Falter CITY WALKS s
+++ Falters CITYwalks eröffnen neue Stadt- und Blickwinkel. Sie machen Teilaspekte der Kunst und Kultur der Städte Wien, Salzburg, Graz, Linz, Prag, Bratislava und Brünn ergehbar, ersehbar und erfahrbar und führen zu den Orten, die man immer schon entdecken wollte. +++
NEU
Emily Walton
SALZBURG Gehen, sehen und genießen. 6 Routen durch die Stadt an der Salzach Geschichte, Kultur, Sightseeing, Essen, Trinken, Stadtleben Sechs Routen mit spannenden Blickwinkeln auf Neues wie Vertrautes in der Stadt Salzburg hat die Autorin Emily Walton zusammengestellt. Sie machen Lust, loszuspazieren und die Stadt im Gehen für sich zu erobern. Jede dieser Routen ist einem Thema gewidmet und bietet relevante Informationen für Stadtbesucher. Farbfotos und Planausschnitte ergeben mit Zusatzinfos und Wegbeschreibung das ideale Lesebuch, es lässt sich bequem in die Tasche stecken und macht schon beim Durchblättern Lust auf eine Reise in die Landeshauptstadt Salzburg. 136 Seiten, € 12,90
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heureka
Inhalt
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Amerikanische Ehren für den Experimentalphysiker Anton Zeilinger Kaffee enthält Anti-Aging-Agens Aber nur, wenn er ohne Milch getrunken wird Sommergetränk Green Smoothie Ist es wirklich so gesund wie ein Apfel? Die Logik zum Glück Gespräch mit Logik-Jungstar Erik Demaine
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Titelgeschichte: Plastikland Die Zahlen zum Thema Sodom und Gomorrah Unser Elektroschrott vergiftet afrikanische Kinder Plastikland: Der achte Kontinent Alles, was Sie über Plastik nie wissen wollten Hormonaktive Kunststoffe Was macht das Bisphenol A im Plastik?
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Meerjungfrautränen auf den Malediven Eine Meeresbiologien schwimmt in Plastikpellets Plastikmüll, das Glossar Die wichtigsten Stichwörter zum Thema Wissenschaftspolitik Die Zukunft der Wissenschaft in Österreich Gedicht, HEUREKA-Rätsel, Kommentar Quatschköpfe im Fernsehen
Gastkommentar
Editorial
Das silberne Zeitalter der Logik Helmut Veith
n einem eleganten Essay wies die frisch promovierte Ingeborg BachImann 1953 auf die Bedeutung des
Grafik: Tone Fink, foto: TU Wien
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in Österreich unbekannten Philosophen Ludwig Wittgenstein hin, denn „die Zeit für die Entdeckung Wittgensteins dürfte gekommen sein“. Bachmanns Essay zeigt dem modernen Leser die intellektuelle Enge im Wien jener Tage, aber darüber hinaus auch die Bedeutung des Dialogs zwischen Wissenschaft und Kunst. Als Schülerin von Victor Kraft, dem einzigen in Österreich verbliebenen Vertreter des Wiener Kreises, vermittelte Bachmann das große kulturelle Erbe jener Zeit zukünftigen Generationen. Auch den Autor dieses Beitrags verführten Bachmanns gesammelte Werke zum Studium der Logik. Das goldene Zeitalter der Logik in Wien endete 1936 mit dem Mord an Moritz Schlick auf der Philosophenstiege der Wiener Universität. Der Einfluss von Kurt Gödel, Ludwig Wittgenstein, Rudolf Carnap, Karl Menger, Otto Neurath und Karl Popper auf die Philosophie und Mathematik des 20. Jahrhunderts kann gar nicht überschätzt werden. Dem offiziellen Österreich und seiner klerikal-konservativen Wissenschaftslandschaft entfremdet, setzten sie ihre Karrieren in England und den USA fort. Erst in den Achtzigerjahren entdeckten junge Intellektuelle und Künstler im Umkreis von Peter Weibel und Werner Schimanovich die mathematische Logik und ihren berühmtesten Vertreter Kurt Gödel für Österreich wieder. Jahrzehnte später ist das silberne Zeitalter der Logik in Österreich angebrochen. Aus dem autodidaktischen Schimanovich-Kreis der Achtzigerjahre und der algebraischen Schule von Bruno Buchberger entstand in drei Jahrzehnten eine überaus erfolgreiche Forschungscommunity. Über Mathematik und Philosophie hinaus hat die Logik enorme Bedeutung
in der Informatik erlangt: Computer- unterstützte Logik ist das Rüstzeug für unzählige Forschungsfragen von Datenbanken über Software Engineering bis hin zu künstlicher Intelligenz. Zahlreiche Großprojekte und Preise von ERC, FWF und WWTF belegen die prominente Stellung Österreichs. Der Vienna Summer of Logic ist die größte Tagung in der Geschichte der Logik und findet im Sommer 2014 an der TU Wien statt. Neben mehr als tausend Fachvorträgen wird der Summer of Logic mit öffentlichen Events
C hr i s t i a n Z i l l n e r
in der Logic Lounge im „Heuer am Karlsplatz“ sowie Veranstaltungen und Ausstellungen zu Kurt Gödel und dem Wiener Kreis dem großen kulturellen Erbe Wiens einen neuen Höhepunkt hinzufügen.
Finkenschlag Handgreifliches von Tone Fink
Helmut Veith ist Co-Chair des Vienna Summer of Logic und Leiter des Vienna Center for Logic and Algorithms an der TU Wien.
www.tonefink.at
Einmal sei die Frage gestattet (sie wird von der nächsten Generation auch an uns gerichtet werden): Wie blöd waren unsere Eltern eigentlich? Da saßen sie mit offenem Mund (mindestens) im Kino und hörten, wie ihrem Idol, dem späteren „Rain Man“, das Zauberwort „plastics!“ zugeflüstert wurde. Den späteren Darsteller eines Autisten ließ das kalt. Und unsere Eltern wurden so wie wir plastic people. Fein, soweit. Plastik ist ja wirklich praktisch. Nur, woraus besteht es eigentlich? Erdöl und Chemikalien. Aha. Und dieses Gemisch ist unbedenklich? Ach so, es verrottet erst in Jahrhunderten? Egal, da sind wir längst tot. Also her mit den Plastiksackerln. Nun haben wir plastic people innerhalb weniger Jahrzehnte die ganze Erde plastifiziert. Zum Glück sind wir nicht ganz so dumm wie Fische und Vögel, die das Zeug auch noch fressen und daran krepieren. Nur die Chemikalien und Krankheitserreger, die sich auf Plastikmüll absetzen – ui, nicht so leiwand! Wir haben von unseren Eltern gelernt, dass alles seinen Preis hat. Nur Plastik offenbar nicht. Es ist der Zauberstoff, der alles bequem, aber keinen Dreck macht, oder? Dummheit, sagt eine alte Bauernweisheit, kann durch nichts ersetzt werden, nicht einmal durch Plastik. Das werden unsere Kinder und Enkel bald auch erfahren.
Impressum Falter 26a/14 Herausgeber: Armin Thurnher Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Redaktion: Christian Zillner Fotoredaktion: Karin Wasner Produktion/Grafik: Reini Hackl Korrektur: Martina Paul Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar.
HEUREKA ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit
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Aus Wissenschaft und Forschung Kopf im Bild Amerikanische Ehren Der Spuk existiert. Das konnte der Experimentalphysiker Anton Zeilinger vielfach untermauern. Die Rede ist von der Quantenverschränkung, von Albert Einstein einst „spukhafte Fernwirkung“ genannt. Akzeptieren konnte Einstein sie nicht: Wie von Zauberhand sind verschränkte Teilchen über beliebige Entfernungen miteinander verbunden; die Messung des einen verändert augenblicklich den Zustand des anderen. Das Warum ist bis heute ungeklärt. Zur Natur der Quantenverschränkung sind Zeilinger viele fundamentale, teils spektakuläre Experimente gelungen. Zudem zeigte seine Forschungsgruppe in Experimenten das Anwendungspotenzial von Verschränkungszuständen, etwa zur Datenübertragung. Große Ehre wurde dem Forscher jüngst durch die Aufnahme in die hochkarätige Amerikanische Akademie der Wissenschaften (NAS) zuteil. „Es ist eine schöne Anerkennung, dass mich die amerikanischen Kollegen durch ihre Wahl als dazugehörig betrachten“, freut sich Zeilinger, dessen Name damit auch neben dem von Albert Einstein steht. Oft fragt Zeilinger sich, „was der wohl zu unseren heutigen Erkenntnissen sagen würde“. T e x t : u s c h i sorz F oto : S e p p dre i ss i nger
Us c h i S orz
iese DoktorandInnen der Wiener Uni wurden von Bundespräsident D Heinz Fischer im Rahmen einer „Promotio sub auspiciis“* geehrt:
Caterina Grasl, 32, Anglistik und Amerikanistik
Ausgebildete Hafnerin und Fliesenlegerin, promovierte Anglistin und Amerikanistin, Mutter von zwei Söhnen und jetzt auf der Suche nach einem Habilitationsthema: Das ist in groben Zügen Caterina Grasls bisheriger Weg. Sie hatte sich schon in der AHSUnterstufe vorgenommen, „sub auspiciis zu schaffen“, und ist nun „schon ein bisschen stolz. Nur schade, dass diese Ehre kaum Einfluss auf meine berufliche Zukunft haben wird.“ Ihr
Vertrag als Assistentin an der Wiener Uni läuft 2015 aus. Für ihre Dissertation befasste sie sich mit der Darstellung der viktorianischen Zeit in der englischen Unterhaltungsliteratur des frühen und mittleren 20. Jahrhunderts und gab anhand von 70 Romanen einen Überblick über das sich wandelnde Bild dieser Epoche. Claus Jurman, 34, Ägyptologie und Klassische Archäologie
Auch Claus Jurman meint, dass sich die Sub-auspiciisPromotion auf seine Berufslaufbahn nicht wesentlich auswirken werde, freut sich aber über die Anerkennung. Seine Dissertation schrieb der Ägyptologe über „Memphis in der Dritten Zwischenzeit“. „Obwohl man Altägypten schon über hundert Jahre intensiv erforscht, gibt es im-
mer noch Wissenslücken“, weiß der ÖAW-Mitarbeiter und Lehrbeauftragte an der Wiener Uni. Das gelte besonders für die Dritte Zwischenzeit. „Das Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen auf engem Raum führte nicht nur zu Akkulturationsprozessen, sondern auch zu kulturellen Interferenzerscheinungen und Identitätskonflikten“, so Jurman, für den sein Fach „eine der wenigen Disziplinen ist, die eine Kultur in ihrer Gesamtheit betrachten“. Patrick Otto Ludl, 29, Physik
Während die Heureka-Leser diesen Satz lesen, durchqueren Abermilliarden Neutrinos ihre Körper. „Keine Sorge, die schaden nicht“, beruhigt Teilchenphysiker Patrick Ludl. Die ex-
trem leichten und schwach wechselwirkenden Elementarteilchen aus der Gruppe der Leptonen wurden 1930 vom Österreicher Wolfgang Pauli postuliert, um das Energiespektrum des Betazerfalls zu erklären. Experimentell bestätigt wurden Neutrinooszillationen erst vor zwei Jahrzehnten. Ludls Arbeit, für die er den Hans-Thirring-Preis der Fakultät für Physik erhielt, beschäftigte sich mit zwei offenen Fragen: „Warum sind die Neutrinomassen viel kleiner als die der geladenen Leptonen? Und warum ist die Mischung bei Leptonen so anders als bei Quarks?“ Die Sub-auspiciisPromotion sieht er als Verpflichtung, sich „dieser tollen Auszeichnung als würdig zu erweisen“. Mehr zu den JungforscherInnen auf www.falter.at/heureka
Fotos: privat
JungforscherInnen
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Aus Wissenschaft und Forschung Mathematik
Medizin
Molekularbiologie
100 Jahre rechnen? Manuel Kauers entwickelt lieber schnelle Computer algebra-Algorithmen
Jede dritte Frau leidet an einer „schwachen Blase“. Nun ist das Leiden behandelund heilbar
Lieber Espresso als Latte Macchiato
Uschi sorz
Dieter hönig
Uschi Sorz
ine Formel, für die man eine Milie 54-jährige Monika R. quält seit E lion Seiten zum Niederschreiben D der Geburt ihres dritten Kindes braucht? Manuel Kauers kann eine so vor 17 Jahren eine „schwache Blase. komplexe Rechenoperation auf vier Seiten eingrenzen. Rechnen muss der Computer – aber mit den richtigen Algorithmen von Kauers. Computeralgebra ist Kauers’ Spezialgebiet. „Durch neue Verfahren rücken nun Rechnungen in den Bereich des Machbaren, die noch vor Kurzem als hoffnungslos galten“, sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Symbolisches Rechnen RISC der Uni Linz. Schon als Schüler hat der 35-Jährige Computerprogramme geschrieben, die mathematische Aufgaben exakt lösen. „Erst später habe ich erfahren, dass es ein eigenes Forschungsgebiet zu den Grundlagen solcher Programme gibt.“ Computeralgebra bewegt sich im Grenzbereich zwischen reiner und
F o t o s : i s t o c k p h o t o / m a r c o m a y e r , m e d u n i w i e n , K a r l - F r a n z e n s - U n i v e r s i t ä t G r a z
„Durch neue Verfahren rücken nun Rechnungen in den Bereich des Machbaren, die als hoffnungslos galten“ Manuel Kauers, Uni Linz
angewandter Mathematik. „Statt wie bei der reinen Mathematik bloß zu beweisen, dass es eine Lösung gibt, ist sie auch anwendungsorientiert und versucht diese Lösung konkret auszurechnen. Dabei lässt sie allerdings nur exakte Ergebnisse zu.“ Was wiederum reine Mathematik ist. Verfahren der Computeralgebra können deshalb mit einem gigantischen Rechenaufwand verbunden sein. Manuel Kauers will diesen reduzieren. Aktuell arbeitet der START-Preisträger 2009 bei einem Projekt mit, das Gitterwege nach Eigenschaften klassifiziert. Das sind Objekte aus der Kombinatorik, die man in der Physik zur Modellierung des Ausbreitungsverhaltens von Gasen nutzt. Es gibt unterschiedliche Typen: „Manche haben bestimmte Eigenschaften, andere nicht. Man weiß aber weder, warum das so ist, noch, welche sie haben und welche nicht.“ Weiterer Haken: „Es gibt mehr als sechzig Millionen verschiedene Arten von Gitterwegen.“
Es hat sich zwar gebessert, allerdings muss ich bei meinem Lieblingssport Tennis nach wie vor Einlagen tragen.“ Noch schlimmer ergeht es ihr beim Husten und Lachen. Ihr Frauenarzt überwies sie zu einer speziell geschulten Physiotherapeutin. „Wir analysieren das Eiweißmuster im Harn von Patientinnen mit Belastungsinkontinenz oder überaktiver Blase“ Wolfgang Umek, MedUni Wien
„Nach nur drei Wochen Training hatte ich eine wesentlich bessere Kontrolle über meinen Beckenbodenmuskel und fühle mich seither auch sicherer.“ Notfalls gibt es auch eine OPTechnik namens „Suburethrale synthetische Schlinge“. Dabei wird die Harnröhre durch ein Kunststoffband unterstützt. „Alle unsere Patientinnen haben eine Belastungsinkontinenz. Sie verlieren beim Husten, Lachen, Niesen, oder auch beim Heben tröpfchenweise Harn“, erklärt Wolfgang Umek, Urogynäkologe an der MedUni Wien. Seine Arbeitsgruppe beschäftigt sich derzeit mit „Proteomics“ aus dem Harn. Durch proteomische Analysen kann auf die Art eines Eiweißes und individuelle Gen-Expressionsmuster geschlossen werden. „Daraus können wir Zusammenhänge mit zugrundeliegenden Erkrankungen erforschen: Wir analysieren das Eiweißmuster im Harn von Patientinnen mit Belastungsinkontinenz oder überaktiver Blase“, erklärt Umek. Beide Arten der Inkontinenz kommen bei fast dreißig Prozent aller Frauen zumindest vorübergehend vor. Sie sind heilbar. Ergebnisse der Arbeit von Umek und seinem Forscherteam werden im Juni bei der Jahrestagung der „Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe“ in Eisenstadt sowie beim „Annual Meeting of the International Urogynecologic Association“ in Washington und der „International Continence Society“ in Rio vorgestellt.
