FALTER HEUREKA
Anti-Nobelpreis Die Anti-Nobelpreisträger 2010 und einer, der Anti- und Nobelpreis gewann Spitzenforscher Wien wird still und heimlich zu einem Zentrum der Evolutionsforschung Hochschuldialog Was vom Versuch geblieben ist, einen Diskurs über höhere Bildung zu führen
Das Wissenschaftsmagazin
Nr. 4/10
Energie um jeden Preis
Wissenschaftler erforschen neue Möglichkeiten zur Energiegewinnung. Und wir wollen immer mehr Energie – Pech für die Umwelt
TITELBILD: AP PHOTO/CHARLIE RIEDEL
Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2271/2010
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Inhalt
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Ein Hochhaus aus Holz ist keine Utopie Über die wachsende Bedeutung des Holzbaus Cloud-Computing Und was man sich davon erwarten darf Warum so wenig Sternlein stehn Ein kommendes Problem: Lichtverschmutzung Kunst und Psychoanalyse Ein Forschungsprojekt versucht, beides zu verbinden
„Energieautarkie ist nicht anzustreben“ Erklärt der Energieexperte Horst Steinmüller Energie um jeden Preis Wir brauchen ständig mehr – Pech für die Umwelt Wo sind die Steckdosen? Der Stand der E-Mobilität in Österreich Keine Fusion in Sicht Atomkraft wird nie unproblematisch werden
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Friedrich Achleitner im Gespräch Über heimische Architektur und Stadtentwicklung Per Zufall Weltmeister? Wien ist ein Zentrum der Evolutionsforschung Der Hochschuldialog Und was davon geblieben ist Gedicht, HEUREKA-Rätsel, Krötenküsser Krötenküsser: der Fall des Paul Kammerer
Kommentar
Editorial
Forschung, die wirkt
CHR ISTIAN ZILLNER
ANDREAS SCHIBANY
öffentlich geförderte ForD ass schung wirtschaftlich etwas
GR AFIK: TONE FINK (AUSSCHNIT T), FOTO: CLUB RESEARCH
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bringen muss, ist eine vielerorts geäußerte Überzeugung. Schließlich will man gern Wirkungen als Resultat der Forschungsförderung sehen. Neue Begriffe wie „output- oder wirkungsorientierte Forschungsförderung“ sind die rhetorischen Kraftausdrücke dieser Haltung. Allerdings können outputorientierte Förderkriterien (wie direkt messbare ökonomische Effekte oder Beschäftigungswirkungen) auch zu falschen Anreizsystemen und überzogenen Hoffnungen führen. Zu groß sind die exogenen Einflussfaktoren auf der Wirkungsebene, um Forschung in einer simplen Input-Output-Relation zu erfassen. Dass diese Erwartungshaltung dennoch das Fördersystem prägt, erstaunt spätestens in der aktuellen Wirtschaftskrise: Viele Länder, in denen die derzeitige makroökonomische Krise besonders tief ist, schnitten in den FTI-relevanten Rankings der letzten Jahre eigentlich ganz gut ab. Die Schwierigkeit der Messbarkeit von Wirkung sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass F&E eine zunehmend wichtige Rolle spielen. Nur, so rasch Einigkeit und Einsicht darob in wirtschaftlich guten Zeiten zu erzielen sind, so schwierig und mitunter kämpferisch gestalten sich konkrete Positionen dazu in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Die Politik sieht sich einer steigenden Zahl von Interessen gegenüber. Sehr rasch müssen langfristige Strategien den kurzfristigen Dringlichkeiten weichen – und diese können ebenfalls sehr persistent werden. Grundsätzlich haben unter solchen Bedingungen jene Maßnahmen und Förderideen die scheinbar besseren Argumente auf ihrer Seiten, welche die direkten ökonomischen Effekte, die Beschäftigungswirkung oder
andere messbare Wirkungen darstellen können – und seien sie auch noch so seicht und holprig argumentiert. Rasch ist man mit diversen „Hebelrechnungen“ zur Stelle, und je länger so ein Hebel ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich die politische Aufmerksamkeit darauf fokussiert. Dadurch hat in solchen Zeiten jene Forschungsart, die langfristig ausgerichtet, durch hohe Unsicherheit gekennzeichnet und ausschließlich Qualitätskriterien verpflichtet ist – i.e. die Grundlagenforschung –, das Nachsehen. Freilich existiert eine Fülle an Evidenz über den wichtigen
Beitrag von Grundlagenforschung für industrielle Innovationen, gleichwohl diese Effekte langfristig, mitunter indirekt und schwer zu messen sind. Nur können solche allseits bekannten Tatsachen leicht im Getöse der Dringlichkeiten untergehen. Andreas Schibany, arbeitet als Ökonom am Zentrum für Wirtschafts- und Innovationsforschung, Joanneum Research
Finkenschlag Handgreifliches von Tone Fink
Energie? Hamma ned. Oder zumindest nie genug. Dabei sind wir als menschliche Spezies lange Zeit gut ohne Energie ausgekommen. Zumindest ohne Energiegetränke. Heutzutage freilich braucht jeder junge Mensch viel Energie. Und viele Energiegetränke, damit sie die niederschmetternde Wirkung von energieentziehenden Erwachsenengetränken wieder aufheben. Ein junger Mensch hat es nicht leicht. Er lebt in einer beständigen Energiekrise. Jetzt kommt auch noch der Klimawandel hinzu. Schuld daran sind die Kühe. Statt uns über Land zu tragen, geben sie sich für Schnitzel her und Hamburger. Die muss man dann unter hohem Energieaufwand an unseren Tisch bringen. Statt dass die Kühe selbst vorbeikommen. Wozu haben sie vier Beine? Von dem, was hinten aus ihnen zum Himmel fährt, will ich gar nicht reden. Schön ist das nicht. Werte Kühe, bewahrt doch eure Contenance! Weil uns die Kühe bewegungstechnisch im Stich lassen, ist das Wichtigste, was ein junger Mensch bei uns lernt, das Autofahren. Damit erbringt er den Beweis, dass er keine Kuh ist. Die verheerende Wirkung der Kühe wird von der Wissenschaft zu wenig gewürdigt. Doch wer steht den Sommer lang auf der Alp und leckt am Gletheureka@falter.at scher? Genau.
Impressum Falter 42a/10 Herausgeber: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at Redaktion: Dr. Christian Zillner Artdirektion: Dirk Merbach Layout: Reini Hackl, Raphael Moser Fotoredaktion: Karin Wasner, Ioulia Kondratovitch Korrektur: Anna D. Szyma Druck: Goldmann Druck AG, 3430 Tulln DVR: 047 69 86.
heureka! erscheint mit Unterstützung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung
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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Kopf im Bild
Junge Forscher ALE X ANDR A AURELIA NEME TH
as bringt einen jungen MenW schen dazu, eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen? Nun, in wenigstens einem der Fälle hier war der ORF Auslöser. Sehr fein.
Julia Gohm, 33, Uni Wien, Institut für Kultur und Sozialanthropologie
„Es ist ungewöhnlich, nach zwei fertigen Berufsausbildungen noch ein Studium anzuhängen“, meint Julia Gohm. Die Ethnologie war immer schon ihres. Die große Chance: „Gegen Ende meines Studiums konnte ich bei einem FWF-geförderten Projekt mitarbeiten.“ Dieses Projekt inspirierte sie zu ihrer Dissertation: „Sie soll der Versuch einer Rekonstruktion der Studierenden des Faches Völkerkunde in der NS-Zeit sein.“ Besonderes Augenmerk: die Bedingungen, unter denen die Studenten gelernt und was sie aus dem Wissen nach 1945 gemacht haben. Dominik Utz, 29, Uni Graz
Eiskalte Physik. Für ihre Forschungsarbeit am Institut für Experimentalphysik an der Universität Innsbruck konnte die Nachwuchswissenschaftlerin Francesca Ferlaino bereits zahlreiche Preise einheimsen. 2009 erhielt die Quantenphysikerin den Start-Preis. Heuer ging der Starting-Grant des European Research Councils (ERC) und der Fritz-Kohlrausch-Preis an die gebürtige italienische Forscherin. Im Zentrum ihrer Arbeit und der ihres Teams stehen ultrakalte Quantengase. Aufgrund deren Eigenschaften bieten sich ideale Möglichkeiten, grundlegende physikalische Fragen im Detail zu untersuchen. Für ihre Experimente verwendet die 32-Jährige das neue Element Erbium. Vorteile des seltenen und bis jetzt unbeachteten Metalls: Es ist vergleichsweise schwer und besitzt einen stark magnetischen Charakter. TE X T: NATHALIE GROSSSCHÄDL FOTO: MARTIN VANDORY
Klapp dir eine Brücke auf
Martin Leitzinger, 33, Institut für Physik IGAM, KF Uni Graz
An der TU Wien wurde ein weltweit neuartiges Brückenbauverfahren entwickelt MARTINA POWELL
ie baue ich eine Brücke ressourcensparend, schnell und umweltfreundlich? Die Antwort darauf fand Johann Kollegger von der TU Wien: Man nehme die einzelnen Teile der Brücke, füge die Elemente zu einem schlanken Turm zusammen und klappt diesen dann wie einen Regenschirm auf. Am Ende muss die Tragkonstruktion nur ausbetoniert werden. Dass diese weltweit vollkommen neuartige Bautechnik auch funktioniert, wurde beim jüngsten Forschungsexperiment Ende September in Gars am
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Kamp demonstriert. Der Pilotversuch glückte nach anfänglichen Startschwierigkeiten: Ein 26 Meter hoher Turm konnte mit einem Kran zu einer etwa 50 Meter langen Tragkonstruktion ausgeklappt werden. Eine Fahrbahnplatte fehlt noch zur fertigen Brücke. Diese wird dann auf den aufgeklappten Betonträger montiert. Neu an der Idee sind einzelne Bauelemente, die sich an mehreren Knotenpunkten gegeneinander drehen. „Die größte Herausforderung war, verbindende Gelenke herzustellen, die das Ausklappen unbeschadet überstehen“, erklärt Kollegger. Die Technik sei universal einsetz-
Sein Herzstück ist die Astrophysik. Dominik Utz sah eine ORF-Dokumentation über das „elastische Universum“ und wusste genau, was er wollte: „Des Studiums wegen bin ich nach Graz gezogen und habe ein Doppelstudium begonnen. Physik an der KF Graz und technische Physik an der TU Graz.“ Warum er bei der Sonnenphysik landete und nicht in der Kosmologie, sei „banal“, sagt Dominik. „Österreich ist ein kleines Land. Die Unis müssen sich auf ein Thema konzentrieren, um in diesem Schwerpunkt einen gesellschaftlichen Impact zu erreichen.“ Er bestimmt in seiner Dissertation die „Magnetfeldstärke der kleinen solaren Features“.
bar – unabhängig von der Konstruktionsgröße und ob die Brücke für Personen oder Fahrzeuge gedacht ist. Bei der Anwendung des Bauvorhabens müsse man allerdings jene Kräfte, die beim Ausklappen wirken, genau beschreiben und einkalkulieren. Schon 2006 meldete Kollegger, Leiter des Instituts für Tragkonstruktionen der TU Wien, ein Patent für diese spezielle Konstruktion an. Vier Jahre später gibt es bereits erste Bauprojekte, bei denen die Klappmethode angewandt werden soll. Sie bringt Material- und Kostenersparnis bis zu 30 Prozent und eine geringere Umwelt- und Arbeitsbelastung beim Bau.
Er kommt ursprünglich von der Sonne. Martin Leitzinger beschäftigt sich in seiner Diplomarbeit mit „dynamischen Phänomenen auf der solaren Photosphäre“. Jetzt wechselt er vom Tag zur Nacht: „Ich bin zur Erforschung der Sterne gewechselt.“ Sein Forschungsschwerpunkt stützt sich auf die Suche nach stellaren Aktivitätsphänomenen: „Ich bin auf der Suche nach Signaturen stellarer Massenauswürfe. Diese Auswürfe haben hohe Geschwindigkeiten und können Auswirkungen auf die Atmosphäre von Planeten haben, die wiederum ihren Stern in kleiner Distanz umkreisen. Wenn der Stern aktiv ist, kann es zu einem Atmosphärenverlust kommen.“ Somit wäre auf dem Planeten kein Leben möglich.
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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Holzbau
Das Hochhaus aus Holz ist keine Utopie FLORIAN AICHER
ie Klimadebatte beschert dem Baustoff Holz steigende Aufmerksamkeit: Es ist CO2-neutral, hochwertig, langlebig und behaglich. Außerdem lässt es sich recht problemlos entsorgen. Für die Holzproduktion und den Verbrauch wird ein stetes durchschnittliches Wachstum von 2,2 Prozent prognostiziert. In der Baubranche stieg der Anteil von Holzkonstruktionen im letzten Jahrzehnt um 25 Prozent auf ein Fünftel des gesamten gebauten Volumens.
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Neue Holzbauformen Viel verändert sich im Holzbau. Lange haben die beiden grundsätzlich verschiedenen Verfahren Fachwerk- und Blockbau das Bild bestimmt. Aus Ersterem ging der Skelett-, vor allem aber der Rahmenbau hervor. Der Blockbau (Massivholzbau) findet seine zeitgenössische Form im Brettstapel- oder Sperrholzbau. Im Holzbau verlagert sich der Schwerpunkt von der Fügung einzelner Hölzer auf der Baustelle zur Fertigung ganzer Bauteile in der Werkstatt. Die Vorfertigung bringt einen Zugewinn an Auslastung, Präzision, Planungssicherheit und eine Verkürzung der Bauzeit. Das treibende Motiv der Rahmenbauweise war die Ausweitung der Wärmedämmung. Beim Massivbau sind es die Qualität des Werkstoffs Holz für die Statik, das Speichervermögen und die Behaglichkeit. Noch immer sind Handwerker und mittelständische Holzbauunternehmen die entscheidende Kraft im Holzbau. Sie treiben die Innovationen voran, nehmen Risken auf sich und bilden den Think-Tank der Branche. Hochschulen partizipieren daran, systematisieren die Bauweisen und machen eine Lehre daraus.
Neu ist auch die Möglichkeit, ein Holzbauwerk in kürzester Zeit aus vorgefertigten Elementen zu errichten. Mit solchen Verfahren konnten die Tiroler Firmen Schafferer Holzbau in Navis und Binderholz in Fügen rasch Katastrophenhilfe beim Erdbeben in L’Aqila leisten: 50 Prozent der Neubauten wurden in nur 80 Tagen aus Holz errichtet. Der Vorarlberger Holzbaubetrieb Kaufmann in Reuthe hat den Boxenbau entwickelt: Dabei werden für identische Nutzungen komplett ausgestattete Räume gefertigt. Hotelbauten bis in höchste Kategorie, aber auch Sozialbauten werden so errichtet.
Hochhaus aus Holz Das vorzügliche Verhältnis von Stabilität und Eigengewicht prädestiniert Holz besonders für Bauen im Bestand und bei der Sanierung. Hierbei kommen auch Bauteile als Massivplatten zum Einsatz, nicht zuletzt zum Brandschutz. Dieser hatte bislang dem Bau mehrgeschoßiger Gebäude aus Holz enge Grenzen gesetzt. Doch dank der neuen Technik dringt der Holzbau sogar in diesen Bereich vor – neunstöckige Wohnbauten gibt es bereits. Das Holzhochhaus ist keine Utopie mehr. Seine energetische Effizienz und das Menschen zuträgliche Raumklima machen Holz auch zum geeigneten Material im Gewerbebau. Die oberösterreichische Firma Obermayr
Holzkonstruktion in Schwanenstadt hat eine Halle im gedämmten Rahmenbau errichtet und dafür einen Architekturpreis erhalten.
Anleitung zum Holzbau Damit Holz ein Baustoff mit Zukunft bleibt, braucht es entsprechende Bildungseinrichtungen, an denen seine Bedeutung gelehrt und entwickelt werden kann. Dem hat sich die Fachhochschule Salzburg mit dem Bereich Holztechnologie und Holzbau in Kuchl verschrieben. Die Studierenden erzählen begeistert, dass der Projektunterricht hier diesen Namen verdient. Er integriert alle Lehrinhalte, wird in enger Kooperation mit externen Partnern entwickelt und bringt konkrete, baubare Resultate. Natürlich begeistert die Studierenden nicht jedes Projekt so wie etwa der Bau eines Kindergartens in Afrika – zweimal durchgeführt als Studienprojekt des Fachbereichs Holzbau. Der Unterricht erfolgt in Klassen zu etwa 60 Studierenden und macht vier Fünftel des Stundenplans mit (eingeschränkter) Anwesenheitspflicht aus. Das restliche Fünftel gilt der Projektarbeit. Dabei kommen auf einen Lehrer zehn Studierende. Gemeinsam mit Unternehmen, Kommunen oder Institutionen erarbeiten die Studierenden Projekte, je nach Schwierigkeitsgrad auch mal über zwei Semester. Immer reichen sie von der Problem-
findung bis zur professionellen Kommunikation der Ergebnisse. In den zehn Werkstätten werden die jungen Leute ebenso wie am Computer mit Methoden der Planung vertraut.
