakt! 5 Gottesdienstleistung 7 Feste-Nahrung, lässt Flöten erklingen 12 Wo die wilden Teufelskerle wohnen 13 Sorgt in Spanien für Ruhe 16 Am Boden im Dreiländereck 19 Der Multikulti-Graf ist ein Logen-Bruder 21 Den erzeugt Laufkundschaft im Must-Have-Modus 24 Golf im Scharfpelz 26 Kurz nach Dienstschluss
Lösungswort:
Auflösung aus Falter HEUREKA 4/2012. Lösungswort: BIOMASSE Waagrecht: 1 WINDPARK 8 ANARCHIE 9 NER 10 SUSHI 12 ESOTERIK 14 EGO 15 KRISEN 16 RISE 17 TOP 18 AE 19 LEINE 22 TRAVERSE 24 OB 25 NEIN 26 STUFEN Senkrecht: 1 WASSERKRAFT 2 INDUSTRIE 3 DRAHTESEL 4 PC 5 AHN 6 RIESIG 7 KERNKOMPETENZ 11 SO 13 RENTIEREN 20 EBENE 21 TABU 23 ROT
Was am Ende bleibt Sprachlos wandelnde Dichter erich klein
Was bleibet aber, stiften die Dichter. An Hölderlins Wort bestehen eine Zeitlang schon Zweifel – zumindest, was die Mittel betrifft. Robert Musil etwa wendet fünfzehn Zeilen und einen halben Thesaurus der Wissenschaft an, um im ersten Satz seines Romans „Der Mann ohne Eigenschaften“ einen einfachen Tatbestand zu evozieren. Dessen ironische Auflösung: „Mit einem Wort, dass das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.“ Bezeichnend, dass Musils Groß-Satire über Kakaniens Untergang auf die Welt vor dem Ersten Weltkrieg, der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, zurückgriff, während die nächste schon heraufzog. Noch bezeichnender aber, dass die ironische Utopie von einem „Erdensekretariat der Genauigkeit und Seele“ in der Folge von keinem Autor weiterverfolgt wurde. Die Literaturen von Thomas Mann bis Brecht, von Benn bis Paul Celan nahmen zu Mythen, Ideologien, diversen „Ismen“ und poetologischen Verdikten Zuflucht. An eine Darstellung unserer Lebenswelt, die sich auf der Höhe der Wissenschaften ihrer Zeit bewegte, wagte sich keiner mehr heran. Die Versuche, Atomkriegsgefahr oder Genetik an der moralischen Anstalt des Theaters zu verhandeln, wirken heute ebenso veraltet, wie der Betroffenheitsfuror eines Erich Fried läppisch, dessen „Liebesgedichte“ immerhin eine Viertelmillion Mal verkauft wurde: „Seit der Gärtner die Zweige gestutzt hat / sind meine Äpfel größer / Aber die Blätter des Birnbaums / sind krank. Sie rollen sich ein / In Vietnam sind die Bäume entlaubt.“ Warum brachte der Paradigmenwechsel der „grünen Revolution“ keine andere Literatur hervor außer ökologischen SF-Trash à la Frank Schätzings „Der Schwarm“? Bedürfen Umweltschutz und gesellschaftliche Fantasie einer literarischen Darstellung? Oder liegt es am Paradigma selbst? Der Philosoph Hans Blumenberg, Chefanalytiker in Sachen metaphorisches Sprechen von Grenzbegriffen wie „Welt“ oder „Umwelt“, notierte einmal zum Wort „Schutz“: „Und dann wurde immer mehr „geschützt“, dazu noch: immer mehr vor immer denselben. Das Blut und die Ehre und der Wald … Der vertraute Schutzmann betrat die Häuser, statt an den Ecken zu stehen.“ Umweltschutz, eine Erfindung der Nazis? Wir kennen deren „Landschaftswart“, und Blumenberg geht auch nicht ganz so weit: „Es würde den „Schutzmann“ nicht mehr geben, dafür ein Volk von „Schützern“.
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