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FALTER HEUREKA

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athematik Die erste ordentliche Professorin der Mathematik an einer heimischen Uni

Schiefergas Ein neuer Rohstoff soll unseren Energiebedarf bis ins 24. Jahrhundert stillen Uni-Umbau Werden Buchwissenschaften zu Elitestudien mit Zugangsbeschränkungen?

Das Wissenschaftsmagazin

Nr. 2/11

Haben wir noch genug Ressourcen? NASA-Forscher warnen vor einer drohenden Verknappung pflanzlicher Biomasse. Geht uns das Gemüse (und anderes) aus? Und was sagen unsere Wissenschafter dazu?

BIOBÄUERIN MARION AIGNER-FILZ MIT TOCHTER ANANDA SOPHIA.

Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2300/2011

FOTO: K ARIN WASNER


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Falter GENUSSFÜHRER +++ Die besten Bezugsquellen für Saiblinge, Alpenlachse, alte Obstsorten, Zickentaler Moorochsen, Zackelschafe, graue Steppenrinder, Weinbergschneckeavn, Wels, Zander, Mangalitzaschweine, Essig, Ziegenkäse, Mohn, Feigen, Öl, Safran und vieles mehr. +++

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Falter Verlag Die besten Seiten Österreichs


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Inhalt

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Akademischer Star und junge Forscherinnen Bemerkenswerte akademische Karrieren Mit Löwenherz in unsere Vergangenheit Die Bedeutung der Mittelalterforschung für uns Computer, selbst programmierend Selbstlernende Computerprogramme für alle Unsere Ressourcensituation in Zahlen Der Countdown zum Thema

Haben wir noch genug Resourcen? Umwelthistoriker Donald Worster im Gespräch Der Auftritt des Maiswurzelbohrers Geht uns die Biomasse aus? Algen für Österreichs Zukunft Ein Bio-Energieträger aus heimischem „Anbau“ Macht unser Wasser unfruchtbar? Über die Wassersituation in Österreich

20 21 21 22

Wie groß ist Ihr Ökologischer Fußabdruck? Und wie schwer Ihr Ökologischer Rucksack? Über die eigene Hypothese hinaus Über die Bedeutung von Interdisziplinarität Die Zukunft der Buchwissenschaften? Vom Massen- zum Elitestudium Gedicht, HEUREKA-Rätsel, Erinnerung Der letzte Tropfen Öl

Kommentar

Editorial

Aufstieg in die europäische Liga

CHR ISTIAN ZILLNER

HELGA NOWOTNY

der „Leistung“ hat in D erderBegriff österreichischen Hochschul-

GRAFIK: TONE FINK, FOTO: HEIMO AGA

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politik erneut Konjunktur. Er dient dabei als Gegengewicht zum Schlagwort „soziale Gerechtigkeit“. Doch geht es wirklich um unüberwindbare Gegensätze oder um Österreichs Positionierung in Europa? „Soziale Gerechtigkeit“ – verstanden als echte Chancengleichheit – erfordert freien (auch gebührenfreien) Zugang zur Hochschule für alle, die ein Bachelorstudium anstreben. „Leistung“ kommt im Dreierpack: Erstens Leistungen, die von den Universitäten zu erbringen sind, zweitens Leistungen des Staates und der Gesellschaft, um den Universitäten zu ermöglichen, deren gesellschaftspolitisch relevante Aufgaben zu erbringen, und drittens Leistungen der Studierenden, den Anforderungen des Studiums zu entsprechen. Ein solchermaßen differenziertes Bild von Leistung führt zur Debatte darüber, was Studierende jenseits des Bachelor in der Master- und Ph. D.Stufe von den Universitäten zu erwarten haben und was von ihnen erwartet wird. Hier sollte der Grundsatz einer gegenseitigen Auswahl bestehen, ganz im Sinn der „Produktwahrheit“. Und weshalb sollten für ein Masterund Ph. D.-Studium keine Studiengebühren eingehoben werden? Dies setzt allerdings gesellschaftlichen Konsens über Zweck und Stellenwert des tertiären Bildungssektors voraus. Vor fast zehn Jahren entließ das Universitätsgesetz die Hochschulen vom Gängelband. Sie sind daran, sich eigene Profile vor allem in der Forschung zu geben. Nur so können sie in der europäischen Liga mitspielen. Doch zwei zentrale Probleme bleiben bestehen. Erstens die Finanzierung: ohne budgetären Mehraufwand ist die geforderte Leistungssteigerung kaum zu schaffen. Zweitens der Bologna-Prozess: Er hat eine Studienarchi-

tektur entworfen, doch deren Inhalte vernachlässigt. Was soll jungen Menschen mit freiem Zugang zu den Hochschulen im Bachelorstudium an sinnvollen Lehrinhalten vermittelt werden? Hier wird als Eintrittspreis für die europäische Liga die Leistung einer Curriculum-Reform gefordert. Österreich hat es in den letzten Jahren zu einer zweifelhaften Meisterschaft gebracht: ein Strategiepapier nach dem anderen zu produzieren, alle ohne Konsequenz. Es ist ein positives Zeichen, dass der neue Mi-

nister als Ex-Rektor einen hohen Vertrauensvorschuss an den Hochschulen besitzt. Es ist ihm zu wünschen, dass er es fertig bringt, Leistung mit sozialer Gerechtigkeit sinnvoll zu verknüpfen. Das Spiel in der europäischen Liga erfordert nämlich beides.

Finkenschlag Handgreifliches von Tone Fink

Helga Nowotny lehrte an der ETH Zürich und ist Präsidentin des European Research Council ERC

www.tonefink.at

Was ist der Wissenschaft Wesen? Das Geld. Selbst die ehrbaren linken Superstarprofessorinnen und -professoren in Berkeley, die sich immer gegen die finanziellen Lockangebote US-amerikanischer Privatunis wie Harvard gewehrt haben, dürfte das klar geworden sein, als man letztes Jahr ihren Instituten die Telefone weggenommen hat. So weit ist es bei uns noch nicht – aber die Unis hierzulande fürchten, dass ihnen ab 2013 jährlich 300 Millionen Euro zur Aufrechterhaltung des laufenden Betriebs fehlen könnten. Angesichts solcher finanzieller Kalamitäten ist es richtig erfrischend, wenn Wissenschafter sich nicht scheuen, die Gesellschaft um einen Haufen Geld anzugehen. Wie der Hirnforscher Henry Markram von der École Polytechnique Fédérale de Lausanne, der von der EU, also uns, nächstes Jahr vorerst einmal eine runde Milliarde Euro (mit Versprechen auf viel, viel mehr) haben will. Dieses Geld soll das „Human Brain Project“ im Rahmen des FET-Flagship-Programms der EU finanzieren. Oiso i find des supa. Natürlich regt sich dagegen aus Wissenschaftskreisen Widerstand: Der Anspruch, das Gehirn zu verstehen und nachzubauen, sei überzogen. Doch warum sich nicht selbst ein Stück vom Kuchen sichern und ein dazu passendes Forschungsprojekt lancieren?

Impressum Falter 21a/11 Herausgeber: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at Redaktion: Dr. Christian Zillner Artdirektion: Dirk Merbach Layout: Reini Hackl, Raphael Moser Fotoredaktion: Karin Wasner, Ioulia Kondratovitch Lektorat: Martina Paul Druck: Goldmann Druck AG, 3430 Tulln DVR: 047 69 86

heureka! erscheint mit Unterstützung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung


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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Kopf im Bild

Mathematik ist schön Goulnara Arzhantseva ist 37 Jahre alt und die erste Frau, die an der Fakultät für Mathematik der Universität Wien als ordentliche Professorin unterrichtet. Mit zwölf Jahren gewann die Russin ihre erste Mathematik-Olympiade. Spätestens seit damals liebt sie diese Wissenschaft. „Die Mathematik ist für mich eine Kunst des Denkens. Insbesondere mag ich sie wegen ihrer Freiheit und Kreativität, die sie bietet – immer ohne Grenzen, in Bewegung und im Austausch“, sagt die junge Professorin. Vor allem Algebra mit ihrer Logik sei nützlich, Natur-phänomene aus der Physik, EDV und den Sozialwissenschaften erklärbar und verständlich zu machen. Arzhantsevas Schwerpunkt ist die Erforschung unendlicher Gruppen. „Gruppen sind mathematische Strukturen, die Symmetrien ausdrücken und letztlich die Schönheit der Welt darstellen.“ Vor rund einem halben Jahr prämierte der Europäische Forschungsrat (ERC) das Projekt „Analytic properties of infinite groups: limits, curvature, and randomness“, das Arzhantseva leitet, mit einem auf fünf Jahre dotierten Förderungspreis. TE X T: NATHALIE GROSSSCHÄDL FOTO: ARNOLD PÖSCHL

Junge Forscherinnen issenschaft ist ein dynamischer Prozess, die Forschung geht ständig weiter, Annahmen und Theorie verändern sich. Dies wissen besonders die jungen Forscherinnen und Forscher zu schätzen.

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Simone Gabner, 32, VetMed Uni Wien

„Um mein Studium zu finanzieren, habe ich auch das Stallausmisten nicht gescheut“, sagt Simone Gabner. Von 2005 bis 2008 hat sie ihr Doktoratsstudium der Veterinärmedizin an der Klinik für interne Medizin der VetMed Uni Wien in Kooperation mit der Abteilung für Strahlentherapie und Strahlenbiologie der Meduni Wien absolviert. Das Thema: die Wachstumsfaktoren in Hundemelanomen.

„Es ist ähnlich wie bei Menschen mit Brustkrebs“, erklärt die Doktorandin. Seit 2009 arbeitet sie am Institut für Parasitologie und beschäftigt sich mit der „Immunantwort des Darms bei der Infektion mit Isospora suis, einem einzelligen Darmparasiten, der bei Saugferkeln schwere Durchfälle verursacht“. Dies bedeutet oft Verluste in der Schweinezucht. Bemerkenswert: ältere Tiere sind meist immun. „Den Grund möchte ich herausfinden“, sagt Gabner. Luise Descovich, 32, Uni Wien

„Ich fand es immer schon interessant, wie einzelne Zellen wissen, wohin sie gehören“, erklärt Luise Descovich den Grund für ihr Studium der moleku-

laren Biologie. Interessiert sei sie auch an den „Signalen, die einzelne Zellen empfangen bzw. aussenden. Aber auch welche der Signale seitens der Zellen ignoriert weden bzw. auf welche reagiert wird.“ Für ihre Dissertation bekam sie ein Stipendium, da „ich mich für das internationale PhD-Programm am Vienna Biocenter beworben habe“. In wenigen Wochen beginnt sie in den USA mit ihrer Postdoc-Arbeit am National Institute of Health in Bethesda, Maryland. Descovich: „Auch als Postdoc werde ich neurowissenschaftlich arbeiten. Ich möchte herausfinden, welche Zellen, welche Rezeptoren und Moleküle für die Weiterleitung von Schmerz verantwortlich sind.“

Susanne Horvath, 29, TU Graz

Während ihres Studiums der technischen Chemie entwickelte Susanne Horvath „eine Faszination für die Biochemie“, wie sie sagt. „Die Möglichkeiten auf diesem Gebiet sind vielfältig und erstrecken sich von der Grundlagenforschung bis hin zu wirtschaftlichen, vor allem industriellen Anwendungen.“ Auf ihr PhD-Programm ist die 29-Jährige „sehr stolz“. Sie wurde am Doktoratskolleg „DK Molecular Enzymology“ aufgenommen. „Das ist ein ausgezeichnetes Training für junge Wissenschafter“, schwärmt Horvath. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Charakterisierung von Psd1p in der Hefe. Sie möchte die Funktionalitätsstudien, Topologie und den Reifungsprozess dieses Enzyms darstellen.

FOTOS: PRIVAT

ALE X ANDR A AURELIA NEME TH


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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Chirurgie

Mathematik

Veterinärmedizin

Das falsche Bein abgenommen? Mehr Qualitätssicherung soll das künftig vermeiden helfen

Die Dichte bewegt sich: makroskopische Modelle für das Verhalten von Menschenmassen

Verbesserung der Gesundheit für Schweine

DIE TER HÖNIG

USCHI SOR Z

SONJA DRIES

Das Lehr- und Forschungsgut der Vetmeduni Wien will eine Vorbildfunktion in der Tierhaltung übernehmen

chien die Veterinärmedizinische atienten-, Organ- und Probenverie Mathematik gefalle ihr wegen P wechslungen oder auch Trans- D ihrer klaren Strukturen, sagt die S Universität Wien ihre Vorbildfusionszwischenfälle gehören zu 28-jährige Mathematikerin Marie- funktion in Sachen innovativer Tierden vermeidbaren Komplikationen im Krankenhaus. Trotz fortgeschrittener Technik und gut ausgebildetem Personal passiert derlei immer wieder und sorgt für entsprechende Schlagzeilen. „Bei Aufarbeitung dieser Fälle lassen sich in mehr als 80 Prozent Systemfehler als Hauptursache identifizieren. Wir haben es mit schwachen Systemen und nicht mit schwachen Menschen zu tun“, sagt Univ.-Prof. Norbert Pateisky, Leiter der Abt. Risikomanagement und Patientensicherheit an der Univ.-Frauenklinik Wien. Die Österreichische Gesellschaft für Chirurgie ÖGC hat in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband Österreichischer Chirurgen 2004 einen Arbeitskreis gegründet, der sich dem Thema Qualitätssicherung widmet. Auf Initiative der ÖGC erfolgten österreichweit erste Qualitätsstudien, die die Chirurgie wesentlich verbessern konnten. „Wir haben erkannt, dass Kontrolle aus dem eigenen Fachbereich erfolgen muss und nicht als Folge medialen oder rechtlichen Drucks“, sagt Univ.-Prof. Rudolf

F O TOS: PR I VAT, K A R IN WA SN E R

„Kontrolle muss aus dem Fachbereich kommen.“ Rudolf Roka, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie

Roka, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie und Initiator des Arbeitskreises. Am 52. Österreichischen Chirurgenkongress, der vom 23. bis 25. Juni in Wien stattfindet, ist Qualitätssicherung eines der Hauptthemen. Rudolf Roka: „Qualität sollte im Bewusstsein des Chirurgen, unabhängig von Ehrgeiz und optimalen Zahlen, als ethische Selbstverständlichkeit verankert sein.“ Vom Gesundheitssystem erwarte er sich entsprechende Voraussetzungen. Dafür seien eine optimal strukturierte Ausbildung, die Behebung personeller Defizite und die Befreiung des Chirurgen von arztfremden Tätigkeiten notwendig.

