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HEUREKA Das Wissenschaftsmagazin
Medizin Frauen und Männer werden zu oft noch fälschlich nach demselben Schema behandelt Spitzenforscher In den Computerwissenschaften entsteht bei uns eine Gruppe von Weltgeltung Verzweiflung Der wissenschaftliche Nachwuchs an Österreichs Universitäten sieht keine Zukunft
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GAMES sind die KUNST unserer Zeit Zur ersten genuinen Kunstform des 21. Jahrhunderts tragen österreichische Wissenschaftler in aller Welt bei
TITELBILD: ELECTRONIC ARTS/ DR AGON AGE ORIGINS
Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2252/2010
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07.06.2010 15:18:13 Uhr
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Österreich will weiterhin kräftig in die Energieforschung investieren.
Mama, kann ich selber Strom machen? Öl und Kohle gehen zur Neige und heizen unser Klima auf. Erneuerbare Energien sind die Zukunft. Österreichs Forschung und Unternehmen wissen wie. Carla liebt ihr neues Fahrrad. Die Elfjährige fährt auch gerne untertags mit Licht. Schließlich erzeugt sie es ja selbst – mit ihrem Fahrraddynamo. „Aber kann man auch umgekehrt Licht in Strom verwandeln?“ „Man kann“, hat die Physiklehrerin ihr erklärt. Durch Solarkraftwerke oder durch Photovoltaik wird Sonnenenergie in elektrische Energie verwandelt. „Aber dann könnte man doch den gesamten Strom aus Sonnenenergie gewinnen?“
und die Hausbewohner erhalten für ihren Strom vom Netzbetreiber eine Vergütung. Der nächste Schritt sind intelligente Stromnetze, „Smart Grids“, durch die Strom an jedem beliebigen Punkt von jedem beliebigen Produzenten eingespeist werden kann. Das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) fördert die Entwicklung dieser intelligenten Stromnetze.
„Energieeffiziente Technologien werden die Gesellschaft der Zukunft bestimmen. Es geht gar nicht anders. Der Klimawandel und die Begrenztheit der fossilen Rohstoffe zwingen uns dazu“, ist InnovaInnovationsministerin Doris Bures tionsministerin Doris Bures überzeugt. Das Gute an dieser „Mit Sonnenenergie allein funktioniert Entwicklung ist: „Österreich hat in der das nicht“, so Brigitte Bach, die EnergieEnergieforschung und -produktion die NaExpertin und Forscherin des Jahres 2009. se vorne“, so Bures weiter. „Jedes zweite „Wir werden viele Energiequellen nutzen Passivhaus steht in Österreich, jeder dritte müssen, viele Einspeiser ins elektrische Sonnenkollektor in Europa wird in ÖsterStromnetz und ebenso viele unterschiedlireich produziert. Dieser Vorsprung ist das che Wärmequellen. In der Forschung sind Ergebnis von zehn Jahren intensiver Fördewir schon sehr weit und es gibt schon zahlrung des BMVIT“, ist Bures sicher. Will reiche Beispiele, wie österreichische Firmen Österreich weiterhin unter den Besten dieses Wissen erfolgreich umsetzen.“ bleiben, dann müssen wir auch zukünftig kräftig in die Energieforschung investieren. Bei „Plus-Energie-Häusern“ zum Beispiel: „Jeder Euro, den wir heute in die EnergieDie Solarzellen am Hausdach erzeugen forschung investieren, kommt morgen in mehr Strom, als die Hausbewohner benöti- Form klimaverträglicher Energie sowie gen. Der Strom geht aber nicht verloren, zukunftssicherer Jobs zurück“, ist Bundessondern wird ins Stromnetz eingespeist ministerin Bures überzeugt.
Foto: BMVIT
„Die Forschung von heute sind die Arbeitsplätze von morgen.“
So wie ein Fahrraddynamo können auch Häuser mit Solardächern Energie erzeugen.
FÖRDERSPEKTRUM DES BMVIT • Heuer investiert das BMVIT 50 Millionen Euro in die Energieforschung.
Innovationsministerin Doris Bures und Energieforscherin Brigitte Bach diskutieren über innovative Energielösungen.
• Mit dem Energieforschungsprogramm „Neue Energien 2020“ wird das Ziel einer nachhaltigen und sicheren Energieversorgung für Österreich verfolgt. In den letzten drei Ausschreibungen wurden mehr als 400 Projekte gefördert. Die aktuelle Ausschreibung startete am 7. Juni und ist bis 8. September 2010 geöffnet. Weitere Informationen: www.bmvit.gv.at www.ffg.at www.klimafonds.gv.at
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Foto: Christian Müller
• Das Programm „Haus der Zukunft“ hat in Österreich eine neue Basis für energieeffiziente Gebäude geschaffen. Rund 300 Projekte konnten mit BMVIT-Förderungen von mehr als 35 Mio. Euro finanziert werden.
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Inhalt
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Grundlagenforschung an den Unis Nach den USA setzen auch China und Indien darauf Der Mayakalender vom Ende der Welt Österreichische Archäologin erforscht die Maya Medizin für Frau und Mann Gendermedizin achtet auf die richtige Behandlung Die sind weltweit Spitze! ARiSE, ein Netzwerk von Computerforschern
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Der Countdown zum Thema Zahlen aus der Welt der Computerspiele Oasen im Alltag So sehen Wissenschaftler die Computer-Games Games sind die Kunst unserer Zeit Onlinegames, die erste Kunst des 21. Jahrhunderts Virtuelle Spiele in der Wirklichkeit Wie Wissenschaft und Kunst auf Games reagieren
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Jungwissenschaftler – ab nach Amerika! Keine Chance auf Wissenschaftskarrieren an Unis „Wir brauchen eine kreative Revolution!“ Der Kunstuni-Rektor Gerald Bast im Interview Das Personalkarussell der Wissenschaft Der Philosoph Herbert Hrachovec über Unipolitik Gedicht, HEUREKA-Rätsel und die Donau Erich Klein über den Fluss, der uns verbindet
Kommentar
Editorial
Die Krise hat uns fest im Griff christoph kr atk y
G r a f i k : T o n e F i n k ( A u s s c h n i tt ) , f o t o : KRA T K Y
Wahrnehmung, wie sehr es D iekriselt, hängt natürlich von der
Perspektive und vom Grad der Betroffenheit ab. Der FWF hat „seine“ Krise bereits 2009 zu spüren bekommen: Minus 20 Prozent beim Vergabebudget und ein fast fünfmonatiger Bewilligungsstopp. Dafür gab es gegen Mitte 2009 Trost: ein vom BMWF garantierter Finanzierungsrahmen bis zum Jahr 2013, allerdings mit einem für fünf Jahre eingefrorenen Budget. So sehr die dadurch gewährleistete Planungssicherheit zu begrüßen ist, so sehr darf nicht übersehen werden, dass Österreich Gefahr läuft, ganz aus dem Windschatten der „Innovation Leaders“ in Europa zu fallen. Die wichtigsten Referenzländer haben die Schlagzahl im Bereich der Grundlagenforschungsförderung erhöht und nicht reduziert. Fast bekommt man den Eindruck, als ob sich Österreich bereits hinter der Ziellinie, also im Kreis der Innovation Leaders, wähnt, weshalb man das Rudern bis auf Weiteres einstellt. Weltklasseforschung und -ausbildung benötigen sehr viel Geld. Gemessen am Innovation-Leader-Anspruch ist unser Bildungs- und Wissenschaftssystem unterfinanziert. Trotz aller rhetorischen Bekenntnisse besteht wenig Aussicht, dass die Universitäten und die Grundlagenforschung in absehbarer Zukunft mehr Geld bekommen. Dennoch wäre es falsch, die Hände in den Schoß zu legen und auf bessere Zeiten zu warten. Unser Universitätssystem hat neben der Unterfinanzierung auch ein strukturelles Problem mit der Intransparenz seiner Finanzierung. Unter dem Humboldt’schen Postulat der „Einheit von Lehre und Forschung“ erhält jede Universität ein Globalbudget, mit dem sie eine nicht spezifizierte Anzahl von Studierenden (alle, die kommen) auszubilden sowie eine ebenso wenig definierte
Forschungsleistung zu erbringen hat. Strukturell bestraft dieses System attraktive und forschungsstarke Universitäten. Seit Langem ist klar, dass die Finanzierung von Lehre und Forschung, unterschiedlicher Logik gehorchend, getrennt zu erfolgen hat. Lehre muss studienplatzabhängig finanziert werden. Zur Finanzierung der Forschung haben sich kompetitive Verfahren international und national bewährt. Sie sollten daher verstärkt zum Einsatz kommen. Eine Systemumstellung der Universitätenfinanzierung ist besonders in finanziell schlechten Zeiten ange-
C h r i s t i a n Z i ll n e r
sagt, weil sie den Einsatz der spärlich verfügbaren Mittel optimiert. Sie braucht aber politischen Mut, da durch sie der Umfang der Unterfinanzierung erst in vollem Maße sichtbar wird. Auch in schwierigen Zeiten ist es bequemer, die Augen vor der Realität zu verschließen. Christoph Kratky, Präsident des FWF, des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung in Österreich
Finkenschlag Handgreifliches von Tone Fink
Als ich noch ein Bergbauernbub war und in der großen Stadt Philosophie studieren sollte, gab mir mein Vater die uralte Weisheit seiner Väter mit auf den Weg: „Wer brav studiert und nicht krepiert, der promoviert.“ Brav studiert habe ich nicht, krepiert bin ich nicht, diese doppelte Negation hat schließlich zum Doktorgrad geführt. Leider erwies sich auch die vorväterliche Weisheit am Gros der Dissertanten vor zwanzig Jahren als falsch. Nur zehn Prozent meines Dissertantenlehrgangs, in dem viel bravere Studierende waren, erlangten das Doktorat. Nur zehn Prozent und dann noch eine Flasche wie Zillner – das rief die Studienreformer auf den Plan. Das Studium musste effizienter werden. Was früher eine Laufbahn zur „Doktorwürde“ hieß, geriet zum „Output“, der mengenmäßig und in seiner Qualität gesteigert werden sollte. Österreichs Wissenschaftsreformer erhoben sich, und ein Sturm brach über den Universitäten los. Effizienz und Qualität wurden in so schwindelnde Höhen geschraubt, dass alte Flaschen wie ich versuchten, ihre Diss aus der Nationalbibliothek zu stehlen, um sie voll Scham zu verbrennen. Zwanzig Jahre später beträgt der Output an Doktoren unter den Dissertanten zehn Prozent. Das nennt man akademischen Fortschritt. heureka@falter.at
Impressum Falter 23a/10 Herausgeber: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at Redaktion: Dr. Christian Zillner Artdirektion: Dirk Merbach Layout: Reini Hackl, Raphael Moser Fotoredaktion: Karin Wasner, Ioulia Kondratovitch Korrektur: Ewald Schreiber Druck: Goldmann Druck AG, 3430 Tulln DVR: 047 69 86.
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heureka! erscheint mit U nterstützung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung
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Aus Wissenschaft und Forschung Kopf im Bild
Junge Forscher A le x a n d r a A u r elia Nemeth
ft stellt sich nach der Matura die O Frage: „Was soll ich studieren?“ Das Interesse für ein Studienthema wird nicht selten erst während des Studiums geweckt, wie auch die folgenden Beispiele zeigen. Stefan Gerlich, 30, Institut für Experimentalphysik, Uni Wien
Die Physik faszinierte ihn schon immer. Nun hat er die Möglichkeit, mehrere Monate an einer ausländischen Universität zu forschen: „Ich werde den Sommer an der Uni Stanford verbringen. Im Herbst widme ich mich meiner Dissertation. Ich untersuche, ob es bei zunehmender Masse und Komplexität Abweichungen von quantenmechanischen Vorhersagen gibt und ob sich Quantenphänomene an makroskopischen Objekten feststellen lassen.“ Die wesentliche Arbeit aber ist „die Konstruktion und der Betrieb des leistungsstarken Molekülinterferometers“. Maria-Katharina Lang, 41, Institut für Sozialanthropologie, Akademie der Wissenschaften
Beste wissenschaftliche Arbeit weltweit.
Krishnendu Chatterjee leitet als Professor ein Forschungsteam am Institute of Science and Technology IST Austria. Mit seinem Team ist er Fehlern im gesamten Computerbereich auf der Spur. Bevor der Experte für reaktive Soft- und Hardware-Systeme nach Klosterneuburg kam, studierte er am Institute of Technology in Kharagpur in Indien und an der University of California. Er wurde mit der President of India Gold Medal als bester Student des Jahres am IIT sowie dem Ackerman Award für die beste Arbeit weltweit in computerwissenschaftlicher Logik ausgezeichnet. Am IST Austria beschäftigt er sich mit Spieltheorie und der quantitativen Theorie der Verifikation. Außerdem entwickelt er Systeme zur Prüfung der Verlässlichkeit von Wikipedia. www.ist.ac.at T e x t : n athalie g r o S S sch ä d l , F o t o : lukas I lg n e r
Grundlagenforschung an der Uni Nach den USA setzen China und Indien auf die Unis als Orte für Grundlagenforschung ch r istia n z ill n e r
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ei uns findet Grundlagenforschung in erster Linie an Universitäten statt. Immer wieder erklären uns sogenannte Wirtschaftsexperten, dies sei ein Problem, eigentlich wäre angewandte Forschung für unsere Wirtschaft wichtiger. Ihnen sei empfohlen, den Bericht zu lesen, den der Wissenschaftsberater von Präsident Harry Truman, Vannevar Bush, 1945 verfasst hat. Er kam zum Schluss, dass Grundlagenforschung stets die Basis für technologische Innovationen ist, auch wenn es manchmal Dekaden
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dauert, bis Grundlagenforschung verwertet werden kann. Oft führen ihre Ergebnisse zu Entwicklungen, an die bei der Entdeckung niemand gedacht hat. Daher zeigten private Unternehmen zu wenig Interesse an Grundlagenforschung, weshalb der Staat einzuspringen habe. Aus Bush‘s Bericht wurde das amerikanische Wissenschaftssystem entwickelt. Es basiert auf der Finanzierung durch den Staat, der Grundlagenforschung über die Unis fördert, die das Geld für Forschung an Projekte vergeben, die durch Peer-Reviews, also Beurteilung durch Wissenschaftler, ermittelt werden. „This system
has been an extraordinary success“, schreibt der Präsident von Yale Richard C. Levin in Foreign Affairs. Er berichtet, dass nun auch China und Indien dieses System übernehmen, und dabei 9 bzw. 14 Weltklasseunis gründen werden. Andere asiatische Länder wollen mitziehen. Vielleicht bringt dies die Debatte, ob Grundlagenforschung an Unis Sinn macht, bei uns endlich an ihr wohlverdientes Ende. Wir sollten die Debatte darüber weiterführen, wie unsere Unis zu besserer Grundlagenforschung kommen. FWF-Präsident Christoph Kratky hat dazu in seinem Kommentar auf Seite 3 Vorschläge.
Ausschlaggebend für ihr Studium der Sozialanthropologie war „eine Reise nach Estland. Insbesondere die eigene Perspektive mit familiären Wurzeln in Estland war Motivation für das Studium.“ Ihr Projekt „Mongolische Ethnographica des österreichischen Sammlers Hans Leder in europäischen Museen“ läuft im Rahmen eines Förderprogramms des BMWF bis 2012. Interessant ist „die Konfrontation mit den ethnographischen Objekten“. Durch ihre Arbeit will Maria-Katharina Lang die Mongolei-Sammlung von Hans Leder „in Bewegung setzen“. Thomas Gremmel, 29, Abteilung für Angiologie der Uni-Klinik für Innere Medizin, AKH
Der als „Researcher of the Month“ auf der Homepage der Med-Uni Wien ausgezeichnete Jungarzt spezialisierte sich auf die „optimalen medikamentösen Therapien nach einem Dehnungseingriff in Gefäßen“. Die sogenannten „Stents“ helfen, verengte oder verschlossene Arterien zu dehnen und so das Blut zirkulieren zu lassen. Das Problem: „Die Stents sind Fremdkörper, weshalb die Blutplättchen sich an diese heften. Somit sind plättchenhemmende Medikamente unerlässlich.“ Welche Faktoren die Medikamente beeinflussen, um eine optimale Therapiemöglichkeit zu gewährleisten, erforscht Gremmel nun genauer.
