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HEUREKA 4/18

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HEUREKA #42018 Österreichische Post AG, WZ 02Z033405 W, Falter Zeitschriften GesmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien

D A S W I S S E N S C H A F T S M A G A Z I N A U S D E M F A LT E R V E R L A G

Gedenken!

FOTO: KARIN WASNER

Erinnerungskultur in Österreich

So groß war der Hass! Der 96-jährige Exgewerkschafter und Exbanker Heinz Kienzl erinnert sich an Kaiser und Krieg. Seite 12

Familienerinnerungen Die Schriftstellerin Irmgard Kramer über den Gedenkversuch in ihrer Verwandtschaft. Seite 16

Logik für die Praxis Der Logiker Georg Gottlob erklärt die Bedeutung der Logik für unseren Alltag. Seite 22


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in tro d u k tio n   :   h eu r e ka 4/18   FALTER 26/18  3

Christian zillner

A u s d e m I n h a lt

:  e d i to r i a l

Verinnern Wolgograd im Juni 2018. Fußball-

Fotos: Foto Fayer, Erich Klein, Wikipedia/Amanda Slater, christopher Mavrič

Wessen Republik?  Seite 14

WM-Spiel England gegen Marokko.

Das Erinnern an die Geschichte der Republik unterliegt dem politischen Konflikt der Parteien

Eine Familie versucht sich zu erinnern  Seite 16 Kopf im Bild  Seite 4 Joéo Alves, Professor für ­Stellare Astrophysik an der Universität Wien, hat eines der begehrten Harvard-Stipendien erhalten

Die Schriftstellerin Irmgard Kramer über den Gedenkversuch in ihrer Verwandtschaft

So groß war der Hass!  Seite 12

Lückenhafte Erinnerung  Seite 18

Der 96-jährige Exgewerkschafter und Exbanker Heinz Kienzl erinnert sich

Frauen waren in der Geschichte lange Zeit unsichtbar. Mittlerweile gibt es Geschlechtergeschichte

Glossar und Bücher zum Thema  Seite 20

Begriffe und Bücher zur Erinnerungskultur, manchmal auch provokant

Mohnblumen für Kriegstote  Seite 8 Wie man sich in Großbritannien an die Opfer der Kriege des Vereinigten Königreichs erinnert

Gedicht und „Was am Ende bleibt“  Seite 23 Erich Klein über die Erinnerungsarbeit der Architekten Hermann Czech und Friedrich Kurrent

Logik für die Praxis  Seite 22 Der Logiker Georg Gottlob über die Bedeutung der Logik für Land und Leute

Der deutsche Fußballkommentator bereitet das Publikum auf das Spiel vor. Im Zuge seiner Erklärungen erinnert er daran, dass die Stadt einst Stalingrad hieß und die Deutschen hier Hunderttausende Menschen umgebracht haben. Weder steht die deutsche Nationalmannschaft am Rasen noch hat das Ganze mit Deutschland zu tun. Aber die deutsche Erinnerung ist so ernst wie einst der Eroberungswille. Im Territorium der Erinnerung halten „die Deutschen“, zu denen auch verschämte Ostmärker zählen, Europa noch immer besetzt. Wien im November 2018. Da werden wir an die Pogromnacht am 9. November 1938 erinnert werden. Damals wurden in der Stadt rund hundert Synagogen und Betstuben von eifrigen Ostmärkern zerstört, 27 jüdische Mitbürgerinnen und -bürger ermordet, 88 verletzt und 6.500 von ostmärkischen Organen verhaftet. Im Projekt „OT“ des Jüdischen Museums Wien wird mit ­Lichtinstallationen der Künstlerin Brigitte Kowanz dieser ­Wiener Schandtat gedacht. Viele fürchten, mit dem Sterben der letzten Zeitzeugen des Holocaust werde auch die Erinnerung daran schwächer. Das fürchte ich nicht. Aber Erinnerung hat uns noch nie davon abgehalten, einander die größten Grausamkeiten anzutun.

:  g a st ko m m e n ta r

Regionale Verankerung und internationale Orientierung

Foto: gerhard berger

Tilmann Märk

Als größte Bildungs- und Forschungseinrichtung in Westösterreich stehen Kooperationen in der Region und im benachbarten Ausland sowie die Orientierung am internationalen Spitzenfeld im Fokus der Universität Innsbruck. Die Qualität des wissenschaftlichen Arbeitens an unserer Universität zeigt sich in hervorragenden Publikationen, im erfolgreichen Einwerben von kompetitiv vergebenen Drittmitteln, in Preisen und Auszeichnungen, an der großen Zahl von Stiftungsprofessuren und vielen Kooperationen mit anderen renommierten Forschungseinrichtungen. Knapp 40 Prozent unserer Wissenschafter und 41 Prozent der Studierenden kommen aus dem Ausland, rund 70 Prozent der Publikationen in Web of Science gelisteten Fachzeitschriften wurden gemeinsam

mit ausländischen Ko-Autoren verfasst. Diese internationale Positionierung bestätigen auch aktuelle Hochschulrankings, die unsere Alma Mater als außerordentlich weltoffen und international durchmischt ausweisen. Dass sich die Universität Innsbruck nicht nur in Internationalitätsrankings bewährt, zeigt auch die Tatsache, dass wir im angesehenen Academic Ranking of World Universities („Shanghai-Ranking“) auf den Plätzen 151 bis 200 und damit

Tilmann Märk ist Rektor der Universität Innsbruck

gleichauf mit der Universität Wien als beste Universität Österreichs gelistet sind. Die Universität bringt nicht nur ein studentisches und internationales Flair nach Innsbruck, sondern sie prägt das Land Tirol und die erweiterte (Euregio-)Region durch die vielen Absolventen und Absolventinnen sowie durch universitäre Startups, Kooperationen mit der Wirtschaft, dislozierte Studienangebote und einem aktiven Wissens- und Technologietransfer. Auch in Zukunft wollen wir diese Rolle als Impulsgeber der Lokal- und Regionalentwicklung halten und weiter ausbauen: In unseren fünf Forschungsschwerpunkten „Alpiner Raum: Mensch und Umwelt“, „Molekulare Biowissenschaften“, „Kulturelle Begegnungen – kulturelle Konflikte“, „Physik“ und „Scientific Computing“

beschäftigen sich Wissenschafter mit den gesellschaftlichen Herausforderungen der kommenden Jahre. Auch mit unseren geplanten Digitalisierungsmaßnahmen reagieren wir auf die Anforderungen der Zukunft: Neben einer entsprechenden Umgestaltung der Studienpläne und neuen Studienangeboten werden zwölf Nachwuchsprofessuren und drei §98-Professuren berufen. Sie befassen sich im Rahmen des Forschungsschwerpunkts Digital Sciences quer über alle Fachrichtungen mit dem Thema Digitalisierung. „Regionale Verankerung und internationale Orientierung prägen das Selbstverständnis der Universität Innsbruck“, heißt es im neuen Entwicklungsplan unserer ­Institution. Gemäß diesem Selbstverständnis werden wir auch weiterhin intensiv arbeiten.


4  FALTER 26/18   h eur eka 4/18  :   p ersönl ic h k e ite n

:  ko p f i m b i l d

Milchstraße „Es wird ein akademischer Himmel sein“, strahlt João Alves, Professor für Stellare Astrophysik an der Universität Wien. Er hat gerade eines der begehrten Harvard-Stipendien erhalten. Am dortigen Radcliffe Institute for Advanced Study wird er nun „die genaueste 3-D-Karte unserer Galaxie erstellen“. Die Milchstraße besser zu kennen helfe zu verstehen, wie die Natur Sonnen, Erden und wahrscheinlich auch das Leben forme. „Wir leben im goldenen Zeitalter der Astronomie und haben das Glück, mit hervorragenden astronomischen Daten arbeiten zu können, die immer schneller gesammelt werden“, sagt Alves. Noch nie sei man dem Universum so nahe gewesen. Die Chance, als RadcliffeFellow in fächerübergreifenden Forschungsgruppen zu arbeiten, bekommen weniger als 3,5 Prozent der Bewerber. „Ich werde mit fünfzig Gleichgesinnten unter einem Dach sein, von Musikern bis zu Mathematikern, von Künstlern bis zu Biologen, von Dichtern bis zu Physikern“, freut sich der Astrophysiker „auf ein Jahr ohne Verpflichtungen, rein zum Denken, Entdecken und um Ideen auszutauschen“. Text: Uschi Sorz Foto: christopher mavrič

:  j u n g fo rs c h e r

uschi sorz

Etienne Schneider, 29 An die Zeit vor dem Euro kann er sich dunkel erinnern. „Lange hatte ich die Vorstellung, Europa wachse zusammen“, sagt der Berliner, der in Wien seinen Master in Politikwissenschaft gemacht hat. „Stattdessen geriet der Integrationsprozess von einer Krise in die nächste.“ Als er sich 2015 für das besonders krisengebeutelte Griechenland engagierte, wurde er bald in seinem Glauben an „ein kleines Fenster der Möglichkeit für eine solidarische Entwicklung“ erschüttert. „Gegen die ökonomisch stärksten Länder lässt sich kein wirtschaftspolitischer Kurswechsel durchsetzen.“ In seiner Dissertation erforscht er darum, welche Entwicklungsprozesse und Interessen hinter der deutschen Position in der europäischen Wirtschaftsintegration stehen. „Und ich möchte herausfinden, welche Spielräume für Alternativen trotzdem bleiben.“

Katja Chmilewski, 31 „Ich möchte gesellschaftliche Entwicklungen verstehen“, sagt die gebürtige Hamburgerin über politikwissenschaftliches Denken. Das Fach hat sie zuerst in Marburg, dann in Wien studiert. Nun nimmt sie für ihre Dissertation Mobilisierungsprozesse am Beispiel eines Arbeitskampfes von Pflegepersonal in Deutschland unter die Lupe. „Mich interessiert die Frage, wie sich die Entstehung von sozialem Protest bzw. eines Streiks erklären lässt.“ Welche Rolle spielen Gefühle dabei? Und welche neuen Formen von Arbeitskämpfen entstehen vor dem Hintergrund sich wandelnder Arbeitsverhältnisse? In ihrer Arbeit bringt Chmilewski verschiedene Debatten zusammen, wie etwa die feministische, sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem mobilisierenden und demobilisierenden Potenzial von Affekt und Emotionen.

Tobias Boos, 32 2007 kam der Kölner nach Wien, um internationale Entwicklung und Politikwissenschaft zu studieren. Er erforscht den gesellschaftlichen Wandel und linke Regierungen in Lateinamerika in den letzten zwanzig Jahren. Seine Dissertation dreht sich um das komplexe Verhältnis von Mittelklasse und Populismus, speziell während der Kirchner-Regierungen in Argentinien. „Die Annahme, dass die Mittelklasse aufgrund moralischer Werte eine demokratisierende Kraft sei, wird wenig hinterfragt. Ich sehe mir deren Motive für die Unterstützung der Kirchners näher an.“ Etwa das Selbstbild, sich uneigennützig für fortschrittliche Projekte einzusetzen. „Sie hat ökonomisch stark profitiert, z. B. durch Verbesserungen im Bildungs- und Wissenschaftsbereich.“ Der Marietta-Blau-Stipendiat forscht in Quito, London und Madrid.

Fotos: VYHNALEK.COM, privat

Am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien forschen diese drei zu internationaler Politik und gesellschaftlichem Wandel


Ko m m e n ta r e   :   h eu r eka 4/18   FALTER 26/18  5

emily walton

martin haidinger

Florian Freistetter

Friedensprojekt

Nebelwerfer

Mehr als Physik

Höre ich Gedenkjahr, frage ich erst einmal nach: Welches genau? Heuer ist die Auswahl jener Jahre, denen gedacht wird, besonders groß: In Österreich handelt es sich meistens um 1918 (offizielles Gedenkjahr „100 Jahre Republik“) oder 1938 (Ausbruch des Zweiten Weltkriegs), seltener um 1968 und die „68er-Bewegung“. Was ist mit dem Revolutionsjahr 1848 bzw. 1948 und dem 70-Jahr-Jubiläum der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte? Von 1918 kommt man im Gespräch recht rasch auf 1938, umgekehrt genauso: Das Ende des Ersten Weltkriegs ist mit dem Beginn des Zweiten in unserem Geschichtsverständnis eng verknüpft. Aus europäischer Sicht muss man den Bogen eigentlich noch einmal um zwanzig weitere Jahre weiter spannen: Wer über 1918 und 1938 spricht, der sollte auch 1958 sagen. Denn mit den Römischen Verträgen, die am 1. Jänner 1958 in Kraft traten, wurde der Grundstein für das Europa gelegt, wie wir es heute kennen. Hätten Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, die Niederlande und Luxemburg damals nicht (als Vertiefung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl) die Europäische Atomgemeinschaft und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft gegründet, gäbe es wohl keine Europäische Union mit (noch) 28 Mitgliedern. Was damals in der Präambel des EWG-Vertrags festgehalten wurde, ist für viele längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden: Durch wirtschaftliche Zusammenarbeit sollen Frieden und Freiheit gefestigt und gewahrt werden. Das mag im Jahr 2018 unspektakulär und nach „no na“-Politsprech klingen. Dabei würde es wohl nicht schaden, sich diesen Grundgedanken der EU als Friedensprojekt immer wieder in Erinnerung zu rufen. Irgendwo, irgendwann zwischen der Regulierung der Gurkenkrümmung und dem x-ten Bericht über nächtliches Ringen der Staats- und Regierungschefs um das nächste gemeinsame Budget ist dieser zentrale Aspekt im Narrativ über Sinn und Zweck der Gemeinschaft weit in den Hintergrund getreten. Erasmus hin, offene Grenzen her, gemeinsame Währung schön und gut – in Relation zu dem, was die EU historisch gesehen gebracht hat, sind sie nicht mehr als feine Begleiterscheinungen. Sechzig Jahre Römische Verträge stehen für den am längsten währenden Frieden in der europäischen Geschichte. Das wäre eigentlich jedes Jahr ein Gedenkjahr wert.

