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fEinE rEisEführEr E n t d Ec kungsr Ei sE n z u dEn sch ö n stEn kult url an dsch af tEn ö stErrEic h s .

Thomas Hofmann

Othmar Pruckner

Das Weinviertel

Das Waldviertel

und das Marchfeld Natur, Kultur, Ausflüge, Wanderungen, Radtouren und kulinarische Ziele zwischen Manhartsberg und March, von der Thaya bis zur Donau. 432 Seiten, € 29,90

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Othmar Pruckner

Von den Weinstraßen des Schilcherlandes und der Südsteiermark über die Thermenregion der Oststeiermark bis Graz.

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FA LT E R V E R L A G Die besten seiten Österreichs


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Inhalt

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Fettstoffwechselstörungen Und was Rudolf Zechner dabei erforscht Alter Gesangsstil wiederentdeckt Was künstlerische Forschung leisten kann Vögel sind keine Machos Vogelmännchen und Brutpflege 2015: Das Jahr der Forschung Aktionen zur Wissenschaftskommunikation

8 11 12 16

Wildnis in Zahlen Der Countdown zum Thema Wildtiere in der Großstadt Sie schätzen die Ruhe und die Nahrungsangebote Wildnis. Chance für Europa? Geschichte und Bedeutung des Begriffs „Wildnis“ Europas gefährlichste Wildnis Ist Tschernobyl Tierparadies oder Hölle?

18 20 22 23

Freund oder gefährlicher Schädling? Der Borkenkäfer im Fichtenwald Italiens alter Buchenwald Über die Konflikte in einem Nationalpark Wildnis in Europa: Das Glossar Einige Begriffe über das Wilde der Welt Gedicht, HEUREKA-Rätsel, Kommentar Glamour in der Politik

Gastkommentar

Editorial

Klimawandel 2015: die Entscheidung R ei n hard M ech l er

Fotos: Tone fink (Ausschnit t), Privat

as Jahr 2015 ist für den Klimawandel entscheidend. Ende des D Jahres finden in Paris zum 21. Mal

Klimaverhandlungen statt. Von denen erhoffen sich viele ein verbindliches Klimaabkommen zur Begrenzung der globalen Erderwärmung auf maximal zwei Grad. Was sagt die Klimawandelforschung dazu? Der 16. ­Österreichische Klimatag, jährlich organisiert vom Climate Change Centre Austria CCCA, einem Zusammenschluss vieler Forschungseinrichtungen, lieferte kürzlich klare Aussagen. Die Tagung an der Wirtschaftsuniversität Wien zeigte in einer Vielzahl an Vorträgen und Postern deutlich, dass Klimawandel schon heute stattfindet und seine Risiken im Steigen begriffen sind. Karl ­Steininger von der Uni Graz legte Ergebnisse des COIN Projekts dar. Dabei ermittelte ein Konsortium österreichischer Forschungseinrichtungen die jährlichen Kosten durch den Klimawandel in Österreich: rund 2,5 Milliarden 2030 und fünf Milliarden 2050. Viele Effekte sind darin noch nicht inbegriffen. Wird die mögliche Veränderung durch Extremereignisse berücksichtigt, können sich die Kosten um den Faktor vier erhöhen. Anpassung an den Klimawandel ist notwendig und möglich und kann auf Synergien wie mit dem Management von Naturkatastrophen aufbauen. Jedoch werden bei starkem Klimawandel die Grenzen der Anpassung erreicht. Vermehrt wird daher diskutiert, ob „Climate Engineering“ als dritte Option der Klimapolitik (nach Treibhausgasminderung und Anpassung an die Auswirkungen) taugt. Wie der Eröffnungsvortrag von ­Daniel Barben von der Uni Klagenfurt zeigt, erscheinen die Risiken von Großversuchen wie der massiven Einbringung von Rußpartikeln in die Atmosphäre zur Erzeugung

e­ ines künstliches Kühleffekts wie nach Vulkan­ausbrüchen, jedoch als unabwägbares Spiel mit dem Feuer. Letztendlich verbleibt keine wirkliche Alternative zur globalen Energie­ wende: also eine Transformation der fossilen zur erneuerbaren Energiebasis. Diese Energiewende erscheint auch im globalen Maßstab möglich. Sie ist aber abhängig von technischen und sozialen Innovationen sowie politischem Willen. Die Klimaforschung hierzulande hat die Saat ausgebracht, zuletzt im Österreichischen

Sachstandsbericht Klimawandel 2014. Nun bleibt zu hoffen, dass nationale und internationale Klimapolitik die entsprechenden nächsten Schritte setzen.

Finkenschlag Handgreifliches von Tone Fink

Reinhard Mechler forscht zu Risiken durch Klimawandel und Naturkatastrophen an der WU Wien, Uni Graz und IIASA in Laxenburg

www.tonefink.at

C hris t ia n Z i l l n er

Bereit für die Wildnis? Wohl eher nicht. Sie entspricht so gar nicht unseren Vorstellungen einer „unberührten“ Natur. In der Wildnis herrschen die Gesetze des Stärkeren. Wer zu schwach ist, geht jämmerlich zugrunde. Wollen wir das im Fernsehen oder auf Youtube sehen? Die Niederländer jedenfalls nicht. Nach Fernsehberichten von verendenden Tieren in ihrem Wildnisgebiet Oostvaardersplassen kam es zu Protesten. Eine Kommission internationaler Experten wurde eingesetzt. Die sah sich das an und meinte: Wildnis ist wild, da gehen Tiere ein. Passt. Den Niederländern passte das freilich überhaupt nicht. Sie forderten Maßnahmen für die Wildtiere. Sie sollten vor der Brutalität der Wildnis besser geschützt werden. Wer jetzt über die zart besaiteten Tulpentätschler lacht, sollte sich einmal fragen, ob er zusehen möchte, wie ein Reh in einem zugefrorenen Fluss elendiglich zu Tode kommt. Ja – ist dein Ding? Willkommen in der Wildnis! Da ist das Leben „solitary, poor, nasty, brutish, and short“, wie uns der Brite David Hume erklärt. Nur wenige von uns schätzen das. Nachsatz: Im Countdown der letzten Ausgabe sind einigen Zahlen erhebliche Nullen abhanden gekommen. Wir bitten um Entschuldigung. In der OnlineVersion ist aber alles korrekt.

Impressum Falter 22a/15 Herausgeber: Armin Thurnher Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Redaktion: Christian Zillner Fotoredaktion: Karin Wasner Produktion/Grafik: Reini Hackl Korrektur: Martina Paul Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar.

HEUREKA ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit


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Aus Wissenschaft und Forschung Kopf im Bild Fettstoff­wechsel­ störungen Für seine bahnbrechende Forschung zur Regulierung des Fettstoffwechsels erhielt Rudolf Zechner vom Institut für Molekulare Biowissenschaften der Universität Graz am 22. April den hochdotierten Louis-Jeantet-Preis für Medizin. „In Anbetracht der zuletzt oft zitierten Champions League freue ich mich sehr über diesen Beweis, dass in Österreich auch außerhalb von Wien sichtbar geforscht wird“, sagt er und hofft auf einen Anstoß für die heimische Politik, Grundlagenforschung besser zu fördern. „Unserem Labor ermöglicht der Preis die Beschäftigung junger Wissenschafter und weitere wichtige Entdeckungen auf diesem Forschungsgebiet.“ Seit vielen Jahren erforscht der Grazer Biochemiker, ÖAWMitglied und Wittgensteinpreisträger den Zusammenhang von Fettstoffwechselstörungen und Herz- sowie Zivilisationskrankheiten wie auch der hochgradigen Auszehrung von Krebspatienten. Zechner hat das Enzym ATGL (Adipose Triglyzerid Lipase) entdeckt, das eine zentrale Aufgabe beim Fettabbau spielt, und ein ATGL-regulierendes Protein identifiziert. Damit könnten sich neue Behandlungswege eröffnen. T e x t : uschi s o rz F o t o : M arija - M . K a n i ž aj

U schi S o rz

iesen drei DoktorandInnen der Universität Wien lieferten ihre D Forschungsreisen wertvollen Input für ihre Dissertation.

Lea Müller-Funk, 29, Orientalistik

„Durch den Irak-Krieg wurde mir klar, wie wenig ich über diese Region wusste“, erklärt Lea Müller-Funk. Nach Politikwissenschafts- und Arabistikstudium dissertiert sie nun im Rahmen einer Cotutelle in Wien und Paris über transnationale politische Praktiken in den revolutionären Umbrüchen in Ägypten 2011 bis 2013. Dazu führte sie lange Interviews. „In Paris lernte ich unterschiedlichste Menschen kennen und war überrascht, wie offen viele

über sich, ihren Weg nach Europa und ihre politische Einstellung berichteten.“ Sie sprach u. a. mit jungen Kopten, Muslimbrüdern, säkularen Feministinnen und Bootsflüchtlingen, die sich in prekären Arbeitsverhältnissen durchschlagen. Ihr Fokus liegt auf gesellschaftlichen und sozialen Prozessen. „Es geht mir nicht um Einverständnis, sondern um Verständnis.“ Sanna Plieschnegger, 27, Religionswissenschaften

Ihre frühen Interessen wie Religionen, Kulturen, Geschichte und Sprachen sah Sanna Plieschnegger im Studium der Vergleichenden Religionswissenschaften vereint. „Mein Schwerpunkt wurden Islamwissenschaften und Arabisch“, erzählt

die junge Kärntnerin. Sie engagiert sich für den Austausch der Kulturen im Verein www.ceurabics.com. Für ihre Dissertation analysiert sie den Diskurs über „Fatwas“ in deutschsprachigen und ägyptischen Medien. Dafür sammelte sie auf einer sechswöchigen Ägyptenreise Artikel über den Islamkritiker Hamed Abdel-Samad. „Da ich mit dem journalistischen Umfeld bei uns vertraut bin, war es mir wichtig, das entsprechende Material in Ägypten zu sichten und vor allem auch mit Experten des islamischen Rechts vor Ort zu sprechen.“ Thomas Völker, 32, Wissenschafts- und Technikforschung

Wie beeinflussen Wissenschaft und Technik unser Leben und Denken?

Diese Frage brachte den Soziologen Thomas Völker nach einigen Jahren Berufstätigkeit ans Institut für Wissenschafts- und Technikforschung zu und zur Mitarbeit am Projekt „Transdisziplinarität als Wissenskultur und Praxis“. Dieses untersuchte Kooperationen von Wissenschaftern mit außerwissenschaftlichen Akteuren. Völkers Dissertation konzentrierte sich dabei auf die Produktion und Verwendung von Zukunftswissen. Jüngst konnte er sie nach einem Aufenthalt an der RWTH Aachen abschließen. „Dort konnte ich meine Arbeit mit Leuten aus unterschiedlichen Forschungsfeldern diskutieren“, so Völker, der sich nun nach einer spannenden Postdoc-Stelle umschaut. „Das war sehr hilfreich.“

F o t o s : s t e ff i d i e t r i c h , p r i v a t

JungforscherInnen


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Aus Wissenschaft und Forschung Mathematik

Medizin

Clustertheorie, Geometrie und Musik: Inspirierende mathematische Systeme

Voce faringea — ein wieder entdeckter Gesangsstil

Bachelor, bäh!

Was Künstlerische Forschung leisten kann, zeigt die Dissertation des Tenors Alexander Mayr

ürzlich wurden 2.000 UnternehK men vom Deutschen ­Industrieund Handelkammertag (DIHK) be-

Uschi Sorz

Uschi Sorz

it ihrer Antrittsvorlesung hat Karin Baur, Professorin für M Algebra und Zahlentheorie an der

A

Universität Graz, eine Zusammenarbeit zwischen Mathematikern und Musikern ins Rollen gebracht. Das große Forschungsthema der Schweizerin ist die Clustertheorie und ihre Verbindung zur Darstellungstheorie von Algebren sowie zur kombinatorischen Geometrie. Dabei übersetzt sie abstrakte mathematische Inhalte in die Darstellung von Flächen als

F o to s: pr i vat, M Ay r

„Komplexe algebraische Sachverhalte an geometrischen Aussagen festmachen.“ Karin Baur, Universität Graz

Netz von Dreiecken. Das nennt man Triangulierungen. „Das Schöne daran ist, dass man komplexe algebraische Sachverhalte einfach an geometrischen Aussagen festmachen kann“, freut sich die Wissenschafterin. „Auch lassen sich die algebraischen Eigenschaften sehr anschaulich über jene der Vielecke erklären.“ Baurs Ausführungen darüber mündeten in der Diskussion mit einer Musikerin über die Möglichkeiten, auf dieser Grundlage zu komponieren. So fiel letzten Herbst der Startschuss für das Projekt „Mathematics and Arts: Towards a balance between artistic intuition and mathematical complexity“, in dem Systeme mit hoher künstlerischer Inspirationskraft analysiert werden. So orientiert man sich etwa an Gleichungen, die beschreiben, wie sich Fischschwärme arrangieren. „Manipuliert man das Verhalten einzelner Individuen, ergibt sich eine große, aber einigermaßen kontrollierbare Bandbreite an Ausdrucksformen“, so Baur. „Durch den interdisziplinären Dialog wollen wir zugleich die Kunst inspirieren als auch ein besseres Verständnis komplexer mathematischer Strukturen gewinnen.“ Neben dem Institut für Mathematik ist das Institut für Elektronische Musik und Akustik der Kunstuni Graz beteiligt. Selbst beherrscht Karin Baur einige Instrumente, überlässt das aktive Musizieren aber ihren vier Kindern.

ls der französische Tenor ­Gilbert Louis Duprez 1837 als Arnold in Rossinis „Guillaume Tell“ an der Pariser Oper sein hohes C sang, löste er damit zunächst Entsetzen aus. Rossini selbst war wenig glücklich über Duprez’s Spitzentöne und verglich sein hohes C mit dem Schrei eines Kapauns, dem man die Kehle durchtrenne. Dieser für damalige Zeiten ungewöhnliche Gesangsstil mit lauten, dramatischen Tönen sollte sich aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Operngesang gegenüber der vormals fein nuancierten Vokalkunst der „Tenori di grazia“ durchsetzen, erzählt der Tenor Alexander Mayr, Absolvent der Künstlerischen Doktoratsschule in Graz. Ziel seiner artistic research war es, die künstlerische und wissenschaftliche Rekonstruktion jener längst vergessenen Gesangsart, seinerzeit auch „voce faringea“ genannt, neu zu entdecken. Seine Forschungserkenntnisse konnte Mayr schließlich mit seiner Interpretation der exponierten Partie des Arkenholz in Aribert Reimanns Oper „Die Gespenstersonate“ an der Frankfurter Oper eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Freistetters Freibrief

„Wenn ein Tenor sich die vergessene Technik der „voce faringea“ durch Quellenstudien und Experimentieren mit der eigenen Stimme aneignet, wird er das gesamte Gesangsrepertoire der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts völlig anders singen und interpretieren, als es bisher üblich war“, ergänzt der Leiter der Künstlerischen Doktoratsschule, Ulf Bäst­lein. Das „Das Gesangsrepertoire der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts anders interpretieren.“ Ulf Bästlein, Künstlerische Doktoratsschule Graz

werde dann auch Rückwirkungen auf die gesamte Aufführungspraxis haben. Es habe immer wieder Musiker gegeben, die über ihr eigenes künstlerisches Tun reflektierten, wie etwa Harnoncourt, Fischer-Dieskau, Brendel u.a, um sich weiter zu entwickeln. In Graz bietet man seit 2009 Musikern einen akademischen Ort, an dem sie ihre artistic research mit Unterstützung von verschiedenen Experten und im Dialog mit anderen künstlerisch Forschenden betreiben können.

