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HEUREKA 1/20

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HEUREKA #12020 Österreichische Post AG, WZ 02Z033405 W, Falter Zeitschriften GesmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien

D A S W I S S E N S C H A F T S M A G A Z I N A U S D E M F A LT E R V E R L A G

Tiere

FOTO: HEIDI & HANS-JÜRGEN KOCH / EDITION LAMMERHUBER

Was tun sie für uns in der Krise?

Auf den Hund gekommen Hunde eignen sich hervorragend für den therapeutischen Einsatz bei Menschen Seite 12

Mäuse als Versuchskaninchen Das „Mausmodell“ in der Wissenschaft für die Entwicklung neuer Medikamente Seite 14

Kinder, was seid ihr für Affen? Forschung über die Kooperation bei Schimpansen, Orang-Utans und Vorschulkindern Seite 16


DIE KLEINE HUNDEAPOTHEKE

Simonitsch (Hg.), Wöss, Reif Rat und Tipps zu E rnährung, P fle ge, E rkrankungen und ers te Hilfe 160 Seiten, € 14,50

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GES UNDE HU NDE


IN TRO D U K TIO N   :   H EU RE KA1/20  FALTER23/20  3

CHRISTIAN ZILLNER

A U S D E M I N H A LT

:   E D I TO R I A L

Das Tier in mir Die Maus als Versuchskaninchen  Seite 14 Bruno Podesser, Herzchirurg und Leiter des Zentrums für Biomedizinische Forschung der MedUni Wien, erklärt das „Mausmodell“ bei der Entwicklung neuer Medikamente

FOTOS: CHRISTOPHER MAVRIC, HEIDI UND HANS-JÜRGEN KOCH

Kopf im Bild  Seite 4 Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung

Kinder, was seid ihr für Affen?  Seite 16

Forscher vergleichen die ­Kooperation bei Schimpansen, Orang-Utans und Vorschulkindern. Um zu verstehen, warum Menschen sich durchsetzen

Auf den Hund gekommen  Seite 12 Hunde eigenen sich hervor­ ragend für den therapeutischen Einsatz bei Menschen

Glossar und Bücher zum Thema Tiere  Seite 20 Wo PISA erfunden wurde  Seite 22

Der ehemalige Präsident des CERI, Karl Heinz Gruber, über die Bildungsforschung der OECD

Zahlen zu Haus- Versuchs-, und Wildtieren  Seite 10

Gedicht, Kommentar „Was am Ende bleibt“   Seite 23

Vier Millionen Haustiere lebten 2018 in Österreich: 2,3 Millionen Katzen, 827.000 Hunde

Mörderische Samtpfoten Seite 18

Katzen gehören zu den effektivsten Jägern auf der Erde: für viele andere Tiere wird es eng

Hasenpest, darauf haben wir g­ erade noch gewartet. In der Stadt Salzburg, im Pongau und Tennengau wurden die Kadaver von Tieren gefunden, die an der Hasenpest verendet sind. Die Hasenpest ist auch für Menschen gefährlich, nicht nur für Angsthasen. Was haben die Tiere nur gegen uns? Als Kind dachte ich immer, ein Wiener Schnitzel sei eine Erscheinung wie ein Osterei, nur mit einer Panier, wienerisch für Kleidung, damit ihm am Teller nicht zu rasch kalt wird. Woher sollte ich wissen, dass es im vorigen Leben als Kalb oder Schwein in einem Stall gestanden hat? Ich wäre nie auf die Idee gekommen, bei einem Besuch dort einem oder beiden in den Hintern zu beißen. Aber offenbar esse ich Tiere, wenn ich das ­hinunterschlinge, was auf den Speisekarten unter Hauptspeisen steht. Die deutsche ­Sättigungsbeilage hingegen kommt ohne Tiere aus, kein Wunder bei dem Namen. Ich weiß nicht, ob Viren unter der Kategorie Tiere laufen, auch nehmen wir sie nicht bewusst ein. Aber wir sollten unser Verhältnis zum Königreich der Tiere überdenken. Etwa beim Biss in eine Eitrige. Was ist sie in ihrem früheren Leben gewesen? Hat sie noch Verwandtschaft? Ist das Burenhäutl eingeheiratet? Ist mein Magen eine würdige Begräbnisstätte? Fragen, die uns Tiere auch näher bringen.

:   G A ST KO M M E N TA R

Zur Gesundheit bei Menschen und Tieren

FOTO: PRIVAT

KERSTIN WEICH

Der Mensch ist so wenig allein auf der Welt, wie seine Gesundheit eine rein menschliche Angelegenheit. Die Epidemien zu Beginn des 21. Jahrhunderts machen es deutlich: Wie bei SARS, Vogelgrippe und ­Ebola handelt es sich auch bei Covid­-19 um eine Zoonose. Das sind Infektionskrankheiten, die wechselseitig zwischen Menschen und Tieren übertragen werden können. Zoonotische Erreger halten sich nicht an die Speziesgrenzen und machen Tiere wie Menschen krank. Geht man noch einen Schritt weiter, erscheinen Zoonosen als Erfahrungen einer von Menschen und Tieren geteilten Verletzlichkeit und Sterblichkeit. Trotzdem gilt seit der ­Moderne die Gesundheit als ein exklusiv menschliches Gut. Bei Infek­tions­ krankheiten mit ­Seuchenpotenzial wird das zum Problem, daher gibt

es die Forderung nach Synergie von ­Human- und Veterinärmedizin unter dem Label „One Health“. Zwei wesentliche Kritikpunkte der Tierund Medizinethik daran: Das Konzept wendet sich nicht vom Anthropozentrismus ab und stellt damit weiterhin den Menschen in seiner Überlegenheit in den Mittelpunkt. „One Health“ meint oft die Optimierung menschlicher Gesundheit durch den Einbezug von Medizinwissen über andere Spezies. So rückt eine Revision des Konzepts von

Kerstin Weich forscht am ­Messerli Institut zu Tier- & Medizinphilosophie

Gesundheit von einem speziesgebundenen, biologischen Fakt zu einer diversen und politischen Frage in weite Ferne. Das bringt uns zur Tiermedizin: Seuchen sind hier Teil der Normalität. Epidemiologisch ist ein Nutztierbestand wie andere Monokulturen eine Risikokonstellation: Krankheitserreger finden viele Wirte und Wirtinnen auf engem Raum – Infektionsbedingungen wie in ­Ischgl. Im Unterschied zu Tirol markiert ein infizierter Bestand von Geflügel, Schweinen oder Rindern als „Seuchenobjekt“ das Zentrum einer radikalen Bekämpfung des Erregers durch Keulung, also durch die Tötung und anschließende Vernichtung aller erregerempfänglichen, kranken wie gesunden Tiere im Umkreis. Bei vielen Tierseuchen besteht Impf- und Therapieverbot: Seuchen-

kranke ­Tiere sind keine Patienten. Sie werden mit dem Erreger eins gesetzt und deshalb vernichtet. In der Tierseuchenpolitik hört die bakteriologische Rede vom kleinsten Feind der Menschheit, der nach einem ­Vernichtungskrieg verlangt, auf, ­Metapher zu sein. Der Weg zu einer zoonotischen Gesundheitspolitik ist noch weit. Bei Corona werden die Diskussionen um den „tierischen Ursprung“ der Pandemie mit Schuldnarrativen und Kriegsfantasien verknüpft, in denen Mensch und Tier sich gegenüberstehen. Das reaktionäre Duett aus Misanthropie und Tierliebe besingt entweder „Corona“ als Strafe für böse Menschen, die arme Tiere nicht in Ruhe lassen, oder berichtet mit gehässigem Unterton, welche Tiere in Laboren die Suppe auslöffeln dürfen, die sie uns eingebrockt haben.


4 FALTER  23/20  H EUR EKA  1/20  :  P ERSÖNLIC H K E ITE N

:  KO P F I M B I L D

Kriegsfolgen „Kriege hören nicht auf, wenn die Waffen schweigen“, sagt Barbara Stelzl-Marx. „Sie beschädigen die menschliche Seele und die unterschiedlichen Beziehungen oft über Generationen hinweg.“ Die 49-Jährige ist Professorin für europäische Zeitgeschichte an der Uni Graz und leitet das Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung. In Vorträgen, Ausstellungen und Büchern vermittelt sie auch der breiten Bevölkerung immer wieder eindrucksvoll, wie stark sich Kriege – „auf den ersten Blick unsichtbar, gleichsam subkutan eingebrannt“ – auf persönliche Biografien, die Politik, Wirtschaft und soziale, humanitäre und kulturelle Bereiche auswirken. Dafür hat sie der Klub der Österreichischen BildungsjournalistInnen heuer zur Wissenschaftlerin des Jahres gewählt. Bekannt wurden etwa ihre Forschungen zum Leben von Besatzungskindern in Österreich oder von hier in der Nachkriegszeit stationierten Rotarmisten. Auf unserem Foto ist Stelzl-Marx auf dem Areal des einstigen Zwangsarbeiterlagers Graz-Liebenau zu sehen, dessen Geschichte sie aufgearbeitet hat. TEXT: USCHI SORZ FOTO: CHRISTOPHER MAVRIC

:   J U N G FO RS C H E R I N N E N   USCHI SORZ

Mit dem Doc Award zeichnet die Uni Wien hervorragende Forschungsleistungen im Rahmen einer Dissertation aus. Hier drei der heurigen Preisträgerinnen und Preisträger Anna Kocher, 31, Institut für Romanistik Wie beeinflussen sich Satzstruktur und die über das Wortwörtliche hinausgehende Bedeutung eines Satzes? Welche Rolle spielt zum Beispiel die Wortstellung für die Gewichtung der Information? Fragen wie diese untersucht die Assistentin im Spanischen, Katalanischen und Portugiesischen. Sie möchte universellen Eigenschaften von Sprachen auf die Spur kommen, die Aufschluss über die menschliche Kognition geben. „Die Erkenntnisse können in unterschiedlichen Bereichen angewandt werden, etwa in der Computerlinguistik, der Sprachlehr- und -lernforschung, oder der Psycho-, Patho- und Neurolinguistik.“ Bemerkenswert sei, „dass es Jahre an Forschung braucht, um auch nur kleine Aspekte eines Wissens offenzulegen, das jeder über das komplexe System seiner Sprache unbewusst besitzt“.

Christoph Schwameis, 30, Inst. f. Klassische Philologie An der römischen Antike fasziniert ihn, dass sie „in Politik, Gesellschaft und Literatur eine wesentliche Grundlage für das Verständnis der heutigen, westlichen Welt darstellt“. So könne man etwa durch die Auseinandersetzung mit den manipulativen Reden Ciceros auch die Kommunikationsstrategien heutiger Politiker und Politikerinnen durchschauen. Außer in Wien forscht der Altphilologe, der einige Jahre Gymnasiallehrer war, auch am Sonderforschungsbereich „Invektivität. Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung“ der TU Dresden. In seiner Dissertation kommentierte er die zweite Anklagerede des römischen Anwalts und Politikers Cicero gegen Gaius Verres, den Statthalter Siziliens. Amtsmissbrauchsvorwürfe wurden darin rhetorisch derart verzerrt und übertrieben, dass Verres’ politische Existenz vernichtet war.

FOTOS: PRIVAT

Lorenz Dopplinger, 30, Institut für Staats- und Verwaltungsrecht „Ein robustes Grundrechtssystem ist eine notwendige Voraussetzung für eine liberale Demokratie“, sagt der Wiener. „Und damit Grundrechte ihre Schutzfunktion in einer sich wandelnden Welt erfüllen, müssen sie entwicklungsoffen begriffen und dynamisch an neue Freiheitsbedrohungsszenarien angepasst werden.“ Grund- und Menschenrechte sind der Fokus des Rechtswissenschaftlers, der drei Jahre im Verfassungsdienst des Bundes tätig war. Mit Blick auf die immer stärker verfließende Grenze zwischen Staat und Gesellschaft und die Verschränkungen zwischen den beiden Sphären ging er der Frage nach, inwieweit sich der Staat selbst auf Grundrechte berufen kann, auch wenn sie gemeinhin als „Kampfrechte der Bürger gegen den Staat“ charakterisiert werden.


KO M M E N TA R E  :   H EU R E KA 1/20   FALTER 23/20  5

EMILY WALTON

MARTIN HAIDINGER

FLORIAN FREISTETTER

Brüssel geht

Pandemie mit Borstenvieh

Risikogruppen

Es gibt eine Reihe an Erfahrungen, die viele Menschen machen, wenn sie sich eine Zeitlang in Brüssel aufhalten: Belgische Pralinen schmecken noch besser, wenn man sie in einem der vielen Pralinengeschäfte selbst aussuchen und dann auch noch bei einem gemütlichen Spaziergang durch Brüssel genießen kann; belgisches Bier ist köstlich, allerdings sind vor allem die stärkeren Kaliber gewöhnungsbedürftig und nichts zum Durstlöschen und Runterschütten; und die Autofahrer in der Stadt sind, ganz allgemein gesprochen, eine Gefahr, vor allem für jene, die per Pedes oder Pedal unterwegs sind. Wer’s nicht glaubt, möge sich bei einem – vorsichtigen! – Spaziergang anhand der vielen eingedellten Autos am Parkstreifen selbst überzeugen, wenn er sich traut. Vorrangregeln und Zebrastreifen stehen gemeinhin im Rang gut gemeinter Empfehlungen, nach denen man sich richten kann – oder auch nicht. Umso überraschender erscheint da, jedenfalls auf den ersten Blick, eine Auswirkung der Conorapandemie in der belgischen Hauptstadt: Brüssel soll fußgänger- und radfahrerfreundlicher werden. Mit dem Virus zu tun hat das, abgesehen davon, dass auch in Brüssel in Zeiten von Homeoffice, Homeschooling & Co. weniger Autos unterwegs sind, zunächst in erster Linie durch Abstandsregeln: Es soll ausreichend Platz sein, damit Fußgänger nebeneinander gehen und zumindest zwei Fahrradfahrer nebeneinander radeln können, heißt es aus der Stadtführung. Im inneren Ring Brüssels sollen künftig Radler und Fußgänger Vorrang haben und Straßen komplett nutzen können. Gleichzeitig sollen Autos, Busse und Straßenbahnen nur noch mit maximal zwanzig Stundenkilometern unterwegs sein dürfen. Geplant ist auch, dass die Hauptstadt vierzig Kilometer neue Radwege erhält, auch das vom Virus vorangetrieben. Man möchte die Menschen dazu anhalten, weniger Autos und öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen, wenn in ein paar Monaten wieder deutlich mehr unterwegs sein werden. Im Sommer soll die verkehrsberuhigte Zone in der Innenstadt evaluiert werden. Eine langfristige Maßnahme wurde schon beschlossen: Ab 1. Jänner 2021 soll in ganz Brüssel Tempo dreißig gelten. Klingt gut. Wie lange es dauern wird, bis sich die Autofahrer daran halten, ist freilich eine andere Frage. Vorerst sind Pralinen als Nervennahrung für Fußgänger jedenfalls noch zu rechtfertigen.