Nachhaltigkeit schlägt Stil Der Bologna-Prozess ist auch an der FH Salzburg nicht spurlos vorübergegangen. Der Projektunterricht wurde aufgewertet, die internationale Mobilität intensiviert und die Wechselwirkung zwischen Lehre und Forschung ausgebaut. Manche Studierende beklagen die mit der Umstellung verbundene Verdichtung und das schlechtere Studenten-LehrerVerhältnis – wenngleich eingeräumt wird, dass dieses im Vergleich zu großen Unis traumhaft ist. Die stärkere Verschulung ist auch die Folge einer höheren Nachfrage – in den 15 Jahren der FH Salzburg hat sich die Studierendenzahl vervierfacht. Die Unterrichtsform im Bereich Holztechnologie und Holzbau erinnert an einen der wichtigsten Impulsgeber für Lehre und Gestaltung: das Bauhaus. Wie dort wird im Bereich Holztechnologie und Holzbau der FH Salzburg dem Experiment große Bedeutung beigemessen. Der Stilbildung des Bauhauses begegnet man allerdings mit Skepsis. Und bei aller Innovationsfreude entscheidet über den Wert einer Idee, wie nachhaltig und zukunftsfähig im Sinn der Sicherung unserer Ressourcen sie ist.
FOTO: FH SALZBURG
Schnell und gut: Bauen mit Holz Neben dem Ingenieursholzbau, der etwa bei Brücken- oder Hallenbau Grenzen sprengt, springen die Neuerungen beim Wohnungsbau ins Auge. Etwa bei der Energieeffizienz. Das Passivhaus ist heute kein technisches Problem mehr. Ihm tritt das Massivholzhaus mit minimiertem Dämmstoffeinsatz und hoher Wohnqualität etwa der Salzburger Holzbaufirma Strasser in Lamprechtshausen zur Seite. Meiberger Holzhaus in Lofer experimentiert mit Mischformen unterschiedlicher Holzkonstruktionen in Vorfertigung und wurde für einen Sozialbau in Salzburg/Samermösl ausgezeichnet.
Hier wird die Bedeutung des zeitgenössischen Holzbaus in Projekten vermittelt: die FH Salzburg für Holzbau in Kuchl
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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Dermatologie
Hautkrebs nach Organtransplantation DIE TER HÖNIG
nde Oktober 2010 findet im Billrothhaus Wien ein wissenschaftliches Symposium zum Thema „Die Dermatologie des organtransplantierten Patienten“ unter der Leitung von Univ. Prof. Alexandra Geusau, Abteilung für Immundermatologie und infektiöse Hautkrankheiten, und Univ. Prof. Andreas Zuckermann, Abteilung für Herzchirurgie, statt. Internationale Experten referieren über Hauterkrankungen wie den „hellen Hautkrebs“, von denen organtransplantierte, immunsupprimierte Patienten betroffen sind. Eggert Stockfleth von der Berliner Charité, Gründer eines 2002 ins Leben gerufenen Netzwerks europäischer Dermatologen, wird über die Epidemiologie von Hauttumoren und die therapeutische Herausforderung in diesem speziellen Szenario referieren, Ingo Nindl aus Berlin und Heidelberg die Rolle der humanen Papillomviren bei der Hauttumorentstehung beleuchten. Jan Nico Bouwes Bavinck aus Leiden, Edward Geissler aus Regensburg und Günther Hofbauer aus Zürich präsentieren neueste Daten zur immunsuppressiven Therapie. Da die Zahl transplantierter Patienten und ihre Überlebensdauer steigt, gewinnt ihre dermatologische Betreuung zunehmend an Bedeutung.
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Falter HEUREKA: Frau Geusau, warum haben Organtransplantierte häufiger Hauterkrankungen? Alexandra Geusau: Der organtrans-
plantierte Patient benötigt zum Erhalt seines Organs eine lebenslange immunsuppressive Therapie, also Medikamente, welche die körpereigene Abwehr unterdrücken, damit es zu keiner Abstoßungsreaktion des
Mit welchen Folgen? Geusau: Die verminderte Erkennung
und Reparatur von Erbgutveränderungen in den Hautzellen führt letztlich zur Entstehung von Hauttumoren. Organtransplantierte Patienten haben somit, verglichen mit der Normalbevölkerung, ein erhöhtes Risiko, am sogenannten hellen Hautkrebs zu erkranken. Dazu gehört in
„Immunschwächende Medikamente führen auch zu einer Abnahme der Abwehrleistung des Körpers“ ALE X ANDR A GEUSAU, MEDUNI WIEN
Organs kommt. Die Einnahme dieser immunschwächenden Medikamente führt aber auch zu einer Abnahme der Abwehrleistung des Körpers im Allgemeinen. Unter anderem kann sich die Haut nicht mehr so gut gegen Umwelteinflüsse wehren. Das kann zu Infektionen mit Bakterien, Pilzen oder Viren führen. Genetische Veränderungen in den Hautzellen, die durch die UV-Strahlung bedingt sind, können dann in der Folge nicht immer rechtzeitig erkannt und abgebaut werden.
schützen, unter anderem auch durch das Tragen von Kleidung. Sonnenbaden und Solarium sollte überhaupt vermieden werden. Welche Hautveränderungen infektiöser Natur treten sonst noch auf? Geusau: Zu einer kosmetisch stören-
den Virusinfektion der Haut zählen Warzen, die sehr ausgedehnt auftreten können und schwerer zu behandeln sind als bei nicht Immungeschwächten. Infektionen durch Viren der Herpes-Virus-Gruppe spielen auch eine Rolle, meist im Sinne einer Reaktivierung. Das heißt, diese Viren, die meist in latentem Zustand vorhanden sind, können reaktiviert werden und zu Fieberblasen oder der sogenannten Gürtelrose führen.
Wie kann man die Haut schützen? Geusau: Eine intakte Hautbarriere,
erster Linie das Plattenepithelkarzinom der Haut, Frühformen wie die aktinischen Keratosen und, wenn auch in geringerem Ausmaß, das Basalzellkarzinom. Wie kann man dem vorbeugen? Geusau: Maßnahme, die der Patient
selbst treffen kann, ist täglicher Sonnenschutz. Man sollte Sonnencremes verwenden, die einen Lichtschutzfaktor von mindestens 25 haben. Alle exponierten Stellen am Kopf, Nacken, Ohren und Handrücken sind zu
die oberste Hautschicht, ist Voraussetzung, dass keine Infektionen an der Haut auftreten. Daher sollte die Haut geschützt werden, etwa durch Tragen von Handschuhen bei der Gartenarbeit. Chemische Reize und Austrocknung der Haut sollten ebenfalls vermieden werden. Der Patient sollte Wert auf entsprechende Hautpflege legen und die Haut mit Pflegecremen gut einfetten. Trockene Haut ist nämlich anfälliger für Infektionen, da sie kleine Epitheldefekte aufweist, über die Keime eintreten können.
Cloud-Computing
Die Computerwolke muss Energie sparen achdem Millionen für InhouseDatacenter verprasst wurden, ist es an der Zeit, sie abzuschalten“, schrieb Nicholas G. Carr 2005 in der MIT Sloan Business Review. 2010 werden Anwender laut Untersuchung des Marktforschungsinstituts Technoconsult etwa 386 Millionen Euro für Cloud-Services ausgeben. Für Rechenleistungen also, die fern der eigenen Infrastruktur, erbracht und übers Internet nutzbar gemacht werden. Bis 2012 ist mit jährlichen Wachstumsraten von fast 50 Prozent zu rechnen.
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Die Großen der Branche bieten alle Wolkenlösungen an. Für die Nutzer bringt Cloud-Computing Kosteneinsparungen durch Auslagerung. Die
Rechenleistung wird zapfbar wie Strom aus der Steckdose. Im Wirtschaftslatein bedeutet dies, aus Anlagevermögen wird Betriebsaufwand. Rechenkapazität, Wartungsaufwand, Speicherkapazität oder Ähnliches werden an die Datacenter der Betreiber einer Cloud-Plattform ausgelagert. Bezahlt wird für jene Ressourcen, die man wirklich nutzt, sei es Speicher- oder Serverkapazität, seien es Anwendungen. Mit dem Schritt vom Kauf zur Miete können selbst kleine Unternehmen oder knapp budgetierende Universitätsinstitute bis zu einem Drittel der Gesamtkosten sparen und bleiben auch in Krisenzeiten produktiv. Es gibt auch Entwicklungen abseits des Mainstream. Open Cirrus ist eine Initiative mit dem Ziel, zu
Forschungszwecken einen kompletten Open-Source-Cloud-ComputingStack zu entwickeln. An dem Projekt beteiligt sind HP Labs, Intel Research, Yahoo Research, die University of Illinois at Urbana-Champaign, das Karlsruher Institut für Technologie, die Infocomm Development Authority, das Electronics and Communications Research Institute, das Malaysian Institute for Microelectronic Systems und die Russische Akademie der Wissenschaften. Der OpenSource Solution Stack von Lisog.org, einem Verein von Open-Source-Anbietern und -Anwendern in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Serbien, Kanada und den USA richtet sich vor allem an professionelle IT-Anwender, die sich für die Umsetzung einer Open-SourceStrategie entschieden haben.
„Vieles streckt freilich noch in den Kin-
derschuhen“, sagt Albert Blauensteiner, Leiter der Abteilung für Standardsoftware an der TU Wien. „Die Situation bei vielen Cloud-Angeboten ist gegenwärtig wie vieles, das man im Internet vorfindet – nicht alles ist Gold, was glänzt.“ Es gilt den tatsächlichen Kostenvorteil genau zu überdenken, erklärt Blauensteiner, der mit seinem Team gerade an der Konzeption einer Cloud arbeitet. „Nicht überall ist das Outsourcing von Desktopsoftware sinnvoll. Wer glaubt, dass man in Zukunft die EDV-Division oder den Sachverständigen im Betrieb einsparen kann, der irrt. Auch die Cloud will gewartet sein, gerade wegen des Outsourcing, das neben rechtlichen auch viele technisch und organisatorische Fragen offen lässt.“
FOTO: MEDIZINISCHE UNIVER SITÄT WIEN
GER ALD KOFLER
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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Anti-Nobelpreis 2010
Fellatio bei Flughunden uch jenseits der österreichischen Grenze rennt in Wissenschaftskreisen der Schmäh. Jahr für Jahr, seit 1991, versammeln sich im Sanders Theater der Universität Harvard 1166 Festgäste, um in einer großen Gala die skurrilsten, kuriosesten, schrillsten Forschungsergebnisse aus aller Welt zu bejubeln. Bei dieser Oscar-ähnlichen Zeremonie werden die jährlichen AntiNobelpreise, die „Ig-Nobelpreise“, verliehen. „Ig“ steht für „ignorable“ und meint: „schmachvoll, schändlich, unnütz“. Nur Mark „Herr der Maden“ Benecke, deutscher Kriminalbiologe und Mitglied der Jury des Anti-Nobelpreises behauptet, Ig stehe für Ignatz Nobel, einen Neffen von Alfred Nobel. Der habe herausgefunden, dass im Wasserglas niemals zwei Sprudelwasserblasen denselben Weg nehmen. Ein Meilenstein, gewissermaßen, wissenschaftlich betrachtet.
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FOTOS: ARCHIV DR. HOHENESTER, UC4
Die gefeierten Gewinner der diesjährigen Ig-Nobelpreise stehen Ignatz Nobel in nichts nach. Sieger im Fachbereich Medizin 2010: die Niederländer Simon Rietveld und Ilja van Beest. Sie entdeckten, dass eine Achterbahnfahrt Asthmabeschwerden lindern kann. Während der psychische Stress eines solchen Spektakels manche Menschen mit Atemnot ringen
„Ideen und Konzepte kommen in Wellen“, sagt der Senior Researcher, Berater und Autor Alexander Schatten. „Frühe Entwicklungen kämpfen oft mit technischen Hürden, die es zu beseitigen gilt. Oder einfach damit, dass der Markt noch nicht reif genug ist.“ Geld und Energie spart die Cloud bei der Hardware. Da die Rechenleistung am Server erfolgt, werden sich die Innovationsintervalle bei der Hardware verlängern. Gleichzeitig erfolgt bei den Clients ein Downgrading: Netbook statt Notebook, Thin Client statt PC. Das könnte im HighPerformance-Bereich zu höheren Hardwarekosten führen. Cloud-Computing kann eine Brücke zu
grüneren IT-Landschaften sein. „Bei einem herkömmlichen Pkw wird lediglich ein Prozent der Energie dazu
lässt, wirke sich die emotionale Belastung auf Asthmatiker positiv aus. Der Preis für die schrägste Arbeit im Bereich Physik ging heuer an drei Wissenschaftlerinnen der Universität Otago in Neuseeland: Das Trio arbeitete verbissen an einer Feldstudie, mithilfe derer sich exakt belegen lässt, dass Menschen auf vereisten Gehsteigen wesentlich seltener ausrutschen, wenn sie Socken tragen – nicht in, sondern über den Schuhen. Besondere Aufmerksamkeit zog der Ig-Nobelpreis für Biologie auf sich: Einem Forscherteam aus China und dem Briten Gareth Jones gelang es, mittels Video zu dokumentieren, das Fruchtfledermäuse Oralverkehr praktizieren. Erst vor einem Jahr wurde bekannt, dass Kurznasenflughunde der Art Cynopterus sphinx Fellatio ausüben. Offensichtlich, um ihre Fortpflanzungschancen zu verbessern, so die Wissenschaftler damals. Ganz ähnliche Motive sollen auch dem Sexualverhalten der Fruchtfledermaus zugrunde liegen.
eurwesen), Schleimpilze, mithilfe derer sich optimale Routen für Eisenbahnschienen finden lassen (Preis für Transportplanung), der Beweis, dass Öl sich doch mit Wasser mischt (Preis für Chemie) und eine Studie, die zeigt, wie sich Mikroben in den Bärten von Wissenschaftlern halten (Preis für Gesundheit) erschienen der
Physiktest für Physikprofessoren: Was zeigt dieses Bild?
Den Ig-Friedensnobelpreis erhielten Richard Stephens, John Atkins und Andrew Kingston von der KeeleUniversity in Großbritannien. Sie konnten erstmals wissenschaftlich nachweisen, das heftiges Fluchen schmerzlindernd sein kann. Ferngesteuerte Helikopter, die den Rotz von Walen einsammeln (Preis für Ingeni-
verwendet, den Fahrer fortzubewegen. Der Rest geht verloren, um das Auto zu bewegen“, erläutert Schatten. „Moderne Rechenzentren nutzen durchschnittlich 30 Prozent ihrer Kapazität. Die Auslastung liegt unter drei Prozent. Der Vorteil von CloudComputing liegt vor allem im besseren Umgang mit den Ressourcen. Also im Vergleich zum Auto: besser Bahn fahren statt ein teures Auto.“ In den OECD-Staaten liegt der IT-Energieverbrauchsanteil bei zehn Prozent. Dennoch gilt in vielen Rechenzentren beim Stromverbrauch immer noch die 50/50-Formel: 50 Prozent des Stroms treiben die Server an, der Rest dient der Kühlung. „Diese Zahlen kommen deshalb zustande, weil die Rechnersysteme auf Spitzenlasten ausgelegt sind“,
Jury heuer herausragend schmachvoll und damit preiswürdig. Der Russisch-Niederländer Andre Geim wurde 2000 für seinen „schwebenden Frosch“ (er schuf einen Elektromagneten, mit dem er kleine Tiere schweben ließ) mit dem Ig-Nobelpreis geehrt. Heuer erhielt er den Nobelpreis für Physik.
Atwood’sche Fallmaschine George Atwood, ein Mathematiker in Cambridge, konstruierte um 1870 die erste Fallmaschine. Das Gerät dient zur Untersuchung der Fallgesetze. Obiges Bild zeigt eine Fallmaschine aus dem Kabinett von Ludwig Boltzmann, die für Demonstrationszwecke um 1871 unter August Töpler am Physikalischen Institut der Karl-Franzens-Universität Graz in der institutseigenen Werkstätte neu angefertigt oder angekauft wurde.
