HEUREKA #32019
ILLUSTRATION: SCHORSCH FEIERFEIL
Österreichische Post AG, WZ 02Z033405 W, Falter Zeitschriften GesmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien
D A S W I S S E N S C H A F T S M A G A Z I N A U S D E M F A LT E R V E R L A G
So komm ich zum Buch? Leseunlust und Leseförderung
Schule des 19. Jahrhunderts Reformpädagogische Modelle sind sehr gefragt, obwohl sie schon hundert Jahre alt sind Seite 14
Warum Finnen besser sind Weil sie eine klare Vorstellung haben, was ihr Schulsystem für Kinder leisten soll Seite 18
An den Wurzeln der Malerei Johanna Kandl beschäftigt sich in einer Ausstellung mit materiellen Hintergründen der Kunst Seite 22
FALTER T HiNK-TANK Die neue Arena der jungen, kritischen Intelligenz
FPÖ
Proletariat Strafrecht
Asylkrise Migrationsdebatte Abtreibung
Demokratie
Feminismus
Mit Rechten reden?
Türkis-Blau Zeitgeschichte
Wirtschaft spolitik
Vergangenheitspolitik
Rechtspopulismus
Demokratie
Gerechtigkeit
Regierung
Der FALTER Think-Tank versammelt Meinungen, Kontroversen und Analysen zu den großen Themen der Zeit. Geschrieben von FALTER-Autorinnen und -Autoren und Österreichs jungen Wissenschafterinnen und Wissenschaftern.
www.falter.at/ThinkTank
In Kooperation mit der
IN TRO D U K TIO N : H EU R EKA3/19 FALTER 25/19 3
CHRISTIAN ZILLNER
A U S D E M I N H A LT
: E D I TO R I A L
Nicht korrekt
FOTOS: CHRISTOPHER MAVRIC, SCHORSCH FEIERFEIL, ROSA PINEDA / WIKIPEDIA, HELMUT KAINDL
Unleserliche Strategien fürs Leben Seite 8 Der Begriff „funktionale Analphabeten“ stigmatisiert „bildungsbenachteiligte Erwachsene mit Basisbildungsbedarf “
Um Gottes willen, so teuer! Seite 12 Kopf im Bild Seite 4 Stefan Freunberger von der TU Graz arbeitet an der Batterie der Zukunft: langlebiger, leistungsfähiger und kostengünstiger soll sie sein und eine gute Ökobilanz aufweisen
Karin Pfolz versucht, Kinder und Jugendliche für Bücher zu begeistern. Viele Erwachsene legen sich jedoch quer
Schule aus dem 19. Jahrhundert Seite 14
Finnen wissen, welche Kinder sie wollen Seite 18 Nämlich verantwortungsbewusste und eigenständige Bürger, die ihre Stärken kennen
Reformpädagogische Unterrichtsmodelle sind sehr gefragt, obwohl sie schon über hundert Jahre alt sind
Meine Geschlechterbrille Seite 16
Geschlechtergerechtigkeit im Kindergarten, in der Schule und an der Universität
Glossar und Bücher zum Thema Seite 20 Warum Einsiedlerspinnen melken? Seite 8
Weil sie für uns einen besonders starken, biologisch abbaubaren Faden produzieren
Klassiker der Leseförderungsliteratur
Gedicht und „Was am Ende bleibt“ Seite 23
Roberto Calasso: „Das unnennbare Heute“
An den Wurzeln der Malerei Seite 22 Die Künstlerin Johanna Kandl beschäftigt sich in einer Ausstellung mit den materiellen Hintergründen der Kunst
Die Leseförderung meines Vaters, eines Mittelschulprofessors für Deutsch, bestand darin, mir Bücher, die ich als Unterstufler säckeweise aus der katholischen Leihbibliothek nach Hause schleppte, zu verbieten. Das Lesen dieser Bücher hielt mich nämlich vom Lernen des Schulstoffs ab. Ich aber bildete mir ein, die Abenteuer von Sitting Bull oder Geronimo seien um ein Vielfaches wichtiger als alles Wissen, das mir das Bundesgymnasium in Dornbirn zu kredenzen pflegte. Um Längen spannender waren sie auch. Die wilde Lektüre wurde dann in der Oberstufe durch saubere, deutsche Klassik ersetzt. Karl Philipp Moritz, Jean Paul, Friedrich Nietzsche, Georg Büchner, Robert Musil, Karl Kraus, kurz alles, was in mir den Glauben an irgendeine Bedeutung der deutschen Literatur hätte wachhalten können, stand nicht auf der Leseliste. Man kann also dem Deutschunterricht am Gymnasium die Schuld daran geben, dass ich die deutsche Literatur grosso modo für grauenhaft überschätzt und verzichtbar halte. Auch heute gibt es, wie ich mir sagen lasse, Leselisten an Gymnasien. Dienen sie dazu, in Jugendlichen ähnliche Gefühle wie einst in mir gegenüber deutscher Literatur zu hegen und pflegen? Vielleicht greift mancher später wie ich zum Ulysses, womöglich zur fehlerstrotzenden Ausgabe von 1922. Dann wird sie oder er draufkommen, dass Literatur, nicht korrekt und nicht deutsch, Freude machen kann.
: G A ST KO M M E N TA R
Umfassendes Wissen für den Schutz der Meere
FOTO: UNIVERSITÄT WIEN
ALICE VADROT
Anfang Mai dieses Jahres hat der Weltbiodiversitätsrat darauf aufmerksam gemacht, dass eine Million Arten an Lebewesen vom Aussterben bedroht sind. Darin inbegriffen ist die marine Biodiversität. Sie wird durch die Folgen des Klimawandels, die Verschmutzung und Versauerung der Ozeane und durch Überfischung bedroht. Ihren Schutz erschweren Lücken im internationalen Seerecht – und der Wissenschaft selbst. Über viele marine Ökosysteme, besonders in der Tiefsee, haben wir keine ausreichenden Daten zur Verfügung. Die Forschung in der Hochund Tiefsee ist kostspielig und wird nur von einer überschaubaren Anzahl an Staaten betrieben und finanziert. Unternehmen, die in internationalen Gewässern forschen, sind
nicht verpflichtet, ihre Daten oder daraus entstehende Gewinne zu teilen, etwa aus der Patentierung mariner genetischer Ressourcen. Der Kern des Problems ist, dass zwei Prinzipen aufeinanderstoßen: Das gemeinsame Erbe der Menschheit und die Freiheit der Meere. Es kann einerseits argumentiert werden, dass Daten, die in internationalen Gewässern erhoben und kommerziell genutzt werden, der Allgemeinheit zugutekommen müssen. Alice Vadrot, Universität Wien, leitet das Forschungs- projekt MARIPOLDATA
Dem widerspricht jedoch das Prinzip der Freiheit der Meere, das den Zugang zur Hochsee als Forschungsobjekt nicht reguliert. Das Wissen über marine Biodiversität ist essenziell. Es wird benötigt, um zu bestimmen, wo Meeresschutzgebiete etabliert werden müssten und wie diese beobachtet werden können. Auch die Abschätzung und die Bewertung der Folgen ökonomischer Aktivitäten wie etwa die Ölund Gasförderung sowie der Tiefseebergbau hängen maßgeblich von der Aussagekraft wissenschaftlicher Daten ab. Seit September 2018 verhandelt die internationale Staatengemeinschaft ein neues, rechtlich bindendes Abkommen zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung der marinen
Biodiversität in der Hochsee. Es birgt die Chance, dass bestimmte Gebiete unter Schutz gestellt werden, erfordert aber auch, dass große Player wie die USA, Russland oder die EU auf Forderungen von Entwicklungsländern nach einer gerechteren Gestaltung der Erforschung und Nutzung der marinen Biodiversität in internationalen Gewässern eingehen. Die Verhandlungen sowie die Rolle der Wissenschaft in diesem Prozess beforscht das Projekt MARIPOLDATA (www.maripoldata.eu). Ziel ist, die Zusammenhänge zwischen der Positionierung von Staaten in den Verhandlungen und der ungleichen Verteilung der Forschungskapazitäten zu verstehen und die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Politik zu stärken.
4 FALTER 25/19 H EUR EKA 3/19 : P ERSÖNLIC H K E ITE N
: KO P F I M B I L D
Die Superbatterie Langlebiger, leistungsfähiger und kostengünstiger soll sie sein, die Batterie der Zukunft. Mit guter Ökobilanz. Daran arbeitet Stefan Freunberger am Institut für Chemische Technologie von Materialien der TU Graz in von FFG, FWF und ERC geförderten Projekten. „Ein Problem jetziger Lithium-Ionen-Batterien ist, dass sie auf Speichermaterialien beruhen, die aus relativ raren, teilweise giftigen und teuren Elementen aufgebaut sind. Mein Forschungsfokus liegt aber grundsätzlich auf leicht verfügbaren Materialien, die in der Herstellung und Wiederverwertung wenig Energie erfordern.“ Großes Potenzial sieht der Elektrochemiker in Lithium- Sauerstoff-Batterien. Er fand Parallelen zwischen der Zellalterung von Lebewesen und Batterien. Bei beiden ist hochreaktiver Singulett-Sauerstoff für den Alterungsprozess verantwortlich. In Lithium-Sauerstoff-Batterien entsteht dieser während des Ladens und Entladens. Nun hat Freunberger erstmals Wege entdeckt, dessen negative Auswirkungen zu minimieren.
TEXT: USCHI SORZ FOTO: CHRISTOPHER MAVRIC
: J U N G FO RS C H E R I N N E N USCHI SORZ
Stefanie Gerold, 31 „Die Klimakrise ernst zu nehmen heißt, dass wir unsere Produktions- und Lebensweise ändern müssen“, sagt die Vorarlbergerin. „Das muss nicht unbedingt mit Verzicht und Entbehrungen einhergehen, es kann auch Zugewinne bringen.“ Etwa durch weniger Arbeitszeit. „Die so entstehenden Freiräume ermöglichen u. a. eine gerechtere Aufteilung von Erwerbs- und Hausarbeit und erleichtern nicht zuletzt einen umweltverträglichen Lebensstil.“ Gerold hat in Wien Volkswirtschaft und Politikwissenschaft studiert. Seit Februar ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre der TU Berlin, nebenher beendet sie an der WU Wien ihre Dissertation zur Rolle von Arbeitszeitverkürzung und (ungleicher) Verteilung von Arbeitszeit in Bezug auf ökologische und soziale Nachhaltigkeit.
Halliki Kreinin, 27 Die gebürtige Estin ist in Budapest und Glasgow aufgewachsen. „Die Umweltbewegung hat die entscheidende Unterstützung durch die Arbeiterklasse verpasst, dabei wird die Klimakrise gerade diese am härtesten treffen“, meint sie. Im Zuge ihrer Doktorarbeit an der WU Wien befasst sie sich mit Möglichkeiten, die Kluft zwischen der – historisch gesehen – bürgerlichen Umweltund der Arbeiterbewegung zu überwinden und Strategien für den gewerkschaftlichen Umweltschutz zu finden. Glasgow habe sie geprägt. „In einer Stadt mit einer so reichen Industriegeschichte zu leben, in der die Entmachtung der Arbeiter seit Thatcher zu einer unglaublich drastischen Ungleichheit und Armut geführt hat, hat mich für gewerkschaftliche Ideale sensibilisiert.“ Umweltkämpfe sehe sie daher als eine Frage der Gerechtigkeit.
Sigrid Svehla-Stix, 36 „Klimaziele kann man rascher erreichen, wenn man dabei soziale Aspekte und Verteilungsfragen berücksichtigt“, sagt die Wienerin. Unter diesem Gesichtspunkt nimmt sie umweltpolitische Instrumente unter die Lupe. Dazu gehört auch die Frage, welche geografischen Gebiete oder Bevölkerungsschichten besonders vom Wandel betroffen sind und warum. Wie etwa vom Emissionshandelssystem der Europäischen Union. „Ich möchte herausfinden, welche Regionen in der zweiten Phase des EU-Emissionshandels von 2008 bis 2012 Nettoempfänger bzw. -händler waren, und ob sich die Handelsmuster über die Zeit geändert haben.“ Anhand der Ergebnisse sollen Empfehlungen an die Politik abgeleitet werden. Neben der Forschung für ihre Dissertation an der WU arbeitet die Ökonomin seit vielen Jahren beim Umweltbundesamt.
FOTOS: PRIVAT, WU WIEN, BERNHARD GRÖGER
Am Institut für ökologische Ökonomie der WU Wien befassen sich diese Doktorandinnen mit großen gesellschaftlichen Fragen von der Verteilungsgerechtigkeit bis zur Klimakrise
KO M M E N TA R E : H EU R E KA 3/19 FALTER 25/19 5
EMILY WALTON
MARTIN HAIDINGER
FLORIAN FREISTETTER
Wahlbetrüger
So werden Sie lesefett
Experten hören!
Die Europawahl ist geschlagen und neben der üblichen Analyse, die jede Partei danach für sich selbst betreibt, wird es auch ein allgemeines Stück Aufarbeitung geben. Darin wird es auch darum gehen, welche Rolle gezielte Desinformation vulgo Fake News bei dieser EU-Wahl gespielt hat. Gerade nach der mutmaßlichen Manipulation Russlands bei der USPräsidentenwahl 2016 will man nun in Brüssel ein besonderes Augenmerk auf Falschinformationen im Internet und dort besonders auf den großen Plattformen wie Facebook haben. In einer ersten Stellungnahme nach der Wahl meinte EU-Sicherheitskommissar Julian King, es habe in mehreren Mitgliedsstaaten Versuche gegeben, den Ausgang der Wahl zu beeinflussen. Es kam zwar zu keinen großen Hackerangriffen, „dafür gab es zahlreiche Berichte über Desinformationskampagnen vor allem durch Bots und Fake-Profile“, sagte King gegenüber der Welt am Sonntag. Nun soll überprüft werden, ob der Verhaltenskodex der EU-Kommission zur Desinformation, den die großen Plattformen im Herbst des Vorjahres unterzeichnet haben, ausreicht, oder ob noch einmal nachgeschärft werden muss. In monatlichen Berichten hat die Kommission zuletzt dargelegt, ob Facebook & Co. ihrer Meinung nach genug gegen Fake News unternehmen oder nicht. So sehr Maßnahmen wie der Verhaltenskodex in die richtige Richtung gehen, ist deren Wirkung doch beschränkt. Am effektivsten wäre wohl, die Kompetenzen der Wähler im Umgang mit Medien, besonders den digitalen, zu stärken. Aber was tun, wenn Fake News nicht von Manipulationsrobotern, sondern von führenden Politikern und Politikerinnen kommen? Boris Johnson hatte vor dem Brexit-Referendum u.a. behauptet, Großbritannien zahle wöchentlich 400 Millionen Euro an die EU – Geld, das besser in den nationalen Gesundheitsdienst NHS investiert wäre. Objektiv betrachtet eine gezielte Desinformation, denn schließlich hat Johnson verschwiegen, dass Großbritannien einen (stattlichen) Teil seiner Beiträge zurückerhält und daher nicht 400 Millionen pro Woche für die NHS da wären. Johnsons Brexit-Kampagne war erfolgreich, er wurde Außenminister. Seine Fake News blieben ohne Folgen: Ein Gericht entschied Anfang Juni, dass eine Privatklage um Johnsons NHS-Lüge nicht weiterverhandelt werden soll.