Nach vielen Wochen im trauten­ Heim lassen auffallend viele, vor allem männliche Zeitgenossen, nicht nur eine veränderte Wahrnehmung von Angelegenheiten der Mode, des Alkoholismus und der Hygiene (ungeduscht, Dosenbier, Trainingshose …) erkennen, sondern haben auch eine neue Beziehung zum Tierreich entwickelt. Zwei Grundmodelle samt der mit ihnen verbundenen Fragen sind entstanden: Machen nun mangels Raumpflegekräften aus den Nachbarländern die Staubmilben, Silberfischchen und Kleidermotten das Rennen in den Wohnungen, oder hat die verordnete Häuslichkeit den Putzfimmel der Bewohner eskalieren lassen und aller Kleinfauna den Garaus gemacht? Ich bekenne, mich zum Mischtyp entwickelt zu haben: lavendelduftend, Flaschenbier, gewaschene Jeans, Mottenkugeln, mäßiges Staubwischen an neuralgischen Stellen. „So kriegen wir das hin!“, wie es in ZiB-Moderationen so brav wie telegen wiederholt wurde. Tiere tummeln sich auch in meiner Freizeitlektüre. Etwa Napoleon und Schneeball, die Oberschweine aus George Orwells „Animal Farm“, das vor 75 Jahren erschienen ist. Darin errichtet das Borstenvieh eine stalinistische Terrorherrschaft über seine Mitviecher. Ein heikler Vergleich: Welcher linke Mainstreamintellektuelle wollte

:  B R I E F AU S B RÜ SS E L

:  H O RT D E R W I SS E N S C H A F T

: FREIBRIEF

denn die führende Kaste seines geliebten Realsozialismus als Schweinebande darstellen lassen? Der unkonventionelle Linke Orwell war und ist ein literarischer Held der Freiheit und des Widerstands gegen politische Diktatur und ideologischen Totalitarismus. Hin und wieder klappte ich das Buch zu und sah fern. In heimischen und deutschen TV-Sendern traten Minister auf, die sich darauf freuten, dass wir nach dem gruseligen Coronazustand dann „die Klimakrise mit einer ähnlichen politischen Konsequenz angehen“. Also offenbar mit dem weiteren Abbau der liberalen Demokratie und der bürgerlichen Freiheit. Ich sah beamtete Oberjournalisten, welche alle jene, die Demokratie vulgo „Normalität“ als Ziel vor Augen haben, als „Spinner“ und „Wirrköpfe“ beschimpften und sich dabei auf große Denker wie Robert de Niro und Madonna beriefen. Und ich sah jede Menge Figuren, die uns freudestrahlend eine schöne neue Welt ohne Bewegungsfreiheit und „Kapitalismus“ (gemeint ist dabei immer die freie Marktwirtschaft) in Aussicht stellten. Sinnend warf ich eine Mottenkugel nach einem dahinhuschenden Silberfischchen, wirbelte indes nur Staub auf ohne es zu treffen, und kehrte wieder zu Orwells Schweinen zurück. Auf dem Papier sind sie mir lieber.

ZEICHNUNG (AUSSCHNITT)

:   F I N K E N S C H L AG   HANDGREIFLICHES VON TONE FINK TONEFINK.AT

Die Coronakrise hat die Wissenschaft ungewohnt heftig in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. Forscherinnen und Forscher tauchen überall in den Medien auf. Und damit auch Fragen über die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Denn die Pandemie ist nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein statistisches Phänomen. Politik und Öffentlichkeit betrachten die neuen Zahlen gleichermaßen aufmerksam. Wie viele zusätzliche Infektionen gibt es? Wie viele neue Tote? Die Betrachtung dieser Fakten ist mit Sicherheit wichtig. Aber in diesem Fall stehen hinter den Zahlen immer auch konkrete Menschen. Die „+4“ etwa, die in der Statistik beim Zuwachs der Todesfälle an dem Tag vermerkt ist, an dem ich diesen Text schreibe, steht für vier ganz reale Menschen die gestern noch gelebt haben und heute verstorben sind. Menschen mit Angehörigen, die um ihren Verlust trauern. Die Wissenschaft kann nicht anders, als die Lage sachlich und nüchtern zu betrachten. Sie braucht die abstrakten Zahlen, um die ablaufenden Prozesse auswerten und verstehen zu können. Aber das dadurch gewonnene Wissen ist nichts wert, wenn es nicht zu konkreten Handlungsanweisungen führen kann. Bei der Vermittlung der Erkenntnisse durch Wissenschaft und Politik darf man sich nicht mehr auf die Objektivität der Zahlen zurückziehen. Wörter wie „Lockerungen“, „Eigenverantwortung“, „Risikobereitschaft“ und so weiter werden in diesem Zusammenhang schnell zu Euphemismen für „Wir nehmen den Tod von Menschen in Kauf “. Es ist ein schwieriger Kompromiss: Ohne Impfung würde nur eine nicht durchführbare dauerhafte Isolierung aller Menschen die Pandemie einbremsen. Alle anderen Varianten der Lockerung führen zwangsläufig zum Tod von Menschen. Wir werden nicht umhinkönnen, diese Debatte zu führen – und zwar ehrlich. „Es sterben nur die Alten und die Vorerkrankten.“ Das mag sein. Aber auch das sind Menschen! Es ist leicht, in der Risikogruppe immer nur die anderen zu sehen. Aber die Risikogruppe sind wir alle. Wissenschaft muss nüchtern sein. Aber die Diskussion über die Erkenntnisse der Forschung braucht dringend mehr Empathie – und zwar von uns allen. MEHR VON FLORIAN FREISTETTER: HTTP://SCIENCEBLOGS.DE/ ASTRODICTICUM-SIMPLEX


6 FALTER  23/20  H EUR EKA 1/20  :   NAC H R I C H TE N

Seiten 6 bis 9 Wie Wissenschaft in ­unsere ­alltäglichen Lebensumstände eingreift und sie verändert

: MEDIZIN

Das Ziel ist Grund­ immunisierung Was man von einer Coronaimpfung erwarten kann DIETER HÖNIG

Drei von vier Österreichern wären bereit, sich gegen das Coronavirus immunisieren zu lassen, ergibt eine aktuelle Umfrage des Gesundheitsministeriums. Was kann man von dieser Impfung erwarten? „Eine Covid-19-Impfung lässt sich am ehesten mit einer Masernimpfung vergleichen, die erwiesenermaßen ein absolutes Erfolgskonzept darstellt“, erklärt der Immunologe Peter Peichl vom Evangelischen Krankenhaus Wien. Wie bei jeder Impfung hängen Wirkdauer und Verabreichungsschema sehr stark vom Immunisierungskonzept ab. Ziel ist, im Geimpften ausreichende virusneutralisierende Antikörper zu induzieren. „Mit einer Grundimmunisierung von zwei bis drei Impfdosen über die Wirkdauer lässt sich derzeit nur spekulieren. Sie wird aber hoffentlich, anders als bei der Grippeimpfung, mindestens drei bis fünf Jahre dauern“, hofft Peichl. Das Problem der Grippeimpfung ist die hohe Mutationsrate von Grippeviren. Nicht durch ein einzelnes Virus wird die Infektion ausgelöst, sondern durch mehrere, unterschiedliche Stämme. Sie werden im Vorhinein modellhaft „erraten“. „­Covid-19 stellt eine erstmalige Mutation im humanpathogenen Sinne dar. Über weitergehende Mutationen hat man derzeit leider noch zu wenige Informationen.“ Der Zeitrahmen für eine Austestung des Impfstoffes liegt laut Peichl im besten Fall bei sechs Monaten. Realistischer sind jedoch zwei Jahre, um mit dem Impfstoff auch das oben beschriebene Ziel zu erfüllen.

: VERBRENNUNGSKRAFTMASCHINEN

:   M AT H E M AT I K

Wenn Opa und Oma künftig kreuzfahren, müssen sie nicht mehr die Luft verpesten

Essenzielle Daten für die Diagnose

Am Grazer Large Engine Competence Center entsteht Österreichs größter Motorenprüfstand zum Testen eines CO2-freien Schiffmotors

Anna Breger erarbeitet Modelle für medizinische Bilddarstellungen

WERNER STURMBERGER

USCHI SORZ

Vor zwei Jahren startete das europaweite Projekt HyMethShip. Ziel ist die Entwicklung eines Gesamtsystems für eine emissionsfreie Hochseeschifffahrt. Im Vergleich zu herkömmlichen Antrieben ließen sich so 97 Prozent CO2 und achtzig Prozent Stickstoffoxid vermeiden. Ermöglicht wird das durch eine Steigerung der Energieeffizienz um 45 Prozent und ein Methanol-basiertes Antriebssystem. Die vorhandene Infrastruktur muss für die Betankung von Schiffen mit Methanol nur leicht modifiziert werden. Hergestellt wird es aus CO2 und Wasserstoff, der aus Biomasse gewonnen oder mit erneuerbarer Energie produziert wird. Am Schiff wird das Methanol reformiert: Das heißt, CO2 abspalten und den Wasserstoff zum Antrieb eines modifizierten Hubkolbenmotors einsetzen. Das zuvor abgespaltene CO2 wird am Schiff gespeichert und später im Hafen entladen. Von dort

aus kann es erneut in die Methanolproduktion eingebracht werden. Die einzelnen Komponenten des Gesamtsystems sowie das Design des Demonstrationsmodells sind bereits entwickelt. Um das System unter realen Bedingungen testen zu können,

Arbeiten am Testgelände in Graz entsteht am Grazer Large Engine Competence Center einer der größten Motorenprüfstände Österreichs. Der kommerzielle Erfolg des Antriebssystems hängt aber nicht nur vom technischen Gelingen, sondern auch von politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen ab, etwa der Bepreisung von Kohlenstoffdioxid.

:   I N F E K T I O N S B I O LO G I E

2020 ist das chinesische Jahr der Ratte. Hilft sie uns bei einem Impfstoff? Der chinesische Mondkalender zeigt uns das Jahr der Metallratte. Ratten gelten als Überträger der Pest und anderer Krankheiten SOPHIE HANAK

Zwar haben Ratten noch noch keine Pandemie ausgelöst, aber durchaus Epidemien wie etwa die Pest. Nun werden sie auch in Wien auf das Risiko der Übertragung von infektiösen Krankheiten auf Menschen untersucht. „Bei den untersuchten Ratten

Amélie ­ esvarsD Larrive, VetMeduni Wien fanden wir eine hohe Variabilität an antimikrobiell resistenten Bakterien“, sagt Amélie Desvars-Larrive von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Diese können auch für Menschen gefährlich sein, jedoch kommen nicht viele von uns mit Ratten in Berührung, sondern zumeist nur jene, die auf der Straße leben. Für

ihre Studien der Ökologie der städtischen Rattenpopulationen musste die Wissenschafterin erst wilde Ratten einfangen. „Das erweist sich in Wien als gar nicht so einfach, denn die Rattenbekämpfung hier ist sehr effizient.“ Ratten helfen bei der Entwicklung von Impfstoffen, vielleicht auch gegen das Coronavirus. Der „Totimpfstoff “ mit dem Namen PiCoVacc der chinesischen Firma Sinovac führte bei Mäusen, Ratten und Primaten zur starken Bildung neutralisierender Antikörper, benötigt aber noch weitere Testungen. „Leider haben Ratten einen schlechten Ruf. Und wir vergessen, dass Ratten Wildtiere sind. Am meisten gefällt mir an Ratten ihre Intelligenz und ihre Schönheit. In Wahrheit sind sie sehr sauber. Zwar können sie Krankheiten übertragen, aber selbst das mag ich, denn ich bin ja Infektionsbiologin“, lacht Desvars-Larrive.

„Wie in vielen Bereichen ist es heute auch in der Medizin eine große Herausforderung, aus riesigen Datenmengen das Wesentliche herauszuholen“, sagt Anna Breger. Sie ist Postdoc an der Fakultät für Mathematik der Universität Wien. „Die

Anna Breger, Universität Wien relevanten Informationen dürfen auch nicht verloren gehen, wenn man diese hochdimensionalen Datensätze komprimiert.“ Um sie weiterverarbeiten und bildlich darstellen zu können, müssen sie so kompakt wie möglich gespeichert werden. Dazu setzt die 29-Jährige die mathematische Methode „Dimensionsreduktion“ ein. In einem vom Wiener Wissenschafts-, Forschungsund Technologiefonds (WWTF) geförderten Projekt unter der Leitung von Martin Ehler arbeitet sie daran, mehr Details in medizinischen Daten sichtbar zu machen und diese in der Folge besser verarbeiten und analysieren zu können. Entscheidend ist das unter anderem für die Effizienz diagnostischer Verfahren wie der Magnetresonanztomografie oder der optischen Kohärenztomografie. Letztere liefert hochauflösende Schichtbilder der Netzhaut. Grundsätzlich gilt: Je mehr Krankheitsmerkmale oder typische Strukturveränderungen man erkennen kann, desto bessere Diagnosen lassen sich erstellen. Mathematische Grundlagenforschung kann also dazu beitragen, Erkrankungen frühzeitig auf die Schliche zu kommen. Der Austausch mit den Anwendern sei dabei wichtig, betont Breger. „Häufig sind reale Probleme in ihrer Gesamtheit mathematisch sehr schwierig zu formulieren und zu lösen, darum ist selbst angewandte Mathematik oft abstrakt und zunächst gar nicht direkt anwendbar.“ In diesem Fall schlägt die Kooperation mit Anwendungspartnern von der MedUni Wien und der Akademie der Wissenschaften die Brücke zwischen Theorie und Praxis. Breger wollte zwar von klein auf Mathematikerin werden, prägend für ihren Fokus auf Medizin wurde aber ein Forschungsaufenthalt in den USA an der Harvard Medical School.

