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HEUREKA 4/19

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HEUREKA #42019

ZEICHNUNG: LORENZ, 7 JAHRE

Österreichische Post AG, WZ 02Z033405 W, Falter Zeitschriften GesmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien

D A S W I S S E N S C H A F T S M A G A Z I N A U S D E M F A LT E R V E R L A G

Klimakrise

Ihre Gewinner und Verlierer in Österreich

Politisierendes Klima Die Klimakrise führt zu neuen politischen Gruppierungen und Strategien Seite 12

Der Borkenkäfer, ein Sieger Bei uns bilden Fichten 68 Prozent des Waldes. Sie sind die Leibspeise des Buchdruckers Seite 16

Wer in der Krise gut verdient Einige Beispiele dafür, wie man aus der Klimakrise auch Profit schlagen kann Seite 20


GUT FÜR DICH UND MICH Wie Bio diversit ät unsere Gesundheit förder t und welche p ositiven Folgen sie für unsere Umwelt hat . 112 Seiten, €16,90

falters hop .at | 01/536 60 -9 28 | In Ihrer B u chhand lung

BIO UND GESUND


IN TRO D U K TIO N   :   H EU R EKA4/19   FALTER 43/19  3

CHRISTIAN ZILLNER

A U S D E M I N H A LT

:   E D I TO R I A L

Apokalypso Es wird grüner, wärmer, und wir fetter  Seite 8 Der IPCC-Sonderbericht zu Klimawandel und Landsystemen kommt zu einigen überraschenden Einsichten und Empfehlungen

FOTO: MARTIN VANDORY ZEICHNUNG: ROBERT, KASIA, HAYET

Kopf im Bild  Seite 4 Molekularbiologe Jerome ­Mertens stellt „alte Nervenzellen“ her, und zwar ohne den Umweg über Stammzellen

Und wie geht’s den Bienen?  Seite 15

Wie es um die Gesundheit der Tierchen angesichts der sich ver­ändernden Umweltbedingungen bestellt ist

Borkenkäfer in der Rammelkammer  Seite 16

Klimawandel im Museum  Seite 18 Das Naturhistorische Museum in Wien verfügt über eines der größten Herbarien der Welt

Fichten sind die Leibspeise der Borkenkäfer. In Österreich machen Fichten 68 Prozent des Waldes aus

Glossar und Bücher zum Thema  Seite 22

Bücher mit allem zum Klimawandel, auch mit Anleitungen, was man selbst tun kann

Zahlen zum Thema Klimakrise  Seite 10 Acht ausgesuchte Zahlen zu verschiedenen Aspekten des Klimawandels

Gedicht und Kommentar  Seite 23

In der Kolumne „Was am Ende bleibt“ gibt Erich Klein seiner Verehrung für die Literatur von Peter Handke Ausdruck

Wer durch die Klimakrise gut verdient  Seite 20 Einige Branchen ziehen ­Profite aus den Folgen der Erderwärmung

Der eine sagt „Apokalypse“ und meint den Untergang. Der andere versteht das Wort als „Offenbarung“. Der eine sieht in der Apokalypse ein moralisches Versagen, der andere die Chance, neue Technologien oder gesellschaftliche Strukturen einzuführen. So ist es auch mit dem Klimawandel oder der Klimakrise. Die Demonstranten der Freitagsbewegung, ein Korrektiv zum gemeinen Robinson Crusoe auf unserer kosmischen Insel Erde, beklagen das moralische Versagen ihrer Elterngeneration angesichts der globalen Erwärmung. Einige von ihnen nutzen es, um Anliegen wie den Verzicht auf das Essen von Tieren moralisch durchzusetzen. Die anderen erhoffen sich vom Klimawandel den Durchbruch neuer Technologien, besonders in der Energieproduktion und im Verkehr. Und die sogenannten „Leugner des Klimawandels“ wollen einfach, dass es so bleibt wie bisher. Die Klimakrise ist für alle eine Chance, ihre Ziele einzufordern und in die Praxis umzusetzen. Natürlich spießt es sich wie immer an den Zielen. Da sie menschlich sind, laufen sie einander zuwider. Für diesen Fall wurde die Politik erfunden. Ihre Kunst besteht darin, dafür zu sorgen, dass keiner seine Ziele durchsetzen kann. Da die Welt ständig untergeht, ist das eine nervenaufreibende Aufgabe.

:   G A ST KO M M E N TA R

Kann man den Klimaschutz in Österreich einklagen? REINHARD SCHANDA

FOTO: BENEDIKT LOEBELL

Gerichte genießen einen Vorzug, den die Politik nicht hat: Sie können auch unpopuläre Entscheidungen treffen. Sie können auch, wie etwa die Rechtsprechung des VfGH zur gleichgeschlechtlichen Ehe zeigt, dem Gesetzgeber vorausgehen. Daher ruht auf ihnen Hoffnung für den Klimaschutz. Idee jeder Klimaklage ist es, die Verantwortungsträger in die Pflicht zu nehmen: die Träger von Verantwortung für den verursachten Klimawandel oder die Träger von Verantwortung zur Hintanhaltung von weiterem Klimawandel. Das können Unternehmen sein, die durch Verbrennung von Brennstoffen Treibhausgase freisetzen, oder Produzenten solcher Brennstoffe, oder Produzenten von Geräten zu ihrer Nutzung. Aber auch Staaten, weil sie

diese Aktivitäten auf ihrem Territorium nicht verhindert haben oder nicht verhindern. Allerdings ist schon der Zugang zu den Gerichten schwierig. So setzt ein Individualantrag an den VfGH zur Prüfung von Gesetzes- oder Verordnungsbestimmungen voraus, dass der Antragsteller Adressat der angefochtenen Bestimmung ist. Anträge von Privatpersonen auf Aufhebung von klimaschädlichen Gesetzesbestimmungen (wie etwa der Befreiung von der Mineralölsteuer für

Kerosin) dürften an dieser Hürde scheitern. Die ordentliche Gerichtsbarkeit besteht nur für bürgerliche Rechtssachen. Daher können ordentliche Gerichte dem Staat kein Tun oder Unterlassen auftragen.

Ansprüche gegen den Staat setzen also nicht nur ein verletztes Recht (etwa ein Grundrecht) voraus, sondern auch einen prozessualen Weg zur Entscheidungsinstanz. Hier könnte sich nach dem Vorbild des Luftreinhalterechts der Umweg über Verwaltungsbehörden zu VfGH und VwGH anbieten: Vom Klimawandel Reinhard ­Schanda, Betroffene könnten die Erlassung einer Verordnung mit bestimmtem Rechtsanwalt in Wien. Die Langver- Inhalt beantragen. Ein diesen Ansion seiner Analyse trag abweisendender Bescheid könnerscheint im Dete im Rechtsweg bekämpft werden. zember in der Fach- Notwendig sind dafür eine passende zeitschrift ZTR Verordnungsermächtigung im Gesetz

(wie in Paragraf 69 GewO) einerseits und andererseits die begründete Herleitung eines subjektiven Rechts auf Erlassung einer solchen Verordnung. Ansprüche gegen Unternehmen werden auf den Einwand treffen: Was wir getan haben, war erlaubt, war nicht rechtswidrig. Interessant sind also Anspruchsgrundlagen, die keine Rechtswidrigkeit voraussetzen. Das ABGB kennt (in § 364a) einen verschuldensunabhängigen Ausgleichsanspruch gegenüber Immissionen aus einer genehmigten nachbarlichen Betriebsanlage. Bei THGEmissionen, wo jede Emission jeden betrifft, also jeder jedermanns Nachbar ist, erscheint es denkbar, diese Regel auch analog auf Entschädigungsansprüche gegen Treibhausgas-Emittenten anzuwenden.


4 FALTER  43/19  H EUR EKA  4/19 :  P ERSÖNLIC H K E ITE N

:  KO P F I M B I L D

Alte Gehirnzellen Warum befallen Demenzkrankheiten wie Alzheimer meist alte Gehirne? Labormäuse, an denen man die daran beteiligten krankhaften Veränderungen untersucht, leben nicht lange. „Darum ist jede Vorhersage des Zusammenhangs zwischen Altern und der Erkrankung bei Menschen begrenzt, obwohl Tiermodelle enorm wichtig für die Forschung sind“, sagt der 35-jährige Molekularbiologe Jerome Mertens. Auch Kulturen von Nervenzellen, aus künstlich erzeugten Stammzellen von Spender-Hautzellen gezüchtet, seien für Versuche „zu jung“: Die Labor-Stammzellen gleichen jenen von Embryos. Mertens leitet das Neural-Aging-Labor an der Universität Innsbruck. In der Forschung zur Gehirnalterung und molekularen Zellbiologie von Alzheimer geht er neue Wege: Für seine Experimente stellt er „alte Nervenzellen“ ohne den Umweg über Stammzellen her. Dafür erhielt er einen hochdotierten Starting Grant des Europäischen Forschungsrats. „Wir hoffen, dass wir nun durch grundlegende neue Einblicke auch neue medizinische Ansätze zeigen können.“ TEXT: USCHI SORZ FOTO: MARTIN VANDORY

Wie können Bildungsprozesse möglichst effektiv gestaltet werden? Damit befassen sich diese drei Doktoranden an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt Julia Stopper, 27 Wie es sich anfühlt, Studium und Berufstätigkeit zu vereinen, weiß die Universitätsassistentin gut. Während sie am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung ihren Bachelor und Master absolviert hat, arbeitete sie auch als Berufsorientierungstrainerin. Dabei coachte sie vorwiegend Frauen, die nach längerem Beschäftigungsverhältnis ein Hochschulstudium beginnen wollten. „Viele Studierende müssen arbeiten. Betrachtet man die aktuellen Zahlen der Studierenden-Sozialerhebung, ist das der Normalfall.“ Für ihre Dissertation untersucht sie nun, wie optimale Lernumgebungen für berufstätige Studierende aussehen könnten und inwieweit sich durch deren Berufserfahrung auch für die Hochschulen Chancen ergeben könnten. „Ich möchte die spezielle Situation dieser Lernenden sichtbar machen und verbessern.“

Jasmin Donlic, 29 Beim Thema Migrationshintergrund lesen wir viel von Parallelgesellschaften und Zerrissenheit“, meint der gebürtige Bosnier. „Im Gegensatz dazu sehe ich die Ressourcen und die Vielfalt, die ein solches Leben mit sich bringt: Ich bin nicht ,entweder-oder‘, sondern ,sowohl-als-auch‘.“ Vor diesem Hintergrund untersucht der Doktorand im Fach Pädagogik den Identitätsbildungsprozess junger Menschen aus der bosnisch-muslimischen Gesellschaft im Alpen-Adria-Raum und die Zusammenhänge mit deren Bildungszugängen, Lebensstilen, Wertevorstellungen, sozioökonomischen Bedingungen und gesellschaftlicher Teilhabe. „Obwohl ich neben Pädagogik auch BWL studiert habe, wollte ich immer schon im Pädagogikbereich forschen“, so der Universitätsassistent am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung.

Stefan Pasterk, 36 Der Klagenfurter hat Informatik studiert und danach ein Lehramtsstudium für Informatik und Mathematik absolviert. Jetzt erforscht er am Institut für Informatikdidaktik, wie man Kindergarten- und Volksschulkindern erfolgreich Informatikkenntnisse vermittelt. „In Österreich gibt es noch keinen einschlägigen Lehrplan für diese Bildungsstufen“, erklärt er. „Daher beobachte ich, wie andere Länder das Thema angehen.“ Welche Inhalte gibt es? Was sollen die Kleinen innerhalb einer gewissen Zeit können? Welches Konzept ist ab welchem Alter verständlich? „Da das Fach vergleichsweise jung ist, gibt es viele Ansatzmöglichkeiten.“ Pasterk entwickelt auch ein konkretes Kindergartenprojekt. „Als Student habe ich Kletterkurse gegeben. Schon damals fand ich es reizvoll, einen guten Weg zu finden, um anderen etwas beizubringen.“

FOTOS: WALTER ELSNER I PHOTO RICCIO, UNI KLAGENFURT, PRIVAT

:   J U N G FO RS C H E R I N N E N   USCHI SORZ


KO M M E N TA R E  :   H EU R E KA 4/19   FALTER 43/19  5

EMILY WALTON

MARTIN HAIDINGER

FLORIAN FREISTETTER

Klimaziele

Der Guru der Gewinner

Jetzt, jetzt!

Umweltpolitik ist ein Thema für die Öko-Nische, mit der sich keine Wahl gewinnen lässt? Das mag einmal gestimmt haben, doch diese Zeiten scheinen vorbei. „It’s the Klimawandel, stupid!“ Zumindest in Europa, zumindest auf europäischer Ebene. Laut einer ­Nachwahlanalyse des EU-Parlaments war der Klimawandel neben der Wirtschaftsentwicklung (das Clintonsche „It’s the economy, stupid!“ gilt also noch immer) der wichtigste Beweggrund, um bei der Europa-Wahl im Mai seine Stimme abzugeben. In Österreich gingen 49 Prozent für den Klimaschutz wählen, in sieben anderen EU-Ländern noch mehr: In Dänemark und Schweden war der Klimaschutz für 70 bzw. 68 Prozent der Wählenden Hauptmotiv für ihre Abstimmung. Neben dem allgemein wachsenden Bewusstsein für die Bedeutung des Klimathemas dürfte dabei wohl auch bei vielen Menschen der Gedanke eine Rolle gespielt haben, dass es gerade bei diesem Thema besonders sinnvoll wäre, als EU gemeinsame Maßnahmen zu setzen. Große, konzertierte Schritte statt 28 (bald 27) Einzelbemühungen. Denn bei Einzelbemühungen besteht die Gefahr, sich aus wirtschaftlichen Gründen doch eher zurückzuhalten und erst einmal abzuwarten, was die Nachbarn zu tun gedenken. In Brüssel sieht man das schon länger so: Große Themen gemeinsam regeln, kleine Probleme den Staaten überlassen. Das hat der scheidende EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker seit seinem Amtsantritt im Jahr 2014 unermüdlich gepredigt. Was ein Anstoß aus Brüssel bewirken kann, hat man in der jüngeren Vergangenheit bei den Plastiksackerln gesehen: Der europäischen Debatte und dem Drängen aus Brüssel auf ein Aus für kostenlose Plastiksackerl folgte mancherorts ein Umdenken bei Politik, Handel und Konsumenten. Österreich hat Ende 2018 sogar eine Novelle beschlossen, die die neuen EU-Richtlinien zum Teil übererfüllt. Der große Wurf ist bislang ausgeblieben: Das zeigen die aktuellen EU-Klimaziele. Da hat man sich zwar gemeinsam Großes verordnet, die Umsetzung bleibt jedoch jedem Land selbst überlassen. Was die Staaten bislang vorgelegt haben, dürfte bei Weitem nicht reichen, um dem Pariser Klimaabkommen gerecht zu werden. Vielleicht hilft es für die nächsten Jahre, dass viele Wähler mittlerweile ihre Aufmerksamkeit darauf legen?