Der böse Gedanke zur guten Tat ist längst verjährt, weshalb ich ohne Scheu zugeben kann, dass ich Mitte der 1980er-Jahre als 16-jähriger Gymnasiast die Idee hatte, die Schulmilchaktion durch eine Schulbieraktion zu ersetzen, was womöglich die Leistungen in schöngeistigen Fächern wie dem Deutschunterricht gehoben und aus dem einen oder anderen Schüchternen einen so eruptiven wie produktiven Charles Bukowski gemacht hätte und aus manchem verschlossenen Mädchen eine sich weit öffnende Lotte Ingrisch mit klarer Sicht für das hochgeistig Transzendente. Wer diesen Satz in einem durchgelesen hat und mit den Namen beider etwas anfangen kann, sei geadelt! Mittlerweile sind Sätze mit maximal fünf Wörtern zum Regelfall öffentlicher Kommunikation geworden, und die Literatur ist offenbar aus dem Kanon zentralgelenkter Maturabeispiele weitgehend verschwunden. Das Bildungsbürgertum muss zur Selbsthilfe greifen, wenn es Klassiker wie Lessing, Goethe, Schiller oder Qualtinger in künftige Zeiten hinüberretten will. Doch können wir Älteren selbst so gut lesen, wie wir es von Schulkindern verlangen? Ist nicht die Dunkelziffer der funktionalen Analphabeten beängstigend hoch? Wer sich vom Troglodyten in eine lesefitte Persönlichkeit ver-
: B R I E F AU S B RÜ SS E L
: H O RT D E R W I SS E N S C H A F T
: FREIBRIEF
wandeln will, möge daheim zum guten Buch und hernach zum Bierkrügel, zur Flasche Müller-Thurgau oder zum Cognacschwenker greifen und dann so lange schmökern, bis sich aus der Kombination von Literatur mit Qualitätsgetränken hochprozentige Visionen ergeben. Für Ungeübte sei angemerkt, dass sich der Rauschzustand dann am nachhaltigsten einstellt, wenn man die Aktion hin und wieder unterbricht und im Stil Doderer’scher Wutmärsche eine Runde durch die Wohnung dreht, dabei ein paar Nippesfiguren zerschlägt und durch die Bewegung sowohl Spiritus als auch Dichtung besser „einfahren“ lässt. Im Idealfall ist man am Ende lesefett. Wem das aus einem Grund nicht möglich oder zuwider ist, oder beide Kulturtechniken nicht zugleich ausführen kann, möge sich zumindest vorsingen und vorlesen lassen, was die ohne Alkohol einfluss schier undenkbare Wiener Literatur an Liedern und Geschichten hergibt, und sich am 13. August im Narzbergergut auf dem Kronberg in Strass im Attergau einfinden, woselbst im Rahmen des „Attersee Klassik-Festivals“ ab 20 Uhr die vortreffliche Agnes Palmisano samt musikalischen Freunden sowie meine Wenigkeit süß-saure Lieder und Geschichten unter dem Titel „Wiener Januskopf “ zum Vortrage bringen werden.
ZEICHNUNG (AUSSCHNITT)
: F I N K E N S C H L AG HANDGREIFLICHES VON TONE FINK TONEFINK.AT
Das Wort „Experte“ ist in den letzten Wochen gehäuft in der innenpolitischen Berichterstattung aufgetaucht. Zuerst wurden die Regierungsmitglieder der FPÖ durch „Experten“ ersetzt, mittlerweile hat Österreich sogar eine „Expertenregierung“. Was vielversprechend klingt: Wer will nicht von Menschen regiert werden, die Experten sind? Andererseits sollte man aber auch darauf hoffen können, dass Menschen, die in die höchsten politischen Ämter eines Landes kommen, auch eine Ahnung von ihrer Arbeit haben. Letzteres ist angesichts der politischen Realität sicherlich ein wenig naiv. Der ehemalige Vizekanzler Heinz-Christian Strache war nicht deswegen auch Minister für Sport und öffentlichen Dienst, weil er auf diesem Gebiet über besonderes Expertenwissen verfügt. Heinz Faßmann hingegen hätte seinen Job als Wissenschaftsminister auch versehen können, ohne über eine Professur für Angewandte Geografie, Raumforschung und Raumordnung zu verfügen. Die politische Arbeit unterscheidet sich deutlich von der in der Wissenschaft. Politikerinnen und Politiker müssen diskutieren können, vermitteln und überzeugen. Sie müssen Kompromisse finden, kommunikative Strategien entwickeln und eine Ahnung von den parlamentarischen und legislativen Abläufen haben. Es ist nicht zwingend notwendig, dass etwa ein Landwirtschaftsminister Erfahrung im Ackerbau hat. Ebenso wenig muss eine Sportministerin selbst Spitzensportlerin gewesen sein. Das Gebiet, auf dem die Politikerinnen und Politiker ausreichend viel Expertise haben müssen, ist die Politik, auch wenn sie selbst keine Experten sind. Aber sie sollten auf jeden Fall und sehr dringend darauf hören, was die echten Expertinnen und Experten zu sagen haben! Wer auch immer zum Beispiel in Zukunft das Gesundheitsministerium leiten wird, sollte sehr ernst nehmen, was die medizinischen Fachleute über den Nutzen eines Rauchverbots zu sagen haben. Wer die Agenden des Umwelt- oder Verkehrsministeriums übernimmt, darf die Erkenntnisse der Klimawissenschaft nicht ignorieren. Und so weiter. Man muss kein Experte sein, um gute Politik zu machen. Aber man muss auf das hören, was Fachleute zu sagen haben. MEHR VON FLORIAN FREISTETTER: HTTP://SCIENCEBLOGS.DE/ ASTRODICTICUM-SIMPLEX
6 FALTER 25/19 H EUR EKA 3/19 : NAC H R I C H TE N
Seiten 6 bis 9 Wie Wissenschaft in unsere alltäglichen Lebensumstände eingreift und sie verändert
: MEDIZIN
Mit Cannabis aus der Schmerzspirale? Cannabinoide können auch bei chronischen Schmerzen helfen DIETER HÖNIG
Österreich verzeichnet über 1,5 Millionen Schmerzpatienten. Rund 400.000 von ihnen leiden seit Jahren. Zu körperlichen Beschwerden kommen oft tiefe Verzweiflung sowie psychische und soziale Probleme hinzu, die den Alltag und das Berufsleben massiv beeinträchtigen. Welche positiven Ergebnisse sich mit dem gezielten Einsatz von Cannabinoiden bei manchen Patienten erzielen lassen, beobachtet Martin Pinsger täglich. Ob Multiple Sklerose, Rückenleiden, Krebs oder Migräne, in das Vöslauer Schmerzkompetenzzentrum des Facharztes für Orthopädie kommen Menschen mit unterschiedlichsten Krankheitsbildern. Nicht wenige davon haben eine jahrzehntelange Leidensgeschichte zu berichten. „Cannabinoide schaffen eine gewisse Distanz zwischen den Patienten und seine Schmerzen, ohne jedoch eine Rauschwirkung wie beim Rauchen zu verursachen. Dieser distanzierende Effekt tritt auch dann ein, wenn die Beschwerden schon seit Jahrzehnten existieren und ist unabhängig vom Auslöser“, erklärt Pinsger. Er verordnet kontrolliert Cannabismedikamente seit rund zwanzig Jahren bei bestimmten Patienten mit klar definierten Krankheitsbildern. Der Einsatz von Cannabinoiden könne helfen, die bei chronischen Schmerzpatienten häufig verschriebenen Opioide, Antidepressiva und Antiepileptika zu reduzieren, erklärt Pinsger. Seine Erfahrungen aus Studien hat er in seinem neuen Buch „Dem Schmerz entkommen“ festgehalten. Übrigens wird chronischer Schmerz von der WHO ab dem Jahr 2022 als eigenes Krankheitsbild eingestuft.
: I N FO R M AT I K
: M AT H E M AT I K
Mit einem Algorithmus den Iron Throne im „Game of Thrones“ erobern
Schneller als die Daten-Digger
Studenten der TU-München programmierten einen Algorithmus, um das Schicksal der Charaktere in „Game of Thrones“ vorherzusagen
Markus Hittmeir sucht bei Daten Sicherheitslücken
MARTINA NOTHNAGEL
USCHI SORZ
Voller Spannung bangen Fans um das Los ihrer Helden in der finalen Staffel von „Game of Thrones“. Vierzehn Studenten eines JavaScript-Seminars am Institut für Bioinformatik der TU München wollten nicht nur warten. Sie entwickelten einen Algorithmus maschinellen Lernens, der Überlebenschancen der Kombattanten um den Iron Throne berechnet. „Wir wollten ein Projektthema, das die Studenten cool finden und mit dem sie sich identifizieren können“, erklärt Kursleiter Guy Yachdav. Basierend auf Daten zu vergangenen Geschehnissen berechnet der Algorithmus Wahrscheinlichkeiten für die Zukunft. Er ermittelt, welche Faktoren das Schicksal der Charaktere beeinflussen: Adelig und weiblich zu sein erhöht die Überlebenschancen in den Seven Kingdoms. Verheiratet zu sein verschlechtert sie ebenso wie die Tatsache, ein Hauptcharakter zu sein. Auch Hauszugehörigkeit
und Anzahl der Liebhaber spielen eine Rolle. Das Projekt ist nicht nur Spielerei. In der Realität werden derartige Algorithmen etwa zur Vorhersage von Krankheitsverläufenmund Be-
Guy Yachdav, TU München handlungserfolgen eingesetzt. „Die Studenten erwerben hier Fähigkeiten, die am Arbeitsmarkt enorm gefragt sind“, erklärt Yachdav. Der Erfolg ist vielversprechend, wenn auch nicht komplett. Daenerys Targaryen wurde mit 99 Prozent die höchste Überlebenschance prognostiziert – sie stirbt trotzdem. Es lässt sich eben nicht alles berechnen.
: B I L D U N G S FO RS C H U N G
Sie wollen Ihrem Kind einen Startvorteil verschaffen? Dann lesen Sie ihm vor! Durch regelmäßiges Vorlesen wird für Kinder das Lernen leichter – und mehr Spaß macht es auch. Gleichzeitig lernt man auch das Vorlesen MARTINA NOTHNAGEL
Leseratten sind vom Aussterben bedroht. Lesekompetenz und -begeisterung nehmen seit Jahrzehnten kontinuierlich ab. Fast die Hälfte aller Österreicherinnen und Österreicher liest mittlerweile selten bis nie ein Buch. Das ist alarmierend. Schließlich geht es beim Lesen um mehr als nur kurzweiligen Zeitvertreib. Es geht um Bildung und Mündigkeit, um Resilienz und Vorstellungskraft, um individuelle und gesellschaftliche Zukunftsaussichten. Will man dem entgegenwirken, gilt es bereits bei den Kleinen anzusetzen: Die deutsche Vorlesestudie
2018 – eine Kooperation der Stiftung Lesen, der Wochenzeitung Die Zeit und der Deutschen Bahn Stiftung – untersuchte die Bedeutung des Vorlesens in der Familie für Lernerfolge und Lebenswelten von Kindern im Grundschulalter. Das Ergebnis: Vorlesen hilft. Schon fünfzehn Minuten täglich reichen aus. Regelmäßiges Vorlesen verschafft einen signifikanten Startvorteil beim Lernen des Lesens und fördert den Schulerfolg im Allgemeinen. Kinder, denen vorgelesen wird, haben mehr Freude in der Schule und schneiden besser ab. Die Studie zeigt auch die Benachteiligten auf: Eltern mit niedrigem Bildungsniveau lesen seltener vor; Buben wird weniger vorgelesen als Mädchen. Die Folge sind geringere Lese- und Lernkompetenz, die Schieflage in Sachen Bildungsgerechtigkeit setzt sich fort. Hier sind Schulen und öffentliche Einrichtungen gefragt.
„Daten sind das neue Gold“, sagt Markus Hittmeir. Aber nicht alle Begehrlichkeiten, die der Schatz des digitalen Zeitalters weckt, sind erwünscht. „Das macht Datensicherheit und Privatsphäre so wichtig.“
Markus Hittmeir, Universität Salzburg Der Oberösterreicher ist Zahlentheoretiker. Einer seiner Schwerpunkte ist die Faktorisierung, das Zerlegen natürlicher Zahlen in Primfaktoren. Die Sicherheit moderner Datenverschlüsselung beruht darauf. Zum Entschlüsseln müsste man nämlich alle Teiler des Zahlencodes finden. „Das ist bei riesigen Zahlen ungeheuer schwierig. Bei Hunderten Ziffern würde selbst ein Supercomputer ewig brauchen.“ Darum funktionieren E-Banking und Onlineshoppen. Zumindest hat noch niemand eine Faktorisierungsmethode entdeckt, die den heute gängigen RSAVerschlüsselungscode knacken kann. Solchen Bestrebungen, speziell mit fragwürdigen Absichten, möchte die Forschung zuvorzukommen, indem sie es selbst versucht. Hittmeir entwickelte im Zuge seiner Doktorarbeit einen Algorithmus, der die Teiler großer Zahlen schneller findet als vergleichbare Verfahren. Dafür zeichnete ihn die Universität Salzburg mit dem Dissertationspreis aus, wo er im Jänner sub auspiciis in Mathematik promovierte. „Die Sicherheit des RSA-Codes ist damit aber nicht in Gefahr“, schmunzelt er. „Der Fortschritt hat in erster Linie theoretische Bedeutung.“ Seit März diesen Jahres forscht der 28-Jährige bei SBA Research in Wien, einem von der TU Wien und der TU Graz sowie der Universität Wien gegründeten Exzellenzzentrum für Informationssicherheit. Neben der Analyse von Sicherheitslücken beschäftigt er sich hier auch mit Maschinenlernen. „Da geht es um Algorithmen, die Muster in Datensätzen erkennen und daraus Schlüsse ziehen können.“ Ursprünglich war Mathematik für Hittmeir neben Philosophie ein Zweitfach, bis sie vorrangig wurde. Der Philosophie widmet er sich nun in seinem Blog „Nachtliteratur“.
FOTOS: TU MÜNCHEN, NINA GRUBER/SOMMERHOCHSCHULE UNI WIEN, PRIVAT, PHOTOPAM
NACHRICHTEN AUS FORSCHUNG UND WISSENSCHAFT
N AC H R IC H TE N : H EU R EKA 3/19 FALTER 25/19 7
: STA AT SW I SS E N S C H A F T
Die EU-Wahl hat die Politik verändert Eine Befragung in mehreren Ländern belegt, dass die EU-Wahlen mittlerweile keine zweitrangige Angelegenheit mehr sind SABINE EDITH BRAUN
Stell dir vor, es ist EU-Wahl und keiner merkt’s – das war einmal. Das gesteigerte Interesse für die Wahlen zum Europäischen Parlament, sichtbar etwa auch an einer höheren Wahlbeteiligung, hat aber nicht notwendig mit „Ibizagate“ zu tun. Es ist ein Trend in vielen Ländern der EU.
