FALTER
HEUREKA Das Wissenschaftsmagazin
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childkröten am Touch-Screen Warum Schildkröten am Computer spielen dürfen Leben ohne Alternativen Nach dem Ende der Ideologien herrschen Ratlosigkeit und Furcht Das Schicksal der Roma In Osteuropa weithin abgelehnt, in Österreich einfach vergessen
Nr. 4/14
Neues im
Osten
25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Was kam nach der ideologischen Auseinandersetzung zwischen Ost und West?
SCHAUSPIELER A M GR ENZÜBERG ANG SCHR AT TENBERG/ VALTICE © B I L D R E C H T / K U R T K A I N D L / 2 013
Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2472/2014
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Inhalt
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Kopf im Bild Wolfgang Lenhardt, Erdbebenforscher Turtles am Touchscreen Warum Schildkröten Computer spielen Visualisierung am Computer Das Werden einer neuen Wissenschaft Typisch Studierende? 13 fiktive Studentenleben im Geschichtsblog
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Neues im Osten Der Countdown zum Thema Chancen für die Jungen Erhard Busek plädiert für mehr Ostengagement Das Grüne Band im Todesstreifen Wie aus dem Eisernen Vorhang Natur wurde Neues im Osten – Titelstory Oder das Ende der Ideengeschichte
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Auf dem Weg zur neuen Ordnung Der Historiker Philipp Ther über den Osten Europa und die Roma Im Osten gehasst, bei uns vergessen Vom Grenzsee zum Surfparadies Das wechselvolle Schicksal des Neusiedler Sees Gedicht, HEUREKA-Rätsel, Kommentar Kunst ohne Grenzen
Gastkommentar
Editorial
Osteuropaforschung – 25 Jahre danach Oliver Schmitt
G r a f i k : T o n e F i n k , f o t o : J u tt a B e n z e n b e r g
ie Öffnung Österreichs nach D Osten wird vor allem von Eliten getragen und wahrgenommen. Der
Prozess war von starken Schwankungen geprägt, wie die gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten vieler österreichischer Unternehmen in Ost- und Südosteuropa zeigen. Anders das Feld der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung: In den letzten 25 Jahren hat die Uni Wien ihre Forschung ständig ausgebaut und gezielt internationalisiert. Gerade zu Beginn des 21. Jahrhunderts heftete sie sich die Beschäftigung mit diesem Raum auf die Fahnen. Gebündelt werden Forschung und Lehre derzeit in einer eigenen Forschungsplattform „Wiener Osteuropaforum“, die besonders den wissenschaftlichen Nachwuchs fördert. Die wohl tiefgreifendste Erneuerung der Wiener Osteuropaforschung ist wahrscheinlich diese Öffnung im Nachwuchsbereich: Doktoranden und Habilitanden aus Ost-, West- und Südeuropa arbeiten heute an der Uni Wien und in Forschungsprojekten. Es gibt kaum eine Universität im östlichen Europa, mit der Wiener Forscher keine Beziehungen unterhalten. Angesichts der Breite der Wiener Forschung von der Slawistik bis zu Recht, von der Geschichte bis zur Theologie, von der Archäologie bis zur Sozialanthropologie ist es nicht möglich, die Osteuropaforschung auf einen einfachen Nenner zu bringen. Die positive Entwicklung an der Uni Wien hat auch eine Kehrseite: 2006 wurde das einzige außeruniversitäre Forschungsinstitut zu Osteuropa geschlossen und bis heute nicht adäquat ersetzt. Die wichtigste strukturelle Herausforderung ist es, den bestqualifizierten Nachwuchskräften eine Perspektive in Wien zu bieten. Noch schwieriger aber ist es, die Bedeutung der Forschung zu Ostund Südosteuropa weiteren Kreisen
in Österreich zu vermitteln und immer noch bestehende Barrieren in den Köpfen gegenüber einem „Osten“ abzubauen, der vor hundert Jahren zu guten Teilen noch Inland war. Derzeit verändert sich die politische Landschaft Osteuropas dramatisch: Vom Balkan bis nach Russland verstärken sich autoritäre Tendenzen. 1989 glaubte man an das Ende der Geschichte, an das Ende Osteuropas. Er würde sich an den „Westen“ angleichen und in einem vereinigten Europa aufgehen. Die Osteuropaforschung
galt als obsolet. Heute ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Raum unter traurigen Umständen wieder elementarer Bestandteil der europäischen Einigung und der europäischen Außenpolitik.