FOTOS: LEC, VERENA AHNE, FLORA KOFLER

NACHRICHTEN AUS FORSCHUNG UND WISSENSCHAFT


N AC H R IC H TE N   :   H EU R EKA  1/20   FALTER 23/20  7

:  P SYC H O LO G I E U N D PÄ DAG O G I K

Home-Learning funktioniert nicht für alle Christiane Spiel, Bildungspsychologin und Studien-Co-Autorin, über die Studie „Lernen unter Covid-19“ der Fakultät für Psychologie der Uni Wien INTERVIEW: WERNER STURMBERGER

Frau Spiel, wie lauten die zentralen Ergebnisse der Studie? Christiane Spiel: Die gute Nachricht ist, dass sich mehr als zwei Drittel der Schüler und Schülerinnen trotz der aktuellen Umstände wohl fühlen und etwa achtzig Prozent optimistisch für die Zukunft sind. Wenig erfreulich ist, dass jeder sechste Befragte angibt, für schulbezogene Aktivitäten keinen eigenen Computer, Laptop oder kein Tablet zur Verfügung zu haben, und jeder fünfte in der Familie keine Unterstützung beim Lernen erhält, wenn sie gebraucht wird. Wie sehen die großen Herausforderungen für die Schüler aus? Spiel: Gerade die selbstständige Auseinandersetzung mit dem Lernstoff finden viele derzeit besonders schwierig. Drei von fünf erhalten beim Lernen aber Unterstützung durch die Familie, hauptsächlich durch ihre Mütter. Viele berichten auch von Zuwächsen bei EDV-Kenntnissen und der Selbstorganisation.

stützt. Nur drei Prozent geben an, dass sie nicht wissen, wie sie diese bei Fragen erreichen können. Allerdings wünschen sich viele ein schnelleres Feedback auf Aufgaben sowie Hilfestellung bei der Strukturierung des Lernalltags und Unterstützung im Umgang mit dem Computer. Sie regen auch an, sämtliches E-Learning einheitlich auf derselben Lernplattform zu organisieren.

Christiane Spiel, Universität Wien Wie funktioniert die digitale Zusammenarbeit zwischen Schülern und Lehrenden? Spiel: Insgesamt fühlen sich die Schüler gut von ihren Lehrpersonen unter-

Sex mit Menschen: Die Denisovaner überflügeln die Neandertaler

Das Bachelorstudium für Profikenntnisse mit Fokus auf interaktive Medien. Das Studium verknüpft in einzigartiger Weise das Know-how rund um interaktive Medien (XR, VR, AR)/Games mit fundierten, umfassenden Betriebswirtschaftskenntnissen.

Eine britische Studie ergab, dass sich moderne Menschen häufiger mit Denisovanern als mit Neandertalern mischten JOCHEN STADLER

FOTOS: MARTIN ZIMMERMANN, PRIVAT

Sabine Felkel, BOKU Wien Neandertaler, die bis vor 30.000 Jahren in Europa und Vorderasien lebten. Dies berichtet ein Team von Wissenschaftern um Chris Tyler-Smith am Wellcome Sanger Institute im englischen Hinxton, in dem auch die Österreicherin Sabine Felkel arbeitet. Verglichen wurde das Erbgut von 929 Menschen aus vierundfünfzig unter-

Es wird über eine mögliche zweite Ansteckungswelle gesprochen: Wie müsste man den ­Schulbetrieb in Österreich aus Ihrer Sicht darauf vorbereiten? Spiel: Insbesondere sollte die Selbstorganisation des Lernens einen stärkeren Fokus erhalten. Dazu müssen die Erfahrungen beim Home-Learning – inklusive des digitalen Lehrens und Lernens – systematisch aufgearbeitet und reflektiert werden.

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: GENETIK

Die Denisovaner, benannt nach dem Fundort eines Knochens in der Denisovahöhle, waren bis vor 52.000 Jahren in Sibirien und zuvor in Tibet daheim. Sie haben ihr Erbe in den „modernen Menschen“ Homo sapiens eingebracht. Und zwar öfter als die

Gibt es Risikofaktoren und Gruppen? Spiel: In unserer Studie haben sechs Prozent ein niedriges Wohlbefinden angegeben. Diese Risikogruppe ist wenig sozial eingebunden und beschreibt sich als wenig erfolgreich in der Bewältigung der schulischen Anforderungen beim Home-Learning. Positiv überrascht hat uns die hohe Beteiligung an der Studie, mehr als 25.000 Schüler haben den Fragebogen ausgefüllt. Aufgrund der freiwilligen Teilnahme ist unsere Stichprobe aber nicht repräsentativ für die gesamte Sekundarstufe. Es gibt auch Schüler,

die keinen Internetzugang haben oder nicht über ein entsprechendes Endgerät verfügen. Des Weiteren ist anzunehmen, dass jene, die mit dem Lernen gar nicht zurande kommen, seltener den Fragebogen ausgefüllt haben als solche, denen das gut gelingt. Es ist darum davon auszugehen, dass diese Risikogruppe unterschätzt wird. Vorsichtig hochgerechnet, könnten sich bis zu 45.000 Schüler und Schülerinnen in einer solchen Situation befinden. Daher ist es umso wichtiger, gezielte Informationen über diese Gruppen zu sammeln.

schiedlichen Bevölkerungsgruppen. Das Ergebnis: Heute lebende Menschen in Ozeanien tragen 2,8 Prozent Denisovaner-Erbe, Nichtafrikaner je nach Region 2,1 bis 2,4 Prozent von Neandertalern. „Mengenmäßig gibt es also keinen wesentlichen Unterschied beim Erbgut, das Neandertaler und Denisovaner den heutigen Menschen mitgegeben haben“, sagt Felkel, die momentan an der BOKU in Wien arbeitet. Die Art der Einmischung unterscheidet sich aber frappant. Die Neandertaleranteile sind so gleichmäßig im Erbgut der heutigen Menschen verteilt, dass sie wohl nur von einer einzigen Gruppe und wenigen Geschlechtsakten stammen. Die Denisovaneranteile hingegen unterscheiden sich je nach Region massiv. „Wir gehen davon aus, dass die Vorfahren heutiger Populationen mehrmals mit verschiedenen Denisovanerpopulationen interagiert haben“, sagt Felkel.

Weitere Studienprogramme unter www.fh-vie.ac.at

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8 FALTER  23/20  H EUR EKA  1/20  :  NAC H R I C HTE N

:   ZO O LO G I E

Chaos, Hurricane und Godzilla, sofort an die Leine! Was machen Zootiere während der Krise? Die Warane im Haus des Meeres trainieren. In anderen Zoos wurden die Wärter für die Tiere interessant CLAUDIA STIEGLECKER

An der Leine zu gehen will gelernt sein: Das gilt nicht nur für Hunde, sondern auch für die drei Komodowarane Chaos, Hurricane und Godzilla. Seit etwa einem Jahr werden die Tiere im Haus des Meeres regelmäßig spazieren geführt. „Wir bauen für unsere Warane eine neue, größere Anlage im neunten Stock“, erzählt Zoologe und Direktor Michael Mitic. „Wegen der coronavirusbedingten Schließung stand die Bautätigkeit zwar still, trotzdem wurde mit den Tieren für die kommende Übersiedlung weiter geübt.“ Wenn die größere Anlage fertiggestellt ist, sollen die ­Komodowarane aus dem ersten in den neunten Stock umziehen. Von ihrer Pflegerin werden die mit Geschirr und Leine ausgestatteten Tiere einzeln zum Aufzug gebracht, eine wesentlich stressfreiere Übersiedlung als ein Transport in Kisten. „Das Training wird aber auch nach dem Umzug weitergeführt“, meint Mitic. „Ausgewachsene Komodo­warane können bis zu dreieinhalb Meter lang und siebzig Kilo schwer werden. Wenn sie zum Beispiel einmal untersucht werden müssen, ist es von Vorteil, wenn sie das Gehen an der Leine gewohnt sind. Und Komodowarane sind für Reptilien außergewöhnlich intelligent und lernfähig. Sie haben Spaß an den Spaziergängen, aber es hängt von ihrer jeweiligen Stimmung ab, ob sie mit­machen wollen.“ Normalerweise wird mit den

Waranen außerhalb der Öffnungszeiten trainiert, wenn keine Besucher vor Ort sind. Für den Großteil der Tiere, vor allem jene hinter Glas, hätten die fehlenden Besucher allerdings keinen Unterschied gemacht. Die Äffchen jedoch seien merklich anhänglicher gewesen: „Für die Äffchen sind Menschen Unterhaltung und lustig, da haben die Besucher sichtlich gefehlt.“ Die Tierpflegekräfte, die während der Sperre in drei fixe Teams eingeteilt waren, wurden von den Äffchen bei ihren Tätigkeiten genau beobachtet. „Die Pflegekräfte waren viel interessanter als sonst, die Tiere hatten sie jederzeit im Blick.“ Ähnliche Beobachtungen während der besucherfreien Zeit bestätigt auch Simone Haderthauer, zoologische Abteilungsleiterin im Tiergarten Schönbrunn. „Terrarientieren und Fischen war die Sperre gleichgültig. Viele Tiere jedoch waren aufmerksamer als sonst und haben genau beobachtet, wer zu ihnen kommt und was passiert“, erzählt sie. Obwohl die Tiere ihre Umgebung auch ohne Besucher kennen, hätten sie gespürt, dass sich etwas verändert hat. „Eine besonders neugierige Nilgauantilope hat sich etwa beim Vorbeigehen richtiggehend an meine Fersen geheftet. Der Einzelne war plötzlich viel wichtiger als sonst.“

Auch im Tiergarten Schönbrunn wurde in mehreren Teams gearbeitet, die abwechselnd im Einsatz waren. Der Tagesablauf der Tiere sei dabei im Großen und Ganzen gleichgeblieben, meint Haderthauer. Bei Arten, die gern und viel mit Besuchern agieren wie beispielsweise die Orang-Utans oder die Papageien, waren die Pfleger und Pflegerinnen als einzige Bezugspersonen allerdings mehr gefordert als üblich. „Bei diesen Arten hat man deutlich gemerkt, dass ihnen die Abwechslung durch die Besucher fehlt und die Pflegeteams das mit mehr Beschäftigung kompensieren müssen.“ Raus aus ihren Gehegen durften die Tiere dabei aber nicht. „Die Anlagen sind so gestaltet, dass die Tiere sich darin wohlfühlen“, unterstreicht Simone Haderthauer. Ganz ohne Besucher ist die temporäre Schließung dennoch nicht vorübergegangen. Wilde Stockenten und Teichrallen, die stets zu den Dauergästen des Tiergartens zählen, haben während der Schließung die Plätze der Besucher erobert: „Die Enten lagen teilweise ganz entspannt mitten auf den Gehwegen“, sagt Simone Haderthauer. „Tiere wie Menschen freuen sich nun aber darüber, dass der Tiergarten wieder öffnen darf. Die Tiere sollen die Menschen begeistern – das geht ohne Besucher nicht.“

: VETERINÄRMEDIZIN

Eifersüchtiger Papagei attackiert den Verlobten Tiere gelten als emotionale Wesen, auch wenn dies nicht unbedingt nachweisbar ist. Laut Raoul Schwing, Ethologe an der VetMedUni, empfinden sie Ängste, INTERVIEW: DIETER HÖNIG

Herr Schwing, Sie haben in Neuseeland interessante Erfahrungen mit Papageien gemacht … Raoul Schwing: Ich habe die Rufe der Kea Bergpapageien beschrieben. Die bestehende Theorie war, dass Spielrufe ein Spiel als solches erkennen lassen und andere zum Mitspielen einladen. Um dies zu testen, haben wir Spielrufe an wilde Gruppen von Keas zurückgespielt. Auf Basis der beschriebenen Aktionen haben wir erwartet, dass Papageien, die nicht beim Spielen waren, die Quelle dieser Rufe aufsuchen würden. Es ist aber nicht passiert. Doch Tiere, die vorher nie gespielt hatten, begannen oft spontan zu spielen. Dies kam unerwartet, weil

ein solches Phänomen zuvor noch nie beobachtet wurde. Es gab ähnliche Effekte nur bei Alarmrufen. Diese sind emotional so ansteckend, dass Mitglieder einer Spezies beim Hören eines Alarmrufes in einen aufgeregten Gemütszustand versetzt werden. Gibt es Ähnliches auch bei Menschen? Schwing: Ja, bei Kleinkindern regt grelles Lachen beim Spiel andere Kleinkinder zum Spielen an. Wir konnten zeigen, dass Papageien, eine Spezies, mit der wir seit über 300 Millionen Jahren keinen gemeinsamen Vorfahren mehr teilen, einen Ruf entwickelten, der einen ähnlichen Effekt hat wie das Lachen von Menschen.

Ein Indiz dafür, dass wir viel mehr mit Tieren gemeinsam haben, als uns von ihnen unterscheidet.

