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HEUREKA 3/09

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Das Wissenschaftsmagazin im

3–09

Beilage zu Falter Nr. 46/09 Erscheinungsort: Wien. P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien; lfde. Nummer 2224/2009

● Verfehlt Warum Erinnerung sich nicht verordnen lässt ● Verdrängt Warum Zeitzeugen nicht zu trauen ist

Cover: Reini Hackl

● Verdammt Warum Jill Price nichts vergessen kann

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EDITORIAL

Archiv der Bundespolizeidirektion, Birgit Johler

Liebe Leserin, lieber Leser!

„In der Erinnerung fehlt die Tätergeschichte“, kritisiert die Historikerin Christiane Rothländer. Viel zu wenig sei bekannt über die frühe Geschichte der NSDAP in Wien. Die bezog im Dezember 1931 das Haus in der Hirschengasse 25, heute befindet sich hier ein Jugendgästehaus – ohne Verweis auf die Vergangenheit. Die Werkstattschau „Das AdolfHitler-Haus“ ist noch bis 20.12. im Bezirksmuseum Mariahilf, Mollardgasse 8, zu sehen (Do 10–12, So 11–18 Uhr und nach Vereinbarung). http://ahh.univie.ac.at

INHALT

In Großbritannien und Frankreich wird heute, am 11.11., mit Kranzniederlegungen, Reden und Militärparaden groß gefeiert. Und das seit 91 Jahren. Am Armistice Day, dem Waffenstillstandstag, gedenken die Siegermächte des Endes des Ersten Weltkriegs. Dass an jenem Tag die Monarchie de facto endete, spielt in Österreichs kollektivem Gedächtnis keine Rolle mehr. Hier gibt es andere Prioritäten. Am 11.11. beginnt die Ballsaison. Die Erinnerung verändert sich, sie selektiert und blendet aus. Kaum ein Thema hat die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften (GSK) in den letzten Jahrzehnten so stark beschäftigt. Vielleicht mit ein Grund, warum sie nicht mehr als Problemlöser für die Zukunft wahrgenommen werden. Die geringe Sichtbarkeit der GSK in der Öffentlichkeit liegt nicht nur, aber auch an ihrem eigenen Auftreten, kritisiert Wissenschaftsminister Johannes Hahn im heureka!-Interview. Sie müssten sich offensiver präsentieren. Die Naturwissenschaften geben sich wie immer konstruktiv. Sie erforschen die neuronale Basis des Erinnerns – und entwickeln Medikamente gegen Gedächtnisprobleme, auf Neudeutsch Neuroenhancer (vulgo Gehirndoping). Zu Drogen, Sucht und Doping mehr im nächsten heureka!. Erscheint am 16. Dezember. Nicht vergessen! Die Redaktion

Archiv

Heidi Metcalf

Lisi Gradnitzer

Apa/Brandstätter

Das Blog zum Heft: www.heurekablog.at

Umstritten 4

Umgedeutet 8

unvergesslich 16

untersucht 20

Was gehört zum kollektiven Ge­

Keine Verdrängung – Harald Wel­

Jill Price hat ein perfektes Ge­

Im Tierversuch klappt es bereits.

dächtnis Österreichs? Vom schwie­

zer deutet die selektive Erinne­

dächtnis – und wird zum Objekt

Lässt sich auch die menschliche

rigen Umgang mit Geschichte.

rung der Kriegsgeneration neu.

für Medizin und Medien.

Erinnerung manipulieren?

Museen 6 Speicher der Erinnerung | BM Hahn im Gespräch 10 „Unglaubliche Schätze“ | Wo ist der Schlüssel? 12 Fünf Forscher über ihre Mnemotechniken | Kammerer & Co 14 Warum Forscher in Vergessenheit geraten | Ewige Speicher 19 Im Netz bleibt alles hängen, leider | Fragwürdig 22 Psychologe Wolfgang Klimesch über Neuroenhancer Impressum: Beilage zu Falter Nr. 46/09; Herausgeber: Falter Verlagsgesellschaft mbH., Medien­inhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T.: 01/536 60-0, F.: 01/536 60-912, E.: heureka@falter.at, DVR-Nr.: 0476986; Redaktion: Klaus Taschwer, Oliver Hochadel; Satz, Layout, Grafik: Reini Hackl; Druck: Berger, Horn Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten.

heureka! erscheint mit ­Unterstützung des Bundesministeriums ­für Wissenschaft und Forschung

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orte der erinnerung

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Die Erinnerung ist auch deshalb verblasst, weil es den kriegführenden Staat, die k. u. k. Monarchie, nach 1918 nicht mehr gab. Bei den Siegermächten hingegen, in Großbritannien und in Frankreich, ist der Erste Weltkrieg nach wie vor „The Great War“ bzw. „la grande guerre“. Noch heute wird der Armistice-Tag, der Tag des Waffenstillstands am 11. November 1918, groß gefeiert. In Österreich hat sich die Erinnerung am ehesten im regionalen Kontext erhalten: in Kärnten durch den „Abwehrkampf “ gegen die „Slawen“ und in Tirol durch die Abtrennung Südtirols. Vor 1939 gab es im kollektiven Gedächtnis aber nur den einen Weltkrieg, und Suppanz’ Forschungen zeigen, wie umkämpft die Erinnerung daran war. Je nach politischem Lager standen diese vier blutigen Jahre für die „Verbrechen der Habsburger“ (Sozialdemokraten), für die „Ruhmestaten der habsburgischen Armeen (Christlichsoziale) oder den „Krieg für das Deutschtum“ (Deutschnationale). Die Erinnerung war „zerklüftet“, sagt Suppanz.

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Manfred Werner, Verein Lernen aus der Zeitgeschichte

1010 Wien, Heldenplatz. Durch das Äußere Burgtor am Wiener Heldenplatz oder drum herum sind wohl viele von uns schon unzählige Male gegangen oder gefahren. Dass sich dort oben im Tor eine mit Bildreliefs ausstaffierte „Ehrenhalle“ befindet, in der die Großtaten der Habsburgischen Armeen seit dem 17. Jahrhundert verherrlicht werden, wissen hingegen wohl die meisten nicht. Diese Ehrenhalle, eingeweiht im September 1934, war Teil der Gedächtnispolitik der Austrofaschisten, um sich als würdige Nachfolger der habsburger zu inszenieren. Der Raum ist nicht öffentlich zugänglich, sagt der Grazer Zeithistoriker Werner Suppanz. Nur auf Anfrage ans Verteidigungsministerium erhalte man eine geführte Besichtigung. Die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg ist heute kaum präsent, sagt Suppanz, sie wurde „überschrieben“. Ein gutes Beispiel hierfür sind die Kriegerdenkmäler, die oft schon in der Zwischenkriegszeit errichtet und dann nach 1945 adaptiert wurden, indem man die Widmung um die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs erweitert hat.

Apa / Brandstätter

Sie spaltet und verbindet, sie verblasst und kehrt wieder, sie wird zum Event und zur Politik – die Erinnerung. Ein kleiner zeitgeschichtlicher Rundgang durch Österreichs kollektives Gedächtnis. Oliver Hochadel


1060 Wien, Hirschengasse 25. Als Ort kollektiven

Manfred Werner, Verein Lernen aus der Zeitgeschichte

Gedenkens hat sich die Ruhmeshalle im Äußeren Burgtor längst überlebt. Er ist verschlossen. Andere Orte befinden sich mitten im Getriebe, ihre Vergangenheit aber wurde übertüncht. Wenn Schulklassen aus den Bundesländern zur Wienwoche in die Bundeshauptstadt kommen, nächtigen sie häufig im Jugendgästehaus des Unterrichtsministeriums in der Hirschengasse 25 im sechsten Bezirk. Was Schüler und Lehrer meist nicht wissen: Das Haus trug früher den Namen „Adolf-Hitler-Haus“. Schon im Dezember 1931 schlug die NSDAP hier ihr Wiener Hauptquartier auf, „und mit ihr kam die Gewalt“, sagt Christiane Rothländer vom Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte der Universität Wien. Die Nachbarn, insbesondere Juden, wurden drangsaliert, hier wurden die Terroranschläge im Juni 1933 geplant. Derzeit findet im Bezirksmuseum Mariahilf eine Ausstellung zum „Adolf-Hitler-Haus“ statt. Am Haus in der Hirschengasse erinnert nichts an dessen Vergangenheit. Dabei wurden lediglich die Hakenkreuze von der Fassade entfernt und der braune Anstrich übermalt. Eine Plakette wäre für Rothländer auch nicht ausreichend. Sie wünscht sich einen Gedenkraum im Haus. Dort könnte man etwa dokumentieren, wie die Wiener NSDAP organisiert und wie stark sie schon Jahre vor dem „Anschluss“ vom März 1938 war. „Die Tätergeschichte fehlt in der Erinnerung“, kritisiert Rothländer.

1090 Wien, Servitengasse 6. In der Opfergeschichte besteht dieser Trend hin zum lokalen Erinnern schon seit mehreren Jahren. In Wien haben viele Anwohner begonnen, die Delogierung und das Zusammenpferchen in „Sammelwohnungen“, die Enteignung und Deportation der Juden 1938 und in den folgenden Jahren zu erforschen und zu dokumentieren, und zwar Wohnung für Wohnung und Haus für Haus. Die Menschen wollen wissen, welches Unrecht an dem Ort geschah, an dem sie heute wohnen. Damit ist auch eine neue Form des Erinnerns entstanden, die nicht von oben verordnet wurde, die keinen Gedenktag benötigt, sondern eben „von unten“ kommt. Sie entspringt häufig privaten Initiativen und sucht dann die Vernetzung mit Kommunen und Geschichtswissenschaft. So entstand etwa im neunten Bezirk die Projektgruppe „Servitengasse 1938. Schicksale der Verschwundenen“. Im zweiten Bezirk gemahnen bereits zahlreiche Tafeln an Hauswänden an die vertriebenen und häufig ermordeten früheren Bewohner, ein „Weg der Erinnerung“ führt zu den wichtigsten Orten. Auch im sechsten Bezirk hat sich die Plattform „Erinnern für die Zukunft“ dem Gedenken an die über 800 Opfer der NS-Diktatur in Mariahilf verschrieben. Der deutschen Akti-

on „Stolpersteine“ nachempfundene Aktionen, in den Boden eingelassene Kupferplatten mit den Namen der Vertriebenen vor deren letzter Wohnung, gibt es auch bereits in Mödling, Braunau am Inn und Salzburg. Die Erinnerung wird lokaler. Dorfplätze und Straßennamen. „Auch in kleinen

Dörfern gibt es jetzt Gedenksteine“, sagt die Wiener Zeithistorikerin Heidemarie Uhl. „Jetzt geht es um die Geschichten vor Ort, wie große Geschichten sich im Kleinen abspielen, und um Fragen, ob man Straßennamen ändert oder nicht.“ Es ginge nicht mehr um das eine große Denkmal für die gesamte Gesellschaft. Uhl erklärt dieses Hin zum lokalen Erinnern so: Bislang gab es zwei Formen, Erinnerung zu produzieren: den Skandal und den Gedenktag. „Mittlerweile aber gibt es nichts mehr, was skandalisierbar wäre. Die These von Österreich als erstem Opfer Hitlers ist schon lange ad acta gelegt.“ Der letzte „Skandal“ sei wohl die Wehrmachtsausstellung gewesen, die die Mär von der Unschuld der Wehrmacht widerlegte. Uhl: „Wenn die Kritik Erfolg hatte, dann ist der Streitwert weg.“ Und Kämpfer für die Aufarbeitung der NS-Zeit aus den 80er-Jahren seien heute Museumsdirektoren. „Der Dynamik des Gedenkens geht es um das Einschreiben ins kollektive Gedächtnis. Diese Mechanismen sind weder gut noch böse“, konstatiert Uhl. Sie frage sich allerdings schon, ob angesichts der Allgegenwart der Vergangenheit, der mit Stolpersteinen zugepflasterten Städte nicht auch bald eine Gegenreaktion komme. Kann es auch ein Zuviel an Erinnerung geben?