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Aus Wissenschaft und Forschung Oralchirurgie
Von kranken Zähnen droht Diabetes Die ter Hönig
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as kranke Zähne alles verursachen können! So bestätigen zahlreiche internationale Studien der letzten Jahre: Eine parodontale Erkrankung kann nicht nur eine Komplikation des Diabetes mellitus sein, sondern trägt oft zu dessen Verschlimmerung bei, ja kann unter Umständen auch dessen Auslöser sein. Ende des Vorjahres nahm die Internationale Diabetes Föderation IDF diese Erkenntnisse zum Anlass, neue Richtlinien zur Mundgesundheit zu erlassen. Die von der IDF gemeinsam mit der World Dental Federation FDI erstellten Richtlinien beinhalten konkrete Empfehlungen an Allgemeinmediziner und Internisten, ihre Patienten jährlich nach typischen Symptomen wie geschwollenem Zahnfleisch oder Zahnfleischbluten zu befragen. Symptomatische Patienten sollten, so die Empfehlung, zwecks professioneller Parodontalbehandlung zu einem Spezialisten weiterempfohlen werden. Parodontitis müsse unter Kontrolle gehalten werden, um das Diabetes-Risiko bei gefährdeten Patienten zu verringern bzw. bei bestehender Krankheit die Blutzuckereinstellung zu erleichtern. Zahnärzte warnen vor den Folgen einer nicht behandelten Parodontitis. „Parodontitis löst im Körper Ent-
zündungsreaktionen aus, die die Insulinresistenz beeinflussen können und zu ungesunden Blutzuckerwerten führen“, erklärt Samuel Low, Professor für Parodontologie und Präsident der American Academy of Periodontology AAP. Der Experte sieht die neue IDF-Richtlinie auch als verstärkte Motivation für Ärzte, interdisziplinär zusammenzuarbeiten.
en reichen oft bis weit in die Tiefe des Gewebes und breiten sich zwischen Zahnwurzel und Kieferknochen aus. Dort zerstören sie, im Schutz eines sogenannten „Biofilms“ (auch als „Plaque“ bezeichnet) und somit weitgehend Antibiotika-resistent, Fasern, Gewebe und Knochen rund um die Zähne. Die dabei angegriffene Fläche kann etwa die Größe einer
„Fortgeschrittene Parodontitis kann die Größe einer männlichen Handfläche erreichen“ P e t e r S O LAR , O ral c h i r u r g
„In der täglichen Praxis begegnen uns nach wie vor zahlreiche Patienten, deren Parodontitis gar nicht oder nicht fachgerecht therapiert wurde“, berichtet der Wiener Universitätsprofessor, Zahnarzt und Oralchirurg Peter Solar. „Den hochaggressiven Bakterienkulturen der Parodontitis ist in den meisten Fällen weder mit einer üblichen Standard-Dentalhygiene-Sitzung noch mit Antibiotika oder diversen Tinkturen Einhalt zu gebieten.“ Der Grund: Die schädlichen Bakteri-
männlichen Handfläche ausmachen. Bei einer fortgeschrittenen Parodontitis kämpft der Organismus eines Erkrankten permanent gegen ein sehr großflächiges, bakteriell infiziertes Gewebe, das sich nicht in der Mundhöhle, sondern mitten im Kieferknochen, also im Körper, befindet. Peter Solar beschreibt eine nichtoperative Behandlung gegen diese bakterielle Gefahr: „Bei der Parodontaltherapie bekämpft man diese Bakterien in mehreren Sitzungen tief unter der Schleimhautoberfläche durch
Reinigung mit Spezialinstrumenten wie Ultraschallspitzen, Ozonsonden und Laser.“ „Zusätzlich erfolgen meist auch antimikrobielle subgingivale Spülungen mit 0,2-prozentiger Chlorhexidinlösung und lokaler Applikation eines 1-prozentigen Chlorhexidingels. Parallel dazu sollte Doxycyclin über einen Zeitraum von zwei Wochen eingenommen werden.“ Diese Therapiekombination zeigt laut Studien eine 1-prozentige Reduktion des HbA1c-Wertes binnen drei Monaten nach Behandlung – unabhängig von konventionellen Methoden der Diabetes-Einstellung. „Patienten mit diagnostizierter Parodontitis sollten daher vom Zahnarzt zum Diabetes-Screening überwiesen werden, um parallel zur Parodontaltherapie eine passende Blutzuckereinstellung in die Wege zu leiten. Internisten sollten dagegen schwer einstellbaren Diabetes-Patienten mit Parodontitis-Symptomen die fachgerechte Parodontaltherapie empfehlen“, weist der Oralchirurg Solar noch einmal nachdrücklich auf die Wichtigkeit interdisziplinärer Zusammenarbeit hin. Patienten selbst sind gefordert, ihren Zahnhalteapparat gesund zu erhalten. Voraussetzung sind eine tägliche Mundpflege sowie die professionelle Reinigung des Zahnhalteapparates drei- bis viermal pro Jahr.
Archäologie
Datumszyklen und Datumssprünge wie von 1999 auf 2000 sind prädestiniert, Endzeitstimmung auszulösen. Ironie des Schicksals ist, dass ausgerechnet
Auf der Suche nach dem Untergang der Maya. Archäologinnen graben im Wasserreservoir Aguada Lagunita Elusiva in Belize nach den Spuren der Maya
ausgerechnet im Dezember in zwei Jahren untergehen soll, haben wir vor allem dem Maya-Kalender und der „Langen Zählung“ mit dem Datum 13.0.0.0.0. zu verdanken. Paradoxerweise ist in den Mayainschriften in diesem Zusammenhang keineswegs vom Untergang der Welt die Rede. Der Tag danach ist mit 0.0.0.0.0.1 datiert. Das Datum weist demnach eine Stelle mehr als das Datum vom Vortag auf.
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send Jahren untergegangen sind. Der Kollaps der Mayazivilisation nahm seinen Anfang in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts im tropischen Tiefland des südlichen Peten in Gu-
atemala und setzte sich kontinuierlich Richtung Norden bis nach Mexiko fort. Obwohl der Zusammenbruch insgesamt eineinhalb Jahrhunderte dauerte, wurden einige der Mayazentren doch sehr plötzlich aufgegeben. Die genauen Ursachen für den Untergang sind bis heute ungeklärt. Zwar hat die Mehrzahl der Mayaforscher monokausale Erklärungsmodelle aufgegeben, dennoch mehren sich die Hinweise darauf, dass klimatische und ökologische Ursachen in diesem Prozess keine unbedeutende Rolle spielten. So wurde ab dem 8. Jahrhundert das Klima trockener, was im zentralen Tiefland zu Engpässen in der Wasserversorgung geführt haben könnte. Auf Grund der Karsttopographie und Höhe von mehr als 150 Metern über dem Meeresspiegel war die Be-
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Fotos: archiv dr. a. hohenester, privat
wird wohl nicht so 2012 schnell aus unseren Köpfen verschwinden. Dass die Welt
die klassischen Maya, für ihre mathematischen und astronomischen Errungenschaften bekannt und über komplexe Methoden der Zeitzählung verfügend, schon vor mehr als tau-
Estella Weiss-Krejci
Fotos: Estell a Weiss-Krejci, privat
Der Mayakalender vom Ende der Welt
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Aus Wissenschaft und Forschung Transplantationsmedizin
Mehr Organspenden sind nötig Mühlbacher: Zweifellos kann dies zur
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n Österreich warten rund tausend Menschen auf ein Spenderorgan. Wir sprachen über das Thema mit dem Vorstand der Wiener Uniklinik für Chirurgie und Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie Ferdinand Mühlbacher. Falter HEUREKA: Gibt es zu wenige Organspender? Ferdinand Mühlbacher:
Derzeit sind wir auf das Engagement einzelner Ärzte angewiesen. Mehr Systematik ließe sich erzielen, wenn wir uns an Spanien orientierten. Dort verfügt landesweit jedes größere Spital über einen Organspendebeauftragten. Er evaluiert geeignete Spender und kontaktiert im Anlassfall die entsprechenden Fachärzte. In Österreich gibt es elf solcher In-House-Koordinatoren. Was fehlt, ist eine flächendeckende Versorgung, sprich: eine Institutionalisierung dieser wichtigen Position. Könnten ethische Bedenken zur Verunsicherung bei Ärzten führen?
Fotos: archiv dr. a. hohenester, privat
Fotos: Estell a Weiss-Krejci, privat
Ferdinand Mühlbacher, Präsident der Österr. Gesellschaft für Chirurgie
völkerung dieses Gebiets in der viermonatigen Trockenzeit ausschließlich von gespeichertem Regenwasser abhängig. Pollenanalysen haben gezeigt, dass bereits im 8. Jahrhundert ein Großteil der Wälder abgeholzt war. Dass die prekäre Umweltsituation soziale Krisen ausgelöst oder zumindest verstärkt haben könnte, ist auch nicht weiter verwunderlich. Es war ein Untergang: Nicht nur die Oberschicht, sondern die gesamte Bevölkerung verschwand aus dem zentralen Tiefland. Der Wasserversorgung im
Mayatiefland und den Ursachen für den Untergang der Mayazivilisation widme ich mich seit dreizehn Jahren. Einige Forschungskampagnen wurden vom FWF finanziert. In der Zwischenzeit haben sich Studierende aus Graz und
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Verunsicherung bei Ärzten führen und letztlich das Engagement fürs Organspendekonzept behindern. Es wäre auch denkbar, dass mangels Beschäftigung mit dem Hirntodkonzept Zweifel über den tatsächlichen Todeseintritt nach der Hirntoddiagnostik bestehen. Dass Vergangenheitsbewältigung mit eine Rolle spielt, kann man nicht ausschließen.
Sinkt mit der Zahl der Verkehrstoten die der Organspender? Mühlbacher: Das Spenderprofil hat
wöchentliche Dialyse angewiesen ist, belaufen sich auf rund 70.000 Euro pro Jahr. Eine Nierentransplantation kostet rund 45.000 Euro plus jährlich bis zu 10.000 Euro für Medikamente und die Nachbehandlung – ist also deutlich billiger. Davon abgesehen erhöht es bei gesteigerter Lebensqualität auch die Lebenserwar-
Physiktest für Physikprofessoren: Was zeigt dieses Bild?
sich geändert. Vor 20 Jahren waren 60 Prozent der Organspender Patienten nach einem Schädel-Hirn-Trauma, die Hälfte davon nach Verkehrsunfällen. Heute sind es 30 bzw. rund 15 Prozent. Der Tod durch Schädel-HirnTrauma ist deutlich zurückgegangen, ein Fortschritt der Unfallverhütung und in der Behandlung von Unfällen. Heute sind etwa 60 Prozent der Organspender Patienten nach einer spontanen Gehirnblutung, die eher in der zweiten Lebenshälfte auftritt. Der Rückgang der Verkehrsunfälle dürfte auf die Organspendefrequenz nur geringe Auswirkung haben. Das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheit müsste zusätzliche, koordinierende Organspendebeauftragte bestellen – im Konsens mit dem ärztlichen Direktor einer Klinik. Ein Beispiel: Die Kosten für einen schwer Nierenkranken, der auf die dreimal
Wien angeschlossen. Forschungsgebiet ist die Rio Bravo Conservation Area im Nordwesten von Belize. Das dicht bewaldete Naturreservat wird vom Programme for Belize verwaltet. Dieser Organisation ist es seit ihrer Gründung 1988 gelungen, 1052 Quadratkilometer Waldland vor der Rodung und somit Tiere, Pflanzen und archäologische Fundstätten vor der Zerstörung zu bewahren. Innerhalb der Rio Bravo Conservation Area gibt es eine Vielzahl von größeren und kleineren Mayaruinen, die von Archäologen aus den USA erforscht werden. Das Interesse des österreichischen Teams gilt unter anderem dem Aguada Lagunita Elusiva, einem Reservoir von rund 25 Metern Durchmesser, das natürlichen Ursprungs ist, jedoch von den Maya stark modifiziert wurde. In der Tro-
tung eines dreißigjährigen Nierenkranken im Schnitt von zusätzlichen 24 auf 38 Jahre. Zum Vergleich: Ein gesunder Dreißigjähriger hat weitere 47 Jahre vor sich. Allein diese Werte sollten uns zu denken geben. Ein gespendetes Organ ist wohl der größte Dienst, den der Mensch seinem Mitmenschen erweisen kann.
Thomson’sches Quadrantenelektrometer, „Archiv Dr. Hohenester“: Dieses Präzisionsgerät wurde von Ludwig Boltzmann 1873 zur Messung von Dielektrizitätskonstanten für die erste experimentelle Bestätigung der Maxwelltheorie verwendet. Ein Gerät dieser Art kann im wissenschaftlichen Ausstellungszentrum echophysics auf Schloss Pöllau in der Steiermark besichtigt werden.
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ckenzeit sind aguadas fast wasserlos, in der Regenzeit oft bis zum Rand mit Wasser gefüllt. Für die Tiere des Urwalds stellen sie eine wichtige Ressource dar. Sogar das menschenfressende Moreleti-Krokodil wurde öfter in diesen Wasserbecken gesichtet. Ein aguada kann sich innerhalb von wenigen Tagen mit Wasser füllen wie im Mai 2008, als der Sturm „Arthur“ über Zentralamerika 217 Millimeter Niederschlag brachte. Welche Prozesse unter anderem für das Versiegen von Wasserquellen verantwortlich sein können, zeigte ein Ereignis am 28. Mai 2009. Wenige Stunden nach Mitternacht erfolgte ein Erdbeben der Stärke 7,3 auf der Richterskala, dessen Epizentrum im Meer vor der Küste von Honduras lag. Die direkten Folgen des Bebens für das
Wasserreservoir ließen sich am selben Tag messen. Durch das Erdbeben hatten sich Risse am Grund aufgetan. Das Reservoir sackte in der Mitte um einen halben Meter ab, der letzte Wasserrest versickerte endgültig im Kalkuntergrund. Ob Trockenheit oder doch andere Faktoren die Maya vertrieben haben, wird die Forschung noch lange beschäftigen. In Zeiten von Überschwemmungen und Wirbelstürmen, die immer häufiger Europa heimsuchen, zeigt die Mayazivilisation auch, wie fragil unser Verhältnis zum Planeten Erde ist. Estella Weiss-Krejci, Dozentin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Uni Wien, führt seit 1993 archäologische Forschungen in Zentralamerika durch. Ihre Forschungsprojekte wurden mehrmals vom FWF finanziert.
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Aus Wissenschaft und Forschung Gendermedizin
Medizin für Frau und Mann Margre t Mendez
Fehldiagnosen bei Frauen Dank gendermedizinischer Forschungen und Publikationen wissen viele Ärzte, dass beim Mann typischerweise Beschwerden hinter dem Brustbein bzw. in der linkenSchulterArm-Hand-Region auftreten. Bei Frauen hingegen können oftmals Schmerzen in der Hals-Unterkiefer-, Oberbauch- und Schulter-Region, verbunden mit Übelkeit und Erbrechen, Vorboten eines bevorstehenden Herzinfarktes sein. Dennoch beweisen aktuelle Daten, dass bei Patientinnen zwischen dem erstem Auftreten von Beschwerden und der richtigen Diagnose sowie Behandlung deutlich mehr kostbare Zeit verstreicht als bei Männern. „Frauen müssen couragiert genug sein, sich nicht gleich mit einer Diagnose zufriedenzustellen, wenn es weh tut“, rät Jeanette Strametz-Juranek, Fachärztin, Professorin für Innere Medizin an der Medizinischen Universität Wien und Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Gendermedizin. „Wenn Frauen müde sind, wenn sie eine Abnahme der Leistungsfähigkeit feststellen oder einfach untypische Beschwerden beobachten, dann müssen das nicht immer postmenopausale Beschwerden oder eine Depression sein, sondern es kann auch eine koronare Herzkrankheit vorliegen. Ich glaube, es ist ganz, ganz wichtig, Patientinnen
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und Ärzte hier weiter aufzuklären. Denn immer noch werden Frauen bei unklarer Diagnose deutlich schneller Antidepressiva verschrieben als Männern“, bekräftigt Strametz-Juranek. Dank ihres Östrogen-bedingten Gefäßschutzes geht das Risiko für Frauen erst nach der Menopause deutlich nach oben. Dann ist es allerdings gleich hoch wie bei Männern. Allerdings haben Frauen ein um 6bis 8-fach höheres Risiko einer HerzKreislauf-Erkrankung oder eines Schlaganfalles, unabhängig vom Alter. Bei Männern mit Diabetes ist das Risiko um das Zweifache erhöht, erklärt Kautzky-Willer.
Neue Norm für Medikamente Viel Aufklärungsarbeit bedarf es auch noch für die zweite Säule des Medizinsystems, die Pharmaindustrie. Bei der Entwicklung von Medikamenten galten junge männliche Körper als Norm, an dessen Modell sich die medizinische Forschung und Praxis orientierten, weil sich ihr stabiler Hormonspiegel einfacher und kosteneffektiver in Studien anwenden lässt. Längst ist bewiesen, dass manche Medikamente bei Frauen anders wirken und in extremen Fällen zu schweren Nebenwirkungen führen können, die bei Männern nicht auftreten. „Man weiß inzwischen, dass manche Betablocker bei Frauen niedriger
dosiert werden müssen und die Dosis langsam gesteigert werden muss. Bei postmenopausalen Frauen kann etwa das Typ-2-Diabetes-Medikament Glitazon ab dem zweiten Jahr der Therapie zu einem deutlich höheren Risiko für Knochenbrüche führen, was bei Männern nicht vorkommt“, sagt Alexandra Kautzky-Willer.
