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FALTER HEUREKA

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athematik Für die Forschungen in Biologie und Medizin wird Mathematik immer wichtiger

Mitteleuropas Spermien halbiert Gründe für die sinkende Fertilität in Österreich Außeruniversitäre Forschung Haben sich die Forschungseinrichtungen neu ausgerichtet?

Das Wissenschaftsmagazin

Nr. 1/11

Wir werden mehr. Und anders 2050 soll es 9,4 Millionen Österreicherinnen und Österreicher geben. Wir berichten, wie Wissenschaftler den demografischen Wandel bei uns erläutern und bewerten

TITELBILD: FLORIAN RAINER

Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2294/2011


Sind Grünanlagen alles, was man für eine grüne Stadt braucht?

Unsere Infrastrukturlösungen sorgen für eine umweltverträgliche und nachhaltige Stadtentwicklung. Und somit für grünere Städte. Jeder, der in einer Großstadt lebt, kennt diese Fragen: Könnte die Luft nicht sauberer sein? Das Wasser reiner? Der öffentliche Nahverkehr schneller, die Infrastruktur besser und die medizinische Versorgung effizienter? Unsere Antwort: zahlreiche innovative Produkte und Lösungen, die helfen, das Leben in der Stadt für ihre Bewohner grüner und gesünder zu machen – einfach lebenswerter eben.

siemens.com/answers


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Inhalt

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Akademischer Star und junge Forscherinnen Bemerkenswerte akademische Karrieren Herr & Hund haben ein soziales Hirn Verhaltungsforschung bei Mensch und Tier Körpergröße und Erfolg Wie beeinflusst die Größe die Karriere? Der demografische Wandel in Zahlen Der Countdown zum Thema

18 20 21 22

Neue Staaten in Europa? Soziologe Heinsohn über Europa im Wandel Wir werden anders Migrantinnen über das Leben in Österreich Die Multiminoritätengesellschaft Österreichs Gesellschaft wird vielfältiger Mitteleuropas Spermien halbiert Gründe für geringeres Bevölkerungswachstum

Die Rückkehr der alten Garde Ältere Menschen müssen länger arbeiten Wo steht die außeruniversitäre Forschung? Arbeiten unter neuen Rahmenbedingungen Revolutionen in Nordafrika Interview mit der Politologin Irene Etzersdorfer Gedicht, HEUREKA-Rätsel, Gut und Böse Die Helden von Fukushima

Kommentar

Editorial

Frauenquote: zu wenig

CHR ISTIAN ZILLNER

SABINE SEIDLER

15. März 2011 hat Österreich S eitoffiziell eine Frauenquote. Sie

GR AFIK: TONE FINK, FOTO: PRIVAT

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drückt einen politischen Willen aus. Doch die Ursachen für die Probleme sind zu vielschichtig, um mit einer so einfachen Maßnahme, die noch dazu in vielen Bereichen gar nicht kurzoder mittelfristig umsetzbar ist, eine Lösung bieten zu können. Die Quote unterstützt Bewusstseinsbildung und kann im Einzelfall auch Ungerechtigkeiten ausgleichen, die systemische Aufgabe ist jedoch so nicht zu bewältigen. Wenn die bis 2018 angestrebte Prozentzahl dazu führt, dass sich Prozesse in die richtige Richtung entwickeln, wird die Diskussion, ob 35 oder 50 Prozent, obsolet. Die Menschen, die sich für die Gleichstellung von Frauen und Männern im Arbeitsleben einsetzen, haben nicht die Erfüllung einer Planzahl im Kopf, sondern betrachten die gesellschaftliche Dimension. Auch wenn fraglich ist, wie ehrgeizig 35 Prozent zu bewerten sind, sie erscheinen realistisch. Um die geplante siebenjährige Übergangsfrist beurteilen zu können, kommt es auf die angestrebte Wirkung der Quote an. Wenn es nur darum geht, diese zu erfüllen, lässt man sich zu viel Zeit. Geht es aber darum, gesellschaftliche Änderungen herbeizuführen, für die 35 Prozent letztlich nur eine Zwischenetappe sind, dann ist der Zeitrahmen angemessen. Nun stellt sich noch die Frage, ob der Staat durch ein vermeintliches Herbeirufen kultureller Änderung ein Vorbild für Privatbetriebe sein kann. Man ist im ersten Moment versucht, mit „Nein“ zu antworten. Im Gesamtkontext betrachtet, scheint es aber logisch, dass der Staat dort beginnt, wo er direkte Eingriffsmöglichkeiten hat. Die Quote ist ein Schritt in die richtige Richtung, der mutlos wird, wenn er der einzige Schritt bleibt.

Auf die begleitenden Maßnahmen kommt es an. Doch damit sind nicht sogenannte „Frauenförderungen“ gemeint, die fast alle bei vermeintlichen Schwächen und nicht bei den Stärken ansetzen. Um die Aufgaben in einer Spitzenposition zu erfüllen, müssen die bisherigen Leistungen des/der BewerberIn Voraussetzung sein. Denn jemanden mit einer Aufgabe zu betrauen, der er/sie nicht gewachsen ist, macht keinen Sinn. Doch wer definiert, welches die not-

wendigen Voraussetzungen sind? Es gilt, eingefahrene Wege zu verlassen und sich zu überlegen, ob ausschließlich das, was man als „klassische Karriere“ bezeichnet, letztlich zu der Qualifikation führt, die benötigt wird.

Finkenschlag Handgreifliches von Tone Fink

Sabine Seidler ist ab Oktober 2011 Rektorin der TU Wien

www.tonefink.at

Seit einiger Zeit unterhalten große Unternehmen Abteilungen für Corporate Social Responsibility, kurz CSR. Damit wollen sie ihr soziales Engagement für die Gesellschaft signalisieren. Bevor man den akademischen Verdacht aufkommen lässt, es handle sich bloß um Heuchelei, sollten sich Institutionen wie Universitäten lieber die Frage stellen, ob ihnen so etwas nicht auch von Nutzen sein könnte. Immerhin wird ihnen von verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren, besonders solchen aus der Wirtschaft, unterstellt, durch zwecklose Grundlagenforschung und arkane Postenbesetzungen Steuergeld zu verschwenden. Nun ist es wohl vergebliche Liebesmüh, einem Wirtschaftsfunktionär die Bedeutung von Grundlagenforschung und akademischer Freiheit begreiflich zu machen. CSR aber kennt er. Mit CSR-Programmen könnten Unis einiges vom Vorwurf abfangen, sich um gesellschaftliche Notwendigkeiten nicht zu kümmern. Kostet Geld? Nun, wenn es der akademischen Freiheit nutzt, die gesellschaftliche Notwendigkeit, aber schwer zu vermitteln ist … Unis wehren sich wie Unternehmen gegen Einmischung von außen. Mit CSR aber gehen Letztere in die Offensive, um dem Gegner auf seinem Terrain zu begegnen. heureka@falter.at

Impressum Falter 15a/11 Herausgeber: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at Redaktion: Dr. Christian Zillner Artdirektion: Dirk Merbach Layout: Reini Hackl, Raphael Moser Fotoredaktion: Karin Wasner, Ioulia Kondratovitch Korrektur: Hildegard Atzinger, Patrick Sabbagh Druck: Goldmann Druck AG, 3430 Tulln DVR: 047 69 86

heureka! erscheint mit Unterstützung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung


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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Kopf im Bild

Unglaublicher Biss Vor allem die Symbiose von Grundlagenforschung und klinischer Tätigkeit im Fach Parodontologie und Kieferorthopädie ist für Xiaohui Rausch-Fan eine Herausforderung. Sie ist zurzeit Dozentin der Zahnmedizin und Oberärztin an der Division für Parodontologie und Prophylaxe der Bernhard-GottliebUnizahnklinik an der MedUni Wien. Im Jänner 2011 wurde sie auf Platz eins für die Professur für orale Biologie an der MedUni Wien gereiht. Allfällige Berufungsverhandlungen stehen allerdings noch aus. Ihr Lebenslauf ist beeindruckend. Rausch-Fan schloss in China ein Medizinstudium ab und arbeitete als Universitätsassistentin. Anschließend absolvierte sie ein PhD-Studium in Medical Science in Japan. In Wien studierte sie Zahnmedizin nach erfolgreicher Nostrifikation für Medizin. Nach der Gastprofessur an der Bin-Zhou-Uni in China werden wohl in Wien bald weitere Ehrungen und Arbeit auf die mehrfach ausgezeichnete Forscherin warten. TE X T: NATHALIE GROSSSCHÄDL FOTO: R EGINA HÜGLI

Junge Forscherinnen anchmal zeigt sich schon in der M Kindheit reges Interesse an einer Studienrichtung. Mit dem Alter steigt dann der Wunsch zu forschen, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Cordula Bartel, 28 VetMed Uni, Wien

„Die Leidenschaft zu Flora und Fauna wurde mir in die Wiege gelegt“, so Cordula Bartel. Ihre Stofftiere mussten für OPs herhalten. Als Erwachsene interessiert sie sich für die Kombination aus Veterinärmedizin, Biologie und Zellbiologie. Die „schicksalhafte Biochemieprüfung im zweiten Studienjahr Veterinärmedizin“ sieht einen Umweg vor: Bartel beendet das Studium der Biologie/Zoologie.

Heute arbeitet die PhD-Studentin im Initiativ Doctoral College BIOREC als wissenschaftliche Mitarbeiterin: „Ich untersuche die Wirkung von Steroidhormonen auf die Drüsen des caninen Endometriums. Nach einer Routinekastration werden die Drüsen aus dem Gewebe gelöst und in ein 3DZellkulturmodell gebracht.“ Das Modell ermögliche Forschungsansätze ohne Tierversuche. Alexandra Millonig, 39, Austrian Institute of Technology – Mobility Dept., Wien

2005 beendete Millonig das Studium der Raumplanung. Für ihre Diplomarbeit über das „menschliche Orientierungsverhalten“ erhielt sie den

Anerkennungspreis der Österreichischen Forschungsgesellschaft Straße und Verkehr (FSV). Heute untersucht die wissenschaftliche Mitarbeiterin des AIT Mobility Department das Mobilitätsverhalten von Personengruppen: „Mich interessiert einerseits, welche Routen und Verkehrsmittel Menschen wählen, andererseits, warum welche Informationsmedien genutzt werden.“ Verwendung finden ihre Erkenntnisse in der Entwicklung von Simulationsmodellen und Verkehrsinformationssystemen. Das Ziel: Förderung nachhaltiger Verkehrsverhaltensmuster. 2010 wurde sie vom Verkehrsministerium zur FEMtechExpertin des Monats Juni gekürt.

Eva Schwab, 36, BOKU Wien – Institut für Landschaftsarchitektur

„Die Landschaftsarchitektur schien mir ein Beruf zu sein, in dem ich meine Qualitäten einbringen kann“, sagt Schwab. Vor ihrem Studium arbeitet sie sieben Jahre in Landschaftsarchitekturbüros. Doch das Bedürfnis, sich mit der „theoretischen Ebene intensiv auseinanderzusetzen“, bleibt. In Asien und Südamerika wird sie mit der Relevanz von Landschaftsarchitektur konfrontiert. Angesichts der Urbanisierungsentwicklungen in Südamerika stellt sich ihr die Frage nach der Rolle von Landschaftsarchitektur in städtischen Aufwertungsprozessen. „Ich untersuche, wie Freiflächen dazu beitragen können, Slums zu verbessern. Als Fallstudie werde ich Medellín in Kolumbien bearbeiten.“

FOTOS: ASTRID BARTL, PRIVAT

ALE X ANDR A AURELIA NEME TH


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heureka!

