HEUREKA #12019 Österreichische Post AG, WZ 02Z033405 W, Falter Zeitschriften GesmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien
D A S W I S S E N S C H A F T S M A G A Z I N A U S D E M F A LT E R V E R L A G
FOTO: LISA EDI
Ethik an Schulen und im Leben Ethikunterricht an Schulen Ab dem Schuljahr 2020/21 wird Ethik an der Oberstufe unterrichtet. Ist dies notwendig? Seite 12
Luxus oder Notwendigkeit?
Ethik in Medizin und Genetik Genmanipulationen an Menschen gibt es nun auch schon. Wohin wird uns das führen? Seite 16
Ethik bei Pflanzen und Klima Die Ethikerin Angela Kallhoff über die Bedeutung von Pflanzenethik und Klimaethik. Seite 22
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CHRISTIAN ZILLNER
A U S D E M I N H A LT
: E D I TO R I A L
Schulritual Ethikunterricht an den Schulen Seite 12
FOTOS: KARIN WASNER, ANDREA VOLLMER, ECOWIN VERLAG, UNIVERSITÄT WIEN
Ab dem Schuljahr 2020/21 soll Ethik ein Schulfach werden
Durchdatierte Patienten Seite 14
Die Personalisierte Medizin und ihre ethischen Probleme
Kopf im Bild Seite 4 Nuno Maulide, Chemiker und Konzertpianist, ist der „Wissenschaftler des Jahres 2018“
Klimagerechte Energiegewinnung Seite 18 Hans Jonas’ Versuch einer Technologieethik
Ethik auch in der Volksschule Seite 20
Die Stunde der Possibilisten Seite 16 Der Genetiker Markus Hengstschläger über Biotechnologie, Genetik und ehtische Folgen
Das fordert die Philosophin Katharina Lacina
Glossar und Bücher zum Thema Seite 21
Internationale Literatur zum Thema Ethik
Das Gewissen von Robotern Seite 8
Gedicht und „Was am Ende bleibt“ Seite 23
Philosophin Janina Loh meint, man dürfe es nicht den Programmierern überlassen
Ethik bei Pflanzen und beim Klima Seite 22 Die Ethikerin Angela Kallhoff über die Bedeutung von Pflanzenethik und Klimaethik
„Vom Vögeln könnt ihr reden, wann ihr wollt, jetzt haben wir Religion“, lauteten die legendären Worte eines Kaplans an einer Vorarlberger Hauptschule. Damals gab es keinen Ethikunterricht, zu dem man sich anmelden konnte. Es herrschte das Wort Gottes an den Schulen, oder zumindest das, was er durch den Mund seines klerikalen Personals an seine Schäfchen weitergab. In einem Jahr soll nun nicht mehr nur Religion, sondern auch Ethik an den Schulen unterrichtet werden. Zunächst nur an der Oberstufe. Der Jugend an den Pflichtschulen möchte man offenbar ethisches Verhalten noch nicht zumuten. Ist Ethik für die Österreicherinnen und Österreicher wie Sex, der ja auch erst ab dann unterrichtet wird, wenn es eigentlich schon zu spät ist? Ich darf hier anmerken, dass theoretisches Wissen über Ethik in etwa so wertvoll ist wie jenes über Sex: Ohne Übung ist es wertlos. Diskussionen über ethisches Verhalten sind gut, brauchen aber eine gemeinsame Einübung. Man nennt dies auch Ritual. Es erzeugt ein Gefühl der Gemeinsamkeit, das jede soziale Stellung für den Moment vergessen lässt – und auch das Smartphone und die Sneakers. Der Ethikunterricht muss also praktische Rituale hervorbringen, wenn er wirklich Sinn machen soll.
: G A ST KO M M E N TA R
Jugendliche und Literatur und wie man sie zusammenbringen kann
FOTO: ISABEL YVON
VERONIKA TRUBEL
Sie passen ideal zusammen und auch gar nicht: Jugendliche und Literatur. Literatur hält der Gesellschaft einen Spiegel vor, der oft ein Zerrbild von Kritik oder Anklage zeigt. Das tun Teenager auch. Aber wenige von ihnen lesen Bücher. Wenn von Jugend und Literatur die Rede ist, kommt schnell etwas Störrisches ins Spiel. So lies das doch, es wird dir gefallen! Es ist schwierig sich für etwas zu begeistern, das einem vorgesetzt wird, besonders, wenn man jung ist. Mit der Literatur ist es wie mit jeder Leidenschaft: Man kann sie nicht verordnen. Sie will entdeckt werden. Wie kann man das fördern? Zur Klärung dieser Frage macht es Sinn, Jugendliche drei Gruppen zuzuordnen: Die einen lesen einfach nicht gern und haben nie gern gelesen. Für belesene Eltern sind sie eine Herausforderung, an der man
kolossal scheitern kann. Das ist die erste Gruppe. Die zweite Gruppe ist die kleinste: Diese Mädchen und Burschen haben immer schon gern gelesen. Aus Volksschulleseratten werden lesende Teenager. Bei manchen liegen Jahre dazwischen, in denen sie mehr Spiele oder Serien konsumieren. Aber Bücherlinge vergessen nicht und finden zurück, übrigens auch zu Hörbüchern. Oft konnten sich diese Jugendlichen schon sehr früh in etwas völlig vertiefen. Irgendwann einmal
Veronika Trubel ist Leiterin der eljub Europä ischen Jugend begegnungen eljub.eu
entdecken sie dann den Sog, der von guter Dichtung ausgeht. Die dritte Gruppe ist die hier relevanteste: Es sind ursprünglich Nichtleser, die dann doch zu Lesern geworden sind. Sie entdecken etwa auf Rat eines Freundes das Originalbuch zum Lieblingsfilm und wie anders der Held im Buch herüberkommt. Diese Jugendliche nennen oft andere Menschen als Vorbild: Die große Schwester, die ein Buch liebte und daraus vorlas, bis man es selbst lesen wollte (und alle anderen 14 Bände gleich dazu); die Tante, die einem Jahr für Jahr Buchgutscheine zum Geburtstag schenkt, die man erst zögerlich und später mit Freude einlöst,oder die beste Freundin und ihr Lieblingsbuch. Literatur lieben lernen funktioniert über die persönliche Weitergabe von persönlicher Begeisterung:
Eine besondere Stelle vorlesen und von der Autorin, vom Autor erzählen; Literatur lieben und diese eigene Liebe als Angebot weiterreichen. Und dann aushalten, was passiert – oder eben nicht passiert. Literatur und Jugendliche zusammenzubringen ist Arbeit und funktioniert als Angebot, das auch scheitern kann. Bei den eljub Projektwochen schreiben Jugendliche aus vielen verschiedenen europäischen Ländern gemeinsam E-Books. Literatur wird dabei als Raum der Begegnung erlebt. In Kooperation mit den Europäischen Literaturtagen begegnen sie internationalen Autorinnen und Autoren, die sie in Workshops unterstützen und ihnen ihren Zugang zu Literatur vermitteln. Die E-Books stehen zum kostenfreien Download auf eljub.eu.
4 FALTER 13/19 H EUR EKA 1/19 : P ERSÖNLIC H K E ITE N
: KO P F I M B I L D
Chemievirtuose „Wir Wissenschafter sind in der Verantwortung zu erklären, warum unsere Arbeit wichtig für die Gesellschaft ist“, sagt Nuno Maulide. „Die Menschen haben ein Recht zu wissen, dass Forschung essenziell ist.“ Maulide, Chemiker und Konzertpianist, nutzt mitunter seine Doppelbegabung, um Ähnlichkeiten zwischen Musik und Chemie zu veranschaulichen. Er forscht u. a. an der Entwicklung effizienterer und umweltschonender chemischer Reaktionen, bei denen keine Abfallprodukte anfallen. Seit 2013 ist der 39-jährige Portugiese Professor für Organische Synthese an der Fakultät für Chemie der Uni Wien. Er kam mit einem ERC Starting Grant im Gepäck, 2016 folgte ein ERC Consolidator Grant und 2018 ein ERC Proof of Concept Grant. Im Jänner kürte ihn der Klub der Bildungs- und WissenschaftsjournalistInnen Österreichs zum „Wissenschafter des Jahres 2018“. Der Preis geht an Forschende, die ihr Fach einer breiten Öffentlichkeit lebendig und alltagsnah zu vermitteln wissen.
TEXT: USCHI SORZ FOTO: KARIN WASNER
: J U N G FO RS C H E R I N N E N USCHI SORZ
Alexander Marx, 29, Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät „Von Kreuzzügen hat man oft ein romantisiertes Bild“, meint der Wiener. „Ich finde es aber wichtig, das Thema religiöse Gewalt unter kritischer kulturwissenschaftlicher Perspektive zu betrachten, auch im Licht unserer eigenen Gegenwart.“ Marx erwarb den Bachelor in Deutscher Philologie und Geschichte; im Masterstudium hat er sich auf Alte Geschichte und das Mittelalter konzentriert. Seine Dissertation widmet sich der Predigt des Dritten Kreuzzuges, den man durch Richard Löwenherz und Friedrich Barbarossa kennt. „Meine zentrale Frage ist: „Was hat Tausende Menschen dazu veranlasst, in ein unbekanntes Land zu reisen und dort im Namen ihrer Religion Kriege zu führen?“ Dabei liegt sein Fokus auf den Predigten, die die Menschen dazu angestachelt haben.
Birgit Loibnegger, 31, Fakultät für Geowissenschaften, Geografie und Astronomie Schon als Kind hat sich die Niederösterreicherin für Astronomie interessiert. „Mein Vater hat mir oft mit unserem kleinen Teleskop den Mond und die Sternbilder gezeigt. Bei der totalen Sonnenfinsternis von 1999 haben wir auf der Suche nach dem besten Beobachtungsplatz halb Österreich durchquert.“ Dass es in ihrem Fach neben Berechnungen auch um beobachtbare Objekte geht, findet sie immer noch positiv. „Und die vielen ungeklärten Fragen.“ Sie forscht im Bereich der Himmelsmechanik und -dynamik. Für ihre Dissertation arbeitet sie im FWF-Projekt „Pathways to Habitability“ an Computersimulationen zu Kometen in extrasolaren Systemen. Unter anderem möchte sie wissen, wie diese mit Planeten in anderen Systemen wechselwirken und wie sie entstehen.
Julia Rita Warmuth, 32, Fakultät für Wirtschaftswissenschaften Die Wienerin hat internationale Entwicklung Volkswirtschaftslehre und Sozioökonomie studiert. „Zuerst habe ich mich mit den internationalen Machtverhältnissen und historischen Entwicklungen seit der Kolonialzeit auseinandergesetzt, dann wollte ich die wirtschaftlichen Aspekte davon besser verstehen. Schließlich begann mich die psychologische und soziologische Seite zu interessieren, besonders die Frage, welche Effekte soziale, politische oder ökonomische Maßnahmen haben.“ Ihre Dissertation befasst sich mit der Angst vor gesellschaftlichem Abstieg und Statusverlust. Dabei geht es um Einflussfaktoren in den verschiedenen europäischen Ländern und um individuelle Entstehungsmuster. Sie möchte erkunden, wie Menschen zu ihren Meinungen kommen.
FOTOS: PRIVAT
Diese drei DoktorandInnen zählen zum vielversprechenden wissenschaftlichen Nachwuchs, dessen Dissertationsvorhaben die Uni Wien mit einem Abschlussstipendium unterstützt
KO M M E N TA R E : H EU R E KA 1/19 FALTER 13/19 5
EMILY WALTON
MARTIN HAIDINGER
FLORIAN FREISTETTER
Geschenke
Grimms Ethik
Impfpflicht?
Traditionell hat sich die EU mit Fragen der Ethik eher wenig befasst, Fragen der Moral sind größtenteils nationalstaatlich geblieben. Außer dort, wo es EU-Institutionen selbst betrifft. So gibt es seit Beginn des Vorjahres einen neuen Verhaltenskodex für die Mitglieder der EU-Kommission. Darin steht unter anderem, dass die „Karenzzeit“ für ehemalige Kommissionsmitglieder von anderthalb auf zwei und für ehemalige Präsidenten der Brüsseler Behörde auf drei Jahre verlängert wird. Kommissare sollen von ihrem früheren Job in Brüssel also nicht mehr ganz so schnell in Jobs in der Wirtschaft wechseln. So müssen sie sich in den ersten zwei Jahren neue berufliche Tätigkeiten genehmigen lassen. Damit soll vermieden werden, dass ein Seitenwechsel die Kommission und ihre Arbeit in schiefem Licht erscheinen lässt. Selbst akademische Aufgaben müssen von der Kommission vorab abgesegnet werden. Zum Verhaltenskodex der Kommissionsmitglieder zählt auch, dass sie Geschenke melden müssen, deren Wert 150 Euro übersteigen. Die Liste der empfangenen Präsente ist öffentlich einsehbar und bietet einen mitunter interessanten Blick darauf, welche Andenken die Kommissare von ihren Auslandsreisen nach Brüssel bringen. So erhielt etwa Kommissionsvizepräsident Jyrki Katainen auf einer Australien-Reise ein Didgeridoo aus Holz (ob dafür beim Rückflug eine extra Gepäckgebühr fällig wurde und wenn ja, wer sie beglichen hat, ist nicht vermerkt), während Kommissionspräsident JeanClaude Juncker nur mit einem gerahmten Bild von der Story Bridge in Brisbane bedacht wurde. Einen kleinen, aber feinen Unterschied machte auch die türkische Regierung bei ihren Geschenken für die Kommissare: Bei einem Besuch erhielten Andrus Ansip und Vytenis Andriukaitis eine „traditionelle“ Vase und Federica Mogherini eine ebensolche aus Kristall. Wie sehr sich Violeta Bulc über 27 gerahmte Bilder gefreut hat, die sie aus Slowenien mitbekommen hat, ist nicht überliefert. Vermutlich fand Kommissarin Bulc für den schwarzen MontBlanc-Füller, den sie wenig später in Saudi-Arabien erhielt, mehr Verwendung – und wohl noch mehr für das iPad Pro (128 GB), das sie von einer nicht genannten „internationalen Organisation“ aus Belgien erhielt.