Aufgabe für Pharmaerzeuger Diese Erkenntnisse sollten bei der Entwicklung neuer Präparate umgesetzt werden, so die gesetzlichen Vorgaben. „Die regulatorischen Leitlinien sehen vor, dass Zulassungsstudien von Medikamenten in Populationen durchgeführt werden, die im Wesentlichen der Zielpopulation entsprechen“, sagt Marcus Müllner, Chef von AGES PharmMed, der nationalen Zulassungsstelle für Arzneimittel. Was bedeutet, dass rund 50 Prozent der Probanden Frauen sein sollten. Ob die gesetzlich verankerte 40Prozent-Vorgabe von der Pharmaindustrie tatsächlich immer umgesetzt wird, ist aber schwer nachprüfbar. Interessant ist, dass nur einer von drei Medikamentenerzeugern imstande ist, diesbezügliche Anfragen zu beantworten. Bei GlaxoSmithKline bemühte sich eine hilfsbereite Dame eine Woche darum, den durchschnittlichen Anteil an weiblichen Probanden zu
Wirtschaft
US-Dollar mehr als 50
Preis für 20 Stunden Internetverbindung ( je 10 in Haupt- und Nebenzeiten, günstigster Tarif) 30–50
15–30
weniger als 15
keine Angaben
Weltweite Durchschnittskosten 2007: 22 Dollar für 20 Stunden
Afrika surft am teuersten © 2009: Le Monde diplomatique, Berlin; Quellen: Union internationale des télécommunications, 2008; Weltbank, 2008 (Daten von 2007 oder aus dem letzten verfügbaren Jahr)
eruieren. Ohne Erfolg. Niemand im gesamten Unternehmen konnte die Antwort ausfindig machen. Aussagekräftiges Schweigen kam von Genericon Pharma. Nur Novartis Austria war ohne Zögern bereit, Auskunft zu ihren Forschungen zu geben. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass Frauen und Männer für gewöhnlich gleichmäßig in Studien vorhanden sind. Einzige Ausnahme stellen Erkrankungen dar, die von sich aus bevorzugt bei Frauen oder Männern auftreten“, sagt Wolfgang Bonitz, Medizinischer Direktor bei Novartis Pharma Österreich. Grundsätzlich würden, sobald klinische Daten vorhanden sind, geschlechterspezifische Sub-Gruppen analysiert, um festzustellen, ob Frauen anders auf ein Präparat reagieren als Männer. In den weiteren Stufen der Entwicklung, wie der Phase II und Phase III, in denen die Dosierung, Sicherheit und Wirksamkeit eines Medikaments überprüft und bestätigt werden, achte Novartis stets darauf, dass Frauen richtig repräsentiert sind – so wie die Gesundheitsbehörden das auch vorschrieben, erklärt Bonitz.
Gendermedizin im Studium Seit 1996 befasst sich die WHO mit der Gender-Thematik und hat die „Gender Working Group“ gegründet. Dort sollen Strategien zur Integration von Gender-Fragen in WHO-Programmen entwickelt werden. Auch in Österreich kommt dieser Forschungszweig langsam in Schwung. „Der Gendermedizin soll im Ärztestudium künftig ein größerer Stellenwert beigemessen werden“, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Ab dem Wintersemester 2010 bietet die Medizinische Universität Wien als erste österreichische Universität einen postgradualen Lehrgang zu „Gender Medicine“ an. Dieser Lehrgang startet ab 3. September und kann berufsbegleitend innerhalb von vier Semestern absolviert werden (www.meduniwien.ac.at/orgs/index.php?id=64). Am Berliner Institut für Geschlechterforschung in der Medizin wird am Aufbau einer öffentlich zugänglichen internationalen Datenbank für Fachliteratur zu Gendermedizin gearbeitet. „Wir hoffen, dass dieses Grundarchiv mit Anfang 2011 zur Verfügung steht und Forscher dann ihre Publikationen auch schon direkt eingeben können“, erklärt Sabine Oertelt-Prigone von der Charité Universitätsmedizin Berlin.
Gr afik: © 2009: Le Monde diplomatique, Berlin
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rauen sterben am häufigsten an Brust- oder Gebärmutterhalskrebs. Für Männer sind HerzKreislauf-Erkrankungen die Todesursache Nummer eins. Diese lange als Tatsache geltende Annahme ist aber grundlegend falsch. Das belegen aktuelle Studien aus Europa und den USA, die sich mit Gendermedizin auseinandersetzen. Tatsächlich erliegen allein in Österreich jährlich etwa 19.000 Frauen einer Erkrankung des Herz-KreislaufSystems. Wohingegen Männer einen leichten Vorsprung bei Tod durch Krebs aufweisen und ihre Sterberate durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit rund 13.000 Toten etwas geringer ausfällt. „Gerade bei jüngeren Frauen ist die Sterblichkeit nach einem Herzinfarkt größer als bei Männern, weil die Symptome bei Patientinnen oft nicht richtig zugeordnet werden“, sagt Alexandra Kautzky-Willer, Österreichs erste Professorin für Gendermedizin an der Medizin-Uni Wien.
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Aus Wissenschaft und Forschung Computerwissenschaft
Die sind weltweit spitze! Emily Walton
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s kommt der Moment, da piepst der Computer, dann ein Flimmern am Bildschirm und dann wird er blau: The Blue Screen of Death. Wer Pech hat, verliert alles: Dokumente, Grafiken, Bilder – die ganze Arbeit. „Das ist zwar lästig, aber verglichen mit anderen Computerpannen erscheint so ein Absturz glimpflich“, sagt Roderick Bloem, Computerwissenschaftler an der TU Graz. Nur zwei Prozent der jährlich verkauften zehn Milliarden Mikroprozessoren werden in PC installiert, in Computer für den Haus- und Bürogebrauch. Die restlichen 98 Prozent sind in unserer globalen Infrastruktur eingebaut – in Handys, auf der Bankomatkarte, im Auto – und lenken den Alltag. Je komplexer diese Computersysteme sind, desto mehr kombinierte Abfragen finden statt und desto fehleranfälliger sind sie.
Foto: Michael Rausch-Schott
Gr afik: © 2009: Le Monde diplomatique, Berlin
Fehler in Computersystemen Wenn eines dieser, für den Endverbraucher meist unsichtbaren, Computersysteme ausfällt, ist das deutlich kritischer, als wenn „nur“ ein paar Dokumente auf dem Laptop verloren gehen: Fällt das Anti-lock Braking System ABS im Auto aus, kostet es Menschenleben. Setzen Programme aus, die die Stromversorgung lenken, entstehen enorme Kosten: Der Schaden eines flächendeckenden Stromausfalls im Nordosten Amerikas 2003 wurde etwa auf 4,5 Milliarden Dollar geschätzt. Wie kommt es zu Fehlern in Computersystemen? „Es ist nahezu unmöglich, alle Interaktionen und Prozesse, die gleichzeitig in Computerprogrammen auftreten, bei der Programmierung zu berücksichtigen“, sagt Bloem. Der Programmierer schreibt und testet. „Funktioniert die Software hundertmal, geht man davon aus, dass sie auch beim 101. Mal funktionieren wird.“ Diese Vermutung ist nicht immer richtig. Besonders häufig kommt es zu Fehlern, wenn mehrere Programme gleichzeitig Informationen abrufen wollen. „Kommen vier Autos gleichzeitig an eine Kreuzung, stellt sich die Frage des Vorrangs. Wenn Menschen am Steuer sitzen, finden sie eine Lösung. Computer sind nicht so schlau. Wenn sie nicht sorgfältig programmiert sind, bleiben die vier bis in alle Ewigkeit stehen“, erklärt Bloem. Sind in einem langen Programmcode – jener des aktuellen Windows-
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Mitgründer von ARiSE: Thomas A. Henzinger, Roderick Bloem und Helmut Veith
Betriebssystems wäre ausgedruckt so lange wie die Strecke Wien-Salzburg – die Vorrangregeln nicht für jede Eventualität geklärt, kommt es zum Crash. Diese Fehler vermeiden zu helfen, ist die Absicht der Disziplin „Rigorous System Engineering“. „Programmierung ist im Moment eine Kunst, für die man Inspiration wie Da Vinci braucht“, sagt Bloem. Doch künftig sollte Softwareprogrammierung eher zur Wissenschaft werden. Dazu braucht es mathematische Methoden, um stabile Konstruktionen zu schaffen. Wissen, nicht raten, heißt die Devise.
Fehlerforschung in Österreich Ein neues österreichisches Forschungsnetzwerk plant nun, auf diesem Gebiet der Computerwissenschaft Weltgeltung zu erhalten: Im Cluster „Austrian Rigorous Systems Engineering ARiSE“ bündeln fünf Institutionen und ihre Forscher ihr Wissen: Das Institute of Science and Technology IST Austria mit Thomas A. Henzinger und Krishnendu Chatterjee, die Uni Linz mit Armin Biere, die Uni Salzburg mit Christoph Kirsch, die TU Graz mit Roderick Bloem und die TU Wien mit Helmut Veith, Ulrich Schmidt, Uwe Egly und Laura Kovács. Ziel ist es, die methodische Fehleranalyse zu optimieren. „Es kann kein universelles Prüfprogramm geben, das wir über jede Software legen“, sagt Thomas Henzinger, Präsident IST Austria in Klosterneuburg. Es müsse unterschiedliche Prüfprogramme für unterschiedliche Anwendungsarten geben. Der Weg zur besseren Fehlervermeidung ist work
in progress – mit langen Zeitperspektiven. Schon in den 80ern beschäftigten sich die Forscher Joseph Sifakis und Jean-Pierre Queille in Frankreich sowie Edmund M. Clarke und Allen Emerson in den USA mit „Model Checking.“ Mit dieser Methode sollten Software und Hardware automatisiert analysiert werden. 2007 erhielten die Forscher für ihre Arbeit auf diesem Gebiet den Turing-Preis, eine Auszeichnung vergleichbar mit einem Nobelpreis für Computerwissenschaften. Seit 2000 kommt die Model-Checking-Technik in der Industrie zum Einsatz. Prozessoranbieter wie Intel oder IBM arbeiten mit Entwicklungen, die auf Hardware zugeschnitten sind. „Hardware ist deutlich weniger komplex als Software“, sagt Henzinger. Zur Gründung von ARiSE waren Turing-Preisträger Joseph Sifakis und weitere bedeutende Forscher auf diesem Gebiet bei einem Symposion am IST. „Es geht nicht nur um mathematische Methoden zur Softwareprogrammierung, sondern auch um die Auswirkungen der InformatikGrundlagenforschung auf andere Gebiete“, sagt Henzinger. Biologische Zellen sind Computerprogrammen nicht unähnlich: So bestehen etwa kausale Zusammenhänge in der Zelle – und Zellen interagieren. Die mathematischen Methoden zur Programmentwicklung könnten daher auch angewandt werden, um Signale in Zellen zu verstehen. So sprach etwa David Harel vom israelischen Weizmann Institut über „How can we computerize an elephant?“. ARiSE will Spitzenforscher nach Österreich bringen. Der internati-
onal renommierte österreichische Computerwissenschaftler Helmut Veith ist gerade an die TU Wien berufen worden und spricht von einem „Reverse Brain Drain“. Zwei der drei Österreicher im ARiSE-Netzwerk waren ebenso wie die Nichtösterreicher im Team noch bis vor Kurzem im Ausland tätig: Aus Berkeley, Lausanne, Zürich, München oder Colorado kamen sie nach Österreich, um hier Rigorous Systems Engineering voranzutreiben. Ein Forschungsfeld mit Zukunft: Es gibt ein neues MaxPlanck-Institut in Deutschland und eine junge Einrichtung in Madrid. Das österreichische Netzwerk hat einen Vorsprung gegenüber den europäischen Kollegen: Man hat schon Erfahrung in der Zusammenarbeit.
Mit ARiSE zur Weltgeltung „Unsere Gruppe ist organisch gewachsen“, sagt Veith. „Wir forschen und publizieren seit Jahren gemeinsam und haben auch schon Konferenzen organisiert.“ Durch die Gründung von ARiSE bekommt die Zusammenarbeit einen Namen. Das durchschnittliche Alter der ARiSE-Mitglieder beträgt vierzig Jahre. Sie arbeiten in der Grundlagenforschung ebenso wie an der Ausbildung des Nachwuchses und an der Kommunikation des Fachgebietes. Viermal im Jahr wollen sie einander persönlich treffen, manche im Netzwerk haben einen Jour Fixe: So halten Henzinger und Veith jeden Dienstag gemeinsam mit ihren Gruppen ein Forschungsseminar ab – abwechselnd an der TU Wien und am IST. Auch im Netzwerk bleibt die inhaltliche Unabhängigkeit der einzelnen Forschungsprojekte bestehen. Man arbeitet nach wie vor in erster Linie für die eigene Uni. „Doch Wissenschaft ist immer eine Form der Weiterentwicklung, sie ist aufbauend. Wir müssen uns also austauschen“, erklärt Henzinger. Er hält Zusammenarbeit für einen Schlüsselfaktor in der Wissenschaft. „Bloß im Einzelfall ist es anders, etwa wenn es um eine bahnbrechende, nobelpreiswürdige Erfindung geht.“ Den Gedanken des Austauschs forciert er auch bei seinen PhD-Studenten, die er in das ARiSE-Programm einbindet. „Für den Erfolg eines Forschers zählt die Qualität. Es ist besser, ein gutes Ergebnis mit viel Kooperation zu erzielen, als ein mittelmäßiges Ergebnis im Alleingang.“
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Games sind die kunst unserer zeit
Der Countdown zum Thema sabine edith br aun
Zahl der von der FIFA-Community gespielten WM-Games, die durch die Auswertung von Spielerfeedbacks und dem Reagieren auf Spielerbeschwerden zur Verbesserung beim aktuellen FIFA-WM2010-Spiel beigetragen haben (www.fifa.easports.com)
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Mindestanzahl der in Österreich registrierten e-Sport-Teams (www.esvoe.at)
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Zahl der weltweit verkauften Einheiten von „Wii Sports“ (www.vgchartz.com)
Zahl der Mannschaften, die beim FIFA-2010-Spiel zur Auswahl stehen (das sind sämtliche WM-Qualifikationsteilnehmer inklusive Österreich) (www.fifa.easports.com)
30 260 000
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Zahl der weltweit verkauften Gameboys mit dem Spiel „Tetris“ (www.vgchartz.com)
1 980 000
Zahl der Levels bei „Bubble Bobble“ (Wikipedia, „bubble bobble“)
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Zahl der weltweit verkauften Spiele „Harry Potter and the Chamber of Secrets“ (www.vgchartz.com)
Zahl der in Österreich verkauften Spiele in Prozent, die von der USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) für unter 16-Jährige freigegeben sind (www.bupp.at)
203 000
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Rekordzahl an Besuchern auf der Leipziger Games Convention, erreicht im Jahr 2008 (Wikipedia, „online games“)
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Zahl der Personen, die im Jahr 2009 als aktive Sportler bei der Electronic Sports League, der größten österreichischen Liga für e-Sport, registriert waren (www.game-city.at)
18 000
Zahl der Titel an Videospielen, die in der KLOV (Killer List of Videogames) zur Katalogisierung von Arcade-Spielen aus Vergangenheit und Gegenwart aufgelistet sind (Wikipedia, „killer list of videogames“)
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Rekordzahl an Computern, die auf der DreamHack im Winter 2007, einer LAN-/Demoparty im schwedischen Jönköping, in einem Netzwerk zusammengeschlossen waren (Wikipedia, „dream hack“)
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Jahr, in dem die Leipziger Games Convention zum ersten Mal stattfand (Wikipedia, „online games“)
1996
Geburtsjahr von „Tomb Raider“ (Wikipedia, „tomb raider“)
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Jahr, in dem die erste LAN-Party stattfand – gespielt wurde MIDI-Maze für Atari ST (Wikipedia, „LAN-Party“)
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Prozentzahl des Ausmaßes, in dem der Faktor „Spielspaß“ im Zuge des Positivprädikatisierungsverfahrens von Computer- und Konsolenspielen durch die BuPP (Bundesstelle für Positivprädikatisierung von Computer- und Konsolenspielen) berücksichtigt wird (www.bupp.at)
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Prozentzahl des Ausmaßes, in dem der Faktor „Pädagogik“ im Zuge des Positivprädikatisierungsverfahrens von Computer- und Konsolenspielen durch die BuPP berücksichtigt wird (www.bupp.at)
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Zahl der Versionen, die es von „Prince of Persia“ gab, seit das Spiel 1989 veröffentlicht wurde (Wikipedia, „prince of persia“)
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Prozentzahl des Ausmaßes, in dem der Faktor „Technik und Ausstattung“ im Zuge des Positivprädikatisierungsverfahrens von Computer- und Konsolenspielen durch die BuPP berücksichtigt wird (www.bupp.at)
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Zahl der Schritte, die ein Begutachtungsverfahren der BuPP umfasst (www.bupp.at)
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Zahl der Qualifikationsturniere, auf denen die Finalisten für die im Herbst stattfindende Game City 2010 im Wiener Rathaus ermittelt werden (www.esvoe.at)
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GAMES SIND DIE KUNST UNSERER ZEIT Zu den Fotos des Themas „Bekämpfe riesige und furchterregende Kreaturen“, fordert der Text zum Game „Dragon Age: Origins“. Gemeint sind damit aber nicht die Finanzkrise oder die Ölpest im Golf von Mexiko. „Entfessle legendäre Kräfte“, fordert der Text weiter. In den USA gibt es Vorschläge, die lecke unterseeische Ölquelle mit einer Atombombe zu schließen. Kein Wunder, dass sich viele Menschen nach virtuellen Kämpfen mit Drachen sehnen.