„Erinnerung wird mehr und mehr zur Erinnerungspolitik, zur Politik mit der Erinnerung“ Siegfried Mattl, Zeithistoriker

Links: ahh.univie.ac.at www.servitengasse1938.at www.erinnern.at

4310 Mauthausen. Heidemarie Uhl leitet das Pro-

jekt „Mauthausen Seminar. Geschichte ausstellen/darstellen in KZ-Gedenkstätten“ (eines von elf forMuse-Projekten, s. Kasten S. 6). Sie ist auch Mitglied der Gruppe, die derzeit an der Neugestaltung der KZ-Gedenkstätte Mauthausen arbeitet. Wie gibt man Opfern Präsenz? Für Uhl ist dies eine Gratwanderung. Natürlich solle der Besucher sich einfühlen. Gleichzeitig müsse ein Gedenkort aber auch die Strukturen sichtbar machen, die die Verbrechen ermöglichten. Die Fragen, die sich bei der Neugestaltung der Gedenkstätte stellen, seien nicht zuletzt praktischer Natur: Was macht man sichtbar, wenn das Fußballfeld, wo die SS-Mannschaft gespielt hat, nach der Befreiung zum Massengrab wurde? Zeigt man den täglichen Weg der Häftlinge oder jenen der SS? Warum sind die Barackenwände nicht in der Originalfarbe gestrichen, fragen manchmal Besucher. Für sie ist „Authentizität“ zentral, aber diese ist flüchtig. „Man kann auch nicht nichts tun, denn dann passiert auch etwas“, sagt Uhl. Die Baracken etwa würden einstürzen. Uhl und ihre Kollegen sind sich einig, dass es in

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www.stolpersteine.at www.erinnern-fuer-die-zukunft.at

Bei Großprojekten wie „A letter to the stars“ droht die Erinnerung zum Event zu werden heureka 3/2009 | Erinnerung

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„Gedächtnispolitik hat immer etwas Reduktionistisches. Ist die Darstellung vielstimmig, ist sie auch schwerer zu vereinnahmen“ Dirk Rupnow, Zeithistoriker

1020 Wien, Förstergasse 7. Wie soll man erinnern?

Eine Frage, die sich für Hannah Landsmann täglich stellt. Sie ist für die Vermittlungsprogramme im Jüdischen Museum Wien zuständig. „Bei uns rufen die Lehrer an und sagen: ,Wir machen jetzt Zeitgeschichte. Haben Sie was zum Krieg?‘ ,Nein, den Krieg haben wir nicht‘, sage ich dann.“ Und wenn es um den Holocaust geht, werden auch keine Fotos mit Leichenbergen gezeigt. Man müsse Nähe herstellen zwischen den Schülern und den Gegenständen des Museums, sagt Landsmann. „Kurt und Ilse“ ist ein Programm über zwei jüdische Schüler, die zwischen 1938 und 1945 in Wien lebten. Aus Schachteln

1010 Wien, Ballhausplatz. Erinnerung wird auch

mehr und mehr zur Erinnerungspolitik, sprich: zur Politik mit der Erinnerung, wie der Wiener Zeithistoriker Siegfried Mattl konstatiert: „Natürlich war Erinnerung immer kontrovers und hatte ihre eigenen ritualisierten Formen.“ Aber seit gut 20 Jahren werde dies als explizite Aufgabe der Regierung und anderer Institutionen gesehen.

Apa / Hörmadinger

der Gedenkstätte keinen spektakulären Neubau geben wird, nichts soll irreversibel festgeschrieben werden. Denn in 20 Jahren wird eine neue Generation von Historikern es wieder anders machen. Die Erinnerung wird stets aufs Neue erzeugt.

werden die Pässe mit dem roten „J“, Tagebücher, Briefe und weitere persönliche Gegenstände (in Kopien) hervorgeholt. Von Kurt gibt es sogar eine Liste seiner Lieblingslieder. „Wir überlegen uns, was würden die beiden heute machen. Wären sie bei Facebook?“ Dass Ilse bei einem Luftangriff ums Leben kommt und Kurt unmittelbar vor der Befreiung Wiens in der Förstergasse erschossen wird, erfahren die Schüler erst zum Schluss. „Kurt und Ilse“ funktioniere eigentlich immer, da können die Schüler noch so pubertieren, berichtet Landsmann. Die Anschlussfähigkeit an die Lebenswelt der Schüler sei entscheidend, sie ermögliche die persönliche Identifikation mit den Opfern. Großprojekte wie der „March of Remembrance and Hope“, bei dem Jugendliche von Auschwitz nach Birkenau gehen, oder die Initiative „A letter to the stars“ für Schüler verfolgen einen ähnlichen Anspruch. Hier freilich drohe Erinnerung zum Event zu werden, befürchtet Landsmann.

Speicher der Erinnerung gilt als eine Lichtgestalt der österreichischen Wissenschaft. Von der indigenen Bevölkerung Neuguineas machte er Film- und Tonaufnahmen, was um 1900 als revolutionär galt. Bei seiner Reise durch Südafrika (1907– 1909) hingegen bediente er sich höchst traditioneller Methoden: Bei Nacht und Nebel ließ er Gräber sogenannter Buschmänner ausheben. Seine beinerne Beute lagert noch heute im Naturhistorischen Museum Wien (NHM) sowie im Anthropologischen Institut der Universität Wien. „Wenn Objekte nicht korrekt in unsere Sammlung gelangten und dabei Rechte verletzt wurden, behalte ich mir vor, sie für Forschungen zu sperren“, stellt Maria Teschler-Nicola, die Leiterin der Anthro­ pologischen Abteilung des NHM klar. Pöchs gestohlene Knochen werden wohl bald an Südafrika zurückgegeben. In einem ähnlichen Fall wurden im Oktober bereits Knochen von australischen Aborigenes „repatriiert“. 40.000 Schädel und andere menschliche Überreste haben sich in den letzten 130

Last der Geschichte: Schädel im NHM Wien

Jahren im NHM angesammelt. TeschlerNicola und ihre Mitarbeiter bemühen sich schon seit längerem, deren Herkunft zu klären. Nun ist dazu eine eigene Untersuchung angelaufen: eines von elf bewilligten Forschungsprojekten im Rahmen von forMuse. Dieses Programm des Wissenschaftsministeriums will gezielt die Forschung in Museen in Österreich fördern. forMuse läuft von 2009 bis 2012 und hat ein Gesamtvolumen von zwei Millionen Euro.

Im Projekt des Museums für Völkerkunde Wien (Mf V) mit dem programmatischen Titel „Sharing cultural memory“ soll die Indonesien-Sammlung „Czurda“ aufgearbeitet und durch Virtualisierung über das Museum hinaus einsehbar und erforschbar gemacht werden. Dies ist nicht zuletzt deshalb von Interesse, weil viele dieser Objekte heute in Indonesien nicht mehr vorhanden sind. Es fällt auf, dass gleich mehrere forMuse-Projekte die Geschichte der eigenen Sammlung aufarbeiten. „Arisierung“ ist dabei immer noch ein Thema. Das Technische Museum Wien untersucht die Enteignung von Kraftfahrzeugen im NS-Regime. Aber auch ältere Bestände werden nun kritisch unter die Lupe genommen, wie im NHM, oder auf ihr interkulturelles Potenzial abgeklopft, wie im Mf V. Museen werden oft als Speicher der Erinnerung bezeichnet. Ein globales Gedächtnis wird es so bald nicht geben, aber diese Speicher können nun nicht mehr für sich stehen. O.H. www.formuse.at

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Heribert Corn

Der Anthropologe Rudolf Pöch (1870–1921)

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in K

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1988 wurde das Hrdlicka-Denkmal gegen Faschismus und Krieg am Albertinaplatz in Wien eingeweiht. Seit 1998 wird auf Beschluss des Nationalrats am 5. Mai, dem Jahrestag der Befreiung des KZ Mauthausen, der „Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus“ begangen. Auch die Neugestaltung der Gedenkstätte selbst hat sich die Politik auf die Fahnen geschrieben. Durch das Zusammenwachsen der EU sei das offizielle Geschichtsbild Teil der Außenpolitik geworden, so Mattl: „Bei Amtsantritt der schwarz-blauen Regierung im Februar 2000 wurde an alle Außenministeriumsstellen ein Argumentationspapier verteilt, in dem aufgezählt wurde, was Österreich alles zur Wiedergutmachung geleistet hat.“ Spiegelbildlich war der Aufstieg von Jörg Haider und der FPÖ vor allem in der ausländischen Presse über historische Bilder kommentiert worden. Es ist bezeichnend, dass der aktuelle Konflikt um die Verabschiedung des neuen EU-Vertrags sich um eine Ausnahme­ regelung für Tschechien dreht, die mögliche Forderungen der Sudetendeutschen verhindern soll. Der Streit um Recht und Unrecht in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, die Frage nach Opfer und Täter, nach

Entschädigung und Rückgabe ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch lange nicht ausgestanden, die Erinnerung noch keineswegs europäisch synchronisiert. Kein Ort, noch nicht. Wie schwer man sich in Österreich mit der Erinnerung tut, zeigt die scheinbar unendliche Odyssee des „Hauses der Geschichte“. Die Idee eines derartigen „Erinnerungsgebäudes“ stammt bereits aus den 90er-Jahren und durchlief seither zahlreiche inhaltliche Metamorphosen, hitzige Debatten in Historikerkommissionen und mehr oder weniger öffentliche Diskussionen. Fast alles war umstritten. Das fing schon beim Namen an: Sollte es ein „Haus der Toleranz“ oder ein „Haus der Republik“ sein, ein Museum oder vielmehr eine Erinnerungsstätte, ein Ort des Lernens oder einer der Identitätsstiftung? Unterschiedlichste Varianten wurden vorgeschlagen. Sollte man sich inhaltlich auf die Shoa und den Nationalsozialismus konzentrieren oder vielmehr die österreichische Geschichte seit der Mitte des 19. Jahrhunderts darstellen? Auch die beteiligten Historiker fanden sich in einer schwierigen Rolle. An sich ­darauf getrimmt, historische Erzählungen zu dekonstruieren, sollten sie nun selbst welche konstruieren. „Wir wollen professionelle

Distanz wahren, obwohl wir natürlich Teil dieser Auseinandersetzung um die Vergangenheit sind und gerade daraus auch unsere Bedeutung beziehen“, gibt der Innsbrucker Zeithistoriker Dirk Rupnow zu bedenken. Ein entsprechendes Haus müsste ein Verhandlungsraum sein, der auch zeigt, welche Konfliktfelder und verschiedenen Versionen von Vergangenheit es gibt. „Gedächtnispolitik hat immer etwas Reduktionistisches. Ist die Darstellung vielstimmig, ist sie auch schwerer zu vereinnahmen“, so Rupnow. Durch Polemiken ständig neu aufgeheizt, wurde das „Haus der Geschichte“ zu einer heißen Kartoffel, an der sich die Politik nicht (mehr) die Hände verbrennen will. Es droht die Schubladisierung. Der letzte Stand der Dinge: Das Konzept von Claudia Haas und Renate Goebl liegt seit 30. März bei der Bundesregierung, die beiden Museumsfachfrauen wurden zum Schweigen verdonnert. Öffentliche Diskussion – Fehlanzeige. Das Konzept werde zurzeit noch „geprüft und diskutiert“, teilt das Bundeskanzleramt auf Anfrage mit: „Aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage ist eine Realisierung leider derzeit zeitlich nicht absehbar.“ Wir lernen: Erinnerung lässt sich nicht von oben steuern. 3

eine Veranstaltung von

Aufklärung, Dialog oder Event?

Anforderungen an eine zielgruppenorientierte Wissenschaftskommunikation Keynotes: Massimiano Bucchi University of Trento Armin Maiwald Sendung mit der Maus

Internationale Fachtagung Mo. 16. – Di. 17.11.2009 Programm und Registrierung unter in Kooperation mit ALPEN-ADRIA UNIVERSITÄT KLAGENFURT

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Wählerisches Gedächtnis Erinnern dient einem Zweck. Ob es mit dem übereinstimmt, was tatsächlich geschah, ist nicht entscheidend. Der Sozialpsychologe Harald Welzer interpretiert die „Verdrängung“ der Kriegsgeneration neu.