Der englische WestminsterDemokrat, der im Wahlkampf durch seinen Wahlkreis tingelt und sich ein faires Match mit seinem Konkurrenten von der Gegenpartei liefert, war nicht das „Role Model“ der österreichischen Politik der Ersten Republik. In keiner Partei. Den Menschen von damals andererseits aus der sicheren Distanz mit hochgezogenen Augenbrauen vorzuwerfen, dass sie keine tauglichen Demokraten waren, ist so, als würde man die Europäer des Mittelalters dafür tadeln, sich nicht zweimal am Tag die Zähne geputzt zu haben. Naseweise Vorhaltungen dieser Art erinnern an den Witz, in dem der Vater dem Sohn erzählt, er sei in seiner Jugend noch ohne Internet aufgewachsen. „Ohne Internet?“ fragt der Sohn. „Wie bist du denn da in Facebook eingestiegen?“ Die Lehrmeinung der Sozialdemokratie ist bis heute, dass wahrhafte Demokratie ausschließlich dort herrscht, wo sie an der Regierung beteiligt ist. Entstehen andere Konstellationen, droht der Faschismus. Die ÖVP andererseits hatte bis in die 1970er Jahre mit größter Selbstverständlichkeit in ihrem Statut festgeschrieben, dass der Herr Bundeskanzler von Amts wegen Sitz und Stimme im Parteivorstand besitzt. Derart sicher war man sich in der schwarzen Partei, dass man auf ewige Zeiten den Kanzler stellen würde! Der erste

:  b r i e f au s b rü ss e l

:  h o rt d e r w i ss e n s c h a f t

:  f r e i b r i e f

SPÖ-Bundeskanzler, Bruno Kreisky,

hat zu Beginn seiner Minderheitsregierung 1970 die Chance auf seinen Platz im ÖVP-Gremium dennoch nicht wahrgenommen. Die einstigen Feinde der 1920er und 1930er Jahre haben nach 1945 das Kriegsbeil nicht tief genug verscharrt, dass es nicht immer wieder einmal ausgegraben würde, meist von Unwissenden, Böswilligen oder Ideologen mit Kampfauftrag. Wenn die Nachfahren, Nachläufer und Epigonen der damals Handelnden einander heute noch deren autoritäres Erbe vorwerfen, ist das nicht mehr als eine ­Wechselstube politischen Kleingelds. Sich und andere mit der Vergangenheit zu erpressen, kann nur in Finten und Mätzchen ausarten. Polemisch ausgeschlachtete Geschichten zur Geschichte behindern sachliche Diskussionen, die dringend geführt werden müssten, um Gegenwartsprobleme zu lösen. Besondere Schuld lädt auf sich, wer es besser wissen müsste: Intellektuelle, Journalisten, Essayisten und Internetblogger aller Schmierigkeitsgrade, die ihre gegenwärtigen Bürgerkriegsfantasien mit historischen Metaphern versehen und die geschichtlichen Tat­sachen zugunsten ihrer eigenen politischen Vorlieben vernebeln. Als ob das, was in den 1930er Jahren passiert ist, nicht schlimm genug gewesen wäre.

Zeichnung (ausschnitt)

:  F i n k e n s c h l ag   Handgreifliches von tone fink tonefink.at

„Philosophie ist tot“, meinte der mittlerweile verstorbene ­Physiker ­Stephen Hawking. Andere Naturwissenschafter sehen auch keinen Sinn in einer philosophischen Betrachtung ihrer Arbeit. Die Trennung der Disziplinen ist heute stärker denn je. Zum Teil zu Recht, denn Antworten auf die „großen Fragen“ wie nach dem Ursprung von Allem oder der Entstehung der Menschheit und unserer Zukunft zu finden, traut man heute eher der Physik, der Biologie und den anderen „harten“ Disziplinen zu als der unverbindlicheren Geisteswissenschaft. Trotzdem brauchen Natur- und Geisteswissenschaft einander, wie Carlo Rovelli, theoretischer Physiker und Mitbegründer der Schleifenquantengravitation, kürzlich in einem Aufsatz dargelegt hat. Das gilt für die Philosophie, aber noch viel mehr für die Wissenschaftsgeschichte. Wer heute neue Elementarteilchen entdecken will, mit CRISPR die Gene von L ­ ebewesen erforscht, oder auf die Suche nach habitablen Planeten anderer Sterne geht, kann das natürlich problemlos tun, ohne sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Aber will man die Resultate der Forschung (oder ihr Ausbleiben) entsprechend einordnen, muss man sich mit der Geschichte befassen. Wissenschaftliche Erkenntnisse kommen nie aus dem Nichts, sie bauen immer auf dem auf, was zuvor erforscht und verstanden wurde. Nur im Kontext der Geschichte lässt sich wirklich verstehen, wohin uns die neuen Ergebnisse und Entdeckungen leiten können. Und nur im Kontext der Geschichte kann man komplexe Forschung auch so zusammenfassen, dass sie für die Öffentlichkeit verständlich und interessant wird. Es liegt in der Natur der Wissenschaft, dass sie auf der Suche nach Neuland ist, nach Antworten auf Fragen, die noch nie beantwortet wurden. Man will Dinge sehen, die noch jemand zuvor gesehen hat und Phänomene verstehen, die bisher unverständlich waren. Die Wissenschaft muss nach vorne blicken, wenn sie erfolgreich sein will. Will sie aber auch weiterhin Teil der gesamten Gesellschaft bleiben, dann benötigt sie auch den Blick in die Vergangenheit. Die Geschichte erklärt, wie wir wurden, was wir sind. Die Naturwissenschaft sagt uns, was wir werden können. Nur zusammen können beide ihr volles Potenzial entfalten. Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/ astrodicticum-simplex


6  FALTER 26/18   h eur eka 4/18  :   Nac h r i c h te n

Seiten 6 bis 9 Wie Wissenschaft in ­unsere ­alltäglichen Lebensumstände eingreift und sie verändert

:  b i o lo g i e

Heuschrecken geht es an den Kragen Forscher der Uni Graz haben ein ­erstaunliches Biopestizid entwickelt joshua köb

Da sprach der Herr zu Mose: Recke deine Hand über Ägyptenland, dass Heuschrecken auf Ägyptenland kommen und alles auffressen.“ Nach sieben biblischen Plagen hat man schon Mitleid mit den Ägyptern, da schickt Gott via Mose auch noch die berüchtigten Wanderheuschrecken hinterher. So viele, dass der „Boden des ganzen Landes“ finster wurde. Noch heute suchen die gefräßigen Insekten viele Weltgegenden heim. Die Schwärme der Wüstenheuschrecke Schistocerca gregaria oder der europäischen Locusta migratoria umfassen bis zu einer Milliarde Exemplare. Wo es die Massen hinzieht, bleiben ganze Landstriche kahl zurück. Gegen sie hilft nur Gift. Nun gibt es eine gesunde Alternative zur Vertilgung: Das an der Universität Graz entwickelte und weltweit patentierte „Biogift“ verschont Menschen, Pflanzen und andere Insekten. „Da sich viele Pflanzen mit Ölen gegen eine ganze Bandbreite von Fressfeinden schützen, gingen wir auf die Suche nach einer Ölkombination.“ Zoologe Manfred Hartbauer fand mit der ägyptischen Doktorandin Zainab ­Abdelatti die richtige Mixtur. Wer die Formel, eine Emulsion aus Leinöl, Orangenschalenöl, Wintergrünöl und Kümmelöl, kennt, kann die Mischung selbst herstellen. Das Öl deaktiviert das Nervensystem der Insekten und lässt sie verhungern. Der Rest wird mit einer umweltverträglichen Lösung von den Feldern gespült. Die Biologen empfehlen, die toten Insekten zu rösten: „Durch das Biopestizid haben sie die Würze, und ihre Omega-3-Fettsäuren sind sehr gesund.“

:  b r i e f au s C a m b r i d g e

:  m at h e m at i k

A Farewell to Cambridge mit Ruderregatten und exklusiven Bällen

Wie bewegt sich ein Drehgelenk richtig?

„A Farewell to Cambridge“ ist ein Gedicht des chinesischen Dichters Xu Zhimo aus 1922. Chinesische Touristen erweisen ihm die Reverenz

Hans-Peter Schröcker berechnet Bewegungsabläufe

Lukas Schöppl

Uschi Sorz

Die beeindruckende Kapelle von King’s College ist wohl das beliebteste Fotomotiv der Touristen in Cambridge. Nachdem eine Gruppe chinesischer Touristen das sakrale Gebäude abgelichtet hat, pilgert sie zu einem unscheinbaren Stein, der kurz nach der Brücke über den River Cam am Wegesrand liegt. Auf dem Stein ist etwas in chinesischen Schriftzeichen gemeißelt. Die meisten Studierenden und Touristen ignorieren diesen Stein. Doch für alle chinesischen Besucher gehört er zum Pflichtprogramm. Er ist dem Dichter Xu ­Zhimo gewidmet, der von 1921 bis 1922 in Cambridge studiert hat. Als er die Heimreise antritt, schreibt Xu das Gedicht „A Farewell to Cambridge“ und stirbt kurze Zeit später bei einem Flugzeugabsturz. Auch für mich ist die Zeit in

Cambridge beinahe vorbei. Zeit, Abschied zu nehmen. Nachdem alle ihre Prüfungen absolviert haben, finden in den letzten Wochen des Trimesters Ruderregatten, Gartenpartys und die May Balls statt. Jedes College hält seinen eigenen exklusiven Ball ab. Für ein Ticket muss man bis zu 150 Pfund hinblättern, Essen und Getränke ebenso inkludiert wie (mittel-)große Music-Acts und ein einzigartiges College-Ambiente. Auch ohne diese Veranstaltungen, deren Preis einen ja förmlich dazu zwingt, Spaß zu haben, werde ich die Universitätsstadt in guter Erinnerung behalten. Ein „Farewell“ ist zwar ein „Lebewohl“, aber das muss ja nicht heißen, dass ich nie wieder zurückkomme. Und den Ryanair-Flug nach Hause überlebe ich hoffentlich auch.

:  Pa l äo g e n e t i k

Suche nach Neandertaler-Erbgut in Österreich im Gange Wie findet man Neandertaler in Österreich? Indem man den Sand untersucht, auf dem sie in Höhlen gelebt haben könnten jochen stadler

In Österreich gibt es ein paar Platzerln wie etwa die „Gudenushöhle“ im niederösterreichischen Kremstal, wo man Faustkeile und Schaber der Neandertaler gefunden hat, aber keine Überreste von ihnen selbst. Man könnte mittlerweile jedoch schon aus dem Sand in Höhlenböden menschliches Erbgut extrahieren und sequenzieren und somit direkt nachweisen, dass vor zigtausenden Jahren irgendwo Neandertaler gewesen sind, erklärt der schwedische Mediziner und Paläogenetiker Svante ­Pääbo bei einem Besuch in Wien gegenüber ­Falter Heureka. „Die DNA ist irgendwie an Mineralien im Sand gebunden. Mich hat eigentlich selbst überrascht, dass dieser Nachweis möglich ist“, erzählt Svante Pääbo, der am Max-PlanckInstitut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig forscht. Es ist aber viel weniger DNA im Sand als in Knochen enthalten. Die Forscher können nur nachweisen, dass es Neandertaler in dieser oder jener Höhle gab, aber nicht ihr Genom daraus rekonstruieren. „Das

Ganze ist sozusagen eine Art von forensischer Untersuchung, wer dort war“, erklärt Pääbo. Mit der neuen Methode könne man die einstige Gegenwart von Neandertalern in Höhlen nachweisen, wo keine Gegenstände und Knochen erhalten sind. „Wir machen das jetzt auch bei manchen Fundstätten in Europa, wo man nicht genau weiß, ob die entdeckten Kulturgegenstände von Neandertalern hergestellt wurden oder von modernen Menschen, weil sie von Übergangskulturen stammen“, sagt der Forscher.

Svante Pääbo gilt als Begründer der Paläogenetik

Ein Handgriff, ein leichtes Klicken, schon klappt das Schlafsofa auf. Nun noch die Lampe am Nachttisch so drehen, dass der Lichtkegel das Buch genau trifft. Perfekt. Wer denkt daran, dass hinter solchen Bequemlichkeiten ­handfeste

Hans-­Peter Schröcker, Universität Innsbruck Mathematik steckt? Wie müssen Gestell und Drehgelenke zusammenspielen, damit bewegliche Teile in technischen, medizinischen oder anderen Geräten gut funktionieren und es einem damit nicht ergeht wie Polizeipräsident Pilch in der Kultserie „Kottan“ mit dem heimtückischen Kaffeeautomaten? „Die auszuführenden Bewegungen zu planen ist die eigentliche Arbeit“, sagt Hans-Peter Schröcker. Der 43-Jährige ist assoziierter Professor am Institut für technische Wissenschaften der Universität Innsbruck und forscht im Arbeitsbereich Geometrie und CAD an Fragen der Kinematik. „Je nach Mechanismus gibt es teils recht schwierige geometrische oder mathematische Probleme zu lösen.“ Etwa, wenn nicht jede einzelne Möglichkeit innerhalb eines Bewegungsmodells bekannt ist. „Wir bestimmen dann Schlüsselpositionen und errechnen die fehlenden Punkte in einer Funktion.“ Es gebe aber auch Mechanismen, die sich nur schwer geometrisch charakterisieren lassen. „Da müssen wir riesige Gleichungssysteme lösen.“ Das Spannende daran: „Trotz intensiver Beschäftigung mit Theorie hat man am Ende etwas Konkretes, das man drehen, bewegen und tatsächlich bauen kann.“ Zur Mathematik fand er durch Zufall, da er die Aufnahmeprüfung in eine Schauspielschule nicht geschafft hatte. „Von meinem damaligen Vorgehen, nämlich ohne gründliche vorherige Information ein Studium zu beginnen, rate ich heute als Studiendekan ab“, schmunzelt er. „Bei mir war es wohl Glück, dass ich auf ein für mich so faszinierendes Fach gestoßen bin.“ Nach einem harten ersten Studienjahr war er fasziniert von „der strengen Logik und Klarheit des Denkens und der abstrakten Schönheit der Mathematik“.

Fotos: Frank Vinken, privat, aau/tinefoto, MedUni Wien/Matern, Universität Wien /Ursula Gerber

nachrichten aus forschung und wissenschaft


N ac h r ic h te n   :   h eu r eka 4/18   FALTER 26/18  7

:  e l e k t rot ec h n i k

:  a n t h ro p o lo g i e

Kamera-Drohne mit österreichischem Knowhow fliegt zum Mars

Feldarbeit und Getreide mahlen: So bekamen Frauen Muskeln

Unter dem Namen AMADEE-18 testeten österreichische Wissenschafter mit Kollegen aus anderen Ländern in der Wüste eine Marsausrüstung

Ganz ohne Kälbermastmittel und Fitnesscenter: Prähistorische Frauen hatten kräftigere Arme als heutige Spitzensportlerinnen

BARBARA FREITAG

Uschi Sorz

Im Jahr 2020 wird die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA wieder eine Mars-Mission durchführen. Mithilfe eines ferngesteuerten Rovers sollen geologische Bodenprozesse analysiert werden. An Bord wird auch der Mars-Helikopter sein, eine

Stephan Weiss, Universität Klagenfurt 1,8 Kilogramm leichte Kamera-Drohne, die ohne GPS-Signal navigieren kann. Der Vorteil der antriebsstarken Drohne mit zwei Rotorpaaren in der Größe eines Fußballes ist, dass Gebiete erkundet werden können, die der Rover nicht erreicht. An der Entwicklung des Mars-Helikopters hat der Österreicher Stephan Weiss, Elek-

trotechniker am Institut für intelligente Systemtechnologien der Universität Klagenfurt, entscheidenden Anteil. Er schrieb den Algorithmus, der die Navigation mittels Kamera ermöglicht. Diese Technologie wurde in den letzten Jahren kontinuierlich weiterentwickelt und bestand ihre Prüfung erfolgreich im Februar dieses Jahres im Oman. Dort führte das Österreichische Weltraumforum ÖWF unter dem Namen „AMADEE-18“ eine MarsSimulation zur Vorbereitung künftiger bemannter Missionen durch. Unter österreichischer Leitung lebten fünfzehn Personen in der Wüste von Dhofar unter marsähnlichen Bedingungen und testeten einen vom ÖWF entwickelten Mars-Anzug. Insgesamt waren rund 200 Menschen aus 25 Ländern beteiligt, die in den Bereichen Ingenieurstechnik, Astrobiologie, Geophysik, und Biowissenschaften experimentierten.