Therese Wolfram. „Darauf kann man sich sein Gebäude errichten. Und jeder neue Schluss, den man zieht, muss eindeutig begründbar sein. Das finde ich schön.“ Herausforderungen scheint die junge Wissenschafterin zu lieben: Inverse Probleme, also die mathematische Beschreibung von Phänomenen, die sich nicht exakt messen oder im Experiment belegen lassen, sind eines ihrer Kernarbeitsgebiete. Im Rahmen eines Hertha-Firnberg-Stipendiums, des Frauenförderungsprogramms des FWF an der Fakultät für Mathematik der Uni Wien, befasst sie sich mit Bewegungsabläufen: von Menschenmassen und in Ionenkanälen. So verschieden sie sind, so ähnlich sind die Prinzipien, die man beim Erstellen von mathematischen Modellen anwenden kann. Tragödien durch Massenpanik wie bei der Loveparade in Duisburg haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. „Paniksituationen lassen sich schwer berechnen“, erklärt die Mathematikerin. Wenn soziale Normen wegbrechen, entsteht eine kaum vorhersagbare Eigendynamik. „Aber durch unsere Computersimulationen versuchen wir, gewisse Verhaltensweisen besser zu verstehen.“ Was wiederum der Prävention zugute kommen kann. Wolfram entwickelt numerische Algorithmen, die Bewegungen von Menschenmassen effizient beschreiben können. Bisher hat man dazu mikroskopische Teilchenmodelle verwendet, die rechnerisch extrem aufwendig sein können. Im Rahmen ihres Projekts „Meanfield games: Numerik und Anwendung“ erarbeitet Wolfram makroskopische Modelle, bei denen man sich die Menschenansammlung als Dichte vorstellt. „Das ist, wie wenn man die Menge von oben betrachtet und dann wegzoomt.“ Welche Erkenntnisse man aus der Verteilung und Bewegung dieser Dichte gewinnen kann und inwiefern Dichtemodelle die gängigen mikroskopischen ergänzen können, sind weitere Fragestellungen, mit denen sich Wolfram beschäftigt.

haltung in den vergangenen Jahren noch etwas beiseite geschoben zu haben, geht sie jetzt mit einem neuen Projekt in die Offensive. Präventive Veterinärmedizin (PVM) nennt sich das in Kooperation mit der BOKU Wien entwickelte Projekt zur Verbesserung der Schweinegesundheit. Am 7. April wurde der Spatenstich für ein Kernelement des Projekts gefeiert. Die neue Schweineanlage Medau, mit einer geplanten Betriebsgröße von 140 Muttersauen und 1440 Mastplätzen, soll sich laut Werner Pohl, dem Direktor des LFG, zu einem „landwirtschaftlichen Musterbetrieb mit höchsten hygienischen Standards und zukunftsträchtigen Haltungsformen entwickeln“.

Noch vor wenigen Jahren war der Gutsbetrieb, damals noch im Besitz des Bundesministeriums für Landund Forstwirtschaft, für seine rückständige Rinderhaltung in die Kritik geraten. Erst nach dem Ankauf der Anlage durch den ehemaligen Pächter, die Vetmeduni Wien, konnte die Planung eines artgerechten Rinderstalls in Angriff genommen werden. Das bereits 2005 durch das neue Tierschutzgesetz installierte Verbot der Anbindehaltung wurde am Hochschulgut erst fünf Jahre später, gerade noch innerhalb der Übergangsfrist, mit dem Bau eines Laufstalls für die über hundert Milchrinder in die Tat umgesetzt. Informationen zum Lehr- und Forschungsgut: www.vu-wien.ac.at/lfg/ Informationen zum Projekt „Präventive Veterinärmedizin“: www.vu-wien.ac.at/k-projekt

Bekommen bald eine neue „Schweineanlage“ am Gutshof Medau bei Berndorf


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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Physikgeschichte

Was zeigt dieses Bild?

Hirnforschung

Geschichte

Die Zukunft der Gesundheit: Elektronik statt Biochemie, sagt der Cyborg Warwick

Mit Löwenherz in unsere Vergangenheit: Mittelalterforschung als Korrektiv unseres Geschichtsbildes

X AVER FORTHUBER

SABINE EDITH BR AUN

as „Surprise Factors“-Sympoer Wiener Historiker Walter Pohl, D sium, das Mitte April von der D Spezialist für frühes Mittelalter, oberösterreichischen Zukunftsfor- ist Träger des mit zwei Millionen Euro

Forschungscluster

Mit einem neuen Supercomputer in Wien die Welt simulieren USCHI SOR Z

omputersimulationen sind in vieC len Disziplinen ein unverzichtbares Forschungsinstrument“, sagt Sa-

bine Seidler, Rektorin der TU Wien. Schon längst haben sich diese in der Wissenschaft neben den traditionellen theoretisch-analytischen und experimentellen Methoden etabliert. Was Seidler und Heinz W. Engl, Vizerektor der Universität Wien, besonders freut: Ab jetzt wird es Computersimulationen hierzulande in noch besserer Qualität geben. Mit der zweiten Ausbaustufe des Vienna Scientific Clusters VSC, des schnellsten Rechners Österreichs, wird dessen gigantische Rechenleistung ab Mai vervierfacht. Eine Investition von vier Millionen Euro ermöglicht , dass hochkomplexe wissenschaftliche Berechnungen zukünftig noch schneller durchgeführt werden können. Wissenschaftern der

beteiligten Universitäten – Uni Wien, TU Wien und BOKU Wien – steht damit eine Rechenpower von etwa 150 Teraflops zur Verfügung, das sind 150 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde. Das eröffnet Naturwissenschaftern spannende neue Möglichkeiten. Etwa dem Spezialforschungsbereich „Vienna Computational Materials Laboratory“ (ViCoM), einer Kooperation der Universität Wien mit der TU Wien, der mit dem VSC neue Hochleistungsmaterialien simuliert. Das Anwendungspotenzial reicht von der Halbleiterindustrie bis zu neuen Nanomaterialien. „Hier sind noch echte Revolutionen möglich“, so ViCoM-Leiter Georg Kresse. Durch energiesparende Prozessoren und ein verbessertes Kühlsystem am Standort der TU Wien im Arsenal ist die Energieeffizienz des Supercomputers doppelt so hoch wie jene des Vorgängermodells.

schungs-Gesellschaft Academia Superior in Gmunden veranstaltet wurde, machte seinem Namen Ehre: mit einem Cyborg auf der Rednerliste. Der britische Kybernetik-Professor Kevin Warwick macht seit den Neunzigerjahren Selbstversuche mit Mikrochips, die sein Nervensystem direkt mit Computern verbinden und ihn etwa schon Roboter via Gedanken steuern ließen. Elektronik, nicht Pharmakologie wird laut Warwick die Medizinforschung der Zukunft bestimmen. Während Medikamente ihre Wirkung nach dem Gießkannenprinzip im Körper entfalten, könnte mithilfe von Nanosonden gezielt das betroffene Areal behandelt werden – etwa bei Erkrankungen des Nervensystems. Siegfried Kasper, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie, hält es für unpraktikabel, komplexe Körperfunktionen wie einen Computer umzuprogrammieren. „Wenn man das Gehirn mit Fremdreizen ärgert, reagiert es sehr schnell unkontrollierbar“ – etwa mit epileptischen Anfällen. Kevin Warwick sieht indessen viele Bereiche, wo elektromechanische Prothesen die Natur sogar übertreffen könnten. Anstatt nur zu heilen, würde die Medizin der Zukunft den Menschen „verbessern“ können. „Technologische Unterstützung des Körpers ist längst Realität – vom Herzschrittmacher bis zum Hörgerät“, sagt dazu der Genetiker Markus Hengstschläger, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats von Academia Superior. Was über die Behandlung von Defiziten hinausgehe, sei aber Doping, nicht Medizin. „Selbst wenn wir Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten ausstatten könnten – wer wären diese Übermenschen? Die, die es sich leisten können?“ Siegfried Kasper: „Wenn man das Gehirn mit Fremdreizen ärgert, reagiert es sehr schnell unkontrollierbar.“

dotierten „ERC Advanced Grant“ des Europäischen Forschungsrates 2010. „Das ist erfreulich, denn der Zeitgeist spricht gegen die Geisteswissenschaften“, sagt Pohl. Deren kritischer Blick auf die Gesellschaft werde zu wenig gewürdigt. Das Preisgeld ist bereits verplant: „Damit werden drei Postdocs und zwei DoktorandInnen finanziert – die können dann sorgenfrei fünf Jahre lang forschen.“ Balance von Vertrautheit und Fremdheit: Was ist das Faszinierende am Mittelalter? „Es hat die richtige Balance von Vertrautheit und Fremdheit – das hilft, die Gegenwart besser zu verstehen!“ Oft aber werde es unterschätzt: „Es war nicht die dunkle Zeit!“ Pohls Hauptthema ist die Erforschung ethnischer und nationaler Identität. „Auf die Frage, wie heute ein so grober Chauvinismus möglich ist, suche ich Antworten in der

Walter Pohl: „Das Mittelalter hilft, die Gegenwart besser zu verstehen.“

Geschichte.“ Etwa mit dem Projekt ,Visions of Community: Comparative Approaches to Ethnicity, Region and Empire in Christianity, Islam and Buddhism (400–1600 CE)‘, das der FWF als Spezialforschungsbereich genehmigt hat. Das Interesse am Mittelalter boomt auch bei uns vor allem auf dem Unterhaltungssektor – nicht immer zur Freude der Mediävisten. So habe bei einer Umfrage die Mehrheit der Befragten Richard Löwenherz für eine erfundene Figur, Sagenkönig Artus aber für eine historische gehalten. Walter Pohl: „Man darf die Vergangenheit nicht der Infotainmentindustrie überlassen!“

WIENER UNIVER SITÄTSKLINIK FÜR PSYCHIATRIE, SABINE EDITH BR AUN, ARCHIV DR. HOHENESTER

Voigtländer-Kamera, die erste Metallkamera der Welt, vorne das berühmte, von Petzval entwickelte Porträt-Objektiv, hinten eine Einstell-Lupe, ab Jänner 1841 zum Verkauf angeboten. Zu sehen im Ausstellungszentrum ‚echophysics‘ im Schloss Pöllau bei Hartberg/Stmk. www.echophysics.org

Auflösung:


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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG

Helmut Veith, Professor an der TU Wien, und Sumit Gulwani vom Microsoft-Forschungszentrum in Redmont widmen sich der Programmanalyse bzw. Programmsynthese

Informatik

Computer, selbst programmierend Mithilfe von speziellen Programmen sollen Computer lernen, Programme für ihre Nutzer zu generieren CHRISTIAN ZILLNER

rogrammieren von Software ist ziemlich fehleranfällig. Der Aufgabe, Fehler in Computerprogrammen aufzuspüren, hat sich die Disziplin „Rigorous System Engineering“ verschrieben. 98 Prozent aller Mikrochips sind in Geräten eingebaut, die keine Computer sind, darunter in Autos und Flugzeugen. Pannen in deren Computersystemen können tödliche Folgen haben. Daher suchen weltweit Wissenschafter nach Methoden, die eine effiziente Fehleranalyse ermöglichen.

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FOTO: K ARIN WASNER

Auch in Österreich arbeiten Forscher

wie Helmut Veith von der TU Wien mit dem Ziel, die methodische Fehleranalyse zu erweitern und zu verbessern. Veith ist einer der Mitbegründer von ARiSE, dem österreichischen Forschungscluster „Austrian Rigorous System Engineering“. Wissenschafter der TU Wien, der TU Graz, der Universitäten Salzburg und Linz sowie am Institute of Science and Tech-

nology Austria ISTA stehen in ständigem Austausch über den Stand ihrer jeweiligen Forschung. „Die Zusammenarbeit in Österreich funktioniert sehr gut“, sagt Veith. „Das Netzwerk ARiSE findet in internationalen Fachkreisen Beachtung. Herausragende Vertreter der Computerwissenschaften kommen gern zu Vorträgen und Tagungen nach Wien.“ Einer, der Veiths Einladung zu einem

Vortrag an der TU Wien Folge leistete, ist der indische Computerexperte Sumit Gulwani. Seiner Tätigkeit geht er am Forschungszentrum von Microsoft in Redmond nach. Auch er hat sich mit der Fehleranalyse in Computerprogrammen beschäftigt. Mit den Erfahrungen, die er daraus gewinnen konnte, versucht er nun, von der Analyse zur Synthese zu kommen. Konkret heißt das, er will Computern beibringen, einfache Programme durch ihre Benutzer selbst zu schreiben.

„Ursprünglich dachte ich an Programmierer, denen durch solche Programme bestimmte Routinen erleichtert werden sollten“, sagt Gulwani. Mittlerweile gilt er als führender Kopf im Bereich der automatischen Programmsynthese. „Die Programmsynthese nützt die aus der Programmanalyse gewonnenen Einsichten und Methoden, um zu neuen Programmen zu kommen. Dabei geht es nicht mehr nur um Hilfestellung für Spezialisten. Ich möchte Benutzern von Computern, aber auch von Handys die Möglichkeit eröffnen, solche einfachen Programme ,selbst zu schreiben‘ und zu nutzen.“ Gulwani führt anhand von Tabellenkalkulationen vor, was solche selbst lernenden Programme für ihre Nutzer leisten können. Ein Ziel ist, künftig Computer, Handys und Roboter nicht mehr nur durch starre Bedienschemata zu steuern, sondern mit flexiblen Programmen,

die nach Bedarf automatisch generiert werden. „Der Nutzer als ,Programmierer‘ sagt dem Gerät, was es machen soll. Dieses führt ein paar Probeläufe durch, um festzustellen, ob es die Aufgabe verstanden hat, und setzt dann seine neue Fähigkeit an gegebener Stelle ein“, erklärt Gulwani. Seine Absicht ist, damit etwa den Unterricht in unseren Schulen, aber auch in Ländern wie Indien, wo besonders am Land entsprechende Einrichtungen fehlen, zu unterstützen. So entwickelt er Software für den Mathe- und Geometrieunterricht, die Kinder bei ihren Lösungsversuchen entsprechend helfen soll. „Der Unterricht soll zum interaktiven Spaß werden“, meint der Forscher lächelnd. „Und der Lehrer über sein Handy stets feststellen können, ob die Kinder verstanden haben, was er vorträgt.“ Informationen zu ARiSE (mit Job-Angeboten): http://arise.or.at


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TITEL HABEN WIR NOCH RESSOURCEN?

Der Countdown zum Thema CAROLIN GIER MINDL

16.185.752

Liter Erdöl werden weltweit pro Sekunde verbraucht. Größter Erdölverbraucher mit 20.571 000 Barrel pro Tag (1 Barrel sind 159 Liter) sind die USA.

7.000.000

Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche geht weltweit jährlich durch Erosion, Versalzung und Austrocknung verloren.

813.032

Tonnen Koks, 43.681 Tonnen Braunkohlebriketts und 3,1 Millionen Tonnen Steinkohle hat Österreich 2009 importiert.

285.400

Barrel Erdöl benötigt Österreich täglich. 2009 wurden 7,43 Millionen Tonnen Rohöl eingeführt. Haupthandelspartner: Kasachstan, Irak und Libyen.

1530,60

US-Dollar kostete eine Feinunze Gold (31,1 g) am 27. April 2011. Damit erreichte der Goldpreis in New York ein Allzeithoch. Im Dezember 2000 lag der Preis bei 272,65 US-Dollar.

1.100

Tonnen an mineralischen Rohstoffen verbraucht statistisch gesehen jeder Österreicher innerhalb von 70 Lebensjahren. Inkludiert sind 39 Tonnen Eisen, 1 Tonne Stahl und 1 Tonne Kupfer.