Eine andere Erinnerung. Warum hat die Kriegsgeneration von den Judenverfolgungen so wenig mitbekommen? Lügen diese Menschen? „Nein, sie erinnern sich anders“, sagt Harald Welzer. Er und seine Mitarbeiter am Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen haben hunderte Zeitzeugen befragt. Sie mit Widersprüchen zu konfrontieren kam nicht infrage. „Ich will denen ja nicht das Leben schwermachen.“ Sein Interesse sei wissenschaftlicher, nicht therapeutischer Art. In Büchern wie „Opa war kein Nazi“ hat der Sozialpsychologe herausgearbeitet, wie sehr sich das öffentliche Gedenken an die Zeit unter dem NS-Regime von dem unterscheidet, was innerhalb von Familien weitergegeben wird. Diese Widersprüche finden viele unerträglich. Ihre Antwort lautet: mehr Geschichtsunterricht, mehr Gedenkstätten. Mancher beruft sich dabei auf Welzer. Doch so leicht lässt sich der Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Uni Witten/Herdecke nicht vereinnahmen. Der vermeintliche Kronzeuge zieht einen ande-

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ren Schluss. Für ihn hat die Beschäftigung mit der Nazizeit zumindest in Deutschland längst das sinnvolle Maß überschritten. Die „Pädagogisierung des Holocaust“, findet er, sei fehl am Platz: „Warum soll man Toleranz und Zivilcourage ausgerechnet am sprichwörtlichen Beispiel für Grausamkeit und Unmenschlichkeit einüben?“ Wie leicht sich Gehorsamsdenken oder Ausgrenzungswünsche einstellen, könne man Jugendlichen besser in Rollenspielen nahebringen. Verschönte Geschichten. „Auf der einen Seite haben wir sechs Millionen ermordete Juden, 50 Millionen Kriegstote“, sagt der 51-Jährige. „Die andere Ebene existiert im Familienalbum, wo man sich Bilder anschaut und dazu Geschichten hört. Das sind aber Geschichten, die in einer Beziehung erzählt werden, die sind emotional grundiert.“ Damit kommt er auf eine weitere Divergenz zu sprechen – die nämlich zwischen den Erzählungen der Kriegsgeneration und der Verinnerlichung durch ihre Kinder und Enkel. „In der Familie gibt es keine Nazis,

sondern immer nur gute Opas und Widerstandskämpfer. Das kommt nicht einmal von den Opas alleine. Die erzählen schlimme Geschichten, aber die werden von Generation zu Generation immer schöner.“ Welzer will es nicht Verdrängung nennen. Er findet es nicht einmal schlimm, sondern hält es für einen „Effekt funktionierender Aufklärung“: Einerseits habe man gelernt, was damals alles passiert ist, und auch die Botschaft verinnerlicht, dass das nicht wieder passieren soll. „Andererseits überschneidet es sich mit der Lebenszeit meiner Angehörigen, und ich will die Geschichte mit den Menschen in Einklang bringen“, so Welzer. „Ich kenne Opa ja nicht als Aufseher im KZ, sondern weil er mit mir Fahrrad gefahren ist, mir den Kopf gestreichelt oder Geschichten vorgelesen hat.“ Aus Sicht des Sozialpsychologen ist „die Verheldenhaftung der eigenen Angehörigen genau ein Beleg dafür, dass die Geschichtsaufklärung funktioniert.“ 30 Jahre Abstand. Verdrängung ist für ihn

überhaupt ein Reizwort. Er verwendet es oft

Lisi Gradnitzer (2)

Interview: Stefan Löffler

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– aber nur, um sich davon abzugrenzen. Welzer spricht lieber von „aktiver Aneignung und Bewältigung“. Um sich der Geschichte zu stellen, seien 30 Jahre Abstand Voraussetzung. Für die Kriege der 90er-Jahre im ehemaligen Jugoslawien sei es noch viel zu früh. In Kambodscha sei die Zeit für die Aufarbeitung der Gräueljahre der Roten Khmer jetzt reif. Die Franzosen brauchten eine Generation, um sich ihrer kolonialen Vergangenheit in Algerien zu stellen. Das Gleiche galt für die Deutschen und die Nazizeit. Es könne sogar „heilsam sein, historisch schlimme Phasen zunächst zuzudecken“. Bei gleichzeitiger intensiver Rückschau wäre es schwer möglich gewesen, eine Demokratie wie die Bundesrepublik aufzubauen. Beim Thema Erinnerung seien die meisten auf die Vergangenheit fixiert. Ihn interessiere dagegen viel mehr, was Erinnerung mit der Zukunft anstellt. Auch von der Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Erinnerung hält er wenig. Auf die Funktion des Erinnerns komme es an: „Der Rückgriff auf Vergangenes ist dazu da, dass wir uns in der Gegenwart orientieren. Unser Gedächtnis ist keineswegs das verlässliche Archiv, für das wir es gerne halten. Es wählt Eindrücke aus, ergänzt sie, formt sie neu, und zwar so, wie es für das Überleben in einer komplexen Welt nützlich ist.“ Rotes Tuch für Zeitzeugen. Mit solchen Aussagen hat sich Welzer nicht nur Freunde gemacht. „Ich bin ein rotes Tuch für Zeitzeugen, die im Fernsehen und sonstwo auftreten. Jemanden den Authentizitätsstatus der eigenen Lebensgeschichte abzusprechen ist nicht nett“, sagt er und zitiert eine alte Historikerregel: „Der Zeitzeuge ist der natürliche Feind des Historikers.“ Realitätswahrnehmung sei eben ein Selektions- und Interpretationsprozess. Den Gedanken, dass unser Gedächtnis auch Erinnerungen importieren kann und dass man einiges, was man erlebt zu haben glaubt, gar nicht erlebt hat, hält der Leiter der Forschungsgruppe „Erinnerung und Gedächtnis“ am KWI zwar für gewöhnungsbedürftig, findet ihn aber durchaus witzig. „Erfahrungen formen sich nach Mustern, etwa nach Filmen und Büchern. Und man vertut sich leicht in den Quellen der Erinnerung.“ Anfangs fürchtete Welzer, in historischen Gefilden als Dilettant dazustehen. Stattdessen wurde er unter Historikern herumgereicht. „Qua Disziplin, und ich meine das nicht despektierlich, verstehen sie nichts von Interaktionsprozessen, also wie Menschen ihre Realität konstruieren, wie Entscheidungen und Motivationen zustande kommen. Da ist es schön, wenn jemand wie ich kommt, mit den Materialien der Historiker herumwildert und sagt, versucht es doch einmal so zu verstehen!“ Auch mit seiner Deutung, dass Nazitäter überwiegend nicht die pathologischen

Unmenschen waren, zu denen sie von Historikern früherer Generationen oft erklärt wurden, traf Welzer einen Nerv. Hin zur Hirnforschung. Selbst suchte er die Nähe einer ganz anderen Disziplin, nämlich der Hirnforschung. Er wollte wissen, wie Erinnerung auf der neuronalen Ebene funktioniert. Welzer reichte es nicht, sich in die Neurowissenschaften einzulesen. Er wollte gemeinsam forschen. So stieß er auf Hans Markowitsch. Zusammen untersuchten sie, was sich im Gehirn abspielt, wenn Probanden unterschiedlichen Alters Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend abrufen. „Alte Menschen aktivieren ihr semantisches Gedächtnis. Da ist das Erlebte zu Wissen geworden und wird nicht mehr so stark durch neue Erfahrungen überschrieben. Das sind richtige Geschichten mit Anfang, Mittelteil und Schluss“, berichtet Welzer. Die Erzählstrukturen alter Menschen seien gewöhnlich evaluierend. Typische Formulierungen lauten: „Seitdem wusste ich …“, „Da habe ich gelernt …“, „… das war für mich prägend“. „Bei 17-Jährigen gibt es diese Bewertung nicht. Da wird nur das episodische Gedächtnis abgerufen und aus dem Erleben heraus flexibel erinnert.“ Das Gehirn ist für Welzer kein individuelles Organ, sondern „in der Entwicklung seiner neuronalen Verschaltungen ein kulturelles Produkt“. Seine Struktur bilde sich aufgrund der Umwelt, in die es hineinwächst. Das Gedächtnis betrachtet er als biosoziales System. Es arbeite assoziativ, wobei die Muster nicht feststehen, sondern vom Kontext abhängen.

Ausgewählte Bücher von Harald Welzer: Das soziale Gedächtnis. Geschichte, Erinnerung, Tradierung. Hamburg 2001 (Hamburger Edition).

Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung. München 2002 (C.H. Beck). „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt/M. 2002 (S. Fischer). (Mit Sabine Moller, Karoline Tschuggnall und Olaf Jensen.) Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung. Stuttgart 2005 (Klett-Cotta). (Mit Hans Markowitsch.) (Hg.) Der Krieg der Erinnerung. Holocaust, Kollaboration und Widerstand im europäischen Gedächtnis. Frankfurt/M. 2007 (S. Fischer). Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Frankfurt/M. 2007 (Fischer TB).

„Der Zeitzeuge ist der natürliche Feind des Historikers. Realitätswahrnehmung ist eben ein Selektions- und Interpretationsprozess“ Zukunft Klima. Inzwischen hat sich Welzer neu-

en Ufern zugewandt. Seine letzten zwei Bücher sind dem Klimawandel gewidmet. Methodisch sucht er die Nische, in seiner Themenwahl ist er Mainstream. Als Anknüpfungspunkt an seine Forschungen über Kriegserinnerungen nennt er Extremereignisse und Gewalt. Welzer rechnet damit, dass die globale Erwärmung in den nächsten Jahrzehnten extreme Eskalationen auslösen wird. Im Internet ist noch ein Buch angekündigt: „Das soziale Gehirn“. Es hätte die Quintessenz seiner Erinnerungsforschung werden sollen. Daraus werde nichts mehr, gesteht er. Harald Welzer widmet sich jetzt ganz der Zukunft. 3

Harald Welzer

Link: www.memory-research.de

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„Schätze, die es zu heben gilt“ heureka!: Wie schätzen Sie die aktuelle

Lage und die öffentliche Wahrnehmung der ­Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften in Österreich ein?

Johannes Hahn: Ich habe leider den Eindruck, dass sich die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften seit Jahrzehnten weitgehend aus der öffentlichen Debatte zurückgezogen haben. Wenn wir heute über den künftigen europäischen Hochschulraum oder die Zukunft der Universitäten diskutieren, dann melden sich vor allem Leute aus den Naturwissenschaften und der Technik zu Wort, die natürlich in erster Linie ihre Positionen vertreten. Der GSKBereich deckt – je nach Definition – rund die Hälfte der Studierenden ab. Deshalb sollten seine Vertreterinnen und Vertreter auch entsprechend stark in den öffentlichen Diskussionen repräsentiert sein. Das würde ich mir verstärkt wünschen. Woran liegt es, dass dem nicht so ist? Es gibt im GSK-Bereich traditionell kleinere Strukturen und überhaupt eine stärkere Einzelorientierung. Dazu kommt auch noch der hohe Andrang in der Lehre, wodurch die Vertreter dieser Fächer womöglich etwas „abgelenkt“ sind. Trotzdem denke ich, das sind keine hinreichenden Erklärungen dafür, dass die Fächer im ­öffentlichen Bewusstsein nicht so stark präsent sind. Was halten Sie von deren Forschungsleis­ tungen? Da entwickeln sich manche Dinge ganz gut – auch wenn es natürlich immer schneller gehen könnte. Bedingt durch die Aufgabenund Themenstellung gibt es grundsätzlich eine stärkere lokale, regionale oder nationale Betrachtungsweise von Problemen. Deshalb ist die Lingua Franca in vielen Fällen immer noch Deutsch, was wiederum zu einer reduzierten internationalen Sichtbarkeit führt. Aber auch da ändert sich einiges: Von den 33 besten Dissertationen, die heuer von den Unis vorgeschlagen und von uns ausgezeichnet wurden, waren bereits zwei Drittel in Englisch verfasst – und das waren nicht nur technisch-naturwissenschaftliche Dissertationen.

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Wissenschaftsminister Johannes Hahn im Gespräch über die Lage der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften, über Fragen der Erinnerungspolitik und sein ganz persönliches Gedächtnis.  Interview: Klaus Taschwer

Wird es wieder ein eigenes Programm des Wissenschaftsministeriums für den GSK-Bereich geben wie vor Jahren jenes für die Kulturwissenschaften? Ich bezweifle, dass ein einzelnes Programm so einen Push auslösen kann, weil das für den gesamten Sektor thematisch wohl immer zu schmal sein wird. Wir müssen aber sicher gemeinsam mit den Betroffenen diskutieren, wie wir vermehrt ein Bewusstsein dafür schaffen können, dass sie sich wieder stärker in den öffentlichen Diskurs einbringen. Sie haben sich zuletzt sehr stark für die ­Archäologie eingesetzt. Ist das eine private Leidenschaft?

