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HEUREKA 3/13

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FALTER

HEUREKA Das Wissenschaftsmagazin

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haos, Mathe, Krebs Was Wissenschaft mit unseren Angstvorstellungen macht Mädels, ran den Ball Junge Frauen schwitzen ungern und verabscheuen Sport – Pech für sie

Urteil mit Folgen Ein OGH-Urteil sagt, es sei rechtswidrig, Unis Geld vorzuenthalten – und jetzt?

Nr. 3/13

Sport und

Gesellschaft

Männer haben einen Vogel und Frauen sehen im Beachvolleyballhoserl sexy aus. So sieht das Publikum bei uns den Sport. Mitmachen tut es nicht so gern

FOTO: CLAUDIA ZIEGLER / CLAUDIAZIEGLER.COM

Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2405/2013


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Roman Stohl, Schüler

Mein Praktikum für die Zukunft In der Schule gefällt Roman Chemie besonders gut. Doch die praktische Anwendung hat ihm gefehlt. Vergangenen Sommer ist es dann so weit: Roman untersucht für eine Zuckerfabrik verschiedene Rohstoffe. Nun möchte er unbedingt selbst in die Forschung.

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Inhalt

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Zwei Wässer im Glas Chemiker Thomas Lörting, Wasserforscher Komparative Medizin Labor für Human- und Veterinärmedizin Der Blick auf die Entstehung des Chaos mittels des Kehlkopfs eines toten Hirschen Vier Kilo schwerer Kokosnussknacker Der größte Einsiedlerkrebs der Welt

08 10 12 14

Sport und Gesellschaft Der Countdown zum Thema Trainieren bis zum Speiben Eine neue Trainingsmethode und -mode Sport und Gesellschaft Erleben wir eine Sportifizierung der Gesellschaft? Haben Männer einen Vogel? Der Zauber hochriskanter Sportarten

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Mädels, ran ans Leder! Warum junge Frauen Sport verabscheuen Sport und Wissenschaft: Das Glossar Wichtiges für alle Sportfans und Sportmuffel Schadenersatz für einen Studierenden Ein OGH-Urteil und seine Folgen Gedicht, HEUREKA-Rätsel, Kommentar Der Schiri ist ein Schwein

Kommentar

Editorial

Studiengebühren? Bin dafür! Erhard Busek

G ra f i k : T o n e F i n k , f o t o : M a n c a J u v a n / S ta b i l i t y P a c t

in wenig verwundert es mich, dass E die Politik nicht in der Lage ist, bei den Studiengebühren zu einem

Ergebnis zu kommen. Sie haben eine sozialpsychologische Bedeutung. Als „älteres Modell“ erinnere ich mich, dass wir Studiengebühren an Höheren Schulen und der Universität bezahlt haben – wenig, aber immerhin. Die Belastungen durch Bücher, allfällige Kurse etc. waren höher. Der Erhalt unserer universitären Landschaft hängt nicht von Studiengebühren ab. Aber natürlich macht es einen Unterschied, was hier zusätzlich zu den Budgets der Fachhochschulen und Unis gewonnen werden könnte. Der Anlauf zu Studiengebühren an Unis ist im Wahlkampf der letzten Nationalratswahlen mit den legendären August-Beschlüssen gescheitert – bei Fachhochschulen waren Studiengebühren jedoch von Anfang an selbstverständlich. Auch hier ist die Landschaft nicht einheitlich, denn einige Bundesländer bezahlen Studierenden die Gebühren, andere nicht. Studiengebühren als Steuerungsinstrument für Studierendenzahlen sind sinnlos. Es muss ein Stipendienwesen geben, das versucht, eine Startgerechtigkeit für Studierende aller Schichten zu schaffen. Interessanterweise ist die soziale Schichtung an Fachhochschulen trotz Studiengebühren weitaus besser als an den Unis. Es kann also nicht am Geld liegen. Das ist ein Argument für die Fachhochschulen, das dazu geführt hat, dass auch die Arbeiterkammer für mehr Fachhochschulplätze eintritt und dazu mitteilt, dass man die Studiengebühren grundsätzlich ablehne, aber zur Kenntnis nehmen muss, was aber einer Erhöhung der Studienplätze nicht im Wege stehen soll. Studiengebühren sind ein Steuerungselement für die eigene Lebensführung und ein Zeichen der Verantwortlichen, nicht nur der Eltern und

des Staates, sondern auch der Studierenden. Wäre ich heute Studierendenvertreter, würde ich für Studiengebühren eintreten und die Gegenleistung einer stärkeren Überprüfung unterziehen. Auch jenseits aller Marktwirtschaft gilt die Überlegung, dass Leistung und Gegenleistung in einem Verhältnis stehen müssen. Also, ich bin für Studiengebühren, selbstverständlich für ein Stipendienwesen, erwarte mir aber davon nicht zu viel. Ich habe allerdings den Eindruck, dass wir gegenwärtig nicht allzu viel

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aus dem öffentlichen Säckel für unsere Unis und Fachhochschulen erwarten können, wenngleich, wie die Medizinische Fakultät für die Uni Linz zeigt, man auf anderen Gebieten wieder großzügig ist. Vielleicht also doch Studiengebühren?

Finkenschlag Handgreifliches von Tone Fink

Erhard Busek Ex-Wissenschafts- und Ex-Unterrichtsminister ist u.a. Vorstand des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa

www.tonefink.at

Also wieder Hochwasser. ­Letzten Sommer stand ich mitten in ­Ferarra und starrte ungläubig auf eine Markierung, die ich trotz ­fehlender ­Italienischkenntnisse als Hochwassermarke akzeptieren musste. Damals war der Po schuld. Heute sehen wir im Klimawandel und in der dichten Bebauung ehemaliger Flussauen den Grund für das eben verlaufene Hochwasser. Bei Besuchen in Ybbs letztes Jahr habe ich den wirklich feschen neuen Hochwasserschutz ­mehrfach bestaunt – und er hat heuer ­gehalten. Allerdings gibt es auch dort Hochwassermarken an Hauswänden, die weit darüber liegen. Niemand mag den Klimawandel – seine Folgen sind für uns Menschen unangenehm bis katastrophal. Und wir müssen etwas dagegen unternehmen. Trotzdem, und obwohl er massenhaft Klimaverlierer verursachen wird, halte ich ihn für eine Erscheinung, die unsere Entwicklung positiv beeinflusst. Seine Komplexität fordert eine gewaltige Anpassungsleistung von uns. Und die hat, wie neuere Ergebnisse über das Klima Afrikas in der Geburtsphase der Menschheit vor 2 Millionen Jahren zeigen, uns wohl überhaupt erst möglich gemacht. Nietzsches Übermensch ist also einer, der sich erfolgreich dem Klimawandel anpassen kann. Eine brutale Herausforderung, aber eine, der wir mit Zuversicht entgegensehen sollten.

Impressum Falter 26a/13 Herausgeber: Armin Thurnher Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.; Redaktion: Christian Zillner; Fotoredaktion: Karin Wasner; Produktion/Grafik: Reini Hackl; Korrektur: Martina Paul Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar.

HEUREKA ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit


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Aus Wissenschaft und Forschung Kopf im Bild Das Molekül des Lebens Wasser bedeckt über zwei Drittel der Erde und bildet den Grundstoff des Lebens. „Wenn man das Verhalten von Wasser bei tiefer Temperatur betrachtet, erlebt man eine Überraschung nach der anderen“, schildert Chemiker Thomas Lörting von der Universität Innsbruck die Faszination für seinen Forschungsgegenstand. Im vergangenen Jahr konnte der Professor am Institut für Physikalische Chemie, der schon als Post-Doc im Labor des Nobelpreisträgers Mario J. Molina am MIT (USA) neue Theorien zur Quantifizierung des Ozonabbaus entwickelt hatte, eine jahrzehntelang diskutierte Fachfrage klären: Er wies nach, dass Wasser bei tiefen Temperaturen aus zwei unterschiedlich dichten Flüssigkeiten bestehen kann. Im März erhielt Lörting den Friedrich-Wilhelm-BesselForschungspreis der deutschen Alexander-von-Humboldt-Stiftung. „Wasser ist ein Verwandlungskünstler“, sagt der 40-Jährige, und die Neugier, was es noch alles könne, treibe ihn an. „Eis und Schnee sehen nur auf der Erde so aus, wie wir sie kennen. Im Weltall etwa gibt es glasiges Wasser oder Eiskristalle, die sich wie Metall verhalten und nicht bei null, sondern bei 2000 Grad schmelzen.“ T e x t : U schi S o r z

Jungforscher ür diese jungen Mathematiker bedeutete das Doktoratskolleg ComF putational Mathematics der Johannes-

Kepler-Universität Linz ein Sprungbrett ins Ausland. Clemens Raab, 29, zurzeit Deutsches Elektronen-Synchroton Zeuthen (BRD)

Beim Studium der Technischen Mathematik in Linz wählte Clemes Raab den Zweig „Mathematik in den Naturwissenschaften“, weil ihn diese Interessenkombination schon früh begeistert hatte. Bis vor Kurzem forschte er am Linzer Doktoratskolleg ­Computational Mathematics an der Weiterentwicklung von Algorithmen zur symbolischen Integration. „Dabei geht es darum, Integrale mittels

Methoden der Computeralgebra auszurechnen und eine exakte Formel statt eines numerischen Näherungswerts zu erhalten“, erklärt Raab, dem der Doktortitel im September sub auspiciis verliehen wird. Jetzt arbeitet er an Präzisions­berechnungen aus der Quantenchromodynamik am Deutschen Elektronen-Synchroton (DESY) mit. Dabei kommen auch Algorithmen zum Einsatz, an denen er schon während seiner Dissertation gearbeitet hat. Ismael Bleyer, 28, zurzeit Uni Helsinki (FIN)

„Es ist ein cooles Kolleg“, beschreibt der Brasilianer Ismael Bleyer die Homebase seiner Doktorarbeit. Mit dem Bachelor in Mathematics and Scientific Computing und dem ­Master

in Applied Mathematics in der Tasche hatte er seine südamerikanische Heimat Richtung Linz verlassen, um hier am Doktoratskolleg ­Computational Mathematics weiter an inversen Problemen zu forschen – einem schwierigen Thema mit großem Anwendungspotenzial. „Mein Fachgebiet ist populär in Österreich“, erklärt ­Ismael Bleyer den Grund für seine Wahl. „Und auch meine ,Bibel‘, das Buch ,Regularization of Inverse Problems‘ kommt aus Linz.“ Besonders schätzt er den hohen Stellenwert, den das Doktoratskolleg Auslandsaufenthalten und Networking bei internationalen Tagungen beimisst. Seinen Thesis-Endspurt legt er beispielsweise gerade an der Uni Helsinki hin.

Stefan Takacs, 29, zurzeit Universität Oxford (UK)

Auch Stefan Takacs bezeichnet die internationale Ausrichtung des Linzer Doktoratskollegs als einen Pluspunkt. „Wir konnten bei Konferenzen vortragen und Auslandsaufenthalte wurden finanziert“, sagt der Linzer, der während seines Doktoratsstudiums auch in Oxford, Trier und Chemnitz war. Vor einigen Monaten hat er seine Dissertation „Entwicklung von Mehrgitterverfahren zur schnellen Lösung von Optimalsteuerungsproblemen“ abgeschlossen, nun forscht er im Rahmen einer FWF-Förderung in Oxford. „Ziel meiner Dissertation war, Mehrgitterverfahren für Optimalsteuerungsprobleme verfügbar zu machen.“ Er schätzt mathematischer Theorie und ihr Anwendungspotenzial.

Fotos: Arbeitsgruppe Lörting, Privat (3)

U schi S o r z


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Aus Wissenschaft und Forschung Mathematik

Germanistik

Medizin

Mathe für die Augenheilkunde und zur Analyse des Hörens von Tönen im menschlichen Ohr

Was kann die Editionsgeschichte für das Werk von Ödön von Horváth praktisch leisten?

Was sagen S‘, Frau Doktor, i soll zu an Tierarzt geh‘n?

USCHI SORZ

S a b i n e E d i t h Br a u n

S o n j a Dri e s

Anfang Mai eröffnete das Labor für Komparative Medizin an der Vetmeduni Wien

orscher oder Mediziner ertrinken ezahlte“ Dissertationen sind für enetische Informationen, Anatoin einer Masse an Daten. Es wird B Geisteswissenschafter selten. G mie und Krankheitsbilder sind F immer schwieriger, darin eine Struk- Martin Vejvar hat Glück. Der Germa- bei Mensch und Tier oft nahezu identur herzustellen, mit der sich effizient arbeiten lässt. Martin Ehler, der an Algorithmen zur Analyse riesiger Bild- und Datenmengen arbeitet, will Abhilfe schaffen. Er ist einer der zwei Mathematik-Jungstars, die im Rahmen des WWTF-Programms „Vienna Research Groups for Young Investigators“ jeweils 1,5 Millionen Euro erhalten haben, um eine eigene Forschungsgruppe aufzubauen. Im Herbst wird er damit an der Universität Wien beginnen.