Je verrückter die Zeiten werden, desto eifriger sollte man in Grundlagenwerken schmökern. Die klugen Klassiker kundiger Kapazunder geben Halt in der Gegenwart und bringen Licht in die zappendustere Finsternis allgegenwärtigen Aberglaubens. Etwa „Propaganda“ von Edward Bernays. Der Autor (geboren 1891 in Wien, gestorben 1995 in New York) brachte diese fundamentale Programmschrift moderner PR 1928 heraus. Sie schaffte es bis in die Bibliothek des NaziPropagandaministers Joseph Goebbels. Getreu seinem Vorbild Gustave Le Bon („Psychologie der Massen“) stellt Bernays fest, „dass eine Gruppe nicht im eigentlichen Sinn des Wortes ‚denkt‘. Anstelle von Gedanken stehen bei der Gruppe Impulse, Gewohnheiten und Gefühle. Um zu einer Entscheidung zu gelangen, neigt sie gewöhnlich als Erstes dazu, dem Vorbild eines Führers zu folgen, dem sie vertraut.“ Mit oder ohne Führer „greift [die Herde] zurück auf Klischees, Schlagworte oder Bilder, die für ein ganzes Bündel von Ideen und Erfahrungen stehen.“ 1212 rief der zwölfjährige Knabe „Stephan, der Hirte“ in Frankreich zum Kinderkreuzzug auf und berief sich dabei auf die Bibel: Das Meer werde sich teilen und sie trockenen Fußes nach Jerusalem gelangen. Auch wenn Stephan behauptet hätte, CO2 mit bloßem Auge sehen

:  B R I E F AU S B RÜ SS E L

:  H O RT D E R W I SS E N S C H A F T

: FREIBRIEF

zu können, hätten ihm die 30.000 Kinder und die beteiligten Kleriker wohl auch geglaubt. Für Bernays Buch war Stephan zu früh geboren worden. Seinem trickreichen Autor sollte es in seinem 104-jährigen Leben gelingen, mit einem Propagandafeldzug in den USA das Zigarettenrauchen zunächst populär zu machen, um Jahrzehnte danach die Anti-Raucherkampagne zu erfinden. Bernays hatte mit den Methoden seiner „psychologischen Kriegsführung“ durchschlagenden Erfolg. Hingegen sind Stephans Gefolgsleute 750 Jahre zuvor wahrscheinlich im Mittelmeer ertrunken oder auf dem Sklavenmarkt in Bagdad gelandet. Genau ließ sich ihr Schicksal nie in Erfahrung bringen. Edward Bernays starb als reicher Mann. In seinem Buch schrieb er: „Kleine Gruppen können dafür sorgen, dass wir ihren Standpunkt zu jedem beliebigen Thema übernehmen.“ Werbende Liebesworte, aber auch Hassrede und Verzerrung helfen dabei ebenso, die gewünschte Wirkung auf die Herde zu erzielen, wie flankierende Mahnungen priesterlicher Experten, die absolute Wahrheiten dekretieren und keine Diskussion mehr zulassen. Gewiss, die Wasser werden sich teilen! Und wer es nicht glaubt, ist ein Ketzer! Globale PR-Unternehmer der Gegenwart haben ihren Bernays sicherlich gelesen.

ZEICHNUNG (AUSSCHNITT)

:   F I N K E N S C H L AG   HANDGREIFLICHES VON TONE FINK TONEFINK.AT

Schön, dass sich jetzt auch die Politik überlegt, wie man der Klimakatastrophe begegnen kann. Das ist allerdings eine Fleißaufgabe. Denn die Sache ist längst geklärt. Das Phänomen der vom Menschen verursachten Erwärmung der Erde ist der Wissenschaft seit Jahrzehnten bekannt. Wir kennen die Ursachen. Wir kennen die Auswirkungen. Und wir wissen auch, was wir dagegen tun müssen, nämlich dafür zu sorgen, dass weniger Treibhausgase in die Atmosphäre entlassen werden als jetzt. Wir kennen ihre Quellen: Energie, Verkehr, Lebensmittelproduktion etc. Es existieren auch Technologien und Maßnahmen, die den CO2-Ausstoß in diesen Bereichen senken könnten. Wir wissen, was zu tun ist. Aber wir tun es nicht. Wir warten immer noch auf ein Wundermittel, das die Probleme löst, ohne dass wir etwas verändern müssen. Das gilt ganz besonders für Politikerinnen und Politiker, die den Klimawandel nicht mehr ignorieren können, aber auch nichts tun wollen, das den Menschen missfallen könnte. So verlagern sie die Problemlösung in die Zukunft. Die einen wollen zur „Wasserstoffnation“ werden, andere versprechen saubere Energie aus Kernfusionskraftwerken. Freilich sind diese Technologien weit davon entfernt, gegenwärtig einen relevanten Beitrag zur CO2-Reduktion leisten zu können. In der Zukunft jedoch ist es zu spät. Der Klimawandel ist jetzt ein Problem. Wir müssen mit der Lösung daher jetzt beginnen. Die einzigen, die sich derzeit mit der nötigen Konsequenz für sofortige Maßnahmen einsetzen, sind momentan nicht wahlberechtigt: die Jugendlichen von „Fridays for future“. Immerhin erzeugen sie Druck – und der ist nötig. „Jetzt“ mag ein unangenehmer Zeitpunkt für Politikerinnen und Politiker sein, da sie bei Maßnahmen in der Gegenwart auch die späteren Konsequenzen tragen müssen. Aber wenn wir jetzt nichts unternehmen, wird es später einfach nur umso schlimmer. Der Klimaschutz wird uns alle etwas kosten. Aber aus Angst davor nun gar nichts oder zu wenig zu tun, wird auf jeden Fall noch kostspieliger werden. Denn es ist wohl klar: Lange werden wir die Lösung unserer Probleme nicht mehr der Zukunft aufbürden können. MEHR VON FLORIAN FREISTETTER: HTTP://SCIENCEBLOGS.DE/ ASTRODICTICUM-SIMPLEX


6 FALTER  43/19  H EUR EKA  4/19 :  NAC H R I C H TE N

Seiten 6 bis 9 Wie Wissenschaft in ­unsere ­alltäglichen Lebensumstände eingreift und sie verändert

: MEDIZIN

Früher Sonnen­brand, späte Reue Wie man sich vor Spätfolgen der UV-Strahlung schützt DIETER HÖNIG

Das Risiko, dem man sonnenentwöhnte Haut aussetzt, wird von vielen unterschätzt. Beim Baden am Meer ist besondere Vorsicht geboten: „Oberflächen wie Wasser oder Sand reflektieren das Sonnenlicht und verstärken damit die UV-Strahlung um bis zu 85 Prozent, also fast ums Doppelte“, warnt der Vorarlberger Hautarzt Gerald Rehor, der in Vaduz eine Hautpraxis betreibt. Erwiesen ist: Je intensiver die UVStrahlung, der man in jungen Jahren ausgesetzt war und je mehr Muttermale die Haut aufweist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, in späteren Jahren an schwarzem oder weißem Hautkrebs zu erkranken. „Da aber heller Hautkrebs seltener zu Metastasen neigt als das Melanom, der schwarze Hautkrebs, werden die Hautveränderungen oft lange ignoriert oder unterschätzt. Der helle Hautkrebs bildet sich, im Gegensatz zum Melanom, vorzugsweise dort, wo sich viele besonders gern bräunen

Gerald Rehor, Vaduz lassen. Über achtzig Prozent der Basaliome finden sich im Gesicht“, erklärt Rehor. Faktum ist, dass alle Hautkrebsformen heilbar sind, wenn sie frühzeitig erkannt und behandelt werden. Daher sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen beim Hautarzt unbedingt zu empfehlen.

:   A N T H RO P O LO G I E

:   M AT H E M AT I K

Teenager der Völkerwanderung: Schlecht ernährt, kurz gelebt, seltsame Kopfform

Die Analyse der Signale

Die Zeit der Völkerwanderung brachte viele verschiedene Kulturen zusammen – meist friedlich, wie ein Fund von Teenagerknochen zeigt

José Luis Romero untersucht Datensätze wie eine Partitur

JOCHEN STADLER

USCHI SORZ

Ihr Gesundheitszustand war miserabel. Sie hatte teils künstlich „umgestaltete“ Köpfe, kamen aus verschiedenen Regionen und landeten doch im selben Grab: Forscher fanden in Kroatien die Überreste dreier Teenager. „Sie wurden offensichtlich zur selben Zeit bestattet, irgendwann zwischen 415 und 560, wie die Radiocarbondatierung der Knochen zeigt“, erklärt Ron Pinhasi vom Department für Evolutionäre Anthropologie der Universität Wien. Die Forscher veröffentlichten ihre Erkenntnisse im Fachjournal Plos One. Die DNA der toten Teenager verrät, dass einer von ihnen aus Westeuropa, einer aus Ostasien und einer aus dem Nahen Osten stammte. Die Forscher konnten an den Überresten keine Spuren eines gewaltsamen Todes feststellen. Dies zeige, zusammen mit der unterschiedlichen Herkunft, dass die wandernden Völker in regem, meist friedlichen Kon-

takt standen und einander nicht nur bekämpften. Die Zeiten waren dennoch schlecht: Die drei Völkerwanderungs-Teenager zwischen zwölf und 16 Jahren waren alles andere als gesund. Daran war wohl eine Mangelernährung aufgrund einer Hun-

Ron Pinhasi, Universität Wien gersnot in ihren ersten Lebensjahren schuld. Zwei der Teenager hatten künstlich deformierte Schädel, womit man wohl Stammeszugehörigkeit demonstriert hat. Dazu wurde schon bei Babys Druck auf die Schädelknochen ausgeübt. Mit der Zeit nahmen sie dann eine von den Erwachsenen gewünschte Form an.

:  W E I N - U N D O B ST BAU

Dank des Klimawandels geht es bei uns mit dem Weinanbau hoch hinaus Der Klimawandel führt bei der Weinlese zu früheren Terminen. Außerdem wachsen immer mehr Weinreben in höheren Regionen MONA SAIDI

Im Jahr 2018 hatte in den österreichischen Weinbetrieben eine außergewöhnlich frühe Lese stattgefunden – nämlich schon im August. Grund dafür war der Klimawandel. Durch die trockenen Hitzeperioden verändert sich nicht nur die Ernteperiode,

Michaela Griesser, BOKU Wien sondern auch die Lage der Anbauflächen für Wein. Dabei beobachtet Michaela Griesser vom Institut für Wein- und Obstbau der Universität für Bodenkultur Wien eine Erweiterung der Weinproduktion in höher gelegene Gebiete. „Die Anbauflächen in der Weinbauregion Bergland werden im Moment ausgebaut.

Regionen wie Kärnten oder Oberösterreich profitieren davon. Bislang waren dort die klimatischen Bedingungen ungünstiger, um Qualitätsweine zu produzieren.“ Das ändert sich mit dem Klimawandel. Auch der Zeitpunkt der Weinernte verschiebt sich – doch die Weinrebe hält Trockenstress aus. Durch Umstrukturierungen wie einen speziellen Rebschnitt oder durch sorgfältige Bodenbearbeitung verlängert sich der Reifeprozess, was ein ausgeprägtes Aroma der Traube zur Folge hat. Kurzfristig führt die Entwicklung zu einer Umstellung im Anbaumanagement. Schon seit einiger Zeit werden neben autochthonen Sorten wie Grüner Veltliner und Zweigelt auch Merlot, Cabernet Sauvignon und Syrah bei uns angebaut und profitieren von den steigenden Temperaturen. Hohe oder an einen Wald grenzende Weingärten könnten Gewinner im Klimawandel sein.

„Nicht nur in der Musik, auch in anderen Bereichen kann man grundlegende Komponenten erkennen, die sich mit der Zeit ändern“, sagt José Luis Romero, „etwa in der Telekommunikation oder bei medizinischen und geologischen Messungen“. Der

José Luis Romero, Universität Wien Argentinier ist Universitätsassistent an der Fakultät für Mathematik der Universität Wien und Projektleiter am Institut für Schallforschung der ÖAW. Sein Spezialgebiet heißt ZeitFrequenz-Analyse. Diese nutzt Darstellungen von Daten und Signalen, die einer Musikpartitur sehr ähnlich sind. Jedem Bestandteil wird eine gewisse Rolle in der „Komposition“ zugeordnet, jedes Signal in sogenannte Frequenzen zerlegt. Was bedeutet es für das Gesamte, wenn es sich verändert? „Auch zufällige Phänomene sollten so eine Partitur haben“, sagt Romero. Genau damit befasst er sich in seinem aktuellen Projekt, für das er heuer einen START-Preis des FWF erhalten hat. Er will darin nicht nur bestehende Probleme der Zeit-Frequenz-Analyse untersuchen, sondern dieses mathematische Werkzeug auch für neue Bereiche erschließen, die zum Beispiel in der Akustik oder Physik wichtig sind. Nach der Promotion in Buenos Aires und einem Aufenthalt an der University of Maryland, USA, hat ein Lise-Meitner-Stipendium Romero 2013 nach Wien gebracht. „Viele Grundlagenforschungsförderungen, zu denen auch das START-Programm des FWF zählt, machen Österreich attraktiv für internationale Forscher“, meint er. Die Mathematik hat er erst nach einem Umweg über die Computerwissenschaft für sich entdeckt. „Im Gymnasium betrachtete man mathematische Logik als überflüssig, und Rechnen fand ich langweilig“, erzählt der 37-Jährige. Weil er gern programmierte, hatte er zuerst Informatik inskribiert. In den dafür nötigen mathematischen Grundlagenkursen fand er, was ihn dauerhaft fesseln sollte: die formellen und logischen Aspekte seines heutigen Fachs.