Der Tenor Alexander Mayr hat einen vergessenen Gesangsstil wiederentdeckt

Florian Freistetter

fragt. 47 Prozent von ihnen gaben an, mit den bei ihnen arbeitenden Bachelor-Absolventen zufrieden zu sein. 2011 lag der Wert noch bei 63 Prozent. Vor allem die persönliche und soziale Kompetenz wurden kritisiert. Wieviel Lebens- und Berufserfahrung kann jemand sammeln, der ein Bachelorstudium absolviert hat, bei dem die Regelstudienzeit meistens nur bei sechs Semestern liegt? Einen akademischen Abschluss inklusive Praxiserfahrung und sozialer Kompetenz bekommt man eben nicht in drei Jahren – das sollte auch der Wirtschaft klar sein. Außerdem sollte eine Universität wohl mehr sein, als ein Ausbildungsbetrieb, der möglichst schnell neue Mitarbeiter für die Wirtschaft produziert. Hochschulen sind immer noch wissenschaftliche Einrichtungen, bei denen die wissenschaftliche Ausbildung und wissenschaftliche Arbeit an erster Stelle stehen sollten. Natürlich ist es nicht zielführend, die Universität als „Elfenbeinturm“ zu führen. Genauso wenig aber sollten sich die Ziele eines Studiums an den Wünschen der Wirtschaft orientieren. In Deutschland hat der Präsident der DIHK nun gefordert, die Zahl der Studienplätze zu verknappen, um das Problem der (für die Unternehmen) arbeitsuntauglichen Absolventen zu lösen. Abgesehen davon, dass es ein klein wenig selbstgefällig ist, wenn die Wirtschaft solche Konsequenzen von den Hochschulen fordert, stellt sich auch die Frage: Brauchen die Unternehmen überhaupt so viele Mitarbeiter mit akademischem Abschluss? Was nutzt ein akademischer Grad wie der Bachelor überhaupt? Wer in der Wissenschaft arbeiten will, wird sowieso einen Master- bzw. Doktorgrad erwerben. Und für den Arbeitsmarkt ist der Bachelor offensichtlich auch keine ausreichende Qualifikation. Statt jungen Menschen schon nach wenigen Semestern einen „akademischen“ Grad aufzudrängen, der einen „Abschluss“ der Ausbildung nahelegt, sollte man sie in Ruhe Lebensund Berufserfahrung sammeln lassen! Davon profitieren nicht nur die Absolventen selbst, sondern auch die Unternehmen, die so wesentlich kompetentere Mitarbeiter bekommen. Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/astrodicticum-simple


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heureka

Aus Wissenschaft und Forschung Zoologie

Medizin

Brief aus Brüssel

Vögel sind keine Machos

Allergien stehen im Mittelpunkt des Interesses und sind weiterhin auf dem Vormarsch

Emily Walton

Uschi Sorz

N

ur mit bunten Federn protzen, aber das Brüten den Weibchen überlassen? Von wegen! ­Clemens Küpper von der Universität Graz hat Vogelmännchen von ihrem Macho-Image rehabilitiert: „Der australische Rotkopfregenpfeifer kümmert sich fürsorglich um seinen Nachwuchs“, stellt der Universitätsassistent für Biodiversität und Evolution klar. „Auch bei vielen anderen Vögeln gibt es eine elterliche Arbeitsteilung beim Brüten.“ Die Regenpfeifermännchen leisten ihren Anteil vorwiegend nachts. „Warum das so ist, war bis jetzt unklar“, so Küpper. Auf Einladung des Forschers Mike Weston arbeitete er an einer Studie der Deakin University in Melbourne zum Brutverhalten dieses Vogels mit. Er ist Co-­ Autor der jüngst im renommierten Fachmagazin Proceedings of the Royal Society B publizierten Ergebnisse. „Nestkamera-Aufnahmen zeigten uns, dass die Weibchen nur tagsüber brüten und die Männchen nur nachts“, erzählt Kasun Bandara Ekanayake, ein australischer Doktorand, mit dem Küpper eng zusammenarbeitete. Wobei die Koordination des Schichtwechsels den aus Sri Lanka gebürtigen Ökologen enorm beeindruckte. „Dieser war präzise wie ein Uhrwerk auf die Dämmerung abgestimmt.“ Aufgrund der roten Kappe der Männchen stellten die Wissenschafter die Hypothese auf, dass das an der Bedrohung der Nester durch die Gesellschaftskrähe liege. „Um das zu testen,

stellten wir männlich und weiblich gefärbte Modelle neben Nester mit Wachteleiern und kontrollierten deren Überleben“, so Ekanayake. „Die Nester neben den auffälligen Männchen überlebten tagsüber viel schlechter als die neben den Weibchen, während es nachts keinen Unterschied gab.“ Ein Nachweis der Hypothese des großen Evolutionsbiologen Alfred Wallace, dass sich schlichte Weibchenfärbung für die Brut auszahle. „Er war der Ansicht, dass Fressfeinde die Nester von augenfälligen Weibchen schnell vernichten würden“, ergänzt Küpper. Allerdings gebe es noch andere Unterscheidungsmerk„Bei vielen Vögeln gibt es eine elterliche Arbeitsteilung beim Brüten. Doch warum?“ Clemens Küpper, Universität Graz

male zwischen den Geschlechtern als die Farbe, und nicht alle Arten würden Teamwork betreiben. Zudem würden einige Fressfeinde auch ihren Geruchssinn nutzen. „Es braucht ein System wie den Rotkopfregenpfeifer, um die Idee von Wallace zu überprüfen“, so Küpper. „Unsere Studie ist der erste experimentelle Beweis dafür, dass es nur die Färbung ist.“ Der heimische Seeregenpfeifer, der am Neusiedler See brütet, verhält sich übrigens ähnlich.

Farblich unauffällige Weibchen während des Tages, bunte Männchen in der Nacht.

Dieter Hönig

und jeder vierte Mensch in J ede Österreich, darunter viele junge,

leidet an einer Allergie, Tendenz steigend. Allergien zählen zu den sogenannten Autoimmunerkrankungen. Normalerweise kann das Abwehrsystem zwischen körpereigenen und körperfremden unterscheiden. Bei einer Allergie bekämpft das körpereigene Immunsystem nicht nur schädliche Krankheitserreger, sondern richtet seine Abwehrkräfte auch gegen an sich völlig harmlose „Feinde“ wie bestimmte Nahrungsmittelbestandteile, Hausstaub, Metalle oder Blütenpollen. „Aufgrund des oft diffusen Krankheitsbildes werden Allergien häufig nicht richtig oder zeitgerecht diagnostiziert. Auch Blutlabor und Allergieaustestung reichen mitunter nicht aus, um die ganze Tragweite des gestörten Immunsystems zu diagnostizieren“, weiß der Internist und klinische Immunologe ­Peter Peichl. Gezielte Organuntersuchungen und eine genaue Hinterfragung sind „Pollen im verkehrsreichen Stadtzentrum wirken eben anders als im tiefen Wald.“ Peter Peichl, Immunologe

unerlässlich, um die volle Dynamik der Krankheit zu erkennen. Denn Auto­immunstörungen können sich zu lebensbedrohlichen Erkrankungen entwickeln. „Ich muss ganz einfach alles wissen, auch die vermeintlich geringfügigsten Beschwerden, die ein Patient irgendwann einmal gehabt hat“, erklärt Peichl Warum das Problem gerade in westlichen Industrienationen zunimmt, wird derzeit in Expertenkreisen heftig diskutiert. Eine häufig geäußerte Hypothese besagt, dass besonders hygienische Lebensverhältnisse die Entstehung von Allergien fördern, wogegen Menschen, die in der Umgebung harmloser Keime aufwachsen (z.B. auf Bauernhöfen), von Kind auf eine gezielte Immunabwehr entwickeln. „Pollen im verkehrsreichen Stadtzentrum wirken eben anders als im tiefen Wald“, so Peichl.

schriften entfalten darf? Sagen Sie das in Brüssel bloß nicht zu laut, bevor es die Eurokraten noch mit der Angst zu tun bekommen! Klischee und Kalauer beiseite: Bürokratie und Wildwuchs sind im EU-Viertel derzeit tatsächlich ein Thema, über das es sich ernsthaft zu reden lohnt. (Und zwar ganz abseits der Frage, ob „die in Brüssel“ jetzt eigentlich von der Regulierungswut befallen sind oder nicht.) Denn wie selbst „erwünschte“ Bürokratie – beispielsweise die gewissenhafte Prüfung wichtiger Themen durch das Parlament – schnell ungeheuerliche Dimensionen annehmen kann, lässt sich aktuell bei zwei großen Brocken ganz gut beobachten: den Verhandlungen zum TTIP-Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA und dem mehrere hundert Milliarden schweren Investmentfonds, den die Kommission vorgeschlagen hat. Beides sind breite Querschnittsmaterien, die sich im Parlament nicht ausschließlich einem einzigen Ausschuss zuordnen ließen. Also gibt es federführende Ausschüsse – und einige andere, die ebenfalls ihre Positionen abstimmen und Inputs liefern. So kamen dann jüngst, summa summarum, bei TTIP allein für einen Zwischenbericht Stellungnahmen von 14 Ausschüssen für den Handelsausschuss zusammen, dazu 898 Änderungsanträge; zu Jean-Claude Junckers Investitionspaket waren es sogar rund 2.000 Änderungsanträge, die eingebracht wurden. Da geht es, wohlgemerkt, erst einmal nur um die Position des Parlaments, bevor es dann in die „echten“ Verhandlungen geht. Mit der Kommission, mit den 28 Mitgliedsstaaten – und bei TTIP natürlich auch noch mit der US-Administration. Ist es inhaltlich wirklich notwendig, dass sich 15 Ausschüsse mit einem Thema befassen und hunderte, tausende Änderungsvorschläge machen? Oder ist solch ein breiter Ansatz vor allem notwendig, um den internen Parlamentsfrieden nicht zu gefährden, um dafür zu sorgen, dass sich kein Ausschuss, kein Abgeordneter übergangen fühlt? In jedem Fall bekommt man in solchen Fällen ein Gefühl dafür, warum die Dinge in Brüssel oft so lange dauern, bis sie fertig sind. Andererseits: 28 nationale Investitionspakete? Vermutlich nicht einmal ansatzweise so wirksam wie ein europäisches. Und wie lange es wohl dauern würde, mit den USA 28 kleine TTIPs statt eines großen zu verhandeln, will man sich erst gar nicht vorstellen.

F o t o s : M i k e W e s t o n , P r i v a t , EK H - W i e n / P . Sp i o l a

Regenpfeifermännchen beteiligen sich zuverlässig an der Brutpflege – aus gutem Grund allerdings nur nachts

ildwuchs in Brüssel. Ein W unkontrolliertes, unreguliertes Stück Natur, das sich ganz ohne Vor-


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Aus Wissenschaft und Forschung Wissenschaftskommunikation

2015 ist das Jahr der Forschung in Österreich Das „Jahr der Forschung“ soll die Relevanz von Wissenschaft und Forschung für unseren Alltag sichtbar werden lassen Werner Sturmberger

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issen Sie“, sagt Martha ­Brinek, Leiterin der Abteilung für Wissenschaftskommunikation im BMWFW, „‚Jahr der Forschung‘ klingt lapidar. Doch die Bedeutung von Forschung und Wissenschaft ist einer breiten Gesellschaft noch nicht bewusst. Daher glauben wir an solche Initiativen.“

breiten Öffentlichkeit unerlässlich. Um ihn in Gang zu bringen, braucht es verständliche Informationen, die einerseits Interesse für die Belange von Wissenschaft und Forschung wecken und Einblicke in die Praxis gewähren. Auf der Homepage der Initiative jahrderforschung.at finden sich zahlreiche Videos von und Interviews mit WissenschafterInnen unterschiedlichster Disziplinen, die ihre Forschungsgebiete und deren Relevanz vorstellen und aus ihrem Alltag berichten.

Foto: BMWF/Petr a Spiol a

Wissenschaft für die Bevölkerung Ziel sei es, die Leistungen des Wissenschaftsstandortes und Forschungslandes Österreich sichtbar zu machen. Wie eine Studie des BMWFW aus dem Vorjahr zeigt, misst ein Großteil der Bevölkerung der Wissenschaft und Forschung eine hohe Bedeutung für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung des Landes bei. Gleichzeitig ist die Sprache der Wissenschaften nicht immer für Laien, oft auch nicht für WissenschafterInnen außerhalb des eigenen Fachbereichs verständlich. Um ein Klima der Akzeptanz und des Vertrauens zu schaffen, ist der Dialog zwischen den Scientific Communities und der

biLdUng & soZiaLes

Österreich sucht die Zukunftsidee „Die Bedeutung von Forschung und Wissenschaft ist einer breiten Gesellschaft noch nicht bewusst. Daher glauben wir an solche Initiativen.“ Martha Brinek, Wissenschaftsministerium

gesUndheit & natUrWissenschaften

Es gehe aber auch darum, so Brinek, den Nutzen, den die Bevölkerung aus Wissenschaft und Forschung zieht, zu veranschaulichen. So werde deren Relevanz greifbar. Dazu muss man einen Bogen von der Grundlagenforschung über die angewandte Forschung bis zum fertigen Produkt spannen. Versucht wird dies in den mehr als 200 Veranstaltungen, die seit Beginn des Jahres quer durch ganz Österreich stattfinden. Darunter finden sich Diskussionsrunden und

internationaLes & Wirtschaft

Vorträge zu unterschiedlichsten Themen – von Familienplanung bis Bionik – genauso wie Tage der offenen Tür in Forschungseinrichtungen und Universitäten. „Das Herzstück, aus Sicht der breiten Öffentlichkeit, ist sicherlich die Initiative ‚Österreich sucht die Zukunftsidee‘“, sagt Brinek. Noch bis Ende September ­können in vier Kategorien (Kinder, Jugendliche, Hobby-ForscherInnen und ­Scientific Community) und fünf Themengebieten (Technik & Mobilität, Gesundheit & Ernährung, Lifestyle & Sport, Umwelt & Energie, Gesellschaft & Ethik) Vorschläge zu einem innovativen Produkt oder einfach nur einer zukunftsträchtigen Idee eingereicht werden. Eine zehnköpfige Jury aus WissenschafterInnen und Wirtschaftstreibenden bewertet die Vorschläge anhand von Innovationsgrad, Originalität, Kreativität und Verständlichkeit. Die besten Einreichungen werden bei der Abschlussveranstaltung in der Wiener Aula der Wissenschaften vorgestellt und prämiert.

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Titel 8

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Wildnis. chance für europa?

Der Countdown zum Thema carolin gier mindl

200 000 000

Bienen bevölkern Wiens ­innere ­Bezirke. City-Imkern boomt. ­Prominente Standorte: Oper, Burgtheater, Rathaus. Die Bienendichte in ­europäischen Städten ist inzwischen höher als auf dem Land.

3 300 000

1980

war jenes Jahrzehnt, in dem in Nordamerika eine ­New-Wilderness-Bewegung entstand. Sie trat für den Schutz unberührter Natur ein. Sie gilt als Vorreiterin der europäischen Wildnis-Initiative.

1.836

Euro hat die EU für die Renaturierung der Torf- und Moorlandschaften Finnlands zur Verfügung gestellt. Im letzten Jahr wurden damit 2.448 Hektar Sumpfland wiederhergestellt.

Quadratkilometer groß ist der größte Nationalpark Mitteleuropas, der Nationalpark Hohe Tauern. Er wurde 1981 ­eröffnet, danach folgten: Kalkalpen, Gesäuse, Nockberge, Neusiedlersee, Thayatal und Donau-Auen.

750 000

1.337

Menschen sahen den Kinofilm über den Naturpark Oostvaardersplassen in den Niederlanden. Das brachliegende Land, 1972 noch als Industriestandort geplant, ist eines der wichtigsten Feuchtbiotope Europas.

125 780

Quadratkilometer Fläche gelten laut den strengen Kriterien der Weltnaturschutzunion IUCN (International Union for Conservation of Nature und Natural Resources) europaweit als Wildnis.

Wildschweine wurden in der vergangenen Jagdsaison laut Statistik Austria in Wien erlegt. Die Population der Allesfresser nimmt seit Jahren europaweit zu.

800

Regenwürmer finden sich pro Quadratkilometer gesunder ­Wiese. Die kleinen Düngerproduzenten gewinnen stetig an ­Bedeutung. Der Markt für Regenwurmerde und Kompostwurm-Sets steigt. Im niederösterreichischen Tulln gibt es einen Regenwurmbauern.

45 870

450

12 000

350

8.000

170

5.600

100

Tierarten existieren in Österreich. Mit 10.000 Pilzarten, 3.000 Blütenpflanzen, 2.000 Flechten und über 1.000 Moosen gehört das Land zu den artenreichsten Ländern Europas.

Jahre Vergangenheit: Der Rothwald in den niederösterreichischen Kalkalpen ist Österreichs größter Urwald und zählt mit 460 Hektar zu den letzten großen Urwälder Europas. Euro pro Festmeter: Die Elsbeere gehört zum teuersten Holz der Welt. Das Wildobstgehölz mag es trocken und ­profitiert vom Klimawandel. Die Nachfrage nach Setzlingen steigt.

Kilometer lang ist das Wattenmeer entlang der Nordsee­küste. Der ökologische Zustand des vogelreichsten Gebietes ­Europas, das außerdem auch UNESCO-Weltnaturerbe ist, hat sich seit dem Jahr 1990 nachweislich verbessert. Pflanzenarten in den Alpen sind endemisch. Felsen, Geröll­ felder, Seen, Moore, Bachläufe – nirgendwo in Europa existieren mehr Arten auf engerem Raum. Jahre lang gab es im Bayerischen Wald, zusammen mit dem Böhmerwald, dem größten Waldgebiet Europas, keine Wildkatzen mehr. 2015 konnte eine Wildkatze auf einem Monitor gesichtet werden.

Hektar groß ist Oostvaardersplassen, die Heimat von 1.100 Wildpferden, 3.000 Hirschen, Heckrindern, Eisvögeln und Seeadlern. Experten rechnen mit dem baldigen Zuzug des Wolfes.

Waschbären leben laut Schätzungen in der deutschen Stadt ­ Kassel. Der Ort in Hessen hat europaweit die dichteste ­Population. Die nachtaktiven Raubtiere vermehren sich rasant.

4.000

71

3.200

36

Füchse leben laut Schätzungen derzeit in Wien. Die Anzahl der Marder, Dachse, Graureiher, Feldhamster und Biber im Stadtgebiet steigt. Der Hauptgrund liegt in den reichen Futterquellen.

Prozent aller erfassten Pilzarten sind Holz- oder Rindenbewohner. Totholz beherbergt rund 1.500 Pilzarten, zahllose Bakterien, ­ lechten, Moose, Wildbienen, Wespen und 1.350 Käferarten. F

Meter über dem Meer: So hoch liegt ein Teil des Schweizer Nationalparks, der im August 1914 eröffnet wurde. Die ­ ebirgsregion im Engadin war der erste Nationalpark Mitteleuropas. G

Berufsjäger gibt es in Wien. Im Lainzer Tiergarten findet jährlich eine große Treibjagd statt. Laut einer neuen Novelle dürfen Wiens Jäger jetzt auch in privaten Gärten Wildtiere erlegen.

2020

2

2009

1

endet die Dekade der Biodiversität, die von den Vereinten Nationen ausgerufen wurde. Bedeutung und Schutz biolo­g ischer Vielfalt sollen weltweit breite Öffentlichkeit erfahren.

hat die EU eine Resolution zum Erhalt von Wildnis verabschiedet. Seitdem gilt: Keine Forstwirtschaft, keine Jagd, keine Beweidung oder akustische Störung in diesen Gebieten.

bis vier Häuser auf 40 Quadratkilometer : Island ist dünn besiedelt. Die Insel hat neben Fennoskandinavien die größten unberührten Wildnisgebiete Europas. Die größte Wildnis der Welt ist die Antarktis. Griechenland ist das blütenreichste Land Europas: 5.752 Blüten­ pflanzen und Farne und dazu 1.893 Unterarten wachsen laut ­internationaler Studie dort. So viel Flora ist einmalig in Europa.


heureka

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Wildnis. Chance für europa?

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Wilde Regulierungswut Interview: Barbara Freitag

Falter Heureka: Das Rauchverbot an öffentlichen Orten, das sich in fast ganz Europa durchgesetzt hat, war ein Anlass für die Gründung Ihrer I­ nitiative ,Adults for Adults‘. Was ist das Ziel? Robert Pfaller: Eine betuliche Politik, die erwachsene Menschen wie Kinder behandelt, richtet gegenwärtig in vielen Bereichen Schaden an: etwa in der Gesundheitspolitik, der Bildungspolitik, oder auch der Sicherheitspolitik. Vor allem aber im gesellschaftlichen Klima. Das ständige Schüren von Empfindlichkeiten macht den jeweils Anderen nur noch als Gefährdung und Belästigung erlebbar. Jegliche Solidarität wird dadurch zersetzt. Immer neue Gruppen – seien es Kranke, ­Dicke, Raucher, Alkoholtrinker, Parfümierte, oder auch nur Flirtende oder Herzliche – werden isoliert und stigmatisiert. Uns scheint es wichtig, diese verschiedenen Erscheinungsformen als zusammenhängend erkennbar zu machen. Nur so lässt sich Widerstand organisieren, um diesen Prozess der Erosion unserer Gesellschaft zu stoppen. Er verbrämt sich oft genug mit emanzipatorischen Argumenten, begünstigt aber de facto schon den Aufstieg der extremen Rechten.

Die Sehnsucht nach unberührter Natur geht Hand in Hand mit einer wachsenden Tendenz zur Kontrolle. Der Philosoph Robert Pfaller im Gespräch über das Schüren von Empfindlich­ keiten

F o t o : J e ff M a n g i o n e

o­ bsolet zu sein, dafür gibt es extrem ­spezialisierte Studienfächer. Warum? Pfaller: Man hat die Universitäten weitgehend privatisiert. Sie sollen nun gewinnbringend arbeiten und Eigeninteressen verfolgen. Das führt zu einer totalen Aufsplitterung und zu einem massiven Verlust wissenschaftlicher Standards. Die Nachteile zeichnen sich jetzt schon ab.

Interessant ist auch, wie sich das ­Studienangebot verändert hat. Die ­klassische Fächeraufteilung scheint

Mit welcher Haltung beginnen j­unge Menschen heute ihr Studium? Pfaller: Die meisten denken sich offenbar: ‚Die bittere Pille möglichst schnell schlucken, nicht nach rechts und links schauen, alle vorgeschriebenen Punkte hamstern, so schnell wie möglich fertig werden.‘ Ich kann mich jedoch noch an eine Zeit erinnern, in der Studieren etwas Aufregendes und Schönes war. Bemühen sich junge Studierende ­heute mehr um Studiensemester an ­anderen europäischen Unis? Funktioniert das heute tatsächlich besser? Pfaller: Die Studierendenmobilität, zum Beispiel im Rahmen der ERASMUS-Programme, wurde durch die Bologna-Reform zunächst massiv beschädigt. Die Zahlen gehen inzwischen nur deshalb wieder einigermaßen hinauf, weil das Programm insgesamt seit den Anfängen kontinuierlich gewachsen ist. Aber man wollte mit der Reform ja auch nicht erreichen, dass die Menschen innerhalb eines Studiums Semester im Ausland verbringen, sondern vor allem, dass sie nach einem ersten Abschluss in einem Land einen zweiten in einem anderen anstreben können. Ob das gelungen ist und ob es sinnvoll war, kann ich nicht beurteilen.

Was sollte die EU-Politik ­regulieren und was nicht? Pfaller: Sie muss die Gesellschaft vor der Schädigung durch ungeregelte Finanzmärkte schützen; vor Massenarbeitslosigkeit und Zerstörung der Umwelt. Und die Politik muss zunächst vor allem darauf achten, nicht völlig den Zugriff auf diese Probleme zu verlieren, etwa indem sie durch Abkommen wie TTIP (Anm.: Transatlantic Trade and Investment Partnership) jegliche demokratische Entscheidung und Kontrolle aushebelt. Angesichts dieser großen Herausforderungen ist es entscheidend, nicht auf unbedeutende Kleinigkeiten abzulenken und die Leute nicht mit lächerlichen Verboten, Regelungen und Warnungen zu schikanieren. Die neue Regulierungswut hat auch auf universitärer Ebene Konsequenzen. Sie ­begann mit der sogenannten Bologna-­ Reform. Deren Ziel war im Grunde ja sinnvoll: die Vergleichbarkeit von ­Studien an europäischen Universitäten und ­somit eine Erleichterung für Studierende. Warum ist das schief gegangen? Pfaller: Das Problem dieser Reform besteht darin, dass sie von Bürokraten gemacht wurde, die sich damit Einfluss verschafft haben. Die meisten von ihnen sind heute zum Beispiel als Evaluatoren oder ECTS-Punktezähler an den Universitäten angestellt. Dies ging auf Kosten von Lehrbeauftragten, die man zugleich massenhaft entlassen musste. Die beabsichtigte Angleichung der Studienabschlüsse hätte man politisch regeln müssen: Es

hätte nur einer Entscheidung bedurft. Die Bildungsminister hätten lediglich die damals bereits gegebene Gleichwertigkeit der Abschlüsse anerkennen müssen. Stattdessen hat man die Verwalter arbeiten lassen, und die ,arbeiten‘ heute noch daran. Mit dem Ergebnis, dass Studien und Abschlüsse heute sogar noch weniger vergleichbar sind als damals.

„Das ständige Schüren von Empfindlichkeiten macht den jeweils Anderen nur noch als Gefährdung und Belästigung erlebbar“ Robert Pfaller

Sie überlegen die Gründung einer „No Bullshit University“. Auf welchen Bullshit soll da verzichtet werden? Pfaller: Die entscheidenden Situationen eines kulturwissenschaftlichen Studiums werden an den meisten Universitäten derzeit zunehmend unmöglich: dass man Texte genau liest; Neugier entwickelt oder geduldig Spuren verfolgt. Stattdessen drangsaliert man Studierende mit Prüfungsfristen und Formalitäten – sie nehmen inzwischen den Großteil der Aufmerksamkeit der Studierenden in Anspruch. Man hetzt sie von einem Thema zum nächsten und zwingt sie, eine Seminararbeit nach der anderen zu ­schreiben. Die Ergebnisse kann in Wahrheit kein Mensch lesen. Dabei ist durchaus fraglich, ob Prüfungen an Universitäten überhaupt etwas verloren haben. In der Folge kann man auch den gesamten, enorm aufwendigen Apparat von Punkten, Kontrollen und Evaluierungen weglassen. So kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren. www.adultsforedults.eu


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Wildnis. Chance für europa?

Warum die Tiere den Wald verließen Wildschwein, Dachs und Co. erobern die Großstadt. Für sie ist es eine ruhige Zone mit viel Nahrung Sabine Edith Braun

D

er Steinmarder als Wappentier für Wien? – Würde sich ebenso gut eignen wie der Fuchs für Zürich oder das Wildschwein für Berlin, denn Wildtiere erobern die Großstädte! „Die Stadt ist ein zunehmend attraktiver Lebensraum für Wildtiere, weil Nahrung im Überfluss vorhanden ist: Unmengen an Lebensmitteln werden in nicht hermetisch verschlossenen Behältern entsorgt“, erklärt Walter Arnold vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität. Dass vermehrt Wildschweine in der Stadt

leben, ist auch Folge des Klimawandels. „Ihr hohes Fortpflanzungspotenzial wird über Winterhärte und Nahrungsverfügbarkeit reguliert. Harte Winter werden seltener, auch die Nahrungsverfügbarkeit ist besser“, begründet der Ökologe Arnold. Die Tiere kommen aus den Bezirken und Gemeinden entlang des Wienerwaldes. Natürlich auch aus dem Nationalpark, wo sie über die Lobau und die Donauinsel in die Stadt ziehen. Als Reaktion auf verwüstete Gärten in den Außenbezirken kam es 2011 zur Novelle des Wiener Jagdgesetzes: Seither dürfen Wildschweine im gesamten Stadtgebiet geschossen werden.

Arnold, Ökologe, VetMed Uni Wien

„Es gibt eine Dachskolonie bei den Flaktürmen im Augarten. Die Tiere laufen bis in die City. Aber gefährlich sind sie nicht. “ walter arnold

Die Stadt ist mehr als ein temporäres Fressparadies: Es gebe hier bereits dauerhaft Wildschweine – mit Reproduktion innerhalb der Stadtgrenzen. Ihre Zahl ist nicht bekannt. Bis zum Augarten vorgedrungen sind Dachse. „Es gibt eine Dachskolonie bei den Flaktürmen – die Tiere spazieren bis in die Innenstadt“, so Walter Arnold. Gefährlich sind Dachse nicht, eher schon Wildschweine: „Wenn sie Junge führen, ist mit ihnen nicht zu spaßen.“ In den Häuserschluchten können nur Steinmarder leben. Warum das in Wien massiv der Fall ist, ist nicht ganz geklärt. Wien ist kein Einzelfall, es gibt den Trend der zunehmenden Urbanisierung von Wildtieren genauso in Berlin, München oder Zürich. Da wie dort ist nicht nur die Nahrungssituation besser: „Die Stadt wird von den Tieren als beruhigte Zone erlebt, es herrscht kein Jagddruck und keine intensive Land- und Forstwirtschaft“, sagt Arnold. Berlin sei mittlerweile die Stadt der Wild-

schweine und Zürich die Stadt der Füchse. Diese haben ihr Sozialverhalten geändert: Eigentlich sind Füchse Einzelgänger. „In Zürich sind sie jedoch zu Rudeltieren geworden“, betont Arnold. Er berät im

Rahmen des Projekts „Wildtiere in Wien“mit seinem Team Behörden in der Stadt, aber auch die Jägerschaft und die Bevölkerung. Auf einer Homepage kann man Wildtiersichtungen melden. „So erhalten wir einen guten Überblick – zusätzlich zu den Daten, die wir selbst etwa mit Kamerafallen erheben“, erklärt der Ökologe. Verwüstete Parks sind nicht das einzige Ärger-

nis. „Eine Gefahr sind Zoonosen, also die Übertragung von Krankheiten durch den Menschen als Fehlwirt, etwa über Sandkisten auf Spielplätzen“, sagt Arnold. Zum einem Problem könnte sich der Fuchsbandwurm entwickeln. „In Wien besteht noch keine Gefahr, in München hingegen laufen schon Entwurmungsaktionen.“ Der richtige Umgang mit Wildtieren ist Arnold ein wichtiges Anliegen. Hier ist viel Aufklärungsarbeit gefragt. So sollten die Tiere nicht aus falsch verstandener Tierliebe gefüttert werden: „Am Anfang findet man das Wildschwein oder den Dachs lieb, aber wenn sie den Garten umgraben, ist es mit der Liebe schnell vorbei.“ Meldung von Wildtiersichtungen: www.vetmeduni.ac.at/de/fiwi/info/wildinwien

Bär begegnet Mensch: Wer wird zum Opfer? Slowenien und die Slowakei beherbergen große Bärenpopulationen. Verirrt sich einer nach Österreich, kann das sein Ende sein oznik wurde nur drei Jahre alt. Im R April 2009 tauchte der Bär in einem Park von Laibach auf, wurde dort gefan-

gen, mit einem Satelliten-Halsbandsender versehen und im slowenischen Bären-Kerngebiet freigelassen. Der junge Bär war viel unterwegs, konnte immer wieder gesichtet werden und wurde schließlich zum „Medienstar“. Am 27. Mai betrat Roznik erstmals Kärntner Boden und wurde zwei Tage später im Raum Bad Vellach von einem Wilderer erlegt. Der Körper samt Kopf, aber ohne Fell, wurde in einem Bach nahe dem slowenischen Ort Solcaca gefunden. „Dieser Fall löste Empörung aus. Vor allem in Slowenien. Er warf ein schlechtes Licht auf das Schicksal zuwandernder Bären in Kärnten“, bedauert Kärntens Bärenanwalt Bernhard Gutleb. Die fehlende Akzeptanz in der Bevölkerung stellt in manchen Teilen Europas eine Bedrohung für Bären dar. Obwohl bei der seltenen Begegnung von Mensch und Bär der Bär praktisch immer das Opfer ist. Braunbären, Luchse, Wölfe und andere Wildtiere beginnen,

„In Österreich gab es seit 500 Jahren keinen Todesfall durch einen Bären, ja nicht einmal eine Verletzung“ Bernhard Gutleb, Bärenanwalt in Kärnten

Lebensräume zurückzuerobern. „Aber nur, wenn wir ihnen die Chance dazu geben“, sagt Claudia Mohl vom WWF Österreich. Heute leben auf dem Gebiet der EU knapp 4.000 Bären. In Slowenien und der Slowakei gibt es lebensfähige Bärenpopulationen. Auch expandiert die italienische Reliktpopulation im Trentino durch die Umsiedlung von Bären aus Slowenien wieder.

Ist es bei uns je zu tödlichen Begegnungen für Menschen mit einem Bären gekommen? Gutleb: In Österreich gab es seit 500 Jahren keinen Todesfall durch einen Bären, ja nicht einmal eine Verletzung – mit Ausnahme eines Bauern, der Ende des 19. Jahrhunderts bei einer Treibjagd vom verwundeten Bären schwer verletzt wurde. Das lief unter Notwehr. Also war immer der Bär das Opfer.

Falter Heureka: Herr Gutleb, ist die Skepsis der Österreicher in puncto Bärenansiedlung berechtigt? Bernhard Gutleb: Skepsis und Vorbehalte sind meist emotional begründet. So kann man ihnen mit logischen, pragmatischen Informationen kaum beikommen. Der Braunbär ist in unseren Breiten ein scheuer, dämmerungs- und nachtaktiver Waldbewohner mit einem Geruchssinn weit über dem der besten Spürhunde. Die Chance, einem der zehn Tiere in Kärnten zu begegnen, ist extrem gering. Auch ihr Schadenspotenzial ist verhältnismäßig klein. Bären ernähren sich überwiegend pflanzlich.

Was sind Ihre Erfahrungen in Kärnten mit Bären? Gutleb: Die Bevölkerung ist nach mittlerweile 25-jähriger Informationsarbeit sehr gut informiert und relativ schwer aus der Ruhe zu bringen. Einzelne Interessenvertreter versuchen zwar, den Bären zu instrumentalisieren, das gelingt aber nur beschränkt. Die etwa zehn Bären in Kärnten wurden während vieler Jahre etwa zehnmal gesichtet. Sie richteten pro Jahr einen Schaden von 25 Schafen und ein paar Bienenstöcken an, der selbstverständlich vergütet wurde. Alles in allem eine recht entspannte Situation.

Fotos: privat

Dieter Hönig


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Wildnis. Chance für europa?

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Haidingers Hort der Wissenschaft

Grafikkabinett Püribauers Tierversuche

Emile, Candide und die Bestie M art i n H a i d i ng e r

Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschafts­ journalist bei Ö1 und ­Staatspreisträger für Wissenschafts­ journalismus

Ill u strat i o n : B e rnd P ü r i ba u e r

Freihandbibliothek Buchtipps von Emily Walton Der Spielball des Menschen

Bedrohter Reichtum

Nature: Western Attitudes since Ancient Times. Peter Coates, University of California Press. 254 S.

The Diversity of Life. Edward O. Wilson, Penguin Press Science. 432 S.

Das Verschwinden der Felder

Stadt, Land, Fluss

The Killing of the Countryside. Graham Harvey, Vintage Press. 240 S.

The Conquest of Nature: Water, Landscape, and the Making of Modern Germany. David Blackbourn, W. W. Norton & Co. 466 S.

Geschichtsbücher gibt es viele. Selten aber widmet sich ein ganzes Buch der Beziehung zwischen Mensch und Natur: Wie sieht und sah der Mensch die Natur? Wie plante er sie in der Vergangenheit umzugestalten, auszubeuten und neu zu erfinden? Historiker Peter Coates beleuchtet den geschichtlichen Stellenwert der Natur, ihren Wandel von einer „höheren Macht“ in der Antike bis hin zu einem bedrohten Lebensraum der Gegenwart. Auch zeigt er auf, wie Wissenschafter bisher mit diesem Thema umgegangen sind. Eine solide Einführung in die Umweltgeschichte.

In den vergangenen sechzig Jahren haben sich die ländlichen Gebiete Europas verändert: Der Einsatz von Pestiziden und neuen Technologien in der Landwirtschaft sowie eine zunehmende Ökonomisierung haben dazu geführt, dass zahlreiche Tier-, Insekten- und Pflanzenarten bedroht oder gar ausgestorben sind. Agrarjournalist Graham Harvey untersucht den Wandel – oder das Schwinden – der ländlichen Regionen in England. Er demonstriert, welche Fehler in der Vergangenheit gemacht wurden und wie man Felder, Wiesen, und Wälder für die Zukunft retten kann.

Der renommierte Harvard-Entomologe Edward O. Wilson widmet sich in seinem Buch der Artenvielfalt auf unserem Planeten. Er beleuchtet das Aussterben von Arten und das Aufkommen neuer Spezies. Außerdem veranschaulicht er, wie Naturkatastrophen und klimatische Veränderungen immer wieder herbe Rückschläge für die Natur bedeuten. Auf 440 Seiten beschreibt Wilson fünf fundamentale Einschnitte, die den Planeten in seiner Geschichte verändert haben. Die Schäden dieser Einschnitte können erst nach zehn bis hundert Millionen Jahren ausgeglichen sein.

Deutschland als Landschaft: Der technische Wandel und die politischen Machtspiele transformieren ein Land. Nicht nur ändert sich seine Gesellschaft, auch die Natur passt sich an bzw. wird angepasst. David Blackbourn schildert am Beispiel Deutschlands, wie Ebenen, Flüsse und Täler seit der Mitte des 18. Jahrhunderts geformt wurden. Dabei beschreibt er etwa die Begradigung des Rheins oder die Entwicklung von Wasserkraft. Zahlreiche alte Bilder, Fotografien und Karten veranschaulichen die geschichtlichen Abrisse.

ie Franzosen des 18.Jahrhunderts D hatten es ganz schön mit der Wildnis und ihren Bewohnern! Des Königs Louis

XV. Lieblingskomponist Rameau brachte die „Wilden“ („Les sauvages“) auf die Bühne. So manchem Knäblein und Fräulein bei Hof lief es kalt über den ungewaschenen Rücken, wenn sie sich die nackten Ureinwohner der nordamerikanischen Kolonien vorstellten, die den armen Siedlern aus Europa Speer und Beil in Rumpf und Schädel rammten. Zugleich kam der Begriff des „edlen Wilden“ auf, der alles, was er ist und hat, aus der Natur bezieht. Anders als dann später der Mensch in der rationalen Betrachtung der „Evolutionären Erkenntnistheorie“, welche die Struktur unseres Denkens als ein Selektionsprodukt aus den Ordnungsmustern der Natur herleitet, war der edle Wilde der Franzosen zunächst ein Kind von wütenden, zivilisationskritischen Philosophen wie Jean Jacques Rousseau. Sein Held namens Emile erlebt 1762 im Buch „Über die Erziehung“ eine, wiewohl angeleitete, Entwicklung aus eigener Kraft. Er wird somit als Erwachsener fähig, den Gesellschaftsvertrag zu schließen, der ihn erst zum „Mit-Menschen“ macht. Abgesehen davon, dass Rousseau selbst seinen eigenen fünf Kindern keine erzieherische Gefährtenschaft gegönnt, sondern sie in Waisenhäuser abgeschoben hat, ist sein „Zurück zur Natur!“-Aufruf ein Papier­ tiger geblieben. Als Anleitung ist er ebenso wenig zu gebrauchen wie der literarische Wandersmann „Candide“ seines Kollegen ­Voltaire, der in einer zynischen Abrechnung mit Leibniz’ „bester aller möglichen Welten“ in Urwäldern wie Kulturlandschaften die Unverbesserlichkeit des Menschen zu erkennen vermeint. Die diffusen Sehnsüchte der heutigen Europäer nach dem „natürlichen Leben“ erweisen, dass wir Kultivierten die Wildnis zwar gebannt, aber nicht bewältigt haben. Sollen wir sie überhaupt überwinden? Die Antwort der Neuzeitmenschen muss lauten: Ja! Aber natürlich nur dann, wenn wir nicht mehr in den Beutestatus der Vorhominidenzeit zurückfallen wollen, als unsere fernen Vorfahren den Bestien zur Mahlzeit dienten. Denn das war unser zivilisatorisches Meisterstück: als klauenlose und kurzzahnige Wesen die Vorherrschaft des Raubtiers infrage zu stellen. Seit damals machen wir viele Fehler, ordnen aber immerhin die Welt. Wer das nicht (mehr) will, kann ja in Urwälder abtauchen, sollte aber dabei bedenken, dass die wahren Rebellen meistens jene waren, die auf- und nicht rückbauten.


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WILDNIS. CHANCE FÜR EUROPA?

Wildnis. Chance für Europa? ORTRUN VEICHTLBAUER, ERICH KLEIN

Wer Wildnis sagt, muss an Kultur denken. Die Bedeutung des Begriffs Wildnis ist davon nicht zu lösen

Der Wald und die Wildnis

Das Recht der Wildnis

Besonders das Bildungsbürgertum erlebte diese radikale Veränderung im ausgehenden 19. Jahrhundert als kulturellen Verlust. „Sehnsüchte nach Natur“, erläutert der deutsche Kulturwissenschafter Friedemann Scholl dieses Phänomen, sind als „Sehnsüchte nach Vergangenheit“ zu verstehen. Über Jahrhunderte hinweg war der Begriff „Wildnis“ negativ besetzt. Er bedeutete Bedrohung und Unbeherrschbarkeit. Das Gegenbild war der Garten als gottgefälliger Kosmos. Wildnis bedeute Meer und Berg, vor allem aber Wald. Deren Nähe zueinander rührt schon von den gleichen etymologischen Wurzeln her. Das altgermanische „walthus“ für althochdeutsch „wald“ und mittelhochdeutsch „walt“ bezeichnete das nicht bebaute Land. Es entstammt der gleichen Wortfamilie wie „wild“ und bedeutete bis ins Mittelalter im Nebensinn Wildland und auch Wüste. Noch im 18. Jahrhundert ist die Vorstellung von Wildnis eng mit der des Waldes verbunden. Im Wörterbuch von Johann Christoph Adelung wird Wildnis umschrieben als „eine wilde, ungebaute und unbewohnte Gegend, besonders eine solche waldige Gegend.“

Die ästhetischen Kategorie der „erhabenen Natur“ bereitete auch das geistige Fundament für den erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts geforderten Schutz von Wildnis, etwa durch den deutschen Theologen, Begründer der Volkskunde und „WanderForscher“ Wilhelm Heinrich Riehl (1823–1897): „Jahrhundertelang war es eine Sache des Fortschrittes, das Recht des Feldes einseitig zu vertreten; jetzt ist es dagegen auch eine Sache des Fortschrittes, das Recht der Wildniß zu vertreten neben dem Recht des Ackerlandes. Und wenn sich der Volkswirth noch so sehr sträubt und empört wider diese Tatsache, so muß der volksforschende SocialPolitiker trotzdem beharren und kämpfen auch für das Recht der Wildniß.“ Wilhelm Heinrich Riehls Waldideologie strotzte vor Deutschtümelei.

US-Natur und Nazi-Nachahmung

Naturkonzepte der Neuzeit

Im Zusammenhang mit dem erreichten Ausmaß an Naturbeherrschung und der Ausbildung europäisch-neuzeitlicher Subjektivität erlangte die ehemals gefahrvolle Wildnis neue Wertschätzung. Sie wurde „Landschaft“. In der Begriffsgeschichte von Landschaft gibt es wiederholt Verweise auf den primär visuellen Kern dieses Konzepts. Weniger häufig wird dabei bedacht, was eine derartige Konstitution von Landschaft für das Naturverhältnis bedeutet. Natur innerhalb bestimmter Grenzen als Landschaft wahrnehmen zu können, ist die ästhetische Entsprechung zu jenem Distanzverhältnis, auf dem auch die wissenschaftlichen und technologischen Naturkonzepte der europäischen Neuzeit (Macht und Arbeit) beruhen.

Trotz der Integration von Wildnis in die gezähmte Natur der Landschaft und der praktischen Installierung von Distanz über technische Apparate und räumliche Arrangements (wie etwa Gartengestaltung oder Aussichtswarten) blieb der Doppelcharakter der Natur als Vernunft (Ordnung) und andererseits Wildes, Ungebärdiges und Vernichtendes wirksam. Als folgenreich erwies sich diesbezüglich Immanuel Kants Definition des Erhabenen als Gegenstand, „dessen Vorstellung das Gemüt bestimmt, sich die Unerreichbarkeit der Natur als Vorstellungen von Ideen zu denken“.

„Die Natur der Wildnis ist, Kultur zu sein.“ Gisela Kangler, TU München

„Wilderness“ wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und mit zunehmendem Abstand zur eigenen „Pionierzeit“ zu einem wichtigen Gegenstand der US-amerikanischen Nationalparkbewegung. In Europa geschah dies erst im Dritten Reich im sogenannten „Urlandschaftsschutz“. Amerikanische Nationalparks galten den Nazis als Referenzpunkt in Sachen „Wildnis“. Daran würden sich die Erfolge des eigenen, „modernen“ Regimes messen müssen. Der Unterschutzstellung „echter Urlandschaft“ in den „kolonialen Räumen“ des amerikanischen Westens sollte ein eigenständig nationalsozialistisches Modell als spezifisch deutsche Antwort entgegengestellt werden. Walther Schoenichen (1876–1956) war eine prägende Figur der deutschen Naturschutzbewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und Wegbereiter rassistischer und antisemitischer Spielarten von Naturschutz. Für ihn stellte die „Urwaldwildnis“ spezifisch deutscher Prägung einen „Organismus allergrößten Stils“ dar. Sie sollte „im Sinne einer nur der natürlichen

Regulationen gehorchenden Vegetationsform“ unter Schutz gestellt werden. Nicht nur unter naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten, sondern auch als unerlässliches „kulturelles Referenzgebiet“. Als kritisch-parodistische Antwort darauf lässt sich eine Bemerkung in Elias Canettis während des Zweiten Weltkriegs entstandenem Werk „Masse und Macht“ lesen: „Das Massensymbol der Deutschen war das Heer. Aber das Heer war mehr als das Heer: Es war der marschierende Wald.“

Leitlinie für Naturschutz

In der Folgezeit spielte der Begriff der Wildnis für den europäischen Naturschutz zunächst keine besondere Rolle. Erst in den 1990er-Jahren tauchte er vermehrt in der Debatte über neue Konzepte für den Naturschutz und in der Landschaftsplanung wieder auf. In heutigen Naturschutzkreisen Europas bezieht man sich darauf vor allem im Zusammenhang mit der Schutzgebietskategorie „Nationalpark“. Wildnis entwickelte sich zur neuen Leitlinie für den Naturschutz. In der Praxis erweist sich dieses Ziel jedoch oft als problematisch. Es herrschen unterschiedliche Auffassungen darüber, wie Wildnisschutz umzusetzen ist. Die damit einhergehenden Nutzungseinschränkungen und Auflagen bergen zum Teil großes Konfliktpotenzial (siehe Seite 20). Die Art der Beschreibung, die die Naturschutzforschung in aller Regel anfertigt, nützt für dieses Vorhaben zudem recht wenig. Fast alle Beschreibungen sind rein naturwissenschaftlicher Art. Sie sagen nichts darüber, ob das jeweilige Gebiet die Wünsche erfüllt, die eine ganze Gesellschaft an Wildnis hat. Dass aufgrund der Vieldeutigkeit – wissenschaftliche und sachliche Argumente im Vordergrund, traditions- und sinnbezogene sowie ästhetische Ideale im Hintergrund – der Naturschutz selbst zunehmend an Glaubwürdigkeit verliert, ist eine naheliegende Gefahr.

„Angepasste, naturnahe Wildnis“

Die internationalen Begriffsbestimmungen für Wildnis sind heute sehr stark auf ursprüngliche (primäre) Wildnis zentriert. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) definiert Wildnisgebiete folgendermaßen: „Schutzgebiete der Kategorie Ib (i.e. Wildnisgebiete) sind in der Regel ausgedehnte ursprüngliche oder (nur) leicht veränderte Gebiete, die ihren natürlichen Charakter bewahrt haben, in denen keine ständigen oder bedeutenden Siedlungen existieren; Schutz und Management dienen dazu, den natürlichen Zustand zu erhalten.“ Die „Working definition“ der „Wilderness Strategy“ der Europäischen Union lautet Fortsetzung Seite 14

FOTO: TECHNISCHE UNIVER SITÄT MÜNCHEN

B

is Mitte des 19. Jahrhunderts hätten die meisten Menschen über den Ausdruck „Schutz der Natur!“ nur den Kopf geschüttelt. Die Entwicklung der Industriegesellschaft führte zu einer Verkehrung des traditionellen Verhältnisses, in dem sich der Mensch vor der Natur schützte. Der österreichische Philosoph, Ökonom und Sozialreformer Otto Neurath (1882– 1945) fand für die Umkehrung dieser Beziehung ein aussagekräftiges Bild: „Wenn früher ein Mensch und ein Sumpf zusammenkamen, verschwand der Mensch, jetzt der Sumpf.“


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Zu den Fotos Um die Vision für ein wilderes Europa möglich zu machen, versuchen NGOs wie der WWF der Wildnis wieder mehr Platz zu geben und langfristig zu schützen. Dazu der WWF: Wir müssen die letzten noch verbliebenen wilden Gebiete schützen und zusätzliche Flächen der Natur zurückgeben, um neue Wildnis entstehen zu lassen. Die Entwicklungsländer fordern wir auf, die großen Wildnisgebiete dieser Welt zu schützen, die Biodiversität zu erhalten und den Pfad der nachhaltigen Entwicklung einzuschlagen. Jetzt gilt es, der Welt ein Vorbild zu sein und der Wildnis in Europa eine Chance zu geben.

FOTO: WILD WONDERS OF EUROPE / SERGEY GORSHKOV / WWF

Mehr Informationen zur Wildnisarbeit des WWF in Österreich und Europa: www.wwf.at/wildnis

Das Leben ist für Wölfe einfacher und sicherer, wenn es in ihrem Lebensraum große, zusammenhängende Waldflächen gibt, insbesondere, wenn auch Menschen in der Nähe sind. Doch auch von dieser Regel gibt es Ausnahmen, zum Beispiel in waldlosen Steppenlandschaften, Tundren oder großen, landwirtschaftlich genutzten Gebieten von Spanien bis Sibirien.


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Wildnis. Chance für europa? Fortsetzung von Seite 12

jener Wildnis zu bewahren, für die wir uns selbst stark gemacht und begeistert haben, sei es nun eine ,echte‘ Wildnis, oder eben nur eine gefühlte.“

Das Zauberwort „Prozessschutz“

Weitgehend konsensual im österreichischen Naturschutz ist die Verwendung des Begriffs „Prozessschutz“ als neue Strategie. Worum geht es dabei? Gewiss nicht um „natürliche Dynamik“, so der deutsche Biologe und Landschaftsökologe Ludwig Trepl. „Prozessschutz“ meine Wildnis als Inbegriff

Europäische Neo-Wildnisgebiete

In den öffentlichen Begründungen für Wildnisschutz heißt es dennoch immer wieder, der „unberührten Natur“ solle in den Schutzgebieten wieder die Chance gegeben werden, zu „verwildern“. „Natürliche Dynamik“ und „Prozessschutz“ sind dabei zu vorherrschenden Konzepten und Naturschutzzielen in den neuen Wildnisgebieten Mitteleuropas geworden. Ihre ökohistorische Sukzession und Nutzungsgeschichte sind aber mitunter sehr unterschiedlich: Beim geplanten Wildnisgebiet in der Kernzone des Salzburger Nationalparks Hohe Tauern handelt es sich um durch Klimawandel vom Gletscher freigesetzte Flächen. Der südenglische New Forest ist eigentlich ein ehemaliges königliches Hirschjagdgebiet. In Brandenburg geht es um die einstigen Truppenübungsplätze Jüterbog, Heidehof, Lieberose und Tangersdorf, deren Ökosysteme nun als ursprünglich und wild deklariert werden. Anthropogen ungestörte Sukzessionsabläufe sollen als Leistungsgeschehen sich selbst differenzierender Natur gelten, in dem in einem offenen, undeterminierten evolutionären Prozess die einzelnen Arten miteinander konkurrieren. Auch im größten Nationalpark Mitteleuropas, dem Nationalpark Schleswig Holsteinisches Wattenmeer, gilt als Motto: „Natur Natur sein lassen“. Durch Zulassen „natürlicher Prozesse“ soll in allen Wildnisgebieten mehr „Natürlichkeit“ erreicht werden

„Prozessschutz meint Wildnis als Inbegriff einer Gegenwelt zur Gesellschaft“ ludwig trepl la n d s c h aft s ö k o l o g e

einer Gegenwelt zur Gesellschaft. „Natürliche Dynamik“ stelle hingegen nur einen unbeholfenen Versuch dar, „wissenschaftlich“ auszudrücken, was mit Wildnis intendiert sei. Gegenwärtig wird im Naturschutz dessen frühere Praxis als nur „konservative“ verpönt. Das Anliegen des konservativen Naturschutzes sei containerhaftes Bewahren bestimmter statischer Zustände gewesen, wie etwa besonders artenreicher Sukzessionsstadien oder von Klimax-Gesellschaften. Dahinter habe ein Naturbild überholter Theorien („Gleichgewichtsökologie“) und konservierend-musealisierende Schutzmentalität gesteckt. Die Kennzeichnung „geschützt“ galt lange als Synonym für „Veränderungen verboten“. In vielen Fällen hatte das mit Ökologie wenig bis gar nichts zu tun, so der deutsche Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe Josef Reichholf, der „Prozessschutz“ gar als „Zauberwort“ bezeichnen will. In Wirklichkeit sei die Natur jedoch dynamisch. Aber warum sollen wir dann gerade ihre Dynamik schützen? Nur weil es diese Dynamik gibt?

Wildnisvorstellungen in Österreich

Auch die österreichische Wildnisdebatte ist mit dieser Problematik konfrontiert: Wie eine endgültige Begriffsklärung zustande kommen soll, ist dabei noch unklar. Jedenfalls fand im Jahr 2012 in Hainburg eine Konferenz unter dem Titel „Ruf der Wildnis!“ statt. Michael Proschek-Hauptmann, Geschäftsführer des Umweltdachverbands, zeigte sich im Vorwort des Tagungsbandes der Komplexität bewusst: „Das Thema Wildnis ist sehr eng mit dem Ort der heutigen Veranstaltung verbunden. Hainburg war immer schon Zeitzeuge ,wilder‘ Zeiten, das Jahr 1984 eine Zeit, in der sich der Begriff ,Wildnis‘ an konkretem Widerstand vor Ort manifestierte. Nichtsdestotrotz wirft der Begriff ,Wildnis‘ heute noch etliche Fragen auf: Was ist wild? Was ist Wildnis? (…) Durch die Dachmarke Nationalparks Austria möchten wir den Nationalparkgedanken wieder einer breiteren Öffentlichkeit näherbringen. Denn im Endeffekt verfolgen wir alle dasselbe Ziel: für unsere Kinder und Kindeskinder ein Stück

Eine neue Wildnis-Kultur? „als der mensch den erdball zum weltkulturerbe erklärt hatte, feierte die ganze menschheit sich als erbene und erbe. (…) halt, so geht das nicht weiter: die natur muss natürlich von der kultur getrennt werden. da es sich dabei aber um zwei einander ausschließende, ja vernichtende systeme handelt, so steht weltkulturerbe gegen weltnaturerbe. na, dann trennt mal schön. Und wenn ihr alles getrennt habt, reden wir weiter.“ Friedrich Achleitner, wortgesindel

In einer zunehmend hybriden Welt, in der die dualistische Differenz von Natur und Kultur mehr und mehr verschwimmt, in der Stauseen und künstliche Forste als Natur erlebt und wahrgenommen werden, hat der Begriff Wildnis offenbar eine wichtige Funktion bekommen. Er macht eine neue Abgrenzung möglich. Natur als „Furie des Verschwindens“ (G. W. F. Hegel) wird durch Reservate einer teils konstruierten und teils rekonstruierten Wildnis ersetzt. Doch Wildnis existiert nur als Gegenwelt zur Kultur. Sie ist ein symbolischer Ort der Projektionen, und doch ist die Wildnis nicht einfach ein Fantasiegebilde. Für „echte Wildnis“ ist es wesentlich, dass physische Natur dort wirklich vorkommt. Wildnis kann als Terminus in der Vermittlung des „Eigensinns“ von Natur zweckdienlich sein, weil er sofort allerlei Assoziationen

des Unkontrollierten und Unkontrollierbaren freisetzt. Freilich sind damit nicht die Werbeslogans von Reiseveranstaltern gemeint, die „In fünf Tagen die Wildnis Wattenmeer entdecken“, oder aber „Abenteuerreisen“ samt „Eintauchen in die Wildnis“ oder „urban Safaris“ in „Wiener Wildnis“ versprechen. Doch auch sie belegen die hohe Attraktivität des Wildnisbegriffs. Er thematisiert die Frage nach personaler Freiheit unter pluralistischen Bedingungen. Schwierigkeiten für den zeitgenössischen Naturschutz entstehen, wenn ein und dieselbe Wildnis von Menschen genutzt wird, die unterschiedliche Auffassung von Kultur und Natur vertreten. Für die einen ist Wildnis ein jungfräulich-unbewohntes Niemandsland. Für die anderen stellt sie ein Kulturarrangement dar, in dem menschliche Spuren nicht unbedingt für jedermann sichtbar sind.

Wie sieht eine saubere Wildnis aus?

Schon unsere Wahrnehmung von Wildnis und Verwilderung ist durch Geschichte und Kultur geprägt. Dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man über Wildnis und Verwilderung spricht. Und dieses Bewusstsein ist unabdingbar, wenn gesellschaftliche Akzeptanz für diese neue Naturschutzstrategie eingeworben werden soll. Als beispielsweise die Verwaltung des Nationalparks Bayerischer Wald in den 1980er-Jahren „Prozessschutz“ einführte, stieß das bei den benachbarten Waldbesitzern und auch innerhalb des Naturschutzes auf große Widerstände. Borkenkäfer hatten sich im Nationalparkwald breitgemacht und den Fichtenbestand radikal dezimiert. Große Flächen von scheinbar „totem Wald“ passten nicht in das Erwartungsbild eines geschützten Areals, das sich zu einer Art Wildnis entwickeln sollte. Auch andere Parks sehen sich vor ähnliche Herausforderungen gestellt. Etwa Oostvaardersplassen in den Niederlanden, wo die Bevölkerung nicht gerne sieht, wenn wilde Tiere im Winter verenden. Mit umfangreichen Managementplänen versucht man den Problemen Herr zu werden.

In Österreichs Urwald

Das rund 3.500 Hektar große Wildnisgebiet Dürrenstein liegt in der früheren Herrschaft Gaming im südwestlichen Niederösterreich. Sein Kerngebiet, der Urwald Rothwald, ist der größte Urwaldrest Mitteleuropas und seit 2003 ein strenges Naturreservat nach IUCN Kategorie Ia. 2.400 Hektar sind dauerhaft aus jeder Nutzung genommen. Die Schutzgebietsverwaltung und das Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der BOKU haben einen Managementplan für das Wildnisgebiet entwickelt. Ereignisse wie Stürme oder Lawinenabgänge und die daraus resultierende Borkenkäfervermehrung in den Fichtenwäldern werden im Sinne einer freien Wildnisentwicklung von der Verwaltung „begrüßt“. Wie lautet ein Buchtitel der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek? „Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr.“

Foto: Heribert Corn

ähnlich. Wildnis wird üblicherweise in der deutschsprachigen Naturschutzdebatte als sekundäre Wildnis betrachtet, da eine primäre in Mitteleuropa nicht mehr existiere. Eine freie Naturentwicklung erlaube aber die Ausbildung einer auf „heutige“ Standort- und Umweltbedingungen „angepasste, naturnahe Wildnis“, die einer ursprünglichen Wildnis unter günstigen Umständen nahekommen könne.


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F O T O S: B Ä R : W I L D WO N D E R S O F E U R O P E / S TA F FA N W I D S T R A N D / W W F, U RWA L D : A N T O N VO R AU E R

Bären haben die Menschen von jeher beeindruckt. Für ihre Zukunft in Österreich und Europa wird entscheidend sein, wie wir das Miteinander gestalten. Der WWF arbeitet dazu vor allem im österreichischslowenischen Grenzgebiet und in den Karpaten, wo Europas größte Bärenpopulation beheimatet ist.

Das Ötscherland war Heimat des Bären-Wiederansiedelungsprojekts des WWF. Hier liegt auch Österreichs einziges Wildnisgebiet, Dürrenstein. Dieser größte heimische Urwaldrest, seit jeher frei von menschlichen Eingriffen, erlaubt mit mächtigen Tannen, Fichten und Buchen einen Blick in vergangene Welten.


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Europas gefährlichste Wildnis Sonja Dries

Als vor 29 Jahren Das Bison lebt in der Sperrzone Neben den Tieren, die selbst ihren Weg über das Atomkraftmarode Zäune und Absperrungen in die werk Tschernobyl Zone gefunden haben, gibt es auch einige, die von Menschenhand hier ausgewildert explodierte, wurden, wie zum Beispiel das Bison. 1998 Vertreter dieser schwersten Tierart breitete sich eine wurden Europas in das Sperrgebiet gebracht. Wolke der Ende des 19. Jahrhunderts waren sie fast ausgestorben. Auch eine andere vom AusZerstörung über sterben bedrohte Tierart wurde hier ausgewildert. Das Przewalski-Pferd gibt es weltdas umliegende weit nur noch circa 1.000 Mal. 1879 war Gebiet aus. das letzte Wildpferd in der Ukraine getötet worden. 1998 wurden 21 Pferde in die Mittlerweile hat Sperrzone gebracht. Es waren eher schwädie Natur es chere und ältere Exemplare, da man von ihrem sicheren Tod ausging. Heute sind es zurückerobert immerhin schon 57 Pferde.

Ein Freiluftlabor für viele Forscher

Artenreichtum in der Sperrzone Vor dem GAU wurden Tiere in dem Gebiet gejagt, Wälder gerodet, Flüsse trockengelegt. Heute haben Biber mit ihren Dammbauten das Wasser des Flusses Prybjat aufgestaut und die Prybjat-Sümpfe sind zurückgekehrt. Der alte Hafen von Tschernobyl hat sich zu einem der größten Wasservogelgebiete Europas entwickelt. Uferschwalben, Kormorane, Reiher, Kraniche und über hundert weitere Vogelarten leben hier. Auch der seltene Schwarzstorch, der Kulturland und Menschen meidet, hat sich eingerichtet. Inmitten des Kühlteichs des Reaktors führt ein schmaler Damm zu einer kleinen Insel, auf der Seeadler nisten. Im Wasser schwimmen bis zu zweieinhalb Meter große Welse. Die verwilderten Parks der Geisterstadt Prybjat sind zum Habitat von Wölfen und anderen Raubtieren geworden. Der Wald drängt langsam in die ehemalige 58.000 Einwohnerstadt. 120 Wölfe sollen derzeit im weißrussischen Teil der Sperrzone leben. Auf den Friedhöfen rund um die Stadt, wo Bäume selten gefällt wurden, wachsen riesige Eichen, in denen sich Fledermäuse besonders wohlfühlen. Sie halten sich auch gerne in den verlassenen Häusern auf, die langsam durch Stürme, Verwitterung und Brände verschwinden. 10.000 Apfel- und Kirschbäume und ein paar verwilderte Zierblumen erinnern noch daran, dass die Sperrzone bis vor 29 Jahren bewohntes Kulturland war.

Sieht die Sperrzone eher als Gefahr denn als Tierparadies Timothy Mousseau, Columbia State University

Es scheint, als wäre das Gebiet rund um den Reaktor Tschernobyl ein Paradies für Tiere geworden. Gleichzeitig ist es aber auch eines der größten Freiluftlabors der Welt. Forschergruppen aus verschiedensten Ländern haben sich Sondergenehmigungen für das Betreten des Sperrgebiets geholt, um herauszufinden, wie sich radioaktive Strahlung auf ein Ökosystem auswirkt. Dabei müssen die Wissenschafter ein genaues Zeit- und Bestrahlungslimit einhalten. In der Akutphase nach dem Reaktorunglück waren alle Organismen einer enorm hohen Strahlendosis ausgesetzt. Die radioaktive Gammastrahlung zerstört Moleküle und spaltet sie in freie Radikale. Diese attackieren die Zellmembran. Die beim Reaktorunfall freigewordenen radioaktiven Nuklide zerfallen sehr langsam. Heute sind noch drei Prozent der radioaktiven Materie vorhanden. Diese haben aber eine sehr lange Halbwertszeit. Im Gebiet rund um Tschernobyl sind es vor allem die radioaktiven Isotope Cäsium 137 und Strontium 90, welche die Umwelt belasten. Beide haben eine Halbwertszeit von 30 Jahren und brauchen noch mindestens 270 Jahre, bis sie verschwunden sind. Die Radionuklide sind mittlerweile ins Erdreich vorgedrungen und erreichen dort die Wurzeln der Pflanzen. Lebewesen absorbieren sie über die Atemluft und die Nahrung. Die Strahlung liegt durchschnittlich über das Tausendfache über dem Normalwert. Welchen Schaden sie anrichtet, ist je nach Tier- und Pflanzenart ganz unterschiedlich. Das Perfide an Strontium 90 und Cäsium 137 ist, dass sie in ihrer Struktur den lebenswichtigen Stoffen Kalzium und Kalium ähneln. Für die Natur ist es schwierig, sie zu unterscheiden, und so werden sie permanent von den Lebewesen aufgenommen.

Tschernobyl: ein neues Tierparadies Ein Wissenschafter, der seit Jahren mit seinem Labor-Bus durch die Zone fährt und

zahlreiche Wildtierstudien durchgeführt hat, ist der Radioökologe Sergii Gashchak. Er hat bei vielen untersuchten Tieren zwar eine stark erhöhte Strahlenbelastung festgestellt, konnte aber gleichzeitig keine besonders starken Auswirkungen auf sie erkennen. So untersuchte er beispielsweise 1.000 Siebenschläfer aus der Zone, von denen nur vier bis sechs Prozent körperliche Abnormitäten zeigen. Ein Prozentsatz, der auch in unbelasteter Natur vorkommt. Gashchak ist einer der Wissenschafter, der die Sperrzone als Tierparadies bezeichnet. Ohne den Einfluss des Menschen können die Tiere ungestört leben. Viele Forscher gehen davon aus, dass ihre Körper Mechanismen entwickelt haben, um sich selbst zu reparieren. Die Chromosomen bestehen aus zwei fast identen Strängen, die einander bei Beschädigung als Vorlage dienen können. Manchmal geschehen dabei aber Fehler und es kommt zu Genmutationen und Anomalien.

… oder doch eher eine Todeszone? Zwei Forscher, welche die Sperrzone eher als Gefahr denn als Paradies für die Tiere bezeichnen, sind der Biologe Timothy ­Mousseau von der Columbia State University und sein Kollege Anders Moller von der Université Paris-Sud. Sie untersuchen seit dem Jahr 1991 Vögel im Sperrgebiet und stellten fest, dass sich ihre Gesamtzahl und Artenvielfalt stark dezimiert hat. Bei Schwalben fanden sie Tumore an Hals, Augen und Schnäbeln. Viel zu kleine Eier, Pigmentmangel und ein asymmetrischer Wuchs der Flügel gehörten auch zu den beobachteten Abnormitäten. Ein Spermatogramm der männlichen Schwalben zeigte Anomalien bei 50 Prozent der Spermazellen. Moller und Mousseau haben die Vermutung, dass die Zugvögel, die nicht das ganze Jahr im Sperrgebiet sind, auf ihrer langen Flugreise Antioxidantien verbrauchen, die bei der Abwehr des Körpers gegen die radioaktive Strahlung eine wichtige Rolle spielen. Wenn die Strahlen Moleküle aufspalten und dabei hochtoxische freie Radikale freigesetzt werden, werden diese von Antioxidantien zerstört.

Ein Lager für radioaktiven Müll? Die tatsächlichen Auswirkungen auf die Pflanzen- und Tierwelt rund um Tschernobyl ist bis heute noch nicht endgültig geklärt. Sicher ist, dass derzeit ein natürliches Gleichgewicht zwischen Vegetation, Pflanzen- und Fleischfressern herrscht. Die Wissenschafter hoffen, dass die Sperrzone ein Naturschutzgebiet wird und sie ihre Forschungen ungestört fortführen können. Doch auch ganz andere Überlegungen stehen im Raum. Das Gebiet könnte als Lagerplatz für radioaktiven Müll genutzt werden.

F o t o : U n i v e r s i t y Of S o u t h C a r o l i n a

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in Wolfsrudel macht sich über den Kadaver eines Bisonkalbs her, das den harten Winter nicht überstanden hat. Über ihm kreisen die Seeadler und warten geduldig auf die Reste. Wildpferde grasen auf einer Lichtung. Wildschweine, Rehe, Luchse und Dachse durchstreifen den Wald. Sogar Bären und Elche haben sich in dem Gebiet im Nordosten Europas niedergelassen. Doch es ist kein Naturschutzgebiet, das den Lebensraum für so viele Tiere bereitstellt, es ist die 3.000 Quadratkilometer große Sperrzone von Tschernobyl. Am 26. April 1986 explodierte um 1 Uhr 23 der vierte Block des Atomkraftwerks in der Ukraine. Radioaktives Material wurde in die Atmosphäre geschleudert. Ein zehntätiger Brand verursachte eine radioaktive Wolke, die weite Teile der Ukraine, Weißrusslands und Russlands verseuchte und bis nach Mitteleuropa und das Nordkap zog. 500.000 Menschen verloren ihre Heimat, zehntausende starben an den Folgen des GAUs. Auch viele Millionen Tiere, Bakterien und Mikroorganismen wurden getötet. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Menschen dem Gebiet bis heute ferngeblieben. Die Tiere und Pflanzen haben das Areal in der Größe von Luxemburg zurückerobert.


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FOTO: WILD WONDERS OF EUROPE / SVEN ZACEK / WWF

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Der boreale Nadelwald Nordeuropas ist das Zuhause des Bartkauzes, einer der größten europäischen Eulen. Sein Lebensraum sind alte Wälder und Moorlandschaften. Er braucht die mächtigen, alten Kiefern und Fichten, die in ihnen wachsen, als Brutbäume. Die Zerschneidung dieser Lebensräume, die Forstwirtschaft und moderne Infrastruktur begrenzen seinen Bestand.


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Freund oder gefährlicher Schädling? Uschi Sorz

Vermehrt er sich massiv, ist sein Zerstörungspotenzial gewaltig. Er spielt beim Abbau von Totholz und der Verjüngung des Waldes eine wichtige Rolle: der Fichten­borken­ käfer

Borkenkäfer sind ein Teil des Naturkreislaufs Vor zwanzig Jahren sorgten Bilder des Nationalparks Bayerischer Wald für Aufsehen: tote Bäume, so weit das Auge reichte. 95 Prozent der Fichtenbestände waren zerstört, Nationalparkbefürworter und Nationalparkgegner lieferten einander rhetorische Schlachten. So könne ein deutscher Wald nicht aussehen, fanden viele. Doch Nationalparks zeichnen sich gerade dadurch aus, dass man es hier tunlichst vermeidet, in die natürliche Dynamik einzugreifen. Sie sind ein Stück ungezähmter Natur, dazu gedacht, der Artenvielfalt Raum zu geben. Auch dem Borkenkäfer. „Natürlich ist es gewöhnungsbedürftig für Menschen, wenn sie so eine riesige Fläche mit nur abgestorbenen Bäumen sehen“, erklärt Axel Schopf vom Institut für Forstentomologie, Forstpathologie und Forstschutz an der BOKU Wien. Statt als nutzlos könne man diese aber auch als Lebensraum für die Tausenden anderen Arten betrachten, die sie besiedeln. Produkte des Zerfallsprozesses nähren den Boden und lassen neues Wachstum entstehen. „Heute hat der Nationalpark in Bayern die gleiche Baumzusammensetzung wie früher, der Wald wurde lediglich verjüngt“, so Schopf. Die Natur erholt sich, es ist nur eine Frage der Zeit.

Macht sich gern am deutschen Wald zu schaffen: der Borkenkäfer

en“, sagt er. „Vieles wird bei gemeinsamen Begehungen entschieden.“ Kleine Punktbefälle stellen für den Förster kein Problem dar. „Aber das oberste Ziel sollte auch im Nationalpark ein gesunder Wald sein.“

Befall von kranken Bäumen ist gut für gesunde

Für Waldbesitzer kann er der Ruin sein Darum fürchten sie sich in der Nachbarschaft von Nationalparks davor. Schließlich bedeutet Buchdruckerbefall für Waldbesitzer einen enormen Einkommensverlust. Auch die hochgelegenen Schutzwälder muss man vor flächigem Borkenkäferbefall bewahren, sonst ist ihre Funktion, etwa vor Steinschlag, Lawinen, Muren oder Hochwasser zu schützen, gefährdet. Es wäre also naiv, den Borkenkäfer unter dem Fähnchen der Natur überall lässig vor sich hin wuseln zu lassen. Weil es ihm egal ist, ob er sich in einem Nationalpark oder in einem

b­ ewirtschafteten Wald sein Brutholz sucht, schafft man Pufferzonen. Das ist ein Kreis von 300 bis 500 Metern um die Kernzone eines Nationalparks, in der man ihn in erster Linie beobachtet und nur eingreift, wenn es nötig ist. „Wegen extremer Windwürfe 2002 hatten wir 2005 und 2006 ein großes Buchdruckerproblem“, erzählt Karl Platzer, Revierförster im Gebiet Johnsbach im Gesäuse. Von seinem 5.500-Hektar-Betreuungsgebiet im Besitz der Steiermärkischen Landesforste ist die Hälfte an den Nationalpark Gesäuse verpachtet. „Durch das Einrichten eines 500-Meter-Gürtels und das Beseitigen der Käfer mit Fangbäumen haben wir es schließlich in den Griff bekommen.“ Das überzeugte auch die Anrainer, die dem Nationalpark anfangs skeptisch gegenüberstanden. „Sie sehen, dass wir dahinter sind“, meint Platzer, für den der Spagat zwischen normalem und Nationalparkforst keine große Sache ist. „Ich habe hier wie da klare Richtlini-

„Die Rolle des Borkenkäfers kann man sich vorstellen wie die eines Raubtiers für das Wild. Nimmt er abwehrschwache Exemplare aus dem Genpool, stärkt das die ganze Population.“ Axel Schopf, BOKU Wien

Ist der Buchdrucker wirklich so ein notorischer Waldverwüster, der sich unterschiedslos durch die Fichtenwälder frisst? Wohl eher ist er ein Gourmet, der ganz bestimmte Qualitätsansprüche an seine Bäume stellt. Vom Wind umgeworfene, frisch abgestorbene Fichten liebt er, junge und gesunde lässt er normalerweise links liegen. „Seine Rolle kann man sich vorstellen wie die eines Raubtiers für das Wild“, erklärt Axel Schopf von der BOKU. „Nimmt er abwehrschwache Exemplare aus dem Genpool, stärkt das die ganze Population.“ Als Waldputztrupp, der alles Kranke und Kaputte wegräumt, ist der Buchdrucker aber dann doch nicht unterwegs. „Ist ein Baum zu stark geschwächt, wird er uninteressant für ihn“, so Schopf. Obwohl sein Wirtsbaum, die Fichte, in Mittel- und

­ ordeuropa allgegenwärtig ist, muss diese N bestimmte Voraussetzungen erfüllen, damit er sie besiedelt. Dabei spielen sein Orientierungsverhalten, die Baumabwehrbereitschaft und die Witterungsverhältnisse eine Rolle. Gefährlich wird der Buchdrucker erst bei Massenvermehrung, hervorgerufen etwa durch Extremereignisse wie Stürme oder Trockenperioden. Sie liefern ihm viel geeignetes Brutholz. Geht dieses zur Neige, können die Käfermassen auch gesunde Bäume angreifen. Angesichts des Klimawandels bietet der Zusammenhang zwischen Ausbreitungsverhalten und Umweltbedingungen jede Menge Stoff für Forscher.

Der Buchdrucker, das unbekannte Wesen „Im Grunde wissen wir noch relativ wenig über den Buchdrucker“, konstatiert Schopf. „Wir haben viele Einzeldaten, aber es gibt noch viel zu tun, um sie zu einem Gesamtbild zusammenzufügen.“ Auf alle Fälle funktioniert er wesentlich vielschichtiger, als man es bei dem kleinen Kerlchen vermuten würde. „Man unterschätzt solche Tiere leicht, was ihre Sinnesleistungen und ihr Verhaltensrepertoire betrifft.“ So hat der Buchdrucker etwa einen ausgeprägten Geruchssinn und kann sogar Farben erkennen. Obendrein hat er die erstaunliche Fähigkeit, die Abwehrstoffe des Baums umzubauen, in sein eigenes Duftbouquet aufzunehmen und damit Artgenossen zu bisher unbesiedelten Bäumen zu locken. Wird’s dort zu voll und kann der Baum nicht mehr alle ernähren, modifiziert er das Duftbouquet noch einmal zu einem Abschreckstoff, der weitere Mitbewohner vertreibt. Solche Individuen, welche die Leitfunktion für den Neubefall eines Baums übernehmen, nennt man Pionierkäfer. Noch hat man nicht herausgefunden, wie ein Buchdrucker dazu wird. „Zusammenhänge mit der Größe, seinem Fettgehalt oder besonders gutem Flugvermögen haben sich nicht bestätigt“, sagt Schopf. Am Ausbreitungsverhalten des Buchdruckers wird an der BOKU Wien derzeit viel geforscht. Weil auch der Stoffwechsel und die Reaktionsweisen des Baums darauf Einfluss nehmen, ist das ein interdisziplinäres Unterfangen. „Wenn wir vorhersagen können, wohin der Buchdrucker bei welchen Bedingungen fliegt, lassen sich Orte des Neubefalls besser abschätzen und rechtzeitige Bekämpfungsmaßnahmen leichter durchführen“, so Schopf. „Dies wäre für die Kontrolle von Pufferzonen um naturgeschützte Flächen wie Nationalparks, aber auch für unsere sensiblen Schutzwaldzonen in Zeiten der Klimaveränderung von großer Bedeutung.“

Fotos: josef buchdrucker, Privat

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igentlich sieht er harmlos aus: klein, braun, ein bisschen behaart. ­Unter dem verwegenen Namen „Großer achtzähniger Fichtenborkenkäfer“ hätte man sich eine eindrucksvollere Kreatur vorgestellt als ein etwa fünf Millimeter großes unauffälliges Käferchen. Aber der Buchdrucker (Ips typographus), der im Fichtenbast brütet, hat es in sich. In der Forstwirtschaft kann das unschuldig aussehende Tierchen größten Schaden anrichten, mehr noch als sein ebenfalls recht aggressiver Verwandter, der um die Hälfte kleinere Kupferstecher (Pityogenes chalcographus). Der Wertverlust eines befallenen Baums ist beträchtlich. Darum wachen Waldbesitzer streng darüber, dass sich der Buchdrucker nicht zu stark ausbreitet. Bei Massenvermehrung kann er nämlich ganze Wälder zum Absterben bringen.


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FOTO: WILD WONDERS OF EUROPE /STEFANO UNTHERTHINER / W WF

Das Wisent ist das größte freilebende Landsäugetier Europas und war hier früher nahezu überall verbreitet. In den 1920er-Jahren wurde es beinahe ausgerottet. Mittlerweile gibt es Wiederansiedelungsprojekte des mächtigen Wildrindes, etwa in den Tarcu-Bergen der rumänischen Karpaten. Hier haben der WWF und seine Partnerorganisation „Rewilding Europe“ vor einem Jahr zwanzig Tiere freigelassen.


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Italiens alter Buchenwald Veronika Pelikan

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ur wenige Kilometer trennen die Foresta Umbra von den weißen Kalksteinklippen der Gargano-Küste, der duftenden Macchia-Vegetation und den pittoresken Fischerdörfchen. Wer die steilen Kurven auf sich nimmt und etwa eine halbe Stunde ins Landesinnere vordringt, entdeckt eine in diesen Breiten unwirklich anmutende Welt: uralte Buchen und Eichen, Farne und Orchideen; stille Waldseen und karstige Hochebenen; unwegsame bewaldete Schluchten und geheimnisvolle Grotten mit den Spuren längst vergangener Zivilisationen.

Der größte Buchenwald des Südens Die Foresta Umbra ist der größte noch erhaltene der einst ausgedehnten Buchenwälder Südeuropas. Dank der topografischen Vielfalt und klimatischen Besonderheiten weist der Nationalpark eine ungewöhnlich reiche Flora und Fauna auf: Über 2.200 ­botanische Arten, allein 80 verschiedene Orchideen, wurden gezählt. Mehr als 80 Säugetierarten, darunter eine seltene Rehart, Hirsche, Wildschweine, Füchse, Dachse, Marder, seltene Fledertiere, Wildkatzen, sogar Wölfe bevölkern den Wald. 170 Vogelarten nisten hier, darunter Kuckuck, Uhu, Falke, Bussard, Wiedehopf, Waldkauz und Specht. In prähistorischer Zeit war der höherliegende Teil der heutigen Halbinsel vom Festland getrennt. Deshalb sind viele Pflanzenarten hier endemisch. Gemeinsam mit den Seen Lago di Varano und Lago di Lesina, den nahen Tremiti-Inseln und weiten Küstenstrichen wurde die Foresta Umbra 1991 zum Nationalpark erklärt. Sie ist groß, vielfältig, artenreich und – stark bevölkert. 18 Gemeinden der Gargano-Halbinsel wurden Teil des Parco Nazionale. Die daraus entstandenen Konflikte sind bis heute nicht gelöst.

Touristen brachten Geld in die Region Die ersten Touristen in den Sechzigerjahren waren fasziniert von der rauen Schönheit und den archaischen Sitten des Gargano. Elektrifizierte Häuser waren selten, Straßen kaum asphaltiert, Esel das Fortbewegungsmittel der Wahl. In knapp zwei Jahrzehnten wurden die Küsten touristisch erschlossen. Ende der Achtzigerjahre erreichte der Boom einen Höhepunkt. Einige der ehedem einfachen Olivenbauern hatten mit Campingplätzen, Hotels oder Gastronomiebetrieben ein ansehnliches Vermögen verdient. Goldgräberstimmung hatte sich breitgemacht, Flächenwidmungspläne hinkten der Entwicklung hinterher. Die Proklamation des Nationalparks und die damit einhergehenden Gesetze zu seinem Schutz bereiteten mancher Vision ein jähes Ende. Nicht jeder will sich damit abfinden. Bis heute sind Landnahmen und illegale Bauwerke nicht in den Griff zu

Das Gargano, der „Sporn“ des italienischen Stiefels, ist einer der größten und artenreichsten Nationalparks Italiens. Seit seiner Gründung 1991 suchen Bewohner, Naturschützer, Touristiker und Parkverwaltung nach einer gemeinsamen Identität

bekommen. „Im Gargano finden wir eine ungewöhnliche Situation vor“, sagt Angelo Masucci, Anwalt des WWF Apulien. „In der Regel vertreten wir Interessen, die auch jene der Bürger sind. Hier ist es anders. Vor allem die einfacheren Gemüter sehen in unserem Engagement eine Einschränkung ihrer Möglichkeiten.“

Menschen und Gemeinden im Nationalpark Der Parco Nazionale del Gargano vereint auf rund 120.000 Hektar bis zu tausend Meter hohe Gipfel, Lagunen-Seen, Küstenlandschaften, Sümpfe und Inseln. Die Grotten, die der Regen aus dem porösen Karstgestein gewaschen hat, dienten Menschen aller Epochen als natürlicher Unterschlupf. Die ältesten Funde in der Grotta ­Paglicci bei Rignano Garganico werden dem ­Gravettien zugerechnet (rund 29.000 v. Chr.). Nicht minder berühmt ist die Grotte des Heiligen Michaels in Monte Sant’ ­Angelo, einem bedeutenden Wallfahrtsorte des Mittelalters, seit 2011 UNESCO Weltkulturerbe.

„Der Gargano muss auf Qualität setzen, wollen wir wirtschaftlich erfolgreich sein“ D o m e n i c o D ’ Am a t o T o u r i s t i k - U n ter n e h m er

„Die wichtigste Aufgabe des Nationalparks ist die Zusammenarbeit mit den Bürgermeistern der einzelnen Gemeinden,“ erklärt Maria Pia Vigilante, Anwältin in der Landeshauptstadt Bari und selbst in einer der kleinen Gargano-Gemeinden geboren. „Mein Geburtsort Peschici mit seiner immerhin über tausendjährigen Geschichte hat sich vor Kurzem der Initiative ­Borghi ­authentici angeschlossen. Das zeigt, dass sich auch in unserer bäuerlich geprägten Mentalität langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass die Strände nicht unsere einzige Ressource sind, sondern dass auch Kultur und Authentizität ihren Wert haben und dass der Park eine wichtige Rolle spielt.“

Ein Satellitenkontrollsystem für den Nationalpark? Bis freilich alle Gemeinden überzeugt sind, dass nachhaltiger Tourismus und schonender Umgang mit den landschaftlichen Ressourcen den ersehnten Wohlstand bringen können, ist noch viel zu tun. Erst kürzlich hat der Nationalpark Geldmittel für den Abriss illegaler Bauten freigemacht. Eine spektakuläre Aktion mit großem Medienecho. Ein Tropfen auf den heißen Stein. „Wir brauchen ein modernes Satellitenkontrollsystem, um das Gebiet effizienter schützen zu können“, fordert Stefano Pecorella, seit dem Jahr 2012 Präsident des Nationalparks. „Ein Nationalpark ist eine

­ inrichtung im Interesse der Allgemeinheit. E Seine Gesetze zielen darauf ab, dieses Interesse mit jenen des Einzelnen in Einklang zu bringen. Meine Aufgabe ist es, darauf zu achten, dass diese Gesetze auch eingehalten werden.“ Doch eine politische Einigung, wie der Interessensausgleich im Park aussehen soll, wurde seit seiner Gründung nicht erzielt. „Ich verwalte den Park heute auf Basis eines gerade einmal neun Artikel umfassenden provisorischen Statuts“, beklagt Pecorella. „Seit 1995 liegt ein umfassenderes Regelwerk vor. Es wurde allerdings nie beschlossen und ist inzwischen auch nicht mehr zeitgemäß.“

Die Parcogiochi – Hoffnung für die Zukunft Dennoch gibt es Anzeichen, dass sich die scheinbar widersprüchlichen Positionen annähern. „Der Gargano muss auf Qualität setzen, nicht auf Quantität, wenn wir wirtschaftlich erfolgreich sein wollen“, ist sich Domenico d’Amato, Touristik-Unternehmer in zweiter Generation, sicher. „Das bedeutet: Wir müssen bestehende Strukturen aufwerten, kommunizieren, was uns einzigartig macht, und ein modernes, umweltfreundliches Verkehrskonzept entwickeln.“ In seiner Ferienanlage bemüht er sich, die typischen Dünen wieder entstehen zu lassen, und um die Anpflanzung autochtoner Arten. Tatsache ist, dass viele Garganici die Schönheit ihrer Gegend als ganz selbstverständlich hinnehmen und sich über deren Schutz nicht allzu viele Gedanken machen. Ein wichtiges Projekt des Nationalparks setzt daher bei den jüngsten Parkbewohnern, den Volksschülern an. „Parcogiochi“ vermittelt auf spielerische Weise Fauna und Flora, kulturelles und gastronomisches Erbe. „Es ist wichtig, dass wir uns unserer Traditionen besinnen“, ist ­Pecorella überzeugt. „Wir können nur zu unserer Identität finden, wenn wir die Erinnerungen an unsere Vergangenheit, an das, was wir waren, mit dem verbinden, was wir heute sind – und mit der Zukunft, die wir uns wünschen.“ Seine Hoffnung: internationale Aufmerksamkeit und mehr Mittel zum Schutz des Parco Nazionale. Die Chancen dafür stehen gar nicht so schlecht. Die Erhaltung der europäischen Buchenwälder hat im letzten Jahrzehnt an internationaler Bedeutung gewonnen: Die Klimaerwärmung und die damit einhergehende Trockenheit gefährden die Buche kühles und feuchtes Umfeld bevorzugt. Dass die Buchenwälder des Gargano so nah am Meer gedeihen, macht sie zu einer biologischen Besonderheit. Zwei Kernzonen des Gargano – die Gebiete Umbra und Falascone – wurden kürzlich als Kandidaten für den Status als UNESCO Weltnatur­ erbe vorgeschlagen.


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FOTO: WILD WONDERS OF EUROPE / SVEN ZACEK / WWF

Der Steinadler wird oft als Symbol für die wilden, ungezähmten Alpen gesehen. In vielen österreichischen Schutzgebieten wie den Hohen Tauern, den Kalkalpen, dem Gesäuse oder Karwendel sind die Vögel zu beobachten – Gebiete, die allesamt ein hohes Wildnispotenzial aufweisen.