Die Steinzeit-Routine war schweißtreibend. Auch für Frauen. Das wurde lange unterschätzt. Zumindest haben bioarchäologische Studien bislang ausschließlich Frauen- mit Männerknochen verglichen. Doch männliche Knochen reagieren viel drastischer auf

Ron ­Pinhasi, Universität Wien Belastung als weibliche. Der Anthropologe Ron ­Pinhasi von der Universität Wien hat nun gemeinsam mit Kollegen von der Universität Cambridge die Knochen prähistorischer Frauen mit denen heutiger verglichen. Das Ergebnis: Frauenarbeit muss zurzeit der Entstehung der Landwirtschaft strapaziöser gewesen sein

als die Anforderungen an heutige, moderne Topsportlerinnen. Die Forscher analysierten die Oberarm- und Schienbeinknochen von Sportlerinnen wie Ruderinnen oder Läuferinnen sowie von eher unsportlichen Frauen aus unserer Zeit. Die jeweiligen Knochenstärken verglichen sie mit der von Frauen aus der neolithischen landwirtschaftlichen Ära bis hin zu mittelalterlichen Bäuerinnen. Während die Beinknochen der neolithischen Frauen ähnlich stark waren wie die heutiger Athletinnen, waren ihre Armknochen um elf bis 16 Prozent stärker. Eine Erklärung könnte neben der Feldarbeit das stundenlange Getreidemahlen sein. Ausgeführt von Hand zwischen zwei großen Steinen, bringt das mehr als das härteste Training im Spitzensport. Von den Couch-Potatoes mit oder ohne elektrische Getreidemühle wollen wir erst gar nicht reden.

:  m e d i z i n g e s c h i c h t e

Der unfreiwillige Exodus der besten Mediziner Mehr als die Hälfte des medizinischen Kollegiums der Universität Wien wurde von den Nationalsozialisten vertrieben Dieter hönig

Am 4. Juni 1938, um 15:25 Uhr, rollte der Orient-Express aus der Halle des Wiener Westbahnhofs in Richtung ­Paris. Mit an Bord saß eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der damaligen Zeit: Der 82-jährige Sigmund Freud verließ die Stadt, die er geliebt und die ihn schwer enttäuscht hatte, auf Nimmerwiedersehen. Andere bedeutende Wissenschafter taten es ihm gleich und bescherten in späterer Folge u.a. den USA eine Reihe von Nobelpreisträgern. Spät, aber doch, wurde am 4. Juni 2018 auf dem Gelände der Medizinischen Universität Wien eine überlebensgroße Freud-Statue zum Gedenken an den großen Wissenschafter aufgestellt und enthüllt. Gestaltet hat sie der Londoner Künstler ­Oscar ­Nemon. Damit wolle man einerseits die großen Leistungen Sigmund Freuds würdigen, aber sich auch der Verantwortung für dessen Vertreibung stellen, sagt der Rektor der MedUni Wien, Markus Müller.

„Der ‚Anschluss‘ ­Österreichs durch das nationalsozialistische Deutsche Reich war eine tiefe Zäsur in der Geschichte unserer Universität. Lange Zeit wurden die Folgen verschwiegen. Die verheerenden Auswirkungen des

Markus ­Müller, Rektor der MedUni Wien Jahres 1938, insbesondere die Vertreibung von mehr als der Hälfte des medizinischen Kollegiums aus rassistischen und antisemitischen Gründen, sollen vor allem eine Warnung an kommende Generationen sein.“ Mit diesem Exodus der Intelligenz wurde das intellektuelle Kapital des Landes verspielt, was zur Folge hatte, dass die Wiener Medizin jahrzehntelang nicht mehr auf internationaler Augenhöhe agieren konnte.

„Wenn man Infrastruktur vernichtet und mutwillig Talente vertreibt, zerstört man die Universität und damit eine der wichtigsten Grundlagen einer Gesellschaft sowie der Wirtschaftskraft eines Landes“, so Müller. Umso

Stephan Doering, MedUni Wien mehr bemühe man sich daher, Wien wieder zu einem international sichtbaren Wissenschaftsstandort zu machen. Tatsächlich verzeichnete die klinische Medizin in Österreich den stärksten Anstieg zwischen 1985 und 2008. Mitte der 1980er Jahre lag der österreichische Wissenschaftsout­put in der klinischen Medizin noch vierzig Prozent unter dem Weltdurchschnitt. 2008 lag er bereits 26 Prozent darüber.

In der Berggasse 19 lag Sigmund Freuds Wohnung in Wien. Sie gilt als eine der berühmtesten Adressen weltweit. „Freud ist nach wie vor der am meisten zitierte Forscher Österreichs mit einem Hirsch-Faktor von 282 und somit der einflussreichste Wissenschafter überhaupt“, sagt Stephan Doering, Leiter der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie der MedUni Wien. Doering freut es ganz besonders, dass Freuds Visionen an der MedUni Wien bereits erfüllt sind: Seit 1971 gibt es hier die Klinik für Psychoanalyse und somit auch ein ­Ambulatorium für sozial schwache Menschen, die Psychoanalyse auf Krankenschein erhalten. „Psychoanalytische Forschung wird bei uns ganz im Sinne Freuds betrieben, der sein Fachgebiet stets näher an die Medizin und Biologie herangerückt sehen wollte“, so Doering. Ab 2019 wird es an der MedUni Wien auch einen postgraduellen Lehrgang in Psychoanalyse und psychodynamischen Psychotherapien geben.


8  FALTER 26/18   h eur eka 4/18  :   Nac h r i c h te n

:  z e i tg e s c h i c h t e

Großbritannien: Mohnblumen in Gedenken an den Die Insel ist für ihre Erinnerungskultur bekannt. Kaum etwas seit der Steinzeit, an das dort nicht ausführlich erinnert wird. In diesem Jahr helfen insgesamt SOPHIE JAEGER

Jahr für Jahr stecken sich Millionen Briten und Britinnen jeden Alters An­ fang November eine Klatschmohn­ blüte aus Papier ans Revers. Zum Gedenken an die Opfer bewaff­ neter Konflikte und insbesonde­ re der beiden Weltkriege wird am ­Remembrance Day am 11. Novem­ ber sowie am ­Remembrance Sunday (2. Sonntag im November) die rote „­Remembrance Poppy“ (ErinnerungsMohnblume) getragen. ­Ursprünglich aus den Vereinigten Staaten stam­ mend, verbreitete sich die Ansteck­ blume nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs durch Aktionen der Vete­ ranenvereine auch im Vereinigten Kö­ nigreich und in den CommonwealthStaaten, dem damaligen Empire. Die Symbolhaftigkeit der roten Mohn­ blüte geht auf ein Gedicht eines in Frankreich stationierten Soldaten zurück: Als 1914 auf den zerbomb­ ten Feldern in Nordfrankreich der rote Klatschmohn trotz aller Zerstörung in voller Blüte stand, schrieb der Kana­ dier John McCrae das dreistrophige Gedicht „In Flanders Fields“, in dem er seine Impressionen der Mohnfelder nach den Schlachten verarbeitet. Erinnerung an den Tag des Waffenstillstands 1918 Der Feiertag am 11. November, um­ gangssprachlich oft als Poppy Day be­ zeichnet, wurde nach dem Ende des

Ersten Weltkriegs als Armistice Day (Waffenstillstandstag) eingeführt und gedenkt dem am 11. November 1918 unterzeichneten Waffenstillstand von Compiègne. Dieser Waffenstillstand, unterzeichnet in einem Eisenbahn­ salonwagen von Vertretern Großbri­ tanniens, Frankreichs und des Deut­ schen Reichs, beendete die Kampf­ handlungen des Ersten Weltkriegs und bereitete den Weg für die Pari­ ser Friedenskonferenz von 1918 und die darauffolgenden Friedensverträge zur Aufhebung des Kriegszustandes zwischen den Beteiligten. Mohnblumenkränze zur Erinnerung an die Kriegstoten Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Feiertag in Remembrance Day umbenannt, und seither wird am 11. November sämtlichen Gefallenen be­ waffneter Konflikte mit Beteiligung Großbritanniens gedacht. Am darauf­ folgenden Sonntag, dem sogenann­ ten Remembrance Sunday, findet in London die traditionelle Kranznieder­ legung am Kenotaphen, dem Denk­ mal für den unbekannten Soldaten, statt. Königin, Premierministerin so­ wie die höchsten diplomatischen Ver­ treter der Commonwealth-Staaten le­ gen nach einer zweiminütigen Stille im Rahmen einer Zeremonie Mohn­ blumenkränze nieder. Darbietun­ gen unterschiedlicher Militärmusik­

kapellen umrahmen musikalische die Feierlichkeiten, und zum Abschluss findet jedes Jahr eine große Vetera­ nenparade der Royal ­British Legion statt. Die Parade führt ebenfalls am Kenotaphen in Whitehall vorbei, auch werden wiederum zahlreiche Kränze niedergelegt. Keramikblumen zur Erinnerung und die Kritik daran Die ohnehin bereits omnipräsente Poppy, als Ansteckblume oder in Krän­ zen, hatte im Rahmen der Gedenkfei­ ern zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs im Jahr 2014 einen besonders großen Auftritt: Im Rahmen des Kunstprojekts „Blood Swept Lands and Seas of Red“ wur­ den im Graben des ­Tower of London tausende rote Mohnblumen aus Kera­ mik installiert. Die letzten der 888.246 Blumen, die symbolisch für britischen Opfer des Ersten Weltkriegs stehen, wurden vom damaligen Premiermi­ nister David Cameron am Vorabend des Remembrance Day 2014 hinzu­ gefügt. Obwohl die Installation Mil­ lionen Besucher anzog und sogar eine Unterschriftensammlung gestartet wurde, um den Abbau der Keramik­ blumen zu verschieben, war das Pro­ jekt der britischen Künstler Paul Cum­ mins und Tom Piper nicht unumstrit­ ten. Jonathan Jones, Kunstkritiker der britischen Tageszeitung The Guardian,

bezeichnete das Kunstwerk als „banal und selbstbezogen“. Besonders stieß sich der Kritiker an der Ästhetik des Kunstwerks, die mit einem grausa­ men und sinnlosen Krieg nichts ge­ mein habe: „Ein bedeutsames Denk­ mal für einen solchen Horror kann nicht ehrwürdig oder hübsch sein. […] Der Graben des Towers sollte mit Sta­ cheldraht und Knochen gefüllt sein. Das würde etwas bedeuten.“ Glockenklänge über der britischen Insel Trotz aller Kritik sind die Keramik­ blumen auch in diesem Jahr bei den Gedenkveranstaltungen präsent: Die beiden Filialen des Imperial War Mu­ seums in London und Manchester zei­ gen jeweils Teile der Installation im Rahmen ihrer Ausstellungen zum Ge­ denkjahr 2018. Zusätzlich ist das Jahr geprägt von eigens produzierten Do­ kumentationen der BBC, die laufend veröffentlicht werden und den Ver­ lauf des Ersten Weltkriegs aufarbeiten. Staatliche Förderungen ermöglichen am Remembrance Sunday ein Glo­ ckenspektakel mit 1.400 Glöcknern, die sämtliche Glocken Londons wie am Ende des Ersten Weltkriegs zum Klingen bringen werden. Den Ab­ schluss der Feierlichkeiten bildet wie jedes Jahr die Parade der Veteranen, die heuer weitaus größer angelegt wird als in den Jahren zuvor.

:  wa ss e rw i ss e n s c h a f t

Medikamente im Wasser Die Hydrobiologin Elisabeth-Bondar-Kunze über das Problem von Arzneimittelwirkstoffen

Diclofenac ist einer der Wirkstoffe, der als Rückstand in Gewässern nachgewiesen wurde. Welche gibt es noch? Elisabeth Bondar-Kunze: EU-weit sind mehr als 3.000 Wirkstoffe für medizinische Zwecke zugelassen: Schmerzmittel, Entzündungshem­ mer, Antibiotika, hormonelle Verhü­ tungsmittel oder Zytostatika für Che­ motherapien. Eine generelle Aussage über die Gefährlichkeit dieser Subs­ tanzen ist schwierig, da es nicht nur auf die Konzentration jedes einzelnen Wirkstoffes ankommt, sondern auch, wie sie in Kombination wirken und welche Wechselwirkungen entstehen können. Eine Rolle spielt auch, wie oft

Elisabeth ­Bodnar-Kunze, Hydrobiologin, BOKU Wien und wie lange diese Stoffe ins Wasser gelangen und wie die Temperatur be­ schaffen ist. Auch der genaue Ort, denn es macht einen Unterschied, ob die Substanz direkt im Wasser gelöst oder am Boden oder im Sediment eines Gewässers vorkommt Gibt es bekannte Gefahren für Mensch, Flora und Fauna?

Bondar-Kunze: Arzneimittel und Pes­ tizide wirken für viele Organismen, einschließlich Bakterien, Pilzen und Parasiten, toxisch. Amphibien wa­ ren eine der ersten Organismengrup­ pen, für die Auswirkungen von Anti­ babypillen nachgewiesen wurden. Seit 2015 wissen wir etwa, dass es durch Ethinylestradiol bei heimischen Laub­ fröschen und Wechselkröten zur soge­ nannten „Verweiblichung“ der männli­ chen Tiere kommen kann. Dieses Phä­ nomen kann Mitschuld am weltwei­ ten Amphibiensterben haben. Wie kommt das alles in die Gewässer? Bondar-Kunze: Die Rückstände kön­ nen natürlich schon während des

Herstellungsprozesses der Substan­ zen in Oberflächengewässer gelan­ gen. Bei Menschen werden siebzig Prozent des Wirkstoffes Diclofenac über den Urin an die Umwelt abgege­ ben. Antibiotika zur Behandlung von Fischen oder Garnelen in der Aqua­ kultur werden direkt in Oberflächen­ gewässer freigesetzt. Tierarzneimittel kommen durch Weidetiere in Böden oder Gewässer. Bei intensiver Tierhal­ tung können diese Arzneimittel durch Jauche in die Umwelt gelangen. Ein­ mal in der Umwelt, können sie von Mikroorganismen ab- oder umgebaut werden. Einige Abbauprodukte haben aber eine ähnliche Toxizität wie ihre Ausgangsverbindungen.