Es war ein kathartisches Moment, als mir der Düsseldorfer Germanist und Märchenforscher Heinz Rölleke einst darlegte, dass in Grimms Märchen ein gravierender Unterschied zwischen den Begriffspaaren „gut/böse“ und „richtig/falsch“ bestünde und dafür das Beispiel der Lebkuchenhausbewohnerin brachte. Wenn auch der Feuertod der Hexe die Folge einer bösen Tat zweier Teenager gewesen sei, so hätten Hänsel und Gretel nach den Gesetzen der Märchenwelt dennoch richtig gehandelt, als sie die Alte den Flammen überantworteten. Waren die heldenhaften Grimm’schen Rabauken vielleicht die ersten Tugendterroristen? Mögen Christgläubige aller Couleur noch von der reinigenden Kraft des Hexenfeuers für die armen Seelen überzeugt gewesen sein, so gilt seit dem „terreur“ der Französischen Revolution auch für viele pagane Tugendfreunde brutale Gewalt dort als gerechtfertigt, wo sie ihrer Konstruktion von Moral entspricht. Wenn simpel gestrickte Diktatoren recht eindimensional im Sinne primitiven Machterhalts morden, ziehen die Tugendhaften ohne Unterlass ihre moralische Überlegenheit als Argument für die eigenen Bluttaten aus dem Hut – und das seit 1793 unlimited. Hieß die oberste Tugendbehörde damals noch euphemistisch „Wohlfahrtsausschuss“, nahm sie im 19. und
: B R I E F AU S B RÜ SS E L
: H O RT D E R W I SS E N S C H A F T
: FREIBRIEF
20. Jahrhundert die Gestalt von Räten an, denen nach revolutionärer Lesart alle Macht gebühre. Die Postmoderne legte dann die Moral ad acta und ersetzte sie durch die Ethik. Die Räte aber blieben. Nun ist guter Rat bekanntlich teuer und die Frage kommt auf, wie man die Schuljugend Österreichs heute möglichst billig und effektiv ethisch unterweisen kann. Eine tugendhafte Filmemacherin hat einmal angeregt, die Kinder dazu einfach ihren austriazistisch verbohrten Eltern wegzunehmen. Dieser Vorschlag wurde wegen allzu peinlicher zeithistorischer Verwandtschaften wieder schubladisiert. Auch kommen wir mit der Hänsel-und-Gretel-Geschichte nicht mehr weiter. Es müssten sich schon bessere Stories finden, um klarzumachen, was richtig und was falsch ist, wer die Guten und wer die Bösen sind, gegen wen man mit Gewalt vorgehen darf (oder gar soll) und wer tabu ist. Und wer die Polkappen zum Schmelzen bringt. Dabei würde ein Tugendwächter pro Schule genügen, der als klassenloser Springer von Klasse zu Klasse wandert, in alter, ethischer Tradition zuhört und fallweise einen Verweis gegen unbotmäßige Schüler ausspricht. Denn nur durch Tadel werden die Kleinen klüger. Schwarze Pädagogik? Aber nicht doch! Der Mensch will erzogen werden. Notfalls im Hexenofen.
ZEICHNUNG (AUSSCHNITT)
: F I N K E N S C H L AG HANDGREIFLICHES VON TONE FINK TONEFINK.AT
Braucht Österreich eine Impfpflicht oder nicht? Immer mehr Kinder erkranken etwa an Masern, die schon längst ausgerottet sein könnten. Der naturwissenschaftliche Teil dieser Debatte ist seit langer Zeit abgeschlossen. Wir wissen, dass Masern keine „harmlose Kinderkrankheit“ ist, sondern eine, die schwerwiegende Schäden verursacht, das Immunsystem schwächen und bis zum Tod führen kann. Den fast schon euphemistischen Namen „Kinderkrankheit“ hat diese virale Infektion nur erhalten, weil sie so aggressiv und ansteckend ist, dass man kaum erwachsen werden kann, ohne sie zu bekommen. Es sei denn, man ist dagegen geimpft. Die medizinische Forschung hat in den letzten Jahrzehnten gut wirksame Impfungen entwickelt, deren Nebenwirkungen minimal sind. Die Argumente der „Impfskeptiker“ sind wissenschaftlich nicht haltbar. Studien von Personen wie dem mit einem Berufsverbot belegten britischen Arzt Andrew Wakefield, der behauptete, die Masernimpfung könne Autismus hervorrufen, wurde als Täuschung entlarvt und widerlegt. Die Medizin weiß also nicht nur, wie man einer Krankheit wie den Masern effektiv entgegentreten könnte. Sie wäre auch in der Lage, diese Krankheit auszurotten. Ob man zu diesem Zweck Menschen per Gesetz verpflichten soll, sich impfen zu lassen, ist eine Frage, die außerhalb der Naturwissenschaften liegt. Hier geht es nicht mehr nur um Medizin, sondern um Ethik, Politik und die Art, wie wir unsere Gesellschaft organisieren wollen. Die Wissenschaft soll in dieser Debatte mitreden, hat aber zu akzeptieren, dass die Diskussion auch abseits wissenschaftlicher Argumente geführt werden muss. Wissenschaft, Politik und Ethik treffen nicht nur in der Debatte um eine Impflicht aufeinander, sondern auch, wenn es um den Klimawandel und die politischen Entscheidungen, die hier zu treffen sind, geht. Oder bei der Frage nach dem Einsatz von Gentechnik. Wissenschaft prägt unsere Welt in so gut wie allen Bereichen. Gerade das macht sie so wertvoll und wichtig. Und gerade deswegen darf sie sich einer Diskussion über Ethik nicht verschließen. Wissenschaft muss akzeptieren, dass ihre Arbeit Folgen für die Gesellschaft hat, und das ernsthafte Gespräch mit der Öffentlichkeit suchen. MEHR VON FLORIAN FREISTETTER: HTTP://SCIENCEBLOGS.DE/ ASTRODICTICUM-SIMPLEX
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Seiten 6 bis 9 Wie Wissenschaft in unsere alltäglichen Lebensumstände eingreift und sie verändert
: I M M U N O LO G I E
Glückshormon gegen Krebs Ein Baustein in Glückshormonen wirkt unter anderem gegen Krebs JASMIN GERSTMAYR
Ein wesentlicher Schlüsselspieler aus der Gefühlswelt spielt auch im Kampf gegen Krebs sowie bei Autoimmunerkrankungen eine wichtige Rolle: Der Baustein „Tetrahydrobiopterin“ (BH4) für Glückshormone aktiviert Immunzellen, die Krebszellen, aber auch den eigenen Körper angreifen können, berichten Forscher vom Wiener Institut für Molekulare Biotechnologie IMBA. Diese Immunzellen (T-Zellen) patrouillieren durch den Körper und enttarnen eigene, entartete Zellen, welche zu Tumoren werden können. Übereifrige T-Zellen richten sich gegen körpereigene Zellen und lösen dadurch Autoimmunerkrankungen wie Multiple Sklerose aus. Mit einem eigens entwickelten Wirkstoff konnten die Forscher um Josef Penninger die Erzeugung von BH4 bei Mäusen und menschlichen Zellen hemmen und dadurch von T-Zellen ausgelöste Autoimmunerkrankungen außer Kraft setzen. Andererseits verpassten sie Mäusen mit Tumoren höhere Mengen an BH4, wodurch deren T-Zellen aktiver gegen die Krebszellen vorgingen. Ein aus der Neurobiologie bekanntes System kann eine Schlüsselrolle in der Immunabwehr einnehmen. BH4 gilt als vielversprechender Ansatzpunkt im Kampf gegen Autoimmunerkrankungen und Krebs.
Josef Penninger, IMBA Wien
: E R N Ä H RU N G S E T H I K
: M AT H E M AT I K
Essen Sie einen bedrohten Meeresfisch wenigstens mit schlechtem Gewissen?
Das Wesen der Zahlen verstehen
Der transdisziplinäre Forschungsbereich Gastrosophie befasst sich mit unserer Ernährung und macht Appetit auf eine Ernährungswende
Christoph Aistleitner ergründet offene Fragen der Zahlentheorie
MARTINA NOTHNAGEL
USCHI SORZ
Gutes Essen ist nicht allein eine Frage des Geschmacks, es ist auch eine Frage der Ethik: Massentierhaltung wird als grausam empfunden, lange Transportwege belasten die Umwelt. Biotechnologisch manipulierte Lebensmittel gelten vielen als abstoßend und Inhaltsstoffe als gesundheitsschädigend. Auch trägt die Nahrungsmittelproduktion zur Klimaerwärmung bei. Kurz, was wir essen, hat Konsequenzen. Nicht nur für unsere individuelle Gesundheit, sondern auch für die Welt, in der wir leben. Die Gastrosophie möchte den Blick für die Verantwortung schärfen, die wir durch unsere Ernährungsgewohnheiten tragen, und Alternativen aufzeigen. „Ziel ist ein Bewusstseinswandel und letztlich eine Ernähungswende“, erklärt
Harald Lemke. Er ist Direktor und wissenschaftlicher Leiter des Internationalen Forums Gastrosophie (IFG) mit Sitz in Salzburg. Zwar wählen immer mehr Menschen ihre Nahrung nicht nur nach Gusto, sondern auch nach ethischen Überlegungen aus, doch die Mehrheit von ihnen isst nach wie vor wenig verantwortungsbewusst. Dabei bedeutet „gutes Essen“ im ethischen Sinn nicht zwingend rigorose Tugend. „Ein bisschen besser essen, ein bisschen gerechter, nachhaltiger und gesünder ist nicht nur mit Verzicht verbunden“, betont Lemke. „Wir brauchen eine Ethik, die alltagstauglich ist. Achtzig Prozent richtig ist auch gut.“ Gastrosophie will nicht den Appetit verderben, sondern Lust auf Neues machen.
: AU TO N O M E S FA H R E N
Wen würden Sie im Notfall überfahren: einen älteren oder jüngeren Menschen? Mit der Einführung des autonomen Fahrens kommt auch eine ethische Fragestellung in die Debatte um die richtige Programmierung WERNER STURMBERGER
Eine Straßenbahn rast auf eine Gruppe zu, kann aber so umgeleitet werden, dass nur eine Person zu Tode kommt. Diese ethische Problemstellung hat durch autonomes Fahren Relevanz gewonnen. Wie entscheidet eine Künstliche Intelligenz? Am Medial Lab des Massachusetts Institute of Technology wollte man wissen, wie Menschen entscheiden. Auf einer Website konnte man auf solche Szenarien reagieren. Mehr als zwei Millionen Menschen nahmen teil. Als allgemeines Muster wurde deutlich: Personengruppen haben Vorrang vor Einzelnen, Frauen vor Männern und Hunde vor Katzen und Kriminellen. Dabei gab es starke regionale Unterschiede: In Ostasien und in islamischen Ländern war man eher bereit, den Tod jüngerer Menschen in So sieht das Dilemma beim autonomen Fahren aus: Wen überfahren?
Kauf zu nehmen. In Lateinamerika wurden eher athletische als übergewichtige Personen verschont. In Ländern mit großer ökonomischer Ungleichheit haben Geschäftsleute bessere Karten als Obdachlose. In Japan und Deutschland Fußgänger, die sich an die Regeln halten, bessere als jene, die eine Straße bei Rot queren. Bislang hat nur Deutschland eine Richtlinie für autonomes Fahren erlassen: Im Fall eines unvermeidbaren Unfalls dürfen Autos keine auf Persönlichkeitsmerkmalen basierenden Entscheidungen treffen. Was aber beim Export deutscher Autos? Müssen diese lokalen Moralvorstellungen angepasst werden? Trifft ein Auto in China Entscheidungen, die auf dem Social-Credit-System gründen, das gute von schlechteren Bürgern unterscheidet?
„Für mich ist Mathematik eher eine künstlerische Tätigkeit als eine technische“, sagt Christoph Aistleitner. „Mein Lehrmeister an der Universität nannte sie immer die Wissenschaft vom Denken, nicht vom Rechnen.“ Der 37-Jährige ist Associate
Christoph Aistleitner, TU Graz Professor am Institut für Analysis und Zahlentheorie der TU Graz. Seine Forscherkarriere scheint ihn selbst ein wenig zu erstaunen. „Im Gymnasium hat mich Mathematik nicht besonders interessiert.“ Die Studienwahl habe ein Freund beeinflusst. Gebannt war er erst, als er entdeckte, „dass es hier nicht um das Bestimmen irgendeines Ergebnisses geht, sondern darum, eine Struktur und deren Zusammenhänge zu verstehen“. 2015 baute er mit einem StartPreis des FWF eine Forschungsgruppe für sein auf sechs Jahre ausgelegtes Projekt „Probabilistische Methoden in Analysis und Zahlentheorie“ auf. Ein Teil davon befasst sich mit Primzahlen. Diese Zahlen, die sich nicht ohne Rest durch andere teilen lassen und die man als Bausteine für alle anderen Zahlen betrachten kann, haben Mathematiker von jeher fasziniert. Aistleitner interessiert, ob ihre Verteilung zufällig ist oder versteckte Muster aufweist. Sein Ansatz kombiniert die Zahlen- mit der Wahrscheinlichkeitstheorie. Die Riemannsche Zeta-Funktion, die alle grundlegenden Informationen über die Verteilung der Primzahlen enthält, wird seit 150 Jahren intensiv untersucht. Trotzdem hat sie erst einen kleinen Teil ihrer Geheimnisse preisgegeben. Die Frage, an welchen Stellen sie den Wert null annimmt, gilt als das schwierigste und wichtigste Rätsel der Mathematik, für dessen Lösung das amerikanische Clay Mathematics Institute mit einer Million Dollar winkt. Zwar hat Aistleitner das Geheimnis um die Nullstellen nicht gelüftet, doch er konnte zeigen, wo sie nicht sind. Er fand heraus, wie oft die Funktion ungewöhnlich große Werte annimmt. Nebenbei verblüffte er die Fachwelt: Seine Methodik galt zuvor als undurchführbar.
FOTOS: MICHAEL SAZEL, PRIVAT
NACHRICHTEN AUS FORSCHUNG UND WISSENSCHAFT
N AC H R IC H TE N : H EU R EKA 1/19 FALTER 13/19 7
: N E U RO LO G I E
: U M W E LTG E S C H I C H T E
Gedankenlesen: Forscher konnten die Routen von Ratten vorhersagen
Der Erste Weltkrieg verhalf dem Erdöl zum Durchbruch
Ratten, aber auch Menschen, haben Platzzellen im Gehirn, deren Funktion jener eines GPS gleicht: Sie verorten ein Individuum im Raum
Der Zugang zu Erdöl bestimmt große Teile der heutigen Geopolitik. Seinen Ausgangspunkt nahm der Kampf ums Erdöl nach 1914
JASMIN GERSTMAYR
JOCHEN STADLER
Im Gehirn von Säugetieren wie den Menschen oder Ratten gibt es „Platzzellen“, deren Aktivität verrät, wo sich ein Individuum gerade befindet. Wenn diese Nervenzellen Signale abgeben, kann man daraus entweder ablesen, wohin es sich als nächs-
tes bewegen wird, oder wo es gerade war, berichten Forscher des Institute of Science and Technology (IST) Austria im Fachblatt Neuron. Sogar ein Irrtum wäre demnach vorhersagbar. Ein Team rund um Jozsef Csicsvari setzte Ratten mehrmals hintereinander in einen Raum, von dem acht Gänge abzweigten. In manchen war
Begonnen hatte der Erste Weltkrieg mit Dampfrössern, Kohlefregatten, Maultieren und Pferden. Doch bald bestimmten neben Kanonen auch Panzer, Flugzeuge und U-Boote das Kriegsgeschehen. Eine Energiewende von Kohle und Muskelkraft hin
Martin Schmid, BOKU Wien zu Erdöl machte diese Kriegsführung möglich, erklären Umwelthistoriker in ihrem Buch „Environmental Histories of the First World War“. Den sogenannten Mittelmächten um Österreich und Deutschland fehlten ergiebige Erdölquellen. Auch das trug zu ihrer militärischen Unterlegenheit bei.