Warum Kaffee ohne Kuhmilch jung und gesund hält, erklären Grazer Forscher allen Anti-Agern
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rofessor Madeo trinkt seinen Kaffee am liebsten mit Mandelmilch. Dann aber mit gutem Gewissen, denn, obwohl oft als schädlich geschmäht, belegen Studien viele gesundheitsfördernde Effekte des aromatischen Getränks. Etwa bei Diabetes oder Fettstoffwechselstörungen. Kuhmilch schmälert diese allerdings wieder, das konnte die Gruppe um Frank Madeo vom Institut für Molekulare Biowissenschaften der Uni Graz nachweisen. Sie war aktuell an einer Studie der Universität Paris Descartes unter Guido Kroemer beteiligt, die den molekularen Mechanismus hinter den Kaffee-Benefits untersuchte. Dabei konzentrierten sich die Grazer auf tierische Proteine wie Milch. Die Ergebnisse wurden in PLOS Genetics und Cell Cycle publiziert. Schon lange beschäftigt sich Madeo, einer der meistzitierten Zellbiologen im deutschsprachigen Raum, mit Autophagie. Das ist der Fachbegriff für eine Art körpereigene Müllabfuhr: ein Selbstreinigungs- und Entgiftungsprogramm in den Zellen, das vor allem durch Fasten angeregt wird. „Es könnte einer der Hauptmechanismen sein, um den Alterungsprozess zu verlangsamen“, bekräftigt der Leiter der Forschungsgruppe „Alterung und Zelltod“. Die gute Nachricht für Kaffeefans: Auch Kaffee ist ein Autophagieauslöser. „In den Modellorganismen wurde die zelluläre Autophagie der untersuchten Organe – Leber, Skelettmuskulatur und Herz – durch
ihn stark angekurbelt.“ Sogar bei koffeinfreiem Kaffee. „Wir vermuten, dass es an sekundären Pflanzenstoffen, den Polyphenolen, liegt“, so Madeo. Latte-Macchiato-Trinker mit AntiAging-Ambitionen sollten sich aber auf Espresso oder pflanzliche Zusätze wie Mandel- oder Kokosmilch umstellen. „In proteinhaltigen Lebensmitteln, besonders tierischen, ist Methionin enthalten“, erklärt Madeo. „Christoph Ruckenstuhl aus meiner Arbeitsgruppe hat gezeigt, dass eine verringerte Zufuhr dieses Eiweißbausteins die Autophagie sehr effizient anschaltet.“ Die methioninreiche Kuhmilch hemmt sie somit. „Autophagie könnte einer der Hauptmechanismen sein, um den Alterungsprozess zu verlangsamen“ Frank Madeo, Uni Graz
Madeo und Kollegen haben auch andere Autophagietreiber gefunden; besonders schlagkräftig etwa Spermidin, ein natürliches Polyamin, das außer – wie der Name schon andeutet – in Samenflüssigkeit reichlich in Weizenkeimen, grünem Pfeffer oder Soja vorkommt. Unter seinem Namen als Romanautor, Francesco Madeo, führt der Professor übrigens eine Facebook-Seite, auf der man noch mehr über Anti-Aging-Mechanismen, aber auch das soziale Abenteuer Forschung erfahren kann.
Soll das Altern verzögern, wenn man ihn ohne Milch trinkt: Kaffee
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Aus Wissenschaft und Forschung Lebensmittelforschung
Biologie
Brief aus Brüssel
A Smoothie a Day Keeps What Away?
Emily Walton
Pro Tag soll man einen Apfel essen. Was aber, wenn einem das runde Ding nicht mundet? Helfen hier Green Smoothies?
Nein, keine Langeweile, Chef, mein Gähnen kühlt mein durch Ihre Rede erhitztes Gehirn!
Sonja Burger
jochen Stadler
„Green Smoothies sind ideal für Obst- und Gemüsemuffel“ Elisabeth Buchinger, Sensorikerin
und Sensorikerin Elisabeth Buchinger sieht in Green Smoothies wegen der vielen Aromen „ein sehr komplexes und spannendes Produkt, ideal für Obst- und Gemüsemuffel. Nur die Sortenerkennung geht verloren. Das Obst soll den Geschmack von Gemüse überdecken. Außerdem kann man in Trinkform mehr davon zu sich nehmen.“ Das hänge mit dem Effekt der
„spezifischen sensorischen Sättigung“ zusammen. Wir können demnach mehr Gemüse trinken als essen, bis wir uns an den Geschmack gewöhnt haben und der Körper nach Abwechslung verlangt. „Der Mix aus Obst und Gemüse in flüssiger Form enthält eine andere Nährstoffdichte, als wenn man fünf Portionen Obst und Gemüse über den Tag verteilt isst“, sagt Sonja Visontai, Diätologin an der FH Campus Wien. In dieser Hinsicht halten die Versprechungen der Realität durchaus stand. Für die Green Smoothies sprechen außerdem weniger Fette und Cholesterin. Die höhere Ballaststoffmenge kann jedoch schwer verdaulich sein und zu Beschwerden führen. Negativ fällt laut den beiden Expertinnen ins Gewicht, dass das Kauen, eine wichtige Zahnschutz- und Verdauungsfunktion, wegfällt. Aus sensorischer Sicht könne die cremige Konsistenz der Smoothies laut Buchinger bei einigen sogar Kindheitserinnerungen wecken. Für den Typ des Beißers, von Karmasin Motivforschung näher bestimmt, wäre das aber nichts. Der will lieber etwas zerbeißen. Einen Apfel zum Beispiel. Sind Green Smoothies also für Weicheier?
Sieht aus wie der gute alte Slime aus Kindertagen, schmeckt aber anders
ass Gähnen bei SauerstoffmanD gel hilft, ist längst widerlegt. Zum Glück gibt es aber eine neue Ausre-
de, wenn man bei der Rede seines Chefs gähnen muss: „Ich kühle mein Hirn.“ Forscher um Jorg Massen vom Department für Kognitionsbiologie der Uni Wien fanden bei Versuchen auf Wiens Straßen heraus, dass die Gähn-Häufigkeit der Menschen „maßgeblich mit der Umgebungstemperatur zusammenhängt, wobei größere Gähn-Zahlen bei höheren Temperaturen berichtet wurden“, erklärten sie in der Fachzeitschrift Physiology and Behavior“. Sie zeigten im Sommer des Vorjahres und im Winter 2012/13 jeweils sechzig Wienern Bilder von gähnenden Personen und fragten sie, wie oft sie davon angesteckt wurden. Nebenbei maßen die Forscher stets die aktuelle Temperatur. „Ansteckendes Gähnen hängt nicht von der Jahreszeit, sondern von optimalen Umgebungstemperaturen ab“ Jorg Massen Uni Wien
Während sich im Sommer 25 Personen beim Gähnen ertappt hatten, waren es im Winter nur elf. Diese Erkenntnis würde eine derzeit in Fachkreisen diskutierte Annahme unterstützen, dass Gähnen hilft, das Gehirn zu kühlen, meinen die Forscher. Eine frühere Studie kalifornischer Kollegen hat gezeigt, dass es dort umgekehrt ist; in Kalifornien gähnt man im Winter öfter. Dann herrschen dort aber ähnliche Temperaturen wie in Wien im Sommer, nämlich um die 20 Grad Celsius. „Es zeigte sich also, dass es nicht um die Jahreszeit geht, sondern dass ansteckendes Gähnen vielmehr von optimalen Umgebungstemperaturen abhängt“, so Massen. Wird es draußen zu warm, kann beim Gähnen das Gehirn nicht mehr gekühlt werden, weil man nur mehr heiße Luft inhaliert. Umgekehrt sei es vielleicht sogar gefährlich zu gähnen, wenn sich die Außentemperatur dem Gefrierpunkt nähert, meint Massen. Also nicht nur, wenn der Chef gerade spricht.
was man selbst weggeworfen hat; und man will sich möglichst auch nicht von anderen vorschreiben lassen, was man wie entsorgen darf. Kein Wunder also, dass das geplante Plastiksackerlverbot der Europäischen Kommission keine Jubelstürme, sondern die üblichen „Jetzt regulieren die Brüsseler Bürokraten also auch schon das wieder“-Reaktionen ausgelöst hat. Soll man zum Zweck einer Verringerung des Plastikmülls jetzt wirklich auch gesetzlich regeln, ob es kostenlose Einwegsackerln geben darf oder nicht? Und dies dann gleich europaweit? Ja, natürlich! Glauben Sie nicht? Dann sollten Sie einmal in einen der Supermärkte in Brüssel gehen. Hier sind oft Sachen, die man sucht, schon ausverkauft – nur eines ganz bestimmt nicht: dünne, kostenlose Obst- und Gemüsesackerln. Oder, noch besser: Sie besuchen einen der unzähligen Märkte. Die wären nämlich treffender als Sackerlausgabestellen benannt – Gegenwehr gegen die verpackungstechnische Zwangsbeglückung ist völlig zwecklos: Eine Gurke, Monsieur? Ab ins Sackerl! Zwei Melanzani, Madame? Noch ein Sackerl! Die Erdbeeren sind schon in einem Plastikbehälter? Macht nix, da geht sicher noch ein Sackerl drüber! Stichprobenzählung nach meinem letzten sonntäglichen Obst- und Gemüseeinkauf: 14 (in Worten: vierzehn!) Plastiksackerl, die, kaum zu Hause angekommen, gleich wieder entsorgt werden. Was sonst damit anstellen? Ohne jetzt im Müll der Nachbarn zu kramen, würde ich schätzen, dass hier jeder in Belgien sein Dutzend Wegwerfplastiksackerl im Küchenmüll hat. Apropos Mist der Nachbarn: Dem begegnet man hier in Belgien öfter, als es einem lieb sein kann. Das Konzept der Mülltonnen für Haushalte bzw. Sammeltonnen in Mehrparteienhäusern hat sich nicht durchgesetzt. Stattdessen stellt man seine vollen Säcke (je nach Rücksicht bzw. Schamgrenze) auf den Balkon – oder gleich auf die Straße. Dort sollten die Säcke theoretisch zwar nur am Abend vor der Abholung stehen, doch daran hält sich kaum jemand. Wie das aussieht, wenn die Müllabfuhr streikt oder nicht kommt, erwähnen wir an dieser Stelle lieber nicht. Und wenn die Müllsäcke auch noch vom für Brüssel typischen Dauerregen erfasst werden, nützt einem das beste Plastikmistsackerl nichts.