Raoul Schwing, VetMedUni Wien Können Tiere Liebe empfinden? Schwing: Romantische Liebe ist auch beim Menschen noch nicht gut erforscht. Aber die Liebe einer Mutter für ihr Kind ist nachweisbar. Wir er-

kennen hier sogar neurologische Strukturen und Hormone, die mitspielen. Eine solche Liebe animiert etwa das Muttertier, ihr Junges zu beschützen, manchmal auch unter Einsatz des eigenen Lebens. Eifersucht wäre ein Mittel, diesen Bund vor äußerem Einfluss zu beschützen. Eine ehemalige Kollegin hielt einen kleinen Papagei einer Spezies, bei der sich langjährigen Paarbindungen entwickelt haben. Da sie ihn allein hielt, hat er sich so an sie gebunden gefühlt, dass er sogar ihren Verlobten attackierte. Was aber nicht bedeutet, dass er ihn nicht mochte. Wenn er und der Papagei allein waren, benahm sich das Tier äußerst friedlich. Dass Tiere Gefühle haben, braucht


N AC H R IC H TE N   :   H EU R EKA  1/20   FALTER 23/20  9

:  W I SS E N S C H A F T L I C H E B Ü C H E R AU S Ö ST E R R E I C H EMPFEHLUNGEN VON ERICH KLEIN

FOTO: GÜNTHER HULLA

Der Fall der achtzehnjährigen Prostituierten ­Marie Veith, der „Komteß Mizzi“

Ein Komodowaran beim Leinengehen im Haus des Meeres in Wien.

besitzen Einfühlungsvermögen sowie die Bereitschaft zur Kooperation

künstlich reproduziert werden. Man lernte viel über die Gehirnbereiche, allerdings veränderte es das Verhalten der Tiere enorm. Sie selbst hielten ja Haustiere, darunter auch einen Hund … Schwing: Meinen letzten Hund hatte ich aus dem Tierheim geholt, als ich sozial recht isoliert war. Er wurde dadurch zum wichtigsten sozialen Kontakt in meinem Leben, zum besten Freund. Als er nach bei einem Unfall ums Leben kam, war ich am Boden zerstört. Dass er zu dieser Zeit nicht in meiner Obhut war, hat ein Schuldgefühl in mir hinterlassen – ich dachte, ich hätte ihn im Stich gelassen.

FOTO: VETMEDUNI WIEN

einen neurologischen Nachweis, der oft auch invasiv ist. Inwieweit ist dies für das Tier belastend? Schwing: Das kommt darauf an, wie invasiv gearbeitet wird. Es gibt Labors, die Hunde in ihrer Bewegungsfreiheit einschränken, aber in keiner Weise in ihrem Wesen beeinflussen. Tiere können durch gutes Training an diese Situation gewöhnt werden, um an ihnen spontane, emotionale Reaktionen auf Bilder, Töne und Gerüche zu untersuchen. Aber es gab auch hochinvasive Methoden, etwa in den 1960er Jahren, als Tieren Elektroden im Gehirn eingesetzt wurden, um bestimmte neurologische Strukturen zu stimulieren. So konnte Verhalten

Französische Gedichte im Konzentra­ tionslager Gusen

Walter Schübler, Wiens bester Biograf, wechselt nach Büchern über Nestroy, Bürger, Merck und Anton Kuh (plus Werkausgabe) das Genre: der Fall der achtzehnjährigen Prostituierten Marie Veith, genannt „Komteß Mizzi“, wird aus dem Gerichtsakt als Chronik rekonstruiert. In Anbetracht dieses Sittenbildes aus 1908 mit einem Vater als Zuhälter, der sich um eine „gute Partie“ für seine Tochter bemühte, und der zweihundert Männer umfassende Kundenliste darf bezweifelt werden, dass Wien überhaupt je nur den Titel einer Versuchsstation für den Weltuntergang verdiente!

Jean Cayrol (1910-2005), französischer Schriftsteller und Resistance-Mitglied, wurde nach Hitlers „Nacht-und-Nebel-Erlass“ 1942 verhaftet und nach Mauthausen-Gusen deportiert. Gedichte des katholischen Autors figurierten, von Paul ­Celan übertragen, in Alain Resnais früher KZ-Doku „Nacht und Nebel“ als Begleittext. In den 1960er Jahren wurde der Vorläufer des Nouveau Roman auch ins Deutsche übersetzt, seine während der Haft in Gusen entstandenen „Zeugnisse eines spirituellen Überlebenskampfes“ wurden spät, aber doch, auch in Österreich beachtet.

Walter Schübler, Komteß Mizzi, Wallstein Verlag, Göttingen 2020, 256 S.

Jean Cayrol, Schattenalarm (1944–1945), new academic press, Wien 2019, 120 S.

Texte und ­Vorträge Harnoncourts zu Musik und Gesellschaft

Gefahren und Chancen für unsere Natur: die Demokratie

Nikolaus Harnoncourts (1929– 2016) Gelegenheitstexte aus sechzig Jahren sind frappierend einfach und tiefsinnig. Da wird unkapriziös über Gesellschaft und Musik nachgedacht; mehrfach geht es um Mozart, gelegentlich konstatiert der Maestro eine „Endzeit unserer Kultur“. Harnoncourts Vorträge oder Festreden haben nur einen Nachteil – kein Nachahmer würde je an dessen Lebendigkeit herankommen. Denn: „Wer die Kunst als wichtigste Lebensquelle erkannt hat, den nimmt sie in Besitz, mit Fleisch und Blut, von Kopf bis Fuß – ganz.“

Ein essayistischer Parforceritt des Verhaltensforschers durch seine Disziplin, in dem gefragt wird: Welche sind die evolutionären Grundlagen menschlichen Verhaltens? Welcher Handlungsspielraum bleibt uns in Klimakrise und Artensterben? Auf Basis seiner Erkenntnisse zur menschlichen Natur ist sich Kurt Kotrschal sicher: „Die liberale Demokratie scheint die einzige Chance zu sein, individuelle Egoismen zum Wohl der Mehrheit umzuleiten. Auf die Gemeinwohlorientierung von Gnaden nicht demokratisch legitimierter Herrscher zu hoffen, war immer schon naiv.“

Nikolaus Harnoncourt, Alice Harnoncourt (Hg): Über Musik, Residenz Verlag, Wien 2020, 140 S.

Kurt Kotrschal, Sind wir Menschen noch zu retten? Gefahren und Chancen unserer Natur, Residenz, Wien 2020, 192 S.


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T I T E LT H E M A WAS TUN TIERE IN DER KRISE FÜR UNS? Seiten 10 bis 22 Die Fotostrecke in diesem Heft stammt vom Fotografenpaar Heidi und Hans-Jürgen Koch. Ihr Fotoband THANK YOU, MOUSE!, erschienen in der Edition Lammerhuber, ist ein Tribut an die Labormaus, die uns genetisch so ähnelt, dass sie zu unserem Stellvertreter an der Forschungsfront ­wurde. Die anspruchsvollen Fotoproduktionen des Fotografenpaares enthalten meist eine soziologische oder kulturelle Komponente und wurden vielfach ­ausgezeichnet. Für ihr Lebenswerk erhielten Heidi und Hans-Jürgen Koch den renommierten Dr.-Erich-Salomon-Preis. www.heidihanskoch.com

:  AU S G E S U C H T E Z A H L E N Z U M T H E M A ZUSAMMENGESTELLT VON SABINE EDITH BRAUN

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Rattenarten gibt es. Polynesischen Ratten auf Hawaii wiegen rund 38, eine Wanderratte bis zu 500 Gramm. Ein Rattenpaar zeugt bis zu tausend Junge pro Jahr. Neun Neugeborene machen den Wurf einer Wanderratte aus, es können auch bis zu 22 sein.

5,3 Jahre alt sind die leukämiekranken Kinder beim Projekt „FarmAventura“. Um ihnen die Einnahme von Medikamenten zu erleichtern, erhielten sie einen Medikamentenrucksack samt Geschenken, darunter ein Tierpuzzle. Monatlich kam ein persönlicher Brief eines Tiers aus dem Madrider Zoo.

60%

4.000.000 Heimtiere zählte man 2018 in Österreich: 2,3 Millionen Katzen und 827.000 Hunde. Die meisten Heimtiere gibt es in Russland (fünfzig Millionen), gefolgt von Deutschland mit 34 und Frankreich mit dreißig Millionen.

2013

1

Einsatz pro Tag. Maximal 45 Minuten. Das schreiben die Richtlinien des Messerli Forschungsinstituts der VetMedUni Wien bei Therapiebegleithunden vor. Ende des 18. Jahrhunderts kam es in der psychiatrischen Anstalt „York Retreat“ in England zum ersten therapeutischen Einsatz von Hunden.

2.825.066

definierte die American Psychiatric Association das Horten von Tieren als spezielle Form des Messie-Syndroms. Laut Tufts University, die 2002 71 Fälle untersuchte, sind 82 Prozent der gehorteten Tiere Katzen, gefolgt von Hunden (55), Vögeln (17) und Kleinsäugern (elf Prozent). In 93 Prozent der Fälle waren die Wohnräume unhygienisch.

aller Infektionskrankheiten sind Zoonosen, also zwischen Tier und Mensch übertragbare Krankheiten. Drei von vier neu auftretenden Krankheiten gehen auf Tiere zurück. In Österreich ist die nahrungsmittelbedingte Campylobacteriose die häufigste gemeldete, bakterielle Lebensmittelvergiftung: 2018 gab es 7.982 bestätigte Fälle, etwa durch unzureichend erhitztes Geflügel. Dahinter folgen Salmonellen (1.533), Rindertuberkulose (479) und VTEC (Verotoxinbildende Eschericia coli, 300 Fälle).

Tiere dienten 2018 in Deutschland der Wissenschaft, dabei wurden 686.352 getötet. 44 Prozent der Versuchstiere nutzte die Grundlagenforschung, 15 Prozent die Erforscher von Erkrankungen, 23 Prozent die Hersteller medizinischer Produkte oder toxikologischer Prüfungen, 18 Prozent dienten sonstigen Zwecken.

1870

und das folgende Jahrzehnt brachten uns zum erstenmal „Cat Content“: Der britische Fotograf Harry Pointer arrangierte seine „Brighton Cats“ vor der Linse und kommentierte dies launig. 150 Jahre später machen Tierbilder dreißig Prozent des deutschen Datenverkehrs aus, davon zeigen 62 Prozent Katzen. Die Website „Kitlers“ zum Beispiel stellt Katzen vor, die wie Hitler aussehen. 8.849 Bilder sind dort aktuell gespeichert.


FOTO: HEIDI UND HANS-JÜRGEN KOCH

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Auf den Hund gekommen D

urch das Wachkoma sind die Muskeln der Patientin ständig angespannt, auch als Helga Widder mit ihren Therapiehündinnen „Becsi“ und „Gimely“ der Station einen der regelmäßigen Besuche abstattet. Sie legt eine Decke auf das Bett und lässt die Hündin mit der Patientin kuscheln. Der Kontakt mit dem weichen, warmen Fell soll verlorenes Körpergefühl zurückbringen. Dann legt sie Leckerlis in die zusammengekrampfte Hand. „Ich hatte nasse Augen, als ich sah, was dann passiert ist“, berichtet Widder, die vor dreißig Jahren die Biologin Gerda Wittmann bei der Gründung des Vereins „Tiere als Therapie“ unterstützt und mittlerweile selbst unter anderem acht Hunde und zwei Katzen als tierische Therapeuten ausgebildet hat. Gespenstisch langsam öffnet sich die Hand der Patientin, um die Hündin mit den Leckerlis zu füttern. Tiere können unsere Stimmungen besser wahrnehmen „Es gibt verschiedene medizinische Studien, die zeigen, dass die Therapie mit Tieren eine Reihe von positiven Auswirkungen auf die Patienten hat“, erklärt Gerald Gatterer vom Sozialtherapeutischen Zentrum Ybbs an der Donau des Wiener Krankenanstaltenverbunds und der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien. Streicheln senkt den Stresshormonspiegel und führt zur Ausschüttung des Bindungs-, Liebes- und Beziehungshormons Oxytocin. Der Hormonhaushalt und die Stimmung der Patienten werden von den tierischen Therapeuten in der Regel in die „gesunde Mitte“ gerückt, sagen die Experten. Hyperaktive Kinder werden ruhiger, weil sie andernfalls keinen Draht zu den Tieren bekommen, schüchterne Kinder werden offener. Die Tiere haben viel schärfere Sinne als Menschen und können unsere Körpersprache besser lesen als jeder menschliche Profi. Hunde nehmen mit einem millionenfach feineren Geruchssinn wahr, welche Hormone und Signalstoffe ein Mensch über die Haut ausscheidet und beziehen daraus Informationen, in welcher Stimmungslage er sich befindet. Weil sie die menschliche Sprache nicht verstehen und auch untereinander kaum mit Lautäußerungen kommunizieren, haben sie gelernt (und es nun sogar im Erbgut), wie man Körpersprache deutet. Dadurch können sie die Stimmung von Patienten weitaus besser erkennen als jeder Mediziner oder Psychologe. Außerdem lügen Tiere praktisch nie und geben Emotionen direkt zurück. Das sei, so Gatterer, bei unserer heutigen, äußerst komplexen zwischenmenschlichen Kommunikation für fast alle Menschen hilfreich, befriedigend und Vertrauen bildend. Schon durch ihre bloße Anwesenheit wirken Tiere auf uns Menschen. „In der Geriatrie sehen wir, dass etwa ein großes Aquarium einen starken therapeutischen

TEXT: JOCHEN STADLER

„Tiere bringen uns dazu, uns mit Dingen auseinander zu setzen. Darauf baut die Tiertherapie auf“ GERALD GATTERER, SOZIALTHERAPEUTISCHES ZENTRUM YBBS AN DER DONAU