FOTOS: ROLAND KORNER / CLOSE UP AG, PRIVAT, URSULA GERBER, BARBARA MAIR

NACHRICHTEN AUS FORSCHUNG UND WISSENSCHAFT


N AC H R IC H TE N   :   H EU R EKA  4/19   FALTER 43/19  7

:   Z E I TG E S C H I C H T E

US-amerikanisches Hilfsprogramm für Europa Der Marshall-Plan, das wirtschaftliche Hilfsprogramm der USA nach dem Zweiten Weltkrieg, hatte einen Vorläufer – speziell in Österreich SABINE EDITH BRAUN

„Herbert Hoover hat mehr Menschenleben gerettet als jede andere Person in der Geschichte“, bringt es der US-Historiker George H. Nash auf den Punkt. Die Marshallplan-­Hilfe nach dem Zweiten Weltkrieg ist einigermaßen bekannt, ihr Vorgängerprogramm unter der Leitung des späteren 31. US-Präsidenten in Vergessenheit geraten. Ein Symposion an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften widmete sich dieser US-Hilfsaktion. Initiiert wurde die Tagung vom Auslandsösterreicher Gregor Medinger. Seine Mutter und Tante waren im Rahmen der großen Kinderverschickungsaktionen nach Holland gekommen. Medingers Großvater hatte den Gasteltern ein Ölporträt der Mädchen zum Dank geschickt. Dieses entdeckte Medinger in einem Auktionskatalog und begann, die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und die damaligen US-Hilfsaktionen zu erforschen. Dabei stieß er auf die Dissertation von Franz Adlgasser, die einzige wissenschaftliche

Arbeit zu diesem Thema. Gemeinsam mit Adlgasser, der am Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung an der ÖAW tätig ist, organisierte Medinger die Tagung. Rund ein Zehntel der europäischen, jedoch neunzig Prozent der österreichischen Kinder waren unterernährt. Durch die Hilfsaktion wurden täglich 300.000 von ohnen versorgt. „Food Trains“ aus Triest lieferten 1920 unter anderem 200.000 Tonnen Mehl oder ein Jahr später auch 150.000 Riegel Hershey-Schokolade. Laut Ulrich Schwarz-Gräber vom St. Pöltner „Institut für die Geschichte des ländlichen Raums“ ging die Hälfte der Rationen nach Wien, 16 Prozent nach Niederösterreich. Zu den Regionen mit den meisten unterernährten Kindern zählten Waidhofen/Ybbs, Schottwien, St. Pölten, Favoriten und Pottschach. Im Wald- und Weinviertel war die Situation besser. Adlgasser berichtet von einem speziellen Bereich der Hilfsaktion, der sich an österreichische Akademiker

Franz Adlgasser, ÖAW Wien richtete. Bei dieser „Intelligenz-Hilfe“ hatten die Empfänger einen kleinen Beitrag zu entrichten, „um ihren Selbstwert zu bewahren“, so Adlgasser. Auch Studierende von USUniversitäten unterstützten Herbert

Hoovers „American Relief Administration“ (ARA). Lebensmittel waren das eine. Was im zerstörten Europa außerdem fehlte, waren Kohle und Öl ebenso wie funktionierende Telefon- und Telegrafenleitungen. Was vom einstigen Kaiserreich übrig geblieben war, erwies sich als eine Art gescheiterter Staat. So hatten Herbert Hoover und seine ARA die Kontrolle über das gesamte Schienennetzwerk der ehemaligen Monarchie. Warum hilft man überhaupt einem geschlagenen Feind? Um Anarchie und Bolschewismus zu verhindern und „die rote Flut einzudämmen“, wie es TTC Gregory, ein Mitarbeiter Hoovers, formulierte. Also, selbstlos war die Sache nicht. „Die USA schauten schon darauf, dass die Österreicher wussten, woher die Hilfe kam“, erklärt Adlgasser. Außerdem war diese Hilfe – neben Lebensmitteln auch Kleidung – eine nicht unwesentliche Unterstützung für die US-amerikanische Landwirtschaft und Textilindustrie.

:   G EO LO G I E

Eine Technologie zur Energiegewinnung ohne CO2-Emissionen: Geothermie

Postgraduate MSc Program Renewable Energy Systems

In Österreich ist Geothermie meist auf Thermen beschränkt. Ein Verein will sie nun verstärkt als Alternativenergie bewerben SOPHIE HANAK

FOTOS: MAREN JELEFF, PRIVAT

Erdwärme aus etwa tausend Metern Tiefe dient zur Energiegewinnung. Dabei wird wasserführendes Gestein angebohrt, das warme Wasser entnommen und genutzt. Dann pumpt man kaltes Wasser zurück, das im Gestein wieder erwärmt wird. Eine

Gregor Götzl, Bundesanstalt für Geologie, Wien andere Technologie, die Erdwärmesonde, lässt ein Wärmeträgermedium in einem geschlossenen Kreislauf zirkulieren. „In Island ist Geothermie Standard, in Österreich eine Nischentechnologie“, sagt Gregor Götzl von der Bundesanstalt für Geologie in Wien. „Vorrangig dient sie der Wärmegewinnung. In der Therme

Blumau und in Altenheim gibt es auch Verstromungsanlagen.“ Vor Kurzem wurde der Verein „Geothermie für Österreich“ gegründet. „Wir wollen alle Daten und Ergebnisse aus österreichischen Studien wie der ‚Heat Roadmap Europe‘ oder ‚Geotief Wien‘ aufbereiten und an Öffentlichkeit und Politik weitergeben“, erklärt Robert Philipp, Geschäftsführer von Terra Umwelttechnik. „Wichtig ist uns, mit Interessenvertretungen für erneuerbare Energien zusammenzuarbeiten. Denn nur eine Kombination erneuerbarer Energien kann funktionieren“, sagt Philipp. Zum Ausbau der Erdwärmenutzung wäre es wichtig, das Anfangsrisiko der Bohrungen abzufedern. „Geothermie ist ein hocheffizientes System. Doch die finanzielle Belastung und das Auffindungsrisiko sind oft zu hoch. Ich bin aber sicher, dass dies in Zukunft geändert werden kann“, sagt der Geologe Gregor Götzl.

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8 FALTER  43/19  H EUR EKA  4/19 :  NAC H R I C H TE N

:   K L I M A FO RS C H U N G

Es wird grüner, aber auch wärmer, und wir fetter Der IPCC-Sonderbericht zu Klimawandel und Landsystemen kommt zu einigen überraschenden Einsichten und Empfehlungen JOHANNES SCHMIDL

Selbst wenn wir es schaffen sollten, den globalen Temperaturanstieg auf durchschnittlich zwei Grad zu begrenzen, werden wir uns in einer jetzt noch unbekannten Welt wiederfinden. Denn es ist entscheidend, ob die Temperatur um zwei oder um vier Grad höher liegen wird – entscheidend vor allem dafür, wie wir uns dann noch ernähren werden können. Die Ernährung der Weltbevölkerung hängt wesentlich von der Landnutzung ab. Land- und Forstwirtschaft leiden aber unter der Klimaänderung, was etwa die Forstwirtschaft in Österreich schon deutlich spürt. Der Mensch hat inzwischen über siebzig Prozent der globalen eisfreien Landoberfläche umgestaltet. Er nutzt ein Viertel bis ein Drittel dessen, was Sonne, Wasser und Erde über die Photosynthese produzieren: als Nahrung, Futter, Faserstoff, als Holz und Energieträger. Es gibt auch mehr Grün auf der Welt, denn die Photosynthese hat flächenmäßig insgesamt messbar zugenommen („greening“). Dort, wo sie

abgenommen hat („vegetation browning“), ist meistens der sogenannte Wasserstress die Ursache. Die Landfläche der Erde setzt Kohlenstoff in Form von CO2 in großer Menge um. Während durch bestimmte landwirtschaftliche Aktivitäten, hauptsächlich durch Reisanbau, Wiederkäuer und Düngung mehr Methan (CH4) und Lachgas (N2O) freigesetzt als gebunden werden, nehmen die Pflanzen und der Boden der Erde jährlich sechs Milliarden Tonnen mehr an CO2 auf als sie abgeben. Die Vegetation inklusive der menschlichen Landnutzung entzieht also der Atmosphäre CO2 in beträchtlicher Menge und bremst damit die globale Erhitzung. Zählt man die Wirkung von Methan und Lachgas hinzu, bilanziert das ganze Landsystem hinsichtlich seiner Treibhausgasbilanz in Summe immer noch neutral. Die Anreicherung des Kohlendioxid in unserer Atmosphäre und damit die Klimaerhitzung stammen aus der Verbrennung der fossilen Kohlenstoffbestände der Erdkruste, von Kohle, Öl und Erdgas.

Allerdings ist unklar, ob das Landsystem bei steigender Temperatur weiterhin so viel CO2 aufnehmen können wird. Steigt die Durchschnittstemperatur weiterhin, warnen Experten, wird die Stabilität der Nahrungsmittelversorgung abnehmen und der Hunger weltweit zunehmen. Die Ökosysteme geraten durch den fortschreitenden Klimawandel, Wetterextreme und durch die zunehmend anspruchsvolleren Ernährungsgewohnheiten der immer noch wachsenden Weltbevölkerung unter Druck. Es handelt sich um ein vieldimensionales und hochkomplexes System, das der Weltklimarat auf über 1.500 Seiten darstellt. Möchte man die Klimaziele von Paris erreichen, rät die Wissenschaft dazu, mehr Land für die Produktion von Bioenergie zu nutzen, und zwar umso mehr, je niedriger der Temperaturanstieg letztlich ausfallen soll. Weiters dürfen wir unsere Augen nicht vor einigen geradezu grotesken Ineffizienzen und Fehlallokationen in unserem Nahrungsversorgungssystem

verschließen: Hat sich die Pro-KopfVerfügbarkeit von Fleisch und Pflanzenöl seit 1961 mehr als verdoppelt, so werden inzwischen fünfundzwanzig bis dreißig Prozent der Nahrungsmittel weggeworfen oder gehen im Produktionsprozess verloren. Die Anzahl unterernährter Menschen ist zwar auf 821 Millionen gesunken, dem stehen aber zwei Milliarden übergewichtige bis schwer fettleibige Menschen gegenüber. An Appellen, die Nahrungsmittelproduktion und die Ernährungsgewohnheiten umzustellen, mangelt es nicht. Man weiß, wie man die Bodenfruchtbarkeit und den Kohlenstoffgehalt im Boden erhöhen und den Verlust der Biodiversität und einen gefährlichen Temperaturanstieg verhindern könnte. Man müsste es nur tun. www.ipcc.ch srccl-report-download-page An IPCC special report on climate change, desertification, land degradation, sustainable land management, food security, and greenhouse gas fluxes in terrestrial ecosystems.

:   U M W E LT R EC H T

Ist das Recht auf ein erträgliches Klima einklagbar? Kann man Staaten gerichtlich zum Klimaschutz zwingen? Diese Frage und ihre Folgewirkungen untersucht die Umweltjuristin Karin Hiltgartner am Institut

Frau Hiltgartner, was sind Klimaklagen eigentlich? Karin Hiltgartner: In meiner Forschung geht es um Versuche von Bürgerinnen und Bürgern, die Einhaltung internationaler Klimaschutzvereinbarungen vor Gericht durchzusetzen. In den USA richten sich solche Klagen oft gegen Bundesstaaten oder Regionen, in Europa meist gegen Regierungen. Lange hielt man das für unmöglich. Denn Abkommen wie jene von Kyoto oder Paris sind völkerrechtliche Verträge, die man als Person nicht direkt einklagen kann. Nun aber pochen Menschen auf nationale verfassungsrechtliche Bestimmungen, die den Schutz der Bürger festhalten. Den sehen sie durch die Erderwärmung nicht mehr gewährleistet. Darüber hinaus hat jeder EU-Staat die europäische Menschenrechtskonvention unterzeichnet, die das Recht auf Leben beinhaltet. Genau das ist

der springende Punkt: Zu sagen, die Grundrechte in den nationalen Verfassungen werden durch das Völkerrecht, unter das die Verträge von Kyoto und Paris fallen, konkretisiert. Welche Verfahren gibt es in Europa? Hiltgartner: In den Niederlanden haben eine Umweltschutzorganisation und einzelne Bürger 2015 die „Ur-

Karin ­Hiltgartner, TU Wien genda-Klage“ eingebracht. Sie war in zwei Instanzen erfolgreich und liegt jetzt beim Höchstgericht. Dabei war hilfreich, dass Teile des Landes unter dem Meeresspiegel liegen, seine Be-

wohnbarkeit aber in der Verfassung festgeschrieben ist. In der Schweiz argumentierten Senioren, dass die Sterberate älterer Menschen durch mehr Hitzetage im Sommer überproportional steige. Wissenschaftliche Studien belegen das. Sie sind jetzt auch beim Höchstgericht, haben zuvor aber verloren. In Deutschland wurden konkrete Maßnahmen auf Basis der verfassungsrechtlich verankerten Verantwortung für künftige Generationen eingeklagt. Darunter sind Landwirte von der Ostsee, die das Bestellen ihrer Äcker gefährdet sehen, weil sie zunehmend versalzen und austrocknen. Wenn Gerichte sich für Klimafragen als zuständig erachten und wie in den Niederlanden die Berufung auf das Pariser Abkommen zulassen, kann man das als Signal werten. Wie kommt man gegen ­B eschwichtigungsstrategien an?