VieCER, das interdisziplinäre Forschungszentrum an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien, beschäftigt sich mit allen Aspekten von Wahlen. 2.000 Personen jeweils in Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Ungarn, Polen, Dänemark sowie 3.000 in Österreich wurden online befragt, ob sie „in den letzten drei Wochen“ mit Freunden oder
Familienmitgliedern persönlich über die EU-Wahl geredet haben. Das persönliche Gespräch kann Wahlverhalten verändern „Aus einer Studie zur Nationalratswahl 2013 wissen wir, dass man aufgrund solcher Gespräche durchaus die Meinung über ein Thema und das Wahlverhalten ändern kann“, sagt Sylvia Kritzinger vom Institut für Staatswissenschaft, die an der Studie beteiligt war. Face-to-Face-Kommunikation sei demnach wichtiger als klassische Parteiwerbung, etwa Plakate. Grundsätzlich gilt: Die Menschen diskutieren über die EU-Wahl, mit nationalen Unterschieden. Sylvia Kritzinger nennt es ein „Ost-West-Gefälle in der Debattenkultur“. In Ungarn werde etwa häufiger über Politik diskutiert als in Deutschland. In einigen Ländern ist Klimawandel kein Thema Vergleicht man Deutschland mit Ungarn, zeigt sich, dass der Klimawandel
in Deutschland mit fünfzehn Prozent wichtigstes Thema war, in Ungarn aber nur eine kleine Rolle spielte (drei Prozent). Das dominierende Thema war mit 18 Prozent die Korruption, gefolgt vom Gesundheitssystem. Ungarn kann mit Polen verglichen werden, wo der Klimawandel eben-
Sylvia Kritzinger, Universität Wien falls keine besondere Rolle spielte. Dort diskutierten die Menschen am häufigsten über die Justiz, gefolgt vom Gesundheitssystem. Auch in Spanien, wo die Auswirkungen der Wirtschaftskrise von 2008 noch spürbar sind, spielte der Klimawandel keine Rolle. Es dominierten Arbeitslosigkeit sowie Korruption. Die Daten für Österreich
sind zurzeit noch nicht vollständig ausgewertet. EU-Wahlwerbung, Brexit und Ibiza haben mobilisiert Die gesamt gestiegene Wahlbeteiligung lasse sich auch auf das Engagement der EU-Institutionen zurückführen. Kritzinger verweist auf die EPKampagne „This time I’m voting“ mit eigener Website. Mit Frans Timmermans, Manfred Weber sowie Margrethe Vestager seien von den großen Parteifamilien auch echte Kaliber in die Wahlschlacht geschickt worden. Auch der Brexit hatte einen Mobilisierungseffekt. Außerdem hätten sich die Parteien bemüht, ihre Wahlkämpfe stärker europäisch darzustellen. Am deutlichsten waren diesbezüglich die NEOS mit den „Vereinigten Staaten von Europa“. Der Ibiza-Effekt lasse sich zwar schwer beziffern, habe aber sicherlich zum Wählen mobilisiert, so Kritzinger. Nachsatz: „Das hätte aber auch in die andere Richtung gehen können, nämlich zu einer Demobilisierung.“
: V E R K E H RS FO RS C H U N G
: MEDIZIN
Vorausdenkende Ampeln in Wien ersetzen Fußgängerampeln mit Drucktasten
Eine neue minimal invasive Methode bei Darmschwäche und Stuhlinkontinenz
Die Fußgängerampeln mit Drucktasten sind störanfällig. Nun sollen Ampeln mit Bewegungsmeldern Fußgängern die Straße frei machen
Bei der „Spinkeeper“-Methode wird ein künstlicher Schließmuskel mit kleinsten Prothesen aus biokompatiblem Material eingesetzt
CLAUDIA STIEGLECKER
BARBARA FREITAG
Eigentlich weiß man, dass es nicht schneller gehen wird – und betätigt den Druckknopf an der Fußgängerampel trotzdem noch ein paar Mal. „Ampeldrucktasten unterliegen einer großen mechanischen Abnutzung. Dementsprechend oft müssen
Horst Possegger, TU Graz sie ausgetauscht werden“, sagt Horst Possegger vom Institut für Maschinelles Sehen und Darstellen der TU Graz. Possegger hat als Teil eines Forschungsteams im Auftrag der Stadt Wien ein Ampelsystem entwickelt, das den Kreuzungswunsch von Fußgehern automatisch erkennt. Das zentrales Element ist eine an der Ampel
montierte Kamera, die Personen innerhalb eines acht mal fünf Meter großen Bereichs wahrnehmen kann. Nach Analyse des Bewegungsmusters wird bei Bedarf eine Ampelschaltung ausgelöst: „Es dauert im Schnitt zwei Sekunden, bis verlässlich klar ist, ob eine Person die Straße überqueren will.“ Das System arbeitet mit lernfähigen Algorithmen, deren Einschätzungen im Lauf der Zeit immer besser werden. Bilddaten werden nicht weitergegeben, die Anlage funktioniert rein lokal. Das neue System soll an ausgewählten Standorten in Wien zum Einsatz kommen. „Im ersten Schritt wird es lediglich den Druckknopf ersetzen“, so Possegger. „In weiterer Folge ist ein Ausbau der Funktionalität denkbar: Wir können zum Beispiel große Personengruppen erkennen und die Grünphase entsprechend verlängern, damit alle genug Zeit haben, die Straße zu überqueren.“
Darmschwäche ist ein heikles Thema und betrifft etwa sechs Prozent der Bevölkerung ab dem sechzigsten Lebensjahr. Sie kann auftreten infolge von Darmerkrankungen, Beckenbodeninsuffizienz und Schließmuskelverletzungen nach Geburten oder
Stefan Riss, MedUni Wien Operationen. Je nachdem sind die Therapieformen unterschiedlich und umfassen medikamentöse Gaben, Beckenbodentraining und auch Operationen. An der Klinischen Abteilung für Allgemeinchirurgie der Medizinischen Universität Wien wird gerade die neue „Spinkeeper“-OP-Methode erprobt.
Eine Stuhlinkontinenz bedeutet eine ständige Darmschwäche, bei der Verdauungsgase und Stuhl nicht zurückgehalten werden können. Betroffene können die Darmentleerung nicht willentlich kontrollieren. Frauen leiden häufiger darunter als Männer, und die Dunkelziffer der Erkrankung ist hoch. Ziel der „Spinkeeper“-Methode ist ein künstlicher Schließmuskel, wofür kleinste Prothesen aus biokompatiblem Material mithilfe einer Ultraschall-Bildgebung in einem minimal invasiven und risikoarmen Eingriff rund um den Analkanal implantiert werden. Die Technik wurde in Italien entwickelt, erste vielversprechende Ergebnisse sind publiziert. Stefan Riss, verantwortlicher Chirurg, berichtet: „Wir wenden die Methode bei zehn Patienten an und evaluieren dann. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir dazu helfen können, wieder eine bessere Stuhlkontrolle zu erlangen.“
8 FALTER 25/19 H EUR EKA 3/19 : NAC H R I C H TE N
: P H YS I K
Warum wir die Braune Einsiedlerspinne melken In der Struktur der Elementarfaser liegt das Geheimnis der Spinnenseide, der Superfaser der Zukunft DOROTHEE NEURURER
Der Physiker Dinidu Perera zieht den ultradünnen Faden der Braunen Einsiedlerspinne als Saite auf eine winzige Gitarre auf. Kein Mensch hat ihre Töne bisher gehört, nicht einmal ihre Konstrukteure, die Materialforscher des Nanomaterials & Imaging Lab am College of William & Mary, Virginia, USA. Sie sind dem Geheimnis um die einzigartigen Materialeigenschaften der Spinnenseide auf der Ebene der kleinsten Fasereinheit auf der Spur. Die Nadel, pardon Spinne im Heuhaufen Spinnenseide zu erforschen liegt im Trend. Zugfest wie Stahl, elastisch wie Gummi, weich wie Seide, antibakteriell und natürlich abbaubar gilt sie als Biomaterial der Zukunft. Eine Handvoll Firmen in Japan, Deutschland und den USA widmen sich der Anwendungsforschung und der künstlichen Herstellung. Entweder produzieren genveränderte Bakterien die Seidenproteine oder genveränderte Ziegen in der Milchbildung. Glück, ausgeprägter Forscherinstinkt und eine ausgetüftelte Messmethode mit dem Rasterkraftmikroskop waren die Voraussetzungen für
den jüngsten Durchbruch. „Weltweit gibt es ca. 40.000 Spinnenarten. Mit der Braunen Einsiedlerspinne sind wir auf die Nadel im Heuhaufen gestoßen, weil sich ihr Faden aufgrund der ultradünnen und flachen Struktur optimal erforschen lässt“, sagt der Forschungsleiter Hannes Schniepp. Der Physiker, der privat auch Jazz-
Hannes Schniepp, College of William & Mary, Virginia Sessions mit seinen Studenten macht, bekam den Hinweis für die Spinnenart vom Spinnen-Experten Fritz Vollrath. Schniepps Gruppe ging dieser Seidenart nach, die bisher noch niemand erforscht hatte. In der Seidenforschungs-Community setzt man in der Regel eher auf die Spitzenreiter unter den Starken-Faden-Arten, etwa die Radnetzspinne. Oder man arbeitet an Verfahren, Spinnenseide künstlich herzustellen. Den Faden gewinnen die Forscher, indem sie die Spinne melken, sprich
sich den Spinnreflex zunutze machen und den Faden von Hand aufspulen, sanft und ohne das Tier zu verletzen. Bei der Braunen Einsiedlerspinne ist das kein ungefährliches Unterfangen. Ihr Biss ist giftig und kann Kopfschmerzen, Übelkeit und Krämpfe auslösen, selten sogar tödlich sein. Klebrig wie Tixo, aber 2.000 mal kleiner Ihr Faden ist nicht zylindrisch rund wie bei anderen Spinnen, sondern gleicht einem flachen Band wie einem Tixo-Film, nur ca. 2.000 mal kleiner, aber genauso klebrig. Diese Form lässt sich mit dem Rasterkraftmikroskop unter natürlichen Bedingungen sehr präzise untersuchen. Ein runder Faden würde unter der Silizium-Cantilever-Spitze, die nur fünf Millionstel Millimeter groß ist, wegrollen. „Der zweite Vorteil der ultradünnen Bandstruktur ist, dass sich praktisch das ganze Material an der Oberfläche befindet, ähnlich wie bei dünnen Filmen. Das bedeutet, die spannenden Eigenschaften dieser Spinnenseide sind maßgeblich durch die Oberfläche bestimmt. Und diese besteht komplett aus Nanofibrillen, was wir zeigen konnten“, erläutert Hannes Schniepp.
Die Nanofibrillen sind mit einem Durchmesser von rund zwanzig Nanometer die kleinsten Fasern eines Spinnenfadens, sie sind sozusagen die Elementarfaser, aus der ein Faden aufgebaut ist, der rund viertausend Mal dünner ist als der Durchmesser eines menschlichen Haares und auf der Größenskala von Proteinmolekülen beruht. „Unsere nächsten Fragen beschäftigen sich damit, wie die Proteine der Nanofibrille organisiert sind, oder wie die Fibrillen untereinander verbunden sind und wie lang eine Nanofibrille überhaupt sein kann.“ Die Braune Einsiedlerspinne spinnt kein Radnetz, sondern ein loopartiges klebriges Gewölle, ähnlich einem Stacheldrahthaufen. Sie hinterlässt es auf dem Boden und im Gehölz, um damit Beutetiere zu fangen. Ihre Spinnenseide verspricht vielfältige Anwendungen: in Medizintechnik, Kosmetik, als funktionale Faser für Sicherheits- oder Outdoorbekleidung und elastische Werkstoffe. Auch die Ökobilanz bei der Herstellung dieser Materialien spricht für die Braune Einsiedlerspinne. Sie braucht nur ein ruhiges Plätzchen und ein paar Heuschrecken als Nahrung.
: E R Z I E H U N G SW I SS E N S C H A F T & B I L D U N G S FO RS C H U N G
Unleserliche Strategien fürs Leben und den beruflich Der Begriff „Funktionale Analphabeten“ stigmatisiert „bildungsbenachteiligte Erwachsene mit Basisbildungsbedarf “. Außerdem ist er auch sachlich falsch
Die 2013 veröffentlichte PIAACStudie (Programme for the International Assessment of Adult Competencies, ein internationaler OECD-Vergleich), ergab, dass rund 17 Prozent der 16- bis 65-Jährigen in Österreich, das sind etwa 900.000 Menschen, über eine nur geringe Lesekompetenz verfügen. Sie können zwar einzelne Wörter und kurze Sätze, jedoch längere Texte kaum sinnerfassend lesen. Analphabetismus stigmatisiert die Betroffenen In allen drei PIAAC-Testdomänen (Lesen, Alltagsmathematik und Problemlösen im Kontext neuer Technologien) sind rund 640.000 Menschen kaum kompetent. Sie werden vielfach noch als „funktionale Analphabeten“ bezeichnet.