„Ich neige dazu, viele Details aus meinem Leben zu vergessen, weil ich ein vorwärtsorientierter Mensch bin“

Nein, da habe ich einen recht rationalen Zugang. Mit den verschiedenen AkademieInstituten, dem Österreichischen Archäologischen Institut und vor allem auch mit den Forschungen in Ephesos, wo Österreich mit Unterbrechungen seit 114 Jahren gräbt, haben wir eine tolle Leistungsbilanz aufzuweisen. Es würde mir wehtun, dieses angehäufte Kapital nicht entsprechend einzusetzen. Als Ephesos und die ganze Archäologie vor großen Herausforderungen standen, habe ich mich deshalb für sie starkgemacht. Es ist ja oft so bei Krisen, dass man am Ende stärker daraus hervorgeht. Und das hoffe ich auch im Fall der Archäologie. Darüber hinaus denke ich, dass im Windschatten der Archäologie, die ja sehr stark auf Interdisziplinarität setzt, noch angrenzende Disziplinen „mitgezogen“ werden. Was halten Sie von gesellschaftlich relevanten Themen für mögliche GSK-Förderungsprogramme – zum Beispiel Migration oder alternde Gesellschaft –, wie das etwa der Rat für Forschung und Technologieentwicklung vorgeschlagen hat? Grundsätzlich spricht nichts gegen solche Programme. Aber ich glaube nicht, dass sie dabei helfen, den gesamten Bereich zu pushen, weil das wiederum Themenstellungen sind, die nicht allein in den GSK-Bereich fallen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass der GSK-Bereich sehr stark von Einzelpersönlichkeiten abhängt. Man denke nur an die österreichische Mittelalterforschung, die international höchst renommiert ist: Da wurde unter Herwig Wolfram so etwas wie einer Wiener Schule begründet, dann gab es den Wittgensteinpreisträger Walter Pohl, und jetzt forscht Helmut Reimitz in Princeton. Trotzdem muss man sich fragen, was man tun kann – um zum Beispiel auf eine noch internationalere Berufungspraxis hinzuwirken. Es gibt nun immerhin forMuse, mit dem das Wissenschaftsministerium Forschung an Museen unterstützt, obwohl die eigentlich zum Unterrichtsministerium gehören. Was steckt da dahinter? Diese Initiative wurde ausschließlich aus der Erkenntnis geboren, dass auch Museen einen Forschungsauftrag haben, den es zu

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Welche Rolle können und sollen die GSK im Zusammenhang mit Erinnerungskultur und Gedächtnispolitik spielen? Gerade wenn man sich die Verwerfungen des vergangenen Jahrhunderts in Europa ansieht, würde ich mir wünschen, dass durch die GSK eine Aufarbeitung auch in der Weise stattfindet, dass man sich in die Lage der Akteure der jeweiligen Epoche versetzt und versucht, das damals Geschehene aus der Zeit heraus zu verstehen. Dass wir heute „nur“ mit der Gnade der Spätgeborenen Entscheidungen vor 20, 60 oder 100 Jahren beurteilen, finde ich nicht in Ordnung. Die andere Frage ist aber, welche Schlussfolgerungen wir aus dem damals Geschehenen ableiten. Mir scheint, dass wir allzu sehr dazu neigen, bloß aus unserer heutigen Sicht Wertungen vorzunehmen. Der Gedächtnisforscher und Nobelpreisträger Eric Kandel hält es für eine Schande, dass das Hauptgebäude der Universität am Dr.-KarlLueger-Ring steht, dessen Namensgeber ein Antisemit war. Teilen Sie diese Wertung? Ich habe mit Eric Kandel bereits über diese Frage diskutiert. Ich teile seine Beurteilung der Rolle Luegers für die Persönlichkeitsbildung Hitlers nicht. Klar ist, dass Lueger ein Populist war. Solche Fragen stellen sich auch für Leute wie den Medizinnobelpreisträger Julius Wagner-Jauregg, der der Eugenik das Wort geredet hat, oder den sozialdemokratischen Stadtrat in den 20er-Jahren ... „Dass wir heute „nur“ mit der Gnade der Spätgeborenen Entscheidungen vor 20, 60 oder 100 Jahren beurteilen, finde ich nicht in Ordnung“ – Johannes Hahn, Wissenschaftsminister

Matthias Cremer (3)

fördern gilt. Das Programm forMuse wurde bereits entwickelt, als es nur ein Ressort für Bildung und Wissenschaft gab. Und es wurde trotz der Trennung der Ministerien nicht vergessen. Es liegen in den Museen unglaubliche Schätze, die es zu heben gilt. Und wenn es dann noch gelingen sollte, die zum Teil wirklich attraktiven Museumsprogramme für Kinder und Jugendliche mit Sparkling Science, dem BMWF-Forschungsprogramm für Kinder und Jugendliche sowie Wissenschaftler, zu verbinden, dann sind meiner Fantasie in Sachen Synergie keine Grenzen gesetzt. Tut es Ihnen nicht manchmal leid, dass das Naturhistorische Museum Wien nicht ins Wissenschaftsministerium ressortiert? Es widerspricht meinem Naturell, mich mit Dingen zu beschäftigen, die nicht aktuell sind. Es gibt natürlich Museen, die eine stärkere Wissenschaftsorientierung haben, und solche mit einer stärkeren Kunst­

orientierung. Aber ich denke, in Summe ist es klug, wenn alle Museen in einer Hand sind. Apropos Wissenschaftsvermittlung und Jugend: Was sagen Sie dazu, dass das ORFWissensmagazin „Newton“ bei weit unter 100.000 Zusehern rangiert und es Pläne am Küniglberg gibt, Wissenschaft und Religion zusammenzulegen? Sollte sich da nicht auch die Scientific Community engagieren, damit die Wissenschaft wieder einen höheren Stellenwert bekommt? Absolut. Ich bin ja auch im Gespräch mit den ORF-Verantwortlichen. Ich sehe aber auch, dass etwa die Wissenschaftsseiten in den Printmedien ihr Publikum und dort auch von den Chefredaktionen immer größere Unterstützung finden. Was ich in Sachen ORF jedenfalls anregen würde, weil es auch verhältnismäßig nicht viel Geld kostet, wären Wissenschaftsseiten im Teletext.

Julius Tandler. Ja, Julius Tandler, richtig. Wie sieht es mit Ihrem ganz persönlichen Gedächtnis aus? Merken Sie sich Dinge leicht? Vergessen Sie schnell? Ich habe jedenfalls ein sehr gutes Kurzzeitgedächtnis. Wenn ich mich am Abend für den nächsten Tag vorbereite, dann habe ich die ganzen Unterlagen 24 Stunden im Kopf. Ich neige aber dazu, viele Details aus meinem Leben zu vergessen, weil ich ein vorwärtsorientierter Mensch bin. Inwiefern? Ein Beispiel: Ich hatte 1979 meine erste Krebsoperationen, und das war zweifellos etwas sehr Einschneidendes in meinem Leben. Wenn man mich heute fragt, wann genau diese Operationen waren, könnte ich nur sagen, dass das damals im August war. Sonst erinnere ich mich an keine Details. Ich würde nicht sagen, dass das eine Gedächtnisschwäche ist. Das ist eben meine habituelle Art des Erinnerns. 3

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Wo sind die Schlüssel? Bilder, Gefühle, Listen, Häuser, Handys. Fünf Gedächtnisforscher über ihre Gedächtnisprobleme und wie sie diese mnemotechnisch lösen.  Aufgezeichnet von Mark Hammer

„Bei Strafanzeigen hat man einen negativ emotionalen Anker und vergisst kaum aufs Einzahlen“ Peter Dal-Bianco, Neurologe

„Wir haben zwar Archive und Bibliotheken, aber eigene funktionierende Speicher sind die Basis“ Helmut Konrad, Historiker

Lesen Sie weitere Testimonials unter: www.heurekablog.at

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Wie einst Simonides. Mein Gedächtnis ist brauchbar für meine Tätigkeiten; ich bin damit zufrieden. Es könnte natürlich noch besser sein: Denn ein gutes Gedächtnis spart Zeit. Vergessen war mir zum Beispiel unangenehm, als ich mir zu Beginn meiner Ausbildungszeit den Namen des verantwortlichen Arztes nicht korrekt merkte. Ich vergesse oft Informationen, die mich nicht besonders interessieren: Inhalte, die keinen Nachteil bewirken, wenn ich sie vergesse, und keinen Vorteil, wenn ich sie behalte. Es geht dabei auch um Dinge, die andere von mir wollen. Viele Botschaften sind emotional verankert: Diese lassen sich so rascher und präziser abrufen. Bei Strafanzeigen oder Steuervorschreibungen hat man zum Beispiel einen negativ emotionalen Anker und vergisst kaum aufs Einzahlen. Ich stelle mir Einflussfaktoren auf Themen räumlich vor, zum Beispiel wenn ich über Zusammenhänge zwischen Gedächtnisleistungen, Schulbildung, Musik, Ernährung und Lebensstil frei sprechen müsste. Man kann sich die einzelnen Bereiche links, rechts, oben und unten vorstellen und so einen optischen Spannungsraum auf bauen. Man kann somit leichter auf abstrakte Themen „visuellräumlich konkret“ zurückgreifen. Diese Mnemotechnik geht auf den griechischen Dichter Simonides von Keos zurück. Er sang für einen Fürsten und wurde während des Festmahls aus dem Schlosssaal gerufen. Das Dach stürzte in seiner Abwesenheit ein, und alle Festgäste waren tot. Die Angehörigen wollten ihre Opfer bestatten, konnten sie aber nicht identifizieren. Simonides half ihnen, denn er erinnerte sich an die Sitzordnung der Gäste.

Peter Dal-Bianco (58) leitet die Spezialambulanz für Gedächtnisstörungen an der Universitätsklinik für Neurologie der MedUni Wien.

Probleme in der Praxis. Als Historiker ist

man Teil des institutionalisierten Gedächtnisses von Gesellschaften. Man konstruiert Gedächtnisorte, liefert Legitimationszusammenhänge oder dekonstruiert diese. Das eigene Gedächtnis ist in unserem Beruf dabei eine unverzichtbare Stütze. Wir haben zwar Archive und Bibliotheken, aber eigene funktionierende Speicher sind die Basis. Ich arbeite im Regelfall chaotisch, mein Schreibtisch gleicht einem Schlachtfeld. Das kommt aus meiner vormodernen Arbeitsweise: ein karierter Schreibblock pro Arbeitsvorhaben, Bleistift, Kugelschreiber oder Füller, und die Arbeiten erst im Kopf strukturieren, eventuell mit wenigen Notizen. Geschrieben wird in einem Zug mit der Hand, und meine großartige Sekretärin, die meine Handschrift besser lesen kann als ich, überträgt den Text auf den PC, auf dem ich dann eventuell kürze oder ergänze. Gespeichert ist dort für mich wenig: die Mails, die bei mir nicht in Ordnern abgelegt, sondern nach sechs Monaten gelöscht werden, aber keine Entwürfe, Dokumente, Gedächtnisstützen. Da funktioniert mein Kopf mit einem Gedächtnis, das meine Umwelt (und mich selbst) oft ängstigt, da jede Unnotwendigkeit abgespeichert ist. Dafür lässt es in praktischen Dingen aus: Wo sind die Schlüssel, wo ist die Brille? Da nützt es nichts, dass sich die gesammelten klassischen Balladen, Shakespeare, Heine oder die von mir selbst geschriebenen Texte im Gedächtnis festgekrallt haben, wenn man nicht weiß, ob man zuhause auch abgeschlossen hat.

Helmut Konrad (61) ist Professor für Allgemeine Zeitgeschichte an und ehemaliger Rektor der Universität Graz.

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„Herausforderungen nicht im Automatismus angehen, sondern mit neuen kreativen Lösungen“ Gerald Gatterer, Altersmediziner

Wikimedia Commons (5), National Gallery of Ireland, National Physical Gallery, Teddington

Gedächtnistraining mit Handys. Es ist wich-

tig, nicht nur Wissen zu haben, sondern zu wissen, wo man etwas findet. Bei einer Tagung hat mich einmal ein Kollege im Laufe meines Vortrags nach einer Literaturangabe gefragt, und ich konnte sie nicht nennen. Wenn man nicht sofort den Zugriff darauf hat, kann das ziemlich unangenehm sein. Mein Gedächtnis ist sehr gut, aber ich habe ein Problem, mir Namen zu merken. Ich helfe mir durch Bilder zu Personen, die den ­Zugang zum Namen erleichtern. Das sind bestimmte Charakteristika, zum Beispiel ein besonderer Bart. Es gibt neue Möglichkeiten, an Wissen heranzukommen, und es gibt immer mehr Wissen, das man abfragen kann. Die Selektion von Wissen und von wichtigen Inhalten ist für mich wichtiger als früher, um das Gedächtnis nicht mit unnötigen Dingen zu überfordern. Meine Arbeit mit Demenzpatienten und den Tests, die ich entwickle, hilft mir sehr. Ich muss dann aus den eigenen Denkmustern aussteigen und trainiere spezifisch die Flexibilität des Denkens, die ab dem 30. oder 40. Lebensjahr abnimmt. Ich integriere auch in mein Leben, was Studien zeigen: dass aktive Menschen, die Flexibilität in ihr Leben bringen, geistig fitter altern. Ich habe mir bewusst zwei Handys gekauft, die nach unterschiedlichen Mustern funktionieren. So muss ich immer umdenken. Ich versuche, Herausforderungen, die das Leben bietet, nicht im Automatismus anzugehen, sondern mit neuen kreativen Lösungen.

