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FALTER HEUREKA

Ö H-Wahlen

Die künftige Rektorin der Wiener Akademie der Bildenden Künste über die Wahlen Exzellenzförderung? Wissenschaftspolitik am Beispiel des Mathematik-Instituts ESI Griechenland Vor einem Jahr sagte hier Gunnar Heinsohn, wie es kommen wird. Und so kam es

Das Wissenschaftsmagazin

Nr. 3/11

Was tut die Wissenschaft für uns? Menschen mit besonderen Bedürfnissen werden im gesellschaftlichen Alltag in ihren Lebensmöglichkeiten eingeschränkt. Finden sie Unterstützung durch die Wissenschaft?

F A B I A N , 11; M A C H T G E R N E S P Ä S S E U N D L I E B T F A H R R A D F A H R E N

Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2304/2011

FOTO: K ARIN WASNER


Weil wir wollen, dass Österreichs Unternehmen im internationalen Wettbewerb der Zukunft bestehen, fördern wir die Forschung und Technologieentwicklung in den Betrieben. Gerade in den kleinen und mittleren Unternehmen, die das Rückgrat unserer Wirtschaft bilden. Denn Forschungsausgaben von heute schaffen die Arbeitsplätze von morgen. Innovationsministerin Doris Bures: „Wir sind auf dem besten Weg, uns als eine der führenden Forschungsnationen zu etablieren. Österreichisches Know-how ist auf der ganzen Welt gefragt.“ www.bmvit.gv.at Doris Bures, Bundesministerin für Verkehr, Innovation und Technologie

Fotos: bmvit

Umfassender beraten, Beratungs-Hotline für Klein- und Mittelbetriebe: 057755-5000 oder im Internet unter www.ffg.at

Die Zukunft fährt elektrisch. Und umweltfreundlich.

Effiziente Produktionstechnologien sichern den Wirtschaftsstandort Österreich.

Das Haus der Zukunft erzeugt mehr Energie, als es verbraucht.

Neue Informations- und Kommunikationstechnologien als Garant für Wettbewerbsfähigkeit.

Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie


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Inhalt

04 05 05 05

Akademische Stars und junge Forscherinnen Bemerkenswerte akademische Karrieren Das Wiener Kunstherz wird 25 Die Geschichte einer erfolgreichen Therapie Mathematik und Musik Mathematische Theorie über Klänge Therapie mit Delfinen Die Alpha-Therapie mit Walen und Delfinen

08 12 14 16

Die Situation von „Behinderten“ in Zahlen Der Countdown zum Thema Was tut die Wissenschaft für uns? Die Situation von Menschen mit „Behinderungen“ Wissenschaft trifft Mensch Betroffene und Ärzte – ihre jeweilige Sichtweise Des Kind lernt ned richtig Was bei kindlichen Lernstörungen zu tun ist

18 20 21 22

Mathematik als Stolperstein Weshalb sich blinde Menschen damit schwer tun Exzellenzförderung auf österreichisch Über die Zukunft des Erwin-Schrödinger-Instituts Die Politklasse verteidigt ihre Pfründe Gunnar Heinsohn über Griechenland Gedicht, HEUREKA-Rätsel, Erinnerung Wiener Phantasmen

Kommentar

Editorial

Stimmen abgeben: Die ÖH-Wahlen 2011 E VA BLIMLINGER

GRAFIK: TONE FINK, FOTO: HARALD WENDELIN

Jahre sind die StudierenA lledenzwei der Universitäten, Fachhoch-

schulen und Pädagogischen Hochschulen aufgerufen, ihre VertreterInnen zu wählen. Erstmals konnte nach den Jahren sinkender Wahlbeteiligung bei den diesjährigen ÖH-Wahlen ein leichter Aufwärtstrend verzeichnet werden. Waren es bei den Wahlen nur 25,7 Prozent der Wahlberechtigten, so waren es 2011 immerhin 28,45 Prozent, also in etwa so viele wie 2007. Zu wenige, sagen KritikerInnen, die vor allem immer wieder die Legitimation der ÖH als Vertretung der Studierenden kritisieren. Ja, selbstverständlich wäre es demokratiepolitisch sinnvoll, wenn Studierende ihr Wahlrecht wahrnehmen würden und somit durchaus die Österreichische HochschülerInnenschaft als Interessenvertretung in den anhaltenden universitäts-, bildungs- und wissenschaftspolitischen Diskussionen stärken würden. Doch niedrige Wahlbeteiligungen haben leider an den Universitäten Tradition. So liegt etwa die Wahlbeteiligung bei den Wahlen zum Senat oder den Betriebsratswahlen für das wissenschaftliche und künstlerische Personal an der Universität Wien deutlich unter 20 Prozent. Hier würde jedoch niemand von einer fehlenden demokratischen Legitimation sprechen. Eine Stärkung würde die ÖH sicherlich auch durch eine Änderung des Wahlrechts erfahren. 2004 wurde die Möglichkeit, die Bundesvertretung direkt zu wählen, unter Schwarz-Blau abgeschafft. Hier ist die Forderung der ÖH nach einer Direktwahl der ÖH Bundesvertretung voll und ganz zu unterstützen. Protest formiert sich. Aber, wie unibrennt 2009 gezeigt hat, auch unabhängig von den Anliegen und Strukturen der ÖH,

gewissermaßen als außerparlamentarische Opposition auch zur ÖH. Immer wieder wird darauf verwiesen, dass die Tätigkeit in der ÖH ein Sprungbrett in die Politik ist, unabhängig von welcher Fraktion. Zahlreiche ehemalige Funktionäre, weniger schon Funktionärinnen finden sich heute im Nationalrat, in Gemeinderäten, als Bürgermeister oder Minister. In diesen Ämtern haben sie aber leider meist vergessen, was sie als ehemalige StudierendenvertreterInnen gefordert haben. Ihr politisches Inter-

esse und Engagement für den tertiären Sektor ist enden wollend. Ich plädiere für ein ehemaliges ÖHFunktionärInnen-Universitätsunterstützungs-Gremium, damit die Universitäten die Aufmerksamkeit erfahren, die sie in der österreichischen Politik dringend brauchen.

Finkenschlag Handgreifliches von Tone Fink

Eva Blimlinger ist ab Oktober 2011 Rektorin der Wiener Akademie der Bildenden Künste

www.tonefink.at

CHR ISTIAN ZILLNER

46 Prozent aller US-Amerikaner erleiden im Verlauf ihres Lebens eine psychische Erkrankung, ergab eine Studie des National Instituts of Mental Health zwischen 2001 und 2003. Der Grund? Nicht zuletzt stark beworbene und verschriebene Psychopharmaka, schreiben Psychiater wie Irving Kirsch oder Robert Whitaker. Liest man ihre Bücher oder die Artikel darüber von Marcia Angell in der New York Review of Books, klingen Begriffe wie „wissenschaftliche Foschung“ und „objektiver Nachweis von Wirksamkeit“ im Zusammenhang mit der Zulassung dieser Psychopharmaka fast wie eine Gemeinheit. Whitaker vergleicht gar eines von ihnen mit einem Virus, der bei Kindern und Erwachsenen Schäden im Gehirn verursacht. So viel zur wissenschaftlichen Auffassung psychischer Krankheiten als fehlgeleitete chemische Prozesse im Gehirn. Diese Ausgabe widmet sich der verfehlten gesellschaftlichen Wahrnehmung von Menschen, die wir „Behinderte“ nennen, weil sie in ihren Lebensvollzügen behindert werden. Dazu eine Empfehlung (ab Mitte Juli erhältlich): Franz-Joseph Huainigg Barrierefreies Wien Lebens- und Mobilitätsratgeber für behinderte Menschen, 384 S. ISBN 978-3-85439-450-1 Falter Verlag, 16,50 Euro www.faltershop.at

Impressum Falter 25a/11 Herausgeber: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at Redaktion: Dr. Christian Zillner Artdirektion: Dirk Merbach Layout: Reini Hackl, Raphael Moser Fotoredaktion: Karin Wasner Lektorat: Martina Paul Druck: Goldmann Druck AG, 3430 Tulln DVR: 047 69 86

heureka! erscheint mit Unterstützung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung


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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Kopf im Bild

Stammzellen aus Urin Mit Stammzellen verbindet man Zukunftshoffnungen, aber auch ethische Grenzen. Können Sie sich vorstellen, dass es möglich sein wird, ein „persönliches Ersatzteillager“ im Bedarfsfall einfach auszupinkeln? Das müssen sich die BOKU-Professorin Regina Grillari und der Spanier Miguel Esteban von der chinesischen Akademie der Wissenschaften in Guangzhou gefragt haben, als sie sich daran machten, Zellen aus menschlichem Urin zu isolieren und sie in stammzellartige Zellen zu reprogrammieren. „Sie sind den embryonalen Stammzellen sehr ähnlich“, erklärt BOKU-Professor Johannes Grillari, der an dieser Forschung unterstützend beteiligt ist. „Im Weiteren können wir sie zu Herzmuskel- oder Nervenzellen ausdifferenzieren.“ Die Technik stützt sich auf Shinya Yamanaka, der Hautzellen zu pluripotenten Stammzellen umprogrammiert hat. „Wir wollten aber eine nichtinvasive Methode finden“, so das Molekularbiologen-Ehepaar Grillari. Für die Präsentation erhielt Regina Grillari im Mai beim 22. ESACT-Meeting in der Wiener Hofburg den Best Poster Prize. TE X T: USCHI SOR Z

.

FOTO: ARNOLD PÖSCHL

DAS PAPER ÜBER DIESE FOR SCHUNGSARBEIT: HT TP://JASN.ASNJOURNALS.ORG/CONTENT/EARLY/2011/06/02/ASN.2011010106.ABSTR AC T

Junge Forscherinnen as richtige Studium zu finden, D bedarf manchmal eines Umweges. Das zeigen die Beispiele dieser jungen österreichischen Forscherinnen und Forscher. Peter Grand, 37, Uni Wien

Seit seiner Jugend interessierte Peter Grand sich für Philosophie und Politik. Das hielt ihn nicht davon ab, einen kurzen Abstecher zu wagen: „Nach der Matura habe ich mich für ein Schauspielstudium entschieden und diesen Beruf auch mehrere Jahre ausgeübt“, sagt er. Das Interesse für die Politikwissenschaft ist nie verloren gegangen, und so „absolvierte ich 2007 das Diplomstudium und war 2007 bis 2010 Doktorand im post-

gradualen Lehrgang für Politikwissenschaft am IHS. Dafür erhielt ich auch ein Stipendium vom IHS. Derzeit habe ich ABD-Status („all but dissertation“). Ich beabsichtige, meine Dissertation bis Ende dieses Jahres abzuschließen“, sagt Grand. Das Thema der Dissertation: „,Taking Sides?‘ A Comparison of Theorizing and Modeling Public Opinion on European Integration.“ Rafael Prehsler, 23, Uni Wien

Warum gerade Geschichte? „Die Entscheidung für das Geschichtestudium fiel spontan. Im Raum standen auch Chemie bzw. ein musikalisches Studium. Ich habe mich früh für Geschichte interessiert“, sagt

Rafael Prehsler. Das Thema Stadtgeschichte bildet den Fokus in seiner Dissertation: „Für mein Dissertationsprojekt interessieren mich vordergründig die zu Bewusstsein kommende Stadt sowie die Frage nach den Ursachen des Aufblühens einer Stadt.“ Dieses Thema sei nach Prehslers Auffassung „auch für die Gegenwart von höchster Brisanz.“ Der Forschungsschwerpunkt ist die europäische Stadtgeschichte mit Schwerpunkt auf Frankreich und Italien. Untersucht werden die Epochen der Renaissance und der frühen Neuzeit. Damit nicht genug: In Zukunft möchte der ambitionierte Forscher auch zur Geschichte des Reisens forschen.

Margarete Lengger, 25, Institut für Höhere Studien, Wien

„Ich glaube, dass der Grundstein für die Wahl meines Studiums in der Schule gelegt wurde“, erinnert sich Margarete Lengger. Sowohl die Fachbereichsarbeit zu einem geschichtlich-politischen Thema als auch ihre Diplomarbeit hat ihr „entgegen aller Befürchtungen Spaß gemacht“. Ihre Dissertation schreibt sie am Institut für Höhere Studien, Wien, im Rahmen des dreijährigen PhD-Programms ‚Multi-Level Politics in Europe‘ in der Abteilung für Politikwissenschaft. „Mein Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich Außenbeziehungen der EU. Mich interessiert die Rolle der EU als regionaler Hegemon im Umgang mit europäischen Staaten außerhalb der Union“, sagt sie.