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„Dragon Age: Origins“ von BioWare für Electronic Arts. Ein Game für PC, PS3 und Xbox 360
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Oasen im Alltag Welche Bedeutung haben Computerspiele für Jugendliche und Erwachsene? Ale x andr a Aurelia Neme th
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omputerspiele gehören längst zum Alltag des 21. Jahrhunderts. Dass sie für die Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen verantwortlich sein sollen, lesen wir in einschlägigen Medien. Aber was, wenn Games auch eine Bereicherung im Alltagsleben darstellen? Was, wenn Wissenschaftler der Meinung sind – entgegen allen bisher geführten Diskussionen –, dass Videospiele vorwiegend dem Lernen dienen? Eine Studie der Universität Wien unter 12- bis 14-Jährigen zeigt, dass „Computerspiele für Kinder und Jugendliche vorwiegend zwei Funktionen erfüllen. Erstens sollen sie Spaß machen. Und zweitens will die junge Generation eine gute Leistung bringen“, sagt Eva-Maria Schiller vom Arbeitsbereich Bildungspsychologie und Evaluation der Fakultät für Psychologie an der Universität Wien. Etwas zu schaffen, steckt in uns Menschen. Warum also nicht auch mittels Computerspielen? „Kinder und Jugendliche wollen ihr Game gut beherrschen und sie wollen etwas schaffen. Hingegen wird Spielen aus Langeweile oder zum Stressabbau kaum angeführt.“ Ein gutes Beispiel für „etwas schaffen und Leistung erbringen“ ist das neu aufbereitete Spiel „Prince of Persia“ vom Entwickler ubisoft. Der Spiel-Hit aus den
„Spielen aus Langeweile wird von Kindern kaum als Motiv genannt“ Eva-Maria Schiller, Psychologische Fakultät der Uni Wien
„Viele Erwachsene haben ein schlechtes Gewissen beim Spielen“ Peter Purgathofer, Institut für Gestaltungsund Wirkungsforschung der TU Wien
80ern erobert die Herzen der Action-Liebhaber nicht nur auf der Kinoleinwand, sondern auch in einem mehrteiligen Game. Im Spiel geht es darum, die Wand rauf- und runterzuspringen und dabei Gegner auszuschalten, um seine große Liebe in nur sechzig Minuten zu befreien. Nicht nur die Motorik wird trainiert, sondern auch das logische Denken. Natürlich dürfen auch hier Emotion und Spannung nicht fehlen. Konstantin Mitgutsch vom MIT ist davon überzeugt, dass „Computerspiele im 21. Jahrhundert zum Leitmedium geworden sind. In Spielen leben Menschen ihre Bedürfnisse aus, erproben Unbekanntes, lernen über sich und die Welt und kommunizieren miteinander.“ Apropos Unbekanntes erproben: Sind Sie schon einmal im Alltag eine Wand raufund runtergelaufen wie der persische Prinz im Game? So lässt sich die Faszination von Computerspielen womöglich veranschaulichen: Im Game kann und darf man all das, was man im täglichen Leben niemals machen würde. Peter Purgathofer von der TU Wien arbeitet am Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung. Er ist davon überzeugt, dass „Spiele genauso wie alle anderen Medien zum Zielobjekt von Realitätsflucht werden. Dies ist sicherlich ein Aspekt.“ Er schlägt daher vor, „klare Grenzen zu set-
zen, insbesonders seitens der Eltern.“ Die Zeit beim Game müsse mit Sport- und Outdooraktivitäten ausgeglichen werden. Auch der kulturelle Aspekt spielt laut Purgathofer bei Games eine wesentliche Rolle: „Computerspiele sind in erster Linie einmal Spiele. Spielen ist in unserer Kultur anders als in asiatischen Ländern erst einmal Zeitverschwendung. In diesem Sinne haben viele Erwachsene ein schlechtes Gewissen beim Spielen.“ Dazu bestehe jedoch kein Grund. Denn „digitale Spiele bieten ein hohes Maß an Handlungsfähigkeit und damit Selbsterfahrung“. Manchmal sei auch von Volksverdummung durch Games die Rede. Dazu gäbe es keine schlüssigen Studien. Laut Purgathofer wurde bis jetzt „jedem neuen Medium Volksverdummung vorgeworfen. Im Endeffekt stellt sich immer heraus, dass zwar Veränderungen passieren, diese aber etwas Gutes bedeuten.“ Konstantin Mitgutsch bringt die Diskussion rund um Computerspiele und ihre Bedeutung für die Menschen auf den Punkt: „Wurden Spiele vor zehn Jahren verflucht, werden sie nun plötzlich als Wundermittel propagiert. Politiker bieten Games heute als Werbezwecke an.“ Mitgutsch betont, dass „Computerspiele weder Teufelswerkzeug noch Allheilmittel sind. Eher Oasen in unserem Alltag.“
Gärten, Katastrophen enn zu Beginn des 20 Jahrhunderts W bei Anton Tschechow oder Robert Musil von Gärten die Rede ist, sind bloße Exile der Heiterkeit längst verwehrt. Musil, der Autor des Möglichkeitssinnes, entlässt die Protagonisten seiner ekstatischen Atemzüge eines Sommertages in die Katastrophe des Ersten Weltkrieges; hinter Doktor Tschechows Fin-de-siècle-Slogan „Ganz Russland ist unser Garten“ warten die Verwüstungen durch Fünfjahrespläne und Terror im Namen von Industrialisierung. Hitlers Ankündigung, die Ukraine in einen „blühenden Obstgarten“ zu verwandeln, hieß Massenmord. Der in Stanford lehrende Romanist Robert Harrison holt in seiner kulturwissenschaftlichen Studie „Gärten“ mit dem Untertitel „Ein Versuch über das Wesen der Menschen“ weit aus. Kein modischer Gartenfimmel mit gelehrtem Dekor, kein künstlerischer Schnickschnack à la „guerilla gardening“, auch wenn es um Ghetto-
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Robert Harrison Gärten Ein Versuch über das Wesen der Menschen Carl Hanser Verlag München 2010
gärten New Yorker Obdachloser geht. In gut amerikanischer Tradition ist der Rückzug für Harrison Politik: Garten bedeutet nicht paradiesischen Müßiggang, vielmehr ist er Gegenstand der Sorge, in der sich die vita activa (Hannah Arendt) des Menschen entfaltet. Im Gilgamesch-Epos, bei Homer und in der Bibel, in den Akademien Platons und Epikurs über den mittelalterlichen Klostergarten, bei Dante und dem Versailles von Ludwig XIV. wird ein Grundmuster erkennbar: Die Vertreibung aus dem Paradies bedeutet Gewinn an Wirklichkeit. Und: Pflege wie Verwüstung haben denselben Ursprung – es geht nicht nur darum, die Welt zu verschonen, es geht um keine bloße Sollensethik. Was wäre Nachhaltigkeit? Der Lyriker und Essayist Michael Hamburger (1924–2007), der 1933 vor den Nazis nach England floh und dort Übersetzer von Hölderlin und Paul Celan wurde, lie-
fert das konkrete Beispiel. Vor Jahrzehnten schon legte Hamburger neben seinem Haus in Suffolk einen Garten an, dessen Apfelbäume – wider alle Regeln der Kunst – nie veredelt wurden. Äpfel wurden gar aus Kernen gezogen, Wildpflanzen blieben verschont. Der Garten war für den Lyriker „Arbeitsstätte nach dem Sündenfall“, an der er seine „Pflicht getan und die Natur genutzt“ hat. Dass die Gartenwirtschaft „einen Wunsch nach dem Paradies“ darstellte, war ihm klar – die daraus resultierende (unerfüllbare) Spannung ließ ihn umfangreiche Zyklen an Natur- und Baumgedichten schreiben. In einem Fall, so Hamburger, wäre er dennoch der Versuchung erlegen: „Wenn ich aber jene Frucht, die Eva dem Adam reichte, in meinem Garten anpflanzen könnte, wäre sie das Kernstück meiner Sammlung.“ Ob dann noch Gedichte entstanden wären?
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Erich Klein
F o t o s : M a s s a c h u s e t t s I n s t i t u t e o f T e c h n o l o g y , USA , U n i W i e n , p r i v a t , h a n s e r
Kulturwissenschaften Der Romanist Robert Harrison und der Dichter Michael Hamburger widmen sich dem Garten
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GAMes sind die kunst unserer zeit Kommentar Dichter, Denker, Spieler
Grafikkabinett Püribauers Tierversuche
Lottospiele er i ch k le i n
„Computerspiele sind im 21. Jahrhundert zum Leitmedium geworden. Darin leben Menschen ihre Bedürfnisse aus“ Konstantin Mitgutsch, MIT
Illus t ra t i o n : B er n d P ür i bauer
Freihandbibliothek Buchtipps von Emily Walton Was macht ein gut gestaltetes Spiel aus? Jesse Schell, ehemals Vorstand der International Game Developer’s Association, stellt in „The Art of Game Design. A Book of Lenses“ die grundlegenden Prinzipien des Game-Designs vor. Nur wer sein Spiel durch verschiedene Linsen betrachtet – aus der Sicht der Psychologie, der Musik, der Narrative, der Architektur, der Anthropologie –, kann Wirkung erzeugen. Ein praxisnahes Nachschlagewerk für Anwender, aber auch für Interessierte. F o t o s : r o r o r o , mi t p r e s s , m o r g a n k a u fm a n n , S t . M a r t i n ‘ s P r e s s
F o t o s : M a s s a c h u s e t t s I n s t i t u t e o f T e c h n o l o g y , USA , U n i W i e n , p r i v a t , h a n s e r
Ansichtssache: Blickwinkel im Game-Design
Jesse Schell. The Art of Game Design. Morgan Kaufmann. 512 Seiten. 2008
Spiele erobern das Wohnzimmer: Ein Überblick über die Game-Revolution
Computerspielen, in denen es vordergründig um Spaß geht, wird oft nachgesagt, sie seien wenig anregend, wenig inspirierend, trivial. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul beweist in „A Casual Revolution“ das Gegenteil und zeigt, wie die modernen „Casual Games“ die Gesellschaft (in allen Altersschichten) und die Alltagskultur prägen. Juul verwebt Interviews mit Produzenten und Analysen zur Spielerstruktur und zur Machart der Spiele zu einem Stück „Game-Forschung“. Jesper Juul. A Casual Revolution. Reinventing Video Games and Their Players. Mit Press. 256 Seiten. 2009
Unser Ursprung liegt im Spiel
Elemente des Spiels finden sich überall: in der Politik, in der Sprache, in der Wissenschaft. Der niederländische Historiker und Anthropologe Johan Huizinga legte schon in den 1930ern diese Theorie in „Homo Ludens“ vor. Heute gilt sein Buch als Schlüsselwerk zum Thema Spiel. Huizinga begründete eine kulturanthropologische Theorie, die neben dem Denker (homo sapiens) und dem Tätigen (homo faber) auch den Spieler (homo ludens) sieht. Präzise zeigt der Holländer, wie der spielende Mensch durch seine Lust und Fähigkeit zum Spiel die Gesellschaft prägt. Johan Huizinga. Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. Rororo. 256 Seiten. 2004
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Lerneffekte bei Computerspielen
Es geht längst nicht nur um Gewalt. James Paul Gee will weg vom „BrutalitätsImage“ der Computerspiele und beleuchtet in „What Video Games Have to Teach Us About Learning and Literacy“ die positiven Seiten der Computerspiele. Sein Ziel: die Lerneffekte zu analysieren. Wie gehen Menschen an Spiele wie „World of Warcraft II“ heran? Wie interpretieren sie diese? Was lernen sie im und über das Spiel? Gee entwickelt Lerntheorien, die auch in der realen Welt Gültigkeit haben. James Paul Gee. What Video Games Have to Teach Us About Learning and Literacy. St. Martin’s Press. 256 Seiten. 2008
otterie ist die radikalste Form des SpieL les. Gott ließ das Land Israel unter dessen Söhnen per Los aufteilen, das Verfah-
ren wandten auch römische Soldaten an, um zu entscheiden, wer Jesu Mantel, den sie nicht zerschneiden wollten, bekommen sollte. Um zu verhindern, dass die Besatzung seines Schiffes ihre Beute sofort verspielte, ließ Alonso de Contreras (1582– 1641), spanischer Abenteurer der frühen Neuzeit, Karten und Würfel über Bord werfen; sogleich erfanden die Matrosen ein neues Spiel: Gewonnen hatte, wessen Laus als erste aus dem auf einen Tisch gezeichneten Kreis kroch. Im 17. Jahrhundert verbreiten die Soldaten des Dreißigjährigen Krieges das Glücksspiel über ganz Europa – das theoretische Problem, Gewinne richtig zu verteilen, führte zur Entwicklung der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Blaise Pascal formulierte seine berühmte Wette zum Gottesbeweis um: Wer glaubt, er habe „unendlich viele, unendlich glückliche Leben zu gewinnen, die Wahrscheinlichkeit des Gewinns steht einer endlichen Zahl der Wahrscheinlichkeit des Verlustes gegenüber.“ Leibniz‘ Idee, für den Zufall ein Formelwerk zu finden, beruhte auf der Vorstellung, dass ein wohlwollender Gott mit der Schöpfung nicht „sein Spiel treibt“. Der erfolgreiche Versuch, den Zufall aus der Sphäre des Okkulten in den Bereich wissenschaftlichen Verstehens zu überführen, setzte im 18. Jahrhundert eine bis heute wirksame Dialektik der Aufklärung in Gang. Um den Normierungen des Alltages zu entfliehen, steht im Zentrum aller romantischen Kultur das Spiel mit der Unberechenbarkeit. Deren existenzialistische Variante beschrieb Fjodor M. Dostojewskij (1821– 1881), dessen Biographie allein Anlass genug zur Radikalität war. Als achtundzwanzigjähriger Revolutionär zum Tode verurteilt, im Angesicht des Erschießungskommandos begnadigt und verbannt, besuchte der russische Autor mehrfach die Zentren des europäischen Glücksspieles. An seinen Sohn schrieb er im August 1863 aus Wiesbaden: „Sowie ich gestern Abend zum grünen Tisch trat und anfing, Geldhaufen an mich zu raffen … war meine Liebe auf den zweiten Platz zurückgetreten. Könnte es denn sein, dass ich ein Spieler bin?“ Auch wenn Dostojewskij gegen notorischen Geldmangel anspielte – niemand brachte wie sein Roman „Der Spieler“ Dynamik und Rausch des Vorganges auf den Punkt:„Mit Schrecken erkannte und fühlte ich für einen Moment, was es für mich bedeutete, wenn ich jetzt verlor! Mit diesem Einsatz stand mein ganzes Leben auf dem Spiel!“ Die Botschaft, dass nur gewinnt, wer verliert, war außer Kraft gesetzt.
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Games – die kunst unserer Zeit
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m es endlich einmal herauszusagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, schrieb Friedrich Schiller in seinen „Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen“ – ein Ansatz, der heute vielleicht aktueller ist denn je. Denn: Der Mensch spielt und der Computerspielmarkt boomt. Über fünf Millionen Computerspiele werden pro Jahr in Österreich verkauft, fast 280 Millionen Euro setzt die Branche jährlich um. Computerspiele sind zu einem der ökonomisch bedeutendsten Bereiche der globalisierten Unterhaltungsindustrie aufgestiegen. Dennoch wird vielerorts ihr wahrer Wert, nämlich der gesellschaftspolitische, unterschätzt.