Der Erste Weltkrieg war der Moment, in dem Erdöl zur Energiequelle „par excellence“ für das gesamte 20. Jahrhundert wurde, schreibt Dan Tamir von der Universität Zürich in dem von Martin Schmid vom Zentrum für Umweltgeschichte der BOKU Wien mitherausgegebenen Buch. Der Entente um England, Frankreich und Russland stand spätestens seit dem Kriegseintritt der USA im April 1917 fast unbegrenzt Erdöl zur Verfügung. Da die Mittelmächte zu wenig erschließen konnten, legte Treibstoffmangel ihre Panzer und UBoote bald lahm. Sie gaben es deshalb schließlich auf, neue zu bauen. Nach Kriegsende nahm Erdöl immer mehr Einfluss auf das tägliche Leben der Menschen. „Die Muskeln der Menschen und Tiere wurden durch Motoren ersetzt“, schreibt Tamir. Und „hundert Jahre später zieht das Öl kleine wie große Mächte in den Krieg“, erklärt Schmid.
: VETERINÄRMEDIZIN
1001 Kotproben zeigen: Kaum Parasiten in Wiener Hundstrümmerln
General Management MBA
Eigentlich sollte das Gackerl ins Sackerl, aber viele liegen dennoch in der Stadt herum. Zumindest sind sie kaum belastet JOCHEN STADLER
Wenn man in Wien „ins Glück“ steigt, das ein gesetzesuntreuer Hundebesitzer nicht entsorgte, kleben wenigstens kaum Parasiten an der Schuhsohle, berichten Wissenschafter. Im Vergleich zur Peripherie, dem ländlichen Raum und anderen Groß-
Barbara Hinney, VetMed Wien städten wären die Därme der Wiener Vierbeiner kaum von Würmern und anderem besiedelt, erklären sie im Journal Veterinary Parasitology. Die Forscher um Barbara Hinney von der Veterinärmedizinischen Universität Wien besuchten 55 Hundezonen in den 23 Gemeindebezirken und zogen dort 1001 Kotproben.
Zusätzlich fuhren sie nach Mödling und Wolkersdorf, um an Exkremente aus einer stadtnahen beziehungsweise ländlichen Region zu kommen. „Im Vergleich zu Ergebnissen aus anderen Städten Europas zeigen die Kotproben aus der Bundeshauptstadt eine vergleichsweise geringe Häufigkeit von Parasiten“, so die Forscher. Der Hundespulwurm war nur in jedem hundertsten Wiener Hundstrümmerl anzutreffen, Peitschenwürmer fünfmal so häufig. Bis zu zehn Prozent der Hinterlassenschaften beherbergten einzellige Parasiten. Mit der Entfernung zur Hauptstadt nimmt die Zahl der Schmarotzer zu. Bereits im „periurbanen“ Mödling im Süden Wiens sei die Parasitenbelastung bei den Hunden signifikant höher als in der City, und im „ländlichen“ Wolkersdorf, das nördlich der Stadt liegt, habe man am meisten Würmer und Einzeller in den Fäkalien gefunden.
NERAL M GE
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FOTOS: IST AUSTRIA / ROLAND FERRIGATO, PILO PICHLER, MICHAEL BERNKOPF / VETMEDUNI WIEN, UNIVERSITÄT WIEN
Jozsef Csicsvari, IST Austria
Futter versteckt. Die Nager konnten sich mithilfe ihres „Referenzgedächtnis“ merken, wo Essbares zu finden war. Bevor eine Ratte sich auf den Weg machte, entsprach die Abfolge der Nervenzellen, die Signale abgaben, entweder der Route im zuletzt besuchten Gang, oder jenem, durch den sie als nächstes lief. „Das Tier denkt also an einen anderen Ort als den, an dem es sich gerade befindet“, so Csicsvari. Bei den Tests über das Referenzgedächtnis, in dem die Gänge mit der Belohnung gespeichert sind, gingen die Ratten den Weg offensichtlich vorher im Kopf durch: Die Signalsequenz entsprach der Route, die sie anschließend gingen. „So konnten wir vorhersagen, welchen Gang die Ratte als nächstes betreten würde“, erklärt Csicsvari. Die Forscher konnten sogar erkennen, wann eine Ratte einen Fehler machen würde. Dann nämlich erinnerte sich das Tier an einen zufälligen Weg.
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: E T H I K I M C O M P U T E R
Das Gewissen der Roboter angesichts verschiedener Wer sorgt für das Gewissen der Roboter? Die Philosophin Janina Loh meint, dass man es nicht allein den Programmierern überlassen dürfe CLAUDIA STIEGLECKER
Welchen Platz wählt man als Gast an einer gedeckten Tafel? Fest steht: Nicht die Stirnseite, denn die ist dem Gastgeber vorbehalten. Möchte dieser seinen Gästen die freie Wahl lassen, so verwendet er besser einen runden Tisch: Hier wird die Platzwahl ausschließlich von persönlichen Vorlieben bestimmt, denn alle Plätze sind gleichwertig. „Das Design des Tisches impliziert ethische Werte“, sagt Janina Loh vom Institut für Philosophie an der Universität Wien. Alles, was Menschen tun und schaffen, werde bewusst oder unbewusst durch Normen und Werte bestimmt. Seit 2014 beschäftigt sich Janina Loh intensiv mit Technikphilosophie: „Technologien werden von Menschen geschaffen und sind daher auch nicht neutral.“ Ihr Spezialgebiet ist die Roboterethik, welche sich mit den moralischen Kriterien befasst, die im Bau und im Umgang mit Robotern und im Verhältnis von Menschen und Robotern eine Rolle spielen. Im kommenden Herbst wird dazu auch ihr Buch „Roboterethik – Eine Einführung“ erscheinen. Alle Roboter sind Maschinen, aber nicht alle Maschinen sind Roboter Doch was ist eigentlich ein Roboter?
„Der Begriff Roboter geht auf das tschechische Wort ‚robota‘ zurück, was Zwangsarbeit oder Frondienst bedeutet.“ Loh definiert Roboter als elektromechanische Maschinen mit Prozessoren und Sensoren, die Informationen über die Umgebung sammeln und übersetzen können. „Alle Roboter sind Maschinen, aber nicht alle Maschinen sind Roboter“, erklärt sie. Ein Roboter verfügt über eine wie auch immer geartete Form von Körper und muss wirken, als wäre er autonom und könne außerdem auf seine Umgebung einwirken. Roboter haben Einzug in viele Bereiche unseres Lebens gehalten. Sie finden sich mittlerweile in der Industrie genauso wie in Medizin, Pflege, Haushalt oder Verkehr. Dementsprechend offensichtlich werden auch die Problematiken, die damit einhergehen – etwa, wenn in einer fiktiven Notsituation im Straßenverkehr ein autonomes Fahrsystem zwischen der Kollision mit einem älteren Menschen und einer Kindergruppe wählen muss. „Eine Maschine macht nichts, was nicht vorher schon implementiert wurde“, meint Loh. „Menschen haben zwar im Grunde dasselbe Problem wie die Maschine, können aber zusätzlich auf ihren gesunden
Menschenverstand, ihren freien Willen, zurückgreifen. Dies steht dem Roboter nicht zur Verfügung.“ Welcher Ethik sollen die Roboter künftig verpflichtet werden? Nach welcher Maßgabe sollen Roboter also entscheiden? „Die ethischen Kriterien sind hier noch völlig unklar“, betont Loh. Der westliche Kulturkreis sei im Wesentlichen von drei Ethiktraditionen geprägt, erklärt sie: Die deontologische Ethik einerseits, welche die moralische Güte einer Handlung nach ihrer Intention bewertet. Der Utilitarismus andererseits, in dem die Maximierung des Gesamtnutzens im Vordergrund steht. Bei der aristotelischen Tugendethik schließlich ist der Charakter des Menschen der Maßstab. „Unser Alltag folgt keiner der Schulen eindeutig, die Ethiktraditionen werden miteinander vermischt.“ Für Maschinen aber müsse schon im Vorhinein festgelegt werden, gemäß welcher Tradition sie funktionieren sollen. „Es gibt da einfach keine richtige Lösung“, meint Janina Loh. „Daher müssen die Menschen, die in der Lage sind, diese Sachen zu programmieren, entsprechend ausgebildet werden.“ Eine sinnvolle Ausbildung sollte laut Loh schon in der
Schule ansetzen: „Technik sollte im Ethikunterricht und Ethik in den Computerfächern unterrichtet werden.“ Auch in der weiterführenden technischen Ausbildung müsse Ethik in der Lehre berücksichtigt werden: „Die Medizin zum Beispiel ist hier schon einen Schritt weiter. Ethik ist längst ein selbstverständlicher Teil der Ausbildung.“ Verpflichtende ethische Weiterbildungsmaßnahmen in Unternehmen für die derzeitigen Programmierer, Designer und Ingenieure und institutionelle, politische Ethikgremien seien außerdem vonnöten. „Die essenzielle Problemstellung von Ethik und Technik erfordert ein Zusammenspiel all dieser Maßnahmen“, betont Janina Loh. „Man kann die Verantwortung nicht allein der Programmierung geben.“ Buchtipp Janina Lohs „Roboterethik. Eine Einführung“ erscheint voraus sichtlich im September als Taschenbuch im Suhrkamp Verlag
: W I SS E N S C H A F T S KO M M U N I K AT I O N
So klingt die Wissenschaft im Ohr, wenn sie aus eine In der Wissenschaftskommunikation gewinnen auch Podcasts an Bedeutung. Hier stellen wir einige österreichische vor
Podcasts sind großteils frei verfügbare Audiobeiträge, die auf einem beliebigen Gerät mit Internetzugang abonniert und auch heruntergeladen werden können. Das Wort setzt sich aus „iPod“ (MP3-Player von Apple) und „Broadcast“ (Übertragung) zusammen. Diese Audioinhalte gelangen mittels iTunes oder Streamingdienste wie Spotify und SoundCloud ins Ohr. Auch Wissenschaftsinstitutionen und einzelne Wissenschafter haben dieses Medium für ihre Kommunikation entdeckt. Dazu benötigt man an Hardware einen Rekorder mit Mikrofon, an Software ein Aufnahme- und ein Schnittprogramm sowie Webspace. Seit einigen Jahren verschaffen sich immer mehr Wissenschafts- und Bildungspodcasts Gehör, die gezielt als Kommunikationstool eingesetzt werden.
Um die Bandbreite dieser Educasts im deutschsprachigen Raum hörbar und dafür zuallererst einmal auffindbar zu machen, bietet die Website Wiss-
Ania Mauruschat, Universität Basel pod einen Überblick über die Welt der Wissen(schaft)spodcasts. Eines der größten Wissenschafts archive zur Philosophie Unter den heimischen Wissenschaftspodcasts findet man auch einen zur Philosophie. Die „Philosophische
Audiothek“ gilt als eine der größten philosophischen Wissenschaftsarchive im deutschsprachigen Raum. Dahinter steht eine Gruppe am Institut für
Herbert Hrachovec, Universität Wien Philosophie der Universität Wien. Sie engagiert sich für die niederschwellige Verbreitung von vielfältigen philosophischen Inhalten. Die auditive Sammlung umfasst neben der Reihe „Philosophische Brocken“, die seit 2000 14-tägig auf Radio Orange ausgestrahlt wird, auch Tagungsberichte,
Vorträge und Vorlesungsmitschnitte. Sie werden von Lehrenden oder Studierenden aufgezeichnet. Ausschlaggebend dafür war ein Erlebnis des Gründers des Podcasts Herbert Hrachovec im Jahr 2005: „Ich hielt eine Vorlesung und hatte sieben Rekorder vor mir. Das kann man auch vereinfachen, dachte ich.“ So kam es zur Einrichtung der Philosophischen Audiothek. Mittlerweile hat sich die Technik weiterentwickelt, erklärt Hrachovec: „In den Anfangsjahren war es beispielsweise nicht möglich, eine ganze MP3-Sendung mit achtzig bis neunzig Megabyte über das Telefon zu beziehen.“ Der Podcast der Universität Wien: Podcast Audimax An der Universität Wien gibt es den Audimax Podcast seit Juni 2016. Hier
FOTOS: PRIVAT, DOMINIK GEIGER
LISA KRAMMER
N AC H R IC H TE N : H EU R EKA 1/19 FALTER 13/19 9
: W I SS E N S C H A F T L I C H E B Ü C H E R AU S Ö ST E R R E I C H
Ethiklehren
EMPFEHLUNGEN VON ERICH KLEIN
Verpflichtende Ethikweiterbildung für Programmierer von Robotern?
FOTOS: JASON KOSKI / CORNELL MARKETING GROUP, NASA
Eine der großen Demokratiebegründungsschriften
Die Ziele der Linken sind zweifelhaft, der Sieg der Rechten ein Pyrrhussieg
Die Frühschrift wurde als „eine der großen Demokratiebegründungsschriften überhaupt“ bezeichnet. In ihrer Erstfassung aus 1920 reagierte der „Vater der österreichischen Bundesverfassung“ auch auf den Sowjetkommunismus, bei der Redaktion aus 1929 stand der Faschismus vor der Tür. Die Fragen lauten: Wie ist die Freiheit des Einzelnen am wirkungsvollsten zu sichern? In welchem Verhältnis steht das Parlament zum Volkswillen? Und immer noch aktuell: „Die Erziehung zur Demokratie wird eine der praktischen Hauptforderungen der Demokratie selbst.“
Am Anfang steht Otto Bauers „Wir stehen mitten in einer Revolution!“ im November 1918. Der rhetorische Bürgerkrieg zwischen Links und Rechts eskalierte bis zu den Toten von Schattendorf im „Unglücksjahr“ der 1. Republik 1927. Wie es zu den dreihundertsechzig (und nicht Tausenden) Todesopfern des Februaraufstands von 1934 durch die Hand des „Arbeitermörders“ Dollfuss kam, wird detailgenau analysiert. Die Ziele der Linken waren zweifelhaft, der Pyrrhussieg der Rechten spielte den Nazis in die Hände. Keine Sensationshascherei, aber eine Pflichtlektüre.
Hans Kelsen: Vom Wesen und Wert der Demokratie. Reclam, Stuttgart 2018, 163 S.
Kurt Bauer: Der Februaraufstand 1934. Fakten und Mythen. Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar 2019, 217 S.