Foto: weinfranz

BARBARA FREITAG


N Ac h r ic h te n   :   h eu r eka 4/18   FALTER 26/18  9

:  w i ss e n s c h a f t l i c h e b ü c h e r au s ö st e r r e i c h

Ersten Weltkrieg

empfehlungen von erich klein

­ rei D ­Jahrhunderte Baustellen­ geschichte des Stephansdoms

Foto: Wikipedia/Amanda Slater

1.400 Glöckner mit ihren Glocken dem Gedenken aus

Die Mohnblume ist das Symbol der Erinnerung an Kriegstote

Kann man die Gewässer mittels Kläranlagen säubern? Bondar-Kunze: Arzneimittelrückstände können aus den Abwässern entfernt werden, wenn sie durch physikalische Prozesse, biologischen Abbau oder chemische Reaktionen behandelt werden. Es braucht also eine Reihe von Maßnahmen. Besteht Gefahr für das Trinkwasser? Bodnar-Kunze: Es finden regelmäßig Sondermessprogramme in Österreich statt. Im Jahr 2014 wurden fünfzig Grundwassermessstellen auf Rückstände von Antibiotika, Zuckerzusatzstoffen, Industriechemikalien und ­Arzneimitteln untersucht.

Das Resultat waren vernachlässigbare Konzentrationen. Trotzdem sollten die Eintragsquellen abgeklärt werden, denn es kann Wechselwirkungen mit anderen Stoffen geben. Was soll man machen oder vermeiden? Bodnar-Kunze: Gesundheits- und Umweltpolitik sollten stärker kooperieren, um etwa Dosierungen anzupassen und die Verwendung in Hinblick auf die Umweltwirkung zu optimieren. Jeder Einzelne kann natürlich auch überlegen, ob bei jedem Schnupfen Schmerzmittel nötig sind, wie viele und welche Körperpflegeprodukte man verwendet, oder wie man Schädlingen im Garten begegnet.

Den ­größten ­ökologischen Fußabdruck der Welt ­produziert Abu Dhabi

Nicht weniger imposant als der Steffl ist dessen dreihundertjährige Baustellengeschichte. Für die Modernisierung des Stephansdoms im 13. Jhdt. zahlte die Bevölkerung. Seit 1723 ist der Dom Metropolitankirche des Erzbischofs. Lohnlisten verraten, wie viele Menschen arbeiteten und was sie verdienten, vom Baumeister und Polier bis zu Steinmetzen, Tagelöhnern, Schreinern und Schmieden. Erforscht wird auch die „Umweltgeschichte“ der Steinblöcke von Leithagebirge und Mannhartsberg. Das Eichenholz für den Dachstuhl wurde aus den Alpen nach Wien geflößt.

Der Umgang der muslimischen Welt mit dem Thema Ökologie ist so vielfältig wie sie selbst. Verhandelt werden unterschiedlichste Themen: Von massenhaft weggeworfenen Plastiksandalen der Pilger auf dem Weg nach Mekka über den Bio-Halāl-Bauern bis zum weltweit größten ökologischen Fußabdruck, den das Emirat Abu Dhabi produziert. Ihren Anfang nahm der Öko-Islam in den USA und im UK. Viele Muslime aus Entwicklungsländern halten Umweltschutz noch immer für Luxus. Für alle gilt: „Die Erde gehört Allah und er hat ihren Schutz uns anvertraut.“

Barbara Schedl, St. Stephan in Wien. Der Bau der gotischen Kirche (1200–1500) Böhlau Verlag 2018, 324 S.

U. Kowanda-Yassin, Öko-Dschi­ had. Der grüne Islam. Beginn einer globalen Umweltbewegung. Residenz Verlag 2018, 176 S.

Hundert Jahre österreichischer Frauengeschichte

Großartiges Panorama von einhundert Jahren österreichischer Frauengeschichte. Am Anfang stehen die Bedenken einer Erzherzogin aus 1917 über Straßenbahnfahrerinnen und am Ende 2001 die erste österreichische Pilotin. Die „Gegenwart der Vergangenheit“ einer Autorin wie Ada Christen oder der Frauenrechtlerin Adelheid Popp wird essayistisch aufbereitet, in London über austriakische Identität räsoniert, inSarajewo diskutiert, wie gut Kakanien tatsächlich war. Und wie es wurde, als Frauenwahlrecht nicht mehr nur hieß, Männer wählen zu dürfen. Bettina Balàka, Kaiser, Krie­ ger, Heldinnen. Exkursionen in die Gegenwart der Vergangen­ heit, Haymon 2017, 192 S.

Polnischer Zwangsarbeiter­ schweiß und österreichischer Fleiß

Wir schreiben 1936. Schüler werden auf künftigen Jubel eingestimmt: „Das große Aufbauwerk … Das Reichsautobahnnetz wird in Deutsch­österreich um 1.100 Kilometer ­neuer Strecke erweitert.“ Ob Schriftsteller der Wahrheit näher kommen als Historiker, sei dahingestellt. Der Roman über den Brückenbau in Vorch­dorf entspricht einer Fallstudie über das oberösterreichische Stück Reichsautobahn. 1939 von polnischen Zwangsarbeitern begonnen, 1941 kriegsbedingt unterbrochen, wurde bei der Eröffnung 1961 „österreichischer Fleiß“ gelobt. Bruno Schernhammer, Und alle winkten. Im Schatten der Autobahn, Verlag der Theodor Kramer-Gesellschaft 2018, 216 S.


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T I T E LT h e m a Gedenken

Seiten 10 bis 22 Das Wort „Denkmal“ kommt erstmals bei Martin Luther vor. In seinen Schriften hat es die Bedeutung „Gedächtnisstütze“. Er verwendet es für das lateinische „Monumentum“ (von „monēre“: „gemahnen“, „erinnern“). Das „Denkmal“ als laut Duden „zum Gedächtnis an eine Person oder ein Ereignis errichtete, größere plastische Darstellung“ gehört allerorts zu unserem Stadt- und Landschaftsbild. Dennoch wird es selten wahrgenommen. Menschen, die jeden Tag daran vorbeigehen, behaupten oft, es nie gesehen zu haben. Im Gedenkjahr 2018 hat die Fotografin Karin Wasner für die Fotostrecke in diesem Heft ihren Blick auf die übersehenen Monumente der Vergangenheit gerichtet, die uns mahnend an andere Zeiten erinnern.

:  au s g e s u c h t e z a h l e n z u m t h e m a

2 100 000 Besucher

zählte das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau 2017. Anfang der 1990er Jahre waren es jährlich 500 000. Die Gedenkstätte gehört mit der internationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, dem United States Holocaust Memorial in Washington D.C. und dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin zu vier zentralen „Erinnerungsorten“ (lieux de mémoire) des vom französischen Historiker Pierre Nora so bezeichneten „Zeitalter des Gedenkens“. Es begann mit dem Ende des Kalten Krieges und ist durch die Internationalisierung charakterisiert.

4

Jubiläen gab es im von der Regierung ausgerufenen „Gedankenjahr“ 2005: 60 Jahre Kriegsende und Befreiung, 60 Jahre Zweite Republik, 50 Jahre Staatsvertrag und 10 Jahre EU-Mitgliedschaft. Das Projekt „25Peaces“ (Zahl der EU-Mitglieder 2005) waren 25 Interventionen im öffentlichen Raum zum Thema Frieden und Freiheit. Highlight: Ein mobiler „Staatsvertragsbalkon“, von dem herunter jeder „Österreich ist frei!“ rufen konnte.

80

Rund Österreicher leisten als Wehrersatzdienst einen sogenannten Gedenkdienst in einer HolocaustGedenkstätte im Ausland. Ein Drittel davon wird vom Verein „Gedenkdienst“ unterstützt. Obwohl die Regierung im Herbst im Zuge einer Anpassung des Freiwilligengesetzes die Anhebung der Mittel auf 1.200 000 Euro für Auslandsfreiwilligendienste beschloss, muss der Verein Gedenkdienst im Gedenkjahr die Tätigkeit einstellen: Die Finanzierung weiterer Gedenkdienstleistender ist nicht möglich.

134 000

Beamte gibt es heute in Österreich. Zählt man Mitarbeiter der ausgegliederten Betriebe und öffentlich Bedienstete der Länder dazu, sind es fast 500 000. So viele sollen es nach Schätzungen auch 1911 gewesen sein. Am Beginn der Ersten Republik war ihre Zahl auf 300 000 geschrumpft. Die wenigsten Beamten gab es 1933: 169 000. Mit der Auslöschung des österreichischen Beamtentums durch den „Anschluss“ wurden Beamte zum populären Thema in der hiesigen Literatur.

Jahre

liegt der „Anschluss“ an Nazideutschland zurück. In einer 2017 vom Institut SORA und dem Historiker Oliver Rathkolb beauftragten Umfrage meinten vierzig Prozent der Befragten, dass unter das Thema Holocaust ein Schlussstrich gezogen werden soll. In digitalen Spielen ist der Holocaust über den verbotsgesetzlichen „Umweg“ Science Fiction und Fantastik sehr präsent: Der Ego-Shooter „Wolfenstein: The New Order“ wurde im Sommer 2014 in einem Monat 400 000 Mal verkauft.

5

Stationen hat das „Gedenk- und Erinnerungsjahr 1918“. Die Jahreszahlen 1848– 1918–1938–1948–1968 stehen für: Märzrevolution, Gründung Erste Republik, „Anschluss“, Deklaration der Menschenrechte, 68er-Bewegung.

Quellen: www.oesta.gv.at, www.wikipedia, www.oesterreich100.at, www.ots.at (13.10.2017, 8.6.2018, Stichwort „ Gedenkdienst“); Europäische Rundschau 2017/4, 45. Jg.; Zeitgeschichte Juli/August 2016, 43. Jg.

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zusammengestellt von Sabine Edith Braun


Foto: karin wasner

Tit e lt h e m a   :   h eu r e ka 4/18   FALTER 26/18  11

Die Gemeinde Neubau gedenkt ihrer „toten Helden“ mit diesem zwei mal fünf Meter großen Natursteinmosaik des Grafikers Hermann Bauch. Es besteht aus Gneisplatten und wurde im Jahr 1958 zum Großteil mit Spenden der örtlichen Bevölkerung realisiert


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So groß war der Hass! H

einz Kienzl, geboren 1922 in Wien, Gewerkschafter und Bankmanager in der Zweiten Republik, war stets ein leidenschaftlicher „Sozialpartner“. Schmerzhafte Niederlagen erfuhr der „Sozi“, wie er sich selbst nennt, als Befürworter des AKW Zwentendorf und des Kraftwerks Hainburg. Im Rückblick sagt der Sechsundneunzigjährige: „Ich stelle eine kühne Behauptung auf: Meine Generation hat es richtig gemacht! Die Erste Republik endete 1938 mit einer schrecklichen Bruchlandung. Die Zweite Republik begann mit Hunger und fürchterlicher Inflation. Aber dann haben wir es zusammengebracht. Mein Vater war im Ersten Weltkrieg eingerückt. Welchen Hass er auf den Kaiser hatte, habe ich in seinen Tagebüchern nachgelesen. ,Dieser lebende Leichnam hat uns junge Männer an die Front geschickt‘, hieß es da, oder: ,Lieber tot, denn als Krüppel zurückkommen.‘ Er kam mit einer leichten Gasvergiftung zurück. Nach dem Krieg hatte er eine eigene Drogerie in Sandleiten1, ging aber in der Weltwirtschaftskrise in Konkurs. Die Leute konnten ja nicht einmal Klopapier kaufen. Wir sind bei Petroleum­licht gesessen. Einmal wollte die Mutter verheimlichen, dass sie Pferdefleisch gekauft hatte. Der Vater kam darauf. Die Volksschule besuchte ich in der Roterdschule. Wir Buben vom Sandleitenhof hatten unsere Raufereien, oder wir sangen auf der Gstetten, wo sich jetzt der Kongresspark befindet: ,Brüder zur Sonne, zur Freiheit‘2. Bevor ich in die Mittelschule in der Maroltingergasse kam, war ich ein Jahr in der Hauptschule. Dort lernte ich noch die erste Bundeshymne aus der Zeit Karl Renners: ,Deutschösterreich, du herrliches Land, wir lieben dich!‘ Später kamen dann ,Sei gesegnet ohne Ende, Heimaterde wunderhold!‘ und ,Deutschland, Deutschland über alles‘, und erst danach unsere heutige Bundeshymne. An die Schießerei im 1934er Jahr erinnere ich mich noch genau: Neugieriger Bub, der ich war, schaue ich beim Fenster hinaus und sehe gegenüber beim sogenannten Hochhaus, wie der Vater von meinem Freund Sieber auf die Polizei hinunterschießt. Er wurde verhaftet, kam als Schutzbündler nach Wöllersdorf3 und als Nazi wieder zurück. Aus lauter Wut auf die Vaterländische Front sind viele Sozis zu den Nazis übergelaufen. Als Dollfuss ermordet wurde, sagten alte Sozialisten, die Schutzbündler hätten ihn umgebracht. Erst später erfuhr ich, dass ihn die Nationalsozialisten ermordet hatten. Schon der Umstand, dass man so dachte, zeigt, wie groß der Hass war. Die Bilder vom März 1938 sind so eine Sache. Wie in jeder Diktatur hatten sie Angst, ob genügend Leute hinkommen. So führte uns der Lehrer zum Heldenplatz. Als wir ankamen, war alles voller Menschen. Wir kletterten auf die Ringstraßenbäume,

Text: erich klein

„Ich stelle die kühne Behauptung auf: Meine Generation hat es richtig gemacht“ Heinz Kienzl, ehemaliger gewerkschafter und Bankmanager