854

Milliarden Barrel Ölreserven gibt es laut Energie Watch Group weltweit. Die Industriedatenbanken gehen von 1.255 Milliarden Barrel aus. Die größten nachgewiesenen Ölrerven gibt es in Saudi-Arabien, Kanada und im Iran.

295

Liter Wasser pro Person am Tag – damit halten die USA die Spitzenposition beim Wasserverbrauch. In Europa führen die Italiener mit 213 Liter pro Tag die Liste an. Chinesische Städter verbrauchen 200 Liter pro Tag.

200

Milliarden Dollar müssen laut UN in den nächsten 15 Jahren aufgewendet werden, um den Verlust von Ackerflächen und die Ausbreitung der Wüsten einzudämmen.

150

Liter Wasser pro Tag – damit liegt Österreich im EU-Mittelfeld. Der Großteil wird für Toilettenspülung und im Bad verbraucht. Am wenigsten Wasser – ein Liter – wird getrunken. Insgesamt benötigt Österreich 2,6 Milliarden Kubikmeter Wasser jährlich.

100

Millionen Tonnen fester mineralischer Rohstoffe wie Kies, Sand, Kalkstein, Dolomit, Mergel, Ton und Quarzsand wurden 2009 in Österreich abgebaut.

97

Prozent der Weltproduktion der Metalle Seltene Erden kommen aus China. Seltene Erden sind zur Herstellung von Windkraftturbinen und Hybridautos wichtig. Die EU sieht den europäischen Zugang zu insgesamt 14 Rohstoffen gefährdet.

90

Tage lang muss Österreich sich mit eingelagerten Ölreserven selbst versorgen können. Dazu ist das Land als Mitglied der Internationalen Energieagentur verpflichtet. Österreichs Tanklager bunkern laut Experten 40 Prozent des Jahresbedarfs.

87

Prozent der österreichischen Haushalte beziehen ihr Trinkwasser über zentrale Versorgungsanlagen; 13 Prozent von Hausbrunnen oder kleineren Wassergemeinschaften.

80,1

Millionen Tonnen Treibhausgas-Emissionen hatte Österreich 2009 zu verbuchen. Hauptverantwortlich dafür sind Industrie und Verkehr. Österreich ist elf Millionen Tonnen weit vom Kyoto-Ziel entfernt und damit Schlusslicht in Europa.

70 65

Prozent aller weltweiten Ackerflächen werden für die Fleischproduktion benötigt.

Prozent des weltweiten Wasserverbrauchs fließen in die Landwirtschaft. In vielen Ländern muss konstant bewässert werden. In Österreich verbraucht die Industrie 65 Prozent des Gesamtwasserbedarfs, die Landwirtschaft acht Prozent.

60

Metalle, unter anderen Gold, Silber, Kupfer, Kobalt oder Palladium benötigt man für die Produktion eines Handys. 2010 wurden rund 1,6 Milliarden Stück verkauft. Handys werden zu drei Prozent recycelt.

56,3 50

Millionen Tonnen Abfall produziert Österreich jährlich. 1,2 Millionen Tonnen sind laut Umweltbundesamt gefährlicher Abfall.

Prozent und höher, so rapide wird der weltweite Energiebedarf in den nächsten 25 Jahren steigen, prognostiziert die Internationale Energieagentur. 70 Prozent des Anstiegs werden von Entwicklungsländern ausgehen.

32 31

verschiedene Metalle sind zur Herstellung eines PC notwendig.

Länder dieser Erde leiden an ständigem Wassermangel. 1,1 Milliarden Menschen haben kein sauberes Trinkwasser. 2025 werden rund 50 Länder und drei Milliarden Menschen betroffen sein.

17

Länder, dann kommt Österreich: Laut UN-Weltwasser-Entwicklungsbericht belegen wir Platz 18 im Wasser-Ranking. Finnland hat die beste Wasserqualität, gefolgt von Kanada und Neuseeland.

4,9

Hektar groß ist der Ökologische Fußabdruck jedes Österreichers. Nordamerikaner brauchen 9,4 globale Hektar, um ihren Konsumund Energieverbrauch pro Kopf zu decken. Globaler Durchschnitt: 2,2 Hektar.

1,7

Milliarden Kubikmeter Erdgas hat Österreich 2009 im Inland gefördert – ein Fünftel des heimischen Bedarfs. Der Großteil, 48 Prozent, wird aus der Rohstoff-Weltmacht Russland importiert.


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HABENW IR NOCH RESSOURCEN? Marion Aigner-Filz, 35, Biobäuerin, Porrau

„Die Natur ist so geschaffen, dass sie alleine funktioniert. Der Mensch greift so sehr ein, dass sie das irgendwann nicht mehr tut. Das will ich für mich nicht – weder persönlich noch beruflich. Ich will mein Gemüse nicht vom Traktoranhänger in irgendein Lagerhaus kippen. Mir macht es Freude, am Markt die Menschen kennenzulernen, für die ich arbeite. Das ist für mich ein schöner, natürlicher Kreislauf.“ Marion Aigner-Filz hat im Alter von 16 Jahren den Hof ihres Vaters übernommen und auf biologische Landwirtschaft umgestellt. Sie baut Gemüse- und Getreideraritäten an und verkauft diese ab Hof und jeden Samstag am Wiener Kutschkermarkt. www.lebendigeracker.at FOTO: K ARIN WASNER

Zu den Fotos Die Fotografin Karin Wasner hat Bio-Bäuerinnen und -Bauern in Niederösterreich besucht und mit ihnen über ihre Arbeit gesprochen. Sie wollte deren Beweggründe für biologische Landwirtschaft kennenlernen. Dabei entstanden die Porträts in dieser Ausgabe von Falter Heureka.


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HABEN WIR NOCH RESSOURCEN?

Energie bis ins 24. Jahrhundert Was kommt nach Öl, Erdgas und Atomstrom? Schiefergas soll unsere Energiesituation und Welt verändern GUNNAR HEINSOHN

nsere nervöse Seite, die immer Angst hat, dass alles nicht reicht und wir bald hungern oder frieren müssen, wird im April von der U.S. Energy Information Administration (EIA) beruhigt: Schiefergas soll uns als Energiequelle dienen (www.eia.gov/analysis/studies/ worldshalegas/pdf/fullreport.pdf). Für 32 der rund 200 Staaten der Welt hat sie die – bei heutigen Techniken und Preisen – sicher förderbaren Menge auf 6600 Billionen Kubikfuß veranschlagt. Die Reserven dieser Länder an herkömmlichem Gas, mit dem wir heute heizen und produzieren, liegen bei nur 1000 Billionen Kubikfuß. Da sie pro Jahr 55 Billionen Kubikfuß verbrauchen, reichte das bisher verwendete Gas nicht einmal für zwanzig Jahre. Mit der neuen Quelle hingegen können wir uns weitere 140 Jahre wärmen. Noch 2005 hatte Doug Reynolds errechnet, dass Nordamerika (Kanada, USA, Mexiko) bereits 2007 den Gipfel seiner Gasproduktion (peak gas) überschreiten würde. Heute – nur sechs Jahre später – sieht man den Produktionsgipfel für dieses Gebiet jenseits von 2050. Obwohl in den USA seit 1821 Schiefergas gefördert wird, liefert es noch 2009 gerade sieben Prozent der gesamten Gaspro-

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Gunnar Heinsohn ist Soziologe und Ökonom

Schiefergas bringt neue Produzenten nach vorne: Polen, Frankreich, aber auch Ungarn. Die großen Gaspipelines aus Russland könnten zu teuer werden.

duktion. 2020 jedoch sollen es schon 50 Prozent sein – eine Revolution der Energieversorgung. Schaut man auf die gesamte Welt, liegen die förderbaren Mengen von herkömmlichem und Schiefergas gemeinsam bei 22.600 Billionen Kubikfuß. Bei einem aktuellen Verbrauch von 106 Billionen Kubikfuß reicht das für gut 200 Jahre. Wenn sich beim Gas das Muster der Reservenanhebung für Öl wiederholt, gibt es Energiesicherheit bis weit in das 24. Jahrhundert. 1950 wurden die globalen Ölreserven auf 100 Milliarden Fass geschätzt. 1980 auf 650 Milliarden, 2010 auf 1243 Billionen Fass. Die sollen bis 2065 reichen. Das wirkt immer noch knapp. Doch man vergleiche es mit der Perspektive 1919: Damals wurde das Ende des Öls für 1939 veranschlagt. 1956 nahm man an, die Petroleumwirtschaft gehe 1970 zu Ende. Das Schiefergas bringt neue Produzenten nach vorne. In Europa liegt Polen mit Reserven von 187 Billionen Kubikfuß auf dem ersten Platz. Energiechampion aber bleibt Frankreich. Sein Export von Atomstrom kann mit dem Schließen der deutschen Meiler nur weiter zulegen. Überdies kommt es mit 180 Billionen Kubikfuß Schiefergas an Polen ganz nah heran. Deutschland hingegen mit gerade acht Bil-

lionen Kubikfuß Reserven an Schiefergas (bei einem jährlichen Verbrauch von 3,3 Billionen Kubikfuß) steht am Beginn einer prekären und womöglich nie endenden Energieabhängigkeit. Österreich hingegen hofft auf das Wiener Becken, wo die OMV erfolgreiche Testbohrungen gemacht hat. Und als potenter Lieferant von Schiefergas macht sich Ungarn bereit. Dramatisch wird es für Russland. Als global größter Produzent von herkömmlichem Gas erzielte es mit seinen Exporten nicht nur überlebenswichtige Einnahmen, sondern übt auch Macht aus. Einmal mehr werden dabei die Deutschen getroffen. Unter ihrem Exkanzler Gerhard Schröder haben Wintershall und Eon Ruhrgas Megabeträge in die Ostsee-Pipeline Northstream gepumpt. Jetzt stecken sie im Knebel langfristiger Verträge für hochpreisiges Erdgas. Auch die antirussische NabuccoPipeline unter Deutschlands ehemaligem Außenminister Joschka Fischer, bei der sich auch die OMV hoch exponiert hat, ist für den Transport von teurem Erdgas gedacht. Beide Unternehmen könnten ihre Leitungen alsbald zum Schrottwert bilanzieren, während Polen und Frankreich den neuen Schiefer-Brennstoff konkurrenzlos billig und auf kürzestem Wege liefern.

Scientific Networking: Ressourcen sparen im Labor Fast eine Million Wissenschafter weltweit nutzen die Onlineplattform ResearchGate als „Facebook“ für Forscher

an braucht nur ein paar Mausklicks, M um sich Unmengen an Informationen zu beschaffen. Beim Social Networ-

king kann man mit Gott und der Welt kommunizieren – das ist mittlerweile privater wie beruflicher Alltag. Und bei aller Kritik: Es ist eben praktisch und – zumindest wenn man die Spreu vom Weizen zu trennen weiß – effizient. Die Vorteile von Web-2.0-Applikationen will sich, zugeschnitten auf seine Bedürfnisse, auch das ResearchGate zunutze machen. Die Vision dieser Onlineplattform für Wissenschafter nennt sich Science 2.0. Es läuft im Wesentlichen darauf hinaus, dass man Forschungsprozesse durch Scientific Networking und den damit verbundenen Erfahrungs- und Informationsaustausch effizienter machen könnte. Das Konzept scheint zu funktionieren: Seit der Virologe Ijad Madisch die Plattform 2008 in Berlin gegründet hat, haben sich über 900.000 Forscher aus 192 Ländern und allen Disziplinen registriert. „Cooperate or die“, nennt der Mikrobiologe

Mikrobiologe Johannes Grillari, BOKU Wien: „Ein Austausch auf ResearcheGate ist praktisch eine Gesamtressourcenoptimierung.“

Johannes Grillari einen der Gründe für den Erfolg von ResearchGate. Wer wie der Experte für Biogerontologie in hochkompetitiven Bereichen forsche, müsse heutzutage einfach kooperieren. „Ab einem gewissen Spezialisierungsgrad können einzelne Labors im Normalfall nicht mehr alles abdecken“, erklärt er. „Also sucht man sich Leute, die komplementäre Expertisen haben. Und so entsteht neues Wissen.“ Nicht umsonst wird ResearchGate auch „Facebook für Wissenschafter“ genannt. Die Kontaktaufnahme und der Erfahrungsaustausch funktionieren ähnlich: Es gibt Mitglieder-Profile, Diskussionsforen und eine Datenbank mit mehr als 30 Millionen Einträgen, die Artikel aus Fachzeitschriften bündelt. Dazu kann man gezielt nach Kollegen suchen, die an ähnlichen Themen forschen. Für die Qualität und Unabhängigkeit der Plattform stehen hochkarätige nationale Advisory Boards. Grillari, Professor an der BOKU Wien und Betreiber der Biotechnologiefirma Evercyte, ist einer der drei

österreichischen Senior Advisors. „Das System ist schon relativ transparent“, findet er. „Anhand der verlinkten Publikationen sieht man gleich, was jemand macht.“ Besonders der Troubleshooting-Austausch sei für viele interessant: „Das Beschreiben fehlgeschlagener Versuche erspart Netzwerkpartnern leere Kilometer.“ Und damit natürlich auch Arbeitskraft und Material. „Experimente kosten ja etwas“, sagt der Spezialist für Zellalterung. „Und neben geistigen Ressourcen geht es dabei natürlich auch ums Geld. So ein Austausch ist praktisch eine Gesamtressourcenoptimierung.“ Gelegentlich flattern dem Biogerontologen Jobbewerbungen über das ResearchGate ins Haus. „Manche Forscher, vor allem aus Schwellenländern, benützen die Plattform als Sprungbrett bei der Arbeitssuche.“ Auch die Demokratisierung von Wissen und das Zugänglichmachen von Ressourcen in Ländern, in denen es Forscher in dieser Hinsicht nicht leicht haben, sind Grundsätze von ResearchGate.