Gerald Gatterer (52) leitet die psychologisch-psychotherapeutische Ambulanz und die Abteilung für psychosoziale Rehabilitation im Geriatriezentrum am Wienerwald.

Erinnern mit Gefühl. Zur mnemotechnischen Bewältigung des Alltags führt für mich kein Weg vorbei an Listen. Mit Papier und Kugelschreiber organisiere ich fast mein ganzes Leben in „to-do-lists“, „tocall/email-lists“ und „not-to-forget-lists“. Das bezieht sich auf wissenschaftliche Projekte genauso wie auf Lebensmittel. Sind die Dinge einmal schriftlich festgehalten, ist der Kopf frei, und man kann ihn ganz entspannt zum Denken verwenden. Während meiner Studienzeit war ich so darauf programmiert, mir Dinge zu merken, dass ich fast keinen Text lesen konnte, ohne den Inhalt sofort zu speichern. Ein paar Jahre später hat sich das wieder normalisiert. Ich habe zwar noch immer

„Sind die Dinge einmal schriftlich festgehalten, ist der Kopf frei, und man kann ihn zum Denken verwenden“ Daniela Pollak, Neurologin ein recht gutes Gedächtnis, aber vergesse gerne gelesene oder gehörte Alltagsbanalitäten und versuche so, meine Kapazitäten für Relevanteres aufzusparen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es zielführender ist, komplexe Informationen in einen erfassbaren Kontext einzuordnen, als bloße Fakten zu memorieren. Einmal verstandene Konzepte bleiben so beinahe von selbst im Gedächtnis. Detailinformationen gehen verloren, aber die sind bei Bedarf nachlesbar. Um Fachliches, aber auch um Dinge des Alltags zu erinnern, versehe ich sie oft mit einer gewissen Gefühlsnote. Wenn man etwas spannend, lustig oder traurig findet, merkt man sich das besser als nackte Tatsachen. Durch diesen Trick gibt man der Information ein weiteres Kriterium, um eine bestimmte Begebenheit, Namen oder Fakten zu rekonstruieren.

Daniela Pollak (30) ist Neurowissenschaftlerin am Institut für Physiologie der MedUni Wien.

„Mein Kurzzeitgedächtnis ist durch das Multitasking immer stark beansprucht, sodass ich oft andere Dinge vergesse“ Michael Kiebler, Zellbiologe Hektik macht vergesslich. Früher habe ich bevorzugt mit einem Zettelkasten gearbeitet. Heute ist der komplett verschwunden. Früher wurde mehr ausgedruckt, jetzt versucht man, Sachen elektronisch abzulegen. Es gibt aber keine gut aufgesetzten Datenbanken, in denen man mit Stichworten Dinge schnell wiederfinden könnte. Wenn man Fehler beim Ablegen macht, gehen Sachen verloren. Dieses Problem hatte man aber auch beim Zettelkasten. Mein Gedächtnis funktioniert leider sehr selektiv: Das fotografische und Namensgedächtnis ist gut trainiert, im Gegensatz zu dem für Ereignisse oder Dinge, die man sich episodisch merkt. Das liegt an meinem Beruf als Forscher, bei dem man immer mehrere Sachen gleichzeitig machen muss. Man wird auch ständig rausgerissen aus einer Tätigkeit, abgelenkt durch kurzfristige Anfragen, Notfälle, aber auch unangemeldete Gäste und Leute, die sich nicht an Terminabsprachen halten. Man kann von Montag bis Freitag kaum seinen eigenen Zeitplan selbst bestimmen. Dann passieren Fehler, und ich kann mir manche Dinge nicht so einprägen, wie ich gerne möchte. Mein Kurzzeitgedächtnis ist durch das Multitasking immer stark beansprucht, sodass ich oft andere Dinge kurzfristig vergesse. In der Hektik oder im spontanen Ändern von Plänen kann man sich oft nicht so organisieren, wie man gerne möchte, und lässt Dinge liegen: Unterlagen, Schlüssel, Uhr. Besonders bedauere ich, nicht mehr Zeit zum Denken bzw. zum Planen von Experimenten zu haben.

Michael Kiebler (45) leitet die Abteilung für neuronale Zell­ biologie am Zentrum für Hirnforschung der MedUni Wien.

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Vergessene Forscher Der eigenen Zeit voraus, schlecht vernetzt, politisch unliebsam, das falsche Geschlecht. Es gibt viele Gründe, als Wissenschaftler vergessen zu werden. An manche erinnert man sich wieder. Eine kleine Auswahl.   Oliver Hochadel Schon das ganze Jahr feiern wir Charles Darwin. Der Co-Entdecker der Evolutionstheorie durch natürliche Selektion, Alfred Russel Wallace (1823–1913), wird dabei bestenfalls beiläufig erwähnt. Dabei kam der britische Naturforscher durch eigene jahrelange Forschungen zur Tierwelt des Amazonas und Südostasiens auf eine fast identische Erklärung für die Trans­ formation der Arten. In manchen Punkten war Wallace Darwin gar voraus: Er betonte etwa den Einfluss der menschlichen Kultur auf den Verlauf der Evolution. Warum blieb Wallace dennoch völlig im Schatten Darwins? Er vermarktete sich viel zu wenig, benutzte etwa selbst den Begriff „Darwinismus“ und war – nicht zuletzt aufgrund seiner Herkunft aus wenig begütertem Hause – viel schlechter vernetzt als Darwin. Schwerer wog wohl noch seine Nähe zum Spiritismus – der menschliche Geist konnte für Wallace kein Produkt der Evolution sein. Dies beschädigte seine wissenschaftliche Reputation nachhaltig. Auch der mährische Augustinermönch Gregor Mendel (1822–1884) war nur mäßig vernetzt und international unbekannt. Brünn war nicht London, das Kloster keine Akademie. 1865 publizierte er seine Kreuzungsversuche mit Erbsen und schuf somit die Grundlagen für das Verständnis der Vererbung. Es gab distinkte Einheiten,

Alfred Russel Wallace

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an die bestimmte Merkmale gebunden waren. Mendel knackte damit genau jene Nuss, an der sich Darwin und Co die Zähne ausgebissen hatten. Mendel, der heute als Vater der Genetik gilt, kam zu früh, seine Gesetze wurden erst im Jahre 1900 wiederentdeckt, immerhin gleich dreifach. Treppenwitz der Geschichte: Genau zu der Zeit war Darwins Version der Evolutionstheorie zwar nicht vergessen, dafür aber ziemlich out. In war dagegen der deutsche Zoologe ­R ichard Semon (1859–1918). Er suchte zu zeigen, dass das Individuum Erfahrungen nicht nur im Gehirn, sondern auch in den Körperzellen speichere. Werden diese nur „tief “ genug eingeschrieben, können sie auch vererbt werden, meinte der NeoLamarckist Semon. Sein „Mneme-Konzept“ erinnert frappant an die von Richard Dawkins 1976 in seinem Bestseller „The Selfish Gene“ entwickelte Idee der „Meme“ – ohne auf Semon zu verweisen. Ausgerechnet als Gedächtnisforscher vergessen zu werden ist schon eine bittere Ironie des Schicksals, bemerkt die Berliner Wissenschaftshistorikerin Veronika Lipphardt. Der Grund dafür war aber wohl ein sehr unwissenschaftlicher: Weil Semon eine Affäre mit der Frau eines Kollegen in Jena hatte und diese für ihn auch noch ihre drei Kinder verließ, wurden beide gesellschaft-

Gregor Mendel

lich geächtet. Semon setzte seinem Leben selbst ein Ende – angeblich eingehüllt in eine Deutschlandfahne angesichts der Schmach der deutschen Niederlage von 1918. Auch Paul Kammerer (1880–1926) war Neo-Lamarckist und schied freiwillig aus dem Leben. Kurz zuvor hatte ihn die New York Times noch zum „Darwin des 20. Jahrhunderts“ gekürt. Mit seinen Versuchen an Geburtshelferkröten wollte der österreichische Biologe die Vererbung erworbener Eigenschaften nachweisen. Ominöse Tintenflecken auf dem letzten Beweisexemplar trugen ihm aber den Vorwurf des Betrugs ein. In der Sowjetunion wurde Kammerer auch noch nach seinem Selbstmord heldenhaft verehrt – was sein posthumes Vergessen im Westen eher noch beförderte: 1954 wurde in Science sogar davor gewarnt, Arbeiten wie die Kammerers zu zitieren, da sie auf Fälschungen beruhten. Heutzutage wird der Wiener gleichwohl wieder fleißig zitiert – als eigentlicher Begründer der Epigenetik, die eine mögliche Vererbung erworbener Eigenschaften molekularbiologisch erklären kann. Die Gründe für das Vergessen von Wissenschaftlern sind vielfältig. Der sicherste Weg in den Schatten ist, eine Frau zu sein. Mit den ignorierten, verniedlichten oder mehr

Paul Kammerer

Nettie Stevens

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oder weniger klammheimlich für Männer deklarierten Leistungen von Wissenschaftlerinnen könnte man Bände füllen. Freilich, viele Forscherinnen wurden dank der feministischen Wissenschaftsgeschichtsschreibung wieder zurück ins Gedächtnis geholt: Die österreichische Kernphysikerin Lise Meitner (1878–1968) etwa ist längst keine Unbekannte mehr, ebenso wenig wie die britische Biochemikerin Rosalind Franklin (1920–1958) und ihr zentraler Beitrag für die Entschlüsselung der DNAStruktur, der Doppelhelix. Franklin starb früh an Krebs – ebenso wie Nettie Stevens (1861–1912). Die US-amerikanische Biologin spielte eine wichtige Rolle in der sogenannten New York School of Genetics Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit den Forschungen an Fruchtfliegen wurden hier die Grundlagen der modernen Chromosomentheorie gelegt. Und es war Stevens, die als Erste erkannte, dass die Geschlechtschromosomen der Weibchen im Unterschied zu jenen der Männchen gleich sind, eben das, was wir heute als XX bzw. XY bezeichnen. Ihr Boss Thomas Hunt Morgan charakterisierte sie in seinem Nachruf in Science fieserweise als eine lediglich geschickte Experimentatorin. In seinen Empfehlungsschreiben hatte er noch ihre Unabhängigkeit und Originalität im Denken herausgestrichen. Der Erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise waren wohl verantwortlich dafür, dass Eduard Brückner (1863– 1927) weitgehend vergessen wurde. Der deutsche Meteorologe und Geograf war Professor und Rektor an der Universität Wien – und prognostizierte 1890 als Erster einen bevorstehenden Klimawandel, der auf menschliche Aktivitäten zurückzuführen sei, unter anderem die Abholzungen von Wäldern. Brückner verwies auch bereits auf drohende gesellschaftliche Folgen

des Klimawandels und versuchte durch zahlreiche Vorträge die Öffentlichkeit auf die Gefahr aufmerksam zu machen. Doch nach Brückner setzte sich für viele Jahrzehnte wieder die Ansicht durch, dass Klima etwas Statisches sei. Immer wieder gerät Wissen in Vergessenheit. Bereits 1939 konnte der Kölner Mediziner Franz Hermann Müller (1914–?) durch detaillierte pathologische Fallstudien erstmals den kausalen Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs epidemiologisch untermauern (mithilfe einer „gesunden“ Kontrollgruppe). Wer an Lungenkrebs verstarb, war mit einer sechsmal höheren Wahrscheinlichkeit starker Raucher. Für den US-Historiker Robert Proctor gehört Müller zu den enigmatischsten Figuren der Medizingeschichte, es gibt keine Spuren von ihm nach 1945, möglicherweise ist er im Krieg gefallen. Müller war NSDAP-Mitglied, verwendet aber keine Nazi-Rhetorik in seinen Arbeiten. Müllers Einsicht, dass Tabakkonsum nicht nur ein Faktor, sondern die mit Abstand wichtigste Ursache für Lungenkrebs ist, wurde erst in den 1960er-Jahren wieder erreicht. Diese Nicht-Rezeption ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die medizinische Forschung im Dritten Reich grundsätzlich unter Ideologieverdacht stand. Mary Wortley Montagu (1689–1762) gelangte als Frau eines britischen Diplomaten 1717 ins Osmanische Reich. Dort beobachtete sie, wie Frauen ihre Kinder absichtlich mit dem Inhalt einer Pockenpustel infizierten – und dadurch immunisierten, wie wir heute sagen würden. Die Pocken waren um 1700 wohl die größte Geißel der Menschheit mit Millionen von Opfern. Wer sie überlebte, war oft durch Pockennarben im Gesicht entstellt, so auch Montagu selbst.