Mittlerweile weiß man allerdings, dass der Begriff „Analphabetismus“ problematisch ist – er stigmatisiert und die Betroffenen leiden darunter. Passender ist der Ausdruck „bildungsbenachteiligte Erwachsene mit Basisbildungsbedarf “. „Durch den Begriff
Monika Kastner, Universität Klagenfurt „Analphabetismus“ wurden die Menschen nur durch dieses Merkmal gekennzeichnet. Das ist falsch, denn alle Betroffenen können zumindest kurze Texte lesen und ein hoher Anteil ist
berufstätig und gut in die Gesellschaft eingebunden“, sagt Monika Kastner vom Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Bei einem Pilotprojekt hat sie gemeinsam mit Betroffenen, d.h. mit (ehemaligen) Teilnehmern, mit Kursleitern und Berater in der Basisbildung ein partizipativ angelegtes Forschungsprojekt umgesetzt. Hierzu wurden Forschungsfragen gemeinsam entwickelt, Forschungsmethoden geübt und angewendet und die Daten in der Gruppe ausgewertet. Das Thema war das Lernen in der Basisbildung und in der Lebenswelt aller Forschungspartner. „Das Projekt war das erste partizipativ angelegte Forschungsprojekt mit Teilnehmenden in der Basisbildung in Österreich“,
erklärt Kastner. „Die Umsetzung hat gut funktioniert. Es entstand ein spannender Dialog in einem sicheren Raum. Jede und jeder konnte etwas beitragen, gemeinsam wurde auch viel gelernt. Die Ergebnisse zeigten letztendlich, dass Lernen in der jeweiligen Lebenswelt verankert ist.“ Lernen lässt sich besser verstehen, wenn die subjektiven Perspektiven auf das eigene Lernen Berücksichtigung finden. Dadurch werden Lernende auch besser verstanden und lernen, über ihr eigenes Lernen nachzudenken. Fehlende Basisbildung ist ein gesellschaftliches Problem „Fehlende Basisbildung ist ein gesellschaftliches Problem und besagt nicht, dass Menschen zu dumm sind. Die meisten sind tatsächlich kompetente
FOTOS: SCHNIEPP LAB, WALTER ELSNER /WWW.RICCIO.AT
SOPHIE HANAK
N AC H R IC H TE N : H EU R EKA 3/19 FALTER 25/19 9
: W I SS E N S C H A F T L I C H E B Ü C H E R AU S Ö ST E R R E I C H EMPFEHLUNGEN VON ERICH KLEIN
FOTO: ROSA PINEDA / WIKIPEDIA
Die Globalisierung verwischt die Unterschiede zwischen Zentrum und Rand
So sieht die Braune Einsiedlerspinne aus. Beim Melken heißt es vorsichtig sein, denn ihr Biss kann unter Umständen sogar tödlich sein
en Alltag Menschen, die sich beeindruckende Strategien zurechtgelegt haben, um in Alltag und Berufsleben gut zurechtzukommen. Natürlich gibt es auch kognitiv eingeschränkte und sozial auffällige Menschen. Doch die gibt es in der Wissenschaft auch“, lacht Kastner. Die Schulbildung der Betroffenen ist sehr unterschiedlich. Die meisten verfügen über einen Hauptschulabschluss, ein recht hoher Anteil über einen Lehrabschluss. Österreich hat ein gut ausgebautes Bildungssystem, trotzdem ist das Ergebnis der Schulbildung im OECD-Vergleich nicht zufriedenstellend. „In Österreich gibt man sich damit zufrieden, dass es Kinder mit bildungsaffinen und mit bildungsfernen Elternhäusern gibt. Die Schulbildung kann dies nicht ausgleichen. In Finnland beispielsweise
(siehe auch Beitrag auf Seite 18) werden die schönsten Schulen in arme Gegenden gebaut. Lehrpersonen fühlen sich für den Bildungserfolg und gute Leistungen aller Kinder verantwortlich, wodurch auch sozial benachteiligte Kinder Zugang zu einer sehr guten Bildung bekommen.“ Erwachsene mit Basisbildungsbedarf haben eine Geschichte und Gründe, warum die Basisbildung fehlt. Entscheiden sich Betroffene dafür, einen Kurs zu beginnen, müssen sie sich früheren (Lern-)Problemen stellen und die oft schwierige Geschichte aufarbeiten. Mittlerweile stehen auch ihnen Fördermöglichkeiten und erwachsenengerechte Kursangebote zur Verfügung, die von engagierten Lehrenden geleitet werden.
69 Stück Vieh haben Wolf und Bär in einem Sommer auf Südtirols Almen gerissen
Der Ökonom aus Triest beginnt seinen Essay über einen schillernden Begriff mit dem Dichter Biagio Marin aus Grado (einst Grenze zwischen Kakanien und Italien), der sich als „Randexistenz“ verstand. In der Gegend fiel auch der Eiserne Vorhang. Kulturgeschichtliche Grenzen werden bei Velazquez verortet, jene zur Modernität und Armut bei H. Melvilles Bartleby. Eine Grenze zum Schweigen wird gezogen, die zur Freiheit vermessen; Grenze ist in Informatik und Ökonomie von Bedeutung. Und: „Die Globalisierung verwischt die Unterschiede zwischen Zentrum und Rand.“
Die Südtirol-Chronik in Zeitungsausschnitten beginnt und endet mit gerissenen Schafen. „Der Bürggräfler“ amüsiert sich im Juli 1900: „Die erhitzte Phantasie der Leute machte aus dem wirklichen Bären dort einen Tiger!“ Im selben Jahr werden Meraner Äpfel nach China exportiert. 1935 drängt sich die Menge in Meran, um den Duce leibhaftig zu sehen, 1940 optieren 185.365 Südtiroler für die deutsche Staatsbürgerschaft. 1964 startet der Giro d’Italia am Walterplatz in Bozen. Und 2017 haben Wolf und Bär 69 Stück Vieh auf Südtirols Almen gerissen.
Francesco Magris, Die Grenze. Von der Durchlässigkeit eines trennenden Begriffs Zsolnay Verlag 2019, 128 S.
Manfred Schwarz, Ein Jahrhundert Südtirol Haymon 2019, 264 S.
Ein Leben für Solidarität, Freiheit und Frieden
Sozialpartnerschaft. Ein zentraler politischer Gestaltungsfaktor der Zweiten Republik am Ende?
Leo Stern (1901–1982) stammte aus einer ostjüdischen Familie der Bukowina. Auf die Matura in Czernowitz folgt das Studium (Jus und Volkswirtschaft) in Wien. Der linke Volkshochschuldozent nimmt am Bürgerkrieg 1934 teil, emigriert als überzeugter Kommunist 1936 nach Moskau und kehrt mit der Roten Armee 1945 nach Wien zurück. 1950 übernimmt er eine Professur für Neuere Geschichte in Halle-Wittenberg. Arbeitsgebiete sind u.a. der Feudalismus und die Hussiten. Anderes wie „Die weltgeschichtliche Bedeutung der UdSSR“ wäre besser unterblieben.
Die Sozialpartnerschaft gilt als zentraler politischer Faktor der Zweiten Republik. Beschrieben werden deren historische Wurzeln, die Entwicklung des Provisoriums zum ausdifferenzierten Muster der Interessenpolitik; Form und Struktur des Verbändesystems inklusive Strategie und Stil der Konfliktaustragung bis Mitte der 1980er-Jahre; Fragen der öffentlichen Akzeptanz und die veränderten Rahmenbedingungen durch den EU-Beitritt bis zum Auf und Ab sozialpartnerschaftlicher Einflussnahme in den letzten Jahren. Schließlich die Frage: Steht sie vor dem Aus?
Gerhard Oberkofler, Leo (Jonas Leib) Stern. Studienverlag 2019, 292 S.
Emmerich Tálos, Tobias Hinterseer, Sozialpartnerschaft. Studienverlag 2019, 144 S.
10 FALTER 25/19 H EUR EKA 3/19 : T I T ELT H E M A
T I T E LT H E M A LESEFÖRDERUNG F Ü R J U N G U N D A LT
Seiten 10 bis 22 Schorsch Feierfeil gestaltet Plattencovers mit großer Hingabe, animiert Musikvideos mit enormen Aufwand, erledigt Grafikjobs für gutes Geld und organisiert Musikseminare mit Freunden. Vor allem aber illustriert er seit nunmehr knapp einem Fünftel seiner Lebensjahre für den Falter. In Wien hat der gebürtige Niederösterreicher bereits vor vielen Jahren ein optimales Arbeitsumfeld gefunden: ständig im Changieren zwischen Zeichen- und Kaffeehaustisch. www.schorschfeierfeil.com
: AU S G E S U C H T E Z A H L E N Z U M T H E M A ZUSAMMENGESTELLT VON SABINE EDITH BRAUN
1975
In „Überwachen und Strafen“ analysierte der Soziologe Michel Foucault die Prüfung als Machtinstrument. Die Schule sei zu einem „pausenlos funktionierenden Prüfungsapparat“ geworden.
84%
750.000.000 Erwachsene (Personen älter als 15) weltweit können laut UNESCO nicht lesen bzw. schreiben. Fast zwei Drittel von ihnen sind Frauen. Südlich der Sahara kann jede zweite Frau nicht lesen oder schreiben.
57%
Von 25 Personen (10 Lehrlinge, 8 Arbeitnehmer, 7 Leistungsempfänger), die an einem lokalen Alphabetisierungs programm in Deutschland teilgenommen haben, gaben 84 Prozent an, dass ihre Lese- und Schreibschwierigkeiten sie im Alltag einschränken.
200 Gen-Stellen Leseschwächen können auch genetisch beeinflusst sein: So wurden 200 Stellen im menschlichen Genom identifiziert, die damit in Zusammenhang stehen.
332
7.500.000
Personen wurden im Rahmen der „Alpha Panel“-Studie in Deutschland befragt, wer über ihre Lese- und Schreibschwächen Bescheid weiß. Am häufigsten wissen die Eltern (61 Prozent) oder andere Familienmitglieder (56 Prozent) Bescheid.
Ein Prozent der weltweiten Analphabeten lebt in Deutschland: 7,5 Millionen. 41,8 Prozent von ihnen haben eine andere Muttersprache als Deutsch. Am stärksten von funktionalem Analphabetismus betroffen sind Männer im Alter von 50 bis 64 Jahren.
aller funktionalen Analphabeten sind erwerbstätig. Das ergab die 2011 gestartete LEO Level-One Grundbildungsstudie zur Literalität in Deutschland. Die häufigsten Berufsgruppen sind: Bauhilfsarbeiter (56 Prozent), Maschinenführer (46 Prozent), Hilfskräfte, Reinigungspersonal (40 Prozent), Transport- und Frachtarbeiter (34 Prozent).
19,3%
Mit 19,3 Prozent ist der Anteil funktionaler Analphabeten an der Gruppe derjenigen, die keinen Schulabschluss erreichen, überproportional hoch (Anteil an der deutschen Gesamtbevölkerung: 4,7 Prozent). Das bedeutet, dass 80 Prozent der funktionalen Analphabeten einen Abschluss haben.
ILLUSTRATION: SCHORSCH FEIERFEIL
TITE LTH E M A : H EU R E KA 3/19 FALTER 25/19 11
12 FALTER 25/19 H EUR EKA 3/19 : T I T ELT H E M A
Um Gottes willen, so teuer! Karin Pfolz begeistert Kinder und Jugendliche für Bücher. Viele Erwachsene legen sich quer deen und Vorschläge, um Österreichs Jugend zum Lesen zu bringen, gibt es prinzipiell genug. Allein auf dem Portal „Wir lesen!“ des Büchereiverbands Österreichs (BVÖ) sind 244 Anregungen und Initiativen zur Leseförderung verzeichnet. Sie richten sich an alle Altersstufen, vom Schoßkinderprogramm für die Allerjüngsten bis zur Sommerleseaktion im Strandbad oder einer Krimilesenacht für Erwachsene und versuchen den Umgang mit geschriebener Sprache auf verschiedenen Wegen und in bisweilen ziemlich aufwendigen Formaten zu vermitteln: Spiele, Wettbewerbe, Workshops, Ferienaktionen, Poetry Slams, Performances. Die Autorin, Malerin und Verlegerin Karin Pfolz kommt in dieser Liste nicht vor. Und doch hat sie in ihrem Wirkungskreis viele Kinder und Jugendliche für das Lesen begeistert. Pfolz ist Autorin von mehr als fünfzehn Kinderbüchern, Thrillern und Krimis. Um sie zu veröffentlichen, hat sie 2014 den Karina Verlag gegründet, der an die vierzig Autoren beheimatet und Kinder- und Jugendliteratur einen bedeutenden Stellenwert (neben Krimis, Thrillern und Anthologien) einräumt. Bekannt geworden ist Karin Pfolz allerdings aus traurigem Anlass: Weil sie von ihrem Ehemann schwer misshandelt worden ist und ihr Martyrium im autobiografischen Roman „Manchmal … erdrückt es mich, das Leben“ (2014) beschrieben hat, ist sie, eloquent und sicher im öffentlichen Auftreten, zu einer Sprecherin für Opfer familiärer Gewalt geworden. Die Serie von Frauenmorden Anfang dieses Jahres forcierte die Nachfrage nach ihr als „Testimonial“ zum Thema. Pfolz empfindet diese Art von Publizität als zweischneidig. „Ich mag die Opferrolle nicht, in die man da schnell gedrängt wird. Auf der anderen Seite gibt mir die Medienpräsenz die Möglichkeit, mit den Menschen zu sprechen.“ Lesungen, die ohne Pause mindestens zwei Stunden dauern Ihre Leseförderungsaktivitäten entwickelten sich scheinbar beiläufig in der bilingualen Volksschule am Wiener Keplerplatz, die ihre Kinder besuchten. Eine Lehrerin, die um Pfolz’ künstlerische Begabung wusste, schlug ihr vor, den Kindern Malerei zu vermitteln. Aus den Bildern, die dabei entstanden, kreierte Pfolz ein Märchen, das dann ihr allererstes Buch wurde. Als sie es der Klasse vorlas, machte sie allerdings eine für sie schockierende Entdeckung: „Die meisten kannten Vorlesen gar nicht. Nicht einmal diese zehn Minuten, mehr sind es ja nicht, nehmen sich Eltern dafür Zeit. Zehn Minuten Zeit für mein Kind, für Ruhe und Sich-aufeinander-Konzentrieren und Füreinander-Dasein. Ohne Fernseher nebenher, ohne Internet, ohne Telefon: wirklich füreinander dasein. Dazu ist ein Buch ein gutes Mittel.“
TEXT: BRUNO JASCHKE
„Bei meinen zweisprachigen Kinderbüchern geht am allerbesten, was sich mit der Umwelt befasst“ KARIN PFOLZ, KARINA VERLAG
Um den Wert des Vorlesens schon den Kleinsten (und ihren Eltern) bewusst zu machen, gastiert Pfolz regelmäßig in einem Kindergarten. An ältere Kinder und Jugendliche (Unter- und Oberstufe Gymnasium) richten sich ihre Workshops und Seminare im Zeichen der Gewaltprävention. Diese zentrieren sich um ihren Roman und regen lebhafte und emotional geführte Diskussionen an. „Die Schüler halten das schon aus in dem Alter. Man darf nicht vergessen: Jede vierte bis fünfte Frau ab 16 ist betroffen, in Österreich, in Europa. Wenn ich in eine Klasse von 25 Schülern komme, kann man davon ausgehen, dass ein Viertel von ihnen, seien es sie selbst oder die Mutter oder die Tante, familiärer Gewalt ausgesetzt ist und damit zu niemandem gehen kann. Das Thema wird nach wie vor von der Öffentlichkeit unter den Teppich gekehrt.“ Die Lesungen, erzählt Pfolz, ermutigten gut neunzig Prozent der Betroffenen, über ihre Erfahrungen zu sprechen. „Was ganz wichtig ist: Die anderen verstehen es.“ Diese Lesungen dauern mindestens zwei Stunden. „Die Schüler gehen nicht einmal in die Pause. Sie ignorieren das Läuten, wollen weiterhören, weiterreden, und man merkt, dass da ein innerer Zwang ist, das endlich loswerden zu können.“ Zweisprachige Kinderbücher, die meist Tiere als Helden haben Eine wichtiger „Umschlagplatz“, um sich Gehör zu verschaffen und mit Menschen ins Reden zu kommen, ist für Pfolz der Markt in Bruck an der Leitha, wo sie einmal in der Woche Olivenöl verkauft und daneben auf einem Büchertisch ihre Werke anbietet. Wenn sie sich auf eine Olivenölkiste setzt, um jungen Interessenten vorzulesen, bekommen diese bald Gesellschaft. „Ich bin dann wie der Rattenfänger von Hameln“, erzählt Pfolz selbstironisch. Ihr „Renner“ ist die Geschichte um Kathy, das Schlossgespenst, die bisher drei Bände umfasst und rechtzeitig zur Buch Wien um einen vierten Band ergänzt wird. In diesen Büchern, die Pfolz wie alle anderen ihrer Werke selbst illustriert, sind Anregungen ihrer jungen Fans eingearbeitet. „Vom Schlossgespenst habe ich eine Kuschelfigur mit am Markt. Die Kinder dürfen sie halten und aufpassen, dass sie nicht wegfliegt, weil sie so wild ist. Man bringt so auch 12- bis 14-jährige Kinder dazu, auf Kathy aufzupassen. Sie können so in die Fantasie hineinkippen, das ist schön.“ Großer Beliebtheit erfreuen sich auch die zweisprachigen Kinderbücher, die meist Tiere als Helden haben, von Pfolz wie auch anderen Autoren und Künstlern geschrieben und illustriert sind und überwiegend deutsch-englisch, aber auch deutsch-spanisch und deutsch-französisch erscheinen: Zum Text in der Fremdsprache gelangt man, wenn man das Buch gewendet hat.