Finkenschlag Handgreifliches von Tone Fink
Oliver Schmitt ist Leiter des Instituts für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien
www.tonefink.at
C h r i s t i an Z i l l n e r
Da lag ich in meinem westösterreichischen Kinderbett und träumte von Dörfern im Osten. Ich hatte keine Ahnung, wie diese aussahen, auf jeden Fall aber waren sie gemütlicher und heimeliger als unsere im Westen. Damals galt der Osten als die Zone, aus der unsere westliche Welt überfallen würde. Ich wusste nichts von Geschichte, aber auch später konnte ich mir nicht vorstellen, dass Russen nach Vorarlberg kommen wollen. Wozu? Heute leben dort auch Tschetschenen, ein Grund mehr für Russen, sich davon fern zu halten. Nun wohne ich aus der Sicht eines Vorarlbergers ziemlich weit im Osten. Doch sind die Länder noch weiter östlich mein Sehnsuchtsgebiet geblieben. Vielleicht, weil es dort gibt, was wir im Westen längst gezähmt haben: etwas Wildes. Und Menschen mit einem anderen Blick auf die Welt. So verstehe ich jene Debatten in Wissenschaftskreisen nicht ganz, die ständig um „Exzellenz“ kreisen und dabei Nordamerika meinen. Als gäbe es im Osten nicht mehr als genug zu erforschen – und womöglich würde das die Lebensbedingungen der Menschen dort sogar verbessern. Stattdessen achten viele Karrierewissenschafter darauf, an westlichen Universitäten unter bestmöglichen Voraussetzungen zu forschen. Was soll ein Ostler wie ich dazu sagen? Schaut einmal, wo die Sonne aufgeht?
Impressum Falter 43a/14 Herausgeber: Armin Thurnher Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Redaktion: Christian Zillner Fotoredaktion: Karin Wasner Produktion/Grafik: Reini Hackl Korrektur: Martina Paul Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar.
HEUREKA ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit
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Aus Wissenschaft und Forschung Kopf im Bild Naturgewalten verstehen Bereits seit 22 Jahren repräsentiert Wolfgang Lenhardt, Leiter der Abteilung Geophysik des ZAMG, Österreich in der Europäischen Seismologischen Kommission (ESC). Als er Ende August auf der Generalversammlung in Istanbul zu ihrem neuen Präsidenten gewählt wurde, war er dennoch überrascht. „Wegen der Hitze hatte ich nicht einmal formelle Kleidung zur Tagung mitgenommen“, schmunzelt der Erdbebenforscher. Er ist der erste Österreicher in diesem Amt. „Die ESC hat von Beginn an grenzüberschreitend gearbeitet. Allen war bewusst, dass man Erdbeben nur gemeinsam erforschen kann.“ Aus eigener Anschauung weiß er, wie es im Erdinneren in mehreren Kilometern Tiefe aussieht und welchen Einfluss der Mensch auf die Stabilität der Erdkruste hat. „Die Ursachen sind bei Erdbeben ein wichtiger Punkt.“ Nicht immer seien diese tektonischer Art, auch Atomtests oder Tiefenbohrungen können Auslöser sein. Um die Auswirkungen von Beben präzise einschätzen zu können, sei der Datenverbund aller Länder nötig, so Lenhardt. „Hierzu möchte ich nun verstärkt beitragen.“ T e x t : U schi s o r z F o t o : K a r in W asne r
U schi S o r z
ie vielen Seiten der Regelungstechnik zeigen Dissertanten am D Institut für Automatisierungs- und Regelungstechnik (ACIN) der Fakultät für Elektrotechnik der TU Wien. Mathias Blank, 30
Lästig, wenn’s im Lautsprecher kracht. Elektronische Alltagsgegenstände können einander unangenehm beeinflussen. Im Zuge seiner Dissertation hat Mathias Blank eine selbst adaptierende digitale Steuerung entwickelt, die weniger elektrische Störungen auslöst. In den Leistungshalbleiter, einen kleinen Chip, eingebaut, verhindert sie die Beeinträchtigung externer Geräte. Das brachte dem Vorarlberger nun eine Auszeichnung
des ACIN-Kooperationspartners Infineon ein. „Als Kind fielen meinem Forscherdrang ja öfters Haushaltsgeräte meiner Eltern zum Opfer“, sagt er. Seiner Technikbegeisterung hat das keinen Abbruch getan. „Das Schöne an einer Dissertation ist, dass man auch unkonventionelle Methoden einsetzen kann. Und umso besser natürlich, wenn diese auch praktisch funktionieren.“ Katrin Speicher, 28