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FOTOS: ÖGPÄRC, KONR AD LORENZ FOR SCHUNGSSTELLE GRÜNAU

GR AFIK : 2009: LE MONDE DIPLOM ATIQUE BER LIN, QUELLE: WOR LD DE VELOPMEN T INCIC ATOR S 2008, ONLINE DATENBANK DER WELT BANK

AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Chirurgie

Mathematik

Verhaltensforschung

Bis zu 70.000 Menschen gehen in Österreich jährlich zum Schönheitschirurgen

Das Modell der „Stress-Achse“: mit Mathematik komplexe biologische Systeme verstehen

Sehen gemeinsam die Welt: Herr & Hund teilen „Hirn“

DIE TER HÖNIG

USCHI SOR Z

ALE X ANDR A MARKL

Verhaltensforschung an Hunden und Wölfen zur Frage: Was bestimmt die Grundstruktur einer Beziehung?

ieser Frage gingen Manuela Wedl legen sich 50.000 bis athematik ist eine QuerwissenJ ährlich 70.000 Menschen in Österreich M schaft. Ihre Beziehung zu Phy- D und Kurt Kotrschal von der Kon-

unters Skalpell des Schönheitschirurgen. Ob dieser dafür auch die Lizenz hat, wird selten gefragt. Viele „Schönheits-Docs“ entpuppen sich als Ärzte unterschiedlicher Fachgruppen. Wirklich gelernt hat das Metier nur der Facharzt für Ästhetische, Plastische und Wiederherstellende Chirurgie. Eine gesetzliche Grauzone, die dies bisher in Europa möglich machte, soll nun beseitigt werden. Seit Monaten bemüht sich die Österreichische Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie um eine EU-Norm. Sie soll u.a. Ausstattung und Hygiene von OP-Räumen, Werbeaussagen sowie Leitlinien für Patientenaufklärung beinhalten und 2013 europaweit in Kraft treten. „Grundsätzlich haben Normen Empfehlungscharakter“, sagt der Präsident der Gesellschaft, Helmut Hoflehner. „Sie können in der Folge als Vorlage für Gesetze dienen.“ Sobald die EU-Norm in Kraft tritt, ist davon auszugehen, dass sie bei Gerichtsverfahren als fachliche Grundlage herangezogen wird. Pionierarbeit in puncto Patientenaufklärung und Transparenz Helmut Hoflehner, Präsident der Österr. Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie

leistet der ästhetisch-plastische Chirurg Univ.-Prof. Edvin Turkof. Dieser Tage erscheint der 13. Band seiner Serie „Enzyklopaedia Aesthetica“ im Maudrich-Verlag. Das für den interessierten Laien konzipierte Werk (jedem Schönheitsthema ist ein eigener Band gewidmet) spricht endlich Klartext über sinnvolle Eingriffe und Machbarkeiten, aber auch mögliche Risken. Edvin Turkof: „Die Bücher sind als Aufforderung zu verstehen, Verantwortung gegenüber dem eigenen Körper zu zeigen und eine realistische Erwartungshaltung einzunehmen.“ www.enzyklopaedia-aesthetica.com

sik oder Technik ist traditionell eng, nun stehen auch Biologie und Medizin im Fokus: Das Linzer RICAM (Johann Radon Institute of Computational and Applied Mathematics der Akademie der Wissenschaften) hat 2009 eine Arbeitsgruppe für mathematische Methoden in der Systemund Molekularbiologie etabliert. Angesiedelt hat sie sich am Campus Vienna Bio Center. „Hier nehmen wir mit den Biologen und Medizinern Kontakt auf und initiieren Kooperationen“, sagt Philipp Kügler, einer der Leiter der Gruppe. „In der Biologie gibt es enorme Datenmengen, und wir können die essenziellen Informationen herausfiltern.“ Sind diese einmal in einem Modell integriert, werden am Rechner Hypothesen aufgestellt und getestet. Das erspart nicht alle Experimente, aber doch einiges an Trial and Error im Labor. Ein großer Vorteil bei zeit- und ressourcenintensiven Prozessen, etwa in der Medikamentenentwicklung. Kügler und der Chemiker Christoph Flamm von der Uni Wien haben ein WWTF-gefördertes zweijähriges Projekt geleitet, das sich mit der Regulierung von Cortisol durch die Hirnanhangsdrüse, einer für die Stressbewältigung wichtigen Funktion des endokrinen Systems, beschäftigt. Jetzt publizieren sie die Ergebnisse. „Wir haben ein Modell der HPAAchse erstellt“, erklärt Kügler den mathematischen Part. „Das ist die Hypothalamus-HirnanhangsdrüsenNebennieren-Achse, die bei Stress aktiviert wird.“ Wird in nervenaufreibenden Situationen das Hormon Cortisol verstärkt ausgeschüttet, so geht es im Normalfall danach wieder auf ein normales Level zurück. „Aber bei Depressionen oder posttraumatischer Belastungsstörung funktioniert diese Rückkoppelung nicht.“ Die Simulation von Fragestellungen am Modell soll zur Verbesserung der Medikation bei dysfunktionalen Mechanismen beitragen. Besonders stolz ist der 35-jährige Biomathematiker, der an seiner Arbeit das Tüfteln liebt, dass er mit seinen Kollegen bestehende HPAModelle um den Aspekt des Hypercortisolismus erweitern konnte.

rad-Lorenz-Forschungsstelle Grünau nach. Die Verhaltensbiologen beobachteten dazu Hunde mit ihren Besitzern: „Denn Menschen und ihre Kumpantiere teilen dasselbe sozia-

Kurt Kotrschal, Konrad-LorenzForschungsstelle Grünau: „Menschen und ihre Kumpantiere teilen ein soziales Hirn“

le Hirn“, sagt Kotrschal. Daher seien die Erkenntnisse aus der Interaktion Mensch-Hund eine gute Arbeitshypothese für das Studium menschlicher Beziehungen und Kooperationen. Dazu wurde die Aufmerksamkeit des Herrls vom Tier abgelenkt, das Verhalten des Hundes dabei beobachtet und mit der Persönlichkeit des je-

weiligen Besitzers verglichen. Bei Menschen mit geringer emotionaler Stabilität „wird der Hund zum sozialen Unterstützer und hält sich in der Nähe seines Besitzers auf. Das sind oft Liebesbeziehungen.“ Im Rahmen des Wolf Science Center (WSC) beschäftigt sich Kotrschal ebenfalls mit Kooperation – anhand von Wölfen. „Wir gleichen dem Wolf wesentlich mehr als dem Affen – der Wolf ist zwar grausam nach außen, jedoch extrem kooperativ in der Gruppe – das ist der Schimpanse nicht. Der Wolf ist ein idealer Spiegel, um etwas über den Mensch zu erfahren.“ Im WSC im Wildpark Ernstbrunn kann man die Tiere bald auf dem größten Laufband der Welt betrachten: „So können wir die Jagd der Wölfe erstmals im Gehege simulieren – das ist weltweit einzigartig.“ Informationen zum Wildpark Ernstbrunn: www.wolfscience.at

Geografie

Die jüngsten Mütter auf der Welt. Aus: Le Monde diplomatique 2009, Berlin


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AUS WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Was zeigt dieses Bild?

Mini-Solaranlage für Mieter – der Greenerator. Ein Solarmodul samt Mini-Windturbine für den Balkon, entwickelt von Industriedesigner Jonathan Globerson aus Florida. Damit nicht mehr nur Hausbesitzer vom grünen Energie-Boom profitieren. Laut Designer ließen sich mit dem Greenerator sechs Prozent der Stromrechnung einsparen. Jetzt sucht Globerson dringend finanzkräftige Menschen, damit der Prototyp in Serie gehen kann. Kontakt: www.jonglob.com

Auflösung:

Forschungscluster

Musikwahrnehmung und die Therapie von Schlaganfällen USCHI SOR Z

as hat Musikwahrnehmung W mit der Therapie von Schlaganfällen zu tun? Und warum können Workflow-Systeme die Krebsforschung voranbringen? Manchmal sind es gerade solche Kombinationen, die zu neuen Therapien für die Patienten führen. Da wissenschaftliche Fragestellungen häufig über Fachgrenzen hinausreichen, setzt man zunehmend darauf, die Kompetenzen verschiedener Fächer zu vernetzen. „Forschungscluster sollen innovative Wege eröffnen und Brücken zwischen grundlagen- und patientenorientierter Forschung schlagen“, begründen Wolfgang Schütz, Rektor der MedUni Wien, und Heinz W. Engl, Vizerektor der Uni Wien, die gemeinsame Einrichtung von sechs neuen Forschungsclustern. Fakultäten, Zentren und Kliniken beider Institutionen werden ab Mai fächer- und uniüber-

greifende, translationale Forschungsvorhaben umsetzen. Beide Unis stellen eine Anschubfinanzierung von 1,3 Millionen Euro zur Verfügung. Auf Basis der Begutachtung internationaler Experten wurden aus 33 Anträgen sechs Clusterthemen ausgewählt: Kooperationen in den Bereichen „Onkologie & Infektionsbiologie“, „Imaging & Kognitionsbiologie“, „Medizinische/Pharmazeutische Chemie & Onkologie“, „Biologische Psychologie & Imaging“, „Onkologie & Workflow-Systeme“ und „Bioinformatik & Allergologie/Immunologie/ Infektiologie“. Die Synergien sollen Ergebnisse bringen und Keimzelle weiterer, darauf aufbauender Forschung sein. Die klinische Anwendung und der direkte Nutzen für die Patienten spielen eine wichtige Rolle. Die Cluster sind auf drei Jahre befristet, man erwartet, dass sie sich danach durch Drittmittel selbst weiterfinanzieren können.

Soziologie

Diät

Werde du erst einmal groß! Körpergröße und gesellschaftliche Erfolgsaussichten

Gewichtsverlust unter ärztlicher Aufsicht. Fettabbau mit Schwangerschaftshormon HCG

MARTINA WEINBACHER

DIE TER HÖNIG

ass Körpergröße und Erfolg posiie Amerikaner sind Weltspitze in D tiv miteinander korrelieren, da- D puncto Fettleibigkeit. Daher ervon ist der Kulturtheoretiker Gerhard lebt in den USA eine Therapie ihre ReFröhlich, Professor an der JohannesKepler-Universität Linz, überzeugt. Große Menschen hätten es in unserer Gesellschaft leichter. Sie verfügten meist über ein höheres Einkommen und könnten einen gesellschaftlich höheren Status einfacher erreichen als ihre kleineren Mitmenschen. Demzufolge lautet die Gretchenfrage wohl, wovon das Längenwachstum abhängig ist und wie es sich beeinflussen lässt. Laut Fröhlich ist die Größe eine Umweltvariable: „Gene sind an sich irrelevant. Wirkmächtig werden sie erst, wenn sie aufgrund von Umwelteinflüssen eingeschaltet werden.“ Das sieht Gernot Faustmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Karl-Franzens-Universität Graz, anders. Der Forscher verweist auf Zwillingsstudien, aus denen die genetische Prädisposition als wichtigste Einflussgröße für das Wachstum hervorgeht. Dennoch, fügt Faustmann hinzu, wird die Körpergröße auch zu 20 bis 40 Prozent von Umweltfaktoren mitbestimmt. „Umweltfaktoren wirken sich besonders während der frühen Kindheit aus. In mittellosen Gesellschaften, die vermehrt von schlechter Ernährung, Krankheit und psychosozialem Stress betroffen sind, ist der Einfluss der Umweltfaktoren auf das Wachstumspotential äußerst stark.“ Interessant ist, dass auch sozialpolitische Umstände die Körpergröße negativ beeinflussen könnten. Daten der amerikanischen NHANES (National Health and Nutrition Examination Surveys) zufolge stagniert das Längenwachstum in den USA seit den 70er-Jahren. Als wesentlicher Faktor für die Stagnation wird das soziale Ungleichgewicht diskutiert. Gerhard Fröhlich, Professor an der Universität Linz: „Wirkmächtig werden Gene aufgrund von Umwelteinflüssen“

naissance, mit der in den 60er-Jahren Hollywoodstars abspeckten: die Fettabbaukur mit dem Schwangerschaftshormon HCG. Sie rückt Fettreserven dort zu Leibe, wo Fasten und Sport nur wenig bewirken: in den natürlichen Fettdepots an Bauch, Hüfte und Oberschenkeln. Das Prinzip: Eine reduzierte Kalorienzufuhr von 500 Kalorien pro Tag signalisiert dem Körper einen Energiemangelzustand, worauf das HCG so-

Peter Paul Rubens’ Venus wäre heute ein Fall für die Diätspritze

fort reagiert, indem es die Energie, sprich Fett, aus den Depots zur Aufrechterhaltung der vitalen Körperfunktionen heranzieht. Dadurch unterbleibt die diättypische Unterzuckerung mit allen Folgeerscheinungen wie Erschöpfung, Konzentrationsschwäche und Nervosität. „Dabei sind sehr komplexe Zusammenhänge zu beachten. Einerseits sollen Androgene und Gestagene des Patienten vor Beginn der Kur weitgehend ausbalanciert sein, andererseits ist bei der HCG-Kur auch der individuelle Fett- und Zuckerstoffwechsel mit zu berücksichtigen, um die Dosierung möglichst niedrig halten zu können“, sagt der Hormonexperte Univ.Prof. Erich Müller-Tyl. Er warnt vor HCG per Selbstmedikation (Tabletten). Um Fett abzubauen und Muskeln zu erhalten, könne HCG aufgrund seiner Molekülgröße ebenso wie Insulin nur in Form von Injektionen wirksam aufgenommen werden.

FOTOS: JONATHAN GLOBER SON, CHRISTO CHRISTOPH/LINZ, PETER PAUL RUBENS/LIECHTENSTEIN MUSEUM

Energietechnik


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TITEL DEMOGRAFISCHER WANDEL

Der Countdown zum Thema CAROLIN GIER MINDL

8.255.368

Menschen leben derzeit in Österreich. 2030 wird das Land laut Bevölkerungsprognosen der Statistik Austria 8.420.812 Einwohner haben.

2040

1.928.352

2020 705

121.000

Lebensgemeinschaften mit Kindern unter 15 Jahren gab es im letzten Jahr. 1985 betrug die Zahl der Lebensgemeinschaften mit Kindern 21.000.

107.000

Personen sind 2009 nach Österreich zugewandert, 87.000 haben das Land verlassen. Die NettoZuwanderungszahl beträgt 20.000. Das sind fast 40 Prozent weniger als noch 2008 (34.436 Zuwanderungen).

105.300

Frauen mit Kindern unter 15 Jahren sind alleinerziehend. Jede achte Mutter betreut ihre Kinder ohne einen im Haushalt lebenden Partner.

77.814

Kinder kamen 2010 in Österreich zur Welt. 40,1 Prozent davon unehelich. Landesweit stieg die Geburtenzahl im Vergleich zum Vorjahr um 3,2 Prozent.

75.387 37.493

Sterbefälle gab es 2010. 67,5 Prozent der Menschen starben in Krankenhäusern oder Heimen.

Paare traten im letzten Jahr vor das Standesamt. 5,9 Prozent mehr als im Jahre 2009. 1970 gab es 52.773 Hochzeiten.

11.012 6145

Asylanträge wurden 2010 gestellt. Das sind 50 Prozent weniger als vor fünf Jahren (2005: 22.461 Anträge).

Einbürgerungen gab es 2010 in Österreich. Das sind um vier Fünftel weniger Einbürgerungen als 2003 (45.000 Personen).

2060 2050

wird die Lebenserwartung der neugeborenen Buben bei 85 Jahren, jene der Mädchen bei 89,2 Jahren liegen.

soll die Zahl der Ein-Personen-Haushalte laut demografischen Prognosen auf 1,8 Millionen ansteigen. Das wären 41,3 Prozent aller Haushalte.

werden die 50- bis 64-Jährigen in Österreich die stärkste Gruppe der Erwerbstätigen stellen.

gleichgeschlechtliche Paare ließen 2010 ihre Partnerschaft eintragen. Knapp zwei Drittel (63,8 Prozent) davon waren Männer. Die meisten eingetragenen Partnerschaften gab es in Wien.

70,7 46

Prozent aller 20- bis 24-jährigen Männer wohnen im elterlichen Haushalt. Bei den gleichaltrigen Frauen sind es 55,6 Prozent.

Prozent aller Ehen in Österreich wurden 2009 geschieden. Im Schnitt waren diese Paare 10,1 Jahre verheiratet. Gesamtscheidungsrate 1999: 40,5 Prozent.

21,7

Jahre war das durchschnittliche Heiratsalter der Frauen im Jahr 1970. Die Männer waren im Schnitt 24,4 Jahre alt. 2010 lag das Heiratsalter der Frauen bei 29,7, das der Männer bei 31,8 Jahren.

17,8 14,3

Prozent der Bevölkerung haben Migrationshintergrund. Ein Drittel davon stammt aus EU-Ländern.

Prozent der Männer und 17,1 Prozent der Frauen leben allein. Insgesamt gibt es in Österreich derzeit 1,3 Millionen Single-Haushalte. 1984 waren es 743.000.

10,7

Prozent der österreichischen Bevölkerung sind ausländische Staatsangehörige. Die größte Herkunftsgruppe stellten 2009 mit 213.000 Personen die Deutschen.

9,7 6,93

Prozent aller Paare mit Kindern in Österreich sind sogenannte Patchworkfamilien.

Milliarden Menschen bevölkern derzeit die Erde. Die Uno rechnet bis 2015 mit einem Bevölkerungswachstum von 79 Millionen Menschen pro Jahr.

1,42

Kinder pro Frau – so lautet die statistische Geburtenrate 2010 in Österreich. 2009 hatte Österreich mit 1,39 eine der niedrigsten Geburtenraten Europas.

FOTO: FLORIAN RAINER

Menschen sind derzeit 60 Jahre oder älter. In 20 Jahren werden dieser Altersgruppe 2.699.730 Personen angehören.

wird Indien China als bevölkerungsreichstes Land der Welt ablösen. 1,6 Milliarden Menschen sollen bis 2050 in Indien leben. Das sind 540 Millionen mehr als heute.


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DEMOGRAFISCHER WANDEL

Zu den Fotos des Themas Wie fotografiert man ein ganzes Land? Welche Leute fotografiert man, welche Plätze besucht man, welche Themen sind relevant? Wie vermeidet man es, in visuelle und narrative Klischees abzudriften?

Diese Fragen waren für Florian Rainer der Anlass zum Projekt „1000 ÖsterreicherInnen“. Mehr Infos unter: facebook.com/ 1000Austrians


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DEMOGRAFISCHER WANDEL

Entstehen in Europa neue Staaten? Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Gunnar Heinsohn über den demografischen Wandel in Europa GUNNAR HEINSOHN

on sechs Kindern pro Frau 1870 sank die Anzahl in Europa bis 1916 auf drei, 1965 waren es 2,5 und im Jahr 2000 gar nur 1,4 Kinder pro Frau. 2010 liegen 36 der weltweit 56 Staaten mit weniger als 1,8 Kindern pro Frau in Europa. Die lebenslange und durch Anhang noch erschwerte Konkurrenz auf Arbeits- Gunnar Heinsohn ist märkten zum Gewinn oder zur Verteidi- Soziologe und Ökonom gung einer Position erweist sich zuerst in Europa und dann global als stärkstes Verhütungsmittel überhaupt. Im privaten Sektor Europas fällt der Rückgang besonders krass aus. Bei jenen Menschen, die sich selbst versorgen, tendiert die Kinderzahl zu einer schlanken 1. Nur die Ostasiaten sind nicht nur in Mathematik, sondern auch beim Verhüten noch besser. Die ersten drei Plätze gehen an Macao (0,91), Hongkong (1,04) und Singapur (1,1). Taiwan (1,15) und Japan (1,2) geben sich nur knapp geschlagen. Westeuropa setzt bei der Vermehrung auch auf einen der Konkurrenz entzogenen staatlichen Sektor, folgt also zwei Prinzipien: Erstens, wer Nachwuchs will, soll selbst dafür bezahlen oder kinderlos bleiben. Beihilfen ändern nichts, denn für 100 Euro Kindergeld gehen erst einmal 115 Euro an den Fiskus. Und bei Ermäßigung

V

des Steuersatzes wird dem Bürger vom ohnehin eigenen Geld nur etwas weniger abgezwackt. Zweitens, wer bildungsfern ist, das Landesidiom nicht versteht, psychisch leidet, nicht arbeiten kann und keine Steuern entrichtet, erhält jedes Kind zu 100 Prozent aus den Börsen der Mitbürger bezahlt. Obwohl auch Österreich dem zweiten Prinzip verpflichtet ist, setzt es niemand radikaler um als Deutschland. Zwischen 1965 und 2010 steigt die Zahl seiner Hilfekinder unter 15 Jahren von 130.000 auf zwei Millionen. Da keineswegs alle, aber doch viele Migranten die Kriterien des zweiten Prinzips erfüllen, liegt ihr Anteil bei den staatlich versorgten Kindern zweibis dreimal über ihrem Bevölkerungsanteil. Von den Müttern unter 25 Jahren kommen in Deutschland 57 Prozent aus der untersten Ausbildungsstufe. Im Bundesland Bremen werden 2003 sogar 97 Prozent erreicht. 2011 sind dort 54 Prozent aller Erstklässler Migranten. Zugleich haben fast 50 Prozent der Neueingeschulten – keineswegs nur Migranten – keine Kompetenz für den Schulbesuch. Auch Österreich strebt mit 28 Prozent seiner 15- und 16-Jährigen, die bei Pisa 2009 nicht sinnerfassend lesen konnten,

in diese Richtung. Es liegt keineswegs nur daran, dass 1990 bei den Wiener Neugeborenen 65 Prozent Katholiken nur neun Prozent Muslime gegenüberstanden, während sie 2008 bereits 24,2 Prozent stellten und die Römisch-Katholischen auf 36,7 Prozent abrutschten. Besser fahren Länder wie Norwegen oder die Schweiz. Ihre Grenzhoheit erlaubt eine gezielte Auswahl der Zuwanderer. Sie sperren keineswegs jene etwa aus Afrika und dem Islambogen aus, sondern gewinnen von dort die Besten. Zudem fliehen immer mehr hochqualifizierte und steuerlich geplünderte Europäer gen Norden oder Eidgenossenschaft. Doch Auswandern ist kein Spaziergang. Weshalb also nicht daheim bleiben, aber politisch umziehen? In Vorarlberg, Baden-Württemberg und der Lombardei wünschen 2010 fast drei Viertel der Menschen unter 35 Jahren den Beitritt ihrer Gebiete zu einer MegaSchweiz. Im Norden wird zwischen Grönland, Dänemark und Estland ebenfalls ein neuer Souverän konzipiert. Grenzen jenseits der alten Nationalismen ermöglichen dann Räume, in die auch die Tüchtigen aus den demografisch unrettbaren Gebieten östlich der Elbe entkommen können.

Mehr Alte, aber nicht mehr Pflegebedarf Bildung wurde bisher nicht in Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung einbezogen. Das soll sich ändern SONJA BURGER

Stück näher. Er verfolgt das Ziel, einen global gültigen demografischen Ansatz zu entwickeln, der qualitative Dimensionen wie Bildung berücksichtigt und quantitativ darstellt. Das von ihm initiierte Wittgenstein Centre for Demography and Global Human Capital bündelt Kompetenzen und Stärken dreier unabhängiger Institutionen unter einem Dach. Somit werden in Zukunft das World Population Program (IIASA), das Vienna Institute of Demography der Akademie der Wissenschaften und das neugegründete WU-Forschungsinstitut Human Capital and Development im Bereich globale Demografie und Bildungsforschung eng zusammenarbeiten. Die WU ist für Lutz ein wichtiger Partner, „weil im deutschsprachigen Raum wegen fehlender Ausbildungsmöglichkeiten ein eklatanter Mangel an qualifizierten Nachwuchsdemografen herrscht“.

Nikola Sander, Bevölkerungsgeografin/ Demografin am VID (Vienna Institute of Demography) der ÖAW

Wolfgang Lutz, Direktor des Wittgenstein Center for Demography and Global Human Capital

Bereits in den späten 1980ern erkannte er, dass es einen Zusammenhang zwischen Bildung und Lebenserwartung gibt, der sich in weiterer Folge auf Bevölkerungsprognosen niederschlägt. „Das Bildungsniveau eines Menschen wirkt sich auf fast alle Lebensbereiche aus“, so Lutz. „Die Lebenserwartung variiert je nach Bildungsstand um fünf bis zwölf Jahre.“ In Österreich sei sie von Personen mit niedrigem Bildungsniveau im Schnitt um sieben Jahre niedriger als jene von sehr gut Ausgebildeten. Für Österreichs Zukunft entwirft Lutz folgendes Szenario: „Obwohl sich die durchschnittliche Lebenserwartung noch erhöhen wird, ist die Annahme, dass damit auch automatisch der Pflegebedarf steigt, schlichtweg falsch. Denn die Alten der Zukunft werden ein höheres Bildungsniveau haben als die Alten der Gegenwart. Bezieht man also den Faktor Bildung mit ein, sehen die Prognosen der Pflegebedürftigkeit viel besser aus.“ Die Politik wird jedoch mit einem anderen Problem, nämlich dem Schwund an

qualifizierten Arbeitskräften, konfrontiert sein. Für Nikola Sander, Bevölkerungsgeografin und Leiterin des Bereichs „Migration and Education“ am Wittgenstein Centre steht die Politik dadurch vor einer großen

„Mit der Lebenserwartung steigt zukünftig nicht automatisch auch der Pflegebedarf“ WOLFGANG LUT Z, WIT TGENSTEIN-PREISTR ÄGER 2010

Herausforderung. „Wenn bestimmte Arbeitsplätze nicht mehr von Österreichern nachbesetzt werden können, muss sich die Politik die Frage stellen, ob es sinnvoll und möglich ist, den Mangel durch gesteuerte Zuwanderung auszugleichen.“ Wie auch in anderen Ländern sei die Anerkennung von ausländischen Bildungsabschlüssen allerdings nach wie vor problematisch.

FOTOS: UNI BREMEN, FOTOSTUDIO PFLUEGL, WITTGENSTEIN-CENTER

nfang dieses Jahres kam Wolfgang A Lutz, Wittgenstein-Preisträger 2010, der Realisierung seiner Vision ein großes


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Kommentar Gottes Sprache

Grafikkabinett Püribauers Tierversuche

Wie Jesus reden MARTINA WEINBACHER

In Österreich leben derzeit rund 5000 Aramäer. Sie könnten sich mit Jesus in seiner Sprache unterhalten

ILLUST R AT ION: BE R ND PÜR IBAUE R

Freihandbibliothek Buchtipps von Emily Walton Heimatlosigkeit als Chance

Fremde und Fachkräfte für die Wirtschaft

Vilem Flusser. Von der Freiheit des Migranten – Einsprüche gegen den Nationalismus. Europäische Verlagsanstalt. 142 Seiten

Nigel Harris. The New Untouchables: Immigration and the New World Worker. Penguin. 272 Seiten

Alpenrepublik als Migrationsland

Geschichte einer Einwanderung

Andreas Weigl. Migration und Integration (Österreich – Zweite Republik. Befund, Kritik, Perspektive). Studienverlag. 120 Seiten

Julya Rabinowich. Spaltkopf. Zsolnay Verlag. 188 Seiten

Kommunikations- und Wissenschaftsphilosoph Vilem Flusser sieht in der Migration eine Chance für Kreativität. Über seine Ansichten schreibt er in „Von der Freiheit des Migranten“ – ein Standardwerk des Wissenschaftlers. Flusser hat selbst Erfahrungen des Vertriebenseins und der Heimatlosigkeit gemacht und diese Zeit als Chance für geistige Vielheit begriffen. Mit diesem Werk will er zu einer neuen Denkart in der Migrationsdebatte anregen.

Österreich ist seit 1945 ein Einwanderungs-, Transit- und Auswanderungsland. Selten wird diese Tatsache aber von den Einheimischen so wahrgenommen. Die Folge: Widersprüchliche Migrations- und Integrationspolitiken führen dazu, dass die Gesellschaft zwischen Aufnahmebereitschaft und scharfer Abwehr schwankt. Autor Andreas Weigl gibt in seinem Buch einen umfassenden Überblick über die Migrationsgeschichte in der Zweiten Republik.