Fotos: w w w.g lu t enfr eec at.com , K at har ina w isata , pr i vat
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aut dem Zettel am Fläschchen enthält das Getränk: Avocado, Banane, Spinat, Kräuter und Salat. Wunderbar! So viel Obst und Gemüse auf einmal. Es schmeckt, wonach es aussieht: grün. Glaubt man der Buchautorin und Erfinderin dieser „Green Smoothies“, Victoria Boutenko, sind sie sehr gesund. Kritiker werfen ihr Unwissenschaftlichkeit vor und stellen ihre Behauptung, dass sich das enthaltene Chlorophyll positiv auf die Gesundheit auswirkt, infrage. Dennoch liegt „Raw Food“ im Trend. Die Lebensmitteltechnologin
üll ist eine sehr persönliche M Angelegenheit: Man will nicht, dass andere Menschen durchwühlen,
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Aus Wissenschaft und Forschung Computerwissenschaften
Die Logik zum Glück Der Jungstar der Logik, Erik Demaine, über die Liebe zu Computern, das Verhältnis von Wissenschaft und Kunst sowie Glück Christian Zillner
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rik Demaine war bei seinem Eintritt mit zwanzig Jahren jüngster Professor am Massachusetts Institute of Technology MIT. Heute gilt er als Jungstar der Logik. Er ist Professor für Computerwissenschaften am MIT und Künstler, dessen „mathematisches Origami“ in die Sammlung des Museum of Modern Art in New York aufgenommen wurde. Er war auf Einladung der TU Wien, die sich zu einem Weltzentrum für Logik gemausert hat, in Wien – quasi als Vorbote des hier von „Wenn ich eine Skulptur 9. bis 24. Juli stattfindenden, weltweit größten wie dieses Origami Logikkongresses „Summer of Logic“. anschaue, frage ich
F o t o : E l i s a b e t h L u e g i n g e r / F a k u l t ä t f ü r I n f o r m a t i k , TU W i e n
mich auch, ob sich das
Herr Demaine, was sagen Sie am Computer abbilden jemanden auf einer Party, wenn lässt“ er Sie nach Ihrem Beruf fragt? Erik Demaine, MIT Erik Demaine: Kommt darauf an, wer fragt und wie ich mich fühle. Entweder bin ich Computerwissenschafter, Mathematiker, Professor oder Künstler. Von der Mathematik fühlen sich viele Menschen eingeschüchtert, aber über Kunst kann man meist gut reden. Hier ging es mir bisher darum, wie sich Mathematik visuell darstellen lässt. Durch Skulpturen werden nicht alle Mathe verstehen, aber zumindest feststellen, dass hier etwas Schönes vorliegt. Umgekehrt können uns skulpturale Darstellungen helfen, mathematische Probleme zu lösen, die wir noch nicht begreifen. Etwa indem sie uns zeigen, was möglich ist, noch bevor wir verstehen, wie es möglich ist. Kunst kann die Mathematik und Mathematik die Kunst inspirieren. Sie sind Professor für Computerwissenschaften, warum nicht Professor für Logik? Demaine: Das hat wohl mit unserer Kultur zu tun. Ich glaube, es gibt nicht viele Logikprofessoren in den USA. So werde ich eher gefragt: Warum nicht Mathematikprofessor? Die beiden Felder sind stark verschränkt. In
meinem Fall kommt es wohl aus der Kindheit, ich bin mit Computern aufgewachsen. Computer waren meine erste Liebe, Mathematik entdeckte ich erst später. Eigentlich bin ich Mathematiker, aber ich liebe die Gadgets, also das Zeug, das mit Computerwissenschaft verbunden ist. Gibt es so etwas wie ,die‘ Logik, oder handelt es sich um verschiedene Formen von Logik? Demaine: Beides. Mathematik und Logik arbeiten mit Thesen, um die Frage zu beantworten: Welche wahren Aussagen kann ich machen, wenn ich von einer These ausgehe? Manchmal kann es viele ,Logiken‘ geben, je nachdem, von welcher These man ausgeht. Doch trotz der unterschiedlichen Ansätze läuft es darauf hinaus, ob ich eine These beweisen kann. Das kann man mit einem großen Ansatz oder mit vielen verschiedenen Ansätzen versuchen. In meinem Fall ist der Ansatz zum einen reine Mathematik, dann wieder geht es um Voraussetzungen für Roboter oder Software. Bei der Arbeit an Skulpturen bin ich immer noch Mathematiker, auch wenn das Ergebnis dann eher in Galerien oder Museen ausgestellt wird. Wie geht die Logik mit den vagen Begriffen unserer Alltagssprache um? Demaine: Das ist eine philosophische Frage – wir gehen das von einer rechenbetonten Position aus an. Mir macht es Spaß, mit Mathematik zu versuchen, solche philosophischen Fragen zu lösen. Wenn beispielsweise das Universum alles über die Vergangenheit bewahrt, sodass du in diese Vergangenheit zurückgehen könntest, ist das rechnerisch tatsächlich möglich. Doch wenn du von dort wie in ,Back to the Future‘ wieder an den Ausgangspunkt zurückkehren willst, ist das rechnerisch nicht möglich, das lässt
sich mathematisch beweisen. Es gibt eine rechnerische Beschränkung der Möglichkeit von Zeitreisen. So kann man auf rechnerische Weise an Alltagsfragen herangehen und ihre möglichen Antworten ausloten. Im Fall der Skulptur habe ich ein physisches Objekt vor mir, über dessen darunterliegende mathematische Beziehungen ich nachdenken kann. Also wenn ich eine Skulptur anschaue, frage ich mich auch, ob sich das am Computer abbilden lässt. Hat Logik einen direkten Bezug zur Realität, wie das viele Menschen von physikalischen Gesetzen annehmen? Demaine: Darüber wird in mathematischen Kreisen debattiert. Eine Frage lautet: Wenn du einen neuen mathematischen Beweis findest, hat der schon bestanden, bevor du ihn entdeckt hast – oder nicht? Im ersten Fall würde Mathematik Realität entdecken. Im zweiten Fall wäre sie nur eine menschliche Kreation, die in ihrem Rahmen Beweise liefert. Die Wahrheit ist, beides ist wahr. Ich denke mehr in Richtung des ersten Falls, also, dass Mathematik Realität entdeckt – nicht in einer physischen, aber in einer mentalen Welt. Und das ist eine nette Welt, die mich schon vor langer Zeit angezogen hat, weil sie sehr genau ist. Darin ist etwas wahr oder falsch und du kannst es untersuchen, ob es wahr oder falsch ist und das anderen beweisen. In der realen Welt ist immer alles verwirrend, man kommt höchstens zu hohen Wahrscheinlichkeiten, nur in der Mathematik zum endgültigen wahr oder falsch. Das ist sehr befriedigend. Was ist die gegenwärtig wichtigste Frage in der Logik? Demaine: Kann ein Computer Glück haben? Wenn ja, gäbe es so etwas wie eine Garantie für Glück. Lässt sich das mathematisch beweisen?
Das Dialogforum für WissenschafterInnen, ArbeitnehmerInnenvertretungen und Interessierte.
meHR voN Allem - ARbeIT, lebeN, gelD Die Arbeitswelt zwischen optimistischen erwartungen und prekären Realitäten. Donnerstag, 4. September 2014, 12.30 bis 17.30 Uhr Seminarparkhotel Hirschwang, Trautenberg-Straße 1, 2651 Reichenau an der Rax, Niederösterreich Freitag, 5. September 2014, 9 bis 14 Uhr Sägewerk Hirschwang, Hirschwang 67, 2651 Reichenau an der Rax, Niederösterreich mehr Infos und online-Anmeldung auf www.dialog-forum.at
Eröffnungsvortrag Mag. Dr. Roland Atzmüller, Johannes Kepler Universität linz Am Podium BM Gabriele Heinisch-Hosek, bundesministerin für bildung und Frauen Veronika Kronberger, vertreterin der Plattform „generation Praktikum“ Dr. Sabine Oberhauser, Nationalratsabgeordnete und bundesfrauenvorsitzende des Österreichischen gewerkschaftsbundes KommR Veit Schmid-Schmidsfelden, gF der Rupert Fertinger gmbH
Titel 8
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plastikland: der achte Erdteil
Der Countdown zum Thema Sabine Edith Br aun
weltweit in Euro
– Jährlicher Umsatz der Kunststoffindustrie
47 400 000 000
– Wert des im Jahr 2007 weltweit produzierten
15 900 000 000
– Wert des im Jahr 2009 weltweit verkauften
Polypropylens (PP) in Euro
Weich-Polyethylens (PE-LD) in Euro
11 200 000 000
– Zahl der gesamten in Österreich getätigten ufwendungen für den Umweltschutz im Jahr 2011 in Euro A
240 000 000 52 000 000 45 100 000 1 460 000
– Jährliche Menge aller weltweit hergestellten Kunststoffe in Tonnen
– Menge des im Jahr 2001 weltweit hergestellten Polyethylens (PE) in Tonnen
– Weltweites Produktionsvolumen von Polypropylen (PP) im Jahr 2007 in Tonnen
– Anzahl der österreichweit durch die A ltstoff Recycling Austria (ARA) bereitgestellten
Sammelbehälter
829 607 778 240 630 000
ARA im Jahr 2012
222 313 182 800 88 968 76 330
– Erfassungsmenge der Altstoff Recycling Austria (ARA) im Jahr 2012 in Tonnen – Verwertungsleistung der Altstoff Recycling Austria (ARA) im Jahr 2012 in Tonnen – Einsparung von CO2-Äquivalenten in Tonnen durch die Sammlung und Verwertung durch die – Zahl der im Jahr 2013 via ARA-System erfassten Plastik-Leichtverpackungen in Tonnen – Zahl der im Jahr 2013 via ARA-System verwerteten Plastik-Leichtverpackungen in Tonnen
– Zahl der im Jahr 1994 via ARA-System erfassten Plastik-Leichtverpackungen in Tonnen
– Zahl der im Jahr 1994 via ARA-System verwerteten Plastik-Leichtverpackungen in Tonnen
2002 1923 1898 1835 1560 650 250 99 96
– Jahr, in dem Bangladesch als weltweit erstes Land ein Plastiksackerlverbot einführt – In diesem Jahr beginnt die Massenproduktion von Cellulosehydrat unter dem Markennamen „Cellophan“ – Jahr der Entdeckung von Polyethylen (PE) durch den Chemiker Hans von Pechmann – Jahr der Entdeckung von Vinylchlorid, der Grundlage für PVC – maximale Höhe des Strafgeldes in Euro für die Einfuhr bzw. das Verteilen von Plastiksackerln auf Sansibar
– Zahl des Mülls in Tonnen, der stündlich direkt ins Meer geworfen wird – Zahl der in Österreich tätigen Abfallberater im Auftrag der ARA
– Anteil der Österreicher, die Altpapier getrennt entsorgen, in Prozent
– Anteil der Personen in österreichischen Gemeinden mit bis zu 20.000 Einwohnern, die ihren Biomüll getrennt entsorgen, in Prozent
93 84 63
– Anteil der Österreicher, die PET-Flaschen getrennt entsorgen, in Prozent – Anteil der Österreicher, die ihren Biomüll getrennt entsorgen, in Prozent
– Dokumentierter Anteil der weltweit bekannten Albatros-, Sturmvogel- und Sturmtaucherarten in Prozent, die Plastik aus dem Meer verschluckt haben
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– Anteil der in Wien lebenden Personen, die ihren Biomüll getrennt entsorgen, in Prozent – Höchster Anteil an Plastik-Beifang in Prozent, den Fischer in ihren Netzen entdeckten
– Mindestanzahl von Objekten an Müll pro Quadratmeter, die in den am schlimmsten betroffenen Meeresregionen Indonesiens in den Neunzigerjahren gefunden wurden
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Anteil der recycelten Menge an der jährlich erzeugten Menge von Styropor in Prozent
F o t o : D a v i d B e g e r , S t y l i n g : K a t h a r i n a F r i c k , M o d e l : Am e l i e , H a a r e M a k e - u p : A n j a E l S a w a f
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PLASTIKLAND: DER ACHTE ERDTEIL
Zu den Fotos: Bei dieser Fotostrecke steht die Ästhetik des Materials Plastik im Vordergrund, dessen Problematik in diesem Falter Heureka thematisiert wird. Auf den ersten Blick kann man sich von der Schönheit vieler Dinge täuschen lassen, die Mensch und Natur im Nachhinein Kopfschmerzen bereiten. David Beger lebt und arbeitet in München. Die erste intensive Auseinanderstetzung mit Bildern erfuhr er mit den Dias der Afrikasafari seiner Großeltern, die unzählige Male angeschaut wurden. Seine erste Kamera erhielt er dann auch als Kind von seiner Großmutter. Auf den meisten Fotos waren die Köpfe der Porträtierten abgeschnitten – mittlerweile klappt das besser. Nach seinem Fotodesign-Studium an der Hochschule München konzentriert er sich nun auf Porträt- und Modefotografie. Neben der angewandten Arbeit für Magazine und Agenturen verfolgt er immer auch freie Projekte, die schon in einigen Ausstellungen zu sehen waren. www.davidbeger.com
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Plastikland: der achte Erdteil
Sodom und Gomorrah Europäischer Elektroschrott wird als Second-Hand-Ware nach Afrika gebracht und gefährdet dort das Leben von Kindern Dieter hönig
er 12-jährige Faruk klagt über ständiges Kopfweh, brennende Augen, HusD ten und Brennen in den Atemwegen. Wenn
er es nicht mehr aushält, kauft er sich von seiner kärglichen Job-Ausbeute Schmerztabletten. Diese werden hier auf der Deponie gehandelt. Mittlerweile sind es an die 7000 Kinder und Jugendliche, die wie Faruk tagtäglich auf die Elektromüllhalde in Ghanas Hauptstadt Accra pilgern und Altgeräte verbrennen, um an die begehrten Kupferkabel zu kommen. Für eine Tagesausbeute von einem halben Kilogramm Kabel bekommen sie einen Euro. „Die Luft ist verpestet und macht das Atmen schwer, der Boden ist voller scharfer Splitter und Gift – es ist nach wie vor apokalyptisch“, zeigt sich Christina Schröder, Mitarbeiterin der entwicklungspolitischen Organisation Südwind, schockiert.
„Regierungen, Hersteller und Handel müssen zusammenarbeiten, um diese illegalen Exporte zu stoppen“ Ines Zanella, Südwind Agentur
Leben auf der Müllkippe Jeden Tag kommen mehr und mehr Kühlschränke, Fernseher und Computer auf die Deponie. Zum Teil tragen sie noch die Inventarschilder, die ihre Herkunft aus Europa belegen. Dieser europäische Elektroschrott gefährdet die Gesundheit von ghanaischen Kindern und Jugendlichen. Die Haut- oder Lungenkrankheiten, an denen die meisten früher oder später erkranken, bleiben unbehandelt, weil die Kinder und Jugendlichen nicht versichert sind und oft auch
ohne Eltern leben, zumeist gleich neben der Müllhalde in einem Slum namens „Sodom and Gomorrah“. Mitarbeiter des Südwind-Instituts für Ökonomie und Ökumene waren bereits zum dritten Mal vor Ort und bestätigen den Verdacht der Internationalen Arbeitsorganisation ILO: Ein Großteil der in Industrieländern zum Recycling anfallenden Elektroaltgeräte wird fälschlich als funktionierende „Second-Hand“-Ware deklariert, in Entwicklungsländer verschifft und richtet dort verheerende Schäden an. Laut einer aktuellen Studie der ILO besteht der weltweit am schnellsten wachsende Müllberg aus Elektroartikeln. Er vergrößert sich jährlich um vier Prozent. Schätzungen zufolge sind es über 41 Millionen Tonnen, die pro Jahr anfallen. „Es ist skandalös, was unser Wohlstandsmüll in Afrika anrichtet, moralisch verwerflich und auch kriminell“, empört sich Ines Zanella, Mitarbeiterin bei Südwind.
Händler deklarieren Müll falsch Auf internationaler Ebene kontrolliert zwar das sogenannte Basler Übereinkommen grenzüberschreitende Transporte von Elektromüll. In Europa ist zudem seit 2006 die WEEE-Richtlinie in Kraft, die den Export von Elektromüll in Länder außerhalb der OECD verbietet und Sammel- und Verwertungssysteme für Recycling vorschreibt. Finanziert werden sollen diese von den Herstellern der Geräte. Nur funktionierende
Altgeräte dürften als Second-HandWare weitergegeben und aus Europa ausgeführt werden. Tatsächlich wird aber immer wieder Müll als funktionierende Gebrauchtware deklariert und illegal ausgeführt. Das bestätigen auch Nachfragen bei österreichischen Elektrohändlern: Nur ein Unternehmen arbeitet mit einem zertifizierten Recyclingunternehmen zusammen. Kleinere Firmen organisieren die Entsorgung selbst. Ein Computerhändler gab etwa an, die Entsorgung der Altware durch ein weltweit agierendes Speditionsunternehmen abwickeln zu lassen. Andere Händler reagierten gar nicht auf Nachfragen – ebenso wie Onlinekäufer von Elektrogeräten.