„Mich begeistert, was Technik alles möglich macht“, sagt Katrin Speicher. „Man denke etwa an Flugzeuge.“ Immer habe sie auch interessiert, wie und warum die Dinge funktionieren. „Deshalb habe ich Mechatronik studiert und mich für eine Promotion entschieden.“
Jetzt forscht sie an der TU zur Temperaturentwicklung von Grobblechen bei der Herstellung. Auf das Thema kam sie, weil ACIN-Industriepartner Dillinger Hütte ein Werk in der Nähe ihres deutschen Heimatorts betreibt. „So ist Stahl in mein Blickfeld gerückt.“ Die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten dieses Werkstoffs faszinieren sie. „Die komplexe Produktion von Blechen vereint Extreme: riesige Walzkräfte, höchste Genauigkeit in der Geometrie, enorme Temperaturen und Tonnen an Gewicht.“ Stefan Flixeder, 29
Mit der Technik ist der Handwerkersohn Stefan Flixeder quasi aufgewachsen. „Aber nach der HTL war
mein Interesse für technische Naturwissenschaften erst so richtig geweckt“, erinnert sich der Oberösterreicher. Mittlerweile befasst er sich für seine Dissertation an der Fakultät für Elektrotechnik damit, wie man mithilfe modellbasierter Regelungstechnik die automatisierte Handhabung biegeschlaffer Materialien optimieren könnte. Das sind z. B. Textilien, Folien oder Carbongewebe, die auch beim Flugzeug- oder Automobilbau zum Einsatz kommen. Dabei forscht er im Rahmen des Festo Systemlabors, einer Kooperation seines Instituts mit der Firma Festo AG. „Es ist sehr spannend, im wissenschaftlichen Umfeld der TU in enger Zusammenarbeit mit der Industrie reale Problemstellungen zu behandeln“, so Flixeder.
Fotos: Privat
JungforscherInnen
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Aus Wissenschaft und Forschung Mathematik
Biologie
Geschichte
Krisen? Ordnungsprobleme? Mit Mathematik lassen sich Lösungen zur besseren Welt finden
Schildkröten am Computer: Level um Level spielen sie sich nach oben und in die Wirklichkeit
Schriftliche Quellen am Computer für alle
Uschi Sorz
Jochen Stadler
Sabine Edith Braun
Mehr als 600 000 Dokumente, 650 Archive, 23 europäische Länder: die Basis der Digitalisierungsplattform Icarus
rise. Hilfsgüter werden dringend ie Schildkröte Esme steht vor eioeben kam Thomas Aigner von eigebraucht. Auf welchem Weg be- D nem Computerbildschirm, auf S ner Vortragsreise aus Kroatien zuK kommt man sie am schnellsten ins dem eine Erdbeere erscheint. Sie be- rück. Der Historiker und Präsident der betroffene Gebiet, und an welchen Orten verteilt man sie zuerst? Oder etwas profaner: Wie sollen in einer Fabrik die Maschinen angeordnet sein, damit sie mit dem geringsten Kostenaufwand arbeiten? Auch Philipp Hungerländer sorgt dafür, dass solche Fragen beantwortet werden können. Der 30-jährige Assistenzprofessor im Fachbereich „Discrete Mathematics and Optimization“ an der AlpenAdria-Universität Klagenfurt beschäftigt sich mit Optimierung. Er entwickelt Algorithmen, die kombinatorische Ordnungsprobleme lösen. „Zunächst schaue ich mir bei praktischen Fragen die gemeinsamen mathematischen Strukturen an. Wenn ich diese nachgewiesen habe, mache ich daraus ein funktionierendes Programm zur Bestimmung der besten Lösung.“ Oft spielen Ordnungsprobleme in den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften eine Rolle wie in den eingangs erwähnten Beispielen. Diese Fächer kombiniert Hungerländer: Auf die Sub-auspiciis-Promotion in Mathematik folgte gerade – ebenfalls sub auspiciis – das Doktorat in Wirtschaftswissenschaften. Die Computerspielleidenschaft seiner Jugend hat der Kärntner somit auf eine höhere Ebene gehoben. Wie ein Computerspiel erfordert Forschung ein Zusammenspiel von Exaktheit und Kreativität, ist er überzeugt.