1 Sandleitenhof: größter Gemeindebau des Roten Wien in Ottakring 2 Brüder zur Sonne, zur Freiheit: Arbeiterlied der 1920er Jahre 3 Wöllersdorf: Anhaltelager des Austrofaschismus in NÖ 4 Kurt: Kurt Schuschnigg, Bundeskanzler von Juli 1934 bis 11. März 1938; danach „Schutzhäftling“ in verschiedenen KZ 5 Technische Nothilfe: Streikbrecherorganisation in der Weimarer Republik, unter den Nazis zuständig für Beseitigung von Notständen in lebenswichtigen Betrieben 6 St. Georgen an der Gusen: Wirtschaftlichen Kommandozentrale für den Betrieb der KZs Gusen und Mauthausen. 1944 wurde von Häftlingen die zweitgrößte unterirdische Fabrik Nazideutschlands für die Produktion von Düsenjagdflugzeugen errichtet

ich sah das Ganze von dort. ,Da Kurt is furt‘4, war die Parole der Wiener Nazis. Die Stimmung nach dem Anschluss war: Jetzt ist alles anders, wir sind bei einem großen Reich, wir haben Arbeit. Einige Wochen nach Kriegsbeginn hörte man in der Sandleiten schon: ,Der Kasper ist gefallen‘ – ein Bub von dort. Mit Kriegsbeginn waren alle Hoffnungen und Sympathien weg. Das hat dem Nazi-Spuk den Nimbus genommen. Die Lehrer hatten den Krieg gepriesen und die Buben aufgehetzt. Alle machten noch schnell die Kriegsmatura. Wir waren fünfundzwanzig in der Klasse, achtzehn sind freiwillig eingerückt. Sechs haben den Krieg überlebt. Von der ,Kristallnacht‘ im November 1938 habe ich nichts mitbekommen. Soweit ich weiß, gab es in Sandleiten keine Ausschreitungen. Meine Mutter stammte aus einer jüdischen Familie, wollte aber mit dem Judentum nichts zu tun haben. Meine Familie hatte ein komisches Glück. Im Ersten Weltkrieg hatte mein Vater einen gewissen Auinger an der Dolomitenfront gerettet. In der Schuschnigg-Zeit war dieser Polizeikommissär in Ottakring, und nach dem Jahr 1938 entpuppte er sich als großer Nationalsozialist. Er hielt eine schützende Hand über meine Mutter. Was in den Konzentrationslagern passierte, wussten wir von einer Freundin meiner Mutter, die aus Ravensbrück zurückgekommen war. Es gab einen bekannten Spruch: ,Lieber Gott mach mich stumm, dass ich nicht nach Dachau kumm. Lieber Gott mach mich taub, dass ich alle Lügen glaub.‘ Es gab in Sandleiten einen Tapezierer, der eines Tages verschwunden war. Und dann war noch ein Bekannter meines Vaters. Der hatte uns gebeten, in seine Wohnung zu kommen, weil er in der nächsten Woche nach Polen abtransportiert würde. Er sagte, lieber gibt er uns die Bücher als den Nationalsozialisten. Er hieß übrigens Deutsch. Ich konnte im Jahr 1940 gerade noch maturieren und sogar ein Semester an der Hochschule für Welthandel inskribieren. Dann wurde ich zur Technischen Nothilfe5 eingezogen. Für diesen Verein wurde die Ersatzreserve zusammengekratzt: Wiener Tschechen, ehemalige Fremdenlegionäre, jugendliche Asoziale, rassisch nicht ganz Einwandfreie wie ich. Mein erster Einsatzort war in der Leystraße. Wir mussten Schienen, Stahlträger und Bleche aussortieren. Trümmerreste, die nach den ersten Bombenangriffen im Ruhrgebiet per Bahn nach Wien gebracht worden waren. Eines Tages hieß es: ,Wer ist schwindelfrei?‘ Ich habe mich gemeldet. Wir wurden zu Hilfselektrikern ausgebildet und mussten den ganzen Tag Masten raufund runterklettern. Im Kamptal haben wir an den Freileitungen Kupfer gegen Eisen ausgetauscht, weil

Kupfer gebraucht wurde. Wir haben auch gegraben. Ein Hilfsarbeiter meinte: ,Wenn du so wild weitertust, hast du in drei Monaten ein kaputtes Kreuz. Ich zeig dir jetzt, wie man mit einem Krampen arbeitet.‘ Bei der Technischen Nothilfe ging es mir ganz gut. Wir hatten immer genug zu essen. 1944 war der nächste Einsatzort der Fliegerhorst Vöslau. Zum Glück wurden wir nicht bombardiert. Ich erinnere mich noch an die Sirenen und die Ansage: ,Kampfverbände im Anflug aus dem Raum Kärnten, Steiermark.‘ Zuletzt wurden wir nach Linz zur Behebung von Bombenschäden versetzt. In St. Georgen an der Gusen6 sollten wir eine Freileitung nach Mauthausen bauen. Die Nazis stellten dort Überschalljäger her. Die deutsche Rüstungsindustrie wollte damals noch eine Atombombe schaffen, hatte aber nicht einmal mehr Bolzen für Masten. Was in Mauthausen vor sich ging, haben wir natürlich mitbekommen. Ich musste an einem Tor Wache stehen, an dem wir unser Baumaterial bekamen. Dort kam auch der Zug mit jenen KZlern aus Mauthausen an, die in die Stollen einfuhren. Es gab da einen einarmigen SS-Mann, einen gewissen Johandl, der mit einem Prügel auf die KZler eindrosch. Ich dachte mir, den merke ich mir, den erschlage ich nach dem Krieg. Es wurde nichts daraus. Aber auf diese Weise konnte man etwas derart Schreckliches verkraften. Es gab noch eine grausliche Geschichte: Wir hatten übrige Lebensmittel und stellten sie beim Stollen, wo die KZler hineingingen, in eine Ecke. Jemand muss uns verraten haben. Einige Tage später lässt uns der Kommandant antreten: ,Sie sind ja wahnsinnig geworden! Ich wurde von der Gestapo verhört. Ich habe gesagt, von meinen Leuten war das sicher keiner!‘ Dann sagte er noch: ,Ich werde nach dem Krieg zu Ihnen kommen und Sie bestätigen mir, dass ich mich unter Gefährdung meines Lebens für Sie eingesetzt habe!‘ Unser Kommandant hat uns also beschützt. Ob er das früher auch gemacht hätte, ist eine andere Frage. Knapp vor Kriegsende sagte er: ,Ihr werdet an Maschinenpistolen ausgebildet, weil ihr das Lager bewachen sollt.‘ Ich sagte zu ihm: ,Wir waren die ganze Zeit der letzte Dreck und sollen nun die SS ersetzen?‘ Zum Glück wurde daraus nichts. Die SS ist stiften gegangen. Ich bin mit meinem Freund Peter Rühm und einigen anderen auf abenteuerliche Weise nach Wien zurückgekommen. Zuerst mit einem Trajekt über die Donau, weiter mit Fahrrädern, die uns aber von Fremdarbeitern abgenommen wurden. In Enns fanden wir einen Zug voller KZler, der in St. Peter von der Roten Armee angehalten wurde. Wir marschierten mit einem Treck weiter Richtung Osten. In Hütteldorf haben wir uns getrennt. Ich bin dann über den Flötzersteig in die Sandleiten gegangen.

Foto: erich klein

Erinnerungen des „Sozis“ Heinz Kienzl, der die Zweite Republik mitaufgebaut hat


Foto: karin wasner

Tit e lt h e m a   :   h eu r e ka 4/18   FALTER 26/18  13

Das Mahnmal des Künstlerduos PRINZpod auf dem Areal des früheren Aspangbahnhofs erinnert an 47.035 Menschen, die von hier aus in Konzentrationslager deportiert wurden. Auf einer Länge von dreißig Metern verlaufen Betonschienen, welche die ehemaligen Gleisstränge darstellen sollen


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Wessen Republik? Das Erinnern an die Geschichte der Republik unterliegt dem politischen Konflikt der Parteien as ist das Neue am Gedenkjahr 2018? „Noch nie wurden 1918 und 1938, die beiden zentralen Daten der österreichischen Zeitgeschichte, in dieser Form miteinander verschränkt“, sagt Heidemarie Uhl, Historikerin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 1918 ist heute ein Anlass, hundert Jahre Republik Österreich zu feiern, doch in der Ersten Republik und auch nach 1945 war das Verhältnis zu diesem Datum ambivalent. Lange waren sich SPÖ und ÖVP uneinig, ob der 12. November 1918 als Tag der Gründung von Republik und Demokratie bejubelt oder aber als Tag des Untergangs des Habsburgerreiches betrauert werden soll. „Erst 1968, zum 50. Jahrestag, wurde das Jubiläum der Republikgründung mit großangelegten Feierlichkeiten von beiden Großparteien gemeinsam begangen“, sagt Uhl. Die Aufmerksamkeit für 1918 ist aber nicht nur der runden Zahl geschuldet. Angesichts der Gefährdung demokratischer Grundwerte in Europa (und darüber hinaus) wird das Jahr 1918 in neuem Licht gesehen. Als zentrale Errungenschaft gilt die Durchsetzung einer parlamentarisch-demokratischen Gesellschaftsordnung. Der Aufstieg autoritär-diktatorischer Bewegungen in den 1930er Jahren bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten beim „Anschluss“ 1938 führt vor, wie verletzlich die Demokratie ist. „Auch gegenwärtig ist der Aufstieg rechtspopulistischer, rassistischer Bewegungen eine massive Herausforderung liberal-demokratischer Grundwerte. Wir stehen erneut vor der Frage, wie können wir die Errungenschaften der Demokratie im kollektiven Bewusstsein verankern und politisch verteidigen“, so Uhl. Ein zentraler Ort dafür soll das Haus der Geschichte Österreichs sein, das erste zeitgeschichtliche Museum der Republik. Eröffnet wird es am 10. November 2018. Es werden auch die Ergebnisse der Studie zu den geschichtspolitischen Debatten im Jubiläums- und Gedenkjahr 2018 vorgestellt, die Uhl mit Karin Liebhart und ­Petra Bernhardt (beide Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien) und dem ACDH Austrian Centre for Digital Humanities der ÖAW durchführt. Österreich erinnert sich spät Österreich hat erst begonnen, die Verbrechen der Nationalsozialisten zu bekennen. „Jene Menschen, die während der NS-Zeit Opfer waren, haben sich natürlich immer an die schrecklichen Erlebnisse erinnert. Doch sie wurden nur von Gleichgesinnten gehört“, sagt Werner Dreier, Geschäftsführer von erinnern.at. Dieser Verein unterstützt die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust im Bildungswesen. Lange Zeit wurde an den Schulen über die Erfahrungen der Verfolgten geschwiegen. „Es wurde natürlich über den Krieg berichtet, jedoch in einer ganz anderen Form und über

Text: sophie HANAK

„Erst 1968 wurde die Gründung der Republik von ÖVP und SPÖ gemeinsam begangen“ Heidemarie UHl, Österreichische Akademie der Wissenschaften

Margarete Rabow, Künstlerin

Peter Pirker, Universität Wien

Werner Dreier, erinnern.at

andere Themen, etwa über die russische Kriegsgefangenschaft“, so Dreier. Mit dem Abtreten der Weltkriegsgeneration hat sich das Erinnern geändert. „Auch das Verhalten der Schüler hat sich verändert. Die jüngere Generation kann mit dem Thema unbefangener umgehen. Vor etwa zwanzig Jahren hatten die Kinder der Erfahrungsgeneration noch viel Last mit sich herumtragen müssen.“ erinnern.at bietet eine Handy-App mit dem Titel „Fliehen vor dem Holocaust. Meine Begegnung mit Geflüchteten.“ Sie soll Jugendlichen Zugang zu den historischen Erfahrungen der Verfolgten ermöglichen. Man kann eine bestimmte Person, die während des Zweiten Weltkriegs fliehen musste, auswählen und verschiedene Aspekte ihres Lebens und ihrer Flucht erfahren. Wie sich Wien an die NS-Zeit erinnert Mit einer analogen Form des Erinnerns befasst sich das Forschungsprojekt „Politics of Remembrance and the Transition of Public Spaces. A Political and Social Analysis of Vienna“ (POREM). Politikwissenschafter, Historiker, eine Kulturanthropologin, eine Landschaftsplanerin und ein Landschaftsplaner untersuchen, wie in Wien in (teil-) öffentlichen Räumen seit 1945 an die politische Gewalt während des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus erinnert wurde. „Wir haben etwa 1.800 thematisch relevante, permanente Erinnerungszeichen wie Denkmäler, Gedenktafeln, Ausstellungen etc., die seit 1945 in Wien etabliert wurden, in einer Datenbank erfasst und in der interaktiven, englischsprachigen, digitalen Karte www.porem.wien dargestellt. 47 Prozent dieser Erinnerungszeichen wurden in den vergangenen zehn Jahren errichtet. Wir haben zwischen Zeichen, die an politische Gewalt erinnern, und Zeichen, die politische Gewalt dethematisieren, unterschieden“, erzählt Peter Pirker vom Institut für Staatswissenschaften der Universität Wien. Im Rahmen von Wien Geschichte Wiki soll eine digitale Karte erscheinen, die alle Erinnerungszeichen seit 1945 beschreibt. Die Wiener Erinnerungsspraxis ist durch das Hinzufügen und nicht durch das Entfernen oder Überschreiben von Erinnerungszeichen bestimmt. Die Forscher sprechen von einem urbanen „Me-Moiré“, das aus insgesamt sechs raum-zeitlichen Schichten von Erinnerungszeichen besteht, die unterschiedliche Kulturen des Erinnerns repräsentieren. Erst in der letzten Schicht, die seit etwa 2006 entstanden ist, dominiert die Erinnerung an die Shoah. Im politischen und kulturellen Zentrum der Stadt zwischen erstem, neuntem und zweitem Bezirk ist diese Vielfalt an Erinnerungszeichen besonders deutlich. Auch in Floridsdorf und am Zentralfriedhof gibt es Zonen durchgehender Memorialisierung politischer Gewalt.