„Nur nicht gleich sachlich werden! Es geht ja auch persönlich“
Verschwurbelte Erotik, glühend in Farben und Innigkeit
m Podcast tönt können Wissenschafter ihre Passion für die Forschung, ihre persönliche Geschichte dazu und die etwaigen Umwege dazwischen hörbar machen. Verantwortlich dafür ist Theresa Dirtl, Redakteurin des uni:view-Magazins. Es sei eine große Herausforderung, nach einem Gespräch „die geschilderten Anekdoten und die Begeisterung der Forschenden in eine 4.500 Zeichen umfassende Geschichte zu bringen“, erklärt sie. Da bietet ein Podcast wesentlich mehr Raum. Außerdem sei „ein geschriebener Artikel etwas anderes, als wenn jemand selbst in eigenen Worten mit ein bisschen Dialekt-anklang davon erzählt“, meint die Journalistin. Mittlerweile werden Educasts für Recherchezwecke nutzbar gemacht und mittels zusätzlich erstellter
Transkriptionen als Zitationsquelle herangezogen. In einer stark visuellen, schnelllebigen Welt kommt dem bewussten Hören ein besonderer Stellenwert zu. „Es findet ganz im Hier und Jetzt statt und schult unsere Aufmerksamkeit im Moment“, erklärt Ania Mauruschat, Literatur- und Medienwissenschafterin an den Universitäten Basel und Wien. Zugleich können uns Podcasts „dank unseres Vorstellungsvermögens in Nullkommanichts in völlig andere Welten katapultieren.“ Wissenschaftspodcasts Überblick: wissenschaftspodcasts.de Philosophie: audiothek.philo.at Universität Wien: medienportal.univie.ac.at/uniview/podcast-audimax Die Stimme[n] der Sprache: mundartpodcast.at
Bekannt war Anton Kuh (1890–1941) viel zu lange nur als Opponent von Karl Kraus, den der „Sprechsteller“ 1925 als „Affe Zarathustras“ titulierte. Nach dem Tod des Emigranten in New York kursierten nur wenige Schriften sowie das Bonmot „Lieber in Berlin unter Wienern, statt in Wien unter Kremsern leben.“ Den Schatz hob erst der Wiener Literaturwissenschafter Walter Schübler mit einer siebenbändigen Werkausgabe, deren Abschluss eine minutiös recherchierte Biografie darstellt. Wie sagte Kuh: „Nur nicht gleich sachlich werden! Es geht ja auch persönlich.“
Der Himmel ist in Österreich barock: Gemalt wurden biblische Mythologien voll verschwurbelter Erotik, glühend in Farben und Innigkeit, die Lichtführung expressiv. Künstlern wie Michael Rottmayr, Johann Georg Platzer oder Paul Troger war es egal, dass es sich um Andachts-, Altarbilder oder Deckenfresken handelte. Und ihren geistlichen Auftraggebern war es recht. Fazit: Eine faszinierende Geschichte von zweihundert Barockgemälden, die ein Tiroler Sammlerpaar jahrzehntelang zusammentrug und einem Stift im Waldviertel schenkte, wo die Bilder jetzt zu sehen sind.
Walter Schübler, Anton Kuh. Biografie. Wallstein Verlag, Göttingen 2018, 575 S.
Monika Dachs-Nickel, Andreas Gamerith: Die Sammlung Arnold in Stift Altenburg. Studienverlag Innsbruck, Wien, 2018
10 FALTER 13/19 H EUR EKA 1/19 : T I T ELT H E M A
T I T E LT H E M A ETHIK
Seiten 10 bis 22 Die Wiener Fotografin Lisa Edi hat die Fotostrecke in diesem Heft gestaltet. Ihre Arbeitsweise unterliegt dem Wechsel zwischen Food-, Dokumentar-, Porträt- und Modefotografie. Das Bindeglied ist dabei immer die konzeptionelle Auseinandersetzung mit dem Sujet und das Hinterfragen von Bild stereotypen. Für ihr Diplom hat sie unter dem Titel „A Visual Meal“ die Lieblingsspeisen von Spitzenköchen fotografiert und unter sozialpolitischen und philosophischen Aspekten nach neuen Bildlösungen in der Foodfotografie gesucht. Zum Thema dieser Ausgabe wurden Fotos aus ihrem Archiv frei assoziiert und spezifische Porträtaufnahmen fotografiert. www. lisaedi.com
: AU S G E S U C H T E Z A H L E N Z U M T H E M A
20.200.000
deutschsprachige Google-Treffer gibt es zum Stichwort „Ethik“. Gibt man hingegen „Werte“ in die Suchmaske ein, sind es fast viermal so viele Treffer: 79.200.000
20 Jahre und mehr ist es her, dass sich Klimaethik als Forschungsfeld etabliert hat. Sie untersucht Fragen wie: Gibt es eine Verpflichtung für den Menschen, den Klimawandel zu stoppen?
1516
erschien Thomas Morus’ „Utopia“: Ein fiktiver Reisebericht über eine Insel, auf der jeweils dreißig Familien zu einem Verband zusammengeschlossen sind. Die Bewohner arbeiten täglich sechs Stunden, Beamten werden jeweils für nur ein Jahr gewählt.“
100.000 Yuan
1.064 Gramm
(13.000 Euro) kann ein Bußgeld maximal betragen, das China künftig gegen Forscher verhängen will, die wie der chinesische Biophysiker He Jiankui Änderungen am Erbgut von Babys vornehmen. Ein neues Regelwerk stuft Genmanipulationen am Menschen als „hohes Risiko“ ein.
wiegt Alexa, der sprachgesteuerte persönliche Assistent von Amazon. Ab 2016 war er in Europa erhältlich. Rund 3.000 deutschsprachige Skills stehen derzeit zur Verfügung. Hacker können Alexa in eine Wanze verwandeln. Die Produkte von Google, Apple & Co eingerechnet, wurden weltweit bisher mehr als 100 Millionen solcher Geräte verkauft.
1.256 Österreicher wurden erstmals für die von Deloitte durchgeführte „Global Automotive Consumer Study“ zu ihrer Einstellung gegenüber neuen Technologien im Automobilbereich befragt (insgesamt waren es 25.000 Konsumenten aus 20 Ländern). Demnach sind in Österreich erst vier Prozent mit autonomem Fahren in Berührung gekommen. 43 Prozent der heimischen Befragten sind von der Sicherheit selbstfahrender Autos noch nicht überzeugt. Bei 51 Prozent hatten Medienberichte über Unfälle zu mehr Skepsis geführt. Trotzdem würden 59 Prozent gern einmal in einem selbstfahrenden Auto sitzen.
4.500.000 Euro jährlich beträgt die Förderung des deutschen Ministeriums für Bildung und Forschung für die „ELSA“-Forschung. ELSA („Ethical Legal and Social Aspects“) steht für die ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekte der modernen Lebenswissenschaften, deren Chancen und Risiken bewertet werden sollen.
6 ethische Dilemmata
der Künstlichen Intelligenz identifizierte die französische Datenschutzbehörde, über die nachgedacht werden müsse: 1. Entscheidungen autonomer Maschinen als Bedrohung des menschlichen freien Willens, 2. Einprogrammierte Tendenzen in KI-Systemen, die zu Diskriminierung und Ausschluss führen, 3. Algorithmisches Profiling von Menschen als Bedrohung des politischen und kulturellen Pluralismus, 4. Ansammlungen riesiger Datenmengen für maschinelles Lernen, 5. Herausforderungen bei der Auswahl von Daten bezüglich Qualität, Quantität und Relevanz, 6. Menschliche Identität im KI-Zeitalter: Wie sollen wir künftig mit humanoiden Robotern umgehen?
QUELLEN: WWW.OESTA.GV.AT, WWW.WIKIPEDIA, WWW.OESTERREICH100.AT, WWW.OTS.AT (13.10. 2017, 8. 6. 2018, STICHWORT („GEDENKDIENST“); EUROPÄISCHE RUNDSCHAU 2017/4, 45. JG.; ZEITGESCHICHTE JULI/AUGUST 2016, 43. JG.
ZUSAMMENGESTELLT VON SABINE EDITH BRAUN
FOTO: LISA EDI
TITE LTH E M A : H EU R E KA 1/19 FALTER 13/19 11
Durchschnittlich isst jeder Mensch 19,2 Kilogramm Fisch pro Jahr – doppelt so viel wie vor fünfzig Jahren. Weltweit schrumpften die Fischpopulationen zwischen 1970 und 2010 um fünfzig Prozent. Allein in einem Jahr nimmt man etwa 38,5 Millionen Tonnen Beifang in Kauf
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Seinen Standpunkt klarmachen Wer sich von Religion abmeldet, soll ab 2020 in AHS-Oberstufen Ethikunterricht bekommen. arf man ein Verbrechen begehen, um ein Menschenleben zu retten? Wie viel Toleranz braucht es gegenüber Intoleranz? Wie steht es um die Todesstrafe? Solchen Fragen sollen sich Schüler ab dem Schuljahr 2020/21 in einem verpflichtenden Ethikunterricht stellen. Aber ist das überhaupt notwendig? Ethikunterricht in der Praxis seit 1995 Im Ethikunterricht werden Themen behandelt, die zwischenmenschliche und persönliche Bereiche betreffen. Ein Luxus? Keineswegs, geht es nach Georg Gauß. „Ethik ist eine absolute Notwendigkeit“, meint er. Und zwar eine für alle, nicht nur in der Ober-, sondern auch in der Unterstufe, denn: „Meinungs- und Persönlichkeitsbildung beginnt ja schon früher als mit 15 Jahren. Es ist wichtig, Kindern einen Input zu geben, der im Kontrast zur Meinung von Freunden und dem Familienumfeld stehen kann.“ Gauß unterrichtet seit 1995 am BORG Mistelbach in Niederösterreich, unter anderem Musikerziehung, Philosophie, Psychologie und Ethik. Er ist Gründungsmitglied der Bundes-ARGE Ethik. Als solcher erarbeitete er auch die neue Reifeprüfung Ethik und wirkte 2017 am Lehrplan des Schulversuchs Ethik mit. Für den Schulversuch gilt: All jene, die keinen konfessionellen Unterricht besuchen, sind dazu verpflichtet, Ethikunterricht zu besuchen. Der kompetenzorientiert formulierte Lehrplan bildet die Grundlage für den jetzt zu entwickelnden Lehrplan des Unterrichtsfaches Ethik. Werte zu erkennen, nach denen die Familie oder die Gesellschaft handelt und lebt, sie zu reflektieren und mit den Werten anderer Gruppen einer Gesellschaft zu vergleichen, ermögliche, von Vorurteilen und „Stammtischargumentationen“ wegzukommen. Gauß sieht im Ethikunterricht die große Chance, die Schule nicht nur als einen Ort des Wissens, sondern auch als einen Ort der Reflexion zu begreifen. Kann Moral unterrichtet werden? „Nein, Moral entsteht in einem selbst. Aber man kann verschiedene Theorien zeigen und dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler ihren Horizont erweitern und handlungsfähig werden“, erklärt Gauß. Ethik steht und fällt mit den Lehrpersonen Die Aufgabe der Lehrpersonen sei es, Inputs zu geben und anzuleiten. Das geschieht bei Gauß in Form von themengeleiteten Diskussionen und Reflexionen. „In der Schule muss es um mehr gehen als nur darum, Wissen abzuprüfen.“ Schüler erstellen Gruppenarbeiten, führen Gruppendiskussionen und schreiben Essays, um ihre Gedanken schriftlich festzuhalten. „Alle Meinungen und Argumente sollen formuliert und vorgebracht werden, sind jedoch
TEXT: ELISABETH STUPPNIG
„Kinder und Jugendliche sollten lernen, ethisch zu reflektieren“ HANS-WALTER RUCKENBAUER, UNIVERSITÄT GRAZ
Georg Gauß, Bundes-ARGE Ethik
zu belegen. Die Schüler müssen lernen zu erklären, warum sie welchen Standpunkt gewählt haben.“ Hier sei es besonders wichtig, dass Lehrende lernen zu moderieren und neutral zu bleiben. Eine Herausforderung wird sein, die Leistung im Ethikunterricht zu beurteilen. Qualitätskriterien sind Objektivität, der Vergleich verschiedener Meinungen, die Wahl der Mittel für Belege und die Emotionalität in der Argumentation. Nach diesen Kriterien kann eine Argumentationsweise beurteilt und bewertet werden. Laut Gauß, der auch in der Arbeitsgruppe des Ministeriums am neuen Lehrplan für das Fach Ethikunterricht mitwirkt, müsse man von einer strengen Benotung absehen. Bewertet werde stattdessen, wie argumentiert und gemeinsam gearbeitet wird sowie anhand von Selbsteinschätzung. „Es wird gerade überlegt, an den pädagogischen Hochschulen einen Hochschullehrgang für Ethiklehrer zu implementieren.“ Wahrscheinlich im Ausmaß von 60 ECTSPunkten an den Pädagogischen Hochschulen, vielleicht in Kooperation mit den Universitäten. Das sei eine notwendige Ergänzung zu bereits vorhandenen Ausbildungen. Im Vorstoß, den Ethikunterricht ab dem Schuljahr 2020/2021 einzuführen, sieht er besonders eine Gefahr: „Es kann sein, dass man in einer Hauruck-Aktion möglichst vielen Lehrern allzu schnell die Berechtigung gibt, Ethik zu unterrichten.“
Der große Unterschied zu anderen Fächern sei, so Ruckenbauer: „Es gibt keine unumstrittene Fachmeinung, vielmehr ist das Gute immer neu auszuhandeln.“
Unterricht über Flüchtlinge, Krieg und Dopingprobleme Warum gibt es den Konflikt zwischen Pakistan und Indien? Wo liegen die Differenzen zwischen den arabischen Völkern? Solche Themen bespricht Michael Jahn in seinem Unterricht. Als ehemaliger Direktor am Gymnasium für Musik und Kunst in Wien war er einer der ersten, der an seiner Schule einen Ethikunterricht eingeführt hat. „Seinen“ Schulversuch nannte er „KER – Kultur Ethik Religionen“. Dieser Themenmix sei besonders heute wichtig, um Ethnien und Religionen besser zu verstehen und komplexe Entwicklungen wie Migrationsbewegungen zu reflektieren. „Ethikunterricht muss weit über die philosophisch ethischen Strömungen von Aristoteles über Kant bis zu Nietzsche gehen. Man muss vor allem auch über andere Religionen und Ethnien sprechen“, erklärt Jahn. Keine kleine Herausforderung für Lehrende: „Sie sind Moderatoren der Diskussionen, müssen steuern, die Meinungen der Schüler zum Ausdruck kommen lassen und Begründungen für diese Meinungen einfordern.“ Fachdidaktisch sieht Jahn großes Potenzial darin, die Themen möglichst unterschiedlich anzugehen und zu vermitteln: Lehrende liefern fundierten Input in Form Im Ethikunterricht näher von recherchierten Primärinformationen, an der Realität der Schüler die dann etwa über Referate von Schülern In Wien ist es für alle bereits lehrenden Re- vertieft werden. ligions-, Philosophie- und PsychologielehAuch Brainstormings, Publikumsdisrer möglich, ein berufsbegleitendes Ethik- kussionen oder aber besondere Formen wie Masterstudium zu absolvieren. An der Fernsehmoderationen würden sich eignen, Universität Graz gibt es ein interfakultä- um ethische Themen zu behandeln. „Action, res Masterstudium Angewandte Ethik, das nicht um der Action Willen, sondern um nicht primär aufs Unterrichten ausgerichtet Lebendigkeit heraufzubeschwören.“ ist und ganz allgemein neben den GrundJahn selbst, der seit 22 Jahren für die lagen der Praktischen Philosophie auch Einführung eines Ethikunterrichts kämpft, bioethische Fragen und wirtschaftsethi- kommt weder von der Philosophie noch von sche Themen behandelt. Hier lehrt Hans- der Religion. Er arbeitete viele Jahre lang als Walter Ruckenbauer, der die grundlegenden Sport- und Mathematiklehrer. Nun plädiert Unterschiede und Möglichkeiten erläutert, er dafür, dass alle Lehrpersonen eine Ethikdie Ethikunterricht bieten kann: Dieser ver- ausbildung erhalten. „Eine Sportlehrerin langt zunächst einen Grundstock an Begrif- bringt noch einmal andere Sichtweisen in fen, Konzepten und Methoden, kann aber Ethikdebatten ein als ein Religionslehrer“, dann damit punkten, dass er in differenzier- meint er. Als Lehrbeauftragter an verschieten Bereichsethiken nahe an den Lebens- denen Universitäten bespricht Jahn aktuelle fragen der Jugendlichen ist, beispielswei- Themen wie das Dopingproblem: „Welche se was Ernährung oder Solidarität betrifft. sind die Hintergründe? Was würde Kant „Kinder und Jugendliche brauchen eine dazu meinen? Wie steht es um die Würde, Kompetenz in anwendungsbezogenen Fäl- wie um die Freiheit der einzelnen Sporttreilen und sollten lernen, die aktuellen gesell- benden? Welchen Zwängen unterliegen sie schaftspolitischen Fragen, ethisch zu reflek- seitens des Olympischen Komitees? Immertieren“, meint Ruckenbauer. hin stellt es als Privatverein Regeln auf, die Da Ethik immer mit persönlichen Wer- Sporttreibende unterschreiben. tehaltungen korreliert, sollen Schüler DisAm Beispiel Dopingproblem soll klar kursfähigkeit und Toleranz sowie bei Werte werden, welche Möglichkeiten Lehrpersokonflikten einen guten Umgang erlernen. nen im Ethikunterricht haben, um mit ih„Es geht darum, Konflikte friedlich auszu- ren Schülern einen lebensnahen Unterricht handeln, um zusammenleben zu können.“ abzuhalten.