Sind Computerspiele Kunst? Um diese Frage zu beantworten, bedarf es einer Definition des Computerspiels – schwierig. Zu groß ist der Unterschied zwischen den Games. Man spielt Tennis auf einer Konsole, rettet afrikanische Flüchtlinge oder heiratet in einer virtuellen Welt. Wo ist da der gemeinsame Nenner? Gemein ist ihnen, dass sie „Spiele“ sind, von ähnlichem Charakter wie herkömmliche Brettspiele. „Der Unterschied liegt darin, dass sich ein Computerspiel eines elektronischen Mediums bedient und Feedback auf einem Bildschirm bietet“, sagt Herbert Rosenstingl, Leiter der Bundesstelle für Positivprädikatisierung von Computerspielen und Konsolen (BuPP). Medienpädagoge und Computerwissenschaftler Konstantin Mitgutsch, derzeit Researcher am MIT in Boston, geht mit seiner Definition einen Schritt weiter: „Computerspiele sind virtuelle Erfahrungsräume, in denen sich der Spielende nicht notwendigen, aber stimulierenden Herausforderungen in befriedigender Art und Weise stellt.“
Spiel ist nicht gleich Spiel „Das Spielen an sich ist ein kulturelles Bedürfnis des Menschen“, sagt Susanne Rabler vom Institut für Soziologie an der Uni Wien. Der niederländische Anthropologe Johan Huizinga, an dem sich viele österreichische Wissenschafter orientieren, charakterisiert zwei Arten des Spiels: Es gibt Spiele, die den Wettkampf in den Vordergrund stellen, und Spiele, die die Darstellung, den Spaß, betonen. „Spiel und Spielzeug würde man auf Deutsch sagen“, so Rosenstingl. Im Englischen gibt es eine differenziertere Bezeichnung: Game und Toy. Computerspiele sind von ihrem Wesen her Games. Mit Einführung der japanischen Konsole Wii Ende 2006 kam unter Computerexperten die Diskussion auf, ob die Nintendo-Konsole und die dazugehörigen Spiele in ihrem Wesen nicht eher Toys ähneln. Wenn man mit der Familie im Wohnzimmer Golf mit einem Plastikschläger über einen Bewegungssensor spielt,
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geht es um Fun, ein Toy-Attribut. Unabhängig von Gaming-Erfahrung kann jeder diese Spiele beherrschen, während der wahre Gamer sich in ein Computerspiel hineinsteigert und sich Strategien aneignet, um es zu bestehen. Die Meinungen, was WiiSpiele sind, gehen auseinander. Für den Spielexperten Rosenstingl sind Wii- oder ähnliche Spiele eindeutig Games: „Man spielt nach wie vor um das beste Ergebnis.“
The Winner takes it all Das „Gewinnen-Wollen“ unterscheidet das Computerspiel von anderen Medien. Wer über Woody Allen lacht, will nicht siegen. Und bei Schnitzler geht es nicht darum, das Buch möglichst schnell zu lesen. Trotzdem gefällt’s. Beim Computerspiel ist es anders. „Sie können zusehen, wie die Tetris-Blöcke bis zum Game Over hinunterpurzeln“, sagt die Soziologin Rabler. „Aber das werden Sie nur als wenig befriedigend empfinden.“ Auf den Einzelnen wirkt das Spiel erst, wenn er interagiert. Damit er das tut, muss ihn das Spiel herausfordern. Ist das Spiel zu leicht, ist es nicht stimulierend. Ist es zu schwer, gibt man auf. „Es muss eine Balance zwischen Anforderung und individuellem Können geben“, sagt Rosenstingl. Manche Spiele wie „Mariokart“ arbeiten mit einer automatischen Schwierigkeitsanpassung – damit der Spieler befriedigt wird. Die Befriedigung unseres Spielbedürfnisses sehen die Forscher als primäres Spielmotiv. Von der Umwelt wird dieses Motiv oft falsch interpretiert. „Eltern glauben, ihre Kinder seien gewalttätig, weil sie Zeit mit Kampfspielen verbringen“, sagt Medienpädagoge Mitgutsch. „Dabei geht es den Jugendlichen nicht um Gewalt. Es geht darum, mit anderen um Punkte zu spielen, Teil einer Gemeinschaft zu sein.“ Bei diesen Spielen erwerben Kinder Wissen über Waffen – das ist bedenklich. Die Wissenschaft erkennt keinen primären Zusammenhang zwischen dem Konsum medialer Gewalt und Gewalthandlungen. Manche gehen aber davon aus, dass Gewaltdarstellungen auf bestimmte Individuen (etwa Problemgruppen aus Subkulturen) Wirkung haben. Nach dem deutschen Amoklauf in Winnenden 2009 wollte man Gewaltspiele in Deutschland verbieten – obwohl beim Täter kein einziges Killerspiel gefunden wurde. Die Politik entschied sich dagegen. Zu tief sind Computerspiele in der Alltagskultur verwurzelt.
Onlinegames beginnen sich international als erste Kunstform des 21. Jahrhunderts zu etablieren. Österreichische Wissenschaftler arbeiten daran mit
Salzburger Künstler in „Frontiers“
Computerspiel als Kunst
Spiele sind Herausforderung, Zeitvertreib, Gesellschaft. Aber sind sie auch Kunst? „Sie sind ein Möglichkeitsraum. Sie lassen uns auf eine nicht reale Welt blicken, die uns an neue Konzepte der Welt und des Individuums führt“, sagt Mitgutsch. „Und genau dieses Kriterium macht ein Computerspiel zur Kunst.“ Auch für Rosenstingl ist dieses „etwas Neues schaffen“ der Faktor,
der aus einem Computerspiel Kunst macht. Assoziationen, Emotionen und neue Ideen werden hervorgerufen. Inwieweit dies tatsächlich passiert, hängt zunächst von den Intentionen der Spielemacher ab. Sie variieren. Die einen haben eine klare Absicht, die anderen eine versteckte Botschaft. Manche wollen die Welt verbessern, viele nur Geld verdienen. Trifft auf ein FIFA-Game, eine erfolgreiche Fußballspiel-Serie, das Prädikat „künstlerisch wertvoll“ zu? „Nein“, sagt Wissenschaftler Mitgutsch. „In solchen Spielen werden nur Gewohnheiten nachgeahmt.“ Selten geht es im Mainstream darum, Veränderung zu bewirken. Selten geht es darum, Irritation zu erzeugen – auch wenn es vordergründig so scheint: Das Spiel „Call of Duty: Modern Warfare II“ irritierte etwa mit seinen Gewaltszenen. „Dennoch ist es noch lang keine Kunst“, sagt Nikolaus König vom Initiativkolleg „Sinne-Technik-Inszenierung“ der Uni Wien. „Es fehlt das Potenzial, dass die Gesellschaft Gewalt wirklich in Frage stellt.“ Das Ausmaß der Irritation basiert hier auf Kommerziellem: Der Produzent will so weit schockieren, dass jeder über das Spiel spricht, es spielen und haben will.
60 Jahre nach der Geburt des Genres wird nun ersten Spielen Kultstatus verliehen
Abseits der breiten Masse gibt es Spiele, die andere Absichten verfolgen. Das Spiel „Frontiers“ von der Salzburger Künstlergruppe „gold extra“ thematisiert den „Eisernen Vorhang“ zwischen Nordafrika und Europa. Es geht darum, Flüchtlingen den Weg in die EU zu ermöglichen. Dazu waren die Entwickler zur Recherche vor Ort. Es gibt zwei Möglichkeiten, das Spiel zu interpretieren: Als Ego-Shooter oder als Politikum – auf der Website gibt es Dokumentationen zum Thema. Wie es rezipiert wird, entscheidet der Einzelne. Rosenstingl: „Leider kann das fiktive Element im Spiel daran hindern, zum Nachdenken anzuregen.“ Nicht immer hat ein Spiel eine so starke politische Grundlage, dennoch kann es Wirkung erzeugen: Im Spiel „ICO“ muss der Gamer etwa ein Mädchen beschützen, damit es nicht in eine Geisterwelt abdriftet. „Es wird beständige Reflexion erfordert. Wie kann ich andere mit meinen Handlungen beeinflussen?“, beschreibt Rosenstingl die Erfahrung. Peter Purgathofer vom Institut für Gestaltungs- und Wirkungsforschung der TU Wien nennt das Spiel „Passage“: Es geht um den Prozess des Alterns, also Themen, die uns im Alltag beschäftigen. Sie werden in die Geschichte des Spiels eingebettet. Ein Großteil der Spiele hat ein narratives Element. „Es gibt aber auch Spiele, in denen sich der Spieler selbst die Umstände erklären muss“, sagt Purgathofer. Im Spiel „Lode Runner“ etwa schießt man Löcher in den Boden, ohne dass es einen Kontext
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Games – die kunst unserer Zeit
e Kunst unserer Zeit gibt. Die Geschichte rundherum muss jeder für sich selbst erklären. „Für die Ludologen ist das narrative Element weitgehend unwichtig“, sagt der Wirkungsforscher. Er selbst teilt diese Meinung nicht. Eine narrative Seite sei wichtig, um dem Spieler Werte und Einstellungen zu vermitteln. Die Randgruppe der „Art Games“ verzichtet häufig auf narrative Elemente: Spielemacher arbeiten hier an der Kunstform des Spiels an sich. „Solche Art Games sind oft bar jeden Inhalts“, sagt Purgathofer. Im Spiel „Vanitas“ liegen beliebige Gegenstände in einer Kiste: ein Schloss, ein Totenschädel, eine Blume. Es geht um Ästhetik, um das Regelsystem des Spiels und um die Ausdrucksform. „Viele verwechseln Art Games mit guter Grafik“, sagt Doris Rusch, ComputerGames-Expertin, Germanistin und Philosophin am MIT Boston. „Im Gegensatz dazu sind Art Games pixelig. Sie haben wenig mit großer Technologie zu tun.“ Gerade wenn von der Kunstfertigkeit in einem Spiel gesprochen wird, wird der Fokus oft auf den audiovisuellen Repräsentationscharakter des Spiels gelenkt. „Das ist nicht Kunst, sondern Handwerk“, sagt Computerwissenschaftler Mitgutsch. Dieses wird in der Industrie zunehmend bedeutender. „Es zielt aber nur auf Absatz.“ Auf dem freien Computermarkt siegt nicht jener Anbieter, der am kreativsten ist, sondern der, der die – teuersten – technologischen Neuheiten implementiert.
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Kunst für die Nachwelt „Es ist natürlich denkbar, dass irgendwann, vielleicht in vierzig Jahren, auch manche der Mainstream-Spiele als Kunst gelten“, sagt die Game-Expertin Rusch. Kunst sei eine Frage der Interpretation des Individuums, eine Frage der Intention des Produzenten und eine Frage der Zeit. Computerspiele sind eine verhältnismäßig junge Disziplin. 1958 wurde das Spiel „Tennis for Two“ programmiert. „Allerdings spielte man nicht gegen den Computer, sondern gegen einen anderen Spieler. Das Medium hat nur für visuelles Feedback gesorgt“, sagt Rosenstingl. In den 60ern folgte das erste Spiel, das auf einem Computer programmiert wurde: „Spacewar“. In den 70ern gab es die ersten Computerspiele in Spielhallen, den Durchbruch ins Wohnzimmer schafften die Games 1975 mit „Pong“: Tennis auf einer Konsole (ein Nachfolger von „Tennis for Two“). Danach kamen „Tetris“, „SuperMarioBros.“, „SimCity“. Heute sind diese Spiele in ihrer Originalversion museumsreif.
Kultgames kommen ins Museum 60 Jahre nach der Geburt des Genres wird nun ersten Spielen Kultstatus verliehen. Für die Library of Congress stellte Henry Lowood, Verwalter der Wissenschafts- und Technologiesammlung der Stanford Uni-
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Die Gruppe jener, die sich mit tiefgründigen Spielen beschäftigen wollen, wird stark wachsen
„In ,Grand Theft Auto IV‘ ist eine Mediensatire eingebaut“ Herbert Rosenstingl, Leiter der Bundesstelle für Positivprädikatisierung von Computerspielen und Konsolen
„Viele verwechseln Art Games mit guter Grafik“ Doris Rusch, Computer-GamesExpertin am MIT
„Eltern glauben, ihre Kinder seien gewalttätig, weil sie Zeit mit Ego-Shootern, Kampfspielen, verbringen“ Konstantin Mitgutsch, Researcher am MIT
versity, einen Games-Kanon zusammen – auch um die historische und kulturelle Bedeutung der Spiele zu unterstreichen. Dass ein Spiel wie das Killerspiel „Doom“ dazugehört, wird damit begründet, dass es ein entscheidender Schritt in der technischen Entwicklung der Computerspiele war. Im deutschsprachigen Raum ist die Angst vor der Gewalt(debatte) nicht überwunden: Beim Deutschen Computerspielpreis 2010 wurde „Anno 1404“, freigegeben ab sechs Jahren und ohne Gewaltszenen, prämiert. „Dragon Age“ oder „Unchartered II“ enthalten zu viele Waffen. Das Kulturministerium begründete die Entscheidung damit, dass man beim Preis „pädagogisch und künstlerisch wertvolle“ Spiele prämiere. Für die heimischen Forscher sind es die Kriterien „einzigartige Spielkonzepte“ und die besagte „Schaffung von Neuem“, die ein Spiel rühmenswert und für die Nachwelt interessant machen. Das sind aber jene Faktoren, die die marktorientierte Spieleindustrie weitgehend außer Acht lässt. Sie berücksichtigt Kundenwünsche. „Innovation wird durch zu starke Kundenorientierung zum Risiko“, sagt GameExperte Mitgutsch. Die Philosophin Rusch glaubt sogar, dass manche Spieleproduzenten bewusst von der künstlerischen Intention ablenken, um ein Spiel erfolgreicher zu vermarkten. „Das Spiel ,Dantes Inferno‘ basiert auf Dante Alighieris ,Göttlicher Komödie‘. Es wurde gemacht, um an die intellektuelle Kultur anzuknüpfen, wird jedoch nicht so vermarktet.“ Die Produzenten fürchten, es würde sich nicht verkaufen. „Man mutet den Spielern keinen tieferen Sinn zu“, sagt Rusch. „Aber die Gruppe jener, die sich mit tiefgründigen Spielen beschäftigen wollen, wird stark wachsen.“
zeit wenig Verantwortungsbewusstsein“, sagt der Spieleprüfer Rosenstingl. Initiativen wie „Games for Change“ machen sich für die sozialen Werte in Spielen stark. Denn Werte gibt es in nahezu jedem Spiel, wenn auch versteckt: „Wenn der Spieler nur ans Ziel kommt, indem er mit anderen zusammenarbeitet, werden kooperative Werte vermittelt“, sagt Rusch. Werte werden auch durch das übertragen, was gezeigt wird: So sind Homo-Ehen bei „Sims“ erlaubt – ein Statement des Produzenten. „Die Gesellschaft wird nicht mehr an Computerspielen vorbeikommen“, sagt die Soziologin Rabler. Die ökonomische Wirkung der Spiele ist zu groß. „In irgendeiner Form ist jeder mit Computerspielen konfrontiert. Wenn man selbst nicht spielt, spielt der Sohn oder der Nachbar.“ Die Medien wagen sich zaghaft an das Thema heran. Es gibt Rankings der Konsolen, Rezensionen der Spiele. Noch wird meist der Hardcore-Gamer angesprochen. Doch die Experten fordern mehr Diversität von den Medien. „Im Fernsehprogramm werden Dokus oder Familienfilme besprochen. Auch im Games-Bereich sollte es vielfältige Besprechungen geben“, sagt Rosenstingl. Viele Kritiker konzentrieren sich stark auf die technischen Aspekte oder auf die Gewaltrate. Bei der Besprechung des Spiels „Grand Theft Auto IV“ wird die Brutalität in den Vordergrund gestellt. Einerseits zu Recht: Der Protagonist läuft mordend durch die Straßen. Er kann aber auch, wenn er zu Hause in seiner Wohnung ankommt, auf der Coach liegen und durch die virtuellen Fernsehprogramme zappen. „Hier ist auch eine Mediensatire eingebaut, das wird in den Rezensionen aber nicht erwähnt“, sagt Rosenstingl.