Helga Widder, Tiertherapeutin

Faktor darstellt“, erklärt Gatterer. Es gäbe Interaktionsmuster mit der Umwelt, also mit Tieren und der Pflanzenwelt, die Menschen quasi in ihrem Erbgut mit sich tragen und die der seelischen und körperlichen Gesundheit zuliebe zur Anwendung kommen sollten. Wie wichtig sie sind, erkennt man oft erst dann, wenn sie vernachlässigt werden oder verschwunden sind. „Gäbe es zum Beispiel keine Wälder mehr, fehlte uns der Entspannungsfaktor Wald. So haben auch Tiere eine sehr wichtige Funktion in unserem Leben. Sie aktivieren uns dazu, uns mit verschiedenen Dingen auseinanderzusetzen. Darauf baut die Tiertherapie auf.“ Sie nutzt natürliche Prozesse, nämlich „automatische, biochemische und emotionale Reaktionen, die bei uns abgeschwächt sind oder die wir verloren haben, und die durch das Tier wieder geweckt werden“, erklärt er. So hätten die Bewegungen von Fischen in einem Aquarium eine entspannende Wirkung auf die Patienten. Sie erhöhen die Beobachtungsgabe und motivieren Menschen dazu, sich längere Zeit mit etwas zu beschäftigen. Dies steigert die Konzentrationsfähigkeit und fördert die Achtsamkeit. Tiertherapeuten für ältere und behinderte Menschen Gerade bei alten Menschen fördern tiertherapeutische Methoden die Akzeptanz von physiotherapeutischen Übungen. „Diese Menschen können das Wort Therapie oft gar nicht mehr hören, weil es für sie immer nur mit Anstrengung und Schmerzen zu tun hat“, sagt Tiertherapeutin Widder. Doch wenn sie spielerisch einen Hund unter ihren Beinen durchführen sollen, strecken sie diese mit Freude in die Höhe. „So führen sie grobmotorische Bewegungen durch, ohne dass sie als solche bewertet werden.“ Auch zur Motivation von Menschen mit einer geistigen Behinderung können Tiere eingesetzt werden. „Bewegungsübungen als therapeutische Maßnahmen klappen besser, wenn die Reaktion eines Tieres als positiver emotionaler Verstärker empfunden wird“, erklärt der Psychotherapeut Gerald Gatterer. Sogar die Vorbeugung von Krankheiten funktioniere mit Tieren besser. Sie in Kindergärten und Schulen zu schleppen und auf eine positive Wirkung zu warten, sei aber zu wenig: „Man sollte die Tiere als Ergänzung einsetzen, um mit den Kindern gezielt bestimmte soziale Fähigkeiten zu trainieren, etwa Empathie, Anteilnahme und die Unterstützung anderer.“ Freilich sei die Tiertherapie kein Selbstläufer: „Es wäre falsch zu sagen, ich habe niemanden, der sich um diesen alten Menschen oder das Kind kümmert, und deswegen schenke ich ihm einen Hund.“ In solchen Situationen brauche es ausgebildete Menschen und Tiere, um eine Therapie bei Menschen erfolgreich durchführen zu können.

Ausbildung zum Therapiehund und Einsatz im Gefängnis Für jene, die Therapiehunde führen wollen, gibt es einen „Diplomlehrgang zur geprüften Fachkraft für tiergestützte Therapie und tiergestützte Maßnahmen“, den etwa der Verein „Tiere als Therapie“ an der Veterinärmedizinischen Universität Wien anbietet. Dort wird man von Medizinern und Pädagogen geschult. Ziel ist der „professionelle Einsatz von Tieren bei der Unterstützung von Menschen aller Altersgruppen, zum Beispiel in Krankenhäusern, geriatrischen Zentren, pädagogischen Einrichtungen und Rehabilitationszentren im Sinne der Gesundheitsförderung sowie präventiver und rehabilitativer Maßnahmen“. Der Kurs kann allein oder mit einem Hund besucht werden, der dabei zum geprüften Therapiehund ausgebildet wird. Dafür sind Hunde jeder Rasse geeignet, inklusive sogenannter Listenhunde, auch Kampfhunde genannt. „Sie bewähren sich in der Therapie genau wie alle anderen, die eine gute Sozialisation erfahren haben“, erklärt Widder. „Künftige Therapiehunde sollten von klein auf sehr viele positive Kontakte mit Menschen haben, damit sie verinnerlichen: Menschen sind super, ich bin gern mit ihnen zusammen.“ Die Tiere brauchen spezielles Training, um in Pflegeheimen, Kindergärten und anderen Institutionen arbeiten zu können. So kennen Familienhunde in der Regel Menschen nur als Zweibeiner mit bestimmten Bewegungsmustern. Daher zeigt man Therapiehunden, dass Menschen auch humpeln, mit Krücken oder Rollstühlen und Rollatoren unterwegs sind, krabbeln und herumtollen. Dazu kommt die Gewöhnung an Geräusche von scheppernden Essenswagen, an rutschige Krankenhausgänge und automatische Glastüren. Um bei Spaziergängen alte Menschen oder Kinder nicht durch die Gegend zu schleifen, lernen die Hunde entspannt an der lockeren Leine zu gehen. Sie werden also in ihre therapeutischen Aufgaben eingeschult. Gatterer wünscht sich auch mehr Tiertherapie im Strafvollzug. „Dort sitzen viele Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, die soziale Fähigkeiten nicht adäquat gelernt haben. Unter definierten therapeutischen Bedingungen können sie dies mit einem Tier lernen.“ Auch bei alten Menschen sieht er weiteren Bedarf: „Hier gibt es tiergestützte Maßnahmen, die es ihnen ermöglichen zu kuscheln, Nähe und Wärme zu spüren, also etwas, das im Alter verloren geht, vor allem, wenn man nicht mehr so attraktiv aussieht, krank ist, womöglich auch an Demenz leidet.“ Hygieneprobleme bereiten Hunde oder andere Tiere im Krankenhaus keine, meint Gatterer: „Sie sollten natürlich wie das menschliche Personal auf Keime untersucht werden. Dann sind sie, wie Studien zeigen, kein Risikofaktor.“

FOTOS: PRIVAT, BASIMODUL/HANS LEITNER

Hunde eignen sich hervorragend für den therapeutischen Einsatz bei Menschen


FOTO: HEIDI UND HANS-JÜRGEN KOCH

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Die Maus als Versuchskaninchen Bruno Podesser, Leiter des Zentrums für Biomedizinische Forschung, erklärt das „Mausmodell“ runo Podesser ist Herzchirurg und leitet das Zentrum für Biomedizinische Forschung der Medizinischen Universität Wien. Er koordiniert die „Ethik-Kommission zur Beratung und Begutachtung von Forschungsprojekten am Tier“ und arbeitet als Vorstandsmitglied des Clusters für kardiovaskuläre Forschung der Ludwig Boltzmann Gesellschaft. Herr Podesser, warum ist die Maus als Modell geeignet? Bruno Podesser: Die genetische Übereinstimmung von Maus und Mensch beträgt 99 Prozent. Mäuse lassen sich leicht züchten und man kann sie einfach genetisch verändern. Trotz ihrer Kleinheit kann man ihr Herz durch Ultraschall vermessen oder aus ihren Organen Gewebematerial für weiterführende Untersuchung gewinnen. Daher hat die Maus als Versuchstier mittlerweile fast alle anderen Säuger abgelöst. In der EU und auch in Österreich sind 75 bis achtzig Prozent der Versuchstiere Mäuse. Was heißt „Mausmodell“ eigentlich? Podesser: Es ist ein technischer Ausdruck für ein Testsystem. Andere Testsysteme in der Biomedizin sind die Zellkultur und das Organoid. Am Mausmodell wird etwa die Frage geklärt, ob eine Substanz als Therapeutikum für eine Krebsform infrage kommt. In diesem Fall würde man der Maus Tumorzellen applizieren, dann durchläuft sie ein Therapieschema, das einer Chemotherapie am Menschen entspricht. Aus der Herzkreislaufforschung gibt es laufend neue Medikamente, die auf ihre Wirkung bei der Regeneration des Herzmuskels getestet werden. Diese neuen Substanzen könnten Patienten nach einem Herzinfarkt helfen. Ein erfolgreiches Beispiel für einen Wissenstransfer vom Nager in den Menschen ist die Entwicklung der ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Blocker, die heute zur Standardtherapie nach einem Herzinfarkt und bei Bluthochdruck zählen. Was unterscheidet Labor- und Feldmäuse? Podesser: Eine Labormaus muss im Gegensatz zur Feldmaus unter standardisierten und reproduzierbaren Bedingungen gehalten werden: Temperatur und Luftfeuchtigkeit müssen konstant sein, ihr Futter muss standardisiert sein, ebenso der Tag-/Nachtzyklus der Beleuchtung. Nur geschultes Personal darf die Tiere betreuen, also Tierärzte und Tierpfleger mit einem Lehrabschluss. Wir am Zentrum für Biomedizin sind sogar Lehrlingsausbildner. Unsere Betreuer und Betreuerinnen nehmen das Tierwohl sehr ernst. Sie machen alles mit viel Herz und unter maximaler Schonung der Tiere. Wir wägen im Vorfeld sehr genau ab, in welchem Verhältnis der Nutzen und die Erkenntnis eines Versuchs zum Aufwand für die Tiere stehen und diskutieren dies mit den Experimentatoren. wäre die Qual für

TEXT: BARBARA FREITAG

die Tiere zu groß, darf der Versuch nicht gemacht werden. So steht es im Österreichischen Tierversuchsgesetz 2012, das in Europa als besonders streng und transparent gilt und woran wir uns alle sehr ­genau halten. Woher kommen Ihre Mäuse? Podesser: Wir haben in Himberg die Abteilung für Labortierkunde und Genetik, wo wir selbst züchten. Dann gibt es einige große, internationale, kommerzielle Züchter, von denen man spezielle Mäuse beziehen kann. Mittlerweile gibt es viele Stämme mit genetischen Veränderungen auch dank der Genschere CRISPR/Cas9, die immer präzisere Veränderungen ermöglicht.

„Die genetische Übereinstimmung von Maus und Mensch beträgt 99 Prozent“ BRUNO PODESSER, MEDUNI WIEN

Wie wird so ein Mausversuch gemacht? Podesser: Jeder Tierversuch an der MedUni Wien muss von der universitätseigenen Tierethikkommission geprüft und befürwortet werden, bevor er beim Wissenschafts­ ministerium zur Prüfung und Genehmigung eingereicht wird. Dabei muss zunächst bei ­jedem Experiment herausgefunden werden, welches Tiermodell für den geplanten Versuch passt. Jeder Forschende bekommt an der MedUni Wien einen Mentor ­zugewiesen und diskutiert mit diesem die Fragestellung ausführlich. Der Mentor hinterfragt ­kritisch die Versuchsanordnung, wobei das sogenannte „3R-Prinzip“ gilt: „Reduce – Refine – Replace“. Das bedeutet, dass wir uns anschauen, ob es überhaupt einen Tierversuch braucht oder vielleicht eine ex-vivo-Untersuchung etwa an Zellkulturen möglich wäre. In einem weiteren Schritt wird die Anzahl der Tiere kalkuliert. Ziel ist die geringstmögliche Anzahl an Tieren, die noch statistisch aussagekräftig ist. Schließlich geht es um die Optimierung des Versuchsablaufs, um möglichst schonend vorzugehen. In den letzten Jahren prüfen wir die geplanten Versuche auch auf ihre „Reproduceability“, denn Versuche müssen wiederholbar, standardisierbar und damit vergleichbar sein. Wenn einer der oben genannten Punkte nicht gegeben ist, wird der Versuch von der Tierethikkommission nicht befürwortet. Die Kommission und das Zentrum für Biomedizin verstehen sich als die „obersten Tierschützer der Medizinischen Universität Wien“. Es gibt allerdings auch immer wieder Einwände, was die Vergleichbarkeit betrifft. Podesser: Ja, das stimmt! Darum ist uns das vierte „R“, die „Reproduceability“, so wichtig. Dabei geht es auch immer um Qualität in der Forschung. Wenn 99 Prozent der Forscher seriös arbeiten und nur ein Prozent nicht, ist die Glaubwürdigkeit der ganzen Wissenschaft infrage gestellt. Vor allem geht es um Transparenz bei den ­Abläufen und um die Überprüfung der Ergebnisse durch ein sogenanntes „Peer-Review“-­ Verfahren, also durch unabhängige Expertinnen und Experten.

In einem Gespräch über Versuche an Mäusen kann man die ethische Perspektive nicht außer Acht lassen. Podesser: Das ist eine sehr wichtige Frage, ich stelle mich gern und jederzeit der Diskussion. Grundsätzlich gibt es eine ­gesellschaftliche Vereinbarung und ­hohes Interesse daran, neues Wissen zu generieren. Ein Ort dafür sind die Universitäten. Die Allgemeinheit unterstützt die Universitäten auf vielfache Weise und finanziert ­diese in ­Österreich auch großteils. Somit hat sie meiner Meinung nach das Recht zu erfahren, was bei uns geschieht. Wir sind der Gesellschaft verantwortlich, dass wir Forschung nach höchsten Grundsätzen und unter Bedachtnahme auf alle ethisch relevanten Fragen durchführen. Daher nehmen wir die Anträge für neue Tierversuche auch sehr ernst und prüfen die wissenschaftliche Frage auf Herz und Nieren. Eine medizinische Universität muss das Recht haben, Forschung zum Wohl der Patienten durchzuführen. Das ist unser Handwerk und gehört genauso dazu wie die Behandlung unserer Patienten und die Ausbildung. Eine Universität, die nicht forscht, ist in meinen Augen keine vollwertige Universität. Lassen Sie mich noch einen Satz zu den Versuchstierzahlen und den sogenannten Lebenswissenschaften sagen: In Österreich wurden in den letzten Jahren jährlich ca. 240.000 Tiere für wissenschaftliche Zwecke eingesetzt, diese Zahlen sind weitgehend stabil. Wie schon gesagt, sind achtzig Prozent davon Mäuse, und die einzige Spezies, die derzeit Zuwächse aufweist, sind Fische. Vor allem wenige Zentimeter große Zebrafische, die in großen Aquarien gehalten und ähnlich der Maus in der Grundlagenwissenschaft eingesetzt werden. Wichtig zu betonen ist mir auch, dass wir mit dem aktuellen Tierversuchsgesetz und der strengen Prüfungen die Zahl der Versuchstiere von 500.000 seit Anfang der 1990er Jahre auf 240.000 halbiert haben. Für die Nahrungsmittelproduktion werden in Österreich jährlich 85 Millionen Tiere verbraucht. Somit ist der Anteil der Wissenschaft rund 0,35 Prozent. Die Lebenswissenschaften sichern in Österreich rund 60.000 Arbeitsplätze und generieren zwanzig Milliarden Euro des BIP. Findet auch die Coronavirusforschung am Mausmodell statt? Podesser: Ja natürlich. Wir haben gerade einige Versuche beim Wissenschaftsministerium beantragt. Die ersten konkreten Forschungen starten und haben unter anderem das Ziel, bereits bekannte Medikamente im Einsatz bei Covid-19 zu testen. Außerdem wollen wir mehr über die Entwicklung der Erkrankung in der Lunge und den kleinen Gefäßen wissen. Hier arbeiten Forschungsgruppen der Medizinischen Universität Wien im Verein mit anderen Universitäten in Europa und bemühen sich um neue Therapien.