Hiltgartner: Die niederländische Regierung hat behauptet, Emissionen eines so kleinen Landes hätten weltweit wenige Auswirkungen. Stimmt natürlich. Nur hat der Gerichtshof genauso schlau argumentiert: Wenn man nicht auf die Gesamt-, sondern die Pro-Kopf-Emissionen schaue, haben die Niederlande wie die meisten europäischen Staaten einen sehr hohen Verbrauch. Also müssen sie sich darum kümmern. Was die Angst vor einer Absiedelung von Betrieben betreffe, gebe es kein Beispiel von Nachbarländern, deren Ökonomie wegen Klimaschutzmaßnahmen zusammengebrochen sei. Die Richter verlangten also belegbare Begründungen statt allgemeiner Wirtschaftsphrasen. Deutschland wiederum versprach große Maßnahmen, allerdings erst in ferner Zukunft. Jetzt sei es noch zu kompliziert. Dagegen führen die Kläger ins Feld, dass es dann unverhältnismäßig teu-

FOTO: FOTO FLOYD

INTERVIEW: USCHI SORZ


N AC H R IC H TE N   :   H EU R EKA  4/19   FALTER 43/19  9

:  W I SS E N S C H A F T L I C H E B Ü C H E R AU S Ö ST E R R E I C H EMPFEHLUNGEN VON ERICH KLEIN

ZEICHNUNG: ROBERT, 8 JAHRE

Der Blauwal hat die Wal­fangära überlebt

Will man die Klimaziele von Paris erreichen, rät die Wissenschaft dazu, mehr Land für die Produktion von Bioenergie zu nutzen

Der Kampf um die eisfreie Arktis hat begonnen

Stundenlang spritzt Blut aus dem Auge des Blauwals, in dem eine Harpune steckt. Auf die grausame Szene folgt eine großartige Geschichte des Blauwals, dessen Fang die Basken schon im Mittealter betrieben. 1837 wird erstmals die Harpunenkanone eingesetzt. Parallel zum industrialisierten Fang im 19. Jahrhundert beginnen Diskussionen über den Walschutz. Erzählt wird von Waltran als Lebensmittel und Sprengstoff, Walfangflotten, dem „Gesang der Wale“ und den illegalen Fangmethoden der ehemaligen UdSSR und Japans. Immerhin: „Der Blauwal hat überlebt.“

Eine australische Firma findet auf Grönland die unumgänglichen Elemente für Supraleiter, Mobiltelefone und militärische Hochtechnologie.„Green Economy“ investiert in Norilsk in eine aus Stalins Gulag hervorgegangene Industrie. Putin pflanzt unter dem Eis des Nordpols die russische Fahne und bereitet sich auf den „arktischen Krieg“ vor, sobald die Nord-Ost-Passage eisfrei ist. China zeigt sich an der „blaue Seidenstraße“ präsent. Fünf Reportagen über die „letzte Schlacht unseres langen, leidenschaftlich geführten und blutigen Kriegs gegen die Natur“.

Andreas Tiernshaugen: Von Walen und Menschen. Eine Reise durch die Jahrhunderte, Residenz Verlag 2019, 256 S.

Marzio G. Mian: Die neue Arktis. Der Kampf um den hohen Norden, Folio Verlag 2019, 168 S.

Eine anekdotenreiche Geschichte der Chemie

Eine Biografie des Schriftstellers Peter Turrini

für Raumplanung der Technischen Universität Wien

er werde und so künftige Generationen belaste. Sie wollen verbindliche Zwischenschritte. Andernfalls müsse der Staat detailliert beweisen, wie er ohne diese bis zum Jahr 2050 eine Decarbonisierung erreichen wolle. Künftige Supertechnologien seien ja nichts Greifbares. Wie sieht es mit solchen Initiativen in Österreich aus? Hiltgartner: Greenpeace hat zusammen mit Aktivisten eine Klimaklage vor dem Verfassungsgerichtshof eingebracht, um gegen klimaschädliche Bestimmungen wie die Tempo140-Verordnung oder die steuerliche Ungleichbehandlung von Bahn- und Flugverkehr vorzugehen. Dass es dabei um konkrete Einzelmaßnahmen geht, ist klug, weil unsere Verfassung ja kein direkt einklagbares Recht auf Umweltschutz bietet. Auch wenn das Erkenntnis gegen die Errichtung einer

dritten Piste am Flughafen Schwechat keine klassische Klimaklage, sondern ein Verwaltungsverfahren war: Mit dem Argument der völkerrechtlichen Verpflichtung zum Klimaschutz hat unser Bundesverwaltungsgericht eine neue Argumentationslinie eingeführt. Wer vertritt untergehende Atolle? Hiltgartner: In Mikronesien gibt es eine Klage vor dem völkerrechtlichen Menschenrechtsbeirat, einer UN-Organisation. Außergewöhnlich umfassend ist eine aktuelle Klimaklage gegen Rat und Parlament der EU auf europaweit strengere Treibhausgasbeschränkungen: Die Kläger stammen aus Europa, Asien oder Südamerika. Sie berufen sich auf das völkerrechtliche Prinzip, dass kein Staat in einem anderen Land Umweltschäden verursachen darf, und appellieren an den EU-Grundsatz, globale Umweltprobleme zu verhindern.

Am Anfang stehen Dmitrij Mendelejew und seine Leidenschaft, Koffer zu nähen. Dann wird eine materialreiche Kulturgeschichte der chemischen Elemente erzählt: Vom Menschen, der in Lascaux Eiweiß verdaulich zubereitete bis zum neurotischen Glutenallergiker. Kohlenstoff der Steinzeit kommt zu Würden, die Goldzungen des Buches Josua ebenso wie das Quecksilber, das an Chinas Höfen geschluckt wurde. Zinn sei Poesie, Zink Prosa, und in der Mitte steht Liebigs Erkenntnis, der Stein der Weisen sei nichts anderes als die Chemie als Wissenschaft.

Peter Turrini (Jg. 1944), Sohn eines italienischen Tischlers, im Kärnten der Nachkriegszeit vom Umfeld des Komponisten Lampersberg künstlerisch „sozialisiert“, übersiedelt nach Wien und wird OlivettiVertreter. Nach Theatererfolgen mit Rozznjogd (1971) und Sauschlachten (1972) folgt in der Ära Kreisky mehr Politik. Seine Alpensaga schreibt ORF-Geschichte. Er schreibt für Burgtheater, Staatsoper und Volkstheater. Der Dramatiker zum Jubiläum der Republik im Jahr 2018: „Was uns bedroht, sind nicht die Ozonlöcher, sondern die Oaschlöcher.“

Michael Pilz: Tanz der Elemente. Über die Schönheit des Periodensystems, Residenz Verlag 2019, 224 S.

Christine Rigler: Diese Komödie ist eine Tragödie. Werk und Leben des Schriftstellers Peter Turrini, Haymon 2019, 240 S.


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T I T E LT H E M A KLIMAKRISE – DIE GEWINNER UND VERLIERER IN ÖSTERREICH Seiten 10 bis 22 Die Illustrationen dieser Ausgabe stammen von Schülerinnen und Schülern der zweiten Klasse der Wiener GTVS Neubau. Die Sieben- bis ­Achtjährigen haben über dreißig Zeichnungen angefertigt, von denen wir leider nur acht in diesem Heft zeigen können. Unter der Projektleitung von Barbara Walter und Simon Mühlegger entstanden pupsende Kühe, traurige Eisbären, übel riechende Autos, abgasgraue Flugzeuge, aber auch grasgrüne ­Fahrräder, Elektroautos und Züge. Und ein bunter Regenbogen über dem Meer. Wenn Sie sehen wollen, wie diese Kinder ihre Zukunft im Hinblick auf den Klimawandel sehen, was sie fürchten, was sie hoffen, hier gibt es alle Zeichnungen zu sehen: www.gtvs-neubau.schule.wien.at :  AU S G E S U C H T E Z A H L E N Z U M T H E M A ZUSAMMENGESTELLT VON SABINE EDITH BRAUN

2,3 bis 5,2

Tage pro Jahrzehnt haben sich Blühbeginn und Blattentfaltung von Pflanzen seit 1950 zu früheren Eintrittszeiten verschoben. Laubverfärbung und -fall traten immer später im Jahr ein. Dies ergibt eine verlängerte Vegetationsperiode um bis zu zwei Wochen.

3.000 Euro Bonus beträgt die Förderung bei der Anschaffung eines reinen Elektroautos in Österreich. Es ist von der Normverbrauchsabgabe und der motorbezogenen Versicherungssteuer befreit. 26.964 Elektroautos sind derzeit in Österreich zugelassen, 0,5 Prozent aller zugelassenen Pkw. 0,1 Prozent waren es im Jahr 2015.

1883 wurde diese Planze erstmals in Österreich (Innsbruck) nachgewiesen. Ursprünglich in den USA heimisch, erfolgt ihre massive Ausbreitung im 21. Jahrhundert. Die hochallergene Ambrosia artemisiifolia (Ragweed, Taubenkraut) wird sich als Folge der Klimaerwärmung noch weiter ausbreiten.

2005

traten erste Symptome auf, seit 2007 ist es amtlich: Das Eschentrieb-Sterben durch das Falsche Weiße Stängelbecherchen, einen Doppelgänger des seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa heimischen Schlauchpilzes. Während das Original nie als Krankheitserreger aufgetreten ist, hat es sein invasiver Doppelgänger geschafft, den zweithäufigsten Laubbaum in Österreich massiv zu schädigen.

4.900 Euro kostete die Kilowattstunde (ohne USt) im Jahr 2006 bei der Montage einer Photovoltaikanlage bis zehn kWp (Kilowatt peak) auf dem Dach eines Hauses. 2016 kostete sie nur noch 1.230 Euro. Rund 4.200 Kilowattstunden Strom benötigt eine vierköpfige Familie pro Jahr. Eine Photovoltaikanlage mit vier bis fünf kWp deckt ihren Jahresbedarf.

3,2 Millionen Auf diese Zahl können sich 200 Borkenkäfer in nur einem Jahr vermehren. Während es früher zwei Generationen Käfer pro Jahr gab, sind es mittlerweile drei bis vier. Fichten, 68 Prozent unserer Wälder, sind die Hauptbetroffenen. Durch Wassermangel und Trockenstress produzieren sie weniger Harz, was dem Borkenkäfer die Ausbreitung erleichtert. Am häufigsten verbreitet ist er derzeit in Oberösterreich.

26.100 sogenannte Klimasplitgeräte zur Raumkühlung (Leistung max. 30 kW) dürften im heurigen Sommer in Österreich verkauft worden sein. Das ist ein Plus von 4,2 Prozent gegenüber 2017. Der Mehrverkauf ist in erster Linie auf die hohe Anzahl an Hitzetagen im Sommer zurückzuführen. Der Durchschnittspreis liegt bei rund 1.250 Euro pro Anlage.

1,9 Milliarden Euro wurden 2018 in Österreich für Biolebensmittel ausgegeben, ein Plus von fünf Prozent gegenüber 2017. Eine Studie ergab, dass Biolebensmittel als wichtiger Aspekt von Nachhaltigkeit gesehen werden. Mehr als drei Viertel aller biologischen Produkte werden im Einzelhandel gekauft, 17 Prozent im Fachhandel oder direkt beim Bio-Bauern.


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Robert, 8 Jahre: „Ich würde mir wünschen, dass die Menschen mit dem Zug fahren und nicht mit dem Auto“


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Politischer Druck gegen die Klimakrise Die Änderung des eigenen Lebensstils ist nur ein erster Schritt gegen den Klimawandel m Duden findet man unter dem Stichwort „Klima“ Wetter, Witterung und Wetterlage, aber auch Atmosphäre und Stimmung. Die Begriffe „Klima“ und „Wetter“ dürfen im wissenschaftlichen Kontext jedoch nicht synonym verwendet werden, denn laut der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik ist das „Wetter“ der momentane Zustand der Atmosphäre, der von kurzfristigen Phänomenen bestimmt wird. Das „Klima“ beschreibt hingegen den Zustand der Atmosphäre über wesentlich längere Zeiträume hinweg. Auf einer Zeitskala betrachtet, sind die Maßeinheiten für das Wetter Stunden und Wochen, für das Klima hingegen Jahre bis Jahrmillionen. Allein durch diese Begriffsklärung lässt sich laut dem Physiker Werner Gruber die weitverbreitete Annahme entkräften: Ja, der Klimawandel ist eh nicht da, denn der Sommer war verregnet. Ein, zwei oder mehrere verregnete Sommer ändern jedoch nichts an der Existenz des Klimawandels. Man muss sich nämlich einen größeren Zeitrahmen ansehen, um von einer Veränderung des Klimas sprechen zu können. Vom Klimawandel zur Klimakrise Es ist wesentlich, wie bestimmte Phänomene bezeichnet werden und wie der öffentliche Diskurs darüber geführt wird. Unsere Sprache ist, metaphorisch ausgedrückt, wie eine Linse, durch die wir die Umwelt wahrnehmen, aber ebenso ein Medium, mit dem wir die Umwelt konstruieren. Einen Wechsel bzw. eine Veränderung des Diskurses regte im Mai dieses Jahres die britische Tageszeitung The Guardian an. In den Redaktionslinien wurde beschlossen, die Wortwahl hinsichtlich des Begriffs Klimawandel (climate change) zu präzisieren und stattdessen „Klimakrise“ (climate crisis) im Zuge der Berichterstattung zu verwenden. Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen sprach im Rahmen des Forum Alpbachs von der „Klimakrise als größte unmittelbare Bedrohung unserer Freiheit“. Wie rasch dieser Begriffswechsel innerhalb der Bevölkerung in aller Munde sein wird, ist schwierig einzuschätzen. „Die prognostische Kraft ist beschränkt. Man kann sich jedoch retrospektiv die Karriere von Begriffen anschauen“, erläutert Daniel Pfurtscheller, Sprach- und Medienwissenschaftler an der Universität Wien. China emittiert doppelt so viel CO2 wie die USA Faktum ist, dass die Veränderungen des Klimas rasanter voranschreiten. Dem zweiten gängigen Argument, den Klimawandel hätte es immer schon gegeben, bewertet Werner ­Gruber als nichts Aufregendes, dem sei an sich zuzustimmen. Die Essenz stecke jedoch im Detail bzw. in den statistischen Daten: „Denn jedes Mal, wenn es ­einen