Spielkunst wird in England gelehrt
Der wachsende Games-Markt macht politische Maßnahmen notwendig – vor allem, um Verständnis für das Kulturgut zu schaffen. „Es braucht Pädagogen und Pädagoginnen in der Schule, die den Jugendlichen Medien nahe bringen“, sagt Rosenstingl. Schüler lernen, ein Buch aufzuschlagen und zu analysieren, ob es Prosa oder Lyrik ist. Mit Computerspielen und deren Wirkung beschäftigt man sich seltener. Der Games-Experte Konstantin Mitgutsch wünscht sich zudem Förderung für die kleinen Spieleentwickler. „Es liegt an den Independent Game Developer, Spiele mit tieferem Sinn zu entwickeln. Den meisten fehlt das Geld.“ Bis es ein Modell zur Förderung gibt, machen große Firmen Spiele, die selten künstlerisch anspruchsvoll sind. Microsoft, Nintendo und EA sind nicht die Rembrandts oder Mozarts des 21. Jahrhunderts, meint er. Soll nicht heißen, dass große Künstler nicht aus der Games-Industrie kommen werden. „Wer das sein wird, werden wir erst im 22. Jahrhundert erfahren.“
Der Spielemarkt ist im Wandel. Das beeinflusst auch die Ausbildung. Studiengänge wie etwa „Applied Game Studies“ bilden Nachwuchs aus, der einen breiten Blick auf Computerspiele hat. Der angelsächsische Raum ist voraus: An der University of Salford gründete der Österreicher Mathias Fuchs, vormals Lektor an der Universität für angewandte Kunst, den Studiengang „Creative Games“: vor allem, um Kreativität im Spiel zu fördern. Auch gibt es in England Universitätskurse zum Thema „Value at Play“: Hier kommen Game-Designer mit unterschiedlichem Hintergrund zusammen – vom Astrophysiker bis zum Philosophen. Man will sich austauschen, gesellschaftspolitische Fragen aufwerfen. „Je mehr Leute sich mit Computerspielen beschäftigen, desto mehr wird der Markt aufbrechen“, meint die Philosophin Rusch. Und umso mehr verantwortungsbewusste Game-Developer wird es geben. „Die großen Spieleproduzenten zeigen der-
Spiele sollten Lehrstoff sein
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Virtuelle Spiele in der Wirklichkeit Laur a Ari
Videospiele beeinflussen Kulturen weltweit, entwickelten sich zum Massenmedium und halten Einzug in die Wissenschaft. Wie aber sieht es mit der Erforschung von Computerspielen und deren Verbindung zur Kunst in Österreichs Wissenschaftsbetrieb aus? Michael Wagner, Leiter des Fachbereiches „Applied Game Studies“ des Departments für Bildwissenschaften an der Donau Universität Krems, meint: „Die Einstellung zu den Game Studies ist sehr gemischt. Zum einen haben wir in Österreich einen hoch qualifizierten wissenschaftlichen Nachwuchs, der international anerkannt ist und über den Österreich sich zu einem der wissenschaftlichen Zentren der Game Studies entwickeln könnte. Zum anderen aber zeigen die heimischen Universitäten immer noch große Berührungsängste mit dem Spiel als wissenschaftlichem Thema.“ Alois Ferscha, Vorstand des Instituts für Pervasive Computing an der Johannes Kepler Universität Linz, erinnert sich: „Es war am Anfang nicht leicht, weil sich unter dem Begriff niemand Konkretes vorstellen konnte und das Gebiet als wissenschaftliches Fach bei Weitem nicht entwickelt war.“ Im Jahr 2000 begann er nach Aufforderung durch die Uni das Institut aufzubauen. Akademisch ist dessen Ausrichtung dem „Ubiquitous Computing“ zugeordnet. Dieser von Mark Weiser am PARC in Palo Alto 1988 geprägte Begriff umschreibt den allgegenwärtigen Computer, „the most profound technologies are those that disappear. They weave themselves into the fabric of everyday life until they are indistinguishable from it.“ Es kam zur Herausbildung unterschiedlicher wissenschaftlicher Begriffe, je nach akademischem Schwerpunkt oder institutioneller Eitelkeit (Calm Computing, Invisible Computing, Universal Computing), die aber im Grunde dasselbe Phänomen beschreiben: eine Miniatu„Die heimischen Unis haben immer noch große Berührungsängste mit dem Spiel als wissenschaftlichem Thema“ Michael Wagner, Leiter des Fachbereiches „Applied Game Studies“, Donau Uni Krems
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risierung von Informations- und Kommunikationstechnologien, die einhergeht mit dem explosionsartig wachsenden globalen Netzwerk, dem Internet. Der Begriff „Pervasive Computing“ beschreibt den Aspekt des unsichtbaren „Eindringens“ der Technologie in unser gesamtes Umfeld und die Dinge unseres Alltags. In Bezug auf Games sind, gemäß einem pervasiven Standpunkt, sogenannte „Real Games“ besonders interessant. Virtuelle Welten wie „Second Life“ werden hier am anderen Ende des Spektrums verortet, da sich Pervasive Computing mit der Realität, dem „First Life“, auseinandersetzt. Margarete Jahrmann, Lehrbeauftragte an der Universität für angewandte Kunst in Wien und Dozentin am Game Design Department der Zürcher Hochschule der Künste, forscht an der Schnittstelle zwischen realen und virtuellen Welten. Ihre Dissertation hat sie unter dem Titel „Ludics. The Art and Politics of Play“ gerade an der University of Plymouth in Großbritannien eingereicht.
Real-Life-Spiele als Kunstaktion Wenn die Überlappung der Welten zu Tage tritt, wie sie der argentinische Autor Jorge Luis Borges schon 1940 in „Orbis Tertius“ schildert, wo Dinge aus einer fiktionalen Welt in die Wirklichkeit einbrechen, wird es für Jahrmann spannend. Sie ist Mitgründerin der „Ludic Society“, deren Ziel es ist, „Ludics“ als eigenständige Disziplin durchzusetzen. In Anlehnung an und in kritischer Auseinandersetzung mit dem Computerspiel „Second Life“ entstand das Projekt „Tagging the City“. Dieses Game findet in der realen Welt statt. Jahrmann entwarf gemeinsam mit dem Multimediakünstler Max Moswitzer mehrere Versionen des Alternate Reality Games. In der Version von 2007, als gerade in Politik und Gesundheitswesen der Einsatz von RFID-(Radio Frequency Identification)Implantaten diskutiert wurde, verwendeten Jahrmann und Moswitzer subkutane RFID-Implantate für ihr Spiel – als kritisches Statement zur laufenden Debatte. Aus moralischen Bedenken implantierten die Künstler diese nur sich selbst. Jahrmann sagt dazu: „Ich finde es absurd, jeden markieren zu wollen wie ein Objekt – sind wir alle nur noch Objekte?“ RFID-Chips können aber auch auf die Haut geklebt und in „Tagging the City“ eingesetzt werden – wobei die Spielmuster der virtuellen Umgebung sich im Real Play wi„Die Kunst war immer Vorreiter von interessanten Themenfindungen für die Wissenschaft“ Alois Ferscha, Vorstand des Instituts für Pervasive Computing, Uni Linz
derspiegeln: Man führt Regeln ein, setzt Tags und Markierungen an realen Objekten und stülpt so eine künstliche Informationsebene über die physische Realität. Eine Second-Life-Ebene, die ein soziales Netzwerk wie etwa Facebook reflektiert. In Neal Stephensons Science-Fiction-Roman „Snow Crash“ von 1992 bezeichnen Metaverse den dreidimensionalen Raum, in dem Menschen als Avatare in der Metapher der realen Welt miteinander agieren.
Das Spiel als Forschungsmethode Freilich benötigt man keine (subkutanen) RFID-Chips, um Real Games zu spielen. Da sind sich alle drei Wissenschaftler einig. „Ein einfaches Handy mit GPS-Funktionalität reicht dafür vollkommen aus“, sagt Michael Wagner. Er beobachtet die Entwicklung der Alternate Reality Games mit großem Interesse, da die Zusammenführung von Spielraum und Realität ganz neue Möglichkeiten in der Pädagogik bietet. „Derzeit haben wir im Game Based Learning immer noch das Problem, dass Spiele, entgegen der populären Ansicht, Wissen eher schlecht vermitteln können, da sie Spielraum und Realität sehr klar voneinander abgrenzen.“ Generell sei „die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Computerspielen eher als Teil einer Spielwissenschaft zu sehen“. Und „fraglich bleibt lediglich, ob die Einschränkung auf Computerspiele aufrechterhalten bleiben kann. Meiner Meinung nach muss man den Spielbegriff heute etwas weiter betrachten“, meint Wagner. Jahrmann möchte in ihrer Forschung die Aufmerksamkeit nicht nur auf die Games an sich richten, sondern ebenso auf die kollaborativen und kollektiven Möglichkeiten des Zusammenarbeitens, die sich aus den Spieltechnologien und der kulturellen Praxis des Spielerischen ergeben. „Play Affordance“ verlangen unsere spielerischen Gadgets von uns – vom „klassischen“ Mobiltelefon über das iPhone bis zum Android phone. Die Beziehung zwischen Objekt und Subjekt wird durch die Materialität selbst ermöglicht. Das Interface dabei ist das Spiel und die ludische Methode zeigt auf, wie wir diese Verbindungen herstellen. Diese Interaktion des Menschen mit dem Objekt, kritisch analysiert, setzt das Spiel an sich als Methode voraus. „Die Kunst war immer Vorreiter von interessanten Themenfindungen für die Wissenschaft“, sagt Alois Ferscha. Mögen die Spiele beginnen! „Games sind für mich nicht automatisch Kunst“ Margarete Jahrmann, Universität für angewandte Kunst, Wien
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Game-Forschung an unseren Unis
Games sind der Wissenschaft noch nicht ganz geheuer. Künstler versuchen, die Strukturen von ComputerGames in RealLife-Szenarien umzusetzen
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enry Jenkins, Direktor der Comparative Media Studies und Professor of Literature am MIT, prophezeite dem Computerspiel den Status der lebendigsten Kunstform des 21. Jahrhunderts. Das war im Jahr 2000. Damals wurde Jenkins von der Wissenschaftsgemeinde belächelt. Er hat einen prominenten Vorgänger in Gilbert Seldes, der 1925 Ähnliches dem Kino für das 20. Jahrhundert attestiert hatte und dafür verlacht wurde.
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WISSENSCHAFTSPOLITIK Akademischer Nachwuchs
Jungwissenschaftler — ab nach Amerika! s t e fa n i e p la t z g u m m e r
Zwischen befristeten Forschungsprojekten und schlecht bezahlten Lehraufträgen: die prekäre Situation von Jungwissenschaftlern in Österreich. Oder warum sich der akademische Nachwuchs auf nach Amerika machen sollte.
„Du kannst dir keine Zukunft aufbauen, weil du nicht weißt, wie es weitergehen wird“, sagt Birgit Feierl. Im Juni läuft ihre Zeit als Österreich-Lektorin am Germanistik Institut der tschechischen Palacký-Universität in Olmütz ab. Was danach kommt, weiß die 34-jährige Dr. phil. noch nicht so genau. „Zuerst lege ich einmal eine Babypause ein.“
Wissenschaft ohne Perspektive 2000 schließt Feierl ihr Studium der Germanistik und Theologie an der Universität Wien ab. Sie tritt eine Stelle im Laboratorium des Austrian Academy Corpus (AAC) an der Akademie der Wissenschaften an. Hier werden texttechnologische Projekte konzipiert und getestet. Da der Aufwand für die Umsetzung enorm ist, bleiben die meisten Projekte im Planungsstadium. Im AAC Lab leitet Feierl ein Forschungsprojekt, das die Digitalisierung der 1954 eingestellten Halbmonatszeitschrift „Der Brenner“ zum Ziel hat. Vollzeit und mit einem befristeten Arbeitsvertrag in der Tasche. „Obwohl ich in dieser Zeit auch meine Dissertation schreiben sollte, bin ich nicht dazu
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gekommen. Das Projekt hat einfach zu viel Zeit in Anspruch genommen“, erinnert sie sich. Als auch nach der vierten Verlängerung ihres befristeten Arbeitsvertrags keine Fixanstellung in Aussicht ist, beschließt Feierl einen anderen Weg einzuschlagen: „Ich war ziemlich gefrustet, habe die Akademie der Wissenschaften nach sechs Jahren verlassen und wurde arbeitslos.“ Nach acht Monaten, in denen sie hauptsächlich an ihrer Dissertation arbeitet, zieht die Vorarlbergerin wieder bei ihren Eltern ein. Sie absolviert ihr Unterrichtspraktikum an einem Gymnasium in Bregenz. 2006 bewirbt sie sich beim Lektoratsprogramm der Österreich-Kooperation als Österreich-Lektorin und zieht nach Olmütz. Ihre Dissertation schließt sie 2009 ab. Mit Auszeichnung. Nach insgesamt zehn Jahren in der Wissenschaft steht Birgit Feierl heute wieder ganz am Anfang. „Meine Arbeit im Ausland wird in Österreich seitens des AMS finanziell nicht anerkannt. Ich weiß noch nicht mal, ob ich Anspruch auf Karenz- bzw. Wochengeld habe“, sagt sie. Feierls wissenschaftliche Karriere wird nach der Veröffentlichung ihrer Dissertation im Jahr 2011 wohl zu Ende sein. „Ich habe zwei Fehler gemacht: Ich bin schwanger geworden und habe zu lange im Ausland gearbeitet.“ Perspektiven für eine Zukunft im wissenschaftlichen Bereich
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sieht sie keine. „Ich könnte mich habilitieren. Aber wozu? Es gibt so viele arbeitslose Habilitierte. Ohne Aussicht auf eine fixe Stelle macht das keinen Sinn.“ Claus Tieber sieht das ähnlich. „Jemand, der sich heute habilitiert, findet in den nächsten 20 Jahren in Österreich kaum einen Job“, sagt der Präsident der IG Elf, der Interessengemeinschaft für externe Lektoren und freie Wissenschaftler in Österreich. „Ein Großteil der Professuren, gerade an der Uni Wien, wurde in den letzten Jahren neu besetzt.“ Da Professuren unbefristet vergeben würden, werden in den nächsten Jahren kaum Plätze frei.
Arme Lektoren ohne Aussicht Im Wintersemester 2009 waren an den österreichischen Universitäten insgesamt rund 35.000 wissenschaftliche und künstlerische Mitarbeiter beschäftigt. Rund 14.600 von ihnen zählten zum Stammpersonal. Darunter 2055 von insgesamt 2203 Professoren. Von den insgesamt rund 32.900 Mitarbeitern, die in die Kategorie „AssistentInnen und sonstiges wissenschaftliches und künstlerisches Personal“ fallen, waren hingegen nur rund 12.500 permanent angestellt. Also weniger als die Hälfte. Die universitäre Forschung und Leh-
re werden in Österreich hauptsächlich von Mitarbeitern in ungesicherten Arbeitsverhältnissen getragen. Zu ihnen gehört auch der Philosoph, Politik- und Medienwissenschaftler Claus Tieber. Er arbeitet trotz Habilitation seit fast zehn Jahren als freier Lektor an der Universität Wien. Wie seine Kolleginnen und
Kollegen muss auch der 44-Jährige jedes Semester auf die Verlängerung seines Lehrauftrages hoffen. „Man kann nicht einmal ein zweisemestriges Lehrsemester planen“, beschreibt er die Konsequenzen dieser prekären Arbeitssituation. „Außerdem kann man von einem Lehrauftrag nur schwer leben.“ Externe Lektoren würden im Monat nicht mehr als 300 bis 1300 Euro verdienen – je nachdem, wie viele Stunden ihr Lehrauftrag umfasst. „Tausende Leute sehen keine Perspektive mehr. Vor allem im Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften leben viele trotz hoher Bildungsabschlüsse von mehreren Kleinstjobs. Es dauert nicht mehr lange, dann zahlt sich ein Studium nicht mehr aus.“
Wenig Geld für die Forschung Neben seiner Lehrtätigkeit ist Tieber als Projektleiter an der Universität Salzburg tätig. Sein drittes Forschungsprojekt über die Stummfilmmusik in Wien ist auf drei Jahre befristet. Finanziert wird es vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung FWF, der zentralen Einrichtung für die Förderung der Grundlagenforschung in Österreich. Im Jahresbericht 2009 sieht der FWF vor allem in der Finanzierung
der österreichischen Grundlagenforschung Nachholbedarf: „Mit 0,4 Prozent Anteil der Ausgaben für Grundlagenforschung am BIP liegt Österreich weit hinter den ,Innovation Leaders‘ und unter dem Durchschnitt von EU und OECD“, heißt es dort. In Österreich findet die Grundlagenforschung hauptsächlich im universitären Bereich statt. Da die österreichischen Unis im internationalen Vergleich immer noch sehr schlecht
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WISSENSCHAFTSPOLITIK
finanziert sind, sind sie in einem hohen Maß von „Drittmitteln“ abhängig. Das sind jene Gelder, die der FWF und andere Förderungseinrichtungen in Forschungsprojekte der unterschiedlichen Universitäten investieren. Ein großer Teil der wissenschaftlichen Mitarbeiter an heimischen Unis wird über Drittmittel bezahlt. Lässt sich die prekäre Situation österreichischer Jungwissenschaftler also durch eine Erhöhung der Finanzmittel für die Grundlagenforschung verbessern? „Natürlich geht es letztlich ums Geld. Worum denn sonst?“, meint Claus Tieber. Mehr Geld für die Grundlagenforschung allein würde das Problem aber nicht lösen. Es brauche ein Konzept, um das bestehende System zu reformieren. Zusätzliche unbefristete Stellen sind eine Möglichkeit. „Die unbefristeten Laufbahnstellen müssten endlich eingerichtet werden und das in möglichst großer Zahl“, sagt er.