CAROLIN GIER MINDL
sagt Stefan Zeitzen, Senior Vice President für Vertrieb und Services für Kontinentaleuropa der Softwarefirma UC4. „Umgehen lässt sich dies, indem Infrastrukturen konsolidiert und virtualisiert werden. So lassen sich Workloads erheblich besser verteilen. Große Datacenter mit zahlreichen Servern profitieren von dem Performancegewinn und den geringeren Energiekosten. Eine wesentliche Aufgabe wird in Zukunft der automatisierten Steuerung der verwendeten Serverinfrastruktur zukommen.“ Auch der Verkauf der Abwärme kann in einigen Fällen eine interessante Option sein. IBM hat das in der Nähe von Zürich vorgemacht: Dort beheizt die Abwärme eines Rechenzentrums ein Hallenbad. Große Serverfarmen haben heute einen Energieverbrauch, der nicht
selten den einer Kleinstadt übertrifft. Trotzdem ist die Energiebilanz gut. Den Bestwert bringen die Rechenzentren von Google, bei denen pro 100 Watt Serverleistung nur noch etwa 20 Watt für die Kühlung aufgewendet werden müssen. Rechenleistung wird in diesen Datenfabriken produziert wie Strom in einem Kraftwerk – und kann auch ebenso einfach vom Kunden abgenommen werden. Diese Effizienz erst macht das Anbieten von Rechenleistung aus der Cloud zu einem Geschäftsmodell. Stefan Zeitzen, Softwareexperte: „Um Energie zu sparen, müssen Serverinfrastrukturen virtualisiert werden“
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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Astronomie
Warum so wenig Sternlein stehn BE T TINA BENEDIK T
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Der Lichtsmog Ăźber uns Das Wort „Lichtverschmutzung“ bedeutet nicht, dass das Licht selbst verschmutzt ist, sondern dass vom Menschen eingesetzte Lichtquellen die natĂźrliche Dunkelheit „verunreinigen“. So hat sich der Begriff „Lichtsmog“ etabliert. Vom Lichtsmog betroffen ist jeder von uns. Denn kĂźnstliches Licht beeinträchtigt nicht nur die Sicht von Romantikern und Astronomen auf den Sternenhimmel, es kann unseren Schlaf stĂśren und damit Beschwerden und Krankheiten verursachen. „Beschwerden wie SchlafstĂśrungen kĂśnnen beim Menschen bis dato nur vermutet werden“, erklärt Thomas Posch vom Institut fĂźr Astronomie der Uni Wien. „Bei Tieren hingegen gibt es bereits objektive Daten. In einem Versuch wurden schlafende Ratten mit kĂźnstlichem Licht bestrahlt. Die Folgen waren Gewichtszunahme und ein gestĂśrtes Hormonsystem. Die Bestrahlung mit Licht hat sich bei den Ratten als krebsfĂśrdernd herausgestellt, weil das krebshemmende Ruhehormon Melatonin nicht ausreichend produziert wurde.“
login Maria Siegl. „Das geht bis zum ErschĂśpfungstod – oder sie verbrennen. Auch VĂśgel kĂśnnen geblendet werden und finden aus einem kĂźnstlichen Lichtkegel nicht mehr heraus. Oder sie begegnen dem Lichtsmog in Form einer beleuchteten Wohnsiedlung und haben dann keine Anhaltspunkte mehr, sodass sie ständig im Kreis fliegen. Am Tag sind sie dann zu schwach, um Nahrung zu suchen und verhungern.“ Maria Siegl leitet seit fast zehn Jahren das Projekt „Die helle Not“ zur Aufklärung Ăźber die Problematik der Lichtverschmutzung. Astronom Tho-
LichtlĂśsungen In Innsbruck wird gerade an einer Studie gearbeitet, die Lampentypen auf ihre Anlockwirkung prĂźft. Tirol wird 2011 einen Beleuchtungscheck in 20 Gemeinden durchfĂźhren. Das Ergebnis solcher Checks ist vielerorts
„Lichtverschmutzung wird bei der AuĂ&#x;enbeleuchtung in etwa vier Jahren ein Thema sein“ FR ANZ-JOSEF MĂœLLER, VOR SIT ZENDER DER LICHT TECHNISCHEN GESELL SCHAF T LTG
absehbar. „Ein Drittel aller Anlagen ist veraltet“, sagt Franz-Josef MĂźller, Vorsitzender der Lichttechnischen Gesellschaft LTG, einer Institution, in der auch groĂ&#x;e Ăśsterreichische Unternehmen Mitglied sind. „Wir empfehlen diese nicht nachzurĂźsten, sondern gleich auf energieeffizientere LĂśsun-
mas Posch schätzt, dass es bei 50 Prozent der zuständigen BehĂśrden in Ă–sterreich bereits ein Bewusstsein fĂźr Lichtsmog gibt. Gesetzliche Bestimmungen sind aber so bald nicht zu erwarten, denn Naturschutz ist Ländersache. Die EU-Normen zur StraĂ&#x;enbeleuchtung zum Beispiel sind sogar
Wirtschaft !
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TĂśdliches Licht – helle Not Auch beim Menschen gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass die Hormone verrĂźckt spielen, wenn man im Schlaf kĂźnstlichem Licht ausgesetzt ist. Der Mensch ist von Natur aus tagaktiv und kann nicht einfach die Nacht zum Tag machen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Nachtarbeit als potenziell krebserregend eingestuft. FĂźr viele Lebewesen ist der Kontakt mit kĂźnstlichem Licht sofort tĂśdlich. Insekten und VĂśgel orientieren sich nachts an HimmelskĂśrpern, jede andere Lichtquelle stĂśrt sie beim Navigieren. „Insekten werden von einer StraĂ&#x;enlaterne mitunter so stark geblendet, dass sie vĂśllig orientierungslos nur noch um diese Lichtquelle schwirren“, sagt die Bio-
kontraproduktiv, denn es sind Mindestwerte vorgegeben, aber keine HĂśchstwerte. Sämtliche MaĂ&#x;nahmen setzen Länder und Gemeinden also auf Eigeninitiative. Wien hat einen „Masterplan Licht“ ausgearbeitet, Graz hat das „Green Light Program“ der EU konsequent umgesetzt.
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Klimafaktor Mensch: So viel Kilogramm Treibhausgas wird freigesetzt durch ‌ Ausschnitt aus: „Atlas der Globalisierung. Sehen und verstehen, was die Welt bewegt“. Berlin (Taz Verlag 2009), Seite 72 f.
gen umzusteigen. Lichtverschmutzung wird bei der AuĂ&#x;enbeleuchtung erst in etwa vier Jahren ein Thema sein, denn ab 2015 ist das häufig eingesetzte Quecksilberdampflicht verboten.“ Lichtverschmutzung war auch kein Thema bei der Tagung „Licht 2010“. Die Tagung der LTG fand Mitte Oktober in Wien statt. Am Programm standen Vorträge wie „AuĂ&#x;enbeleuchtung“ und „Licht und Gesundheit“. Es war laut MĂźller nicht geplant, dabei den Aspekt Lichtsmog zu berĂźcksichtigen. Im Arbeitskreis AuĂ&#x;enbeleuchtung und in Schulungen von Lichttechnikern behandle die LTG das Thema Lichtverschmutzung aber sehr wohl, sagt MĂźller. In der BevĂślkerung weiĂ&#x; kaum jemand, wie viel unnĂśtiges Licht jeder Ăśsterreichische Haushalt Nacht fĂźr Nacht abstrahlt. Dabei kĂśnnte ein erheblicher Anteil der unnĂśtigen Aufhellung schon dadurch vermieden werden, dass wir einfach die Jalousien herunterlassen. Die Belastung durch Lichtsmog kĂśnnte 2025 weltweit doppelt so stark sein wie heute.
Himmel als Weltkulturerbe In diesem Sommer hat die Unesco entschieden, dass der Sternenhimmel als Weltkulturerbe geschĂźtzt werden kann. Einen wesentlichen Beitrag zu diesem Beschluss hat der Astronom GĂźnther Wuchterl vom Verein Kuffner Sternwarte mit seiner Fallstudie „Alpen-Sternlicht“ geleistet. „Österreich hat noch versteckte Plätze mit wunderbarem Himmel“, meint Wuchterl. „Das zeigt diese Studie anhand der Beispiele GroĂ&#x;mugl und Ostalpen. Der Himmel Ăźber GroĂ&#x;mugl ist ein Lichtnaturwunder, das ein Fenster zur MilchstraĂ&#x;e Ăśffnet. Und in den Ostalpen ist Ăźber vielen Gipfeln noch die ganze Pracht des Firmaments zu sehen. Die Entscheidung der Unesco gibt Hoffnung, dass wir die SchĂśnheit des Firmaments nicht verlieren.“ FĂźr die Erklärung zum Weltkulturerbe mĂźssen Unesco-Kriterien beim Naturschutz und bei der Beleuchtung erfĂźllt werden. Wuchterl geht davon aus, dass die entsprechenden Regionen sorgsamer mit Licht umgehen werden und dadurch Energie sparen. In den Sternlichtgebieten wird dann der Sternenhimmel mit freiem Auge besser sichtbar sein und so Touristen anziehen. WomĂśglich verzichten diese Gebiete auch auf exzessive Weihnachtsbeleuchtung – das wäre ein weiterer Lichtblick.
GR AFIK: ATLAS DER GLOBALISIERUNG
mmer wenn sich eine Nacht voller Sternschnuppen ankĂźndigt, ist die Vorfreude groĂ&#x;. Und genauso groĂ&#x; ist die Enttäuschung, wenn wieder einmal keine Sternschnuppen zu sehen waren. Das liegt aber nicht am Auge des Betrachters, sondern an der zunehmenden Lichtverschmutzung. KĂźnstliche Lichtquellen wie Autoscheinwerfer, StraĂ&#x;enlaternen, Leuchtreklame,angestrahlteGebäude etc. streuen Licht in die Atmosphäre.
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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Psychoanalyse
Kunst verzaubert die Couch LAUR A ARI
tuzzicadenti wurde im Jahr 2000 gegrĂźndet. Sieben Personen arbeiten in der Forschungsgruppe des WWTF-Projekts. Das transdisziplinäre Team hat sich der Psychoanalyse verschrieben. Im Projekt geht es vor allem um Psychoanalyse in Hinblick auf Kunst und Gesellschaft. Forscherinnen und Forscher aus Philosophie, Psychoanalyse, Medizin und Kunst arbeiten im Projekt â€žĂœbertragungen: Psychoanalyse – Kunst – Gesellschaft“ zusammen. Sie alle berufen sich auf die Schule Freuds und Lacans, wobei die Kunst erkenntnistheoretisch gleichwertig wie die Erkenntnisse der psychoanalytischen Theorie gesehen wird.
S
Das Projekt wurde im Rahmen des
„Art(s) and Science Call 2008“ vom Wiener Wissenschafts-, Forschungsund Technologiefonds fĂźr zwei Jahre gefĂśrdert. Der Schwerpunkt Kunst und „Magie“ wird von der KĂźnstle-
rin Mona Hahn und dem Philosophen Robert Pfaller erarbeitet. Im „sozialen“ Schwerpunkt setzen sich der Psychoanalytiker Georg GrĂśller mit dem Ă–dipuskomplex, die Philosophin und Psychiaterin Ulrike Kadi mit der Thematik KĂśrper und die Philosophin Eva Laquièze-Waniek mit jenem des Geschlechts auseinander. Die â€žĂœbertragung“ an sich ist Inhalt der Forschungen der beiden Psychoanalytiker Judith KĂźrmayr und Karl Stockreiter, wobei sich Letzterer auch mit dem Thema der „Imagination“ beschäftigt. Als Projektleiter fungieren Eva Laquièze-Waniek und Robert Pfaller. Bereits seit Freud gibt es eine Ausein-
andersetzung der Psychoanalyse mit Kunst und Kultur. Doch nicht das Kunstwerk an sich soll symptomatisch gedeutet werden – eine nicht unproblematische Tendenz der Psychoanalyse vergangener Tage –, sondern das Kunstwerk selbst soll auf
eine eigene Weise zum Sprechen gebracht werden, erklärt Ulrike Kadi, um dadurch eine eigene Form der Erkenntnisgewinnung zu erzielen. Die Kunst kenne diesen Ort, der konfliktuĂśsen Situation, Ăźber die der Mensch sich als Subjekt wahrnimmt, und inszeniere ihn: Warum dieses Wissen nicht nutzen, fragt Projektleiterin Laquièze-Waniek. der ersten Forschungsergebnisse fand im Semperdepot statt. Ihr Thema: der Ă–dipuskomplex als Paradigma der Menschwerdung. Unter dem Titel „7 bestialische GrĂźnde, warum es sich lohnt, den Ă–dipus zu verteidigen“ erlebte das Publikum eine Defensio durch Krokodil, Frosch, Bär, Schwein, Feldhamster und Pferd; sodann ein LehrstĂźck und ein Couplet. Anstelle des Ăźblichen akademischen Vortrags fand man sich derart in einer Mischung von wissenschaftlicher Argumentation, Theater und
Die Präsentation
Performance wieder. So sangen die Tierchen am Schluss der Präsentation: „Der Ă–dipus ist permanent und sich verrennt, der denkt, dass er ihn kennt! Wer glaubt, er hätt ihn durchgemacht, wird von uns lauthals ausgelacht.“ Der „Magie“, dem „Zauber der Kunst“,
die sich durch Charme und Witz auszeichnet, stehe in der heutigen Gesellschaft die Diffamierung von kleinen VerrĂźcktheiten und die „Entzauberung“ der Kunst gegenĂźber, sagt die KĂźnstlerin Mona Hahn. Die Forschungsgruppe versucht hier jedoch, durch ungewĂśhnliche Darstellungsformen der Theorie – wie jene des Theaters oder durch das Sichtbarmachen der zentralen Metaphern von umstrittenen Themen wie beispielsweise die Aufgabe des Tierischen in der Subjektbildung – festgefahrene wissenschaftliche Diskussionen wiederzubeleben und weiterzuentwickeln.
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TITEL ENERGIE UM JEDEN PREIS
Der Countdown zum Thema SABINE EDITH BR AUN
120.000.000 Zahl der von den Grünen für die Energieforschung
Explosionskraft der Atombombe Little Boy über Hiroshima in Terajoule (wikipedia, „Terajoule“)
Durch private Fahrten mit Pkw mit österreichischem Kennzeichen im Jahr 2009 verursachter CO2-Ausstoß in Tonnen (www.vcoe.at)
8.900.000
Gesamte Nichtverfügbarkeit von Strom (geplante und ungeplante Unterbrechungen) durch Ausfälle im Jahr 2009 in Minuten (www.e-control.at)
Zahl der im 1999 beschlossenen Wiener Klimaschutzprogramm jährlich eingesparten Tonnen an CO2 (OTS Stadt Wien)
3.180.000
32,4 Anteil der Sach- und Dienstleistungsproduktion am energetischen
1.428.761 Bruttoinlandsverbrauch 2008 in Terajoule (www.statistik.at)
28 Zahl der Umspannwerke in Wien (www.wienenergie.at)
750.000 Zahl der User, die seit 2005 auf www.topprodukte.at nach einem energieeffizienten Gerät suchten (www.klimaaktiv.at)
315.046
Anteil von Raumwärme und Warmwasser am energetischen Endverbrauch Österreichs 2008 in Terajoule (= 28,9 Prozent) (www.statistik.at)
22.275,9
Summe des Wiener Stromnetzes (Freileitungen und Kabel) in Kilometern (Stand: September 2009) (www.wienenergie.at)
56
53,82
Endverbrauch 2008 in Prozent (= 352.850 TJ)(www.statistik.at)
25
Maximale Geschwindigkeit in Stundenkilometern, bei der sich der Motor eines Elektrobikes abschalten muss (www.konsument.at)
21,1
Prozentanteil von Brennholz im Ranking der von privaten Haushalten am häufigsten eingesetzten Energieträger (ohne Treibstoffe) 2007/2008 (gefolgt von Heizöl mit 20,8 Prozent und Strom mit 20,7 Prozent) (www.statistik.at)
15 Kollektorfläche in Quadratmetern, die man für eine Solaranlage zur
5431 Prognose der Gesamtsumme der unterstützten Ökostrommenge
Heizungsunterstützung braucht, um jährlich 4500 Kilowattstunden Energie generieren zu können (www.solarwaerme.at)
4417 Durchschnittlicher Stromverbrauch eines Haushalts (2008) in
Anteil des Stromverbrauchs in Prozent, der in Österreich auf Beleuchtung entfällt (www.klimaaktiv.at)
für 2010 in Gigawattstunden (www.e-control.at)
Kilowattstunden (www.statistik.at)
2150 Prognose des Anteils an Windkraft an der unterstützten Ökostrommenge für 2010 in Gigawattstunden (www.e-control.at)
1163 Sonneneinstrahlung in Graz pro Quadratmeter und Jahr in Kilowattstunden (www.solarwaerme.at)
1068 Sonneneinstrahlung in Wien pro Quadratmeter und Jahr in Kilowattstunden (www.solarwaerme.at)
1100 Durchschnittliche Sonneneinstrahlung in Österreich pro
Quadratmeter und Jahr in Kilowattstunden (www.solarwaerme.at)
400 Jährliche Ersparnis an Heizöl in Litern bei einer Solaranlage zur
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5,2 Steigerung des Bruttoinlandsverbrauchs von erneuerbaren Energieträgern in Prozent in der Energiebilanz von 2007 auf 2008 (www.statistik.at)
3
Zahl der Modelle von Energiesparlampen, die in einem Dauerbrenntest von insgesamt 19 Modellen eine „gute“ Gesamtnote erzielten (www.konsument.at)
2,6 Anteil von Beleuchtung und EDV am energetischen österreichischen Endverbrauch 2008 in Prozent (= 28.372 TJ) (www.statistik.at)
2 Anstieg des durchschnittlichen Stromverbrauchs in Österreich in Prozent pro Jahr (www.klimaaktiv.at)
Warmwasseraufbereitung mit sechs Quadratmetern Sonnenkollektorfläche und 300-Liter-Solarspeicher (www.solarwaerme.at)
1,2 Zahl der Kunden in Prozent, die im Jahr 2009 ihren Stromanbieter
115,02
0,3 Steigerung des österreichischen Bruttoinlandsverbrauchs in der
Gaspreisindex für Oktober 2010 (Referenzwert: 100) (www.energyagency.at)
gewechselt haben (www.konsument.at)
Energiebilanz von 2007 auf 2008 in Prozent (www.statistik.at)
FOTO: AP PHOTO/CHARLIE RIEDEL
geforderten Geldmittel in Euro (OTS Die Grünen)
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Zu den Fotos des Themas East Grand Terre Island, 3. Juni 2010. Ein brauner Pelikan im テ僕 der leckgeschlagenen テ僕platt form Deepwater Horizon. Der Fotograf Charlie Riedel hat die Folgen der テ僕pest an den Kテシsten von Louisana dokumentiert. Der Vogel am Cover ist am selben Tag in derselben Gegend aufgenommen worden
FOTOS: CHARLIE RIEDEL
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„Energieautarkie ist nicht anzustreben“ Einen Stromausfall in Kauf zu nehmen kann volkswirtschaftlich sinnvoll sein, erklärt Horst Steinmüller BERNHARD MADLENER
Heureka: Wenn man einmal eine Stunde bei Kerzenlicht verbringen muss, ist das wirklich halb so schlimm. Aber welche gesellschaftlichen Gefahren birgt ein Stromausfall? Horst Steinmüller: Wirklich bedrohlich ist
das in Österreich gar nicht. Natürlich kommt es nach Lawinen- oder Murenabgängen zu Ausfällen, die bis zu 60 Stunden dauern. Aber wo es um Sicherheitsfragen geht, ist vorgesorgt: Krankenhäuser etc. verfügen über Notstromanschlüsse. Kaum Absicherungen gibt es im Gewerbebereich. Was auf stehende Maschinen hinausläuft? Steinmüller: Ja. Wenn beim Lackierer die
Geräte ausfallen, steht das halbfertige Auto da. Später geht es aber nicht einfach weiter: Man wird das Auto wohl rausziehen und den Vorgang neu starten müssen. Der Schaden, den vielleicht eine Versicherung trägt, hängt nicht von der Dauer des Stromausfalls ab, wie beim Privathaushalt – das Problem tritt sofort ein. Warum kommt es in unserer technologisierten Zeit noch zum Ausfall? Steinmüller: Jede Technologie kann trotz
vorausschauender Instandhaltung Probleme machen. Aber natürlich geht es auch um den Netzausbau. Der heimische Stromverbrauch steigt mit etwa zwei Prozent pro
Horst Steinmüller ist Geschäftsführer des Energie-Instituts an der Johannes-KeplerUniversität Linz
Jahr. Unser Projekt „Blackouts in Österreich“ analysiert die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen von großflächigen Ausfällen im Stromnetz. Dabei werden mögliche Schäden und damit verbundene Kosten mit dem finanziellen Aufwand eines Netzausbaus verglichen. Unter Umständen ist es volkswirtschaftlich vernünftiger, auf den Ausbau zu verzichten. Man nimmt also Ausfälle in Kauf? Steinmüller: Darum geht es nicht. Wir wol-
len aufzeigen, dass mit einem solchen Ansatz Prioritätensetzungen erleichtert werden. Dieser Ansatz wurde in der Forschung bisher nicht verfolgt, weshalb das EU-weit mit hoher Priorität gefördert untersucht wird.