FOTO: FELICITAS MATERN

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FOTO: HEIDI UND HANS-JÜRGEN KOCH

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Kinder, was seid ihr für Affen? Forscher vergleichen die Kooperation bei Schimpansen, Orang-Utans und Vorschulkindern iologisch gesehen ist der Mensch ein Trockennasenaffe. Er gehört zu den Menschenaffen, hat alle Kontinente der Erde besiedelt und zählt zurzeit fast acht Milliarden Individuen. Die übrigen Vertreter der Menschenaffen, Orang-Utans, Gorillas, Schimpansen und Bonobos sind vom Aussterben bedroht. Der Grund dafür ist vor allem die Einschränkung ihres Lebensraums durch uns Menschen. Kooperation als Basis für menschliches Zusammenleben Vor hunderttausend Jahren lebten auf der Erde möglicherweise sechs verschiedene Menschenarten nebeneinander, doch Homo sapiens hat nach und nach alle anderen Arten verdrängt. Entscheidend für den „Erfolg“ war das Leben in großen Gruppen, eine gute Vernetzung untereinander, eine gewisse Arbeitsteilung und die Weitergabe des Wissens an die Nachkommen. Eine Verhaltensweise, die für all das besonders wichtig ist, ist die Kooperation. „Es wird davon ausgegangen, dass Kooperation in der Evolution des Menschen ganz entscheidend war, noch bevor sich die Sprache entwickelt hat“, sagt ­Christoph ­Völter von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Vor einem Jahr ist der Primatenforscher aus Schottland nach Österreich gekommen. „In unserer Forschung möchten wir herausfinden, inwiefern sich Kooperation bei uns Menschen und anderen Menschenaffen wie den Schimpansen unterscheidet.“ Ist das Verhalten unter Schimpansen etwas Besonderes? Kürzlich war Völter in Uganda auf Ngamba Island, einer Insel im Viktoriasee. Das Ngamba Island Chimpanzee Sanctuary beherbergt fünfzig verwaiste und gerettete Schimpansen in einer nahezu wilden Umgebung. Dort können sie sich relativ frei bewegen und von den Forschern beobachtet werden. Schimpansen sind gemeinsam mit den Bonobos unsere nächsten Verwandten, leben in komplexen Strukturen und werden oft als Modell für die Evolution der menschlichen Kooperation betrachtet. „Deshalb wollten wir herausfinden, inwieweit das Verhalten der Schimpansen etwas Besonderes ist“, erläutert Völter. Schimpansen jagen gruppenweise in freier Wildbahn, was nur durch eine gut funktionierende Kooperation möglich ist. „Für uns war es wichtig zu verstehen, inwieweit die Affen die Perspektive des Jagdpartners berücksichtigen und ob sie mit dem Kooperationspartner kommunizieren“, erklärt Völter. In den letzten zwanzig Jahren gab es einige Kooperationsstudien mit Schimpansen und Bonobos im Vergleich zu Kindern. Im Unterschied zu den Affen können sich Menschenkinder mittels der Sprache koordinieren. Wo das nicht möglich ist, setzen sie Gesten und können so ­Probleme lösen.

TEXT: SOPHIE HANAK

„Affen kooperieren also vor allem dann, wenn es ihnen persönlich etwas bringt“ CHRISTOPH VÖLTER, VETMEDUNI WIEN

Um die Kooperation bei Affen zu untersuchen, stellten die Forschen jeweils zwei Schimpansen, die sich in angrenzenden Räumen befanden, vor folgende Aufgabe: Schimpanse A kann ein Werkzeug verwenden, um ein Futterstück aus einer Apparatur herauszuholen. Dabei verliert er allerdings den Zugriff zum Werkzeug. Alternativ kann Schimpanse A das Werkzeug an Schimpanse B weitergeben. Schimpanse B hat dann wiederum die Wahl, das Werkzeug bei einer von zwei Apparaturen zu verwenden. Eine dieser Apparaturen enthält nur Futter für Schimpanse B, die zweite Apparatur für beide. Einmal steckt in der kooperativen Variante das bessere Futter, beispielsweise eine Weintraube. Dann wieder enthalten beide Varianten das gleiche Futter. Somit gibt es die Möglichkeit sich allein eine Belohnung zu holen oder zu kooperieren. Worin sich Orang-Utans von Schimpansen unterscheiden Auch mit Orang-Utans wurden Experimente durchgeführt. Ebenfalls zur Familie der Menschenaffen gehörig und nahe mit uns verwandt, haben sie dennoch eine andere Sozialstruktur. „Unser Ziel war herauszufinden, ob Orang-Utans auch so gut kooperieren wie Schimpansen“, sagt Völter. „Beide Affenarten kooperierten ähnlich oft. Und beide Arten handelten in erster Linie eigennützig. Sie entschieden sich meist für die Variante, die das bessere Futter enthielt.“ Affen kooperieren also vor allem dann, wenn es ihnen persönlich etwas bringt. Die Wissenschafter beobachteten aber auch, dass die Tiere nicht nur ihre eigene Belohnung in ihre Entscheidung einschließen, sondern auch jene des Kooperationspartners. Sie gaben das Werkzeug häufiger weiter, wenn der Partner einen Anreiz hatte, ebenfalls zu kooperieren. Der Unterschied zwischen Schimpansen und OrangUtans: „Wir sahen bei den Schimpansen, dass Kommunikation die Zusammenarbeit initiieren kann. Die Schimpansen bekamen das Werkzeug öfter, wenn sie mit dem Partner in Form von Gesten und anderen aufmerksamkeitserregenden Verhaltensweisen kommunizierten. Bei Orang-Utans sahen wir dafür keine Hinweise. Ob sie das Werkzeug vom Partner bekamen oder nicht, hatte nichts damit zu tun, ob sie darum baten“, erklärt Völter. Dies zeige, dass bei jener Art, die eine komplexere Sozialstruktur hat und mit dem Menschen näher verwandt ist, die Kommunikation eine größere Rolle spielt. „Das ist sehr spannend. Auch bei unseren Vorfahren spielte die Kooperation während der Großwildjagd vermutlich eine große Rolle. Um zu überleben, war es nötig, sich abzusprechen und die Rollen aufzuteilen.“ Die Versuche mit den Kindern laufen derzeit noch. Die Kinder sind vier bis fünf Jahre alt und bekommen dieselben Aufgaben

wie die Schimpansen und Orang-Utans. Vorangegangene Studien anderer Forscherteams zeigen, dass Kinder häufiger kommunizieren und sich Strategien überlegen. „Eine Möglichkeit war, dass die Kinder untereinander vereinbarten‚ in der einen Runde bekommst du mehr, in der nächsten ich. Auf diese Weise gleicht die Kommunikation Ungleichheit aus“, erläutert Völter. Die Kooperationsstudien scheinen darauf hinzuweisen, dass Schimpansen wie Orang-Utans in puncto Kommunikation einen Nachteil gegenüber den Kindern haben. Was die Affen aber womöglich besser können als fünfjährige Kinder, betrifft die Merkfähigkeit. „Schimpansen haben ein sehr gutes Arbeitsgedächtnis, sie merken sich eine Vielzahl von Informationen über kurze Zeit­ räume, selbst wenn man sie zwischendurch ablenkt“, so Völter. „Wenn Schimpansen in einem Experiment verschiedenförmige Dosen mit Futter angeboten werden, können sich die Tiere sehr gut merken, in welchen Boxen sie schon gesucht haben, auch wenn die Dosen zwischendurch verdeckt durchgemischt worden sind.“ Die Affen versuchen auch, sich gegenseitig hinters Licht zu führen Die Forscherin Jane Goodall hat gesagt: „Schimpansen haben uns mehr als jedes andere lebende Wesen dabei geholfen zu verstehen, dass es zwischen Menschen und Tierreich keine scharfe Grenze gibt. Diese Grenze ist undeutlich und sie wird immer nur undeutlicher.“ Auch der Verhaltensforscher Christoph Völter empfindet die Arbeit mit Schimpansen und Orang-Utans als besonders faszinierend. „Wenn man Schimpansen oder Orang-Utans in die Augen schaut, ist es leicht, mit ihnen eine Verbindung herzustellen. Es ist ein bestimmtes, schwierig zu beschreibendes Gefühl.“ Trotzdem müssen Forscher eine wissenschaftliche Distanz wahren. „Beeindruckend finde ich Beobachtungen aus der Wildnis, die zeigen, wie die Tiere miteinander interagieren und zum Teil auch versuchen, sich gegenseitig hinters Licht zu führen. Die kognitiven Fähigkeiten, die solchen komplexen Verhaltensweisen möglicherweise zugrunde liegen, können wir in unseren Verhaltensstudien testen.“ Die vergleichenden Untersuchungen an unseren nächsten Verwandten im Tierreich können Hinweise darauf liefern, wie sich bestimmte Verhaltensweisen entwickelt haben. Die Kooperation unter Menschen ist außergewöhnlich und entscheidend für den Erfolg menschlicher Gesellschaften. Dieser Vorteil wird derzeit durch das Coronavirus auf die Probe gestellt, denn um sich vor dem Virus zu schützen, ist die Distanz zu anderen Menschen nötig. So müssen wir, hoffentlich nur kurzzeitig, versuchen, neue Wege der Kooperation finden.

FOTO: VETMEDUNI VIENNA

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Mörderische Samtpfoten Katzen gehören zu den effektivsten Jägern auf der Erde – für viele andere Tiere wird es eng atzenhalter werden manchmal Zeuge eines grausamen Spiels: Ihre süßen „Samtpfoten“ fahren die Krallen aus, um ein anderes Tier zu fangen und es nach quälend langer Misshandlung zu töten. Das Verhalten lässt sich irgendwie rationalisieren, wenn die Beute ein als Schädling eingestuftes Tier ist, etwa eine Maus oder eine Ratte. Herzzerreißend wird es, wenn es sich um ein Geschöpf wie einen Vogel, eine Blindschleiche, eine Fledermaus oder einen kleinen Hasen handelt. Mit dieser Realität muss sich jeder Katzenfreund auseinandersetzen: Die Stubentiger sind durch und durch Raubtiere. Hauskatzen erlegen, wie mehrere Studien belegen, in ihrem meist sehr kleinen Aktionsradius genauso viele, wenn nicht mehr Beutetiere als Karnivoren in der Wildnis. Katzen sind überall, auch in der Antarktis Hauskatzen begleiten den Menschen, seitdem sie vor 4.000 Jahren in Ägypten domestiziert wurden. Sie leben in Haushalten mit oder ohne Freigang, während wilde Katzen unabhängig von Menschen unterschiedlichste Habitate bewohnen. Eine Mischform aus beiden sind Streunerkatzen, meist ausgesetzte oder entlaufene Tiere, die sich zumindest teilweise von Abfall oder Futtergaben der Menschen ernähren. Wild- und Streunerkatzen leben auf allen Erdteilen außer der Antarktis. Hauskatzen bevölkern alle Kontinente, auch die Antarktis, wo einige von ihnen Wissenschaftern den Forschungsalltag auf den Stationen etwas aufhellen. Katzen ernähren sich vielseitig, können sich an unterschiedliche Lebensräume anpassen, halten viel aus, brauchen nicht viel Wasser und vermehren sich stark. Sie gehören zu den geschicktesten und widerstandsfähigsten Jägern auf dem Planeten. Die Zahl der Hauskatzen wird weltweit auf über 600 Millionen geschätzt. Inklusive ihrer wildlebenden Artverwandten dürfte ihre Anzahl deutlich über einer Milliarde liegen. Sie töten jährlich viele Milliarden Vögel, Reptilien, Amphibien, kleine Säugetiere und Insekten. Wie viele genau, ist noch nicht annähernd erhoben. Eine von der Zoological Society of London in der Zeitschrift Animal Conservation publizierte Studie lässt die Größenordnung erahnen: Nach Angaben von Katzenbesitzern in Australien, Neuseeland, Großbritannien und den USA bringen ihre Haustiere pro Jahr im Schnitt zweiundvierzig getötete Beutetiere nach Hause. Auf bis das Doppelte wird die jährliche Anzahl der Opfer geschätzt, die die Katze nicht nach Hause bringt. In Australien sind, laut einer im Wildlife Research Journal veröffentlichten Studie des staatlichen Threatened Species Recovery Hub, 71 Prozent der Hauskatzen Freigänger, insgesamt 2,7 von 3,9 ­Millionen.

TEXT: BRUNO JASCHKE

Katzen töten jährlich viele Milliarden Vögel, Reptilien, Amphibien, kleine Säugetiere und Insekten

Gábor Wichmann, BirdLife Österreich und Blühendes Österreich

Oliver Gebhardt, Naturschutzjugend Graz

Eine einzelne Katze töte im Schnitt 110 Tiere jährlich: vierzig Reptilien, 38 Vögel und 32 Säugetiere, insgesamt 297 Millionen Tiere. Am dramatischsten sei das Problem in städtischen Gebieten, wo sich vierzig bis siebzig Katzen auf einem Quadratkilometer herumtreiben. Es gebe viele belegte Fälle, bei denen eine einzige Katze für den Rückgang ganzer Arten in ihrem Umfeld verantwortlich ist. Seit sie mit den ersten Siedlern Ende des 18. Jahrhunderts auf den fünften Kontinent gekommen sind, sollen Katzen nach Angaben des australischen Umweltministeriums zur Ausrottung von siebenundzwanzig einheimischen Arten beigetragen haben und, mehr als der Klimawandel, 124 weitere akut gefährden. Das hat die Regierung 2015 veranlasst, unter wenig öffentlichem Widerstand die Tötung von zwei Millionen der auf bis zu 6,3 Millionen geschätzten, verwilderten Katzen zu erlauben. 2016 sind etwas über 200.000 wilde Katzen in Australien getötet worden. 2019/20 haben die verheerenden Buschbrände die Artenschutzpläne zu Makulatur gemacht. Und die Katzen profitieren davon: Sie ziehen gezielt weite Strecken in die abgebrannten Gebiete, um dort ihre von Stress und Nahrungsknappheit geschwächte Beute zu jagen. Amerikanische Katzen töten Milliarden Säugetiere Das US Fish and Wildlife Service (FWS) macht Katzen für die Ausrottung von weltweit 33 Arten mitverantwortlich. 2,4 Milliarden Vögel jährlich sollen in den USA den Räubern zum Opfer fallen. Eine ältere Erhebung für die Zeitschrift Nature Communications aus dem Jahr 2013 kam zum Ergebnis, dass Katzen in den USA im Jahr zwischen 1,4 und 3,7 Milliarden Vögel und bis zu zwanzig Milliarden Säugetiere erlegen. Freilich sind solche Zahlen ähnlich problematisch wie die Todesstatistiken in der Coronakrise. Gábor Wichmann, Geschäftsführer der Vogelschutzorganisation BirdLife Österreich und Vorstand von Blühendes Österreich, erläutert: „Es bleibt die Frage: Ist der Effekt kompensatorisch, da siebzig Prozent der Vögel sowieso im ersten Jahr sterben, oder ist er additiv?“ Neben Vögeln sind in Österreich Fledermäuse, Reptilien und Amphibien besonders durch Katzen gefährdet: im ländlichen Siedlungsraum, im suburbanen Bereich und in städtischen Randlagen, also überall dort, wo sich Katzen Freigangmöglichkeiten bieten. Allerdings geht niemand so weit, Katzen als den alleinigen Feind gefährdeter Arten zu bezeichnen. Am Anfang allen Übels steht die Zerstörung ihrer Lebensräume. Die Landwirtschaft tut das Ihre dazu und die Katze gibt ihnen dann gewissermaßen den Rest. Dramatisch wirkt sich das gegenwärtig bei Reptilien aus: „Dem Druck durch Baumaßnahmen und neue Siedlungen haben

Blindschleichen, Eidechsen, Nattern noch standgehalten, aber der Katze nicht“, erklärt der Zoologe Franz Weihmann vom Naturschutzbund Steiermark. „Wenn fünf Eidechsen von Katzen gefangen werden, fällt das wegen ihrer schon sehr geringen Population ins Gewicht.“ Wie bekommt man den Stubentiger katzengerecht in den Griff? Auch an der Dezimierung der Fledermäuse haben Katzen maßgeblichen Anteil. Sie lauern ihnen in der Dämmerung auf, wenn die Fledermäuse aktiv werden. „Wenn ich Anrufe wegen verletzter Findlinge bekomme, handelt es sich fast immer um Katzenopfer. Oft tritt der Tod erst nach ein paar Tagen ein. Es ist extrem schwierig, eine Fledermaus, die in die Fänge einer Katze geraten ist, durchzubringen“, erzählt der Grazer Biologe und Zoologe Oliver Gebhardt. Das Drama der nützlichen Insektenvertilger beginnt aber damit, dass ihr Nahrungsangebot schwindet, sie niemand mehr auf dem Dachboden will, neue Häuser undurchdringlich dicht gebaut sind und ihre Flugrouten etwa durch Windräder durchkreuzt werden. „Blumenwiesen und artenreiche Hecken anlegen“, empfiehlt Gebhardt zur Sicherung der Fledermausbestände. „Und die Katze jeweils eine Stunde vor und nach Sonnenuntergang nicht hinauslassen.“ Unter den heimischen Vogelarten sind die Bestände von Girlitz und Hänfling kritisch geworden. Weil sie sich menschlichen Siedlungen immer mehr annähern mussten, wurden Katzen zur Gefahr. „Ist der Lebensraum knapp, können sich räuberische Aktivitäten sehr negativ auswirken“, erklärt Gábor Wichmann von BirdLife, der für die Wiederherstellung intakter Biosphären den Dialog mit der Landwirtschaft sucht. Etliche Vorschläge zum Schutz gefährdeter Arten finden auch die Zustimmung von Katzenschutzorganisationen. „Ich glaube, die effektivste Hilfe für gefährdete Arten ist, für Lebensraum und Nahrung zu sorgen“, meint Sabrina Danklmayer, Junior­chefin des Vereins Pfötchenhilfe, dessen Hauptanliegen die Kastration und Populationskontrolle von Katzen ist. „Jeder kann in seinem Garten einige Quadratmeter verwildern lassen, statt einen Rasen zu kultivieren, in dem kein Leben herrscht.“ Sie selbst gewährt ihren Katzen keinen ungesicherten Freigang. „Wir raten von Halsbändern mit Glöckchen ab, diese schädigen das Gehör. Auch sind Halsbänder für Katzen oft tödliche Fallen. Sie bleiben hängen, strangulieren sich oder scheuern sich wund. Vogelhäuschen kann man weit oben aufhängen im feinen Geäst. Man kann für freie Flächen rund um die Futterstelle sorgen, um den Katzen keine Möglichkeit zu geben, sich versteckt anzuschleichen. Wir Menschen können durch die Gartengestaltung dafür sorgen, dass die von Katzen bedrohten Tiere kräftige Junge hervorbringen.“

FOTOS: CHRISTIAN DUSEK, INGENIEURBÜRO FÜR BIOLOGIE

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:  VO N A B I S Z

Das Glossar – Haus-, Versuchs- und Wildtiere JOCHEN STADLER

Biodiversitätskrise  Massiver Verlust von Tier- und Pflanzen durch menschliche Aktivitäten wie der Zerstörung ihrer Lebensräume, Jagd, Einschleppung invasiver Arten und Klimakrise. Domestikation  Veränderungsprozess bei Wildtieren, die sich freiwillig dem Menschen angeschlossen haben, wie Wolf und Wildkatze, oder von ihm gefangen und als Nahrungsmittel und Zugtier verwendet wurden, wie Auerochse und Wildkamel. Sie wurden zu weniger aggressiven, sich öfter fortpflanzenden Hunden, Hauskatzen, Rindern und Trampeltieren. Flächeninanspruchnahme  Die Österreicher konsumieren aktuell jährlich für ihre Siedlungen, Straßen und Gewerbeparks zusätzliche vierundvierzig Quadratkilometer Grund und Boden, was der Größe von Eisenstadt entspricht und Pflanzen wie Tieren fehlt. Gefühle  Während gebildete Menschen wie René Descartes Tieren früher jegliches Gefühlsleben absprachen und sie für seelenlose, schmerz- und leidfreie Automaten hielten, weiß man heute, dass sie empathisch sind, Frustration, Lust am Sex oder Trauer kennen, einander trösten, beschwichtigen und Gerechtigkeit erkennen. Haustier  Wurde durch Domestikation von Wildtier zum gewollten oder ungewollten Begleiter des Menschen, nutzt ihm auf irgendeine Art und wird durch Züchtung erhalten. Hunde  Waren vor 35.000 die erste Spezies, die sich auf den Menschen einließ und seine Entwicklung maßgeblich prägte. Invasive Tiere  Durch Menschen eingeschleppte Tiere, die heimische oft verdrängen und dezimieren. Jagd  Diente einst der Nahrungsbeschaffung, wurde mit der Entwicklung der intensiven Landwirtschaft sukzessive zum Sport und Hobby. Katzen  Haustiere, mit deren Fotos man auf Facebook die allermeisten „Gefällt mir“-Klicks hervorrufen kann. Kinderersatz  Nach dem Motto „das letzte Kind hat immer Fell“ dienen Hund, Katze und Kaninchen älteren Menschen oft als Objekt für ihr Fürsorgebedürfnis. Listenhunde  Aus politischer Willkür ohne wissenschaftliche Grundlage in eine Liste gebannte Hunderassen, denen man entgegen besseren Expertenwissens eine besondere Gefährlichkeit nachsagt. Mensch  Ein Tier, das sich selbst „der vernünftige Mensch“ (Homo sapiens) nennt, doch dem selten gerecht wird. Natur  Alles, was der Mensch nicht unmittelbar kontrolliert. Nützlinge  Insekten oder Spinnen, die Schädlinge fressen oder parasitieren und dadurch dem Menschen wirtschaftlichen Vorteil bringen.

Nutztiere  Tiere, die mit Ausnahme des Hundes dem Menschen dienlich sind, ohne es wirklich zu wollen. Er ernährt sich von ihrem Fleisch, der für ihren Nachwuchs gedachten Milch, ihrem Nachwuchs selber (Eier), zieht ihnen Haut und Pelz ab, macht aus ihren Zähnen Schmuck, lässt sich von ihnen tragen und testet an ihnen herum. Raubtiere  Ernähren sich von anderen Tieren, die sie dazu lebend fangen und töten, um zu überleben. Schädlinge  Tiere, die von Pflanzen leben, die der Mensch angebaut hat und für sich allein beansprucht. Schoßtiere  Nutztiere mit der einzigen, aber nicht zu unterschätzenden Aufgabe, die menschliche Psyche zu stabilisieren. Selbstdomestikation  Dem österreichischen Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz nach hat sich der Mensch selbst domestiziert, also zum Haustier gemacht und. Er nannte dies „Verhausschweinung“ des Menschen. Speziesismus  Diskriminierung von Geschöpfen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit. Führt dazu, dass die Menschen manche Tiere umsorgen und liebkosen, andere ausnützen und ausrotten. Theory of Mind  Die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Wird von Menschen etwa ab fünf Jahren beherrscht, aber auch zum Beispiel von Affen, Raben und Hunden. Tiertherapie  Behandlung von körperlichen und seelischen Erkrankungen durch Unterstützung von Delfinen, Hunden, Katzen, Pferden und Lamas. Tierversuche  Wissenschaftliche Experimente am lebenden Tier, um hauptsächlich dem Menschen dienlichen Wissensgewinn zu generieren. Veganismus  Ernährung ohne jegliche tierische Produkte. Vegetarismus  Ernährung ohne Nahrungsmittel, die von getöteten Tieren stammen. Wildtiere  Vom Menschen nicht direkt kontrollierte Tiere. Werden teils romantisiert, teils gezielt oder durch Kollateralschaden ausgerottet, teils gefangen und verspeist. Viele Arten von ihnen kennt die Menschheit noch nicht einmal. Zoo  Parkähnliche Anlage zur Zuschaustellung verschiedener Tierarten zum Gaudium der Menschen. Neuerdings werden sie gern mit Arterhalt gerechtfertigt, doch dazu tragen sie langfristig nicht ernsthaft bei. Zoonose  Infektionskrankheiten, die von Tier zu Mensch und Mensch zu Tier übertragen werden können, wie Aids, Salmonellose, Influenza und SARS-CoV-2. Züchtung  Von Menschen kontrollierte Fortpflanzung von Tieren und Gewächsen, um ungewollte Eigenschaften zu beseitigen und gewollte hervorzuheben.

:   F R E I H A N D B I B L I OT H E K BUCHEMPFEHLUNGEN ZUM THEMA VON EMILY WALTON

Was den Verstand tatsächlich prägt

Louise Barrett, Professorin für Psychologie, legt dar, weshalb Denken und Verhalten eine Eigenschaft des gesamten Organismus und nicht nur des Hirns ist und wie Körper, Gehirn und Erkenntnis mit der Umwelt zusammenspielen. Auch die evolutionsgeschichtlichen Unterschiede zwischen Mensch und Tier werden beleuchtet bzw. welche Auswirkungen diese auf Denken und Verhalten haben. Barrett geht auch der grundsätzlichen Frage nach, was Gehirne gut können und wann es sich auszahlt, ein großes bzw. überhaupt eines zu haben. Louise Barrett, Beyond the Brain: How Body and Environment Shape Animal and Human Minds. Princeton University Press, 288 S.

Wenn Tiere zu Gefährten werden

Die tierische Gesellschaft

Wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist, wird zu einem Gutteil durch die Interaktion mit Tieren geprägt. Ausgehend von dieser Prämisse zeigt Margo ­DeMello, die Anthropologie und Soziologie lehrt, wie die Rolle der Tiere in der amerikanischen Gesellschaft hierarchische Beziehungen, die auf Sexismus, Rassismus und Privilegien basieren, aufrechterhalten. Welche Identitäten wir für uns mithilfe von Tieren zurechtzimmern, wird ebenso beschrieben wie Tierrechtsaktivismus, Domestizierung, die Debatte über Tiergärten, sowie die Darstellung von Tieren in Film und Literatur. Margo DeMello, Animals and Society: An Introduction to Human-Animal Studies, Columbia University Press, 470 S.

Die Verantwortung der Menschen

Sind Haustiere Freunde, die uns helfen, emotionale Grundbedürfnisse zu decken? Fest steht für James Serpell, Professor für Ethik und Tierschutz, jedenfalls eines: Immer dann, wenn wir Tieren die Rolle als unsere Weggefährten zuschreiben, unterwandern wir damit die strikte Trennung zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Lebewesen. Was auch bewirkt, dass wir uns den moralischen Widersprüchen stellen müssen, die durch die (tendenziell gute) Behandlung von Haustieren und unserem (tendenziell weniger guten) Handeln gegenüber Tieren im Allgemeinen entsteht.

Menschen sind weder wichtiger als Tiere, noch sind sie ihnen aufgrund der menschlichen Moral überlegen. Vielmehr sind sie dazu verpflichtet, Tiere als empfindungsfähige Wesen anzuerkennen und sie dementsprechend zu behandeln. Christine M. Koorsgard, Moralphilosophin in Harvard, geht auf Theorien von Aristoteles oder Immanuel Kant zurück. Beleuchtet werden aber auch aktuelle, praktische Fragen: Ob es Menschen zusteht, Tiere zu essen und an ihnen Versuche durchzuführen, ob wir das Recht haben, sie für uns arbeiten und kämpfen zu lassen, oder sie als Haustiere zu halten.

James Serpell, In the Company of Animals. A Study of Human-Animal Relationships, Cambridge Univ. Press, 316 S.