Nach ihrer Rückkehr nach England impfte sie ihr eigenes Kind und konnte immerhin das Königshaus dazu bringen, dass sie ihre Kinder „inokulieren“ ließen, wie man damals sagte – zum Entsetzen der männlichen Mediziner. Deren Vorbehalte gegen die Inokulation hatten freilich nicht nur mit Montagus Frausein zu tun. Sich selbst zu infizieren schien höchst gefährlich, auch hatte man wenig Vertrauen in eine „türkische“ Therapie. Als Sieger über die Pocken gilt heute aber nicht Montagu, sondern der englische Arzt Edward Jenner, der um 1800 die Impfung mit Kuhpocken einführte. Eine Möglichkeit, dem Vergessen zu entgehen – beliebt vor allem bei Chemikern und Physikern –, besteht darin, den eigenen Namen mit einem Element, Gesetz oder einer Einheit zu verewigen. Wobei der Name freilich zur bloßen Hülle wird, die Person selbst wird in der Regel vergessen. Oder wer weiß schon, dass Anders Celsius (1701–1744) ein schwedischer Astronom und Daniel Gabriel Fahrenheit (1686– 1736) ein deutscher Glasbläser war. Ada Augusta Lovelace (1815–1852) war nicht nur die Tochter des englischen Dichterfürsten Lord Byron, sondern auch eine gelinde gesagt höchst begabte Mathematikerin. Mit Charles Babbage tüftelte sie schon als 18-Jährige an den theoretischen Grundlagen einer Rechenmaschine. Babbage nannte Lovelace die „Zauberin der Zahlen“. Nach zwölf Jahren beendet er aber die Zusammenarbeit – mit einer Frau, das ginge nicht. Heute gilt Babbage als der Großvater des Computers. Punkto Nachruhm ist anzumerken, dass zumindest eine Programmiersprache nach Lovelace benannt worden ist: Ada. Weitere (zwischenzeitlich) vergessene Forscher finden Sie unter www.heurekablog.at

? Eduard Brückner

Vergessen

Mary Wortley Montagu

Ada Augusta Lovelace

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Umstellt von Erinnerungen Gefangen im Gedächtnis. Die Frau lebt zwi-

schen Himmel und Hölle: Seit sie 14 Jahre alt ist, hat sie ein nahezu perfektes autobiografisches Gedächtnis. Alles, was ihr widerfährt, meißelt sich unwiderruflich in ihre Erinnerung: jeder liebevolle Satz, aber auch jeder Streit, jedes Lachen, aber auch jede Verzweiflung, jeder Erfolg, aber auch jeder Fehler. 30 Jahre ihres Lebens kann die heute 43-jährige US-Amerikanerin Jill Price heute Tag für Tag rekonstruieren: Sie weiß, auf welchen Wochentag ein beliebiges Datum fiel, welche Kleidung sie an dem Tag trug, mit wem sie gesprochen hat und, soweit sie davon hörte, was in der Welt passierte. „Ich lebe mit einer endlosen Parade vergangener Tage, die unaufhaltsam in einer wirren Bilderflut vor meinem geistigen Auge vorüberziehen“, schreibt Jill Price in ihrem Buch „Die Frau, die nichts vergessen kann“, das kürzlich auf Deutsch erschienen ist. Zeitweise glaubt sie, verrückt zu

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werden. Sie fühlt sich „wie eine Gefangene ihres Gedächtnisses“. Die allzeit lebendige Vergangenheit hindert sie daran, sich im alltäglichen Leben zurechtzufinden.

träger Eric Kandel gegenüber heureka!. „Diese Leute leiden wohl darunter, dass sich ihr Gehirn mit unglaublich viel entbehrlichem Zeug anfüllt.“

Endlose Zahlenreihen. Fälle herausragender

Unfähig zu abstrahieren. Die Bürde des

Gedächtnisleistungen hat es in der Medizingeschichte immer wieder gegeben. Solomon Shereshevsky etwa, ein Journalist, dessen Lebens- und Leidensgeschichte der 1977 verstorbene russische Neuropsychologe Aleksandr R. Lurija beschrieb. Der Mann konnte sich alles merken, memorierte problemlos ellenlange Reihen von Zahlen, Wörtern oder Lauten. Er behalf sich, indem er Fakten in Form von Bildergeschichten abspeicherte. Doch auch seine Gabe hatte ihren Preis: Er konnte nicht abstrahieren, Metaphern waren ihm fremd. „Ein perfektes Gedächtnis zu haben scheint eher ungut zu sein“, meint der Gedächtnisforscher und Medizinnobelpreis-

Erinnerns haben auch zahlreiche Literaten thematisiert, so etwa der argentinische Schriftsteller Jorge Luis Borges in seiner Erzählung „Das unerbittliche Gedächtnis“. Der Held, Ireneo Funes, ist nach einer Kopfverletzung mit der Unfähigkeit zu vergessen gestraft. „Mein Gedächtnis, Herr, ist wie eine Abfalltonne“, klagt er. Auch Funes verinnerlicht die belanglosesten Sinneseindrücke, auch ihm fehlt die Fähigkeit zur Abstraktion: Er kann nicht begreifen, wie ein und derselbe Begriff verschiedene Dinge bezeichnen kann. Es stört ihn beispielsweise, dass ein Hund im Profil besehen denselben Namen führt wie der Hund in Vorderansicht. „Ich

Heidi Metcalf

Sie können sich alles merken – und nichts vergessen. Personen mit einem perfekten Gedächtnis wie Jill Price (Foto) werden für die Wissenschaft zum begehrten Studienobjekt, um die Mechanismen der Erinnerung zu entschlüsseln.   Von Ulrike Fell

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vermute, dass er zum Denken nicht sehr begabt war. Denken heißt Unterschiede vergessen“, schreibt der Erzähler. Doch Funes erstickt schier an der Fülle der Ereignisse und Sinneseindrücke. „Seine Gegenwart war fast unerträglich reich und klar, und ebenso seine frühesten und beiläufigsten Erinnerungen.“ Hyperthymestisches Syndrom. Auch Jill Price leidet unter ihrem Gedächtnis. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich vor einigen Jahren an James McGaugh von der University of California in Irvine. Gemeinsam mit zwei Mitarbeitern untersuchte der Neurobiologe die Frau gründlich. Sie unterzogen Price neuropsychologischen Tests, ließen sie Fragebögen beantworten, führten unzählige Gespräche: 2006 erschien ihre Studie im Fachjournal Neurocase. Bald wurde ihre Identität in der Öffentlichkeit bekannt, es folgte ein regelrechter Medienhype. Jill Price trat in Fernsehshows auf, gab Interviews – und wurde so etwas wie berühmt. Ihre „Entdecker“ glauben, dass es sich um einen Fall außergewöhnlichen Erinnerungsvermögens handelt, der in der Medizin bislang unbekannt war. Der Befund bekommt einen eigenen Namen verpasst: „hyperthymestisches Syndrom“, medizinergriechisch für „außergewöhnliches Gedächtnis“. Bald werden noch vier weitere Fälle bekannt. Einer von ihnen ist der Radiomoderator Brad Williams, der in seinem Umfeld als lebende Enzyklopädie gilt – angeblich kann er es sogar mit Wikipedia aufnehmen. Ego-Erinnerung. Price's Stärke ist nicht das trocke-

ne Faktenwissen: „Genau genommen bin ich eine totale Niete, wenn es ums Auswendiglernen geht“, sagt die Frau, die nichts vergessen kann – von sich selbst. Darin unterscheidet sie sich grundsätzlich von Shereshevsky oder anderen Gedächtniskünstlern. Bei Price ranken sich die Erinnerungen stets um Selbsterlebtes: Dass etwa Grace Kelly am 14. September 1982 starb, kann sie sich merken, weil sie an jenem Tag in die 12. Klasse kam. Ähnlich ist es bei Brad Williams. Auch bei ihm sind abgespeicherte Daten, Orte und Bilder eng mit der Erinnerung an persönliche Erlebnisse verwoben. Neurobiologisch betrachtet sind Erinnerungen nichts anderes als komplexe Verschaltungen zwischen Nervenzellen im Gehirn. Die Schaltstation, in der alle „Adressen“ für die weitverzweigten Erinnerungen hinterlegt sind, ist der Hippocampus. Hier werden Kurzzeiterinnerungen ins Langzeitgedächtnis geschleust. Was dort schließlich ankommt, wird beim gesunden Menschen stark gefiltert. Nur „Erinnerungswertes“ bleibt im Filter haften, Belangloses wird vergessen.

Defekter Filter. Dieser Filtermechanismus kann

defekt sein – das ist bei sogenannten Inselbegabten der Fall. „Savants“ wie der durch den Holly-

Jill Price weiß, auf welchen Wochentag ein beliebiges Datum fiel und welche Kleidung sie an dem Tag trug

woodstreifen „Rain Man“ prominent gewordene Kim Peek können den Inhalt tausender Bücher auswendig herunterbeten, endlose Wort- oder Zahlenfolgen abspeichern. Ansonsten sind die Hirnakrobaten oft hilfsbedürftig oder gar be­ hindert. „Eine Spekulation lautet, dass Savants eine andere Form des Wissenszugriffs besitzen als wir“, erläutert der Salzburger Psychologe Wolfgang Klimesch (s. auch Interview S. 22). Normalerweise ruft das menschliche Gehirn nur einen Bruchteil der im Unterbewusstsein abgespeicherten Informationen ab. „Savants greifen hier womöglich viel ungehemmter zu“, so Klimesch. Damit sind sie in der Lage, enormes Wissen anzuhäufen. Der Nachteil: „Sie können damit nicht so konstruktiv umgehen wie wir.“ Dass ein Zuviel an Erinnerung eher hinderlich ist, weiß man inzwischen auch durch Tierversuche. Gentechnisch manipulierte, „smarte“ Mäuse, die über gesteigertes Erinnerungsvermögen verfügen, scheitern oft an den simpelsten Aufgaben. „Es ist, als ob sie sich an zu viel erinnern“, befand jüngst Alcino Silva, Neurowissenschaftler aus Los Angeles, in Nature (Bd. 461, S. 862). Solche Beobachtungen sollten jenen zu denken geben, die davon träumen, Jugendlichen und Erwachsenen mit gedächtnisfördernden Wundermitteln zu mentalen Höchstleistungen zu verhelfen. Gnade des Vergessens. Eine gehörige Portion Ver-

gesslichkeit scheint dem Menschen nämlich gutzutun: „Das Vergessen dient dazu, dass man sich auf das Wesentliche konzentrieren kann, damit das Gehirn nicht überladen wird“, erklärt Hans Markowitsch, Hirnforscher an der Universität Bielefeld. Überflüssiges und auch Belastendes wird daher normalerweise ins Unterbewusstsein verfrachtet, der Abruf wird gehemmt. „Bei Menschen mit perfektem Gedächtnis funktionieren diese Hemmprozesse nicht“, sagt Markowitsch. Was passiert, wenn der Schutzmechanismus des Vergessens versagt, lässt sich auch bei Trauma­ patienten beobachten, bei denen die quälenden Erinnerungen plötzlich in gesteigerter Form wieder hervorkommen. Oft genügen geringste Auslöser, etwa ein charakteristischer Geruch oder ein Geräusch, um beim traumatisierten Menschen den Mantel des Vergessens aufbrechen zu lassen. Im Gehirn brennt gewissermaßen die neuronale Sicherung durch. Während es bei Traumapatienten starke Emotionen sind, die das Vergessen unmöglich machen, sind es bei Price und Konsorten die banalsten Dinge, um die sich das Rad der Erinnerung ohne Unterlass dreht. Die Beobachtung steht im Widerspruch zu einem zentralen Dogma der Hirnforschung: dass nämlich das Gedächtnis Erinnerungen umso detailgetreuer und langfristiger abspeichert, je stärker sie mit Gefühlen verknüpft 8 sind.