„Auf einer Seite beide Sprachen abzudrucken ist vollkommener Schwachsinn. Damit lernen die Kindern nichts. Kinder denken Geschichten ja immer virtuell. Sie müssen sich merken, was passiert ist. Dann drehen sie das Buch um und lesen es auf Englisch. Was passiert ist, wissen sie ja schon, und wenn sie es Englisch lesen, geht die Sprache ins Gehirn, ohne dass sie Vokabeln lernen müssen. ,Meine’ kleinen Schüler, die zu mir auf den Markt kommen, sind jetzt in Englisch ein, zwei Noten besser als vorher.“ Nach Pfolz’ Erfahrungen sind Kinder viel mehr am aktuellen politischen und gesellschaftlichen Geschehen interessiert, als es ihnen nachgesagt wird. „Es interessieren sie Geschichten, die mit Technik zu tun haben. Aber auch die Umwelt. Hier wirkt Greta Thunberg, weil sie ein Kind ist, als Vorbild. Auch bei meinen zweisprachigen Kinderbüchern ist das, was am allerbesten geht, alles, was sich mit der Umwelt befasst.“ Die Ignoranz der Erwachsenen ist die Leseunfähigkeit der Kinder Während Karin Pfolz ihr Primärpublikum, die Kinder, bestens erreicht, stößt sie bei so gut wie allen anderen Instanzen auf Barrieren und taube Ohren. Als besonders abweisend erlebt sie die Eltern. Im Kindergarten hat Pfolz bei einem Elternabend Bücher zum Verkauf angeboten. „Obwohl die Kinder immer wieder die Bücher mitnehmen wollten, habe ich genau vier Stück verkauft.“ Am Markt in Bruck an der Leitha ist folgende Szene Standard: „Ein Kind steht da und es kommt der Blick zur Mama. „Ich hätt’ so gern …’ – ,Was kost’ denn das …? 13 Euro? Um Gottes willen, so teuer!“ Es handelt sich um einen Vierfarbdruck auf Fotopapier in Hardcover-Qualität. So teuer! Und dann sehe ich, wie die Eltern zum Nachbarstand gehen und siebzig bis achtzig Euro für Käse, Speck und Grammeln ausgeben.“ Auch bei der öffentlichen Hand oder Unternehmen kann die engagierte Autorin nicht auf Unterstützung zählen. Die Schulen zum Beispiel zeigen sich sehr sparsam, wenn es um den Ankauf von Büchern als Unterrichtsmaterial geht. Und auch der Buchhandel spielt nicht so mit, wie sie es gerne hätte. Die zweisprachigen Bücher etwa, als deren angemessenen Platz Pfolz die Kinderbuch-Abteilung sieht, verkommen in den Geschäften bei den Lernhilfen oder im Englisch-Sektor. Davon unbeeindruckt, arbeitet Pfolz an ihrer neuesten Leseförderungs-Idee: Ein Projekt, bei dem Jugendliche mitschreiben. Etwas Ähnliches hatte sie in einer HAK begonnen. Dann maturierten die Schüler und das Projekt wurde nicht fertig. „Es macht den Jugendlichen großen Spaß. Besonders, wenn es ein Krimi wird, in dem der Mörder der Mathematiklehrer ist. Bei diesen Projekten verstehen die Jungen, wie ein Buch entsteht und was für eine Energie darin steckt.“
FOTO: KARINA VERLAG
I
ILLUSTRATION: SCHORSCH FEIERFEIL
TITE LTH E M A : H EU R E KA 3/19 FALTER 25/19 13
14 FALTER 25/19 H EUR EKA 3/19 : T I T ELT H E M A
Schule aus dem 19. Jahrhundert Reformpädagogische Unterrichtsmodelle sind sehr gefragt, obwohl sie schon hundert Jahre alt sind ernen kann man in Österreich auf viele Arten, solange die seit Maria Theresia 1774 eingeführte Unterrichtspflicht eingehalten wird. Wenn die öffentlichen Regelschulen Eltern zur Bildung ihres Nachwuchses nicht ausreichen, gibt es knapp tausend Privatschulen. Dazu zählen neben teuren Eliteschulen auch zahlreiche alternative Einrichtungen. Seit Generationen unverändert beliebt sind die „reformpädagogischen“ Waldorf- oder Montessori-Schulen. Ihr Ursprung liegt in der Lebensreformbewegung des 19. Jahrhunderts als bürgerlicher Protest gegen die Schattenseiten von Industrialisierung und Massenproduktion. Freikörperkultur, Kleiderreform, Vegetarismus und eine reformierte Pädagogik waren die Ziele. Statt Pädagogen mit Rohrstock sollte ein handlungsorientierter Unterricht auf Augenhöhe der Kinder und partnerschaftlich Lehrende treten. Die prominentesten Systeme sind die auf Rudolf Steiner zurückgehende Waldorf-Pädagogik und jene von Maria Montessori. Beide verbindet die Fokussierung auf kindliche Bedürfnisse. Das hat seinen Preis, der laut Franz Hammerer, Erziehungswissenschafter und Vorstandsmitglied von Montessori Österreich sowie Angelika Lütkenhorst, Direktorin der Rudolf Steiner Landschule Schönau, schwer zu nennen sei. Pro Kind muss man allerdings schon mit an die fünftausend Euro jährlich rechnen. Herr Hammerer, warum wollen Eltern eine reformpädagogische Schule? Franz Hammerer: In vielen Schulen wird der Druck durch die Testwut der letzten Jahre immer größer. Das führt zu einem kontraproduktiven Konkurrenz- und Leistungsdruck. Eltern informieren sich heute über pädagogische Konzepte und wollen für ihr Kind eine Schule, in der nicht das Kindsein durch das Schülersein ersetzt, sondern das Kindsein um das Schülersein erweitert wird. Was unterscheidet die Montessorischule von anderen Reformschulen? Hammerer: Die sogenannte „Freiarbeit“. Täglich haben die Kinder mindestens zwei Stunden lang die Möglichkeit, mit einem ihrer Entwicklungsphase entsprechenden großen Angebot an Entwicklungsmaterialien frei zu arbeiten und Interessen und Neigungen zu entfalten, sich selbstständig Wissen und Können anzueignen, also Lernprozesse selbst zu zu regulieren. Die Lehrperson hat nach Maria Montessori den Auftrag: Hilf dem Kind es selbst zu tun! Montessori spricht von der „Kosmischen Erziehung“. Dabei geht es um die Stellung des Menschen in der Welt sowie um die Einsicht des Menschen in die Abhängigkeiten aller Phänomene der Natur; um die große Aufgabe des Menschen, das uns Anvertraute zu bewahren, zu erhalten und es weiterzubauen.
TEXT: BARBARA FREITAG
„Eltern wollen eine Schule, in der nicht das Kindsein durch das Schülersein ersetzt, sondern das Kindsein um das Schülersein erweitert wird“ FRANZ HAMMERER MONTESSORI ÖSTERREICH
Angelika Lütkenhorst, Direktorin der Rudolf Steiner Landschule Schönau und Sprecherin des Waldorfbunds Österreich
Franz Hammerer, Erziehungswissenschafter und Vorstandsmitglied von MontessoriÖsterreich
Was bedeuten für Sie „Erziehung“ und „Bildung“? Hammerer: Erziehung heißt vor allem Vorbild sein, den jungen Menschen ein Umfeld bereiten, in dem sie Haltungen und Werte vorgelebt bekommen. Persönlichkeitsentwicklung erfordert sinnstiftende Orientierungen. Bildung hat vor allem die Aufgabe der Welterschließung, der Auseinandersetzung mit den Kulturgütern in der Weise, dass eine nachhaltige Kompetenzentwicklung gewährleistet ist. Welche Rolle spielt „Leistung“ in der Montessorischule? Hammerer: Immer wieder hört man Aussagen wie „In der Montessori-Schule tun die Kinder, was sie wollen. Leistung ist nicht besonders wichtig“. Das ist Unsinn. Montessori verwendet für die Lernaktivitäten der Kinder bewusst den Begriff der Freiarbeit und betont, dass der Selbstaufbau des Menschen mit großer Anstrengung verbunden ist. Welches Bewertungssystem empfinden Sie für angebracht? Hammerer: Entwicklungsberichte in Form von Pensenbüchern, Lernfortschrittsdokumentationen in Kombination mit Kind-Lehrer-Elterngesprächen haben sich bewährt. Sie sind Ausdruck einer pädagogischen Leistungskultur und helfen das Denken in konkurrierenden Notenstufen zu überwinden, sie sind stärkenorientiert, ohne Defizite auszublenden. Noten widersprechen einem pädagogischen Leistungsverständnis, da sie keine Entwicklungsperspektive beinhalten und Kinder schnell in die Guten und die Schlechten einteilen. Wie viele Kinder besuchen MontessoriEinrichtungen in Österreich? Hammerer: Das ist schwer festzulegen, da es private Montessori-Schulen gibt und öffentliche Schulen, in denen die MontessoriPädagogik nur in einzelnen Klassen umgesetzt wird. Jedenfalls wurden allein vom Österreichischen Bundesverband für Montessori-Pädagogik seit Anfang der 1990er Jahre rund 3.500 Montessori-Pädagogen für Kinderhaus und Schule ausgebildet. Frau Lütkenhorst, was ist an den Waldorfschulen besonders? Angelika Lütkenhorst: Waldorfpädagogik will die Entwicklung des Kindes und seiner Individualität ganzheitlich fördern und neben den kognitiven Leistungen auch das künstlerische Empfinden, handwerkliches Können und die sozialen Fähigkeiten im Kind bilden. „Waldorf 100 – Learn to change the World“ ist das Motto des diesjährigen Schuljahres. Es geht um kein starres Festhalten an Vorbildern, sondern um ein Weiterentwickeln unter Einbezug neuer Erfahrungen und Erkenntnisse. Die moderne Hirn- und Lernforschung belegt,
dass die Methoden der Waldorfpädagogik wirksam sind. Wozu sollen junge Menschen in der Waldorfschule erzogen werden? Lütkenhorst: Erziehung ist Potenzialentwicklung innerhalb aller Bereiche der Erfahrung und des Bewusstseins. Beziehung ist dafür wesentlich! Ziel der Bildung sind selbstbestimmte, freie Menschen, die sich selbst weiterbilden, die in der Lage sind, die Gesellschaft im Sinne des größeren Glücks aller mitzugestalten. Die Erziehenden sind dabei Entwicklungsbegleiter. Waldorfpädagogen sind nicht weisungsgebunden, sie agieren im kollegialen Kontext mit den anderen Waldorflehrern und Eltern ihrer Schule. Welche Schule haben Sie selbst besucht? Lütkenhorst: Im Ruhrgebiet in den1960erJahren eine ganz normale Volksschule. Diese Erfahrungen sind glücklicherweise längst überholt! Erst in Wien und für meine Kinder habe ich die Waldorfpädagogik entdeckt und schätzen gelernt. Nach einer Waldorflehrerausbildung arbeite ich jetzt seit vielen Jahren begeistert in der Oberstufe der Rudolf Steiner Landschule Schönau mit. Gibt es etwas, das Regelschulen von Reformschulen übernehmen könnten? Und umgekehrt? Lütkenhorst: Ökonomische Interessen dürfen das Bildungswesen nicht bestimmen. Es muss immer vom Kind aus gedacht werden: Was braucht es, um seine Fähigkeiten optimal entfalten zu können? Etwas Polemisches: Die Reformschulen würden gern ebenso viel Geld für ein Kind erhalten wie die Regelschulen. Zumindest achtzig Prozent wären fair! Derzeit liegt die Förderquote von Bund, Land und Gemeinden insgesamt bei rund zwanzig Prozent der Kosten. Deshalb sind die Schulgebühren so hoch? Lütkenhorst: Die Eltern möchten, dass die Kinder gerne in die Schule gehen, dass ihnen das Lernen Freude bereitet und dieses ohne Druck geschieht. Auch schätzen sie Alternativen zur Leistungsbeurteilung, die verbale Beurteilung. Eltern an reformpädagogischen Schulen wollen sich auch einbringen und die Schule mitgestalten. Sehr belastend ist allerdings für Eltern, dass es in Österreich keine adäquate finanzielle Unterstützung von öffentlicher Hand gibt: So erhalten die neunzehn Waldorfschulen heute nominell genau so viel Förderung wie vor zehn Jahren, obwohl die Gehaltskosten für das Lehrpersonal seitdem jährlich um rund 2,5 Prozent gestiegen sind. Die Eltern unserer Schulen müssen daher mehr als achtzig Prozent der Schulbudgets aufbringen. Wir haben derzeit 2.722 Schülerinnen und Schüler in 19 Waldorfschulen und 1.330 Kinder in 39 Waldorfkindergärten.