Migration wird häufig als Problem dargestellt – und leider nicht als Chance. Nigel Harris, Professor an der London University, betont in seinem Buch „The New Untouchables“, dass wir umdenken müssen: Mobilität und Migrationsprozesse sind essenziell für den Fortschritt. Harris setzt sich mit globalen Migrationsprozessen auseinander und zeigt, welche Rolle sie für ökonomischen Wandel und Wachstum spielen. Eine wissenschaftliche Abhandlung, die auch für Laien interessant ist.

Die in Wien lebende Autorin Julya Rabinowich erzählt die Geschichte einer jüdischen Familie, die in den 70er-Jahren Russland in Richtung Österreich verlässt. Ein Roman über Zersplitterung, Entwurzelung, Identität und Neudefinition. Der Leser verfolgt die Entwicklung der Ich-Erzählerin – von kommunistischen Kinderjahren in Leningrad (St. Petersburg) bis hin zum Wien der Gegenwart. Ein Buch über das Ankommen. Lesenswert vor allem wegen der berührenden, bildhaften Sprache.

war kein Aramäer, sondern Jude. J esus Dennoch war die Muttersprache von Je-

sus von Nazareth nicht Hebräisch. Christus sprach das damals weit verbreitete und ebenfalls zur semitischen Sprachfamilie gehörige Aramäisch. „Aramäisch ist die älteste bekannte Buchstabenschrift. Sie existiert seit dreitausend Jahren. Der aramäische Dialekt von Edessa, genannt Syrisch, hat sich bereits vor über zweitausend Jahren mit dem Christentum bis nach Zentralasien, Indien und China verbreitet“, erklärt Univ.-Prof. Aho Shemunkasho von der Uni Salzburg. Die Aramäer waren ursprünglich eine vorderasiatische Völkergruppe, deren Existenz seit der Bronzezeit in Syrien und Mesopotamien nachgewiesen ist. Obwohl die antiken Aramäer ihre Herrschaft abgeben mussten, wurde ihre Sprache ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. zur Verkehrs- und Diplomatensprache im Vorderen Orient. „Ein Großteil des antiken Wissens aus dem Nahen Osten wurde vorerst ins Aramäische übersetzt. Das Aramäische fand unter anderem Eingang in die Bibel und die Targumim“, sagt Shemunkasho. Während die Einzelstämme der historischen Aramäer durch Umsiedlungen und Bevölkerungsverschiebungen bald nicht mehr zu identifizieren waren, bekam der Begriff „Aramäer“ eine neue Bedeutung. Er gilt ethnisch als Sammelbezeichnung für verschiedene Nomadenstämme aus dem heutigen Länderdreieck Türkei, Syrien und Irak. Auch eine religiöse Zuordnung der Aramäer gibt es, wie Shemunkasho ausführt: „Ab dem 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. bekannte sich der Großteil der Aramäer zum Christentum. Die Aramäer, auch syrische Christen genannt, waren maßgeblich an der Verbreitung des Christentums beteiligt“. Heute sind die Aramäer als syrische Christen in ihren Heimatländern eine Minderheit, denn seit dem späten 14. Jahrhundert wurden sie ihres Glaubens wegen verfolgt. „Besonders im 20. Jahrhundert flüchteten zahlreiche Aramäer aufgrund des Genozids aus der Türkei in den Westen. Nur wenige Familien blieben zurück. Wie viele Aramäer es derzeit weltweit genau gibt, ist unklar“, sagt Shemunkasho. Univ.-Prof. Wolfram Reiss von der Uni Wien fügt hinzu, dass Schätzungen je nach Motivation höchst unterschiedliche Angaben bieten. In Österreich leben derzeit 5000 Aramäer. Diese gehören der syrisch-orthodoxen Kirche an. Faszinierend ist, dass sich die heutigen Aramäer – wenn auch mit einem anderen Dialekt – theoretisch problemlos mit Jesus von Nazareth unterhalten könnten.


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EMILY WALTON UND

Wir werden

ALE X ANDR A AURELIA NEME TH

ie wirken beide wie Österreicherinnen, sie sprechen ohne Akzent, sie sind in ihrem Beruf als Journalistinnen erfolgreich – und doch haben beide, wie es heißt, „Migrationshintergrund“. Grund genug, sie zu bitten, im Bericht über wissenschaftliche Erkenntnisse zum demografischen Wandel auch ihre eigene Situation einzubeziehen.

S

Emily Walton Engländer und Türken Was mich an meiner Wohnung faszinierte, als ich sie besichtigte? Ich denke, es war das Wienerische: der Altbau mit hohen Türen, einem Treppenhaus mit verschnörkeltem Geländer und in jedem Stockwerk ein Schildchen: „Mezzanin“, „Hochparterre“, „Erster Stock“. Es versteht sich von selbst, dass diese Wohnung von einem „ur“-wienerischen Makler angepriesen wurde. Mit seinem Schmäh bemühte er sich, mich, die gnä’ Frau, zu überzeugen. Dabei hatte ich mich längst für diese Wohnung entschieden – war bereit, von einem Ende der Stadt ans andere zu ziehen, eine Migration im Kleinen sozusagen. „Hören Sie, wie ruhig es ist“, sagte der Makler. „Wissen Sie, das ist ein gutes Haus. Der Besitzer achtet auf die richtige Klientel. Kein Gsindl. Keine Ausländer.“ Er zuckte nicht mit der Wimper. Er bemühte sich nicht einmal, politisch korrekt zu sein und statt Ausländer das Wort „Migrant“ oder „kulturell Anderer“ zu verwenden. Aber es war nicht seine Wortwahl, die mich störte, sondern die Bemerkung an sich. Minuten zuvor hatte ich ihm meine Visitenkarte gegeben. Darauf mein englischer Vor- und Nachname. „San Sie Ameriganerin?“ – „Nein, Engländerin. Seit 19 Jahren hier.“ Der Makler nickte zufrieden. Also eh eine von uns – seine Blicke sprachen Bände. Für diesen Mann – und für viele andere auch – bin ich keine Ausländerin. Obwohl ich nicht in diesem Land geboren wurde. Obwohl ich einen Vater aus England und eine Mutter aus Deutschland habe. Obwohl ich keine österreichische Staatsbürgerschaft habe. Wenn mich ein Österreicher dann doch mal als fremd anerkennt, bin ich eine „gute Ausländerin“. Manchmal eine „Zugereiste“ oder einfach nur „ein bissl exotisch“. Was unterscheidet mich, die Engländerin,

von den Migranten, die in den Medien ein Thema sind? Von Menschen mit türkischer Abstammung zum Beispiel. Bin ich denn keine Migrantin? Migration defi niert sich als Wanderungsbewegung zwischen Bevölkerungen aus verschiedenen Staaten. Ich bin im Jahr 1992 von England nach Österreich gezogen. Per Defi nition bin ich

Migrantin. In der Wahrnehmung anderer bin ich es nicht. „Die Gesellschaft denkt eben in Kategorien“, sagt Christoph Reinprecht, Sozialwissenschaftler und Migrationsexperte an der Uni Wien. „Wir suchen immer nach Merkmalen, die Fremde von uns unterscheiden. Wir neigen dazu, diese Merkmale zu verallgemeinern und anderen einen Stempel aufzudrücken.“ Österreicher und Engländer sind einander in der Alltags- und auch Populärkultur nah: Wir hören dieselbe Musik. Die Hitlisten werden da wie dort von Lady Gaga oder Rihanna angeführt. Die wenigsten Österreicher und Engländer kennen türkische Stars wie Mor Ve Ötesi, Tan oder Hande Yener. Von Tarkan, ja, von dem hat man vielleicht auch hierzulande gehört. Er war in den österreichischen Charts – eine Ausnahme. Ähnliches gilt für die Belletristik, den Film und das Kochen. Jamie Olivers Rezepte zählen zu den meistverkauften Kochbüchern – in England wie in Belgien, Holland, Deutschland und Österreich. Laut Christoph Reinprecht sind meine Merkmale, also die einer Engländerin, nicht auffallend genug. Manche mögen zwar glauben, ich esse gerne Baked Beans, trinke Tee mit Milch und stelle mich gerne brav britisch an der Bushaltestelle an. Aber das reicht nicht, um fremdartig zu wirken. Umgekehrt ist es bei Menschen aus der Türkei, die Klischees übergestülpt bekommen: Jeder Türke ist gläubiger Muslim, hat einen niedrigen sozialen Status und spricht kein Deutsch. „Diese Klischees sind oft historisch bedingt“, sagt Sprachwissenschaftler Erol Yildiz von der Uni Klagenfurt. Ein Schlüsselwort ist hier „Gastarbeiter“. Ungebildete Türken wurden vor Jahrzehnten geholt, um Hilfsarbeit zu verrichten. Da das Bildungsniveau sich in der Regel von den Eltern auf die Kinder vererbt, sind viele Gastarbeiterfamilien ungebildet geblieben. Diese Entwicklung hat das Türkenbild in der Gesellschaft geprägt: Im Alltag kennen wir nicht „die Türken“, sondern Anatolier aus kleinen Dörfern. Selbst wenn nun qualifi zierte Türken nach Österreich kommen oder die zweite und dritte Generation aus der Ungebildetheit ausbricht, bekommen alle denselben Stempel. Wenn ich keine Migrantin bin, was bin ich dann? „Westeuropäer, die migrieren, bezeichnet die Gesellschaft meist als Mobile. Menschen, die aus Osteuropa kommen, heißen Migranten“, sagt Forscher Yildiz. Der Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen ist einfach: Migrant hat in den Köpfen vieler eine negative Konnotation. Mobile (Westeuropäer) gelten als weltoffen, interessiert und integrationsfähig. Und teilweise hat es einen wahren Hin-

Was bedeutet der demografische Wandel für Österreich? Eine in Österreich aufgewachsene Engländerin und eine aus Ungarn stammende Österreicherin, die nach Kanada will, recherchierten, was die Wissenschaft hierzulande dazu zu sagen hat

„Die Kenntnis unterschiedlicher Kulturen schaff t mehr Offenheit gegenüber Neuem. Migranten sind im Beruf flexibler und kreativer“ Max Haller

tergrund. „Die meisten Westeuropäer, die nach Österreich kommen, sind gebildet. Sie fallen nicht weiter auf“, so Demograf und Wittgenstein-Preisträger Wolfgang Lutz. Engländer kommen nun mal meist als Manager, als Übersetzer, als Universitätsprofessoren, vielleicht zum Studium. Anders ist es bei Migranten aus dem Osten: In den meisten Fällen sind sie auf der Flucht – vor politischen Systemen oder einem niedrigen Lebensstandard. Der Schlüssel liegt für die Wissenschaftler in der Bildung. „90 Prozent der Integrationsprobleme sind auf mangelnde Bildung zurückzuführen“, sagt Lutz. Bildung führt zu Spracherwerb und qualifi zierten Jobs. „Bildung hilft auch bei der Aneignung ungeschriebener Verhaltenscodes, die das Zusammenleben und Vermischen erleichtern“, so Migrationsexperte Reinprecht. Im Alltag schützt Bildung aber nicht vor dem Schubladendenken der Gesellschaft: Soziologe Yildiz, der in der Türkei maturierte, in Deutschland studierte, später an der Uni Köln arbeitete und seit 2008 an der Alpen-Adria-Uni Klagenfurt ist, kennt solche Situationen: „Wollen Sie hier eine Dönerbude aufmachen?“ Das hat man ihn bei einem seiner ersten Einkäufe in Klagenfurt gefragt. Der Name und ein leichter Akzent bringen ihn in die „Türken“-Schublade. Hätte sich der Universitätsprofessor Yildiz für meine Wohnung beworben, hätte er sie bekommen? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Es ist eben auch Bildung aufseiten des Österreichers gefragt. Kann ein Migrant Teil des „Wir“ werden? Stereotype können aufgebrochen werden, allerdings nur langsam. „Derzeit sind die Haltungen so verkrustet, dass Migranten sich den stereotypen Zuschreibungen kaum entziehen können“, so Soziologe Reinprecht. „Auch Migranten müssen die Chance haben, sich selbst zu defi nieren.“ Jeder Einzelne soll für sich selbst bestimmen können, wie er sich fühlt: Als türkischer Österreicher? Als Österreichischer Türke? Als Österreicher mit türkischen Wurzeln? Als Türke mit österreichischem Wohnsitz? „Identität ist wandelbar und gestaltbar“, sagt Reinprecht. Sie kann von der jeweiligen Situation, dem Umfeld, abhängen. Tatsache ist: Österreich muss aufgeschlossener werden, sagen die Wissenschaftler. Aber wird das gelingen? Demograf Lutz zeigt sich optimistisch: „Die jungen Türken von heute sind gebildeter als die älteren. Sie sind die besser gebildeten 45-Jährigen von morgen.“ Wichtig ist, dass Österreich diesem Nachwuchs Chancen gibt. Denn in Zeiten der Globalisierung und der sogenannten zirkulären Migration, ziehen Qualifi zierte schnell weg und nehmen ihr wertvolles Wissen mit. Dann wandern jene jungen Migranten, die in Österreich ausge-


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anders fenen selber ab. Wer eher introvertiert ist, Mitmenschen gegenüber grundsätzlich misstrauisch, wird eher unter solchen Erfahrungen leiden als jemand, der offen ist“, also „kleine Missverständnisse oder Äußerungen allgemeiner Stereotypen nicht ernst nimmt“.

bildet wurden, ab – nach Istanbul, Berlin, London, egal wohin. Zeit ist in der Migrationsdebatte ein wichtiger Faktor. „Der natürliche Lauf der Zeit lässt sich beschleunigen: Wenn ein Migrant eine gesellschaftlich relevante Leistung erbringt, wird sie groß gefeiert“, sagt Forscher Yildiz. Sichtbar wird dies im Sport. Ümit Korkmaz ist türkischer Abstammung, Aleksander Dragovic ist serbischer Herkunft. Sie spielen für das österreichische Nationalteam und werden zwar als Migranten, aber im positiven Sinne wahrgenommen. Als unsere Fußballer. Apropos Fußball: Wer sind eigentlich meine Fußballer? Ich würde gern zu Österreich halten, aber leider sind die Engländer nun mal die besseren Kicker. Aber zumindest beim Skifahren – da halte ich zu Österreich.

Als Kind aber nimmt man alles ernst. Zu Hau-

Alexandra Nemeth Tut Migrantin sein weh? Sommerferien in Ungarn. Meine Großmutter tischte immer eine Wagenladung an gebratener Ente mit allen nur vorstellbaren Beilagen auf. Die Verwandten stets dabei und laut. Nicht weil sie stritten. Aus einem einfachen Grund: der ungarischen Mentalität. Zurück in Österreich nahm ich meine Schulkameraden als etwas kühl und distanziert wahr. Ein kleiner Kulturschock nach drei Monaten Ungarn. Hilde Weiss vom Institut für Soziologie in Wien, erklärt dieses Gefühl so: „Alle Herkunftsgruppen zeigen darin Übereinstimmung, dass die ,geringe Wärme‘ im gegenseitigen Umgang der Österreicher und die Tatsache, dass Familien zu wenig zusammenhalten, als ‚kalt‘ empfunden wird.“ In der geistesgeschichtlichen Literatur wird die österreichische Identität als eine von „Ambivalenz geprägte“ beschrieben. Weiss weiter: „Die Ambivalenz der Österreicher ist nicht nur feindlich, aber auch keineswegs offen, stark oszillierend, also je nach Situation schwankend.“ Österreicher, sagt sie, nehmen „sich selbst als eher freundlich und emotional wahr“. Im benachbarten Norden fühlen sich Österreicher wie hier die „Südländer“. Es komme hier zu einer Verschiebung der Selbst- bzw. Fremdklischees.

Christoph Reinprecht: „Wir suchen immer nach Merkmalen, die Fremde von uns unterscheiden“

Erol Yildiz: „Der Lauf der Zeit lässt sich in der Migrationsdebatte beschleunigen – durch besondere Leistungen“

FOTOS: PRIVAT

Als „oszillierend“ habe ich manche Szenen aus

der Schulzeit in Erinnerung. „Du hast doch Paprika im Hintern“, sagten meine österreichischen Schulkameraden. Wenn ich heute darüber nachdenke, lache ich. Als Kind verstand ich die Welt nicht. In der Schule war ich vorsichtig und introvertiert. Max Haller, Soziologe an der Karl-Franzens-Universität Graz würde solche Erfahrungen eher „als leichte Diskriminierung“ bezeichnen. Er führt aus: „Ob sie stattfindet, hängt ein wenig auch von den Betrof-

Hilde Weiss: „Österreicher werden im Umgang miteinander von vielen Migranten als kalt empfunden“

se angekommen, in den sicheren vier Wänden, erblühte ich „zur kleinen Paprikaschote“ – konnte keine Minute still sitzen. Oft fühlte ich mich hin und her gerissen zwischen zwei Welten. Das ist heute noch so. Diese Problematik, „in zwei Welten zu Hause zu sein, wird immer akut bleiben“, weiß Max Haller. Das bedeutet vielleicht „eine Belastung, vor allem anfangs. Das wird sich bei guter Integration wohl immer mehr reduzieren.“ Doch Haller sieht auch klare Vorteile im Migrantendasein: „Die Kenntnis unterschiedlicher Kulturen und Sprachen schafft mehr Offenheit gegenüber Neuem. Auch sind Migranten im Beruf flexibler und kreativer.“ Das statistische Jahrbuch 2010 der Statistik Austria und der Kommission für Migrations- und Integrationsforschung bestätigt, dass der „Bildungsstand der zweiten Generation sich dem der inländischen Bevölkerung annähert“. Der Anteil der Berufs- und Fachschulabsolventen bei den in Österreich geborenen Migranten ist mit 51 Prozent höher als bei den im Ausland geborenen Zuwanderern und näherte sich dem Wert der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund (59 Prozent), heißt es in dem Bericht. Die Maturanten- und Akademikeranteile der Angehörigen der zweiten Generation unterschieden sich geringfügig von jenen der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund; sie waren mit zusammen 28 Prozent niedriger als bei den Migranten der ersten Generation (35 Prozent). Auch Johann Bacher von der JohannesKepler-Universität Linz bestätigt diese Fakten: „Es gibt zwei Gruppen von Migranten. Eine sehr erfolgreiche Gruppe im Schulsystem, die nach der VS eine AHS besucht, maturiert und studiert hat. Etwa 21 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund besuchen mit 15, 16 Jahren eine AHS – bei den Inländern sind das 24 Prozent. Auf der anderen Seite gibt es eine Gruppe von marginalisierten Migranten, die mit geringen Kenntnissen das Schulsystem mit keinem oder nur niedrigem Abschluss verlassen.“ Was fehlt, sei eine „mittlere Bildungsgruppe“. Beispiel für die Erfolgreichen: meine schulische Laufbahn. Nach der Matura studierte ich. Ich denke nicht, dass ich in Ungarn so eine gute Ausbildung genossen hätte wie in Österreich. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich schloss mein Bachelorstudium innerhalb der vorgeschriebenen sechs Semester ab. Auch arbeitete ich nebenbei 25 Stunden pro Woche in einem Büro. Ich hatte eine österreichische Studienkollegin, die zeitgleich mit mir anfing. Sie brauchte zwei Semester länger, obwohl sie nicht neben dem Studium arbeitete. Immer wieder stellt sich mir die Frage nach dem Warum. Johann Bacher erklärt dies so: „Es gibt eine Gruppe von erfolgreichen Schülern und Studierenden mit Migrationshintergrund, die zu Recht auf ihre Leistungen stolz sind. Aber leider gibt es auch diese Gruppe von VerliererInnen.“ Die Zahlen belegen, dass „AusländerInnen ihr Studium in kürzerer Zeit abschließen“ als einheimische Studierende. Das statistische Jahrbuch 2010 gibt an, dass „im Studienjahr 2007/08 fast 24.000 Studierende, darunter 3500 ausländische Staatsangehörige, ihr Hochschulstudium abschlossen. Inländische Studierende benötigen für ihr Diplomstudium im Mittel 12,3 Semester, während ausländische Studierende bereits nach 11,6 Semestern abschließen.“ Vielleicht ist es auch nur Ehrgeiz, der sich bei „Migrantenkindern“, wie mir, anders zeigt. Stichwort Ehrgeiz. Bei genauem Hinsehen wäre ich ohne ihn heute nicht dort, wo ich bin. Immer kam die Pflicht zuerst. So wurde ich erzogen. Als Kind waren die kleinen Erinnerungen meiner Mutter lästig: „Du musst jetzt Hausaufgaben machen.“ Noch ein wesentlicher Punkt meines beruflichen Erfolges: meine Hartnäckigkeit. Sie hat sich bezahlt gemacht: Ich verdiene heute gutes Geld in meinem Traumberuf. Doch wie geht es dem Rest der zweiten Generation in Österreich? Immerhin lebten 2009 1,468 Millionen Personen mit Migrationshintergrund in Österreich, so der Auszug aus dem statistischen Jahrbuch 2010. Hochgerechnet sind das 17,8 Prozent der österreichischen Gesamtbevölkerung. Davon sind lediglich 385.500 Personen Migranten der zweiten Generation. August Gächter vom Zentrum für Soziale Innovation sagt, dass „man es nicht weiß, wie es der zweiten Generation einkommensmäßig geht. Beruflich geht es ihr so lala.“ Das „so lala“ wird durch folgende Zahlen bestätigt: 27 Prozent der 15- bis 59-Jährigen (Frauen) bzw. 64-Jährigen (Männer) sind noch in Ausbildung. Interessant ist auch, dass die Beschäftigen sich auf 19 Prozent in höheren Tätigkeiten, 30 Prozent in mittleren und 22 Prozent in Hilfs- und Anlerntätigkeiten verteilen. Fazit: Alles in allem bin ich „voll integriert“. Erleichterung. Was für ein Glück: „Migrantin zweiter Generation“ zu sein tut doch nicht weh.


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Die Multiminoritätengesellschaft SABINE EDITH BR AUN

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Weniger Unfälle & Kriminalität Eine Folge dieses Älterwerdens, so der Bevölkerungsexperte Rainer Münz, werden u.a. niedrigere Kriminalitäts- und Unfallraten sein: „Junge Gesellschaften haben einen höheren Level an tödlichen Verkehrsunfällen, sind mehr testosterongetrieben.“ Es könnte auch die Innovationsbereitschaft abnehmen, so Münz. Im Jahr 2010 lebten 8,38 Millionen Menschen in Österreich. Davon wurden 1,29 Millionen im Ausland geboren (375.000 in Ex-Jugoslawien (ohne SLO), 192.000 in Deutschland, 159.000 in der Türkei). „Die Menschen, die vor 40 Jahren aus Jugoslawien und der Türkei gekommen sind, hatten ein geringes Bildungsniveau, das zum Teil kompensiert, zum Teil weitergegeben wurde, u.a. durch Familienzusammenführung“, erklärt Rainer Münz, „denn unser Schulsystem, das auf die Zuwanderung nicht vorbereitet war, hatte da einen Katalysatoreffekt. Das hat aber nichts mit der Zuwanderung der Gegenwart zu tun.“

Die Multiminoritätengesellschaft Und wie geht es den Neo-Österreichern und Migranten heute in der Schule? „Um deren Bildung steht es schlecht“, meint die Migrationspädagogin und Linguistin Inci Dirim von der Uni Wien. „In Österreich spielt die ethnisch-kulturelle Herkunft von Schülern eine große Rolle. Das Bildungssystem verfolgt zwar die Absicht, dass alle dieselben Bedingungen haben – aber in Bezug auf Migranten ist genau das das Problem.“ Diese seien sprachlich oft über-, aber kognitiv unterfordert. Bilinguale Schulen seien das Zukunftsmodell. „Aber nicht bloß deutsch-französische oder -englische, sondern auch deutsch-türkische oder deutschbosnisch/serbisch/kroatische Schulen wären gefragt. In Ottakring könne man eine deutsch-türkische Schule machen. Auch monolinguale Kinder wären dort gut aufgehoben. Ich sehe da große Chancen“, meint Dirim. Die Zukunft werde keiner wie auch immer gearteten sprachlichen Mehrheit gehören. Dirim verweist auf Herwig Birg, der eine Prognose für Köln, einer Wien vergleichbaren Stadt, erstellt hat: „Er ist zu dem Ergebnis gekommen, dass wir auf eine

Multiminoritätengesellschaft zusteuern.“ Der Münz gibt in diesem Zusammenhang zu demografische bedenken: „Die größte ZuwanderergrupWandel verändert pe in Österreich sind die Deutschen. Das heißt, die größte Gruppe der Minderheiten das Verhältnis spricht die Sprache der Mehrheit!“ von Jung und Alt, Neue Themen in der Politik Einheimischen In den Parteien schlagen sich demografische Veränderungen kaum nieder. „Für und Migranten Parteien ist es mittlerweile wichtiger, welche politischen Inhalte sie anbieten, es und unsere geht weniger darum, ein Spiegel soziodeSprache mografischer Strukturen zu sein“, so Sylvia

„Wir kriegen das, was wir verdienen, solange wir es hinnehmen“ Hannes Haas, Kommunikationswissenschaftler

Kritzinger, Leiterin des Fakultätszentrums für Methoden der Sozialwissenschaften an der Uni Wien. Die wachsende Zahl der Pensionisten aber ist wahlberechtigt – ist die Zeit reif für die Pensionistenpartei? „Pensionist sein oder Frau sein oder Migrationshintergrund haben ist als Parteiprogramm allein zu wenig. Das ist ein soziodemografisches Merkmal, beinhaltet aber keine ideologische Komponente.“ Themen, die für diese Gruppen von Wichtigkeit sind, dürften nicht auf sie beschränkt bleiben: „Dass es ein funktionierendes Gesundheitssystem gibt, ist für alle wichtig.“ In Zukunft werden wir keine Spartenparteien brauchen, sondern solche, diewichtige Inhalte transportieren und sich neuen Politikinhalten widmen. Diese neue, kulturelle Dimension in der Politik werde derzeit von zwei Parteien thematisiert: den Grünen und der FPÖ – mit unterschiedlicher Stoßrichtung. „SPÖ und ÖVP haben es noch nicht so gut geschafft, die neuen Politikinhalte aufzunehmen und zu vermarkten. Sie werden dies tun müssen, wenn sie weiterhin erfolgreich sein wollen“, sagt Sylvia Kritzinger.

Machen die Zeitungen dümmer?

„Um die Bildung von Migranten und Neo-Österreichern steht es schlecht“ İnci Dirim, Migrationspädagogin & Linguistin

„SPÖ und ÖVP müssen die neuen Politikinhalte aufnehmen und vermarkten“ Sylvia Kritzinger, Sozialwissenschaftlerin

Auch Hannes Haas, stv. Vorstand des Instituts für Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Uni Wien, hält nicht viel von einer altersmäßigen Spartenbildung: „Wer verlangt in der Trafik schon gern die Pensionistenzeitung?“ Es gebe sicherlich Bedarf hinsichtlich Service und Sozialrecht, doch der Grat zwischen einem Angebot, das Orientierung und Zusammenhalt schaffe, und einem, das eine Form der Ghettoisierung betreibe, sei schmal. Für gelungen hält Haas das Magazin Biber, wo quasi alle für alle schreiben. „Das ist nach beiden Richtungen offen, daher spannend. Wenn hier nur Türken für Türken schrieben, wäre es zu wenig.“ Ist ein jüngeres und/oder migrantisches Publikum gefährdeter, durch kurze Artikelchen à la Österreich Lesekompetenzen einzubüßen? „Ich glaube nicht an Entweder-oder, es gibt Info-Junkies, die alles lesen und nicht genug kriegen. Und Social Media, Internet, Tweets sind auch eine

Form von Lesen“, so Haas. „Wo es für einen selber spannend wird, da sucht man auch. Egal, ob es um den Lieblingssportverein geht oder um die Pensionsregelung.“ Aber auch Haas bestätigt eine Kluft: „Die These von der Wissenskluft ist auch die einer wachsenden Kluft: Eine Gruppe ist gut informiert und weiß, wie man sich noch besser informieren kann; die andere nicht.“ Man setze aber schon in der Schule verstärkt auf Medienkompetenz: „Das ist mehr als nur die technische Beherrschung, das ist auch Quellenkritik. Dass man nicht auf jedes E-Mail reinfällt, zum Beispiel.“ Sind die Medien Spiegel der Gesellschaft – oder umgekehrt? Hannes Haas: „Beides, aber in Wahrheit ist es komplexer. Wir kriegen das, was wir verdienen, solange wir es hinnehmen. Wir sind nicht ferngesteuert, sondern wenden uns den Medien zu, denen wir uns zuwenden wollen. Wenn das Volk Habermas-Diskurse in der Zeitung lesen will, haben wir die auch!“ Rainer Münz weist darauf hin, dass es noch nie so viel Mediennutzung bzw. Zeitungsleser gegeben habe wie seit dem 20. Jahrhundert.

Keine „Verlotterung“ der Sprache Warum gibt es die Habermas-Diskurse hierzulande trotzdem nicht? Und woher kommt die Verlotterung der (Zeitungs-)Sprache? Der Linguist Hans-Jürgen Krumm von der Uni Wien warnt davor, von „Verlotterung“ zu reden: „Sprachen verändern sich, immer. Deshalb ist größte Vorsicht geboten, von ‚Verlotterung‘ zu sprechen. Gleichzeitig gebe ich Ihnen Recht: Gerade in Printmedien finden sich viele Fehler und sprachliche Merkwürdigkeiten – offenbar wird immer weniger sorgfältig Korrektur gelesen.“ Vieles sei, so Krumm, wohl eher ein Unterschied Jung versus Alt. „Jugendliche haben zu allen Zeiten ihre eigenen Sprachen entwickelt – vielleicht ist der Unterschied, dass heute Medien und Werbung diese stärker ans Licht der Öffentlichkeit bringen und auch vereinnahmen.“

„Gemma Billa“ belegt Integration Eine typische Form solchen Sprechens sei das unter türkischstämmigen Jugendlichen in Wien häufig verwendete „Gemma Billa?“. „Aus linguistischer Perspektive ist das ein vom Türkischen beeinflusster Ethnolekt“, sagt Inci Dirim. Das Türkische kennt keine Artikel oder Präpositionen, grammatische Merkmale werden agglutiniert. Auf das Anhängen verzichtet, wer „Gemma Billa“ sagt. „Das ist ein Anzeichen für Integration, die leider nur zu oft als Assimilation verstanden wird. Bei ‚Gemma Billa‘ aber zeigt sich die Verbundenheit mit der österreichischen Sprache, weil sie mit dem Sprachmaterial arbeiten, das sie vorfinden. Sie vermischen es mit dem, was sie mitgebracht haben, und formen etwas Neues daraus, eine Zugehörigkeit.“

FOTOS: IPK W, BA R BA R A M A IR , SE B

m Jahr 2025 wird die Bevölkerung Österreichs laut Statistik Austria auf 8,8 Millionen angewachsen sein. Die Zahl der 15- bis 19-Jährigen schrumpft von derzeit knapp 500.000 auf rund 432.800, die der 20- bis 24-Jährigen von 522.600 auf etwa 476.000. Die 90- bis 94-Jährigen werden sich fast verdoppeln, von 36.500 auf rund 66.400. Über 95-Jährige wird es statt wie derzeit 11.300 fast 18.000 geben. Im Jahr 2050 stehen 451.400 15- bis 19-Jährigen fast 45.000 über 95-Jährige gegenüber – bei einer Bevölkerung von 9,4 Millionen.


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FOTOS: FLORIAN RAINER

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Mitteleuropas Spermien halbiert MARTINA WEINBACHER

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70 Prozent der Männer seiner Patientinnen seien unfruchtbar, erklärt ein österreichischer Arzt. Haben wir bald keine Kinder mehr?

Martina Beham-Rabanser, Soziologin an der Uni Linz, nennt mehre Gründe für die niedrigen Fertilitätsraten. Einerseits hat der Anteil der Mehrkindfamilien abgenommen, vor allem in städtischen Gebieten. Auch bleiben heute mehr Frauen kinderlos. Und besonders auffällig: Frauen bekommen immer später Kinder. „Noch 1970 lag das Durchschnittsalter von Frauen bei der Geburt des ersten Kindes bei 23 Jahren. Heute liegt es bei 28“, sagt die Soziologin.

„1970 lag das Durchschnittsalter von Frauen bei der Geburt des ersten Kindes bei 23 Jahren. Heute liegt es bei 28“ MARTINA BEHAM-R ABANSE SOZIOLOGIN AN DER UNI LINZ

Ähnliche Beobachtungen macht Frauenarzt Huber: „Heute kommt der Prinz oft nicht mehr mit 20, sondern mit 35. Der potenzielle Zeitraum des Kinderkriegens wird kürzer.“ „Junge Menschen sehen in vielen Fällen einer längeren Ausbildungszeit entgegen“, sagt Rudolf Richter, Soziologe an der Uni Wien. „Paare mit höherem Bildungsgrad bekommen nicht nur später, sondern auch seltener Kinder.“ Anders ist es mit Paaren aus den unteren sozialen Schichten. Diese und vor allem Migranten aus Südosteuropa haben deutlich mehr Kinder, erläutert Richter. Eine in Österreich geborene Frau bekommt in Wien durchschnittlich 1,1 Kinder, eine in Wien lebende Frau mit Migrationshintergrund jedoch 1,83 Kinder. Während im Falle der Migranten laut Richter die Kultur eine Rolle spielt, sind weitere Gründe nicht eindeutig festzumachen: „Eventuell steht die Überlegung, was sie ihren Kindern bieten können und sollten, nicht so stark im Mittelpunkt. Eines ist allerdings klar: Paare aus den unteren Bildungsschichten haben weniger beruflichen Flexibilitätsanspruch.“

Dass bei hochbezahlten Berufen tendenziell eine höhere örtliche Mobilität und zeitliche Anpassungsfähigkeit gefordert wird, die sich schwieriger mit Kindern vereinbaren lässt, bestätigt Frauenarzt Huber: „Natürlich ist das alles eine Einstellungssache, aber dass Kinder bei beruflich erfolgreichen Paaren als Belastung gesehen werden, hört man heute öfter.“ „Es ist auffällig“, sagt Martina BehamRabanser, „dass der höchste Anteil der kinderlosen Frauen in jenen Branchen ist, die sehr dynamisch und gleichzeitig unplanbar sind.“ Alle befragten Experten sind sich einig, dass das derzeitige globale System, das Flexibilisierung propagiert und von Instabilität geprägt ist, die Fruchtbarkeit negativ beeinflusst. „Mit der Globalisierung sinkt die Fertilitätsrate weltweit“, sagt Richter. Neben wirtschaftlichen und sozialen Gründen spielt auch die Psyche eine Rolle: „Besonders bei Frauen wirkt sich Stress negativ auf die Fruchtbarkeit aus. Stress kann dazu führen, dass kein Eisprung stattfindet“, erklärt Johannes Huber. Auch Unterund Übergewicht können die Fruchtbarkeit einschränken. Viel wesentlicher ist für Huber und seinen

Johannes C. Huber, Frauenarzt: „Pestizide sind besonders gefährlich. Sie verändern den epigenetischen Code. Die Belastung wird an die nächste Generation weitervererbt“

Martina Beham-Rabanser, Soziologin: „Junge Paare leben in der Rushhour of Life. Alles, was dazu beiträgt, diese Rushhour zu beruhigen, kann sich positiv auf die Fruchtbarkeitsrate auswirken“

Kollegen Leonhard Loimer, Leiter der KinderWunschKlinik Wien und Wels, die signifikante Erhöhung toxischer Stoffe in der Umwelt. „Bei 70 Prozent meiner Patienten ist der Mann unfruchtbar. Einer der Verursacher könnte das giftige Bisphenol A sein, das als Weichmacher in Plastikflaschen und sogar Windeln verwendet wird“, sagt Loimer. Laut WHO halbierte sich die Anzahl der Spermien in Mitteleuropa in den letzen 40 Jahren. Zu den Stoffen, die maßgeblich dafür verantwortlich sein könnten, zählt Huber auch die Pestizide: „Sie sind besonders gefährlich. Sie verändern den epige-

„Untersuchungen zeigen, dass Frauen, die die Pille nehmen, morgens beim Urinieren am meisten Hormone ausscheiden“ LEONHARD LOIMER KINDERWUNSCHKLINIK WIEN&WELS

netischen Code. Die Belastung wird an die nächste Generation weitervererbt.“ Zugleich nennt Huber den zu hohen Hormonanteil in der Umwelt – und hier vor allem das Östrogen im Abwasser – als entscheidende Ursache für männliche Unfruchtbarkeit. Er spricht diesbezüglich von wissenschaftlichen Beobachtungen über veränderte Geschlechtsmerkmale bei Reptilien, die an Flussmündungen gemacht wurden.

Leonhard Loimer verweist auf Studien zu Östrogenwerten im Wiener Abwasser. Diese seien um neun Uhr vormittags um ein Vielfaches höher als am Nachmittag. Als Ursache nennt er unter anderem die Antibabypille: „Untersuchungen zeigen, dass Frauen morgens beim Urinieren am meisten Hormone ausscheiden.“ Wie lässt sich die Geburtenrate ankurbeln? Der Soziologe Richter plädiert dafür, dass mehr berufliche Kombinationsmöglichkeiten, etwa Halbtagsplätze, für Eltern

„Der hohe Hormonanteil in der Umwelt, vor allem das Östrogen im Abwasser, verursacht männliche Unfruchtbarkeit“ JOHANNES C . HUBER UNIV.-PROF. AM AKH

geschaffen werden. Hier sei der Mann miteinzubeziehen. Schon jetzt dürften zehn bis zwanzig Prozent der Männer Karenz in Anspruch nehmen, auch wenn sich dies aus rechnerischen Gründen statistisch nicht belegen lässt. Auch bei der institutionellen Versorgung der Kleinkinder sieht Richter Handlungsbedarf: „Die Berufstätigkeit der Frau ist nicht per se der Grund für die Kinderlosigkeit unserer Gesellschaft. Das sieht man am Beispiel der skandinavischen Länder. Was fehlt, sind Kinderbetreuungsplätze und ein familienfreundliches Umfeld.“ Dies sollte laut der Soziologin BehamRabanse auch bei Ausbildungsstätten gegeben sein. Nur wenn die Gefahr der Armutsfalle gebannt sei, würden junge Menschen den Schritt zur Familie wagen. „Sie leben in der rush hour of life. Das ist jene Phase, in der viel zusammenkommt: Beruf, Kinder etc. Alles, was dazu beiträgt, diese Rushhour zu beruhigen, kann sich positiv auf die Fruchtbarkeitsrate auswirken.“ Auch ein verpflichtendes Kindergartenjahr,

wie es derzeit in Österreich diskutiert wird, könnte zur Entlastung der Familien beitragen, sind sich die Soziologen einig. Als Einzelmaßnahme wäre dieses jedoch ein Tropfen auf den heißen Stein. Zusätzlich sieht Richter in der Verpflichtung eine Frage der Werthaltung. Bei allem Optimismus weisen beide Soziologen auf die Grenzen der Sozialpolitik hin. Diese könne zwar hilfreich sein, indem sie ein familienfreundliches Umfeld schafft und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördert. Sie könne die Fertilität generell aber nicht beeinflussen. Durch künstliche Befruchtung könnte die Fertilität maßgeblich beeinflusst werden. Auch spräche medizinisch nichts dagegen, sagen die Loimer und Huber.