Wie weit ist das „intelligente“ Stromnetz? Steinmüller: Der „Smart Meter“, ein „intel-
ligentes“ Zählgerät, erfasst das Verbrauchsverhalten an einem Punkt. Darauf baut das „Smart Grid“ – das gesteuerte Stromnetz – auf, welches auf die Optimierung der Stromversorgung etwa zu Spitzenzeiten abzielt. Wir beschäftigen uns damit, welche Verhaltensänderung beim Konsumenten möglich ist, wenn Verbrauchsmuster feststehen. Wenn man sich Geld sparen kann, sollte das funktionieren, oder?
Steinmüller: Ein Großteil der Bürger hat keine Ahnung, was eine Kilowattstunde Strom kostet. Wenn man mit 20 Cent hoch ansetzt – der Durchschnittspreis liegt bei 17,5 Cent – und einen Haushaltsverbrauch von 3500 Kilowattstunden hernimmt, sind das 700 Euro im Jahr und 60 Euro pro Monat. Da ist es schwierig, zehn Euro pro Monat zu sparen. Interessanter ist es, Benchmarksysteme einzuführen und die Kunden über ihren Verbrauch zu informieren, da sie wissen wollen, warum sie schlechter sind als andere Konsumenten. Dieser Wettbewerb ist nützlicher. Wie steht es um die Energieversorgung in Österreich? Sind wir zu abhängig vom Ausland? Steinmüller: Unsere Energieimporte sind
zu hoch und müssen durch Effizienzsteigerung, Einsparungen und vermehrte Nutzung heimischer Quellen reduziert werden. Aber eine Energieautarkie ist nicht anzustreben – sinnvoll wäre ein gesamteuropäischer Verbund. Dabei gilt es zu bedenken, dass es keine monokausale Lösung geben wird, sondern eine Vielzahl regional angepasster Technologien. Dafür muss die Politik aber von der Gemeindeebene bis hinauf zur EU und den Vereinten Nationen gemeinsame Ziele schaffen.
Energie aus fetten Algen Limnologie Ein Projekt an der Uni Wien erforscht Möglichkeiten, wie man Algen bei der Energieerzeugung einsetzen kann
ie Energiefalle“, „The Party’s Over“, „The Long Emergency“, „Ölwechsel!“ – die Titel aktueller Bücher zum Thema Erdöl umreißen die Misere: Neue Energiereserven müssen her! Doch die Biospritproduktion mit einem jährlichen Anstieg von 20 Prozent seit 2005, laut Worldwatch, hat Nachteile: Rohstoffe, die in den Tank kommen, fehlen in der Lebensmittelversorgung, außerdem werden Ökosysteme zerstört. Laut Global 2000 wurden in Afrika 4,5 Millionen Hektar an europäische Agrotreibstoffinvestoren verleast bzw. verkauft. Bei dem seit 2008 laufenden Projekt „Bidial“ (Uni Wien und BDI – BioEnergy Inauch der Farbstoff Astaxanthin, der der ternational AG) werden Mikroalgen als Algen bei der Lachsforelle ihre Farbe verleiht, stammt Energieressource angezapft. Der wissen- Fettproduktion von Algen.“ schaftliche Leiter, Michael Schagerl vom Woher kommt die Energie? „Algen sind Department für Limnologie an der UniverInfos und Links oft schwerer als Wasser. Um nahe der Wassität Wien, erklärt: „Algen sind Minifabwww.univie.ac.at/ seroberfläche am lebensnotwendigen riken, die extrem rasch wachsen und verphycology/team.html Licht zu bleiben, produzieren sie Fett. Dieschiedenste Naturstoffe synthetisieren, die www.bdi-bioenergy.com se Fettsynthese kann man durch gezielte wir im täglichen Leben brauchen, z.B. das www.worldwatch.org Kulturmethoden forcieren. In einem Verß-Carotin, das wir in Kapseln einehmen;
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esterungsschritt werden die extrahierten Fette dann in Biodiesel umgewandelt.“ Der Nachteil: Die aufwendige Fettsynthese verlangsamt das Wachstum der Algen. Knackpunkt ist ein ideales Verhältnis von Wachstum und Fettproduktion. „Wir vergleichen die Kosten von Algen, die rasch wachsen und weniger Öl produzieren mit solchen, die langsamer wachsen, aber mehr Öl produzieren“, sagt Schagerl. „Zementwerke sind große CO2-Emittenten. Wir haben auch erforscht, ob man Algen mit Abgasen aus der Kalkverbrennung füttern kann. Das hat gut funktioniert.“ BDI ist Spezialist für Technologien zur Verarbeitung von schwierigen Fetten und Ölen und forscht und entwickelt in diesem Bereich, um künftig Biodiesel auch aus Algen herstellen zu können. Energie aus Algen ist tatsächlich möglich. „Das Problem ist, dass Algenkultivierung Energie und Geld kostet. Solange es Erdöl gibt, wird dieses wohl die billigste Energieform bleiben“, ist Professor Schagerl überzeugt.
FOTO: MICHAEL SCHAGERL
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ENERGIE UM JEDEN PREIS Kommentar Und langsam wird es heller
Grafikkabinett Püribauers Tierversuche
Verglühte Birnen CLAUDIA STIEGLECKER
„Unsere Energieimporte sind zu hoch und müssen durch Effizienzsteigerung, Einsparungen und vermehrte Nutzung heimischer Quellen reduziert werden“ Horst Steinmüller, Uni Linz
ILLUST R AT ION: BE R ND PÜR IBAUE R
Freihandbibliothek Buchtipps von Emily Walton Wenn Energie die Wirtschaft bestimmt
Begrenzte Ressourcen und extreme Preisschwankungen: In „Confronting Collapse“ zeigt der Autor Michael C. Ruppert das enge Zusammenspiel von Finanz- und Energiemärkten auf. Seine Theorie: Das Öl hält die Weltwirtschaft im Würgegriff. Wer an eine Erholung nach der Krise glaubt, irrt – so der Autor. Stehen wir vor dem finalen Zusammenbruch? Michael C. Ruppert. Confronting Collapse: The Crisis of Energy and Money in a Post Peak Oil World. Chelsea Green Pub, 246 Seiten
bekämpfen? Diesen Ansatz verfolgt Nicholas Stern und entwirft ein Rettungsszenario in seinem Buch „Der Global Deal: Wie wir dem Klimawandel begegnen und ein neues Zeitalter von Wachstum und Wohlstand schaffen“. In seinem Werk versucht Stern zu zeigen, wie Klimawandel, Wirtschaftswandel und Politikwandel zusammenspielen. Daraus entwickelt er eine Forderung: Es brauche eine Technologierevolution, die neue Energieformen unterstützt. Darüber hinaus sind Investitionen der Wirtschaft notwendig, um neue Energieressourcen zu erschließen und auch Jobs entstehen zu lassen.
FOTOS: TIMES BOOKS, BECK, DIOGENES, CHELSEA GREEN PUB
Klima lässt sich mit Geld nicht aufhalten
Bill McKibben könnte man als hartnäckig beschreiben. Vor 20 Jahren legte er mit „The End of Nature“ eine der ersten „Warnschriften“ zur Erderwärmung vor. Sie blieb ungehört. Inzwischen steckt die Gesellschaft mitten drin: Flut, Dürre, Sturm, Schmelze. In „Eaarth: Making a Life on a Tough New Planet“ zeigt McKibben nun, wie der Mensch– zu spät – das Schlimmste mit immensen Geldsummen abzuwenden versucht. Bill McKibben. Eaarth: Making a Life on a Tough New Planet. Times Books, 272 Seiten An einem Strang ziehen: Klima, Wirtschaft und Politik
Lassen sich der Klimawandel und die globale Armut mit einer einzigen Strategie
Nicholas Stern. Der Global Deal: Wie wir dem Klimawandel begegnen und ein neues Zeitalter von Wachstum und Wohlstand schaffen. Beck, 287 Seiten Ein Held, eine Chance, (k)eine Klimakatastrophe
Das Leben des Wissenschaftlers Michael Beard scheint gelaufen zu sein: Nach der Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Physik stagniert seine Karriere und die Frau geht fremd. Bis durch einen verrückten Unfall alles anders wird: Beard sieht die Chance, seine Ehe zu retten, seine Karriere neu anzutreiben und die Welt vor einer Klimakatastrophe zu bewahren. „Solar“, Ian McEwans neues Buch, ist fesselnd, satirisch und lesenswert. Ian McEwan. Solar. Diogenes, 304 Seiten
ben leuchten die Sterne und hier unO ten leuchtet seit 109 Jahren die langlebigste Glühbirne der Welt in einer Feu-
erwache in Livermore, Kalifornien. Das vier Watt starke „Centennial Light“ spendet zwar wenig Licht, dafür aber mit einer Hartnäckigkeit, die ihresgleichen sucht. Glühende Konkurrenz aus Europa hat die Rekordlampe aus den USA wohl nicht mehr zu befürchten. Die EU-Richtlinie 2005/32/E sorgt seit Herbst 2009 für die schrittweise Abschaffung der konventionellen Glühbirne. Lampen mit mattiertem Glas und durchsichtige 100-Watt-Birnen sind bereits seit letztem Jahr verboten, heuer ging es im September der 75-Watt-Birne an den Kragen. In zwei Jahren erleuchten uns dann nur mehr Lichtquellen, die mindestens der Energieeffizienzklasse C angehören. Birnen mit Glühdraht sind ausschließlich in den Klassen D, E und F verfügbar.
Dafür stellt die EU die Energiesparlampe ins Rampenlicht. Mit einer im Vergleich zur Glühbirne durchschnittlich dreimal längeren Lebensdauer bei wesentlich weniger Stromverbrauch, gleicher Lichtleistung und wenig bis gar keiner Hitzeentwicklung. Um das zu erreichen, ist sie mit einem Glaskolben versehen, dessen quecksilberhaltiger Inhalt durch im Sockel integrierte Elektronik zum Leuchten gebracht wird. Diese besondere Bauweise macht die Sparbirne energieeffizient. Andererseits ist sie aber auch Sondermüll. Die Zeiten, in denen ausgebrannte Birnen einfach in den Hausmüll geworfen werden konnten, sind mit September 2012 vorbei. Energiesparlampen müssen separat gesammelt und dann einer Entsorgung oder Wiederverwertung zugeführt werden. Dabei ist besonders wichtig, dass der Glaskolben nicht zerbricht. Sonst entweicht das hochgiftige Quecksilber in die Umwelt und kann nicht recycelt werden. Eine Herausforderung, nicht nur für den Endverbraucher. Und nicht die einzige. Das kältere Licht der Energiesparlampe lässt gewohnte Farben anders erscheinen. Durch die erforderliche Aufwärmphase entfalten manche Energiesparlampen ihre volle Leuchtkraft erst nach mehreren Minuten. Dabei erzeugen sie elektromagnetische Störungen, vergleichbar etwa mit einem Computermonitor. Aus heutiger Sicht hat die Technologie der Lichterzeugung noch einige Schatten zu vertreiben. Doch sie kommt voran. Mit der LED ist jedenfalls schon die nächste Generation von Lampen am Start. Und was bleibt von der Glühbirne? Zumindest das „Centennial Light“ brennt und brennt …
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ENERGIE UM JEDEN PREIS
EMILY WALTON
ach einem langen Fußmarsch durch die Wüste hat Moses zehn Gebote veranschlagt. Du sollst Energie sparen! Dieses Gebot war nicht dabei“, sagt Franz Wirl, Leiter des Lehrstuhls Industrie, Energie und Umwelt an der Uni Wien.
N
Pulverfass Energieversorgung Hätte Moses dieses Energiespargebot aufgestellt, würde die Welt anders aussehen. Vielleicht wäre der CO2-Ausstoß geringer. Oder es gäbe das Problem der Erderwärmung nicht. Keinen Treibhauseffekt. Doch die Vergangenheit ist nicht zu ändern. Auch Österreich muss sich diesen Themen stellen. Aktuell beziehen wir 72 Prozent unserer Energie aus fossilen Quellen. Öl, das irgendwann zu Ende ist. Gas, das einige Länder (Russland, Katar, Iran) kontrollieren, die immer wieder ihre Macht demonstrieren. „Unsere Energieversorgung gleicht einem Pulverfass, das jederzeit in die Luft gehen kann“, sagt Peter Biermayr von der Energy Economics Group an der TU Wien. Dann etwa, wenn das Öl so teuer wird, dass wir es uns nicht mehr leisten können. Oder wenn Konflikte im Nahen Osten ausbrechen. Wo kriegen wir dann unsere Energie her?
Österreich: Wasser und Wind Im Land der Berge, Seen, Flüsse und Ströme ist Wasserkraft vielversprechend und schon weit entwickelt: Sie macht 45 Prozent unserer alternativen Energie aus, die 28 Prozent des Gesamtenergievolumens stellt. Attraktiv ist Wasserkraft vor allem deshalb, weil sie möglich macht, Energie zu speichern. Für Österreich ist auch die feste Biomasse aus Hackschnitzeln, Brennholz und Holzpellets als Energiequelle interessant. Sie macht 39 Prozent der alternativen Energie aus. 100.000 Haushalte werden derzeit mit Holzpellets versorgt. Tendenz steigend. Technologien zur Nutzung erneuerbarer Energien erleben einen Aufschwung. Die jeweiligen Potenziale sind jedoch regional unterschiedlich. Im Forschungsprojekt „Regio-Energy“ konnte Energieökonom Biermayr mit Kollegen eine Potenzialanalyse für alle österreichischen Bezirke erstellen. Das Ergebnis: Während Erdwärme, Photovoltaik, Solarthermie und Biomasse relativ gleichmäßig verteilt sind, gibt es in Westösterreich ein größeres Potenzial für Wasserkraft, in Ostösterreich dominiert die Windkraft. Wind ist eine Sparte, die 2010 einen besonderen Aufschwung erlebt: Nach Jahren der Stagnation werden aufgrund eines höheren Einspeisetarifs (garantierte Vergütung für Produzenten), der zu Jahresbeginn im Ökostromgesetz geregelt wurde, wieder Anlagen errichtet. Derzeit gibt es 619. Das Ziel, die Windenergie um 700 Me-
Energie um
gawatt bis 2015 auszubauen, wird früher als geplant erreicht sein.