„Das Vergessen dient dazu, dass man sich auf das Wesentliche konzentrieren kann“ Hans Markowitsch, Hirnforscher

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Jill Price, Bart Davis: Die Frau, die nichts vergessen kann: Leben mit einem einzigartigen Gedächtnis. Aus dem Englischen von Maren Klostermann. Freiburg i. Br. 2009 (Kreuz-Verlag). 200 S., € 20,60

tiker“ scheinen unfähig zu sein, die Spreu vom Weizen zu trennen. Warum das so ist, wollen McGaugh und sein Team enträtseln. Erste Hinweise haben die Gedächtnisforscher bereits gefunden: „Wir haben von unseren Probanden strukturelle Kernspinaufnahmen gemacht“, sagt McGaugh. „Dabei haben wir herausgefunden, dass bei ihnen mehrere Regionen im Gehirn im Vergleich zur Kontrollgruppe vergrößert sind.“ Bald schon will er die Ergebnisse publizieren, weitere Details will er noch nicht preisgeben. Was auch immer dabei herauskommt: Es bleibt die Frage, ob solche Besonderheiten genetisch bedingt oder erworben sind; tatsächlich müssen mögliche strukturelle Anomalien in Price's oder Williams' Superhirn nicht angeboren sein. Sie könnten auch erst durch hartnäckiges „Üben“, permanentes Rückbesinnen erworben worden sein – eine These, die etwa der US-Psychologe Anders Ericsson von der Florida State University vertritt.

Zwang zum Erinnern. Eine wichtige Rolle spielt bei Hyperthymestikern offenbar ihr obsessiver Charakter: „Alle unsere Probanden verhalten sich

sehr zwanghaft“, berichtet McGaugh. „Sie sammeln Dinge und haben Angst vor Keimen.“ Auch ­Price hortet Zeug aller Art, seien es nun Plüschtiere, Videokassetten, Tagebuchnotizen (sie kommt auf sage und schreibe 50.000 Seiten) oder eben Erinnerungen an Daten und Ereignisse. „Price hat kein universelles Gedächtnis“, urteilt Hirnforscher Markowitsch, „sie hat sich zwanghaft akribisch um ihr Persönliches gekümmert und das zu einem Maximum getrieben.“ Jederzeit alle Details abrufbereit zu haben bleibt dennoch eine beeindruckende Leistung. Ihr Talent würde Price bei allem Schmerz, den es ihr gebracht hat, jedenfalls nicht hergeben wollen: „Das schönste Geschenk wäre, wenn die Erforschung meines Gedächtnisses dazu beitragen könnte, einem anderen Menschen zu helfen, und sei es nur ein kleines bisschen.“3

Jill Price

Angeboren oder erworben? Die „Hyperthymes-

Digitales Ersatzgedächtnis

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Gordon Bell archiviert seit 1998 sein gesamtes Leben für die Ewigkeit

digitales Archiv über 50.000 Fotos, mehr als 200.000 Webseiten, über 150.000 EMails und mehr als 2000 Telefongespräche, ganz zu schweigen von den zigtausend Bildern, die seine allgegenwärtige Spezialkamera ständig schießt.

muss sich nicht nur schnell durchsuchen lassen, es muss auch sicher sein. Gordon Bell selbst scheinen mögliche Risiken nicht groß zu kümmern. Datenschützer dürften sich indes die Haare raufen. Dabei ist das, was Gordon Bell im Extrem betreibt, in abgeschwächter Form für viele längst schon digitaler Alltag: In Blogs, auf Facebook und Twitter protokollieren sie ständig, was in ihrem Leben passiert und was sie denken. Kameras und Camcorder verewigen vergängliche Momente. Ob Gordon Bells gläserne Welt insofern einen Vorgeschmack auf eine Zukunft ohne Vergessen gibt, sei einmal dahingestellt. Nischenanwendungen gibt es für die Technologie schon heute: So wurde die SenseCam bereits an Patienten mit Gedächtnisstörungen getestet. Sie soll ihnen dabei helfen, ihren Tag in Bildern zu rekapitulieren. Im Winter will die britische Firma Vicon die Kamera auf den Markt bringen. U.F.

Produktentwicklung. Doch MyLifeBits sam-

melt die Daten nicht nur. Wichtiger noch ist die Software, die Ordnung in das Datenwirrwarr bringen soll. Diese wurde von dem Computerguru Jim Gemmell und seinem Team entwickelt. Das digitale Archiv

Gordon Bell, Jim Gemmell: Total Recall: How the E-Memory Revolution Will Change Everything. Boston 2009 (Dutton). 304 S., € 17,50

Wikimedia

Selbstüberwachung. Das eigene Leben in allen Details jederzeit abrufbar zu haben – was für Jill Price eine Bürde ist und für Normalbürger eine Utopie – ist für Gordon Bell bereits digitale Wirklichkeit. Der 75-jährige Computerpionier spielt freiwillig „Versuchskaninchen“ in einem Forschungsprojekt von Microsoft. Es heißt MyLifeBits und verfolgt das Ziel, ein perfektes digitales Ersatzgedächtnis zu entwickeln. Auf seinem Computer archiviert Gordon Bell alles, was er macht, liest, sagt oder schreibt. Um den Hals trägt er eine kleine sensorbestückte Kamera, die SenseCam, die automatisch Bilder knipst; per GPS wird sein Aufenthaltsort protokolliert, er dokumentiert jede Mahlzeit, jedes Unwohlsein, jedes Glücksgefühl. Die selbsterwählte Totalüberwachung begann 1998, als Bell beschloss, jeden papierenen Ballast, der sich in seinen Schubladen und Regalen staute, aus seinem Leben zu verbannen. Zunächst ließ er sämtliche Bücher, gelesene Artikel, Fotos, Briefe und Notizzettel einscannen und abspeichern. Kein Detail entging seiner Archivierungswut, jedes Kaffeetassendesign, jeder TShirt-Aufdruck wurde für die Ewigkeit auf Silizium gebannt. Inzwischen umfasst sein

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Das Netz vergisst nicht Das ewige Gedächtnis des Internets ist zum Problem geworden. Es fehlt eine Delete-Taste.  Von Ingrid Brodnig

Harvard

Internetexperte Viktor Mayer-Schönberger plädiert dafür, sich wieder ans Vergessen zu erinnern

LSD-Fund bei Google. Andrew Feldmar hatte wirklich Pech an jenem Sommertag, als er seinen Freund vom Flughafen in Seattle abholen wollte. Der 66-jährige Kanadier musste dafür – wie hunderte Male zuvor – in die USA einreisen. Doch an diesem Tag googelte an der Grenze ein Beamter seinen Namen und fand einen Artikel aus einem Fachmagazin. Darin hatte Feldmar, der Psychotherapeut in Vancouver ist, über seine Experimente mit LSD in den 60er-Jahren geschrieben. Die Folge: Feldmar wurde an der Grenze verhört, und heute noch, drei Jahre später, darf er nicht in die Vereinigten Staaten einreisen. All das wegen einer Google-Suche. Doch das Suchmaschinen-Imperium ist längst nicht die einzige Datenkrake, die Informationen über uns anhäuft und nur ungern löscht. Im Frühjahr änderte Facebook seine Geschäftsbedingungen. Die Social-Networking-Seite wollte sich das Recht einräumen, sämtliche Daten ihrer User auf ewig zu besitzen. Konsumentenschützer, Internetcommunity und herkömmliche Medien schrien auf, das Unternehmen ruderte zurück.

Onlineforen ­– wir speisen Unmengen an Informationen ins Web, ohne uns Gedanken darüber zu machen, wie lange diese Daten online bleiben. „Das permanente Erinnern kann zum Problem werden, wenn man Menschen etwas zum Vorwurf macht, das 40 Jahre her ist“, sagt Viktor MayerSchönberger. Der gebürtige Österreicher hat an der Harvard University Internetpolitik gelehrt, leitet nun das Information & Innovation Policy Research Center an der Universität Singapur. Kürzlich hat er das Buch „Delete – The Virtue of Forgetting in the Digital Age“ veröffentlicht. MayerSchönbergers Anliegen lautet: „Wir müssen uns wieder ans Vergessen erinnern.“ Vor dem Informationszeitalter erodierte unsere Erinnerung: Das Gedächtnis nahm ab, Papier vergilbte, und selbst die Audiokassette krächzte mit der Zeit immer mehr. Die Computer kennen dieses Problem nicht. Festplatten werden größer, Informationen lassen sich ohne Qualitätsverlust kopieren. Wir haben dafür gesorgt, dass bloß keine Daten mehr verlorengehen. Nun stellt sich die Frage: Müssen wir uns wirklich an alles für alle Ewigkeit erinnern?

Online für die Ewigkeit. Wissenschaftliche Aufsätze, private Urlaubsfotos, Rülpser in

berger plädiert für ein Verfallsdatum von Information. Andere arbeiten schon an der

Geplante Info-Vernichtung. Mayer-Schön-

Umsetzung dieser Idee: Wissenschaftler der University of Washington haben eine Software namens „Vanish“ entwickelt, die Informationen nach einer gewissen Zeit löscht. Das Programm nützt die Verschlüsselungstechnologie und ein Netzwerk aus etlichen Computern. Wenn ein User mit Vanish eine verschlüsselte Nachricht auf Facebook versendet, ist diese anfangs für Adressat und Sender einsehbar. Doch der Schlüssel, der für das Lesbarmachen dieser Nachricht notwendig ist, ist nicht beim Absender gespeichert, sondern auf etliche Computern verstreut. Nach und nach melden sich diese aus dem Netzwerk ab, immer größere Teile des Schlüssels gehen verloren, bis die Nachricht nicht mehr entziffert werden kann. Die Information ist verschwunden, vanished. „Wir möchten sicherstellen, dass sämtliche Kopien einer Datei nach einer vorgegebenen Zeit automatisch unlesbar werden“, heißt es dazu auf der Webseite des Forschungsprojekts. (http://vanish.cs.washington.edu). Digitale Gedächtnislücken. Langsam erkennen auch kommerzielle Anbieter dieses Anliegen. Im Vorjahr gab Google bekannt, Suchanfragen von Usern „nur“ noch neun statt bisher 18 Monate speichern zu wollen. Danach werden die Daten anonymisiert. Konkurrent Ask.com ist schon einen Schritt weiter: Da können Internetnutzer mit einem Klick ihre Suchhistorie löschen. Das Fotonetzwerk Flickr bietet die Möglichkeit eines Gastzugangs. Wenn ein professioneller Fotograf einer Zeitung zum Beispiel Zugang zu seinem Fotoarchiv gewähren will, kann er dabei festlegen, wann diese Erlaubnis ausläuft. Laut Flickr benutzen bereits elf Prozent der Mitglieder diese Funktion. Solche Features reißen nur kleine Lücken ins digitale Gedächtnis. Internetexperten wie Viktor Mayer-Schönberger plädieren aber für eine generelle Bewusstseinsänderung: Es geht nicht nur um die Frage, welche Daten wir in fünf oder zehn Jahren noch brauchen, sondern ob so viel Information überhaupt gut für uns ist. Vergessen hat auch eine soziale Bedeutung: Es erlaubt uns, eine frühere Kränkung nicht mehr so ernst zu nehmen. Es lässt uns jugendliche Torheiten leichter verzeihen. Unwissenheit ist eben manchmal auch Glück. 3 Viktor Mayer-Schöberger: Delete – The Virtue of Forgetting in the Digital Age. Princeton 2009 (Princeton University Press). 256 S., € 19,30

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Rätsel Erinnerung Acht Fragen an die Neurowissenschaft, was man über das Funktionieren des Gedächtnisses weiß. Und ob man Erinnerungen löschen oder gar neu einpflanzen kann.  Von Klaus Taschwer

„Wenn man die Funktionsweisen der Erinnerung vollständig ver­ stehen würde, verstünde man auch einen Gutteil unseres Gehirns“ Gedächtnisforscher Eric Kandel

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Was passiert im Gehirn, wenn eine Erinnerung auf Dauer abgespeichert wird? „Derzeit geht man davon aus, dass die Langzeitspeicherung von Informationen in unserem Ge-

hirn über die Änderung bzw. Neubildung von Synapsen erfolgt“, sagt Simon Rumpel, Neurobiologe und Gedächtnisforscher am Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien. Erreicht ein Sinneseindruck das Gehirn, werden dort Neuronen in vielen Arealen des Gehirns gleichzeitig aktiviert. Wirkt dieser Sinneseindruck in wiederholtem Maß auf das Gehirn ein, werden die synaptischen Verbindungen zwischen den Neuronen verstärkt, und es kommt zu einem „Lernprozess“. Warum ist das so schwer zu untersuchen? Beim Menschen gibt es zwischen den ungefähr 100 Milliarden Nervenzellen schätzungsweise 100 bis 500 Billionen Synapsen. Deshalb sind eine ganze Reihe von tierischen Modellorganismen für die Gedächtnisforschung im Einsatz, die neuronal etwas einfacher gestrickt sind: „Taufliegen ebenso wie Mäuse oder Affen“, sagt Eric Kandel. Er selbst hat an der Riesenmeeresschnecke Aplysia Pionierarbeit geleistet. Die hat den Vorteil, „nur wenige, dafür aber die größten Nervenzellen des Tierreichs zu haben“, so Kandel, der die meisten Forschungen immer noch mit Aplysia durchführt.