FOTOS: SVETSKA, PRIVAT
L
ILLUSTRATION: SCHORSCH FEIERFEIL
TITE LTH E M A : H EU R E KA 3/19 FALTER 25/19 15
16 FALTER 25/19 H EUR EKA 3/19 : T I T ELT H E M A
Meine Geschlechterbrille Geschlechtergerechtigkeit im Kindergarten, in der Schule und an der Universität o ist die Lisa? Da ist sie! Schön, dass du heute da bist! Bim bam bam!“ Mit diesem Lied werde ich im Kindergarten in der Dadlergasse im 15. Wiener Bezirk lautstark begrüßt. Eine Kleinkindergruppe sitzt auf einem runden Teppich im Morgenkreis und macht eifrig die Bewegungen der Kindergartenpädagogin mit. Die Kleinkindergruppen umfassen maximal 15 Kinder im Alter bis zu drei Jahren. „Man kann jedoch nicht sagen, dass die Beschäftigung mit dem Thema Gender ab drei oder vier Jahren beginnt. Wir kommen auf die Welt und ab dem Zeitpunkt ist es relevant“, sagt Ilse Appel, Leiterin des MINT-zertifizierten Kindergartens. Auffällig ist das Raumkonzept: Es gibt keine vorgegebenen Spielbereiche wie Bau- oder Puppenecken. Die Kinder können aktiv das unterschiedliche Spielmaterial aus Rollcontainern entnehmen und nach Belieben kombinieren. „Unsere Beobachtungen haben gezeigt, dass es durch das vermengte Spielen weniger Konfliktpotenzial gibt“, erklärt Appel. „Ich kann meine Geschlechterbrille gar nicht mehr absetzen“ Geschlechtergerecht denken, agieren und sprechen: Dieses Motto wird vom Kindergartenteam, bestehend aus Pädagoginnen und Pädagogen sowie Assistentinnen und Assistenten (vor-)gelebt. In der mündlichen Kommunikation werden beide Geschlechter genannt, im Schriftverkehr das Binnen-I oder die ausgeschriebene Doppelform (Pädagogin und Pädagoge) favorisiert. Das Angebot an geschlechtergerechten Materialien nimmt stark zu. Beispielsweise werden bei Spielen wie Memory die weibliche und männliche Form (Polizistin und Polizist) angeführt bzw. grafisch abgebildet. Der Austausch mit den unterschiedlichen Schulen des Bildungsgrätzls Schönbrunn oder die Kooperation mit dem Pensionistenwohnheim in der Oelweingasse bieten immer wieder neue Möglichkeiten, Geschlechtergerechtigkeit in den Alltag der Kinder und der beteiligten Personen zu integrieren. Im Zuge des alljährlichen „Papa macht mit“-Projekts werden Väter zu Aktivitäten (Kekse backen, Fahrradständer bauen) eingeladen. „Es ist wichtig, bereits im Kindergarten anzusetzen und die jungen Menschen von morgen so zu prägen und ihnen ein Gedanken- bzw. Erlebnisgut mitzugeben, damit ihre Sichtweise eine breitere wird“, betont die Kindergartenleiterin. „Im Grunde genommen sind Kinder jedoch wesentlich toleranter, Erwachsene machen eher Schubladen auf.“ Aber nicht nur ein bestimmtes Verhalten oder eine gewisse Sprech-oder Umgangsweise zeichnen Gender Mainstreaming aus, also die Förderung der Gleichstellung von Frau und Mann, sondern vielmehr eine grundsätzliche Einstellung bzw. Haltung. „Dieser Habitus ist erlernt, sei es jetzt
TEXT: LISA KRAMMER
„Die Sprache ist nicht nur ein Medium der Abbildung, sondern das Medium der Konstruktion der sozialen Sphäre“ MANFRED G LAUNINGER, U NIVERSITÄT WIEN
Maria Ettl, Hertha-FirnbergSchulen
der Geschlechts- oder der Klassenhabitus, aber er kann verändert werden“, das ist für Maria Ettl, Direktorin der Hertha-FirnbergSchulen für Wirtschaft und Tourismus, die wesentliche Botschaft. Gender Mainstreaming leben, bedeutet, „Schülerinnen und Schülern verschiedene Rollen aussuchen zu lassen, ohne sie dabei zu verurteilen oder zu entmutigen. Dies ermächtigt die Jugendlichen, sich selbst zu entdecken und sich auch in verschiedenen Situationen auszuprobieren“, führt Ettl weiter aus. Die Berufsbildende Höhere Schule im 22. Wiener Bezirk ist dafür 2015 mit dem Österreichischen Schulpreis für Geschlechtergerechtigkeit ausgezeichnet worden. Die damalige Schulsprecherin bedankte sich für den Preis mit den Worten „Ich kann meine Geschlechterbrille gar nicht mehr absetzen“. Für die Direktorin zeugt dieses positive Feedback davon, dass man sich „nach fünf Jahren an den Hertha-Firnberg-Schulen nicht nicht mit der Thematik auseinandersetzen kann“. Genderkompetenz, Gendermania und Gendersymposium Die Förderung der Geschlechtergerechtigkeit ist auf allen Ebenen der Schulgemeinschaft verankert: Pro Klasse gibt es zwei Genderbeauftragte. Diese tauschen sich sowohl innerhalb der Steuergruppe der Schülerinnen und Schüler als auch mit der Steuergruppe der Lehrkräfte aus. Für die Schulleitung ist guter Unterricht und ein geschlechtergerechter Habitus und Sprachgebrauch untrennbar miteinander verbunden. „In jedem Unterrichtsfach, bei jeder gewählten Methode und jeglicher Aufgabestellung gilt es zu differenzieren, inwieweit Geschlechterstereotype und -hierarchien reproduziert oder aufgebrochen werden“, erklärt die Direktorin der MINT-zertifizierten Schule. „Genderkompetenz“ ist ebenso eine Maturakompetenz: Bei DiplomarbeitsPräsentationen wird auf das Ansprechen und somit Sichtbar-Machen von Frau und Mann besonders Wert gelegt. Das Fehlen von geschlechtergerechten Formulierungen in schriftlichen Arbeiten wird zwar korrigiert, fließt jedoch nicht in die Beurteilung ein. Es werden viele extracurriculare Möglichkeiten angeboten, um die Genderkompetenz auch außerhalb des Unterrichts zu trainieren: Im Rahmen der „Gendermania“, einer an Starmania angelehnten Veranstaltung mit Show- und Wettbewerbscharakter, wird das beste Projekt der zweiten und dritten Jahrgänge gekürt. Im Zuge des „Gendersymposiums“ präsentieren die fünften Jahrgänge ihre Diplomarbeiten mit speziellem Genderfokus. Diese beiden Veranstaltungsformate befinden sich gerade in einem Modifizierungsprozess und sollen zukünftig verstärkt die Verknüpfung von Geschlechtergerechtigkeit
und der sozialen Frage beleuchten. Die Sprache bzw. Sprachverwendung ist ganz entscheidend dafür, wie Personen ihre Umwelt wahrnehmen. „Die Sprache ist nicht nur ein Medium der Abbildung, sondern das Medium der Konstruktion der sozialen Sphäre. Somit kann man mit einem bestimmten Sprachgebrauch auch die soziale Sphäre verändern“, erläutert Manfred Glauninger, Sprachwissenschaftler an der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. In den Anfängen der Genderlinguistik lag der Fokus darauf, „dass Frauen und Männer auf eine bestimmte Art und Weise sprechen. Nachfolgend beschäftigte man sich damit, wie im Diskurs die Vorstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit konstruiert wird.“ Aktuell wird in der mündlichen Kommunikation viel seltener gegendert als in der schriftlichen. „Im mündlichen Sprachgebrauch ist ein Binnen-I auch viel schwieriger zu realisieren, denn man müsste das dann durch das Gestikulieren oder mit einer gezielten Betonung signalisieren.“ Gewöhnlich verwendet Glauninger Doppelformen (die Ärztinnen und Ärzte) und Partizipialformen (Lehrende, Studierende). In der schriftlichen Korrespondenz bevorzugt er die (ausgeschriebenen) Doppelformen, es gibt aber auch Alternativen mit Klammer, Sternchen und Unterstrich. Ein Aufblähen des Textes, die Hemmung des Leseflusses und ästhetische Nachteile erweisen sich als potenzielle Probleme bzw. Herausforderungen in der Textgestaltung. Negative Begriffe wie „Kinderschänder“ werden weniger gegendert Geschlechtergerechte Sprache ist oft auch sehr selektiv. „Negative Begriffe wie Kinderschänder oder Nationalsozialist werden erfahrungsgemäß weniger gegendert“, beobachtet der Linguist. Im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der Universität Wien erlebt der Sprachwissenschaftler häufig, dass „Studentinnen geschlechtergerechte Formulierungen nicht brauchen, nicht wollen und auch selbst nicht verwenden. Viel wichtiger wäre es deren Ansicht nach, dass Frauen beispielsweise den gleichen Lohn bekommen.“ Was würde nun passieren, wenn wir jetzt im Schuljahr 2019/20 beginnen, alle Kinder von Anfang an zum Beispiel in einer bestimmten Art des Genderns einzuschulen? „Das wird dann natürlich zu einer Konvention. In zwei Generationen wäre das Gendern völlig normal und niemand empfände mehr einen Text als aufgebläht“, prognostiziert Glauninger. Und wie man frei nach einem bekannten Sprichwort weiß, können aus Gedanken und Worten Handlungen und Gewohnheiten werden. So wie bereits im Kindergarten Dadlergasse und an den Hertha-Firnberg-Schulen für Wirtschaft und Tourismus.
FOTOS: SANDRA LEHECKA, HAJNALKA BERENYI-KISS
W
ILLUSTRATION: SCHORSCH FEIERFEIL
TITE LTH E M A : H EU R E KA 3/19 FALTER 25/19 17
18 FALTER 25/19 H EUR EKA 3/19 : T I T ELT H E M A
Finnen wissen, welche Kinder sie wollen Nämlich mündige, verantwortungsbewusste und eigenständige Bürger, die ihre Stärken kennen as Schulsystem in Finnland sucht seinesgleichen: Keine standardisierten Tests bis zum 19. Lebensjahr, keine Supervision von Lehrern oder Schulen, kein Sitzenbleiben, verpflichtende Pausen im Freien bis zur Minus-25-Grad-Grenze. Spätestens seit dem ersten Platz Finnlands bei der Pisa-Studie 2001 fragen sich Bildungswissenschaftler: „Wie machen die das?“ Im internationalen Vergleich sticht Finnland besonders durch die geringe Zahl leistungsschwacher Schüler hervor. In der Pisa-Studie 2015 wurden nur 6,3 Prozent der finnischen Schüler als leistungsschwach eingestuft, in Österreich 13,5 Prozent. Der OECD-Schnitt liegt bei 13 Prozent. Die Menschen sind der Rohstoff Finnlands „Ich glaube, der Erfolg des finnischen Bildungssystems basiert auf drei Faktoren: Dem Stellenwert des Menschen für die finnische Gesellschaft, gegenseitiges Vertrauen und die damit einhergehende Verantwortung“, erklärt Arne Verhaegen, Lehrer und CEO der Bildungsberatergruppe „EduFuture“, die Bildungsreisen nach Finnland organisiert. Wertehaltungen, die jede Entscheidung über das Schulsystem leiten, ergäben sich aus Finnlands Ressourcenknappheit. Wald, Winter und Seen bringen wenig Umsatz. Der Rohstoff des Landes seien die rund fünf Millionen Einwohner. „Wir können es uns nicht leisten, auch nur ein Kind nicht zu fördern, ist das inoffizielle Motto, das sich daraus ableitet“, erklärt Arne Verhaegen. Um jedes Kind unabhängig vom sozialen Hintergrund bestmöglich zu fördern, wurden seit den 1990er-Jahren eine Reihe von Maßnahmen umgesetzt: Es gibt eine freie, warme Mahlzeit pro Tag, Schulbücher werden gratis zur Verfügung gestellt. Um die Entstehung von Problemschulen und Eliteschulen möglichst zu verhindern, kommen alle Kinder in die ihrem Wohnort am nächsten gelegene Schule. Das Recht auf hochqualifizierte Lehrer bringt eine gute Lehrerausbildung Das Vertrauen baut auf der Ausbildung des Lehrpersonals auf. „Jedes Kind hat das Recht auf professionelle Lehrer. Deshalb haben die Finnen in ihrer Bildungsreform der 1990er-Jahre als Erstes die Lehrerausbildung verbessert“, sagt Verhaegen. „Der Lehrerberuf ist sehr hoch angesehen. Jedes Jahr gibt es viele Bewerber, nur rund zehn Prozent aller Lehramtsanwärter bekommen einen Studienplatz an der Universität.“ Um für ein Lehramtsstudium infrage zu kommen, zählen nicht nur Noten, es müssen auch ein psychologischer Test, ein Interview und ein schriftlicher Test bestanden werden, erzählt Heini Jyräkoski, eine junge Lehrerin, die 2016 ihre Lehrerausbildung in Finnland abgeschlossen hat. Nach der Beendigung des Studiums genießen Lehrer in Finnland Expertenstatus. Sie werden
TEXT: HANNAH GREBER
„Wir können es uns nicht leisten, auch nur ein Kind nicht zu fördern“ ARNE VERHAEGEN
Arne Verhaegen, Lehrer für Geschichte, Sozialwissenschaften und Niederländisch, CEO der Bildungsberatung „EduFuture“
Heini Jyräkoski, seit 2016 Lehrerin in Finnland für Mittelstufe und Sprachen
nicht evaluiert, müssen sich keinen Tests unterziehen und haben sehr viel Freiheit, ihren Unterricht im Rahmen des allgemeinen Lehrplans individuell zu gestalten. Kurz: Die Eltern und das System vertrauen den ausgebildeten Lehrern. Unterstützt werden Lehrer in ihrer Arbeit von Sozialarbeitern, Psychologen und persönlichen Assistenten. Förderbedürftige Schüler in einer Unterstützungspyramide Gute Lehrer und eine kostenlose Mahlzeit pro Tag allein sind nicht ausreichend, um auch leistungsschwache Schüler bestmöglich auszubilden. Nach dem finnischen Ansatz bedarf es zusätzlich ein breitgefächertes Fördersystem. Wenn Maßnahmen im Klassenzimmer nicht mehr ausreichen, treten förderbedürftige Schüler in eine Art Unterstützungspyramide ein, erläutert Verhaegen. Auf der untersten Stufe der Pyramide, der sogenannten ‚generellen Unterstützung‘, bietet der Klassenlehrer einmal pro Woche eine Art Förderunterricht in Kleinstgruppen für Schüler an, die dem Unterricht nicht ausreichend folgen können. Rund zwanzig Prozent aller finnischen Schüler erhalten diese Unterstützung zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer Schulkarriere. Reicht diese zusätzliche Hilfe nicht aus, erhalten Schüler die sogenannte ‚intensive Unterstützung‘. Hier werden die Kinder in ihren Problemfächern aus dem Klassenverband herausgenommen und in kleinen Gruppen oder im Einzelunterricht von einem Sonderpädagogen unterrichtet. Zu guter Letzt gibt es für Schüler mit schweren Lerneinschränkungen Sonderklassen, die möglichst klein gehalten werden und von Sonderpädagogen und Assistenten betreut werden. Aber die Finnen wissen auch, dass nicht nur Lernschwierigkeiten daran schuld sein können, wenn Schüler im Unterricht stören oder plötzlich nicht mehr folgen können. Veränderungen im Alltag, Schicksalsschläge, Misshandlungen oder Mobbing können sich ebenfalls negativ auf deren Schulleistung auswirken. Für solche Fälle sind Psychologen, Krankenschwestern und Sozialarbeiter an der Schule angestellt, die schon frühzeitig eingeschaltet werden: „Es geht vor allem um Prävention. Darum, nicht im Nachhinein ein Problem wieder gut zu machen, sondern es früh zu erkennen und eine Eskalation zu vermeiden“, so Verhaegen. Kleinere Konflikte untereinander werden von Schülern selbst gelöst, dafür gibt es speziell geförderte Schüler, sogenannte Mediatoren. Dadurch soll der faire Umgang miteinander und das richtige Handhaben von Auseinandersetzung erlernt werden. Ein neuer Lehrplan mit Positiver Pädagogik In einem neuen Lehrplan, der im Jahr 2016 umgesetzt wurde, hat zudem die sogenannte Positive Pädagogik Einzug gehalten. Die
Grundidee dieses Ansatzes ist, dass Kinder davon profitieren ihre individuellen Stärken zu kennen. Die Aufgabe der Lehrer ist, die Stärken und nicht die Schwächen des Kindes hervorzuheben – gerade bei Problemschülern. „Auffallende Schüler sollen nicht nur negatives Feedback bekommen. Es kann hilfreich sein, ihnen zu zeigen, dass sie etwas gut können und sie dazu aufzufordern, ihre Energie auf ihre Talente zu richten“ erzählt die Lehrerin Jyräkoski. „Impfe nicht Schwächen ein, baue auf dem Starken auf “, lautet ein Merksatz des IPEN, des Internationalen Positive-Erziehung-Netzwerks, welches diesen Ansatz und seine Auswirkungen bereits in mehreren Schulen untersucht hat. Der neue Lehrplan ist Teil der systematischen Verbesserung des finnischen Schulsystems. Ungefähr alle zehn Jahre wird aufgrund des Feedbacks von Eltern, Schülern, Lehrern und Wissenschaftlern der Lehrplan angepasst. Die neuesten Änderungen fokussieren das fächerübergreifende Lernen, das Verstehen anstelle des Auswendiglernens und verlangen, dass erlangtes Wissen in Kontext gesetzt wird. „Kinder sollen nicht mehr nur Wissen anhäufen, sondern es auch anwenden können, wobei kritisches Denken gefördert werden soll. Außerdem liegt nun der Fokus aller Fächer auf ‚21stCentury-Skills‘, das heißt auf dem Umgang mit modernen Technologien“, erklärt Verhaegen. Finnlands Schulsystem ist deutlich teurer als unseres Die Kosten des finnischen Schulsystems mit kleinen Klassen und viel Personal sind dementsprechend hoch. Während Österreich 2015 nur 5,5 Prozent des BIP für Bildung ausgibt, sind es in Finnland 7,1 Prozent. Laut Verhaegen ist man sich in der Politik über diese Ausgaben einig: „In Finnland sieht man die Investition in Bildung wie eine echte Zukunftsanlage, denn wenn ich jetzt investiere, erspare ich mir später vieles. Im System wird auch an manchen Enden gespart. Zum Beispiel hat man das Sitzenbleiben quasi gestrichen, das bringt rund 7.000 Euro mehr pro Kind und Jahr.“ Aber auch in Finnland ist nicht alles rosig. In der letzten Pisa-Studie verlor man einige Plätze an asiatische Länder. Auch bei der Förderung leistungsstarker Schüler sieht Verhaegen Verbesserungspotenzial. Das Ziel des finnischen Bildungsansatzes sei es aber nicht, die besten Pisa-Ergebnisse zu erreichen. Man wolle „Kinder zu mündigen, verantwortungsbewussten und eigenständigen Bürgern erziehen, die ihre Stärken kennen und wissen, wie sie mit ihren Eigenschaften zu einem aktiven Teil der Gesellschaft werden“, fasst der in Helsinki lebende Verhaegen zusammen. Da kann man Kinder bei minus 24 Grad nach draußen zum Spielen schicken. Schließlich gehört auch das Meistern der Kälte zum Leben in Finnland.