TEXT: LISA KRAMMER

„Auswirkungen des Klima­ wandels in Europa sind auch Krank­h eiten und Umwelt­ katastrophen“ WERNER GRUBER, PLANETARIUM WIEN

Werner Gruber, Planetarium Wien

Daniel Pfurtscheller, Universität Wien

­ limawandel gegeben hat, hat das mindesK tens ein paar tausend Jahre gebraucht, bis sich das Klima verändert hat. Jetzt sind wir in der Größenordnung von ungefähr hundert bis 150 Jahren, in denen es einen Wandel des Klimas gibt“, führt der Physiker aus. Laut Umweltbundesamt betrugen die CO2-Emissionen in Österreich im Jahr 2018 79,1 Millionen Tonnen. Die größten Anteile entfielen dabei auf folgende Sektoren: 34,6 Prozent Energie und Industrie, 23,8 Prozent Verkehr und 8,1 Prozent Landwirtschaft. Innerhalb der EU ist der CO2-Ausstoß in Deutschland mit 800 Millionen Tonnen im Jahr am höchsten. Im weltweiten Vergleich sind laut Joint Research Center (JRC) der Europäischen Kommission im Jahr 2017 China (10.900 Millionen Tonnen), USA (5.100) und Indien (2.500) für die meisten CO2-Emissionen verantwortlich. An der Spitze stehen also diese drei Staaten. 2017 kündigte die USA den Rücktritt aus dem 2016 in Kraft getretenen Pariser Klimaschutzabkommen, der Nachfolge des Kyoto-Protokolls, an. China und Indien, die zwar dem Abkommen beigetreten sind, kämpfen jedoch damit, Klimaschutz und Wirtschaftswachstum in gleichem Ausmaß zu fördern. Das mediale Klima im Klimawandel „Wie tödlich der Klimawandel bereits jetzt schon ist.“ – „Forscher warnen: Klima steht vor dem Kollaps. Bereits 1,5 Grad Temperaturanstieg.“ Mediale Diskurse sind nicht selten von einer Vereinfachung, Verkürzung, Zuspitzung und vor allem einer zunehmenden Emotionalisierung geprägt. Wie schafft man es, in diesem öffentlichen Stimmengewirr nicht unterzugehen? Sind ein, zwei Grad wärmer viel, nicht viel oder zu viel? Der Physiker Werner Gruber sagt eindeutig: „Sehr viel! Denn es ist eine Durchschnittstemperatur, und das bedeutet, dass die Maximaltemperaturen nicht nur ein, zwei Grad, sondern bedeutend höher sind.“ Die Folge einer zweiwöchigen Hitzeperiode mit Temperaturen zwischen 35 und vierzig Grad: Die Vegetation kann sich nicht mehr erholen. „Weitere deutliche Auswirkungen des Klimawandels in Europa sind neben dem Temperaturanstieg Krankheiten wie die Malaria in Sizilien und vermehrt Umweltkatastrophen wie Sturzregen oder Vermurungen“, sagt der Physiker. Die Schäden eines Unwetters, marode Böden, gerodete Wälder – die Emotionalisierung wird nicht nur verbal, sondern auch durch eine bildliche Gestaltung gesteuert. Dabei gibt es unterschiedliche Varianten: „Man kann die Auswirkungen wie ausgetrocknete Böden, abgeschmolzene Gletscher oder die Ursachen, etwa rauchende Schlote abbilden. Oder man versucht, visuell eher Lösungen ins Bild zu rücken“, ­erklärt Daniel Pfurtscheller. Denn vor allem

die Bilder entscheiden maßgeblich darüber, wie wir Inhalte wahrnehmen. Das hundertste Foto eines Eisbären oder das gängige Motiv einer brennenden Erde wecken jedoch weder Aufmerksamkeit noch Betroffenheit. „Das Forschungsprojekt Climate Visuals versucht, abseits von stereotypen Bildern eine alternative Bildsprache zu finden und stellt dieses Bildmaterial frei zur Verfügung“, berichtet der Medienlinguist Pfurtscheller. Mithilfe des Tools „Wikipedia Crosslingual Image Analysis“ hat der Sprachund Medienwissenschaftler das Online­ lexikon Wikipedia untersucht und festgestellt, dass sich die unterschiedlichen Sprachversionen auch hinsichtlich ihrer Bebilderung stark unterscheiden. „Bei der Analyse der Wikipedia-Seite zur globalen Erwärmung konnten jedoch auf den ersten Blick keine markanten Unterschiede festgestellt werden. Es überwiegen in den meisten Sprachversionen informationsbetonte Grafiken wie beispielsweise Diagramme, die den Temperaturverlauf anzeigen“, sagt Pfurtscheller. Kernfusion als Lösung der Klimakrise? Was tun also, um der Klimakrise Einhalt zu gebieten? Für Werner Gruber die vernünftigste Lösung ist die Technik. Konkret: die Stromerzeugung durch Kernfusion. ITER ist ein Kernfusionskraftwerk und Forschungsprojekt im südfranzösischen Cadarache. „Technologisch ist es gelöst“, sagt der Physiker. Er setzt sich für die rasche Inbetriebnahme von ITER ein, ist aber auch ein Unterstützer des Klimavolksbegehrens. In der Klimakrise ist unser Tun, Diskutieren und Mitarbeiten wichtiger denn je, online wie offline. Es braucht jedoch mehr als eine grüne Vision und einen ressourcenschonenden Lebensstil. Menschen können neben der Änderung des eigenen Lebens und der Verkleinerung des eigenen ökologischen Fußabdrucks auch politischen Druck aufbauen, wie etwa „Fridays for Future“ zeigt. Das zwingt politisch und wirtschaftlich Verantwortliche zu Maßnahmen. Da ein Großteil der CO2-Emissionen industriebedingt ist, kann die Umstellung des eigenen Lebenswandels nur ein erster Schritt sein. Politisches Ziel ist die grundlegende Änderung der aktuellen Entwicklung durch politische Direktiven – nicht nur in Europa. Ohne Veränderungen auf dieser Ebene und vor allem bei den größten Emittenten USA, China und Indien können die Fortschritte im eigenen Lebensbereich allein die Klimakrise nicht bewältigen. DAS GESAMTE GESPRÄCH MIT DEM ­P HYSIKER WERNER GRUBER UND DEM MEDIENEXPERTEN DANIEL PFURTSCHELLER: WWW.MUNDARTPODCAST.AT

FOTOS: FELICITAS MATERN, PRIVAT

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Sebastian, 7 Jahre: „Die vielen Kühe und auch die Fabriken verpesten unsere Luft. Wir sollten nicht so viel Fleisch essen“


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Und wie geht’s den Bienen? Dass wir Menschen auf Bienen angewiesen sind, um Nahrungsmittel wie Marillen und Kürbisse genießen zu können, ist allseits bekannt. Umso wichtiger ist es zu wissen, wie es um die Gesundheit der Tierchen angesichts der sich ver­ändernden Umwelt­ bedingungen bestellt ist

Emir, 7 Jahre: „Wenn es immer wärmer und wärmer wird, dann schmilzt der Nordpol und den Tieren und Menschen geht es nicht gut“


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Die Gründe dafür sind vielfältig, aber nicht restlos geklärt. Ein wesentlicher Faktor ist die Varroamilbe, die in Österreich in jedem Bienenvolk zu finden ist. „Ohne Behandlung stirbt ein befallenes Volk in zwei bis drei Jahren ab“, sagt der Grazer Forscher. Die Milbe verlangt den Imkern einiges an Know-how ab, doch ganz los wird man den Parasiten nie. Durch den Klimawandel kommt es zudem zu einer höheren Zahl an Brutzyklen innerhalb eines Volkes. Denn aufgrund der warmen Herbstsaisonen sind auch spät im Jahr noch Nahrungsquellen verfügbar. Dies erleichtert auch die Vermehrung der Varroamilbe, die auf die Brut der Bienen angewiesen ist. Die rasche Veränderung des Klimas stört das sensible Gleichgewicht zwischen der Biene und ihrer Umwelt bzw. möglichen Krankheitserregern. Das bestätigt auch Michael Rubinigg vom Imkereidachverband „Biene Österreich“:

TEXT: JASMIN GERSTMAYR

Michael ­Rubinigg, Imkereidachverband „Biene Österreich“

Esther ­Ockermüller, Biologiezentrum Linz

„Außerdem verleiten die tendenziell höheren Temperaturen im Frühjahr die Königinnen dazu, früher mit der Eiablage zu beginnen, was ebenso die Verbreitung der Parasiten fördert.“ Die Zahl der Bienenvölker insgesamt hat in den letzten zehn Jahren allerdings wieder zugenommen – bedingt durch einen starken Trend zu Imkerei und Hobbybienenhaltung. Mehr als 350.000 Völker wurden 2018 in Österreich gemeldet. Müssen wir uns also um die Honigbiene keine Sorgen machen? „Wir sollten uns um den Imkerei­sektor Sorgen machen, der sorgt dann schon für die Bienen.“ Rubinigg plädiert unter anderem dafür, dass an die Agrarwirtschaft gehende Fördermittel auch in den Imkereisektor fließen. „Und wenn man als Privatperson der Honigbiene in Österreich etwas Gutes tun möchte, sollte man am besten zu österreichischen Bienenprodukten greifen, um die hiesige Imkerei zu fördern.“ Einen nicht minder wichtigen Beitrag zur Bestäubung von Kultur- und Wildpflanzen leisten die wilden Verwandten der Honigbienen. Mehr als siebenhundert verschiedene Wildbienenarten sind in Österreich beheimatet. Die meisten davon leben solitär, also nicht in einem großen Staat, und brauchen bestimmte landschaftliche Strukturen wie Feldraine oder Totholz, um zu nisten. Solche zu finden wird für die Wildbienen aber immer schwieriger.

„Die österreichische Landschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Dadurch wird der für Wildbienen geeignete Lebensraum immer weniger“, weiß Bärbel Pachinger von der Universität für Bodenkultur Wien. Auch das Nektar- und Pollenangebot wird durch den Verlust blütenreicher Flächen immer einseitiger. „Es reicht eben nicht, wenn irgendwo ein Rapsfeld steht, das nur für eine begrenzte Zeit im Jahr blüht“, erklärt die Forscherin. Überdies machen die durch den Klimawandel bedingten wärmeren Temperaturen einigen kälteliebenden Bienenarten zu schaffen, die vor allem im Hochgebirge anzutreffen sind. Auch bestimmte hochinvasive Pflanzen, die nach Österreich eingeschleppt wurden wie die Kanadische Goldrute breiten sich bei wärmeren Temperaturen noch besser aus. „Die Goldrute überwuchert zum Beispiel re­naturierte Flussufer, wodurch den Bienen wiederum Nistplätze fehlen“, erklärt Esther Ockermüller vom Biologiezentrum Linz. Ebenso haben der hohe Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft und ihre unsachgemäße Anwendung in Privatgärten negative Auswirkungen auf die Gesundheit sowohl der Wild- als auch der Honig­bienen. „Im Endeffekt ist es die Vielfalt der Arten, die als schützenswert gelten sollte“, meint die Wildbienenexpertin.

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Wunderkind BIOMETHAN hofft auf (Wieder-)Belebung Spätestens seit dem Pariser Klimaschutzabkommen war die Hoffnung auf die Entdeckung des oft als Wunderkind oder Hoffnungsträger titulierten Multitalentes Biomethan groß. Im­ merhin kommen die Bezeichnungen nicht von ungefähr: aus organischen Abfällen werden gleich zwei Produkte – Dünge­ mittel und Biomethan­ gewonnen, die beide im Einklang mit den Zielen der „Mission2030“ stehen. Das Düngemittel dient dem Aufbau der Humusschicht und folglich dem Schutz unse­ res Bodens und unserer Lebensmittel. Biomethan, der grüne Energiespeicher, ist ein auf Erdgasqualität aufbereitetes Biogas, welches in das Erdgas­ netz eingespeist wird und in der Folge für die Gewinnung von Strom und Wärme, aber auch im Verkehr eingesetzt werden kann. Man kann Biomethan bei fast jedem Gasversorger beziehen und auch die zugehörige Technik ist sofort und je­ derzeit verfügbar – wie fossil, nur eben grün. Und das ohne Ablaufdatum. Warum also hat es mit dem Durchbruch des Multitalents noch immer nicht geklappt? Foto: © Biogas Bruck/Leitha

FOTOS: PRIVAT

obert Brodschneider von der Uni Graz untersucht die Wintersterblichkeit der Honigbienen, also wie viel Prozent von den Völkern es nicht über den Winter schaffen. Er und sein Team befragen jedes Jahr an die 1.500 österreichische Imkereien und erhalten so Rückmeldung über 30.000 Bienenvölker. Die Sterblichkeit der Völker variiert stark und liegt zwischen acht und 28 Prozent pro Winter. „Uns interessiert: Woran liegt es, dass manchmal so viele Bienen sterben?“, erklärt Brodschneider.

Biogas Bruck/Leitha GmbH & Co KG DI(FH) Bernadette Mauthner, ME Szallasweg 1, 2460 Bruck/Leitha biogas@energiepark.at www.energiepark.at/biogas


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Borkenkäfer in der Rammelkammer Fichten sind die Leibspeise der Borkenkäfer. In Österreich machen Fichten 68 Prozent des Waldes aus ie globale Erwärmung sorgt auch für geschwächte Bäume und bietet somit ideale Nahrungs- wie Brutbedingungen von Borkenkäfern. Sie bedrohen weit mehr als früher die Nadelbäume in niedrigeren Lagen. Raabs an der Thaya im Waldviertel büßte zum Beispiel mehr als die Hälfte der Waldfläche ein. Martin Schebeck, Zoologe und Wildtierökologe an der BOKU Wien, ist Spezialist für die molekulare Ökologie von Borkenkäfern. Forstwirt Werner Löffler leitet die Forstabteilung der Landwirtschaftskammer Niederösterreich. Herr Schebeck, Sie beschäftigen sich mit Borkenkäfern. Warum? Martin Schebeck: Insekten sind die artenreichste Tiergruppe auf unserem Planeten und stellen eine umfangreiche Biomasse. Sie bilden eine große Vielfalt unterschiedlicher Lebensweisen und evolutionärer Wege aus. So gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Ernährungstypen, Fortpflanzungstypen und Symbiosen. Ich interessiere mich für Forstentomologie. Die Borkenkäfer sind da prominente Vertreter.