FOTOS: UNI GRAZ, PRIVAT
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FOTO: LIS EDI
TITE LTH E M A : H EU R E KA 1/19 FALTER 13/19 13
An die 40.000 Kinder arbeiten laut Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef in den Kobalt- und Coltan-Minen im Kongo. Ihr Verdienst liegt bei ein bis zwei US-Dollar am Tag. Sie graben mit bloßen Händen, Macheten oder Spaten. Die begehrten Rohstoffe werden für unsere Smartphones gebraucht.
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Durchdatierte Patienten W
ie viele bedeutende Entwicklungen kommt auch die Personalisierte Medizin eher behutsam und schrittweise denn mit einem lauten Knall daher. Es fehlt nicht an Rückschlägen, aber sie werden doch von einem Ziel überragt, das immer mehr in Reichweite zu rücken scheint: Die Gesundheit jedes Menschen mit genau auf ihn abgestimmten Maßnahmen zu erhalten. Welche Therapie die beste ist, soll in Zukunft nicht mehr nur von der Krankheit, sondern auch von den individuellen Eigenschaften eines Patienten abhängen, und zwar insbesondere von seiner genetischen Veranlagung. Dank der Biotechnologie wird Personalisierte Medizin möglich Musste die Medizin sich lange auf die Feststellung einiger weniger charakteristischer biologischer Merkmale stützen, so ist durch rasante Fortschritte in der Biotechnologie nun die Messung sehr vieler Biomarker in sehr kurzer Zeit möglich – bis hin zur Feststellung der gesamten genetischen Information eines Menschen. Dieses Wissen erlaubt bereits jetzt in vielen Fällen, etwa bei Krebserkrankungen, gezielte Vorhersagen darüber, wie Patienten auf eine bestimmte Therapie reagieren, für welche Nebenwirkungen sie ein erhöhtes Risiko zeigen und welche Dosis eines Medikaments bei ihnen angebracht ist. Mit der Menge an Daten und medizinischen Möglichkeiten, die daraus entstehen, eröffnet sich aber auch eine ganze Reihe ethischer Fragestellungen. Die Personalisierte Medizin wirft ethische Fragen auf „Die ethische Debatte beginnt schon beim Begriff selbst“, sagt Caroline Brall, Forscherin an der Abteilung für Bioethik der ETH Zürich. „Personalisierte Medizin sollte sich dem Namen nach auf die Person als Ganzes fokussieren, beschäftigt sich aber oft nur mit ihren genetischen Eigenschaften. Da der Begriff also mehr Versprechen birgt als er hält, sprechen wir alternativ auch oft von Präzisionsmedizin.“ Caroline Brall hat einen Studienhintergrund in Public Health und Gesundheitspolitik und sich in ihrem Studium bereits früh mit der Regulierung und praktischen Umsetzung der neuen medizinischen Möglichkeiten beschäftigt. In ihrer vor Kurzem abgeschlossenen Doktorarbeit spürt sie der Frage nach der sozialen Gerechtigkeit und den gesellschaftlichen Herausforderungen nach, welche eine Personalisierte Medizin mit sich bringt. Wie in vielen Bereichen geht es auch hier oft um die Finanzierung: Nicht nur die genomischen Untersuchungen selbst sind teuer, oft ist auch das Medikament, das sich für einen Patienten als ideal herausstellt, relativ neu oder selten und damit besonders kostspielig. „Meist ist es eine wirtschaftliche Frage: Wie werden Ressourcen für das Gesundheitswesen aufgeteilt?
TEXT: SANDRA TIETSCHER
Soll man also mehr in die Personalisierte Medizin investieren oder in andere Bereiche wie psychische Erkrankungen oder Fettleibigkeit? Für viele Patienten ist die Teilnahme an klinischen Studien eine gute Möglichkeit, kostenfrei von den neuesten Behandlungsmethoden zu profitieren, dies erhöht aber auch die Gefahr der Ausnutzung.“ Denn außerhalb klinischer Studien ist Personalisierte Medizin für viele Patienten unerschwinglich.
Brigitte Gschmeidler, Open Science
Eine Vernetzungsplattform für Personalisierte Medizin Dies bestätigt auch Brigitte Gschmeidler, Geschäftsführerin des Vereins Open Science: „In der Personalisierten Medizin ist die Kosten-Nutzen-Evaluierung komplex und hängt stark vom individuellen Anwendungsbereich ab. Hier gilt es noch viel Arbeit zu investieren, sowohl im Hinblick auf die Forschung, etwa bei neuen klinischen Studiendesigns, als auch bei Modellen der Kostenübernahme.“ Die studierte Biologin und Kommunikationsexpertin vertritt Open Science im Vorstand der Österreichischen Plattform für Personalisierte Medizin (ÖPPM). Ursprünglich von den medizinischen Universitäten Wien, Graz und Innsbruck sowie dem Forschungszentrum CeMM gegründet, hat es sich die ÖPPM zur Aufgabe gemacht, als nationale Vernetzungsplattform für Personalisierte Medizin zu fungieren. Während sich andere Mitglieder der Plattform mit medizinischer Forschung und klinischer oder technologischer Anwendung beschäftigen, engagiert sich Open Science stark im Arbeitsbereich Gesellschaft und Ethik. „Als Experten für Wissenschaftskommunikation sind wir zuständig für den Einbezug unterschiedlichster Personengruppen wie Ärzte, Patienten, Natur- und Politikwissenschafter und für den Dialog sowohl innerhalb der Plattform als auch gegenüber der Öffentlichkeit“, sagt Brigitte Gschmeidler. Dazu gehören etwa der Aufbau einer informativen Website in leicht verständlicher Sprache, die Organisation von Fortbildungskursen für Schulpädagogen und die Planung von Öffentlichkeitsveranstaltungen, oft in Zusammenarbeit mit Patientenvertretungen.
Caroline Brall, ETH Zürich
Veranstaltungen zur Personalisierten Medizin Fortbildungen für Pädagogen an Pädagogischen Hochschulen (PH): „Personalisierte Medizin – Zukunft der Prävention und Therapie“, 18. 11. 2019, Hasnerplatz 12, Graz, 14 bis 18.30 Uhr, veranstaltet von Open Science und PH Steiermark „Personalisierte Medizin“, 21. 11. 2019, IMP Lecture Hall, Campus Vienna Biocenter 1, Wien, 14 bis 18 Uhr, veranstaltet von Open Science und der PH Wien 3. Jahrestagung der ÖPPM am 15. 10. 2019 im Van-Swieten-Saal der Medizinischen Universität Wien
Datensicherheit und Transparenz in der Personalisierten Medizin Neben den gesellschaftlichen Aspekten sieht Brigitte Gschmeidler aber auch eine Reihe von ethischen Herausforderungen auf eher individueller Ebene: „Da die Personalisierte Medizin sehr datenintensiv ist, spielen der Datenaustausch und die Datenweitergabe eine große Rolle. Da ist es nicht immer einfach, Bedürfnisse von Forschungsseite und Erwartungen der Bürger unter einen Hut zu bringen. Gerade wenn es um vollständige Genomsequenzierung geht, erleben wir in Gruppendiskussionen oft starke Bedenken in Bezug auf die Si-
cherheit und Nachverfolgbarkeit der eigenen Gesundheitsdaten. Hier muss Transparenz geschaffen werden, gerade wenn nicht nur gemeinnützige, sondern auch profitorientierte Forschungsstätten wie pharmazeutische Unternehmen involviert sind.“ Eine generelle Skepsis gegenüber der oft hochkomplizierten medizinischen Technologie erlebt sie eher selten: „Die Patienten sind ja daran interessiert, die bestmögliche Therapie zu erhalten. Der Nutzen der Technologie steht hier klar im Vordergrund.“ Auch Caroline Brall interessiert sich für die Haltung der Bevölkerung bei der Sammlung von Gesundheitsdaten und biologischen Proben zu Forschungszwecken in der Form von Biobanken. Dafür plant sie ein umfassendes Forschungsprojekt, das unter anderen die Fragen untersucht, welche Daten oder Proben Menschen gerne abgeben, unter welchen Umständen das geschehen soll und welche dabei die größten Ängste und Bedenken sind. Ein anderes Problem der Personalisierten Medizin sprechen beide Expertinnen an: Bei klassischen medizinischen Analysen und einfachen Gentests weiß man, was man sucht (und finden wird). Die Interpretation einer vollständigen Genomsequenzierung ist jedoch sehr viel komplexer. Da dabei die Gesamtheit aller Gene eines Patienten betrachtet wird, kann es zu Zufallsbefunden kommen. Etwa, dass ein Patient das hohe Risiko trägt, eine bestimmte Krankheit zu entwickeln. So eine Entdeckung betrifft oft auch Verwandte, die einen großen Teil ihres Genoms miteinander teilen. Meistens können die Patienten im Vorfeld wählen, ob ihnen derartige Zufallsbefunde mitgeteilt werden sollen oder nicht. „Für die Ärzte gibt es Leitlinien zur Durchführung eines beratenden Aufklärungsgesprächs vor der Untersuchung. Aber die Frage bleibt: Ist es überhaupt möglich, über alle Eventualitäten aufzuklären und dem Patienten die ganze Tragweite bewusst zu machen? Zum Teil möchten die Ärzte selbst nicht alle Daten ihrer Patienten einsehen können“, weiß Brigitte Gschmeidler. Caroline Brall will diesem Thema einen Teil ihrer künftigen Forschungsarbeit widmen. „Es gibt noch sehr viele unbeantwortete Fragen, etwa: wie müssen Aufklärungsbögen gestaltet sein? Wie viel Mitspracherecht haben Familienangehörige? Soll zwischen therapierbaren und nichttherapierbaren Zufallsbefunden unterschieden werden?“ Die Personalisierte Medizin hat bis zu ihrer breiten Anwendung noch einige Hürden zu überwinden. Aus Patientensicht wird durch die Zunahme an Gesundheitsinformationen im Internet die Recherchekompetenz immer wichtiger. „Wie schätze ich ab, ob eine zur Verfügung stehende Information wissenschaftlich fundiert ist, und wer dahinter steht? Gerade diese Kompetenzen versuchen wir auch an den Schulen zu vermitteln“, sagt Brigitte Gschmeidler.
FOTOS: PRIVAT
Was kann die Personalisierte Medizin und nach welchen Regeln entwickelt sie sich?