FOTOS: PRIVAT

ALE X ANDR A AURELIA NEME TH


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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Medizin

Mathematik

Therapie mit Tieren

Vor 25 Jahren wurde in Wien das erste künstliche Herz implantiert – das erste in Europa

Die Musik und die Mathematik: Sound-Objects – die Zahlen hinter den Klängen

Vom Delfin aus 16-monatigem Koma geholt

SONJA DRIES

USCHI SOR Z

DIE TER HÖNIG

Delfine werden zu Therapiezwecken eingesetzt. Der Österreicher Norbert Trompisch nennt das Alpha-Therapie

iesen Moment werde ich nie ver1986 wurde an der 2. Wiechon als kleines Mädchen habe InikmnerdasMaiChirurgischen Universitätskli- S sie sich gefragt, was in der Musik D gessen. Nach 16 Monaten Wacherste New Vienna Heart ein- eigentlich vorgeht, sagt Monika Dörf- koma meldete sich mein Sohn mit laugesetzt. Das nach langer Forschung im damaligen Ludwig-BoltzmannInstitut entwickelte Kunstherz wurde bei einem Patienten als Totalersatz anstelle des Herzens implantiert. In Europa war es die erste erfolgreiche Überbrückung bis zu einer Transplantation. Fast auf den Tag genau 25 Jahre später wurde einem zehn Wochen alten Baby im Wiener AKH ein Kunstherz eingesetzt. Das Mädchen, das an einem schweren Herzfehler leidet, wurde mit Kreislaufstillstand eingeliefert. Durch die erfolgreiche Implantation retteten die Ärzte sein Leben. „Ein Kunstherz wird wie ein Turbolader in den linken Ventrikel des geschwächten Herzens eingesetzt und übernimmt den Großteil der Pumpleistung. Das unterstützte Herz und der gesamte Organismus können sich so wieder erholen“, erklärt Georg Wieselthaler, Chirurg und Klinischer Leiter des Kunstherzprogramms der MedUni Wien. Vor allem Patienten, die einen schweren Herzinfarkt erlitten haben oder an einer Herzmuskelschwäche

FOTOS: NORBERT TROMPISCH, MEDUNI WIEN

Sieht nicht so aus, wirkt aber wie ein menschliches Herz

leiden, kommen für die Anwendung des Kunstherzens in Frage. Mit mehr als zehn Millionen Betroffenen ist die Herzinsuffizienz eine der häufigsten internistischen Krankheiten Europas. Selbst alltägliche Tätigkeiten werden für die Betroffenen zu einer kaum bewältigbaren Anstrengung. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Experten aus Kardiologie, Chirurgie und Physik wurden Rotationspumpen entwickelt, die trotz einer extremen Leistung immer noch schonend im menschlichen Körper arbeiten. Die Überlebenschancen mit Kunstherz von über zwei Jahren liegen beim Kunstherzprogramm an der MedUni Wien bei 85 Prozent.

ler. Heute hat sie – nach einem Musikund Mathematikstudium – ihre beiden Leidenschaften verbunden und zu ihrem wissenschaftlichen Schwerpunkt gemacht: der angewandten harmonischen Signalanalyse. Die 37-Jährige leitet an der Fakultät für Mathematik der Uni Wien ein internationales Team aus Mathematikern und Musikwissenschaftern. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, Klangsequenzen mithilfe mathematischer Algorithmen zu identifizieren und direkt aus der Zeit-FrequenzEbene zu extrahieren. Daraus könnten sich neue Möglichkeiten zur Klangmodellierung ergeben. Das Forschungsprojekt„Audiominer–Mathematical Signal Analysis and Modeling for Manipulation of Sound Objects“ wird vom WWTF gefördert. „Was wir momentan machen, ist Grundlagenforschung“, stellt Dörfler klar. „Zunächst gilt es, jede Menge Fragen zu klären.“ Etwa wie ein Klang-objekt genau definiert werden soll, welche menschlichen Hörerfahrungen zu berücksichtigen sind und was man alles damit machen kann. Nicht zu vergessen die mathematischen Aspekte, um das Ganze zu bewerkstelligen. „Ich finde es spannend, dass wir uns hier teilweise auf noch unbearbeitetem Terrain bewegen“, sagt die Mathematikerin. Dörfler hat – nicht zuletzt durch die Zusammenarbeit mit Komponisten – eine klare Vorstellung davon, wo es hingehen soll. „Unsere Vision ist, die Sound-Objects aus einem Signal auszuschneiden, sie zu verändern und dann wieder in den Soundstream zurückzuschicken.“ In der elektroakustischen Musik würde das neue Improvisationsmöglichkeiten bieten. Musik und Mathematik ziehen sich wie ein roter Faden durch Dörflers Leben. Als Jazzpianistin ist sie immer wieder einmal auf dem Konzertpodium anzutreffen und auf drei CDs vertreten. „Beide Disziplinen sind geprägt von einer hohen Kreativität und der Möglichkeit, neue Dinge zu schaffen“, begründet sie ihre Motivation, gerade an dieser Schnittstelle zu forschen.

tem Kinderlachen zurück ins Leben“, erzählt Kirsten Kuhnert. Sie ist Gründerin von „dolphin aid“, eines Vereines, der die Delfintherapie für Kinder unterstützt. Was deutsche Ärzte 16 Monate lang vergeblich versuchten, gelang einem Delfin in drei Tagen. Gemeinsam mit Wissenschaftern beschreibt sie in ihrem Buch „Delfintherapie – Beweis eines Wunders“ die heilende Wirkung der Begegnung mit diesen Tieren. Dass die Delfintherapie, als Ergänzung zu anderen Therapieformen, ihre Berechtigung hat, belegen mehrere Wirksamkeitsstudien, zum Beispiel auch die Nürnberger Langzeit-

Studie von Breitenbach, v. Fersen und Stumpf. Schon im Jahr 2000 wurde mit der „Alpha-Therapie“, einem ganzheitlichen Delfintherapie-Programm, begonnen. Sein Gründer, der österreichische Psychologe Norbert Trompisch, erklärt: „Durch die direkte wissenschaftliche Anbindung unseres Instituts an die Uni Wien – unser wissenschaftlicher Leiter ist Thomas Slunecko, Vize-Dekan der Wiener Psychologischen Fakultät – und die Sigmund-Freud-Universität, mit der wir eng kooperieren, können wir unseren Klienten weltweit ein verlässliches Niveau bieten.“ Sein Projektpartner, das Delfintherapie-Zentrum im türkischen Antalya, beherbergt drei ausgebildete Delfine und einen Beluga-Wal.

Die Therapeuten vor ihrem Einsatz mit einem jungen Patienten


Wir haben uns! wahrscheinlich noch nie gesehen,! ich heiße Adolf Meinolf und sorge dafür, dass Sie jederzeit ! kochen und heiß duschen können. Ich arbeite im ! Gasnetz. Dass auch sonst viele wichtige Dinge in Wien gut ! funktionieren, verdanken Sie unter anderem mir und ! meinen 16.000 Wiener Stadtwerke KollegInnen. Gemeinsam ! machen wir Wien auch in Zukunft zur lebenswertesten ! Stadt der Welt. !

www.facebook.com/WienerStadtwerke

www.wienerstadtwerke.at


TITEL 8

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WAS TUT WISSENSCHAFT FÜR UNS?

Der Countdown zum Thema CAROLIN GIER MINDL

10.000.000

2011

800.000 24.000

2008

Menschen in Europa sind blind oder sehbehindert. In Österreich gibt es 318.000 Menschen mit dauerhafter Sehbeeinträchtigung. Menschen in Österreich leben mit einer Beeinträchtigung ihrer Lebensvollzüge.

Frauen, Männer, Kinder sitzen im Rollstuhl. EU-weit sind 6,5 Millionen Menschen auf einen Rollstuhl angewiesen.

23.000 19.000

der Pflegegeldbezieher in Privathaushalten sind armutsgefährdet.

Menschen mit besonderen Bedürfnissen gelten als erwerbsunfähig. Sie sind von allen arbeits- und sozialversicherungsrechtlichen Rahmenbedingungen ausgeschlossen.

17.561

Mitarbeiter im öffentlichen Dienst hat das Land Tirol. 702 Menschen mit besonderen Bedürfnissen müssten laut Gleichstellungspflicht angestellt sein. Tirol beschäftigt 349.

9114

Personen arbeiten im öffentlichen Dienst des Landes Vorarlberg. 364 Menschen mit besonderen Bedürfnissen müssten aufgenommen werden. Das Ländle beschäftigt 205.

9100

Menschen in Österreich sind vollkommen gehörlos. 10.000 bis 15.000 sind hochgradig schwerhörig. Die Muttersprache gehörloser Menschen ist die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS). Deutsch ist für sie Zweit- bzw. Fremdsprache.

9000

Menschen in Österreich leben mit einem Down-Syndrom. Der Spanier Pablo Pineda hat als erster Europäer mit DownSyndrom (Trisomie 21) ein Uni-Diplom und unterrichtet als Lehrer. Er war übrigens nie in einer Sonderschule (siehe Beitrag auf Seite 10).

3660

Titel umfasst der Gesamtbestand der einzigen Hörbibliothek für blinde Menschen in Österreich. Diese Hörbücher wurden im letzten Jahr 50.000 Mal, meist per Versand, verliehen.

2270

Menschen mit besonderen Bedürfnissen muss das Land Steiermark laut Gleichstellungsgesetz beschäftigen. Im öffentlichen Dienst arbeiten 3206 Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Die Steiermark, gefolgt von Kärnten, ist in Österreich Rekordhalter in Sachen Gleichstellung.

2020

soll der Zugang zu allen öffentlichen Gebäuden barrierefrei sein. Ursprünglich war 2016 als Stichjahr geplant.

konnten sehbehinderte und blinde Studierende zum ersten Mal bei den ÖH-Wahlen von ihrem geheimen Wahlrecht Gebrauch machen. Mittels Wahlschablone. Bislang mussten sie eine Vertrauensperson einweihen.

hat Österreich die UN-Konvention für Menschen mit besonderen Bedürfnissen unterzeichnet. Diese garantiert ihnen rechtlich eine gleichberechtigte Teilnahme an der Gesellschaft.

1200

Personen haben sich 2010 hilfesuchend an die „Behinderten“Anwaltschaft gewendet. Hauptanliegen: Gleichstellungsfragen, Bildungsthemen, Arbeitsmarkt und finanzielle Unterstützung.

144

Sportler und Sportlerinnen vertreten Österreich bei den Special Olympics Sommerspielen in Athen. An der Olympiade für Menschen mit kognitiver „Behinderung“ nehmen 7500 Menschen aus 185 Nationen teil.

72 54,8

Prozent aller 70- bis 79-jährigen sind körperlich gehandicapt. Die meisten davon chronisch.

Prozent aller Studierenden mit besonderen Bedürfnissen gaben in einer Studierenden-Sozialerhebung an, erschwert Zugang zu Information zu haben.

44,3 38 30 16 12 7 1 0,7

Prozent aller Studierenden mit besonderen Bedürfnissen beklagen mangelnde Rücksichtnahme durch Lehrende.

Prozent der Menschen mit besonderen Bedürfnissen absolvieren maximal eine Pflichtschule, 10 Prozent haben einen Matura-Abschluss. bis 40 Blindenhunde sind derzeit österreichweit im Einsatz. Ein ausgebildeter Blindenhund kostet etwa 30.000 Euro.

Prozent der Frauen mit besonderen Bedürfnissen zwischen 16 und 64 Jahren sind manifest arm. Prozent der Menschen mit besonderen Bedürfnissen leben in feuchten Wohnungen.

Politikerinnen weltweit sind gehörlos. In Österreich gibt es eine davon: Helene Jarmer, Abgeordnete der Grünen, ist seit 2009 im Parlament. einzige Bücherei in Österreich, jene im Bundes-Blindeninstitut Wien, verleiht Bücher in der Braille-Schrift.

Prozent aller Filme im Österreichischen Fernsehen können über Zweikanalton und Audio-Deskription von Blinden und hochgradig Sehgeschädigten konsumiert werden.


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WAS TUT WISSENSCHAFT FÜR UNS? Nicole, 16 Jahre

„Die Schiene stabilisiert meine Hand, weil sie nicht so stark ist wie die andere. Die Farbe habe ich mir selbst ausgesucht. Jetzt muss immer was Pinkes in meinem Outfit vorkommen, damit das gut zusammen aussieht.“ Nicole hört gerne Musik und am liebsten Katy Perry. Im Februar war sie sogar bei einem ihrer Konzerte und ganz begeistert. Besonders das coole Styling und die Perücken haben es Nicole angetan. FOTO: K ARIN WASNER

Zu den Fotos

„Ich bin ein Lehrerkind“, sagt die Fotografin Karin Wasner. „Mein ganzes Leben habe ich meine Eltern mit vielen Kindern teilen müssen. Fast 40 Jahre arbeitet mein Vater schon für ein Sonderpädagogisches Zentrum, erst als Pädagoge und seit 21 Jahren als Leiter. Seit Kurzem redet er über seine Pensionierung. Nun – am Ende seines Berufslebens – wollte ich sehen, was das für Menschen sind, denen mein Vater seine gesamte Arbeitszeit gewidmet hat, sein Engagement und oft auch seine Freizeit. Nach meinem Besuch konnte ich ihn gut verstehen. Die Fotos zu der Fotostrecke in diesem Heft entstanden mit Schülerinnen und Schülern aus Klassen des SPZ Stockerau.“

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WAS TUT WISSENSCHAFT FÜR UNS?