INTERVIEW: BARBARA FREITAG

„Aufforstungen erfolgen derzeit mit Eiche, Ahorn, Douglasie und Tanne“ WERNER LÖFFLER, LANDWIRTSCHAFTS­ KAMMER NIEDERÖSTERREICH

Warum ist der Borkenkäfer ein Problem für unseren Wald? Schebeck: Vorsicht! Den Borkenkäfer gibt es nicht. Der Begriff umfasst mehr als 6.000 Arten. Ein kleiner Prozentsatz davon sind Schädlinge, die meisten in Nadelwäldern auf der Nordhalbkugel. Der bedeutendste in Österreich und problematischste im Kontext des Klimawandels ist der Buchdrucker an der Fichte. Er gehört zum Artenspektrum in von Fichten dominierten Ökosystemen. Wenn verschiedene Umweltbedingungen zusammenspielen, kann er in kurzer Zeit mit einem starken Anstieg seiner Population reagieren. Das ist der Fall, wenn große Mengen an günstigem Brut- und Nahrungsmaterial zur Verfügung stehen wie nach Stürmen, Schneebruch oder Hitze und Trockenheit im Sommer. Dann gibt es viele stark geschwächte und frisch abgestorbene Fichten. Ganz gesunde Fichten kann der Buchdrucker nicht überwinden. Woran scheitert er da? Schebeck: Ein Baum hat Abwehrmechanismen, etwa den Harzfluss. Ist er geschwächt, funktionieren diese Mechanismen nicht mehr optimal. Trockenheit und heiße Temperaturen schwächen die Fichten. Je größer die Population des Buchdruckers durch günstiges Nahrungsangebot wird, desto eher gelingt es ihm auch, weniger geschwächte Fichten zu besiedeln. Der Erstbesiedler eines Baumes ist immer ein Männchen, das sich mit seinen Mundwerkzeugen durch die Rinde bohrt. Danach werden Pheromone zur Anlockung von Artgenossen beiderlei Geschlechts abgegeben. In der sogenannten Rammelkammer verpaart sich ein Männchen mit zwei bis drei Weibchen. Jedes Weibchen legt einen

Martin Schebeck, BOKU Wien

Werner Löffler, Landwirtschaftskammer Niederösterreich

Muttergang an und links und rechts davon die Eier. Aus denen schlüpfen die Larven, die sich durch den Bast fressen und schließlich verpuppen. Der Käfer verlässt dann den Baum und sucht sich den nächsten. Abhängig von der Temperatur können pro Saison drei solcher Generationen plus Geschwistergruppen entstehen. Ein Weibchen kann bis zu achtzig Eier ablegen. Daher sollte ein befallener Baum entfernt werden, bevor die neue Generation ausfliegt, damit diese keine neuen Bäume besiedeln kann. Ist das Holz auch beschädigt? Schebeck: Nein, nicht direkt durch den Buchdrucker. Allerdings ist der Buchdrucker mit einer Reihe von Pilzen assoziiert, den sogenannten Bläuepilzen, und diese können eine Verfärbung des Holzes hervorrufen. Aber sie beeinflussen die Festigkeit des Holzes nicht. Gibt es auch einen Nutzen durch Buchdrucker? Schebeck: Wie alle Borkenkäfer gehören sie zu den ganz frühen Besiedlern geschwächter oder frisch abgestorbener Bäume. Sie bauen organische Substanzen in Ökosystemen ab. Sie halten den Nährstoffkreislauf aufrecht und haben dadurch eine wichtige ökologische Funktion im gesamten Stoffkreislauf. Das aktuelle Problem kommt unter anderem daher, dass Fichten in Europa zwar zum natürlichen Arteninventar gehören, in den vergangenen Jahrzehnten jedoch in vielen Regionen angepflanzt wurden, wo sie nicht von sich aus wachsen würden. Wie etwa im Waldviertel, wo Laubmischwälder daheim sind? Schebeck: Die Fichte ist eine natürlich vorkommende Baumart im Waldviertel, doch kommt sie vielerorts in zu hohen Anteilen vor. Sie ist eine Baumart des Mittelund Hochgebirges. Viele Fichten wurden gepflanzt, als die Klimawandelproblematik noch nicht bekannt war. Doch jetzt stoßen wir an die natürlichen Grenzen der Belastbarkeit von Fichten. Daher sollte man vermehrt zu einer natürlichen Zusammensetzung von Waldgesellschaften kommen. Ich wäre auch vorsichtig damit, fremdländische Baumarten wie die Douglasie im großen Stil anzusiedeln. Denn wir wissen nicht, welche heimischen Organismen diese Baum­art vielleicht einmal ebenso interessant finden wie der Buchdrucker die Fichte, und auch nicht, welche fremdländischen Organismen wir damit importieren, die auch Schaden anrichten könnten. Herr Löffler, welche Regionen in Nieder­ österreich sind besonders betroffen? Werner Löffler: Tiefere Lagen bis zu 500 Metern Seehöhe der Bezirke Krems, Horn, Waidhofen an der Thaya, Melk und Gmünd sind die Hauptschadensgebiete. Nach Angaben der Niederösterreichischen Landesforst-

direktion wird für die Jahre 2017, 2018 und für das heurige Jahr von einer Gesamtschadensfläche von mehr als 20.000 Hektar ausgegangen. Ein Ende der Borkenkäferkalamität ist derzeit noch nicht in Sicht. Welche Maßnahmen müssen die Landwirte treffen und was geschieht mit den gefällten Bäumen? Löffler: Die Waldbesitzer müssen das vom Borkenkäfer befallene Holz fällen und entweder sofort aus dem Wald entfernen oder die gefällten Bäume unschädlich machen beziehungsweise entrinden. Das Angebot an Holz übersteigt bei Weitem die derzeitige Nachfrage. Die Preise sind für alle Holzsorten gesunken und manche Sortimente sind derzeit unverkäuflich. Zusätzlich wird der österreichische Rundholzmarkt noch mit sehr hohen Holzimporten aus den ebenfalls stark vom Borkenkäfer betroffenen nördlichen Nachbarländern belastet. Was sind sinnvolle Gegenmaßnahmen? Löffler: Die wichtigste Gegenmaßnahme ist eine ständige Kontrolle der Waldbestände auf Borkenkäferbefall. Dabei empfiehlt sich mindestens einmal pro Woche ein Kontrollgang durch die Fichtenbestände. Beim ersten Auftreten von Borkenkäferbefall sind die Bäume sofort zu fällen und aus dem Wald zu entfernen. In weiterer Folge ist eine Wiederbewaldung mit verschiedenen Baum­arten die beste Vorsorge gegen eine weitere Borkenkäferkalamität. Das Problem liegt nach Meinung der Wissenschaftler auch darin, dass zu viele Fichten gepflanzt wurden, die in niedrigeren Höhen eigentlich nicht genuin sind. Löffler: Die Aufforstungswelle mit Fichten in den 1960er und 1970er Jahren in den tieferen Lagen ist sicherlich mitverantwortlich für die rasche Ausbreitung von Sekundärschädlingen wie den Borkenkäfer. Damals waren die klimatischen Rahmenbedingungen wie kühlere Temperaturen und ausreichende und regelmäßige Niederschläge für das Fichtenwachstum optimal. Eine derart rasche Klimaveränderung bedeutet für alle Baumarten Stress. Sie war jedoch auch in dieser Intensität nicht vorhersehbar. Ist eine Neupflanzung mit anderen Baum­ arten möglich, und wird das praktiziert? Löffler: Ja, die Aufforstungen, die derzeit getätigt werden, sind zum überwiegenden Teil Aufforstungen mit Eiche, Ahorn, Douglasie und Tanne. Wie hilft die Landwirtschaftskammer? Löffler: Einerseits mit mehr Beratung, etwa in Form von Waldbegehungen, Informationsveranstaltungen und Webinaren. Andererseits unterstützt sie die Waldbesitzer beim Lukrieren von Fördermitteln von der Wiederaufforstung bis zur Pflege der neu gegründeten Waldbestände.

FOTOS: PRIVAT, LK NÖ/EVA POSCH

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Mia, 7 Jahre: „Wenn die Eisschollen schmelzen, hat zum Beispiel der Pinguin kein Zuhause mehr“


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Klimawandel im Museum Das Naturhistorische Museum in Wien verfügt über eines der größten Herbarien der Welt er alte Holzboden knirscht beim Darübergehen, an den Wänden reihen sich scheinbar endlos mit Kisten bestückte Regale, die fast bis an die Decke reichen. Dazwischen Tische, auf denen sich prall gefüllte Mappen stapeln. Die alten, hohen Räume wirken wie eine Filmkulisse. Ungefähr 5,5 Millionen Bögen mit getrockneten und gepressten Pflanzen lagern hier, im Herbarium des Naturhistorischen Museums (NHM) in Wien. „Die Sammlung des NHM ist die siebtgrößte weltweit“, sagt ­Christian Bräuchler, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Kurator der Blütenpflanzensammlung. Eine Dimension, die sich in den weitläufigen Räumlichkeiten widerspiegelt: Es scheint, als bliebe keine Ecke ungenutzt, um die unzähligen Papierbögen zu verstauen. Auf jedem Bogen ist eine Pflanze fixiert, die im Vorfeld sorgfältig präpariert und beschriftet wurde. „Diese Beschriftung, die ein Exemplar eindeutig verortbar macht, erfordert vom Sammler viel Disziplin. Sogar Charles Darwin ist daran fast gescheitert“, erklärt Bräuchler. Vermerkt werden nämlich nicht nur Art und Name der Pflanze, sondern im Idealfall auch Fundort und -zeit, Häufigkeit des Vorkommens sowie das, was beim Trockenvorgang verloren geht, etwa die Farben der Blüten. Besonders wertvoll sind jene Bögen, anhand derer Arten erstmalig beschrieben wurden beziehungsweise werden. Diese „Referenzexemplare“ oder auch „Typen“ definieren die jeweilige Art: „Typen sind unersetzliche Einzelstücke, weil sie zur initialen Beschreibung der Arten verwendet werden und fortan als Bezugspunkt dienen“, erklärt Bräuchler. „Um diese kostbaren Exemplare im Notfall schnell retten zu können, werden sie in roten statt in braunen Mappen aufbewahrt, damit man sie sofort erkennt.“ Je älter die Sammlung, desto höher sei normalerweise der Anteil an Referenzexemplaren, führt er weiter aus. Im Herbarium des NHM stammen die ältesten Belege aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Exemplare aus der Sammlung von Nikolaus Joseph Freiherr von Jacquin, der viele Pflanzen in Österreich als erster beschrieben hat, gehören dabei ebenso zum Bestand wie Nicolaus Thomas Hosts erste umfassende Sammlung österreichischer Pflanzen überhaupt. „Von Anfang an hat das Herbarium des NHM komplette Sammlungen erworben“, sagt Bräuchler. „Über Jahrhunderte wurde immer mehr Material angehäuft, um die Natur möglichst genau zu erfassen. Erst jetzt zeigt sich, wie bedeutsam das Ansammeln dieser Informationen eigentlich ist.“ Denn das Referenzmaterial dient nicht nur der Bestimmung von Arten, sondern dokumentiert auch deren Vorkommen und die Erbanlagen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Das wiederum ermöglicht Vergleiche mit jenen Pflanzen, die heute an den damaligen

TEXT: CLAUDIA STIEGLECKER

„Betrachtet man die Situation im großen Rahmen, befinden wir uns auf dem Weg in eine neue Eiszeit“ MARTIN LÖDL NATURHISTORISCHES MUSEUM, WIEN

Christian Bräuchler, Naturhistorisches Museum, Wien

Fundorten wachsen und Veränderungen aufzeigen. Die in Herbarien enthaltenen Informationen sind ein Zeitnachweis, der Diversität abbildet. „Herbarbelege sind wertvolle Primärdaten. Das Material kann durch den Vergleich Nachweise von veränderten Habitatbedingungen, sich wandelndem Klima, Umweltverschmutzung und Schadstoffbelastungen liefern.“ Basierend auf diesen Daten können Studien tiefere Einblicke in die Folgen der aktuellen Klimaveränderungen geben. Die Ergebnisse erscheinen dabei teilweise überraschend: So ist bislang etwa ein Aussterben von Arten oft nicht nachweisbar, an manchen Orten hat die Artenvielfalt sogar zugenommen. Zu beobachten ist allerdings, dass Pflanzen aufgrund veränderter Umweltbedingungen vermehrt in die Höhe wandern: „In den Höhenlagen wird es wärmer, es gibt teilweise keinen Frost mehr“, erläutert Bräuchler. Pflanzen wachsen dort, wo sie die für sie richtigen Bedingungen vorfinden. „Die Samen gehen dort auf, wo die Nische passt, und die wandert sehr langsam immer weiter nach oben. Dadurch werden einzelne Regionen kurzfristig artenreicher.“ Prädestiniert dafür, diesen Trend zu dokumentieren, sind Gebirgsregionen. Dort finden sich einerseits viele spezialisierte Arten, andererseits grenzt die Höhe die Region ihres Vorkommens genau ein. Über kurz oder lang sei damit zu rechnen, dass sich mediterrane Pflanzen immer weiter nach oben ausbreiten, wodurch spezialisierte Arten unter Druck geraten und schließlich aussterben, meint Bräuchler, schränkt aber ein: „Eine konkrete Vorhersage bleibt schwierig, denn hier treffen ein träge reagierendes System und ein schneller Wandel aufeinander. Die Folgen sind nicht absehbar, daher ist es umso wichtiger, weiter zu erfassen und zu dokumentieren, um die Prognosemodelle zu verbessern – ähnlich wie bei der Wettervorhersage.“ Herbarien sind dafür eine Ressource, die einen hohen Nutzen für die Menschheit hat, dessen ist sich Christian Bräuchler sicher: „Herbarien sind ein Investment in die Zukunft. Die weitere Datenerzeugung ist essenziell, um die Zeitserien nicht abbrechen zu lassen und Grundlagenforschung zu ermöglichen.“ Sein erklärtes Ziel ist neben der weiteren Vergrößerung der Sammlung daher außerdem die Digitalisierung des vorhandenen Materials, um die Bestände zu sichten und vor allem zu sichern. „Damit wären wir gegen viele Eventualitäten gefeit.“ Noch mangelt es dafür jedoch an den notwendigen Mitteln: „Uns fehlt nationale Förderung, denn die globale Bedeutung der Sammlung ist der Allgemeinheit leider oft nicht bewusst“, meint Bräuchler. „Pflanzen ziehen einfach nicht.“ Evolutionsbiologe Martin Lödl, Leiter der II. Zoologischen Abteilung am NHM, bestätigt die Schwierigkeit, Auswirkungen