Elektroschrott zu Sammelstellen Die Wege des Elektromülls nach Afrika sind vollkommen intransparent und werden aus leicht durchschaubaren Gründen verborgen gehalten. Zu sehen sind allerdings Berge an Elektromüll, die sich in Afrika anhäufen. „Deshalb müssen Regierungen, Hersteller und Handel endlich zusammenarbeiten, um diese illegalen Exporte zu stoppen“, fordert Ines Zanella. An all jene, die zu einer Besserung der Missstände beitragen wollen, appelliert sie eindringlich, alte Elektrogeräte zu entsprechenden Sammelstellen der Gemeinden oder einem ReUse-Zentrum zu bringen, das für Reparatur und Wiederverwendung in Österreich sorgt.
Kunststoffe kommen in unseren Körper In der Medizintechnik bilden Polymerkunststoffe die Basis für die Hälfte der Produkte – Tendenz steigend
M
it dem Rauchen aufzuhören, fällt oft schwer. Nikotinpflaster sind vielen eine Hilfe. Obwohl sie sich optisch kaum von üblichen Pflastern unterscheiden, steckt viel Knowhow darin und vor allem ein Werkstoff: Kunststoff. In der Medizintechnik werden bereits rund fünfzig Prozent aller Materialien mit Polymerkunststoffen erzeugt. Im Unterschied zu Metall sind Kunststoffe einsatzvariabel. Sie müssen allerdings verschiedene Eigenschaften, vor allem Sterilisierbarkeit, aufweisen. Die oberösterreichische Firma Hueck Folien erzeugt seit mehr als fünfzehn Jahren unter anderem beschichtete Polyesterfolien für Wirkstoffpflaster. Bei solchen „transdermalen Pflastern“ ist laut dem Physiker Klaus Schmidegg, der in der Firma den Bereich Forschung und Entwicklung leitet, besonders wichtig, dass die Lackierung gegenüber Lösungs-
„Für orthopädische Implantate wie Hüftgelenkspfannen kommt ultrahochmolekulares Polyethylen zum Einsatz“ Matthias Katschnig, Uni Leoben
und Desinfektionsmitteln sowie Haut- pflegeprodukten beständig ist. „Obwohl Nikotin ein aggressiver Wirkstoff ist, dürfen sich die Pflaster weder verfärben noch ablösen.“ Für die Entwicklung der Folien ist neben der Lackierung auch die Wahl der geeigneten Komponenten in der Produktion ausschlaggebend. Die Ansprüche, die an Kunststoffe in der Medizintechnik gestellt werden, steigen. Auf diesem Gebiet ist Matthias Katschnig, Kunststofftechniker an der Montanuniversität Leoben, langjähriger Experte. Muss ein Medizinprodukt gewisse Anforderungen erfüllen, bildet der geeignete Kunststoff zunächst die Basis. „Für orthopädische Implantate wie Hüftgelenkspfannen ist Abriebfestigkeit sehr wichtig. Hier kommt zum Beispiel ultrahochmolekulares Polyethylen zum Einsatz“, erklärt Katschnig. In Zukunft sollen Kunststoffe noch viel mehr
leisten können. Die Erforschung von Grenzflächen wie Beschichtungen oder Oberflächenstrukturierungen ist laut Katschnig eine von drei Hauptbereichen. In einem aktuellen Forschungsprojekt erkundet sein Team die Kommunikation zwischen Kunststoff und Zelle. Um adulte Stammzellen vermehren und hochqualitative neuronale Zellen entwickeln zu können, braucht es geeignete Kunststoffoberflächen: „In dem FFG-Projekt simulieren wir aus Kunststoff die extrazelluläre Matrix, mit der die Stammzelle kommuniziert und sich so entwickelt. Wir konnten allein aufgrund der Topografie der Kunststoffoberfläche die Zellvermehrung und Zellentwicklung optimieren.“ Auf diese Weise ließen sich im Notfall gesunde Stammzellen entnehmen und vermehren. Diese könnten dann wieder eingesetzt werden, um krankes Gewebe zu ersetzen.
Fotos: S v en Pe t er Wu t t ej Photogr aph y, Südwind Agen t ur
Sonja Burger
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Haidingers Hort der Wissenschaft
Grafikkabinett Püribauers Tierversuche
Kill Robinson! M artin H aidinger
a, meinetwegen“, seufzte Robinson, N während ihn die Besatzung des Schiffs mit einem Beiboot zu der einsamen Insel Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschafts journalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschafts journalismus
I l l ustration : B ernd P ü ribauer
Freihandbibliothek Buchtipps von Emily Walton Die Reise deines Pullovers
Unser Essen, unsere Kleidung, unsere Computer: Ein Großteil der Waren, die wir im Alltag beziehen, sind per Schiff zu uns gekommen. Auf einem der 40.000 Frachter, die die Weltmeere befahren. Wie sieht diese Transportindustrie eigentlich aus? Rose George reiste auf Frachtschiffen mit, besuchte Häfen, wo die Container beladen und Strände, wo verlorene Waren angespült werden. Daraus ist ein Mix aus Fakten und Anekdoten entstanden, der Einblick in ein meist unbeachtetets Geschäftsfeld bietet. Ninety Percent of Everything: Inside Shipping, the Invisible Industry That Puts Clothes on Your Back, Gas in Your Car, and Food on Your Plate. Rose George. Henry Holt and Co., 304 S.
Das Meer von Innen
Meer bringt uns Leben. So lautet die Schlüsselbotschaft dieses Buchs. Die Ozeane versorgen uns mit Essen und sie steuern die Luft, die wir atmen. Autor Hoare beschreibt eine Reise auf dem Meer – zu den Azoren, nach Sri Lanka und Neuseeland. Dabei trifft er auf außergewöhnliche Kreaturen: Er schwimmt mit Walen und Delfinen, beobachtet Raben und kriegsbemalte Ureinwohner. Es geht also um viel mehr als das Meer. „The Sea Inside“ ist ein fantastischer Reisebericht, solide erzählt. Nicht umsonst wurde Hoare 2009 mit dem Samuel Johnson Prize für Non-Fiction ausgezeichnet. The Sea Inside. Philip Hoare. Fourth Estate. 384 S. Bestseller einer (Meeres-)Biologin
Was tun, wenn ein Turnschuh anschwimmt?
Nicht alle Container kommen ans Ziel. Was passiert mit dem, was über Bord geht? Es treibt auf dem Meer oder wird irgendwann an Land gespült. Der Ozeanologe Ebbesmeyer und sein Co-Autor Scigliano widmen sich in ihrem Buch dem Treibgut – vom Turnschuh bis zur Leiche. Sie bringen dabei dem Laien die Forschungsarbeit auf den Weltmeeren näher, zeigen, wie Strömungen gemessen werden, wie sich das Zusammenspiel von Wind und Meer untersuchen lässt. Flotsametrics and the Floating World: How One Man‘s Obsession with Runaway Sneakers and Rubber Ducks Revolutionized Ocean Science. Curtis Ebbesmeyer and Eric Scigliano. Harper Perennial. 304 S.
Wissenschaft trifft auf Poesie: Die Biologin und Zoologin Rachel Carson verbindet ihre Fachkenntnisse mit einer poetischen Sprache, um die Entstehung der Meere, deren Ausbreitung und die Gezeiten zu beschreiben. Das macht den Text eindringlich und mitreißend, auch für jene, die sich nicht näher mit Ozeanologie beschäftigen. Das Buch war nach seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1951 über ein halbes Jahr auf Platz eins der New York Times-Bestsellerliste. 2003 erschien eine Sonderauflage, ergänzt mit 130 faszinierenden Illustrationen, die die Vielfalt des Meeres zeigen. The Sea Around Us. Rachel Carson. Oxford Paperbacks. 274 S.
rudern ließ. Achtundzwanzig Jahre hatte er es einst nach dem Schiffbruch auf einem abgelegenen Eiland ausgehalten, sich als Selbstversorger und in partieller Gesellschaft seines Kumpels, eines Naturburschen namens Freitag, durchgebracht. Nachdem ihn endlich Freibeuter entdeckt, aufgefischt und gerettet hatten, war er den rauen Mannen mit seinen beständig dahergeplapperten Abenteuergeschichten 295 Jahre lang dermaßen auf die Nerven gegangen, dass sie beschlossen, ihn wieder loszuwerden und in typischer Piratenmanier auf der nächstbesten Insel auszusetzen. „Dann halt auf ein Neues“, dachte Robinson und begann, nachdem die Piraten abgesegelt waren, sofort mit dem ersten Eintrag in sein Tagebuch. „1. Juni 2014, ich bin wieder einmal allein auf einer einsamen Insel im Atlantopazifik, aber als alter Surviver werde ich sofort darangehen zu jagen, eine Hütte zu bauen und einen neuen Freitag zu suchen …“ Es dauerte knapp 28 Wochen, bis NCISSpecial-Agent Leroy Jethro Gibbs das Eiland enterte, nachdem die NSA bei einem Routinescan einen menschlichen Leichnam auf der Insel geortet hatte. Gibbs blätterte im dünnen Tagebuch des verwichenen Robinson, der in einem Müllsack aus Plastik, den er offenbar als Schlafsack benutzt hatte, erstickt war. Robinson, so stand da zu lesen, hatte die Nächte ohne einem schützenden Zelt über dem Kopf verbracht, da er bereits am simplen Ausheben eines Lochs gescheitert war, als sich die vermeintliche Erde als Silikonmasse entpuppt hatte. Anstelle von Pflanzen hatte er auf Styropor (einer Art Talmi-Tofu) herumgekaut, und als tierische Nahrung immerhin Reste von verwestem Faschierten aus Verpackungen berühmter US-amerikanischer Spezialitätenrestaurants herausgekratzt. An Jagd war nicht zu denken gewesen, denn statt Schusswaffen hatte das Meer lediglich unbrauchbare Werbe-Gimmicks der Rifle Association angespült – Spielzeug-MPs! Machte aber nichts, denn zu jagen gab es da ohnehin kaum etwas. Zu allem Überfluss hatte er sich auch noch heillos verirrt – die Insel war viel größer als angenommen. Robinson C., so schrieb Gibbs in seinen Bericht, ist auf dem achten Erdteil „Rubbish Island“ zugrundegegangen. Bei der letzten Tagebucheintragung von Robinson hatte der Special Agent schmunzeln müssen: „Kein Freitag, aber Ronald McDonald und der IKEA-Elch, die man ebenfalls auf der Insel ausgesetzt hat, leisten mir Gesellschaft und Beistand. Geteiltes Leid ist halbes Leid.“
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PLASTIKLAND: DER ACHTE ERDTEIL
VERENA AHNE
I
m Jahr 1997, auf dem Heimweg vom transpazifischen Segelrennen „Transpac“, beschloss Kapitän Charles Moore, einen besonders entlegenen Teil der Weltmeere zu durchqueren: den Nordpazifik zwischen Hawaii und Kalifornien. Für ihre Flauten gefürchtet, für die Fischerei uninteressant, wird diese Region kaum befahren. Moore brauchte eine Woche. Und Tag und Nacht sah er mit seiner Crew in der unendlichen Weite des Ozeans Plastikteile treiben. Charles Moore ist seither auch als Ozeanograf tätig. Er forscht und publiziert über den Plastikmüll im Pazifik, der unter dem nicht besonders zutreffenden Begriff „Großer Pazifischer Müllfleck“ (Great Pacific Garbage Patch) schlagartig in die Medien kam. Mittlerweile wird der Plastikmüll von zahlreichen anderen Wissenschaftern erforscht. Sie fischen danach in Ozeanen, filtern Wasser in Seen und Flüssen, fotografieren Meeresböden, sortieren Treibgut und Sandkörner an Stränden, analysieren den Mageninhalt von Fischen und Wasservögeln. Und finden immer und überall und in jeder Größe vor allem eines: Plastik.
Plastik treibt mit den Meeresströmungen Das Rätsel um die erstaunliche Müllverdichtung in manchen Meeresregionen ist inzwischen gelöst. Fünf gewaltige Wasserwirbel rotieren im Uhrzeigersinn zwischen den Kontinenten: der nordpazifische, der südpazifische, der nord- und der südatlantische sowie der Strömungswirbel des Indischen Ozeans. Angetrieben werden sie von der Erdrotation sowie von Unterschieden in Temperatur und Salzgehalt des Wassers. Was immer an Plastik in diese großen Strömungen gerät, treibt mit im Kreis. Plastikteile an den äußeren Rändern der Wirbel werden an die Küsten geschwemmt. So landet ein Flipflop aus Japan in Kalifornien oder ein Feuerzeug aus San Francisco auf Hawaii. Diese Inselgruppe wird von Ost und West mit Müll versorgt, einer ihrer Strände trägt den Namen „Junk Beach“. Wie schnell das Plastik unterwegs ist, zeigen Teile, die vom Tsunami in Japan mitgerissenen wurden. Schon ein Jahr später tauchten sie an der amerikanischen Westküste auf. Plastik, das ins Innere des Müllstrudels gelangt, entkommt nicht mehr: Im ewigen Kreisel sammelt sich dort Abfall in immer höheren Konzentrationen.
Strände als Müllkippen und tote Seevögel Nicht nur für den Tourismus ist der Plastikmüll im Meer inzwischen eine gewaltige Bürde – viele Traumstrände von Bali bis Hawaii, von Ghana bis ins Mittelmeer
Plastikland:
wären längst keine mehr, würde der Abfall nicht ununterbrochen eingesammelt werden. Große Stücke wie Containerteile, Plastikplanen oder Netze von Fischerbooten können durchaus gefährlich für Schiffe werden, oder die Suche nach verschollenen Flugzeugen wie der malaiischen MH 370 verzögern: Hunderte gesichtete „Wrackteile“ in der rauen See westlich von Australien hatten sich bei näherer Betrachtung als Müll erwiesen. Vor allem aber leiden Lebewesen am Zivilisationsmüll. Seevögel, Säuger und Fische verhungern mit vollem Magen – voll von Plastik. Die Bilder des Fotografen Chris Jordan von verwesten Vögeln mit Dutzenden bunten Plastikteilen in den Eingeweiden gingen um die Welt. „Ein Großteil der tot am Strand gefundenen Eissturmvögel an der Nordsee“, berichtete Lars Gutow vom Alfred Wegener Institut für Polarund Meeresforschung in Bremerhaven kürzlich in Radio Ö1, „haben einen Essteller voll Plastikmüll im Magen“. Gleich mehrere Kilogramm davon kamen in den letzten Jahren auch bei Obduktionen gestrandeter Wale zum Vorschein – manchmal die Todesursache für die großen Tiere. Die oft scharfkantigen Teile können zu schweren inneren und äußeren Verletzungen führen und den Verdauungstrakt verstopfen. Alte Fischernetze, Plastiksäcke, Sixpack-Halter und Ähnliches quetschen hilflos verhedderten Tieren Gliedmaßen ab oder lassen sie millionenfach ersticken.