FOTOS: UNI BREMEN, BOKU WIEN

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Kommentar Kulturressource

Grafikkabinett Püribauers Tierversuche

Handschrift Ade? CLAUDIA EIPELDAUER

„Schrift hat ihre zentrale Funktion als Speichermedium in unserer Kultur verloren. Die Handschrift als eine ihrer Ausprägungen ist davon nicht ausgenommen.“ Frank Hartmann, Medienphilosoph

ILLUST R AT ION: BE R ND PÜR IBAUE R

Freihandbibliothek Buchtipps von Emily Walton Nachhaltigkeit braucht Politik und Bildung

Der globale Wandel, der Ressourcenverbrauch und Visionen einer möglichen Zukunft – das sind die zentralen Themen von Jill Jäger, Senior Researcher am Sustainable Europe Research Institute in Wien. Auf 240 Seiten will sie darauf aufmerksam machen, dass der Mensch es in der Hand hat, die Umwelt zu retten: durch fairen Handel, Umweltpolitik und Bildung. Ein lösungsorientiertes Buch, das Wege aufzuzeigen versucht, wie sich Ressourcenknappheit und Umweltkatastrophen vermeiden lassen. Jill Jäger. Was verträgt unsere Erde noch? Wege in die Nachhaltigkeit. Fischer Verlag. 240 Seiten Umweltbewusstsein – Eine Bilanz

Diese Buch bietet einen umfassenden Rückblick auf umweltschützende Aktivitäten in den vergangenen Dekaden: Anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Organisation Friends of the Earth veröffentlichte Robert Lamb in den Neunzigern eine Bilanz, die noch heute sehr interessant ist. Lamb gibt Einblick in viele Themenbereiche – von der Anti-Atom-Kampagne bis hin zur Kritik am Walfang. Zudem beschreibt er, wie sich das Umweltbewusstsein in der Gesellschaft verändert hat. Der Text wird ergänzt durch Fotos und Illustrationen englischer Künstler. Robert Lamb. Promising the Earth. Routledge Verlag. 248 Seiten

Die Tatsachen zählen, nicht die Medienschlagzeilen

Schwarzmalen nützt nichts, so Autor Bjørn Lomborg. In „The Skeptical Environmentalist“ schildert er die Situation auf unserem Planeten so, wie sie wirklich ist: Nüchtern zeigt das ehemalige Greenpeace-Mitglied die Fakten – ohne sie zu schönen. Aber auch ohne sie zu verschlechtern. Er führt in seinem Werk unterschiedliche Studien an und geht auf ihre Stärken und Schwächen ein. Ein Buch, das zeigt, dass es nicht hilft, über Erderwärmung und Ressourcenknappheit zu klagen. Nur Handeln hilft. Bjørn Lomborg. The Skeptical Environmentalist: Measuring the Real State of the World. Cambridge University Press. 540 Seiten Ein Rohstoff, an dem sich alle die Finger schmutzig machen

Öl sichert uns den Wohlstand und (noch) garantiert es uns Mobilität. Aber der Handel mit diesem wichtigen Rohstoff ist grausam. So grausam, dass ungezählte Bücher darüber geschrieben wurden. Detailliert und sehr pointiert beschreibt Autor Peter Maass die Situation rund um das Öl. Dieses Buch klärt auf, wie die Ressource Erdöl Kriege in der dritten Welt provoziert, finanziert und zu Korruption führt. Ein guter Einblick in das internationale Ölbusiness. Peter Maass. Öl: Das blutige Geschäft. Droemer Verlag. 352 Seiten

rauchen wir eigentlich noch die HandB schrift? Laut Unterrichtsministerium „wird darauf in den Grundschulen noch

größter Wert gelegt“. Auf meine Frage, ob wir dank moderner Hilfsmittel vielleicht bald aufhören, mit der Hand zu schreiben, versucht man im Ministerium mich zu beruhigen. Spricht man allerdings mit den Praktikern direkt in den Bildungsinstitutionen, scheint sich ein Wandel abzuzeichnen: „Das Schriftbild wird bereits zunehmend weniger streng bewertet“, sagt die Direktorin Maria-Theresia Strouhal. Sie leitet die Volksschule Stiftgasse in Wien, wo die Kinder bereits ab der zweiten Schulstufe auch am Computer erste Sätze produzieren. Dem Erlernen des Schreibens mithilfe von Stift und Papier kann die Volksschuldirektorin trotzdem noch viel abgewinnen. Sie erklärt, dass „durch das motorische Lernen wertvolle kognitive Prozesse in Gang gesetzt werden“.

In pädagogischer Hinsicht haben wir uns von der Idee des Schreibens also noch nicht losgelöst. Medienphilosoph Frank Hartmann sieht dennoch wenig Hoffnung für die Schriftkultur: „Schrift hat ihre zentrale Funktion als Speichermedium in unserer Kultur verloren. Die Handschrift als eine ihrer Ausprägungen ist davon nicht ausgenommen. Dies ist ein Effekt nicht nur des Computers, sondern einer auf neuen audiovisuellen Aufzeichungstechniken basierenden Medienrevolution.“ Und was bedeutet es für eine Gesellschaft, die ihre Ressource Wissen völlig neu organisiert und, statt Informationen aufzuschreiben, Inhalte digital speichert? Professor Franz-Markus Peschl, Wissenschaftstheoretiker an der Uni Wien, erklärt: „Wir lernen heute anders als zu der Zeit, als wir etwa noch in Büchern gelesen und daraus abgeschrieben haben. Die Aneignung von Wissen hat natürlich eine Auswirkung auf die Wissensproduktion. Das Bedienen eines Computers ist viel abstrakter als das Schreiben auf dem Papier. Wir entfernen uns vom Objekt und schaffen einen neuen Zugang.“ Besonders spannend findet Peschl, wie neueste, Touchscreen-basierte Technologien wieder den direkten haptischen Kontakt anbieten. Frank Hartmann vermutet: „Eine personalisierte Kulturtechnik, so wie die Handschrift, werden wir auch künftig haben, aber wie sie aussieht, wissen wir überhaupt noch nicht. Das Design unserer Computer-Interfaces in den letzten Jahrzehnten kann da nicht maßgeblich sein. Es war ja stark an der Schreibmaschine orientiert, weil der Hersteller IBM seine Computer als Bürogeräte etablieren wollte.“


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HABENW IR NOCH RESSOURCEN?

Haben wir no ERICH KLEIN

onald Worster ist Professor für Amerikanische Geschichte an der University of Kansas. Er gilt als einer der Gründer und führenden Vertreter der Umweltgeschichte. Als langjähriger Präsident der Amerikanischen Gesellschaft der Umwelthistoriker wurde er 2009 zum Mitglied der „American Academy of Arts and Sciences“ ernannt.

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Seit Darwin gibt es Umweltbewusstsein Falter HEUREKA: Beim Thema Natur entsteht der Eindruck, Menschen würden lieber an Biedermeier-Landschaften des 19. Jahrhunderts denken als an Ressourcenknappheit. Haben wir überhaupt die intellektuellen Mittel, um mit komplexen Phänomenen wie Klimawandel umzugehen? Donald Worster: Das achtzehnte und vor al-

lem das neunzehnte Jahrhundert haben die Natur entdeckt. Manche würden sogar sagen, sie haben die Natur ,erfunden‘ – als einen Ort der Freiheit für den menschlichen Geist; in den Naturwissenschaften entdeckte man die Komplexität des Ganzen. Für mich ist die größte Figur in dieser Geschichte Charles Darwin, auf dem unsere ganze moderne Weltsicht beruht. Das werden nicht alle akzeptieren, aber Darwin hat eine grundlegende Revolution in Bezug auf unsere natürliche Umwelt bewirkt. Die Dinge sind in Bewegung, es gibt Konflikte, ständig werden neue Ordnungen geschaffen, und wir selbst sind als Spezies auch ein Produkt derartiger Vorgänge. Was immer man davor dachte, seit Darwin wissen wir, dass wir selbst Tiere sind, Produkte einer langen biologischen Evolution; auch unsere Kulturen entstehen in evolutionären Prozessen.

Was veränderte es, wenn man den Menschen als Teil komplexer Vorgänge sieht? Worster: Wir sind erstmals imstande zu ver-

stehen, dass wir diesen Planeten auch zerstören können. Davor mag man gedacht haben, die Welt wurde von Gott erschaffen, und zwar auf derart perfekte Weise, dass sie gar nicht beschädigt werden könnte. Gott würde auf sie schon aufpassen, egal, wie sehr man industrialisiert, modifi ziert, ausbeutet und konsumiert. Seit Darwin ist das vorbei.

Warum Europa China geschlagen hat Freud sprach von den drei Kränkungen der Menschheit durch Kopernikus, Darwin und die Psychoanalyse – der Mensch wurde aus dem Zentrum gerückt. Bei der Lektüre Ihrer Bücher fällt Amerikas Sonderstellung auf – es ist, als hätte die Geschichte 1492 gleichsam noch einmal im Paradies begonnen. Worster: Das Datum habe nicht ich erfun-

den, es markiert den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Die westliche Welt ent-

steht um 1500, das ist Standard. Amerika als Garten Eden – das bezieht sich ja auch auf Brasilien. Erfunden haben das nicht die Amerikaner, sondern die Maler und Reisenden. Die Europäer sprachen immer wieder vom ,neuen‘ und ,goldenen Land‘, von der ,neuen Welt‘, die noch in aller Unschuld lebte. Es ist ein Problem, dass die Europäer immer Schwierigkeiten hatten, derartige Umbrüche zu verstehen – das ist einfacher, wenn man selbst außerhalb steht. Was meinen Sie damit? Worster: Nehmen wir die industrielle Revo-

Ein Gespräch mit dem USamerikanischen Umwelthistoriker Donald Worster über die Bedeutung von Ressourcen in Geschichte und Gegenwart

lution, die von den Europäern immer ,intern‘ erklärt wurde – durch die spezielle Arbeitsethik, oder anhand bestimmter kultureller, etwa wissenschaftlicher und praktischer Vorgehensweisen. Alles sollte sich aus sich selbst erklären. Schließlich fanden aber einige Historiker heraus, dass um 1800, unmittelbar vor der industriellen Revolution, der Lebensstandard in China mindestens so hoch war wie in Westeuropa, vielleicht sogar höher. Die Kenntnisse der Mechanik waren in China ebenso groß wie in Europa; was das Wassermanagement betraf, waren die Chinesen sehr viel weiter; Textilmanufakturen hatten sie schon Jahrzehnte, andere Dinge schon Jahrhunderte vor den Europäern erfunden. Was die Ernährungssituation betraf, so war sie um 1800 in einigen fortschrittlichen Regionen Chinas jener von Westeuropa vergleichbar, „Alles begann vielleicht sogar besser. mit der Frage Wie und warum wurde der Westen dann reicher? Worster: Für eine Reihe von Historikern gibt

,Wie überleben wir einen es zwei Erklärungsmuster: Die britische Atomkrieg?‘“ Kohle hat alles ganz grundlegend geändert. Die Chinesen hatten zwar auch Kohle, verwendeten sie aber aus diversen Gründen anders. Der noch größere Unterschied ist folgender: Die Europäer verfügten über all diese neuen Territorien, die China nicht hatte. Dorthin wurde die überflüssige Bevölkerung geschickt, es gab fast zweihundert Millionen Emigranten aus Europa. Kohle und Kolonien erklären den Aufstieg Europas? Worster: Man kann das in Bezug auf Eng-

land und Frankreich so sehen. Nur die Europäer haben das im Allgemeinen noch nicht wahrgenommen. Würden sie anerkennen, dass sich das europäische Wunder, mit dem sie die Chinesen überflügelt haben, den Ressourcen und nicht dem menschlichen Geist verdankt, also der Natur, dann müsste man auch damit zurecht kommen, dass sich die Ressourcen einmal erschöpfen. Man würde dann auch sehen, dass die Umwelt nicht mehr dieselbe ist, die sie einmal war.

Was Adam Smith übersehen hat Eines Ihrer Bücher heißt ,Wealth of Nature‘. Bei Adam Smith ist es die ,unsichtbare

Die wichtigsten Bücher von Donald Worster: „Nature‘s Economy“ (1977), „Rivers of Empire“ (1985), „The Wealth of Nature: Environmental History and the Ecological Imagination“ (1993), „An Unsettled Country“ (1994), „A River Running West: The Life of John Wesley Powell“ (2001) und „A Passion for Nature: The Life of John Muir“ (2008)

Hand‘ des Marktes, die den Wohlstand der Einzelnen und der Nationen hervorbringt – was wäre eine solche, ,inivisible hand‘ in Bezug auf Ressourcen? Worster: Für Adam Smith ist Natur nicht

wichtig, weil er glaubt, Reichtum entstehe fast ausschließlich durch menschliche Arbeit. Sein Argument lautet so: Den Menschen ist natürliche Freiheit gegeben, wir handeln rational und folgen unseren eigenen Interessen. Dazu ist anzumerken: Was geschieht, wenn man die natürlichen Ressourcen eines Landes ausgebeutet und erschöpft hat? Die unsichtbare Hand ist dann eher ein unsichtbarer Finger, der darauf hinweist: Wenn du so weitermachst wie bisher, zum Beispiel mit dem CO2-Ausstoß, dann zerstörst du eine Balance, das Klimasystem geht kaputt. Wir mögen den erhobenen Finger sehen, doch wir verstehen die Natur nicht ganz. Worster: Trotzdem hält sie einige Lektionen

für uns bereit. Die Naturwissenschaft ist nicht die beste Möglichkeit, aber wir haben keine andere. Wir müssen auf die scientific community hören. Zu Adam Smith ist noch zu sagen – er ging an die Sache noch sehr simpel heran, er hatte weder Vorstellungen von Biodiversität noch von Ökosystemen.

Der Beginn der apokalyptischen Umweltsicht Es gibt einen Unterschied zwischen amerikanischen Naturalisten im Gefolge Thoreau’s, die oft positive Naturgeschichten schreiben, und europäischen Umweltapokalyptikern, wo ständig der letzte Baum gefällt wird. Worster: Schauen Sie nach Hollywood, was

dort an apokalyptischem Zeug produziert wird. Wenn Sie das letzte Jahrhundert untersuchen – was war der Wendepunkt, an dem der Optimismus verschwand? Der Erste Weltkrieg. Die Leute kamen mit der Erkenntnis nach Hause, wie destruktiv die menschliche Natur ist. Und zwar grundlos; dann folgten die weltweite Depression, Hitlers Aufstieg, die Atombombe und die Russen mit ihren Gulags. Wie sollte man da nicht apokalyptisch über das 20. Jahrhundert sprechen – von Umweltfragen ist da noch gar nicht die Rede. Der Teufel liegt im Detail. Einer der Helden der deutsche Linken und Grünen in den Siebzigerjahren war Woody Guthrie: Wenn er den Columbia River und den Grand Coulee Dam besang, tat er das im Auftrag der amerikanischen Regierung und erwartete die Lösung aller Probleme von einer Staumauer – in Europa demonstrierte man mit Guthrie gegen Kraftwerksbau. Worster: Es gab auf der Linken viele Leu-

te, die noch in den Dreißigerjahren an die Versprechungen der Technik glaubten. Die Atombombe ließ zwar viele Zweifel entstehen, aber selbst danach sprach man weiter von einer Atom-Welt, in der die Energie


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ch Ressourcen? Geschichte-Department in Stanford wurden geknackt: Ein führender Vertreter des Ecocriticism wie Lawrence Buell sitzt heute in Harvard. Das letzte Jahrhundert beschäftigte sich mit Armut und Diskriminierung, das Thema des 21. Jahrhunderts ist Umwelt im weitesten Sinn. Das bedeutet nicht, dass die früheren Probleme gelöst sind. Aber wir können weder über Armut noch über Gender sprechen, ohne über die Umwelt nachzudenken. Nehmen Sie Japan – worum geht es dort? Um einen Tsunami, um eine Naturkatastrophe, um Atomkraft? Wir brauchen Historiker, um zu verstehen, wie es zu all dem kam, wie alles zusammenhängt. Vielleicht ist es auch sinnvoll, zu wissen, was ein Goethe über diese Dinge schrieb und dachte.

quasi gratis wäre. Wirft man den Umweltschützern Pessimismus vor, muss man daran erinnern, dass alles eigentlich mit der Frage ,Wie überlebe wir einen Atomkrieg?‘ begann. Mit Strategen wie Herman Kahn, der Pläne für siegreiche Atomkriege entwickelte auf der Basis: Wir Amerikaner werden so und so viele Bomben auf die Russen werfen, die tun dasselbe, bei uns bleiben so und so viele Menschen am Leben – d.h. wir gewinnen. Es war also angebracht, apokalyptisch zu denken – denkt man an die Komplexität heutiger Probleme wie den Klimawandel, fällt es nicht leichter, optimistisch zu sein.