Karriere mit Ablaufdatum Förderungsprojekte seien zwar eine große Chance, im universitären Alltag würden junge Wissenschaftler bei der Umsetzung von Forschungsprojekten aber entweder in den Schatten bereits renommierter Professoren ge-
fristetes Projekt nach einigen Jahren ab, stehen die Akademiker wieder am Anfang. Zwar gibt es die Möglichkeit, in einem zweiten und dritten Projekt unterzukommen. Eine wirkliche Karriere können sich Jungwissenschaftler damit aber nicht aufbauen.
Der Weg ins Ausland Zwischen schlecht bezahlten Lehraufträgen und befristeten Forschungsprojekten sehen Österreichs Wissenschaftler oft keine andere Möglichkeit, als sich im Ausland nach besseren Karrierechancen umzusehen. Auch Claus Tieber wird nach dem Ende seines Forschungsprojekts an der Uni Salzburg ins Ausland gehen, um dort eine Professur anzutreten. „Wer Wissenschaftler werden will, muss wissen, dass er dafür auch ins Ausland gehen muss“, sagt er. Nun ist die Mobilität hochqualifizierter Arbeitskräfte gerade im wissenschaftlichen Bereich nicht unbedingt ein Nachteil. Im Gegenteil: Eine hohe Mobilität führt zu einem hohen Wissenstransfer, was die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes erhöht. Das gilt freilich nur, wenn Wissenschaftler nach einigen Jahren im
Ausland wieder zurückkehren oder qualifizierte Kräfte aus dem Ausland an ihre Stelle treten. Ob sich dieser „Brain Drain“ die Waage hält, liegt nicht zuletzt an den Karrierechancen, die ein Land zu bieten hat.
Amerikanische Karrieren drängt oder sie hätten wenig Anbindung an die jeweiligen Institute, sagt Tieber. „Während meiner Zeit an der Akademie der Wissenschaften war ich hauptsächlich mit Zuarbeiten beschäftigt“, erklärt auch Birgit Feierl. „Am Anfang ist das natürlich eine Ehre, man lernt auch sehr viel. Man weiß aber nie, ob es weitergehen wird.“ Die Mitarbeit an wissenschaftlichen Projekten bietet jungen Wissenschaftlern also auch keine ausreichenden Perspektiven. Läuft ein be-
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„Wenn junge Wissenschaftler von Österreich weggehen möchten, sollen sie gehen. Wir müssen aber schauen, dass wir Leute aus dem Ausland in gleichem Maß anziehen können“, sagt Peter Zoller. Der renommierte theoretische Physiker war selbst lange Zeit an verschiedenen Unis im Ausland tätig. Unter anderem als Visiting Fellow und Professor der Physik an der University of Colorado at Boulder. Seit 1991 ist Zoller Professor an der Uni Innsbruck. „Das amerikanische System bietet jungen Leuten viel mehr Möglichkeiten“, sagt er. Das lie-
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ge vor allem an der offenen, leistungsorientierten Struktur und einer großen Dynamik innerhalb des Systems. An amerikanischen Unis werden offene Professorenstellen, die in Permanenz münden können, grundsätzlich ausgeschrieben. Den Zuschlag bekommen die Besten. Die ausgeschriebenen Stellen sind meist „Tenure Track Assistant Professor“-Stellen, das heißt für junge Wissenschaftler. So erhalten auch sie die Möglichkeit, eine eigene Gruppe zu leiten und damit eigene Forschungsprojekte umzusetzen, um damit eine eigenständige wissenschaftliche Karriere zu starten. „Im Grunde können sie machen, was sie wollen. Allerdings sind sie auch für die Finanzierung der Projekte über Drittmittel verantwortlich“, sagt Zoller. „Beim Tenure-Track-Assistant-Professor folgt nach etwa fünf Jahren eine beinharte Evaluierung, die die Entscheidung mit beinhaltet, ob die Stelle mit einem Aufstieg zum Associate Professor dauerhaft wird. Dabei wird die wissenschaftliche und die Lehrleistung beurteilt. Als Maßstab nimmt man die gleichaltrigen Kollegen an anderen Unis.“ Dieses Prinzip des Wettbewerbs gilt auch für die älteren Professoren. Wenn er in der aktiven Forschung zurückfällt, also keine Projekte mehr einwirbt und damit auch keine Doktoranden mehr bezahlen kann, wird dies meist durch Mehreinsatz in der Lehre oder Administration kompensiert. Das empfinden auch die jungen Forscher als sehr positiv, da sie dadurch von der Lehre etwa in Form großer Vorlesungen für die Eingangssemester freigespielt werden. Die Rolle der Professoren definiert sich also dynamisch über Leistung in Forschung und Lehre.
Österreich fördert Mittelmaß In Österreich sei es hingegen so, dass ein guter Teil der Professorenstellen durch „Ernennung“ und nicht im Rahmen einer Ausschreibung besetzt wird. „Dass darunter auch gute Leute sind, steht außer Zweifel. Aber solche Ernennungen sind meist auf bestimmte Altersgruppen zugeschnitten. Junge Leute, die eventuell besser sind, kommen oft gar nicht zum Zug“, sagt Peter Zoller. Letztlich sei das österreichische System auf selbstgefällige Mittelmäßigkeit hin optimiert. Exzellenz würde als gern gesehene Ausnahme toleriert. „Gerade für die besten jungen
Wissenschaftler wird mit einem solchen System der Weg nach oben verstopft“, sagt er. Die Lösung für dieses Problem sieht Zoller in der Abschaffung des sogenannten Mittelbaus. Die vorhandenen Mittelbaustellen sollten als Tenure-Track-Assistant-Professuren in einem kompetitiven System ausgeschrieben werden. Damit würde sich die Zahl der Professorenstellen, um die sich junge Leute bewerben können, drastisch erhöhen. „Junge Leute wollen Chancen, wo sie sich beweisen können, keine Billig-Karriere als ernannter Professor light.“ Zurzeit sei ein solches System im Hinblick auf die momentan agierenden Personengruppen jedoch vermutlich nicht durchsetzbar.
Auf in Richtung Amerika! Um im internationalen Spitzenfeld mitmischen zu können, müssen sich Österreichs Unis öffnen und mehr Dynamik innerhalb des Systems schaffen. So hätten auch junge Wissenschaftler größere Chancen auf eine wissenschaftliche Karriere. Will Österreich verhindern, dass seine aufstrebenden Jungwissenschaftler nach Amerika auswandern, müssen sich die Universitäten bewegen. Und wohin? Genau: Richtung Amerika.
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Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst in Wien, erläutert die Aufgabe seines Hauses im Wissenschaftsbetrieb und nennt einen Ausweg aus der Krise. Falter HEUREKA: Herr Bast, das Sparpaket sieht vor, dass Universitäten für die kommenden mageren Jahre Rücklagen bilden. Gerald Bast: Das ist absurd. Genauso
absurd wie eine Politik, die Pensionisten gegen die Zukunft Österreichs, die in den Universitäten vorbereitet wird, ausspielt. Wenn man nun massiv die Förderung von Wissenschaft und Kunst verringert, verringert man die Zukunftsfähigkeit des Landes. Woher soll der Wirtschaftsstandort Österreich in Hinkunft seine Impulse bekommen? Gerade in dem Sektor einzusparen, der noch Hoffnung auf künftige Konkurrenzfähigkeit in den Märkten verspricht, halte ich für kontraproduktiv.
Das Geld ging an die Banken und die Griechen. Bast: Ja, und jetzt fehlt es in Wissen-
schaft und Bildung. Die europäische Rüstungsindustrie hat Griechenland über Jahre hinweg neue Waffensysteme verkauft und nun stellt sie die Rechnung fällig. Wir müssen bei uns im Bildungssektor, bei Wissenschaft und Kunst einsparen, damit den europäischen Waffenproduzenten die ausständigen Rechnungen beglichen werden.
Was bedeutet die Krise für die Kunst? Bast: Dass die Kunstmärkte in Zukunft
Innovationen noch stärker scheuen und vor allem in Bewährtes investieren werden. Es wird also der freie Markt weniger Neuerungen ermöglichen, die Erneuerungskraft der über Galerien, Sammler und Kunsthändler am Markt verbreiteten Kunst wird sinken. Die Galeristen und Händler können noch am wenigsten dafür, sie müssen versuchen zu überleben. Ihnen fehlen neben dem Markt Geschäftspartner wie die öffentlichen Museen und Kunsthallen, denn diese verfügen über keine nennenswerten Ankaufsbudgets mehr, können also Innovationsprozesse in der Kunst nicht mehr ausreichend fördern. Die direkte staatliche Förderung von Künstlern geht auch ständig zurück.
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Es fehlt also der Anreiz zur künstlerischen Erneuerung und Entwicklung. Können hier die Kunstuniversitäten neue Möglichkeiten eröffnen? Bast: Laut Gesetz sind sie verpflich-
tet, für die Erneuerung und Entwicklung der Kunst zu sorgen. In der Vergangenheit wurden Kunstakademien jedoch als reine Ausbildungsanstalten für künftige Künstler betrachtet. Man hat Studierende ausgebildet, die danach in den freien Markt entlassen wurden. Anders als für naturwissenschaftliche oder technische Universitäten fehlte in Politik und Gesellschaft das Verständnis dafür, dass Kunstakademien auch für die systematische Innovation zuständig sind, also wie die genannten Unis eine Art Grundlagenforschung betreiben müssten. Die gesamte Innovationsleistung wurde bisher dem privaten Kunstmarkt überlassen, genauer gesagt den Künstlerinnen und Künstlern in ihren Ateliers. Das ist so, als würde man auf den TU Chemiker
Die Kunstunis werden angesichts von Sparmaßnahmen wohl nicht mehr Ressourcen zur Verfügung haben, um die Innovation im Kunstbereich systematisch voranzutreiben. Welche Möglichkeiten bleiben da noch? Bast: Dadurch, dass aus unserer Kunst-
hochschule eine Kunstuniversität geworden ist – zunächst einmal, um sie deutlich von den neuen Fachhochschulen zu unterscheiden –, besteht nun die Möglichkeit, beim Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung FWF um Projekte anzusuchen. Viele Jahre hindurch habe ich für die Künste ähnliche Instrumente zur Stimulierung von Innovation gefordert, wie dies der FWF für die wissenschaftliche Forschung ist. Seit 2009 gibt es nun innerhalb des FWF ein Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste, PEEK, mit genau diesem Anspruch. Projektanträge von Künstlerinnen und Künstlern werden streng von ausschließlich ausländischen Experten geprüft und als förderungswürdig beurteilt
„Wir brauchen eine kreative Revolution!“ oder Maschinenbauer oder Informatiker ausbilden und ihnen dann sagen: „So, für die Weiterentwicklung der Forschung seid ihr jetzt bei euch zu Hause zuständig – oder bei der Firma Bayer, schaut euch dort einmal um.“ Tatsächlich ist es bei naturwissenschaftlichen und technischen Universitäten so, dass sie die Innovationsleistung in der Grundlagenforschung erbringen, die dann von privaten Unternehmen übernommen und verwertet wird. Dazu werden diese Unis mit den nötigen Ressourcen an Personal und Infrastruktur ausgestattet.
oder abgelehnt. Damit besteht für die Kunstunis nun die Möglichkeit, innovative Grundlagenforschung im Bereich der Kunst zumindest punktuell durchzuführen. Primär junge Künstler erhalten durch eine Anstellung an der Kunstuni im Rahmen des geförderten Projekts die Möglichkeit, sich für mehrere Jahre auf die Entwicklung künstlerischer Innovation zu konzentrieren. Ich halte die Projektanträge an den FWF für die am meisten versprechende Strategie, um zur innovativen Grundlagenforschung in der Kunst zu kommen.
Beides fehlt aber an den Kunstuniversitäten. Bast: Es gab bis vor Kurzem kaum
Das heißt, Dissertanten sollten sich um FWF-Projekte bemühen? Bast: Ich bin von der Notwendigkeit
künstlerische Grundlagenforschung an unseren Kunstunis. Das heißt, sie konnten und können als Institutionen keine entscheidende Innovationskraft im Kunstbereich entwickeln – was natürlich das Potenzial ihrer Wirkungskraft für gesellschaftliche und künstlerische Entwicklung massiv einschränkt. Dies bleibt dem privaten Kunstmarkt überlassen, und wohin sich der bewegt, habe ich ja schon angedeutet.
spezifisch künstlerischer Doktoratsstudien noch nicht restlos überzeugt. Wissenschaftliche Dissertationsmöglichkeiten – auch für Künstler – gibt es an den Kunstunis ja schon lange. Auch wenn manche Wissenschaftler leicht skeptisch sind: Hier zeigt sich eine ganz besondere Qualität der Kunstunis, eine Belebung wissenschaftlichen Arbeitens durch die manchmal etwas andere Herangehensweise von nicht nur wissenschaftlich gebilde-
ten und sozialisierten Menschen. Das konnte und kann auch zur Beteiligung an wissenschaftlichen FWF-Projekten führen. Das Neue und Spannende aber sind die geschilderten PEEKProjekte, die nicht mit einem Doktoratsstudium gekoppelt sein müssen. Gerade läuft der zweite Call, also die Aufforderung zur Einreichung. Je mehr Projekte wir an unserem Haus haben, umso größer wird die Innovationskraft, aber auch das allgemeine Bewusstsein, dass eine Kunstuni für die Erneuerung und Entwicklung im Kunstbereich zuständig ist. Der Paradigmenbruch, der aus Künstlererziehungsanstalten Orte der Kunstentwicklung werden ließ, könnte zu einem neuen Paradigma führen, nämlich: Kunstinnovation geschieht an Kunstuniversitäten, nicht mehr nur allein am freien Markt. Braucht die Gesellschaft überhaupt eine künstlerische, eine ästhetische Erneuerung? Bast: Wir haben die industrielle Re-
volution hinter uns, wir haben die Informationsrevolution hinter uns, was soll denn nun als Nächstes kommen? Ich glaube, wir brauchen eine kreative Revolution für die gesamte Gesellschaft, nicht bloß Creative Industries. Die Reduzierung von Kreativität auf ein paar wenige Wirtschaftsbereiche ist absurd, vor allem aber innovationsfeindlich.
Was verstehen Sie unter der Kreativität, die unsere Gesellschaft revolutionieren soll? Bast: Eine spezielle Form der Wahr-
nehmung, der Kommunikation und des Ausdrucks, wie sie Künstlerinnen und Künstlern eigen ist. Es geht ja nicht nur um bestimmte Skills, es geht um eine Sicht auf die Dinge und eine Haltung zu anderen Menschen und zur Umwelt, die eine Künstlerin oder einen Künstler ausmachen. Diese können zur gesellschaftlichen Entwicklung entscheidend beitragen, wenn sie entsprechend gefördert und genutzt werden. Das ist eine Aufgabe der Grundlagenforschung an Kunstunis: zu analysieren und zu zeigen, wie diese künstlerische Kreativität gesellschaftliche Prozesse positiv beeinflussen und verändern kann. Hier sehe ich die große Chance etwa auch für Österreich: Wir können durch die Entwicklung künstlerischer Kreativität im globalen Wettbewerb eine Position einnehmen, die unser wirtschaftliches Überleben sichert. Denn in Industrie und Informationstechnologien sind nun einmal China, Indien und andere aufstrebende Regionen die Marktbeherrscher der Zukunft. Wir müssen in der kreativen Revolution ganz vorne sein, das ist unsere Chance.