In den Gewässern der Erde schwimmen vielerorts schon mehr Plastikteile als Lebewesen. Auch die Donau wird zur Plastiksuppe
Wien. „Im Südpazifik sogar bis zu 80 Prozent.“ Die müllverseuchten Meere, Seen und Flüsse könnte man daher als „Plastiksuppen“ beschreiben.
Der Meeresboden wird plastifiziert Die meisten Plastikteile schwimmen gar nicht an der Wasseroberfläche. Oft werden sie bewachsen. Zuerst mit Biofilmen, danach mit größeren Organismen wie Muscheln oder Seepocken. Das macht sie schwerer und lässt sie nach unten sinken. Manche Organismen sterben dabei ab. Dann steigen die Plastikpartikel wieder auf. Andere Teile sinken bis auf den Meeresgrund oder den Grund von Süßwasserseen. Dieses Absinken dürfte eine Erklärung dafür sein, warum eine 2010 publizierte Studie im Magazin Science, die Messungen im Atlantik aus mehr als zwei Jahrzehnten auswertete, keine Zunahme an Mikroplastik über die Jahre fand. Dass der Meeresboden tatsächlich voll Müll ist, zeigte eine im Frühjahr veröffentlichte Untersuchung des europäischen Atlantiks und des Mittelmeers. Sie war unter Leitung Christopher Phams vom Meeresforschungsinstitut der Universität der Azoren in Kooperation mit zahlreichen anderen Forschungsstellen durchgeführt worden. Das nicht abbaubare Plastik fand sich bis in 4500 Metern Tiefe, bis zu 2000 Kilometer von Europas Küste entfernt und selbst in so entlegenen Gebieten wie der Arktis.
Mikroplastik macht aus Meeren Plastiksuppen
Plastik gegen Plankton: 46 zu 1
Noch schlimmer als die großen sind kleine Plastikteile – darin ist sich die Forschungsgemeinschaft mittlerweile einig. Sie fasst unter dem Begriff „Mikroplastik“ alle Partikel zusammen, die kleiner sind als fünf Millimeter, von Splittern und Kügelchen, die Strände bunt färben, bis hin zu nur unter dem Mikroskop sichtbaren Plastikfasern. Im Gegensatz zu Stoffen wie Holz, die relativ schnell und zur Gänze abgebaut werden, verändert Plastik nur seine Größe. Einerseits ist Mikroplastik ein Zerfallsprodukt: Größere Teile werden durch UVStrahlung porös und zu immer kleineren Fragmenten zermahlen. In der Waschmaschine reibt es sich von Kunstfasern ab. Gezielt zum Einsatz kommt es in den Produkten der Kosmetik- und Waschmittelindustrie. Für Flusensiebe und Kläranlagen meist zu klein, gelangen diese Partikel über die Flüsse ins Meer. Mikroplastik macht den Löwenanteil des Kunststoffs im Wasser und an den Stränden aus. „Im Nordatlantik sind sechzig Prozent aller Plastikpartikel zwischen zwei und sechs Millimeter groß“, sagt der Limnologe Aaron Lechner vom Department für Limnologie und Ozeanografie an der Universität
1999 untersuchte das Forschungszentrum Algalita des eingangs erwähnten Charles Moore das Verhältnis von Plastikteilen und Plankton im Oberflächenwasser des nordpazifischen Strömungswirbels. Die per Netz eingefangenen Teilchen – im Durchschnitt 300.000 pro Quadratkilometer – erbrachten schon damals sechsmal mehr Gewicht als das Trockenplankton. Im Jahr 2008 hatte sich die Menge in den gleichen Gebieten auf über 750.000 Teile mehr als verdoppelt. Das Verhältnis von Plastikteilen zu Plankton lag bei 46:1. Vergleichbare Mengen wurden in Teilen des Nordatlantiks gefunden.
An der schönen, blauen Plastikdonau Aaron Lechner, Uni Wien: „Man spricht bei Plastik von einer millionenfachen Erhöhung der Schadstoff konzentration im Vergleich zum umgebenden Wasser“
Noch eher am Anfang steht das große Zählen der Plastikanteile im Süßwasser. Voll mit Mikroplastik sind beispielsweise die Großen Seen in den USA, der Genfer und der Gardasee. Für die Donau legte ein Wiener Team, dem auch Aaron Lechner angehört, kürzlich einen Befund vor – den ersten für einen großen Fluss. „Wir wollten eigentlich die Bewegung von Fischlarven untersuchen“, erzählt Projektleiter Hubert Keckeis vom Department für Limnologie
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Plastikland: der achte Erdteil
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Der achte Erdteil ische Mikroplastik, im Durchschnitt mehr F als zwei Teile. Auch in der Donau wurde Plastik in kleinen Fischen, in der Nordsee zudem in Langusten nachgewiesen. Für manch kleinen Organismus wird das Treibgut auch zum Transportvehikel. Die Arten gelangen damit in Gegenden, in die sie nicht gehören – sogenannte Bioinvasoren. „Wir haben immer wieder nicht heimische Arten auf treibenden Objekten gefunden“, erzählt Gutow, „die können ein Ökosystem ganz schön auf den Kopf stellen“. Ein weiteres Problem sind Umweltgifte, also all die den Kunststoffen zugesetzten Schadstoffe wie Flammschutzmittel oder Weichmacher, die ihnen ihre verschiedenen Eigenschaften verleihen. Solche Chemikalien können auf zwei Wegen zum Menschen gelangen: „Entweder werden sie aus dem Plastik ausgewaschen; bei Fischen und Vögeln wurde bereits gezeigt, dass sie sich im Gewebe anreichern können, sie passieren also die Magen-Blut-Schranke“, erklärt Lechner. Zum anderen hat Plastik eine höchst ungesunde Eigenschaft: Es wirkt wie ein Magnet auf Schadstoffe jeder Art, vom Erdölfilm auf dem Wasser über Giftstoffe bis hin zu Krankheitserregern. „Man spricht von einer Anreicherung im Bereich 106 oder 107, also einer millionenfachen Erhöhung der Schadstoffkonzentration im Vergleich zum umgebenden Wasser.“ Wird solcherart kontaminiertes Mikroplastik geschluckt, sind Gesundheitsschäden mehr als wahrscheinlich (siehe auch Bericht Seite 16). Beobachtet wurden bei Fischen beispielsweise Leberschäden oder erhöhte Sterblichkeit, erzählt Keckeis. Über die Nahrungskette hinauf könnten solche Gifte dann auch in unseren Mägen landen.
und Ozeanografie an der Universität Wien. „Sie wachsen an anderen Orten auf, als die Fischeier abgelegt wurden. Wie sie dorthin kommen, ist noch kaum bekannt.“ Zwei Jahre lang nahm sein Team im Großraum Schwechat und Wilfersdorf dafür 900 Proben, wobei mehr Plastikteile in den Netzen hängenblieben als Larven. Die gesammelte Kunststoffmenge rechnete das Team auf rund 4,2 Tonnen hoch. 4,2 Tonnen Plastik, das täglich von der Donau ins Schwarze Meer gespült werde. „Dieses Ausmaß der Verschmutzung“, so Keckeis, „hat uns doch überrascht“. Achtzig Prozent der gesammelten Partikel waren übrigens industrielles Rohmaterial: sogenannte Pellets, verloren von den großen Plastikherstellern flussaufwärts.
Ist Mikroplastik eine Gefahr für die Gesundheit? Auf welche Weise und in welchem Ausmaß dieses Mikroplastik für Menschen gesundheitlich bedenklich ist, wird derzeit weltweit untersucht (siehe auch Bericht Seite 14). „Für kleine Fische“, so Lechner, „kann schon ein einziges verschlucktes Teilchen tödlich sein“. Ebenso müssen die langfristigen Folgen einer Aufnahme für jene Tierarten erst geklärt werden, die ihre Nährstoffe über Kiemen aus dem Wasser gewinnen wie Heringe. Eine Bestandsaufnahme im Nordpazifik erbrachte im Verdauungstrakt von mehr als einem Drittel der Plankton fressenden
Hubert Keckeis, Uni Wien: „Das Ausmaß der Verschmutzung der Donau mit Plastik hat uns doch überrascht“
MikrOMIK soll nun klären, ob Plastikteilchen, die wieder ausgeschieden werden, Krankheitserreger aus den Tieren nach außen transportieren. Bewahrheitet sich diese These, so Matthias Labrenz vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde und einer der MikrOMIK-Projektleiter, „ist durch die Omnipräsenz und leichte Verbreitung des Mikroplastiks ein hohes Gefährdungspotenzial gegeben“.
Und was machen wir nun mit all dem Plastik?
Omnipräsent – und es wird immer mehr. Pro Jahr werden weltweit etwa 280 Millionen Tonnen Plastik erzeugt, bis zu zehn Prozent davon gelangen in die Gewässer der Erde. Hunderte Millionen Tonnen dürften inzwischen in den Weltmeeren treiben, genauere Zahlen kennt niemand. Ein gewaltiges Problem, dem mit medienwirksamen Sammelaktionen am Strand nicht beizukommen ist. „Sie sind wichtig, weil sie das Bewusstsein schärfen“, betont Lars Gutow. Initiativen wie „Fishing for Litter“ des deutschen Naturschutzbundes, der Fischer dazu aufruft, mitgefangenen Müll an Land zu deponieren, könnten zudem das eine oder andere Forschungsergebnis liefern. Doch die einzige wirksame Möglichkeit zur Eindämmung des weltumspannenden Plastikmüllmeerproblems sei, den Werkstoff, der aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken ist, gar nicht erst ins Wasser kommen zu lassen. Dafür bedürfe es einer Vielzahl an Maßnahmen, die weit im Landesinneren beginnen müssten. „Für die Bekämpfung von Müll ist ganz entscheidend, dass wir ihm einen Wert beimessen“, ist Meeresforscher Gutow überzeugt. Pet-Flaschen, die Geld bringen, Unsere Zukunft – werden nicht mehr weggeworfen, sondern die Plastisphäre? eingesammelt. Das Projekt MikrOMIK – ein ForschungsEine Wiederverwertung im großen Maßnetzwerk unter deutscher Leitung – wird stab scheitert bisher allerdings unter ansich in den nächsten drei Jahren der Fra- derem an den zahllosen und kaum konge widmen, wie bedenklich die Besiedlung trollierbaren Plastikmischungen. „Eine Vervon Mikroplastik mit Krankheitskeimen einheitlichung der Kunststoffzusammensetist. Dass sich manche Erreger auf Kunst- zung ließe die Wiederverwertbarkeit und stoff besonders wohl fühlen, ist mittlerwei- damit den Wert von Plastik automatisch le erwiesen: Erik Zettler von der Sea Edu- steigen“, erklärt Gutow. cation Association, Tracy Mincer von der Weitere Vorschläge sind etwa VerboWoods Hole Oceanographic Institution und te von Plastiksäcken und Plastikflaschen Linda Amaral-Zettler vom Marine Biolo- oder eine deutlich engmaschigere Kontrolgical Laboratory in den USA prägten dafür le der plastikerzeugenden Industrie. Welche 2013 das eingängige Wort „Plastisphäre“. Mengen Industrieplastik sie an Flüsse und Die Meeresforscher fanden heraus, dass der Seen verliert, zeigen die Strände der Welt: Müll im Meer in kürzester Zeit von einer Pellets, das Ausgangsprodukt jedes PlasVielzahl an Keimen besiedelt wird, etwa tikteils, finden sich heute rund um den GloVibrio-Bakterien – eine Art davon löst bus praktisch überall. Zwar verlauten die Cholera aus. „Die Plastisphäre ist ein mög- zuständigen Verbände reflexartig, das Mateliches Gesundheitsrisiko für Weichtiere, rial sei gesundheitlich sowie von der Menge Fisch und vielleicht den Menschen“, warnte her unbedenklich. Doch die bis heute vor- Linda Amaral-Zettler im Februar auf dem liegenden Forschungsergebnisse legen 2014 Ocean Sciences Meeting in Hawaii. andere Schlüsse nahe.
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Plastikland: der achte Erdteil
Hormonaktive Kunststoffe Werner sturmberger
Bisphenol A sorgt für biegsames Plastik, aber wahrscheinlich auch für Entwicklungs störungen und chronische Krankheiten
Johann Steinwider, Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit: „Bei hormonaktiven Substanzen lässt sich zwischen Menge und Wirkungen keine einfache Kurve ableiten“
Fast jeder trägt es in sich Um die vorletzte Jahrhundertwende in Marburg erstmalig hergestellt, sollte es dreißig Jahre dauern, bis BPA wieder Aufmerksamkeit auf sich zog. Auf der Suche nach einem Ersatzstoff für Östrogen wurde es von britischen Biochemikern in den Dreißigerjahren wiederentdeckt, aber aufgrund seiner schwachen Wirkung wieder eingemottet. Ein halbes Jahrhundert später, als Plastik schon längst seinen Siegeszug angetreten hat, taucht es wieder in größeren Mengen auf. Diesmal als Bestandteil von Polykarbonaten. In den Achtzigerjahren, als der Verbrauch von Plastik erstmals den von Stahl überstieg, begann BPA dramatisch an Bedeutung zu gewinnen. Mittlerweile werden jährlich rund vier Millionen Tonnen
Klaus Rhomberg, Umweltmediziner, Management Center Innsbruck: „Es braucht einen grundlegenden Wertewandel und ein anderes Konsumverhalten abseits einer von Plastik dominierten Wegwerfgesellschaft“
produziert, was BPA zu einer der häufigsten Chemikalien macht. BPA wirkt in Kunststoffen wie ein Schmiermittel. Es erlaubt langen Molekülketten, aneinander vorbeizugleiten. So werden harte und spröde Polykarbonate weich und biegsam. Es findet sich in Kunstoffbehältern und -flaschen sowie medizinischen Geräten. Es kommt aber auch in Epoxidharzen vor. Diese dienen als Beschichtung bei Konserven- und Getränkedosen, Trinkund Abwasserbehältern sowie -rohren. Im Körper wirkt BPA wie das Hormon Östrogen. Auch Phthalate weisen diese Wirkung auf. Sie finden vor allem in Polyvinylchlorid (PVC) Anwendung, das bei Lebensmittelverpackungen, aber auch in der Medizin weit verbreitet ist. Kunststoffe sind, so unverwüstlich sie uns erscheinen mögen, recht fragile Gebilde. Gerade unter Einwirkung von Sonne, hohen Temperaturen oder mechanischen Belastungen verändern sie sich. Sie können vergilben, schmelzen, brechen oder zerkratzen und setzen für uns unsichtbar Inhaltsstoffe frei. Gerade im Kontakt mit heißem Wasser löst sich BPA besonders gut aus Plastik. Über in Kunststoff oder in Konservendosen verpackte Lebensmittel gelangt BPA in den menschlichen Körper. Im Trinkwasser kommt es so gut wie nicht vor. Die meisten Menschen tragen Spuren von BPA in sich. Das National Health and Nutrition Examination Survey 2003–2004 ergab, dass 93 Prozent der US-Bevölkerung über sechs Jahren Spuren von BPA im Urin aufweisen.