Umweltkatastrophen als Gottesgericht

Ein anderes Ihrer Bücher, ,Rivers of Empire‘ , behandelt das Thema Wasser und den Traum von einer grenzenlos florierenden ,hydraulischen‘ Gesellschaft. Worster: Auch dieses Buch hat einen famili-

In Ihrem Buch über den „Dust Bowl“ beschreiben Sie anhand verheerender Staubstürme im Amerika der 1930er-Jahre den sehr konkreten Zusammenhang zwischen Natur- und von Menschenhand gemachter Katastrophe. Worster: Als ich in den Fünfzigerjahren in

Kansas aufwuchs, sah alles nach Wohlstand aus. Plötzlich gab es aber noch einmal eine Dust Bowl. Ich hatte das längst vergessen, als ich in den Siebzigerjahren als Professor an einem Projekt über die Sahel-Zone, das Gebiet südlich der Sahara, mitarbeitete. Es ging dabei um den Zusammenhang von Hungersnot und Zerstörung der Landschaft durch Abholzen der Wälder, Überweidung und Übernutzung durch Landwirtschaft. Ich kehrte damals nach West-Kansas zurück, wo noch immer diese dramatisch anmutenden Kornspeicher herumstehen – doch statt weiß zu sein, waren sie von dicken, braunen und roten Staubschichten überzogen. Das Buch hat auch einen autobiografischen Aspekt, meine Eltern wurden von der Dust Bowl vertrieben – wobei sie eigentlich den ganzen Kontext nie verstanden. Niemand von diesen Leuten hat je den Ausdruck ,Ökologie‘ oder ,Ökonomie‘ verwendet, für sie war es eine Naturkatastrophe, eher ein Gottesgericht als von den Menschen gemacht.

„Ressourcen & Umwelt“ sind das Thema des 21. Jahrhunderts

FOTOS: K ARIN WASNER

Ein Vorwurf im Zusammenhang mit Umweltschutz, Ressourcenknappheit und -verteilung lautet, es handle sich um eine Art luxuriöses Problem der sogenannten ,Ersten Welt‘. Worster: Das war auch in den USA lange Zeit

immer wieder der Fall – als wir in der akademischen Welt erstmals mit Umweltfragen auftauchten, stießen wir auf ein Gemisch aus Gleichgültigkeit und Ablehnung. Die einzigen Themen, die Geltung besaßen, waren ,Race‘, ,Class‘ und ,Gender‘. Das hat sich zum Glück geändert – mittlerweile ist diese akademische Tyrannei beendet. Selbst die elitärsten Institutionen wie das Englisch-Department in Harvard und das

ären Hintergrund. Meine Eltern flohen vor der Dust Bowl nach Kalifornien, wie etwa auch die Eltern von John Steinbeck, dessen Roman ,Früchte des Zorns‘ von den Folgen dieser Katastrophe handelt. Ich wurde in Needles, einer kleinen, staubigen Eisenbahnstadt am Colorado River, geboren und wollte wissen, was danach kam. Über die kalifornische industrialisierte Landwirtschaft wurde massenhaft geforscht – was waren aber deren Grundlagen? Merkwürdigerweise hatte danach niemand gefragt. Mit Roosevelts New Deal wurde die Eroberung des Westens ganz neu geplant – man schuf für die Opfer der Dust Bowl Arbeitsplätze. Mich interessierte die Ideologie hinter all dem staatlichen Planen. Donald Worster: „Am arrogantesten sind ja gerade jene, die den Klimawandel leugnen und immer nur sagen, wir machen wie bisher weiter. Solches Vertrauen ist komplett unsinnig.“

In Stalins Planwirtschaft wurde zur selben Zeit etwas Ähnliches unternommen. Worster: Es war kein Zufall, dass ich in die-

sem Zusammenhang auf Karl A. Wittfogel und seine Theorie der ,hydraulischen Gesellschaft‘, aber auch auf die Frankfurter Schule stieß. Die Leute hatten immer gewusst, dass Kalifornien ein trockenes Land ist, niemand hatte aber von der Wasserwirtschaft gesprochen, die zur Beseitigung der Trockenheit notwendig war. Wie sah die soziale, politische und die ökonomische Macht dafür aus? ,Empire’ ist ein guter amerikanischer Ausdruck, der auf Thomas Jefferson zurückgeht, und Herrschaft über die Natur spielte seit ihrem Beginn eine wichtige Rolle in der amerikanischen Geschichte. Im Zentrum stand für mich bald der Traum von der Beherrschung des Wassers – der Fluss eines jeden Wassertropfens, wie er kontrolliert und reguliert wird, um eine menschliche geschaffene Oase zu erschaffen. Es gab dafür rechte und linke Lösungen. Manche Konservative schätzen das Buch, weil sie meinten, es sei gegen die Regierung gerichtet. Viele Linke

waren erzürnt, weil die Idee der Technik als Moment der Befreiung dabei herausgefordert wurde.

Maßhalten auch bei Umweltprognosen Nach einer Reihe theoretischen Arbeiten und Strukturgeschichten haben Sie zuletzt Bücher biografischer Art geschrieben – eines über den Schriftsteller und Naturforscher John Muir, der am Beginn der amerikanischen Naturschutzbewegung steht. Worster: Meine Professoren haben mich

nicht gerade dazu ermuntert, Biografien zu schreiben. Sie meinten, das sei nicht Geschichte. Ich glaube, erst dann, wenn man weiß, wie es ist, mit sechzig in der Früh aufzuwachen, versteht man, was einen Lebenszyklus ausmacht – dass ein Leben nie jenen Verlauf nimmt, den man erwartet hat. Versuchen Sie, sich vorzustellen, was die Person, die Ihnen gegenüber sitzt, eigentlich am Funktionieren hält – nach fünfhundert Fragen bleibt noch immer ein Rätsel übrig. Wissen Sie, was es für das Selbstvertrauen eines Historikers bedeutet, wenn er nicht einmal eine einzelne Person verstehen kann? Wie soll ich dann ein ganzes Land wie Österreich verstehen – oder wie der ganze Planet funktioniert? Wir müssen uns um Erkenntnis bemühen, unser Nicht-Wissen aber anerkennen – das führt zu einer gewissen Bescheidenheit, wenn es ums Ganze geht. Ein Freund hat das als ,ignorance-based world view‘ bezeichnet.

Der bald vierzig Jahre alte Bericht des Club of Rome aus dem Jahr 1972 über ,Die Grenzen des Wachstums‘ war nicht gerade bescheiden. Bis heute sind die düsteren Prognosen über Industrialisierung und Erschöpfung der Rohstoffe umstritten. Worster: Ich glaube nicht, dass in dieser

Forschergruppe allzu große Arroganz vorherrschte – sie gaben zu, dass sie die Zukunft nicht voraussagen konnten. Die Schlüsse müssen natürlich immer überprüfbar sein – und vielleicht dürfen manche Dinge auch nicht mit allzu großer Vehemenz vorgetragen werden, was eine gewisse Weisheit voraussetzt. Auch darin müssen wir unsere Grenze anerkennen. Jene, die so tun, als wüssten sie genau, was mit dem Klimawandel passiert, oder wie wir das Überleben der bald neun Milliarden Menschen sichern sollen, sind verrückt. Der Großteil der scientific community weiß aber, dass es darum geht, sorgfältig abzuwägen – und ich glaube, dass dies auch ein allgemeines Modell für unseren Umgang mit Natur darstellt. Extravagante Ansprüche sind dabei fehl am Platz. Am arrogantesten sind ja gerade jene, die den Klimawandel leugnen und immer nur sagen, wir machen wie bisher weiter. Solches Vertrauen ist komplett unsinnig.


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HABEN WIR GENUG RESSOURCEN?

Der Auftritt des Maiswurzelbohrers SONJA BURGER

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Der Verbrauch an Biomasse steigt Ihre Analysen ergaben, dass der Verbrauch im Untersuchungszeitraum von 20 auf 25 Prozent angewachsen war. Diese Entwicklung ist nicht sonderlich überraschend, wenn man bedenkt, dass weltweit die Bevölkerungszahlen weiter in die Höhe kletterten und der Raum Südostasien und China einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung erlebten. Was den Forschern wirklich Sorgen bereitet, ist der Anstieg des Pro-Kopf-Verbrauchs in dieser Region um 30 Prozent. Wo führen diese Entwicklungen hin? Wie viel Biomasse-Entnahme verträgt die Pflanzenwelt, ohne dass mit einer Verknappung zu rechnen ist? Von einer realistischen Gefahr wagt noch niemand zu sprechen – bei der jetzigen Datenlage würde dies einem Blick in die Kristallkugel gleichkommen.

Weltweit steigt der Verbrauch an Biomasse. Das dokumentiert eine NASA-Studie. In Österreich treten neue Schädlinge auf

Klimawandel beeinflusst Biomasse Zumindest was die Notwendigkeit der nachhaltigen Nutzung betrifft, ist Siegrid Steinkellner, Leiterin des Instituts für Pflanzenschutz an der Universität für Bodenkultur in Wien, der Meinung von Martin Mittelbach.

Der Maiswurzelbohrer wurde in Österreich erstmals 2002 gefunden und hat sich inzwischen auch über die nördlicher gelegenen Maisanbaugebiete des Landes ausgebreitet.

Energie statt Nahrungsmittel Weltweit konkurrieren Energie- und Nahrungsmittelpflanzen um Ackerflächen. Dies führt zu einer stark polarisierten öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte. Nach der anfänglichen Euphorie um die scheinbar umweltfreundliche Alternative zu fossilen Energieträgern wurden allmählich die Schattenseiten von Energiepflanzen deutlich. Mittlerweile steht fest, dass die Produktion von Biomasse nicht per se umweltfreundlich ist, sondern bei fehlgeleiteter Nutzung zu einer Verstärkung des Treibhauseffekts und zur Zerstörung von natürlichem Lebensraum führen kann. „Je nachdem, zu welcher der beiden Positionen eine Studie tendiert, fallen die Prognosen für die Biomasse-Ressourcen im Jahr 2050 eher optimistisch oder pessimistisch aus“, sagt Martin Mittelbach, Chemiker und Leiter der Renewable Resource Group an der Karl-Franzens-Universität Graz. Seine Forschungsgruppe beschäftigt sich seit Langem u. a. mit alternativen Möglichkeiten zur Gewinnung von Biokraftstoffen.

Wir essen Steinzeitpflanzen Ist die Zukunft ungewiss, sollte in der Gegenwart vorausschauend gehandelt werden. „Wir müssen mit den vorhandenen Biomasse-Ressourcen sorgsamer umgehen“, erklärt Mittelbach. „Das funktioniert nur durch deren nachhaltige Nut-

zung.“ Das Prinzip nachhaltiger Nutzung ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Man zweigt der Natur nur so viel ab, wie wieder nachwächst. Die Sorge der NASA-Forscher um eine mögliche Verknappung der Biomasse-Ressourcen teilt Mittelbach nicht. Seiner Ansicht nach ist ausreichend unausgeschöpftes Potenzial an Biomasse vorhanden. So schreibt etwa Bill Bryson in seinem neuen Buch „At home: A Short Story of Private Life“: „Von den rund dreißigtausend Pflanzen, die für essbar gelten, tragen nur elf – Mais, Reis, Weizen, Erdäpfel, Maniok, Sorghumhirsen, Hirse, Bohnen, Gerste, Roggen und Hafer – zu 93 Prozent von allem bei, was Menschen essen – und jede dieser Pflanzen wurde einst von unseren steinzeitlichen Vorfahren kultiviert.“

gelegenen Maisanbaugebiete in Österreich ausgebreitet. Die Pflanzenschutzexpertin Steinkellner nennt noch einige andere Krankheiten und Schädlinge, die vor allem eines verdeutlichen: Der Klimawandel stellt sowohl die Landwirtschaft als auch den Pflanzenschutz vor neue Herausforderungen.

Neue Schädlinge im Land Wann das Limit für die Biomasse-Erzeugung in der Landwirtschaft erreicht ist, hängt laut Steinkellner von mehreren Faktoren, wie etwa der Art der Bewirtschaftung (ökologisch, konventionell, integriert) bzw. mit der Schadschwelle zusammen. Dieser Wert ist eine Entscheidungshilfe für den wirtschaftlichen Einsatz von Pflanzenschutzmaßnahmen. Im Bereich der Forschung stehen immer stärker die Wechselwirkungen zwischen Kulturpflanze, Schädling und Nützling im Zentrum der Aufmerksamkeit. In Zukunft werde es laut Steinkellner darauf ankommen, verschiedene Pflanzenschutzmaßnahmen so miteinander zu kombinieren, dass eine höhere Effektivität zum Schutz der Kulturpflanze vor natürlichen Gefahren erzielt wird. Das Stichwort lautet also Ertragssicherheit. Denn obwohl die Erträge kontinuierlich erhöht werden konnten, liegt der Ertragsverlust wie auch schon in den 1960ern zwischen 25 und 30 Prozent. Der Bereich der Pflanzenzüchtung spielt in puncto Ertragssteigerung ebenfalls eine zentrale Rolle. Gleichzeitig stehen der Erhalt und Schutz der Biodiversität an erster Stelle.

Wir brauchen Ertragssteigerungen

„Wir müssen mit den vorhandenen BiomasseRessourcen sorgsamer umgehen.“ Martin Mittelbach, Leiter der Renewable Resource Group an der Uni Graz

„Wir werden um Ertragssteigerungen nicht umhinkommen.“ Siegrid Steinkellner, Leiterin des Instituts für Pflanzenschutz an der Boku Wien

Für sie verdeutlicht die NASA-Studie, dass die Menschheit mit den Biomasse-Ressourcen ein wenig zu großzügig umgeht. „In Zukunft werden wir uns verstärkt mit der nachhaltigen Nutzung auseinandersetzen müssen und mit den Auswirkungen des Klimawandels auf heimische und globale Biomasse-Ressourcen.“ Wie die Expertin für Pflanzenschutz betont, ist der Klimawandel ein zentraler Faktor, wenn es um die Einschätzung der zukünftigen Biomasse-Ressourcen geht. Allerdings seien Hochrechnungen äußerst schwierig, weil „noch weitgehend offen ist, wo der Klimawandel hinführt und wie er sich auf die pflanzliche Biomasse auswirkt.“ Nicht nur die Vegetationsperioden von Kulturpflanzen könnten sich ändern, sondern auch das Krankheits- und Schädlingsspektrum. Siegrid Steinkellner berichtet, dass in Österreich etwa der Maiswurzelbohrer bis vor einem Jahr für die Landwirte kein Thema war. Das Klima hat sich bei uns aber zu seinen Gunsten entwickelt. Der Maiswurzelbohrer wurde in Österreich erstmals 2002 gefunden und hat sich inzwischen auch über die nördlicher

In Österreich ist eine Verknappung der pflanzlichen Biomasse zwar kein Thema, allerdings besteht durchaus noch Steigerungspotenzial. Beim Rohstoff Holz, einem wichtigen heimischen Biomasse-Lieferanten, zeigt der jährliche Zuwachs, dass weniger verbraucht wird, als nachwächst. „Allein in diesem Bereich steckt noch viel Potenzial“, sagt Martin Mittelbach von der Uni Graz. Ein Hoffnungsträger der Zukunft ist auch die Züchtung von Mikroalgen, die einige Vorteile im Vergleich zu Energiepflanzen wie Mais besitzen (siehe Seite 16). Und in der Landwirtschaft? Hier muss man sich die Realität vor Augen halten, dass in Bezug auf die Anbaufläche kaum noch Spielraum besteht. „Deshalb werden wir nicht um Ertragssteigerungen umhinkommen“, erklärt Siegrid Steinkellner. Durch die Kombination verschiedener mechanischer, biologischer wie chemischer Pflanzenschutzmaßnahmen, wie dies auch heute schon im integrierten Pflanzenbau praktiziert wird, stehen ökonomische Anforderungen und der Erhalt der Biodiversität nicht im Widerspruch zueinander.