Foto: osaka
Gerald Bast, Rektor der Universität für angewandte Kunst, Wien
07.06.2010 15:55:29 Uhr
heureka
Wissenschaftspolitik Karriereplanung
Kommentar
Das Personalkarussell der Wissenschaft
Brief aus Brüssel Ch r i s t i a n B r e t t e r
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Herbert Hr achovec
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or 1975, also bevor Hertha Firnbergs Universitätsorganisationsgesetz (UOG) die österreichische Hochschullandschaft gründlich reformierte, hing der Karriereverlauf einer jungen Wissenschaftlerin eng am Wohlwollen der Professorin, die sie als Assistentin ausgewählt hatte. Einem Zweijahresvertag folgte die Möglichkeit weiterer Vierjahresverträge, das konnte zweierlei bedeuten. Entweder die Nicht-Verlängerung nach Gutdünken der Chefin oder andererseits die Weiterbestellung bis zu einem Zeitraum von maximal 12 Jahren. Bis dahin musste man habilitiert sein, um fix angestellt werden zu können. Aufmüpfige Personen flogen schnell hinaus, im Regelfall habilitierte man sich im Lauf von 6 bis 10 Jahren und wurde anschließend als Universitätsdozentin pragmatisiert. Nach 10 Jahren an einem Institut, also etwa Mitte dreißig, war die Kandidatin oft fest in der Institution verankert und hatte ihre Fürsprecher gefunden. Zwei interne Gutachten reichten zur Dozentur; wenn das nicht glückte, konnte die Stelle zu einer „wissenschaftlichen Beamtin“ heruntergestuft werden. Diese dienstrechtlichen Regelungen blieben auch nach 1975 in Kraft, doch die Kräfteverteilung innerhalb der universitären Selbstverwaltung änderte sich dramatisch. Eine viertelparitätisch zusammengesetzte „Personalkommission“ entschied über die Bestellung und Verlängerung von Dienstposten. Das hieß: Den Professorinnen stan-
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den „Mittelbau“ und Studierende gleich stark gegenüber. Vertreterinnen, die in interner Konkurrenz mit den zu beurteilenden Personen standen und (sagen wir) 22-jährige Hörerinnen in der Mitte ihres Studiums griffen maßgeblich in den Prozess ein. Das Ergebnis war – wie beabsichtigt – eine Schwächung der professoralen Autonomie. Es konnte gelingen, gegen die Lehrkanzelinhaber in deren eigene Personalpolitik einzugreifen. (Die mangelnde Kooperationsfähigkeit mancher Professorinnen des alten Typs spielte dabei eine wichtige Rolle.) Das waren 25 Jahre lang die Anstellungsbedingungen für den wis-
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senschaftlichen Nachwuchs. Konformität mit der verantwortlichen Professorin oder eine Koalition zwischen Arbeitskolleginnen und Studentenvertreterinnen konnten den Arbeitsplatz sichern. Willkürliche Entlassungen waren kaum durchführbar. Allerdings hatte dieses System auch eine Schattenseite. Es erwies sich als praktisch unmöglich, einer Angestellten auf Kurs zur Pragmatisierung eine Bewerberin vorzuziehen, die besser ausgewiesen war. Wer einmal „drinnen“ war, wurde in aller Regel „verlängert“ und schließlich definitiv an-
„Man kann verlangen, dass die Bedingungen für wissenschaftliche Karrieren halbwegs vernünftig sind“ herbert hr achovec
gestellt. Das Ergebnis ist leicht vorauszusehen: die sogenannten „a.o. Professorinnen“ besetzten auf Lebenszeit jene Planposten, die zur Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses dienen sollten. Generationen von jüngeren Forscherinnen erhielten nicht die Chance, die jenen früher Geborenen zugefallen war. Neben den permanenten VollzeitVerträgen entwickelten sich zunehmend Beschäftigungen unter schlechteren Bedingungen. Lehraufträge, Projektarbeiten und seit der BusekReform 1993, welche die Personalkommissionen abschaffte, die „Säule 1“- und „Säule 2“-Stellen, zu besetzen durch die Institutsleitung. Die Unterbrechung des Karriere-Automatismus der 80er und frühen 90er Jahre bedeutete eine Chance für Bewerberinnen aus dem dichten universitären Umfeld, doch diese Gelegenheit wurde durch das UG 2002 rigoros beschnitten. Unter Verweis auf die professoralen und gewerkschaftlichen Berufssicherungsstrategien früherer Jahre wurde jede Verlängerung eines 6-Jahres-Vertrages untersagt. Die gesetzliche Beschränkung
der Teilzeit-Kettenverträge verstärkte den Effekt. Die alte Blockade lag darin, dass es keine freien Stellen gab; die neue liegt darin, dass bei noch so hoher Qualifikation keine Chance besteht, eine Stelle zu behalten. Der seit 2009 geltende Kollektivvertrag hat die Möglichkeit kontinuierlicher Karriereverläufe durch das Instrument der „Qualifikationsvereinbarung“ etwas erhöht, doch das greift langsam und wird an den Hochschulen unterschiedlich umgesetzt. Die Universität Wien hat in den beiden vergangenen Jahren etwa 40 junge Wissenschaftlerinnen (m/w) auf Dauer angestellt. Sie will nur jene fix verpflichten, die ein härteres Begutachtungsverfahren durchlaufen als viele derzeit beschäftigte Professorinnen, die in der Fakultät ausgewählt und per Dekret vom Ministerium bestellt wurden. Zwei Tendenzen stehen einander in wechselnden politischen Kontexten mit unterschiedlichen Erfolgsaussichten gegenüber. Das Interesse der Klientelbildung und der betrieblichen Sicherung von Arbeitsplätzen verlangt Kontinuität und Schutz der Angestellten. Das widerspricht im Prinzip der Chancengleichheit und dem Leistungsgrundsatz. In aller Regel taucht einige Zeit nach einer Anstellung eine andere Person auf, die „besser“ als die ausgewählte Wissenschaftlerin ist und keine Aussicht mehr auf ihren Posten hat. Der Widerspruch lässt sich nicht aus der Welt schaffen. Die Situation in Österreich ist dadurch gekennzeichnet, dass in den vergangenen 40 Jahren unabsehbar zwischen den Extremen hin- und hergeschaltet wurde. Es kann für in den Universitätsdienst eintretende Wissenschaftlerinnen kein Versprechen auf eine Dauerstellung geben. Aber man kann verlangen, dass die Bedingungen, unter denen sich die Aussichten entscheiden, halbwegs vernünftig und halbwegs gleichbleibend gestaltet sind. Beides war im genannten Zeitabschnitt nicht der Fall. Es ist nicht die einzige Planlosigkeit der nationalen Bildungspolitik. Herbert Hrachovec, Philosoph, Vorstand des Instituts für Philosophie und Vorsitzender der Curricularkommission des Senats der Uni Wien
eute morgen, als ich mit der Metro von Schuman, dem unrepräsentativen Platz im Herzen der EU-Verwaltung, nach St. Catherine in das Café Modèle fuhr, um diesen Brief zu schreiben, saß neben mir eine junge Frau und las die „Odyssee“ von Homer – im Original. Das Buch wird beinahe 2800 Jahre nach der Erstveröffentlichung immer noch gelesen – morgens am Weg zur Arbeit in der Metro. Der Plan war, mit der Idee des Künstlers Franz West über Skulptur eine Metapher für eine Vision der EU zu basteln. Da kam mir aber die „Odyssee“-Leserin dazwischen. Der Erfolg des Künstlers West begründet sich auf einem simplen Prinzip. Er macht Skulpturen, die man angreifen darf, kann und soll. Man wird in den heiligen Sarkophagen unserer Kultur, in unseren Museen, aufgefordert, mit den als „Passstücke“ bezeichneten Skulpturen zu spielen. So schafft es West, die Unnahbarkeit des für die Ewigkeit aufbewahrten Artefaktes zu brechen. Das Werk bleibt lebendig, bleibt beim Menschen. Offenbar hat auch die „Odyssee“ von Homer noch immer etwas Lebendiges und bietet nach wie vor die Möglichkeit, sich im Werk zu spiegeln, und genug Raum, um seine eigenen Gedanken darzustellen. Die Werke von Homer und West ergeben nun eine schöne Metapher für eine Vision der Europäischen Union: Es muss etwas zum Angreifen sein, etwas, was beim Menschen ist, und es muss so viel Raum bieten, dass jeder Mensch seine eigene Geschichte darin basteln kann. Leider beschäftigen sich Regierungspolitiker vor allem mit Themen wie Kopftücher oder Zigaretten. Allein daraus entsteht kein Interesse an einer gemeinsamen Vision von Europa – höchstens ein Klima, in dem rechte Stänkerer und ihre pubertäre Lust, dagegen zu sein, gedeihen können. Wenn wir hier das alte Europa sind, dann hat unser junges Gegenüber mit dem aktuellen Präsidenten wieder einmal bewiesen, dass die Fähigkeit zur Größe nicht in der Gegenwart liegt, sondern in der Möglichkeit der Zukunft. Yes we can. Also lasst uns unsere musealen Sarkophage, gefüllt mit der vielfältigen Geschichte Europas, in einen aktuellen Lebensraum mit dem Motto „Hands on!“ umwandeln. Und dabei wollen wir auch den Gründungsgedanken nicht vergessen: Krieg zwischen den europäischen Staaten undenkbar zu machen.
07.06.2010 15:55:30 Uhr
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Gedicht
Was am Ende bleibt
Michael Hamburger
„Jedes Gedicht muss experimentell sein, oder es wird nicht sein“ lautet das poetologische Credo von Michael Hamburger (1924–2007). „Ich halte die Dichtkunst für eine unreine Kunst.“ Der 1933 aus Nazideutschland nach London geflohene Essayist und Dichter wurde der Übersetzer von Hölderlin und Paul Celan ins Englische – sechs Bände seiner Gedichte hat Peter Waterhouse in dessen Muttersprache zurückübersetzt. Er ich K lein
Birke Wie eine Vestalin, Tänzerin Wildester, wüster Gegend, Sie trachtet nach Weiße Die sich erfüllt in Amerikas Norden, Die papierene Schale so ohne Makel, Unberührbar für Tinte; Nur selten kommt sie Vollkommen zur Reife, Wird zu oft selber verwüstet, Ihr raues, bitteres Holz Gezügelt von ihren Vorlieben, Blizzards die an ihr zerren, Lange Stille im Schnee; Liegt plötzlich der Länge nach da, Überrannt, oder als ob gefällt Vom Hieb eines eigenen Asts. Erweist sich als spröd, reizlos: Das Gewand aus Rinde dauerhafter Als darin der zerfallene Leib.
Birch Vestal she seems, ballerina Of wildest, of waste places, With an aspiration to whiteness Fulfilled in Americas’s North, A papery peel so flawless, It would shame the contagion of ink; Yet rarely will attain Her maturity’s fulness, Too often herself wasted, Her bitter, her harsh timber Stunted by what she favours, Blizzards bending her limbs, Long stillness under snow; Will lie prone suddenly, Crowded out, or as though felled By a blow from her own boughs. And proves brittle then, graceless: Her wrapping of bark more lasting Than the mouldered body within.
Aus: Michael Hamburger, Baumgedichte, Übersetzung Peter Waterhouse Folio Verlag, Bozen / Wien 2009
Rätsel von Gaja Waagrecht: 1 Spiel im Spiel: Modus Operandi für Videogamer 6 Machte einen italienischen Installateur zum HandheldSuperhelden 8 Buddhismus im Spitzensport? 9 Existenzielles Ladegut im Level-Leben 11 Das haben Träumer vor Augen 12 Sauer verdienter Wert gewissermaßen 14 Herr Rogge ist dort Herr der Ringe (Abk.) 15 Internationaler Standard: die normalste Organisation d. Welt (Abk.) 16 Der liegt Beat’-em-up-Fans definitiv nicht fern 19 Für Österreichs Grüne ein ursprünglich besetzter Begriff 20 Spiel mit mir! Toy für kontrollierten Handjob? 23 Im Menü möglicherweise eine Einstellungssache (Mz.) 24 Rauchten für den Frieden 27 In seiner Runde gehörten Schwerter zum Tafelbesteck Senkrecht: 1 Pittoreske Schönheit und Croft-Actrice (Vor- und Zuname) 2 So bringt sich der Croupier nichts sagend ins Spiel 3 Duellierte sich im frühzeitlichen Konsolenmatch mit dem C64 4 Mit Daniela liegen Sie im MQ richtig 5 Pflegt nämlich ein verbindliches Verhältnis zur Blutgruppe blau 7 Für Trekkies die 9. Dimension serieller Raumtiefe (2 Worte) 10 Der Platzhirsch unter den Nordic Walkern 13 Den machen Männer Frauen 17 Liefert Karoline am Oktoberfest eine bühnenreife Szene 18 Hängt er am Glücksspiel, ist Abhängigkeit oft mit im Spiel 21 Dank solcher Source sind sprudelnde Ideen vorprogrammiert 22 Der Hahn ist ein Fisch und klingt wie ein Hund 25 Im Trio ein Trio-Hit (1982) 26 Ihr Parlament steht kontinental zur Wahl Lösungsworte:
Auflösung aus Falter HEUREKA 2/2010. Waagrecht: 1DAGOBERT, 6 OLIGOPOL, 7 LIBERAL ,10 ANFASSEN , 11 TEST , 12 KAU, 14 NETZ, 16 UNFUG , 18 EI , 19 SUV, 21 SOLARIUM, 22 NURSE, 23 ACDC, 24 BEWEISEN, Senkrecht, 1 DOLLARKURS, 2 ALPIN , 3 OG , 4 BOERSENGURU , 5 ROULETTE, 8 EAT , 9 ASSE, 13 ANNONCE, 15 ZIMMERN, 17 USANCE, 20 VIRUS , 23 AB; Lösungswort: WALL STREET
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Donau – Fluch und Segen erich klein
Die Beobachtungen des Kremser Landesgerichtsrats Anton Bruszkay stellten die geringere Erschütterung des homo austriacus im Jahre 1938 dar. Seiner neuen Farbenlehre zufolge war die Donau nicht blau, im Lauf eines Jahres zeigte sie sich vielmehr „braun – an 16 Tagen, lehmgelb – 75, schmutziggrün – 45, hellgrün – 47, grasgrün – 44, stahlgrün – 8, smaragdgrün – 56, dunkelgrün – 74“. Alfred Polgars Bonmot zehn Jahre später, die Donau sei so blau wie die Österreicher Deutsche, bringt die naturgeschichtliche Verrenkung des Wiederaufbaus zum Ausdruck. 2800 Kilometer lang, durchquert die Donau zwischen Schwarzwald und Schwarzem Meer zehn Länder. „Gelb“ ist ihre Farbe in Ungarn, Bulgaren sprechen von der „weißen Donau“. Auch wenn sie vor allem der Energiegewinnung und dem Transport dient, wir sehen die Kette von Stauseen mit Kraftwerken lieber grün … Seit dem Spätmittelalter wird reguliert und „durchstochen“, werden Schifffahrtshindernisse beseitigt und Ufer verlegt – eine Gefahrenspirale mit unvorhersehbaren Folgen. Im 18. Jahrhundert entwarfen die Wasserbaumeister einen neuen Fluss. Damals wurde der bis zu neun Meter lange Hausen zum letzten Mal gefangen, die industrielle Revolution „beschleunigte“ die Natur. An die Stelle von Schiffszügen, von Pferd und Mensch bewegt, traten Dampfschiffe und Kettenbagger. Doch bald nach der Arbeit der Donauregulierungskommission 1867 wurden Gegenstimmen laut. August Strindberg bewunderte von Schloss Dornach aus die allmählich verschwindenden „Überschwemmungswiesen, auf denen die Rehe spielten, die Fasane wie Raketen aus den Büschen aufflogen, ihre wie Metall glänzenden Federn zeigend; auf denen die Störche im Sumpf fischten und die Pirole in den Pappeln pfiffen“. Ein Guckkasten, den ein Wirt aus Ybbs um 1900 für seine Touristen anfertigen ließ, zeigt Schloss Persenbeug mit schneebedeckten Bergen und Blumenwiese. Seit der Errichtung des Kraftwerkes Ybbs-Persenbeug wird die künstlich bewässert – wir leben in einer Natur aus zweiter Hand. Die Überschwemmungen sind hausgemacht. Darum wussten auch die Verantwortlichen des Donaurahmenplanes 1955: Sie beschlossen zur „Erhaltung der Donaulandschaft“ die Errichtung eines Donaumuseums. „Donau – Fluch und Segen“ in Ardagger Markt (bis 7. November 2010)
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WAS WÜRDEN SIE GERNE WISSEN UND ERFORSCHEN >
Mit einem Mobilitätsprogramm für Studierende im gemeinsamen Europa. Ein Aufenthalt im Ausland bringt vielfältige Eindrücke, bereichert das Studium und lässt neue Freundschaften entstehen. Jedes Jahr nutzen mehr als 10.000 heimische Studierende diese Chancen. Alle, die auch ihren Horizont erweitern wollen, finden Informationen u.a. zu den Mobilitätsprogrammen Erasmus, CEEPUS und den Fördermöglichkeiten unter www.bmwf.gv.at.
Wissen schafft > Perspektiven. BM Dr. Beatrix Karl
Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung