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HEUREKA 2/10

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FALTER

HEUREKA Das Wissenschaftsmagazin

Logik: Wie viel ist eigentlich viel? Um solche Fragen kümmert sich die Vagheitsforschung? Puff: Die Krise triff t auch das sogenannte horizontale Gewerbe: Flatrate im Bordell Zwerg: Aus der Nanoforschung in Österreich: Was sich im „Zwergbereich“ abspielt

Nr. 2/10

? Geht mit

Athen

EUROPA unter

Politiker wie Präsident Obama haben die Banken nicht kleingekriegt, dafür die Staatsschulden vergrößert. Was sagen Wirtschaftswissenschaftler zu unserer Zukunft?

TITELFOTO: NADAV K ANDER/OBAMA’S PEOPLE/MUSEUM THE KENNEDYS/BERLIN

Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2249/2010

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Foto: BMVIT/Christian Müller

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Ministerin Doris Bures überzeugt sich von der ersten österreichischen KTM Elektro-Enduro am AIT-Standort.

Mit Forschung im grünen Bereich Jeder dritte Solarkollektor in Europa kommt aus Österreich und mehr als die Hälfte aller Passivhäuser Europas steht in Österreich. Bis 2020 soll jedes vierte Fahrzeug in Österreich einen ökologischen, alternativen Antrieb haben. Der Erfolg und ein Ziel heimischer Forschung und Entwicklung – und der Förderpolitik des BMVIT.

Ausschreibung „Neue Energien 2020“ startet. Die aktuelle vierte Ausschreibung dieser Förderung startet am 7. Juni 2010. In den letzten drei Ausschreibungen wurden mehr als 400 Projekte gefördert. Die Ziele von „Neue Energien 2020“ sind die Schaffung einer nachhaltigen und sicheren Energieversorgung, die Stärkung des Technologie- und Wirtschaftsstandortes Österreich und der Ausbau einer qualitativ hohen Energieforschung. Weitere Informationen: www.bmvit.gv.at www.ffg.at www.femtech.at www.generation-innovation.at

FÖRDERSPEKTRUM DES BMVIT • Nachhaltig wirtschaften: Das Programm „Haus der Zukunft“ hat in Österreich eine neue Basis für innovatives Wohnen und energieeffiziente Gebäude geschaffen. Rund 300 Projekte konnten mit BMVIT-Förderungen von mehr als 35 Millionen finanziert werden. • Elektromobilität „Made in Austria“: Ein Schwerpunkt des Energieforschungsprogramms „Neue Energien 2020“ befasst sich mit alternativen Antriebsmodellen. In den letzten Jahren wurden vom BMVIT E-Mobilitäts-Projekte wie das „MILA Electric Vehicle“ von Magna oder der AVL „Range Extender“ gefördert. • Exzellente Forschungsarbeit vernetzen und anwenden: Durch die Schaffung und Förderung von Kompetenzzentren im Programm „COMET“ werden die wichtigsten Player in Österreich bei der Entwicklung neuer Technologien unterstützt und der Zugang zu deren Anwendung auch für KMU’s erleichtert.

Infrastrukturministerin Doris Bures ist überzeugt:

„Die Forschung von heute schafft hoch qualifizierte Arbeitsplätze von morgen.“ FACTS: Energie- und Umwelttechnik Ein Forschungsfeld mit Zukunft • In der heimischen Umwelttechnikindustrie ist die Zahl der Unternehmen in den letzten 15 Jahren von 248 auf 375 gestiegen. • Der Umsatz hat sich in diesem Zeitraum fast vervierfacht: von 1,5 Milliarden auf 6 Milliarden Euro. • Die Zahl der Arbeitsplätze hat sich verdoppelt: von 11.000 auf 22.000 Beschäftigte. • Internationalisierung nimmt zu: Mittlerweile werden zwei Drittel des Umsatzes auf ausländischen Märkten erzielt. • Intensität an Forschung und Innovation ist in der Branche überdurchschnittlich.

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BMVIT unterstützt Zukunftstechnologien. Durch die Förderung exzellenter Forschung und Entwicklung ist es gelungen, innovativen Zukunftstechnologien die Markteinführung zu ermöglichen. Beispiele sind das Passiv- und Niedrigenergiehaus,

Elektromobilität und Solare Technologien. Im internationalen Wettbewerb hat sich Österreich eine gute Position geschaffen und ist zum Teil schon heute führend. Das Innovationsforschungsfeld Energie- und Umwelttechnik eröffnet interessante Karrierechancen und bietet großes Jobpotenzial. Foto: BMVIT/Wenzel

Die Umwelt- und Energietechnologien boomen trotz wirtschaftlich schwieriger Zeiten. Das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie (BMVIT) fördert die Rolle Österreichs als Innovationsführer in diesem Bereich und schafft damit hoch qualifizierte Arbeitsplätze im Segment „Green Jobs“. Die Energieversorgung stellt eine große Herausforderung in naher Zukunft dar. Bedingt durch den Klimawandel, eine Verknappung fossiler Brennstoffe und den steigenden Energiebedarf durch Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum unterliegt dieser Bereich einem großen Wandel. Durch die Entwicklung klimaschonender und erneuerbarer Energien bietet sich die Chance für eine Wende hin zu umweltfreundlichen und effizienten Energiesystemen.


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Inhalt

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Junge Forscher Und ein Spin-off der Montanuni Leoben Alles Nano, oder was? Neues aus Österreichs Nanoforschung Das Puff in der Krise Auch in Österreich kommt das Flatrate-Bordell Countdown zum Thema Zahlen, die unseren Geldsack bewegen

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Zukunftsprognostik Ist Trendforschung bloß Marketing? Geht mit Athen Europa unter? Der Ökonom Gunnar Heinsohn über die Griechen Nächste Krise: China Österreichische Ökonomen über die Krise „Wirtschaft ist nichts für Ökonomen“ Der Systemforscher Stephan Thurner im Gespräch

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Put-Option auf die Gesellschaft Finanzmathematiker Schachermayer über Banker Reich ist, wer sozial ist Was bedeutet Social Return on Investment? Ist das IST die Zukunft? Die Bedeutung des Forschungsinstituts IST Gedicht, HEUREKA-Rätsel und Adolf Holl Holl: Das Gefühl für Fortschritt verblasst

Kommentar

Editorial

Doktorat in der Kunst – macht das Sinn? Mona Hahn, robert pfaller

G r a f i k : T o n e F i n k ( A u s s c h n i tt ) , f o t o s : B u r k h a r d t - B o d e n w i n k l e r , G i s e l a St i e g l e r

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urch die Universitätswerdung der ehemaligen Kunsthochschulen (in Österreich: 1998) stellt sich als ein Folgeproblem unter anderem die Frage nach dem Status künstlerischer Doktorate: Sollen Studierende, die bislang in künstlerischen Disziplinen ein Diplom oder einen Master-Titel erworben haben, danach auch ein eigenes Doktorat erwerben können? Mit einer künstlerischen Dissertation also? Und wie könnte diese aussehen? Wie in vielen anderen Ländern, in denen diese Frage angesichts boomender neuer künstlerischer PhDProgramme auftaucht, droht hier eine Gefahr: nämlich dass das spezifisch Doktoratswürdige der Kunst in ihrem Beitrag zu bestehenden anderen Wissenschaften (etwa den Humanities oder Cultural Studies) gesehen wird. Als künstlerisch doktoratsberechtigt gilt dann, wer einen Theorieüberschuss aufweist, der in eine künstlerische Form nicht integrierbar ist. Eine entscheidende Innovationskraft der Kunst geht jedoch gerade von jenen Kunstrichtungen aus, die vorwiegend über die Form operieren und dadurch imstande sind, Glamour und Faszination zu erzeugen. Darum ist es wichtig, künstlerische Doktorate sowie künstlerische Forschung insgesamt in einer Weise zu bestimmen, die der Besonderheit der Kunst als Wissensform Rechnung trägt und sie nicht den etablierten Darstellungsweisen anderer Wissenschaften unterordnet. Ausschlaggebend muss ein künstlerisches Resultat auf der Höhe des internationalen „state of the art“ sein. Auch in den Wissenschaften zählen schließlich Resultate: in den jeweiligen, der professionellen Praxis entsprechenden, etwa schriftlichen Darstellungsformen – und nicht etwa wissenschaftstheoretische Reflexi-

onen über die eigene wissenschaftliche Arbeit. Zur Definition des Begriffs „künstlerische Forschung“ sollte man sich darum an eine Bemerkung des Philosophen Jacques Rancière halten: Man darf nicht vergessen, dass die Kunst ein eigenes Wissen besitzt – eines, das sich nicht mit den Versuchen deckt, sie zu verwissenschaftlichen. Und das gerade durch diese Versuche zum Verschwinden gebracht werden könnte. Anm.: Diese Thesen zur künstlerischen Forschung entstanden in dem vom WWTF geförderten Forschungsprojekt „Transferences: Psychoanaly-

C h r is t i a n Z i l l n e r

sis – Art – Society“ der Gruppe „stuzzicadenti“. Siehe auch: www. stuzzicadenti.at Mona Hahn, Künstlerin, lehrt an der Akademie der bildenden Künste in Wien Robert Pfaller, Philosoph, lehrt an der Universität für angewandte Kunst in Wien

Finkenschlag Handgreifliches von Tone Fink

„Das europäische Modell“, schreibt James Surowiecki im New Yorker über die Krisenbewältigung, „schadet mehr als es nutzt, wie die amerikanische Geschichte zeigt.“ Er verweist darauf, dass sich in den 1840er Jahren die USRegierung weigerte, verschuldeten Staaten aus der Patsche zu helfen, worauf acht Staaten bankrott gingen und die US-Wirtschaft noch tiefer in einer Depression versank. „Wir haben unsere Lektion offenbar gelernt“, meint der Autor im Hinblick auf das US-Pendant zu Griechenland, Kalifornien. Auch in der Financial Times glaubt Clive Crook Kalifornien vor einer griechischen Tragödie bewahrt. Mittlerweile, und das sehen auch die renommierten Finanzwissenschaftler so, die in diesem Falter HEUREKA die Krise analysieren, sind die (Zentral-)Banker und Finanzjongleure als die Verursacher der Krise ausgemacht. Alle wundern sich nur, dass sie mit ihren Finanzspekulationen nicht aufhören. Vielleicht liegt es daran, dass sie keine andere Möglichkeit haben. Unsere Gesellschaft, und damit unsere Wirtschaft, orientiert sich an Visionen – auch wenn das ein österreichischer Bundeskanzler nie verstanden hat. Wo aber ist „The Next Big Thing“ wenn nicht in der Finanzwelt? Solange niemand mit neuen Ideen kommt, wird Geld weiterhin auf Geld setzen. Zurecht, oder? heureka@falter.at

Impressum Falter 20a/10 Herausgeber: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at Artdirektion: Dirk Merbach Layout: Reini Hackl, Raphael Moser Fotoredaktion: Karin Wasner, Ioulia Kondratovitch Korrektur: Ewald Schreiber Druck: Goldmann Druck AG, 3430 Tulln DVR: 047 69 86.

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heureka! erscheint mit U ­ nterstützung des Bundesministeriums ­für Wissenschaft und Forschung

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Aus Wissenschaft und Forschung Kopf im Bild

Junge Forscher A lexandra A urelia N emeth

as Ergebnis einer Forschung D kann auch unerwünscht sein. Die wissenschaftliche Leistung

muss das aber nicht schmälern. Hier präsentieren wir drei junge WissenschaftlerInnen mit ihrer Forschung.

Sonja Sollner, 27, Institut für Molekulare Pathologie, Uni Wien

„Wissenschaft und Forschung schließen Kreativität nicht aus“, sagt Sonja Sollner. „Die Menschen waren für mich der Grund zu forschen.“ Im Jahr 2008 bekam sie den Vincent Massey Award, eine Auszeichnung für junge Wissenschaftler aus dem Gebiet „Flavio-Biochemie“. Dieser Bereich beschäftigt sich mit Proteinen. Thema ihrer Dissertation ist die Entdeckung neuer Proteine zum etwaigen Einsatz in der Abwasserreinigung. Den Fokus legte sie auf ein Vitamin-B2-abhängiges Protein. „Wie sich herausstellte, war dieses Protein ungeeignet zur Abwasserreinigung“, erklärt Sollner. Ein Fehlschlag? Das Protein spielt auch bei der Krebsentstehung eine Rolle. Johannes Kofler, 29, Institut für Quantenoptik und Quanteninformation, Akademie der Wissenschaften, Wien

Von der Uni zum eigenen Unternehmen.

Iris und Andreas Filzwieser haben ihr Studium an der Montanuniversität Leoben abgeschlossen und ihren Doktortitel erworben. Als Spin-off der Montanuniversität gründeten sie im Jahr 2005 das Unternehmen METTOP GmbH, das sich mit Prozessoptimierung in der Nichteisenmetallurgie beschäftigt. Mit Hilfe von neu entwickelten Verfahren gelingt es, in Metallhütten Produktionssteigerungen von bis zu fünfzig Prozent zu realisieren. Mitten in der Wirtschaftskrise konnte ein Großauftrag aus China gewonnen werden. Der Verkauf von Technologielizenzen für das METTOP-BRXVerfahren führte zu einer Aufteilung der Arbeitsgebiete der Firma und zur Gründung zweier Tochterfirmen, die ein weiteres Wachsen des Unternehmens ermöglichen. T ext : nathalie gro S S sch ä dl , F oto : j . j . K ucek

Stürzt das US-Imperium? Der englische Historiker Niall Ferguson meint, es könnte ganz plötzlich geschehen christian z illner

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er Historiker und HarvardProfessor Niall Ferguson blickt auf die angelsächsische Welt und sieht schwarz. Für Großbritannien sagt er in der Financial Times vom 10. Mai eine „agonising austerity“ voraus. David Cameron, den Führer der Konservativen Partei, sieht er am Rand eines steilen Abgrunds stehen. In Foreign Affairs von März/April 2010 schaut er in die Zukunft. Das Magazin kündigt einen Essay von ihm am Cover mit „Decline and Fall“ an. Der Titel bezieht sich auf die USA,

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spielt jedoch auf das sechsbändige Werk des wohl berühmtesten englischen Historikers Edward Gibbon an, das den „Decline and Fall of the Roman Empire“ beschreibt. Ferguson gilt als einer der bemerkenswertesten Historiker der Gegenwart. Sein Markenzeichen sind verblüffende Thesen, die er mit überzeugendem Geschick vorzutragen weiß. Der Essay in Foreign Affairs gibt davon ein Beispiel. Unter dem Titel „Complexity and Collapse“ stellt er die Frage, wie ein Imperium, etwa das US-amerikanische, zusammenbricht. Seine Behauptung: nicht in einem langen

Prozess des Niedergangs, sondern schlagartig. Imperien befinden sich offenbar über eine unbestimmte Periode im Gleichgewicht, meint er, um dann plötzlich zu kollabieren. Auslöser können scheinbar unbedeutende Ereignisse sein, die zu einer Krise des Selbstbewusstseins der herrschenden Eliten führen: sei es ein zu hohes Budgetdefizit, ein nicht zu gewinnender Krieg, kurz, Ereignisse, wie sie die USA gerade erleben. Vielleicht sind auch die brillantesten Köpfe einer Epoche, die mit einem Mal nur Abgründe sehen, ein Teil dieses Prozesses.

Früh übt sich, wer ein Forscher werden will: „Ein populärwissenschaftliches Buch über Einsteins Relativitätstheorie hat mich mit 16 fasziniert. Insbesondere die Tatsache, dass man durch analytischen Verstand die Vorstellungen von Raum und Zeit revolutionieren kann.“ Seine Dissertation an der Uni Wien beschäftigt sich mit der Frage, wie die klassische Physik aus der Quantenphysik hervorgeht. Das Ergebnis seiner Arbeit: Quanteneigenschaften gehen bei großen Objekten verloren, da diese unkontrollierbar mit ihrer Umgebung wechselwirken. Simon Gröblacher, 29, Fakultät für Physik, Uni Wien

„Astronomie war mir zu angewandt, deshalb habe ich mich nach einem Jahr für Physik entschieden.“ Zahlreiche Preise bestätigen seine Entscheidung: DOC-Stipendium der Akademie der Wissenschaften, Bank Austria Research Award 2010, usw. „Ich hatte auch die Gelegenheit, ins Ausland zu gehen. Ich blieb aber. Der Grund: Hier konnte ich in einem spannenden Feld arbeiten.“ Seine Dissertation klärt nicht nur fundamentale Fragen der Quantenphysik, sondern auch verschiedene Teilgebiete der Physik. „Ich teste einen möglichen Übergang von klassischer zu Quantenphysik.“

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Aus Wissenschaft und Forschung

Wie vage ist die Logik? Chris Fer müller

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in Mann mit hunderttausend Haaren auf dem Kopf ist sicher kein Glatzkopf. Ebenso sicher scheint, dass man jemanden, der keine Glatze hat, nicht zum Glatzkopf machen kann, indem man ihm ein einzelnes Haar ausreißt. Die elementarste aller logischen Schlussregeln, der Modus Ponens, ergibt, dass daher auch jemand mit 99.999 Haaren auf seinem Kopf nicht als Glatzkopf klassifiziert werden kann. So weit, so gut. Aber durch simple Wiederholung dieses scheinbar unbezweifelbaren Schlusses lässt sich offensichtlich folgern, dass auch jemand ohne einem einzigen verbleibenden Haar auf dem Kopf nicht Glatzkopf genannt werden kann. Dahinter verbirgt sich keine gute Nachricht für empfindliche Herren

mit schütterer Haarpracht, sondern eine schlechte Nachricht für die Logik. Eine Nachricht, die übrigens keineswegs neu ist: Schon in der Antike haben Philosophen über dieses kurz Phalakros (Glatzkopf) genannte Paradox gerätselt. Kriminalistisch formuliert, ist das Opfer die klassische Logik. Auch der Täter ist rasch identifiziert: Vagheit. Glatzköpfigkeit ist eben, genauso wie etwa „Jugendlichkeit“, „Haufen“ oder „Kälte“ und wohl überhaupt die meisten Eigenschaften, vage und deshalb geeignet, selbst die schärfste Logik stumpf werden zu lassen. Wer glaubt, dass man es bei diesem trivialen Befund bewenden lassen kann, unterschätzt die Herausforderung, die hier an unser Verständnis von Sprache und Logik gestellt wird. Eine Herausforderung, die an Brisanz gewinnt, wenn man bedenkt, dass im Internetzeitalter Informatiker eifrig daran basteln, das Schließen aus elektronisch gespeicherter, „natürlichsprachlich“ formulierter Information auf ein formal gesichertes Gerüst zu stellen, das geeignet ist, effiziente Automatisierung zu unterstützen. Daher ist Vagheit ein topaktuelles Forschungsthema im Schnittfeld von Linguistik, Psychologie, Informatik und formaler Logik. Diese Interdisziplinarität begründet den Reiz wie auch die spezifische Schwierigkeit des Themas Vagheit.

So macht etwa der Gebrauch von Ausdrücken wie „viele“, „wenige“ oder „die meisten“ Vagheit zu einem ständig präsenten Phänomen in unserer Sprache, das nicht vollständig eliminiert werden kann, ohne die Bedeutung der mitgeteilten Information zu verfälschen. Eine mögliche Strategie der Modellierung von Wahrheits-

ist. Die Eigenschaften eines Materials in dieser Größe sind andere als bei ,normaler‘ Größe“, erklärt Thilo Hofmann, Vorstand des Departments für Umweltgeowissenschaften der Universität Wien. Von allen Eigenschaften der Nanopartikel steche vor allem ihre Reaktivität heraus. Neben künstlichen gibt es auch natürliche Nanopartikel (Kolloide), die meist harmlos sind. Schädlich an natürlichen Partikeln ist meist das, was an ihnen „klebt“, etwa krebserregende Aromaten im Ruß. „Natürliche Nanopartikel gibt es, seit es die Erde gibt – in Gewässern oder in der Luft. Durch Untersuchungen an natürlichen Stoffen haben wir Messtechniken entwickelt, die wir auch bei künstlichen Nanopartikeln anwenden können, etwa bei Silber“, sagt Hofmann. Silber wird – da es Bakterien tötet – als Geruchskiller in Sporttextilien verarbeitet („Nano-Silver-Socks“). Doch was an den Füßen hilfreich scheint, ist in Flüssen gefährlich: Durch den Waschvorgang landet Silber als Schadstoff im Ökosystem und

tötet Organismen. Derzeit arbeitet Hofmann an dem mit vier Millionen Euro dotierten EU-Forschungsprojekt NANOLYSE. Österreich verfügt über das zweitgrößte Budget dieses Projektes. Erforscht werden Methoden, künstliche Nanopartikel in Lebensmitteln aufzuspüren. Warum bearbeiten das nicht Lebensmittelchemiker? „Wir haben die Technik und das Know-how, Nanopartikel in komplizierten Medien zu messen“, sagt Hofmann. Natürliche Nanopartikel im Essen sind etwa das Fett in der Milch oder die Schwärze im Kaffee. Die Industrie arbeitet an künstlichen Stoffen, die, dem Essen beigemengt, dem Verbraucher einen „Mehrwert“ suggerieren sollen. Als Beispiele nennt Hofmann den Schokoriegel mit Nanoüberzug, der noch länger haltbar ist, oder das Joghurt mit in Nanopartikeln eingekapselten Vitaminen, die vom Körper besser aufgenommen werden. Diese Produkte sind zwar noch nicht erhältlich, aber es wird sie in absehbarer Zeit geben.

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Wie viel ist „viel“? = viel

Wie so oft erweist sich Logik auch hier als eine sehr ergänzungsbedürftige Basis von Rationalität

bedingungen für Sätze wie „Wenige Kinder mögen viel Gemüse“ bietet die Fuzzy-Logik. Sie ergänzt „wahr“ und „falsch“ systematisch um beliebig feine Zwischengrade der Wahrheit. Allerdings wird schon an diesem einfachen Beispiel klar, dass neben Wahrheitsgraden etwa auch Kontextsensitivität und andere kognitive Fähigkeiten in ein vollständiges Modell des Umgangs mit vager Information eingehen müssen. Wie so oft erweist sich Logik auch hier als eine sehr ergänzungsbedürftige Basis von Rationalität. Im Rahmen des aktuellen Programms Log ICCC der European Science Foundation beschäftigen sich acht europäische Forschungsteams mit der Modellierung von intelligenter Interaktion auf Basis logischer Formalismen. Zwei Teams davon haben Vagheit ins Zentrum ihrer Untersuchungen gerückt. Eines wird von der TU Wien aus geleitet. Es nennt sich LoMoReVI (Logical Models of Reasoning with Vague Information). Hier arbeiten aktuell etwa dreißig Informatiker, Logiker, Philosophen und Mathematiker in Spanien, Tschechien und Österreich. Vagheit ist eben ein internationales Phänomen. Chris Fermüller ist Professor für Theoretische Informatik an der TU Wien.

Grafik: Hackl

Logik

Nanotechnologie

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as ein iPod nano ist, weiß jedes Kind. Die Erklärung der Nanotechnologie ist schon komplizierter. „Die“ Nano-Wissenschaft gibt es nicht – aber zahlreiche Gebiete, auf denen Nanotechnologie zum Einsatz kommt.

„Nano“ kommt aus dem Griechischen

und heißt so viel wie Zwerg. „Es ist eine Größendefinition für alles, was zwischen 1 und 100 Nanometer groß

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Der Zug zum Zwerg kam ursprünglich

aus der Elektronikindustrie der 60er Jahre. Damals entstanden integrierte Schaltkreise. Je kleiner ein Transistor, umso höher die Packungsdichte je Mikrochip. „Alle 1,8 Jahre verdoppelt sich die Anzahl der Transistoren auf einem Chip.“ Aber das, sagt Un„Nanoforschung für extrem dünne, leistungsfähige Kondensatoren “ Georg Garnweitner, Partikeltechniker, TU Braunschweig

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Sabine Edith Br aun

Foto: sabine edith braun

Alles Nano, oder was?

Auch Karl Unterrainer beschäftigt sich mit Nanotechnologie. Der Leiter des Instituts für Photonik an der TU Wien sieht sich weniger als Nanowissenschaftler denn als Photoniker, der angewandte Quantenmechanik betreibt. Das Besondere an Nano ist für ihn, dass es neue Funktionalitäten ermöglicht. „Wir machen die Sachen klein, und plötzlich leuchten sie bei Wellenlängen, wo man es vorher nicht erwartet hat!“


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Aus Wissenschaft und Forschung Veterinärmedizin

’s Herrl steckt Hund an

schen sich Human- und Tiermediziner aus im Sinne einer effizienteren Krebsforschung. Michael Willmann ist Mitgründer dieses Vereins und an der Veterinärmedizinischen Universität Wien mit der Behandlung krebskranker Tiere betraut. Er hat bei seinen Patien-

ensch und Haustier werden sich mit der Zeit ähnlicher, sagt man. Das Gesicht, der Körperbau, die Art zu gehen. Dass Tiere sogar die gleichen Krankheiten wie ihre Besitzer haben, erlebt Herbert Schramm, Tierarzt und Zoologe, täglich in seiner Praxis. Sogar seltene Tumore treten bei Mensch und Tier gleichzeitig auf, wie Schramm erzählt: „Einmal habe ich einer Katze Zahnstein entfernt und dabei zufällig einen Zungentumor entdeckt. Der Besitzer hat mir dann erzählt, dass auch er einen Zungentumor hat.“ Für den Laien mag das verblüffend sein, für die Medizinerin Erika Jensen-Jarolim ist dieser Fall keine Überraschung. Sie ist Professorin an der Medizinischen Universität Wien und Gründerin des Vereins „Rote Pfo-

te“ zur Krebsforschung für das Tier. Den scheinbaren Zufall erklärt sie so: „Tiere leben im gleichen Umfeld wie ihre Besitzer, also sind sie den gleichen Umweltfaktoren und Lebensgewohnheiten ausgesetzt. Ein Zungentumor kann eine Spätfolge von Passivrauchen sein. Rauchinhaltsstoffe lagern sich an Möbeln ab, die Katze nimmt sie über das Fell auf, putzt sich und hat somit die Schadstoffe auf der Zunge.“ Gleiche Gewohnheiten bedeuten gleiche Risiken. Das bestätigt Tierarzt und Onkologe Michael Willmann von der Veterinärmedizinischen Universität Wien und weist auf den Faktor Ernährung hin. „Der Mensch glaubt, essen sei wie bei ihm selbst mit Lust verbunden, und will dem Tier mit Leckerbissen eine Freude machen. Dabei zählt für das Tier nur die Sättigung.“ So hat das Haustier nichts von Schnitzel und Co außer menschlichen Gesellschaftskrankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und Gelenksentzündungen. Entzündungen im Körper können das Gewebe krankhaft verändern und Krebs auslösen. Je nach Art des Tumors spielt auch die erbliche Veranlagung eine unterschiedlich große Rolle. Dass das Erbgut des Hundes mit dem des Menschen eine sehr hohe Übereinstimmung aufweist, ist die Grundlage für die Forschungsarbeit des Vereins Rote Pfote. Hier tau-

terrainer, sei mittlerweile ein „alter Hut“. Schließlich wird der Laser heuer fünfzig. Für Unterrainer stehen die neuen Funktionalitäten im Vordergrund: Es gibt Wellenlängen, die man mit herkömmlichen Lasern noch nicht herstellen kann. Dieser Bereich heißt Tera-Hertz-Gap, das ist der Bereich zwischen 0,3 und 20 THz auf dem elektromagnetischen Spektrum. „Dass diese Strukturen nur 20 Nanometer groß sind, ist zwar sehr schön, aber uns interessiert ihre Funktionalität.“ Man nützt Quanteneffekte in den Nanostrukturen, um künstliche Atome zu generieren. „Die Elektronen der künstlich generierten Atome senden Photonen aus bei Wellenlängen, die es vorher nicht gab. Die Photonen

wiederum senden Energie aus.“ Für die chemische Analytik können Nanostrukturen als Detektor wie auch als Laserquelle fungieren. Unterrainer ist Sprecher des Forschungsprojekts IR-ON (Infrared Optical Nanostructures), das sich derzeit in der 2. Phase befindet. Erforscht werden optische Nanostrukturen, die bestimmte, nur im infraroten Spektralbereich (Wellenlängen von 2 bis 20 Mikrometer) aufspürbare chemische Verbindungen (Drogen, Sprengstoffe, andere Problemstoffe) entdecken können. Beteiligt sind mehrere Gruppen an der TU Wien, die Uni Wien sowie die Unis Linz, Graz, Jena, Regensburg und München. Geforscht wird mittels großer Lasersysteme in einem sogenannten Reinraum, einem

staubfreien Raum mit leichtem Überdruck, in den nur gefilterte Luft darf. „Wir haben Reinraumklasse 1000 – das heißt, auf einen Kubikfuß darf es nicht mehr als 1000 Staubpartikel geben.“ Staubpartikel würden Nanostrukturen überdecken und in ihrer Funktion einschränken.

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Foto: sabine edith braun

Grafik: Hackl

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„Nanoforschung für Schokoriegelüberzug und Joghurt“ Thilo Hofmann, Uni Wien, EUForschungsprojekt NANOLYSE

„Nanoforschung zum Aufspüren von Drogen, Sprengstoff und Problemstoffen“ Karl Unterrainer, TU Wien, Forschungsprojekt IR-ON

Physiktest für Physikprofessoren:  Was zeigt dieses Bild? „Vokalapparat nach Hermann Helmholtz“ zur Klanganalyse der Vokale a, e, i, o, u. Vokalklänge untersuchte Helmholtz mit den nach ihm benannten Resonatoren und stellte künstlich Vokale durch gleichzeitiges Ertönenlassen von Stimmgabeln verschiedener Höhe her. Zu sehen bei echophysics / Pöllau

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ten einen weiteren Risikofaktor beobachtet: Stress. „Tiere mögen es gleichförmig“, sagt Willmann. „Umso mehr leiden sie, wenn sich die Lebenssituation verändert, zum Beispiel durch Konflikte, Krankheit oder Tod in der Familie. Wenn der Mensch leidet, leidet das Tier immer mit.“

Der Oberösterreicher Georg Garnweitner forscht am Institut für Partikeltechnik der TU Braunschweig. Seit drei Jahren hat er eine Juniorprofessur inne (sie gibt es in dieser Form in Österreich nicht). An Nano fasziniert ihn vor allem die Interdisziplinarität. Er selbst ist der chemischen Forschung zugehörig: „Aufgrund unserer stark chemisch ausgerichteten Arbeitsweise würde ich mich eher als Materialchemiker, vielleicht noch als Nano-Chemiker bezeichnen.“ Garnweitner und sein Team stellen Nanopartikel im Labor her. „Wir arbeiten an der Weiterentwicklung einer chemischen Herstellmethode von Nanopartikeln, die sehr vielseitig ist. Derzeit erproben wir die Herstellung auch in größeren Maß-

stäben – im Liter- statt nur im Milliliter-Maßstab – und erschließen neue Anwendungen für diese Nanopartikel, vor allem auf dem Gebiet der Nanodünnschichten oder der nanoverstärkten Materialien. Damit kann man zum Beispiel extrem dünne, aber leistungsfähige Kondensatoren herstellen.“ Sein Studium der Technischen Chemie absolvierte er an der TU Wien, die Diplomarbeit schrieb er in den USA. Promoviert hat er am MaxPlanck-Institut in Potsdam. „Dort gab es hervorragende Bedingungen: Da Messgeräte unmittelbar zur Verfügung standen und durch Techniker sehr gut betreut waren, konnte ich mich sehr stark auf die Forschung konzentrieren. Das sind Bedingungen, die man an einer Universität so nicht hat. Daher bin ich nach Potsdam gegangen – und habe nach einem Jahr Post-Doc-Erfahrung die Möglichkeit bekommen, in Braunschweig als Juniorprofessor eigenständig Forschung zu betreiben, was mich von Anfang an sehr gereizt hat.“

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Aus Wissenschaft und Forschung

Y vonne Schröder

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ie Wirtschaftskrise hat nun auch die Prostitution erreicht. Die Preise gehen zurück – und das auf Kosten der Frauen. „Ich war auch schon mal im Flatrate-Puff“, sagte Rolf Eden bei der TVDiskussion „Maischberger“ zum Thema „Soll Prostitution verboten werden?“ im Dezember 2009. „Das ist das Beste, was es gibt“, schwärmte der selbst ernannte Playboy. „Da liegen 30 Frauen rum, alle mit den Beinen breit, und jeder kann, sooft er will.“ Die Wirtschaftskrise hat auch das Rotlichtmilieu erreicht. Die Umsätze der Sexbranche gehen zwar schon länger zurück, doch die Preise für den Geschlechtsakt haben seit dem letzten Jahr mit durchschnittlich 40 bis 60 Euro den Tiefpunkt erreicht. Die Sexarbeiterinnen können ihre Ausgaben, wie etwa Zimmermieten in Bordellen, oft nicht mehr bezahlen. Um ihre Existenz zu sichern, müssen sie sich dem Wettbewerb anpassen, d. h., in den meisten Fällen ohne Schutz und ohne Tabus arbeiten. „Wir beobachten bereits seit längerer Zeit zwei Entwicklungen im Bereich der Sexarbeit, die mit der sich immer weiter öffnenden Einkommensschere verbunden sind“, sagt Eva van Rhaden, Leiterin von SOPHIE-Bildungsraum für Prostituierte in Wien. „Im Hochpreissegment der sexuellen Dienstleitung stellen wir eine Zunahme der Kombinationsangebote Wellness mit sexueller Dienstleistung fest. In der niedrigeren Preisklasse steigt der Druck auf die Frauen, ohne Kondom zu arbeiten.“ Die Nachfrage nach Sex ohne Schutz gäbe es schon immer, die wirklich professionelle Sexarbeiterin jedoch blase nur mit Kondom, so Eva van Rhaden. Dank der Wirtschaftskrise ist es jetzt aber wohl nur mehr die, die es sich noch leisten kann. Denn im niedrigen Preissegment, das den Großteil des Sexarbeitsmarktes ausmacht, herrschen Dumpingpreise. Die Mehrzahl der Freier verlangt mehr für ihr hart verdientes Geld. Der traurige Höhepunkt der industriellen Vermarktung des weiblichen Körpers ist mit sogenannten Flatrate-Puffs er-

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reicht. Dort können Frauen konsumiert werden wie Gebrauchsgegenstände. „Zahle einmal, nimm sie alle. All inclusive!“, werben die FlatratePuffs, die es bereits in ganz Deutschland gibt, im Internet. Seit Kurzem laufen erste Probemodelle des deutschen Großbordellbetreibers „Club Pascha“ auch in Linz und Salzburg. Die Freier zahlen eine Pauschale, den Flatrate-Tarif, der etwa zwischen 70 und 100 Euro liegt. Damit können sie die sexuellen Dienstleistungen der Frauen in Anspruch nehmen, so lange und so oft sie wollen bzw. können. Die Prostituierten, die in solchen Bordellen arbeiten, stammen bisher zum Großteil aus Rumänien oder anderen osteuropäischen Ländern. „Diese Länder sind auch nach wie vor besonders schwer von der Wirtschaftskrise betroffen“, sagt Markus Marterbauer, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung. „Gerade Rumänien, Bulgarien und baltische Länder haben in den letzten Jahren sehr viel mit Krediten investiert, sodass es sehr hohe Staatsschulden gibt und sie in Zukunft bei Infrastruktur oder Bildung einsparen werden.“ Mit den Flatrate-Puffs öffnet sich ein neuer Wirtschaftszweig, der nahezu an Sklaverei erinnert. Die Situation der Frauen wird zur männlichen Triebabfuhr ausgenutzt, das Geld der Freier geht in den meisten Fällen an die Hintermänner in europaweit agierenden Sexlobbys. 20 Festnahmen wegen Menschenhandels gab es in deutschen Flatrate-Puffs. Die Täter, die derzeit vor Gericht stehen, stammen überwiegend aus Rumänien.

Her mit dem Speck! Verena Ahne

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bergewicht gilt inzwischen weltweit als eine der größten Gesundheitsgefahren, darüber ist sich die Fachwelt einig. Weniger Einigkeit herrscht über die Definition. Die Weltgesundheitsorganisation WHO etablierte vor einigen Jahren den vorher nur von amerikanischen Versicherungen benutzten Body-Mass-Index BMI als allgemein zu verwendende Größe: Gesamtgewicht dividiert durch doppelte Körpergröße. So hat eine 1,70 Meter große Person mit 60 Kilogramm einen BMI von 20,8. Laut Weltgesundheitsorganisation haben Erwachsene mit einem Body-Mass-Index zwischen 18,5 und 25 Normalgewicht, darüber Übergewicht. Ab einem BMI von 30 beginnt Fettleibigkeit. Ausgeblendet wurden Faktoren wie Alter, Geschlecht, Körperbau oder individuelle Fitness. Zu Unrecht. Denn manche Menschen profitieren von Übergewicht. Thomas Dorner vom Institut für So-

Wirtschaft Weltwirtschaftswachstum in Prozent, Quartal gegenüber Vorjahresquartal 12 10

Volkswirtschaften der Schwellen- und Entwicklungsländer

8 6

Welt

4 2 0 -2 -4 -6

Entwickelte Volkswirtschaften

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Prognosen 2005

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Die Krise – kurz und tief © 2009: Le Monde diplomatique, Berlin; Quellen: IWF WEO 2009

2009

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zialmedizin an der MedUni Wien etwa konnte zeigen, dass hochbetagte Menschen in einem Pflegeheim mit einem BMI von 27 und 28 am gesündesten waren: Sie bekamen deutlich seltener und weniger schwere Infektionen als die nach WHO -Definition Normalgewichtigen. Auch Leon Flicker von der University of Western Australia in Perth fordert, die BMIKlassifikation von Älteren zu revidieren, nachdem in seiner Studie das Sterberisiko über 70-jähriger – nicht adipöser – Übergewichtiger niedriger war als bei Normalgewicht. Für jüngere Menschen könnte diese „paradoxe Epidemiologie“ ebenfalls gelten – sobald sie nicht mehr gesund sind.

„Der Body-Mass-Index sollte nicht mehr als Maß für Übergewicht verwendet werden“ Har ald Schneider F o t o : AK H W i e n

Das Puff in der Krise

Sozialmedizin

Lebensverlängernd wirken die ungeliebten Pfunde etwa bei schweren Krankheiten wie Krebs oder Herzinsuffizienz. Eine Metaanalyse, also die Zusammenfassung der Daten mehrerer Studien, revidierte auch die landläufige Meinung, Übergewicht sei auf einer Intensivstation von Nachteil. Sehr dicke Menschen mit einem BMI zwischen 30 bis 40 haben dort vielmehr die höchsten Überlebenschancen. Fachleute fordern deshalb schon länger, nicht die Gesamtfettmenge, sondern die Fettverteilung zu beachten: Der „Apfelmann“ mit Fettringen um den Bauch lebt demnach gefährlich, die „Birnenfrau“ mit Fett an Po und Beinen nicht. Finanzstress dieses in entwickelten und Schwellenlä Die Betrachtung Taille-HüftIndex aus ��� Werten, für die beiden Verhältnisses („waist-to-hip ratio“, Ländergru unterschiedlich, kaufkraftgewichtet, in Prozen WHR) könnte nun durch eine noch Entwickelte Volk einfachere GrößeVolkswirtschaften ersetzt werden: 20 durch das Verhältnis Taillen10 nämlich USA umfang zu Körpergröße („waist-to8 height ratio“, WHt R). 15 Durchschnitt In einer Studie der Münchner Lud6 wig-Maximilians-Universität wurden 11.000 Personen bis zu zehn Jahre 10 4 lang beobachtet. Ergebnis: Die WHtR sagt wenig über das Risiko aus, einen 2 5 Schlaganfall oder Herzinfarkt zu erJapan leiden oder zu sterben – der BMI gar 0 nichts. „Er sollte deshalb nicht mehr 0 als Maß für Übergewicht verwendet Westeuropa -2 werden“, fordert der Studienautor Harald Schneider. Sinnvoller sei es, den -5 -4 2007 2008 Körperumfang niedriger zu halten als2009 die halbe Körpergröße; Menschen über 50 bleiben am besten unter 60 Prozent. G r a f i k : © 2 0 0 9 : L e M o n d e d i p l o m a t i q u e , B e r l i n / Q u e ll e n : I W F W EO 2 0 0 9

Soziologie

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Aus Wissenschaft und Forschung Mikrochirurgie

Bypass nach Krebs-OP Die ter Hönig

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ei etwa 75 Prozent aller Brustkrebs-Patientinnen werden auch die Lymphknoten der Achsel entfernt. Fast immer schwillt danach der betroffene Arm stark an. Durch physikalische Therapie wie Lymphdrainage und regelmäßiges Tragen eines Armstützstrumpfes kann Besserung erzielt werden. Von vielen betroffenen Frauen wird der Armstützstrumpf jedoch als besonders lästig empfunden. Und bei rund zwanzig Prozent der Betroffenen hilft er nicht. Monate-, ja jahrelange Beschwerden und Einschränkungen in Alltag und Beruf, etwa beim Schreiben am

Computer, sowie häufige Infektionen sind die Folgen. Mikrochirurgie kann in solchen Fällen helfen. Am Wiener AKH wird eine Operation durchgeführt, bei der man vom Oberschenkel der Patientin zwei Lymphgefäße entnimmt und zwischen Oberarm und Hals einpflanzt. „Dadurch schafft man einen Bypass, also eine Überbrückung der bei der Krebsoperation entfernten Lymphgefäße in der Achsel. Die Folge sind ein verbesserter Durchfluss der Lymphflüssigkeit und eine Abnahme des Wasserstaus“, erklärt Univ.-Prof. Edvin Turkof, ästhetischplastischer Chirurg am AKH Wien. Er führt die Operation gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Gynäkologen Univ.-Prof. Michael Seifert, an der Abteilung für spezielle Gynäkologie durch. Neu ist der lympho-lymphatische Bypass nicht. Er wurde bereits vor 23 Jahren in Wien wie in München unabhängig voneinander in einer Reihe von Therapieversuchen entwickelt. Der Münchner Chirurg Rüdiger Baumeister optimierte die Methode in Bezug auf Technik, Anwendbarkeit, präoperative Diagnostik, prä- und postoperative Verlaufs- und Durchflusskontrolle und brachte sie

Von Mikrochirurgen erfordert die Lymphtransplantation einiges an Erfahrung

schließlich zu Reife und Erfolg. Edvin Turkof, der sich von Baumeister schulen ließ, brachte die weiterentwickelte Methode schließlich ans Wiener AKH. Hier beträgt die Erfolgsrate mittlerweile 70 Prozent. Das Kriterium für Erfolg ist eine deutliche Verkleinerung des Armumfangs innerhalb von sechs Monaten. Von Mikrochirurgen erfordert die Lymphtransplantation einiges an Erfahrung und Geduld: Die zur Wiederherstellung der Zirkulation notwendigen Gefäßzusammenführungen erfolgen mit mikrochirurgischer

Nahttechnik. „Diese ist besonders anspruchsvoll, da die transplantierten Lymphgefäße bedeutend dünnwandiger als jede Fingervene und im Durchmesser deutlich kleiner als die Gefäße eines Kleinfingers sind“, erklärt Turkof. Die Bypassoperation wird immer häufiger durchgeführt. Dennoch ist sie vielen betroffenen Frauen als mögliche Verbesserung ihrer Situation noch nicht bekannt. Was verwundert, da der Eingriff kaum belastet und zudem von den Kassen übernommen wird.

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G r a f i k : © 2 0 0 9 : L e M o n d e d i p l o m a t i q u e , B e r l i n / Q u e ll e n : I W F W EO 2 0 0 9

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Wer macht die nächste Krise?

Der Countdown zum Thema

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Auszahlungen des Staates an Subventionen im Jahr 2009 in Euro

Zahl der Bankomaten in Österreich im Jahr 2010, dem 30. Geburtstag des Bankomaten

9 500 000 000

2 801,40

Öffentliches Defizit in Österreich im Jahr 2009 in Euro

Jahreshoch (in den letzten 52 Wochen) des ATX in Punkten

7 600 000 000

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Aufwendungen des Staates für Zinszahlungen im Jahr 2009 in Euro

Jahrestief (in den letzten 52 Wochen) des ATX in Punkten

6 800 000 000

63

Summe aller Kredite an inländische Bankkunden im Jahr 2009 in Euro

Summe der Staatsschulden Österreichs in Euro (Stand Ende März)

Staatsausgaben im Jahr 2009 in Euro

Unkonsolidiertes Betriebsergebnis der österreichischen Banken 2009 in Euro

4 100 000 000

Vermögensaufbau privater Haushalte im Jahr 2009 in Euro

4 700 000 000

Staatlicher Erwerb von Partizipationskapital an Banken im Jahr 2009 in Euro

4 400 000 000

Rückgang der Einnahmen aus Einkommens- und Vermögenssteuern im Jahr 2009 in Euro

313 800 000

Zahl der im Jahr 2009 in Österreich erbrachten Überstunden

9 320 000

Güterbeförderung in Tonnen auf dem österreichischen Teil der Donau im Jahr 2009 (Rückgang: 16,8 Prozent)

7 700 000

Zahl der derzeit in Österreich im Umlauf befindlichen Maestro-Bankomatkarten

3 255 601

Zahl der unselbstständig Erwerbstätigen Ende April

447 000

Zahl aller im zweiten Halbjahr 2009 aus dem Verkehr gezogenen gefälschten Euro-Banknoten

Anzahl derzeit aufrechter Leiharbeitsverhältnisse

Anzahl von Jobs, die entstünden, würde man sämtliche geleistete Überstunden abbauen

Anteil der österreichischen Staatsschulden in Euro, verteilt auf jeden Österreicher (Stand Ende März)

Zahl der Österreicher in Prozent, die im April glaubten, dass es nach Überwindung der Krise keine Rückkehr zum Status quo ante geben wird

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Zahl der Österreicher in Prozent, die im April glaubten, dass sich die Wirtschaftskrise noch verschlimmern wird

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Anzahl bargeldloser Zahlungen im österreichischen Handel in Prozent

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Zahl der Österreicher in Prozent, die sich von der Wirtschaftskrise unmittelbar betroffen fühlen

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Prozentzahl der Österreicher, die im April glaubten, dass die Wirtschaftskrise bald vorbei sein wird

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Die für 2011 erwartete Arbeitslosenquote bei den unselbstständig Erwerbstätigen

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Rang Österreichs im aktuellen Ranking des Weltwirtschaftsforums – ein Abstieg um zwei Plätze

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Durchschnittliche Schrumpfung der österreichischen Wirtschaft im Jahr 2009 in Prozent

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US-Dollar bekam man am 10. Mai für einen Euro

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Anzahl der Arbeitsuchenden in Österreich im April 2010

Anzahl der österreichischen Bankbeschäftigten im Jahr 2009

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Die errechnete reale Expansion des BIP im Jahr 2010 in Prozent

Höhe des auch noch im Mai 2010 von der EBZ belassenen Leitzinssatzes in Prozent

Foto: NADAV K ANDER/OBAMA’S PEOPLE/MUSEUM THE KENNEDYS/BERLIN

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Quellenangaben: www.oenb.at,Tageszeitungsinserat BMF, Statistik Austria, OTS OeNB 25. 3. 2010, OTS BMF 3. 5. 2010, AK OÖ, OTS Güterbeförderer, OTS Paysafe 28. 4. 2010, www.bmask.gv.at, ezb, AK, www.wienerboerse.at, www.market.at, www.wifo.ac.at, www.ihs.ac.at, www.wifo.ac.at

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Wer macht die nächste krise?

Zu den Fotos des Themas Für die New York Times porträtierte der in Israel geborene Fotograf Nadav Kander US-Präsident Barack Obama und dessen 53 Berater und Kabinettsmitglieder, darunter auch den Finanzminister Timothy Geithner. Die Charlottenburger Galerie Camera Work präsentiert Kanders Fotos bis 31. Oktober im Berliner Museum The Kennedys, Pariser Platz 4a

Timothy Geithner überredete Präsident Obama, nicht seinem politischen Instinkt zu folgen und Wall Street untergehen zu lassen, sondern die Bankiers mit Steuergeld zu retten. Hat er damit die nächste Krise heraufbeschworen?

Foto: NADAV K ANDER/OBAMA’S PEOPLE/MUSEUM THE KENNEDYS/BERLIN

Quellenangaben: www.oenb.at,Tageszeitungsinserat BMF, Statistik Austria, OTS OeNB 25. 3. 2010, OTS BMF 3. 5. 2010, AK OÖ, OTS Güterbeförderer, OTS Paysafe 28. 4. 2010, www.bmask.gv.at, ezb, AK, www.wienerboerse.at, www.market.at, www.wifo.ac.at, www.ihs.ac.at, www.wifo.ac.at

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Wer macht die nächste krise?

Ist Zukunftsprognostik Wissenschaft? Der Trendforscher Matthias Horx hat ein Zukunftsinstitut in Wien eröffnet. Wir haben nachgefragt emily walton

Reinhold Popp, Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Zukunftsstudien, Salzburg

„Unsere Aufgabe ist es, ökonomische, psychologische, soziologische Betrachtungen zusammenzuführen und Ergebnisse abzuleiten.“ Matthias Horx, Leiter des Zukunftsinstituts, Wien

leicht aber auch, weil die Werte nicht so beeindruckend sind. „Man kann nur kurzfristig genaue Zahlen vorhersagen“, sagt Wifo-Forscher Böheim. Das Wirtschaftswachstum wird etwa für das nächste Quartal prognostiziert. Die Ergebnisse haben Wirkung: Prognostiziert man Inflation, werden höhere Gehälter verhandelt. In der Folge sind die Löhne zu hoch, das Wachstum zieht nicht nach. Ob Horx’ Theorien ebensolchen Impact haben, bezweifelt Michael Böheim. Reinhold Popp sieht sehr wohl Auswirkungen: „Wenn er etwa die kreative Ökonomie als Megatrend propagiert, kann es sich auf die Berufswahl junger Menschen auswirken.“ Doch werden 2020 die Jobs ähnlich beschaffen sein wie heute? Horx, der ehemalige Journalist, hat einen Vorteil gegenüber den Wissenschaftlern. Seine Ergebnisse sind medientauglich. „Viele Berichte der Forscher sind zu langweilig“, sagt Popp. Horx ist unterhaltsam. Man liest ihn, engagiert ihn – dafür blickt er 10 bis 20 Jahre voraus. Wenn es so weit ist, fragt eh niemand mehr nach. Und wenn doch, hat Horx immer irgendwie recht gehabt: Ende der 90er sah er für das 21. Jahrhundert statt einem Lebensjob wechselnde Dienstverhältnisse voraus. Tatsächlich arbeitet man nur noch selten 45 Jahre in einem Betrieb. Wenn Horx falsch liegt – er sagte etwa eine Geburtenrate in Deutschland von 1,6 für das Jahr 2010 vorher, aktuell liegt sie bei 1,35 –, stört es nicht weiter. Megatrends sind ein Marketing-Tool der Gegenwart.

Pathos und Prophetie des Untergangs Interdisziplinäre Forschung. Der russische Semiotiker Jurij M. Lotman über die Explosionen wissenschaftlicher Ideen Erich klein

ie Apokalypse fand nicht statt: Die SoD wjetunion, ein Sechstel der Erde, wie sie sich gerne titulierte, verschwand vor zwanzig Jahren fast sang- und klanglos. Dass im sogenannten „entwickelten Sozialismus“, der Francis Bacons Grundformel der Neuzeit „Wissen ist Macht“ auf seine Fahnen geschrieben hatte, neben zahlreichen wissenschaftlichen Abstrusitäten auch intellektuell Bedeutsames geleistet wurde, verraten nur noch die zahlreichen russischen Namen an Mathematik- und Physik-Lehrstühlen zwischen Kalifornien und Paris. Wenig bekannt ist hingegen, dass in der UdSSR im Graubereich zwischen Naturund Geisteswissenschaften bedeutende kulturwissenschaftliche Schulen wie der „Tartuer Kreis der Semiotik“ entstanden.

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Jurij M. Lotman: Kultur und Explosion, aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg, Suhrkamp Verlag, Berlin, 2010

Sein Gründer Jurij Lotman (1922–1993) „emigrierte“ zu Beginn der 1950er Jahre aus der antisemitischen Atmosphäre Leningrads in die liberalere Universitätsstadt Tartu in Estland und versammelte Linguisten, Mathematiker, Neurologen und Literaturwissenschaftler zum fächerübergreifenden Studium der Zeichensysteme. Eine letzte Frucht dieses Studium generale ist Lotmans Buch „Kultur und Explosion“. Mit Sätzen wie „Die Möglichkeit, Böses zu tun, ist der erste Schritt zur Fähigkeit, es bewusst zu unterlassen.“ lebt es aus Pathos und Prophetie des Untergangs. Lotman entwickelt sein System ausgehend von der Biologie, von Reiz und Reaktion, und führt schrittweise aus der Tierwelt in jene des menschlichen Bewusstseins und des Traums; Alltagssprache ist

durch Kontinuitäten gekennzeichnet, die Welten des Textes und der Literatur sind um das „Unerwartete“ zentriert. „Die größten wissenschaftlichen Ideen sind in einem gewissen Sinne der Kunst verwandt: Ihre Entstehung ähnelt einer Explosion.“ Vor allem durchziehe dieses explosive und gewalttätige Moment die ganze russische Geschichte. Russlands wichtigste Aufgabe sah Lotman darin, „abzugehen von dem Ideal, die alte Welt bis auf die Grundfesten zu zerstören, um danach auf ihren Ruinen eine neue zu bauen.“ Diese Möglichkeit zu versäumen und zugleich Russlands „ewigen“ Gegensatz zu Europa aufzuheben, würde eine „historische Katastrophe“ darstellen. An der Lösung dieser Aufgabe darf sich auch der Westen beteiligen.

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Fotos: Siedler Verlag, harper business, Princeton universit y press, duncker&Humblot

„Zukunft ist ein Konstrukt, das sich aus Gegenwart und Vergangenheit ableitet.“

Wissenschaft wenig zu tun“, sagt Reinhold Popp, Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Zukunftsstudien in Salzburg. Und dennoch nennt sich Horx „Forscher“. Eine Bezeichnung, die für Objektivität und Nachvollziehbarkeit steht. Auch Akademikerstatus lässt sich vermuten. Matthias Horx hat sein Studium der Soziologie abgebrochen. Was aber ist Zukunftsforschung? Der Historiker untersucht die Vergangenheit, der Germanist die Literatur. Die Zukunft ist kein Gegenstand, sie existiert noch nicht: „Zukunft ist ein Konstrukt, das sich aus Gegenwart und Vergangenheit ableitet“, sagt Popp. „Man kann nur Wenn-dann-Szenarien abbilden.“ Es hängt von der Gestaltungskraft der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft ab, welches Szenario sich in der Zukunft durchsetzt. „Ein wahrer Forscher würde daher nie von einem einzigen Trend sprechen.“ Horx sieht es anders: „Unsere Aufgabe ist es, ökonomische, psychologische, soziologische Betrachtungen zusammenzuführen und Ergebnisse abzuleiten.“ Er nennt sich Optimist („Viele Wissenschaftler sind unglücklich. Sie sind in ihren Fachgebieten gefangen.“) und betont seinen universaltheoretischen Ansatz. „Das ist aus wissenschaftlicher Sicht lächerlich“, sagt Popp. Denn auch die wissenschaftliche Forschung lebt von Disziplinvielfalt. Man strebt aber auch konkrete, nachvollziehbare Ergebnisse an. Horx macht selten Zahlenprognosen, „weil es um die Entwicklung geht“. Viel-

Fotos: w w w. zuk unf t sin s t i t u t.de/K l aus V y hnalek , Andr e a s Hauch, w ik im edia com m on s

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as bringt die Zukunft? Mit einer Antwort auf diese Frage lässt sich Geld verdienen. Man kann darüber Bücher schreiben wie Matthias Horx („Anleitung zum Zukunftsoptimismus“ oder „Wie wir leben werden“), Firmen beraten und Vorträge halten. Horx ist ein prominenter Vertreter dieses Geschäfts. Für Vorträge kassiert er bis zu 9500 Euro. Anlässlich der Eröffnung seines Zukunftsinstituts in Wien beantwortet er auch dem Falter HEUREKA die Frage der Fragen: Wie geht es mit uns weiter, Herr Horx? „In den nächsten zehn Jahren kommen wir aus den Finanzturbulenzen nicht raus.“ Geht’s konkreter? Ja. Die produktions- und exportgestützten Volkswirtschaften Europas werden an ihre Grenzen stoßen. Wachstum wird im altindustriellen Sinn nicht möglich sein. Bildungs- und Arbeitspotenziale der Frauen werden erschlossen, die alternde Bevölkerung länger in den Arbeitsprozess eingebunden werden. Zudem gibt es kreativere Innovationen. Das sind Horx’ Megatrends. Was halten Österreichs Wissenschaftler davon? „In irgendeiner Weise werden sie stimmen“, sagt Michael Böheim vom Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo. „Sie sind so allgemein, dass jeder, der Zeitung liest, ähnliche Schlüsse ziehen könnte.“ Er widerspricht Horx nicht. Trotzdem will der Wissenschaftler mit ihm nichts gemein haben. „Die meisten Studien sogenannter Trend- und Zukunftsforscher haben mit


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Wer macht die nächste krise?

Kommentar Dichter und Wucher

Grafikkabinett Püribauers Tierversuche

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„„Wenn Horx etwa die kreative Ökonomie als Megatrend propagiert, kann es sich auf die Berufswahl junger Menschen auswirken.“ Reinhold Popp, Zentrum für Zukunftsstudien, Salzburg

I l l u s t ra t i o n : B ernd P ü r i ba u er

Freihandbibliothek Buchtipps von Emily Walton Nobelpreisträger will vor Krisen schützen

Fotos: Siedler Verlag, harper business, Princeton universit y press, duncker&Humblot

Fotos: w w w. zuk unf t sin s t i t u t.de/K l aus V y hnalek , Andr e a s Hauch, w ik im edia com m on s

Nobelpreisträger Joseph Stiglitz schreibt in „Im freien Fall“ keine bloße Analyse der Finanzmarktvergangenheit, sondern versucht sich an einem Modell zur Verhinderung künftiger Katastrophen: Er schlägt eine neue Finanzmarktpolitik vor. Joseph Stiglitz: Im freien Fall: Vom Versagen der Märkte zur Neuordnung der Weltwirtschaft, Siedler Verlag, 448 Seiten Die Finanzkrise als Erzählung

Er weiß, wie Banken krachen und wie Finanzskandale in die Öffentlichkeit durchsickern. Charles Gasparino ist ein bekannter US-Wirtschaftsjournalist. Geht er auf Sendung, dreht man an der Börse den Ton der – sonst lautlosen – Fernseher auf. Mit „The Sellout“ liefert Gasparino ein Werk über Geiz und Überheblichkeit, die die Finanzmärkte ins Wanken brachten.

80 Jahre später sind seine Theorien noch aktuell: Keynes’ Hauptwerk „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ führt – neben Milton Friedman und Adam Smith – den Kanon der Wirtschaftsliteratur an. 1936 verfasst, ist es nicht das zugänglichste, aber das führende Keynes-Werk. 2010 interpretiert der US-Ökonom Robert Skidelsky Keynes’ Wirtschaftstheorie neu. „Keynes für das 21. Jahrhundert“ handelt vom Versagen der Wirtschaftswissenschaft, das sie mit komplizierter Mathematik kaschierte. Es ist die Analyse einer Krise, die das System selbst hervorbrachte. John Maynard Keynes: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, Duncker & Humblot, 343 Seiten Robert Skidelsky: Die Rückkehr des Meisters, Keynes für das 21. Jahrh., Kunstmann, 304 Seiten Acht Jahrhunderte Finanzgeschichte

Charles Gasparino: The Sellout, Harper Business, 576 Seiten Der Klassiker: Keynes aus zwei Jahrhunderten

Krisen sind in der Marktwirtschaft unvermeidbar. Sind die Turbulenzen da, kommen wir selbst nicht heraus. Der Staat muss eingreifen. Eine neue makroökonomische Wirtschaftstheorie statt Laissez-faireMarktwirtschaft – das war John Maynard Keynes’ (nicht unumstrittener) Ansatz in den 1930er Jahren.

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Finanzturbulenzen sind keine Naturkatastrophen, die ohne Vorwarnung auftauchen: Sie sind vorhersehbar – so auch die aktuelle Krise. Wer früh erkennen will, muss wissen, worauf zu achten ist: Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff bieten in „This time is different“ einen umfassenden Datenschatz: Kapitalflüsse, Zins- und Inflationsraten und Statistiken aus 800 Jahren. Carmen Reinhart, Kenneth Rogoff: This time is different, Princeton University Press, 496 Seiten

ie großen Schriftsteller des 20. JahrD hunderts gaben es nicht unter Weltliteratur – die Geister strebten nach Globalisierung, Weltwirtschaft kam bei ihnen hingegen kaum vor. Die Regel bestätigende Ausnahmen: Robert Musil machte den Industriekapitän Walter Rathenau zu einer zentralen Figur seines „Mann ohne Eigenschaften“; Thomas Mann sang in „Josef und seine Brüder“ biblisch verkleidet das Hohelied auf Roosevelts „New Deal“. Fast alle vom Marximus beeinflussten Autoren produzierten hingegen nur noch pure Ideologie. Umso bemerkenswerter, dass der amerikanische Dichter Ezra Pound (1885– 1972) angesichts der Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 begann, eine ganze Finanztheorie auszuarbeiten. Diese erhob er auch zum literarischen Prinzip: „Ein Epos ist ein Gedicht, das Geschichte einschließt. Niemand kann aber Geschichte verstehen, wenn er nichts von Wirtschaft versteht.“ Pound – der im monumentalen Zyklus „Cantos“ die ganze Welt von der Antike und dem alten China bis zum British Empire und Stalin nachdichtete – sah seine Gegner in Liberalismus, Kapitalismus und Marxismus; sein besonderer Hass galt der Hochfinanz, die schon den Ersten Weltkrieg zu verantworten gehabt habe. Die auf den ökonomischen Kollaps folgende Kreditdrosselung führte zu Millionen von Arbeitslosen, die Menschen hatten kein Geld für notwendige Lebensmittel, indes ganze Ernten verfaulten. Verantwortlich für den Missstand war für Pound – „Usura“, der Wucher, Zins. „Bei Usura, der Sünde wider die Natur / bleibt dir kein Brot trocken Papier / kein Weizen vom Bergacker, kein kernig Mehl /…/ Bei Usura kommt Wolle nicht zu Markt / Schaf wirft nichts ab bei Usura.“ Pounds Polemik gegen „die gottverdammte Dämlichkeit und die mangelnde Courage der Leute, sich durchzudenken, was es mit dem Geldsystem auf sich hat“, führt ihn zur kuriosen Entdeckung des „Schwundgeldes“, das die Tiroler Gemeinde Wörgl zur lokalen Bekämpfung der Krise erfunden hatte. Das Ideal eines korporativen Ständestaates im größeren Stil sah der Dichter, der während des Krieges in Italien lebte, in Benito Mussolinis Faschismus. Hitler hielt er allerdings für einen „epileptischen Hinterwäldler“, der „nach Pogromen lechzet“. Für seine Rundfunkansprachen gegen die Alliierten wurde er im Mai 1945 wegen „Antiamerikanismus“ angeklagt, inhaftiert und schließlich in eine Irrenanstalt überstellt. Als er später über seine jahrzehntelange Arbeit an den „Cantos“ befragt wurde, antwortete Pound wie immer angriffslustig: „Es ist schwer, ein ,Paradiso‘ zu schreiben, wenn alle äußeren Anzeichen auf eine Apokalypse verweisen.“

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irtschaftswissenschaftler, zu­ mindest viele von denen, die sich bisher öffentlich geäußert haben, zeigen sich von der Krise verunsichert. So bekennt Deutschlands Wirtschaftsweiser Peter Bofinger gegen­ über der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung: „Wir haben sehr ausdifferen­ zierte makroökonomische Modelle, sie haben nur einen Nachteil, es gibt keinen Finanzsektor.“ Das britische Wirtschafts­ magazin The Economist schreibt in der Ausgabe vom 9. April: „Man kann von Stu­ denten nicht gut erwarten, dass sie die Kri­ se begreifen. Schließlich wissen sie so gut wie nichts über die Rolle der Finanzinsti­ tutionen.“ Paul Krugman, amerikanischer Wirtschaftsnobelpreisträger, erklärte zum Schattenbankensystem, also zu banken­ ähnlichen Institutionen, die außerhalb jeder Regulierung agieren können: „Bis zum Ausbruch der Krise 2008 scheint tat­ sächlich kaum jemand geahnt zu haben, wie wichtig dieses System bereits gewor­ den war.“ Pro Jahr verschwanden bis zu 400 Milliarden Dollar im Finanzsektor durch Verschwendung, Missbrauch und Betrug. Der deutsche Wirtschaftswissenschaft­ ler und Soziologe Gunnar Heinsohn sieht in den Zentralbanken und ihrer fatalen Nullzinspolitik die Verursacher der Krise. Er verlangt eine Bankenaufsicht für Zentralbanken. „Man knüppelte mit den In­ vestmentbanken und ihren Boni bloß den Sack, um die zentralbanklichen Esel nicht anrühren zu müssen.“ Für ihn beginnt die Krise bereits 1995, als Japans Zentralbank ihren Zins erst auf ein Prozent und ein Jahr später auf 0,1 Prozent senkte. Sie wollte da­ mit japanischen Firmen helfen. Deren Pro­ duktpreise waren durch den Nikkei-Crash von 39.000 Punkte im Jahr 1989 auf 15.000 im Jahr 1995 abgestürzt. 2002 bemerkte die japanische Zentral­ bank, dass die Steigerung ihrer Kredite an die Geschäftsbanken um fast dreißig Pro­ zent bei Firmen lediglich eine Kreditstei­ gerung von drei Prozent bewirkte. Im sel­ ben Jahr senkte Alan Greenspan von der US-Zentralbank den Zins für Banken für fast drei Jahre auf 0,75 Prozent. Zwischen 2003 und 2007 bewirkten vier von der US-Zentralbank an die Banken geliehe­ ne Dollar nur einen zusätzlichen Dollar Bruttoinlandsprodukt. Alan Greenspan scheint sich als „chief villain“, als Hauptverursacher der Krise, herauszustellen. In diesem Sinn bespricht auch Benjamin M. Friedman, Professor für Wirtschaftspolitik in Har­ vard, in der New York Review of Books vom 29. April die neuen Bücher des ame­ rikanischen Wirtschaftsjournalisten und New Yorker-Redakteurs John Cassidy so­ wie des britischen Schriftstellers John Lan­ chester, die beide Alan Greenspan als den „villain-in-chief“ der Krise schildern. Wir

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wollen nun von Gunnar Heinsohn wissen, wer die nächste, sich in Europa abzeichnende Krise verursachen wird. Falter HEUREKA: Sie gehen mit den Zentralbanken sehr hart ins Gericht. Gunnar Heinsohn: Weil sie die Verführer

sind. Geschäftsbanken stehen untereinan­ der in Konkurrenz. Wenn die eine das Null­ zinsgeld borgt und die zweite wartet, bis der Zins wieder bei fünf Prozent ist, geht sie zwischendurch mangels Geschäft einfach unter. Darauf spielte am 10. Juli 2007, also noch vor dem Crash, Chuck Prince, der da­ malige Chef der amerikanischen Bank Ci­ tigroup, an: „Wenn die Musik in Form von Liquidität aufhört, wird es schwierig. Aber so lange die Musik spielt, muss man sich erheben und tanzen.“

Wo es Verführer gibt, muss es auch Verführte geben … Heinsohn: Die Geschäftsbanken leihen sich

das „billige“ Geld, weil sie müssen. Gleich danach beginnen jedoch ihre eigenen Feh­ ler. Sie könnten jetzt mehr investieren oder an gänzlich neue Kunden wie etwa eigen­ tumslose Hausträumer ausleihen. Aber die billige Liquidität erhöht ihr Eigenkapital nicht. Dessen Relation zu den Ausleihun­ gen wird umgehend schlechter. Die Lo­ ckung der Zentralbank endet also nicht nur in neuen Kunden ohne Kreditwürdigkeit, sondern auch in einer Unterkapitalisierung der Banken. Die Chancen des Schuldner­ ausfalls steigen, während die Möglichkei­ ten zum Glattstellen der ausbleibenden Til­ gungen aus Eigenkapital fallen. Dass zu ge­ ringe Eigenkapitalquoten bei den Banken herauskommen, wenn die Zentralbanken mit Niedrigzins pfuschen, schreibt schon 1873 der Brite Walter Bagehot als ihr be­ deutendster Theoretiker in seinem Buch „Lombard Street“: „Für die Kredite [an mo­ mentan nicht liquide, aber mit Eigentum noch versehene Banken] ist ein sehr hoher Zinssatz zu verlangen. Das wird die Mehr­ zahl der Anträge von Bankern verhindern, die sie gar nicht brauchen.“

Die Griechen werden ihre Staatsschulden nie mehr zurückzahlen können, ist der deutsche Wirtschafts­ wissenschaftler Gunnar Heinsohn überzeugt. Athen, die Wiege Europas, könnte auch zu seinem Sarg werden

Und die Banken haben die Risken nicht erkannt? Heinsohn: Niemand glaube, dass die Ge­

schäftsbanken die Risiken der Kredite an pfandlose Häuslbauer nicht erkannt hät­ ten. Gerade weil sie genau Bescheid wissen und weil sie ihre Unterkapitalisierung ken­ nen, werden die Kredite gebündelt und ge­ schachtelt in alle Welt verkauft. Auch ihre Käufer sind nicht ahnungslos. Sie mögen diese Derivate nicht genau verstehen, aber ihre Gefahr spüren sie. Deshalb schließen sie für den Fall des Platzens Versicherungen ab. Diese Versicherungen werden zu einer eigenen Handelsposition mit vielfachem Billionenvolumen. Aber wie jede Feuer­ versicherung untergeht, wenn es bei allen Kunden gleichzeitig brennt, so verendet mit AIG eben auch die größte Versicherung der Menschheit, als die Blase platzt und bei den Häuslbauern nichts zu holen ist. Sollten Banker und Käufer von SubprimeSchulden gerechterweise ihre Forderungen nicht besser abschreiben, statt den Staat zu bemühen? Heinsohn: Sie müssten vom Milliardär auf

Multimillionär umschulen. Das wäre bit­ ter. Deshalb überzeugen sie die Regierun­ gen, dass bei ihrer Rasur das gesamte Sys­ tem unterginge. Okay, sagen die, unsere Steuerzahler haben die Hosen vor einem möglichen Systemkollaps so voll, dass ihr oben bleiben dürft. Wir schicken einfach die Bürger für euch ins Obligo. Dafür ver­ staatlichen wir Versicherungen wie die AIG oder die Hypo-Real und stellen eure uneinbringbaren Forderungen an diese Häuser durch neue Staatsschulden glatt. Natürlich hätten wir den Bürgern eine Ein­ lagengarantie geben und mit den gewalti­ gen Hilfsmitteln solide Volksbanken ka­ pitalisieren können. Aber dann wäre be­ stimmt das System untergegangen. Zudem halten wir die Zentralbankzinsen bei null.

Banken konnten aus Konkurrenzgründen auf Billig-Geld nicht verzichten? Heinsohn: Richtig. Das führte dazu, dass

amerikanische Banken bis 2007 ihre Schulden auf 116 Prozent des Bruttoin­ landsprodukts hinaufschraubten. 20 Milli­ onen Amerikaner, die zuvor noch nie eine Kreditabteilung betreten durften, beka­ men ab 2001 Kredit und dazu einen Zins angeboten, der ihnen mirakulös niedrig er­ scheinen musste. Als Pfand wurde von die­ sen „Subprime-Borgern“ das erst zu bau­ ende und dann im Preis auch noch steigen sollende Hauseigentum akzeptiert. Da­ bei geht es, rechnet man drei Bewohner pro Einheit, immerhin um Wohnraum für sechzig Millionen Menschen – das ist die Bevölkerung von Frankreich oder Groß­

britannien. Im November 2004 wurde der US-Zentralbankzins von 0,75 auf drei Pro­ zent vervierfacht und bis Mai 2006 sogar auf sechs Prozent verachtfacht. Gewaltige Zinserhöhungen also. Drei Billionen Dollar wurden dadurch uneinbringlich. Das ist fast die Höhe des Eigenkapitals des gesam­ ten US-Bankensystems.

Wenn die Zentralbanken Fehler gemacht haben, soll man sie dann abschaffen? Heinsohn: Ich möchte nicht falsch verstan­

„Selbst wenn die Griechen auf vier volle Monatsgehälter verzichten würden, hätten sie noch eine Prokopfschuld von 590.000 Euro“

den werden. Ich gehöre nicht zur österrei­ chischen Schule von Hayek und anderen, die Zentralbanken ganz abschaffen will. Wenn die ihre Aufgabe als Verleiher letz­ ter Instanz korrekt ausfüllen, Zinsen und Sicherheiten verlangen und ihr Eigenkapi­ tal nicht riskieren, wirken sie als Puffer ge­ gen einen Run auf Banken. Hinter diese Er­ rungenschaft darf man nicht zurück. Was es braucht, ist eine Bankenaufsicht auch

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n Europa unter? für die Zentralbanken. Denn ihre Unabhängigkeit kann nicht bedeuten, dass sie die Regeln des Bankwesens verletzen. Dabei geht es nicht um Tausende von Häusern und Millionen von Händlern, sondern gerade um zwei Dutzend Einrichtungen, die sich für Wasserwerke halten, obwohl sie Banken sind. Dazu hätten die G20 Ende September 2009 in Philadelphia handeln sollen. Aber sie schlugen mit den Investmentbanken lieber den Sack als die zent- „2050 werden in ralbanklichen Esel, die mit ihrem Nullzinsgeld die Banken irrsinnig gemacht und die Europa knapp 100 Märkte außer Kraft gesetzt haben. Millionen Rentner

Früher konnten Pleite-Länder wie etwa Griechenland abwerten. Im Euro-Raum ist dies nicht mehr möglich. Entpuppt sich hier die gemeinsame Währung nicht auch als Schwäche? Heinsohn: Griechenlands Problem besteht

gegen 85 Millionen in den USA die Stellung halten“

darin, dass es nirgendwo Innovationsführer ist und im Wesentlichen von Sonnenschein lebt. Die Steigerung von Konkurrenzfähigkeit durch Abwertung macht doch nur Sinn, wenn die dann besser zu verkaufenden Industriegüter oder Softwarelösungen im Land überhaupt auf Weltmarktniveau hergestellt werden. Niemand behauptet das. Von 1981 an hat deshalb jeder Grieche Tausende Euro aus EU-Kassen als Sozialhilfe erhalten. Aber diese Kassen werden ebenfalls mit Schulden bestückt, also mit dem Versprechen auf Zinsungen und zukünftige Tilgungen aus üppigen Steuern „reicher“ Mitglieder. Bloß sind bei denen auch keine zusätzlichen Steuern mehr zu holen. Griechenland hat eine Nettosparquote von minus 5,1 Prozent gegenüber plus 6 Prozent in der Gesamt-EU. Die Herren Athens könnten also selbst bei Einsatz von Steuereintreibern mit gezückter Pistole niemals aus den Leistungen der eigenen Menschen bedienen, was die als Staatsbürger schulden.

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Im Verschleiern und Verheimlichen sind die Griechen ja Europameister. Heinsohn: Vor dem Internationalen Wäh-

rungsfonds mag man all das verheimlichen können. Doch die Rating-Agenturen finden es heraus und werden dann neugierig auf Länder, die immer noch glauben, eine Wurst zu haben, mit der sie nach der griechischen Speckseite werfen können. Wer genau sind die „vorbildlich wirtschaftenden“ Deutschen, die jetzt widerwillig, aber irgendwie auch böse stolz für mediterrane Grillen aufkommen? Unter 40 Millionen Erwerbstätigen hat der EU-Riese 25 Millionen voll versicherte Nettosteuerzahler. Auf die fallen zusätzlich zu ihren persönlichen Obligationen offizielle 1800 Milliarden Euro Staatsschulden. Pro Nase sind das 72.000 Euro oder zwei unversteuerte Jahresgehälter. Aber auch zwischen Rhein und Oder gibt es die unausgewiesenen Verpflichtungen. Bernd Raffelhüschen veranschlagt sie Anfang 2010 auf 6200 Milliarden Euro. Auf jeden unserer Nettoleister fallen damit 240.000 Euro Schulden oder sieben unversteuerte Jahresgehälter. Und dieser Einäugige unter Blinden gilt als bester Schuldner der Menschheit. Die Rating-Agenturen geraten immer mehr ins Schussfeld der Kritik. Tragen sie Mitschuld an der Krise? Heinsohn: Wenn Zentralbanken nicht

mehr mit Nullzins die Geschäftsbanken zu schlecht besicherten Ausleihungen und damit Riskierung ihres Eigenkapitals verführen, dann sind auch Rating-Agenturen nicht mehr verführt, gegen gute Bezahlung durch Geschäftsbanken diese Kredite und ihre Derivate über den grünen Klee zu loben. Die Vergehen von Geschäftsbanken und Rating-Agenturen sind unstrittig. Aber ohne Anstifter aus der Etage darüber können sie nicht allzu viel Unsinn anstellen.

110 Milliarden Euro macht das Hilfspaket für Griechenland aus. Heinsohn: Ob das aktuelle Hilfspaket nun

40, 80 oder 160 Milliarden Euro kostet, kann unsere Griechen kalt lassen. Ob am Ende 610.000 oder gar 630.000 Euro pro Kopf zu Buche stehen (die Prokopfschuld jedes Griechen beträgt 600.000 Euro), ist egal, denn uneinbringbar bleiben beide Beträge. Wenn die deutsche Führung sich dennoch immer wieder in die Brust wirft, wie sehr sie auf Einsparungen beharrt, bevor die Milliarden fließen, vergisst sie einmal mehr, dass man einem Nackten nicht in die Taschen greifen kann. Selbst wenn unsere griechischen Erwerbstätigen 2010 auf 40 Milliarden Euro oder volle vier Monatsgehälter verzichteten – selbst Schäubles „strikter Sparkurs“ für Athen fordert nur ein Zehntel davon –, ginge ihre Prokopfschuld gerade mal auf 590.000 Euro herunter. Bankrott bleiben sie so oder so.

Aber unterschreiben werden sie alles, auch beim IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn, der sogar verspricht, „das Schuldenproblem Griechenlands dauerhaft zu lösen“.

Was, wenn die Lage in Griechenland weiter eskaliert? Könnte es zu bürgerkriegs­ ähnlichen Zuständen kommen? Heinsohn: Bei 1,37 Kindern pro Frau fehlt

dafür das schießende Personal. Nach ein paar Gefallenen träte schnell Ruhe ein. Im Bürgerkrieg von 1943 bis 1949 mit seinen 160.000 Toten hingegen kämpften in den 20er Jahren geborene Jünglinge, als jede Griechin zwei bis drei Söhne aufzog. Gunnar Heinsohn ist Soziologe und Ökonom in Deutschland (emeritiert). Im September des Jahres kommt er für zwei Monate zu Vorträgen nach Wien

Europas Bevölkerung ist im Gegensatz zu den USA im Schrumpfen begriffen. Wer soll unsere Staatsschulden jemals bezahlen? Heinsohn: Niemand weiß einen Ausweg aus

dem demografischen Fiasko der mit Armenien und Georgien 22 Staaten zwischen Oder und Wladiwostok. Dieser Großraum

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stürzt von 215 Millionen Erwerbsfähigen im Jahre 2005 auf maximal 140 Millionen 2050, wobei die Gesamtbevölkerung von 350 auf mindestens 240 Millionen schrumpft. Hingegen erfolgt in den USA eine Zunahme der Arbeitsfähigen von 180 auf 230 Millionen. Nach dem 20-Millionen-Rückstand auf die 200 Millionen Arbeitsfähigen Westeuropas des Jahres 2005 werden die Amerikaner bis 2050 auf einen Vorsprung von 70 Millionen davonziehen. Dafür wird Europa bei der Softpower vorne liegen: 2050 werden hier knapp 100 Millionen Rentner gegen dann 85 Millionen in den USA die Stellung halten. Klingt sehr pessimistisch. Heinsohn: Und doch fallen diese Progno-

sen für Europa viel zu optimistisch und für Nordamerika zu pessimistisch aus, weil die beteiligten Bevölkerungen in der Alten Welt ihr Abrutschen nicht still aussitzen werden. Ihre tüchtigen und beweglichen Anteile wechseln beizeiten in den demografisch ebenfalls kämpfenden und deshalb massiv anwerbenden Anglo-Raum über. Allein für das Verlangsamen ihrer Alterung – und nicht etwa für ihre Umkehr – benötigen Australien, England, Irland, Kanada, Neuseeland und die USA pro Jahr 1,7 Millionen skilled immigrants. Das entspricht den jährlich 1,7 Millionen Neugeborenen in den fünf Staaten Deutschland, Schweiz, Österreich, Polen und der Ukraine. Durch eine sich noch intensivierende Bemannung der Werkstätten und Mauern Nordamerikas durch Europas Jugend könnte „USAnada“ von heute 340 Millionen deshalb nicht nur auf die für 2050 prognostizierten 465 Millionen steigen, sondern über 550 Millionen erreichen, weil ja auch Talente aus den schnell vergreisenden Behemoths in Ostasien wie China, Japan und Korea nach Nordamerika streben. In den USA zeichnet sich nun bei Gewerbe­ immobilien die nächste Blase ab. Vierzig Prozent der amerikanischen Banken könnten pleite gehen. Heinsohn: Die Gefahr ist da. Es wären so-

genannte Retail Banks, die dann untergingen, also übers Land verteilte Häuser. Doch bitte immer die zuvor besprochene amerikanische Demografie im Auge behalten: Die kriegen jedes Jahr ein Berlin plus Köln dazu! Da entstehen Unternehmen, die auch Raum benötigen.

Der Historiker Niall Ferguson meint, dass amerikanische Staatspapiere ein genauso sicherer Hafen seien wie Pearl Harbor 1941. Was sagen Sie dazu? Heinsohn: Wer überhaupt Staatspapiere

kaufen will und fragt, wo sie in Zukunft besser bedient werden können, wird mit den Staatspapieren der USA oder jenen Kanadas jedenfalls die weniger aberwitzige Wahl treffen.

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Nächste Krise: China Ale x andr a Aurelia Neme th

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entralbanken haben aus ihren vergangenen Fehlern gelernt“, sagt Jürgen Huber, Universitätsprofessor an der Uni Innsbruck. „Sie trugen viel zur Depression zwischen 1929 und 1933 bei, indem sie die Zinsen erhöhten und die Geldmenge reduzierten, als das Gegenteil vonnöten war.“ Heute sei das anders: Zentralbanken hätten in den letzten Jahren richtig gehandelt, erklärt der Wirtschaftswissenschaftler. Nämlich die Zinsen gesenkt und die Geldmenge ausgeweitet. Während Gunnar Heinsohn von einer „Lockung durch die Zentralbanken und einer Unterkapitalisierung der Geschäftsbanken“ spricht, meint Jürgen Huber, dass „Geschäftsbanken sehr wohl Eigenkapitalreserven hätten aufbauen können. 2001 bis 2006 wurden überdurchschnittlich hohe Gewinne erzielt.“ Wo ist das ganze Geld? Laut Huber in den „Boni der Manager und Aktionärsdividenden“. Für diese Entwicklung seien die Geschäftsbanken verantwortlich, so der Experte.

Die Wirtschafts­ wissenschaftler Jürgen Huber und Michael Kirchler der Uni Innsbruck sowie Franz Diboky von der Uni Wien antworten auf Gunnar Heinsohn (Seite 14–15)

Versagen der Regulierungsbehörden Gunnar Heinsohn bezeichnet die Niedrigzinsen der vergangenen Jahre als „mirakulös“. Geschäftsbanken wollen eben nicht auf „billiges Geld“ verzichten. Warum?

Weil sie konkurrenzfähig bleiben müssen. Und: Die kurzfristig niedrigen Zinsen sind in schwierigen Zeiten attraktiv. Fazit: 20 Millionen kreditunwürdige Amerikaner nutzten das Angebot. „Aber schon im November 2004 wird der Zinssatz von 0,75 Prozent auf drei Prozent vervierfacht. 2006 sogar verachtfacht“, so Heinsohn. Michael Kirchler, Assistenzprofessor an der Uni Innsbruck, argumentiert: „Hier gab es eine schrittweise Zinserhöhung alle eineinhalb Monate bei jeder Sitzung der FED um jeweils 0,25 Prozent. Von 1 Prozent im Jahr 2004 bis hin zu 5,25 Prozent im Jahr 2006.“ Im historischen Vergleich sind derartige Zinshöhen nicht als abnormal zu betrachten. Kirchler macht die Zentralbanken nicht alleine für die Krise verantwortlich. Im Gegenteil: Die Behauptung des deutschen Ökonomen „erfasst die Komplexität der modernen Finanzmärkte nicht“. 2001 kommt ein relativ neuer Prozess hinzu: die Verbriefung. Banken verkaufen Kredite – gebündelt und in verschiedenen Risikotranchen – an Investoren. Somit entfällt jegliches Ausfallsrisiko für die Banken. „Da die Banken keine Kreditrisiken mehr zu tragen hatten, vergaben sie leichter Kredite. Die Regulierungsbehörden ha-

ben versagt“, sagt Kirchler. Heinsohn wäre mit einer Bankenaufsicht auch für Zentralbanken einverstanden. Weil die „Unabhängigkeit nicht bedeutet, dass die Regeln des Bankenwesens verletzt werden können“.

China und Gewerbeimmobilien Franz Diboky vom Institut für Betriebswirtschaftslehre der Uni Wien sieht mittelfristig eine Gefahr in den Emerging Markets. „Mein Tipp für die nächste Krise: China. China hat seit Jahren immense Wachstumsraten.“ China wird laut Eurostat ein 9-prozentiges BIP-Wachstum im Jahr 2011 verzeichnen. Während das durchschnittliche Wachstum der Eurozone um 1 Prozent liegt. „Außerdem kann China im Falle einer Krise auf Goldreserven und US-Staatsanleihen zurückgreifen. Wenn China einknickt, besteht die Gefahr, dass es USStaatsanleihen auf den Markt wirft. Fatal für die US-Wirtschaft“, betont Diboky. Manche sehen die nächste Blase wieder in den USA. Stichwort: Gewerbeimmobilien. Auch die renommierte amerikanische Insolvenzspezialistin Elizabeth Warren glaubt an den nächsten Crash auf dem Markt für Gewerbeimmobilien und große Mietwohnungskomplexe.

Minsky hat es schon gewusst

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Ökonomen haben das gegenwärtige Desaster in Modellen dargestellt. Es hat nur keiner auf sie gehört

„Gute Modelle sind gute Straßenkarten.“ Gerhard Sorger, Ökonom, Uni Wien

Grund dafür: Minsky hatte die Tücken des Systems zu einem Zeitpunkt vorhergesagt, in der die Aktienkurse noch stiegen. Ein Modell, das seiner Zeit weit voraus war und dessen praktische Anwendung erst gefunden werden musste. Ist es also falsch, stark vereinfachte Modelle zu konstruieren, die oft nur als „Modeerscheinungen“ wahrgenommen werden und irgendwann in Bibliotheken landen, weil sie aktuell keine Anwendung finden? Nein, sagt Gerhard Sorger, Professor an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften an der Uni Wien. „Gute Modelle sind gute Straßenkarten. Wenn ich Hausnummern oder Restaurantadressen suche, dann nehme ich mir keine Wanderkarte, sondern Abbildungen, auf denen steht, was ich suche.“ Genau das würde oft in der Diskussion vergessen werden: Modelle sind abstrakt und beleuchten Themen aus einer bestimmten Perspektive. Deshalb gibt es laut Sorger erstens keine eindeutige Antwort darauf, was ein „nützliches“ oder „gutes“ Modell ausmacht; und zweitens sei auch der Vorwurf falsch, die Wissenschaft habe sich immer mit dem Gleichen beschäftigt. „Warum soll man

nicht auf Bewährtes zurückgreifen?“ Solange ein Modell gut kommunizierbar und auch nützlich und verständlich für Entscheidungsträger ist, könnte man ruhig auf „gute“, „alte“ Modelle zurückgreifen, sagt Sorger. Dass Modelle wie jenes von Keynes vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise in den 30er Jahren und heute wieder als „Modeerscheinung“ in der Öffentlichkeit auftreten, liegt daran, dass es Ähnlichkeiten der beiden Krisen gibt. Manchmal sind derartige Modeerscheinungen jedoch nicht auf Forschungsdebatten zurückzuführen, sondern eher auf die politischen Interessen von Entscheidungsträgern, die Modelle für ihre Sache instrumentalisieren. Die Meinung, die Wirtschaftswissenschaften hätten Schuld an der Krise, kommt auch von der verzerrten Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, was die Aufgaben von Wissenschaftlern betrifft, kritisiert Sorger: Denn es ist Angelegenheit der Entscheidungsträger und nicht der Ökonomen, auf aktuelle Krisen zu reagieren, zu handeln und Maßnahmen zu setzen. Der Ökonom hat die Aufgabe, Theorien, also „passende Landkarten“ für seine Disziplin zu entwickeln.

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Fotos: K atrin Bruder

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egenwärtig haben „alte“ ökonomische Modelle Hochkonjunktur. Der derzeit vermutlich meist zitierte Ökonom veröffentlichte sein Hauptwerk 1936: Zur Zeit der Großen Depression schrieb John Maynard Keynes dem Staat die Rolle zur Rettung der Wirtschaft zu. Als „Theoretiker der Gegenwart“ gilt mittlerweile auch Hyman Minsky, 1919 in Chicago geboren und Student beim österreichischen Ökonomen Alois Joseph Schumpeter. Aktuell ist Minsky deshalb wieder, da er bereits 1986 in seinem Buch „Stabilizing an Unstable Economy“ erklärte, wie eine Wirtschaft in eine Finanzkrise schlittern kann. Minsky ist gleichzeitig auch Beispiel dafür, dass die Wirtschaftswissenschaften nicht „blind“ für mögliche Katastrophen waren. Es war der öffentlichen Diskurs, in dem kritische Modelle keinen Platz fanden und deshalb in Bibliotheken verstaubten. So wurde das vor über 20 Jahren formulierte „Minsky-Moment“ – in dem Banken zunächst bereitwillig Kredite vergeben, viele Schuldner aber das System später zum Kollaps bringen – erst heute populär. Das Werkzeug zum Erkennen der Krise war da. Es wurde nur nicht angefasst. Ein

Foto: Univer sität wien

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„Wirtschaft ist nichts für Ökonomen“ Verena Ahne

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er österreichische Finanzwissenschaftler Stefan Thurner befasst sich mit komplexen Systemen, unter anderem als externer Professor am Santa Fe Institute, New Mexico, einem der renommiertesten Think Tanks der USA.

Falter HEUREKA: Herr Thurner, sehen Sie als Finanzökonom eine neue Krise? Stephan Thurner: Die Gefahr ist sehr hoch.

Die Finanzmärkte sind wieder, wo sie vor der Krise waren. Es werden spekulative Investitionen mit geborgtem Geld gemacht, als wäre nie etwas geschehen.

Müsste mehr reguliert werden? Thurner: Vor allem anders. Leider ist die Po-

litik schlecht beraten von einer Armee von Ökonomen, die man sich sparen könnte. Die handeln auf gut Glück, wie es ein Santa-Fe-Kollege vor Kurzem in Nature formuliert hat. Zum Beispiel die Bankenrettung: Die Regierungen dachten, sie müssen das machen, aus Angst, das System könnte sonst kollabieren. Aber der Wahnsinn ist, dass niemand weiß, wie es ausgeht, weder mit noch ohne Hilfspakete. Kein Mensch weiß, was systemisches Risiko ist. Aber Wirtschaft und Finanzmärkte laufen doch langsam wieder besser? Thurner: Auf den ersten Blick – eine typi-

sche Eigenschaft komplexer Systeme.

Komplexer Systeme? Thurner: Systeme, die sich nur durch die

Wechselwirkungen ihrer Teile verstehen lassen, nie durch die Teile selbst – in die sie von den reduktionistischen Wissenschaften der letzten 300 Jahre immer zerlegt wurden. Auch die Ökonomie hat das probiert. Nur: Komplexe Systeme ändern ihre Randbedingungen dauernd. Es findet Co-Evolution statt, was heißt, von den Details der Gegenwart hängt ab, was in der Zukunft passiert. Wichtig sind auch Netzwerkaspekte: Wer hat mit wem wie viel Interaktion? Das ist natürlich irrsinnig kompliziert, kein Mensch kann das überschauen. Erst mit dem Computer wird es rechenbar.

Fotos: K atrin Bruder

Foto: Univer sität wien

Wir waren bei der Wirtschafts­lage … Thurner: Und damit bei noch einer Eigen-

schaft. Komplexe Systeme sind oft robust, wie wir sagen, halten lange viel aus, ohne sich groß zu verändern: Fehler von Akteuren oder Institutionen. Kriminelle Aktivitäten. Selbst massive Eingriffe wie Bankenrettungen. Das geht bis zu einem bestimmten, kritischen Punkt. Aber – und das ist entscheidend – eine einzige Intervention darüber hinaus, ein unvorhergesehenes Ereignis, und der Effekt der „Stabilisierungsmaßnahme“ kann sich ins Gegenteil verkehren! Das geht von einem Augenblick zum nächsten, ist nicht mehr kontrollierbar: Das System wird instabiler, als es unreguliert je gewesen wäre, und crasht. Ich meine wirklich: crasht. Da haben wir dann weltweit Kirgistan. Die Situation im Moment ist gefährlich. Durch die immensen Garantien, die das Geld ja binden, ha-

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ben die Staaten Handlungsspielraum verloren. Wenn jetzt noch etwas Größeres passiert – vielleicht schon Griechenland –, kann es zu viel sein. Und wenn Staaten ihre Kernaufgaben nicht mehr wahrnehmen können, Dinge wie Pensionen und Arbeitslosenprogramme; wenn Krankenhäuser nicht mehr funktionieren und niemand mehr ein Gehalt kriegt, drehen die Leute durch. Dann drohen Aufstände.

Stephan Thurner, Finanzökonom, über kommende Krisen und einen möglichen Schutz vor ihnen

Sie könnten es besser? Thurner: Niemand weiß, wo genau der kri-

tische Punkt liegt. Aber man kann Randbedingungen so verändern, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Crash sinkt – um Potenzen. Wir, damit meine ich die Komplexitätsforschung weltweit, hätten das Rüstzeug dazu, Veränderungen in Modellen durchzutesten. Wir haben in Wien und Santa Fe beispielsweise ein Finanzmarktmodell entwickelt, das einen kritischen Punkt für die Stabilität von Finanzmärkten klar benennt.

Was müsste als Nächstes passieren? Thurner: Der Leverage gehört aufgezeich-

net, eventuell sogar publik gemacht: wer wo wie hoch verschuldet ist und was mit dem Geld geschieht. Das ginge sofort, ohne großen Aufwand – wie es seit Jahrzehnten gegangen wäre, die Daten sind im Prinzip in den Nationalbanken vorhanden. Dann erschrickt man vielleicht einmal fürchterlich, aber weiß wenigstens, was los ist. Um eingreifen zu können, müssen Gesetze geändert werden; in unserer neoliberalen Welt ist das schwer möglich. Wir stellen uns eine Art globales Thermometer vor: In jeder relevanten Finanzinstitution wird der Leverage gemessen, und wenn es irgendwo zu heiß wird, wird die Kreditvergabe heruntergefahren. Drittens braucht es ein Gremium, das entscheidet: Wann sagen wir, dass der Leverage runter muss? Ein Kredit ist ja an sich etwas Tolles, damit kann man Sachen machen, die ohne Kredit nicht möglich wären. Man soll es nur nicht übertreiben. Das war jetzt die Quintessenz (lacht).

Welcher wäre? Thurner: Der Leverage, also der Grad der

Fremdfinanzierung von spekulativen Investments. Solche Kredite sind in der Finanzwelt massiv in Verwendung. Man konnte mit einem Dollar Eigenkapital problemlos sieben Dollar Kredit bekommen, um mit Aktien zu spekulieren, das ist ein Leverage von sieben. Investmentbanken waren „geleveraged“ mit 30, Fremdwährungsspekulationen mit 100. Das heißt, jeder Mensch, der bei einem e-trader 10.000 Dollar deponiert, kann für eine Million Dollar mit Fremdwährungen spielen! In unserem Modell steigt die Kollapswahrscheinlichkeit ab einem Leverage von zehn um Potenzen. Je höher der Leverage, umso größer die Crash-Gefahr. Viel, viel größer.

Wie hoch ist der ideale Leverage? Thurner: Es gibt kein optimales Maß. Ohne

Leverage wird die Wirtschaftsleistung gehemmt, mit hohem Leverage boomt und „bubbled“ sie – kann aber genauso schnell wieder abstürzen. Die Gesellschaft muss einen Konsens finden, ob sie es langsam will, auf Sicherheit, oder schnell. Das ist dann Hochschaubahn. Stabil ist das System bei einem Wert deutlich unter fünf.

Wie wird so etwas berechnet? Thurner: Wir arbeiten hier mit agentenba-

sierten Modellen („agent based models“): einem Nachbau der Welt mit dem Computer. Der ist ja ein Game-Changer: erlaubt Dinge, die vor ein paar Jahren noch als unmöglich galten. Das Mühsamste ist, sinnvolle Agenten zu kreieren und die Art ihrer Verbindungen zueinander festzulegen, ihre Netzwerke. Agenten sind die Akteurinnen und Akteure im jeweiligen System mit ihren typischen Eigenschaften: Banken, die Geld verleihen. Investmentfirmen, die Profit optimieren und Risiko minimieren. Es kann Jahre dauern, die Details zu verstehen. Ums Verstehen führt allerdings nichts herum. Wesentlich für ein qualitätvolles Modell ist, Parameter zu verwenden, die man messen kann. Nicht solche wie die Nutzenfunktion der klassischen Ökonomie. Niemand weiß, wie Nutzen gemessen wird. In Gramm? In Euro? In Zuneigung? Vielleicht ist das ein nettes Bild. Wissenschaftlich ist es absurd. Treffen Sie nicht genauso willkürliche Annahmen? Thurner: Die werden überprüft. Mit Simu-

lationen über Tausende Zeiteinheiten hinweg generieren wir künstliche Strukturen, die es in der Wirklichkeit auch gibt, wie Preisentwicklungen oder typische Volatilitätsmuster. Tauchen diese Eigenschaften auf, ist das Modell o.k. Und das kann dann zum Beispiel zeigen, wie ein stabiles Netzwerk aussehen soll und durch welche Maßnahmen es sich dahin entwickelt. Daraus kann intelligente Regulation entstehen – eine, die sich selbst steuert –, nicht durch direkte Interventionen mit unbekanntem Ausgang. Über Netzwerk-Umkonfiguration kann reguliert werden!

„Wir hätten das Rüstzeug dazu, Veränderungen in Modellen durchzutesten“

Stefan Thurner, theoretischer Physiker und Finanzökonom, Professor am neu gegründeten Institut für Wissenschaft Komplexer Systeme an der MedUni Wien

Da würden wohl viele schreien. Thurner: Da schreien viele laut. Zum Bei-

spiel die Finanzindustrie. Der bringen die Tageskredite ja gute Zinsen für Geld, das sonst in der Bank rumliegt. Glauben Sie trotzdem, dass Sie mit Ihren Ideen Chancen haben? Thurner: Im Moment denken viele darüber

nach, wie der Finanzmarkt in Zukunft aussehen könnte, Institutionen wie die OECD, für die wir gerade eine Studie machen. Es wird sich viel ändern. Was wir sagen: Es ist wichtig, auf diesem Weg weiterzugehen, statt noch immer den so klar falsifizierten ökonomischen Dogmen zu folgen. Die haben ausgedient. Wirtschaft ist nichts für Ökonomen, sie ist ein komplexes System. Nur wer das berücksichtigt, kann sinnvolle Modelle entwickeln.

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Put-Option auf die Gesellschaft V

or anderthalb Jahren stand das weltweite Finanzsystem knapp vor der Kernschmelze. Auf den Finanzmärkten herrschte nackte Angst, und die Banken waren nicht mehr bereit, sich gegenseitig Geld zu leihen. Damals war ich überzeugt: Wenn wir diese Krise einigermaßen heil überstehen, dann bleibt danach auf den Finanzmärkten kein Stein auf dem anderen. Aus den Erfahrungen der Krise wird man gemeinsam an den offensichtlichen Schwachpunkten des Systems ansetzen. Ähnlich wie im Zuge der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre wird man vernünftige Reformen durchsetzen, wie etwa den sehr klugen Glass-Steagall Act. Dies wird für einige Jahrzehnte eine solide Basis für ein robustes Finanzsystem bilden. So hoffte ich jedenfalls. Ich habe mich getäuscht. Aufgrund massiven Rückhalts von Seiten der Regierungen konnte die Kernschmelze zwar vorerst abgewendet werden. Aber mit verblüffender Geschwindigkeit ist das Finanzsystem wieder zu „business as usual“ zurückgekehrt, während die Realwirtschaft noch eine schmerzliche Zeit vor sich hat. Besonders obszön sind vor diesem Hintergrund die Boni und sonstigen Vergütungen an die Manager im Finanzbereich. Nach einer Delle im Jahr 2008 sprudeln diese wieder kräftig, ganz so, als wäre nichts gewesen.

Das Kerngeschäft der Banken Welche strukturellen Ursachen stecken hinter diesen Entwicklungen? Aus mathematischer Sicht möchte ich auf zwei Aspekte hinweisen: das Prinzip der beschränkten Haftung sowie die „Put-Option der Banken auf die Gesellschaft“. Beginnen wir mit dem zweiten Punkt: Das Kerngeschäft der Banken ist die Fristentransformation von kurzfristig veranlagten Einlagen in langfristige Kredite, eine Aufgabe von grundlegender ökonomischer Bedeutung. Daraus folgt zwingend, dass Banken, die dieses Geschäft betreiben, ständig der Gefahr eines Runs auf ihre Einlagen ausgesetzt sind, die auch kerngesunde Institute ins Wanken bringen können. Aufgrund schmerzlicher Erfahrungen ist dieses Faktum seit Jahrhunderten bekannt, und die Staaten haben darauf reagiert: einerseits durch die Entwicklung von staatlichen Aufsichtssystemen und andererseits durch die Schaffung von expliziten oder impliziten Garantien durch immer größere Haftungsverbünde, hinter

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denen letztlich der Staat steht. Die österreichische Einlagensicherung von Sparguthaben ist ein Beispiel für ein grundvernünftiges System. Es war klug, am Höhepunkt der Krise diese staatlichen Haftungen deutlich auszuweiten. Neben der Sicherung der kleinen Sparer gibt es aber auch den Aspekt, dass Bankenpleiten enorme Flurschäden anrichten. Man hört immer wieder: Banken, die in Schwierigkeiten geraten sind, sollen eben in Konkurs gehen. Wie ja andere Unternehmen auch! So einfach ist die Sache leider nicht. Die Geschichte hat uns wiederholt gelehrt, dass eine solche Politik verheerende Folgen haben kann. Ich denke, dass es keine brauchbare Alternative zur weltweiten Krisenfeuerwehr gegeben hat, um die Kernschmelze zu verhindern. Wie auch immer man im Detail das weltweite Krisenmanagement 2008/09 beurteilt: Bei der nächsten Krise wird es wieder so sein, dass im Ernstfall, wenn es wirklich hart auf hart geht, die Staaten für die Banken einspringen müssen.

Put-Option on the Society Diese Erkenntnis ist selbstverständlich nicht neu, und insbesondere die Banker wissen seit Langem: Sie verfügen implizit über eine Versicherung, für die letztlich die gesamte Gesellschaft geradestehen muss. Auf Neudeutsch nennt man so etwas eine „Put-Option on the Society“, ein Begriff, den mein französischer Kollege Ivar Ekeland geprägt hat. Die rationale Reaktion der Banken auf diese Situation ist die eines jeden Versicherungsnehmers: Man versucht, die Prämie für die Versicherung möglichst niedrig zu halten und den Versicherungsschutz auszuweiten. Das Pendant zu den „Prämien“ in diesem Vergleich mit einem Versicherungsvertrag sind wohl die Steuern, die die Banken an den Fiskus abführen. Hier ist es den Banken tatsächlich gelungen, ihre Steuerleistungen weltweit deutlich zu senken. Bei der „Ausweitung des Versicherungsschutzes“ waren sie aber vielleicht noch erfolgreicher. Es ist eben sehr verlockend, die implizite Versicherung, die für das Kerngeschäft der Banken unbedingt notwendig ist, auch auf andere Bereiche auszudehnen, die mit noch höherem Risiko verbunden sind. Aus gutem Grund hatte in den USA der Glass-Steagall Act aus dem Jahr 1932 die strikte Trennung zwischen Geschäftsbanken und Investmentbanken vorgeschrieben. Auf enormen Druck der Banken hin wurde dies 1999 – interessanterweise

Das Prinzip der beschränkten Haftung und die Gewissheit, im Ernstfall gerettet zu werden, hat Banker hohe Risken eingehen lassen – und zwar ohne Risiko (für sie!)

Das System der Bonuszahlungen führt zu höherer Risikobereitschaft

Walter Schachermayer, Finanzmathematiker an der mathematischen Fakultät der Uni Wien; Mitglied der deutschen nationalen Akademie Leopoldina. 1998 erhielt er als erster österreichischer Mathematiker den Wittgensteinpreis. 2009 bekam er von der European Research Commission einen Advanced Grant, der ihm die Finanzierung einer Forschungsgruppe für fünf Jahre ermöglicht

von der Clinton-Administration – wieder rückgängig gemacht.

Prinzip der beschränkten Haftung Kommen wir nun zum Prinzip der beschränkten Haftung. Beim Kauf der Aktie eines Unternehmens erhalte ich das Recht, an dessen Gewinnen zu partizipieren. Meine Partizipation an den Verlusten ist aber nach unten hin beschränkt: Im schlimmsten Fall verliere ich das eingesetzte Kapital. Aber niemand wird Nachschusszahlungen von mir verlangen. In mathematischer Sprache wird dies als „nichtlineare Auszahlungsfunktion“ bezeichnet. Bei Derivaten – wie Optionen und deren zahlreichen Varianten – lässt sich dieses Prinzip weiter verfeinern. Diese Instrumente ermöglichen komplexe Wetten, das heißt Verträge mit komplizierten „nichtlinearen Auszahlungsfunktionen“. Und nun geht die Sache noch um eine Stufe weiter: Die Leute, die mit diesen Instrumenten handeln, bekommen wiederum in nichtlinearer Weise einen Anteil an den resultierenden Gewinnen in Form von Boni, Stock Options etc. Die Trader und Bankmanager partizipieren an den von ihnen produzierten Gewinnen, die Verluste aber gehen zu Lasten der Banken. Selbstverständlich führt das System der Bonuszahlungen zu höherer Risikobereitschaft. Das ist die rationale Reaktion eines Entscheidungsträgers, der an den Gewinnen, nicht aber an den Verlusten partizipiert. Schauen wir uns diese Boni etwas näher an: Die Statistiken des Office of the State Comptroller in New York zeigen, dass die Bonuszahlungen an der Wall Street bis 1990 deutlich unter drei Milliarden USDollar pro Jahr lagen. Bis 2006 hat sich diese Summe auf 33 Milliarden mehr als verzehnfacht. Nach einer Delle im Jahr 2008 sind wir 2009 wieder bei über 20 Milliarden angelangt. Tendenz steigend. Das übliche Argument zur Rechtfertigung dieser Beträge lautet, dass dies hochqualifizierte, hart arbeitende Leute sind, die für ihre Institute ein Vielfaches ihrer Einkommen erwirtschaften. Solche Leute haben eben einen hohen Marktwert. Im Übrigen: Aus makroökonomischer Sicht sind diese Beträge, die individuell hoch erscheinen mögen, jedenfalls Peanuts, wenn man sie in Relation zu den insgesamt bewegten Summen setzt.

Sind Bonus-Zahlungen Peanuts? Ich halte diese Argumente nicht für stichhaltig. Um mit dem letzten zu beginnen:

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Wer macht die nächste krise? Auch aus makroökonomischer Sicht sind diese Beträge keineswegs eine „quantité négligeable“. Im Jahr 2006 machte dieser Betrag – die in New York versteuerten Boni ohne Berücksichtigung von Stock Options etc. – immerhin die Höhe von über zwei Promille des BIP der USA aus. Diese Summe haben die Manager der Banken unter sich verteilt. Die enorme Höhe einzelner Bonuszahlungen spricht dem Gerechtigkeitsempfinden, das die Spezies Homo sapiens in ihrer Evolution entwickelt hat, offensichtlich Hohn. Sie beschleunigt auch das Auseinanderdriften von Arm und Reich in unserer Gesellschaft. Selbst wenn wir moralische Bewertungen beiseitelassen: Diese zunehmende Ungleichheit destabilisiert unsere Gesellschaft. Die hohen Boni widersprechen aber auch der Logik der Marktwirtschaft. Selbst unter der Annahme, dass die Trader und Manager tatsächlich in nachhaltiger Weise hohe Gewinne für ihre Unternehmen erwirtschaften, rechtfertigt dies nicht eine exorbitant hohe Remuneration. Damit ein Gut oder eine Dienstleistung in der Marktwirtschaft einen hohen Preis erzielt, muss es nicht nur für den Käufer nützlich, sondern es muss darüber hinaus ein rares Gut sein. Ein Beispiel mag das veranschaulichen: Für einen Landarzt kann sein Auto von essenzieller Bedeutung bei der Ausübung seines Berufs sein, und der Nutzen, den er aus seinem Auto zieht, einem Vielfachen des Marktpreises des Autos entsprechen. Trotzdem kauft dieser Arzt das Auto zum selben Preis wie jeder andere, da Autos eben kein rares Gut sind. Oder, noch extremer, das klassische Beispiel aus den Ökonomielehrbüchern: Die Atemluft ist für uns essenziell

Die hohen Boni widersprechen der Logik der Marktwirtschaft

„Fat Cats“ nennen die Amerikaner überdurchschnittlich verdienende Personen. Muss die Gesellschaft ihre Fat Cats durchfüttern?

und wir könnten keine vier Minuten ohne sie überleben. Trotzdem bekommen wir sie zum Preis null, da sie eben nicht rar ist (und ich hoffe, das bleibt auch so!). Bei den Entscheidungsträgern im Finanzbereich trifft man nach meiner Erfahrung häufig auf intelligente, hart arbeitende Leute, die meist sympathische und geistreiche Menschen sind. Wenn sie ihre Sache gut machen, verdienen sie ohne Zweifel eine sehr ordentliche Bezahlung. Aber die Spezies von hochqualifizierten, hart arbeitenden Leuten im Finanzbereich ist keineswegs so rar, dass dies – aus rein marktwirtschaftlicher Sicht – Remunerationen in grotesker und unappetitlicher Höhe rechtfertigen würde. Nein, hier ist etwas anderes passiert. Eine Kaste von Managern hat es geschafft, ein nettes Scheibchen des BIP unter ihre Kontrolle zu bringen, ohne dabei auf starke Gegenwehr zu stoßen. Das vollzieht sich in einem zweistufigen Prozess: Erstens ist es den Banken gelungen, die „Put-Option auf die Gesellschaft“, die dem Grunde nach durchaus gerechtfertigt ist, maximal auszuweiten. Das hat entsprechende Gewinnpotenziale eröffnet. Zweitens haben es die Top-Manager innerhalb der Unternehmen geschafft, diesmal mangels Gegenwehr der Share- und anderer Stakeholder, sich einen guten Teil dieser Unternehmensgewinne zu sichern. Das mag damit zusammenhängen, dass in den Aufsichtsräten, die über die Boni der TopManager entscheiden, zu einem guten Teil wiederum Top-Manager sitzen, die über ähnliche Bonus-Regelungen verfügen. Es ist nachvollziehbar, dass eine Gruppe, die sich eine so privilegierte Position erkämpft hat, diese mit Zähnen und Klauen

verteidigt und auch entsprechende Rechtfertigungsideologien entwickelt. Weniger klar ist, warum sie auf so wenig Gegenwehr stößt.

Was verbessert werden kann Es ist ja ziemlich offensichtlich, wie die Interessenslage der Allgemeinheit aussieht. Es gibt auch zahlreiche gut begründete und wohlbekannte Vorschläge, was zu tun ist. Da wäre einmal die Wiedereinführung der Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken. Auch die Investmentbanken erfüllen wichtige ökonomische Funktionen. Nach meiner Meinung können zum Beispiel die viel gescholtenen Leerverkäufe von Aktien – entgegen einer weit verbreiteten Ansicht – durchaus ökonomisch positiv wirken. Nämlich um spekulative Blasen einzudämmen. Allerdings sollen die Investmentbanken die notwendige Kapitalunterlegung ihrer Geschäfte völlig unabhängig vom Bereich der Geschäftsbanken aufbringen. Die Praxis der vergangenen Jahre spricht eine andere Sprache. So hatte etwa die sächsische Landesbank am Höhepunkt der Krise das Zehnfache ihres Eigenkapitals an Garantien für ausgelagerte „Conduits“ und „Structured Investment Vehicles“ übernommen. Die Ziffer zehn erinnert auch an ein Beispiel aus Österreich: Das Bundesland Kärnten hat für die Hypo Alpe Adria Garantien in zehnfacher Höhe der jährlichen Budgeteinnahmen übernommen. Ein weiterer Punkt, wo die Interessen der Allgemeinheit denen der Banker zuwiderlaufen, sind die Banken, die „too big to fail“ sind, mit anderen Worten, deren Anspruch auf die „Put-Option auf die Gesellschaft“ absolut und zwingend wird. Joseph Stiglitz analysiert die Situation in seinem neuen Buch glasklar: „Es gibt eine offensichtliche Lösung zu den Too-big-tofail-Banken: Teilt sie in kleinere Einheiten auf! Wenn sie zu groß sind, um bankrott zu gehen, sind sie auch zu groß, zu existieren. Die einzige Begründung, diese Rieseninstitute weitermachen zu lassen, wäre, dass sie aufgrund ihrer Größe wesentlich effizienter als kleinere Einheiten arbeiten. Ich habe keine Anhaltspunkte für diese Annahme. Eher scheint es, dass diese Too-bigto-fail-Institute auch zu groß für ein effizientes Management sind. Ihr Marktvorteil gründet sich auf ihre Monopol-Macht und die impliziten Staatshilfen.“

Was zu tun ist

Foto: istockphoto/Andreea Manciu

Es mangelt nicht an intelligenten Analysen des Systems und sehr konkreten Vorschlägen, wie das Interesse der Allgemeinheit an einem robusten und effizienten Finanzsystem besser vertreten werden kann. Der springende Punkt ist die Durchsetzung. Das Ergebnis dieses weltweit gespielten Matches, Interessen der Allgemeinheit versus Interessen der Banker, wird die Stabilität unseres Wirtschaftssystems wesentlich beeinflussen. Hier steht sehr viel auf dem Spiel. Wenn es der Allgemeinheit nicht gelingt, resolut ihre Interessen durchzusetzen, sind nicht nur unsere ökonomische Zukunft, sondern letztlich auch unsere demokratischen Werte in Gefahr.

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Wer macht die nächste krise?

Reich ist, wer sozial ist emily walton

Alle reden von der Krise und vom Sparen, besonders im Sozialbereich. Dabei gibt es den Social Return on Investment

kommt eine Kennzahl heraus, zum Beispiel 3,4: Jeder Euro, der in dieses Projekt investiert wird, bringt einen Rückfluss im Wert von 3,4 Euro. Soziale Projekte sind damit nicht nur gut gemeinte Kostenfresser. Sie stiften echten Mehrwert. Denn der Staat spart bei Sebastian F. nicht nur Arbeitslosengeld, Mobilitäts- und Wohnförderung: Sebastian F. wird auch sozial integriert. Er bewegt sich mehr, trinkt weniger Alkohol, sogar die ärztliche Behandlung seiner Depressionen kann sich der Staat bald sparen. Später wird Sebastian F. besser verdienen, Steuern an den Staat zahlen und mehr konsumieren. Vielleicht tritt er auch einem gemeinnützigen Verein bei oder leistet ehrenamtliche Dienste. Social Return on Investment ist die Idee des sozialen Profits. Profit, davon will man mehr hören, muss der

Foto: k arin wasner

Social Return on Investment: Es ist ökonomisch sinnvoller, arme Menschen zu unterstützen

Staat doch mit seinen Mitteln sparsam sein. Soll das knappe Geld wirklich in soziale Projekte investiert werden, die kaum oder keinen ökonomischen Profit machen? „Wir haben in unserer Gesellschaft eine eingeschränkte Vorstellung von Profit. Soziale Unternehmen werden oft nur als gemeinnützige Spendenempfänger gesehen. Der Gedanke, dass sie sozioökonomische Wer-

te generieren, ist vielen fremd“, sagt Sozialforscher Rainer Loidl, der als einer der Ersten im deutschsprachigen Raum Studien zum SROI durchführte. In Österreich ist das SROI-Konzept wenig verbreitet. Die angloamerikanischen Länder geben eine andere Richtung vor. Die britische Vodafone-Stiftung setzt etwa das SROI-Instrument jedes Mal ein, bevor sie Fördergelder vergibt. „Der Grundstein für SROI wurde in Amerika gelegt, in den frühen 90ern vom Roberts Enterprise Development Fund“, sagt Loidl. Die englische New Economics Foundation (nef) führt den SROI-Gedanken noch einen Schritt weiter und fokussiert auf den sozialen Mehrwert, den der Einzelne für die Gesellschaft bringt. Die Briten untersuchten sechs Berufsgruppen. Das Ergebnis: Kinderbetreuer oder auch Reinigungskräfte in einem Spital schaffen pro eingenommenen Euro soziale Rückflüsse von zehn Euro. Ein Banker vernichtet sozialen Wert. Ein Grund, künftig dem Kindergärtner mehr als dem Banker zu bezahlen? „Das Social-Return-on-Investment-Modell könnte helfen, extreme Gehaltsunterschiede einzudämmen“, sagt Bruno Gangel, Gehaltsexperte von C2X Human Strategy. „Wür-

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ebastian F. hat keinen Job. Er lebt vom Staat. Bis er in einer Integrationswerkstätte zu arbeiten beginnt. Auf diesem „zweiten Arbeitsmarkt“ restauriert er zusammen mit anderen Arbeitslosen Möbel. Sofas, Tische, Schaukelstühle. Die öffentliche Hand fördert das Projekt, spart sich dafür aber die Sozialleistungen an Sebastian F. Er verdient nun sein eigenes Geld, ist sinnvoll beschäftigt. Zudem landen die alten Möbel nicht auf der Müllkippe. Das schont die Umwelt und indirekt wieder den Staatshaushalt. „Soziale Projekte haben eine ganze Bandbreite an Wirkungen“, sagt Reinhard Millner von der Abteilung für NonprofitManagement an der Wirtschaftsuniversität Wien. Einer seiner Schwerpunkte: Social Return on Investment (SROI). Jenes Konzept, das den ökonomischen Wert eines sozialen Projekts um den Faktor „gesellschaftlicher Nutzen“ ergänzt. SROI-Modelle untersuchen dabei zwei Wirkungsfelder: die Kosten, die durch ein soziales Projekt eingespart werden, und den Mehrwert, den es für die Gesellschaft bringt. Ökonomische und soziale Faktoren werden dabei berechnet, einander gegenübergestellt und zu einem gemischten Unternehmenswert kombiniert. Am Ende


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Wissenschaftspolitik den wir aber tatsächlich nach dem sozialen Mehrwert entlohnen, würde sich das ökonomische System an die Wand fahren.“ Die schwierige Umsetzung der SROI-Konzepte ist es auch, die die Wissenschaftler selbst Kritik ausüben lässt. „Welche Faktoren lassen sich schon genau messen?“, fragt Wirtschaftswissenschaftler Millner. Wäre der Langzeitarbeitslose Sebastian F. kriminell geworden, wäre er nicht im Sozialprojekt aufgenommen worden? Häufig kann man nur Annahmen treffen. Proxies, Ersatzwerte, wie etwa die Kriminalitätsstatistik, werden herangezogen, die die Ergebnisse schwammig machen. „Zudem ist zu überlegen, wo man die Grenzen zieht“, sagt Millner. Die Rechnung ließe sich schließlich immer fortführen: Was ist, wenn Sebastian F. Kinder zeugt und eine Haushaltskraft beschäftigt? Damit schafft er Arbeitsplätze und sichert das Pensionssystem … Doch nicht einmal mit festgelegten Grenzen wäre die Vergleichbarkeit gesichert. Millner: „Beim Langzeitarbeitslosenprojekt sind die Auswirkungen leichter zu erkennen als etwa bei einer Organisation, die sich für internationale Friedensprozesse einsetzt.“

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Foto: k arin wasner

Irgendwann soll es standardisierte Mo-

delle geben, sagen die Wissenschaftler. Noch ist die Forschung nicht so weit. „Aber auch dann wird es nicht das Ziel sein, Modelle flächendeckend über alle Organisationen zu legen“, sagt Millner. SROI-Modelle sollen viel eher Instrumente der Analyse sein und ein Verständnis dafür schaffen, wie soziale Initiativen funktionieren. Es geht nicht ums Durchrationalisieren, sondern um Bewusstsein: „Soziales Unternehmertum ist leider noch ein Randthema. Auch in der Privatwirtschaft“, sagt Millner. Auch hier wäre eine soziale Investitionsrechnung anwendbar. Unternehmen könnten ihre CorporateSocial-Responsibility-Aktivitäten prüfen: Was bringen nachhaltige Produkte oder die Beteiligung an einem Hilfsprojekt? Wichtig ist dabei, dass soziale Wirkung und Nachhaltigkeit im Vordergrund stehen, nicht der geldwerte Erfolg – und auch nicht ein bloßer Wert wie 3,4 oder 4,1 oder 10,9. „Sonst hat man wieder ein System der konkurrierenden Profitzahlen“, sagt Sozialforscher Loidl. Mittelkürzungen für wichtige Nischenprojekte wären die Folge. Auch Georg Kraft-Kinz, Obmann vom Verein „Wirtschaft für Integration“ und Vorstandsdirektor der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, lehnt eine reine kennzahlorientierte Beurteilung ab. „Man muss vom Mehrwert des sozialen Engagements auch persönlich überzeugt sein.“

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Forschungszentrum

Kommentar

Ist das IST die Zukunft?

Brief aus Brüssel

Ale x andr a Aurelia Neme th

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as Institute of Science and Technology IST Austria in Klosterneuburg hatte einen schweren Start. Zu Beginn sprangen die Initiatoren des Projektes, der Experimentalphysiker Anton Zeilinger, der Physiker Arnold Schmidt und der Chemiker Peter Schuster, ab. Wegen „einer vorschnellen Entscheidung zugunsten einer suboptimalen Lösung“, hieß es vor vier Jahren. Hat sich diese „suboptimale Lösung“ mittlerweile bewährt? Renée Schroeder, Molekularbiologin an der Uni Wien, spricht von „einer provinziellen politischen Fehlentscheidung, was den Standort anbelangt. Es ist zwar nachteilig in der Attraktivität, dies sollte aber den Erfolg nicht verhindern.“ Thomas Henzinger, Präsident des IST Austria, blickt optimistisch in die Zukunft: „Wir verfolgen das Ziel, bis zum Jahr 2016 zu einem erstklassigen Forschungszentrum zu werden, das ein internationales, hochmodernes Umfeld für etwa 500 Wissenschaftler bietet.“ Erste Erfolge seien bereits nach einem knappen Jahr sichtbar: So bestellte das IST elf Professoren. Für das Doktoratskolleg haben sich hundert Jungforscher aus 26 Nationen beworben. „Forschungsgebiete sind Naturwissenschaften wie Mathematik, Physik, Chemie, Informatik und Life Sci-

ences“, so Henzinger weiter. Der Präsident des Wissenschaftsfonds FWF Christoph Kratky meint dazu: „Die Leuchtturm-Funktion des IST für das bestehende Universitätssystem kann von Nutzen sein.“ Er habe sowohl persönlich als auch in seiner Funktion als FWF-Präsident die Gründung und Ziele des Instituts stets begrüßt. Das IST Austria als „Elite-Uni“ zu bezeichnen, wie es immer wieder vorkommt, erklärt Renée Schroeder für verfehlt. „Es ist keine Elite-Uni, denn es ist gar keine Universität. Es ist ein Forschungszentrum, das Doktorate vergeben kann.“ Elite-Uni sei ein populistisches Wort mit wenig Inhalt, so die Wissenschaftlerin weiter. Laut IST-Präsident Henzinger gibt es am IST die einmalige Chance, Assistenzprofessuren wie im angloamerikanischen Raum zu erwerben. Junge Wissenschaftler profitieren von unabhängigen Stellen mit eigenen Forschungsgruppen. „Damit haben Forscher in ihren produktivsten Jahren die Freiheit, ihre Ziele zu verwirklichen.“ Finanziert wird das Projekt durch die Regierung mit 500 Millionen Euro. Die Rechtsgrundlage bildet ein eigenes, 2006 im Parlament mit großer Mehrheit beschlossenes Gesetz. 500 Angestellte zählt das Institut. Das Zentralgebäude umfasst 9000 Quadratmeter und beherbergt u. a. Räume für die Forschungsgruppen theoretischer Disziplinen. Noch in diesem Jahr soll das „Bertalanffy Foundation Building“ eröffnet werden. Finanziert wird das neue Gebäude durch die Invicta Privatstiftung mit zehn Millionen Euro. Barry Dickson, Wissenschaftlicher Leiter des Forschungsinstituts für Molekulare Pathologie IMP in Wien und Wittgenstein-Preisträger 2005, bringt die Diskussion um das IST auf den Punkt: Auf die Frage, wer nun dieses neue Forschungszentrum wirklich brauche, gibt er kurz und trocken zur Antwort: „Österreich.“

Das IST in Klosterneuburg

Christian Bre t ter

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uch in Zukunft wird die Union ein Gebilde aus Zahlen sein. Die einzelnen Mitglieder werden sich am europäischen Hof in Bruxelles gegenseitig weiterhin ihre Zahlen vorlegen und die werden so fesch frisiert sein wie die – in sauberen Sonntagsanzügen gekleideten – Eurobeamten. Einzig, ob dies die Deutschen auch so handhaben, da bin ich mir nicht ganz sicher. Wenn irgendjemand in Europa die Vernunft über den Schein stellt, so könnten dies die Deutschen sein. Daher kommen die auch ganz schön ins Schwitzen. Wenn sie bis jetzt ehrlich waren, so sind sie jetzt die Deppen. Es wird gespart. Daher wird ja auch alles wieder gut. Nur wird sich das leider irgendwann als Irrtum erweisen, wenn man für eine positive Weiterentwicklung der Union ist. Die Zahlenvernunft allein dürfte nämlich für den Fortbestand zu wenig sein. Es wird gespart. Spanien, das aktuell den EU-Vorsitz innehat, verzichtet auf große Selbstinszenierung. Üblicherweise lädt jedes Vorsitzland die Attachés aller anderen Unionsmitgliedsländer großzügig ein. Auch Spanien macht dies, aber gedrittelt. Die Spanier haben gemeinsam mit Belgien und Ungarn, den beiden kommenden Ratsvorsitzländern, eingeladen. Das feine Diner wurde gegen ein Buffet mit Pappbechern getauscht. Der Ort des Zusammenseins war ein für Ratsvorsitzeinladungen unüblicher – ein Künstleratelier. Der 104 Jahre alte Künstler Marcel Hastir lebt im Parterre, das darüberliegende Atelier benutzt er nicht mehr, es wird für Veranstaltungen vermietet. Das Atelier liegt, für die Sparmaßnahme paradox passend, in der Rue Commerce im europäischen Verwaltungsviertel unweit des Verbandes der chemischen Industrie und der American Chamber of Commerce. Dieses Atelier, das während des Nationalsozialismus vertriebene Juden beherbergte, bildet metaphorisch eine Zelle in der Straße des Kommerzes. Es symbolisiert die Unvernunft. Sie fehlt in den Versuchen, den angeschlagenen Karren EU weiterzufahren. Kunst agiert mit der anderen Vernunft, der Unvernunft. Eine Union, einzig gestützt auf dem Versuch, vernünftig zu sein, ist für die Menschen nicht spannend. Vernunft allein ist nicht sexy genug. Und wer glaubt, Geld sei eine vernünftige Sache, der hat die Gegenwart verschlafen.

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Gedicht Jaan Kaplinski, geboren 1941 in Tartu, Estland, lebt ebendort. Lyriker, Essayist, Übersetzer. Von 1992–1995 Mitglied des estnischen Parlaments, ab 2004 Stadtrat in Tartu, zahlreiche Gastprofessuren. Autor von vierzehn Gedichtbänden und zahlreichen Essays. Mehrfach für den Literatur-Nobelpreis nominiert.

J aan K a p l i n s k i

Was am Ende bleibt

Ein weiterer Tag

Das Leben in der Nachwelt

Ein weiterer Tag / Ein weiterer Einbruch der Nacht / Gleitet / Auf der schimmernden Oberfläche / Zwischen schwarz und blau Fledermäuse / Knüpfen / Unsichtbare Knoten / Rund um alte Pappeln Alles / Wendet sich / Zur anderen Seite / Zum anderen Moment / Genauso leer / Und sprachlos wie der / Der schon vergangen ist Noch so viele Träume / Per capita / Rechenschaft nicht / Abgelegt / In der Aktion / Verloren / Zwischen diesem Ufer / Und einem andern / Sonnenaufgang Ein Brunnen / So tief / Trotzdem nah / An der Oberfläche / Erwachst / Du / Jede Nacht / Mit nassen / Sauberen / Und kalten / Händen Wenn du in Tränen / Erwachst / Dann wegen / Einer Frau / Einem Kind / Einem Rotkehlchennest / In einer alten / Verfallenen Steinmauer Pass auf / Leb wohl / Mein Lieb / Mein Kind / Hier ist es / So dunkel / Unter den Bäumen / Unter diesem Schatten / Von Herbst / Der in der Luft / Wohlgerüche / Windgeborene / Zeichen / Von der anderen Küste / Eines anderen Zeitalters / Herträgt Spinngewebe / Traumgewebe / Der Herbst / Hat von Osten nach Westen / Von Ecke zu Ecke / Von Ahorn zu Nessel / Etwas gewoben / Das manchmal / Wie Silber / Glimmt Hier / Kann ich nur atmen / Tief / Unter Wasser / Den erwachenden Geist / Kann ich nur / Unbewusst denken / Ohne Wörter / Sprachen / Bilder / Spinnweben (…)

Aus dem Englischen von E r i c h K le i n

A d o l f H o ll

Rätsel von Gaja 1

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Waagrecht: 1 Reicher Onkel (aus Amerika) Lösungswort: 6 Etappensieg beim Monopoly: große Nachfrage trifft auf kleines Angebot 7 Gesinnung im Kielwasser von Wirtschaftskapitän Neo 10 Eine Form von 1 Begreifen 2 3 4 5 6 7 11 Wortwiederholung im Mikro(!)Kosmos des Soundcheckers 12 Solch Bewegung ist mit Gummi zu genießen 14 Komplette Spinnerei 16 Wer den treibt, treibt’s zu weit 18 Macht Hennen zu Legenden 19 Zeitigt bei Umweltschützern Auto-Aggressionen (Abk.) 21 Für dessen Kundschaft macht die Hautfarbe einen Unterschied 22 Nanny für Bettlägrige 23 Die Young-Oldies stehen immer noch unter Strom 24 Faktisches Fundieren

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Senkrecht: 1 Unterrichtseinheit für Schein-Bares? 2 Treffendes Adjektiv für europäische Gipfeltreffen 3 Gesellschaftlich betrachtet knapp überm Mezzanin? (Abk.) 4 Finanztempelhohepriester 5 Für russische Casino-Kapitalisten ein existentielles Vabanque-Spiel? 8 „… the Rich“ à la Peter Richardson 9 Points of no return, gewissermaßen – bei ATP & WTA oft in den Sand gesetzt 13 „Geplagte Rätselgemeinde (w/m) sucht Begriff, der hier persifliert wird“ 15 Handwerken mit räumlicher (!) Vorstellungskraft? 17 Handelsbrauch diesseits der Toleranzgrenze 20 Wenn virtuell bewirtet, auf Zerstörung programmiert 23 Diese Wertung kurbelt die Exportwirtschaft an

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Auflösung aus Falter HEUREKA 1/2010. Waagrecht: 1 EMPHASE, 6 MAGISTRA, 8 MYR, 9 BLAHA, 10 FACE, 11 GAY, 13 JUERGENS, 15 ERSTE, 16 GENDER, 18 TAT, 19 ANSETZEN, 23 AGORA, 24 GLOBEN. Senkrecht: 1 EMO, 2 MARIA GUGGING, 3 HIMBEEREN, 4 ASYL, 5 STRAFGESETZ, 7 ANALYSE, 10 FIJI, 12 ANTRAEGE, 17 HAAR, 20 SOG, 21 ERL, 22 TAO. Lösungswort: ICH HABS

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Ich bekam kürzlich eine Dissertation in die Hand, in der es um Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ geht. Aus Höflichkeit und um meinen Alltag zu erheitern, habe ich das durchgeblättert – ich kann nicht umhin, derartige Unternehmungen, die ganze Jahrtausende im Handumdrehen auf den Begriff bringen wollen, zu belächeln. Vielleicht ist das eine Alterserscheinung – für mich ist es jedenfalls komisch. Das abgelaufene Jahrhundert, das ich zum Teil erlebt habe, bietet jedenfalls keinen Grund zur Heiterkeit. Zum Glück war es, wie Eric Hobsbawm meinte, das kürzeste Jahrhundert und dauerte nur – samt den bekannten Ergebnissen – von 1914 bis 1989. Was mich als Schriftsteller daran interessiert, ist der Umstand, dass die sogenannten großen Erzählungen ausgedient haben und wir heute auf der Bühne wie Clowns stehen, denen die Witze ausgegangen sind. Das Publikum wird unruhig. Wie sollen wir jetzt über uns reden? Früher sprach man von „Altertum“, „Mittelalter“, „Neuzeit“, dann wurde alles schneller, wir sagten „Moderne“, schließlich „Postmoderne“. Was machen wir in den nächsten fünfzig Jahren? Wir könnten zur Abwechslung einmal sagen, wir leben in einer alternden Welt. Das ist eine Anknüpfung an den Heiligen Augustinus – die hatten damals so ein Gefühl. Das ganze Im9 10 perium war mit dem Christentum auf den Kopf gestellt worden – das Weltalter erschien als greisenhaft. Gerade in der gegenwärtigen Debatte um die sogenannte Krise fällt mir ein Begriff aus Jacob Burckhardts „Kultur der Renaissance“ ein, der von einer besten und einer sinkenden Zeit sprach. Spenglers Ausdruck „Untergang“ gefällt mir nicht, das ist viel zu pathetisch, und überdies ist sein Blick viel zu adlerartig – er fährt über alles hinweg, er weiß immer alles. „Sinkende Zeit“ gefällt mir viel besser, weil es deutlich macht, dass dieses Weltsystem Abnutzungserscheinungen hat. Ich meine damit nicht, dass der höchst robuste Kapitalismus in seinen letzten Zügen liegt – für einen Historiker wäre eine solche Sichtweise lachhaft –, der Kapitalismus ist nach wie vor sehr lebhaft unterwegs! Was vielmehr zutrifft, ist der Umstand, dass das Gefühl der Fortschrittlichkeit weltweit im Verblassen begriffen ist. Im Vergleich zu früheren Zeiten leben wir heute möglicherweise schon in einer Nachwelt. Das Adolf Holl Brevier, Hg. Walter Famler, Residenz Verlag, St. Pölten, Salzburg, 2010, 217 Seiten

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WAS WÜRDEN SIE GERNE WISSEN UND ERFORSCHEN >

Ist der nächste Einstein eine Alberta?

Vielleicht auch eine Laura oder Julia oder Karin. Je früher Mädchen an Naturwissenschaften oder Technik herangeführt werden, umso höher ist die Chance, dass sie sich später für ein Studienfach in diesen Bereichen begeistern. Damit die weiblichen Talente für den heimischen Forschungsstandort nicht verloren gehen, müssen Begabungen entdeckt und gefördert werden. Das macht das Wissenschaftsministerium mit Programmen wie „Sparkling Science“, den „Kinderunis“ oder „fforte“. Mehr dazu auf www.bmwf.gv.at.

Wissen schafft > Chancengleichheit. BM Dr. Beatrix Karl

Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung


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