FOTO: LISA EDI
TITE LTH E M A : H EU R E KA1/19 FALTER 13/19 15
Textilien aus Chemiefasern verlieren beim Waschen Kunststofffasern. Jährlich werden in Europa etwa 500 bis 2.500 Tonnen synthetische Mikrofasern aus Textilien freigesetzt. Bei jedem Waschgang lösen sich Fasern aus Textilien, die etwa fünf bis 7,8 Millimeter lang sind
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Die Stunde der Possibilisten Markus Hengstschläger über die Möglichkeiten der Biotechnologie und deren ethische Folgen n China kamen im Dezember 2018 zwei Mädchen zur Welt, deren Erbgut künstlich verändert worden war. Ein Vorgang, der auch unter Wissenschaftern auf heftige Kritik stieß. Selbst Pragmatiker wie der Genetiker Markus Hengstschläger von der Medizinischen Universität Wien liefen dagegen Sturm. Er ist Vorstand des Instituts für Medizinische Genetik der Medizinischen Universität Wien, stellvertretender Vorsitzender des Rats für Forschung und Technologieentwicklung, stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethikkommission, Universitätsrat der Universität Linz und Bestsellerautor. Wir sprachen mit ihm drüber, ob alles, was in der Humangenetik heute bereits möglich ist, auch gemacht werden soll. Herr Hengstschläger, wann halten Sie das sogenannte „Genome Editing“ für gerechtfertigt und wann ist es abzulehnen? Markus Hengstschläger: Bei der sogenannten somatischen Gentherapie werden genetische Eingriffe vorgenommen in der Hoffnung, dadurch bestimmte Erkrankungen therapieren zu können. Das betrifft dann in der Regel ein bestimmtes Organ oder Gewebe einzelner Patientinnen und Patienten. Solche therapeutischen Ansätze halte ich für ethisch begrüßenswert, solange sie ausschließlich für die Therapie von Erkrankungen und nicht zu Verbesserungszwecken, also „Enhancement“ und Gen-Doping eingesetzt werden. Aber auch in diesem Bereich ist noch sehr viel Forschung notwendig, um ungewollte Nebeneffekte eines Tages entsprechend vermeiden bzw. minimieren zu können. Bei der sogenannten Keimbahntherapie würde der genetische Eingriff aber so früh in der Embryonalentwicklung vorgenommen, dass mehr oder weniger alle Zellen, also der Mensch in seiner Gesamtheit, genetisch verändert wäre. Solche genetischen Veränderungen könnten sich dann auch an alle nachfolgenden Generationen vererben. Das halte ich aus heutiger Sicht, aus ethischen und medizinischen Gründen, für nicht vertretbar. Welche sind diese ethischen und medizinischen Gründe? Hengstschläger: Dazu gäbe es viel zu sagen. Ich glaube, dass hier eine Vielzahl neuer, nahezu unlösbarer ethischer Fragestellungen aufgeworfen werden könnten, mit denen wir noch nie konfrontiert waren. Aber auch aus der naturwissenschaftlichen Sicht spricht zum aktuellen Stand der Wissenschaft vieles dagegen. So macht die Tatsache, dass wir heute noch viel zu wenig über die Wechselwirkungen von Genen, aber auch über die Epigenetik im Ganzen wissen, seriöse Abschätzungen der Folgen solcher Eingriffe für die nächsten Generationen äußerst schwierig. Dazu kommt auch, dass die Technologie des „Genome Editing“ noch nicht vollkommen ausgereift ist und
INTERVIEW: DIETER HÖNIG
Markus Hengstschläger, MedUni Wien
„Die Possibilisten müssen den Mut aufbringen, um jetzt in ein neues Zeitalter der Medizin aufzubrechen“ MARKUS HENGSTSCHLÄGER
es daher wahrscheinlich immer wieder zu ungewollten Nebeneffekten, sogenannten „Off-target effects“ kommt. Deren Konsequenzen können wir heute noch in keiner Weise abschätzen. Halten Sie es für möglich, dass irgendwann jener genetische Eingriff in die Keimbahn, also am Embryo, zwecks Optimierung des Einzelnen sowie in weiterer Folge für die nachfolgenden Generationen zur Selbstverständlichkeit werden könnte? Hengstschläger: Aus oben genannten und vielen anderen Gründen besteht heute breiter internationaler Konsens darüber, die Keimbahntherapie über „Genome Editing“ nicht anzuwenden. Es ist zum aktuellen Zeitpunkt nicht wirklich vorhersehbar, ob und unter welchen Umständen sich das in Zukunft einmal ändern könnte, übrigens auch, wenn es um die Frage von Therapien geht. Ich hoffe aber sehr, dass das Optimieren des Einzelnen bzw. in weiterer Folge der ganzen Menschheit niemals ernsthaft in den Fokus der Anwendung dieser Technologien rückt. Aber wer entscheidet letztlich darüber, was sein darf und was nicht? Hengstschläger: Genetikerinnen und Genetiker, die wie ich in der Grundlagenforschung, etwa im Bereich der Stammzellforschung arbeiten und zusätzlich auch im Bereich der genetischen Diagnostik an Patienten tätig sind, brauchen sowohl im Sinne der Forschung als auch der Patienten gute und klar beschriebene gesetzliche Rahmenbedingungen. Ich glaube zum Beispiel, dass das aktuelle österreichische Gentechnikgesetz sowie das Fortpflanzungsmedizingesetz, bei deren Weiterentwicklungen ich mich in den letzten Jahren auch persönlich beratend einbringen durfte, grundsätzlich gute Bedingungen schaffen. Der Prozess, der dazu führte, basiert auf der Wechselwirkung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Die Medien müssen gemeinsam mit der Wissenschaft den aktuellen Stand der Forschung objektiv, unter Darstellung aller Pros und Kontras und möglichst allgemein verständlich vermitteln. An unserer Gesellschaft liegt es dann, sich daraus eine Meinung zu bilden. Und die Politik ist gefordert, das umzusetzen und in Gesetze zu gießen, um optimale Rahmenbedingungen für Wissenschaft oder Patientenversorgung zu etablieren. Aber Mehrheiten müssen nicht unbedingt Recht haben … Hengstschläger: Es ist mir natürlich bewusst, dass demokratische Mehrheiten oder demokratische Prozesse im Allgemeinen nicht notwendigerweise Recht haben müssen und auch nicht zwingend immer zu den richtigen ethischen Ansätzen führen. Aber was wäre denn die Alternative? Sie glauben, Genetiker seien in ethischen Fra-
gen überfordert und sollten daher in diesen Dingen den Rat von Philosophen und Theologen einholen. Aber sind diese, mangels jeglicher Sachkenntnis, nicht mindestens ebenso überfordert? Hengstschläger: Richtig, daher braucht es auch Naturwissenschafter, die sich für Ethik ernsthaft interessieren und engagieren. Ich gebe Ihnen aber natürlich Recht, dass es sehr wichtig ist, dass Vertreter anderer Fachrichtungen dazu bereit sind, ein entsprechendes Fachwissen im Bereich Genetik zu erwerben. Denn nur so ist es auch möglich, einen zielführenden ethischen Diskurs zu diesen Themen zu führen. Sie sagten jüngst, dass die „Präzisionsmedizin“ (siehe Seite 14) zum Wohle der Patienten in absehbarer Zeit auf eine weitere Stufe gehoben werde … Hengstschläger: Ich glaube, dass die Medizin vor einer Revolution steht oder sich bereits in einem solchen Prozess befindet. In Zukunft werden die Erhebung und Auswertung unzähliger Parameter, auch durch Künstliche Intelligenz, die Etablierung ganz neuer, präzise auf die individuelle Situation der Patienten zugeschnittener Therapien ermöglichen. Welche sind für Sie die wichtigsten ethischen Fragen in Biomedizin und Genforschung? Hengstschläger: Wir müssen uns fragen, wie wir mit den Folgen der Entwicklungen sowie der Verschmelzung von Informationsund Biotechnologie umgehen werden. Die neuesten Entwicklungen in der Humangenetik bzw. -medizin im Allgemeinen beinhalten in Zeiten von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz, „Big Data“ oder „Predicitive Analytics“ noch nie dagewesene Chancen, aber natürlich auch Risiken. Bei all dem damit verbundenen Enthusiasmus und der durchaus berechtigten Hoffnung auf die Entwicklung neuer Therapieansätze für viele Erkrankungensind verständlicherweise auch viele Ängste verbunden. Wer ist hier besonders gefragt? Hengstschläger: Weder blauäugige Optimisten noch resignierende Pessimisten, sondern Possibilisten, also Menschen, die Möglichkeiten sehen. Diese müssten den Mut aufbringen, um in dieses neue Zeitalter der Medizin aufzubrechen. Auch wenn man nicht weiß, ob und wann man das gewünschte Ziel erreicht. Wissenschaft, ausgestattet mit entsprechenden finanziellen Rahmenbedingungen und begleitet von dem notwendigen ethischen Diskurs führt auch zu jenen überraschenden Entdeckungen, die es uns ermöglichen, immer wieder neue Lösungen zu finden. Also auch solche, nach denen wir gar nicht gesucht haben. Nur so wird es uns schließlich gelingen, neue Innovationen zu entwickeln, die zum Durchbruch in der Humangenetik führen.
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Die globale Fleischproduktion hat sich in den letzten fünfzig Jahren fast vervierfacht, von 84 Millionen Tonnen 1965 auf 335 Millionen im Jahr 2018. Sie beansprucht 77 Prozent des weltweiten Agrarlands. Jeder Österreicher isst in seinem Leben durchschnittlich 5,9 Tonnen Fleisch
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Klimagerechte Energiegewinnung Angesichts des Klimawandels ist eine neue technologische Ethik notwendig
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enschen verändern ihren Planeten zumindest seit Beginn der Industriellen Revolution vor 250 Jahren immer deutlicher und tiefwirkender. Nicht aus Bosheit, die Umgestaltung ist ein Kollateraleffekt ihres Strebens, sich das Leben angenehmer und besser zu gestalten. Es ist ja auch eindrucksvoll gelungen: Die messbare Lebensqualität hat sich seit Beginn der Industriellen Revolution dramatisch verbessert. Auch deshalb, weil wir uns ein System aufgebaut haben, das uns jederzeit kostengünstig und ausreichend mit Energie versorgt. Wir überfrachten unsere Atmosphäre mit Kohlendioxid Dieses Erfolgssystem bedroht jetzt aber immer deutlicher das Weiterleben der Menschheit als Gattung. Es beruht nämlich im Wesentlichen darauf, die in der Erdkruste in Form von Kohle, Erdöl und Erdgas über viele Jahrmillionen abgelagerten Kohlenstoffreserven mit immer raffinierteren technischen Mitteln zu gewinnen, umzuformen, zu verbrennen und die Verbrennungsprodukte, im Wesentlichen Kohlendioxid, in unserer Atmosphäre zu deponieren. Wir überfrachten bei diesem Spiel unsere Lufthülle mit Kohlendioxid, aktuell Jahr für Jahr mit etwa der zwanzigfachen Masse dessen, was wir jährlich weltweit an Stahl produzieren. Seit Beginn der Industriellen Revolution hat die Menge an Kohlendioxid in unserer Luft aufgrund des stetigen Verbrennens von fossilen Energieträgern um etwa fünfzig Prozent zugenommen. Das bleibt nicht ohne Folgen. Eine der dramatischsten ist die Veränderung, konkret: die Überhitzung des irdischen Klimas. Das CO2 verteilt sich über die globale Zirkulation weltweit, die Folgen dessen sind deshalb auch weltweit zu erwarten und teilweise schon zu spüren. „Klimaänderung“ bedeutet aber nicht, dass es ein wenig wärmer wird. Die Forschung erwartet zum Teil desaströse Folgen: Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber sieht das gemeinsame Interesse aller bedroht, nämlich die Zukunft unserer Zivilisation. Klimaethik betreiben wir also in erster Linie, um uns selbst zu schützen. Sie ist der Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Eine Ethik für die technologische Zivilisation Der Philosoph Hans Jonas (1903–1993) hat seinem Hauptwerk, dem Prinzip Verantwortung (1979), diesen Untertitel gegeben. Für Jonas resultierte die Krise aus der Überdimensionierung der erfolgreichen naturwissenschaftlich-technisch-industriellen Zivilisation. Laut Jonas sei es notwendig, sich vorausdenkend eine rationale Vorstellung von der zeitlichen und räumlichen Fernwirkung der menschlichen Taten zu verschaffen. Er fordert ein dem Vorgestellten angemessenes
TEXT: JOHANNES SCHMIDL
„Die dem Menschenglück zugedachte Unterwerfung der Natur hat im Übermaß ihres Erfolges zur größten Herausforderung geführt, die je dem menschlichen Sein aus eigenem Tun erwachsen ist.“ HANS JONAS, PHILOSOPH
Hans Jonas, „Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“
Gefühl, also die Bereitschaft, sich vom erst gedachten Heil und Unheil kommender Geschlechter empathisch bewegen zu lassen. Für den drohenden Klimawandel, der die tragenden Säulen des weltweiten Wirtschaftens und Zusammenlebens bedroht, sind die Modelle inzwischen so überzeugend, ist die wissenschaftliche Basis so gut verstanden und ist vor allem der antizipierte Schaden derart verheerend, dass globale ethische Reaktionen mehr als notwendig erscheinen. Der Klimawandel droht die Slums in Mumbai unbewohnbar zu machen, aber auch neue Flüchtlingsströme aus Afrika über das Mittelmeer zu treiben. Die einleuchtende Unheilsprognose ist, so Hans Jonas, maßgeblicher als die vielleicht nicht weniger einleuchtende, aber auf eine essenziell niedrigere Ebene bezogene Heilsprognose. Den Vorwurf des Pessimismus und der Parteilichkeit für die Unheilsprophetie beantwortet Jonas damit, dass der größere Pessimismus aufseiten derer sei, die das Gegebene für schlecht oder unwert genug halten, um damit ihre möglicherweise katastrophalen Experimente anzustellen. Jonas’ Hauptwerk erschien im Jahr 1979, noch vor den „COPs“, den „Conferences of the Parties“, den seit dem Jahr 1995 etwa im Jahresabstand abgehaltenen internationalen Klimakonferenzen. In diesen wird darüber verhandelt, wie der Schutz des irdischen Klimas zum Anliegen aller Staaten der Erde gemacht werden kann. Als bisher erfolgreichste gilt die COP 21 aus dem Jahr 2015 in Paris, bei der es gelang, sich weltweit darauf zu verständigen, den zu erwartenden Temperaturanstieg auf zwei Grad Celsius zu begrenzen und Anstrengungen zu unternehmen, unter 1,5 Grad zu bleiben. Technologische Lösungen für die Klimakrise sind bekannt Schon seit zumindest 500 Jahren haben Philosophen versucht, das Problem knapper Ressourcen, um das es auch in der Klimaethik geht, zu bewältigen. Dabei sind zwei Familienähnlichkeiten von gesellschaftlichen Gedankenexperimenten entstanden: Das erste geht auf Thomas Morus zurück, der 1516 in seiner Utopia vorschlug, den Ressourcenverbrauch für alle radikal auf das Lebensnotwendige zu begrenzen, dieses aber allen kostenlos zur Verfügung zu stellen. Das zweite Gedankenexperiment formulierte Francis Bacon im Jahr 1627 in seiner Utopie Nova Atlantis. Er verzichtete weitgehend auf Einschränkungen und schlug vor, die im Übermaß spendende Natur durch Naturwissenschaften und Technik zum Wohle der Menschen zu nutzen. Die Gesellschaft wird sich den Lösungsvorschlägen der erzwungenen Maßhaltung und des kollektiven Verzichts aus dem Fundus von Thomas Morus auch weiterhin nur ungern unterwerfen. Dann bleiben die technologischen
Lösungen im Geiste von Francis Bacon. Die gute Nachricht: Diese technologischen Lösungen für die Klimakrise sind inzwischen bekannt und demonstriert und sie werden immer kostengünstiger. Sie schöpfen die Energie im Wesentlichen aus dem Energiestrom der Sonne und nicht mehr aus den problematischen und endlichen Kohlenstoffbeständen in der Erdkruste. Es sind Technologien wie Photovoltaik oder Solarthermie, die Sonnenstrahlung direkt in nutzbare Energie umwandeln, oder ihre indirekten Wirkungen wie den Wind, das fließende Wasser oder die nachwachsende Biomasse nutzen. Klimaschonende Energielösungen sind sichtbar Diese neuen technischen Lösungen, also die Nutzung erneuerbarer Energien, werden im Gegensatz zum gefährlichen, alten, fossilen System sichtbar sein. Sie ernten die in ihrer Menge überwältigend großen, aber auf die ganze Welt ziemlich gleichmäßig und vergleichsweise dünn verteilten Energieströme der Sonne. Ein weitum sichtbares Windrad verfügt über eine Leistung von etwa drei MW (Megawatt). Durch den dünnen Benzinschlauch, mit dem man für zwei Minuten ein Auto betankt, fließt mit 18 MW das Sechsfache an Leistung, etwa ein Zehntel der Leistung des Donaukraftwerks Freudenau. Der Treibstoff verschwindet nach seiner Verbrennung als CO2 ebenso unsichtbar in unserer Atemluft, wie er vor seiner Gewinnung unsichtbar in der Erdkruste gelagert war und in Pipelines weitgehend unsichtbar über ganze Kontinente verteilt wird. Sichtbare Eingriffe sind der Preis für die notwendige solare Energierevolution. CO2 ist unsichtbar, auch die 36 Milliarden Tonnen, die wir pro Jahr in unserer Atemluft deponieren. Unsichtbar – aber eben nicht ohne Wirkung. Das zusätzliche Kohlendioxid aus jedem einzelnen Liter Öl, den wir irgendwo auf der Welt verbrennen, verteilt sich über die Jahre in der gesamten Atmosphäre und entfaltet dort seine Wirkung. Überall auf der Welt, in jedem Liter Atemluft, den irgendjemand irgendwo einatmet, finden wir von diesem einen Liter Öl in der Folge 5.000 zusätzliche CO2-Moleküle. Bei einem Kilogramm Kohle sind es etwas mehr, bei einem Kubikmeter Erdgas etwas weniger. Wir verdanken unsere Lebensqualität unserer technischen Zivilisation. Über die irdische Atmosphäre, deren Luft wir alle atmen und in der wir die Produkte unserer Verbrennungsprozesse so gedankenlos deponieren, sind wir aber auch alle auf eigenartige Weise miteinander verbunden. Sie zu erhalten – als wesentliches Element für die Bewahrung des irdischen Klimas und des Zusammenlebens auf dem gemeinsamen Planeten – ist ein Ziel, das einer gemeinsamen Ethik dringend bedarf.