Energieabhängigkeit von Afrika? Das Potenzial, eigene Energie zu erzeugen, besteht in Österreich. Allerdings haben die meisten alternativen Energiequellen Nachteile: Sie sind extrem von externen Bedingungen abhängig. Die Alpenregion hat zwar viel Sonne, bietet aber keine Garantie, dass sie häufig genug scheint, um uns mit Energie zu versorgen. Auch wenn der Wind in den Ebenen stürmisch ist, sind unsere Windkraftanlagen weit weniger ergiebig als jene am Meer. Deutschland und England setzen auf Off-Shore-Parks, die aber auch nicht den Bedarf zur Gänze decken. „Man müsste die britische Insel nachbauen, um das gesamte Königreich mit Strom – und das sind nur 20 Prozent der Energie – zu versorgen“, sagt Energieökonom Wirl. In einem kleinen Land stößt man an Grenzen, will man nicht Ökologie, Anrainer oder die Ästhetik des Landes zerstören. Alle Gipfel mit Windrädern überziehen? In anderen Breiten haben alternative Energieformen eine deutlich höhere Garantie: etwa in der nordafrikanischen Wüste, wo derzeit an Wind- und Solarprojekten gearbeitet wird, die Europa mit Energie versorgen sollen. „Natürlich macht es Sinn, diese Ressourcen zu nutzen“, sagt Experte Biermayr. „Aber unabhängiger werden wir dadurch nicht. Nur die geografische Lage und die Energiequelle ändern sich.“ Statt des Nahen Ostens hat Nordafrika das Sagen. „Spätestens dann, wenn die Marokkaner es verstaatlichen“, sagt Wirl.
Eigentlich scheint klar, was getan werden müsste, um das Energieproblem der Welt in den Griff zu bekommen – doch leider ist gar nichts daran klar: außer, dass die Situation prekärer wird
Sparen im eigenen Haus Mit dem Wissen, wie viel wir tatsächlich (ver)brauchen, wollen die Experten an Möglichkeiten zur Steigerung der Effizienz arbeiten: Wie können wir möglichst wenig Energie aufwenden, um einen möglichst hohen Output zu erzeugen? Österreich hat hier bereits innovative Technologien vorzuweisen: Es gibt Passivhäuser, Niedrigstenergiehäuser und PlusEnergie-Häuser, die sogar mehr Energie erzeugen, als sie verbrauchen. Das Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au hat ein Hochhaus konzipiert, das sich selbst über integrierte Photovoltaikelemente, thermische Solarenergie und Windturbinen versorgt. Laut Experten soll sich ein solches „Selbstversorgermodell“ langfristig durchsetzen. Schatz, du brauchst Strom? Warte – ich werf das Windrad an. Diesen futuristischen Aussichten stehen allerdings jene Altlasten gegenüber, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch immer extrem viel Energie verbrauchen. Problematisch sind vor allem die Nachkriegsbauten, also all jene, die bis Anfang der 1970erJahre gebaut wurden. Durch Sanierung ließe sich der Energieverbrauch um 75 Prozent reduzieren. Doch wird laut Wifo-Forscher Schleicher pro Jahr nur ein Prozent der Gebäude saniert. Dennoch hat Österreich im Bereich Wohnen, der rund ein Drittel des Energieverbrauchs ausmacht, große Forstschritte in puncto Effizienz erzielt.
Wie viel Aternativenergie geht? „Österreich wäre durchaus in der Lage, sich selbst zu versorgen“, sagt Stefan Schleicher, Professor an der Uni Graz und Energieexperte beim Wirtschaftsforschungsinstitut. Auch Energieökonom Biermayr glaubt daran, „aber wenn es heikel wird, könnte es wohl auf Kosten der Ökologie gehen“. Professor Wirl steht der Energieautarkie gänzlich skeptisch gegenüber. „Wir können nur ein Drittel der Energie erzeugen, die wir im Alltag benötigen.“ Das wirft die Frage auf: Wie viel Energie ist nötig? Theoretisch ließe sich der Energiebedarf der Zukunft mit einer mathematischen Formel berechnen, sagt Ökonom Wirl. „Aber man müsste viel zu viele Annahmen treffen. Langfristige Prognosen machen daher wenig Sinn.“ Freilich könnte man auch den aktuellen Pro-Kopf-Verbrauch von rund vier Tonnen Rohöleinheiten pro Jahr heranziehen, um den künftigen Energiebedarf zu errechnen. Doch dieser Wert sagt nichts darüber aus, wofür Energie gebraucht wird. Wie groß sind die Flächen in den Gebäuden, die wir heizen oder kühlen wollen? Wie schaut unser Mobilitätsverhalten aus? Welche Distanzen bewältigen wir an ei-
nem Tag? Wie funktioniert der Gütertransport? „Darüber wissen wir viel zu wenig“, sagt Wifo-Forscher Schleicher. „Wir müssen den aktuellen Energiebedarf analysieren: Welche Dienstleistungen sind mit der Bereitstellung von Energie verbunden – das sogenannte Energiedienstleistungsprofil.“ Ziel ist nicht, den Menschen als gierigen Energiefresser zu entlarven, sondern anhand der Daten die Energieversorgung und den Verbrauch zu optimieren. TU-Experte Biermayr geht von einem Dreiphasenmodell zur Lösung des „Energieproblems“ aus: „Wir müssen die aktuellen Energiedienstleistungen hinterfragen, schauen, was mit Effizienz machbar ist, und uns dann überlegen, woher wir diese zusätzliche Energie bekommen.“ Das blinde Drauflosrennen, um die nächste anzapfbare Energiequelle zu suchen, wird zu keiner vernünftigen, langfristigen Lösung führen.
Das blinde Drauflosrennen um die nächste anzapfbare Energiequelle wird zu keiner vernünftigen, langfristigen Lösung führen
Trotzdem steigt der Stromverbrauch In anderen Bereichen klappt die Effizienzsteigerung nicht: Der Stromverbrauch steigt jährlich etwa um rund zwei Prozent, obwohl Kühlschrank, Fernseher oder Computer immer effizienter werden. „Rebound-Effekt“ nennt Energieökonom Biermayr dieses Phänomen, bei dem die Einspareffekte den zusätzlichen Verbrauch nicht kompensieren. Menschen
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jeden Preis
steckt es in Salzburg für den nächsten wieder an und schnappt sich zur Heimfahrt ein anderes Fahrzeug. Eine Vorstellung, die allerdings voraussetzt, dass sich die Österreicher vom Motto „Mein Auto ist mein zweites Wohnzimmer“ trennen.
kaufen eben noch mehr Elektrogeräte, oftmals mit hohen „Stand-by“-Verlusten. „Das könnte ein Grund sein. Genau wissen wir es aber nicht“, sagt Biermayr.
Das Auto verschlingt alle Konzepte Wirkliches Sorgenkind der Forscher ist aber weniger der Stromverbrauch in Privathaushalten oder Büros, sondern der Verkehr. Laut Biermayr eine „heilige Kuh, an der nicht zu rütteln ist“. Der Österreicher ist nun mal ein begeisterter Autofahrer. „Studien zeigen, dass wir schneller ins Auto steigen als die Bewohner anderer EULänder“, sagt Professor Schleicher. Und je größer das Fahrzeug ist, desto besser. Warum nicht? Braucht doch die große Familienkutsche so viel Sprit wie einst der kleine Stadtflitzer. „Hier frisst die Gesellschaft die Effizienz“, sagt Ökonom Wirl. Im Schnitt verbraucht ein Auto sechs bis sieben Liter auf 100 Kilometer. „Mehr werden wir nicht mehr herausbekommen, wenn die Fahrzeuge markttauglich sein sollen“, meint TUProfessor Biermayr. Auch dem Dreiliterauto geben die Forscher wenige Chancen. „Es wäre kleiner und einfacher in der Ausstattung, billiger im Kaufpreis. Die Industrie hat kein Interesse daran, diesen Wagen zu produzieren“, erklärt Energieökonom Biermayr. Trotzdem wird sich über kurz oder lang etwas am Verkehr ändern. „Exogene Faktoren werden uns dazu zwingen“, so Biermayr. Wird das Benzin zu teuer, müssen wir weniger fahren. Gehen wir dann zu Fuß?
Nicht zum Energiesparen gemacht
Der Stromverbrauch steigt jährlich etwa um rund zwei Prozent, obwohl Kühlschrank, Fernseher oder Computer immer effizienter werden
E-Auto und Car-Sharing Experten bauen auf das Elektroauto, eine Technologie, die längst nicht markttauglich ist: Die Investitionen sind hoch, die Reichweite gering, die Batterieladezeiten lang. Offen ist auch die Frage, mit welcher Energie wir die Fahrzeuge, die vermutlich aus Materialien auf Kunststoff- und Kohlefaserbasis bestehen werden, aufladen sollen. „Bis 2020 werden Elektroautos daher noch keine Rolle spielen“, sagt Biermayr. In der Zwischenzeit gilt auch im Bereich Verkehr, der rund ein Drittel am Gesamtenergieverbrauch ausmacht, zu untersuchen, wie viel Energie tatsächlich nötig ist. „Im Schnitt fährt der Österreicher 12.000 Kilometer im Jahr. Wer 60 Stundenkilometer fährt, fährt 200 Stunden. Das Auto ist eigentlich ein Stehzeug“, rechnet Wifo-Experte Schleicher vor. Den Luxus wollen aber die wenigsten aufgeben. Es bräuchte mehr Abstellplätze, sichere Fahrradwege, Fußgängerzonen und bessere öffentliche Verbindungen, um ein Umdenken zu erreichen. „Später könnten dann die Elektrofahrzeuge als Dienstleistung verkauft werden.“ Schleicher ist ein Visionär, spricht von Car-Sharing im 21. Jahrhundert: Man holt sich ein Auto von der Ladestation in Wien,
Werden wir freiwillig unsere Autos teilen? Und in den Zug umsteigen? Der Ökonom Franz Wirl ist skeptisch: „Der Mensch ist nun mal nicht zum Energiesparen gemacht.“ Das sei auch daran zu erkennen, dass sich die Zahl der Ökostromabnehmer in einem überschaubaren Bereich halte. Geld (bzw. Geldersparnis) ist das Lockmittel, mit dem man den Ottonormalverbraucher zu einem Umdenken bewegen kann. Geld, das vor allem die Politik zur Verfügung stellen muss. „Ohne ambitionierte und effektive energiepolitische Maßnahmen werden wir es nicht schaffen“, sagt Biermayr von der TU. Er spricht von CO2Steuern oder davon, den Einsatz von Solarthermie bei Neubauten vorzuschreiben. „Länder wie die Steiermark oder Oberösterreich machen das schon.“ Auch wünscht er sich verstärkte Förderungen, die etwa zum Kesseltausch bewegen. Ökonom Wirl steht Förderungen skeptisch gegenüber: „Mit solchen Anreizen erreichen Sie zuerst jene Personen, die ohnehin zum Umsteigen geneigt sind.“ Außerdem hätten viele Verbraucher Angst, „hintenrum“ erwischt zu werden: „Jedes Loch, das durch Förderungen im Budget entsteht, muss kurz darauf wieder gestopft werden in Form von Steuern.“
Die Politik hat keine Zeit
Während Energieforscher an die nächsten 100 Jahre denken, stößt die Politik schon mit der Festlegung einer mittelfristigen Energiestrategie an ihre Grenzen
Ohne Politik wird das Thema Energieversorgung nicht zu lösen sein. Mit Politik allein jedoch auch nicht. Denn die Zeitvorstellungen der Energieforscher und der Politiker sind extrem unterschiedlich. Während die Energieforscher an die nächsten 100 Jahre denken, gelangt die Politik schon mit der Festlegung einer mittelfristigen Energiestrategie an ihre Grenzen. In der Energiestrategie 2020 wurde festgelegt, dass 34 Prozent unserer Energie bis 2020 aus erneuerbaren Energiequellen kommen sollen. Der Weg dorthin ist noch offen. Zu viel Konkretes könnte beim Wähler unbeliebt machen, eine Kürzung von Pendlerpauschalen oder eine CO2-Steuer ihn sogar gänzlich vergraulen. „Nicht zu vergessen sind auch die starken Lobbys der fossilen Energie, gegen die man sich nicht auflehnen will. Als im Vorjahr durch die österreichische Mineralölwirtschaft eine hohe Förderung für private Ölkessel eingeführt wurde, gab es keinen Eingriff der Politik, obwohl dies klar den nationalen erneuerbaren Zielen für 2020 widerspricht“, sagt Biermayr. Er kritisiert zudem, dass es keine festgelegten Teilziele in der Strategie gibt, an
denen man den Fortschritt überprüfen könne. Es bleibt also nur 2020 abzuwarten, um zu sehen, ob wir uns dem vorgegebenen Wert nähern – oder ihn verfehlen.
Das Kioto-Ziel verschlafen An Zielen zu scheitern wäre im Umweltbereich nichts Neues. Mit der Teilnahme am Kioto-Abkommen hat sich Österreich verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis 2012 zu senken. „Das Abkommen lag jahrelang im Keller“, erklärt Biermayr. „Und jetzt ist es zu spät. Wir werden nicht mehr aufholen können.“ 86,6 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente wurden 2008 ausgestoßen, damit wurde das Kioto-Ziel um 17,9 Millionen verfehlt. Der Staat wird das finanziell zu spüren bekommen. Er muss Abschläge zahlen. Global gesehen wird aber ein Scheitern eines kleinen Landes wie Österreich nichts ändern. Forscher Wirl gibt sich ironisch: „Was immer wir in Österreich tun, ist eh völlig irrelevant. Warum sollten wir?“
Die Berge weiß anpinseln? Setzt Österreich mit der Teilnahme an Kioto nicht ein positives Zeichen? „Aber mehr als eine Aktion des guten Willens ist so ein Abkommen nicht“, sagt Wirl. Es ändere nichts am bestehenden CO2-Mist, der die Umwelt vergiftet und aufheizt. Die CO2Emissionen haben einen Temperaturanstieg von 0,7 Grad seit der industriellen Revolution bewirkt. „Ziel ist, den Temperaturanstieg auf zwei Grad zu beschränken“, sagt Ökonom Wirl. Wie das in der Praxis gelingen soll, darüber ist man sich noch nicht völlig im Klaren. „Theoretisch müsste man die bestehenden Kraftwerke dreckiger machen“, sagt Wirl. Moderne Kraftwerke setzen kaum Schwefeldioxid frei, einen Stoff, der früher den CO2-bedingten Temperaturanstieg zumindest etwas gedämpft hat. Doch der Rückschritt zu alten Kohlekraftwerken ist keine Lösung. Stattdessen versucht man, die Hitze der Sonne abzuwenden: Eduardo Gold, ein Forscher aus Peru, hat bereits begonnen, die Gipfel der Anden weiß anzupinseln. Die weißen Flächen reflektieren die Sonne und kühlen die Umgebung ab. Ein Vorhaben, das immerhin so vielversprechend ist, dass die Weltbank den Forscher mit 200.000 Dollar unterstützt. „Es gibt auch Überlegungen, die Wolken anzupinseln, oder Spiegel ins All zu schießen“, sagt Wirl. Ein bedenkliches Unterfangen. Denn ein Land, das solche Spiegel in die Atmosphäre schießt, könnte allein das weltweite Klima beeinflussen. Hinzu kommt, dass diese Spiegel keine unbegrenzte Lebensdauer haben. „Wenn man sie abmontieren muss, wird es zu einem plötzlichen Temperaturanstieg kommen, den wir nicht bewältigen können“, sagt Wirl.
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Wo sind die Steckdosen? MARTINA PAUL
aimler-Benz feiert nächstes Jahr das 125-Jahr-Jubiläum der automobilen Jungfernfahrt ihres Gründers Carl Benz. Damit will das Unternehmen auch dessen Erfindung zu Grabe tragen: Der Automotor soll künftig nicht mehr mit Benzin, sondern mit Strom aus erneuerbaren Energien betrieben werden.
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Europa auf dem Weg zum E-Mobil? In Österreich waren 2009 5,98 Millionen Autos, davon 4,36 Millionen Pkw angemeldet – weltweit knapp eine Milliarde. 2030 sollen es 1,6 Milliarden sein. Der Motorisierungsgrad in Österreich wird von gegenwärtig 55,6 auf 73,7 Prozent im Jahr 2050 steigen. Im EU-Parlament wird über eine europaweite Vernetzung und Standardisierung von Ladestationen und Steckern diskutiert. Das „10-Punkte-Aktionsprogramm zur Markteinführung von E-Mobilität mit erneuerbaren Energien in Österreich“ des Lebensministeriums in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftskammer Österreich lässt gute Ansätze erkennen. Noch aber fehlen konkrete Beschlüsse. Anfangs wird weltweit mit 10.000 bis 50.000 verkauften E-Autos pro Jahr gerechnet. Dennoch sollen bis 2050 zwei Drittel des Fahrzeugbestands umgestellt sein. Der komplette Austausch wird bis 2075 erfolgen. Nach einer Studie des Umweltbundesamts seien bis 2020 an die 210.000 E- bzw. Hybridfahrzeuge in Österreich unterwegs. Von insgesamt sieben Millionen Fahrzeugen wären dann rund 75 Prozent mit E-Antrieb ausgestattet. Derzeit sind rund 365 E-Autos angemeldet, für 2011 werden über 1000 erwartet. Elektromobile machen nur dann Sinn, wenn für deren Herstellung bzw. Aufladung ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien verwendet wird. Bis es dahin kommt, gelten Hybridfahrzeuge als Kompromiss zwischen Verbrennungs- und Elektroantrieb.