BILDUNG & SOZIALES
rührt die virtuelle Frucht – und am Boden vor ihr taucht ein reales Obststückchen auf. Damit steigt sie in die Versuchsphase auf, in der Wiener Kognitionsbiologen das Können der Tiere am Touchscreen untersuchen. Köhlerschildkröten übertragen Verhaltensweisen aus der Cyberwelt in die natürliche Umgebung – aber nicht umgekehrt. Das berichten Wissenschafter um Ludwig Huber vom Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien in der Fachzeitschrift Behavioural Processes. Am nächsten Level wurde es für Esme und ihre Artgenossin Quinn schwieriger. Auf dem Bildschirm tauchten blaue Kreise auf. Esme musste den linken für eine Belohnung ‚anklicken‘, Quinn den rechten. Die beiden meisterten auch diese Aufgabe. Nun fanden sie sich in einer realen Box mit zwei blauen Futterfässchen rechts und links wieder. Hier tendierten beide zu der Seite, die sie zuvor am Bildschirm genährt hatte. Die Schildkröten hatten ihr Verhalten in der virtuellen Welt in die reale Umgebung übertragen. Die Forscher trainierten Esme und Quinn in der Box nun auf die jeweils andere Seite um. Doch beide wussten noch, wie sie per Touchscreen zu Futter gekommen waren. Sie konnten offensichtlich noch zwischen Wirklichkeit und Illusion unterscheiden.
GESUNDHEIT & NATURWISSENSCHAFTEN
Digitalisierungsplattform Icarus ist in Archiven in ganz Europa unterwegs. „In Österreich sind Urkunden gefaltet. In Italien sind sie wie Pläne gerollt. Beim Digitalisieren ist das eine große Herausforderung.“ Icarus („International Center for Archival Research“) umfasst 150 Institutionen in Europa, den USA und Kanada. Bisher lag der Fokus der österreichischen Institute auf internationaler Ebene mit dem Ziel der digitalen Bereitstellung von Archivgut. Gleichzeitig bietet Icarus Fachportale an wie das Urkundenportal „Monasterium“ oder „Matricula“, ein Portal für digitalisierte Kirchenbücher. „Diese Portale kennen viele, doch Icarus selbst stand bisher nicht im Vordergrund“, sagt Aigner. Daher wurde an der Universität Wien in Kooperation mit dem Institut für Geschichte eine Tagung zum Thema „Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Identität“ veranstaltet. „Die gemeinsame Geschichte muss nicht immer etwas Trennendes sein. Es gab den Eisernen Vorhang ebenso wie die schmerzlichen Erfahrungen nach dem Zusammenbruch der Monarchie; doch letztlich ist Zentraleuropa ein historisch gewachsener Kulturraum. Digitalisiert man nun die Quellen dieses Raums, können sich die Menschen auf breiter Ebene damit auseinandersetzen“, freut sich der Historiker.
INTERNATIONALES & WIRTSCHAFT
Mehr als 500 internationale und nationale Vortragende aus Wissenschaft und Praxis Rund 3.000 Studierende in über 40 Universitätslehrgängen
KOMMUNIKATION & MEDIEN
Bestes Beispiel seien die Kirchenbücher. Sie betreffen fast jeden. „In Ostösterreich ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man in Ungarn oder Tschechien Vorfahren hat. Bisher gab es die Sprachbarriere. Man wusste nicht, in welches Archiv man gehen muss.“ Jetzt lässt sich der Stammbaum von daheim erforschen: „Die eigene familiäre Identität wird durch die Digitalisierung denationalisiert.“ Das lässt sich auch auf andere Geschichtsquellen übertragen, wie das Projekt „Gedächtnis ohne Grenzen“ mit dem slowakischen Staatsarchiv zeigt: „Der Bestand des Komitats Bratislava – mit vielen Bezügen zu Österreich – wurde aufgrund der Sprachbarriere kaum erforscht.“ Wobei mit „Sprachbarriere“ nicht die Quellen selbst gemeint sind – sie sind im Fall der Pressburger Ratsprotokolle deutsch. Die Barriere ist vielmehr jene, die es zu überwinden gilt, wenn man in einem Land, dessen Sprache man nicht spricht, in ein Archiv will. Nun sind 40.000 Akten registriert, zweisprachig erschlossen und in einem Satz auf Slowakisch und Deutsch zusammengefasst. Beim nächsten Icarus-Projekt namens Co-op (Beginn: Dezember) liegt der Fokus auf dem Potenzial der Gemeinschaft. „Herzstück des Projekts ist die Generierung von Communities durch Conventions, Round tables und Workshops: die Zusammenarbeit der Institutionen mit den Usern“, erklärt Icarus-Präsident Aigner.
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Das Kompetenzzentrum für Weiterbildung an der Universität Wien.
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Aus Wissenschaft und Forschung Logik
Medizin
Brief aus Brüssel
Durchblick durch riesige Datenmengen
Emily Walton
Big Data bringt auch eine neue Wissenschaft hervor: Visualisierung am Computer, das Analyse-Tool der Zukunft
Sodbrennen? Ein kleiner chirurgischer Eingriff kann laut einer EU-Studie Abhilfe schaffen
Claudia Stieglecker
Dieter Hönig
„Visualisierung wird immer wichtiger für die Analyse großer Datenmengen.“ Helwig Hauser, Universität Bergen
„Visualisierung wird immer wichtiger für die Analyse großer Datenmengen“, sagt Helwig Hauser. Der Wiener leitet seit sieben Jahren die Forschungsgruppe Visualisierung am Institut für Informatik der Universität Bergen in Norwegen. „Wir leben in einer Welt, in der Daten im Überfluss vorhanden sind, die verfügbare Datenmenge wächst exponentiell. Unsere Möglichkeiten, diese zu verstehen, entwickeln sich allerdings
nicht so schnell weiter.“ Ob Messungen aus der Biologie, Forschungen aus der Medizin, Berechnungen aus der Astronomie – die in den unterschiedlichen Wissensgebieten gesammelten Daten werden nicht nur immer mehr, sondern gleichzeitig auch immer komplexer. Visualisierung hilft, den Informationsgehalt von Daten durch grafische Darstellungen erkennbar zu machen. So werden durch ein paar graue und orangene Punkte überraschende Zusammenhänge sichtbar, die sonst nicht zu erkennen gewesen wären. Oft ließen sich dadurch neue Hypothesen ableiten, meint Hauser. „Traditionell steht eine Hypothese am Anfang des Forschungsprozesses, die in weiterer Folge geprüft wird. Heutzutage beginnt man oft mit dem Studium der Daten.“ Helwig Hauser und seine Forschungsgruppe in Bergen sind bei diesem Thema bereits ein paar Schritte weiter. Aktuell beschäftigen sie sich mit der dynamischen Visualisierung zur Darstellung physiologischer Prozesse: „Visualisierung verändert, wie Forschung gemacht wird.“
Automatisierte Visualisierung eines biochemischen Vorgangs: Veranschaulicht werden Interaktionen von Enzymen und Reaktanten
atienten, die unter der RefluxP Krankheit leiden, kann mit sogenannten Protonenpumpen-Hemmern