Selbst in niedrigen Dosen wirksam BPA ist nicht nur ein Lehrstück über den Wert unabhängiger Forschung. Es ist eine neuartige Herausforderung für alle damit befassten Disziplinen und stellt gängige naturwissenschaftliche Versuchsanordnungen vermehrt vor Probleme. Die Ergebnisse von Tierversuchen lassen sich nur bedingt auf Menschen übertragen, die Versuchsanordnungen selber aus naheliegenden Gründen gar nicht. Die Aufnahme von BPA oder Phthalaten erfolgt oft unbewusst und in Kombination mit vielen anderen Umwelteinflüssen. Allein schon in Kunststoffen finden sich oft Mischungen von BPA und unterschiedlichen Phthalaten. Die Wechselwirkungen zwischen diesen Substanzen sind weitgehend unbekannt. All das macht es auch so schwierig, lückenlose Evidenzketten zu konstruieren, wie etwa zwischen Tabakkonsum und Lungenkrebs oder kalorienreicher Kost, wenig Bewegung und Übergewicht. Erschwerend kommt hinzu, dass sich hormonaktive Substanzen nicht wie einfache Giftstoffe verhalten. „Bei hormonaktiven Substanzen lässt sich zwischen Menge und Wirkungen keine einfache Kurve ableiten“, sagt Johannes Steinwider von der Agentur für Gesundheit und Ernährungs
sicherheit. Niedrige verhalten sich oft anders als hohe Dosen. Neben der Menge ist auch der Zeitpunkt der Aufnahme des Wirkstoffs wichtig. „Bei der Entwicklung des Kindes im Mutterleib gibt es Zeitfenster, wo schon geringste Dosen einen großen Einfluss haben. Da reichen wenige Moleküle pro Zelle und man hat schon einen Effekt. Wenn das Fenster nicht offen ist, kann man höher dosieren, ohne eine Wirkung festzustellen“, erklärt Umweltmediziner Rhomberg. Gerade Neugeborenen fehlen die Enzyme, um hormonwirksame Substanzen umzuwandeln und auszuscheiden. Schon kleine Mengen gelangen so ungehindert in die Blutbahn. Für Steinwider ist daher klar, dass es Erweiterungen etablierter toxikologischer Konzepte bedarf, um die Risiken dieser Wirkstoffe abwägen zu können.
Ist ein Verbot kontraproduktiv? Die Dynamik der Debatte lässt sich auch anhand der in der EU gültigen Grenzwerte beobachten. Bis 2006 galten zehn Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag als sicher und unbedenklich. Im Lichte neuer Studien betrachtete die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit die Risiken von BPA als bekannt und kalkulierbar und erhöhte unter massiven Protesten von Forschern und NGOs aus Umwelt und Konsumentenschutz den gültigen Grenzwert auf 50 Mikrogramm. Infolge einer Neuevaluierung wurde der Grenzwert für BPA zu Beginn des Jahres auf fünf Mikrogramm gesenkt. Nun geht man europaweit von einer Beeinträchtigung der Entwicklung und möglicher Minderung der Fruchtbarkeit aus. Daher gilt ein Verbot für BPA in Babyfläschchen. In Österreich sind auch BPA-haltige Schnuller verboten. In Frankreich gilt ein generelles Verbot von BPA in Lebensmittelverpackungen für Kindernahrung. Im nächsten Jahr soll das Verbot auf sämtliche Lebensmittelverpackungen ausgeweitet werden. In der Schweiz nimmt man dagegen von einem solchen Verbot Abstand. Dieses würde zum Einsatz wenig erforschter Stoffe führen. „Das würde bedeuten, dass ein gut charakterisiertes Risiko durch ein deutlich schlechter einschätzbares Risiko ersetzt würde“, folgert das Schweizer Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. Auch Rhomberg hält ein Verbot von BPA für zu kurz gegriffen: „Es macht keinen Sinn, eine Substanz gegen eine andere zu ersetzen, die bestimmt auch wieder Nebenwirkungen haben wird. Es braucht einen grundlegenden Wertewandel und ein anderes Konsumverhalten abseits einer von Plastik dominierten Wegwerfgesellschaft. Grundsätzlich kann uns nur die Rückkehr zu Naturstoffen bzw. zu altbekannten Werkstoffen wie Glas, Porzellan oder Keramik aus dem Dilemma helfen.“
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ine Studie der U.S. Food and Drug Administration, die behördliche Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelzulassungsbehörde der USA, sorgt für Aufsehen. Laut dieser hat Bisphenol A (BPA) in niedrigen Dosen keine Auswirkungen auf die Gesundheit schwangerer und neugeborener Ratten. Ein Ergebnis, das von vielen Experten stark angezweifelt wird. Was die Studie aber unbeabsichtigt auch zeigt: BPA ist praktisch überall und unvermeidbar. In den Tieren der Kontrollgruppe, denen die Substanz nicht verabreicht wurde, fanden sich vergleichbar hohe Mengen wie in jenen der Versuchsgruppe. Wie es in die Tiere der Kontrollgruppe gelangte, ist nach wie vor nicht geklärt. Bisphenol A steht im Verdacht, die Entwicklung von Adipositas, Diabetes, Asthma, kardiovaskuläre Erkrankungen und die Bildung von Prostata- und Uteruskarzinomen zu begünstigen. Des Weiteren gilt es als Faktor bei verfrüht einsetzender Pubertät und Störungen der Fertilität und der Gedächtnisleistung. In den letzten zwanzig Jahren hat die Forschungstätigkeit auf diesem Gebiet rasant zugenommen und Studien mit teils konträren Ergebnissen hervorgebracht. Für Klaus Rhomberg, Umweltmediziner in Innsbruck, erklären sich diese stark abweichenden Studienergebnisse nicht nur aufgrund rein wissenschaftlicher Kriterien: „Noch nie hat eine von der Industrie finanzierte Studie die Gefahren von BPA bestätigt. Umgekehrt gibt es keine Studie unabhängiger Forscher, die BPA als unbedenklich einstuft.“ Eine Einschätzung, die auch Frederick vom Saal von der University of Missouri in Columbia teilt. Er wertete 115 Studien aus. Keine einzige von der Industrie finanzierte Studie brachte schädliche Ergebnisse zutage. Dagegen berichteten neun von zehn Studien von Universitäts- oder Regierungsforschern von schadhaften Veränderungen. Allein in den USA steht hinter der Produktion von BPA eine Sechs-Milliarden-DollarIndustrie von nur fünf Unternehmen.
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Bioplastik ist, verglichen mit Erdöl, zu teuer Hannes Frech vom Institut für Naturstofftechnik des ITA Tulln, über eine Alternative zu Erdöl-Plastik jochen stadler
werden händisch vorsortiert, dann geschred dert. Die einzelnen Materialien können an hand ihrer Eigenschaften technisch aufge trennt und wiederverwertet werden.
Woraus sind Biokunststoffe gemacht? Hannes Frech: Aus nachwachsenden Rohstof fen wie Mais, Zucker oder Zellulose. Sie können aber auch zum Teil oder vollstän dig aus Erdöl bestehen. Und was ist dann ,bio’? Frech: Dass sie kompostierbar sind. Was be deutet, dass sie in einer Industriekompost anlage nach drei Monaten zu 90 Prozent verschwunden sein müssen. Das heißt aber nicht, dass sich Bioplastiksackerln im Kom posthaufen oder in der Natur in absehba rer Zeit auflösen.
„Von all dem Erdöl, das gefördert wird, verwendet die gesamte chemische Industrie nur sieben Prozent, Und jene aus nachwachsenden Rohstoffen? Frech: Da gibt es zum Beispiel PLA-Bioplas der Rest wird als tik, das aus Maisstärke hergestellt wird und Treibstoff oder zum kompostierbar ist. Im Gegensatz dazu ist Heizen verbrannt“ Biopolyethylen, ein sehr guter Biokunststoff aus Zuckerrohr, nicht biologisch abbaubar. Hannes Frech Ich finde es in Österreich durchaus sinn voll, weiterhin herkömmliche Kunststoffe einzusetzen und diese nach Gebrauch zu recyceln. Hier gibt es überall Sammelbe hälter für Erdölkunststoff, aber nicht für Biokunststoffe, weil die Menge davon viel zu gering ist. Welchen Anteil des herkömmlichen Plastiks kann man recyceln? Frech: Rein technisch alles. Zu hundert Prozent. Die Kunststoffe im gelben Sack
Kann man aus Biokunststoff alles herstellen? Frech: Ich glaube nicht, dass man derzeit alle Kunststoffprodukte aus Biokunststoff produzieren könnte. Bei der Wärmeformbe ständigkeit und den mechanischen Eigen schaften stoßen sie immer noch an Gren zen. Wo ihre Verwendung Sinn macht, ist bei Spielzeug und in der Lebensmittelindustrie. Derzeit weiß niemand, welche bedenklichen Zusätze in den Kunststoffen für Spielzeug wirklich stecken. Vor weni gen Jahren wurde Bisphenol A verboten. Ich gehe davon aus, dass in klassischen Biokunststoffen keine giftigen Weichma cher und Zusatzstoffe sind, die einen Men schen gefährden könnten. Wie hoch ist der Marktanteil der Biokunststoffe? Frech: Der weltweite Kunststoffverbrauch liegt bei zirka 250 Millionen Tonnen, nur 1,4 Millionen Tonnen sind Biokunststoff. Er wird von den Konsumenten nicht beson ders gut angenommen, denn Biokunststoffprodukte kosten in der Regel zwei bis drei mal so viel wie ihre Konkurrenz aus her kömmlichem Kunststoff.
Kann sich Bioplastik d urchsetzen, wenn Erdöl noch teurer wird? Frech: Dazu müsste es massiv teurer wer den. Von all dem Erdöl, das gefördert wird, verwendet die gesamte chemische Industrie nur sieben Prozent, der Rest wird als Treibstoff oder zum Heizen verbrannt. Man könnte viel mehr einsparen, wenn man die Häuser besser dämmt und weniger mit dem Auto fährt, als wenn man alle Kunststoffe aus Pflanzen herstellt. Konkurriert Biokunststoff mit Lebensmitteln? Frech: Wir haben vor Kurzem mit einer deutschen Firma Kleiderbügel aus PLABioplastik hergestellt, die wir den großen, weltweit agierenden Sportartikelherstellern angeboten haben. Diese lehnten sie nicht ab, weil die Bügel zu teuer wären, sondern weil sie sich als internationale Konzerne nicht der Kritik aussetzen wollten, dass sie Menschen das Essen wegnehmen. Es wer den aber zum Beispiel sechzig Prozent der produzierten Stärke für Karton verwendet, weil Papier ohne Stärkekleister einfach auseinanderfallen würde. Das weiß so gut wie keiner, und niemand regt sich darü ber auf. Wenn man Biokunststoff aus der selben Stärke macht, entsteht jedoch eine heftige Diskussion. Es ist teilweise schon sehr kurios, welche Argumente für oder gegen Biokunststoffe gebracht werden.
Meerjungfrautränen auf den Malediven Die Meeresbiologin bei den IUCN Maldives Marine Projects über Plastikpellets in der Südsee
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ie Träne einer Meerjungfrau treibt an mir vorbei, als ich gerade am Riff tauche. Beinahe weine ich mit. Wenn man auf der Insel, auf der ich woh ne, einen Strandspaziergang macht und die Sandkörner zwischen den Fingern zer reibt, findet man auch dort Meerjungfrau tränen. Es gibt keine Küste, keinen Sand strand, keine auch noch so entlegene Insel oder Tiefsee, die noch nicht davon in Besitz genommen wurde. Zu Millionen schwär men Meerjungfrautränen in den Ozeanen unserer Erde. Die Rede ist von Plastikpellets, kleinen Knöpfchen von der Größe zweier Steckna delköpfe. Ihr Material wird aus raffiniertem Petroleum gewonnen, das über Zwischen formen zu einer Mehrfachkette aus Ethylen und Propylen verklebt wird. Nach der For mung zu langen, hauchdünnen Schläuchen schneidet ein Messer das Plastik zu Pellets. Man transportiert sie zu Fabriken überall
„Schwangeren Frauen würde ich vom Verzehr von Meeresfischen unbedingt abraten“ Barbara Gratzer
auf der Welt mit dem Ziel, etwas Größeres aus ihnen zu bauen: Plastikflaschen und Schraubverschlüsse, Kühlschränke, Ste reoanlagen oder Computer. Plastik ist ein fester Bestandteil unseres Alltags. Aufgrund ihrer Winzigkeit schaffen es jedoch viele Pellets kaum aus ihrer Pro duktionshalle. Menschen verlieren sie im merzu: beim Schaufeln, beim Fahren und beim Beladen eines Schiffs. Der nächste Re gen wäscht sie in die Flüsse, von denen sie bis ins Meer getragen werden. Manchmal gehen die Pellets gleich direkt im Meer ver loren. Vor zwei Jahren traf das Transport schiff Yong Xin Jie, unterwegs von Guangz hou nach Shantou bei Hongkong, auf den Typhon Vicente. Es war mit einhundert fünfzig Tonnen Plastikpellets des Ölgigan ten Sinopec beladen. Sieben Container mit über sechs Millionen Pellets gingen über Bord, sechs davon konnten nicht geborgen werden. Die Pellets verseuchten Strände
und Wasser des Südchinesischen Meeres. Hunderte Freiwillige waren wochenlang damit beschäftigt, die winzigen Pellets an den Stränden einzusammeln. Im Meer treiben sie lange Zeit an der Oberfläche und ziehen dabei Chemikalien an, insbesondere solche langlebiger organi scher Schadstoffe. Treibend sehen sie Fisch eiern zum Verwechseln ähnlich und werden von Fischen und anderen Meereslebewesen gefressen. Auf diesem Weg gelangen Plastik und Chemikalien in die Fischmägen. Das Kunststoffmaterial verleiht den Tieren ein fiktives Sättigungsgefühl. Der Körper wird durch das Plastik daran gehindert, Nähr stoffe aus natürlicher Nahrung aufzuneh men. Dies kann bis zum Hungertod der Tiere führen. Außerdem führen die aufge nommenen Chemikalien zu Unfruchtbar keit und Krankheiten. Schwangeren Frauen würde ich deshalb vom Verzehr von Meeresfischen unbedingt abraten.