FOTOS: PRIVAT
D
ILLUSTRATION: SCHORSCH FEIERFEIL
TITE LTH E M A : H EU R E KA 3/19 FALTER 25/19 19
20 FALTER 25/19 H EUR EKA 3/19 : T I T ELT H E M A
: VO N A B I S Z
Leseschwäche–Schulversuche: Das Glossar JOCHEN STADLER
Alphabet Jemand, die lesen kann Alternativ-/Reformpädagogik Findet die gängige pädagogische Praxis suboptimal und versucht seit gut 150 Jahren auf verschiedenste Arten, Kinder und ihre Bedürfnisse mehr in den Vordergrund zu stellen als Dogmen und Prinzipien. Auswendiglernen Stopft kurzfristig Inhalte in den Gehirnspeicher, der diese in der Regel bald wieder entsorgt. Bibliophilie Die Liebe zu Büchern, entweder, weil sie sich so schön und intellektuell in den Regalen machen, oder weil der Inhalt etwas taugt. Bildung Maß dafür, wie sehr das persönliche Wissen und Weltbild eines Menschen mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Bücherwurm I Nagekäfer, der Druckerzeugnisse in seinen natürlichen Lebensraum „trockenes Totholz“ aufgenommen hat. Bücherwurm II Mensch, der viel liest. Freiarbeit Offener Unterricht, bei dem die Schüler ihre Themen und Zeiteinteilung selber bestimmen können und dadurch in der Regel intensiv bei der Sache sind und schnell lernen. Gesamtschule Hauptschule, Neue Mittelschule und Gymnasium in einem, damit Schüler nicht vorzeitig in eine Schublade gesteckt werden, ob sie nun sehr schlau oder nur schlau sind. Gymnasium Einst Ort, an dem sich die alten Griechen nackt (gymnos) ertüchtigten. Heute ertüchtigt es Jugendliche zur Hochschulreife. Hauptschule Vierjährige Schulform für junge Jugendliche, die in Österreich schon einen besseren Ruf hatte. Konfessionsschule Vermittelt Schülern Bildung mit irgendeiner Religion im Hinterkopf. Legasthenie/Leseschwäche Störung bei der Übersetzung von gesprochener in geschriebene Sprache und umgekehrt. Tritt meist isoliert und unerwartet auf, das heißt, bei Kindern, die weder dumm noch lernunwillig sind. Lernen Absichtlicher oder unwillkürlicher Erwerb von Fähigkeiten und die Verbesserung derselben. Leseförderung Pädagogische Maßnahmen, um die Fähigkeiten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen in der Kulturtechnik Lesen zu steigern und ihnen Spaß daran zu vermitteln. Lesefrust Laut einer Untersuchung empfinden 61 Prozent der 15-jährigen Burschen keinerlei Vergnügen am Lesen. Lesen Von jemand anderem in gebräuchlichen Zeichen verschlüsselte Gedanken aufnehmen und verstehen. Lesekompetenz Die Fähigkeit, Wörter, Sätze, Kapitel, Bücher, Romanreihen und Enzyklopädien flüssig zu lesen sowie den Inhalt zu verstehen. Lesespaß Ausschüttung von Glückshormonen, wenn man einen guten Text liest.
Lesestrategie Hilft, rasch unbekannte Texte zu erschließen. Zum Beispiel durch Schnelllesen, Querlesen und Texte nach Reizworten zu scannen. Lesesucht Von Zensoren Ende des 18. Jahrhunderts erdichtete Krankheit, die Menschen davon abhalten sollte, durch Lesen allzu schlau und kritisch zu werden. Literatur Form der Telepathie. Jemand wie der US-Schriftsteller Stephen King kodiert zum Beispiel ein Bild in seinem Kopf in abstrakte Zeichen auf einem Blatt Papier, wie zum Beispiel einen Hasen, der durch blaue Tinte mit der Nummer Acht auf dem Rücken markiert wurde. Wer diese Zeichen sieht und deuten kann, hat ein solches Bild vor Augen. Mittelschule Synonym für Gymnasium, außer sie ist „Neu“, dann mit Hauptschule. Montessorischule Alternativpädagogische Bildungsstätte, in der die Kinder im offenen Unterricht und mit Freiarbeit „Baumeister ihrer Selbst“ werden sollen, anstatt Wissen oktroyiert zu bekommen. Neue Mittelschule Aus Prestigegründen umdeklarierte Hauptschule. Pädagogik Wissenschaft, wie man vor allem Kinder und Jugendliche zu schlauen, gebildeten, sozial verträglichen Erdbürgern heranzieht. Privatschule Gehört nicht dem Staat und will alternative pädagogische Konzepte verwirklichen, religiöse Weltanschauungen (mit)vermitteln oder dient dazu, die Kinder der gehobenen Mittelschicht und Eliten vor Plebejern fernzuhalten. Rechtschreibung Fällt vor allem rechtsrechten Trollen schwer, wie ihre Onlineforen und soziale Medien zeigen. Regelschule Allgemeinbildende Anstalt wie eine Volks-, Haupt-, Mittelund Neue Mittelschule, die vom Staat bezahlt und betrieben wird und mit den pädagogischen Konzepten von vor ein paar Jahren bis Jahrzehnten arbeitet. Schnelllesen Durch Übung kann das Gehirn ganze Wörter und Wortgruppen auf einmal erfassen, ohne einzelne Buchstaben dechiffrieren zu müssen. Übertreibt man es aber mit der Geschwindigkeit, saust der Text nur in Blitzesschnelle durchs Gehirn, ohne dass es den Sinn erfassen kann. Spaß Fördert den Lernerfolg. Sprache Code, mit dem Menschen untereinander und mit Maschinen kommunizieren. Verstehen Erleichtert die Aufnahme von Inhalten ins Gedächtnis. Waldorfschule Reformpädagogische Schule, in der Kinder weitgehend ohne Prüfungsstress, Bücher, neue Medien die Bildung in Form von intellektuellkognitiven, künstlerisch-kreativen und handwerklich-praktischen Fähigkeiten vermittelt bekommen sollen.
: F R E I H A N D B I B L I OT H E K BUCHEMPFEHLUNGEN ZUM THEMA VON EMILY WALTON
Österreicher in New York verschreibt sich der Leseförderung
Lesen lernen mit klassischen Autoren und modernen Strategien
Kinder lesen mit Freude, wenn sie Bücher entdecken, die von Interesse für sie sind. Zu diesem Schluss kam Rudolf Flesch bereits Mitte der 1950er-Jahre, als er sein Werk „Why Johnny Can‘t Read“ veröffentlichte. Er beanstandete, dass Kinder meist mit langweiligen Büchern zu lesen begannen und zudem eher lernten, Wörter und Sätze auswendig zu lernen. Der in Österreich geborene Rudolf Flesch emigrierte 1938 nach Amerika. Während seiner beruflichen Laufbahn u.a. an der New York University verschrieb er sich der Lese- und Schreibförderung.
Ein Klassiker in Sachen „Bücher über das Lesen“ ist „How To Read a Book“ von Adler und Van Doren. Bereits 1940 erschienen, sind die Ansätze nach wie vor relevant. Die Autoren führen in die unterschiedlichen Techniken des Lesens ein – vom elementaren Lesenlernen über akribisches Lesen bis hin zu Speedreading und schildern, wie man sich diese Kompetenzen aneignet. Zudem liefern sie Herangehensweisen, um die Kernbotschaften von Büchern schnell zu erfassen. Im Anhang empfehlen die Autoren eine Leseliste: 137 Klassiker, von Homer bis Sartre.
Why Johnny Can‘t Read and What You Can Do About It. Von Rudolf Flesch. Ishi Press, 230 S.
How to Read a Book. Von Mortimer J. Adler und Charles Van Doren. Touchstone, 426 S.
Hauptsache, beim Lesen ist der Spaß, nicht die Bildungsabsicht
Das beste Geschenk ist ein Buch, weil da mindestens drei zusammen kommen
Immer wieder wird das Aussterben der Bücher herbeigeschrieben. Alan Jacobs setzt sich damit auseinander, wieviel tatsächlich (in Amerika) gelesen wird. Er kommt zu einem ganz anderen Schluss. Buchclubs wie etwa „Oprah‘s Book Club“ haben großen Einfluss, aktuelle Studien orten eine leichte Zunahme beim Lesen von Belletristik. Jacobs beschreibt auch, warum viele eine Scheu vor dem Lesen haben und warum der Irrglaube verbreitet ist, dass nur „schwere Kost“ wertvoller Lesestoff sei. Er motiviert zum Lesen jeglichen Stoffs – Hauptsache, man erlebt Freude daran.
Wer Bücher verschenkt, sendet eine emotionale Botschaft mit: Schließlich wurde der Titel in dem Glauben gewählt, dass er zum Beschenkten passt. Hinzu kommt, dass das Lesen an sich eine Art Geschenk darstellt, das eine Erweiterung des geistigen Horizonts ermöglicht. Beim Verschenken von Büchern kommen somit drei Akteure zusammen: Schenkender, Beschenkter und Autor. Sie handeln mit einer intellektuellen und psychologischen Währung. Diesem Austausch widmet sich Robert Macfarlane in seinem Band über ein Buch, das er einst geschenkt bekam.
The Pleasures of Reading in an Age of Distraction. Von Alan Jacobs. Oxford University Press, 176 S.
The Gifts of Reading. Von Robert Macfarlane. Penguin, 48 S.
ILLUSTRATION: SCHORSCH FEIERFEIL
TITE LTH E M A : H EU R E KA 3/19 FALTER 25/19 21
22 FALTER 25/19 H EUR EKA 3/19 : T I T ELT H E M A
zu teuer waren. Noch weniger wird über andere Materialien der Malerei nachgedacht – etwa das Terpentin, das bis in die 1970erJahre im Süden von Wien aus dem Pech der Schwarzkiefer gewonnen wurde. Was beeinflusst Ihre Arbeit? Kandl: Am wichtigsten ist wahrscheinlich mein familiärer Hintergrund: Meine Eltern hatten eine Farbenhandlung, es wurde sogar Farbe hergestellt. Die Farbe hieß übrigens „Resistenta“, sie hat sich aber nicht lange gehalten. Deswegen sind mir die Materialien sehr vertraut: Ihr Geruch und wie sie sich anfühlen; der Perlleim, die Stärke, der gelöschte Kalk, das duftende Terpentin. Damals waren viele Materialien noch nicht verpackt erhältlich, sie wurden in einer Lade aufbewahrt und in Säcke gefüllt. Die verschiedenen Rohstoffe spielen auch in der Restaurierung eine wichtige Rolle. Es gibt Materialien, die man als gegeben ansieht, wenn man dann aber etwas über ihre Herstellung erfährt, ändert sich das: Wie viel tradiertes Wissen steckt in einem Aquarellpinsel?