Autofirmen bringen erste E-Autos Das vor sechs Jahren gegründete US-amerikanische Unternehmen Tesla gilt mit seinem E-Roadster als Vorreiter der Branche: Der Wagen mit 248 PS/185 kW beschleunigt in 3,7 Sekunden von null auf 100 km/h. Derzeit werden pro Jahr rund 1000 Exemplare um je 84.000 Euro abgesetzt. Für das Jahr 2012 ist eine Limousine in Planung. Deren Entwicklungskosten hat Tesla in finanzielle Schwierigkeiten gebracht. Daimler und Toyota haben sich an Tesla beteiligt. Tesla liefert Daimler die Batterien für den E-Smart (mit 135 Kilometern Reichweite und einer Aufladezeit von acht Stunden ab 2012 erhältlich) und arbeitet an der Entwicklung der Elektroversion der AKlasse mit. Toyota entwickelt eigene Lithium-Ionen-Batterien, testet jedoch auch jene von
Die E-Mobilität gilt als Hoffnung für die Umwelt und das Klima. Ein Überblick über den Stand der E-Mobilität in Österreich
Tesla. Der Prius soll bis Mitte 2012 auf Hybrid- bzw. Batteriebetrieb umgestellt sein und rund 22.000 Euro kosten. Nissan wird mit dem Leaf Ende 2011 nach Österreich kommen. Es soll das erste massentaugliche E-Auto mit 80 kW und einer Spitze von 140 km/h sein. Starkstrom lädt die Batterie in einer halben Stunde zu 80 Prozent auf, eine komplette Aufladung per 230 Volt dauert acht Stunden. Mitsubishi bietet den i MiEV in Österreich um rund 36.000 Euro an. 2011 will man 500 Stück verkaufen. Honda plant, den Anteil der Hybridmodellverkäufe auf zehn Prozent im Jahr 2012 zu erhöhen. Zu den derzeitigen Hybridmodellen Civic, Insight und CR-Z soll eine E-Version des Jazz hinzukommen. Renault bringt ab 2011 den Kangoo Express Z.E. (Zero Emission), die Mittelklasselimousine Fluence Z.E., den Stadtlieferwagen Kangoo Express Z.E. und den zweisitzigen Stadtzwerg Twizy Z.E. mit Preisen zwischen 20.000 und 26.000 Euro. Renault bietet ein Batterieleasing mit monatlicher Pauschale. Peugeot verlangt für seinen noch heuer in Österreich erhältlichen iOn mit 47 kW und 130 km/h Spitzengeschwindigkeit 35.000 Euro. Škoda produziert eine E-Version des Octavia (60 kW, Reichweite 140 Kilometer), Opel den Ampera (111 kW), VW den Up! und GM den Chevrolet Volt um rund 32.000 Euro.
Das Problem der Batterie Förderungen für Elektroautos Staat: Förderung pro Fahrzeug (in Euro, Beträge gerundet, Stand: Sommer 2010) Österreich: Keine NoVA, keine motorbezogene Versicherungssteuer; individuelle Förderungen durch die Bundesländer Belgien: 3300 Deutschland: 5000 Frankreich: 5000 Irland: 5000 Großbritannien: 5500 bis 6000 China: 6500 bis 6700 Japan: 7500 USA: 7500 US-Dollar
Eine Batterie ist bis zu 300 Kilogramm schwer. Und sie kostet so viel wie ein Kleinwagen (beim Opel Ampera rund 15.000 Euro). Ihre Reichweite beschränkt sich noch auf 150 Kilometer – freilich betragen zwei Drittel der täglichen Verkehrswege weniger als 60 Kilometer. Peter Reif, Chef der Magna-E-Auto-Sparte, schätzt, dass in fünf Jahren Reichweiten um die 250 Kilometer technisch möglich sind. Ein Elektromotor erfordert auch einen hohen Anteil an Halbleitern und Chips. Reinhard Petschacher, Infineon-Forschungschef, beziffert ihren Wert auf 900 Dollar. Bei einem herkömmlichen Auto seien Halbleiter für 236 Euro eingebaut. Um E-Autos günstiger zu machen, bietet das Unternehmen Better Place den Batterietausch an: Bei Bedarf fährt man die nächstgelegene Servicestation an und tauscht die leere Batterie gegen eine volle. Abgerechnet werden die verbrauchten Batterieeinheiten über das Handy. Gemeinsam mit Renault und Nissan testet Better Place in Dänemark, Israel und Australien. Israel investiert rund 150 Millionen US-Dollar. Das Tauschsystem setzt eine für alle Autos standardisierte Batterie voraus. Das bedingt Normen bei der Autoproduktion und wohl Beschränkungen beim Design. Französische, japanische und chinesische Hersteller von Kleinwagen könnten damit gut
leben. VW, Daimler oder BMW jedoch fürchten um ihre Markenidentität. Daher investiert Daimler mit dem Batterieproduzenten Bosch in die Entwicklung von massentauglichen Batterien. Daimler ist ein Joint Venture mit Evonik Industries eingegangen, um zum größten europäischen Autobatterieproduzenten zu werden. Auch Magna plant, in den Batteriemarkt einzusteigen. Als möglicher Partner wird Mitsubishi genannt, das Investitionsvolumen soll bis zu 700 Millionen Euro betragen. Für ein Werk ist neben Spanien auch das Burgenland im Gespräch. Zu den weltweit größten Herstellern von Batterien zählt das chinesische Unternehmen BYD. Es arbeitet an der Weiterentwicklung der Lithium-Ionen- zu einer Lithium-Eisen-Phosphat-Batterie, von der man sich mehr Sicherheit und geringere Herstellungskosten erwartet.
Die Förderung der Infrastruktur Schafft Österreich den Sprung zur E-Mobilität? Politik und Wirtschaft wollen einen strukturierten Aufbau bis zum Jahr 2020 erreichen – dafür scheint es Bernhard Haider, Experte der Beraterfirma PricewaterhouseCoopers, schon fast zu spät. Involviert sind vier Ministerien: Infrastruktur, Wirtschaft, Umwelt und Finanz. Um eines der geringfügigeren Probleme darzustellen: Obwohl die Errichtung von Stromtankstellen längst finanziell unterstützt wird, ist die Rechtsfrage nach einem Gewerbeschein noch ungeklärt. In Österreich fördern Bund, Länder, Gemeinden, Regionen und Verbände. Der Bund erlässt die NoVA und die motorbezogene Versicherungssteuer. Bisher hat der Staat 2000 E-Fahrzeuge gefördert und weitere vier Millionen Euro für die E-Mobilität zur Verfügung gestellt. Hinzu kommen Subventionen von 500.000 Euro für die Errichtung von Stromtankstellen.
Erste Projekte in Österreich 2009 gründeten zwölf (heute sind es 20) österreichische Unternehmen den Verein Austrian Mobile Power (AMP) und investieren 50 Millionen Euro in die Infrastruktur für 200.000 E-Mobiles im Jahr 2020. Auch Telefonzellen sollen zu Stromladestationen umgerüstet werden. Im August wurde die erste Stromtankstelle (230V/16A/Caravansteckdose) im Tiroler Alpbach präsentiert. An die 13.500 Telefonzellen stehen zur Verfügung, heuer sollen noch 30 mit jeweils zwei Steckplätzen ans Netz gehen. Jüngstes Mitglied der AMP ist die Rewe Group mit rund 1,5 Millionen Kunden, deren Unternehmen seit zwei Jahren ausschließlich mit Ökostrom ausgestattet sind. Sie wird in Österreich alle neuen Großmärkte mit Stromtankstellen ausstatten. Spar konzentriert sich auf die E-Fahrradfahrer. Zurzeit sind mehr als 50 Stationen in Betrieb.
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Keine Fusion in Sicht BERNHARD MADLENER
ie Photovoltaik hat keine Chance, eine größere Energiequelle darzustellen“, ist Harry Friedmann, Professor für Kernphysik an der Universität Wien, überzeugt. Windkraftwerke wiederum „haben teilweise beachtliche Leistungen, aber ihr Problem ist die Zwischenspeicherung, wenn diese Energie gerade nicht gebraucht wird“. Die Renaissance der Kernkraft in Deutschland, wo die Laufzeiten der Atomkraftwerke (AKW) kürzlich verlängert wurden, sei zu erwarten gewesen: „Es ist keine andere Möglichkeit vorhanden.“ Der Vorteil eines AKW sei die garantierte „Grundlast“ – das heißt, es liefert „konstant etwa dieselbe Leistung“. Dagegen gibt es Sonnen- oder Windenergie genau dann, wenn eben Sonne oder Wind im nötigen Ausmaß vorhanden sind. Eine Zwischenspeicherung für den Fall, dass gerade viel Strom produziert wird, ist vor allem in flachen Gegenden – dort, wo die großen Windparks stehen – kaum zu handhaben. Atomkraftwerke aber sind relativ unabhängig von lokalen Gegebenheiten. Umso mehr, als der Rohstoff meist sowieso über weite Strecken herangeschafft wird.
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Das Ende der Energiefrage bleibt ein Traum. Die Kernfusion wird das Problem auch nicht lösen
Bereits bei der Planung kann ein zusätzliches
FOTO: BERNHARD MADLENER
Pumpkraftwerk berücksichtigt werden, über das der Atomstrom „weißgewaschen“ wird: Liefert der Kernspaltungsreaktor mehr Energie, als verbraucht wird – in der Nacht oder am Wochenende –, dann wird „überschüssiger Strom dazu verwendet, mittels Speicherpumpen Stauseen aufzufüllen“, erklärt Karl Strauß, emeritierter Professor der Technischen Universität Dortmund, in seinem Buch über Kraftwerkstechnik. „Wird die gespeicherte Energie zu Spitzenlastzeiten benötigt, lässt man das Wasser durch die Turbine wieder auf das tiefere Niveau zurücklaufen.“ Kernkraftwerksgegnern geht es vor allem darum, dass die Entsorgung des radioaktiven Abfalls nicht endgültig geklärt sei, und auch die Frage der Rohstoffgewinnung mittelfristig brisant werde. Dass aufgrund von Bürgerbewegungen nur wenig neue Atomkraftwerke gebaut worden sind und stattdessen jetzt alte Reaktoren länger laufen, sei „vom Sicherheitsstandpunkt weniger günstig“, bestätigt auch Friedmann. Bei der Entsorgung verweist er jedoch auf das Konzept der Verglasung: „Dabei werden die Abfälle in Glas eingeschmolzen.“ Zwar habe Glas, wenn es mit Wasser in Berührung kommt, eine gewisse Löslichkeit und es können Ionen austreten. Das geschehe aber mit einer Geschwindigkeit, „die das Wasser unter jener Konzentration an radioaktiven Stoffen hält, die gesundheitsschädlich wären.“ Er selbst hät-
„Die ganze Endlagerung ist nur ein Akzeptanzproblem“ Harry Friedmann, Professor für Kernphysik, Uni Wien
te keine Sorgen, neben einem Endlager zu wohnen; genauso wenig wie die Menschen in vielen verschiedenen Ländern der Erde Sorgen hätten: „Die ganze Endlagerung ist nur ein Akzeptanzproblem.“ In puncto Rohstoffabhängigkeit verweist Friedmann auf ständig neuentdeckte Uranvorkommen, die für einiges mehr als 100 Jahre reichen würden. Uran-235, das in den meisten Reaktoren verwendet wird, komme zu etwa 0,7 Prozent in natürlichem Uran vor. „Die Alternative wäre der sogenannte Schnelle Brüter, in dem aus Natururan oder aus Thorium wieder spaltbarer Brennstoff gewonnen wird.“ Das brächte eine Vervielfachung der Vorräte – allerdings wurde die Weiterentwicklung dieses Reaktortyps in Europa abgebrochen. Die Verglasung von radioaktivem Abfall sei an sich nicht neu, sagt Kernphysiker Heinz Smital, der seit zehn Jahren für Greenpeace in Hamburg arbeitet. In den nächsten Jahrzehnten müsse man sich wohl keine Sorgen machen, aber eine Dauerlösung sei das nicht. „Die Abfallprodukte müssen ja für eine Million Jahre sichergestellt werden – das ist die Messlatte.“ Hatte man vor wenigen Jahrzehnten noch an eine Lagerung im Salzmantel für 100.000 Jahre geglaubt, so musste diese Idee bereits revidiert und viele tausend Fässer mit radioaktivem Material mussten „wieder zurückgeholt“ werden. In Finnland wiederum gebe es Versuche mit Kupferbehältern, „aber das reicht keinesfalls aus“, so Smital. Radioaktiver Abfall würde auf dieser Basis irgendwann definitiv die Umwelt belasten – man wisse nur nicht wann. Als Alternative zur Kernspaltung wird seit langem über die Kernfusion spekuliert, bei der in der bekanntesten Form aus kollidierenden Wasserstoffisotopen Helium entsteht. Man verwendet den „schweren Wasserstoff“ Deuterium, der in natürlichem Wasser vorkommt, und den radioaktiven „superschweren Wasserstoff“ Tritium. Diese werden bei einer Temperatur um 100 Millionen Grad in einen Plasmazustand versetzt, wonach die Fusionsreaktion in Gang kommt. Neben Helium entstehen freie Neutronen, die von der Reaktorwand absorbiert werden, welche sich dadurch aufheizt – natürlich nicht mehr im MillionenGrad-Bereich, das würden die Materialien nicht aushalten. Von dem Moment an „ist das wie ein klassisches Kraftwerk“, erklärt Friedmann: „Sie haben eine heiße Fläche und ziehen die thermische Energie durch ein Kühlmittel ab.“ Dieses wird weitergeleitet und erhitzt Wasser zu Dampf, „der in eine Turbine geht und über einen Generator
elektrische Energie erzeugt“. Der FusionsClou: Es soll um ein Vielfaches mehr Energie herauskommen, als man hineinsteckt. Die Energieprobleme der Menschheit wären gelöst, denn nach populärwissenschaftlicher Lesart könnte aus zwei Litern Wasser und einem viertel Kilo Gestein so viel Strom gewonnen werden, wie ein durchschnittlicher Haushalt pro Jahr benötigt. Was so wunderbar einfach klingt, ist seit mehr als einem halben Jahrhundert in Entwicklung. Friedmann verweist auf die „Fusionskonstante“, einen Scherz unter Kernphysikern: „Es heißt immer, in 20 Jahren funktioniert die Kernfusion, und das seit den 1950er-Jahren.“ In Frankreich befindet sich derzeit ein Versuchsreaktor im Bau: der International Thermonuclear Experimental Reactor ITER, ein Gemeinschaftsprojekt der EU mit China, Indien, Japan, Korea, Russland und den USA. Dort soll irgendwann demonstriert werden,
„dass wir zehnmal soviel Energie rausholen können, wie wir reinstecken“, ist Harald Weber, Vorsitzender der Wiener Koordinationsstelle der Europäischen Atomgemeinschaft Euratom, zuversichtlich. Allerdings glaubt auch er an zwei Jahrzehnte Wartezeit. Greenpeace-Experte Smital hält nichts vom ITER-Projekt. Selbstverständlich wende sich seine Organisation nicht gegen die Grundlagenforschung, aber in diesem Fall würden Milliardenbeträge für eine Sache ausgegeben, deren Rentabilität fragwürdig sei. „Dieses Geld wäre sinnvoller in die Förderung erneuerbarer Energie investiert.“ Etwa die Photovoltaik, die er im Gegensatz zu Friedmann sehr wohl für zukunftsträchtig hält – „wenn die Rahmenbedingungen stimmen“. In einem Punkt sind sich Smital und Friedmann einig: Eine „grüne“ Technologie wäre die Kernfusion entgegen landläufiger Meinung nicht. Zwar seien die Abfallprodukte weniger stark strahlend als bei der Kernspaltung, aber das ist nur theoretisch ein Vorteil – statt einer Million Jahre eben 100.000 Jahre Lagerung. Zudem verhält sich die Intensität der Strahlung umgekehrt proportional zur Halbwertszeit: Je kürzer die Zerfallsdauer, desto stärker die Strahlenbelastung. Im Gegensatz zum herkömmlichen AKW, dessen Problem vor allem verbrauchte Brennstäbe sind, wird beim Fusionsreaktor mit zunehmender Betriebsdauer das Konstruktionsmaterial zum Problem. Da andauernd Neutronen in die Reaktorwand geschossen werden, kommt es dort zu Kernreaktionen – bis zur Umwandlung von Elementen wie Eisen, Chrom oder Nickel in ein anderes Element. „Und das“, so Friedmann, „hat Konsequenzen hinsichtlich der Härte und Bruchfestigkeit.“
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WISSENSCHAFTSGESCHICHTE Architektur und Stadtplanung
„Geht’s doch auf die Platte“
„Ich sage dem Direktor vom Wien Museum, Wolfgang Kos, ständig: ,Gehts doch auf die Platte!‘“ Friedrich Achleitner, Dichter, Theoretiker und Visionär
INTERVIE W: ERICH KLEIN
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miert Friedrich Achleitner lakonisch: „So etwas beginnt man, wenn man keine Ahnung hat.“ Heureka: In Ihrer „Österreichischen Architektur im 20. Jahrhundert“ fällt die Begeisterung für scheinbar nebensächliche Details und vor allem technische Nutzbauten auf, die gleichrangig neben den großen Architekten stehen. Friedrich Achleitner: Ich habe eine sen-
timentale Bindung an Wasserbauten – vielleicht, weil ich an einem Wehr aufwuchs. Wir hatten zu Hause eine kleine Mühle – und das Wasser hat Tag und Nacht gerauscht (lacht).