der aktuellen Klimaveränderungen vorherzusagen: „Unsere Modelle eignen sich zum Verstehen, aber nicht wirklich für Vorhersagen. Abgesehen davon gibt es sowieso zu wenige Daten“, sagt er. Lödls Abteilung beschäftigt sich mit Insektenkunde. Er ist „Chef der Insekten“, wie er selbst sagt. Mit einer Million Arten sind Insekten die größte Tiergruppe, die es gibt. Sie bilden außerdem die größte Biomasse und sind die zentrale Ernährungsquelle aller Tierarten. „Würde man für jede existierende Art einen Legostein nehmen und daraus einen Turm bauen, wäre dieser zwanzig Kilometer hoch“, so Lödl. Bei den Insekten zeigt sich, ähnlich wie bei den Pflanzen, eine mäßige Verschiebung ihrer Ausbreitung in die Höhe und in nördliche Richtung. „Bezogen auf die Insektenwelt haben wir es im Moment mit einer moderaten Erwärmung zu tun“, erklärt Lödl. „Betrachtet man die Situation allerdings im großen Rahmen, befinden wir uns aktuell eigentlich in einem der kältesten Abschnitte der Erdgeschichte, auf dem Weg in eine neue Eiszeit.“ Diese Phase der langsamen Abkühlung ist dadurch gekennzeichnet, dass die Temperatur über Tausende von Jahren sinterterrassenförmig nach unten geht. Unter diesem Aspekt sei die momentane Erwärmung mittelfristig eigentlich begrüßenswert. „Der Mensch ist gegen tiefe Temperaturen nicht gefeit und kann mit Wärme viel besser umgehen“, meint Lödl, schränkt aber gleichzeitig ein: „Die Richtung stimmt zwar, aber die Gründe, warum es wärmer wird, sind falsch.“ Diese herauszufinden erweist sich allerdings als schwierig. Es handelt sich hier um ein hochkomplexes System, das aus vielen Handlungssträngen in einer Zeitachse besteht, die in dieselbe Richtung gehen und miteinander verwoben sind. Wie sich eine Veränderung in einem Strang auf die anderen Stränge auswirkt, ist überhaupt nicht vorhersagbar“, betont er. „Die Auswirkungen menschlichen Handelns auf den Klimawandel kann man daher gar nicht genau feststellen.“ Unbestritten bleibt allerdings, dass sich das Klima verändert. Klimawandel ist definiert als eine signifikante Wettersituation verglichen mit dem Durchschnitt der letzten dreißig Jahre. Was bezogen auf die gesamte Erdgeschichte wie ein Wimpernschlag wirkt, ist für die Menschen, die heute leben, eine Bedrohung, zerstört Lebensräume von Pflanzen und Tieren. Ein wesentlicher Punkt ist für Martin Lödl dabei die steigende Anzahl der Menschen, die auf der Erde leben. „Je mehr wir werden, desto intoleranter sind wir gegenüber Fehlern im System. Wir haben den möglichen Lebensraum bereits dezimiert und dürfen die Auswirkungen nicht auf die leichte Schulter nehmen, sonst bleibt nichts mehr übrig.“

FOTOS: KURT KRACHER, PRIVAT

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Kasia, 7 Jahre: „Ich würde mir wünschen, dass mehrere Menschen mit Elektroautos fahren und das Klima schützen“


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Wer durch die Klimakrise gut verdient Einige Branchen ziehen Profite aus den Folgen der Erderwärmung

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omentan sind Meteorologen, Bodenbiologen, Ökologen und Toxikologen sehr gefragt. Doch während sie sich ihre Expertise maximal in „Publicity“ aufwiegen lassen können, gibt es Unternehmen und Branchen, die vom Klimawandel wirtschaftlich profitieren. Drei Kategorien von Klimakrisengewinnern Grob vereinfacht, lassen sie sich die Klimakrisengewinner in drei Kategorien aufteilen: Jene, denen die Sorge um die Umwelt Zulauf bringt. Also Unternehmen im öffentlichen oder privaten Verkehr wie Bahnbetreiber oder E-Fahrzeughersteller. Dazu kommen Unternehmen, die erneuerbare Energie anbieten, Fassaden dämmen oder energieschonende Technologien entwickeln. Sie sind in hohem Maße von Konsumenten abhängig: Gute Vorsätze, die nächste Reise mit der Bahn anzutreten, werden durch das Angebot eines 25-Euro-Flugs schnell über den Haufen geworfen. Die zweite Kategorie bilden jene, die auf die bereits spürbaren Auswirkungen der Klimaveränderung reagieren: Indem sie in heißen Sommern Kühlung versprechen oder trotz zu hoher Temperaturen Wintersport ermöglichen. Schließlich gibt es einen Schlag des Entrepreneurs, der aus extremen Folgen des Klimawandels Kapital schlägt, indem er auf Naturkatastrophen spekuliert. Windkrafterzeuger, Fassadendämmer, Bahnbetreiber Einige Unternehmen zeigen sich sehr zögerlich, einen Zusammenhang zwischen ihrem Geschäftserfolg und der Klimakrise zu sehen. „Ich antworte klar mit nein“, sagt Walter Wiedenbauer, CEO des Villacher Fassadendämmers Sto. „Der Hauptgrund für Fassadendämmung sollte ein behagliches Wohnklima sein, gepaart mit einer Energiekostenreduktion für die Bewohner“. So viel räumt Wiedenbauer aber schon ein: „Wenn in Zukunft aufgrund des Klimawandels mehr Wert auf die Reduktion des Energieverbrauchs gelegt wird, ist zu erwarten, dass auch unsere Branche davon profitiert.“ Beate Zöchmeister vom niederösterreichischen Windkrafthersteller WEB Windenergie beruft sich auf den langen Atem der Geschichte: „Uns gibt es schon viel länger als die Klimadebatte. Sie verleiht uns jetzt nur größere Sichtbarkeit.“ Vor fünfundzwanzig Jahren ist die WEB – der Name steht für „Windenergie bringt’s“ – gegründet worden. 1995 hat sie unter Beteiligung von 96 Privatpersonen eines der ersten Windkraftwerke Österreichs in Michelbach bei St. Pölten hochgezogen. Heute ist WEB laut eigener Darstellung mit 3.900 Aktionären Österreichs größtes Bürgerbeteiligungsunternehmen im Bereich der erneuerbaren Energie. Sie betreibt an Standorten in Österreich, Deutschland, Frankreich, Italien, Tschechien, ­Kanada und den USA 239

TEXT: BRUNO JASCHKE

„Das Angebot der Nachtzugreisen wird als Alternative zu Flugreisen begriffen BERNHARD RIEDER, ÖBB

„Wenn in Zukunft aufgrund des Klima­w andels mehr Wert auf die ­Reduktion des Energie­ verbrauchs gelegt wird, ist zu erwarten, dass auch unsere Branche davon profitiert“ WALTER ­W IEDERBAUER, CEO DES FASSADEN­ DÄMMSTOFF­ ERZEUGERS STO

Windkraftanlagen, 24 Photovoltaikanlagen sowie drei Kleinwasserkraftwerke und versorgt rund 700.000 Menschen mit Strom. Seit dem Jahr 2010 haben sich die Umsätze mehr als verdoppelt. Auch bei den ÖBB stehen die Zeichen auf Wachstum: 2018 wurde mit 260 Millionen Fahrgästen ein Rekord erzielt. Für Sommer 2019 zeichnen sich weitere Zuwächse in der Höhe von etwa zehn Prozent ab. Die Umsatzerlöse wurden seit 2015 kontinuierlich gesteigert, 2018 um 2,2 Prozent auf 5,64 Milliarden Euro. Zumindest eines lasse, so mutmaßt ÖBB-Pressesprecher Bernhard Rieder, deutlich ein vermehrtes grünes Gewissen erkennen: deutliche Zuwächse bei Nachtzugreisen. „Das war früher eine eingeschränkte Zielgruppe, die nun stark zunimmt. Das Angebot der Nachtzugreisen wird offensichtlich als Alternative zu Flugreisen begriffen. Da scheint wirklich eine größere Gruppe von Menschen bestrebt zu sein, der Umwelt etwas Gutes zu tun.“ Klimaanlagen, Hochwasserschutz und Schneekanonenhersteller Bei Unternehmen, deren Geschäftserfolg in der Bekämpfung oder wenigstens Linderung von Folgen des Klimawandels besteht, hat eine Sparte massiv zugenommen: die Hersteller von Klimaanlagen. In den USA sind nahezu neunzig Prozent aller Haushalte mit einer Klimaanlage ausgerüstet. In Österreich will sich laut Erhebung des Marktforschungsinstituts marketagent.com jeder Dritte, in Wien sogar jeder Zweite in absehbarer Zeit eine zulegen. Die weltweit größte Nachfrage nach Klimaanlagen herrscht in China. Sie steigt aber auch in den prosperierenden Teilen Indiens und Südostasiens rapide an. Es gibt relativ wenige Unternehmen, die fast ausschließlich Klimaanlagen produzieren. Der chinesische Hersteller Gree Electric, der sich mit Niedrigpreis-Geräten an den südostasiatischen Markt richtet, ist mit umgerechnet 26 Milliarden Euro im Jahr 2018 der weltweite Umsatzriese. Sein japanischer Konkurrent Daikin, der mit teureren, aber energiesparenden Geräten hauptsächlich auf die Industrienationen abzielt, brachte es im Vorjahr auf 17,5 Milliarden Euro und in den letzten fünf Jahren auf eine Steigerung von 87 Prozent. Bei den Großkonzernen LG, Mitsubishi und Toshiba sind Klimaanlagen nur eine Produktgruppe unter mehreren. Sie kommen umsatzseitig auf jeweils fünf bis sieben Prozent des Weltmarkts. Die Auswirkungen des Klimawandels zeigen sich sommers auch in Form starker Regenfälle. Es reichen bereits lokale Unwetter, um Straßen, Wiesen und Keller unter Wasser zu setzen. Die Hochwasser von 2002 und 2013 haben auch in Österreich gezeigt, welche dramatischen Folgen spezifische Wettersituationen haben können.

Durch solche Unwetter werden die Dienste von Unternehmen wie ME Hochwasserschutz immer stärker in Anspruch genommen. „Die Nachfrage ist gestiegen“, bestätigt Firmenchef Michael Edinger. „Das ist nicht notwendigerweise auf die mediale Berichterstattung über den Klimawandel zurückzuführen. Aber die Menschen spüren, dass sich etwas verändert und treffen Vorkehrungen.“ – Hochwasserschutz als Ergänzung zum Hausbau. Die Erderwärmung ist auch im Winter zu spüren, besonders in den Wintertourismusregionen. Braune Pisten und stillstehende Lifte beeinträchtigen indirekt die Bilanzen der Beherbergungsbetriebe und Liftgesellschaften. Ohne Schneekanonen gäbe es längst keinen Skitourismus mehr. Damit können Schneekanonenhersteller wie der Südtiroler Marktführer TechnoAlpin sehr gut leben. Das unternehmen macht einen Jahresumsatz von 200 ­Millionen Euro. Schneekanonen werden allerdings von Umweltexperten besonders stark kritisiert. Ihnen zufolge tragen sie mit ihrem hohen Energie- und Wasserverbrauch zur Klimakrise bei. Katastropheninvestoren, Risikomanager, Versicherungen und die Agrarindustrie Bietet die Klimakrise auch Zukunftsperspektiven? Findigen Investoren sehr wohl. Sie kommen größtenteils aus dem Land, das in den letzten Jahren vermehrt von Überschwemmungen, Wirbelstürmen und Flächenbränden heimgesucht worden ist, dessen Präsident aber hartnäckig die Existenz eines Klimawandels leugnet: den USA. Kurz bevor 2017 die Hurrikane Harvey und Irma Texas bzw. Florida verheerten, investierte der Hedgefonds-Manager Rod ­Hinze in regionale Hotels, weil er einen enormen Bedarf an Notunterkünften vorausgesehen hatte. Mit Erfolg. David Vogel, ein Risiko-Manager, sieht im Ansteigen des Meeresspiegels, in verheerenden Stürmen und Dürreperioden ein gewaltiges Geschäftspotenzial für Versicherungen, Gesundheitsvorsorge und Agrarindustrie. In Erwartung von Überflutungen in Meeresnähe hat er in North Carolina Land auf 600 Metern Seehöhe erworben. Andere Investoren kaufen derzeit noch billige Anleihen von Städten mit geringem Klimarisiko und zielen auf hohe Margen, wenn der Markt infolge der Klimakrise auf eine veränderte Nachfrage reagiert. Ein Bericht auf dem Portal des Finanzdienstleisters Bloomberg zeigt, dass sich die Manager der Ambivalenz ihres Handelns durchaus bewusst sind. „Ich würde in der nächsten Sekunde diese Investitionschancen aufgeben, wenn die Menschen aufhören würden, die Umwelt zu verschmutzen“, sagt David Vogel. Er hofft darauf, dass Investoren als eine Art gesellschaftliche Alarmsirene funktionieren: „Wenn man aus so etwas Geld herausschlagen kann, bekommt es Aufmerksamkeit.“


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Hayet, 7 Jahre: „Viel Obst und Gemüse haben schon eine lange Fahrt hinter sich. Wir müssen Obst aus Österreich kaufen“