An den Wurzeln der Malerei
W
urzeln sind in der Malerei nicht nur metaphorisch zu verstehen, sie bilden auch vielfach die Voraussetzung für die materiellen Grundlagen eines Bildes. Aus den Wurzeln verschiedenster Pflanzen werden ebenso wie aus Mineralien seit alters her Farbstoffe hergestellt. Das macht die Ausstellung von Johanna Kandl in der Orangerie des Belvederes deutlich. Sie zeigt vor allem auch historische und gegenwärtige Malmaterialien. Es ist erstaunlich, wie breit, vielschichtig und disziplinenübergreifend die Auseinandersetzung damit sein kann. Unter „Öl auf Leinwand“, stellen wir uns zumeist einen Prozess vor, bei dem die Farben auf eine Unterlage aufgetragen werden. Heute kennt man Farben in Tuben oder Tiegeln, die bereits mit Bindemitteln vermischt sind. Doch zuvor haben ungebundene Farben die Form von Pigmenten, sind also praktisch farbiger Staub. Pigmente haben ebenso wie die verschiedenen Bindemittel selbst eine lange Geschichte. Für viele müsste man um die halbe Welt reisen, wollte man ihre Herkunftsorte finden. Pigmente sowie Binde-, Löse- und Verdünnungsmittel werfen alle möglichen ökologischen, ökonomischen, geopolitischen, ethnologischen, anthropologischen und religiösen Fragen auf. Johanna Kandl widmet sich diesen in ihrer Ausstellung. So lässt sich etwa am Beispiel der Farbe Blau die Entwicklung unserer Zivilisation rekonstruieren. Sie beeinflusste maßgeblich unsere visuelle Kommunikation und führte zur Erschließung neuer Handelswege und Wirtschaftsbereiche. Azurit zum Beispiel ist ein
Die Künstlerin Johanna Kandl beschäftigt sich in einer Ausstellung mit den materiellen Hintergründen der Kunst TEXT: MIROSLAV HAĽÁK
Nebenprodukt des Kupferabbaus und belegt so die Entwicklung dieser Art der Rohstoffgewinnung vom urgeschichtlichen Chalkolithikum bis heute. Indigoblau wird aus Pflanzen gewonnen, die in der Kolonisationspolitik eine nicht unwesentliche Rolle spielten. Ultramarin stammt aus dem Halbedelstein Lapislazuli, der in einer sagenumwobenen und heute nicht mehr erreichbaren Region Afghanistans gewonnen wird. Das Kobaltblau kann auch als „Sinnbild“ der Industriellen Revolution ab dem 18. Jahrhundert gesehen werden. In ihrer Ausstellung geht Johanna Kandl zu den Wurzeln der Malerei zurück und blickt unter die Oberfläche der Herkunft und der Verwendung von Harzen, Ölen, pflanzlichen Farbstoffen oder mineralischen Pigmenten. Frau Kandl, welche Bedeutung haben Malmaterialien? Johanna Kandl: Für mich sind sie die Schnittstelle verschiedener Wissensgebiete. Vor einem Gemälde oder einem anderen Kunstwerk entsteht in meinem Kopf eine Karte der Herkunftsorte der dazu verwendeten Materialien. Ich finde es erstaunlich, wie wenig die Kunstgeschichte über die Materialien und die Menschen, die sie erzeugten, nachdenkt. Selten bittet sie die Menschen vor den Vorhang, welche die Grundstoffe herstellen. Selten wird über die Handelswege nachgedacht. Es wird auch zu wenig thematisiert, dass Manches nur mit dieser oder jener Farbe gemalt werden konnte, weil es andere Pigmente einfach nicht gab oder sie
Ihr Mann Helmut begleitet Sie künstlerisch. Worauf legt er bei Ihren gemeinsamen Projekten besonderen Wert? Kandl: Helmut kommt von der Fotografie und hat sehr viel mit Archiven gearbeitet. Er macht auch gerne Bücher. Ich würde sagen, dass für ihn das Erzählerische sehr wichtig ist. Eine Qualität seiner Arbeit ist auch, dass er oft sehr ungewöhnliche Assoziationsketten herstellt. Ein weiterer Aspekt bei diesem Projekt ist, dass er sich sehr für das Kochen interessiert – einige der in der Malerei eingesetzten Materialien spielen ja auch in der Küche eine Rolle. Also mache ich Eitempera und Helmut Mayonnaise. Beides besteht aus Eidotter und Öl, ich gebe Pigment dazu, er Gurkerln, Pfeffer und Salz. Was macht die Ausstellung im Belvedere besonders?
FOTO: HELMUT KANDL
Johanna Kandl mit Färberpflanzen vor einem ihrer Gemälde in Eitempera
Was ist für Sie an Ihrer Arbeit so reizvoll? Kandl: Es ist einfach unglaublich, wie viele von ihrem Wissensgebiet faszinierte und damit auch unglaublich faszinierende Menschen mein Mann Helmut Kandl und ich im Zuge der Recherchen getroffen haben. Geologen, Mineralogen, Forstwissenschaftler, Handwerker, Minenarbeiter: Sie alle haben Wissen, das sie gerne und lebendig vermitteln. Es ist eines der schönsten Dinge im Leben, Interessantes zu erfahren. Das macht wirklich Spaß. Oft ist es auch gar nicht schwierig, mit Menschen aus anderen Ländern zu kommunizieren, wenn man ein konkretes Anliegen und konkrete Fragen an sie hat. Wir waren etwa in einem Dorf in einer sehr abgelegenen Gebirgsgegend der philippinischen Provinz Palawan. Uns interessierte die dortige Harzgewinnung. Und genau wegen dieser konkreten Fragestellung war die Kommunikation mit den Bewohnern einfach. Ebenso im Sudan oder auf Sumatra oder in der Türkei. Es ist auch schön zu erzählen, dass man Malerin ist: Darunter kann sich jede und jeder etwas vorstellen, das gibt es ja auch überall. In der Malerei erfahren die Erlebnisse und Motive ihre Konkretisierung und Konzentration. Es ist für mich wichtig, auch einmal ruhig im Atelier zu arbeiten.
Z U G U TE R L E T Z T : H EU R E KA 3/19 FALTER 25/19 23
Kandl: Meine Auseinandersetzung mit Materialien hat sich in den letzten Jahren intensiviert. Dazu gehört, dass auch die Ausstellungsarchitektur zum Thema passt. Die zahlreichen Wandtexte werden händisch geschrieben, die Trennwände im Belvedere bestehen aus Leinwänden. Im Vergleich zu anderen Ausstellungen über die Technologie in der Malerei lege ich wesentlich mehr Wert auf gesellschaftspolitische Bezüge und habe auch viele wichtige Orte selbst besucht. Ich gehe auch mit Nichtwissen und Halbwissen ganz anders um: Ich betone Stellen des Nichtwissens. Wir befinden uns hier an einer Schnittstelle verschiedenster Wissensgebiete und da entsteht immer ein blinder Fleck: Für viele Fragestellungen interessieren sich Kunstgeschichte und Geschichte wenig, und die Ergebnisse technologischer Untersuchungen sind oft beschränkt und nicht sehr detailreich. Oft geistert auch etwas durch die Fachliteratur. So gibt es Quellen, die berichten, dass Mumia vera, eine aus ägyptischen Mumien gewonnene Substanz, in der Malerei verwendet wurde. Aber was wissen wir darüber und was können wir wissen? Um diese Fragestellungen und dieses Nichtwissen geht es. Sie thematisieren Bereiche wie Umweltschutz, Menschenrechte, bürgerlichen Aktivismus und wirtschaftliche „Global Player“. Wie vermitteln Sie Ihre Stellungnahme dazu? Kandl: Zu manchen Problemen möchte ich nicht wirklich Stellung nehmen und eher Fragen stellen als Antworten geben. Bei den Non-Wood-Forrest-Products ist es leicht, eine Meinung zu äußern, natürlich
: GEDICHT
„Ich mache Eitempera und Helmut Mayonnaise – beides besteht aus Eidotter und Öl. Ich gebe Pigment dazu, er Gurkerln, Pfeffer und Salz“ JOHANNA KANDL, KÜNSTLERIN
Johanna Kandl: Material. Womit gemalt wird und warum. Orangerie, Unteres Belvedere, 13. September 2019 bis 19. Jänner 2020
ist es gut, wenn der Anbau von Dammar oder Gummi arabicum hilft, die Ausbreitung der Wüste zu verhindern oder indigenen Völkern das Überleben zu sichern. Beim Bergbau ist es ganz anders, weil wir alle brauchen und verbrauchen Kupfer, Kobalt und andere Mineralien und hätten gern den Abbau aus unseren Augen. Aber ist das fair? Ist es nicht heikel, wenn die Rohstoffe aus Ländern mit schlechter Menschenrechtslage und geringen Umweltschutzauflagen kommen? Wie Stanislav Jelen, Geologe aus Banská Bystrica sagt: „Wenn in Afrika die Minen ausgebeutet werden, helfen keine Aktivisten mehr.“ Können Sie erklären, was eine getrocknete Pflanze aus einem Herbarium mit einer Goldmine und Gustav Klimt verbindet? Kandl: In Herbarien, das sind Sammlungen von gepressten Pflanzen, sind Zeigerpflanzen enthalten, deren Vorhandensein auf das Vorkommen bestimmter Mineralien hinweist. Wir sehen also, aus welchen Anzeichen man auf das Vorkommen bestimmter Rohstoffe schloss. Die Aufnahmen von der Goldmine in der Ausstellung zeigen die Gewinnung von Gold, wie es etwa auch Gustav Klimt in seinen Bildern einsetzte. Die Verwendung von Gold und Vergoldungen erfordern eine komplizierte Technologie: Das Gold muss zu hauchdünnem Blattgold geschlagen werden, teilweise auch heute noch händisch. Es ist faszinierend, wie früh in der Geschichte schon sehr professionelle Vergoldungen gemacht wurden. Die Technik der Vergoldung auf Holz hat sich übrigens über viele Jahrhunderte kaum verändert.
V E RT I K A L
Sandra Gugić Die Wiener Autorin Sandra Gugić (geb.1976) mit serbischen Wurzeln studierte nach einer Ausbildung zur Grafikdesignerin am Wiener Institut für Sprachkunst und am Literaturinstitut Leipzig. Sie verfasst Theaterstücke, Hörspiele, Erzählungen und Lyrik. Ihr Roman „Astronauten“ erschien 2015 beim Verlag Beck, ihre jüngste Publikation ist der Gedichtband „Protokolle der Gegenwart“ (Verlagshaus Berlin 2019). Mitbegründerin der Autor*innenallianz nazisundgoldmund.net
anderssein im DIN-format wir legen fest wer vielfalt was euphemismus einen schritt hinter der norm das bejahen das stigmatisieren die ohnmacht apathie wo blinder universalismus anfängt wachen wir auf an dieser stelle eine brillante variation in zehn sätzen erstens: räuspern bedeutungsschwangere pause einatmen schwitzen mit festem schritt die bühne verlassen große gesten die zu vervollständigen sein werden an dieser stelle studieren wir die welt wie eine speisekarte nennt es geographischer inzest wir kennen uns mit kippfiguren bestens aus verprollung von prosa denken in kürzeln emoticons katzenvideos wir contentkreaturen die zu vervollständigen sein werden verprollung der welt der gesellschaft der politik ja! des universums wird man sich der einsamen rufer erinnern noble diktion verstrickt in das eigene dasein AUS: PROTOKOLLE DER GEGENWART (VERLAGSHAUS BERLIN, 2019)
: I M P R E SS U M Herausgeber: Armin Thurnher; Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 0043 1 536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at; Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.; Redaktion: Christian Zillner; Fotoredaktion: Karin Wasner; Gestaltung und Produktion: Andreas Rosenthal, Reini Hackl, Raphael Moser; Korrektur: Martina Paul; Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau; DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar.
HEUREKA ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit
ERICH KLEIN
: WA S A M E N D E B L E I BT
Das Heute Roberto Calasso ist ein Mann der Götter, der großen Konzepte und flüchtigen Geister aus Mythologie und Literatur. Sein jüngstes Buch „Das unnennbare Heute“ handelt von der Götterdämmerung der Jahre 1933 bis 1945, als die Welt den „teilweise gelungenen Versuch unternahm, sich selbst zu vernichten“. Und wie steht es um unsere aktuelle Befindlichkeit? „Das präzise und akuteste Gefühl für einen Zeitgenossen ist, dass er nicht weiß, wohin er jeden Tag den Fuß setzt. Das Terrain zerbröckelt, die Perspektiven schwanken. Dann spürt man, dass man sich im unnennbaren Heute befindet.“ Wer die eigene Zeit in Gedanken fassen will, drohe immer zu spät zu kommen. Deshalb werde die Geschichte mit Hegel immer Grau in Grau geschrieben. Kaum jemand würde noch eine große Gegenwartsdiagnose wagen. „Wir Heutigen”, so Calasso, „vernehmen nur mehr den fernen Klang einer Angst“. Heute herrsche „mörderische Inkonsistenz“. Der Verleger, Autor und Literaturwissenschaftler Calasso philosophiert grell, um nicht zu sagen drastisch. Harder stuff ist gefragt – der sich bei Assassinen, bei Selbstmordattentätern und muslimischen Terroristen findet. Calasso bemüht Theoretiker der Muslimbruderschaft vom Beginn des 20. Jahrhunderts jedoch nur, um zu seinem Gegenstand, der säkularen Gesellschaft des Westens, zurückzukommen. Sie wird in immer neuen Anläufen umkreist. Aber gibt es überhaupt etwas, das man säkulares Denken nennen kann? „Das säkulare Denken ist das, was nach einem progressiven, sich über einige Jahrtausende erstreckenden Entleerungsprozess übriggeblieben ist.“ Von den Göttern blieben nur Bücher übrig, doch werde auf diese heute meist lieber verzichtet. Nicht so der homme des lettres! Calasso bemüht Lenin, Simone Weil, Sigmund Freud, Emile Durkheim und andere. An dieser Stelle mutiert das Buch zur Blütenlese. Die metaphysisch überhöhte Figur des Migranten fehlt dabei ebensowenig wie der Universalgelehrte Leibniz; Hacker sind hier vertreten und Web-Piraten. „Homo saecularis ist unvermeidlich Tourist. Nicht nur, wenn er reist. Websurfing bildet einen erheblichen Teil seines geistigen Lebens.“ Allein, um sich auf diesen Reisen nicht gänzlich zu verlieren, ist noch immer eines gefragt: die Kompetenz zu lesen. Roberto Calasso, Das unnennbare Heute, Suhrkamp Verlag, 2019
FAKTEN STATT FAKE E IN E K A M P FA N SAGE A N D I E P O L I T I K D E R U N WA H R H E I T E N .
NEU
Florian Klenk und Konrad Pesendorfer
Zahlen, bitte!
Was Sie schon immer über Österreich wissen wollten Wie viele Schulkinder hat Österreich und wie viele von ihnen machen Matura? Wie gesund oder krank sind wir? Wohin verreisen wir am liebsten? Wie viele Zwetschkenbäume hat das Land? Und wird das wirklich gezählt? Alle Antworten auf diese Fragen und welche Auswirkungen diese Fakten auf unser Leben haben, sind in dem neuen Buch von FALTER-Chefredakteur Florian Klenk und Konrad Pesendorfer, Chef der STATISTIK AUSTRIA, kompakt dargestellt. 120 Seiten, € 24,90
W: faltershop.at T: 01/536 60-928 E: service@falter.at L: In Ihrer Buchhandlung
FA LT E R V E R L A G DIE BESTEN SEITEN ÖSTERREICHS