FOTOS: WOLFGANG STADLBAUER, PRIVAT

on früh bis spät verbrauchen wir pflanzliche Biomasse. Meist ohne uns dessen bewusst zu sein. Wie viel die Weltbevölkerung insgesamt pro Jahr entnimmt, wollte ein Team um NASAForscher Marc Imhoff genauer wissen. Sie werteten Satellitendaten der Terra-Mission von 1995 bis 2005 aus und präsentierten die Ergebnisse im Vorjahr bei einer Tagung der US-Geophysiker.


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HABEN WIR GENUG RESSOURCEN? Elisabeth Holzer, 41, Biobäuerin, Krumbach

„Was ich tue, soll Sinn haben, deshalb will ich nie wieder anderes als Bio. Unsere Kühe haben Platz und sind auf der Weide. Nur so macht mir Landwirtschaft Freude. Als Erzeugerin trägt man Verantwortung. Für mich muss die Milch, die ich herstelle, so gut sein, dass ich sie selbst konsumieren will.“ Elisabeth Holzer hat ihren Beruf als Verkäuferin vor 17 Jahren aufgegeben, um gemeinsam mit ihrem Mann die Landwirtschaft seines Vaters zu übernehmen. Auf dem Hof leben 14 Milchkühe und deren Kälber. Ihre Milch wird als Bio-Schulmilch in der Gegend verkauft. FOTO: K ARIN WASNER


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HABEN WIR GENUG RESSOURCEN?

Algen für Österreichs Zukunft SABINE EDITH BR AUN

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Algen als Ressource können verschieden genutzt werden. Martin Mohr, einer der drei Geschäftsführer von Ecoduna, erklärt: „Erstens die Energiethematik. Mit dem Fett aus Algen haben wir eine Treibstoffquelle, die nicht in Konkurrenz zur Nahrungsmittelkette steht. Zweitens betreiben wir Abwasserreinigung, denn wir wollen Abwasserströme für unsere Algen heranziehen: Phosphor aus Urin oder als Waschmittelrückstand im Wasser ist ein wichtiger Nährstoff für Algen. Drittens die Reduktion von CO2: Wir führen CO2, das anderswo als Abfall anfällt, dem Wasser zu. Viertens produzieren wir hochwertige Kohlenwasserstoffe für die Pharmazie und Kosmetikindustrie, etwa Omega-3-Fettsäuren. Denn die aus Fischen hergestellten Omega-3-Fettsäuren verlieren an Qualität wie an Quantität.“ Wie kommt man auf die Idee, eine solche Anlage zu bauen? „Ich beschäftige mich schon seit den frühen Achtzigerjahren mit dem Thema Ressourcensicherung. Bei der Suche nach neuen Energieträgern bin ich auf eine Studie des National Renewable Energy Laboratory, einer Abteilung des US-Departments of Energy, gestoßen. Die meinten, dass Algen als nachwachsender Energieträger bedeutsam sind. Kein anderer Bio-Energieträger hat eine größere Pro-Hektar-Ertragsleistung! Als dann der Ölpreis fiel, wurde das nicht weiterverfolgt. Aber seit er wieder gestiegen ist, wurde die Idee wieder aufgegriffen.“ Sehr schnell war Martin Mohr und seinem Geschäftspartner Franz Emminger klar, dass sie Mikroalgen züchten wollen. Dass sie die nötige Anlage selbst bauen, war, wie Mohr es nennt, eine „Anlassentwicklung“: Sie bastelten in einem Holzschuppen den ersten Reaktor-Prototypen. Weder Mohr noch Emminger sind gelernte Naturwissenschafter. Sie kooperieren mit tschechischen Forschern. Ihre engsten wissenschaftlichen Berater sind der Italiener Giuseppe Torzillo und der Israeli Sammy Boussiba. Boussiba von der Ben-Gurion-Universität, Präsident der International Society of Applied Algology, erklärt: „Wir bieten Unterstützung in Bezug darauf, welche Spezies in welchem Medium am besten zu kulti-

Österreichische Unternehmer bauen einen Photobioreaktor, der Treibstoff produzieren, CO2 vermindern und Omega3-Fettsäuren herstellen soll

vieren ist und bezüglich der Messung von Wachstum und Gesundheit der Alge. Außerdem helfen wir bei der Analyse der Algen-Biomasse, etwa beim Fettgehalt, der Zusammensetzung der Fettsäuren, beim Proteingehalt, etc. Das Microalgal Biotechnology Laboratory der Ben-Gurion-Universität wird das Ecoduna-Personal außerdem in Israel weiterbilden. Und wir helfen beim Aufbau des Labors in Österreich.“ Wie schafft man es, als Laie die Forschungselite von seinen Ideen zu überzeugen? „Wir haben nirgendwo mehr als einen Termin gebraucht“, sagt Martin Mohr. „Mario Tredici von der Uni Florenz, Präsident der European Algae Biomass Association, mit dem wir ebenfalls gesprochen haben, war gleich begeistert. Er meinte, unser System sei das erste, aus dem ein Maximum von achtzig Prozent aus dem Photosyntheseprozess herauszuholen ist.“ Eingkeit herrscht über das Potenzial des Eco-

Martin Mohr, Unternehmer: „Kein anderer Bio-Energieträger hat eine größere Pro-HektarErtragsleistung als Algen.“

Jiři Masojidek, Tschechische Akademie der Wissenschaften: „In meinen Augen ist dieses Konzept eines Photobioreaktors wirklich einmalig.“

duna-Reaktors. Jiˇr i Masojidek vom Institut für Mikrobiologie der tschechischen Akademie der Wissenschaften in Trebon erklärt: „In meinen Augen ist dieses Konzept eines Photobioreaktors wirklich einmalig. Es brauchte nur wenige Stunden Diskussion, dann waren ich und meine Kollegen überzeugt, dass das funktionieren kann.“ Giuseppe Torzillo von der Uni Florenz, der sich seit den Achtzigerjahren mit dem Thema Lichtverdünnung beschäftigt, hebt am Ecoduna-Projekt die Vorteile des Lichtverdünnungseffekts hervor. Dadurch erhöhe sich die Effektivität, Licht in Biomasse umzuwandeln: „Diese Bedingung ist essenziell zur Erhöhung der Ertragskapazität von Mikroalgen.“ Der Effekt ergibt sich aus dem spitzen Winkel, in dem das Licht auf die Algen im Lamellensystem des Bioreaktors auftrifft. Er sorgt dafür, dass die Alge das tut, was sie vor zehntausenden Jahren gelernt hat: sich auf schlechtere Zeiten einzurichten, indem sie Fett ansetzt. Die Zusammenarbeit mit ausländischen Wissenschaftern erklärt Mohr so: „Wir haben herumtelefoniert, kamen aber sehr schnell drauf, dass eine intensivere Suche bei uns nichts bringt. Die Forscher an den Unis hier sind viel tiefer im Organismus der Alge drinnen, als für uns notwendig. In Österreich kennt man die Mikroalge nicht als wichtige Ressource. Die Israelis aber haben ein Biomasseproblem. Sie denken über jede Form von Biomasseproduktion anders nach als wir. Auch die Italiener sind typische Algenforscher.“ Giuseppe Torzillo schätzt den praxisorientierten Zugang der Unternehmer von Ecoduna. Auf jeden Fall ist die Zusammenarbeit mit Ecoduna für Torzillo „eine Möglichkeit, die Lücke zwischen Universität und kleinen Unternehmen zu überbrücken – und dabei die Wettbewerbsfähigkeit beider zu erhöhen“.

Auch Jiˇr i Masojidek hebt den gegenseitigen Lerneffekt hervor: „Wir haben schon immer mit Bauingenieuren zusammengearbeitet, wenn wir neue Anlagen zur Algenkultivierung gebaut haben.“ Masojidek gehört bereits zur dritten Generation von Phykologen, die in Trebon forschen. Michael Schagerl, Limnologe und Algenforscher an der Universität Wien, meint dazu: „Es gibt seit Jahrzehnten Photobioreaktoren aus dem akademischen Dunstkreis und

„Ich bin sehr gespannt, wie die vielen Anforderungen an die Betreiber von Massenkulturanlagen hier gelöst werden.“ MICHAEL SCHAGERL , ALGENFOR SCHER AN DER UNI WIEN

unglaublich viele Publikationen dazu. Ideen und funktionierende Anlagen in kleinerem Maßstab sind vorhanden und werden auch von Firmen übernommen. Der Schwerpunkt der Universitäten liegt aber in der Forschung und Entwicklung und nicht in der Vermarktung.“ Details zur Ecoduna-Anlage kennt Schagerl

nicht. „Ich bin schon sehr gespannt, wie die vielen Anforderungen an die Betreiber von Massenkulturanlagen hier gelöst werden.“ Schagerl nennt vier Aspekte, die für das Gelingen eines solchen Projekts wesentlich seien: „Erstens die positive Energiebilanz – die Strahlungsversorgung muss das ganze Jahr über gewährleistet sein. Zweitens das Verhindern des Anhaftens der Mikroalgen an den Wänden der Reaktoren. Röhrenreaktoren sind in Bezug auf Reinigung und Instandhaltung einfacher zu handhaben als Plattenreaktoren. Ein dritter Faktor ist das Problem Monokultur, das wir von Fichtenforsten her kennen. Durch genetische Veränderungen aufgrund vieler Generationszyklen steigt die Empfänglichkeit für Schädlinge. Der vierte Punkt ist die Verunreinigung. Will man Mikroalgen als Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt bringen, sind strenge Qualitätskontrollen unumgänglich.“

Wie sehen die nächsten Schritte des Unternehmens Ecoduna aus? Martin Mohr nennt seinen ersten großen Kunden: „Unsere erste Anlage wird für den schwedischen Vattenfall-Konzern, den größten thermischen Energieversorger Europas, in Betrieb gehen. Und im Herbst startet unsere eigene Anlage in Bruck/Leitha, die mehrfach ungesättigte Fettsäuren, also Omega-3-Säuren, produzieren wird.“

FOTOS: SABINE EDITH BRAUN

iner der weltweit größten Photobioreaktoren entsteht gerade in NÖ: 22 sechs Meter hohe Module für je 4.000 Liter Wasser. Über ein Lamellensystem wird Wasser, in dem sich Algen befinden und dem Phosphor, Stickstoff, Sonnenlicht und CO2 zugeführt werden, ständig in Bewegung gehalten. Das Fett, das die Algen dabei produzieren, kann jederzeit abgeschöpft werden. Die „Stehzeiten“ zugeschraubter Reagenzgläser in klassischen Labors fallen weg. Die EU unterstützt das Projekt Ecoduna mit einer Million Euro.


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HABEN WIR GENUG RESSOURCEN?

Markus Kraft , 25, Biobauer, Herrnleis

„Unsere Philosphie lautet ,Mit der Kraft der Natur‘. Es ist ja eigentlich alles schon vorhanden, man muss es nur richtig einsetzen und bestmöglich nutzen. Wir achten zum Beispiel bei unseren Feldern auf eine ausgewogene Fruchtfolge, um den Boden zu verbessern, so kommen wir auch ohne Gift aus. Und statt Kunstdünger verwenden wir unseren guten Schweinemist!“ „Ich bin jung, ich habe Kraft, ich könnte arbeiten. Aber ich darf nicht. Wer soll die Pension für meine Mutter verdienen, wenn die Jungen nicht arbeiten dürfen?“

„Was ich all die Jahre höre: Du bist ein schwarzer Mensch, du bist ein schlechter Mensch. Ich will nur eine Chance und behandelt werden wie andere Menschen auch“

Zsuzsanna Hortobagyi, 23

Branislav Matic, 40

Markus Kraft arbeitet auf dem Hof seiner Eltern. Seine Familie hat sich auf die Aufzucht und Schlachtung von Schweinen und den Anbau von Bio-Getreide spezialisiert. Sie betreibt einen Ab-HofLaden in Herrnleis sowie einen Bioladen in Langenzersdorf. www.biokraft.at. FOTO: K ARIN WASNER


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HABEN WIR NOCH RESSOURCEN?