Fotos: Michael Rausch Schott

„Mathematische Methoden entwickeln, die physiologische Vorgänge objektiv quantifizieren“ Martin Ehler, Uni Wien

„Wir wollen neue mathematische Methoden entwickeln, die physiologische Vorgänge objektiv quantifizieren“, erklärt der gebürtige Deutsche. „Und zwar von den Grundlagen bis zur praktischen Anwendung.“ Sein Gebiet, die angewandte harmonische Analyse, benutzt Methoden aus anderen Gebieten der Mathematik. „So wird mir nie langweilig“, lächelt der 37-Jährige. In Wien, das er von Forschungsaufenthalten gut kennt, wird er sich bei einer Kooperation mit dem Vienna Reading Center an der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie auf die Analyse verschiedener Bilder der menschlichen Netzhaut konzentrieren. „Hier können neue Algorithmen dazu beitragen, Augenkrankheiten besser zu verstehen und neue Behandlungsmethoden zu finden.“ Bei einer anderen Zusammenarbeit, nämlich mit dem Institut für Schallforschung, wird es um die Verarbeitung von Tönen im Ohr gehen. Die Möglichkeit, mit Mathematik komplexe Dinge zu ordnen, hat Ehler bereits früh fasziniert. „Ich fand es immer schon toll, wenn sich etwa eine komplizierte Gleichung mit vielen Variablen am Ende zu einem einfachen Ausdruck umformen ließ.“

nist schreibt seine Dissertation „Der Nachlass Ödön von Horváth im Spannungsfeld Archiv – Edition – Interpretation“ im Rahmen eines vom FWF finanzierten Editionsprojekts am Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. Dort erscheint seit 2009 die 18-bändige historisch-kritische „Wiener Ausgabe sämtlicher Werke“ Horváths (Leitung: Klaus Kastberger). „Durch die Arbeit daran habe ich die intensive Kenntnis von Horváths Nachlass, die für meine Dissertation wichtig ist“, sagt Vejvar. Was leistet eine historisch-kritische Ausgabe? Martin Vejvar: „Wir stellen nicht nur gesicherte Endfassungen der Texte her, sondern rekonstruieren auch anhand der überlieferten Materialien deren Genese. Uns interessieren eilig hingekritzelte Entwürfe ebenso wie mehrfach überarbeitete Typoskripte, die wir chronologisch aufeinander beziehen und in voller Breite zugänglich machen.“ Dass Horváths Nachlass kompakt vorhanden ist, erleichtere die Editionsarbeit. In einem „kritisch-genetischen Apparat“ am Fußende jeder Seite werden alle Textänderungen vermerkt, bis hin zu den Beistrichen. Warum ist das wichtig? Vejvar: „Alle Änderungen durch den Autor selbst müssen abgebildet werden, jeder editorische Eingriff nachvollziehbar sein. Von Horváth liegen nur wenige Werke als voll autorisierte Drucke zu Lebzeiten vor. Der Rest existiert als Theaterbücher in Mini-Auflagen für die Bühnenarbeit. Die Textgrundlage der bisherigen Horváth-Ausgaben wiederum ist unklar, die Texte oft verfälschend transkribiert.“ Mit der „Wiener Ausgabe“ werde eine editorische Lücke geschlossen. Martin Vejvar: „Wir schaffen eine verlässliche Basis für weitere interpretatorische wie theaterpraktische Arbeit. Zum Beispiel hat Frank Castorf vor Kurzem in München „Kasimir und Karoline“ auf Basis unserer Ausgabe inszeniert.“ Sechs der 18 Bände sind bereits erschienen. Der FWF-Vertrag läuft bis Sommer 2015: „Dann sollte ich auch mit der Dissertation fertig sein.“

tisch. Diesen Umstand machen sich Forscher zu Nutze, wenn sie neue Medikamente und Therapien an Nagern, Hunden oder Primaten testen. Humanmediziner nutzen die Ergebnisse, um neue Arzneimittel für den Menschen zu entwickeln. Obwohl auch die Tiere von diesen Erkenntnissen profitieren könnten, war die Zusammenarbeit zwischen Human- und Veterinärmedizin in Österreich bisher kaum vorhanden. Doch Anfang Mai eröffnete das Labor für Komparative Medizin an der Vetmeduni Wien. Leiterin Erika Jensen-Jarolim, die seit 2011 auch den Lehrstuhl für Vergleichende Medizin hält, soll mit dem Labor eine Brücke zwischen MedUni Wien und der Vetmed schlagen und Vorurteile, die zwischen den beiden Disziplinen bestehen, aufbrechen. Die Einrichtung ist Teil des Messerli Forschungsinstituts, einem Kompetenzzentrum, das sich auf die Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung spezialisiert hat. Ein thematischer Schwerpunkt des Labors liegt auf der Tumorforschung. Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe führt momentan eine

Impfstudie gegen Krebserkrankungen bei Hunden durch. Die Allergieforschung bildet den zweiten Interessenschwerpunkt. Dabei geht es sowohl um Allergien der Besitzer gegen ihre Haustiere als auch Reaktionen der Tiere selbst auf die vom Mensch geschaffene Umwelt. Die Laborleiterin nennt als Beispiel ein Forscherteam, das dem Wahrheitsgehalt der Existenz von „hypoallergenen“ Hunden und Katzen auf den Grund geht, die angeblich keine oder kaum Allergien beim Menschen hervorrufen sollen. Ein weiteres wichtiges Thema ist für Jensen-Jarolim die oft paradoxe Beziehung zwischen Mensch und Tier: „Die Menschen sehen ihr Haustier als Familienmitglied und besten Freund, doch sobald es krank wird, wollen viele nichts mehr damit zu tun haben.“ Grund dafür sei oft Unwissen und die Angst vor finanzieller und zeitlicher Belastung. Die verstärkte Zusammenarbeit von Human- und Veterinärmedizinern im neuen Labor für Komparative Medizin soll dem in Zukunft mit effektiveren Therapiemöglichkeiten, besseren Medikamenten und Aufklärung der Tierbesitzer entgegenwirken.

Das Forschungsteam im neuen Labor für Komparative Medizin an der Vetmeduni Wien mit Laborleiterin Erika Jensen-Jarolim (dritte von rechts)


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Aus Wissenschaft und Forschung Kognitionsbiologie

Ethnologie

Brief aus Brüssel

Biophysiker macht Weg zum Chaos sichtbar

Emily walton

Christian Herbst hat den Kehlkopf eines toten Hirschen zum Röhren gebracht, um chaotische Zustände zu demonstrieren

Sexistisches Stroh am Dach: Volksbräuche und Frauennachlässe als wissenschaftliche Quellen

jochen stadler

Sonja Burger

„Chaos entsteht, wenn ein einfaches System unter gewissen Bedingungen ein komplexes Verhalten zeigt“ Christian Herbst Universität Wien

Der Versuch diente nicht etwa dazu, eine Hirschkuh anzulocken, sondern um den Wechsel von chaotischen, Chaos-nahen und geordneten Schwingungen darzustellen, der bei diesem Röhren passiert. Chaos entsteht nicht aus purem Zufall, sondern dann, wenn ein einfaches System bei bestimmten Bedingungen ein komplexes Verhalten zeigt, erklärte Christian Herbst vom Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien. In der Natur gäbe es viele Beispiele dafür: das Wetter, den Herzrhythmus, die Wirtschaft und die Stimmen von Mensch und Tier. Auch ein geordnet schwingendes System wie die Stimmlippen des toten

Hirschen kann abrupt ins ­Chaos stürzen, wenn sich nur eine einzige Größe ändert – in dem Versuch manipulierten die Forscher dafür die Stärke des Luftstroms. Außerdem gäbe es Chaos-nahe Übergangsformen, erklärten sie. Bisher konnte man den Weg zum Chaos nur mit komplizierten Verfahren oder mehreren Abbildungen darstellen, die für Nicht-Mathematiker schwer bis gar nicht zu verstehen sind. Daher haben die Forscher eine anschauliche Grafik entwickelt, die mit zwei Dimensionen auskommt: das sogenannte ‚Phasegram‘. Dazu sind zwar komplizierte mathematische Berechnungen notwendig, aber was interessiert es den Betrachter der Mona Lisa, wie schwierig es für Leonardo war, das Bild zu malen? Er erfreut sich an ihrem verschmitzten Lächeln ebenso, wie der Betrachter des Phasegrams frohlockt, weil er Chaos und Ordnung samt ihrer Übergänge anschaulich präsentiert bekommt. „Dieses Verfahren erlaubt es die Symptome von Systemen auf dem Weg zum Chaos intuitiv in einer einzigen Abbildung sichtbar zu machen“, schwärmen die Forscher. Das Phasegram eignet sich nicht nur für mechanische Systeme wie röhrende Stimmbänder, sondern man könne damit alle Systeme untersuchen, die Schwingungen erzeugen, so Christian Herbst.

Ein Bild des sogenannten Phasegrams, das es möglich macht, den Übergang von Ordnung zu Chaos darzustellen

m Abend vor Allerheiligen konnte A man früher in Weinviertler Dörfern einem seltsamen Treiben zusehen.

Junge Burschen warfen Strohgeflechte, auch „Allerheiligenstriezel“ genannt, auf einzelne Dächer und markierten damit jene Häuser, wo unverheiratete Mädchen wohnten. Für die Europäische Ethnologie waren und sind solche Objekte höchst interessant. Wie sie gedeutet werden, hängt jedoch von der Forschergeneration ab. Die Metapher „sexistisches Stroh“ zeigt laut Matthias Beitl, Kurator der Ausstellung „Gelehrte Objekte? Wege zum Wissen“ und Direktor des Volkskundemuseums, diesen Wandel auf: Unter konservativen Vorzeichen wurde der Brauch als Rügebrauch gedeutet, während sich später durch eine feministische Perspektive eine weitere Interpretationsmöglichkeit erschloss. „Tagebücher, Haushaltsaufzeichnungen oder Fotoalben sind wertvolle Quellen für die Wissenschaft “ Li Gerhalter, Uni Wien

In der Ausstellung zeigen elf Sammlungen der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien die Vielfalt ihrer Arbeitsweisen und der Menschen dahinter. Eine Besonderheit ist die „Sammlung Frauennachlässe“: Edith Saurer gründete sie 1989 und der Bestand dieser Forschungssammlung wächst nach wie vor. „Wir sprechen gezielt auch die Öffentlichkeit an. Jenen Menschen, die uns eigene Dokumente, sprich Vorlässe, oder Nachlässe aushändigen, wollen wir auch etwas zurückgeben“, betont Christa Hämmerle, Leiterin der Sammlung. Deren Bandbreite und die Offenheit für verschiedene bio- und autobiografische Darstellungsformen machen sie im deutschsprachigen Raum einzigartig. „Vielen ist heute bewusst, dass etwa Tagebücher, Haushaltsaufzeichnungen oder Fotoalben wertvolle Quellen für die Wissenschaft sind“, sagt die Betreuerin der Sammlung, Li Gerhalter.

Überzeugung kann ich sagen: Die besten belgischen Frites gibt es bei Maison Antoine – einem Stand im EU-Bezirk, mitten auf dem Place Jourdan. Anzugträger, Touristen, Schüler – alle stellen sich hier geduldig um ein Cornet (ein Papierstanitzel) Fritten an, oft sogar eine halbe Stunde lang. Geht nicht die ganze Mittagspause drauf, sieht man die Europäer im Park sitzen und ihre Pommes in Ketchup, Senf oder Mayonnaise tauchen. Wer das Glück hat, eine längere Mittagspause zu haben, kann seine Frites sogar in eines der benachbarten Lokale mitnehmen und dort essen. Die Wirte im EU-Viertel sind liberal und klug. Sie wissen: Wenn sie Pommes erlauben, trinken die Kunden mehr. Einige Stunden später, nach Dienstschluss dann, verändert sich das Bild in Brüssel: Turnschuhe statt Stöckelschuhe sind zu sehen. Es ist Zeit, das Fett rauszuschwitzen. Sporteln in einer Genusshauptstadt wie Brüssel – das ist unverzichtbar. Sport macht es möglich, trotz Pommes, Pralinen und Bier die Figur zu behalten. Außerdem macht der Sport gute Laune, wenn es in diesen Breiten über Monate hinweg grau ist. (Belgien ist eines der regenreichsten Länder in der EU!) Also heißt es: Hinein ins Laufgewand und hinaus in den Park! So grau das Wetter in Brüssel ist, so grün ist die Stadt – auch im EUViertel. Im Parc Leopold direkt unter dem Parlament und im Parc du Cinquantenaire nahe der Kommission drehen die Sportlichen ihre Runden. Brüssel ist ein Open-Air-Fitness-Center. Manchmal wird daraus auch ein Open-Air-Event: Zum Beispiel dann, wenn im Ratsgebäude ein EU-Gipfel abgehalten wird und Staatsmänner und -frauen kommen. Helikopter kreisen dann über das Gebiet und die Läuferinnen und Läufer im Park bekommen Polizeischutz. (Hier werden nämlich die Polizeipferde getränkt.) Während eines Gipfels müssen jene, die nicht für die EU arbeiten, allerdings noch eine extra Runde schwitzen: Das Gebiet rund um das Ratsgebäude wird abgesperrt. Wer keine Autorisierung hat, muss große Umwege in Kauf nehmen, wenn er in den Park zum Laufen möchte. Der innere Schweinehund ist da natürlich groß. Und die Frage taucht auf: Warum nicht gleich am FrittenStand bleiben und morgen wieder sporteln?

Fotos: Bernhard Haidinger, Paul Habart

W

iener Forscher haben den Kehlkopf eines frisch verstorbenen Hirschen herausoperiert und auf ein Rohr montiert, durch das sie feuchte, warme Luft blasen konnten. So brachten sie seine Stimmlippen zum Schwingen und erzeugten ein Röhren, das dem eines lebenden Hirschen gar nicht unähnlich klingt.

ach einem Jahr in Brüssel kennt N man die beliebtesten PommesStandeln (Friterien) der Stadt. Mit


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Aus Wissenschaft und Forschung Zoologie und Sozialpsychologie

Orientalistik

Ein Krebs, vier Kilo schwer

Warum der Koran nicht wortwörtlich zu nehmen ist, sondern stets neu interpretiert werden muss

Ein Einsiedlerkrebs wurde die Schneckenschale los und wuchs zum Kokosnussknacker heran anja Stegmaier

S

chon Charles Darwin notierte 1836 ungläubig in sein Reise– journal, was erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts nachgewiesen werden konnte: Der Palmendieb, der größte an Land lebende Krebs, schält oder sprengt mit seinen kräftigen Scheren Kokosnüsse und verzehrt sie. Früchte, Pflanzenmaterial, Aas und andere Krabben stehen auf dem Speiseplan. Der Mythos, Birgus latro klettere in mageren Zeiten auf Palmen, um Kokosnüsse zu ernten, konnte nicht bestätigt werden. Unreife Nüsse interessieren den Einsiedlerkrebs weniger. Trotzdem treibt es das Tier oft Spinnen gleich auf Palmen. Darüber hinaus ist er aber auch ein Navigationstalent. Eine Forschergruppe des Max-Planck-Institutes in Jena und der Uni Greifswald fand mithilfe eines GPS-gestützten Trackingsystems heraus, dass die bis zu vier Kilo schweren Allesfresser an die vier Kilometer weite Wanderungen von der Küste in den Regenwald bis zum Landinneren und retour zurücklegen. Die Halbnomaden, die bis zu 80 Jahre alt werden, fanden trotz kilometerweiter Verschleppung in blickdichten Beuteln wieder an ihren Ausgangsort zurück. Einige Krebse schlagen

individuelle Routen beim Rückweg ein, andere nehmen identische Routen unabhängig voneinander. Vermutet wird, dass der Zehnbeiner sich seinen Kurs anhand visueller Besonderheiten sucht. Aber auch gefühlte Veränderungen des Untergrunds, Gerüche sowie den Stand der Gestirne benutzt das findige Tier möglicherweise, um sich

zu orientieren. Seine Robustheit verdankt der Krebs im Lauf seiner Entwicklung dem Verzicht auf die schützende Schneckenschale. Das erlaubt ihm ein größeres Wachstum, was das Feindspektrum stark minimiert. Wegen seines schmackhaften Fleisches wurde der Krebs gerne von Menschen gejagt, da nutzte leider auch das Klettern auf Palmen nichts.

Ob der Krebs auch auf Palmen klettert, konnte nicht bestätigt werden

Helfen ist rational, wegschauen auch Zu viele Zeugen verringern die Chancen des Opfers auf Hilfe – außer es sind viele Helfer nötig jochen stadler

Fotos: Jakob Krieger, privat

chtunddreißig Menschen hören A die Schreie der jungen New Yorkerin oder sehen Einzelheiten davon,

wie sie ausgeraubt, vergewaltigt und niedergestochen wird. Es vergeht mehr als eine halbe Stunde, bis endlich jemand die Polizei verständigt. Zu spät: Kitty Genovese stirbt auf der Fahrt ins Krankenhaus. Sechs Jahre später, im Jahr 1970, wird ihr Fall wissenschaftlich beschrieben und den Zeugen das „GenoveseSyndrom“, auch ­Zuschauereffekt genannt, attestiert. Eine große Zahl an Helfern verringert die Chancen, dass jemand eingreift, ­diagnostizierten die Wissenschafter. Innsbrucker Forscher haben nun in einem Experiment gezeigt, dass mögliche Helfer rational entscheiden, ob sie

unterstützend einschreiten oder nicht. Sie leisten sehr wohl Hilfe, wenn sie erkennen, dass in einer Situation der Beistand von mehreren Personen notwendig ist, berichten sie im British Journal of Social Psychology. „In der Praxis braucht es auch Zivilcourage, um für andere einzuschreiten“ Dirk Mügge, Uni Innsbruck

Sie schufen eine fiktive Psychologiestudentin namens „Sabrina Neumann“, die ihre Studienkollegen per E-Mail bat, an einer Umfrage über das Gedächtnis teilzunehmen. Manchen

schrieb sie, dass nur mehr eine einzige Rückmeldung fehle, damit ihre Studie komplett ist, andere erhielten die Information, dass sie noch hundert Antworten bräuchte. „Die Auswertung zeigte tatsächlich, dass der Zuschauereffekt nicht eintrat, wenn mehrere Rückmeldungen benötigt wurden“, so die Forscher. Zwischen dem E-Mail Verkehr von Innsbrucker Studenten und der New Yorker Straße besteht jedoch ein kleiner Unterschied. In der Praxis kann es mit einem Risiko verbunden sein, wenn man einschreitet, hier wäre außer einer rationalen Überlegung auch Zivilcourage notwendig, erklärt Dirk Mügge vom Institut für Psychologie der Uni Innsbruck.

werner Sturmberger

er Koran ist kein geschriebener Text, sondern mündlicher VorD trag. Bis weit ins 20. Jahrhundert war

nicht der geschriebene Text autoritativ, sondern die gelebte Rezitation, der improvisierte Text. Das ist der Koran“, sagt der Orientalist Navid Kermani. Er betrachtet den Koran nicht als ein Schriftstück, sondern als die Geschichte seiner eigenen Interpretation. Der Koran ist, anders als die Bibel, kein Text über Gott, sondern Gott spricht im Koran in erster Person. Darum sei eine menschliche Interpretation notwendig. Der Koran gilt so als die Geschichte seiner eigenen Interpretation, Mohammed sei sein erster Interpret gewesen. Eine klassische Koraninterpretation aus dem 8. oder 9. Jahrhundert folgt einem wiederkehrenden Schema. Dem Koran-Vers folgen verschiedene Interpretationen, die mit der Floskel „Es wird gesagt, dass …“ eingeleitet werden. Auf sechs oder sieben unterschiedliche Interpretationen folgt die eigene Auslegung des vortragenden Interpreten, die mit der Formel „Aber Gott weiß es besser“ abgeschlossen wird. Eine wortwörtliche Auslegung des Korans ist also völlig antithetisch. Was der Vers wirklich meint, würde letztlich ja nur Gott wissen. Für die Verschriftlichung des Islams gibt es mehrere Gründe. Die orthodoxe Islaminterpretation sei im Lauf des 18. Jahrhunderts immer mehr an ihren eigenen Regeln erstarrt. Die Renaissance der arabischen Hochsprache trug dazu bei, dass nun jeder den Koran verstehen konnte, während dieser gleichzeitig als gedruckter Text weite Verbreitung fand. Die Demokratisierung des Zugangs zum Koran schuf erst die Möglichkeit, die Deutungshoheit der orthodoxen Islaminterpretation herauszufordern. „Die Muslim-Brüder-Bewegung ist nicht in den Moscheen, sondern in der Ingenieurkammer und unter den Ärzten in den Krankenhäusern entstanden“, sagt Kermani. „Man wollte zurück zur reinen Schrift und das hat zu reformatorischen Bewegungen ebenso geführt wie in den Fundamentalismus. Der ist ursprünglich aus einer Reformbewegung entstanden und wollte den ganzen Ballast der Tradition abwerfen.“


Titel 8

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Sport und Gesellschaft

Der Countdown zum Thema carolin gier mindl

Dollar Umsatz ­erwirtschaften Sportwettenanbieter weltweit jährlich. Allein 130 Milliarden davon werden mit Onlinewetten umgesetzt.

9 000 000 3 000 000

Menschen sind jährlich auf Österreichs ­Pisten unterwegs. Jeder 14. Arbeitsplatz im Land hängt direkt oder indirekt mit dem Wintersport zusammen. Österreicher und Österreicherinnen treten jährlich in die Pedale. Radfahren zählt ­neben Joggen und Schwimmen in allen österreichischen Bundesländern zur beliebtesten Sportart.

350 000 50 000

Menschen sind ehrenamtlich in den Sportvereinen des Landes tätig. Sie leisten gratis rund eine ­ illion Arbeitsstunden pro Jahr. M Ski- und Snowboard-Unfälle ereignen sich ­jährlich in Österreich. In 93 Prozent der Fälle liegt kein Fremdverschulden vor. Hauptursachen sind mangelnde Kondition und Selbstüberschätzung.

34.900 2011 1999 1989 1981 1960 776 700 500

Radfahrer und Radfahrerinnen müssen pro Jahr nach Unfällen im Spital behandelt werden. Rund 29.400 dieser Patienten verunglückten in ihrer Freizeit.

sagte der Wiener Arzt Ahmet Hamidi bei einer öffentlichen Diskussion zum Thema Schwimmunterricht für muslimische Mädchen: „Zu viel Sport ist für den weiblichen Organismus nicht gut.“

berief das Internationale Olympische Komitee aus gegebenem Anlass die erste Welt-Antidoping-Konferenz ein. ­Seitdem gibt es die Kontrollbehörde World Antidoping Agency (WADA). holte das deutsche Frauen-Fußballteam den EM-Titel. Als Prämie bekam jede Spielerin ein Kaffeeservice. Die meisten Fußballspielerinnen Europas können nicht von ihrem Sport leben. sprangen die ersten Fallschirmspringer von Objekten. 205 Base-Jumper sind seither ums Leben gekommen. Seit 2001 gab es allein im Lauterbrunnental in der Schweiz 36 Tote. fanden in Rom die ersten Paralympics statt. Bei den ­letzten Spielen in London wurde der Salzburger Läufer Günther Manzinger Doppel-Goldmedaillengewinner. vor Christus – danach fanden in der Antike regelmäßig ­Olympische Spiele statt. Älteste Sportdisziplin: Laufen. ­ rominenter Olympiateilnehmer im Jahre 67 n. Chr.: Kaiser Nero. P Millionen Euro investiert Red Bull laut Schätzungen ­jährlich in Teams und Athleten aus aller Welt. Der österreichische ­ onzern gilt als größter privater Sportsponsor. K Sportminister aus 137 Ländern nahmen im Mai 2013 an der Weltsportkonferenz in Berlin teil. Hauptthema: „Sport als

grundlegendes Recht für alle“ sowie „Wahrung der Integrität des Sports“.

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Millionen Menschen verfolgten das Finale der letzten FußballWM weltweit vor dem TV. WM-Finale, Olympische Spiele und Super-Bowl gelten als die größten Sport-Events der Welt. ist die Notrufnummer der österreichischen Bergrettung. Bergklettern ist die Sportart mit der höchsten Todesrate weltweit.

Prozent Risiko: Zu den Hauptmerkmalen aller Extremsportarten zählt neben „körperlicher Strapazen“ auch „ungewisser Handlungsausgang“. Extremsport ist ein Zeitphänomen. Prozent der Sportberichterstattung in österreichischen Medien ­behandelt Männerwettkämpfe.

Millionen Dollar im Jahr: damit ist der Golfer Tiger Woods der bestverdienende Sportler weltweit. Auf Platz 2: Tennisprofi Roger Federer (71,5 Mio.) Platz 3: Basketballer Kobe Bryant (61,9 Mio.). Prozent aller aufgedeckten Betrugsfälle bei Sportwetten betreffen Fußball. Insgesamt sollen rund 140 Milliarden Euro jährlich mit gekauften Spielresultaten erwirtschaftet werden. Prozent aller schweren Sportverletzungen ziehen sich Frauen in den USA beim Cheerleading zu. Deshalb zählt Cheerleading zu den ­gefährlichsten Sportarten Nordamerikas.

Prozent der Österreicher betreiben keinen Sport. Damit liegen wir unter dem EU-Durchschnitt. Nicht-Sportleranteil in der EU: 39 Prozent. Nummer eins der Nichtsportler: die Griechen (67Prozent). Minuten moderate Bewegung pro Tag senken laut WHO langfristig gesundheitliche Risikofaktoren und erhöhen die Lebenserwartung. Auch Geist und Seele profitieren von täglichem Training. Jahre lang war Südafrika von der Teilnahme an Olympischen ­Spielen ausgeschlossen. Das Apartheit-Regime hatte sich ­geweigert, schwarze Sportler antreten zu lassen.

Prozent aller Radfahrer tragen einen Helm. „Sieht lächerlich aus“, argumentieren laut Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit insgesamt 32 Prozent der befragten Helmverweigerer. Prozent aller Steirer gehen mehrmals pro Monat Kegeln oder ­Bowlen. Damit liegen sie weit über dem Österreich-Durchschnitt (neun Prozent). Vorarlberger (73 Prozent) dagegen fahren auffallend mehr Rad als der Rest des Landes (44 Prozent). Das sportlichste Bundesland überhaupt: Salzburg.

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Sekunden – dies war Weltrekord im Hundertmeterlauf vor hundert Jahren. Heute liegt er bei 9, 72 Sekunden. 99 bis 99,5 Prozent unserer Leistungsfähigkeit, so Wissenschafter, sind ausgeschöpft. Prozent der Funktionäre des Österreichischen Olympischen Komitees sind Frauen.

Foto: Claudia Ziegler

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Zu den Fotos 1980 in Wien geboren, begann Claudia Ziegler nach einer technischen und künstlerischen Ausbildung ihre fotografische Reise mit einem zweimonatigen Aufenthalt in der Arktis. Das Dokumentieren und Miterleben dieser eindrucksvollen Zeit führte sie zu ihrem eigenen Stil: einer dynamischen Fotografie im Spannungsfeld von Aktivität, Natürlichkeit und Ursprünglichkeit. Das Erfassen von spannenden Momenten, oft auch unter extremer physischer und psychischer Belastung des Fotografen, kennzeichnet dynamische Fotografie. Für das Foto bedeutet dies eine natürliche Lebendigkeit, für den Betrachter emotionale Bewegung und Spannung. Die Fotografin legt großen Wert darauf, Augenblicke in ihrer natürlichen Lebendigkeit festzuhalten. Ihre Liebe zum aktiven Leben und ihr Entdeckergeist spiegeln sich in ihren Bildern wider. www.claudiaziegler.com Diese Seite: Taucherin am touristischen Xlendi Bay auf Gozo. Gozo und Malta sind berühmt für ihre Tauchgebiete, die als die schönsten im Mittelmeer gelten. Cover: Die Kletterroute „Mister Onetwo 8b+“ im Zillertal startet versteckt auf einer kleinen Lichtung auf einem Felsblock in der Mitte eines Baches. Florian Murnig hat den Fels zum Bouldern entdeckt, der in der sonst meist waldigen Landschaft fehl am Platz erscheint.


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Sport und Gesellschaft

Hochintensiv zum perfekten Körper? Erbrechen, Muskelkater, Kreislaufstörungen: so viel Spaß macht das Hochintensive Intervalltraining Sonja Dries

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chlank, durchtrainiert und fit werden und das in kürzester Zeit für wenig Geld – mit diesem Versprechen locken immer mehr Fitnessstudios ihre potenziellen Kunden und treffen damit genau den Zeitgeist. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der wir einerseits immer weniger Zeit haben und andererseits trotzdem in allem die Besten sein wollen“, sagt Robert Fritz, Sportmediziner und selbst Leistungssportler. Er ist Teil der Sportordination in Wien, einer Plattform aus Ärzten, Wissenschaftern und Therapeuten, die Hobby- und Profiathlethen bei der Ausübung ihres Sports beraten. Ein Trend, der momentan hierzulande boomt, ist das „Hochintensive Intervall Training“ (HIIT): Wenige kurze, aber dafür extrem intensive Trainingseinheiten, die den Körper in kürzester Zeit voll auslasten sollen. Auch Verena Gritsch, Personal Trainerin in Wien, schwört auf dieses System. Als sie nach der Geburt ihres Kindes vor zwei Jahren schnellst möglich wieder fit werden wollte, entdeckte sie HIIT für sich und merkte bereits nach kürzester Zeit starke Veränderungen an ihrem Körper. Sie begann sich intensiv mit den Themen Anatomie, Training und Fitness ­auseinanderzusetzen

Robert Fritz, Sportmediziner und Leistungssportler

„Wir leben in einer Leistungsgesellschaft und wollen in allem die Besten sein“ Robert fritz

und trainierte bald auch Nachbarn und Bekannte. Ohne fachliche Ausbildung, aber mit einem absolvierten Architekturstudium, das laut Gritsch das notwendige Wissen über Statik und Druckverteilung brachte, bietet sie seit Ende 2012 professionell hochintensives Training an. An die sechzig Personen kämpfen sich mittlerweile zwei bis dreimal die Woche durch ihr hartes Programm. „Es kommt immer wieder vor, dass den Leuten schlecht wird, dass sie Kreislaufprobleme haben, dass sie zusammenklappen, dass sie sogar erbrechen. Das Schlimme daran ist, ich lobe sie und sage bravo, du hast alles richtig gemacht“, sagt Gritsch, denn das sei hochintensives Training. Nach dem ersten HIIT sei der Muskelkater vieler Teilnehmer so stark, dass sie die Treppen drei Tage lang nur noch rückwärts runtergehen könnten. Für Sportmediziner Fritz ist ein derart starker Muskelkater jedoch ein Zeichen für zu große Belastung. Training funktioniert prinzipiell so, dass der Muskel durch gewisse Reize geschwächt wird und dann versucht, stärker zu werden. Das sollte allerdings keine Schmerzen verursachen. Bei übertriebenem Training kommt es zu einer vollkommenen Überlastung der Muskeln, die auch in Verletzungen enden kann.

In seiner Ordination wird Robert Fritz oft mit Patienten konfrontiert, die sich überanstrengt haben. Starke Schmerzen in Oberschenkel und Wade, Achillessehnen- und Sehnenansatzentzündungen und auch Muskelverletzungen sind häufige Folgen. Trotzdem sieht der Sportmediziner auch Vorteile im hochintensiven Training, wenn man Akzente setzen möchte. Vor allem Hochleistungssportler binden HIIT in ihr Programm ein, um die Muskulatur neuen Reizen auszusetzen. Auch Hobbyathleten können laut Fritz ab und zu eine intensivere Einheit einlegen. Diese sollte man jedoch immer mit Ausdauertraining und der Verbesserung von Sensomotorik und Stabilität verbinden. Wichtig sind dabei ­Pausentage, an denen sich der Körper erholen kann. Diese Phasen sind es auch, in denen die Muskeln sich aufbauen. Bei einem sind sich der Sportmediziner und die Personal Trainerin einig: Möchte man hochintensives Training machen, sollte man das vor allem am Anfang unter Aufsicht eines Trainers tun. Denn wenn die Übungen nicht richtig ausgeführt werden, ist das Verletzungsrisiko besonders bei hochintensiver Ausführung enorm hoch und Frustration und Folgeschäden sind vorprogrammiert.

Schwammerlsuchen als Wohlstandsfaktor Das FWF-Projekt Europäischer Sportindex vergleicht die gesellschaftliche Bedeutung des Sports in verschiedenen Ländern eselliges Vereinsleben im lokalen „Svampklubb“, Kurse, Exkursionen G mit dem Mikroskop im Rucksack und am

1. September der jährliche Schwammerltag („Svampens Dag“): in Schweden nichts Besonderes. „Svampplockning“, Schwammerlsuchen, wird als sportlicher Wettkampf betrieben. Die 1879 gegründeten Stockholmer Pilzfreunde („Stockholms svampvänner“) bilden einen der ältesten Klubs. Ambitionierte Pilzsammler gibt es auch hierzulande. Doch würden sie auf die Frage, welchen Sport sie am liebsten betreiben, zur Antwort „Schwammerlsuchen“ geben? „Es gibt Kulturunterschiede und regionale Besonderheiten“, sagt Otmar Weiß, Sportsoziologe am Institut für Sportwissenschaft der Universität Wien. „In Skandinavien ist Sport ein selbstverständlicher Teil des Lebens. Wenn man dort das Hintergrundwissen hat, um zeitökonomisch Pilze zu sammeln, hat man einen hohen Stellenwert.“ Weiß erforscht mit Kollegen die „Gesellschaftliche Bedeutung des Sports im

„Sport ist eine Maßzahl für die Lebensqualität“ Otmar Weiß, Sportwissenschafter

Linktipps: http://institut-schmelz. univie.ac.at/abteilungen-arbeitsbereiche/ sportsoziologie/forschungsprojekte (Link zum Projekt „Europäischer Sportindex“) http://www.svampar. se/ (Homepage der Schwedischen Gesellschaft für Mykologie)

­ uropäischen Vergleich“ – eine FolgeE studie des vor zwei Jahren abgeschlossenen Bundesländerindex über die Bedeutung des Sports in Österreich. Der ­Bundesländerindex ergab ein starkes WestOst-Gefälle. Die Hypothese lautete: Je stärker die Sportidentität, desto größer die Bedeutung des Sports im Bundesland. „Neben einer Berufsidentität oder einer religiösen Identität haben Menschen auch eine Sportidentität“, sagt Weiß. „Identitätsbestätigung ist ein Grundbedürfnis. Das geht im Sport leichter, weil seine Symbole leicht verständlich sind. Im Sport geht’s um die Eigenleistung, und die ist nirgendwo sonst so transparent.“ Skiläufer haben in Österreich die am stärksten ausgeprägte Sportidentität. Sie können ein hohes Einkommen erzielen, was wiederum die Motivation steigert. Und das Ansehen ist hoch. Schlecht steht es um die Identität österreichischer Profi-Volleyballerinnen. Sie verdienen wenig, kamen meist durch Zufall zum Sport und werden ihn nach Ende des Studiums nicht weiter

ausüben. „Eine Frau ist in Österreich anerkannt als Berufstätige, aber nicht als Volleyballerin oder Fußballerin“, sagt Otmar Weiß. „Frauen-Volleyball oder Frauen-Fußball kommen im Fernsehen kaum vor.“ In Österreich sei generell wenig Bewusstsein für Frauensport vorhanden. Das macht den internationalen Vergleich spannend. Daten gibt es aus Deutschland, Finnland, Holland, Italien, Polen, Schweden und der Schweiz. Anhand von Indikatoren wie zum Beispiel Häufigkeit der Sportausübung, Sportförderung, Anteil der Vereinsmitglieder in Relation zur Bevölkerung und Medienberichterstattung wird ein Index erstellt, der die Bedeutung des Sports ausdrückt. Nach ersten Auswertungen zeichnet sich für Europa ein Nord-Süd-Gefälle ab. „Sport ist eine Maßzahl für die Lebensqualität: Das Ausführen von Sport kostet Geld, und je mehr Sport betrieben wird, desto höher ist die Gesundheit. Der europäische Sportindex lässt Schlüsse auf die ökonomische, politische und soziale Situation in einem Land zu.“

Fotos: w w w. sp or tor dinat ion. at/PhilippK r eidl , sabine edi t h br aun

S a b i n e Ed i t h B r a u n


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Haidingers Hort der Wissenschaft

Grafikkabinett Püribauers Tierversuche

Am Beispiel Fußball … M arti n H aidi n ger

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschafts­ journalist bei Ö1 und ­Staatspreisträger für Wissenschafts­ journalismus

I l l u strati o n : B er n d P ü riba u er

Freihandbibliothek Buchtipps von Emily Walton Sportliche Statistiken

Sport und Wissenschaft

Scorecasting: The Hidden Influences Behind How Sports Are Played and Games Are Won. Tobias Moskowitz, L. Jon Wertheim. Three Rivers Press. 288 S.

Sport: A Philosophic Inquiry. Paul Weiss. Southern Illinois University Press. 274 S.

Wie werden Profispieler ausgewählt? Welchen Preis ist man bereit für einen neuen Mann zu bezahlen? Gibt es tatsächlich so etwas wie einen Heimvorteil? Und warum sind Profisportler mental belastbarer als alle anderen? Fragen wie diesen gehen Ökonom Tobias Moskowitz und Sportreporter L. Jon Wertheim nach. Auf äußerst unterhaltsame Weise zeigen sie, welche Kräfte die Fußball-, Hockey-, Baseball- und Basketballwelt lenken. Dazu gibt es humorvolle Anekdoten und fundierte Statistiken.

Sport und Philosophie – zu diesem Thema sind viele Bücher erschienen. „Sport: A Philosophic Inquiry“ zählt zu den wichtigsten. In diesem Werk setzt sich Paul Weiss, Philosophieprofessor an der Universität Yale, mit Fragen zu Sport und Gesellschaft auseinander. Wie kommen Kulturkreise zu ihren jeweiligen Sportarten? Wie kann Sport Klassenunterschiede verringern? Wie bringt Sport Erwachsene und Kinder näher? Ein wissenschaftlich fundiertes Schlüsselwerk und ein Standardwerk über den Sport und die Gesellschaft.

Ein Debüt wie ein Home Run Radrennfahren und Realität

Über 200 Stunden interviewte Autor Daniel Coyle den Radrennfahrer und Olympiasieger Tyler Hamilton. Entstanden ist daraus das Buch „The Secret Race“, das Einblick in die Welt des Radsports bietet. Auf 300 Seiten gibt es ein Spektrum von Dopingskandalen über größenwahnsinnige Teamdirektoren bis hin zu Sportlern, die bereit sind, für einen Sieg Moral und Gesundheit zu vernachlässigen. The Secret Race: Inside the Hidden World of the Tour de France: Doping, Cover-ups, and Winning at All Costs. Tyler Hamilton, Daniel Coyle. Bantam Verlag. 304 S.

Baseball mag hierzulande kein breitenwirksamer Sport sein, diesen Roman sollte man dennoch nicht links liegen lassen. Ein Junge aus der Provinz steht kurz davor, zum Baseball-Profi zu werden. Dann aber geht ein wichtiger Wurf daneben, das Leben von fünf Figuren gerät in der Folge aus den Fugen. Dies ist ein Buch über Sport, ja auch. Aber es geht um viel mehr: Es beschreibt Selbstzweifel, Obsessionen, die Mühsal des Erwachsenwerdens und die Liebe. Ein Debüt, das Lust auf mehr macht – ja, und auch auf Baseball, durchaus. Die Kunst des Feldspiels. Chad Harbach. Dumont. 607 S.

denkt sich Anrainer des FelixIer mmerhin“, Horr-Stadions in Wien-Favoriten, wenn an manchen Sonntagen die Meute an

Fans rudelweise im Troglodytenschritt an sich vorbeitrotten sieht, „immerhin traben diese kriegsbemalten Gestalten nicht ins Gefecht, sondern nur zum Fußballspiel“. Dort tummeln sich jene, die vor Zeiten die Schlachtfelder bevölkerten: ein paar überbezahlte Profis (Generäle/Trainer) und Spezialisten (Gardisten/Fußballer), Profiteure und Kriegsgewinnler (Marketenderinnen/ Bier-und Wurstverkäufer) sowie jede Menge tumbes Fußvolk (einfache Soldaten/„Fans“). Letztere heutzutage wenigstens freiwillig. Das ist ein Fortschritt. Damit hat sich’s aber auch schon. Moderner Sportbetrieb, auch wenn er missverständlich und falsch von den heiligen und mysteriendurchzogenen Olympischen Spielen der Antike hergeleitet wird, ist mitnichten eine Friedensveranstaltung, sondern nützt basale Instinkte und Aggressionen der Menschen, um den dafür verantwortlichen Herrschaften Profit zu verschaffen und die ihm Verfallenen von entscheidenderen Facetten öffentlichen Lebens, wie Politik, Soziales und Kultur, abzulenken. Der Sportzirkus kostet den Steuerzahler viel Geld, das freilich nur der engen Zielgruppe der Fans zugute kommt. Erstaunlich, welch hohe Summen anstandslos in TV-Sportrechte und den Bau hybrider Stadien gesteckt werden und wie prompt in Wien sonntags manche Straßenbahnen plötzlich im Zwei-Minutentakt fahren können, wenn es gilt, Fußballfans zu bedienen. Dem arbeitenden Volk werden unter der Woche weit längere Intervalle zugemutet. Wie hochtrabend die angeblich völkerverbindende Wirkung der Leistungssportaufführungen auch beschworen werden mag, so gilt doch: usus docet – der Gebrauch lehrt es uns. Sport macht nicht friedfertig (wozu bräuchte man sonst so viel Polizei zur Bändigung rabiater „Fans“?), nicht gescheit (siehe das Beispiel geistig unterbelichteter Football- und Baseball-Kanonen, die an US-Universitäten ihren intelligenteren Kollegen vorgezogen werden) und er macht auch nicht gesund (denn gesund ist Körperbewegung und nicht das hochgedopte Treten nach fremden Wadeln und Schienbeinen). Sport ist wertfreie Unterhaltung, Gegenstand soziologischer Betrachtungen, und bringt einigen Leuten Geld. Das ist alles. Wer Freude daran hat, soll das Spiel genießen, aber nicht so tun, als sei es darüber hinaus für etwas Höheres gut.


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Sport und G

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ports“ stammt aus dem englischen und bezeichnete eine teilweise wettkampforientierte, spielerische und körperliche Betätigung, der Männer in ihrer Freizeit nachgingen. Die Voraussetzung von Freizeit war das Bestehen einer Form von geregelter Erwerbsarbeit. Die ersten, die (genügend) Freizeit hatten, um Sport zu treiben, waren männliche Angehörige der aristokratischen Oberschicht. Ein Privileg, das das aufstrebende Bürgertum allmählich aufbrach, bis Sport in der gesamten Gesellschaft angekommen war. Es gab immer schon Formen von wettkampforientierten Spielen, doch vor allem in der Moderne treten Aspekte wie kodifizierte Regeln, die Bedeutung von Ergebnissen und die Quantifizierung von Leistung in den Vordergrund. „Spieltrieb, Wettkampf, Unterhaltung – soziale Bedürfnisse werden im Sport ausgelebt und befriedigt“, sagt Otmar Weiß, Sportsoziologe an der Universität Wien. Wie diese konkret ausgelebt werden, hängt von den dominanten Werten einer Gesellschaft ab: „Auch bei den Inuit in Alaska gibt es Spiele und Ablenkungen, die aber einen ganz anderen Charakter haben. Im Vordergrund steht nicht das Wettkampfelement oder der Sieg, sondern Kooperation und Geschicklichkeit.“

Sportifizierung der Gesellschaft Sport ermöglicht essentielle Formen der Körper- und Selbsterfahrung und übernimmt Aufgaben im Bereich der Sozialisation. Nicht nur wegen der Sportartikel oder des Tourismus ist er ein bedeutender Wirtschaftsfaktor mit positiven Wachstumsraten. Körperliche Aktivität sorgt durch die Vermeidung chronischer Erkrankungen für niedrigere Kosten im Gesundheitssystem, selbst wenn man Behandlungs- und Folgekosten von Sportunfällen einrechnet, erklärt Norbert Bachl, Direktor des Österreichischen Instituts für Sportmedizin. Auch im Bereich der individuellen und kollektiven Sinnstiftung ist Sport bedeutsam: der Slogan „Rapid ist eine Religion“ ist ein gutes Beispiel für diese These. Egal, ob wir Sport betreiben oder nicht, er ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Lebens. Sport findet sich in den Medien, unserer Kleidung, unserer Sprache und ist zunehmend auch ein Teil unserer Identität. „Er übernimmt immer mehr Funktionen, die früher anderen Bereichen wie Familie oder Religion vorbehalten waren. Generell ist Sport aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken“, resümiert Weiß. Ob man aber tatsächlich davon sprechen kann, dass Teilbereiche der Gesellschaft den Idealen des Sports (und wenn ja, welchen?) immer ähnlicher werden, ist strittig. Unter dem Begriff der „Sportifizierung“ oder „Sportisierung“ wird diese Annahme dis-

kutiert. Die Wechselwirkungen zwischen Sport und anderen Gesellschaftsbereichen sind jedoch eindeutig festzustellen. „Sport ist Teil von sozialem Wandel und gleichzeitig ein Indikator für diesen“, wie Georg Spitaler, Politikwissenschafter der Universität Wien und Redakteur des Fußballmagazins ballesterer erklärt.

In der Verbesserungstretmühle Gerade soziale Individualisierungstendenzen in den Neunzigerjahren lassen sich gut an der Veränderung des Sports festmachen. Es nimmt die vereinsmäßige Organisation des Sports ab zugunsten von sportlichen Aktivitäten, die diese nicht voraussetzen, Stichworte Fitnesscenter oder Laufen. Sowohl in der Erwerbsarbeit als auch im Sport lassen sich diese Muster der Eigenverantwortlichkeit, Selbstführung und -organisation erkennen – eine Individualisierung der Sorge um das eigene Wohlergehen: „Einzelne Aufgaben, die früher vom Staat übernommen wurden, werden in die Körper der einzelnen Bürgerinnen und Bürger hineinverlagert – als eine Form der Selbstregierung, um mit Foucault zu sprechen“, sagt Spitaler. Im 1997 erschienenen Song „Fitter Happier“ liefert die Band Radiohead eine Zusammenfassung dieser Tendenzen und den deutlichen Hinweis darauf, dass die Individualisierung eine neue Form von Druck erzeugt: Das beständige Arbeiten an sich selbst, an der eigenen Produktivität und Leistungsbereitschaft, als Strampeln in der Verbesserungstretmühle. Körperliche Ertüchtigung und Sport sind ein zentraler Eckstein davon: Die körperliche Fitness soll die ökonomische sicherstellen, Selbstdisziplin im Sport beweisen, dass man das auch im Job kann. Aus ästhetischer Perspektive mag Karl Lagerfelds Diktum „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, plausibel erscheinen. Doch die Tendenz geht eher in eine andere Richtung: Wer keine trägt, keinen Sport betreibt, hat die Kontrolle über sein Leben aufgegeben.

Sport durchdringt viele gesellschaftliche Teilbereiche. Kann man von Sportifizierung der Gesellschaft sprechen?

Zu wenig Sport

Sportliche Metaphern Vor allem in der Sprache werden diese Ideale des Sports in Metaphern besonders häufig beansprucht. Hier zeigen sich aber auch die Grenzen der Sportifizierungsthese. Die verwendeten Metaphern beziehen sich vornehmlich auf den Leistungssport, der ganz andere Ziele als der Breitensport verfolgt. Die Idee von Leistung, die dem Leistungssport innewohnt, ist die Vorstellung einer ständigen Steigerungsfähigkeit, die kapitalistischen Strukturen zu entsprechen scheint. Es geht nicht darum, eine Pflicht zu erfüllen, sondern immer darum, etwas Dagewesenes zu übertrumpfen, etwas noch nie Dagewesenes zu erreichen. Tobias Werron, Soziologe an der Universität

Bielefeld, sagt dazu: „Ein moderner Wert wird im Sport zur Schau gestellt, also zur Anschauung gebracht. Das setzt natürlich voraus, dass sich die Sportler diesem Leistungsprinzip unterwerfen. Es ist aber noch einmal eine andere Frage, ob sich jene, die sich das anschauen, dieses Leistungsprinzip dann auch wirklich zu Eigen machen.“ In den Metaphern des Sports wird diese Idee genauso wie der soziale Zusammenhalt für ein gemeinsames Ziel transportiert. Werron zeigt sich aber skeptisch, ob mit dieser Sportsemantik von Konkurrenz und Leistungsdruck auch gleichzeitig die Leistungsidee und mit dieser die Disziplin, die sportliche Erfolge voraussetzen, importiert werden.

Norbert Bachl, Sportmediziner: „Der Hochleistungssport hat dermaßen hohe Belastungen, dass Folgeschäden nicht auszuschließen sind. Daher kann man nicht sagen, er sei gesund“

Auch im Breitensport stößt die These der Sportifizierung der Gesellschaft an Grenzen: Ein Großteil der Bevölkerung ist nicht körperlich aktiv. Als körperlich aktiv gilt, wer zumindest dreimal pro Woche ins Schwitzen kommt. Laut Statistik Austria trifft das auf ein Drittel der Männer und nahezu ein Viertel der Frauen zu. Dabei spielt die regelmäßige sportliche Betätigung eine entscheidende Rolle bei der Gesundheitsvorsorge, erklärt Bachl: „Als Sportmediziner kann ich nur sagen, dass die gesundheitliche Wirkung von Breitensport uneingeschränkt positiv ist und zwar unabhängig von Alter oder Geschlecht und unabhängig von den meisten chronischen Erkrankungen.“ Auch bei fast allen Rehabilitationsprogrammen für chronische Erkrankungen sind Sport und körperliche Aktivität ein wesentlicher Bestandteil. „Die epidemiologischen Untersuchungen weltweit konnten zeigen, dass die Gesamtmortalität durch das grüne Rezept „Exercise Prescription for Health“ zwischen 25 und 40 Prozent gesenkt werden kann. Das ist nicht bei allen Erkrankungen gleich, aber selbst bei Karzinomen liegt der Wert bei 20 bis 30 Prozent. Und bei kardiovaskulären Erkrankungen sogar bei 40 Prozent“, sagt Bachl. Im Kern sieht dieses grüne Rezept eine tägliche körperliche Aktivität im Ausmaß einer halben Stunde und zwei- bis dreimal die Woche eine Aktivität mit höherer Intensität, also Sport, vor. Aktuell gilt dies als die wissenschaftlich effektivste Kombination in der Prävention – selbst wenn Menschen ohne Trainingskonzept trainieren. „Wenn jemand allerding falsch trainiert, hat er nicht nur einen geringen Effekt, sondern riskiert auch Überlastungserscheinungen bzw. Verletzungen und muss behandelt werden“, erklärt Bachl. Laut der Unfallstatistik des Kuratoriums für Verkehrssicherheit waren das im Jahr 2011 197.400 Personen. Den mit einem Viertel größten Anteil daran hat neben Fußball und Radfahren das

FOTO: PRIVAT

WERNER STURMBERGER


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Gesellschaft Skifahren. Auch an der Unfallstatistik zeigt sich: Österreich ist eine Ski-Nation.

es gelingt, Personen mit Migrationshintergrund am Sport teilhaben zu lassen, dann bekommen sie Anerkennung für ihre Leistungen. Und Anerkennung heißt gleichzeitig Integration“, resümiert Weiß. Spitaler ist vorsichtiger und warnt vor einem Begriff von Integration, der Erfolg und Leistung zu deren Bedingung werden lässt. Prägnantes Beispiel dafür ist sicherlich die Krone-Schlagzeile „Ivo jetzt bist du ein echter Österreicher“, nachdem ­Ivica Vastic bei der Fußball-WM 1998 den Ausgleichstreffer zum 1:1 gegen Chile erzielte.

Österreich, die Ski-Nation Den hohen Stellenwert, den Skifahren heute genießt, hatte es in Österreich nicht immer. „Als Nationalsport setzt sich Skifahren zu Beginn der Zweiten Republik durch. Es gab natürlich auch Skistars in der Zwischenkriegszeit. Aber damals war das Problem, dass Skilaufen deutschnational geprägt war und einige der Skifahrer darin verwickelt waren“, erklärt Spitaler. Erst als die großdeutsche Anbindung verlorenging, konnte Skifahren ein Baustein der nationalen Identität Österreichs werden. Zum Durchbruch als Nationalsport bedurfte es jedoch noch einer medialen Verankerung. „Seit den Siebzigern hat man das Fernsehen als Generator. Auch mit einer extremen Präsenz, denn damals gab es nur zwei Fernsehkanäle. Den Abfahrtslauf, bei dem Franz Klammer 1976 in Innsbruck Olympiasieger wurde, haben damals wohl fast alle im Fernsehen gesehen und wissen noch, wo sie das gesehen haben“, sagt Spitaler. Voraussetzung für dieses gemeinsame Erleben ist die Identifikation mit den ­Sporthelden, erklärt Weiß: „Durch diese kann man selbst zu einer tiefen Erfüllung und zu einem Erlebnis gelangen, das ähnlich ist, als wäre man selbst Teilnehmer an diesem Ereignis.“ Da das Miterleben bei sogenannten Nationalsportarten kollektiv passiert, ergeben sich daraus gemeinsame Geschichten. Diese werden zum Allgemeingut und so zu einem Element einer kollektiven Identität. Es kommt also zu einer Sportifizierung nationaler Identität. Spitaler meint, es sei selbst im Kontext der Europäisierung zu sehen, dass über Sport nach wie vor nationale Stereotypen produziert werden.

Nackte, schöne Sportlerinnen

Georg Spitaler, Poltikwissenschafter: „Wenn sich Sport auf Zwang, das Einüben von Regeln und Leistung reduzieren ließe, dann wäre es einfach Arbeit, dann bräuchte man den Sport nicht“

Fotos: privat

Otmar Weiß, Sportsoziologe: Sport als Integrationsmaschine? „Freiwillige und ehrenAuch Werron schlägt in diese Kerbe: „Ich amtliche Tätigkeiten glaube, die Bedeutung von Sport als Büh- im Sport stellen eine ne, auf der nationale Differenzen ausgetra- wichtige Ressource für die gen, gefeiert und kritisiert werden können, Volkswirtschaft dar“

ist gar nicht zu überschätzen.“ In diesem Kontext mag es widersinnig erscheinen, dass Sport in den letzten Jahren vermehrt Bedeutung als Integrationsmechanismus gewinnt: „Es ist eine Möglichkeit, aber eine riskante. Es kann auch ins Gegenteil umschlagen, weil sich im Wettkampf eben potenzielle Gegner, Konfliktparteien und im schlimmsten Fall Feinde gegenüberstehen.“ Weiß beurteilt die Möglichkeiten, Menschen mit Migrationshintergrund durch Sport zu integrieren, durchwegs positiv: Sport verfüge über klare Symbole und sei einer der wenigen Bereiche, in denen die Eigenleistung des Menschen sichtbar, vergleichbar und nachvollziehbar ist. „Wenn

Tobias Werron, Sportsoziologe: „Gerade im Männersport werden die Leute ja auch oft einfach nur in den Alkoholgebrauch eingeführt statt sozial integriert“

Über Sport werden aber nicht nur Nationalitäten, sondern auch Geschlechteridentitäten verhandelt. Laut Rosa Diketmüller, Sportwissenschafterin an der Universität Wien, sind vor allem jene Sportarten medial präsent, die typische Geschlechterbilder wiedergeben. Sportarten, die klassischen Rollenbildern zuwider laufen, wie das aus dem Amerikanischen stammende Rollerderby, seien deshalb medial kaum präsent. „Man überträgt bei Olympischen Spielen in jedem Fall Beach-Volleyball, weil dabei schöne Körper sichtbar werden“, sagt Diketmüller. Die Körper von Frauen werden sexualisiert dargestellt, um den Sport besser vermarkten zu können. So erließ der BeachvolleyballDachverband FIVB anlässlich der Olympischen Spiele eine offizielle Bekleidungsvorschrift: Die Shorts der Frauen durften seitlich nur maximal sieben Zentimeter breit sein. Mittlerweile wurde diese Regelung aus Rücksichtnahme auf religiöse Beweggründe wieder gekippt. Während diese Anpassung an gängige Geschlechterbilder verordnet war, setzten anlässlich der Frauen-Fußball-WM einige Spielerinnen des deutschen Teams diesen Schritt selbst. Sie posierten für den Playboy, um das „Mannweiber-Klischee“ zu wiederlegen, erklärte die Spielerin Kristina Gessat. „Die Botschaft ist: Seht her, wir sind ganz normale und hübsche Mädels.“

Richtige Männer Im Männerfußball scheint die Sache jedoch etwas anders zu sein. Laut Spitaler sind dort Geschlechterbilder vorherrschend, die nicht den Mittelklasse-Männlichkeitsmodellen von Managern oder Bankern entsprechen: „Die sieht man im Fußball auch in den Führungsetagen. Doch präsenter sind andere Männlichkeitsbilder, vornehmlich der Working-Class.“ Fußball, so seine These, ermöglicht es unterschiedlichsten Männern, sich selber unabhängig vom eigenen Aussehen oder der sozialen Stellung männlich zu machen, und zwar allein dadurch, sich zu Fußball zu bekennen: „Wenn du dich als Fußballfan outest, stellt niemand deine Männlichkeit in

­ rage.“ Die Kehrseite davon ist eine zuminF dest symbolische Homophobie – „schwul“ ist letztlich eine Metapher für unmännlich. Paradoxerweise ist die Geschichte des Fußballs auch eine von weinenden Männern – Fans und Spielern. Man kann vielleicht sagen, Sport bietet die Möglichkeit, geschlechtsspezifisch unangebrachte Verhaltensweisen zu erproben, bleibt in deren Bewertung aber ambivalent. Es spricht einiges dafür, dass sich die Männlichkeitsbilder im Fußball verändern. „Fußball ist in eine globale Unterhaltungskultur einbezogen, die in anderen Bereichen bereits viel aufgeklärtere Männlichkeitsbilder transportiert“, sagt Spitaler. Gleichzeitig gibt es vonseiten der Verbände, Vereine und Fans Bemühungen, Rassismus, Sexismus und Homophobie zu bekämpfen. Sowohl Spitaler als auch Werron erkennen eine Veränderung der Fankultur. Dies steht im Zusammenhang mit einer Annäherung von Sport und Jugendkultur. Sport stand lange Zeit für das miefige Lebensmodell einer Nachkriegsgeneration: Erfolg baut auf harte Arbeit und Training. Jugendkultur war der Gegenpol: Glück ist eine Frage der richtigen Musik und der richtigen Drogen. Zumindest für den deutschsprachigen Raum lässt sich festhalten, dass dieses Verhältnis in den Neunzigern aufzubrechen begann.

Sport und Politik Sport und vor allem Fußball hat für viele Jugendliche und auch Intellektuelle an Anziehungskraft gewonnen, was sich in einer neuen Fankultur widerspiegelt. Werron sagt dazu: „Sie sind spezifisch sportpolitisch politisiert. Nicht unbedingt im breiteren Sinne. Aber sie sind sich ihrer Stellung und Einflussmöglichkeiten deutlich stärker bewusst als frühere Fangruppen und stärker gewillt, das auch gezielt einzusetzen.“ Auch Spitaler streicht heraus, dass im Rahmen dieser neuen Fankultur Themen im Kontext des Fußballs und Vereins diskutiert werden, die genuin politisch sind. Es geht um Fragen der Zugehörigkeit, um Besitzstrukturen der Vereine und die Frage, mit welchen Mitteln legitim Erfolg erzielt werden kann. „Ist es eine postdemokratische Entwicklung, wenn diese Fragen im Rahmen des Sports und nicht mehr am politischen Feld diskutiert werden?“ Doch die jüngere Vergangenheit zeigt, dass Erfahrungen in postdemokratischen Entwicklungen für demokratisierende Bewegungen sehr wertvoll werden. Am Tahrir Platz in Kairo haben die Fans von AlAhwy sich den Polizeitruppen entgegengestellt. Auch in Istanbul beginnen die Fans von Beşiktaş, Fenerbahçe und Galatasaray, sich den Protesten anzuschließen. Manchmal ist der Sport eben auch Training für eine neue Gesellschaft.


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Haben Männer einen Vogel? Anja Stegmaier

Polizeiliche Kriminalstatistik Österreich Tatverdächtige (Durchschnitt 2003–2012)   Männer

Frauen

16 %

84 %

Vorsätzliche Tötung

In Österreich werden mehr Buben als Mädchen geboren. Doch mit 35 Jahren kehrt sich dieses Verhältnis um

14 %

Körperverletzung

Raub

ganz erfüllen konnte. Seine Berater suchten ihm, so das Alte Testament, die hübscheste Jungfrau im Land und legten sie ihm über die Lenden. David erwärmte sich wieder und wurde entschlusskräftiger. Von den drei Männern, die seine Nachfolge beanspruchten, ließ er zwei davon köpfen.

Testosteron macht mutig, aber dumm

8%

92 %

Die Tragödie der starken Männer

2%

Sexualdelikt

98 %

Bei aller komplexen Endokrinologie der Männer spielt der Testosteronspiegel dabei eine entscheidende Rolle. Die Psychologin Gerti Senger, seit 33 Jahren Sex-Expertin der Kronen Zeitung: „Testosteron ist das Rabauken-Hormon, ein Kampfhormon, das Angriffslust macht. Das Hormon steht aber auch für übersteuerte Männlichkeit, die gefährlich wird, wenn man mit dieser Energie nicht umgehen kann.“ Zwar werden in Österreich mehr Buben als Mädchen geboren. Aber schon mit etwa 35 Jahren beginnt sich das Geschlechterverhältnis umzudrehen. Viel Testosteron fördert nicht gerade ein langes Leben, Eunuchen haben jedenfalls eine deutlich höhere Lebenserwartung. Der Hormonforscher und Gynäkologe Markus Metka weist auf das Janusgesicht: „Testosteron fördert die Arterienverkalkung und erhöht das Risiko auf Demenz und Arteriosklerose. Andererseits führt ein höherer Testosteronspiegel zu mehr Libido, mehr Selbstbewusstsein und mehr Energie. Testosteron wirkt leistungssteigernd und führt zu einem erhöhten Dominanzbedürfnis, im extremen Fall jedoch zu Selbstüberschätzung und Aggression. Alphatiere

haben hohe Testosteronspiegel. Das Gegenteil, also ein Mangel an Testosteron, macht depressiv. Männer wirken dann fahrig und entscheidungsschwach. Die Extreme von zu viel und zu wenig sind psychisch wie physisch ungesund.“ Senger befürchtet, dass eine erfolgreiche Frau, die selbst kämpferisch sein muss, mit einem Mann nicht glücklich werden kann, wenn sie ihn an der Hand führen muss, er immer zu Hause sitzt und sagt, das Leben sei furchtbar, er könne das nicht. Die Weltliteratur enthält, so Metka, auch Testosteron-Persönlichkeiten. ­Othello tötet seine geliebte Frau wegen angeblicher Indizien aus Eifersucht und bereut es gleich danach. Dabei war er der mit Abstand erfolgreichste Admiral im Krieg, den Venedig zu bieten hatte. Othello zeigt zwei Seiten des Testosterons in einer Person. Ganz anders die Erzählung über den sehr alten König David, der seine Aufgaben nicht mehr

Valery Rozov, Extremsportler, macht mit 48 einen Base Jump vom Mount Everest

„Bewusst Risiko eingehen ist typisch menschlich und überwiegend männlich. Kein Tier macht das“, sagt der Evolutionsbiologe und Arzt Anton Fürlinger. „Für das männliche Gehirn ist Risiko geil und sexy. Der Mann fühlt ein übermenschliches Hoch, das Testosteron führt das Verhalten zum Adrenalinkick. Wahrscheinlich durch eine Interaktion des Testosterons mit Neurotransmittern kommt der Adrenalinkick. „Testosteron ist wie eine Droge. Sie wirkt leistungssteigernd und verstärkt Mut und Risikobereitschaft. Die Vernunft wird dadurch aber auch eingeschränkt.“ Der emigrierte Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi hat die Theorie des Flow im Hinblick auf Hochleistungsverhalten entwickelt. Bei extrem geübten Bergsteigern, Chirurgen oder Tänzern entsteht ein Tätigkeitsrausch. Das High bedeutet: du bist die Aufgabe, du kannst das, vergisst Zeit und Raum. Du handelst richtig, weil du praktisch alle Variablen kontrollierst. Mann gegen Natur (siehe Bild) ist eine der größten Herausforderungen – im Extremfall auch im Alleingang ohne Zeugen. Der Flow führt zum Realitätsverlust für die fernere Umgebung, der nächste Schritt,

der nächste Griff ist alles, was zählt. Perfekt funktionieren wie ein Roboter oder eine Maschine, des Menschen unerkanntes Ziel? Wir wollen in etwas Größerem aufgehen. Sex wäre so eine der Möglichkeiten, unser Einzelsein zu verlieren. Oder die Gruppe. Bei Indianervölkern und modernen Subkulturen muss der junge Mann initial den Willen zeigen, über sich hinauszuwachsen, um in die Gruppe aufgenommen zu werden. Risiko-Verhalten ist da eine Art Opferbereitschaft, die durch das Testosteron befeuert wird. Wie bei James Dean in der ZelluloidOper „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ geht es darum, vor einer Klippe als Letzter aus dem Auto zu steigen. Dem Feind, dem Tod muss man ins Auge schauen.

Können wir unser Erbe überwinden? „In der Evolution war sexuelle Konkurrenz Sache der Männchen, weil es zu wenige Weibchen gegeben hat. Die Weibchen haben die Wahl getroffen, die Männchen mussten ihre Qualitäten zeigen. Das ist das Prinzip Female Choice“, sagt Fürlinger. „Männchen wollen beeindrucken. Erst das Patriarchat hat Female Choice teilweise abgelöst. Deshalb müssen sich Frauen anmalen und hungern. Das Patriarchat förderte Men's Choice.“ Testosteron bedeutet bei Säugetieren über den Weg von Verhaltensverstärkungen, Display- und Risikoverhalten erhöhte Chancen auf Sex. Sie bekommen mehr Mut zur Konkurrenz zwischen den Männchen. Es gibt nur ganz wenige Arten, bei denen Weibchen gegeneinander konkurrieren. Heute konkurrieren Risikosportler um Image. Popularität in den Medien bedeutet Macht, verbessert den Status. Ein Testosteron-Boost durch Risikosport beflügelt das Selbstbewusstsein. Frauen sind beeindruckt, andere Männer eingeschüchtert. Und es gilt immer noch: Frauen wollen gute Gene. Manche verheiratete Frauen gehen während der Ovulation auf GeneShopping. Genetische Untersuchungen zeigen, dass bis zu 20 Prozent der Ehemänner nicht die leiblichen Väter sind. Freilich leben die Risikosportler mit dem Wissen, dass die Chancen hoch sind, sich vorzeitig vom schönen Leben zu verabschieden. Übertraining und zu viel Testosteron schwächen die Immunabwehr. Viele wären bereit, schon mit 40 vorzeitig zu sterben, wenn sie mit Doping die Tour de France gewinnen könnten. Sie folgen damit dem Gusto des Achilles, der ein kurzes, aber ruhmreiches Leben einem langen, aber glanzlosen vorzog. Sportwissenschafter Weiß glaubt, dass es keinen Spitzensport ohne Doping gibt und jede extreme Form pathologisch ist. Deshalb bieten die USA Resozialisierungsprogramme für alte Helden. Der Getränkeriese mit dem Stier als Logo hat eine moderne Unfallklinik in Salzburg finanziert. Jetzt fehlt nur noch der passende Heldenfriedhof.

Foto: Denis Klero/Red Bull Content Pool

Risikosportler kämpfen ums Image. Der Testosteronschub beflügelt dabei das Selbstbewusstsein

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nfang Mai diesen Jahres starb der achte Red-Bull-Athlet bei einem Flugzeugabsturz in Tirol, keinen Monat später macht sich sein russischer Sportsfreund Valery Rozov bereit zum Base-Jump vom Mount Everest und bricht damit Rekorde. Der 48-Jährige sprengt mit diesem inszenierten Event bisherige sportliche Grenzen. Der Sportsoziologe Otmar Weiß sieht im Extremsport die Möglichkeit der Gesellschaft, Defizite auszugleichen: der Mangel an Anerkennung, Identität, Spannung sowie vermehrte Kopflastigkeit, Automatisierung und Leere bestimmen den Schul- und Arbeitsalltag. Wenn das Risiko kribbelt, spüren viele Männer endlich sich selbst. Risikosportler und ihre Toten sind fast ausschließlich Männer. Wer eine statistische „Inhaltsanalyse“ des Fan-Magazins Red Bulletin macht und alle abgebildeten Menschen zählt, findet zu 80 Prozent Männer, während die meisten Illustrierten sonst vor allem das schöne Geschlecht abbilden. Das Red Bulletin folgt dabei weitgehend archaischen Traditionen. Noch im Jahr 1910 lautete eine Inschrift am Eingang des Hamburger Sportvereins „Hunden und Frauen ist der Eintritt verboten“. Frauen sind meistens vorsichtig, Männer dagegen stürzen sich oft ins Risiko. Mörder, Räuber und Sexualstraftäter sind fast immer männlich genauso wie Unfallpiloten im Straßenverkehr. Obwohl auch viele Frauen skifahren, sind jedes Jahr 80 Prozent der Lawinenopfer Männer. Sigmund Freud bemerkte suffisant, dass im Krieg ältere Männer in den Wechseljahren junge, potente Mitbewerber in den Tod schicken.


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SPORT UND GESELLSCHAFT

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FOTO: CLAUDIA ZIEGLER

Zu den Fotos Der Schweizer Warren Verboom und sein Team heben Canyoning auf ein völlig neues Niveau. Warren kombiniert Canyoning mit Cliff-Diving und meistert so auch die tiefsten Schluchten wie hier mit einem seiner Lieblingssprünge namens „Superman“.


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Sport und Gesellschaft

Mädels, ran ans Leder! Sonja Burger

„Kraft ist trainierbar. Bei ­gleichem Training ist der ­Muskelzuwachs bei Männern und Frauen gleich“ a n d r e a p o d o l sk y L e i ter i n d e s I n s t i t u t s f ü r a n g e w a n d te S p o rt m e d i z i n , K re m s

bestimmten Alter besonders auffällig sind. Während zwei Drittel der unter 14-jährigen Burschen den international empfohlenen Bewegungsumfang von durchschnittlich einer Stunde Bewegung täglich und drei Mal körperliche Anstrengung pro Woche erreichen, sind es unter den gleichaltrigen Mädchen nur 29 Prozent. „Bei älteren Mädchen rutschen die Werte deutlich auf vierzehn Prozent ab“, sagt die Studienautorin Andrea Podolsky, Sportmedizinerin und Leiterin des Instituts für Präventiv- und angewandte Sportmedizin am Landesklinikum Krems. Ähnliche Tendenzen ergaben auch Erhebungen über die Mitgliedschaft bei Sportvereinen in Tirol. Sind die Mädchen unter vierzehn, macht ihr Anteil an den Vereinsmitgliedern noch 36 Prozent aus. „Danach werden es deutlich weniger und erst ab dem neunzehnten Lebensjahr steigt der Wert wieder“, berichtet die Sportsoziologin Barbara Hotter vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Innsbruck. Und wie sieht es mit dem Schulsport aus? Traurig, aber wahr: Außerhalb des Sportunterrichts bewegen sich ältere Mädchen laut Podolsky in ihrer Freizeit kaum. Burschen sind aktiver und gleichen so auch das Fehlen eines sportlichen Angebots wie etwa an Berufsschulen durch Vereins- und Freizeitsport aus.

Sie sitzen am Rand des Spielfelds. Oder neben den Fußballkäfigen und beobachten Burschen beim Kicken ohne mitzuspielen. Woran liegt es, dass sich weibliche Jugendliche weniger für Sport und Bewegung interessieren als Burschen?

Gesucht: Trainerin, weiblich, begabt

Andrea Podolsky, Klinikum Krems „Außerhalb des Sportunterrichts bewegen sich ältere Mädchen kaum“

Frust bei ihr, Erfolg für ihn Um zu verstehen, warum ein fünfzehnjähriges Mädchen plötzlich die Lust am Sport verliert, ist ein Blick auf die Sexualhormone hilfreich. Bis zum zehnten oder zwölften Lebensjahr, also dem Eintreten der Pubertät, verläuft die Leistungsentwicklung von Mädchen und Burschen gleich gut. Bedingt durch das Sexualhormon ­Testosteron ­legen

Burschen unabhängig von ihrer körperlichen oder sportlichen Aktivität danach kontinuierlich an Muskelmasse und Kraft zu. Anders bei Mädchen, egal ob schlank oder nicht: Die hormonelle Umstellung bewirkt, dass der Körperfettanteil stärker zunimmt als die Muskelmasse. In der Folge stagniert ihre Leistungsfähigkeit, was Frustrationspotenzial birgt. Zwar können bei Jugendlichen die individuellen Unterschiede in punkto Leistungsfähigkeit groß sein; die Muskelfasern von Frauen sind dennoch schlanker und ihre Kraft ist in absoluten Zahlen um rund 25 Prozent geringer. „Kraft ist aber trainierbar. Bei gleichem Training ist der Muskelzuwachs in Relation zum Ausgangswert bei Männern und Frauen gleich“, betont Podolsky. Was die Hormonumstellung und ihre Folgen betrifft, sei auf Seiten der Trainer mehr Einfühlungsvermögen gefragt, damit sich die Mädchen nicht aus Frust vom Sport abwenden. „Jede Eigenschaft, die für die Ausübung einer Sportart notwendig ist, muss unabhängig vom Geschlecht gezielt aufgebaut werden“, ergänzt die Sportmedizinerin.

Barbara Hotter, Uni Innsbruck „Es ist gesellschaftlich weniger akzeptiert, wenn eine Frau neben Beruf und Familie als Trainerin oder Funktionärin auftritt.“

Das bedeutet Training, Training und nochmal Training. Bis vor wenigen Jahren hatten junge Mädchen, die bis zur U-15 gemeinsam mit den Burschen kickten, keine Chance auf eine Fußballerausbildung. Oft scheiterte der Wunsch an der Infrastruktur kleiner Vereine. Mit dem „Nationalen Zentrum für ­Frauenfußball“ des Österreichischen Fußballbundes (ÖFB) in St. Pölten ermöglicht man jungen Mädchen ab vierzehn Jahren eine duale Ausbildung. „Leider kann man als Fußballerin in Österreich nicht davon leben, weshalb die Schulbildung nicht zu kurz kommen darf “, betont ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner. Eine, die von ihrer Tätigkeit beim ÖFB leben kann, ist Irene Fuhrmann, Österreichs erste Fußball-Nationaltrainerin. Ob-

Ende des 19. Jahrhunderts ­befürchtete man, dass die ­Gebärmutter beim Radfahren zu stark erschüttert wird wohl sie die erforderliche UEFA-Profi-Lizenz nicht mitbrachte, wurde ihr aufgrund ihres Talents dennoch die Möglichkeit geboten und so trainiert sie heute die U-19 Frauenfußball-Nationalmannschaft. Dass man aktiv auf sie zuging, hatte laut Ruttensteiner einen Grund: Viel zu wenige Frauen trauen sich die Laufbahn zur Trainerin zu. Vor allem jenseits von Sportarten wie Eiskunstlauf oder Rythmischer Gymnastik sind weibliche Trainerinnen Mangelware. Dieser Kritik schließt sich auch

Hotter an und ergänzt, dass „es nach wie vor gesellschaftlich weniger akzeptiert ist, wenn eine Frau neben Beruf und Familie als Trainerin oder Funktionärin auftritt“. Damit verzichten die Frauen aber auf ihre Einflussmöglichkeit bei der Sportentwicklung und der weibliche Nachwuchs steht ohne Vorbilder da.

Die gefährdete Gebärmutter Wie wichtig Vorbilder sind, wird bei vielen Sportarten deutlich. Doch ob Fußball, Radfahren, Boxen oder Frauen-Skispringen: Der gesellschaftlichen Anerkennung geht stets ein langer Kampf voraus und der Weg verläuft meist ähnlich. „Zu Beginn braucht es Pionierinnen, die sich über gesellschaftliche Zwänge hinwegund gegen den Widerstand der Männer durchsetzen“, resümiert der Sporthistoriker

„Wichtig sind Pionierinnen, die sich über gesellschaftliche Zwänge hinweg- und gegen Männer durchsetzen“ Rudolf müller s p o rt h i s t o r i ker , u n i w i e n

Rudolf Müllner vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Wien. Was die Argumente gegen die Teilhabe von Frauen am Sport betrifft, reicht die Bandbreite von unästhetisch und gefährlich bis hin zu pseudo-medizinischen Aussagen. Ende des 19. Jahrhunderts befürchtete Man(n), dass die Gebärmutter beim Radfahren – ein wichtiger Part in der Emanzipationsbewegung – zu stark erschüttert werde. Vor wenigen Jahren sprach sich FIS-Präsident Gianfranco Kasper gegen das Frauen-Skispringen aus, da durch die Wucht des Aufsprungs die Gebärmutter zerstört werden könne. „Das Einzige, was dabei reißen kann, ist das Kreuzband“, widerspricht Podolsky. Für Frauen sei das Risiko eines Kreuzbandrisses etwa bei Ballsportarten oder beim Skifahren doppelt bis dreifach so hoch. Ein systematischer Trainingsaufbau, Kraft-, Koordinations- und propriozeptives Training, das das Zusammenspiel von Muskel und Nerv fördert, reduziert das Verletzungsrisiko. Eine gute Gelenkstabilität brauchen auch die Skispringerinnen bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi; das Frauen-Skispringen wurde nach langem Ringen ins olympische Programm aufgenommen. Bleibt offen, ob das von den Medien registriert wird. Die Experten kritisierten unisono, dass im heimischen Sportjournalismus die weiblichen Attribute der Sportlerinnen mehr Bedeutung hätten als ihre Leistung.

Fotos: L andesklinikum Krems, Univer sität Innsbruck

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unge Menschen bewegen sich zu wenig. Dies bereitet vielen Erwachsenen Kopfzerbrechen. In Niederösterreich wurde zwischen 2008 und 2010 im Rahmen der Studie „Get fit Kid“ die Gesundheit und Fitness von rund 2.000 Schülerinnen und Schülern zwischen neun und zwanzig Jahren unter die Lupe genommen. Ergometriedaten, Fragebogenerhebungen, Haltungsanalysen sowie ärztliche und sportmotorische Tests sollten die aktuelle Situation umfassend darstellen. Bemerkenswert ist, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern ab einem


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SPORT UND GESELLSCHAFT Zu den Fotos

FOTO: CLAUDIA ZIEGLER

Am Ende des Roller Derby Matchs fährt die Schweizer Verlierer-Mannschaft bei den Gewinnern aus Wien zum kollegialen Abklatschen vorbei. Roller Derby ist ein aus den Vereinigten Staaten stammender Vollkontaktsport auf Quad-Rollschuhen. Er wird heute ausschließlich von Frauen ausgeübt. Die Spielerinnen skaten auf einer ovalen Strecke und versuchen Punkte zu machen.

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Sport und Gesellschaft

Sport und Gesellschaft: Das Glossar Was schreibt der übergewichtige Hauptstädter, wenn ein durchtrainierter Athlet aus der „Provinz“ gewinnt? – „Wir sind Sieger!“ Jochen Stadler

Abstieg

Beim Bergsteigen der leichtfüßige Weg vom Gipfel zur Almhütte, wo frische Milch und Kaiserschmarrn bereitstehen, im Meisterschaftsbetrieb der schwermütige Marsch in die schwächere Spielklasse. Aufstieg

Sportlicher Erfolg, der dem Vereinskassier Kopfschmerzen bereitet, weil er nun Geld für eine Party, zusätzliche Spieler und eine größere Tribüne auftreiben muss. Extremsportler

Einzelgänger, der sich mit einer Getränkedose in der Hand und einem Fallschirm am Rücken von Wolkenkratzern, Berggipfeln und Heißluftballons stürzt oder die 1800 Meter hohe Eiger Nordwand ungesichert in zweieinhalb Stunden hinaufkraxelt. Fan

Fanatiker, der mit religiösem Eifer seinem Team oder seinem Sportstar folgt, auch wenn diese schon seit Ewigkeiten nichts mehr gewonnen haben und von einer Spielklasse in die nächste durchgereicht werden. Hofft auch in schlechten Zeiten auf Wunder. Flow

Zustand, in dem Sportler vollkommen konzentriert auf die Kletterroute, Skipiste oder den Ball sind und alles mühelos gelingt, weil ihr Können genau den Anforderungen entspricht und sie weder unter- noch überfordert sind. Gefühl der absoluten Kontrolle. Gedächtnissport

Wettkampfmäßig betriebenes Einhämmern von Datenmengen in die grauen Zellen. Mit geeigneten Eselsbrücken und anderen Mnemotechniken können sich Gedächtnissportler in 22 Sekunden die Reihenfolge von 52 Spielkarten merken, eine Folge von 2280 Ziffern innerhalb einer Stunde auswendig lernen und nach 15 Minuten 201 Vor- und Nachnamen den richtigen Gesichtern zuordnen. Wenn dies keine Randsportart wäre, gingen Notizbuch- und Kalenderhersteller wohl jämmerlich zugrunde. Hooligan

Als Fan verkleideter Halbstarker. Jahn, Friedrich Ludwig

Deutschnationaler Volkstümler und „Vater“ der Turnbewegung. Er ­wollte

erreichen, dass alle preußischen Jugendlichen eifrig turnen und patriotisch erzogen werden, damit das Heer genug willige und kräftige Soldaten hat, um Napoleon aus dem Land zu werfen und ein Großdeutsches Reich inklusive der Schweiz, Holland und Dänemark zu errichten. Eckte nach dem Ende Napoleons mit seinen politischen Ideen und Taten so sehr an, dass er für sechs Jahre ins Gefängnis wanderte. Im Alter wurde er offensichtlich gemäßigter, konzentrierte sich mehr auf die körperliche Ertüchtigung als auf den Nationalismus und ging so als Begründer der Leibesübungen in die Geschichte ein. Mens sana in corpore sano

Ach wie schön wäre es, wenn in diesen fitten Körpern immer auch ein ebenso fitter Geist wäre, spottete der römische Satiriker Juvenal über Athleten, deren geistige Fähigkeiten nicht an die körperlichen heranreichten. Die Besitzer der fitten Körper haben davon wohl nur die Hälfte verstanden und gejubelt, dass ausschließlich in einem gesunden Körper ein gesunder Geist stecken kann. Nationalstolz

Verbindet Fernsehzuschauer mit Tausenden Kilometern entfernt lebenden Sportlern derselben Nation. Aber nur, wenn diese gewinnen. Olympischer Gedanke

Für jene, die eine Medaille nach Hause bringen, war „schneller, höher, stärker“ die Devise, für alle anderen waren die Olympischen Spiele bloß ein Wellness-Trip, den sie von Anfang an nur nach dem Motto „Dabeisein ist alles“ unternehmen wollten. Randsportart

Sportart, die es nur dann ins Fernsehen schafft, wenn ein Österreicher Weltmeister geworden ist. Sonntagssportler

Erkennbar an der fabriksneuen Ausrüstung in den Farben der Saison, der Funktionsbekleidung mit Bügelfalten und daran, dass sein sportliches Ziel meist der Gastgarten eines Ausflugslokals ist. Sportmedizin

Bemüht sich, Tennisellbogen, Läuferknie, Skidaumen, Boxernasen, blaugeschwollene Ringerohren und Ermüdungsbrüche zu reparieren.

Sportplatz/Stadion

Heiliger Ort der Fans, an dem sie ihrer Mannschaft mit biergefüllten Pappbechern in der Hand zujubeln und das gegnerische Team mit dem Gerstensaft taufen, um es zu schmähen. Sportstar

Sportler, der auf Fanpostern Jugendzimmer schmückt und von Sponsoren als Litfaßsäule geschätzt wird. Sportsucht

Zwanghafter Drang zu trainieren, weniger um im Wettkampf zu bestechen, als übersteigerten Fitness- und Figuridealen zu entsprechen. Trainingspläne und Ruhepausen werden genauso ignoriert wie Verletzungen und Überlastungserscheinungen; zumindest bis Bänder reißen, Knochen zerbröseln und das Immunsystem schlappmacht. Bei Frauen ist oft eine möglichst schlanke Figur Ziel der Sucht, Männer gieren eher nach schierer Muskelmasse. Sportdachverband

Sport- aber nicht immer parteiübergreifender Zusammenschluss von Sportvereinen. Gibt es in Österreich in offiziell sozialdemokratischer (ASKÖ), inoffiziell volksparteilicher (Sportunion), aber auch neutraler Version (ASVÖ). Sportfachverband

Bringt Vereine derselben Sportart zusammen, zum Beispiel Kicker (ÖFB), Skifahrer (ÖSV) oder Sportfischer (ÖS-FV). Sportunterricht

Stunde, in der Schüler ihren Frust aus Englisch, Mathe und Latein herausschwitzen können. Sportverein

Besteht aus einem Kassier, der den Mitgliedsbeiträgen hinterherjoggt, einem ehrenamtlichen Trainer, der sich mit dem Nachwuchs in Geduld übt, einem Zeugwart, der die Sportgeräte aus seiner eigenen Tasche bezahlt und einem Obmann, der sich mit dem Verband herumschlägt. Außerdem wären da noch die Mitglieder, die sich im Vereinsheim bei ein paar Bieren die Ziele für die kommende Saison wieder einmal zu hoch stecken. Sportverletzung

Durch Gegner oder selbst verschuldetes Gebrechen aufgrund von Überan-

strengung, schlechtem Training oder Pech. Etwa ein Drittel davon sind Bagatellen wie Aufschürfungen, Prellungen und Verstauchungen, etwas seltener sind Knochenbrüche und Verrenkungen sowie Verletzungen der Sehnen, Bänder und Muskeln. Tägliche Turnstunde

Vorerst nur an ganztägigen Schulen verpflichtend eingeführt, soll sie dafür sorgen, dass die laut Statistik zu einem Viertel übergewichtige österreichische Jugend jeden Tag ein Quäntchen Bewegung macht. Team

Akronym für: Toll, ein anderer macht‘s. Gilt für Tore schießen und Gegner foulen genauso wie im Büroalltag. Teamgeist

Innerer Zusammenhalt einer Gruppe. Am größten bei mäßigem Erfolg. Bei Niederlagen geht man gern seine eigenen Wege, weil die anderen daran schuld sind, bei großen Siegen ebenso, weil man selbst dafür verantwortlich ist und die anderen nur unnötig etwas von dem Ruhm abbekommen. Trainingsweltmeister

Eifriger Sportler, der immer dann, wenn es darauf ankommt, einen schlechten Tag hat. Trendsport

Jugendlich rebellische Sportart ohne Verbandsstrukturen, Meisterschaften und reglementierte Wettkämpfe, die entweder erwachsen wird oder wieder von der Bildfläche verschwindet. Wellness

Acht Buchstaben, die die Preise von gewöhnlichen Fruchtsäften, Joghurt, aromatisiertem Mineralwasser, Massagen und Hotelzimmern in ungewöhnliche Höhe treiben. Damit soll ein Wohlfühlzustand erreicht werden, ohne dass Muskeln, Kreislauf und Psyche unnötig durch sportliche Betätigung gequält werden. Wir haben gew onnen!

Ausruf des übergewichtigen Fernsehzuschauers in der Hauptstadt, wenn der durchtrainierte Modellathlet aus dem Alpental, das er normalerweise „hinterste Provinz“ schimpft, bei einem Skirennen der Schnellste ist. Fädelt der Unglückliche aber auf dem Weg zur Bestzeit ein, so ist „das Nudelaug schon wieder ausgeschieden“.


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SPORT UND GESELLSCHAFT

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Zu den Fotos Base-Jumper Mich Kemeter (gelber Anzug) und Corbin Usinger springen in Lauterbrunnen in der Schweiz in die Tiefe. Die durchschnittliche Überlebensdauer eines Base-Jumpers beträgt sechs Jahre. Das Blinc Magazin führt eine Aufzeichnung aller Todesfälle seit 1981. Der letzte tödlich Verunglückte vom 30. Mai 2013 ist die Nummer 205.

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wissenschaftspolitik

Schadenersatz für einen Studierenden: Urteil Sabine Edith Braun

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as ist das Gegenteil von gut? – Genau, gut gemeint. Wohl nichts Böses hatte ein Studierender im Sinn, der heute Arzt ist, doch zuvor die Republik Österreich auf 20.000 Euro Schadenersatz geklagt hatte, weil er im Studienjahr 2005/06 in einer Lehrveranstaltung an der Medizinischen Universität Graz keinen Platz bekommen hatte. Weil die Universität keine zusätzlichen Parallelveranstaltungen anbot, befürchtete der Kläger durch Studienverzögerungen Zusatzkosten und Einkommenseinbußen. Obwohl er nun vom OGH Recht bekam, könnte sich das Urteil auf lange Sicht gesehen gegen die Interessen der Studierenden richten – was umso folgenschwerer ist, als das österreichische Hochschulsystem sowieso auf tönernen Füßen steht. Der österreichische Staat agiert in Sachen Hochschulpolitik wie ein strenger Vater, der seine Kinder zwingt, bei Schlechtwetter draußen zu spielen, dann aber schimpft, wenn sie gatschig heimkommen. Kommunikationstheoretisch betrachtet, erinnert das Verhältnis zwischen Universitäten und Staat an ein Double-Bind, dessen primäre Rahmenbedingung das Abhängigkeitsverhältnis ist, in diesem Fall das der Universitäten vom Staat.

der Unerfüllbarkeit. Bei der Autonomie der Der OGH stellte Universitäten handelt es sich nämlich um fest: Es ist keine echte Autonomie, sondern um eine rechtswidrig, den Pseudo-Autonomie, denn die Republik hält die Universitäten an der Geldleine kurz. AnUnis die für deren ders gesagt: Die Universitäten können mit Geld, das sie nicht haben, tun und lasvorgeschriebene dem sen, was sie wollen. Aufgaben Wenn einfach alle verlieren nötigen Mittel An diesem Widerspruch setzt das OGH-Urteil an. Schuldig im Sinne der Anklage seien vorzuenthalten. sowohl die Universität und – mitgefangen, Das könnte mitgehangen – in deren Gefolge die Republik. In seiner Urteilsbegründung vom 11. Studierenden April stellte der OGH fest: Das Unterlasschaden. sen von zeitlich parallelen oder zusätzlichen nachträglichen Lehrveranstaltungen seitens der Universität war rechtswidrig, „weil der unmissverständliche Wortlaut des § 54 Abs 8 UG 2002 in der damals anzuwendenden Fassung die Universität dazu verpflichtet hatte, jegliche Studienverzögerung durch das Anbieten entsprechender ‚Parallellehrveranstaltungen‘ zu verhindern“. Genau das war aber ausgeblieben. Das Urteil konstatiert der MedUni Graz daher ein „Fehlverhalten der Universitätsorgane“, darüber hinaus habe die Uni „auch ihrer Aufsichtspflicht nicht entsprochen und den gesetzwidrigen Zustand hingenommen“. Den Mangel an geeignetem Personal, den die Uni unter anderem als Hindernis für Parallellehrveranstaltungen ins Treffen führte, ließ der OGH nicht gelten. Denn das sei – in letzter Konsequenz – ein Versäumnis der Republik: „Mangelnde finanzielle Mittel – und auch allgemeiner Personalmangel – der Universität zur Erfüllung ihrer gesetzlichen Verpflichtungen im Rahmen des Lehrbetriebs könnten die Beklagte grundsätzlich schon deshalb nicht entschuldigen, weil sie als zuständiger – und auch im Rahmen der Amtshaftung verantwortlicher – Rechtsträger dazu verpflichtet war, den Universitäten jene Mittel zur Verfügung zu stellen, die sie benötigen, um ihre gesetzlichen Verpflichtungen (auch bei einem Ansteigen der Studierendenzahlen) zu erfüllen. Die Vollziehung des Studienrechts ist auch nach der Vollrechtsfähigkeit der Universitäten weiterhin eine hoheitliche Aufgabe im Sinn des § 49 Abs 2 UG 2002.“

Autonomie mit zu wenig Geld Der Staat hat mit dem Universitätsgesetz (UG) 2002 die zuvor unselbstständigen, aber teilrechtsfähigen Universitäten autonom und vollrechtsfähig gemacht. Sie sind immer noch Einrichtungen des Bundes, unterliegen dessen Aufsicht und sind von diesem zu finanzieren, was in dreijährigen Leistungsvereinbarungen erfolgt. Worin aber liegt dann die Autonomie? Hier kommt ein weiteres Kriterium der Doppelbindungstheorie zum Tragen, nämlich das

Registrierungsfristen Am 31. Mai endete die Registrierungsfrist für das Aufnahmeverfahren in den Wirtschaftswissenschaften an der Universität Wien. Wer im kommenden Herbst an der Universität Wien ein Studium der (I)BWL, VWL, Biologie, Pharmazie, Ernährungswissenschaft, Psychologie oder Publizistik beginnen möchte, hat bis 2. August Zeit, sich zu registrieren. So sieht es die Leistungsvereinbarung mit dem Ministerium vor. Die TU hat diese Leistungsvereinbarung, die festsetzt, wie viele Studienplätze die Universität in den jeweiligen Fächern anbieten muss, nicht unterschrieben, die ursprünglich geplanten Aufnahmeverfahren für Informatik und Wirtschaftsinformatik sind ausgesetzt. „Ich unterschreibe nicht, weil wir nicht bestätigen können, dass wir für dieses verpflichtende Angebot von Studienplätzen auch die Ressourcen haben. Das ist Fairness gegenüber zukünftigen Studierenden“, erklärte TU-Rektorin Sabine Seidler in einer Aussendung Mitte März, also knapp ein Monat vor dem OGH-Urteil.

Folgen für die Zukunft Das Urteil: Das Urteil kann man im Rechtsinformationssystem (RIS) des Bundeskanzleramtes nachlesen, wenn man auf der Homepage http:// www.ris.bka.gv.at/ als Suchbegriff die Geschäftszahl „1Ob251/12m“ eingibt.

Was bedeutet dieses Urteil nun für die Zukunft und für Studierende an Universitäten? Die Republik hat nun schwarz auf weiß, dass es nicht rechtens ist, den Universitäten einerseits konkrete Aufgaben, nämlich die Hochschulbildung für eine bestimmte Anzahl von Personen zu überantworten, ihnen andererseits aber die dafür nötigen finanziellen Mittel vorzuenthalten. Kurioserweise sehen sich in diesem Urteil nun alle Seiten bestätigt – in ihren Forderungen. Die ÖH sieht in dem Urteil

„Die MedUni Graz hat ihrer Aufsichtspflicht nicht entsprochen und den gesetzwidrigen Zustand hingenommen“ A u s d e m u r t e i l d e s og h

ein nun verbrieftes „Recht auf gute Studienbedingungen“ und appellierte an Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle, endlich „zu handeln“, denn der Bund könne sich nicht länger aus der Verantwortung stehlen. Zur Beseitigung der universitären Missstände fordert die ÖH mehr Geld, und zwar „die lange versprochenen zwei Prozent des BIP“. Auch der BSA sieht im Urteil eine „positive Herausforderung“, der nur durch ausreichende Finanzierung begegnet werden könne. Nur mehr Geld für mehr Studierende könne die Antwort sein.

Stoff für Wahlkämpfer Wissenschaftsminister Töchterle hingegen, der betonte, Österreich könnte nicht alle Studierenden aus der ganzen Welt aufnehmen, interpretiert das Urteil als Bestätigung für die Einführung flächendeckender Zugangsbeschränkungen (wie es sie an den Medizinuniversitäten und in einzelnen anderen Fächern bereits gibt). Mit einer Klagswelle rechnet Töchterle nicht. Auch in der ÖVP und ihren Vorfeldorganisationen wird das Urteil als „Chance“ gesehen, etwa für „faire und transparente Zugangsregeln“, so die ÖH-Wahlgewinnerin AG. Der Bundeskanzler reagierte vorsichtig. Er wies Forderungen nach mehr Geld für die Unis zurück, es gebe eine beschlossene Aufstockung im aktuellen Finanzrahmen. Auf die bestehenden Zugangsbeschränkungen werde man nicht verzichten können. Feiner Stoff für den nächsten Wahlkampf.

Kommentar: Bitte Fenster putzen! In dem Moment, in dem man sich für ein Studium Monate vor Inskriptionsbeginn registrieren muss, kann von freiem Hochschulzugang ohnehin keine Rede mehr sein. An die Zeit, als es möglich war, Vorlesungsscheine zu machen, ohne auch nur irgendwie für die Lehrveranstaltung – sei es schriftlich, sei es elektronisch – „erfasst“ zu sein, wollen wir gar nicht erst zurückdenken. Der gläserne Studi ist Realität. Irreal hingegen erscheint die Art und Weise – z.B. der Universität Wien –, in der diese Registrierungspflichten und -fristen kommuniziert werden. Statt die ohnehin bereits Inskribierten mit Infomails zum Aufnahmeverfahren zu bombardieren, wäre es besser, die Ressourcen zu bündeln und sich an jene zu wenden, die diese Informationen wirklich brauchen: Maturanten! Die Fenster des Elfenbeinturms müssten mal wieder dringend geputzt werden. Sabine Edith Braun


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wissenschaftspolitik

mit Zündstoff

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Freistätters Freibrief

Grundlagen Florian Freistetter

illustr ation: jochen schievink

Juni wurde die Astrobiologin ItinmPascale Ehrenfreund zur Präsidendes FWF gewählt. Der FWF ist

eine vom Staat eingerichtete Institution, deren Aufgabe die Förderung der Grundlagenforschung ist. Grundlagenforschung wie Astrobiologie: Hier wird die Existenz von außerirdischem Leben erforscht – und das könnte kaum weiter von einer konkreten Anwendung entfernt sein. Astrobiologie und andere anwendungsfreie Forschungsgebiete sind auf staatliche Förderung angewiesen. Sie bringen nichts hervor, mit dem Geld verdient werden kann. Astrobiologen müssen vom Staat bezahlt werden, denn es gibt keinen Grund, warum Industrie und Wirtschaft dafür Geld ausgeben sollten. Oder vielleicht doch? Natürlich ist Grundlagenforschung profitabel! Es kann gar nicht anders sein, denn wie der Name schon sagt, bildet diese Forschung die Grundlage für alles andere. Ohne Grundlagenforschung kann es keine anwendungsorientierte Forschung geben und damit auch nichts, was man produzieren und verkaufen kann. Es dauert halt manchmal ein bisschen. Als Max Planck im Jahr 1900 über das Problem der „Schwarzkörperstrahlung“ nachdachte und schließlich seine Arbeit „Ueber das Gesetz der Energieverteilung im Normalspectrum“ veröffentlichte, dachte auch niemand daran, dass aus dieser damals völlig anwendungsfreien Forschung später eine ganze neue Wissenschaft enstehen sollte, die heute die Grundlage so gut wie all unserer Technik bildet. Die Grundlagenforschung von Planck war die Geburtsstunde der Quantenmechanik, ohne die wir heute weder Computer noch Laser noch unzählige andere Produkte hätten. Leider ist sowohl die Wirtschaft als auch die Politik immer unwilliger, langfristig zu denken und zu planen. Der Profit muss sofort sichtbar sein, am besten noch vor der nächsten Jahresbilanz oder der nächsten Wahl. Die Förderung der anwendungsorientierten Forschung stellt schnelle Ergebnisse sicher (und ist für den technischen Fortschritt auch absolut notwendig). Wird darüber aber die Förderung der Grundlagenforschung vergessen, hört der Fortschritt irgendwann auf. Und damit auch der Profit. Der lässt sich auch mit Astrobiologie machen – irgendwann in der Zukunft auf jeden Fall! Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/ astrodicticum-simplex


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Sportprosa heinrich von kleist

Der Dramatiker und Erzähler Heinrich von Kleist (1777–1811) gibt in seinen letzten beiden Lebensjahren die „Berliner Abendblätter“ heraus. Anspruch der täglich außer Sonntag erscheinenden, vier einspaltig bedruckten Seiten mit meist von Kleist selbst verfassten Erzählungen, Rezensionen und lokalen Meldungen ist, Bildung und Unterhaltung zu verbinden.

Er ich K lein

Zwei berühmte englische Boxer, der eine aus Portsmouth gebürtig, der andere aus Plymouth, die seit vielen Jahren von einander gehört hatten, ohne sich zu sehen, beschlossen, da sie in London zusammentrafen, zur Entscheidung der Frage, wem von ihnen der Siegerruhm gebühre, einen öffentlichen Wettkampf zu halten. Demnach stellten sich beide, im Angesicht des Volks, mit geballten Fäusten, im Garten einer ­Kneipe, gegeneinander; und als der Plymouther den Portsmouther, in wenig Augenblicken, dergestalt auf die Brust traf, daß er Blut spie, rief dieser, indem er sich den Mund abwischte: brav! – Als aber bald darauf, da sie sich wieder gestellt hatten, der Portsmouther den Plymouther, mit der Faust der geballten Rechten, dergestalt auf den Leib traf, daß dieser, indem er die Augen verkehrte, umfiel, rief der letztere: das ist auch nicht übel –! Worauf das Volk, das im Kreise herumstand, laut aufjauchzte, und, während der Plymouther, der an den Gedärmen verletzt worden war, tot weggetragen ward, dem Portsmouther den Siegsruhm zuerkannte. – Der Portsmouther soll aber auch Tags darauf am Blutsturz gestorben sein.

Rätsel von Gaja Waagrecht: 1 Ketten mit gesättigten Fetten? 7 Der Christian spielte bei Wickie eine Rolle (allerdings nicht die seines n-fernten Namensvetters) 8 Blockpartygame 10 Wer ihn hinlegt, hat das Ziel vor Augen 13 Eine Art Art 14 Der mit den relativ genialen Initialen 15 Südosttangentiales Platzangebot? 17 Was der Ruhe eine Hure, ist der Rinde eine ... 19 Wo, bitte, ist hier das Super-Universum? 21 Antiquiertes Urlaubs-Fresko? Im Audimax immer noch eine Showgröße 22 An der Uni – mehr Gegenstandseinrichtung als Einrichtungsgegenstand 24 Ihr Ausmaß richtet sich nach dem Ausfraß Senkrecht 1 Körperkultstätte 2 Treibt Lungenflügel in den Luftkampf 3 Ob BSPK oder BSPM – sie kommt am Stundenplan meist zu kurz 4 Automatisches Kugelstoßen im Delphinstil? 5 Octamethylcyclotetrasiloxan, nur kürzer 6 Analytisch betrachtet Handlungsstrang sämtlicher C.S.I.-Folgen 9 Da machen Männer keine Meter 11 Queen ohne Adelsgeschlecht 12 Bete-at-home-Gläubige finden sich dort selten ein 16 Ball-istische Schwungmasse 18 Ey man, ganz locke – bei ihm fari voll drauf ab 20 Nach allgemeinem Tenor geht’s nicht tiefer 23 Um solchen Univ. Prof. ist es still geworden

Lösungswort:

Auflösung aus Falter HEUREKA 2/2013. Lösungswort(e): SCIENCE BUSTERS Waagrecht: 1 SEMINARE, 7 SAN, 8 COACHING, 10 IQ, 11 MIO, 12 AUDIMAX, 13 LEDA, 14 LOT, 16 SEINE, 18 EZB, 20 ACHT, 22 INNENHOF, 24 AAA, 25 EFEU, 26 TRENNUNG Senkrecht: 1 SOCIALMEDIA, 2 ELOQUENZ, 3 ISCHIAS, 4 NAH, 5 ANIMALISCH, 6 ERGO, 9 NIXON, 15 TESTFLUG, 17 EMANZEN, 19 BANANE, 21 HOSEN, 23 NARR

Was am Ende bleibt Der Schiri ist ein Schwein erich klein

o gern der Satz „Mens sana in corS pore sano“ für alle Formen sportlicher Betätigung seit alters her ins

Rennen geführt wird, so lange ist klar, dass es im Sport um Sieg oder Niederlage geht, um Helden und deren Legenden von Aufstieg und Fall. Daran hat sich von Pindars olympischen Oden bis zum blamablen Kasus des siebenfachen Tour-de-France-Siegers Lance Armstrong nichts geändert. Die Aufdeckung von Doping beim amerikanischen Radrennfahrer brachte eine ganze Disziplin in Misskredit. Gehörte das Foul-Spiel, das längst allgemein bekannt war, zum Sport selbst? Hans Lenk, deutscher Sportphilosoph und in den Sechzigerjahren selbst Olympiasieger und Europameister im Rudern, konstatiert in Bezug auf unseren Umgang mit Sport dementsprechend ernüchtert: „Unsere Gesellschaft ist sowieso schizophren. Im Alltag ist es ja auch so, dass fast jeder sich dopt. Sport ist schizophren.“ Der Umstand, dass wir in keiner Gentleman-Konkurrenzgesellschaft leben, würde Regeln der Fairness aber dennoch nicht grundsätzlich widerlegen; als Anleitung für Jugendliche dürfen sie weiterhin Geltung beanspruchen … Von derartigem ethischen Minimalismus waren im 20. Jahrhundert die Vorläufer heutigen medialen Heldentums in Sachen Sport ohnedies nicht angekränkelt: Hitler mobilisierte Olympia ebenso für sich wie Stalin die Architekturen des Sozialismus mit Mosaiken von Turmspringerinnen oder Eishockeyspielern verzierte. Chinesische Sportlerinnen sind immer auch Werbeträger auf einem der entwicklungsfähigsten Sportartikelmärkte. Eine Nation gerät in Verzückung ob eines Triumphes, und selbst der unbedeutendste Provinzpolitiker posiert mit dem siegreichen Nachwuchstalent – bis der Skandal auffliegt. Ist Sport tatsächlich nur noch ein korruptes „Sportstück“, wie Elfriede Jelinek meint? Fast alles spricht für diese Sichtweise – gäbe es nicht eine Vielzahl von Gegenbeispielen: Der von Stalin ein Leben lang malträtierte Komponist und Fußballfan Dmitrij Schostakowitsch bekannte: „Das Stadion ist in diesem Land der einzige Ort, wo man laut die Wahrheit über das sagen kann, was man sieht.“ Und der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan bezeichnete die Liebe zum Fußball gar als „Liebe zum Unmöglichen“. Was damit gemeint ist, macht der Schlachtgesang der Fans aus Donezk deutlich: „Einer geht noch, einer geht noch rein, / Ihr seid Wichser, der Schiri ist ein Schwein.“


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