Christine M. Korsgaard, Fellow Creatures, Oxford University Press, 252 S.


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Wo PISA erfunden wurde Der ehemalige Präsident des CERI über die Bildungsforschung der OECD ass ich als relativ junger Professor aus einem relativ kleinen Mitgliedsland der OECD zum Vorsitzenden des wichtigsten und mächtigsten internationalen Gremiums für Bildungsforschung und Schulentwicklung ernannt wurde, kam eher überraschend. Tatsächlich spielten bei meiner Bestellung 1993 zum Chairman des Governing Board des Center for Educational Research and Innovation (CERI) der OECD in Paris auch Glück und Zufall eine Rolle. Ende der 1970er Jahre kehrte ich von Oxford nach Wien zurück und habilitierte mich im Bereich der international vergleichenden Bildungsforschung. Damals gab es am Institut einen „Großprofessor“, der nicht nur an der Universität rücksichtslos Assistenten, Räume und Ressourcen requirierte. Als Freund einflussreicher Politiker sammelte er auch interessante, außeruniversitäre Positionen, darunter die des österreichischen Delegierten zum CERI. Die vorrangige Arbeitssprache der OECD ist Englisch. Dieses beherrschte der Herr Professor leider nur unzureichend, von Französisch ganz zu schweigen. Was immer er in Paris machte, jedenfalls kehrte er immer mit Konvoluten englischsprachiger Materialien zurück. Das Bildungsministerium erwartete von ihm deutschsprachige Resümees der Sitzungen und Arbeitspapiere. Für dieses Dilemma fand er eine clevere Lösung: Als vergleichender Erziehungswissenschafter musste ich, der Dozent, doch Interesse an diesen unveröffentlichten Materialien haben. Hatte ich. Und so fuhr er jahrelang nach Paris, während ich in Wien die von ihm mitgebrachten Papers studierte und für das Ministerium zusammenfasste. Diese „Arbeitsteilung“ verschaffte mir Einblicke in das Powerplay der internationalen Bildungsforschung. Schließlich wurde mir, inzwischen ordentlicher Professor, vom Bildungsministerium die Stelle des österreichischen Delegierten zum CERI angeboten, die ich natürlich gerne annahm. Seit seiner Gründung 1968 ist das CERI der einflussreichste Thinktank der westlichen Demokratien in Fragen der Bildungspolitik und des institutionalisierten Lernens von der Vorschule bis zur Hochschule. Eines seiner Projekte wurde zum weltweit beachteten „Flaggschiff “ der OECD-Bildungsaktivitäten: PISA, das Programme for International Student Assessment, der internationale Schulleistungsvergleich von 15- und 16-Jährigen in Muttersprache, Mathematik und Naturwissenschaften. Nicht so bekannt, aber nicht weniger bedeutsam sind die „Reviews“ der OECD. Dabei evaluieren multinationale Expertenteams den bildungspolitischen Status quo eines Landes oder die Funktionstüchtigkeit eines Teilsystems des Bildungswesens, etwa die Lehrerbildung, den Vorschulbereich oder den Tertiären Bildungssektor. Diese Prüfungsberichte können zwar sehr

TEXT: KARL HEINZ GRUBER

„Der Vorwurf von Pierre Bourdieu, die OECD sei das ,Trojanische Pferd‘ des US amerikanischen Neoliberalismus, war in den 1990ern nicht gerechtfertigt“ KARL HEINZ GRUBER

kritisch ausfallen, aber die OECD ist nach ihrem institutionellen Selbstverständnis „a dog which barks but does not bite“. Dennoch wirken diese über jeden Verdacht der Parteilichkeit erhabenen Gutachten in vielen Ländern als Auslöser von Reformen und bildungspolitischen Kurskorrekturen. Das CERI nutzt für seine Projekte und Gutachten den riesigen Pool der US-amerikanischen, britischen, skandinavischen und australischen Bildungsforschung. Die deutschsprachige Erziehungswissenschaft war hingegen bis in die jüngere Vergangenheit bei CERI-Aktivitäten wenig präsent. Mit ihrem mehrheitlich historisch-philosophischen Selbstverständnis tat sie sich lange schwer, die Fixierung auf das reiche Erbe der deutschen Bildungstheorie aufzugeben und sich der Bildungswirklichkeit empirisch zu nähern. PISA hat das grundlegend geändert. Seit einigen Jahren wird das Bildungsdirektorat der OECD sogar von einem Deutschen geleitet. Die Dominanz des Englischen und die mittransportierten Selbstverständlichkeiten des angloamerikanischen Wissenschaftsbetriebs begünstigen eine pragmatische Herangehensweise. Dennoch war der Vorwurf des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, die OECD sei das „Trojanische Pferd“ des US-amerikanischen Neoliberalismus, zumindest im CERI der 1990er Jahre, nicht gerechtfertigt. Vertreter von wohlfahrtsstaatlich-egalitär orientierten Ländern wie Frankreich, Japan oder den skandinavischen traten den angloamerikanischen Initiativen für mehr Markt, Konkurrenz und „Wahlfreiheit“ im Bildungswesen ideologiekritisch und mit harten soziologischen Daten entgegen. Der Governing Board bestand damals aus etwa 25 Mitgliedern; zwei Drittel waren Professoren der Erziehungs- oder Sozialwissenschaften, der Rest hochrangige Ministerialbeamte. Die übliche Funktionsdauer betrug sechs Jahre. Der Vorsitz rotierte im Zweijahresrhythmus zwischen den Kontinenten. Und während meiner Mitgliedschaft im Board war wieder einmal Europa an der Reihe, die Chairperson zu stellen. Bei der Entscheidung des OECD-Bildungsdirektorats für mich dürften mehrere Umstände zusammengespielt haben. Mein wissenschaftliches Arbeitsfeld war seit zwanzig Jahren die internationale Schulentwicklung. Und durch die frühere Resümiertätigkeit für meinen Wiener Professorenkollegen war ich von Anfang an mit den Herangehensweisen von CERI-Projekten bestens vertraut. Doch keine Bestellung zu einer OECD-Leitungsposition erfolgt ohne die Zustimmung der „big players and big payers“ USA, Japan, Frankreich, Großbritannien und Schweden. Und da hatte mich meine akademische Karriere mit ein paar förderlichen „Federln am Hut“ ausgestattet: eine Gastprofessur an

der Harvard University; ein Senior Visiting Research Fellowship am St. John’s College der Universität Oxford; zwei Jahre als „Directeur d‘Etudes Associe“ am Maison des Sciences de l‘Homme in Paris; und seit meiner Dissertation über die schwedische Gesamtschulreform hatte ich immer wieder in Stockholm Feldforschung betrieben. Die OECD residiert zwar in einem Schloss, dem Chateau de la Muette in Paris, aber das Arbeitsethos des CERI ist „puritanisch“ und geprägt von amerikanischer No-nonsense-Pragmatik, französischer Effizienz und britischen Umgangsformen, was meinen Vorstellungen von internationaler wissenschaftlicher Kooperation wie auch meinem persönlichen Stil entsprach. Apropos persönlich: In die Zeit meines Vorsitzes fiel die Feier des 25-Jahresjubiläums des CERI. Untertags vor dem festlichen Dinner hatte ich als Chairman und Gastgeber für zahlreiche Minister sowie hochrangige Festgäste keine freie Minute. Als ich am Abend hungrig und vor allem durstig im Festsaal ankam, fand ich dort nur Champagner vor, der nicht nur meinen Durst löschte, sondern mich auch erstaunlich rasch in eine fröhlich-lockere Stimmung versetzte. Bei Tisch kam ich zwischen der neuseeländischen und der US-amerikanischen Bildungsministerin zu sitzen und wir hatten, wienerisch gesagt, „eine Hetz“. Bei einem Blick in das Programm fiel uns auf, dass keine offizielle Verabschiedung des langjährigen japanischen Delegierten vorgesehen war, der mich immer wie ein väterlicher Freund behandelt hatte. Ich klopfte mit einer Gabel an mein Champagnerglas. Die beiden mich flankierenden Ministerinnen zischten mir alarmiert „Karl, don’t!“ zu, aber es war zu spät. Vom Champagner beflügelt, hielt ich eine kleine Laudatio, in der ich den alten Herrn als von uns allen hochverehrten „sensei“ würdigte, ein Wort, das den japanischen Respekt vor Gelehrsamkeit und Altersweisheit ausdrückt. Mächtiger Applaus und ein Toast auf den gerührten Japaner, mit dem ich in persönlichen Gesprächen und im CERI-Plenum die Sorge geteilt hatte, die OECD könnte sich bei ihren internationalen Vergleichen allzu sehr auf Schulleistungen konzentrieren und die Aspekte Chancengleichheit, Fairness und schulische Lebensqualität unterschätzen. Wie die Arbeit des CERI belegt, waren unsere Befürchtungen unbegründet. Sowohl die PISA-Studien als auch zahlreiche andere Projekte zum Problemfeld „Quality and Equality in Education“ analysieren die Chancenungleichheit und die Ungerechtigkeit, die in den Bildungssystemen vieler sich demokratisch verstehender Länder herrschen. Vielleicht sollte sich die OECD weniger am Freud-Satz „Die Stimme des Intellekts ist leise“ orientieren und unangenehme Wahrheiten lauter aussprechen.

FOTO: FLORIAN GRUBER

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Z U G U TE R L E T Z T   :   H EU R E KA  1/20   FALTER 23/20  23

: GEDICHT

ERICH KLEIN

J E A N C AY RO L : S C H AT T E N A L A R M ( 1 9 4 4 _ 1 9 4 5 )

Aus: Jean ­Cayrol: Schattenalarm (1944–1945). Mit dem Essay Lazarenische Träume, herausgegeben und übersetzt von Ulrike Julika Betz, Schriftenreihe der KZ-Gedenkstätte Mauthausen Band 3, new academic press, Wien 2019

Es rennt, es rennt, das Morgenrot     durch die verschwiegenen Augen der Toten Schwärme von Bienen schwirren hungrig an nackten Bäumen und aus vergangenen Welten steigen Götter aus Schäumen. Es rennt, es rennt, das Morgenrot durch die verschwiegenen Augen der Toten. Lachen eines Kindes, das den Sturm bewacht. Der Himmel ist dein Brot, meine Kinder, schlafet sacht. Lauschet dem Winde, uns antwortet das Gras. Es rennt, es rennt, das Morgenrot durch die verschwiegenen Augen der Toten.

:  WA S A M E N D E B L E I BT

Das Morgenrot leckt wie eine mächtige Zunge über bläuliche Lippen, die dem Schweigen entfliehen. Fasst mich bei der Hand, wollt ihr, dass ich tanze? Es rennt, es rennt, das Morgenrot das erwachte und mich zu sich holt. Die Welt ist so alt auf jedem Gesicht. Es rennt, es rennt, das Morgenrot.

AUS: JEAN CAYROL: SCHATTENALARM (1944_1945)

:  B I G P I C T U R E AU S B U DA P E ST   LÁSZLÓ LÁSZLÓ RÉVÉSZ (AUSSCHNITT)

:   I M P R E SS U M Herausgeber: Armin Thurnher; Medieninhaber: Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H., Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 0043 1 536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at; Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H., Redaktion: Christian Zillner, Fotoredaktion: Karin Wasner; Gestaltung und Produktion: Andreas Rosenthal, Reini Hackl, Raphael Moser; Korrektur: Martina Paul; Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau; DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar.

HEUREKA ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit

Baum, blattlos Bertolt Brechts im dänischen Exil entstandenes und 1939 veröffentlichtes Gedicht An die Nachgeborenen verwirft das vielleicht bedeutendste Symbol der Menschen: „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist. Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ Nicht nur die Ausflucht in Naturbetrachtung jenseits der NaziBarbarei wurde untersagt, das Verdikt war so effektvoll, weil der Dichter mit ans Understatement grenzender Nüchternheit einen Mythos ans Ende brachte. Germanengott Odin war am Weltenbaum geritten, Dionysos war der personifizierte Baumgott. Dass partout ein Apfelbaum das Böse in die Welt gebracht haben soll, mochte vom fehlerhaften Wortspiel der Paradiesgeschichte herrühren: „mālum, der Apfel; malum, das Böse. Aber nicht einmal die Verwirrung über die Anzahl von Bäumen im zentralen Mythos der westlichen Kultur – Baum des Lebens, Baum der Erkenntnis, Baum des Todes – vermochte die Bedeutung des Symbols außer Kraft zu setzen. Ganz im Gegenteil! Von Shakespeares Hexen, die an Eiben herumfummelten, und dem romantisch besungenen Lindenbaum, über den sich schon Schatten der Industrialisierung legten, bis zur Abholzung von Tschechows Kirschgarten blieb ein Metaphernreigen in Kraft, der dem Baum seinen Platz nie streitig machte. Alwin Seifert, nationalsozialistischer „Reichslandschaftswart“ und bis heute Öko-Papst aller Freunde des Kompostierens, erklärte: „Eine Straße muss Bäume haben, wenn anders sie eine deutsche Straße sein soll. Denn zu allem, was dem deutschen Wesen nah steht, gehört Baum und Busch.“ Und die Sowjets wussten: Gut ist der Baum nur im Sozialismus. Der Titel von Leonid Leonows Roman Der russische Wald war ebenso programmatisch stalinistisch wie das Oratorium Lied von den Wäldern von Dmitrij Schostakowitsch. Wider sein eigenes Verdikt griff sogar Brecht das Symbol Baum in einer Art Requiem auf die Metapher noch einmal auf: „Als Lenin starb, / War es, als sagte der Baum zu den Blättern: Ich gehe.“ Erst Paul Celan setzte dem Bilderreigen in einer gesteigerten Volte 1968 ein endgültiges Ende: „Blatt baumlos / für Bertolt Brecht: Was sind das für Zeiten, / wo ein Gespräch / beinah ein Verbrechen ist, / weil es so viel Gesagtes / mit einschließt.“


DAS BUCH DER TIERE

Car toons aus 20 Jahren FALTER Bernd Püribauer verbildlicht die Beziehung von Men schen- und Tierwelt auf subtil-ironische Weise. 304 Seiten, € 29,90

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