Wann und wie sind Sie zum Großstädter geworden? Wien ist ein Hauptbetätigungsfeld Ihrer Architekturkritik und -geschichte. Achleitner: Das war ein langsamer Pro-
zess. Nach Wien zu gehen war vielleicht durch meinen Vater vorgeprägt. Er hat die einzige Mühlenbaufachschule, die es in der Monarchie gegeben hatte, besucht, im tschechischen Lundenburg, und er war ein sehr guter Zeichner. Er hat mir irgendwie eingeimpft, du musst einmal weg, du musst etwas anderes machen. Nach der Salzburger Gewerbeschule, die eigentlich eine Galeere war, ging ich 1950 nach Wien – eigentlich wegen der Literatur. Aber das ist eine ande-
„Was in Wien an Hochhäusern gebaut wird, ist im Vergleich zu den neuen, explodierenden Städten ein Zwergengarten“ re Geschichte. Man hat damals sehr schnell studiert, ich war nach drei Jahren fertig und habe bei Holzmeister mein Diplom gemacht. Die glorreichen 50er-Jahre wurden oft erzählt – eines der heute vergessenen Themen sind die zahlreichen Kirchen, die damals entstanden; angeblich mehr als in der ganzen Geschichte davor. Sie haben als Architekt selber an einer Kirche mitgebaut. Achleitner: Johann Georg Gsteu und
ich haben die Hetzendorfer Kirche entrümpelt. Es war eine relativ drittklassige Jahrhundertwendekirche voll Baumeisterbyzantinik, aus der wir einen sehr puristischen Raum machten. Es gibt einen Plan der TU Wien, das jetzt wieder zurückzubauen! Was die Kirche insgesamt betrifft, so entwickelte sie nach dem Krieg ein neues Selbstverständnis. Einige Kle-
riker wie Otto Mauer wollten eine kulturelle und künstlerische Öffnung. Die Galerie St. Stefan war tatsächlich der einzige Ort in Wien, wo über moderne Kunst gesprochen wurde oder über wirkliche Fragen der Architektur. Die Stadt Wien, das Rote Wien, hat damit erst sehr viel später begonnen. Ein Stichwort – nicht nur der 50erJahre – ist das vom „Menschenrecht auf Wohnen“. Was den Wiederaufbau nach dem Krieg betraf, so gab es damals wilde Polemiken, vor allem auch vor dem Hintergrund der Qualität des sozialen Wohnbaus der Zwischenkriegszeit. Achleitner: Man musste damals – was
verständlich war – möglichst schnell und möglichst viel bauen; man hatte einen bestimmten Wohnungstyp, damit waren die Preise festgelegt, die Architekten durften das Ganze ein wenig zusammenstellen. Was kritisiert wurde, war eigentlich ein absolut soziales und demokratisches Konzept – dass jede Wohnung dieselben Bedingungen hat. Die Situation hat sich dann sukzessive gebessert, auch beim Plattenbau; die Folgen waren dennoch, dass diese Anlagen enorm gleichförmig wirkten. Diese Kisten standen im leeren Raum, es gab nur das Abstandsgrün. Geht man heute in
FOTO: LUKAS BECK
riedrich Achleitner im Gespräch mit Erich Klein und Ortrun Veichtlbauer über Standorte für das Wien Museum, den Wiener Wohnbau und die Architektur im Lande. Der Autor und Publizist Friedrich Achleitner, 1930 in Schalchen (Oberösterreich) geboren, gilt als Doyen der österreichischen Architekturgeschichte. Nach dem Studium der Architektur an der Akademie der bildenden Künste in den 50er-Jahren war er einer der berühmten Avantgardeliteraten der Wiener Gruppe (H.C. Artmann, Gerhard Rühm, Oswald Wiener, Konrad Bayer). In den 60er-Jahren trug er als Mitarbeiter der Presse wesentlich zur Etablierung der Architekturkritik als öffentliche Diskursform bei. Von 1983 bis 1998 war er Vorstand der Lehrkanzel für Geschichte und Theorie der Architektur an der Universität für angewandte Kunst. Nach vier in den letzten Jahren publizierten Bänden mit Kurzprosa erschien soeben der letzte Band seines Hauptwerks „Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Führer in vier Bänden“. Die vor 40 Jahren begonnene Bestandsaufnahme zeitgenössischen Bauens aller Bundesländer (mit Ausnahme Niederösterreichs) resü-
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WISSENSCHAFTSGESCHICHTE
die Großfeldsiedlung, fragt man sich, was man eigentlich kritisiert hat. Man muss es wirklich sagen: Im Wohnbau hat Wien eine einmalige Stellung in Europa, in keiner Großstadt gibt es eine derartige Vielfalt an leistbarem Wohnbau. Guten Wohnbau gibt es auch in der Schweiz, den sich aber nur die Oberschicht leisten kann. Um in Wien zu leben, muss man sich mit dem Historismus abfinden oder anfreunden. Und: kein Wien ohne Otto Wagner, der auch im „Achleitner“ breiten Raum einnimmt. Achleitner: Man darf nicht vergessen,
dass noch in den 60er-Jahren Wagner-Bauten und Hoffmann-Villen abgerissen wurden! Damals war Feuer am Dach. Der Historismus kommt bei mir nicht negativ weg – es wurden in der Gründerzeit unendlich viele Bautypologien erfunden: Bahnhofs- und Markthallen, alle möglichen technischen Großbauten; der Historismus war unglaublich modern. Und die Wagner’sche Stadtbahn war wirklich eine außerordentliche urbane Leistung.
Im dritten Wien-Band beschreiben Sie einen Wagner-Bau, die Stromverwaltung an der Donau in Nussdorf, geradezu euphorisch. Achleitner: Das ist auch ein unglaubli-
cher Punkt in Wien – man glaubt dort, man steht in Petersburg bei der Admiralität. Komischerweise gehen die Wiener mit diesen Sachen so negativ um. Warum muss die innere Donau, die dort beginnt, „Kanal“ heißen? Das ist ein Flussarm, der einen unglaublichen Stadtraum bildet und gerade langsam wieder zurückerobert wird. Oder das sogenannte Entlastungsgerinne, dessen Planung meine linken Freunde immer kritisiert haben.
Das in ganze Europa als vorbildliche Freizeitzone angesehen wird. Eine allgemeine Frage: Was ist schön und was ist hässlich in der Architektur? Achleitner: Um ehrlich zu sein – das
ist für mich kein Thema mehr. Dabei geht es um Dinge, die sich wahnsinnig schnell verändern: Bauten verändern sich, sei es durch Abnutzung oder Patina, was sich aber noch rascher ändert, ist die Wahrnehmung. Ich habe noch erlebt, dass die Ringstraße als Schmarren bezeichnet wurde und die Architekten sagten, man kann das alles von den Fassaden herunterräumen. Dann war der Jugendstil zu einem Schmarren – und wurde wieder entdeckt, später galt dasselbe für die 50er-Jahre. Je mehr man über etwas weiß, umso mehr schätzt man
es, umso mehr versteht man es auch – und natürlich war ich jünger auch weitaus kategorischer. Auf „schön“ und „schiach“ lasse ich mich schon lange nicht mehr ein.
Was dort drüben tatsächlich fehlt, sind öffentliche Einrichtungen, Kultur, auch eine Universität. Allein mit Büros und Wohnen kann man keine Stadt bauen.
Statt „Nieder mit Fischer von Erlach“, wie eines Ihrer Bücher heißt, „Hoch lebe das Hundertwasserhaus“? Der Ringturm war in den 80er-Jahren noch verpönt – heute gilt er als „sanfte Moderne“, der Westbahnhof wird seit einem Jahrzehnt zur „Mona Lisa“ des Wiederaufbaus erhoben. Ihre Generation hat das noch anders gesehen. Angesichts dessen, was jetzt rundherum gebaut wurde, stockt einem dennoch der Atem! Achleitner: Für den Westenbahnhof
Gab es nicht Pläne für den Umzug Ihrer ehemaligen Hochschule, der jetzigen Universität für angewandte Kunst, dorthin? Achleitner: Ich weiß nicht, warum das
habe ich keine Antwort. Ich vermute, die Bahn verfolgt eine neue Politik: Der Bahnhof, die Tatsache, dass man dort wegfährt oder ankommt, ist Nebensache; stattdessen wird ein Einkaufszentrum errichtet, eine Art kommerzielles Stadtzentrum. Ich habe keine Theorie, es ist nur eine Vermutung: Wenn etwas Neues entsteht, stellt das einen Eingriff in die eigene Welt dar – die eigene Existenz wird infrage gestellt. Wächst man mit bestimmten Dingen hingegen auf, wird das schon zum Bestandteil der eigenen Welt – egal, ob die Eltern dazu „schön“ oder „schiach“ sagen. Es wir im Lauf der Biografie zu einem Bestandteil des eigenen Lebens. Bei der Diskussion um das Museumsquartier konnte jemand wie der englische, aus Wien stammende Kunsthistoriker Ernst Gombrich, sagen: „Ich möchte, dass die Silhouette meiner Jugend erhalten bleibt.“ Was steht aber in dieser Silhouette drinnen? Der Flakturm – das Monster, das jene Leute errichteten, die Gombrich vertrieben hatten. Es ist völlig irrational – aber er sah noch immer die Silhouette seiner Jugend, die sich total verändert hatte.
Ein wiederkehrender Streitpunkt zwischen Architekten und Kritikern waren lange Zeit Wiens nicht vorhandene und zu bauende Hochhäuser. Achleitner: Was in Wien an Hochhäu-
sern gebaut wird, ist im Vergleich zu den neuen, explodierenden Städten ein Zwergengarten. Die Donaucity ist ein liebenswürdiges Quartier, wo die Hochhäuser der Wiener Chefarchitekten miteinander „dischkarieren“. Wobei ich kein Gegner der Donaustadt bin, die noch Zeit braucht; eine Stadt wird nicht einfach geplant und entsteht auch nicht in zehn Jahren – da steht ein langer Weg bevor.
nicht funktioniert hat.
Weil die Monarchie am Stubenring schöner ist?
„Geht man heute in die Großfeldsiedlung, fragt man sich, was man eigentlich kritisiert hat“ Achleitner: Das ist so ein kleinbürger-
liches Vorurteil. Ich diskutiere auch dauernd mit Wolfgang Kos, dem Direktor vom Wien Museum, über den Standort seines Hauses. Ich sage ständig: „Gehts doch auf die Platte!“ Es gibt keinen besseren Platz, an dem sich das Museum besser ausbreiten könnte, wo alles untergebracht werden kann, was ein Museum braucht, und wo es einen Ausblick auf ganz Wien gibt, wenn ich schon ganz Wien ausgestellt habe. Geht man dorthin, symbolisiert man damit auch, dass das Museum etwas mit Zukunft zu tun hat und nicht nur mit Vergangenheit.
Zwei, vor allem symbolische Fragen, die im Wiener Wahlkampf aufgetaucht sind, vermutlich aber auch danach nicht ganz verschwinden werden. Was sagen Sie zum Bau von Minaretten? Achleitner: Das ist für mich überhaupt
kein Problem. Andernfalls müsste man ja auch die Zwiebeltürme auf den Kirchen in ganz Österreich verbieten – die kommen auch aus dem osmanischen und byzantinischen Raum. Wenn eine Religion bei uns in einem bestimmten Prozentsatz vorhanden ist, muss man mit diesen Zeichen leben. Eine andere Frage ist, dass das vom Lugner gebaute islamische Zentrum besser sein könnte – ein Architekt wurde nicht einmal gefragt. Eine Moschee wie sie Paolo Portoghesi in Rom gebaut hat, könnte ich mir schon vorstellen.
Was halten Sie vom Plan, das Lueger-Denkmal schief zu stellen, um auf die höchst zweifelhafte Ambiva-
lenz des Jahrhundertwende-Bürgermeisters und seinen Antisemitismus hinzuweisen? Achleitner: Ich bin nicht dafür, dass
man die Geschichte baulich korrigiert. Das Denkmal ist so, wie es ist. Es ist auch ein Zeitelement – man muss es nur interpretieren. Man muss wissen, was es ist, und diese Information muss zugänglich sein. Es schief zu stellen, ist unnötig wie ein Kropf.
Neben der langwierigen Arbeit an der „Österreichischen Architektur im 20. Jahrhundert“, die leider Niederösterreich nicht mehr erfasst hat, sind in den letzten Jahren nach längerem Schweigen etliche Bücher mit literarischen Texten erschienen. Was sind Ihre nächsten Pläne? Achleitner: Um einen Niederöster-
reich-Band, der mich sehr interessiert hätte, zu schreiben, müsste ich 60 sein! Ich möchte zwischendurch, um von der Architektur Abstand zu kriegen und von der Literatur Abstand zu halten, ein schnelles Buch über die Denkmäler des kürzlich verstorbenen Bogdan Bogdanowitsch machen.
Dessen Denkmäler waren eigentlich Grabmäler für die Toten des Zweiten Weltkriegs in Jugoslawien. Hat nicht Adolf Loss das Grab als Ursprung der Architektur bezeichnet? Achleitner: Ein Erdhügel, sechs Schuh
lang, pyramidenförmig aufgeschüttet – da weiß man, da ist ein Mensch begraben. Bogdanowitsch hat sich tatsächlich mit den Anfängen der Architektur beschäftigt. Das Archaische war die einzige Fluchtmöglichkeit aus dem sozialistischen Realismus, das sind Dinge, die jeder kapiert, aber politisch nicht deklariert sind. Bogdan war für mich insofern wichtig, als er die ganze westliche, ziemlich doktrinäre Moderne relativiert hat. Meine anderen Pläne … weil ich ein Wahnsinniger bin, habe ich mich überreden lassen, in Linz noch einmal meine Vorlesungen zu halten. Es geht um die Länder rund um Österreich, wovon die Hälfte zur Monarchie gehörte, um die Entwicklung der Moderne und die Konstruktion von Nationalarchitekturen. Also eine ziemlich spannende Sache.
Friedrich Achleitner: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert Wien, 19.–23. Bezirk Hg. vom Architekturzentrum Wien Residenz 2010 (alle drei Wien-Bände auch als Gesamtpaket)
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WISSENSCHAFTSPOLITIK Evolutionsbiologie
Per Zufall Weltmeister? VERENA AHNE
Bildung neuer Arten kommt oder welche Gene daran beteiligt sind, mit mathematischen Modellen dargestellt. Das ist ein wichtiges Feld: Denn die gewaltigen Datenmengen etwa der Genetik werden durch neue Sequenzier- und Analysemethoden in den nächsten Jahren regelrecht explodieren. Damit entsteht Material, das nicht nur verarbeitet, sondern in seiner Komplexität auch verstanden werden will.
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Der Beste der Welt Werkzeuge dafür liefert die Mathematik. „Hier stehen wir noch am Anfang“, meint Nick Barton, die „Nummer eins in der Evolutionsbiologie“ wie Kollegen über ihn sagen. Er ist Träger der nur alle 50 Jahre verliehenen Darwin-Wallace-Medaille und
Plötzlich passt alles zusammen Strategisch geplant war das nicht, meint Joachim Hermisson, Biomathematiker an der Uni Wien und den Max F. Perutz Laboratories. Eher eine Kombination günstiger Umstände: Wien ist mit der Verhaltensbiologie von Konrad Lorenz und Rupert Riedl oder mit Theoretikern wie dem Chemiker Peter Schuster –er hat sich mit Theorie und Modellbildung molekularer Evolution befasst – seit langem auf dem Feld Evolution verankert. Hinzu kam Glück: Der Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds WWTF wollte „etwas Interdisziplinäres anstoßen, das sich dann selbst trägt“. Im Jahr 2000 wurde von der Akademie der Wissenschaften das ambitionierte GregorMendel-Institut für molekulare Pflanzenbiologie gegründet. Das Institute for Science and Technology IST Austria in Klosterneuburg legt, seit der britische Evolutionsforscher Nick Barton dort tätig ist, einen Schwerpunkt auf die Evolutionsbiologie. All das hat zusammen mit den bereits bestehenden Angeboten in Wien ein besonders fruchtbares Biotop geschaffen, in dem sich nun immer mehr der Besten tummeln.