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Fünfzig Millionen Tonnen Elektrogeräte landen pro Jahr auf dem Müll. In diesem Elektroschrott befinden sich etwa 2,2 Millionen Tonnen gefährliche Bleiverbindungen, Quecksilber, Kadmium, Chrom und 4.400 Tonnen FCKW. Nur ein Sechstel des Elektroabfalls wird recycelt
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Fragen nach dem guten Leben Die Philosophin Katharina Lacina plädiert für einen Ethikunterricht ab dem Volksschulalter atharina Lacina ist Philosophin an der Universität Wien. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitet sie als philosophische Praktikerin mit Spezialisierung auf Ethik und Methoden der Vermittlung philosophisch und geisteswissenschaftlich relevanter Themen in Bildungsinstitutionen und in der Öffentlichkeit. Warum ist Ethikunterricht heute so wichtig? Katharina Lacina: Eigentlich ist es ein Wahnsinn, dass Ethik bisher nicht verpflichtend unterrichtet wurde. Denn es geht darum zu lernen, wie man sich als soziales Wesen in der Welt orientieren kann. Fragen nach einem guten Leben, nach Gerechtigkeit, Glück und einem gelungenen Miteinander brauchen Raum für einen vernunftgeleiteten Diskurs. Besonders das Moment der argumentativen Stärkung würde ich ganz nach oben reihen. Man muss üben, Argumente auszutauschen, unterschiedliche Ansichten zu evaluieren, eigene Standpunkte zu überprüfen und gegebenenfalls auch revidieren zu können. Man muss lernen, es auszuhalten, dass gut begründete Standpunkte auch nebeneinanderstehen können. Hat Ethik nicht auch große Bedeutung im Religionsunterricht? Lacina: Natürlich werden auch im Fach Religion Wertesysteme und Normen unterrichtet, auch dort kann man lernen, zu debattieren und Standpunkte zu begründen. Doch die Basis ist und bleibt der Glaube. Religiöse Moral leitet sich letztlich aus einer Offenbarung göttlichen Ursprungs ab. Die Religionsdidaktik hat sich zweifellos verändert, trotzdem bleibt ein wichtiger Unterschied: Ist die Moral, sind die Handlungsrichtlinien das Ergebnis göttlicher Gebote oder rationaler Argumente? Historisch betrachtet reicht die ethische Tradition länger zurück als das Christentum. Die Frage nach einem guten Leben in der Gemeinschaft haben sich Philosophen schon vierhundert Jahre vor Christus gestellt. Warum sollte Religion überhaupt an Schulen unterrichtet werden? Lacina: Religionen sind Teil unserer Kultur. Konfessionell gebundene Schüler haben das Recht auf anspruchsvolle religiöse Bildung. Anleitung zu geben, sich auch in religiösen Fragen zu bilden, ist Anspruch und Aufgabe der Schulen. Die Ausbildung für Religionslehrer ist heute qualitativ hochwertig. Man soll ja auch als Angehörige einer Glaubensgemeinschaft lernen, sich mit seiner Religion differenziert auseinanderzusetzen und sich ein Wissen aneignen, das über die rein religiöse Praxis hinausgeht. Die Kinder sollten ja auch lernen, was andere Religionen ausmacht … Lacina: Auch das ist Teil des Ethikunterrichts, wobei es natürlich nicht um eine Anleitung zum Glauben geht. Religionen
INTERVIEW: BARBARA FREITAG
„Warum sollte Ethik etwas sein, das man gerade so ein bisserl nebenbei mitunterrichten kann?“ KATHARINA LACINA, UNIVERSITÄT WIEN
18 Prozent oder 324.000 der in Österreich lebenden Kinder und Jugendlichen sind armutsgefährdet. Weltweit sind immer noch etwa 90 Millionen Kinder stark mangelernährt, rund 400 Millionen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und 121 Millionen besuchen keine Grundschule
werden auf einer Metaebene thematisiert, es wird dabei eine Äquidistanz zu den Religionen eingenommen. Aus meiner Sicht gehört ein grundlegendes Wissen über die großen Weltregionen zur Allgemeinbildung. Jeder Mensch sollte wenigstens die Bedeutung der hohen christlichen Feiertage oder die fünf Säulen des Islam kennen und wissen, was zu Jom Kippur oder zu Chanukka eigentlich gefeiert wird. Die Ausbildung für Ethiklehrer ist momentan noch inhomogen, nachdem das Fach ja die längste Zeit als Schulversuch gelaufen ist. Lacina: Die Schulen mit Ethikunterricht hatten anfangs unterschiedliche Lehrpläne. Im Lauf der Zeit wurden prototypische Lehrpläne entwickelt, die für alle ein gemeinsamer Orientierungspunkt waren. Natürlich wussten die ausbildenden Stellen, welche Inhalte für einen gelungenen Ethikunterricht wichtig sind. Aber es hat diesen Lehrplänen trotzdem immer der Makel der Unverbindlichkeit angehaftet. Es gab Lehrgänge an der Universität Wien und an den Pädagogischen Hochschulen, die sich großer Beliebtheit erfreut haben. Seit Kurzem haben wir an der Universität Wien ein Masterstudium „Ethik für Schule und Beruf “ implementiert, das man nach einem Bachelor-Studium der Philosophie oder der Religionswissenschaft belegen kann.
Wäre es nicht optimal, würden Lehrende des Faches Philosophie und Psychologie, also PP, auch Ethik unterrichten? Lacina: Dass in Kürze alle Lehrenden, gleich welchen Faches, die Zusatzausbildung von 60 ECTS-Punkten machen können, mag der Furcht geschuldet sein, kurzfristig nicht genügend Lehrpersonal zu haben. Wichtig ist es, darauf zu achten, dass dieser Zustand nur eine Übergangslösung bleibt. Danach sollte unbedingt ein reguläres Lehramtsstudium Ethik eingeführt werden, gleichberechtigt mit allen anderen Studienfächern und Unterrichtsgegenständen. Warum sollte Ethik etwas sein, das man als Lehrender gerade so ein bisserl nebenbei mitunterrichten kann? Angesichts des umfangreichen Gegenstandes wäre es nicht schlüssig, ihm weniger Ausbildungsumfang zu widmen. Ich bin sicher, dass die Schüler den Unterricht gut annehmen werden, denn es macht Spaß, sich mit den grundlegenden Fragen nach einem guten Leben und dem richtigen Handeln zu beschäftigen. Gut argumentieren zu können, zu lernen, ein Argument von der es äußernden Person zu trennen und sachlich zu diskutieren sind wesentliche Fähigkeiten mündiger Menschen. Das muss man aber durch Tun, durch Praxis üben. Daher plädiere ich auch dafür, mit dem Ethikunterricht schon im Volksschulalter zu beginnen. Je länger man üben kann, desto besser für alle.
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: VO N A B I S Z
: F R E I H A N D B I B L I OT H E K
Ethik: Das Glossar
BUCHEMPFEHLUNGEN ZUM THEMA VON EMILY WALTON
JOCHEN STADLER
Abfallethik Erklärt uns, wie wir mit unseren Ressourcen umgehen sollen, zum Beispiel, dass Plastiksackerln böse und stinkender Kompostmüll hervorragend für die Umwelt sind. Amoralisten Menschen, die ethische und moralische Normen strikt ablehnen. Sie sind evolutionär benachteiligt. Angewandte Ethik Stellt konkrete Handlungsempfehlungen und Normen auf, nach denen man sich halten sollte, will man ein guter Mensch sein. Böses Eine Handlung von Individuen oder Gruppen, die ethischen Vorstellungen widerspricht. Deskriptive Ethik Fällt keine ethischen Urteile, sondern beschreibt die in einer Gesellschaft gelebte Ethik. Dilemma Wenn man etwas ein bisschen Unethisches machen muss, um etwas noch Unethischeres zu vermeiden. Durchsetzungsproblem Wenn man genau weiß, wie man ethisch richtig handeln sollte, es aber an der Durchführung hapert. Ethik Soll den Menschen allgemeingültige Regeln zum guten, Werte-konformen Handeln geben, damit sie auf der ganzen Welt in Frieden zusammenleben können und einer dem anderen hilft statt zu schaden. Ethikkommission Rat von ethisch gebildeten Personen, die bei besonders heiklen Fragen wie etwa neuen medizinischen Therapien ethische Dilemmata abwägen. Ethikunterricht Politische Maßnahme, damit sich nicht so viele vom Religionsunterricht abmelden. Fanatiker Hat seine eigenen Werte, welche in der Regel nicht mit den ethischen Grundsätzen der anderen übereinstimmen. Freiheit Hört bei einem Individuum dort auf, wo es die Freiheit der anderen einschränkt. Gerechtigkeit Eine menschliche Tugend, welche bewirkt, dass Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt wird. Gesetze Einklagbare Normen, wie sich Menschen verhalten müssen. Gesetze bedienen ethische Gesichtspunkte oder Partikulärinteressen. Gewissen Persönliche Bewusstseinsinstanz, die beurteilt, ob etwas ethisch oder unethisch ist. Goldene Regel „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ Ist aus verschiedensten Jahrtausende alten Kulturen überliefert. Gutes Etwas, das im Einklang mit ethischen Grundsätzen steht und den Menschen oder der Umwelt hilft. Güterabwägung Wenn man eine gute Tat nicht vollbringen kann, ohne teilweise unethisch zu handeln, muss man abwägen, was in Summe am besten ist. So darf ein Chirurg Patienten aufschneiden, um sie vor Krankheiten zu retten.
Gutmensch Verhält sich nach ethischen Prinzipien einwandfrei, was Egoisten Hasstränen in die Augen treibt. Handlungsfolgen Jede Tat hat gewollte Auswirkungen und ungewollte, die man zum Beispiel Kollateralschäden nennt, aber vor der Umsetzung genauso bedenken muss. Individualethik Erforscht, wie einzelne Menschen ethisch am besten handeln. Kategorischer Imperativ Besagt, dass man sich selbst an jene Grundsätze halten sollte, bei denen man jederzeit zustimmen würde, dass sie als Gesetze für alle gelten. Fundament der Ethik des Philosophen Immanuel Kant. Menschenrechte Sind Grundprinzipien eines funktionierenden Rechtsstaates. Daran zu rütteln ist unethisch. Metaethik Analysiert die Logik und Sprache in ethischen und moralischen Diskursen und welche zugkräftigen Argumente verschiedene ethische Theorien zu bieten haben. Moral War bei den alten Römern das Synomym für das griechische Wort Ethik, bekam aber im Lauf der Jahrtausende einen starken religiösen und dogmatischen Beigeschmack. Politik Sollte der Ethik folgen und nicht die Ethik der Politik. Rechtsstaat Bindet alle Menschen an Gesetze, damit sie nicht willkürlich ihre Fantasien ausleben können. Regel Konkrete Vorschläge, wie man sich in gewissen Situationen ethisch korrekt verhält. Sitte Verhaltensnorm in einer Gesellschaft, die ethisch den lokalen Vorstellungen entspricht. Sittlichkeit Gebaren, das im Einklang mit der gängigen Moral steht. Sozialethik Überlegt sich, wie man eine Gesellschaft so gestalten kann, dass es möglichst allen Menschen möglichst gut geht. Tugend Charaktereigenschaft, welche eine Person befähigt, das sittlich Gute zu verwirklichen. Unterlassen Etwas Gutes bewusst zu unterlassen ist ethisch genauso schändlich wie Böses zu tun. Unwissenheit Schützt vor Strafe nicht, wie ein altes Sprichwort sagt, außer man hatte keine Chance, den Irrtum zu vermeiden. Das heißt, man sollte sich vor einer kritischen Handlung über die lokalen ethischen Grundsätze und vor allem über die Gesetzeslage informieren. Werte Dinge wie Freundschaft, Ehrlichkeit, das Eigentum, die Menschenwürde, die Unantastbarkeit von menschlichem Leben und Freiheitsund Gleichheitsrechte, die generelle Basis für ethische Handlungsregeln sind. Zehn Gebote Die ethischen Verhaltensvorschriften einer Nomadengesellschaft vor zweitausend Jahren im östlichen Mittelmeerraum.
Die Evolution der Moral
Vom Wissen zu den Werten
Wie hat sich die menschliche Moral entwickelt? Wie unterscheidet sie sich von jener der Affen? Michael Tomasello, Professor für Psychologie und Neurowissenschaften an der Duke University, bietet eine Rekonstruktion, wie der Mensch begann, mit seinesgleichen zu kooperieren und sich daraus zu einer Spezies mit Moral entwickelte. Dabei zeigt er unter anderem, dass sich die Zusammenarbeit unter den Menschen gezwungenermaßen ergab: Sie standen vor der Alternative, gemeinsam Grundbedürfnisse wie Nahrung zu stillen, oder als Einzelgänger zu sterben.
Mit seinem ersten Buch, „The End of Faith“ hat Sam Harris eine weltweite Debatte über die Gültigkeit von Religion ausgelöst. Dabei ist ihm aufgefallen, dass sich vom atheistischen Wissenschafter bis zum religiösen Fundamentalisten alle zumindest auf eines einigen konnten: Wissenschaft hat in puncto menschlicher Werte nichts zu melden. In „The Moral Landscape“ versucht Harris nun, das Gegenteil zu belegen: Er stellt eine Verbindung zwischen Wissen und Werten her. Geht es nach ihm, kann Wissenschaft uns auch sagen, wie wir sein sollten.
Michael Tomasello, A Natural History of Human Morality. Harvard University Press, 2014, 194 S.
Michael Ignatieff, The Ordinary Virtues: Moral Order in a Divided World. Harvard University Press, 2017, 236 S.