„Die Stadt Wien hat in den vergangenen zwanzig Jahren wichtige Impulse gesetzt, etwa das Deserteursdenkmal, das Mahnmal Aspangbahnhof, oder das Wiesenthal-Institut. Insgesamt ist die Erinnerungs­politik jedoch selektiv, punktuell und reaktiv, vor allem seitens des Bundes. Es fehlt eine Strategie, wie die Erinnerung an die NS-Gewalt in der Stadt nach dem Verschwinden der Erlebnisgeneration weiterentwickelt werden soll“, sagt Pirker. Ein Gesamtkonzept müsste auch stärker demokratisch verhandelt werden, als dies in der Erinnerungspolitik bisher üblich war. Erinnern als Mitmachaktion Die Studie zeigt, dass für die Wahrnehmung von Erinnerungszeichen eine kontinuierliche Beteiligung der Zivilgesellschaft notwendig ist. Daran orientiert sich ein Projekt der deutschen Künstlerin Margarete Rabow. „Schreiben gegen das Vergessen“ findet vom 21. bis zum 28. Juni auf der Prater Hauptallee statt. „Für viele Menschen ist das Verdrängen eine Strategie, um sich nicht an die schrecklichen Erlebnisse erinnern zu müssen. Doch diese Geheimnisse werden an die Nachkommen weitergegeben. Ich selbst habe immer gespürt, dass ich etwas mit mir herumschleppe, bis ich dann einmal als Teenager meinen Vater gefragt habe, was er denn im Krieg gemacht hat, und er mir erzählte, welch schreckliche Dinge er als Jude erlebt hat“, sagt Rabow. „Ich wollte nicht mit der Verdrängung leben. Mein Vater konnte das nicht verstehen und fragte immer wieder, warum ich so oft nach Buchenwald fahre.“ Rabows Großvater war nach der sogenannte Judenaktion nach dem Novemberpogrom 1938 in Buchenwald inhaftiert. Ursprünglich sollte die Aktion auf der Wiener Ringstraße durchgeführt werden. Sie wäre so nie gebaut worden, hätten nicht viele jüdische Investoren ihr Geld dafür eingesetzt. Der Plan scheiterte an verkehrstechnischen Problemen. Nun werden auf dem Asphalt der Prater Hauptallee unter freiwilliger Mitwirkung der Bevölkerung jene Namen der 66.000 Juden und Jüdinnen aufgeschrieben, die in Österreich während des nationalsozialistischen Terrors umgebracht wurden. Zum Schreiben wird Kreide verwendet. Sie dürfte bald durch die Sonne verblassen oder vom Regen weggeschwemmt werden. Daher wird ein Film gedreht, in dem jeder einzelne Namen zu sehen sein wird. Auch wenn die Namen auf der Allee nach und nach verschwinden werden, bleiben sie doch auf Film erhalten. „Erinnern ist ein ganz wichtiger Teil von Trauer“, meint Rabow. „Daher soll um diese Menschen getrauert werden. An unserem Projekt können bis zu tausend Menschen mitmachen. Und viele werden sie beim Niederschreiben der Namen beobachten – das hat schon eine unglaubliche Wirkung.“

Fotos: heribert corn, Felix Stent, privat, Claudia Rauchegger

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Foto: karin wasner

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„Den Helden und Opfern der Weltkriege“ wird in Ladendorf gedacht. Basis bildet ein 1922 errichtetes Denkmal des Bildhauers Franz Zelezny (der ­damals natürlich noch nichts vom Zweiten Weltktirg wusste). Er war im Jahr 1900 mit einigen Arbeiten bei der Pariser Weltausstellung vertreten


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Familienerinnerung Die Schriftstellerin Irmgard Kramer über den Gedenkversuch in ihrer Verwandtschaft

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er Großvater geistert durch mein Leben. Seine Schmuckstücke glänzen an meiner Mutter und ihrer Schwester, meiner Tante. Seine Aquarelle hängen bei allen Familienmitgliedern, egal, welcher Generation, in vielen Bundesländern. Seine lustigen Sprüche sind längst in den Wortschatz der Familie übergegangen. So beliebt sei er gewesen, so ein netter Mann, ein Künstler, musikalisch und sportlich, offen und hilfsbereit, ja, vor allem hilfsbereit. Ich bin sechs, als er stirbt. Die Mutter weint in die Brotdose – zum ersten Mal sehe ich sie weinen. Zur Beerdigung fährt sie allein. Beerdigungen seien nichts für Kinder. Tot ist der Großvater aber noch lange nicht. Im Gegenteil. Er hat ein Tagebuch hinterlassen. Anfangs spricht die Familie mit Bewunderung darüber. Aber je mehr Jahrzehnte vergehen, umso belastender scheint es zu werden. Irgendwann wird keiner mehr seine Kurrentschrift lesen können. Irgendwann muss man etwas tun mit diesem Andenken. Wie ein Fels hängt es über der Familie, an einem Faden, der altersschwächer wird. So setzt sich meine Tante eine Deadline: Bis zu ihrem siebzigsten Geburtstag will sie mit der Hilfe von meiner Mutter seine Handschriften in den Computer tippen und bei Bedarf mit Kommentaren und Erklärungen versehen. Aber die Last ist zu groß, die beiden Frauen beginnen zu verzweifeln. So besuche ich ein Biografie-Seminar und biete, voller Zuversicht, das Großvater-Projekt zu einem Abschluss zu bringen, meine Hilfe an. Die Mutter ist gerührt. Die Tante bricht vor Dankbarkeit in Tränen aus. Ich setze mich in den Zug und fahre in den Ort, wo der Großvater begraben ist. Die Tante ist vorbereitet und hat im ganzen Haus ausgebreitet, was der Großvater hinterlassen hat. Beim Anblick der Fülle an Material trifft mich fast der Schlag. Ich wühle mich durch Ariernachweise, Testamente, Feldpost, stapelweise Briefe an Frau, Kinder und Freunde, Reichslotteriescheine, Reichskleiderkarten, Cartoons aus dem „Illustrierten Beobachter“, die er 1943 herausgerissen hat, selbstgemachtes Holzspielzeug, selbst illustrierte und geschriebene Bilderbücher für die Kinder, selbst geschmiedeten Schmuck, hunderte Gemälde, Skizzenblöcke aus dem Krieg, Arztrechnungen, Beiträge zum Kameradschaftsabend, Unterrichtshefte für den Kriegsdienst, Falttafeln für den Flugzeugerkennungsdienst und für Gefechtsdienste, Totenscheine, Begräbnisrechnungen, eine Urkunde „Deutsches Wehrschießen 1944“, bei dem der Großvater 43 von 50 möglichen Punkten erreicht hat, die illustrierte Monatsschrift „Kleine Kinder“ für Kinderpflege und Erziehung von 1936, Kalenderblätter, Soldatenzeitungen, Gedichte von ihm übers Militär, das Papier mit dem Religionsaustritt, Befehlshefte, Schießbücher, Aufzeichnungen über „Störungen im Rundfunk“, die Urkunde

Irmgard Kramer

Ich stelle ein Mikrofon auf und will, dass sich die Geschwister erinnern. Es bricht aus ihnen heraus. Sie schwelgen, sie lachen, sie weinen, sind wütend, enttäuscht und ratlos

zur Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes 2. Klasse, Berlin, 1. September 1942, Geburts- und Totenscheine der Familie bis zurück ins Jahr 1776, verschlüsselte Telegramme, Heimatscheine, Stempelkarten, das Papier zur Vermögensverfallsamnestie 1956, fünf Meisterprüfungszeugnisse (Goldschmied, Spengler, Installateur, Glaser, Dachdecker), Gewerbescheine, Lehrverträge, ein Dokument, in dem die Verurteilung zum Hochverrat für getilgt erklärt wird, ein polizeiliches Führungszeugnis über 15 Monate schweren Kerkers, eine Bestätigung der Übergabe einer beschädigten Armbanduhr wegen Vermögensverfall. 1952 bedankt sich der Sportclub für eine Blutspende, die Vorschreibung über einen Widergutmachungsbetrag, ein Ansuchen um Rückbuchung eines Sparbetrages von 1948, weil sein Sparbuch eingefroren worden war, und etliche Nazi-Devotionalien (kiloschwere Bronzestatuen mit Hakenkreuzen, Hochzeitsfotos, bei denen mehrere Nazi-Paare gemeinschaftlich heirateten inklusive der Großeltern), ein Dokument über die Erstattung eines Wiedergutmachungsbetrages, die Ernennungsurkunde zum Bürgermeister und sein Schmalztöpfchen. „Das Wichtigste ist da noch gar nicht dabei“, sagt die Tante. Der Großvater hat beinahe lückenlos Kriegstagebücher geführt. Die Blutflecken zerdrückter Läuse sind darin noch zu sehen. Er trug Landkarten bei sich und hielt seine Route fest, als er sich im Mai 1942 von der Berliner Ostfront in die Heimat aufmachte. 1975 wollte er sich noch einmal erinnern und fing an, ein großes Werk zu schreiben. Gierig verschlinge ich, was die Tante abgetippt hat: Von seiner Geburt in der Hildebrandgasse, wo er bei einem armen Schuhmacher und seiner sadistischen Stiefmutter mit vier Geschwistern auf sechzehn Quadratmetern aufwuchs, und von seiner Volksschullehrerin, die den Kaiser so sehr liebte: „Als die Kutsche aus der Ferne sich näherte, brüllten wir alle lauthals: „Hoch, hoch, hoch!“ Langsam rollte unweit die Kutsche vorbei, und der letzte Habsburger in Uniform nickte und winkte uns zu.“ Er schreibt, wie er 1933 Hakenkreuzfahnen auf Strommasten gehängt hat. Und von galizischen Auswanderern. „Die Straßen Wiens waren voll von ihnen. Sie trugen alle ihre schwarzen Kaftans, dazu breitkrempige Schlapphüte, vielfach lange Bärte und die typischen „Beikeles“, das waren eine Art Stoppellocken, die an den Schläfen herunterhingen.“ Nach dreihundertsechzig Seiten endet die Erinnerung mit der Flucht aus Berlin. Die Lücke zwischen 1942 und 1975 will ich nun schließen und versammle Mutter, Tante und Onkel an einem Tisch. Alle drei sind in den Kriegsjahren im Monat April geboren – als Geschenk an den Führer. Meine Mutter, eine Punktlandung, kommt am 20. April zur Welt. Da ist der Großvater

­ ürgermeister einer Kleinstadt. Die hiesige B Blasmusikkapelle marschiert zu seinen Ehren im Hof auf. Die Hebamme tritt auf den Balkon und verkündet: „A Mädel is.“ Ohne einen Ton zieht die Kapelle ab. Ich stelle ein Mikrofon auf und will, dass sich die Geschwister erinnern. Es dauert ein wenig, dann bricht es aus ihnen heraus. Sie schwelgen, sie lachen, sie weinen, sie sind wütend, enttäuscht und ratlos. Ihren Vater haben sie unterschiedlich erlebt, geliebt haben sie ihn alle sehr. Drei Tage lang erzählen sie, diskutieren über Schuld, Unschuld und Mitschuld und versuchen zu erklären, was sie nicht erklären können. Die Dämonen sind entfesselt. Keinem geht es gut während des mehrere Monate dauernden Aufarbeitens des großväterlichen Nachlasses. Meine Mutter kann nicht mehr schlafen, träumt von Bombenhageln und Massakern und will, dass das Erinnern ein Ende findet. Vieles von dem, was meine Verwandten erzählt haben, streichen sie wieder. Vieles wollen sie gar nicht gesagt haben. Ich kürze dreißig Seiten Erinnerungen auf eine einzige Seite nüchterner Daten. Viel zu heikel erscheinen gewisse Passagen. Ich gebe auf. Fühle mich überfordert, eingeklemmt zwischen Generationen und Wahrheiten. Meine Mutter ist erleichtert: Das hat eh alles keinen Sinn. Sie packt Koffer und fährt zu ihrem Maturatreffen. Die alten Damen haben außer einer kollektiven Erinnerung nichts gemeinsam – eine ist nach England ausgewandert, eine andere Oberärztin geworden, die dritte hat vierzig Jahre lang in der VOEST die Blumen gegossen, die vierte von ihrem dritten Ehemann Flugzeuge und Zöbelchen geerbt, meine Mutter hat sich um Kinder, Mann, Hund und Haushalt gekümmert. Sie treffen einander ausschließlich, um sich zu erinnern. Meine Tante hat es schließlich doch geschafft. Sie beschenkt die Familie mit den gedruckten Tagebüchern des Großvaters, ausgestattet mit Vorwörtern, Gemälden, Dokumenten und Fotos. Ganz zufrieden scheint sie dennoch nicht. Ich erfahre mit Schrecken, dass es eine nicht weniger große Kiste von der Großmutter gibt, die noch keiner geöffnet hat. Während die mütterliche Verwandtschaft langsam ausatmet, beginnt es in meinem Vater zu rumoren. Er fängt seine Lebenserinnerungen an, reißt Fotos aus Alben, räumt Diakästen aus, reist in andere Bundesländer, wälzt Stammbäume bis ins 17. Jahrhundert, sammelt, scannt und schreibt. Ich warne ihn. Aber auch er gibt nicht auf. Nach fünf Jahren legt er ein mehrhundertseitiges Werk vor. Ich beginne zu lesen, muss es aber weglegen. Es ist mir zu nahe. Vielleicht lese ich es später. Der Vater betont, es für seine Enkel geschrieben zu haben, aber ich ahne, dass es nur einem Zweck dient: sich selbst kennenzulernen. Wer war der Großvater? Wer der Vater? Und wer bin ich?


Foto: karin wasner

Tit e lt h e m a   :   h eu r e ka 4/18   FALTER 26/18  17

Am Wolkersdorfer Kirchenplatz erinnert der „Sterbende Krieger“ des Bildhauers Eduard Föderl an die Opfer von 1914–1918 und 1939–1945. Es wurde 1955 als Ersatz für das bisherige Kriegerdenkmal errichtet. Davor wurde dort mit einem Soldatenpaar an „Die Gefallenen des Ersten Weltkriegs“ gedacht


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Lückenhafte Erinnerung Frauen waren in der Geschichte lange Zeit unsichtbar. Mittlerweile gibt es Geschlechtergeschichte rinnerung geschieht nicht automatisch, sie wird gemacht“, erklärt Marion Wittfeld. Sie ist Literatur-, Kultur- und Medienwissenschafterin sowie Obfrau von fernetzt, einem Verein zur Förderung junger Forschung über Frauen- und Geschlechtergeschichte. Wer erinnert, wer schreibt Geschichte – und an wen wird erinnert? Auf diese Fragen gab es über Jahrhunderte hinweg nur eine Antwort: Männer. Geschichtswissenschaft und Geschichte ohne Frauen Die moderne, wissenschaftliche Geschichtsschreibung beginnt im ausgehenden 18. Jahrhundert. Damals erschöpfte sich die Rolle der Frau in einem Dasein als Ehefrau, Hausfrau und Mutter – und zwar ausschließlich in diesen Rollen. Nun wurde Geschichte an Universitäten erforscht und gelehrt, aber ohne Frauen. Sie waren dort nicht zugelassen, als Studentinnen nicht und als Forscherinnen schon gar nicht. Die männliche Historikerzunft in einer männerdominierten Gesellschaft interessierte sich reichlich wenig für Frauen, weder fachlich noch kollegial. Sie wurden gleich doppelt marginalisiert: als Autorinnen und Akteurinnen der Geschichte. Das Ergebnis: „Eine von Männern gemachte Geschichte, in der Frauen fast unsichtbar waren“, sagt ­Marion Wittfeld. Eine einseitige, unvollständige Geschichtsdarstellung und zuweilen eine schlichtweg falsche. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür findet sich auf Birka, einer schwedischen Insel: Zahlreiche Siedlungsspuren und Bestattungen zeugen dort vom Leben der Wikingerzeit. Besonders spektakulär ist das Grab Bj 581. Bereits im 19. Jahrhundert entdeckt, galt dieser Fund als eine der bedeutendsten Kriegerbestattungen der Wikingerzeit. Prunkvolle Beigaben, darunter zahlreiche Waffen – zweifelsohne wurde hier eine militärische Führungsperson zur letzten Ruhe gebettet. Dass es sich dabei um einen Mann handeln musste, verstand sich für die Forscher des 19. Jahrhunderts von selbst. Zweifel kamen erst über hundert Jahre später auf. Eine Wissenschafterin aus Stockholm untersuchte mit einer ganz anderen Fragestellung das Skelett des berühmten Kriegers – und wurde stutzig: War der Schädel nicht ungewöhnlich grazil für einen Mann, das Becken nicht verdächtig weiblich? Im Herbst des Jahres 2017 brachte eine DNA-Analyse Gewissheit: Der berühmte Krieger war eine Frau. Die Frauenbewegung führte aus der reinen Männergeschichte Diese sensationelle Entdeckung belegt nicht nur die Existenz hochrangiger Wikingerkriegerinnen, sie zeigt auch, wie fatal es sein kann, wenn Forscher sich von eigenen Stereotypen leiten lassen. Und wie sehr die jeweilige Gesellschaft stets auch unsere Vorstellungen der Vergangenheit bestimmt.