Der neue Blick auf „Behinderung“ Die Forschungsgruppe DISTA (Disability Studies Austria) stellt unser Konzept von „Behinderung“ in Frage VERENA AHNE

auvin (10) ist ein Wunschkind. Seine Mütter, ein lesbisches Paar im amerikanischen Bethesda, hatten sich ein Baby gewünscht, das sein sollte wie sie selbst. Gehörlos. Sie baten einen Freund um eine Samenspende, der in fünfter Generation gehörlos ist. Gauvin wurde wie vor ihm seine Schwester Jeheanne mit schweren Gehörschäden geboren. Er wächst in einer eigenen Welt heran: jener der selbstbewussten Gehörlosen-Gemeinschaft „Deaf“ (engl. für taub), die „Taubheit“ nicht als Behinderung empfindet, sondern als Teil ihrer kulturellen Identität. In Spanien erhielt Pablo Pineda vor zwei Jahren eine Anstellung als Lehrer. Pineda wurde mit Down-Syndrom geboren. Doch seine Eltern haben ihn von Anfang an wie ein „normales“ Kind behandelt. Mit vier Jahren konnte er lesen, hat, wie 85 Prozent aller Kinder mit Down-Syndrom im sonderschulfreien Spanien, eine Regelschule besucht und schließlich studiert. Gauvin wie Pablo haben große mediale Aufmerksamkeit erregt – symptomatisch für eine Welt, die „Behinderung“ als etwas zu Vermeidendes sieht (Pränataldiagnostik), aus medizinischer Sicht als zu Behandelndes, aus Bildungsperspektive als Sonder(schul)fall.

G

Soziologin Angela Wegscheider, Uni Linz

„Uns wurde vom Rektorat der Uni Wien Interesse an einem DS-Institut signalisiert – hoffentlich nicht nur Lippenbekenntnisse.“ URSULA NAUE DISTA

Aus einer Bewegung, die sich seit Jahrzehnten gegen diese Sichtweise auflehnt, ist in den Achtzigerjahren im angloamerikanischen Raum eine Forschungsrichtung entstanden: Disability Studies (DS). Sie kehrt die Frage der „Behinderung“ um: Nicht die betroffene Person ist behindert, sie wird behindert: von der Gesellschaft mit ihren Normvorstellungen, von räumlichen Gegebenheiten, von der Politik. DS wollen einen Perspektivenwechsel: Nicht die „Behinderung“ steht im Zentrum des Interesses, sondern der gesellschaftliche Umgang damit: Was verhindert eine gleichwertige Behandlung, eine gleichwertige Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, wie es die UN-Konvention der „Rechte von Menschen mit Behinderung“ aus 2006 festschreibt? Noch existiert in Österreich beides nicht: Mit einem Chromosomensatz wie Pablo Pineda hat man kaum die Chance, geboren zu werden. Wer sich beim Lernen schwer tut, kommt in Sonderschulen. Wer im Rollstuhl sitzt, steht hilflos vor Treppen zu Schulen und Hörsälen. „Dass Menschen mit besonderen Bedürfnissen nicht gleichmäßig in allen gesellschaftlichen Gruppen anzutreffen sind“, sagt die Soziologin Angela Wegscheider von der Johannes Kepler

Uni Linz, „ist nicht auf ihre mangelnden Fähigkeiten zurückzuführen, sondern auf gesellschaftliche Barrieren“. Im Rahmen der DS sollen die Mechanismen der Ausgrenzung herausgearbeitet, hinterfragt und verändert werden. Eine Querschnittmaterie: Es gilt im Architekturstudium Behinderung ebenso mitzudenken wie in der Pädagogik, historische Entwicklungen und gesellschaftliche Positionen aufzuarbeiten – bis hin zu einer kritischen Beleuchtung von Medizin und Biologie. „DS haben einen starken emanzipatorischen Hintergrund“, so Wegscheider, die über Behindertenpolitik in Österreich dissertiert hat. „Sie sollen für die Menschen da sein.“ Und auch von den Betroffenen selbst gemacht werden. Diesbezüglich ist Österreich ein Entwicklungsland. Mittlerweile gibt es die Forschungsgruppe DISTA (Disability Studies Austria), von Menschen „mit sehr unterschiedlichem akademischen Hintergrund“, so eine ihrer Proponentinnen, die Politikwissenschafterin Ursula Naue von der Uni Wien. DISTA hat eine Ringvorlesung initiiert, die im Herbst in Linz startet. Daraus, so hofft Naue, sollte ein Lehrstuhl erwachsen, vielleicht sogar ein Institut.

Was unser Gesetz „Behinderung“ nennt Menschen mit besonderen Bedürfnissen wurden von der Gesetzgebung erst 1969 berücksichtigt

ängige Definitionen von „BehindeG rung“ bezeichnen diese als Zustand, der in defizitärer Weise von einer Norm ab-

weicht und eine gewisse Dauer und Schwere überschreitet. Im Bundesgesetz über die Gleichstellung von „Menschen mit Behinderungen“ wird „Behinderung“ als „Auswirkung einer nicht nur vorübergehenden körperlichen, geistigen oder psychischen Funktionsbeeinträchtigung oder Beeinträchtigung der Sinnesfunktionen, die geeignet ist, die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu erschweren“ beschrieben. Das österreichische Recht bietet keine einheitliche Definition: Es existieren mehr als 90 Bundes- und Landesgesetze, die Menschen mit besonderen Bedürfnissen betreffen. Die Wurzeln des Rechts liegen bei Regelungen zur Rehabilitation von Kriegsversehrten und im Armen- und Fürsorgerecht – von Geburt an beeinträchtigte Personen wurden erst im Jahr 1969 in der Gesetzgebung bewusst berücksichtigt. Einen anderen Weg verfolgt die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit

„Die nationale Gesetzgebung erfüllt wie die der Länder bei Weitem nicht die Forderungen der UN-Konvention. Es lassen sich keine verstärkten Bemühungen beobachten, das zu ändern.“ Tobias Buchner, Institut für Bildungswissenschaft, Uni Wien

besonderen Bedürfnissen. Sie wurde 2008 von Österreich ratifiziert. Diese rückt den Fokus weg von den Defiziten einer Person hin auf die Wechselwirkung der Fähigkeiten einer Person mit ihrem sozialen Umfeld. Sie hält als erste Konvention überhaupt ein Recht auf „Anderssein“ fest. Demnach liegt das „Nicht-partizipierenkönnen nicht an der Person, sondern am Verhalten der Gesellschaft“, sagt Ursula Naue vom Institut für Politikwissenschaft der Uni Wien. Daraus ergeben sich weitreichende Implikationen. Statt medizinische Abweichungen von einer statistischen Definition von Normalität in den Blick zu rücken, fragt dieses Modell danach, welche Barrieren die volle Teilhabe von Menschen mit besonderen Bedürfnissen verhindern. Pflegegeld könnte so etwa nicht an psychischen oder physiologischen Defiziten, sondern an den konkreten Defiziten und Hindernissen der Umgebung – nicht vorhandene abgeflachte Gehsteigkanten oder fehlende Leitsysteme etwa – bemessen werden.

Die große Leistung dieser Konvention: Sie verzichtet auf eine explizite und somit ausgrenzende und stigmatisierende Definition. Damit markiert sie einen Bewusstseinswandel. Für Klaus Voget, Präsident des Österreichischen Zivilinvalidenverbandes, bedeutet dies, dass Menschen mit besonderen Bedürfnissen über ihre Fähigkeiten, nicht über ihre Beeinträchtigungen wahrgenommen werden. Kann die UN-Konvention das Leben von Menschen mit besonderen Bedürfnissen verbessern? Das hängt davon ab, wie schnell und in welchem Umfang sie Eingang in materielles Recht findet. Dies hat, wie Tobias Buchner vom Institut für Bildungswissenschaft kritisiert, bisher nicht stattgefunden: „Die nationale Gesetzgebung wie die der Länder erfüllt bei Weitem nicht die Forderungen der UN-Konvention. Es lassen sich keine verstärkten Bemühungen beobachten, das zu ändern.“ Einer Umsetzung stehen etwa das Fehlen eines gemeinsamen Unterrichts für Schüler mit und ohne „Behinderung“ im Weg.

FOTOS: JOHANNES KEPLER UNI LINZ, FOTO: WILKE

WERNER STUR MBERGER


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WAS TUT WISSENSCHAFT FÜR UNS?

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Kommentar Multiple Sklerose

Grafikkabinett Püribauers Tierversuche

MS & Job-Verlust DIE TER HÖNIG

Empfehlung: Das „Buch der Begriffe“. Es zeigt, wie gängige, alltägliche Begriffe diskriminieren können. Ist ein Mensch wirklich „an den Rollstuhl gefesselt“? Kann man beurteilen, ob jemand „an einer ,Behinderung’ leidet“?

ILLUST R AT ION: BE R ND PÜR IBAUE R

Freihandbibliothek Buchtipps von Emily Walton Erfahrungsbericht einer Politikerin

Vom Leben als Außenseiter

Helene Jarmer. Schreien nützt nichts: Mittendrin statt still dabei. Südwest Verlag. 272 Seiten.

Adam Mars-Jones. Pilcrow. Faber and Faber Ltd. 544 Seiten.

Autismus: Alle wissen zu wenig

Wenn Wissenschaft und Ethik zusammenprallen

Die Österreicherin Helene Jarmer ist die erste gehörlose Abgeordnete im gesamten deutschsprachigen Raum. Im Alter von zwei Jahren verlor sie bei einem Autounfall das Gehör. Danach folgte ein hürdenreicher Weg, auf den sie nun in ihrem Buch zurückblickt. Jarmer absolvierte eine Höhere Technische Lehranstalt und ein Pädagogikstudium. Sie ist Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes und „Behinderten“-Sprecherin der Grünen im Parlament.

Worin liegt die Ursache für Autismus? Wird Autismus durch einen Gendefekt oder durch äußere Faktoren hervorgerufen? Welche sind die Symptome dieser Entwicklungsstörung? Viele haben von Autismus gehört. In Filmen und in der Literatur kommen Menschen, die an Autismus leiden, immer wieder vor. Kenntnisse über diese Entwicklungsstörung haben allerdings die wenigsten von uns. Diese kurze Einführung bietet Einblick und Erklärungen. Autorin Frith stellt auch die Verbindung zu den Bereichen der Neurowissenschaften, Psychologie und Genetik her. Uta Frith. Autism: A Very Short Introduction. Oxford University Press. 144 Seiten.

Die Geschichte des John Cromer: Von Kindheit an leidet der Protagonist an einer sogenannten Still-Erkrankung. Seine Knochen sind porös, ein selbstständiges Leben ohne Pfleger ist ihm nicht möglich. Das macht ihn zum Außenseiter, der in einer Parallelwelt lebt. Autor Adam Mars-Jones schreibt die Geschichte eines starken Helden, der in den Fünfzigerjahren in England aufwächst. Ein wichtiger Entwicklungsroman und eine umfassende Schilderung eines Lebens mit schwerwiegender Erkrankung.

Fortschritte in der Genetik und in der reproduktiven Medizin machen vieles möglich: Körperliche und geistige Beeinträchtigungen können frühzeitig erkannt werden. Aber welche ethischen Probleme bringen diese Fortschritte mit sich? Was wird passieren, wenn wir uns die Augenund Haarfarbe unserer Kinder aussuchen können? Jonathan Glover geht diesen heiklen Fragen nach – und fragt nach den Grenzen. Ein Schlüsselwerk für Eltern, werdende Eltern und alle, die sich Gedanken um die Zukunft unserer Gesellschaft machen. Jonathan Glover. Choosing Children: Genes, Disability and Design. Oxford University Press, 128 Seiten.

ultiple Sklerose (MS) ist eine ErkranM kung des Zentralen Nervensystems. „Bei erst kurz Erkrankten kann das Auf-

treten von schweren Beeinträchtigungen vermieden oder zumindest stark hinausgezögert werden“, erklärt Eva-Maria Maida, Leiterin der Neurologischen Abteilung am Evangelischen Krankenhaus Wien. Sie hält es für unerlässlich, dass Ärzte und medizinisches Personal besonders gut in der Früherkennung von MS ausgebildet werden. „Die zu Krankheitsbeginn häufig noch uncharakteristischen Symptome werden oft übersehen. Obwohl mit der MRT eine gute Methode zur Frühdiagnostik zur Verfügung steht.“ Maida fordert mehr MS-Tageszentren mit umfassender Betreuung. Außerdem MS-Wohngemeinschaften bzw. betreutes Wohnen und MS-Stationen in Pflegeheimen. Besonders wichtig ist ihr, dass viel mehr unternommen wird, um Betroffene im Arbeitsprozess zu halten. „Arbeitgebern ist viel zu wenig bekannt, dass MSKranke nicht öfter im Krankenstand sind als andere. Wenn die Diagnose MS am Arbeitsplatz bekannt wird, folgt oft die Kündigung, oder der Betroffene wird gemobbt.“ Ähnlich sieht es der Behindertenanwalt Erwin Buchinger. Er rät MS-Betroffenen dringend, die Krankheit keinesfalls dem Arbeitgeber bekannt zu geben, es sei denn, bei Tätigkeiten aus sicherheitsrelevanten Gründen. Problematisch findet Buchinger, dass für MS-Patienten der Zugang zum Pflegegeld durch die Anhebung von 50 auf 60 Stunden erschwert worden ist, da sie meistens in die Pflegestufe 1 einsteigen. Was erwarten Menschen mit besonderen Bedürfnissen von der Gesellschaft? „Sie wollen ernst genommen werden“, sagt Buchinger, „brauchen jedoch kein Mitleid“. Weiters fordert der Behindertenanwalt eine arbeits- und sozialrechtliche Absicherung für pflegende Angehörige. „Es sollte eine Pflegekarenz geben, die den Erhalt des Arbeitsplatzes ermöglicht. In jedem Bundesland sollte es Anlaufstellen geben, die die Betroffenen bei der Organisation ihres Umfeldes unterstützen. Was auch für MS-Patienten relevant ist.“ Um alle Förderungen für die Anschaffung eines Rollstuhls zu bekommen, gibt es laut Buchinger meist vier bis fünf verschiedene Anlaufstellen. Das sei in jedem Bundesland anders. Dafür sollte es eine zuständige Stelle geben. In seiner Amtszeit als Sozialminister hat Buchinger eine Deckelung für Medikamentenkosten eingeführt. Vor allem chronisch Kranke profitieren davon, dass sie Medikamentenkosten, die zwei Prozent des Nettoeinkommens übersteigen, nicht bezahlen müssen. Eine ähnliche Regelung könnte er sich bei Therapiekosten für chronisch Kranke vorstellen. „Das wäre eine gute Idee.“


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Was tut die Wis SABINE EDITH BR AUN

m Wintersemester 2009 waren 16.000 Studierende an der Uni Wien zugelassen. 530 von ihnen – etwa 0,6 Prozent – ließen sich aufgrund einer „Behinderung“ oder Krankheit vom Studienbeitrag befreien. So steht es in der Broschüre „Barrierefrei studieren“ des student point. Dort heißt es außerdem, dass die Dunkelziffer der tatsächlich physisch und psychisch beeinträchtigten Studierenden höher liege, da sich nicht alle vom Studienbeitrag befreien ließen.