Macht unser Wasser unfruchtbar? X AVER FORTHUBER

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„Im Moment werden etwa 200.000 Österreicher mit Wasser versorgt, das Pestizide enthält.“ ROBERT SPENDLINGWIMMER GEOLOGE AM AIT

etwa 200.000 Österreicher mit Wasser versorgt, das Pestizide enthält. Das sind cancerogene, zum Teil mutagene und hormonell wirksame Substanzen.“ An neuen Techniken zur Wasserreinigung wird intensiv geforscht. „Beim Abwasser sind durch neue Membranfilter große Fortschritte erzielt worden“, sagt Herwig Waidbacher, Professor für Wasser, Atmosphäre und Umwelt an der BOKU Wien. Selbst Schwermetallpartikel im Nanometer-Bereich können diese Membranen zurückhalten. Eine weitere Bedrohung geht aber von endokrinen Disruptors

Wasser ist ein Lebensmittel, ein Energielieferant, ein Transportweg und ein Teil des Ökosystems. Bei der Frage nach der Wassernutzung stehen diese Interessen manchmal zueinander im Widerspruch

aus, die erst in jüngster Zeit in den Fokus der Forschung gelangt sind. Diese im Wasser gelösten Chemikalien beeinflussen das Hormonsystem des Menschen und stehen im Verdacht, Unfruchtbarkeit bei Menschen und Tieren zu verursachen. Wasser weist eine erstaunliche Regenerationsfähigkeit auf. So erklärt Herwig Waidbacher: „Die Selbstreinigungskraft des Wassers beruht auf den Biofilmen, die an den Oberflächen der Sedimentkörper mit dem Wasser in Kontakt sind. Diese Mikroorganismen können auch sehr kritische Substanzen zwar nicht abbauen, aber sehr effektiv binden.“ Dabei spielen die Beschaffenheit des Bodens eine Rolle und die Zeit, die das Wasser im Kreislauf verbringt. Robert Spendlingwimmer verfolgt daher den Isotopengehalt von verschiedenen Wasserkörpern. „Isotope dienen als Marker, mit denen man die Verweilzeiten sehr genau messen kann. So lassen sich Prognosen erstellen, wie lange man mit giftigen Substanzen im Untergrund kämpfen muss. Bei sehr seichten Grundwasserleitern können das wenige Monate sein; dagegen gibt es beispielsweise im Seewinkel Grundwasservorkommen, die bis zu 10.000 Jahre altes Wasser führen.“ Herwig Waidbacher meint, dass sich das Bewusstsein für die Ressource Wasser in den letzten Jahrzehnten stark verbessert hat. „Seit den Sechzigerjahren wurden auf diesem Gebiet massive Investitionen getätigt, vor allem mit Seesanierungskonzepten.“ Phospate wurden aus Waschmitteln beseitigt, aufwendige Ringkanalisationen gebaut, Abwässer gezielt in große Kläranlagenkomplexe geleitet. Die Positionierung Österreichs als Tourismusland mit viel unberührter Natur habe dieses Umdenken entscheidend beeinflusst. Strom aus Wasserkraft gilt als Musterbeispiel

Herwig Waidbacher, BOKU Wien: „Beim Abwasser sind durch neue Membranfilter große Fortschritte erzielt worden.“

Robert Spendlingwimmer, AIT: „Gegen einen weiteren Ausbau der Wasserkraft bei uns spricht das ökologische Interesse.“

für „saubere“ Energie. „Trotzdem ist die Errichtung eines Wasserkraftwerkes ein massiver Eingriff in das Ökosystem“, betont Robert Spendlingwimmer. „Wir haben bei der Wasserkraft schon jetzt eine sehr hohe Ausbaudichte – und vieles liegt noch in den Schubladen. Gegen einen weiteren Ausbau spricht das ökologische Interesse: Man sollte gewisse Restwassermengen in den Flüssen erhalten. Auf dem Stromsektor gibt es auch noch ein riesiges Einsparungspotenzial. Bevor man das nicht angeht, ist der Ausbau der Wasserkraft zweitrangig.“ Weitreichende Eingriffe in die Natur sind schon seit dem Beginn des Industriezeitalters geschehen – teilweise mit ungeahnten Spätfolgen, wie sie momentan im Nationalpark Donauauen zu beobachten sind: Dort erodiert das Flussbett der Donau pro Jahr um etwa zwei Zentimeter. Verantwortlich ist die mangelnde Zufuhr an Geschiebe – kleinen Steinchen, die sich

am Flussbett bewegen. Die Staustufen und Regulierungen im Stadtgebiet und flussaufwärts halten dieses Material zurück. Die Folge ist eine fortschreitende Entkopplung von Fluss und Ökosystem. „Bei der gegenwärtigen Rate wird nach unseren Prognosen der Auwald in hundert Jahren völlig austrocknen“, warnt Helmut Habersack. Der Universitätsprofessor für Wasserbau leitet seit 2010 in Wien ein Christian-Doppler-Labor für Fließgewässermonitoring. Im Rahmen des Flussbaulichen Gesamtprojektes (FGP) arbeitet er an Reparaturmöglichkeiten für das gefährdete Öko-

„Durch die gegenwärtige Entwicklung wird der Auwald im Nationalpark Donauauen in hundert Jahren völlig austrocknen.“ HELMUT HABER SACK UNIV.-PROF. FÜR WA SSERBAU

system. Dabei geht es darum, die Au zu erhalten, den Hochwasserschutz zu sichern und gleichzeitig eine gewisse Wassertiefe für die Schifffahrt zu garantieren. Habersack und seine Mitarbeiter entwickeln zur Zeit integrierte Computermodelle, in denen Sedimentbewegungen, Strömungsdaten und die Ansprüche der etwa sechzig in der Donau vorhandenen Fischarten miteinander kombiniert werden sollen. Vielversprechend erscheint eine granulome-

trische Sohlverbesserung – das zusätzliche Einbringen von Schotter mit einer bestimmten Korngröße. „Wir haben Kunststeine gebaut und mit Sendern versehen, sodass wir ihre Bewegung über ein Jahr hinweg beobachten konnten. Nach unseren Ergebnissen muss man nicht befürchten, dass diese Steine ein fixer Panzer werden und den Austausch zwischen Flussund Grundwasser verhindern würden. Sie sind aber trotzdem groß genug, damit sie weniger schnell und weniger weit weggeschwemmt werden.“ Wenn die Erosion nicht bald gestoppt werden kann, droht ein sogenannter Sohldurchschlag – das Flussbett könnte auf die darunterliegende Schicht durchbrechen. Statt der Au gäbe es dann einen Canyon, bis zu zehn Meter tief und 80 Meter breit. Verursacht werden könnte das im Extremfall durch ein einziges Hochwasserereignis. „Wenn der Sohldurchschlag einmal passiert ist, wird es zu spät sein“, sagt Habersack. „Das Einbringen von Kies wäre dann nur noch Kosmetik, aus wissenschaftlicher Sicht nicht zu rechtfertigen. Die letzte verbleibende Lösung wäre, den Fluss zu stauen und ein Kraftwerk hinzustellen.“

FOTOS: BOKU, AUSTRIAN INSTITUTE OF TECHNOLOGY

ir sind stolz auf unser Wasser. 97 Prozent von uns gaben in einer Befragung an, das Trinkwasser hierzulande sei das beste, das sie kennen. Über die tatsächliche Wasserqualität sagt das freilich nichts aus. Aber die Statistik zeichnet ein Stimmungsbild, das den Stellenwert der Ressource Wasser für das Nationalbewusstsein deutlich macht. „Doch in Österreich gibt es große Unterschiede bei der Verfügbarkeit und Qualität von Wasser“, sagt der Geologe Robert Spendlingwimmer. Er forscht am Austrian Institute of Technology AIT in Seibersdorf an der Erschließung und Bewertung von Wasservorkommen. „Es gibt durchaus auch in Österreich Wassermangelgebiete, etwa im Wein- und Mühlviertel. Wasserleitungen über 60 Kilometer sind da keine Seltenheit.“ Spendlingwimmer erwartet, dass es durch den Klimawandel zu einer weiteren Verknappung kommt. „In mehr Regionen als bisher wird künstliche Bewässerung notwendig sein. Nicht überall kann dafür Flusswasser entnommen werden. Manchmal wird man auf Grundwasser zugreifen müssen und kommt dann in Konflikt mit der Wasserversorgung.“ Interessenkonflikte sind bei der Wassernutzung ein wiederkehrendes Thema. „Es gibt Regionen, wo die intensive Landwirtschaft Probleme bereitet“, sagt Spendlingwimmer. „Immer wieder werden bestimmte Agrarchemikalien verboten, dann tauchen neue Substanzen auf, und in wenigen Jahren kann man die dann im Trinkwasser nachweisen.“ Die strengen Grenzwerte für die Wasserqualität können dabei nicht immer eingehalten werden. „Hier gibt es oft Ausnahmeverordnungen, weil viele Gemeinden nicht in der Lage sind, das völlig zu eliminieren. Im Moment werden


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HABEN WIR NOCH RESSOURCEN? Franz Reidinger, 50, Biobauer, Spillern „In der Landwirtschaft ist es wichtig, mit der Natur statt gegen sie zu arbeiten. Es geht darum, die Natur zu beobachten und sich nach ihr zu richten. Kunstdünger und Gift zerstören den Boden, der unser wichtigstes Gut ist. Biologische Landwirtschaft ist das Einzige, was Sinn macht. Wichtig ist mir nicht Geld oder wie viel man erwirtschaftet, sondern, dass ich mich wohl fühle mit meiner Arbeit und dabei ein gutes Gewissen habe.“ Franz Reidinger ist Betriebsleiter der Hamer KG und arbeitet seit 21 Jahren als Landwirt. Seit 13 Jahren betreibt er den Erdäpfel- und Getreideanbau biologisch. FOTO: K ARIN WASNER


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HABENW IR NOCH RESSOURCEN?

Wie groß ist Ihr Ökologischer Fußabdruck? MARTINA WEINBACHER

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Das Aufsteigen der Entwicklungsländer verschärft die Ressourcensituation und verdeutlicht die tiefer liegende Problematik: Das derzeitige Wirtschaftssystem verbraucht zu viele Rohstoffe und ist deshalb nicht globalisierbar. „Die Menschheit lebt heute im Overshoot“, sagt Wolfgang Pekny von der Plattform Footprint. Das bedeutet, weltweit werden mehr Ressourcen entnommen als nachwachsen. Gleichzeitig entstehen zu viele Schadstoffe, die nicht abgebaut werden. „Wir leben vom Kapital selbst und nicht von den Zinsen, um es in der Sprache der Wirtschaft zu sagen.“ Zentrale globale Aufgabe sei es, dieser Übernutzung ein Ende zu machen. „Sonst ist ein gutes und gesundes Leben auf der Erde schon in einigen Jahrzehnten nicht mehr möglich.“ Eine soeben veröffentlichte Studie vom Institut für Höhere Studien (IHS) belegt das in Zahlen. Die Verfasser der Studie „Energy (R)evolution 2050“ ziehen Vergleiche

Jeder von uns hinterlässt einen persönlichen Ökologischen Fußabdruck oder trägt einen Ökologischen Rucksack. 15 Kilogramm pro Tag stünden uns daraus zu. 88 Kilogramm verbraucht ein US-Amerikaner

aktueller Energieprognosen heran, die von internationalen Organisationen wie der OPEC und der Internationalen Energieagentur IEA erstellt wurden. Diese ergeben einen deutlichen Anstieg des globalen Energiekonsums, wenn keine drastischen Änderungen in der Energiepolitik eintreten. Bei einem „Current Policy Scenario“ steigt die Primärenergienachfrage laut IEA im Zeitraum von 2008 bis 2035 über 47 Prozent. Das würde einen Anstieg der CO2Emissionen auf 42,6 Gigatonnen und eine Erderwärmung von etwa vier Grad Celsius bedeuten. Die zunehmende Umweltverschmutzung führt nicht nur zu Umweltproblemen, sondern hat auch drastische soziale Auswirkungen: Es kommt zu Völkerwanderungen aufgrund von Überflutungen und Dürren, zur zunehmenden Verstädterung und steigender Kriminalität, wenn etwa Güter knapp werden. Laut Bernhard Felderer, Direktor des IHS, könnte Österreich bis 2050 eine Halbierung des Energieverbrauchs sowie eine Reduktion der CO2-Emissionen von mehr als 90 Prozent schaffen. Bei diesem Szenario müssten 85 Prozent der benötigten Energie aus erneuerbaren Energiequellen

Tägliche Pro-Kopf-Ressourcenentnahme

Ressourcenkonsum pro Kopf und pro Tag

kommen. Dies ist laut der Studie mit dem derzeitigen Stand der Technik machbar. Damit ökologische Berechnungen überhaupt möglich werden, ist eine ökologische Kostenwahrheit nötig. Dazu wird Informationsmaterial gebraucht. Ein international anerkanntes Maß für den Naturverbrauch ist der Ökologische Fußabdruck, der mittlerweile für rund 180 Länder erstellt wird. Ausgehend von der Einwohnerzahl der Erde wird errechnet, wie viel jeder an Platz in Global Hektar (1 gha = 10.000 m² mit global durchschnittlicher Biokapazität) zur Verfügung hat, um seine täglichen Bedürfnisse zu befriedigen, ohne das globale ökologische Gleichgewicht negativ zu beeinflussen. Je größer der Footprint, desto stärker wird die Umwelt beansprucht. Zur Herstellung von Produkten und für Serviceleistungen, die der Einzelne konsumiert, wird ein gewisser Anteil an bioproduktiver Fläche gebraucht. Da weltweit nur eine begrenzte Fläche verfügbar ist, muss die Nutzung dieser eingeteilt und gerecht verteilt werden. Auf www.mein-fussabdruck.at, einer Seite des Lebensministeriums, kann man seinen eigenen Fußabdruck erstellen und herausfinden, wie stark der persönliche Lebensstil die Umwelt beeinträchtigt. Aus den Sparten Wohnen, Ernährung, Mobilität und Konsum wird eine Gesamtgröße errechnet. Eine ähnlich etablierte Kennzahl, die den Ressourcenverbrauch durch eine andere Berechnungsmethode darstellt, ist der Ökologische Rucksack. Auch dieser zeigt aktuelle globale Schieflagen auf: So konsumiert ein Durchschnitts-US-Bürger derzeit 88 Kilogramm an Ressourcen pro Tag. Ein Afrikaner hingegen nur zehn Kilogramm. 15 Kilogramm täglich wären laut Ökologischem Rucksack pro Person weltweit möglich. „Nachhaltige Kennzahlen und Indizes sind unumgänglich, um ökologische und soziale Lenkungsmechanismen in die wirtschaftliche Gesamtrechnung einzubeziehen“, sagt Wolfgang Pekny. Er geht davon aus, dass das Errechnen von nachhaltigem Datenmaterial in Zukunft weitgehend in den Wirtschaftskreislauf integriert wird: „Irgendwann wird das in den Aufgabenbereich der Buchhalter übergehen. Mit jedem gekauften Bleistift wird dieser wissen, wie viel Wasser, Fläche und Bäume er gleichzeitig verbraucht.“ „Derzeit gibt es bei Firmen einen Wildwuchs von Labels für Nachhaltigkeitsbilanzen. Wir hoffen, dass die EU hier regelnd eingreift“, sagt der wissenschaftliche Leiter des SERI, Friedrich Hinterberger. „Nur ein Drittel der Maßnahmen der österreichischen Klimastrategie von 2002 wurden umgesetzt“, sagt die Ökologin Lisa Kernegger. „Grund dafür ist der mangelnde politische Wille.“

GR AFIK: SERI/ROSWITHA PEINTNER

ie Schlacht um die Ressourcen hat begonnen. Derzeit verbraucht die Menschheit jährliche sechzig Milliarden Tonnen an Rohstoffen. Das sind rund fünfzig Prozent mehr als noch vor dreißig Jahren und entspricht dem Gewicht von 41.000 Empire-State-Buildings, errechnete das Forschungsinstitut SERI (Sustainable Europe Research Institute). Besonders die Industrieländer, allen voran Europa und die USA, bedienen sich der biotischen und abiotischen Rohstoffe in überschwenglicher Weise. Einwohner reicher Länder konsumieren bis zu zehnmal mehr natürliche Ressourcen als jene der ärmsten Länder. Auch der technische Fortschritt konnte den Ressourcenverbrauch des globalen Wirtschaftssystems nicht senken. Um einen Euro Bruttoinlandsprodukt zu erwirtschaften, benötigt die Weltwirtschaft zwar heute rund dreißig Prozent weniger Rohstoffe als noch vor dreißig Jahren. Trotzdem steigt der Verbrauch seit der industriellen Revolution stetig. „Es gibt einen regelrechten Run auf Rohstoffe wie Coltan und Lithium, die man für die Herstellung von Handy, Laptops und anderen elektronischen Geräten braucht“, sagt Lisa Kernegger, Ökologin und Mitarbeiterin bei Global2000. „Jeder will sich den Zugang zu den Märkten sichern.“ Dabei ist die globale Verteilung des Verbrauchs nicht gerecht. „Würden alle so leben wie die Menschen in den Industrieländern, bräuchten wir drei Planeten von der Qualität der Erde.“ Mittlerweile ist nicht mehr nur der Norden gierig auf Rohstoffe, Entwicklungsaufsteiger wie China und Indien wollen ihren Teil vom Kuchen. Durch neue Produktionsbedingungen ändert sich auch in diesen Ländern der Ressourcenverbrauch.