Text: Martina Nothnagel

„Es muss immer wieder dagegen angekämpft werden, dass Frauen nicht wieder unsichtbar werden“ Marion Wittfeld, Universität Wien

Martina Gugglberger, ­ Universität Linz

Ab den 1880er Jahren öffneten sich Europas Universitäten langsam für Frauen, etablieren aber konnte sich eine Geschichte von und über Frauen erst seit den 1970er Jahren. „Die Frauenbewegung gab den Anstoß, dass weibliche Geschichte, Frauen und ihre Leistungen gewürdigt und institutionalisiert, also auch an Universitäten erforscht werden“, sagt Marion Wittfeld. Noch heute sei es wichtig „zu fragen, warum es überhaupt zu dieser männlichen Hegemonie in der Erinnerung kam, etwa um gegenwärtige Entwicklungen zu verstehen“. Auch Martina Gugglberger, assoziierte Professorin am Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Universität Linz, betont die Bedeutung von Geschichte für die Gegenwart: „Geschlechterverhältnisse wie wir sie heute kennen, also die unterschiedlichen Rollen, die Männern und Frauen in der Gesellschaft zugeteilt werden, sind ja historisch gewachsen. Die Tatsache, dass Privates und Familie auch heute noch primär als Raum von Frauen gilt, während Öffentlichkeit und Politik immer noch tendenziell männlich konnotiert sind, ist ein Erbe des 19. Jahrhunderts.“ Privater (weiblicher) Raum versus öffentliche Erinnerung Privaten, also weiblich konnotierten Räumen, kommt auch heute noch ein vergleichsweise geringerer Stellenwert in der Erinnerungskultur zu. Nur langsam wird auch diesen Bereichen die gebührende Aufmerksamkeit gezollt. Gugglberger weiß von vergessenen Frauen, von lange Zeit unsichtbar gebliebenen weiblichen Handlungsfeldern. Sie hat unter anderem zu Frauen im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime in Oberösterreich geforscht: Nicht nur Männer, auch Frauen waren im Widerstand gegen das Regime der Nationalsozialisten aktiv. Im Gegensatz zu ihren männlichen Mitstreitern wurde jedoch den Tätigkeiten weiblicher Widerstandskämpfer lange Zeit keine Beachtung geschenkt. Diese Frauen waren nicht im bewaffneten Widerstand, hatten keine führenden Positionen in der Bewegung inne. Sie handelten im Privaten, Alltäglichen. Sie besorgten Essen, überbrachten Nachrichten, gewährten Unterschlupf. „Das waren höchst politische Frauen“, bekräftigt Gugglbeger. „Ohne sie, ohne ihre Tätigkeit, wäre ein Widerstand nicht möglich gewesen.“ Da er aber eben im Privaten und Alltäglichen stattfand, wurde ihr Beitrag bald vergessen, zum Teil sogar von ihnen selbst. Worum geht es bei der Geschlechtergeschichte genau? Erst seit Kurzem befasst sich die Forschung auch mit diesen couragierten Frauen, beginnt man, auch sie in der Erinnerungskultur zu würdigen. In der Frauen- und Geschlechtergeschichte geht es nicht darum, im Gegenzug für ­jahrhundertelange

Unsichtbarkeit Männer auszublenden. Geschichte ohne Männer gibt es schließlich ebenso wenig wie Geschichte ohne Frauen. Martina Gugglberger spricht daher auch explizit von „Geschlechtergeschichte“. Ihr Anliegen sei es, „dass Geschlecht generell in die Erinnerungskultur Eingang findet“. Bei diesem Ansatz geht es um „Geschlecht als Forschungsperspektive, aber auch als Perspektive im Alltag“, wie sie erklärt. Es wird nach Geschlechterverhältnissen gefragt, danach, wie Geschlecht konstruiert wird – das weibliche wie das männliche. „Es geht nicht darum, dass zu fünfzig männlichen Statuen jetzt auch fünfzig weibliche Statuen hinzukommen müssen“, schmunzelt die Linzer Forscherin. Geschlecht wird in erster Linie als Beziehung verstanden, nicht als Auswahlkriterium. Auf die Männer wird keinesfalls vergessen. Seit den 1980er Jahren entwickelt sich Frauen- und Geschlechtergeschichte als international expandierendes Forschungsfeld. Auch in Österreich befasst sich eine Vielzahl an Forschungsprojekten mit diesem Thema. „Es gibt schon sehr viel“, bestätigt Marion Wittfeld. „Es ist aber auch noch viel zu tun“, fügt sie nach einer kurzen Pause hinzu. „Aus meiner Sicht wäre es sehr positiv, wenn auch abseits der Frauenund Geschlechtergeschichte das Leben, die Handlungsräume und die Rollen von Frauen in der Geschichte stärker fokussiert würden. Fächerübergreifend ist das noch nicht Status quo.“ Worum geht es bei der Geschlechtergeschichte genau? Martina Gugglberger sieht das ähnlich: „Es hat sich einiges getan. Aber das Einbeziehen der Kategorie Geschlecht in die Geschichtsforschung ist noch lange nicht selbstverständlich. Das zeigt sich auch daran, dass man immer noch Geschlechtergeschichte dazuschreiben muss. Selbstverständlich ist es für mich dann, wenn man es nicht mehr explizit erwähnen muss.“ Marion Wittfeld liegt neben der stärkeren institutionellen Verankerung der Frauenund Geschlechtergeschichte oder dem Aufbrechen der gläsernen Decke für Frauen in akademischen Führungspositionen vor allem ein weiterer Punkt am Herzen: „Der Kampf gegen Sexismus.“ Der auch heute noch herrschende Sexismus hat, wie sie meint, „viel mit der Objektmachung von Frauen zu tun. Sei es in der Werbung, den Medien oder eben auch in der Geschichtsschreibung, in der Frauen lange Zeit nicht als handelnde Individuen wahrgenommen wurden.“ Essenziell sei es aber auch, „das bereits Erreichte zu betrachten. Um eben nicht auf die Propaganda jener rechten oder rechtspopulistischen Parteien hereinzufallen, die wieder zurück möchten zu einem reaktionären Frauenbild und der Unsichtbarmachung von Frauen.“

Fotos: Universität Wien, Daniel Schneider

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Foto: karin wasner

Tit e lt h e m a   :   h eu r e ka 4/18   FALTER 26/18  19

Der Obelisk mit Adler, Drache und Löwen ist der markanteste Bestandteil der historischen Heldenfriedhofsanlage in der ehemaligen Garnisonsstadt Korneuburg. Errichtet ab 1915 von den akademischen Bildhauern des Eisenbahn- und Telegraphenregiments, sollte es die Soldatenmoral stärken


20  FALTER 26/18   h eur eka 4/18  :   T i t elt h e m a

:  vo n A b i s Z

:  f r e i h a n d b i b l i ot h e k

Gedenken: Das Glossar

Buchempfehlungen zum thema von emily walton

Jochen stadler

1000-jähriges Reich  Das Nazireich war schon nach zwölf der grauen­ haftesten Jahre der MenschheitsGeschichte am und zu Ende. Achtundsechziger  Linke Idealisten, die im Jahr 1968 eine faire Zivilgesell­ schaft propagierten und heute in großer Zahl als rechte Pseudorealisten an den Hebeln der Macht sitzen. Anschluss  1938 wurde Österreich vom nationalsozialistischen Deutschland nach einer Volksabstimmung annektiert, wor­ über der Großteil der Bevölkerung große Freude zeigte. Austrofaschismus  Von den regierenden Bundeskanzlern Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg getragenes, autoritä­ res und an faschistischen Ideen orien­ tiertes Herrschaftssystem von 1933 bis 1938. Autonomie  Erhielten 1918 die ver­ schiedensten Völker des vormaligen ös­ terreichisch-ungarischen Kaiserreiches. Demokratie  Auch wenn sie nie per­ fekt sein kann, ist sie die für die meis­ ten Menschen verträglichste Form des Zusammenlebens in einem Staat. Erinnern  Tut man sich etwa an den ersten Urlaub in Rimini oder dass im 1944er Jahr der Opa in Russland ge­ fallen ist. Erste Republik  Wurde 1918 gegrün­ det und löste die österreichische Monarchie ab. Frauenwahlrecht  Wurde 1918 in Ös­ terreich im Rahmen eines Allgemeinen Wahlrechts eingeführt. Friede  Ausnahmezustand in der Menschheits-Geschichte, der bei uns glücklicherweise schon seit 73 Jahren anhält. Friedensvertrag von St. Germain  Legte unter anderem die Grenzen des neuen Österreichs fest. Gedenken  Kann man der freudigen Ereignisse wie einem Kriegsende ge­ nauso wie der Tragödien. Gegenwart  Der einzige Zeitpunkt, an dem man etwas verändern kann. Geschichte  Lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt, sagte Mahatma Gandhi. k und k  Doppeladlerimperium aus Kaisertum Österreich und Königreich Ungarn. Kaiser  Wurde in Österreich nicht abge­ schafft, abgesetzt oder ins Exil gezwun­ gen, sondern „verzichtete auf jeden An­ teil an den Regierungsgeschäften“. Dies geschah freilich unfreiwillig. Krieg  Bringt bei den beteiligten Men­ schen die hässlichsten und die besten Eigenschaften zum Vorschein. Menschenrechte  1948 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“, um menschliche Tra­ gödien wie den Zweiten Weltkrieg fort­ an zu verhindern. Monarch  Mensch, der hunderttausende

andere befehligen, ausnehmen, in den Krieg schicken und richten konnte, nur weil er Kind des richtigen Mannes war. Monarchie  Europäische Staatsform, die in Österreich 1918 ein Ende fand. Nationalismus  In einer globali­ sierten Welt veraltetes Konzept des Einkapselns. Nationalsozialist  Teil eines Systems von Massenmördern. Nazideutschland  Von einem Oberös­ terreicher, der an der Wiener Kunstaka­ demie nicht aufgenommen wurde, kre­ iert. Beging Verbrechen und Völkermor­ de und zog die Welt in einen Krieg, bis es in sich zusammenfiel. Offensive  Angriff ist nur die beste Verteidigung, wenn man nicht den Mut hat, mit den anderen zu reden, sie zu respektieren und friedlich zusammenzuleben. Österreich  Bergiges Land im Her­ zen Europas, das sich nicht nur beim Fußballspielen viel wichtiger nimmt, als es ist. Republik  „Gemeinsame Sache“ von Menschen, die sich ihre Regierenden selber wählen können und nicht oktro­ yiert bekommen. Sicherheit  Wird nicht durch Aufrüsten erreicht, sondern durch Abrüstung. Soldaten  Großteils männliche Men­ schen, die Kriege für Monarchen, Dikta­ toren und Republiken vollziehen. Staat  Territorium zwischen imaginä­ ren Linien in der Landschaft, das von Menschen bevölkert wird, die vielleicht einmal eine gemeinsame Abstammung hatten, aber in der Regel mit dem Rest der Weltbevölkerung durchmischter sind, als sie glauben. Streik  Mittel der Soldaten, um einen Krieg zu beenden. So streikten rund 5.000 Matrosen der k.k-Kriegsmarine in Kotor/Cattaro und Landtruppen, die nicht wieder vom Hinterland an die ita­ lienische Front wollten. Vergangenheit  Lädt zum Erinnern ein, was nichts bringt, weil die „gute alte Zeit“ in der Regel so gut nicht war. Volk  Gruppe von Menschen, die ir­ gendwie miteinander verwandt sind, aber schon bald mehr durchmischt wa­ ren, als „völkische Idealisten“ sich das jemals eingestehen würden. „Wir zuerst“  Das Vollführen dieses in der heutigen Politik so gängigen Mottos ist laut Kooperationsforschern „ein Weg in den Untergang“ für die ganze Welt. Zivilcourage  Verhindert mitunter Kar­ rieren oder das Erlangen von Reich­ tum und Macht. Aber es ist irgendwie menschlicher, aufrecht zu gehen statt zu kriechen. Zweiter Weltkrieg  War nach all den Gräueltaten, Morden und Verbrechen an der Menschlichkeit 1945 endlich zu Ende und sollte der letzte bleiben. Fort­ setzung unerwünscht.

Bilder aus 1968, dem Jahr jugendlicher Rebellion

Ein Blick auf hundert ­Jahre „Versuchsstation für Weltuntergänge“

Wie drückt man Aufbruch und Veränderung in Bildern aus? Am besten mit der Realität: Die italienischen Autoren Carlo von Batà und Gianni Morelli haben eine Auswahl an Foto­ grafien des Jahres 1968 zusam­ mengestellt, die ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind. Die Bilder reichen vom Attentat auf Robert F. Kennedy über den „Summer of Love“ der Hippies bis hin zur Niederschlagung des Prager Frühlings. Jedes Bild wird von einer Zusammenfas­ sung des jeweiligen Ereignisses begleitet, was das Buch auch für nachkommende Generatio­ nen interessant macht.

Geschichts-Crashkurs auf 550 Seiten: Der Historiker Man­ fried Rauchensteiner liefert ei­ nen Streifzug durch die ver­ gangenen hundert Jahre unse­ res Landes. Darin schildert der fundierte Wissenschafter ein­ gehend die Zeit Deutschöster­ reichs, des Ständestaats, der Al­ pen- und Donaugaue des Groß­ deutschen Reiches und auch der Gegenwart. Sein Augenmerk liegt immer auf den Phasen des Umbruchs, auf dem Zusam­ menspiel von Wirtschaft und Politik und auf der Rolle Öster­ reichs als „Versuchsstation für Weltuntergänge“, wie einst Karl Kraus das Land beschrieb.

1968: Ein revolutionäres Jahr in Bildern Carlo von Batà/Gianni Morelli White Star Verlag, 223 S.

Unter Beobachtung Österreich 1918-2018 Manfried Rauchensteiner, Böhlau Verlag, 550 S.

Roman über ­berühmte Zeitzeugen im Wien des ­Jahres 1938

Was in Tirol nach dem Anschluss 1938 geschah

Der Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland und die Er­ eignisse des März 1938 wa­ ren nicht nur ein traumatischer Wendepunkt in der europäi­ schen Geschichte, sondern ha­ ben laut Manfred Flügge die Wiener ein stückweit ihrer Seele beraubt. Der Romanist und His­ toriker hat einen realitätsnahen Roman rund um den März 1938 verfasst. Der literarischen Arbeit gingen viele Jahre der Recher­ che voraus. Fesselnd sind gerade die Lebenserzählungen der ein­ zelnen Zeitzeugen, darunter Sig­ mund Freud, Egon Friedell, Ro­ bert Musil und Franz Werfel.

Die erste Studie über den An­ schluss 1938 in allen Bezirken Tirols. Horst Schreiber hat als Herausgeber zwölf Beiträge zu­ sammengestellt, die den Auf­ stieg der NSDAP, den NS-Ter­ ror, die deutschnationalen Tra­ ditionen einer Grenzstadt, Verfolgung, Rache, Gleichschal­ tung und Propaganda in dieser ­Region beleuchten. Dabei kom­ men die unterschiedlichsten Stimmen zu Wort: von Nutz­ nießerinnen aus dem Kreis des Bundes Deutscher Mädel bis zu jüdischen Familienmitgliedern. Ergänzt wird das Werk durch zahlreiche Fotos.