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Die Uni Wien und ihre Angestellten In einer Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung von 2006 zur sozialen Lage gesundheitlich beeinträchtigter Studierender wird ihre Größe mit 20,7 Prozent angegeben. Inkludiert sind Studierende mit besonderen Bedürfnissen, chronischer Krankheit und sonstiger gesundheitlicher Beeinträchtigung. Darunter fallen auch Studierende mit Allergien – mit 14 Prozent die größte Gruppe. Für Studierende mit besonderen Bedürfnissen gibt es keine Quote. Für das Universitätspersonal sehr wohl. Diese Quote ist im „Behinderteneinstellungsgesetz“ festgeschrieben. Es sieht vor, dass alle Dienstgeber, die 25 oder mehr Dienstnehmer beschäftigen, pro 25 Personen einen „begünstigten Behinderten“ (eine Person mit einem amtlich festgestellten Grad an besonderen Bedürfnissen von über 50 Prozent) einstellen müssen. Die vom Gesetz vorgeschriebene Quote beträgt also vier Prozent. Bei den 8900 Beschäftigten der Uni Wien beträgt die Gesamtquote begünstigter Menschen mit besonderen Bedürfnissen derzeit 0,7 Prozent: bei den 392 Professoren Null Prozent, beim gesamten wissenschaftlichen Personal 0,16 Prozent (elf Personen von rund 6700) und beim allgemeinen Personal 2,2 Prozent (52 Personen von rund 2300).

Lieber Strafe zahlen als anstellen Die Uni Wien verhält sich wie die Mehrzahl der Dienstgeber: Sie zahlt lieber die Ausgleichstaxe, als dass sie die Quote erfüllt. Die Strafhöhe wurde für Betriebe mit mehr als 400 Angestellten per 1. Jänner um fünfzig Prozent erhöht– von 223 Euro auf 336 Euro. Zahlbar pro fehlender Person pro Monat. Würde die gesetzliche Quote eingehalten, gäbe es an der Uni Wien 250 wissenschaftliche Angestellte mit besonderen Bedürfnissen – statt elf. Doch selbst wenn die Uni die Quote erfüllen würde – ein repräsentativer Anteil wäre auch das nicht. Denn der Anteil von Menschen mit besonderen Bedürfnissen an der Gesamtbevölkerung beträgt je nach Defi nition 10 bis 15 Prozent.

Laut Gesundheitsstatistik 2009 der Statistik Austria beträgt die Zahl der Menschen mit besonderen Bedürfnissen „im engeren Sinn (länger als sechs Monate beeinträchtigt) in Österreich 633.000 Personen bzw. neun Prozent der Bevölkerung ab 16 Jahren. [...] Eine Behinderung im weiteren Sinn weisen rund eine Million Menschen auf. Insgesamt weisen also rund 1,6 Mio. Menschen dauerhafte Beeinträchtigungen unterschiedlichen Grades auf.“ Diese Beeinträchtigungen reichen von Problemen bei der Mobilität bis hin zu Problemen beim Sprechen. In einer anderen, 2007 im Auftrag des Sozialministeriums erstellten Studie verwendete die Statistik Austria eine weiter gefasste Defi nition von Beeinträchtigung. Diese reichte von leichter Sehbeeinträchtigung bis zu völliger Immobilität. So kam man auf eine Zahl von 1,7 Millionen Menschen, die sich als „dauerhaft eingeschränkt“ bezeichnen. Am häufigsten waren Probleme in der Beweglichkeit, wovon eine Million Menschen (13 Prozent) betroffen sind.

Menschen mit besonderen Bedürfnissen werden als „Behinderte“ bezeichnet. Dabei behindert die Achtlosigkeit der Gesellschaft sie in ihren Lebensvollzügen

In Österreich bloß Bittsteller

Nur zwei Anfragen in einem Jahr Der Verhaltensbiologe Friedrich Ladich ist seit Mai vorigen Jahres Vertrauensperson für Menschen mit besonderen Bedürfnissen für das wissenschaftliche Personal der Uni Wien. Zwei Anfragen wurden bisher an ihn gerichtet. Bei der ersten ging es um die Finanzierung Lehrbeauftragter mit besonderen Bedürfnissen. Die zweite Anfrage betraf die Begünstigungen für Menschen mit besonderen Bedürfnissen und chronisch Kranke. Eine der Begünstigungen für Arbeitnehmer mit besonderen Bedürfnissen in Österreich ist ein je nach Prozentsatz der „Behinderung“ erhöhter Urlaubsanspruch. In der am 18. November 2010 beschlossenen Satzung zur Gleichstellung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen an der Uni Wien ist von „Personen mit Behinderung und/oder chronischer Erkrankung“ die Rede. Friedrich Ladich, der selbst aufgrund einer Polioerkrankung beim Gehen eingeschränkt ist, stört am meisten das Nichteinhalten der Quote: „Papier ist geduldig, Satzungen sind geduldig – ich aber bin ungeduldig! Ich bin müde, irgendwelche Listen und Änderungspläne zu besprechen, weil ich weiß, dass die nächsten zehn Jahre nichts passiert. Es endet immer in nebulosen Satzungsparagrafen.“ Paragraf 6 der Satzung etwa besagt, dass die ‚Zielsetzungen zur Verbesserung der Situation’ ‚im Entwicklungsplan festgelegt’ sind. „Was soll man mit so einem Satz anfangen?“, fragt sich Ladich. „So etwas wird bestenfalls abgenickt und dann vergessen. Gremien sind geduldig. Ich persönlich wünsche mir eine aktive Aufnahmepolitik, die zu ei-

ner Erhöhung der Quote führt. Einen behinderten Nobelpreisträger nimmt jeder gerne, aber ist das schon Politik?“ Das Quotendefi zit soll nach außen transportiert werden, indem es in die Stellenausschreibungstexte hineingenommen wird – wie der Satz zur Erhöhung des Frauenanteils. „So einen Halbsatz sollte es auch für Uni-Angestellte mit besonderen Bedürfnissen geben“, sagt Ladich. „Ich habe das auch in Gremien gefordert, jedoch ohne Erfolg, wie neueste Stellenausschreibungen zeigen. Nicht einmal die Implementierung eines solchen Halbsatzes schaffe ich in meiner Funktion. Nicht um Goodwill zu zeigen, sondern nur, um die Gesetze einzuhalten! Ich hoffe, dass das noch passiert.“

„Unter den 392 Professoren der Uni Wien beträgt der Anteil der Menschen mit besonderen Bedürfnissen genau Null Prozent“

Veranstaltungshinweis An der Johannes-KeplerUniversität in Linz wird es im Wintersemester 2011/12 die Ringvorlesung „Disability Studies in Österreich. Einführung und Überblick zur österreichischen Forschungslage“ geben. Vortragende sind u. a. Ursula Naue und Volker Schönwiese. Die Vorlesung ist eine erste gemeinsame Aktion des Netzwerks für Behinderungsforschung DISTA – obwohl die Finanzierung noch nicht gesichert sei, wie Volker Schönwiese sagt.

Die Politikwissenschafterin Ursula Naue von der Uni Wien wacht über die Einhaltung der Rechte von Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Sie ist Mitglied im Unabhängigen Österreichischen Monitoring-Ausschuss zur Überwachung der UNKonvention über die Rechte von Menschen mit besonderen Bedürfnissen. „Der Begriff Monitoring ist problematisch“, erklärt Naue: „Unsere Aufgabe ist es, zu überwachen, was sich tut und ob sich etwas tut. Wir haben aber keine Möglichkeit, konkret in die Politik gestaltend einzugreifen. Wir können nur Empfehlungen abgeben – und hoffen, dass eine NGO eine unserer Ideen aufgreift.“ Viele Staaten haben die UN-Konvention zwar unterzeichnet, aber vergleichsweise wenige haben sie auch ratifi ziert, also in nationalstaatliche Gesetze gegossen. In Österreich war das mit der Etablierung des Monitoring-Ausschusses zwar sehr früh der Fall, doch dafür sind dem MonitoringAusschuss konkret politisch buchstäblich die Hände gebunden. In Deutschland ist für das Monitoring das Institut für Menschenrechte zuständig. „Dieses Institut hat nicht nur ein großes Budget, sondern auch Angestellte“, sagt Ursula Naue. „Wir im österreichischen Monitoring-Ausschuss arbeiten ehrenamtlich; nur die Vorsitzende erhält eine Entschädigung. Das hat schon zu Debatten geführt, wie wir nach außen hin auftreten. Es gab Stimmen, die meinten, dass ehrenamtliche Tätigkeit zwar schön und gut sei, aber wie ernst wird sie genommen?“ Das Problem ist, dass die Konvention zwar ratifi ziert sei, die Umsetzung aber dennoch in vielen Bereichen zu wünschen übrig ließe.

Sonderschulen: eigentlich verboten Ursula Naue nennt ein Beispiel: „Die Existenz von Sonderschulen widerspricht der UN-Konvention. Aber das kann man nicht von heute auf morgen ändern. In Österreich mit seiner föderalen Struktur ist es beson-


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senschaft für uns? ders schwierig, Änderungen im schulpolitischen Bereich umzusetzen. Man müsste das Schulsystem so verändern, dass man keine Sonderschulen braucht. Aber da gibt es ein großes Manko: Der Wille zur Abschaffung der Sonderschulen ist derzeit noch sehr schwach ausgeprägt. Es gibt die unterschiedlichsten Bedürfnisse – Seh-, Körper- und Lernschwächen – und das alles wird immer im Sinne einer einzigen Gruppe, der Gruppe der ‚Behinderten’, abgehandelt. Man sollte aber zusehen, dass jeder ins Bildungssystem hineinkommt!“ Dass dies funktionierten kann, zeigen der schulische und universitäre Werdegang von Wolfgang Nowak und Volker Schönwiese.

„Die Uni Wien ist die erste Universität, die die UN-Konvention zur Gleichstellung verankert hat.“ Friedrich Ladich

Bildungsbereich: harte Verhältnisse Schönwiese, Professor für Erziehungswissenschaft an der Uni Innsbruck, erkrankte mit zehn Jahren an Polyarthritis, die zu einer dauerhaften Beeinträchtigung führte. Das Gymnasium besuchte er als teilweise integrierter Externist. „Als Externist wurde ich zu Hause von Privatlehrern unterrichtet, war aber formell einer Schulklasse zugeordnet und bekam von Schülern regelmäßig Lehrstoff und Unterstützung. Jedes Trimester wurde ich über jeden Gegenstand von den Professoren meiner Klasse geprüft, großteils zu Hause; wenn ich wieder einen Krankheitsschub hatte, auch im Bett liegend. – Eine sehr ungewöhnliche Konstellation.“ Sein Studium der Psychologie und Pädagogik absolvierte Volker Schönwiese in den Siebzigerjahren in Innsbruck, unter extrem schwierigen Verhältnissen, wie er betont. „Ich war aber euphorisch genug, für alle Probleme persönliche Lösungen zu finden. Heute gibt es eine bestimmte Unterstützungsstruktur an den Hochschulen und Universitäten in Form von Behindertenbeauftragten, und Barrierefreiheit ist ein erklärtes Ziel – jenseits dessen, was davon schon umgesetzt ist.“

„Im ORF gibt es zu den Feiertagen etwas Rührseliges zum Thema Behinderung. Das ist unerträglich!“ Manfred Srb

„Die Existenz von Sonderschulen in Österreich widerspricht der UN-Konvention.“ Ursula Naue

FOTOS: SABINE EDITH BRAUN

Experten in eigener Sache Auch Wolfgang Nowaks Bildungsweg entspricht mehr der Ausnahme als der Regel. „Ich ging in eine öffentliche Schule in der Ungargasse – als erster Blinder“, sagt der jetzige Dissertant. „Dabei erhielt ich viel Unterstützung durch Kollegen und Freunde. Ich bin froh, dass ich das gemacht habe – in einem inklusiven Schulsystem die Schule zu besuchen und nicht separiert zu sein.“ Während seines Studiums der Philosophie, Politikwissenschaft und Rechtswissenschaft arbeitete Nowak als Experte in der Behindertenvertretung mit. 2008 wurde er zur Vertrauensperson von Menschen mit besonderen Bedürfnissen für das allgemeine Universitätspersonal gewählt.