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:  VO N A B I S Z

:   F R E I H A N D B I B L I OT H E K

Klimakrise: Das Glossar

BUCHEMPFEHLUNGEN ZUM THEMA VON EMILY WALTON

JOCHEN STADLER

1,5-Grad-Ziel  Laut Weltklimarat ist es für die Menschheit immer noch erreichbar, die Globale Erwärmung auf durchschnittlich 1,5 Grad Celsius zu beschränken, was deren Folgen minimiert. 2-Grad-Ziel  Beim Übereinkommen von Paris festgelegtes Vorhaben, den Klimawandel nicht über zwei Grad Celsius steigen zu lassen, was aber immer noch die Gefahr einer „Heißzeit“ birgt. Ambitionierte Klimaschutzpolitik   Derzeit weltweit eine Utopie. CO2-Abscheidung und -Speicherung   Anstatt weniger CO2 auszuscheiden, könnte man es bei den Schloten und Auspuffen abfangen und irgendwo unterirdisch dauerlagern. Ob dies effizient und ungefährlich funktioniert, ist ungewiss. CO2 (Kohlendioxid)  Treibhausgas, das zu sechzig Prozent zur Globalen Erwärmung beiträgt. Bleibt im Schnitt 120 Jahre in der Atmosphäre. CO2-Äquivalent  Ein Maß dafür, wie viel ein Kilogramm eines Gases verglichen mit CO2 in hundert Jahren zum Treibhausgaseffekt beiträgt. Dauerfrostboden  Taut der bisher ganzjährig in den Polar- und Gebirgsregionen gefrorene Boden durch den Klimawandel auf, werden Unmengen von CO2 und Methan frei. Defossilisierung  Die Abkehr von fossilen Treibstoffen als Energieträger. Elektroautos  Die klimafreundliche Alternative zu Benzin und Diesel verrauchenden SUV. Extremereignisse  Stürme, Überschwemmungen, Dürren und andere „Naturkatastrophen“ werden erwiesenermaßen durch den Klimawandel häufiger. Fossile Brennstoffe  Kohle, Erdöl und Gas. Beinhalten Unmengen, in Millionen von Jahren angesammelten Kohlenstoff, der nun in einem „Augenzwinkerzeitraum“ als CO2 freigesetzt wird. Fridays for Future  Protestbewegung, ausgehend von Schülern und Studierenden, die von Entscheidungsträgern weltweit eine ambitionierte Klimapolitik einfordern. Geoengineering  Abblocken von Sonnenstrahlen, bevor sie in die Atmosphäre eindringen, zum Beispiel mit Schwefeldioxid oder Nanopartikeln. Ob das funktioniert und wie gefährlich das ist, weiß niemand. Globale Erwärmung  Durch das Verheizen fossiler Brennstoffe, die Abholzung der Wälder und die intensive Landwirtschaft steigen die Durchschnittstemperaturen der Atmosphäre und der Meere. Je nachdem, ob wir weitermachen wie bisher oder gegensteuern, prognostizieren Wissenschafter bis zum Jahr 2100 einen Anstieg um 1,5 bis 9,5 Grad Celsius. Klima  Das durchschnittliche Wetter. Klimadebatte  Der Versuch von

Klimaleugnern über die wissenschaftlich erwiesenen Tatsachen zu diskutieren, dass das Weltklima wärmer wird und die Menschen dies verursachen. Klimaflüchtling  Muss seinen Lebensraum verlassen, weil dieser etwa im Meer versinkt, zur Wüste wurde, oder ständig von Extremereignissen heimgesucht wird. Klimaleugner  Nennen sich „Klimaskeptiker“ und bestreiten den maßgeblichen menschlichen Einfluss auf das Klima. Klimasensitivität  Wie stark die weltweite Durchschnittstemperatur steigt, wenn sich die Menge der Treibhausgase in der Atmosphäre verdoppelt. Laut Weltklimarat zwei bis 4,5 Grad Celsius. Klimaverlierer  Dazu gehören vor allem Menschen in den Entwicklungsund Schwellenländern sowie sehr viele Tier- und Pflanzenarten weltweit. Klimawandel  Früher natürliche, heute menschengemachte Änderung des Klimas. Wird auch Globale Erwärmung genannt. Klimakrisengewinner  Invasive Pflanzen- und Tierarten. Aber auch Menschen können in manchen Regionen vom Klimawandel profitieren, weil sie etwa auf einmal teuren Wein statt billigem Weizen anbauen können. Lachgas  Hat das 300-fache Treibhauspotenzial von CO2, bleibt im Schnitt 114 Jahre lang in der Luft und trägt fünf bis sechs Prozent zum Klimawandel bei. Kommt vorwiegend aus der Landwirtschaft. Landwirtschaft  Muss sich durch den Klimawandel umstellen, viel mehr bewässern, andere Sorten anbauen und vermehrt mit Ausfällen rechnen. Meeresspiegel  Steigt aktuell durch das Abschmelzen der Gletscher und Polarkappen. Methan  Gas mit dem 25-fachen Treibhauspotenzial von CO2, das neun bis 15 Jahre in der Atmosphäre bleibt. Stammt aus der Landwirtschaft, Industrie und Sümpfen und trägt zwanzig Prozent zur Globalen Erwärmung bei. Sonnenaktiität  Hatte bis vor Kurzem den größten Einfluss auf das Klima der Erde. Treibhausgase  Lassen Sonnenlicht durch die Atmosphäre, aber keine Wärmestrahlen, die von der Erde kommen. Ohne sie hätten wir auf der Erde im Schnitt Minus 18 Grad Celsius. Übereinkommen von Paris  Internationale Vereinbarung von 2015. Damals haben sich Staatsvertreter geeinigt, die Globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu beschränken. Weltklimarat/IPCC  Wurde von den Vereinten Nationen und der Weltorganisation für Meteorologie gegründet, um die Risiken der Globalen Erwärmung zu beurteilen und erörtern, wie man sie vermeiden oder sich anpassen kann.

Wie bekommt meine Familie den Klimawandel konkret zu spüren?

Wie wird  die Erde in fünfzig Jahren aussehen?

Joseph Romm, Physiker, Autor und Experte im Bereich des Klimawandels, liefert eine griffige Aufarbeitung der relevanten Aspekte. Neben Fakten und Erklärungen bietet er Antworten auf Fragen, die den Einzelnen betreffen. Etwa: Wie wird meine Familie konkret den Klimawandel zu spüren bekommen? Was bedeutet er für den Besitz von Grund und Boden? Wie wirkt sich die Entwicklung auf Investitionsmöglichkeiten aus? Welche Energiequellen werden mir meinen Strom liefern? Er macht das Thema greifbar und wichtig, sodass ein Wegsehen schwieriger wird.

Wer glaubt, beim Klimawandel ginge es nur darum, dass der Meeresspiegel ein wenig steigt oder dass es im Sommer um ein paar Grad wärmer wird, hat kaum etwas verstanden. Aufklärung gibt Journalist David Wallace-Wells. Sein Buch ist eine Art futuristischer Reisebericht, ein Streifzug durch die nächsten fünfzig Jahre. Er zeigt, wie die Erde in den kommenden Jahrzehnten aussehen wird – Klimakriege, wirtschaftliche Verwüstung und Nahrungsmittelknappheit nicht ausgeschlossen. Ein Weckruf für alle, die bislang das Thema ignoriert haben.

Climate Change. What Every-  one Needs to Know. Von ­Joseph Romm. Oxford University Press, 352 S.

The Uninhabitable Earth: Life After Warming. Von David  Wallace-Wells. Tim Duggan Books, 320 S.

Private ­Ängste überwinden, um gemeinschaftlich zu handeln

Klimaforschung in der ehemaligen Donaumonarchie

Woran liegt es, dass die Menschen ein gravierendes Problem erkennen, aber es verabsäumen zu handeln? Oft stehen Vorurteile, über Jahrzehnte gelebte Werte und anerzogene Verhaltensweisen im Weg. Diese können je nach gesellschaftlicher Gruppe stark unterschiedlich sein. Für George Marshall liegt die Lösung für die Zukunft darin, jene Faktoren zu fokussieren, die alle Menschen eint, unabhängig von geografischen oder sozialen Merkmalen wie den evolutionsbedingten Instinkt, die eigene Familie zu retten, Todesfurcht oder die Wahrnehmung von akuter Gefahr.

Welche Auswirkungen unser Verhalten auf das Klima in den kommenden Jahrzehnten haben wird, wird mittels komplexer Berechnungen und aufwendiger Technologien untersucht. Mittel und Methoden haben sich enorm weiterentwickelt, doch die Klimawissenschaft ist längst nicht so neu wie man meinen könnte: Deborah Coen widmet sich den Forschungen im 19. Jahrhundert im Reich der Habsburger. So untersuchte etwa Julius Hann, wie die Diversität des weitreichenden Gebiets der Donaumonarchie sich auf das Klima – Winde und Stürme – auswirken würde.

Don’t Even Think about It: Why Our Brains Are Wired to Ignore Climate Change. Von George Marshall. Bloomsbury, 272 S.

Climate in Motion: Science, Empire, and the Problem of Scale. Von Deborah R. Coen. The University of Chicago Press, 464 S.


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: GEDICHT

ERICH KLEIN

WETTERBERICHT

Richard Wall Der Autor und Künstler Richard Wall (Jg, 1953), einmal als „wahrscheinlich bodenständigster und reisefreudigster Schriftsteller Österreichs“ bezeichnet, veröffentlichte Lyrik, Prosa und Reiseskizzen. Bevorzugte Orte: Wittgensteins Irland, Rom, das Mühl- und das Waldviertel. Zuletzt erschien im ­Löcker Verlag der Gedichtband „Streumond und Nebelfeuer“.

Noch kein einziges Mal Schnee geschaufelt In diesem Winter, kein Anschnallen der LanglaufSchier im Garten, kein Losstapfen querfeldein Den Hügel hinauf hinterm Haus. Stattdessen Das Losbrechen eines Orkans nur eine Woche Später als das Jahr zuvor, einen Tag lang wogten

:  WA S A M E N D E B L E I BT

Die Bäume, brachen Wipfel, flogen Äste, Dachziegel, Rollten Plastikbahnen und Eimer über die Felder – . Heute Morgen im Garten gründlich eingesammelt Die Drift vom Vortag, Teerpappefetzen vom Dach Der Gartenhütte. Fortgeweht auch die Vögel, Weder Amsel noch Meise noch Rotkehlchen

Im Gezweig. Ich hole Brennholz und streue GetreideKörner den Hühnern, die mit zerzaustem Gefieder Losziehen, der Hahn voran durchs windgestriegelte Gras, Wasser haben sie noch vom Vortag in der Tränke, Doch das Regenwasser in der lehmigen Pfütze neben Den Himbeerstauden hat leergeleckt der Wind.

28. I. 2008 AUS: RICHARD WALL – STREUMOND UND NEBELFEUER (LÖCKER VERLAG 2019)

LÁSZLÓ LÁSZLÓ RÉVÉSZ (AUSSCHNITT) :  B I G P I C T U R E AU S B U DA P E ST

:   I M P R E SS U M Herausgeber: Armin Thurnher; Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 0043 1 536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at; Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.; Redaktion: Christian Zillner; Fotoredaktion: Karin Wasner; Gestaltung und Produktion: Andreas Rosenthal, Reini Hackl, Raphael Moser; Korrektur: Martina Paul; Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau; DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar.

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Der wahre H. Peter Handke stand 1979 im flatternder Leinenanzug vor der geöffneten Zugtür und wartete gelassen auf die Abfahrt von Venedig nach Wien. Niemand sprach den Popstar der Literatur an. „Ich möchte werden, wie einmal ein anderer gewesen ist!“ Stunde der wahren Empfindung! Falsche Bewegung! „All die Namen in all den Telefonbüchern, wo findet da noch Leben statt?“ In „Langsame Heimkehr“ von 1979 wird allerdings ein ganz anderer Ton angeschlagen. Dem Geologen Sorger, den es nach Alaska verschlagen hat, attestiert der Erzähler „ein animalisch gewordenes, auf die Augenlider drückendes Bedürfnis nach Heil“. Vor allem sei Sorger durchdrungen „von der Suche nach Formen“. Was das bedeuten mochte, wurde in „Die Lehre der Sainte-Victoire“ deutlich. Darin heißt es im bis heute durchgehaltenen Sound: „Einmal bin ich dann in den Farben zu Hause gewesen.“ Der banalste Gegenstand konnte „einen Schimmer, der weder vom Licht jenes Tages noch von der Jahreszeit kam“ aufweisen. Das bedeutet: Die Welt ist gut! Es ist noch nicht taghelle Mystik, aber immerhin eine profane Erleuchtung. 1982 erfolgt bei der Uraufführung des Stücks „Über die Dörfer“ bei den Salzburger Festspielen eine folgenreiche, vielleicht fatale Wendung. Jenseits solitärer „Heilsmäßigkeit“ werden wieder gesellschaftsrelevante, gemeinschaftsstiftende Antworten vorgeschlagen. Das Spiel über Hinterlassenschaft und Erbschaftskonflikt, das zugleich den Abschluss eines „Ins tiefe Österreich“ betitelten Zyklus ist, beginnt mit: „Du bist in einem Land, das so klein ist wie bösartig.“ Im Schlussmonolog spricht die Protagonistin Nova in bisweilen stockender Tirade: „Dankbarkeit ist die Begeisterung, und erst das Bedankte erscheint als die Dauerform – erst die Dankbarkeit gibt den Blick in die weite Welt.“ Nova steht dabei auf einer Leiter hoch im Bühnenraum und hebt die Hand gegen das offene Dach der Salzburger Felsenreitschule, über das in diesem Moment ein Flugzeug fliegt. Die Zeit steht still: „Der Friede ist die einzige rechtmäßige Macht. Und die Freundschaft. Der ewige Friede ist möglich!“. Der bei dieser Vorstellung anwesende Handke schreibt in sein Notizbuch: „Das Blau des Himmels zieht wieder einmal weg nach Süden (letzte Vorstellung ÜdD, 12h30); nein, das Blau kommt zurück.“


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