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WISSENSCHAFTSPOLITIK Interdisziplinäre Forschung

Studienpläne

Verliebtsein in die eigene Hypothese ist kurzsichtig

Die Zukunft der Buchwissenschaften?

In Wien gibt es eine neue interdisziplinäre Forschungsplattform. Sie folgt einer Forderung von Carl Djerassi

Der Studiengang Internationale Entwicklung (IE) soll von Masse auf Elite umgestellt werden – ein Prototyp?

SONJA DRIES

K ATHARINA FRITSCH

b Interdisziplinarität ohne intelO lektuelle Promiskuität überhaupt möglich ist?“ fragte Carl Djerassi

n den späten 1970er-Jahren wollte Idersetzung die ÖH eine intensivere Auseinanmit Entwicklungsländern

im Rahmen der IDee Lecture, einer neuen Vortragsreihe des interdisziplinären Dialogforums, in Wien. Für Djerassi, emeritierter Professor für Chemie an der Stanford University, Schriftsteller und Dramatiker, der sich selbst als „intellektuellen Polygamisten“ bezeichnet, war dies klar zu verneinen. Interdisziplinarität hatte bei seinen naturwissenschaftlichen Forschungen große Bedeutung. Er verband vor allem Chemie, Biologie und Technologie, um maßgeblich an der Entwicklung der ersten Antibabypille mitzuwirken. Außerdem war die Überschreitung von Fachgrenzen im Bezug auf seine Karriere als Dramatiker sehr wichtig. In zahlreichen seiner Theaterstücke verschmelzen Kunst und Naturwissenschaft zu Dramen über künstliche Befruchtung, mathematische Formeln und chemische Prozesse. In Zusammenarbeit mit ChemieNobelpreisträger Roald Hoffmann entstand das Stück „Oxygen“. Darin steht der Streit zwischen den Chemikern Scheele, Priestley und Lavoisier im Mittelpunkt, die sich jeweils als Entdecker des Sauerstoffs bezeichneten. Der interdisziplinäre Höhepunkt war für Djerassi die Inszenierung des Stückes als Kammeroper durch den Komponisten Werner Schulze.

„Radikal interdisziplinär“ nennt Mar-

FOTOS: ISABELL A GREGOR, TOBI STADLER

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kus Peschl vom Institut für Philosophie der Universität Wien eine neue, von ihm und Helmut Leder geleitete Forschungsplattform. Der Name der neuen Plattform lautet „Cognitive Science: Entwicklung der Kognition“. Peschl und Leder, Vorstand des Instituts für psychologische Grundlagenforschung an der Uni Wien, widmen sich im Rahmen der neuen Forschungsplattform dem menschlichen Wahrnehmungsund Denkapparat. Verschiedene Wissenschaften wie Neurobiologie, Psychologie, Philosophie, Linguistik und Kunstgeschichte sollen sich in einem Dialog verbinden. Peschl und Leder wollen neuen Raum für die Kognitionsforschung schaffen und ein „Wiener Profil der

Carl Djerassi fordert mehr Interdisziplinarität in der Forschung

Cognitive Science“ entwickeln. Die momentan für drei Jahre geplanten Forschungsarbeiten umfassen drei Themenbereiche. Im ersten Jahr soll „Kognition und Kunst“ im Vordergrund stehen. So wird beispielsweise mit einer EyeTracking-Maschine untersucht, worauf wir bei Kunstwerken achten und wie unser Blick über Bilder schweift. Das bessere Verstehen der menschlichen Kognition im Vergleich mit der tierischen soll als zweiter Schwerpunkt in die Plattform einfließen. Abgerundet wird das Spektrum mit dem Thema „Kognition, Sprache und Kreativität“, also etwa auch der Frage, wie Wissen entsteht. Ausgangspunkt der Plattform war das interdisziplinäre Joint-DegreeStudium MEi:CogSci. Das Masterprogramm der Kognitionswissenschaften wird von den Universitäten Wien, Bratislava, Zagreb, Budapest und Ljubljana angeboten. Studierende des MEi:CogSci werden in die Arbeit der Forschungsplattform eingebunden. „Das Verlieben in die eigene Hypothese, die einen alle anderen wissenschaftlichen Fakten ignorieren lässt“, ist für Carl Djerassi die schlimmste intellektuelle Krankheit. Interdisziplinarität ist für ihn heute aus guter Forschung nicht mehr wegzudenken. Informationen zur Forschungsplattform Cognitive Science: http://cogsci.univie.ac.at

an heimischen Unis. Im Rahmen des Wahlfachs „Internationale Entwicklung“ (IE) war dies an der Uni Wien ab 1998/99 möglich. 2002 erreichte IE Projektstatus. Es kam zur Einführung des Individuellen Diplomstudiums „Internationale Entwicklung“. Die Situation des Projekts gestaltete sich höchst prekär: kurzfristige Arbeitsverträge, fehlende Räumlichkeiten und eine überlastete administrative Arbeitskraft. 2007/08 schlossen sich einige IE-Studierende aus dem Umfeld der Studienvertretung Basisgruppe IE zusammen, um Proteste und das „Widerstandscafé“ zu organisieren. Ihre Forderungen bekamen im Rahmen der Studentenproteste 2009 eine gesamtuniversitäre Dimension. Anfang 2010 wurde IE als interfakultäre

Forschungs- und Lehrplattform institutionalisiert. Der Fokus des Studiums liegt auf einer Verbindung von politik-, kultur- und geowissenschaftlichen sowie soziologischen und wirtschaftlichen Ansätzen zur Erforschung des Phänomens „Entwicklung“. Nach jahrelangen Kämpfen mit dem Rektorat der Uni Wien schien die Zukunft der IE mit der Einführung des Masterstudiums mit Wintersemester 2011 gesichert. Nun wurde seine Einführung „voraussichtlich“ auf Herbst 2012/13 verschoben. Eine Übergangslösung im Sinne eines „Individuellen Masterstudiums“ ist geplant. Die Vize-Studienprogrammleiterin Margarete Grandner befürchtet, „dass das ein österreichisches Dau-

erprovisorium wird. Es ist auch ganz leicht, einen Individuellen Master abzustellen.“ Damit sei die IE gefährdet. Außerdem werden vom Rektorat Veränderungen im Studienplan gefordert. Auch war schon von einem englischsprachigen, zugangsbeschränkten Master die Rede. Damit würde die IE von einem Massenstudium mit 3000 Studierenden zu einem EliteStudium. Aus Protest haben Studierende und Lehrende der IE am 13. April einen Aktionstag veranstaltet. Die Entwicklungen auf der IE können in einen breiteren Kontext des Umbaus auf den österreichischen Unis gesehen werden. Das Wissenschaftsministerium legt den Fokus verstärkt auf MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Sie sind laut neoliberaler Marktlogik zukunftsträchtig. Im Gegensatz dazu sollen Buchwissenschaften wie die IE zugangsbeschränkt werden. Durch Knock-OutPrüfungen in den Studieneingangsund Orientierungsphasen (STEOP), die im kommendem Wintersemester auch für die IE eingeführt werden, sollen Studierende in jene Studiengänge gelenkt werden, die „marktkonform“ sind. Laut dem Büro von Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle ist die STEOP „ein wichtiger Schritt für mehr Planbarkeit, raschere Klarheit und mehr Qualität für die Studierenden und die Lehrenden“. Folge solcher „Qualitäts“-Maßnahmen ist jedoch, dass Studien wie die IE der Marktlogik unterworfen und in beschränkte Studiengänge umgewandelt werden.

Studierende und Lehrende der IE beim Aktionstag am 13. April


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Gedicht Marko Pogacar, geboren 1984 in Split. Chefredakteur der Literaturzeitschrift Ka/Os. Ăœbersetzungen aus dem Amerikanischen und Englischen, seit 2005 erschienen drei eigene Gedichtbände.

MARKO POGACAR

Was am Ende bleibt

An den Gärtner

Der letzte Tropfen Ă–l

Der Granatapfel treibt Knospen in den Beeten, niemand trägt seine Meinung vor, Feigen, trocken und frisch, beide Frßchte von Schnäbeln ausgehÜhlt, ßber dem Kopf keine Erde, da ist der Himmel. die Vogelscheuche verrichtet ihre Arbeit nicht mehr. die Kurven strecken die Zeit, fßllen sie aber nicht aus. Sie sind präzise wie Telefonleitungen, die uns zur Nähe zwingen, uns mit anderen Wesen verbinden. die Vogelscheuche funktioniert ganz anders als das Telefon. Aus ihren Beinen hat heute frßh der Hund das Mark gesaugt und sie ist umgekippt, ein carbonisiertes kreuz vor dem Haus der Schwarzen, Kleidung, die man nicht ausziehen kann. der Mechanismus der Natur funktioniert so: alles, was wir gesät haben, treibt aus, ungeachtet der kleinen Hindernisse, der langen Nachmittage und des inneren Gleichgewichts, alle sagen immer: natßrlich, das Reiben, das man in die Umwandlung der Liebe in unendlich kleine Lebenspakte investiert hat, ist bedeutungslos: der Granatapfel ist vertrocknet, die Zeit verlängert und rein, das offene Angebot der Erde, mich zu lieben, fault in meiner Brust, ßberall freie Vokale, Handflächen, Unkraut und vieles mehr.

ER ICH K LEIN

Aus: Marko Pogacar – An die verlorenen Häfen Aus dem Kroatischen von Alida Bremer Edition Korrespondenzen, Wien 2010

Rätsel von Gaja

Waagrecht:

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Am dam zu Ende gedacht Hart - steinig - steirisch Steht unterm Strich Bringt Error in Versuchung Chefsachliche AbkĂźrzung Sie ďŹ ndet potenzielle Abnehmer Lässt den Strom ieĂ&#x;en Der Pass kommt bei Importeuren gar nicht gut an Reimt sich formvollendet auf J. Lo Kirchliches Nischenprodukt Forum Globalum Organisiert internationale Kartenspiele? Trägt am Abend ganz schĂśn auf Back to Heavy Metal? Chart-Rohsto aus Kanada Gold und Silber tun es, in den Augen des Betrachters liegt es

Senkrecht 1 In der Wegwerfgesellschaft kann sie sĂźchtig machen 2 Ein echter Bringer 3 Damit ist Schland um eben den besser? 4 Bei diesem Thema beiĂ&#x;t die GlĂźhbirne in den sauren Apfel 5 Macht den Raum zur Studentenbude 6 Leopard im Kleinformat 8 Christmas-Chris, fährt auch zur HĂślle 15 Hochgeschätzt in Mathematiker-Kreisen 16 Peck-Man’s Lieblingsfest 18 Emotionaler BrustvergrĂśĂ&#x;erer 19 Colaborateur? 21 Sorgt vor Assuan tagtäglich fĂźr einen Megastau

LĂśsungswort: =3)%,3/-#*?

AuflĂśsung aus Falter HEUREKA 1/2011. Waagrecht: 1 KOPFTUCH, 6 UNFEIN, 7 TNT, 9 TUERKEI, 10 URGIEREN, 12 WTO, 13 SAD, 15 MEER, 16 CREMIG, 17 HABERER, 19 CITTA , 22 AS, 23 KOTO, 24 SKY, 25 CENTRAL Senkrecht: 1 KULTURSCHOCK, 2 PFLEGEDEBATTE, 3 FEURIG, 4 UNTERWEGER, 5 HUT, 8 NIETE, 11 NORM, 14 ARA, 15 MIRNA, 18 ASYL, 20 IOC, 21 TON, 22 AKA LĂśsungswort: MISCHMASCH

ERICH KLEIN

Identität verlangt nach griffigen Formeln. Das BedĂźrfnis danach scheint in Ă–sterreich nicht mehr vorhanden zu sein. AEIOU – „Alle Erde ist Oesterreich untertan“ wurde verschämt in der Ramschkiste der Kulturgeschichte abgelegt, kein VolksschĂźler kennt das mehr. Am ehesten passt noch „Die Donau flieĂ&#x;t ins Schwarze Meer“. Die Komplexität der Idylle Ăźbersteigt nicht den Geografieunterricht nach Seydlitz – vielleicht der Grund, warum einige an der „Donau-Strategie“ der EU derart groĂ&#x;en Gefallen finden. Die letzte populäre Formel, in der es ums „Eingemachte“ ging, verdient erinnert zu werden, weil sie mit einem demnächst anstehenden Gedenktag zu tun hat: Vor siebzig Jahren, am 22. Juni 1941, Ăźberfiel NaziDeutschland die Sowjetunion. Hitler, im Ăźblichen Gaunerjargon: „Wenn Barbarossa steigt, hält die Welt den Atem an.“ Das tat sie – allein Russland war in der Folge um 30 bis 40 Millionen Kriegstote ärmer, das Land ausgeplĂźndert. Auch die anderen „Ergebnisse“ sind bekannt. Bruno Kreisky sagte dazu: „Deutsche und Ă–sterreicher marschierten bis Moskau, sie brauchten sich nicht wundern, dass Stalin nach Berlin und Wien kam.“ Allerdings war es weder diese Denkfigur noch die Frage, ob Ă–sterreich Hitlers „erstes Opfer“ war, was das Land beschäftigte – austriakisch bedauerte man jahrzehntelang: „Wären die Russen nicht gekommen, hätten wir Ă–l bis 2012 gehabt.“ Damit war klar, auf wessen Seiten man im Kalten Krieg stand. In der Studie „Die sowjetische MineralĂślverwaltung in Ă–sterreich“ des Grazer Historikers Walter M. Iber steht dazu alles: Ăœber die Entdeckung der Ă–lfelder in den Zwanzigerjahren, Shell und die internationalen Konsortien; GĂśring sah in Niederdonau schon ein „zweites Pennsylvania“. „Bei Kriegsende war Ă–sterreich neben der UdSSR und Rumänien das drittgrĂśĂ&#x;te ErdĂślfĂśrderland in Europa.“ Nach anfänglich sinnlosen Demontagen schafften die Sowjets später amerikanische Bohranlagen heran – allerdings floss das schwarze Gold ins Paradies der Werktätigen. Insgesamt hatten die Reparationen einen Gegenwert von 16 Milliarden Dollar – ungefähr jene Summe, die der Marshall-Plan fĂźr Ă–sterreich betrug. Der letzte Tropfen Ă–l floss erst 1963, lange nach dem Staatsvertrag, nach Russland. Um eine Frage der Identität handelte sich dabei nicht mehr.


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