Apa / Herbert Pfarrhofer

Eric Kandel: Auf der Suche nach dem Gedächtnis: Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes. Aus dem Englischen von Hainer Kober. München 2009 (Goldmann TB). 528 S., € 11,30

Wie gut versteht die Neurowissenschaft die Hirnvorgänge beim Erinnern? „Man kann locker noch weitere 100 Jahre reinstecken, und alle Forschungsfragen rund um die Erinnerung wären immer noch nicht gelöst.“ Das sagt kein Geringerer als Eric Kandel, einer der führenden Gedächtnisforscher der Gegenwart und Medizinnobelpreisträger des Jahres 2000. Der Neurobiologe, der dieser Tage 80 Jahre alt wurde und nach wie vor fast jeden Tag in seinem Labor an der Columbia University in New York steht, forscht schon seit fast 50 Jahren zum Gedächtnis – und meint, dass man noch immer nicht weit über die Anfänge hinausgekommen sei. Der Grund dafür ist laut Kandel ganz einfach: „Wenn man die Funktionsweisen der Erinnerung vollständig verstehen würde, verstünde man auch einen Gutteil unseres Gehirns. Denn das Gedächtnis ist an fast allen Aspekten unserer Gehirntätigkeit beteiligt.“

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IMP/ Rumpel Group, Gero Miesenböck/Univ. Oxford

Was hat es mit den „neuronalen Netzen“ auf sich? Neuronalen Netzen und Schaltkreisen kommt eine besondere Bedeutung beim Abspeichern der Erinnerung zu. Dieses Gebiet der Gedächtnisforschung war bisher freilich eher nur theoretisch arbeitenden Neurobiologen vorbehalten, die schon seit mehreren Jahrzehnten Theorien dazu entwickeln, wie Neuronen verknüpft sein müssen, um Erinnerung zu speichern. Heute arbeiten Forscher wie Simon Rumpel daran, mit neuen Techniken tatsächlich lebende Nervennetzwerke zu studieren, um die theoretischen Annahmen über die neuronalen Netzwerke empirisch zu überprüfen. Er selbst tut das an Mäusen, denen er mit neuen Mikroskopier- und Visualisierungstechniken buchstäblich ins Gehirn schauen kann, wenn sie sich etwas merken. Lassen sich bestimmte belastende Gedächtnisinhalte gezielt medikamentös löschen? Ja. Die Substanz heißt Propranolol und wurde zunächst bei Mäusen getestet, wo sie denn Zugriff auf das sogenannte Angstgedächtnis veränderte. Sie erwies sich aber auch in einem kontrollierten Laborexperiment mit Menschen als erfolgreich, wie niederländische Forscher um Merel Kindt von der Universität Amsterdam heuer im Fachblatt Nature Neuroscience berichten. Sie spielten ihren Probanden am Computer Bilder vor, unter anderem eine krabbelnde Spinne, auf die stets ein ohrenbetäubender Lärm folgte. Selbst längere Zeit nach dem Experiment schreckten die Versuchspersonen, die Propranolol genommen hatten, nicht mehr vor den Angstreizen des Experiments zurück. Der Mechanismus dahinter ist den Forscher aber unklar: Ob die Gedächtnisinhalte komplett gelöscht wurden oder die Behandlung nur den Abrufvorgang aus dem Angstgedächtnis stört, können die Psychologen bisher nicht sagen.

Wie weit ist man bei Pillen zur Gedächtnisverbesserung? Oder gibt es die sogar schon? Zwar ist erst kürzlich in Deutschland die Debatte um sogenannte „Neuroenhancer“ so richtig losgebrochen. Bloß: Es gibt im Moment keinen Wirkstoff, der wirklich etwas taugt und der zudem nicht gesundheitsschädigend ist. „So etwas ist noch in sehr weiter Ferne“, meint Eric Kandel, „zumal man einen solchen Wirkstoff erst einmal fünf bis zehn Jahre beobachten muss, um sicherzustellen, dass er nicht doch toxisch ist.“ Etwas weiter sei man bei Medikamenten gegen Alzheimer und altersbedingten Gedächtnisverlust. Da befänden sich einige Wirkstoffe bereits in frühen Testphasen. Umgekehrt weiß man, dass bestimmte Wirkstoffe das Kurzzeit- bzw. Arbeitsgedächtnis nachhaltig schädigen können. Erst Ende Oktober berichtete der Psychologe Joshua Gulley bei der Tagung der Gesellschaft für Neurowissenschaften in Chicago, dass erwachsene Ratten, die in ihrer Jugend viele Amphetamine geschluckt hatten, über ein sehr viel schlechteres Arbeitsgedächtnis verfügen als ihre Artgenossen, die „clean“ geblieben waren.

Kann man ohne Krankheit, Unfall oder Drogen vorübergehend das gesamte Kurzzeitgedächtnis verlieren? Ja, auch dieses rätselhafte Phänomen gibt es. Es nennt sich transiente globale Amnesie (TGA) oder amnestische Episode, ist vergleichsweise selten (drei Fälle auf 100.000 Personen) und tritt vor allem im sechsten Lebensjahrzehnt auf. Eine rationale Therapie ist nicht möglich, da die Ursache von TGA nicht bekannt ist. Sie scheint auch nicht notwendig, da über die Gedächtnislücke hinaus, die im Normalfall mehrere Stunden dauert, keine weiteren Folgen bleiben. Häufigste Auslöser für TGA, die meist am Vormittag einsetzt, sind physische und psychische Anstrengungen, bei der zumeist auch das Gedärm bewegt wird – was anscheinend die Blutversorgung des Gehirns etwas durcheinanderbringen kann. Mit anderen Worten: Sex.

Ist es denkbar, neue Erinnerungen einzupflanzen, die nie gemacht wurden? Ja. Das ist kürzlich erst bei Taufliegen gelungen – und nicht nur in „Total Recall“ bei Arnold Schwarzenegger. Ein Forscherteam um den aus Österreich gebürtigen Molekularbiologen Gero Miesenböck hat an der Universität Oxford Taufliegen tatsächlich Erfahrungen in deren Hirn gepflanzt, die sie selbst nicht gemacht haben. In einem ersten Schritt identifizierten die Forscher im sogenannten Pilzkörper, einer speziellen Hirnregion, einen Schaltkreis aus zwölf Hirnzellen, der für das Geruchsgedächtnis zuständig ist. Dann wurden die Neuronen mit Laserlicht geblitzt, was wiederum zur Produktion des Botenstoffes Dopamin führte, den das Fliegenhirn als Signal für Abneigung interpretiert, so die Forscher vor wenigen Tagen im Fachblatt Cell (Bd. 139, S. 405). Die Geruchserinnerung der Fliegen war damit umgeschrieben. 3

Einblicke der Gedächtnisfor­ schung in das Mäusegehirn: Ein­ zelnen Neuronen wurden durch das grün fluoreszierende Protein (GLP) zum Leuchten gebracht.

Mit einem Laserstrahl lässt sich die Festplatte im Fliegenhirn ein klein wenig umschreiben.

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„ Möglichst nicht daran denken“ Hirndoping kann Wolfgang Klimesch nicht viel abgewinnen. Statt Pillen zur Verbesserung des Gedächtnisses empfiehlt der Professor für Psychologie an der Universität Salzburg gezieltes Training und das Nutzen von Vorwissen.  Interview: Robert Czepel

Ihren Umgang mit dem eigenen Gedächtnis verändert? Wolfgang Klimesch: Natürlich habe ich mir Strategien zurechtgelegt, um mir Dinge besser zu merken. Aber Wunderformeln kann ich aus meiner Arbeit keine ableiten. Sie sind also mit Ihrer Merkleistung zu­ frieden? Im Großen und Ganzen ja. Ich stehe zumindest nicht auf Kriegsfuß mit meinem Gedächtnis. Obwohl es ja unter Psychologen folgende Vermutung gibt: Wir tun das, wo wir die größten Defizite haben. Stichwort Merkstrategien: Welche Grundregeln gibt es? Eine Grundregel lautet: Alles, was neu eingespeichert wird, wird auf Grundlage von bereits vorhandenem Wissen eingespeichert. Wenn es bereits Vorwissen gibt, ergibt sich die Merkleistung fast mühelos. Wenn ich mir etwas neu aneignen muss, z.B. eine völlig neuartige Fremdsprache, ist das ungleich schwieriger. Eine ehemalige Dissertantin von mir hat herausgefunden, dass das Lernen von Sprachen viel effektiver abläuft, wenn man Vokabeln multisensorisch repräsentiert – etwa, indem man ein Wort mit einer Geste, einem Geräusch usw. verbindet. So kommt das, was neu ist, bereits vernetzt in unser Gehirn. Das ist eine zweite Grundregel: Je mehr Sinne an der Verarbeitung neuer Information beteiligt sind, desto besser funktioniert deren Speicherung. Die klassische Eselsbrücke ... ... ist eine Mischung dieser beiden Prinzipien. Mir fallen oft die Namen von Schauspielern nicht ein, obwohl ich sie kenne. Was kann ich dagegen tun?

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Möglichst nicht konzentriert daran denken. Das hat mit dem Nadelöhr des bewussten Zugriffs zu tun – der kann sehr leicht gestört sein. Freies Assoziieren löst solche Blockaden oft. Und das Verlegen und Wiederfinden des Schlüssels? Wenn er bereits verlegt wurde, ist es schon zu spät. Hier handelt es sich um einen typischen Fehler der Aufmerksamkeitssteuerung, der im Nachhinein nicht zu beheben ist. Man muss sich also dazu zwingen, ganz bewusst zu sein, wenn man den Schlüssel das nächste Mal in die Hand nimmt.

„Wir funktionieren genau umgekehrt wie ein Computer: Er wird immer lang­ samer, je mehr drinnen ist – wir werden immer schneller, je mehr wir wissen“ Wolfgang Klimesch, Psychologe

Oft heißt es: Je öfter Lernstoff wiederholt wird, desto eher bleibt er im Langzeitgedächtnis haften. Stimmt das? Nicht unbedingt. Es kommt, wie erwähnt, vielmehr auf das Vorwissen an. Je mehr davon vorhanden ist, desto besser merkt man sich Dinge. Das ist bei uns genau umgekehrt wie beim Computer: Dieser wird immer langsamer, je mehr drinnen ist – wir werden immer schneller, je mehr wir wissen. Deutsche Hirnforscher haben kürzlich öffentlich gefordert, das Thema Hirndoping müsse

nüchterner und liberaler diskutiert werden. Wie stehen Sie dazu? Ich glaube, dass man mit psychologischem Training viel größere Effekte für das Gedächtnis erzielen kann als mit pharmakologischen Eingriffen. Sollte man Neurodoping verbieten? Verbieten ist nie gut. Aber ich würde es nicht empfehlen. Leute, die so etwas vorschlagen, würde ich fragen: Welche Ergebnisse der Grundlagenforschung geben uns Anlass zu glauben, dass die Substanz X die Gedächtnisbildung so stark fördert? So etwas kennt man bis dato nicht. Sicher, es gibt zum Beispiel Substanzen, die die Aufmerksamkeit erhöhen, was in Summe auch der Merkfähigkeit zuträglich ist. Zum Beispiel Ritalin? Ja, das Präparat greift auf Ebene der Botenstoffe ein. Ich würde gerne wissen: Ist das wirklich unproblematisch? Davon abgesehen glaube ich auch hier, dass psychologische Interventionen wesentlich mächtiger sind als der isolierte Eingriff über eine Wirksubstanz. Wenden Sie bei der universitären Lehre die Erkenntnisse der Gedächtnisforschung un­ mittelbar an? Lassen Sie mich diesbezüglich auf einen Detailaspekt antworten. Wenn mich Studenten am Ende eines Literaturseminars fragen, ob sie bei der Prüfung alles wissen müssen, was in den besprochenen Artikeln steht, dann antworte ich: „Ihr müsst schon etwas wissen. Aber das viel Wichtigere ist: Ihr müsst auf Basis des Gewussten argumentieren können.“ Wenn mir ein Student auf eine Frage antwortet: „Das weiß ich nicht“, und er bringt mir ein gutes Argument, warum das in diesem Zusammenhang für ihn nicht wichtig ist, dann ist für mich die Sache erledigt. 3

Uni Salzburg/Klimesch

heureka!: Hat die Gedächtnisforschung auch

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