„Beim Abbau von Barrieren dürfen keine neuen Barrieren entstehen!“ Wolfgang Nowak

Der Satzungsteil zur Gleichstellung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen und/oder chronisch Kranken ist Nowak ein großes Anliegen. „Die Uni Wien ist die erste Universität, die die UN-Konvention auf diese Weise verankert hat“, berichtet er. „Erklärtes Ziel ist die Inklusion im gesamten Studien-, Lehr- und Forschungsbetrieb auf allen Ebenen. Hier sind wir Experten in eigener Sache!“ Die von Friedrich Ladich geäußerte Kritik der unerfüllten Quoten teilt auch Wolfgang Nowak. Oft scheitere Inklusion an banalen Dingen, wie ein von Nowak geschildertes Beispiel zeigt: Die Getränkeauswahl eines Kaffeeautomaten für Studierende und Personal funktionierte mittels Sensortasten – eine Barriere für blinde Studierende. „Wichtig ist daher die Sensibilisierung – das beginnt bereits zu funktionieren, das freut mich“, so Nowak. Besonders wichtig ist aber: „Beim Abbau von Barrieren dürfen keine neuen Barrieren entstehen!“ Die schlimmste Hürde für Wolfgang Nowak während seines Studiums war die Zeit: die Dauer, die er benötigte, Infos zu bekommen, an die andere sehr viel schneller herankommen. Um Bücher mit dem Computer mit Sprachausgabe und Braillezeile lesen zu können, müssen diese digitalisiert sein. Das dauert. „Trotzdem war das Studium für mich gut bewältigbar“, sagt Nowak. „Es gab eine große Kollegialität, ich war gut vernetzt.“

Behindernde Bedingungen Barrierefreiheit ist Wolfgang Nowak ein Anliegen. In seinen beiden Dissertationen beschäftigt er sich mit diesem Thema. Auf der Philosophie schreibt er mit Bezug auf Otto Neurath und dessen BildersprachenSystem ISOTYPE, wie blinde Menschen an der visualisierten Welt teilhaben können. Im Rahmen seiner PolitikwissenschaftsDissertation arbeitet er an der Etablierung eines Blindenleitsystems für die Uni Wien. Bis zum Jahr 2013 soll dieses System umgesetzt sein. Sowohl die Betroffenen als auch der Monitoring-Ausschuss kritisieren die Art und Weise, wie Menschen mit besonderen Bedürfnissen von der Politik gesehen werden. „Es gab in den letzten Jahrzehnten einen Paradigmenwechsel weg von der medizinischen, individualisierenden Sichtweise hin zum sozialen Modell, das ein Defizit nicht am Einzelnen sieht, sondern in der Gesellschaft, im gesellschaftlichen Umgang“, erklärt Ursula Naue. Die Frage laute demnach, welche Barrieren es gibt, die dem Einzelnen die gleichberechtigte Teilhabe verwehren. Das soziale Modell stammt aus Großbritannien, wurde dann in den USA und in Skandinavien übernommen – und jetzt in Anfängen auch bei uns.

Dennoch überwiegt hierzulande noch immer der medizinische Blick. „In den Gesetzestexten herrscht der Bezug auf die Defizite vor. Um etwa bestimmte Zuwendungen vom Staat zu erhalten, wird man in eine Kategorie gepresst, die auf eine nicht nur vorübergehende Funktionsbeeinträchtigung abzielt. Behinderung wird also an einem bestimmten Menschen festgemacht, und nicht daran, dass dieser Mensch von der Gesellschaft durch Barrieren am selbstbestimmten und gleichberechtigten Leben behindert wird. Das ist ein ganz klar medizinischer Blick“, sagt Ursula Naue. „Der Wandel ist in der Theorieentwicklung sehr weit gediehen, praktisch aber weder in erziehungswissenschaftlicher Forschung noch in der realen Bildungsentwicklung abgeschlossen“, meint Volker Schönwiese.

Persönliche Assistenz statt Heim Ein weiteres Problem sei die Frage der Deinstitutionalisierung. „In Skandinavien gibt es fast keine Menschen in Behindertenheimen. In Österreich nimmt diese Tendenz sogar wieder zu! Das Problem ist auch hier der Föderalismus. Die Lösung wäre Persönliche Assistenz. Man muss weg von der Pflege-Vorstellung, wo der oder die Pflegende bestimmt, was der oder die zu Pflegende zu tun hat. Bei der Persönlichen Assistenz hat die Person, die etwas benötigt, die Kompetenz zu bestimmen, wer wann was mit ihr macht. Das ist der user centered approach.“ Manfred Srb vom Zentrum für Selbstbestimmtes Leben BIZEPS sagt dazu: „Selbstbestimmt leben ist untrennbar verbunden mit Persönlicher Assistenz!“ Auch die paternalistische, also herablassende Herangehensweise von Aktionen à la Licht ins Dunkel ärgert viele Betroffene. Manfred Srb sagt dazu: „Der ORF hat ein gestörtes Verhältnis zu Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Auf allen anderen Sendern gibt es immer wieder Sachsendungen, Dokus, WG-Porträts, Magazine, etc. Im ORF gibt es zu Weihnachten Licht ins Dunkel und zu Allerheiligen und am Muttertag etwas Rührseliges zum Thema Behinderung. Das ist unerträglich! Dagegen kämpfen wir schon seit über 30 Jahren an.“ Linktipps ¦ www.monitoringausschuss.at ¦ www.bizeps.or.at ¦ http://barrierefrei.studentpoint.at ¦ http://bvp.univie.ac.at (Homepage der Behindertenvertrauensperson der Uni Wien) ¦ http://dista.uniability.org (Disability Studies Austria) Erster „World Report on Disability“, Juni 2011 ¦ www.who.int/disabilities/world_report/2011/en/ index.html ¦ www.who.int/features/factfiles/disability/facts/en/ index.html


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Wissenschaft trifft Mensch CLAUDIA STIEGLECKER

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„Alternative Ansätze werden von der Wissenschaft teilweise einfach übergangen, obwohl sie helfen.“ HANNES LEIDET AN MULTIPLER SKLEROSE

Für die einen ist es Schicksal. Für die anderen Grundlage ihres Berufes. Krankheiten und Behinderungen sind für die Wissenschaft genauso wie für die Betroffenen eine stetige Herausforderung

Diagnose „Tiefgreifende Entwicklungsstörung aus dem autistischen Formenkreis“ konfrontiert. Ihr heute fünfjähriger Sohn zeigte eine auffällige Sprachverzögerung und Verhaltensstereotypien. „Der Verdacht stand schon länger im Raum“, erzählt Peter. „Obwohl es ein Jahr bis zur endgültigen Diagnose gedauert hat, war es dann trotzdem ein Schock. Man hofft bis zuletzt.“ Zwischen 60 und 100 von 10.000 Kindern und Jugendlichen sind von einer Autismusspektrums-Störung betroffen. Das Verhältnis Jungen zu Mädchen beträgt hierbei 4:1. „Frühkindlicher Autismus tritt immer schon vor dem dritten Lebensjahr auf“, sagt Daniela Kloo vom Fachbereich Psychologie der Uni Salzburg.

„Aus wissenschaftlicher Sicht ist ein objektiver Nachweis der Wirksamkeit notwendig.“ HANS LASSMANN VOR STAND DER NEUROIMMUNOLOGIE, MEDUNI WIEN

„Frühkindlicher Autismus tritt immer schon vor dem dritten Lebensjahr auf.“ Daniela Kloo

„In den ersten sechs Lebensmonaten entwickelt sich das Sehzentrum im Gehirn.“ Guido Dorner

Sicht ist aber ein objektiver Nachweis der Wirksamkeit notwendig“, meint er. „Die letzten 15 Jahre Forschungsarbeit haben uns entscheidend weitergebracht. Patienten im Frühstadium profitieren inzwischen davon. Im Moment konzentrieren wir unsere Bemühungen darauf, herauszufinden, was im Spätstadium der MS bei „Im Moment konzenneurologischen Ausfällen passiert.“ trieren wir uns auf Auch das Leben von Peter und Maria aus neurologische Ausfälle im Wien hat sich gravierend verändert. Vor Spätstadium der MS.“ mehr als zwei Jahren sahen sie sich mit der Hans Lassmann

Als Leiterin eines FWF-Projekts zum Thema Flexibilität im Denken hat Daniela Kloo mit autistischen Kindern und deren Eltern gearbeitet: „Die drei Kernsymptome sind Beeinträchtigung der sozialen Interaktion, Beeinträchtigung der Kommunikation und Sprache sowie stereotypes Verhalten. Nachdem die Störungen mehr oder weniger gravierend sein können, spricht man vom autistischen Spektrum.“ Seit der Diagnose versuchen Peter und Maria, neben den zahlreichen Therapien mit ihrem Sohn, sich so viel Wissen wie möglich anzueignen. „Man wird mit seinen Problemen weitgehend allein gelassen“, kritisiert Peter, „die wenigen Informationen, die es gibt, sind teilweise so unverständlich, dass man selbst ein halber Wissenschafter werden muss, um sie zu verstehen“. Deswegen haben Peter und Maria ein Internet-Forum gegründet: www.selbsthilfe-wahrnehmungsstoerung.at. Es soll den Austausch zwischen Betroffenen ermöglichen. Peters Eindruck wird von Daniela Kloo bestätigt: „Während unserer Studie klagten viele Eltern darüber, dass sie sich allein gelassen fühlen.“ Die Entwicklungspsychologin sieht konkreten Handlungsbedarf bei der Vernetzung aller Beteiligten. „Es steckt alles noch sehr in den Kinderschuhen. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass ein Austausch zwischen allen Ebenen stattfindet. Und zwar nicht nur zwischen Anwendung und Forschung, sondern auch konkret zwischen den Einrichtungen, die sich mit Autismus auseinander-

setzen.“ Erste Schritte in diese Richtung sind die in den letzten Jahren in Deutschland vermehrt entstandenen AutismusKompetenzzentren. Im Vergleich zu Peter und Maria wussten

Martin und Ruth aus Brunn am Gebirge relativ schnell, womit sie es zu tun haben. Etwa fünf Wochen nach der Geburt ihrer Tochter hatten sie Gewissheit: die kleine Emma ist blind. „Auf den MR-Bildern war erkennbar, dass Emmas Sehnerven nicht angelegt sind“, erzählt Martin. Die „doppelseitige Opticus Aplasie“ ist die Folge einer Entwicklungsstörung in der Embryonalphase und extrem selten. „Weitaus häufiger kommt die sogenannte Hypoplasie vor, bei der die Sehnerven zwar angelegt, aber stark verkleinert sind“, erläutert Guido Dorner, Leiter der Ambulanz für pädiatrische Ophthalmologie und Schielbehandlung am AKH Wien. „Oft geht das mit Veränderungen an der Hypophyse einher und führt zum Beispiel zu Wachstumsstörungen.“ Emma allerdings hat keinerlei Schädigungen am Gehirn. Sie ist ein ganz normales Mädchen, das sich schon darauf freut, im Herbst in die Schule zu kommen. Hoffnungen, dass sie jemals sehen können wird, gibt es nicht. „In den ersten sechs Lebensmonaten entwickelt sich das Sehzentrum im Gehirn“, erklärt Guido Dorner. Bei Kindern, die in dieser Lebensphase nichts sehen, wird das Zentrum nicht angelegt. „Diese

„Während unserer Studie klagten viele Eltern darüber, dass sie sich allein gelassen fühlen.“ DANIELA KLOO FACHBEREICH PSYCHOLOGIE, UNI SAL ZBURG

Menschen bleiben blind. Das Gehirn kann dann solcherart Informationen schlicht nicht verarbeiten.“ Um fehlendes Augenlicht wiederherstellen bzw. verbessern zu können, muss der Patient also vorher schon einmal gesehen haben. „Es braucht Zeit, sich damit abzufinden, dass das eigene Kind nie etwas sehen wird“, sagt Martin. „Aber jetzt, nach sechs Jahren, ist alles gut so, wie es ist. So blöd es klingt, wir haben Glück gehabt: Emma ist nur blind.“ Tipp 2003 wurde das „Buch der Begriffe“ erarbeitet (www.bizeps.or.at/shop/buch_der_begriffe.pdf). Das kleine Wörterbuch von „Integration: Österreich“ schärft den Blick für sprachliche Stolperfallen. Fachbegriffe werden erklärt, Redewendungen und Begriffe durchleuchtet und Alternativen vorgeschlagen.

FOTOS: PRIVAT

annes aus Wien leidet seit etwa zwanzig Jahren an Multipler Sklerose (MS). „Die Krankheit hat mein Leben ungewisser gemacht“, sagt er. „Ich kann nicht mehr abschätzen, was in einem halben Tag sein wird.“ Die chronisch entzündliche Erkrankung des Nervensystems zerstört die Isolierschichten der Nervenfasern. Das führt in weiterer Folge zu einer dauerhaften Schädigung der Nervenzellen. Die Verlaufsformen sind allerdings individuell sehr unterschiedlich. „Die Krankheit ist dadurch schwer zu fassen“, meint Hannes. „Wir wissen mittlerweile sehr viel darüber, wie die Entzündungen entstehen“, sagt Hans Lassmann, Vorstand der Abteilung für Neuroimmunologie an der MedUni Wien. Was dazu führt, dass es heute sehr gute Therapien gibt, die die Erkrankung im Frühstadium einbremsen. „Ob allerdings ein Entzündungsherd beispielsweise im Rückenmark oder im Hirnstamm auftreten wird, können wir nicht vorhersagen. Das passiert nach dem Zufallsprinzip.“ Für Hannes bleibt die Krankheit uneinschätzbar. Letztendlich ist MS bis heute unheilbar. Die Hoffnung liegt in besseren und effizienteren Therapien. „Man bekommt als Patient den Eindruck, dass viel Geld und Mühe in die Entwicklung von Medikamenten gesteckt wird. Alternative Ansätze werden von der Wissenschaft teilweise einfach übergangen, obwohl sie helfen“, sagt Hannes. Hier sieht Lassmann ein Problem, das bei chronischen Erkrankungen immer wieder auftritt. Sehr oft zeigten Wirksamkeitsprüfungen von Alternativmethoden einen Widerspruch zwischen subjektivem Empfinden der Patienten und nachweisbarer Wirksamkeit. „Aus wissenschaftlicher


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Alexander, 16 Jahre

„Ich würde mir wünschen, gehen zu können, aber das ist nicht realistisch. Also wünsche ich mir, nicht immer so früh aufstehen zu müssen.“ Alexander steht auf Shoppen und chinesisches Essen – aber nur, wenn seine Mutter zahlt. Seit einiger Zeit geht er Klettern in einer Kletterhalle in Wien. Am glücklichsten ist er, wenn ihn sein großer Bruder René zum Fortgehen mitnimmt.

Daniel, 15 Jahre Daniel ist der größte Fan der Band "The Killers". Er sammelt Ausschnitte aus Zeitungen und Ausdrucke aus dem Internet in einem Album und präsentiert es stolz. Sein größter Wunsch wäre, einmal auf ein Konzert seiner Helden zu gehen. In der Menge tanzen möchte er aber lieber nicht, Menschenmassen sind ihm unangenehm. FOTOS: K ARIN WASNER


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Des Kind lernt ned richtig ANJA-MARIE PAUL

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Lernstörungen als Ursache Lernstörungen gelten als psychologisch und neuropsychologisch bedingte Beeinträchtigungen. „Bei durchschnittlicher Begabung müssen ein oder mehrere Leistungsbereiche beeinträchtigt sein“, sagt Deimann. „Zu den Lernstörungen zählen Lese- und Rechtschreib- sowie Rechenstörung, hyperkinetische Störung (ADHS) und Problematiken, die sich auf Frustrationstoleranz und Leistungsmotivation beziehen. Etwa die Anstrengungsvermeidung.

„Lernen und Leistung sollen Spaß machen. Eine gute Lerntherapie ermöglicht positive Lernerfahrungen.“

Was manchen als bloße Faulheit im Unterricht gilt, kann eine psychologische Störung sein. Lerntherapien sollen Kindern helfen und langfristige Leistungsstörungen verhindern

ENT WICKLUNGSPSYCHOLOGIN AM INSTITUT FÜR PSYCHOLOGIE DER UNI WIEN

Nadine Aigner, Klinische- und Gesundheitspsychologin, Uni Wien

ENT WICKLUNGSPSYCHOLOGIN (EMERITIERT ), INSTITUT FÜR PSYCHOLOGIE DER UNI WIEN

lichen Schmerzen gleichen können.“ Um Anstrengungsvermeidung diagnostisch erheben zu können, entwickelte Rollett gemeinsam mit Mathias Bartram von der Uni Osnabrück den Anstrengungsvermeidungstest AVT. „Wenn der Betroffene in einem Schneckentempo arbeitet, das sich auch durch Anreize nicht ändert; wenn bestimmte Tätigkeiten stetig an andere delegiert, elaborierte Ausreden eingesetzt werden und unverhältnismäßiger Widerstand gegen Leistungserbringung geboten wird, z. B. toben, jammern, schimpfen“, sind das Anzeichen für Anstrengungsvermeidung. Diese Anzeichen stoßen meist auf „Unverständnis der Erwachsenen“.

Wie therapiert man sie? Sabine Kainz, Klinische- und Gesundheitspsychologin, Uni Wien

Was ist Anstrengungsvermeidung? Für die Anstrengungsvermeidung existiert im ICD 10 keine Störungskategorie. Die allgemeine Anerkennung als Beeinträchtigung und daher als behandlungswürdig ist nicht weit verbreitet. Das Konzept der Anstrengungsvermeidung sowie die entsprechende Behandlungsmethode der Lerntherapie basieren auf der Forschungsarbeit von Brigitte Rollett, emeritierte Entwicklungspsychologin an der Uni Wien. Sie erklärt Anstrengungsvermeidung als Schutzfunktion des menschlichen Or-

„Als Behandlung der Wahl stellt sich für Lernstörungen die psychologische Behandlung , zum Beispiel die Lerntherapie, dar.“ PIA DEIMANN

BRIGIT TE ROLLE T T

Die Lese- und Rechtschreibstörung, die Rechenstörung und das ADHS sind durch standardisiertes psychologisches Vorgehen von klinischen Psychologen eindeutig diagnostizierbar. Als Behandlung der Wahl stellt sich für Lernstörungen eine psychologische Behandlung, zum Beispiel die Lerntherapie, dar.

ganismus vor Überlastung. „Neurotische Anstrengungsvermeidung ist durch das aktive Einsetzen von Vermeidungsstrategien gegenüber Anforderungen der sozialen Umwelt geprägt.“ Sie zeigt sich an Symptomen wie: Ein Kind wird für gut erbrachte Leistungen gelobt: „Als Reaktion sinkt seine Leistung rapide ab. Weiters zeigt kein Interesse oder Freude am Erfolg.“ Diese Kinder erbringen laut Rollett nur „ein minimales Maß an Anstrengung“. Bei geforderter Leistungserbringung „empfinden sie intensive negative Gefühle, die körper-

www.kinderpsycho loginnen.at Rollett, B. (1997). Lernen und Lehren. WUV. Rollett, B., Bartram, M. (1998). AVT Anstrengungsvermeidungstest. Göttingen: Hogrefe

Neurotische Anstrengungsvermeidung hat laut Rollett eine multifaktorielle Genese: dazu gehören Persönlichkeitsvariable und die individuelle Lerngeschichte, zu der auch das Erziehungsverhalten der Eltern zählt. Vor allem Zwang als Erziehungsmaßnahme könne die Ausübung von Tätigkeiten verderben. Ausgehend von der Psychotherapie, deren Erfolg das Funktionieren von Lernprozessen voraussetzt, entwickelte Rollett die um die Integration des Leistungsaspekts und die dafür erforderlichen komplexen Lernprozesse erweiterte Lerntherapie. „Eine gute Lerntherapie ermöglicht positive Lernerfahrungen.“ Die Lerntherapie verfolgt dabei das langfristige Ziel, „ein inneres Belohnungssystem zu etablieren“, sich eigene Ziele zu setzen, diese zu erreichen und sich

von Rückschlägen nicht beeindrucken zu lassen. „Jeder muss seinen eigenen individuellen Lernstil entwickeln dürfen“, sagt Rollet. Das geschieht durch konsequente Förderung der Kompetenzen und Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. „Eine außerpsychologische Behandlung verfehlt dabei ihr Ziel“, ergänzt sie. Es reiche eben nicht, ein Lernprogramm durchzuführen. Der Beziehung zwischen Lerntherapeut und Betroffenen komme dabei eine besondere Bedeutung zu. Allerdings ist das Angebot von Lerntherapien mit Vorsicht zu betrachten. Denn die Bezeichnung ist nicht geschützt. Rollett verweist auf die Gesellschaft für Lerntherapie. Diese stellt Listen von ausgewiesenen Lerntherapeuten zur Verfügung.

Ziele und Verfahren der Lerntherapie Nadine Aigner und Sabine Kainz sind klinische Psychologinnen und Lerntherapeutinnen. Meistens kommen Eltern in ihre kinderpsychologische Praxis, weil deren Kinder Probleme beim Lesen und Schreiben haben, gefolgt von Rechenschwierigkeiten und Aufmerksamkeitsdefiziten. Motivationsprobleme, „Interesselosigkeit“ oder „Mein Kind braucht ewig für seine schulischen Angelegenheiten“ seien auch dabei. Kainz und Aigner sagen über ihre Behandlung von Lernstörungen: „Arbeitshaltungen sind in jeder Lerntherapie genauso zu behandeln wie die Durchführung gezielter Lernprogramme zum Üben des beeinträchtigten Leistungsbereiches.“ Voraussetzung dafür sei die Pflege der Beziehung mit dem Kind. Die Behandlung dauert mindestens ein Jahr, um langfristige Erfolge zu erzielen. Es geht um den Aufbau, die Stabilisierung und die Realisierung von erwünschtem Verhalten im Alltag. Brigitte Rollett sieht als gesellschaftspoli-

„Bei der Lerntherapie geht es um den Aufbau, die Stabilisierung und die Realisierung von erwünschtem Verhalten im Alltag“ NADINE AIGNER UND SABINE K AINZ KLINISCHE PSYCHOLOGINNEN IN WIEN

tisches Ziel, „dass gedeihliches Lernen für alle möglich sein soll. Dafür müssten auch alle Zugang zu dementsprechender Förderung erhalten.“ Eine Idee für die Schule der Zukunft könnte eine in der Ganztagsschule integrierte, allen Kindern zugängliche Lerntherapie darstellen. Denn wer will, dass alle „leisten“ können, muss auch in alle investieren.

FOTOS: PRIVAT

enschen lernen von Geburt an. Ab dem Schuleintritt mit sechs Jahren wird Lernen in direkte Beziehung zu Leistung gesetzt und unterliegt Bewertungskriterien. Mangelnde und fehlende Leistungen werden dabei als Versagen wahrgenommen. Selten wird erkannt, dass hinter der mangelnden Leistung Störungen stecken können. Lernstörungen sind „ein schwierig zu fassender Begriff“ meint Pia Deimann, Entwicklungspsychologin an der Uni Wien. Sie werden im internationalen Klassifikationssystem psychischer Störungen, dem ICD 10, nicht als eigenständige Kategorie geführt. Intelligenzminderungen (IQ unter 85) hingegen schon. Deimann grenzt diese deshalb von Lernstörungen ab.


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Laura, 13 Jahre

Bettina, 15 Jahre

„Mein größter Wunsch wäre ein eigenes Pferd.“

„Mein größter Wunsch wäre ein Freund.“

Laura liebt Pferde und ist begeistert vom Reiten. Im Moment freut sie sich auf die Sommerferien, weil sie dann öfter bei den Pferden sein kann.

Bettina liebt es, lange zu schlafen und freut sich auf die Ferien. Die Schule mag sie nicht besonders, aber die Deutschstunde gefällt ihr immer. Mathe kann sie gar nicht leiden. FOTOS: K ARIN WASNER

„Ich bin jung, ich habe Kraft, ich könnte arbeiten. Aber ich darf nicht. Wer soll die Pension für meine Mutter verdienen, wenn die Jungen nicht arbeiten dürfen?“

„Was ich all die Jahre höre: Du bist ein schwarzer Mensch, du bist ein schlechter Mensch. Ich will nur eine Chance und behandelt werden wie andere Menschen auch“

Zsuzsanna Hortobagyi, 23

Branislav Matic, 40


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Mathematik als Stolperstein SONJA BURGER

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Was sind Mathematik-Codes? Dieses Detail ist wichtig, um überhaupt ermessen zu können, wo die Unterschiede zwischen Sehenden und Blinden im Bereich der Mathematik beginnen. Die größte Herausforderung besteht darin, zweidimensionale Darstellungen (zum Beispiel √(a²+2)/4) linear abzubilden, damit sie für Blinde und Sehbehinderte lesbar werden. Die Marburger Mathematikschrift (6-Punkt-Braille) war im deutschsprachigen Raum jahrzehntelang die einzige Methode, um mit Mathematik zu arbeiten. Für zig Zeichen gibt es eine Entsprechung in diesem Code, die der Anwender erst erlernen muss. In anderen Ländern wurden ebenfalls Mathematik-Schriften entwickelt (der Nemeth-Code in den USA). Im Gegensatz zur international gültigen Braille-Musikschrift gibt es bis heute allerdings keinen einheitlichen Mathematik-Code.

Im Projekt „Schulbuch Barrierefrei“ entwickelte eine Gruppe von Experten u.a. einen neuen MathematikCode, den „Austrian School Book Code for Mathematics“ als Verbesserung für blinde und sehbehinderte Menschen

Computer und Software für Blinde Der Pädagoge Erich Schmid unterrichtet am Bundes-Blindenerziehungsinstitut (BBI) hauptsächlich IKT (Informationsund Kommunikationstechnologie), aber auch Mathematik oder Schach. Im Gegensatz zu seiner Schulzeit in den Siebzigerjahren, die der blinde Experte als „wilde Integration“ bezeichnet, ist der

„Die meisten Mathematikinstitute geben den Studierenden pure LaTeX-Quelltexte ohne Konvertierung in ein gut lesbares Format.“ MARIO BATUSIC JOHANNES KEPLER UNI LINZ

Computer heute nicht mehr aus den Klassenzimmern wegzudenken. Anders als bei Sehenden sind für Blinde die Tastatur (Eingabe), die Braillezeile (Ausgabe) und die Sprachausgabe die wichtigsten Werkzeuge. Die Braillezeile (8-Punkt) funktioniert mithilfe einer geeigneten Software, nämlich dem Screen Reader (z.B. JAWS, COBRA, Window-Eyes). Dieses Ausgabegerät brachte Vorteile. Beispielsweise konnte im Gegensatz zur 6-Punkt-Braille jeder Ziffer zwischen 0 und 9 ein eigenes Zeichen statt einer Zeichenkombination zugewiesen werden.

Mathematik bleibt schwierig Im Mathematikunterricht benutzen Sehende wie auch Blinde und Sehbehinderte in ganz Österreich dieselben Schulbücher. Das Projekt „Schulbuch Barrierefrei“ strebt deren Verbesserung durch die Erarbeitung neuer Richtlinien für die Verfasser von Schulbüchern an. Die Konvertierung von Zusatzliteratur via Internet wird zukünftig durch ein weiteres Projekt, nämlich „MathInBraille“, möglich sein. Jedes Schulbuch durchläuft normalerweise einen dreistufigen Aufbereitungsprozess, der in Österreich vom Verein Book Access abgewickelt wird. Von zentraler Bedeutung ist dabei, die Inhalte in ein geeignetes Format, also eine lineare Textschrift (z.B. MathML oder LaTeX) zu bringen, von der sie in eine für Blinde und Sehbehinderte lesbare Mathematik-Schrift (z.B. Marburger Mathematikschrift) oder in Kürze auch in den neuen Code konvertiert werden. Die Eingabe von mathematischen Operationen ist ein Problem. Braille-Zeichen können nicht eingetippt werden und LaTeX (sprich: Latech) ist eine komplizierte lineare Texteingabe, die allerdings im wissenschaftlichen Bereich üblich ist. Zur Veranschaulichung: Der Bruch (5-7)/(2+2) sieht in LaTeX so aus: \frac{5-7} {2+2}. Das Ergebnis ist auch für Sehende lesbar, „wenn es sich jedoch um einen Bruch handelt, kann ihn der Blinde nicht lesen“, betont Schmid. Der blinde Informatik-Experte Mario Batusic vom Institut „Integriert Studieren“ der Johannes Kepler Uni Linz kritisiert, „dass die meisten universitären Mathematikinstitute den Studierenden pure LaTeXQuelltexte ohne einer geeigneten Konvertierung in ein gut lesbares Format geben“. Die Schwierigkeiten mit Mathematik enden nicht bei der Matura, sondern setzen sich derzeit in zahlreichen Studienfächern fort.

Neue Richtlinien für Lehrbücher „Wir arbeiten an einem akustischen Mathe-Code für die Ausgabe in deutscher Sprache“ Mario Batusic

„Mathematik stellt für blinde Menschen eine Hürde in der schulischen Laufbahn dar“ Erich Schmid

Sowohl Schmid wie auch Batusic können ein Lied davon singen, welche Hürde die Mathematik in der schulischen Laufbahn darstellt. Batusic erblindete im Volksschulalter, studierte Theologie und Philosophie und begann mit dem Informatik-Studium. Nach drei Semestern war an der Uni Schluss, allerdings arbeitet er seit 1996 am Institut Integriert Studieren. In der schulischen Praxis zeigte sich, dass der LaTeX-Code viel zu schwierig ist, um damit direkt zu arbeiten, weshalb einige Lehrer versuchten, den Code zu vereinfachen. Damit die Mathematik in Zukunft für immer weniger Blinde und Sehbehinderte „der“ Stolperstein auf dem Weg zu einer höheren Schulbildung oder einem Hochschulabschluss ist, entwickelten die Ex-

perten gemeinsam mit Lehrern im Rahmen von „Schulbuch Barrierefrei“ den „Austrian School Book Code for Mathematics“ (ASBCM). Batusic ist gerade dabei, den Code in UMCL (Universal Maths Conversion Library), einer kürzlich online gestellten Open Source Library, zu implementieren. Der neue Code beinhaltet neue, verbesserte Richtlinien für die Aufbereitung von Schulbüchern für den Mathematikunterricht bis zur 12./13. Schulstufe.

„Wenn das Ergebnis einer mathematischen Operation einen Bruch ergibt, kann ihn der Blinde nicht lesen.“ ERICH SCHMID BLINDENER ZIEHUNGSINSTITUT

Neuer Code bringt Vereinfachung „Wir arbeiten daran, geeignete Makros zu entwickeln, die es den Verfassern von Schulbüchern erleichtern sollen, direkt in MS-Word mit mathematischen Formeln zu arbeiten“, sagt Batusic. Da es sich beim neuen Code um linearen Text handelt, sind die Anwender an keine Braille-Tabelle mehr gebunden. Egal, ob es sich um ein Word- oder ein XHTML-Dokument handelt, die mathematischen Operationen können dann entweder als eine 6-Punkt-Mathematikschrift oder als reiner Text am Computer ausgegeben werden. Somit kann jeder diesen Code mit den ihm zur Verfügung stehenden technischen Mitteln problemlos lesen. Wenn das Projekt aller Voraussicht nach im Oktober endet, wird die Online-Plattform (MathInBraille) vollständig zur Verfügung stehen. Die Zielgruppe dieser neuen InternetPlattform sind vor allem Lehrer, Schüler und Studierende bzw. alle, die sich mit Mathematik befassen möchten. Der neue Code bringt auch einige Minimalisierungen in der Schreibweise mit sich. Beispielsweise soll im Gegensatz zur komplizierten Schreibweise in LaTeX in Zukunft ein Bruch vereinfacht angekündigt werden, was speziell für Anfänger oder Volksschüler eine deutliche Verbesserung zur Folge hat. Der Informatiker Batusic hat aber noch mehr Pläne im Kopf. Bis jetzt gibt es beispielsweise noch keinen akustischen Mathematik-Code für die Sprachausgabe in deutscher Sprache. „Daran arbeiten wir als nächstes“, freut sich Batusic. Denn gerade ältere Menschen, die zu einem späten Zeitpunkt erblinden, erlernen die Braille-Schrift nur schwer oder gar nicht. Für sie ist die Sprachausgabe besonders hilfreich.

F O TOS: PR I VAT, S ONJA BU RG E R

ie Welt von Blinden und Sehbehinderten ist in Details oft unbekannt. Wer weiß beispielsweise, dass in der 6-Punkt-Braille keine Symbole für die Ziffern von 0 bis 9 existieren? Stattdessen gibt es eine Kombination aus einem Zeichen, das die Ziffer ankündigt, gefolgt von einem der ersten Buchstaben des Alphabets (a bis j).


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WAS TUT WISSENSCHAFT FÜR UNS?

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Michael, 10 Jahre Michael spricht nicht, sondern verständigt sich mit Bildern oder Piktogrammen. Er liebt es, sich mit anderen gemeinsam Bücher anzusehen und Geschichten zu den Bildern zu hören. Sein Lieblingsbuch ist „Beim Arzt“, ein Bilderbuch. Seine Lehrerin meint, dass er gerade dieses Buch so mag, weil er Arztbesuche selbst sehr gut kennt. Am glücklichsten ist er, wenn er im „Snoezelen-Raum“ der Schule liegen und entspannen kann. FOTO: K ARIN WASNER


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WISSENSCHAFTSPOLITIK Exzellenzförderung

Wird vorhandene Exzellenz zu wenig geschätzt? Das Erwin-SchrödingerInstitut für Mathematische Physik ESI dürfte unter dem Dach der Uni Wien vorläufig sicher sein. Mittel, um die Forschungsprogramme auf dem gewohnten Level zu halten, fehlen jedoch eine Frage: Exzellenz kostet etwas. Und die Mittel sind begrenzt. Exzellenz ist aber auch eine Frage der Prioritäten. Ein Blick auf Nachbarländer, die infolge der Wirtschaftskrise von ähnlichen Sparprogrammen betroffen sind wie Österreich, spricht für sich: In Deutschland etwa hätten bestimmte außeruniversitäre Institutionen die Garantie, dass ihr Budget jährlich um fünf Prozent erhöht wird, berichtete Alexander Van der Bellen unlängst im „Standard“.

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„Als Österreicher kommen einem die

Tränen, wenn man so was hört“, schreibt der Wiener Universitätssprecher. Darüber hinaus ist die – auch von der Bundesregierung viel beschworene – Exzellenz nicht etwas, das man durch Willensbeschlüsse aus dem Boden stampfen kann. Eine weltweite wissenschaftliche Reputation in der ersten Liga zu erwerben ist ein jahrelanger Prozess. Sollte man dessen Früchte daher nicht hegen und pflegen?

Das Wissenschaftsministerium hat nach der Budgetklausur im Oktober gleich einer Reihe hochrangiger außeruniversitärer Forschungseinrichtungen rigoros die Basisfinanzierung gestrichen. Dass Kaliber wie das Internationale Forschungszentrum für Kulturwissenschaften IFK, das Institut für die Wissenschaften vom Menschen IWM oder das ErwinSchrödinger-Institut ESI noch existieren, ist vermutlich dem Aufschrei der Scientific Community zu verdanken. Die renommiertesten Institute konnten sich mittlerweile unter das Dach verschiedener Universitäten „retten“. Aber heißt das nun Ende gut, alles gut? Was ein Fortbestand auf reduziertem Niveau für eine exzellente Einrichtung bedeutet, zeigt ein Besuch im Erwin-Schrödinger-Institut für Mathematische Physik in der Wiener Boltzmanngasse. Dessen Rettungsanker: Das seit 1993 bestehende Institut ist seit Ende Mai Forschungsplattform der Universität Wien. „Das Wissenschaftsministerium hat uns noch kurz vor der Streichung der Basisförderung in einer Presseaussendung bescheinigt, dass wir auf unserem Gebiet weltweit führend sind“, erinnert sich Klaus Schmidt, Präsident des ESI. „Genützt hat es uns nichts.“ Erste Auswirkung der Knall auf Fall gestrichenen Subventionen war die monatelange Unsicherheit hinsichtlich des Weiterbestehens und damit der Finanzierung der vorbereiteten Programme. „Das hat uns bei der Planung für die kommenden beiden Jahre sehr behindert.“

Die Förderung ist für die nunmehr universitäre Einrichtung jetzt zwar zumindest bis 2015 gesichert, wurde aber schmerzhaft reduziert. „Die effektive Kürzung gegenüber dem Vorjahr beträgt 200.000 Euro jährlich, darüber hinaus ist das Budget ab 2011 konstant ohne jede Abgeltung der Inflation seit 2002“, präzisiert Schmidt. „Das hat vielfältige Konsequenzen, die wir in ihrer Tragweite noch gar nicht überblicken können.“ Als internationale Begegnungsstätte von Mathematikern und Physikern hat sich das ESI einen erstklassigen Ruf erworben. Viele seiner wissenschaftlichen Veranstaltungen erreichen durch ihre mehrmonate Dauer eine besondere Konzentration. „International gibt es nicht viele, die solche langfristigen Programme haben“, so Schmidt. Als Gastforscher und Vortragende finden sich regelmäßig Vertreter der wissenschaftlichen Weltspitze in Wien ein. Allein in den letzten Jahren gaben sich hier Größen wie Jean-Pierre Serre (College de France, Fields-Medaille), Don Zagier (MPI Bonn, College de France), David Ruelle (IHES, Henri-Poincaré-Preis), Cedric Villani (IHP Paris, Fields-Medaille, Henri-Poincaré-Preis, FermatPreis), Jürg Fröhlich (ETH Zürich, Max-Planck-Medaille) oder Maxim Kontsevich (IHES, Fields-Medaille, Henri-Poincaré-Preis) die Klinke in die Hand. „Die besten Leute weltweit kommen hierher und bewegen etwas in unserem Fach“, bestätigt Schmidt. Schmidt fürchtet um das hohe Niveau des ESI. „Unsere Aktivitäten und

die Qualität sind bedroht“, konstatiert er. „Österreich ist ja keine Insel. Es ist ein Spieler auf dem internationalen wissenschaftlichen Parkett, und wenn andere Länder in der Lage sind, attraktivere Angebote zu machen, gehen die Besten eben dorthin.“ Zudem habe das Renommee des ESI in den vergangenen Jahren keine unwesentliche Rolle bei hervorragenden internationalen Berufungen an die Fakultäten für Mathematik und Physik eingenommen. Alles lange erarbeitete Errungenschaften, die man nun aufs Spiel setze, so Schmidt. Positiv äußert sich der Leiter des ESI über die Kooperation mit der Uni Wien. „Die Universität zeigt sich sehr konstruktiv und lässt uns inhaltlich jede Freiheit.“ Geld könne es von dieser Seite aber sicherlich nicht geben, fehle es den Unis doch selbst an allen Ecken und Enden. Auch Drittmittelförderung, etwa durch den FWF, sei schwierig, denn dieser fördere rein themenspezifisch. „Wir stellen unsere Programme aber traditionell thematisch flexibel auf, um auf aktuelle Entwicklungen einzuspielen.“ Bleibt noch die Frage, ob das abrupte

Abholzen einer reichen Forschungslandschaft überhaupt den erhofften Spareffekt fürs Staatsbudget bringen könne. „Wahrscheinlich keine nennenswerten Beträge“, vermutet Schmidt. „Der administrative Aufwand für solche Umstrukturierungen ist enorm.“ Dafür nehme man nun in Kauf, dass die Institute, die die sogenannte „Strukturbereinigung“ überlebt haben, nun ihrer Verpflichtung zur Exzellenz nicht mehr angemessen nachkommen können.