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aut Weltbank ist die Fertilitätsrate, also die durchschnittliche Geburtenrate pro Frau, in Österreich von rund 2,6 Kindern 1960 auf 1,4 Kinder gesunken. Demnach gebiert eine Frau in Österreich heute durchschnittlich fast ein Kind weniger als noch vor 50 Jahren. „Es kommen immer weniger Kinder zur Welt. Der Anteil der älteren Menschen steigt. Da kommt ein Megaproblem auf uns zu“, meint der Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Johannes C. Huber, Univ.-Prof. am AKH.


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DEMOGRAFISCHER WANDEL

„Ich bin jung, ich habe Kraft, ich könnte arbeiten. Aber ich darf nicht. Wer soll die Pension für meine Mutter verdienen, wenn die Jungen nicht arbeiten dürfen?“

„Was ich all die Jahre höre: Du bist ein schwarzer Mensch, du bist ein schlechter Mensch. Ich will nur eine Chance und behandelt werden wie andere Menschen auch“

Zsuzsanna Hortobagyi, 23

Branislav Matic, 40

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DEMOGRAFISCHER WANDEL

Die Rückkehr der alten Garde DIE TER HÖNIG

reise oder Weise – von wem Wirtschaft und Gesellschaft künftig geführt werden, hängt davon ab, wie wir den demografischen Wandel deuten. „Immer stärker ins Blickfeld rückt dabei das Modell von Reife als Ressource“, sagt der Schweizer Sozialwissenschaftler und „Zukunftsphilosoph“ Andreas Giger. Er berichtet vom Journalisten eines deutschen Wirtschaftsmagazins, der genervt gefragt habe, ob denn die Rückkehr der alten Männer bei der Deutschen Telekom, Bertelsmann und ABB als Vorbote eines neuen Trends zu betrachten sei. „Übernehmen die Alten etwa jetzt endgültig das Ruder? Droht eine Gerontokratie, eine Herrschaft der Greise, in der alles erstarrt und kein Raum mehr ist für junges Blut und Innovationen?“

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Die demografische Entwicklung erzwingt eine längere Verweildauer älterer Menschen im Arbeitsprozess

„Köpfe und Alter lassen sich zählen“, sagt Giger. „Die wichtigsten Faktoren wie Lebenserwartung und Geburtenrate sind bekannt und stabil. Wenn der Demograf über die 60-Jährigen in 30 Jahren nachdenkt, sind seine Forschungsobjekte alle längst geboren. Das Phänomen der immer länger lebenden Menschen ist global. Kommen zur steigenden individuellen Lebenserwartung sinkende Geburtenraten, steigt das Durchschnittsalter bei abnehmender Bevölkerungszahl. Zuwanderung kann diese Entwicklung abschwächen, aber kaum aufhalten.“ Ähnlich sieht es der deutsche Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe Gunnar Heinsohn. Er weist überdies auf

„Einwanderung kann das demografische Problem nur strecken, da die Elite, so sie kommt, selbst zur Kinderlosigkeit tendiert“

Dem widerspricht die Tatsache, dass mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen keine Mitarbeiter über 50 beschäftigen. In Österreich ist es nicht viel anders. Die Angst vor dem Gespenst „Überalterung“ dürfte dennoch sehr tief sitzen, meint Giger: Zusammenbruch des Rentensystems, enormer Bedarf an neuen Pflegeplätzen, für deren Finanzierung die aktive Bevölkerung aufkommen muss, etc. Als Gegenpol werde dagegen das Bild der „neuen Alten“ heraufbeschworen: fröhliche

kung zwischen unserer persönlichen und unserer gesellschaftlichen Existenz. Die wird kaum je so sichtbar wie beim Thema Älterwerden: Wir altern sowohl als Einzelne wie als Gesellschaft. An das Altern der Gesellschaft zu denken erinnert deshalb unweigerlich an das eigene Alter und damit verbunden an Krankheit und Tod. Damit beschäftigen sich die wenigsten gern.“ Das zunehmende Älterwerden unsere Gesellschaft lässt sich, so Giger, nicht abwenden – aber analysieren und nutzen. Das gebräuchliche Wort „Überalterung“ lehnt er ab, bezeichnet es als „Unwort“. Er sieht eine Ressource „in der Reife. Sie korreliert mit dem Alter, das heißt, sie tritt mit zunehmendem Alter mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auf, ist aber keineswegs eine automatische Frucht des Älterwerdens. Älter werden wir von selbst, reifer nicht.“ Die älteren Manager stünden nicht wegen ihrer Lebensjahre an der Spitze von Unternehmen, sondern weil sie wüssten, wie der Laden läuft, und weil sie ein Risikobewusstsein haben, das über jenes von jungen Menschen hinausgeht.

GUNNAR HEINSOHN WIRTSCHAF TSWISSENSCHAF TLER

die mangelnde Qualifikation mancher Einwanderer hin: „Auch die Einwanderung kann das demografische Problem nur strecken, da die Elite – so sie überhaupt kommt – selbst zur Kinderlosigkeit tendiert. Daher gibt es nur eine mutuelle Kannibalisierung zwischen Spitzennationen. Sie haben eine Elite, die den anderen fehlt, die sie selber aber nicht verlieren wollen.“ Die besten „Anwerber“ seien Länder mit kontrollierbaren Grenzen und eigener Hoheit über die Verwendung ihrer Steuern.

„Europas Bevölkerung der über 60-Jährigen wächst in den nächsten 25 Jahren um durchschnittlich zwei Millionen jährlich“

Es werden bald nicht mehr genug junge Nach-

wuchskräfte zur Verfügung stehen, meint auch Giger. Daher ginge es nicht mehr um die Organisation eines Gnadenbrots für ältere Menschen, sondern darum, wie ihre Reife als Ressource in den Arbeitsprozess eingebracht werden könne. „Eine unserer Umfragen zeigt: In der Schweiz fühlen sich reifere Menschen mit ihren speziellen Werten und Anliegen von der Politik ungenügend vertreten. In der Wirtschaft fühlen sich ältere Menschen zwar als Zielgruppe angesprochen, aber nicht wirklich wahrgenommen.“

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„Die Zeit wird kommen, in der sich die EU-

Best Ager, die über ausreichend Geld und Zeit verfügen und durch ihren Konsum die Wirtschaft ankurbeln. „Beide Positionen sind eindeutig überzogen.“ Laut dem „Europäischen Demografiebericht“ trat 2008 ein Wendepunkt ein. Europas Bevölkerung der über 60-Jährigen und Älteren wird in den nächsten 25 Jahren um durchschnittlich zwei Millionen jährlich wachsen. Die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter ab 2014 jährlich um eine bis 1,5 Millionen abnehmen. Die EU muss sich mit Phänomenen wie Bevölkerungsrückgang, schwachem natürlichem Wachstum und der Überalterung eines Teils der Bevölkerung auseinandersetzen. Eine Folge der Fortschritte, die auf wirtschaftlichem, sozialem und medizinischem Gebiet erreicht worden sind. Die Lebenserwartung ist von 1960 bis 2006 um acht Jahre gestiegen. Sie könnte von 2006 bis 2050 noch um weitere fünf Jahre zunehmen.

Andreas Giger, Sozialwissenschaftler: „Wir altern sowohl als Einzelne wie als Gesellschaft. An das Altern der Gesellschaft zu denken erinnert deshalb unweigerlich an das eigene Alter und damit verbunden an Krankheit und Tod“

Mitgliedsstaaten die besten Köpfe gegenseitig abjagen“, sagt der deutsche Bildungsexperte Knut Diekmann, Referent beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag in Berlin. „Früher lag der Vorteil bei den Unternehmen, da sie leicht aus einem größeren Angebot an potenziellen Erwerbstätigen auswählen konnten – insoweit war es ein Anbietermarkt. Heute verkehrt sich die Situation: Der Vorteil wird allmählich bei den Erwerbstätigen liegen, die sich ihre Jobs auswählen können. In Deutschland gab es in den letzten Jahrzehnten heftige politische Diskussionen um die Versorgung der Jugendlichen mit Lehrstellen. In den letzten zwei Jahren hat sich das Blatt gewendet: Betriebe buhlen um die besseren Jugendlichen mit iPads oder Gala-Essen. Das wird beispielgebend für die Zukunft.“ Noch wird diese Entwicklung eher zaghaft und unwillig zur Kenntnis genommen. „Dieser Widerstand“, sagt der Philosoph Giger, „speist sich aus der Verschrän-

„Die Zeit wird kommen, in der sich die EU-Mitgliedsstaaten die besten Köpfe gegenseitig abjagen“ KNUT DIEK MANN E XPERTE FÜR WEITERBILDUNG

Gefordert werde, so Giger, von allen etwas, wenn die Ressource Reife im Arbeitsprozess genutzt werden soll: von den Unternehmen Angebote für anspruchsvolle ältere Mitarbeiter. Von der Politik Rahmenbedingungen, die berücksichtigen, dass der Trend zur Individualisierung von Arbeitsverhältnissen gerade auch im reiferen Alter unaufhaltsam ist. Und von den älteren Menschen schließlich die Einsicht, dass der eigene Reifungsprozess auch jenseits der 50 weitergeht und auch eigener Investitionen bedarf.

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DEMOGR AFIEBERICHT


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WISSENSCHAFTSPOLITIK Forschungslandschaft

Wo steht die außeruniversitäre Forschung? MARTINA POWELL

ür Aufregung hatte 2010 ein Budgetentwurf der rotschwarzen Regierung gesorgt, der unter anderem im Sektor der außeruniversitären Forschung drastische Kürzungen vorsieht: Acht Millionen Euro sollen durch die Streichung der Basissubventionen jährlich eingespart werden. Prompt wurde die Protestplattform „Wissen/schafft/Österreich“ gegründet, im November formierte sich der Verein Wissenschaftskonferenz Österreich (Wiko), um die Interessen aller unabhängigen wissenschaftlichen Einrichtungen und Forschungsorganisationen sichtbarer zu machen. Die „Strukturbereinigungen“, wie sie das Ministerium nennt, könnten für viele Einrichtungen, die auf offizielle Zuschüsse angewiesen sind, das Aus bedeuten: Laut „Wissen/schafft/Österreich“ werden dem Wissenschaftssystem pro Jahr etwa 80 Millionen Euro durch die Kürzungen genommen.

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Nun, ein halbes Jahr später, ist das Bud-

get im Parlament beschlossen und in Umsetzung. Die Proteststimmen sind nur scheinbar leiser geworden: Mitte März lud die Wissenschaftskonferenz Österreich zu ihrer ersten Jahrestagung ins Rathaus. Dort diskutierten etwa 160 Wissenschaftler, wie der österreichische Forschungsraum gestaltet werden soll. Eingeladen war ebenfalls die Wissenschaftsministerin, die sich jedoch aufgrund eines Termins in Brüssel entschuldigen ließ.

Die Stimmung beschreibt Peter A. Bruck, Präsident der Wiko und Initiator der Plattform „Wissen/schafft/ Österreich“, als „dynamisch und engagiert“: „Die Kürzungen haben einen budgetären, aber nicht einen institutionellen Kahlschlag bewirkt. Manche Auswirkungen wie die Streichung der Druckunterstützungen für Publikationen und Zeitschriften werden erst sichtbar werden.“ Bei der Tagung habe sich die Vielfalt des Sektors gezeigt: „Mit dieser Energie und dieser Dynamik möchten wir weiterarbeiten. Klare Rollen geben auch mehr Kraft.“ Den Versuch, der Situation positive Seiten abzugewinnen, unternimmt nicht nur der Wiko-Vorsitzende: Gabriele Ambros, Präsidentin der Forschung Austria, der Vereinigung der staatlichen und korporativen außeruniversitären Forschung, meint, dass ohne den Schockeffekt im November die „Energie, die nun zu einer Nachjustierung der außeruniversitären Forschungslandschaft führen könnte, anders nicht aufgebracht worden wäre“. Über die unabhängigen Institute, deren Existenz durch die Kürzungen gefährdet sein könnte, gibt es von der Wiko keine Auskunft. Erst in den nächsten Wochen werde sich nämlich zeigen, ob Einrichtungen „ins Exit“ gehen müssen oder ob es lediglich zu Neustrukturierungen kommt, sagt Bruck. Dieser Einschätzung schließt sich Ambros an. Etwa ein Drittel jener 65