Stadt ohne Seele Wien 1938 Manfred Flügge, Aufbau Verlag, 479 S.

Der Anschluss in den Bezirken Tirols Horst Schreiber, Studienverlag, 536 S.


Foto: karin wasner

Tit e lt h e m a   :   h eu r e ka 4/18   FALTER 26/18  21

Das Denkmal vom Heiligen Georg als siegreicher Drachentöter in Bockfließ wurde 1956 vom Bildhauer Heribert Rath gestaltet und ist den Opfern beider Weltkriege gewidmet. Als Soldat des römischen Heeres starb Georg für sein Christentum den Märtyrertod und wurde zum Patron der Krieger


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Logik für die Praxis Georg Gottlob darüber, wie Österreich in der Logik Anschluss an die Weltspitze geschafft hat

Was heißt das? Gottlob: Jede Software, jedes Programm folgt logischen Bedingungen. Die klassische Logik definiert dabei jede Aussage und deren Folgen, sie ist statisch und monoton. Aus der Informatik sind neue Bedürfnisse erwachsen: So gibt es etwa den Ansatz der nichtmonotonen Logik, die es zulässt, dass zusätzliche Annahmen zu anderen Schlussfolgerungen führen. Nehmen Sie an, ich stelle mein Fahrrad irgendwo ab. Natürlich erwarte ich, dass es noch dort steht, wenn ich zurückkomme. Diese Tatsache stelle ich nicht infrage, mein Rad steht so lange dort, bis ich feststelle, dass es verschwunden ist. Dann allerdings ändert sich mein Weltbild. Genau diese Zustandsübergänge lassen nichtmonotone Logiken zu. Damit kann man etwa den gesunden Menschenverstand besser abbilden, was in der Praxis viel nützlicher ist. Auch die Fuzzy Logic erweitert die simple Ja-Nein-Logik von Computern, indem sie Ungenauigkeiten und Abstufungen erlaubt. Wo braucht man solche Konzepte? Gottlob: Überall, wo es einen Input und einen Output gibt. Sogar das Design von Webseiten basiert teilweise auf Logik. Was ist etwa die Folge, wenn ein Anwender auf einen Button klickt? Software Engineering verwendet Logik, um komplexe Zustandsübergänge hervorzurufen. Auch in den klassischen Ingenieurwissenschaften werden im Wesentlichen Methoden studiert, um Zustandsübergänge zu erwirken: Man baut eine Brücke, wo vorher keine war. Wie baut man diese Brücke? Welche sind die Zustände, die das, was derzeit der Fall ist, verändern können? Der Bereich, der am meisten auf Logik basiert, ist die Künstliche Intelligenz. Intelligenz hat zwei Komponenten: subsymbolisches und symbolisches Schließen. Ersteres wird derzeit erfolgreich im Bereich des maschinellen Lernens verwendet, insbesondere für die Mustererkennung – das können neuronale Netze sehr gut. Symbolisches Lernen wiederum baut darauf auf, dass Wissen weitergegeben und daraus schlussgefolgert werden kann, ohne selbst die entsprechende Erfahrung gemacht zu haben. Das Schlussfolgern ist sehr komplex, und auch Maschinen brauchen dafür viel Zeit. Diese Komplexität und die Verbindung von Subsymbolik und Symbolik sind wichtige Forschungsgebiete der Künstlichen Intelligenz.

Gespräch: Claudia Stieglecker

„Ich möchte zeigen, wie nützlich Logik sein kann und dass sie die Welt beeinflusst“ Georg Gottlob, Universität Oxford und TU Wien

„Das Institut „Logic and Computation“ an der TU Wien gehört mittlerweile zu den fünf besten der Welt“ Georg Gottlob

Der „Wiener Kreis“ hat in der Zwischenkriegszeit die Logik in der Wissenschaftstheorie etabliert, wurde aber mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zerschlagen. Heute hat das Forschungsgebiet der Logik in Österreich wieder an Bedeutung gewonnen. Wie kam es dazu? Gottlob: Angefangen hat es mit ein paar Studenten, die sich am Institut für Logistik kennengelernt hatten. Alexander Leitsch, Matthias Baaz und ich waren an Logik interessiert und wechselten gemeinsam in die Informatik mit der Idee, Logik und Informatik expliziter zu verbinden. Die TU Wien hat das gut aufgegriffen, so wurden Ende der 1980er Jahre Arbeitsbereiche gegründet, die schlussendlich im Institut „Logic and Computation“ vereint wurden. Anfangs wurden wir oft mit der skeptischen Frage, wozu man das überhaupt braucht, konfrontiert. Mittlerweile gehört das Institut zu den fünf besten der Welt. Die steigende Bedeutung der Logik zeigt sich auch in Plattformen wie „RiSE – Rigorous Systems Engineering“, die von Roderick Blum und vom leider schon verstorbenen Helmut Veith gegründet worden ist. Hier wird mithilfe von Logik versucht, Software automatisch auf Korrektheit zu überprüfen. Denkbar wäre sogar, dass, langfristig ge­sehen, Programmierer zu „Spezifizierern“ werden, weil irgendwann Programme nur aus ihrer Spezifikation heraus automatisch erstellt werden können. Davon sind wir allerdings noch weit entfernt. Sie haben im Lauf Ihrer Karriere nicht nur geforscht, sondern auch einige Start-ups gegründet. Gottlob: Das stimmt. 2001 war ich etwa Mitbegründer der Firma Lixto.com. Die Idee war, ein Programm zu entwickeln, das auf Webseiten, die viele Daten bereitstellen, automatisch für den Anwender relevante Informationen sammelt. Wenn Sie zum Beispiel auf einer Immobilienwebseite eine Wohnung suchen und sich dabei durch die Daten klicken, die Sie interessieren, schreibt das Programm dies mit, verallgemeinert und kann diese Wege dann selbstständig nachvollziehen. Wir haben dafür Datalog, eine logische Sprache für Datenbankabfragen, so verändert, dass damit Webabfragen möglich werden. Das hat so gut funktioniert, dass wir bald viele Kunden hatten. Mittlerweile wurde Lixto.com verkauft, ist Teil von McKinsey und arbeitet erfolgreich im Bereich Business Intelligence. Ihr nachfolgendes Projekt führt die Idee von Lixto.com fort, geht aber einen Schritt weiter … Gottlob: Wenn man Daten von sehr vielen, soll heißen 10.000 oder mehr Webseiten sammeln will, wird das zu aufwendig. Das nächste Ziel war also, ein Programm zu entwickeln, dem lediglich Adressen von Websites mitgegeben werden, die ­daraufhin

v­ ollautomatisch durchsucht werden. Um das zu erreichen, haben wir versucht, bereits vorhandenes Wissen mit Datalog logisch zu beschreiben. Dabei spielen unterschiedliche Arten von Wissen eine Rolle: Einerseits allgemeines Wissen über Webseiten, zum Beispiel, dass es einen „Weiter“Button gibt. Andererseits spezifisches Wissen in dem Bereich, um den es geht. Eine Wohnung beispielsweise wird durch Quadratmeter, Anzahl der Zimmer, Stockwerke etc. beschrieben. Dies wird in logische Regeln umgewandelt. Außerdem ist das Wissen darüber, wie Objekte normalerweise auf Webseiten erscheinen, relevant: Der Text gleich neben einem Eingabe­feld ist höchstwahrscheinlich dessen Beschreibung, usw. Für das Projekt definiert war die Erfassung von sechzig Prozent der durchsuchten Webseiten. Funktioniert hat es nach fünf Jahren Arbeit für 95 Prozent. Aus diesem Projekt mit dem schönen Namen „Diadem“ entstand die Firma „Wrapidity“ – ein Kunstwort, gebildet aus den Wörtern „wrapper“ und „rapidity“ –, die bereits kurz nach ihrer Gründung von Meltwater gekauft wurde. Womit beschäftigen Sie sich aktuell? Gottlob: Mit sogenannten „Knowledge Graphs“. Sie kennen das vielleicht, wenn Sie auf Google etwas suchen: Auf der Ergebnisseite wird rechts ein Fenster mit den wichtigsten Fakten zu Ihrem Suchbegriff angezeigt. Die dahinterstehende Wissensbasis ist ein Knowledge Graph. Diese Art der Informationsverdichtung ist auch für mittlere und große Firmen interessant, zum Beispiel, wenn es um Konkurrenten oder Kunden­informationen geht. Dazu entwickeln wir im Projekt „Vada“ – das bedeutet „Value Added Data“ – ein System, das Informationen miteinander verbindet, logisch verknüpft und schlussfolgert. Aus diesem Projekt ist das Start-up „Deep­reason.ai“ entstanden. Das Besondere dabei ist unter anderem, dass die Daten dort bleiben können, wo sie bereits gespeichert sind, und nur virtuell zusammengeführt werden. Bislang wurden alle Daten, die durchsucht werden sollen, im Vorfeld in das RDF-Format umgewandelt. Mit unserem System muss nichts mehr übersetzt werden. Was motiviert Sie zu diesen immer neuen Herausforderungen? Gottlob: Ich möchte Logik in der Praxis anwenden und zeigen, wie nützlich sie sein kann und dass sie die Welt beeinflusst. Die logische Verarbeitung von Wissen wird in unserer „knowledge based economy“ immer wichtiger. Wir brauchen Mittel, mit denen aus Wissen schnell Schlussfolgerungen gezogen werden können. Die Logik muss dabei auf das Anwendungsgebiet zugeschnitten werden, und zwar so, dass schnell, aber trotzdem aussagekräftig logische Schlussfolgerungen gezogen werden können.

Foto: Foto Fayer

Herr Gottlob, wie passen Logik und Informatik zusammen? Georg Gottlob: Ich sage gerne: Informatik ist die Fortführung der Logik mit anderen Mitteln. Das beginnt bei der Hardware, die man als „in Silizium gegossene Logik“ bezeichnen kann. Die Informatik ist aus der Logik erwachsen, sie ist durchdrungen von Logik und gleichzeitig verändert sie diese auch.


Z u g u te r L e t z t  :   h eu r e ka 4/18   FALTER 26/18  23

:  g e d i c h t

erich klein

zu guter letzt

Oswald Egger Der Schriftsteller und ­Lyriker Oswald Egger (geboren 1963 in Tscherms, Südtirol) lebt auf der ehemaligen ­Raketenstation Hombroich bei Neuss und arbeitet als Professor für „Sprache und Gestalt“ in Kiel. Zuletzt erschienen: „Harlekinsmäntel und andere Bewandtnisse“ und „Val di Non“ (beide 2017). 2017 erhielt er den Georg-Trakl-Preis für Lyrik. Erich klein

:  wa s a m e n d e b l e i bt

Denkmäler Oswald Egger: Tale / Novella Immerhin öffnen sich wieder neue Wege für das ­eindringendere ­Wasser. Die gebuckelte Zunge – der Ausrisse – verflacht durch ­Feinbewegungen, auch vernarben solche Anbrüche wieder, und ­anstelle der verharschten, um Felsen gelegten ­Fangschlingen, ­treten neue auf: Ich rupfe den Bast ab vom Flieder ­haariger Akazien. ­Talwasser strömt durch den Boden, gelbe Erde, mit ­falbgraublauem, Tuff-fein geschichteten Ton, das Land ist flach wie ein Tisch. Und rundgeformte, voneinander isoliert aufplatzende ­Kalkfelsenschwämme überdeckten die Hochebene zu Schwärmen, als ein riesiger Karfiol. Und ob die Erdschären aus Kreidestein Dünen sind: fließen sie inselig in Sickerröge ein: tiefe, abspaltige Klammern zwischen sich auskalbend, keilhöckrig ineinander verengerte, während ein steinernes Meer buckeliger, in Zungen steil abfallender Kogel über sehr hohe Wände rollt. Aus: Oswald Egger: Tale / Novella, Edition Wege ins Land, Detmold, 2018

:  b i g p i c t u r e au s b u da p e st   László László Révész

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Als er als Kind einmal ins Kino ging, sah er das hohe schwarze ­Portal der Z-Filiale auf der Wiener Mariahilfer Straße am regennassen Asphalt glänzen. Es war ein urbaner Eindruck, sagte der Architekt C. Jahre später. Das Erlebnis lag noch vor dem Jahr 1945. Danach folgten in Österreich Trümmer-Narrative aus dem Geist des Wiederaufbaus. Die Z-Filiale, ein elegantes Relikt aus einer untergegangenen Welt, wäre dem Nachkriegsneubau­furor zum Opfer gefallen, hätte nicht Architekt K. beharrlich auf ihren kulturgeschichtlichen Wert hingewiesen. Nach jahrelangem Disput anerkannte der Denkmalschutz „auf Grund eines Fetzen Papiers“, wie K. sagt, die Autorenschaft des Architekten Adolf Loos. K. und C., während der Nazizeit aufgewachsen, durften sich guten Gewissens als „weiße“ Generation verstehen. Als Architekten bemühten sie sich aktiv um vergessene Traditionen des „besseren“ Österreichs. Geschichte verstanden sie nicht als Verkitschung imperialer Vergangenheit zu Tourismuszwecken. Auch scheuten sie nicht den kritischen Umgang mit der jüngsten Katastrophengeschichte. K. erkannte schon in den 1950er Jahren die Bedeutung der Wiener Flaktürme, zeichnete und vermaß sie. C. trat mit deren Erbauer direkt in Kontakt. Im Zuge städtebaulicher Überlegungen war die künftige Rolle der Flaktürme zu klären. Die Beteuerung, es habe sich um bloße Verteidigungsanlagen gehandelt, stellte C. nicht zufrieden – er konstatierte deren ideologische Funktion. Als Pragmatiker verglich er sie mit der Salzburger Festung. Auch von dort aus sei die Bevölkerung unterdrückt worden. K.s Vorschlag einer künftigen Nutzung als Hubschrauberlandeplatz machte die Betonmonster für Generationen von Architekturstudierenden zum Diskussionsgegenstand. Nach heutigem Maßstab sind beide Positionen politisch nicht ganz korrekt. Überdies hat sich die Spirale der Geschichtspolitik vielfach weitergedreht. Statt dem direkten Umgang ist authentische Inszenierung angesagt. Die hatte C. vor Jahrzehnten schon mit dem Anbau eines „Hitler-Balkons“ vor dem Rathaus vorgeführt. Wer ihn betrat, fand sich fast an derselben Stelle wieder wie Hitler bei einer seiner Anschluss-Reden. Solch Authentizität erhofft sich heute auch das Haus der Geschichte mit dem Balkon auf den Heldenplatz. Der Vorschlag des siebenundachtzigjährigen K. ist radikaler: Den Heldenplatz in Thomas-BernhardPlatz umbenennen.


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