Wege zum „gerechten“ Cyberkrieg
Alltägliche Werte verbinden
Auseinandersetzungen zwischen Staaten finden im 21. Jahrhundert auch auf virtuellen Schlachtfeldern statt. Formen des Cyberkriegs, vom staatlichen „Hacken“ der Wählerdatenbanken bis zum digitalen Angriff auf Energienetze gelten als ebenso große Bedrohungen der heutigen Zeit wie klassische militärische Konflikte. Was dem relativ jungem Cyberkrieg fehlt, sind Regeln und Konventionen. Ethiker George Lucas nimmt bisherige Versuche einer gesetzlichen Reglementierung unter die Lupe und zeigt Wege zu einem Ethik-Code Cyberkrieger.
Wie sieht es mit gemeinsamen Werten aus? Gibt es welche, die verbinden? Entwickelt sich neben der globalen Wirtschaft auch eine globale Moral? Michael Ignatieff, Präsident der Central European University in Budapest, hat sich drei Jahre lang in acht Ländern auf die Suche nach Antworten begeben. Seine Conclusio nach Gesprächen mit Bewohnern vieler Länder: Die Mehrheit der Menschen fühlt sich von alltäglichen, „normalen“ Werten wie Toleranz, Vertrauen, Versöhnlichkeit und Robustheit am ehesten angesprochen.
George Lucas, Ethics and Cyber Warfare: The Quest for Responsible Security in the Age of Digital Warfare. Oxford University Press, 2016, 208 S.
Sam Harris, The Moral Landscape: How Science Can Determine Human Values. Free Press, 2010, 320 S.
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Wie teilt man die Atmosphäre auf? Die Ethikerin Angela Kallhoff über die Bedeutung von Pflanzenethik und Klimaethik ngela Kallhoff, Professorin für Ethik an der Universität Wien, ist im Bereich der Naturethik, der allgemeinen Ethik und der politischen Ethik tätig. Mit ihrem Buch „Prinzipien der Pflanzenethik“ war Kallhoff eine der ersten, die sich mit dem Thema der Pflanzenethik beschäftigte. Seit 2011 forscht sie in Wien und ist gerade dabei, ihr Buch über Klimaethik abzuschließen.
INTERVIEW: SOPHIE HANAK
Warum sind Pflanzen moralisch wertvoll? Kallhoff: Grundsätzlich gibt es den Streit darüber, ob Pflanzen um ihrer selbst willen Respekt und Schutz verdienen. Das ist sehr schwierig zu vermitteln, da sie so anders sind als Menschen und Tiere. Jedoch bin ich der Ansicht, dass Andersartigkeit kein Ausschlussgrund in der Ethik sein sollte. Man sollte Pflanzen nicht mit Tieren und Menschen vergleichen, sondern schauen, welche Werte dem pflanzlichen Leben zugeschrieben werden können und welche Gründe es gibt, Pflanzen zu schützen, etwa aufgrund ihrer Evolution, ihrer Diversität, ihrem Schutz der Atmosphäre, oder für unsere Ernährung. Pflanzen haben für uns Menschen ein sehr breites und nützliches Anwendungsgebiet, viel mehr als Tiere.
Frau Kallhoff, wie kamen Sie dazu, sich mit dem Thema Pflanzenethik zu befassen? Angela Kallhoff: Die Pflanzenethik wurde immer sehr stiefmütterlich behandelt. Ich habe gemeinsam mit Biologen versucht, das Leben der Pflanzen und das Konzept des Gedeihens zu erklären. Hier in Wien befasse ich mich mit Naturethik und leite seit 2014 ein vom FWF unterstütztes Projekt „New Directions in Plant Ethics“. In dem Projekt haben wir auch die Pflanzenethik mit neueren Forschungsbereichen wie etwa Robotics oder Genetik verknüpft. Warum wurde die Pflanzenethik bisher so wenig behandelt? Kallhoff: Mir ist es unverständlich, warum Pflanzen nur in der angewandten Ethik berücksichtigt wurden. Natürlich sind sie in ihrem Verhalten ganz anders als Tier und Mensch, auch ist es sehr schwierig, den Schaden an Pflanzen zu bestimmen. Sie zeigen keine Regungen wie Tiere und können sich nicht wehren. Heute weiß man viel über das Leben von Pflanzen. So wurde herausgefunden, dass Pflanzen untereinander kommunizieren, indem sie chemische Signale austauschen. Doch muss man dabei vorsichtig sein, nicht in Anthropomorphismus zu verfallen. Welche Art Pflanzen und Themen werden heute vorrangig erforscht? Kallhoff: Dank der Ernährungswissenschaften weiß man vor allem sehr viel über die höheren Pflanzen, da diese für den Menschen ein Grundnahrungsmittel darstellen. Die Forschungen an Pflanzen sind vielfältig. Forschende untersuchen etwa die Vernetzung von Pflanzen mit ihren Wurzelwerken, die an die Vernetzungen im Internet erinnern; sie untersuchen, wie sich Pflanzen verankern und wie man dies in der Robotik simulieren kann. Die Genetik ist ein wichtiges Gebiet, ebenso das Verhältnis von Mensch und Pflanze. Eine besonders interessante Studie hat gezeigt, dass Pflanzen anders aufgebaut sind als Tiere und somit das Denken der Menschen verändern, wenn man sich mit ihnen befasst. Welche sind die Konsequenzen der Studien für uns Menschen? Kallhoff: In der Ethik ist es manchmal möglich, den Weg von sehr abstrakten Auseinandersetzungen zu konkreten Anwendungen zu finden. Es gibt beispielsweise in Amerika einen Ethiker, der Agrarkonzerne
berät. Es ist überaus wichtig, dass unser Wissen auf Konferenzen und Symposien veröffentlicht und verbreitet wird und dass wir Ethiker mit Praktikern zusammentreffen und uns austauschen.
„Nicht nur Ethiker, sondern auch Politiker müssen Möglichkeiten zugunsten des Klimas schaffen“ ANGELA KALLHOFF, UNIVERSITÄT WIEN
In welchen Bereichen kann Pflanzen ethik angewendet werden? Kallhoff: Pflanzen werden in verschiedene Kategorien eingeteilt. Einerseits gibt es die wilde Natur, das sind jene Bereiche, wo Evolution und wenig Störung stattfinden. Dafür sollte es Schutzpflichten geben. Andererseits die kultivierte Natur: Hier kann die Pflanzenethik zu guten Praktiken der Mensch-Natur-Beziehung beitragen. Und dann die Nutzpflanzen: Hier gilt es, eine Bewertung neuer Praktiken wie etwa Gentechnik, Smart Farming oder Robotics zu finden – ein besonders spannendes Anwendungsgebiet für die Pflanzenethik. Übrigens kommt es dabei sehr oft zu Win-win-Szenarien. Ein Beispiel ist der Schutz des Waldes. Wenn wir ursprüngliche Wälder schützen, ist es gut für die Bäume, senkt den C02Gehalt und unterstützt die Biodiversität. Derzeit schreiben Sie ein Buch über Klimaethik. Worum geht es da? Kallhoff: Naturgüter wie Wasser unterscheiden sich dadurch von anderen Kollektivgütern, dass sie keine fixen Eintrittsbarrieren haben und sehr umkämpft sind. Ohne eingrenzende Institutionen kann jeder auf die Naturgüter zugreifen. So entsteht die „tragedy of the commons“. Bei Ressourcen wie Wasservorräte und Atmosphäre kommt es zum Drama der Übernutzung. In meinem aktuellen Buch entwickele ich eine Theorie kollektiven Handelns: Wenn es ein gemeinsames Ziel von mehreren Akteuren im Umgang mit den Gütern gibt, kann die Tragödien der Allgemeingüter umgangen werden. Vor allem geht es um unsere Atmosphäre, die als Mülldeponie missbraucht wird. Was versteht man unter dem Begriff Klimagerechtigkeit?
Kallhoff: Die Debatte darüber hat vor rund zwanzig Jahren begonnen. Zunächst wurde diskutiert, wie die Atmosphäre zwischen den Staaten aufgeteilt werden kann. Es wurde argumentiert, dass jene Länder, die noch nicht viel von dieser „Müllhalde“ genutzt haben, ein Vorzugsrecht haben sollten. Das würde bedeuten, dass etwa China ein Recht darauf hat, jene Entwicklung wie die westlichen Länder durchzumachen. Das wäre eine Katastrophe. Nun sagt das Pariser Klimaabkommen, dass jeder das Bestmögliche beitragen soll, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Das gemeinsame Ziel wäre eine Deckelung und ein Absenken der Emissionen. Jeder von uns muss versuchen, seine Emissionen möglichst auf Null zu bringen. Für Klimaethiker besteht die Herausforderung darin, das gemeinsame Ziel zu argumentieren. Zusätzlich müssen Prinzipien gefunden werden, wie das Ziel auf faire Weise erreicht werden kann. Werden dazu Regelungen nötig sein? Kallhoff: Ob freiwillig oder Klimapflichten im strengen Sinn, wird derzeit diskutiert. Es gibt aber heute so extreme Wetterlagen, dass bald eine rechtliche Regelung kommen muss. Eine der größten Gefahren in unseren Breiten sind derzeit die Heißperioden und Starkregenereignisse. Es kommt zu Dürre und zum Anstieg der Meeresspiegel. Vor allem treten vermehrt Starkwettersysteme auf, da die Hoch- und Tiefdruckgebiete länger festhängen und Wettersysteme nicht mehr schnell genug abziehen können. Eine strikte Abnahme der Einträge in die Atmosphäre ist also unerlässlich. Welche Möglichkeiten gibt es, um dies zu erreichen? Kallhoff: Es ist wichtig, Anreize zu setzen. Das Erreichen eines Zieles muss im Interesse aller sein, und alle müssen an einem Strang ziehen. Es hat sich gezeigt, dass Menschen unter bestimmten Umständen dazu bereit sind. Diesen Zusammenhang untersuche ich in meinem Buch mit neuen philosophischen Ansätzen zum gemeinsamen Handeln. Ein Beispiel ist Urban gardening. Wenn alle Beteiligten mithelfen, kann jeder von ihnen Gemüse ernten. Wenn nur ein kleiner Teil mitmacht, bleibt nicht für alle etwas übrig. Warum ist es so schwierig, das Klima problem in den Griff zu bekommen? Kallhoff: Weil es von Beginn an eine fast nur negative Erzählung gab. Es ging immer um „Reduktion“ und „Verlust“. Das muss geändert werden. Es ist kein Verlust, Maßnahmen zu setzen, um klimafreundlich zu leben. Es geht um alternative Lebensstile, die attraktiv gemacht werden müssen. Menschen möchten gern an „guten Geschichten“ teilhaben. Nicht nur Ethiker, sondern auch Politiker müssen Möglichkeiten zugunsten des Klimas schaffen.
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: GEDICHT
ERICH KLEIN
O H N E S E N S E . M AC H K E I N E S P RÜ C H E
Friedrich Achleitner geboren 1930 im oberösterreichischen Schalchen, lebt in Wien. Als Mitglied der „Wiener Gruppe“ ein Klassiker des modernen Dialektgedichts und der konkreten Poesie. Gemeinsam mit H. C. Artmann und Gerhard Rühm veröffentlichte er „hosn rosn baa“ (1959). Zwischen 1965 und 2010 entstand das Hauptwerk des Architekturhistorikers Achleitner: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Zuletzterschienen: wortgesindel (2015).
im sommer blüht das edelweiß im winter gibt’s nur wedeleis * alle guten geister haben einen meister alle bösen auch * träume nicht von niedren zwecken du endest sonst beim eierpecken traue niemand übern weg schon gar nicht über einen steg *
: WA S A M E N D E B L E I BT
wenn der gestank sich verduftet wird jeder schas zum mythos * tut mir leid das ist mir z’gscheit * im alter wird alles langsamer nur das hinfallen geht schnell * er ass fürs leben zwetschken gern dann schluckt er den zwetschkenkern *
gib acht es ist bald neun ich bin für gesang aber nicht zu lang * eimer für alle * erst die zähne ausgebissen dann die haare ausgerissen dann die nerven weggeschmissen und die hose vollgeschissen * fröhlichkeit ist nur ein schutz gegen schlanz und schlonz und schlutz
AUS: FACETTEN 2018, LITERARISCHES JAHRBUCH DER STADT LINZ
LÁSZLÓ LÁSZLÓ RÉVÉSZ (AUSSCHNITT) : B I G P I C T U R E AU S B U DA P E ST
: I M P R E SS U M Herausgeber: Armin Thurnher; Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 0043 1 536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at; Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.; Redaktion: Christian Zillner; Fotoredaktion: Karin Wasner; Gestaltung und Produktion: Andreas Rosenthal, Reini Hackl, Raphael Moser; Korrektur: Martina Paul; Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau; DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar.
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Anständig Es ist ein Rätsel, weshalb sich seit hundert Jahren ständig alles wiederholt. Die Zehn Gebote waren schon alt, der Klassenkampf noch jung und die Frage, was Ethik der Revolution bedeuten sollte, nicht zu beantworten. Moral galt seit geraumer Zeit ohnehin als „provisorisches“ oder „kritisches“ Unterfangen. Sollte Chaos kommen, weil die Ordnung versagt hatte? Es ist bezeichnend, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Versuchsstation für den Weltuntergang Wien nur noch die Spitze der Feder und die Tragfähigkeit der Wörter ein Maß für Moral abgaben. Etwa so: Kommt ein junger Mann zu Karl Kraus. Der fragt: „Und, was wollen Sie studieren?“ – „Wirtschaftsethik!“ – Daraufhin Kraus: „Da werden Sie sich aber entscheiden müssen!“ Wären Ethik und Ästhetik tatsächlich eins, wie damals vom allerstrengsten der Philosophen behauptet wurde, dem allerdings auch klar war, dass die Welt des Seins und jene des Sollens ihre Unterscheidbarkeit aus privater Erleuchtung beziehen, die Anekdote hätte allen Reiz verloren! Die Wahrheit ist ein Heer von Metaphern, von Wirtschaft keine Rede, Moral aber braucht Paradoxe. Noch durchtriebener war das Spiel im Fall der Verunglimpfung des Klassikersatzes: „Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken.“ „Zweck“ war als höherer Sinn von einem Schuster im Zivilberuf zum philosophischen Terminus erhoben worden: „Zwecke“ waren ein Synonym für Schusternagel. Derartige Sprachspiele wurden schließlich durch Katastrophen hinweggefegt, bis über den Schlachtfeldern wieder Ruhe eintrat. Plötzlich war aus den Trümmern wieder der Ruf nach Moral zu vernehmen, ja selbst die Zehn Gebote schienen einen Moment lang wieder ins Recht gesetzt. Erst später wurde bekannt, was Heinrich Himmler in seiner Posner Geheimrede vor SSMördern 1943 gesagt hatte: „Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen, oder wenn 1.000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“ Welcher Erleuchtung bedurfte es, danach noch einmal umstandslos polemisch die Rede von „den Anständigen“ zu erheben?
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