ILLUS T R AT ION: JOCHEN SCHIE V INK / W W W.JOCHEN WOR LD.DE

USCHI SOR Z


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WISSENSCHAFTSPOLITIK

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Europäische Wirtschaft

Die Politklasse verteidigt ihre Pfründe INTERVIE W: DIE TER HÖNIG

„Europa ginge es viel besser, sortierte es sich neu – in potente Regionen im Norden und im Alpenraum und pittoreske Bankrotteure im Süden“, schrieb Gunnar Heinsohn in der Tageszeitung „Die Welt“ ur 40 Prozent der Deutschen sehen 2011 ihre Zukunft in Europa, nur 25 Prozent haben noch Vertrauen in seine Institutionen, sagt eine Umfrage aus 2011. Dies sei, laut dem Ökonomen und Soziologen Gunnar Heinsohn, die Antwort auf 25 Milliarden Euro aus Berlin für die Eigentümer griechischer Banken. Nur die Angstmacherei vor Nationalismus hielte die EU noch am Leben. Das Argument, Ausbeutung durch Transfers sei allemal besser als Krieg, lässt er nicht gelten. Niedrige Geburtenraten verhinderten Kriege, da es am Personal fehle, um blutig übereinander herzufallen. Der Einigungsprozess sei kein Instrument der Kriegsverhinderung, sondern Ausdruck der Kriegsunfähigkeit.

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FOTO: UNI BREMEN

Herr Heinsohn, vor genau einem Jahr sprachen wir über die drohende Staatspleite Griechenlands. Mittlerweile geht es längst nicht nur um Griechenland. Portugal, Irland, Spanien und zuletzt auch Italien wackeln. Gunnar Heinsohn: Die Herstellung ei-

ner globalen Konkurrenzfähigkeit Griechenlands bleibt das Problem und wird mit jedem weiteren Jahr nur noch schwieriger. Das gilt für die anderen Mediterranen genauso. Die portugiesischen, spanischen, italienischen und griechischen Schüler enden 2009 bei der PISA–Mathematik auf den Plätzen 33, 34, 35 und 39. Selbst Österreich auf Rang 24 sieht dagegen gut aus. Nichts ist zu hören von nachdrängenden Talenten, die chinesische Computer oder japanische Kameras auseinandernehmen, um dann mit besseren und billigeren Nachbauten die ostasiatische Konkurrenz auszuschalten. Gut ist man beim Demonstrieren und Einklagen eines hohen Lebensstandards. Wer fiebert schon

auf das Kaufen mediterraner Waren, wenn sie nur endlich billiger würden? Das gilt nicht für Immobilien sowie die Infrastruktur der Kraftwerke und Transportsysteme, die allein für Griechenland mit 300 Milliarden Euro angesetzt werden. Doch dabei handelt es sich um Pfründe der Politklasse, die eisern verteidigt werden. Die man aber verpfänden könnte? Heinsohn: Das setzt allerdings Voll-

streckbarkeit voraus. Was wiederum bedingt, dass der Staatsbesitz erst einmal in Staatseigentum umgewandelt wird. Dann kann es wie jede andere Eigentumsvariante dem Wirtschaften, also dem Belasten, Verpfänden, Verkaufen, Einlösen und Vollstrecken zugeführt werden. Ich hielte es für klüger, diesen aktuellen Staatsbesitz nach Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro in Eigentum zu verwandeln. Damit kann die neue Drachme besichert werden. Griechische Staatsanleihen bleiben ja Luft und eignen sich deshalb nicht als Eigenkapital einer neuen hellenischen Zentralbank.

von gerade elf Milliarden wäre stante pede ausgelöscht. Was halten Sie von einem kontrollierten Ausgleich Griechenlands? Heinsohn: Das Hauptproblem des

„Eine Hyper-Zentralbank Europas würde einen neuen Weg weisen. Dort würden sich nationale Zentralbanken Geld besorgen.“

Ein Beispiel für Ihr „Europa“ und was es für die Währung bedeutet? Heinsohn: Skandinavische Zentral-

Das bedeutet, Problemländer sich selbst überlassen? Heinsohn: Die Länder werden auf sich

banken außerhalb des Euro sind längst weg vom Nullzins. Ramschtitel von Südregierungen kaufen sie auch nicht. In einen solchen Raum streben deshalb Tüchtige und Unterhaltsjäger gleichermaßen. Deshalb muss er die Hoheit über seine Grenzen gewinnen: ,Brüssel darf hier nicht herein!‘ Das führt Dänemark am Südende dieses Raumes gerade vor. Ob deren Geld Krone oder anders heißt, kann ihnen niemand vorschreiben. Vielleicht werden sie nett sein und ihre Währung Skan-Euro taufen.

selbst zurückfallen, weil Deutschland als global ,bester‘ Schuldner und einziger Garant der Schwankenden längst selber strauchelt. Sein AAARating wird noch nicht attackiert wie das amerikanische. Doch 1970 stand das Land bei 800 Euro Staatsschulden pro Kopf. Heute sind es 25.000 Euro. Damals lag das Durchschnittsalter bei 34, heute bei 44 Jahren. 20 bis 25 Prozent des Nachwuchses gilt mittlerweile als nicht mehr ausbildungsreif. Jedes Jahr schwillt die Gruppe der jungen Versorgungsempfänger um 150.000 zum Jahresparkpreis von 10.000 Euro pro Kopf an.

Ihr Modell wird aber nicht von heute auf morgen kommen? Heinsohn: Was nicht geplant wird,

Zurzeit wird, auch von Deutschland, noch alles getan, um den Staatsbankrott der Griechen zu verhindern. Heinsohn: Der Bankrott wird momen-

tan dadurch verhindert, dass Zentralbanken als Käufer von Papieren solcher Regierungen auftreten. Sie akzeptieren Staatstitel im Nennwert als Pfand und nehmen sie ab, wenn niemand sonst zugreift. Bis Mai 2011 hat die EZB Anleihen von Regierungen und Banken aus Griechenland, Portugal und Irland zum Preis von 200 Milliarden Euro als Sicherheit akzeptiert oder direkt erworben. Wenn die nur um die Hälfte fallen, sind 100 Milliarden weg. Die EZB mit ihrem Eigenkapital

Euro, eine einheitliche Währung zu sein, die mit uneinheitlichen Sicherheiten – hier erstklassig, dort Schrott – besichert ist, bleibt bestehen. Ein Schuldenerlass ändert daran nichts. Hingegen würde eine Hyper-Zentralbank Europas einen neuen Weg weisen. Dort würden nationale Zentralbanken sich Geld für das Kreditgeschäft mit ihren Geschäftsbanken besorgen. Diese Hyper-Zentralbank würde von allen nationalen Zentralbanken im Eurosystem erstklassige Sicherheiten verlangen. Eine Zentralbank, etwa die griechische, die solche Sicherheiten nicht hat, also die griechischen Geschäftsbanken nicht mit Euro versorgen könnte, würde die Regierung beknien, ihren Staatsbesitz in Eigentum zu verwandeln und der griechischen Zentralbank ins Eigenkapital zu schieben.

„Ob man die Schweizer zur Umtaufe des Franken in einen Alpen-Euro überreden kann, wage ich zu bezweifeln.“ GUNNAR HEINSOHN ÖKONOM UND SOZIOLOGE

kommt in der Panik sehr schnell. Der Alpenraum hat mit Schweiz-Lichtenstein eine funktionierende Zelle, an die jene, die keine Deutschen, Italiener und Franzosen mehr sein wollen, andocken könnten. Bei den Menschen unter 35 Jahren sind das immerhin zwei Drittel. Ob man die Schweizer zur Umtaufe des Franken in einen Alpen-Euro überreden kann, wage ich zu bezweifeln. Sie würden schon Großartiges konzedieren, wenn sie einer Assoziation von ähnlich strukturierten Gebieten ohne Transferpflichten beitreten würden, also das täten, was sie – zu Europas Segen – Brüssel im Jahre 2001 verweigert haben.


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Gedicht

Was am Ende bleibt

JOHN CLARE

Der Lyriker John Clare (1793–1864), der als Sohn eines Landarbeiters geboren wurde, gilt heute als der beste Beschreiber des englischen Landlebens und seiner Zerstörung im 19. Jahrhundert. Das Gedicht entstand im Northampton County Asylum, wo sich John Clare von 1842 bis zu seinem Tod 1864 aufhielt.

Wiener Phantasmen

To John Clare Well, honest John, how fare you now at home?

ERICH KLEIN

The spring is come, and birds are building nests;

Wie viele Gelähmte und Gehörlose mussten aufstehen und hörend werden, um den Drohungen des Glaubens Genüge zu tun? Oder um in den Genuss seiner Versprechungen zu gelangen? Wie viele Blinde wurden vom Licht der Wahrheit erst niedergeworfen oder geblendet, um Einsicht zu erlangen? Die Geschichte des Abendlandes ist eine Geschichte frivoler Vergleiche. Man nehme das Wort „Irrenhaus“. Mag sein, dass Religion und Philosophie keine andere Sprache hatten, heutzutage wären derartige Allegorien politisch inkorrekt! Eine Ausnahme zur Bestätigung der Regel ist Kunst. Die Metaphern von Krankheit, Abweichung von der Norm oder Zerstörung wurde zum Zwecke der Erleuchtung zur Kulturtechnik. Bezeichnend, dass im 20. Jahrhundert, das die größten Gemetzel der Menschheitsgeschichte zustande brachte, die Kunst der sogenannten „Irren“ bisweilen zur wahren Kunst erklärt wurde. War es Zufall, dass Freud bis zu seiner Vertreibung im untergehenden Wien praktizierte, wo der Tanz auf dem Vulkan als fröhliche Apokalypse angesehen wurde? Zum Verständnis von Ort und Zeit ist ein Besuch im MUSA dienlich, der Kunstsammlung der Stadt Wien. Hier werden die Abgründe austriakischer Seelen als Kunstgeschichte der Zweiten Republik aufgerollt. Zurzeit geht es um die „Phantastische Moderne“ der Sechzigerjahre. Den Clash der Generationen zwischen „Phantasten“, der Wiener Spielart der Popart aus dem Geiste altmeisterlicher Malerei, und den jüngeren „Aktionisten“ haben Letztere für sich entschieden: Günther Brus, der weiß beschmiert den Heldenplatz überquert und von der Polizei gestellt wird; Arnulf Rainers schwarze Übermalungen, übertroffen nur durch Valie Exports Drohgeste in Leder, mit Anspielung auf Porno und Terror. Die Genesungsversuche der Künstler durch „abnormes“ Verhalten aller Art wurden dabei von Staat und Gesellschaft nicht immer goutiert: Die Akteure von „Kunst und Revolution“, der „Uniferkelei“ vom 7. Juni 1968, sperrte man ein, der vom Gericht bestellte Gutachter war der einstige Nazi-Doktor Heinrich Gross. Zur selben Zeit gab die Wiener Internationale Gartenschau bei Rudolf Hausner eine eher offizielle Ansicht von Wien in Auftrag: Die Stadt, eine Kugel wie durch ein Fischauge gesehen, umgibt ein einziges Grün. Aber auch hier brannte in der Mitte der Garten lichterloh. www.musa.at

The old cock-robin to the sty is come, With olive feathers and its ruddy breast; And the old cock, with wattles and red comb, Struts with the hens, and seems to like some best, Then crows, and looks about for little crumbs,

ER ICH K LEIN

Swept out by little folks an hour ago; The pigs sleep in the sty; the bookman comes–– The little boy lets home-close nesting go, And pockets tops and taws, where daisies blow, To look at the new number just laid down, With lots of pictures, and good stories too, And Jack the Giant-killer‘s high renown.

Rätsel von Gaja 1

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Senkrecht 1 E-Hit 2 Deren Athleten lassen sich durch nichts am Dabeisein behindern 3 Training für Programm-Ansager? (Abk.) 4 Spielt foliert eine Rolle in der Küche 5 Deren Sprache wird global verstanden – wenn auch nicht gesprochen (Mz.) 6 So zugänglich präsentiert sich moderne Architektur 9 Demografische Größe mit dem gewissen Plus (Mz.) 11 :)) 13 Unabsichtliches Entführungsopfer des jungen österreichischen Films (Vorname) 19 Nach dem kräht ein Hahn 20 Total aga Titel 21 Zu ihrer Zeit war Italien noch millionenschwer 23 Olympische Frühaufsteherin

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Womit sich Blaublütler abfinden müssen Blindenschriftsteller Solch Line fährt himmlisch ein Authentische Locations für Guinness-Rekorde In Madrid wirklich echt Unmenschliche Könige Malerisches Motiv, besonders stimmig in Acryl Wird Portugiesen gefühlsmäßig nie langweilig Rasend neugierig Danach gieren heißt ignorieren Kraus gab sie heraus Machte den klumpfüßigen Jambus zum Versmaß? So sind Sauerstofftiere Wo dem Schah die Scharia folgte Drauf sitzend dran sägen ist blöd

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Auflösung aus Falter HEUREKA 2/2011. Waagrecht: 3 DES, 7 EISENERZ, 9 RESUEMEE, 10 TRIAL , 11 CEO, 12 DIAET , 13 WASSER, 14 ENG, 15 PO, 17 APSIS, 19 CHAT, 20 UNO, 22 ROBE , 23 NICKEL, 24 GLAENZEN; Senkrecht, 1 VERSCHWENDUNG, 2 LIEFERANT, 3 DEUT , 4 ENERGIESPAREN , 5 SEMINAR , 6 OZELOT, 8 REA, 15 PI, 16 OSTERN, 18 STOLZ, 19 COCA, 21 NIL Lösungswort: BOHRINSEL


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