Vor einem Jahr, genau am 150. Jahrestag der Publikation von „On the Origin of Species“, fand der Auftakt von EvolVienna statt kam als erster Professor vor zwei Jahren ans IST. Bartons Wechsel von Edinburgh nach Wien trägt maßgeblich zur jetzigen Attraktivität des Standorts bei. „In theoretischer Evolutionsbiologie ist Wien international nicht mehr zu schlagen“, freut sich Hermisson. Das zeigen etwa die Anfragen von Topleuten aus Topuniversitäten wie Chicago, die sich als „Postdocs“ um eine Stelle in Wien bewerben – und dafür ihr eigenes Forschungsgeld gleich mitbringen. Hermisson wird seiner Brückenkopfposition nicht nur in der Theorie gerecht: Weil er so viele andere Forschungsgruppen in Wien in irgendeiner Form mit Evolution beschäftigt sah, ohne dass sie sich groß um die Arbeit der anderen gekümmert hätten, beschloss er, angewandte Vernetzung zu betreiben.
Mathematik für die Evolutionsforschung Etwa Joachim Hermisson. Der ausgebildete theoretische Physiker trägt seit drei Jahren zur vielbeschworenen Exzellenz bei. Der WWTF konnte ihn mit einer „Brückenprofessur“ aus München abwerben, die Mathematik und Biowissenschaften verbinden soll. Forschungsschwerpunkt des Deutschen ist mathematische Populationsgenetik. Hier werden die klassischen Fragestellungen der Evolution, etwa, unter welchen Bedingungen es zur
Das Netzwerk: EvolVienna
Nick Barton gilt als Nummer eins der Evolutionsforschung. Sylvia Kremer ist neu am IST
Vor einem Jahr, genau am 150. Jahrestag der Publikation von „On the Origin of Species“, fand die Auftaktveranstaltung von EvolVienna statt, das erste der seither halbjährlich durchgeführten Treffen der Wiener EvolutionsBewegten. Auf www.univie.ac.at/
evolvienna werden die verschiedenen Forschungsschwerpunkte der Evolutionsbiologie in Wien dargestellt, Lehre und Lernende zusammengebracht, und die öffentliche Wahrnehmung von Wien als Hotspot der Disziplin soll verbessert werden. Derzeit listet EvolVienna nicht weniger als 54 Personen mit Forschungsgruppen an den Universitäten für Bodenkultur, Medizin, Veterinärmedizin und der Universität Wien, an den beiden Konrad-Lorenz-Instituten am Wilhelminenberg und in Altenberg, am Gregor-Mendel-Institut, den Max F. Perutz Laboratories, dem Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse IIASA in Laxenburg, dem Naturhistorischen Museum und dem IST. Fast die Hälfte der Forscherinnen und Forscher ist erst in den letzten fünf Jahren zugezogen, meist für neugeschaffene Stellen.
Über Unigrenzen hinweg Das Arbeitsspektrum der Institutionen könnte umfangreicher nicht sein: Es gibt die klassische Feldarbeit etwa an der Boku, der Vetmed oder den Konrad-Lorenz-Instituten, die Lebewesen von klein bis groß erfasst, Entstehung und Veränderung der Arten beobachtet und Abstammungslinien erstellt. Im Labor helfen Modellorganismen wie Fruchtfliegen bei Christian Schlötterer an der Boku, Wiesenschaumkraut bei Magnus Nordborg (der Leiter des Gregor-Mendel-Instituts verfügt über eines der größten Datensets der Welt) oder Ameisenstaaten von Sylvia Kremer am IST dabei, verschiedene evolutionäre Vorgänge zu verstehen. Es gibt praktische Arbeiten zur Evolution des Nervensystems, zu Bewusstsein, Sprache und Musik sowie theoretische Arbeit wie die von Hermisson und Barton. Und keine Revierkämpfe? „Wir brauchen einander – alle“, sagt Hermisson. „Ohne das vorhandene Umfeld – und damit meine ich nicht nur die zweifellos attraktive Stadt und einen gutdotierten Posten – wären ein Nick Barton oder ein Magnus Nordborg nie nach Wien gekommen. Das muss wirklich allen klar sein. Und von den neuen Institutionen wiederum können die alteingesessenen profitieren.“ Indem sie miteinander kooperieren, das Beste auswählen, sich gemeinsam entwickeln. Das ist kein Zufall. Sondern Evolution.
F O TO S: B U B U DU J M I C / I. S.T. AU S T R I A
ahr eins nach dem Darwin-Jubiliäumsrausch, und wir sollen uns schon wieder mit Evolutionsbiologie beschäftigen? Ja, das sollten wir, eindeutig. Denn Wien ist, kaum beachtet von einer breiteren Öffentlichkeit, innerhalb weniger Jahre zu einem der Epizentren dieser Disziplin geworden. Epizentrum – will heißen Weltspitze. Inzwischen tummeln sich so viele Forscher von Weltgeltung in der Stadt und ihrem Umfeld, dass selbst Chicago und Edinburgh bewundernd von Vienna sprechen.
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Kommentar
Brief aus Brüssel CHRISTIAN BRE T TER
atonge, so heißt ein Viertel in Brüssel. Ein Viertel mit diesem Namen gibt es auch in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Dies ist kein Zufall. Zu Ende des 19. Jahrhunderts war der Kongo Privatbesitz von Leopold, König von Belgien – und über 76-mal so groß wie Belgien. Details darüber beschreibt der 1857 in Polen geborene englische Schriftsteller Joseph Conrad in „Heart of Darkness“. Das Buch diente Francis Ford Coppola auch als Vorlage für seinen Film „Apocalypse Now“. Heute grenzen das mit der rücksichtslosen Geschmacklosigkeit von 1980 errichtete Europäische Parlament und sein Verwaltungsbezirk an das heruntergekommene, von Afrikanern bewohnte Viertel Matonge. Die glasklar geputzten Scheiben der Europäischen Union stehen in Kontrast zu den bunten Stoffen der Afrikanerinnen und der abblätternden Fassaden ihrer alten Häuser. Ein Kontrast, der wenig Versöhnliches an sich hat. Auch wenn die Buntheit der Stoffe, die übrigens aus Holland kommen, etwas von romantischer Ursprünglichkeit vermitteln mag, hält dieser Schein keinem genaueren Blick stand. Besucht man das alljährlich stattfindende Fest in Matonge – es stellt sich auf Plakaten als ein buntes, fröhliches Zusammensein dar –, wird einem nach ein paar Schritten durch das Viertel entgegen jeglicher guten Absicht jämmerlich übel. Die mit Markständen vollgestopften Straßen sind flächendeckend übersät mit billigem Plastikschrott aus China. Um der schönen Idee des Shoppingcity-Flairs noch näher zu kommen, gibt es an allen Ecken Lautsprecher, aus denen MTV-Rap rülpst. Selbst dem größten Kulturoptimisten fällt es angesichts eines solch wunderbar angerichteten Eintopfs von europäischen, chinesischen und afrikanischen Zutaten schwer, ein Lächeln zu bewahren. Leicht gerät es zu einer zynischen Fratze. Der Polizist mit dunkler Haut und Rasterzöpfen, der mein Auto abschleppen wollte, sich dann aber doch noch ohne irgendeinen Zettel zu schreiben davon abhalten lies, zeigte mir wieder einmal das Brüssel mit seinem unglaublich vielschichtigen und sympathischen Gesicht. Und dies in einer wohltuenden Selbstverständlichkeit. Hier und jetzt und nicht in der romantischen Vorstellung einer Vergangenheit. Keine Spur von Ethnokitsch und händchenhaltender Folklore.
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Die Vorsitzenden der ÖH Namen namen namene zeigen sich enttäuscht vom Hochschuldialog
Hochschuldialog
Viel Geld für nichts? ALE X ANDR A AURELIA NEME TH
er „Dialog Hochschulpartnerschaft“ ist eine institutionalisierte Diskussionsplattform, in der „vieles schiefging“, wie Kritiker sagen. Eingeleitet wurde der Dialog von Exwissenschaftsminister Johannes Hahn im November 2009, unter dem Druck der Studierendenproteste. „Die Politik war in den Hochschuldialog von Anfang an integriert. Für sie bestand die Möglichkeit, mit den Vertretern des tertiären Sektors zu diskutieren. Das hat sie eindeutig verabsäumt“, behaupten die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) und weitere Kritiker. Es gibt aber auch hoffnungsvollere Stimmen. „Die Ergebnisse des Hochschuldialogs sind zwar dürftig, aber einige Punkte sind positiv hervorzuheben. Wie etwa das Bekenntnis, zwei Prozent des BIP für den tertiären Bildungsbereich bereitzustellen“, sagt Rektor Hans Sünkel, Präsident der Österreichischen Universitätenkonferenz Uniko. Die Uniko hat sich, gemeinsam mit der ÖH, kurz vor Abschluss der Gespräche vom Dialog zurückgezogen. Die Gespräche seien nur „Geschwätz“ und eine „Hinhaltetaktik“ des Ministeriums gewesen. Und dennoch sieht selbst die ÖH die „breitere Finanzierung des Projekts Studienund MaturantInnenberatung“ durch
FOTO: ÖH
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das Ministerium positiv. Wissenschaftsministerin Beatrix Karl hält den Dialog für „erfolgreich“. „Erstmals in Österreich ist es gelungen, Vertreter aus allen Bereichen des Hochschulsystems an einen Tisch zu holen.“ Ein Anliegen der Ministerin: „Wir brauchen ab 2013 mindestens 250 Millionen Euro mehr für Universitäten pro Jahr.“ Auch will sie „konkrete Maßnahmen zur Ausweitung der Studienwahlberatung setzen und den Ausbau der Fachhochschulen vorantreiben“.
Teilnehmer. Angespeist Zu Beginn des Dialogs war von vier Dutzend Interessenvertretern an einem Tisch die Rede. Der Endbericht des Dialogs Hochschulpartnerschaft gibt etwa 40 Organisationen und Personengruppen als Teilnehmer an. Beispielsweise die Bundesarbeiterkammer, das Bundesministerium für
„250.000 Euro für 45 Seiten Papier mit Empfehlungen, die zu 95 Prozent aus Allgemeinplätzen bestehen, sprechen für sich“
Unterricht, Kunst und Kultur, die Industriellenvereinigung und zahlreiche Parteien.
Umverteilung. Gelungen Fast eine Viertelmillion Euro hat das Wissenschaftsministerium für den Dialog Hochschulpartnerschaft ausgegeben. Der mit 146.296 Euro größte Brocken an den Gesamtausgaben von 247.341 Euro fiel für Konzeption, Begleitung und Moderation der fünf Arbeitsgruppen mit ihren über 250 Teilnehmern an. Der zweitgrößte Posten war Technik und Ausstattung bzw. Mieten von insgesamt 44.669 Euro. Knappe 30.000 Euro flossen in Zeitungsinserate, in denen der über acht Monate laufende Prozess beworben wurde. Für inhaltlichen Input und Expertisen wurden 23.152 Euro ausgegeben. Also ein Zehntel des Gesamtbetrags. Für die Sicherheit – besonders zum Höhepunkt der Studentenproteste – 5688 Euro. Das Ergebnis der Ausgaben von einer Viertelmillion Euro betrachtet Rektor Sünkel mit Skepsis: „250.000 Euro für 45 Seiten Papier mit Empfehlungen, die zu 95 Prozent aus Allgemeinplätzen bestehen, sprechen für sich. Gleichzeitig bedeutet die knappe Viertelmillion weniger für die Ausstattung der Hochschulen.“
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Gedicht Ferdinand Schmatz (Jg. 1953), lebt als freier Schriftsteller in Wien. Lehrbeauftragter an der Universität für angewandte Kunst. Verfasser von Gedichten, Essays und Prosa. Zuletzt erschienen „Durchleutung. Ein wilder Roman aus Danja und Franz“ (2007) und „quellen. Gedichte“ (2010). Das Gedicht stammt aus letzterem Band
FERDINAND SCHMAT Z
Was am Ende bleibt
reichs brücke, arm
Der Krötenküsser
pfeiler wanken der platte bruch aus riss oder fuge dröhnt ein sturz konzert aus eisen stiften wasser holz
ERICH KLEIN
stolz das reich weicht nun dem fuss oder ist es ein bus im nass still ist es alles schwimmt noch mit wir auch sind mitwimmernde noch im schlaf satt jeder furt und so ist sie an unsrer stelle nichts wie fort
ER ICH K LEIN
aus: quellen, Gedichte Haymon (Innsbruck, Wien 2010)
Rätsel von Gaja 1
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Waagrecht:
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1 In ihm ruht die akkumulierte Kraft 6 Als K.I.T.T.-Boost eine Hasselhoffnung 7 Kurz & förmlich: Die Aufforderung richtet sich an geladene Gäste ebenso wie an Rätsellöser 9 Wo Wasserkraft ziemlich ursprünglich wirkt 11 Kartenableger treiben damit ein Doppelspiel 12 Wer das hört, wird oft angestiert 13 Lässt sich mit Preisen vergleichen 15 Kroatische Insel in Arabien? 17 Rubik’s Handheld 18 In Deutschland auf Schiene gebracht, in England eine Verkehrsgefahr 19 Die Lebensenergie steht im Land der Mitte am Anfang 20 Meist Maß aller Dinge 22 TU-Vorfeldorganisation 24 Die brauchen Nerven 26 Döbling gspritzt
5 6
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1 2 3 4 5 8 10 14 16 18 21 23 25
Kann man die eigentlich auch kilowattstunden lassen? Der Bär ist seit 1926 los Lokal für den Regenerationsabend? Nur so hat Energie Zukunft Da ist Columbo leicht verwirrt: Sein Name steht für elektrische Ladung So ist das Ergebnis bei Umfragen im Feenreich Glatte Fische In dem des Bibers steckt ein solcher Meister Das tut, wer den Nagel auf den Kopf trifft Ihre Bruchstücke lassen sich unterm Strich auf einen Nenner bringen Alter ego Konjunktion für Alternative Zapfsäulenzahl Lennon trug’s kurz vor der Brille
Lösungswort: Lösungswort:
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Auflösung aus Falter HEUREKA 3/2010. Waagrecht: 1 ARCADE, 6 NINTENDO, 8 ZEN, 9 ENERGIE, 11 LID, 12 PH, 14 IOC, 15 ISO, 16 NAHKAMPF, 19 AU, 20 JOYSTICK, 23 OPTIONEN, 24 INDIANER, 27 ARTHUR Senkrecht: 1 ANGELINA JOLIE, 2 RIEN, 3 ATARI, 4 ENZI, 5 VON, 7 DEEP SPACE, 10 ELCH, 13 HOF, 17 KASIMIR, 18 AUTOMAT, 21 OPEN, 22 KNURR, 25 DA, 26 EU Lösungsworte: GAMEOVER
Den Fall des Wiener Biologen Paul Kammerer griff Athur Koestler als einen der großen Wissenschaftsskandale des frühen 20. Jahrhunderts auf. Kammerer, 1880 als Sohn eines Fabrikanten in Wien geboren, begeistert sich früh für Geckos und Salamander. Mitarbeiter der Biologischen Versuchsanstalt im Wiener Prater attestieren ihm später: „Kammerer verstand es, Amphibien unter künstlich veränderten Umweltbedingungen zu züchten wie keiner vor und nach ihm.“ Trotz zahlreicher Publikationen bekam der 1911 habilitierte „Halbjude“ Kammerer keine Professur: Wiener Wissenschaft war schon partiell antisemitisch. Außerdem erschien der Musikliebhaber für den akademischen Betrieb etwas zu extravagant: „Wenn ich von einem Sessel aufstand, kniete er nieder und beroch und streichelte den Sesselplatz, auf dem ich gesessen war“, erinnerte sich Alma Mahler, Kammerers zeitweilige Assistentin und Geliebte. Seine Forschung stand im Widerspruch zum Darwinismus. Die sich eigentlich nur an Land paarende Geburtshelferkröte tat dies in Kammerers Experiment auch im Wasser: Um sich am Rücken der Weibchen festzuklammern, bildeten die Männchen sogenannte Brunftschwielen aus und vererbten sie weiter. Der folgende Wissenschaftsdisput war von Sensationsgier begleitet. Der Londoner Daily Express über einen Vortrag des Wiener Lamarckisten: „Großartige Entdeckung der Wissenschaft – Augenlosen Tieren wachsen Augen – Wissenschaftler behauptet, Übertragung guter Eigenschaften entdeckt zu haben / Genie vererbbar / Umgestaltung der Menschheit!“ Dass Kammerer die Ergebnisse seiner Geburtshelferkrötenexperimente fingierte und seine Präparate manipulierte, ist heute Commonsense. Geheimnisumwittert blieb hingegen sein Ende: Anders als im Westen war in der frühen Sowjetunion die offizielle Wissenschaft auf die Parteilinie Lamarck’scher Evolutionstheorie eingeschworen. Das großzügige Angebot an Kammerer, in Moskau ein Forschungsinstitut einzurichten, lehnte er im letzten Moment ab. Am 22. September 1926 erschoß er sich auf rätselhafte Weise – er hielt mit der Rechten einen Revolver hinter das linke Ohr und drückte ab. Arthur Koestler: Der Krötenküsser. Der Fall des Biologen Paul Kammerer Aus dem Englischen von Krista Schmidt, Czernin (Wien 2010), Bibliothek der Erinnerung Band XII
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