Einrichtungen, die von den Kürzungen betroffen sind, wird in Universitäten integriert, schätzt die Präsidentin von Forschung Austria. „Die meisten der anderen Institute haben bisher seitens der öffentlichen Hand so geringe Mittel erhalten, dass dieser Wegfall nicht existenzgefährdend sein dürfte.“ Beim Demokratiezentrum Wien setzt

man auf eine interinstitutionelle Zusammenarbeit: Gemeinsam mit zwei weiteren außeruniversitären Instituten und dem Zentrum für Friedensforschung und Friedenspädagogik an der Universität Klagenfurt will man einen „Friedenscluster“ aufbauen. In den nächsten drei Jahren sollen der Inhalt und die Organisationsform des Pilotprojekts zur Friedens-, Konflikt- und Demokratieforschung entwickelt werden. Durch diese Kooperation erhalten die drei außeruniversitären Institute jene Förderung, die bei der Streichung der Basissubvention weggefallen war. Während Wissenschaftsministerin Beatrix Karl bei einer Pressekonferenz den „Friedenscluster“ als „Role-Model“ bezeichnet, sieht Gertraud Diendorfer die gesetzte Strukturreform kritischer. Die Mittel für den Cluster seien nur bis 2013 gesichert, sagt die Leiterin des Demokratiezentrums Wien. „Ich bin dafür, dass mit dem Ministerium und anderen Einrichtungen gemeinsam gearbeitet wird, Synergien genutzt und Förderungen transparent abgewickelt werden. Aber eine Zusammen-

arbeit des außeruniversitären Sektors mit den Universitäten setzt voraus, dass der außeruniversitäre Sektor im Forschungsförderungsplan einen entsprechenden Platz hat und nicht ausgehungert wird. Daher stellt sich die Frage: Wie wird es nach 2013 weitergehen? Mir fehlt die langfristige Perspektive.“ Auch bei anderen stoßen BMWFModelle nicht nur auf Zustimmung: wie die Eingliederung von außeruniversitären Instituten in universitäre Strukturen. Laut Gabriele Ambros mache das nur „in einigen Fällen“ Sinn. „In anderen wiederum verlieren wir durch diese Zusammenführung natürlich geistige Wertschöpfung.“ Ein Wiko-Vorschlag lautet, Projektfinanzierungen durch das Ministerium in Zukunft in einem offenen Call-System abzuwickeln. Für größere Institute wären Leistungsvereinbarungen in einem Rahmen von fünf bis sieben Jahre abzuschließen. Einen gemeinsamen Tenor scheint man

nach den ersten Monaten gefunden zu haben: Man reagiert positiv auf die neuen Bedingungen. Eine Justierung der Struktur im außeruniversitären Bereich wird teilweise begrüßt. Am Kernargument des Protestes hält man jedoch fest. Ambros: „Wir dürfen auf unser wertvollstes Gut – das Wissen in den Köpfen der Mitarbeiter in den Forschungsstätten – nicht leichtfertig verzichten. Die Auswirkungen wären jedenfalls fatal. Und sind mit dem errechneten Einsparungspotenzial in keinster Weise zu rechtfertigen.“

ILLU S T R AT ION: JO C HEN SC HIE V INK , W W W.JO C HEN WOR LD.DE

Vor knapp einem halben Jahr gingen die Wogen hoch: Da war von „budgetärem Kahlschlag“, von „Vertreibung der Intelligenz“ und vom „Aushungern des Wissenschaftssystems“ die Rede. Und nun?


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Politologie

Revolutionen in Nordafrika INTERVIE W: MARTINA POWELL

us gegebenem Anlass untersucht die Politologin Irene Etzersdorfer den Revolutionsbegriff, um zu sehen, ob er auf aktuelle Ereignisse passt. Irene Etzersdorfer ist Politologin an der Uni Wien und Gastprofessorin an der Donau-Uni Krems.

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Heureka: Frau Etzersdorfer, wem gilt Ihre Forschung? Irene Etzersdorfer: Dem Versuch, die

Welt, in der wir leben, zu verstehen und sich entsprechend dieser Erkenntnis zu verhalten. Wenn sich Phänomene ändern, ist es an der Zeit, tradierte Konzepte und Begrifflichkeiten zu überdenken. Mit zeitnahen Vorlesungen lassen sich Erfahrungen aus unserem persönlichen Wahrnehmungsbereich mit theoretischen Analysen verknüpfen.

tergrund sehen und nicht merken, dass es keine islamistische Revolte ist. Einige Islamspezialisten scheinen diese Revolution zu verschlafen, wie einst die großen Sowjetologen die Revolutionen von 1989. Auch die Behauptung im Gefolge des israelischen Historikers Dan Diners, dass der arabische Raum in Starre verharrt, zur Demokratisierung nicht fähig ist, erweist sich als unzutreffend. Es gibt auch diejenigen, die aus ökonomischen Gründen ein Scheitern dieser Bewegungen voraussagen, weil sich die soziale Frage nicht befriedigen lässt, wie etwa der deutsche Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse lassen sich jetzt aus den Ereignissen ziehen? Etzersdorfer: Während Huntington

mit seinem mechanischen Moderni-

sierungsansatz ein weiteres Mal widerlegt wurde, lässt sich mit Fukuyama argumentieren, dass auf Dauer gewisse Prinzipien nicht unterdrückt werden können. Dazu zählt der harte Kern jener aufklärerischen Prinzipien wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Individualismus. Wie werden Sie das Thema weiter bearbeiten? Etzersdorfer: Ich würde mir den Trans-

„Ägyptens Revolution ist ein Ereignis für sich. Zugleich artikuliert sie universelle Werte“ IRENE E T ZER SDORFER POLITOLOGIN

formationsprozess sehr gerne aus der Nähe ansehen und an einer englischsprachigen ägyptischen Universität ein Semester verbringen. Vielleicht sollte ich bei jenen österreichischen Politikern nachfragen, die im ersten Enthusiasmus eine großzügige Unterstützung der Revolution angekündigt haben. Eine lebende Wissenschaftssubvention wäre doch eine solche Unterstützung.

FOTOS: FELIPE TRUEBA / EPA / PIC TUREDESK.COM, UNIVER SITÄT WIEN, PRIVAT

Stellen die Ereignisse in Nordafrika unser Revolutionsverständnis infrage? Etzersdorfer: Die Diskussion der letz-

ten Jahrzehnte war durch alte ideologische Grabenkämpfe verstellt, die hier nicht mehr greifen. Die neuen Revolutionen erweisen sich als politische Bewegungen. Auch ökonomische Spannungen erhalten einen politischen Charakter. Das haben liberale Theoretiker von Alexis de Tocqueville bis François Furet schon immer hervorgehoben. Im Gegensatz dazu stellte etwa der revolutionäre Marxismus Gewalt ins Zentrum seiner Argumentation, wie überhaupt Politik als ein Gewaltverhältnis begriffen wird. Gibt es Modelle, die die Revolution in Ägypten beschreiben und erklären können? Etzersdorfer: Es geht im derzeitigen

Diskurs nicht um abstrakte Begriffe, sondern zunächst um die adäquate Beschreibung gewisser historischer Ereignisse und deren Bedeutung. Die ägyptische Revolution ist zunächst ein Ereignis für sich. Zugleich zeigt sie, dass sich darin ein gewisser Trend zur Verwirklichung jener universellen Werte artikuliert, die das Wesen moderner demokratischer Staaten ausmachen. Wie läuft die Diskussion unter Wissenschaftlern über die Ereignisse in Nordafrika? Etzersdorfer: Es gibt die Pessimisten,

wie etwa André Glucksmann, die immer die islamistische Gefahr im Hin-

Demonstration für politische Freiheit in Ägypten. Der Aufstand begann am 25. Jänner 2011, dem „Tag des Zorns“


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Gedicht JOHN ASHBERY, EINSPRUCH STAT TGEGEGBEN

John Ashbery (geb. 1927 in Rochester/New York) gilt mit seinen bislang 27 Gedichtbänden als der vielleicht bedeutendste Lyriker Amerikas nach dem Zweiten Weltkrieg. Lange Zeit auch als Kunstkritiker tätig, erhielt der bekannteste Vertreter der New York School of Poets 1976 für „Self Portrait in a Convex Mirror“ den Pulitzer-Preis und in der Folge alle bedeutenden amerikanischen Literaturpreise.

– Wie ein französischer König weiß ich und weiß ich zugleich nicht, was es ist, das ich bin. Planlos, sinnlos leidend, glaube ich im Moment auf Draht zu sein. – Weitere Ränder werden uns in Richtung Leben einladen, von einem Tag auf den anderen sämtliche Register ziehen. Verlockend hält die Menge an, zeigt uns ein Schulterzucken, fällt ein Urteil. – Wie auch immer, so passiert es. Die Eisdose fing zu rutschen an und bekam einen Sprung. All meine irdischen Besitztümer waren auf einmal gar nicht mehr so irdisch. Manchmal überfällt dich in einem Traum der ganze Chic von allem wie ein Woge, der du hinterherschaust in dem Bewusstsein, sie gesehen zu haben, bereits umhüllt von einer Andersartigkeit. – Diese gesamte Energie der vergangenen Woche ging uns voran ins Labyrinth. Wir konnten ihre Verwunderung schon im Voraus hören, waren aber entschlossen, unsere eigene Sicht der Dinge in entscheidenden Fragen darzulegen. Allmählich verlor ich zu diesen den Zugang. Ich weiß nicht, wer die anderen sind. Er starb dann in weiteren Filmen.

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Aus: John Ashbery: Ein weltgewandtes Land. Gedichte (zweisprachig, aus dem Amerikanischen von Erwin Einzinger). Lux books, Wiesbaden 2010

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Als konfessioneller Problemstoff durchaus tragbar Politisch korrekt grob gesagt Explosives Buchstabengemenge Als EU-Braut ist sie manchen schleierhaft Wir fordern: Dringen Sie auf das Fremdwort! Referee im Global Play (Abk.) Umgekehrt macht das Briten traurig Oberflächlich betrachtet beherrscht es die Erde So sei bitte die geile Schnitte Der Kumpel ist ein echter Wiener Roma è l’eterna Austro-Migrant, weltweit bekannt (Init.) Instrumentale Zitherpartie: Harry Lime auf Japanisch Architektonisches Line-up großer Metropolen Wiener Café in bester Lage

Senkrecht 1 Paralytischer Zustand bei starker sozialer Fremdeinwirkung 2 Kümmerliche Diskussion? Wird sie nicht jetzt geführt, werden wir alle bald ziemlich alt aussehen 3 Gulaschsuppentemperament 4 Claudia bringt Farbe in den „ZiB- Flash“ 5 Wirkt aufgesetzt 8 Fixe Größe beim Nagelfest 11 Von ihr kann man maßgeblich abweichen 14 Sorgt für geflügelte Worte 15 Geboren in Novi Sad – heute mit breiter Brust Österreicherin (Vorname) 18 Völkerrechtliche Notunterkunft 20 Bürokratische Kehrseite der Medaillen bei völkerverbindenden Ringkämpfen (Abk.) 21 Sprichwörtlicher Musikmacher 22 Alias alias Auflösung aus Falter HEUREKA 5/2010. Waagrecht: 1 AUGUSTIN, 6 MELDEAMT, 8 U-BAHN, 9 TOC, 10 DATE, 12 SCHWEDEN, 13 NERD, 16 II, 17 URAL, 19 WEG, 20 GEIZHALS, 21 NIL, 22 KALT, 23 INES, 25 SANDLER Senkrecht: 1 ARMUTSZEUGNIS, 2 UTE BOCK, 3 SPENDEN, 4 IMMATERIELL, 5 NOTWENDIGSTE, 7 LACH , 11 ADE, 14 MAILEN, 15 BLZ, 18 REINA, 19 WAAGE, 24 SD Lösungswort: CARLA

Was am Ende bleibt Small is beautiful

ERICH KLEIN

Es gibt Themen, die man besser meidet – Helden etwa in einem Atemzug mit Opfern. Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima sind das jene Männer, die zu retten versuchen, was noch zu retten ist. Dass sie aufgrund der hohen Verstrahlung sterben, scheint sicher; unklar ist hingegen, was sie zu ihrem Handeln motiviert. Altruismus, eine der wesentlichen Grundlagen jeder Gesellschaft, steht nicht hoch im Kurs. Menschen, die ihr Leben opfern, sind in säkularen Öffentlichkeiten ein Tabu. Schließlich haben wir Aufgeklärten aus der Geschichte gelernt: Helden – welche Helden? Manager! Ästheten! Therapeuten! Hier endet auch die kritische Berichterstattung. An der Welt der Dachgärten huscht dennoch eine kurze Erinnerung an Atombunker und die Welt vor 1989 vorbei. Kritiker sprechen gar von „Angstlust“. Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Logik der Abschreckung schien auch die ursächliche Verbindung von Atomwaffen und friedlicher Nutzung der Atomkraft außer Kraft gesetzt. Der Reaktorunfall von Tschernobyl, der nicht wenig zum Ende der Sowjetunion beigetragen hatte, wurde zum Epochenwandel erklärt – um in Vergessenheit zu geraten. Der oft gefilmte Sarkophag ist ein gruseliges Denkmal des untergegangenen Kommunismus – Armageddon hat nicht stattgefunden! Dass auch die russischen und ukrainischen „Liquidatoren“ vergessen wurden, steht auf demselben Blatt. Was folgte, war eine kleine Zeit, die man gekannt haben mochte, als sie noch groß war. Ach ja – small is beautiful. Es verschwand – nicht die Geschichte, aber die Hysterie jener Zeit, in der der deutsche Wald bald sterben sollte. Umweltschäden des Golfkrieges? Kollateral! Seien wir ehrlich: Die Verschmutzung von Boden, Luft oder Wasser wurde nicht durch Demonstrationen beendet, sondern durch die Anforderungen des Tourismus. Was nach dem Mauerfall als „Klimawandel“ wiederkehrt, entbehrt des apokalyptischen Potenzials von damals. Wer über einen Strahlenschutzkeller verfügt, hat längst vergessen, dass er mit Gerümpel vollgestellt ist. In den Biomarkt geht der, dessen Börse es erlaubt. Wer einst für die Umwelt kämpfte, schreibt heute bestenfalls Umweltgeschichte. Und schien es nicht tatsächlich so, als sei der CO2-Ausstoß das größere Übel und das AKW die bessere Lösung? Wie üblich, haben es alle immer schon gewusst …


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