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Barbara gratzer
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Plastikland: der achte Erdteil
Unser Plastikmüll: Das Glossar Jochen stadler
Abbau von Kunststoffen
Normaler Plastikmüll ist biologisch praktisch nicht abbaubar, sondern wird in der Natur nur durch die Strömung in Flüssen, durch Meereswellen und andere mechanische Einflüsse zu Mikroplastik zerkleinert.
Erdöl
Strategie von Couch-Potatoes, die zu bequem sind, jeden Tag den Müll hinaus- oder hinunterzutragen.
Stoff aus toten Urzeit-Lebewesen, der äußerst unzugänglich in der Erdkruste eingelagert ist, von den Menschen mit großem Aufwand herausgepumpt, quer über den Erdball geleitet, geschifft und gekarrt sowie technisch aufbereitet wird, um das Produkt schließlich größtenteils zu verbrennen und aus einem Bruchteil Gegenstände herzustellen, die einige Stunden bis Jahrzehnte benutzt werden.
Autonomie
Kompostierbarkeit
Abfallvermeidung
Verschafft in Österreich jeder Gemeinde die Möglichkeit zu entscheiden, wie sie Müll getrennt haben will, was zur Verwirrung der Verbraucher weidlich ausgenutzt wird. Altpapier
Abfallstoff, den sogar die Wiener fast vollständig in die richtige Mülltonne werfen. Biokunststoff
Kunststoff aus Mais, Reis oder Zellulose, der oft, aber nicht immer kompostierbar ist. Auch biologisch abbaubares Erdöl-Plastik darf sich so nennen. Bisphenol A
Weichmacher und Stabilisator für Kunststoffe, der entdeckt wurde, als Substanzen für die Hormontherapie gesucht wurden, die wie das weibliche Sexualhormon Östrogen wirken. Dafür war Bisphenol A (BPA) nicht gut genug, umso mehr wird es in der Kunststoffindustrie verwendet. In der EU sind BPA-hältige Babyflaschen verboten. Die Behörde für Lebenssicherheit bewertet aktuell seine Gesundheitsrisiken aufgrund zahlreicher Studien neu, die krankmachende Effekte von BPA zeigen. DEHP
Weichmacher, der aus Kunststoffen entweicht und so zum Beispiel aus der Verpackung in Lebensmittel eindringt. Er darf derzeit nicht in Babyartikeln und Spielzeug enthalten sein und ist ab Jänner 2015 in der EU ohne spezielle Zulassung verboten, weil er die menschliche Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen und Ungeborene schädigen kann. Downcycling
Wenn der Rohstoff beim Recycling an Qualität verliert und nur ein minderwertigeres Produkt daraus hergestellt werden kann – etwa ein Boulevardblatt aus vormaligem Klopapier.
Bedeutet nach EU-Norm, dass sich Bioplastiksackerl in industriellen Kompostieranlagen in zwölf Wochen zu 90 Prozent aufgelöst haben müssen. Da in der Praxis aber viel kürzer kompostiert wird, sortiert man diese meist vorher aus, um sie mit dem Restmüll zu verbrennen. Kunststoff
Stoff, der aus Millionen sehr langer, ineinander verschlungener PolymerMolekülketten besteht, dessen Verwendung exponenziell steigt. Mehrweg
Abfallvermeidende, aber unbequeme Verpackung wie Pfandflaschen, die man umständlicherweise wieder zurück in den Laden bringen muss, statt sie einfach wie Getränkedosen an den Wegrand zu werfen. Mikroplastik
Winzige Kunststoffteilchen, die aus Plastikmüll entstehen, wenn er in Fluss und Meer von Wellen und Sonnenlicht zerkleinert wird. Sie werden aber auch in der Waschmaschine von Fleecepullis abgerieben oder zwecks verbesserter Wirkung Zahnpasten und Hautschälkurprodukten zugesetzt. Müllstrudel
Kreisverkehr für Plastiksackerln, Einwegrasierer, Zahnbürsten, CD-Hüllen, Feuerzeuge und andere Gegenstände im Nordpazifik, der so groß sein soll wie Österreich, Deutschland und Italien zusammen. Mülltrennung
Sortierspiel, das in den Bundesländern meisterlich und in der Hauptstadt drittklassig beherrscht wird. Müllverbrennung
Dient dazu, das Müllvolumen, das auf Deponien gelagert werden muss, zu reduzieren sowie Strom und Wärme zu gewinnen.
Nylon
Kunststoff, um dessen Namen sich Mythen ranken, stammt er weder von den Anfangsbuchstaben New Yorks und Londons noch vom Ausruf seines amerikanischen Erfinders „Now You Look Old Nippon“ (Japan, jetzt siehst du alt aus mit deiner Naturseide).
Professionisten betriebener Aufwand, kaputtgegangene Einzelteile zu ersetzen, Verschleißteile zu erneuern und die Funktionstüchtigkeit von Geräten mittels handwerklicher Fähigkeiten wiederherzustellen. Wird heute schon beim Produktdesign weitgehend verhindert.
Obsoleszenz
Restmüll
Weil etwa ein Handy ziemlich bald obsolet, also veraltet ist – zu dick oder zu wenig breit, zu viele Tasten, zu grau oder zu farbig, weder Kamera noch GPS und WLAN –, und es viel besser aussieht, wenn man seinen tellergroßen Tabletrechner zum Telefonieren ans Ohr hält, müssen Kunden in immer kürzeren Abständen immer teurere Geräte kaufen und den Herstellern Gewinne bringen. PET-Flaschen
Container, der alles frisst, was man nicht trennen soll oder will. Schießbaumwolle
Grundstoff für den vermutlich ersten Biokunststoff, aus dem ab 1869 Billardkugeln hergestellt wurden. Solche Zelluloidkugeln knallten angeblich bei dem Zusammenstoß wegen des hohen Anteils an Schießbaumwolle manchmal so heftig, dass Cowboys reflexartig ihre Colts zogen.
Ein- oder Mehrweg-Flaschen aus Polyethylenterephthalat für Getränke, die entgegen anderslautenden Gerüchten in den Müllverbrennungsanlagen nicht wieder zum Restmüll gegeben werden, um dessen Heizwert zu steigern.
Sondermüll
Plastiksackerl
Zusätze in Kunststoffen, die etwa verhindern, dass Luftsauerstoff, Hitze und UV-Licht seine Polymer-Ketten zerlegen, oder sie weniger brennbar machen.
Mit zweifelhaftem Ruf ausgestattetes Transportbehältnis für Einkaufswaren, das im Schnitt 25 Minuten lang benutzt wird und 400 Jahre in der Umwelt überdauern kann. Polymer
Ein Stoff, der aus langen, schnurförmigen oder verzweigten Ketten aus sich stets wiederholenden Grundbausteinen besteht. Recycling
Disziplin, in der das rohstoffarme Österreich aus der Not eine Tugend gemacht hat und europaweit mit einer Gesamtrecyclingquote von knapp 63 Prozenten (2011) führend ist. Recycling-Code
Eine zweistellige Nummer in einem Dreieck aus drei geknickten Pfeilen verrät für alle, die es nicht auf andere Art erkennen, ob eine Flasche aus grünem, braunem oder farblosem Glas ist, die Einkaufstüte aus Papier oder Baumwolle besteht, und dient zur Unterscheidung von sieben verschiedenen Kunststoffen zwecks Recycling. Reparatur
Bis Ende des vorigen Jahrhunderts ein gebräuchlicher, von Privaten und
Elektroschrott, Asbest und andere Problemstoffe, die in Industrieländern teuer entsorgt oder schnell und billig in Entwicklungs- und Schwellenländer abgeschoben werden. Stabilisatoren
Tiefsee
Weitgehend unerforschte, aber längst zugemüllte Ozeanwelt mehr als 800 Meter unter dem Meeresspiegel. Tierkörperverwertung
Recycling von Waldi, Mietzi und Schlachtabfällen zu Brennstoff für Kohlekraftwerke, Dünger, Schmierfett und Biogas. Upcycling
Wenn beim Recycling ein höherwertiges Produkt aus dem wiederverwerteten Rohstoff erzeugt wird, etwa ein Hightech-Outdoor-Fleecepulli aus PET-Flaschen. Verpackung
Schutz- und Präsentierhülle, die um ein Vielfaches größer und ansprechender sein kann als ihr Inhalt. Weichmacher
Machen die Polymer-Ketten von Kunststoffen beweglicher, dadurch sind sie weniger spröde und brechen nicht so leicht.
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wissenschaftspolitik
„Wir müssen attraktiv sein“ Sabine Edith Braun
Bei einer Podiums diskussion an der Universität Wien wurde über die künftige Ausrichtung der Wissenschaft in Österreich gesprochen
Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses Die Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt spricht die Kluft in der Wertigkeit zwischen Natur- sowie Sozial- und Geisteswissenschaften an: „Das ausschließlich naturwissenschaftlich-technische Denken der jetzigen Zeit reicht nicht aus. Sozial- und Geisteswissenschaften sind wichtig und müssen erhalten bleiben.“ Der Rektor der Uni Wien, Heinz Engl, berichtet, dass es mittlerweile in Fächern wie Chemie, Pharmazie oder Physik deutAus dem Publikum der lich mehr Studierende gibt. „Das bringt andere Probleme als in den Geisteswissen- Podiumsdiskussion kam der Einwurf, es gebe schaften – die Laborplätze fehlen.“ Er bean der Mathematikmängelt das „totale Missverhältnis zwiFakultät Postdocs, die schen Ressourcen und Studenten“. Doch dem Aufschrei von Wirtschaftsstu- nach sechs Jahren trotz denten aus 19 Ländern gegen die Einseitig- Habilitation Schwierig keiten hätten, an der keit der Lehre in der Ökonomie kann Engl Universität zu bleiben – zumindest für Wien – nichts abgewinnen:
„Wir haben in Wien eine große Vielfalt im Bereich der Ökonomie.“ Die Lehre selbst sei auf der Höhe der Zeit, es bleibe jedoch die Frage: „Wie schaffen wir eine Balance zwischen Forschung und Lehre? Das Entscheidende sind die Doktoranden. Wichtige Fortschritte geschehen immer dort, wo sie nicht erwartet werden, wie die Geschichte der Entdeckung des Radons zeigt. Wichtig ist Stabilität in der Forschung und längerfristige Finanzierungssicherheit. Hier hilft der FWF – wenn auch quantitativ nicht ausreichend.“ Und das EU-Programm „Horizon 2020“. Es stellt in den nächsten sechs Jahren 80 Milliarden Euro für Forschung und Innovation bereit. Werden in Österreich zu wenige Projekte von Firmen gefördert? Im „Innovation Union Scoreboard“ 2014 der EU liegt Österreich nur noch auf dem zehnten Platz und damit hinter der Gruppe der Innovationsleader. Auch wenn man noch nicht dort sei, wo man hin wolle, nämlich im Spitzenfeld, so habe Österreich bereits sehr gute Erfolge vorzuweisen, meint Minister Mitterlehner. So sei man bei den ERC-Stipendien sehr erfolgreich: Bis Anfang 2014 hat Österreich bereits 109 ERC-Stipendien erhalten. Mit dem FWF und der ÖAW sei vor allem die Nachwuchsförderung stark aufgestellt. Das IST Austria sei ein attraktiver Standort, der immer mehr Spitzenforscher aus dem Ausland nach Österreich ziehe. Nachholbedarf sieht der Minister vor allem in der Verwertung von Ergebnissen aus der Grundlagenforschung und bei der Entwicklung von langfristigen Karrieremodellen: „Wir müssen den Jungen eine Perspektive geben und Anreize für eine wissenschaftliche Karriere schaffen.“ Daher werde sich sein Ressort auch verstärkt dieser Thematik widmen, um etwa die Probleme der Kettenverträge in Angriff zu nehmen. Ulrike Felt meint dazu: „Nachwuchsförderung und Forschung muss man zusammenhalten. Gute Forscher an einer Uni allein reichen nicht.“ Sie plädiert für eine „nachhaltige Wissensökologie“.
Senkung der Drop-out-Raten an den Hochschulen „Ein Beispiel für regionale Verantwortung ist Graz“, sagt Mitterlehner, „wo die FH und Unis mit den Firmen interagiern; es herrsch dort quasi eine ‚anwendungsorientierte Grundlagenforschung‘“. Davon würden auch die „Humanities“ profitieren: „Man geht in Graz ziemlich offen miteinander um. Auch die Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften werden durchaus entsprechend berücksichtigt. Aber wir statten nicht jemanden aus, nur weil er vorhanden ist – er muss sich qualifizieren.“ Für die erfolgreiche Umsetzung des EU-Rahmenprojekts Horizon 2020 müssen in Österreich disziplinenübergreifende Netzwerke errichtet werden, meint Heinz Engl. „Sowohl an den Unis als auch mit außeruniversitären Einrichtungen.“ Ein weiteres Kriterium für künftige Erfolge österreichischer Wissenschaft sei die Senkung der hohen Drop-out-Raten, so eine Wortmeldung aus dem Publikum. Was kann die Politik tun? Reinhold Mitterlehner verweist hier auf
Foto: univer sität wien
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rei engagierte junge Menschen schließen ihre Geschichte-Dissertation mit „Sehr gut“ ab und werden aus den insgesamt 28 mit „Sehr gut“ beurteilten Geschichtedissertationen für den Preis der historisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät ausgewählt. Wer glaubt, eine erfolgversprechende Wissenschaftskarriere sei damit eingeleitet, irrt: Die drei Preisträger arbeiten mittlerweile in Deutschland. Dieses „eklatante“ Beispiel bringt Andreas Schwarcz, Vorstand des Instituts für Geschichte, bei einer Podiumsdiskussion an der Universität Wien. „Wenn wir in Österreich ein gewaltiges Defizit haben, dann das: Welche Perspektiven bieten wir dem wissenschaftlichen Nachwuchs?“, will der Historiker aus dem Auditorium wissen. Auf die Frage an Reinhold Mitterlehner am Podium, ob er mehr Wissenschafts- oder doch mehr Wirtschaftsminister sei, erklärt dieser, dass er in dieser Woche schon mehr „Wissenschafts-“ als „Wirtschaftstermine“ gehabt habe. Es gebe ähnliche Doppelressorts auch in der Schweiz und in Großbritannien. Außerdem sei das neue EURahmenprogramm Horizon 2020 stark wettbewerbsorientiert. Mitterlehner möchte erreichen, dass Österreich noch stärker von EU-Forschungsförderungen profitiert. Zu diesem Zweck wurde ein eigenes Beratungsgremium, das ERA Council Forum Austria, gegründet. „Österreich ist ein guter Forschungsstandort, aber wir müssen das vorhandene Potenzial besser bündeln und interdisziplinäre Kooperationen vorantreiben.“ Der Minister sieht die „befürchtete Ökonomisierung der Wissenschaft“ durch das neue Ressort ausgeräumt. Als Beispiel für bestehende Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft nennt er die Christian-Doppler- Labors, eine Forschungsgemeinschaft zur Förderung der Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft.