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Wildnis in Europa: Das Glossar Jochen stadler

Abschussplan

Behördlich festgelegtes Jahressoll für Jäger je nach Alter und Geschlecht des zum Abschuss freigegebenen Wildes. Alpen-Karpaten-Korridor

Traditionelle Wanderroute für Rotwild, Wölfe, Luchse, Bären und andere Wildtiere, die durch menschliche Siedlungen und Verkehrswege an vielen Stellen unterbrochen wurde. Die Reste der naturnahen Gebiete sollen nun in einem grenzüberschreitenden EU-Projekt von der Slowakei und Österreich wieder verbunden werden.

Beutegreifer

Gutmenschen-Version für Raubtiere, um deren ungerechtfertigt schlechtes Image aufzupolieren. Beuteschema

Das gewisse „Etwas“, an dem Beutegreifer ihre Opfer erkennen. Biogenetische Reservate Schutzgebiete in Europa, um „repräsen-

tative Beispielsflächen der Natur des Kontinents“ zu erhalten. Comeback

Das Ende einer Art ohne dem Zutun des Menschen.

Wiederauftritt von Musikern, Schauspielern und Fußballstars sowie Bären, Wölfen und Luchsen in Gebieten, in denen sie ausgerottet wurden.

Ausrottung

Europa

Aussterben

Das Verschwinden von biologischen Arten als Folge menschlicher Aktivitäten wie der gezielten Verfolgung, der Zerstörung von Lebensräumen und dem Einschleppen von Fressfeinden, Nahrungskonkurrenten, Parasiten und Krankheitserregern. Bär

Das größte an Land lebende Raubtier der Erde, und zugleich ein scheuer Allesfresser, der sich vorwiegend von Gräsern, Kräutern, Beeren und Pilzen ernährt. Wurde in Österreich erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts ausgerottet, nach seiner Wiederansiedelung Ende des 20. Jahrhunderts und einem kurzzeitigen Problembärendasein durch illegale Abschüsse kürzlich zum zweiten Mal. Barriere

Hindernis (wie eine Autobahn, Siedlung, Staumauer oder Windräder) für Tiere auf Wanderungen zu Brut-, Laich- und Futtergebieten. Bauern

Personen, die nicht nur finanziell darunter leiden, wenn ihre Hühner, Schafe und Jungrinder von Füchsen, Bären und Wölfen verspeist werden. Sie sollten dafür entschädigt werden. Auch können sie ihr Vieh mit Herdenschutzhunden, adäquaten Zäunen und dem abendlichen In-den-Stall-Bringen vor Raubtieren schützen. Berner Konvention

Völkerrechtliches Übereinkommen zur Erhaltung der wildlebenden Pflanzen und Tiere in Europa. Beute

Tier, das von einem fleischfressenden Raubtier ­getötet und verspeist wird.

Eines der von Menschen am dichtest besiedelten Gebiete der Erde, in dem laut Wissenschaftern aber noch ausreichend Platz für große Raubtiere wie Bären, Wölfe und Luchse ist. Fallwild

Jagd

Beruf oder Hobby, um Fleisch und Trophäen zu gewinnen und das ökologische Gleichgewicht wiederherzustellen, das durch übermäßige Fütterung und die Ausrottung der natürlichen Feinde verlorenging.

Lotka-Volterra-Gleichung

Sperber

Beschreibt das Verhältnis von Raubtieren und ihrer Beute als gekoppelte Differenzialgleichungen. Luchs

Raubkatze, die vielerorts ausgerottet wurde. Aktuell wachsen ihre Bestände durch Wiederansiedelung in Europa, doch hierzulande gibt es aktuell nur ein paar Exemplare in den Grenzgebieten und zwei verwitwete Weibchen samt Nachwuchs im Nationalpark Kalkalpen.

Marderhund

Mit Wald und Wiese bepflanztes Bauwerk, über das Tiere Autobahnen, Bundesstraßen und Bahntrassen überqueren können. Grüner Gürtel

Der ehemalige Todesstreifen, der in Zeiten des Kalten Krieges Europa zerschnitt, wurde jahrzehntelang kaum von Menschen betreten und so zum Naturgebiet.

Ort, an dem Jäger tote Tiere – sogenannte Luder – auslegen, um Raubtiere anzulocken. Hundefamilienmitglied, das von der Evolution marderartige Merkmale bekommen hat. Der scheue, nachtaktive Allesfresser stammt aus Nordostasien und wurde in Europa ausgesetzt. Breitet sich seit 1950 im nördlichen Nieder- und Oberösterreich und dem Burgenland aus. Natura-2000

Netzwerk von EU-Schutzgebieten, um gefährdeten, wildlebenden Tieren und Pflanzen einen Lebensraum zu bieten. Naturpark

Greifvogel, den Jäger, Brieftauben- und Hühnerzüchter jagten und fast ausrotteten, bis er Ende des 20. Jahrhunderts unter Schutz gestellt wurde.

In Österreich von der jeweiligen Landesregierung vergebenes Prädikat für Naturräume, die geschützt werden, um der Erholung und Bildung sowie der regionalen Entwicklung zu dienen.

Herdenschutzhund

Naturschutzgebiet

Habicht

Großer, kräftiger Hund mit Schutzund Territorialtrieb, der Schafe und Ziegen vor Raubtieren verteidigt. Illegale Abschüsse

Hauptgrund, warum Bär, Wolf, Luchs und Adler hierzulande nur sehr kurze Überlebenszeiten haben.

Rechtliche Konsequenzen

Theoretische Folge eines illegalen Abschusses, die mangels Kontrolle jedoch nur in den seltensten Fällen droht.

Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie

Grünbrücke

Verhalten zeigt.

Das gleichzeitige Vorhandensein von Konkurrenten wie zum Beispiel Raubtieren und der Jägerschaft.

Luderplatz

und Artenschutzregelungen enthält.

Problembär Bär, der angeblich kein artgerechtes

Koexistenz

Wildtier, das nicht von einem Jäger erlegt wurde, sondern etwa von einer Krankheit, einem Auto oder einer Mähmaschine. EU-Naturschutzaktion, die etwa das Natura-2000-Netzwerk schaffen soll

und Züchtern einige Fische wegfressen und daher verfolgt werden.

In jedem österreichischen Bundesland etwas anders definierte Gegend, in der seltene Pflanzen und Tiere leben und die „eine möglichst ursprüngliche Natur“ bietet. Otter

Wasserliebende Marder, die Anglern

Mit Papageien am nächsten verwandter Vogel, der „zum Wohle der Singvögel“ selbst von Naturschützern lange verfolgt und durch das Insektizid DTT fast ausgerottet wurde. Verwechslung Den Luchs zunächst für einen Fuchs

gehalten zu haben, behauptete ein Jäger, nachdem Polizisten die erlegte Raubkatze aus dem Naturpark Kalkalpen im April in einer Tiefkühltruhe fanden. Vielfraß

Bis zu 30 Kilogramm gewichtiges Mardertier, das im Norden Europas, Asiens und Amerikas lebt und bis vor Kurzem als Nahrungskonkurrent und Pelzlieferant gejagt wurde. Waschbär

Nordamerikanischer Allesfresser, der sich auch in Europa breitmacht, nachdem er aus hiesigen Gehegen und Pelztierfarmen entkommen ist. Wiederansiedelung Durch illegale Abschüsse bisher meist

zunichte gemachter Versuch, hierzulande ausgerottete Bären, Wölfe, Luchse und Greifvögel wieder heimisch zu machen. Wilderei

Das unbefugte Erlegen von Tieren. Wildschwein

Das wohl in Österreich für den Menschen am gefährlichste Wildtier. Wolf In Europa einst weitverbreitetes Raub-

tier, das teils göttlich verehrt, teils als Nahrungskonkurrent gehasst und durch die Gebrüder Grimm massiv verunglimpft wurde. Er wurde in Österreich Ende des 19. Jahrhunderts ausgerottet. Wiederansiedeln konnte er sich im Gegensatz zu den Nachbarländern nicht, doch manchmal schauen einzelne Exemplare vorbei.


heureka

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Gedicht

Was am Ende bleibt

friedrich achleitner: in eigener sache

Friedrich Achleitner, geboren 1930 in Schalchen, Oberösterreich, war Mitglied der Wiener Gruppe und bis 1989 Professor an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Zuletzt erschien: „iwahaubdd“ (2011), „Den toten eine Blume. Die Denkmäler von Bogdan Bogdanivic“ (2013), „wortgesindel“ (2015) und „Friedrich Achleitners Blick auf Österreichs Architektur nach 1945“ (2015).

Glamour in der Politik

es ist immer etwas eigenes, in eigener sache zu sprechen. eigentlich liegt es mir gar nicht. was heißt schon eigen?

erich klein

man muss bezweifeln, ob es sich überhaupt um eine sache handelt. mit sachen könnte man ja handeln, das liegt in der natur jeder sache. auch mit eigenen sachen. Aber in eigener sache? mit der eigenen sache, sagt mir ein freund, ist das so eine eigene sache. das wird immer missverstanden. wenn mir jemand mit einer eigenen sache kommt, hör ich schon weg. und in meiner sache hat noch nie jemand mit mir gesprochen. das fände ich spannend. da würde ich gleich hinhören.

er ich k lein

Aus: friedrich achleitner: wortgesindel Paul Zsolnay Verlag, Wien 2015

Rätsel von Gaja 2

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Waagrecht: 1 Unewiger Jagdgrund 8 Lösungswort: Leichenflatterant? 9 Für Alpha-Tiere das Allerletzte 10 Wenn die Musi’ spielt, pfeift’s aus allen Rohren 12 Milde ausgedrückt: Temperatur ohne Temperament 13 Die1 NR steht2zur Wahl3 4 5 6 7 14 Backhardware 15 Altneuseeländer 17 Schwungkraft für Sachmacher 19 Abstammung 21 User-maat-Re-setep-en-Re, der Große & der II. 23 Nutztier aus dem Silicon Valley? 25 Nimmt Surfer an die lange Leine 26 Eine an der Seine 27 Glücksblattitüde? 29 Herausragende Gegend für Gipfeltreffen 30 Anti-aus 31 Iban, die Schreckliche, ist da eine ganz große Nummer Senkrecht 1 Darf die Natur ausbeuten 2 Majestätische Lufthoheit über englischem Sprachraum 3 Erste Person Mehrzahl? 4 Actionphase aus der Traumfabrik 5 Ein echter Gourmand, der Gulo gulo 6 Im umlauteren Wettbewerb sorgt sie am Ende für eine frostige Beziehung zwischen Griechenland und der Türkei 7 Oberösterreichischer Doppeltreffer bei Stadt, Land, Fluss 11 Unimutti 14 Wenn Buchstaben null + nichtig werden 16 An das anders 18 Naturtalente für dramatische Abgänge? 20 U-Ausschuss aus dem Admiralarsenal? 22 Strategielos beim TTIP-Kick 24 Anglizismus aus dem Ereignisreich 25 Karibischer Castronomiebetrieb? 27 Sitzungszimmer 28 Nerdige Party-Connection

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Lösungswort: WOLFSBLUT Waagrecht: 1 RESERVAT, 8 AASGEIER, 9 OMEGA , 10 BLAS, 12 LAU, 13 TEL , 14 OFEN, 15 MAORI, 17 ELAN, 19 AST, 21 RAMSES , 23 USER, 25 KITE , 26 UNE, 27 KLEE, 29 BERGLAND , 30 AN, 31 KONTO Senkrecht, 1 RAUBTIER , 2 EAGLE , 3 EGOS, 4 REM, 5 VIELFRASS , 6 AEGAEIS , 7 TRAUN, 11 ALMA MATER, 14 OO , 16 ANS, 18 LAWINEN, 20 TORPEDO, 22 EU, 24 EVENT, 25 KUBA , 27 KLO , 28 LAN

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Glamour hat in der Politik eigentlich nichts verloren. Kommt der österreichische Bundespräsident zur Sache, spricht er von „Res publica“. Nicht einmal wienerischen Glamour wird man Heinz Fischer deshalb attestieren. Aus anderen Gründen ähnlich verhält es sich mit österreichischen Provinzpolitikern, Landesfürsten und Populisten. Ihr Bekanntheitsgrad reicht von Dorf-Disco zu Dorf-Disco. Eigentlich ist das doppelte Gedenkjahr – siebzig Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs und sechzig Jahre Staatsvertrag – mit seinem Gemisch aus Befreiung und Freiheit, Trauer und Freude, kein Anlass für Glamour. Dennoch – ein Hauch glamouröser Geschichte wehte durchs Land. Seinen Ursprung hat politischer Glamour vermutlich im Krieg. Bei Kriegsbeginn wurden Göttinnen oder ihnen Vergleichbare angerufen. Glamour umgab Helden wie Achilles oder David, nicht anders verhielt es sich mit Alexander oder Napoleon. Das Ende von miltärischem Glanz und Gloria erfolgte in den Stellungskriegen des Ersten Weltkriegs. Hat der Glamour auch eine „menschelnde“ Seite? Über Diktatoren und Massenmörder darf sich niemand Illusionen machen. Doch sind es gerade sie, die Glamour, dieses Spiel von Distanz und Geheimnis, zum Faktor der Politik machen. Bei demokratisch ge9 wählten Politikern ist es wohl John F. Kennedy, von 1961 bis zu seiner Ermordung 1963 Präsident der USA, der Glamour ausstrahlte. Seine Macht bestand unter anderem darin, den Kommunisten in der Kubakrise Widerstand zu leisten. Legendär ist seine Antwort auf den Bau der Berliner Mauer: „Ich bin ein Berliner!“ Kennedy symbolisierte mit Jugendlichkeit und gutem Aussehen politischen Wandel. Seinem diesbezüglich ebenbürtigen Nachfolger Barack Obama blieb es nur, den GlamourSlogan in die Schlacht zu werfen: „Yes, we can! Obamas russisches Gegenstück Wladimir Putin, ein Dreiviertel-Zar zu Lebzeiten, setzt üblicherweise auf imperialen Kreml-Glamour. „Glamour ist eine Weise, selbst der Tragödie eine Art Charme zu verleihen“, meinte die Autorin Linor Goralik einmal mit kritischem Blick auf Putin. Jüngst, bei den Feiern zum Sieg über NaziDeutschland auf dem Roten Platz zeigte auch Putin, dass er es kann. Wo Trauer angesagt wäre, zog sich der russische Präsident das Mäntelchen des glamourösen Triumphators über. Von „Res publica“ ist in Moskau ohnedies nicht die Rede.


Anzeige / © Ian Ehm

Wissen schafft Arbeit! Für Wien brauchst a G´spür. Von Forschung und Entwicklung profitieren wir alle. Die SPÖ Wien investiert umfassend in Forschung und innovative Unternehmen. Bürgermeister Dr. Michael Häupl ist der Garant dafür, dass alle Wienerinnen und Wiener etwas davon haben: Wien wird zur Stadt des Wissens. Denn Forschung kurbelt die Wirtschaft an, schafft tausende Arbeitsplätze und sichert den Wohlstand von morgen.

Web: wissenschafftarbeit.spw.at

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