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wissenschaftspolitik
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Freistetters Freibrief
Begeisterung Florian Freistetter
Prozent der ÖsterreicherInnen 52 geben laut „Spezial Eurobarometer 401“ an, weder an Entwicklun-
die Autonomie der Universitäten, Stichwort STEOP (Studieneingangs- und -orientierungsphase) und die bereits eingeführten Zugangsregelungen, die sich bewährt hätten und die man vor allem in den Massenfächern weiter ausbauen wolle. „Ich glaube, es ist eine gute und feine Balance, die wir entwickelt haben.“ Verbunden mit einem stetigen Ausbau der guten Beratung würde das die Abschlussquoten erhöhen. Auch Rektor Heinz Engl meint, dass die Drop-out-Quoten zu hoch seien. Auch er will an der STEOP festhalten. „Das hat die Situation zumindest verbessert. Aber es gibt noch keine Langzeitanalysen.“ Eine Reduktion sei laut Engl allerdings auch von jenen Studierenden gefordert, die die STEOP schaffen. Und dass mehr Absolventen aus Österreich weggehen als hierher kommen, müsse dringend geändert werden: „Wir müssen so attraktiv sein, dass auch andere zu uns kommen wollen.“ Als positive Beispiele nannte der Rektor drei Top-Berufungen auf der Publizistik sowie auf der Fakultät für Lebenswissenschaften – „allerdings auf Dauerstellen“. Diese Dauerstellen seien zwar Teil der Attraktivität unseres Karrieresystems, mache die österreichische Universitätslandschaft aber zu unflexibel.
Qualitätssicherung für Wissenschaft und Politik Um dem gegenzusteuern, wurde die Situation für Postdocs in den letzten Jahren massiv erschwert. An der Mathematik-Fakultät gebe es, so ein Einwurf aus dem Publikum, Postdocs, die nach sechs Jahren trotz Habilitation Schwierigkeiten hätten, an der Universität zu bleiben. „Hier legt uns §109 des UniG zu enge Fesseln an“, pflichtet der Rektor bei und verweist auf das amerikanische Tenure-TrackSystem, das nach einer befristeten Bewährungszeit die Chance auf eine unbefristete Stelle vorsieht. „Dieses System haben wir
vor einigen Jahren eingeführt. Doch dabei stoßen wir auf quantitative Grenzen, die Stellen müssen wir ja irgendwo herbekommen.“ Die Kettenvertragsregelung mit sechs jährlichen Befristungen sei zu starr. „Das kann nicht nur von den Unis kommen“, sagt Minister Mitterlehner. „Es braucht Rahmenbedingungen. Die Durchlässigkeit des Systems ist sogar im Regierungsprogramm festgehalten. Was macht man, wenn die sechs Jahre vorbei sind? Das schauen wir uns gerade an, gemeinsam mit dem Sozialressort. Denn wenn ich eine derartige Systematik wie das TenureTrack-System etabliere, brauche ich auch die Mittel dafür.“ Die 2015 anstehenden Jubiläen von Uni Wien (650 Jahre) und TU Wien (200 Jahre) will Mitterlehner zum Anlass nehmen, ein „Jahr der Forschung“ auszurufen. Die Leistungen der Wissenschaft müssten „greifbarer und erlebbarer werden“. Prinzipiell brauche man sich um die jugendliche Begeisterung für Wissenschaft und Forschung keine Sorgen machen, wie die Schlangen von Schülergruppen bei der diesjährigen ,Langen Nacht der Forschung‘ gezeigt hätten. Wie kann man diese Begeisterung halten? Durch Qualitätssicherung? Sie sei kein Wundermittel, erklärt Heinz Engl. „Die Qualitätssicherung an der Uni Wien ist zum Teil zu ausgefeilt. Wir lassen gerade von Externen untersuchen, ob Aufwand und Ertrag im richtigen Verhältnis stehen. Das ist wahrscheinlich nicht der Fall.“ Minister Reinhold Mitterlehner sagt zur Forderung einer Qualitätssicherung für die Politik: „Der Wissenschaftsrat macht gerade eine Studie dazu. Wir sind in einem System, das sich weiterentwickelt und mit Qualitätssicherung eng zusammenhängt. Politik spiegelt das, was die Gesellschaft an sich ist. Letztlich ist in der Politik die Qualitäts sicherung die Wahl.“
Am Podium diskutierten (von links): Heinz Engl, Rektor der Uni Wien, Reinhold Mitterlehner, Wissenschaftsminister, Moderatorin Martina Salomon, Jean-Pierre Bourguignon, Präsident des European Research Council, und Ulrike Felt, Wissenschaftsforscherin an der Uni Wien
gen in Wissenschaft und Technologie interessiert noch darüber informiert zu sein. Nur die Menschen in Bulgarien, Tschechien, Ungarn und Rumänien sind noch weniger an Wissenschaft interessiert als jene in Österreich. Man kann das als Fortschritt betrachten, denn bei der letzten Umfrage 2010 war Österreich mit 57 Prozent noch EU-Spitze in Sachen Wissenschaftsignoranz. Aber auch dies ändert nichts daran, dass sich die Mehrheit der Menschen in diesem Land nicht für Wissenschaft interessiert und auch kein Interesse daran hat, informiert zu sein. Das ist peinlich für Österreich. Aber auch nicht überraschend. Die Wissenschaft hat hierzulande schon lange kein gutes Image mehr. Wissenschaftsminister haben in der Vergangenheit Esoteriker mit Orden ausgezeichnet und wollten aus internationalen Organisationen wie dem Kernforschungszentrum CERN austreten. Die finanzielle Förderung der Grundlagenforschung wurde immer wieder gekürzt, der ORF legte die Redaktionen von Religion und Wissenschaft zusammen und die neue Regierung die Ministerien für Wirtschaft und Wissenschaft. Im Technischen Museum Wien wird der „Tag der Astrologie“ gefeiert. Von den Wissenschaftern selbst einmal abgesehen, scheint kaum jemand in diesem Land Wissenschaft ernst zu nehmen. Dabei sind Forschung und Wissenschaft wichtig wie nie zuvor. Wir müssen uns Gedanken über Stammzellenforschung, Gentechnik, erneuerbare Energien, Nanotechnologie und andere Dinge machen, die unsere Gesellschaft verändern. Wie aber sollen die Menschen eine informierte Entscheidung über ihre Zukunft treffen, wenn die Mehrheit kein Interesse an der Wissenschaft hat? Man muss ihnen die Faszination daran zurückgeben. Das geht nur, wenn Forschung Teil der Gesellschaft wird. Die wissenschaftliche Öffentlichkeitsarbeit muss massiv verstärkt werden. Veranstaltungen wie die „Lange Nacht der Forschung“ sind wichtig, aber in ihrer Isolation kaum geeignet, das Desinteresse der Bevölkerung dauerhaft abzubauen. Statt einzelner Events braucht es permanentes Engagement. Sowohl von Wissenschaftern als auch von Politikern. Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de /astrodicticum-simplex
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Gedicht J e ff r e y Ya n g – A n A qua r i u m
Jeffrey Yang, geboren 1974 in Kalifornien, ist Dichter, Übersetzer aus dem Chinesischen, Verlagslektor. „An Aquarium“ (2008) wurde mit dem PEN/Osterweil Award for Poetry ausgezeichnet. Weitere Gedichtbände: „VanishingLine“ (2011), Herausgeber von „Birds, Beasts, and Seas: Nature Poems“ (2011) und „Time of Grief: Mourning Poems“ (2013).
er ich k lein
Aus: Jeffrey Yang Ein Aquarium Berenberg Verlag, Berlin 2013
Sponge
Schwamm
We have yet to understand the mystery of the sponge. A phylum unto itself, sponge fossils found in Doushantuo phosphorite are the most ancient of multicellular animals, The sponge lives at all depths of the sea, an array of colors, shapes, textures, canals, Goethe’s paradise, lacks coincidence. In reality, a sponge isn’t a parasite unless it’s human. Then it doesn’t purify but withers the world. Remember Kropotkin’s mutual trust and support, Proudhon’s exchange, Gandhi’s boycotts.
Das Rätsel des Schwamms bleibt noch zu ergründen. Sich selbst ein Phylum, sind fossile Schwämme, gefunden im Phosphorit von Doushantuo, die allerältesten der multizellularen Tiere. Der Schwamm lebt in allen Tiefen des Meeres, eine Vielzahl Farben, Formen, Strukturen, Kanälen, Goethes Paradies, mangelnder Einklang. In Wirklichkeit ist der Schwamm kein Parasit – es sei denn, er ist ein Mensch. Dann reinigt er nicht die Welt, sondern dörrt sie aus. Nicht vergessen: Kropotkins Vertrauen und gegenseitig Hilfe, Proudhons Tausch, Gandhis Boykott.
Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender
Rätsel von Gaja 2
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Waagrecht: 1 Polystyrol populär? Verpackungswahnwitz zum Zerkugeln 6 Lösungswort: Als Wirtschaftsrohstoff komplett im Eimer 7 Mitfahrgelegenheit im Emailverkehr (Abk.) 8 3 D-Vorläufer 9 Verklausuliert formuliert: Hofnarr aus dem Filmherzogtum 1 2 3 4 5 6 7 11 Im selben sitzt man fatalistisch 12 Mit ihm feierte die US-Präsidentschaft ihren 40er (Init.) 14 Dem ist wenig entgegenzusetzen 16 Wo It-Girls den Rotstift ansetzen 19 In Folge des Tai wird das Ich verändert 20 Geologischer Appetizer, am Kreuz ein Knoten 21 Extrem: Von der Chemieindustrie versklavt? Wenn frei, wird es bei der Kunststoffherstellung in Ketten gelegt 25 Ob im Studio oder Openair; Hautsache, der richtige Farbton ergibt sich dabei 27 Um solchen Liegeplatz zu entwerfen, braucht’s Aqua-Planing 28 Buchstäblich anzüglich? Trägermedium für Textiltexte
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Senkrecht 1 Ach du meine Tüte! EU-Gesetzesvorlage sorgt für Handlungsbedarf beim Handelbedarf 2 Die Schwindsucht verschwindet nicht: Nach wie vor die Nr. 1 der bakteriellen Killer (Abk.) 3 Das strahlt aus – leider auch aktiv 4 Ö-Öko-Doku, ging um die Welt und führte deren Zustand plastisch vor Augen 5 Wirtschaftszweig für Mülliardäre 9 Kleiner Bit-Steller (Abk.) 10 Elferpunkt im verkürzten Kalender 13 Gibt sich 2014 den finalen Kick 15 Paradox: Familienbetrieb floriert oft erst nach deren Schließung 17 Edel-Label-Fans sagen: Miuccia Grazie! 18 Amadeus-Verlierer? 22 Nützte den Olymp als Feldherrenhügel 23 Nichts für Pflichtbewusste 24 Televisionärer Lichtbringer (Abk.) 26 Hat im Parlament neuerdings eine Mehrheit? Lösungswort: SAUEREI Waagrecht: 1 STYROPOR, 6 ABFALL, 7 CC, 8 ABC, 9 KINSKY, 11 BOOT, 12 RR, 14 VIEL, 16 LIPS, 19 CHI, 20 VORALPEN, 21 RADIKAL, 25 BRAEUNEN, 27 REEDE, 28 TSHIRT Senkrecht, 1 SACKERLVERBOT, 2 TBC, 3 RADIO, 4 PLASTIC PLANET, 5 RECYCLING, 9 KB, 10 NOV, 13 RIO, 15 EHE, 17 PRADA, 18 SALIERI, 22 ARES, 23 KUER, 24 LED, 26 NE,
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Was am Ende bleibt Quatschköpfe im Fernsehen erich klein
Ein Historiker, akademisch hoch dekoriert, seine Bücher prämiert und gut im Verkauf, empört sich. Die Häme über die Unmenge an TV-Dokus über Hitlers Hunde und Stalin jetzt endlich auch in Farbe, selbstredend mit abenteuerlichen Fehlern im Detail gespickt, ist berechtigt. Er ist Spezialist auf diesem Gebiet und geifert: „Stümperhafte Desinformation!“ Aus Stalins Sekretär Poskrjobyschew wurde Poskrebischew! Des Spezialisten Einschätzung aktueller politischer Verhältnisse ex cathedra fällt nicht weniger pompös aus, überdies ist sie mehr als zweifelhaft, aber sie geht im Geplapper der Fernsehdiskussion ohnedies unter. Wurmt Demokratie jemanden? Die Zeiten, als Expertenmeinung zählte, sind in der Ära der Talkshows vorbei. Es gilt der slicke Experte ohne Komplex und Komplexität, der, egal ob wortkarg oder als Wasserfall, einund dieselbe Botschaft von Sendung zu Sendung wiederholt. Man weiß, wen man wieder einladen wird. Ein Wirtschaftsfachmann darf nicht fehlen; Hauptsache, es besteht der Verdacht, er befinde sich auf jemandes Payroll; das macht die Sache prickelnd und verleiht den Argumenten materielle Schubkraft. Außen vor bleibt nur der Politiker, es sei denn in Direktschaltung aus Brüssel und leicht abgekämpft. Am wichtigsten aber ist der Hysteriker der historischen Anspielung – seiner Geste der Entrüstung muss die Drastik seiner Metaphernwahl zumindest entsprechen. Dass das Ganze nicht harmlos ist, bewies die gemeinsame Kranzniederlegung von Ronald Reagan und Helmut Kohl am Soldatenfriedhof Bitburg im Mai 1985. Eigentlich ein geschmackloses Apercu im Vergleich zu den Vorgängen, auf die sich die Geste damals bezog (Gedenken an die gefallenen US- und deutschen SS-Soldaten). Dennoch entzündete sich daran der deutsche Historikerstreit unter Beteiligung von allem, was bundesrepublikanisch Rang und Namen hatte, von Jürgen Habermas abwärts. Dreißig Jahre später wird die geschichtspolitische Geisterbahnfahrt noch einmal unternommen. Der französische Präsident Holland lädt zum 70. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie. Die Frage, ob Deutschland daran teilnehmen darf, stellt sich in einem vereinigten Europa nicht mehr. Aber Putin und der ukrainische Präsident? Wer sitzt neben wem? Was sagen die Historiker dazu? Und Günther Grass, der damals sagte: „Alle wussten, konnten wissen, hätten wissen müssen.“ Die nächste Talkshow kommt bestimmt.
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