geholfen werden, die allerdings in 30 bis 40 Prozent der Fälle nach ein bis zwei Jahren ihre Wirksamkeit verlieren. Die Fundoplikatio-Operation galt bisher als einzige Alternative, um bei der Grunderkrankung, dem ausgeleierten Anti-Reflux-Ventil, anzusetzen. Eine jüngst publizierte europäische Multicenter-Studie unter führender Beteiligung des Wiener AKH bestätigt nun einem kleineren Eingriff ebenso gute Wirksamkeit. Dabei wird der sogenannte LINX-Ring, eine kleine Kette aus magnetischen Titanperlen, um den Ausgang der Speiseröhre gelegt. Eingriffszeit und Spitalsaufenthalt sind kürzer, die Genesung verläuft rascher, und Schonkost ist auch nicht mehr nötig. „Die neue EU-Studie umfasst die Ein-Jahres-Ergebnisse nach 202 LINXEingriffen. Sie ist die größte publizierte Serie über die Wirksamkeit dieser neuen Methode“, berichtet der Chirurg und Studien-Erstautor Martin Riegler vom Reflux Medical-Zentrum Wien. 82 Prozent der Patienten benötigten nach dem Eingriff keine Medikamente mehr, und nur weniger als zehn Prozent hatten Nebenwirkungen wie Völlegefühl, Flatulenzen oder Schwierigkeiten beim Aufstoßen oder Erbrechen. „Allerdings muss zuvor abgeklärt werden, ob jemand für diesen Eingriff geeignet ist“, erklärt Co-Autor und Speiseröhren-Chirurg Sebastian Schoppmann von der MedUni Wien. „Die LINX-OP sollte nur bei einem Zwerchfellbruch, der kleiner als drei Zentimeter ist, ohne Barrett-Syndrom und bei normaler Transportfunktion der Speiseröhre durchgeführt werden.“ Im fortgeschrittenen Stadium der Reflux-Krankheit mit großem Zwerchfellbruch und Barrett-Ösophagus empfehlen die Experten Riegler und Schoppmann weiterhin die bisherige OP-Methode. Buchtipp: Martin Riegler: Nie wieder Sodbrennen. Reflux verstehen und in den Griff bekommen, Verlag Maudrich, Oktober 2014
zu vergessen und manchmal schwer zu glauben, wie geteilt dieses Europa vor gerade einmal 25 Jahren noch war. Man sieht, wie hier tagtäglich an der gemeinsamen Zukunft gearbeitet wird, hört, dass auch im letzten Jahr wieder eine Rekordzahl an Austauschstudierenden beim ErasmusProgramm erreicht wurde. Und hält immer wieder kurz inne, wenn Politiker wie Valdis Dombrovskis darüber sprechen, was Europa für sie bedeutet: „Ich wurde hinter dem Eisernen Vorhang geboren und bin dahinter aufgewachsen“, sagte er kürzlich im EU-Parlament, per Zufall wenige Tage nach dem Tag der Deutschen Einheit. „Fünfzig Jahre lang war es meinem Land verboten, Teil von Europa zu sein, fünfzig Jahre lang wurden uns demokratische Grundrechte und Freiheiten verboten.“ 2014 feiert Lettland zehn Jahre EU-Mitgliedschaft. Seit einem Jahr ist das Land auch in der Eurozone, die nun Ex-Premier Dombrovskis als Kommissar in der neuen EU-Kommission überwachen soll. Es tut ab und zu ganz gut, solche Sätze zu hören, sich solche Entwicklungen zu vergegenwärtigen, um die viel gescholtene, oft mühsam komplizierte und schwerfällige EU wieder als das Friedensprojekt zu schätzen, das sie im Kern ist. Und wenn man dann schon über Mauern nachdenkt, ist es von den gefallenen nicht allzu weit zu jenen, die noch stehen und die neu aufgebaut werden sollen: Seltsam der Gedanke, die Briten könnten sich tatsächlich in ein paar Jahren für einen EU-Austritt entscheiden; gewöhnungsbedürftig die Vorstellung, Katalanen, Flamen, Basken oder Südtiroler könnten mit eigenem Staat auf einmal wieder um den EU-Beitritt ansuchen (müssen); beschämend die Erkenntnis, dass sich die EU-Mitglieder kaum einmal so einig sind wie in ihrem Bestreben, die Mauern nach außen noch höher, noch solider, noch unüberwindlicher zu errichten. Denn eine Verstärkung der EUAußengrenzen ist seit Jahren die Standardantwort auf Migrationsfragen. Mögen auch noch so viele Boote mit noch so vielen Flüchtlingen an Bord auf dem Weg ins „gelobte Land“ im Mittelmeer kentern. Um sie zurückzuhalten, stehen Zäune in den europäischen Enklaven Nordafrikas. Stacheldraht und Grenzschutz als Lösungsansätze – man müsste meinen, in den 25 Jahren seit dem Mauerfall sollte man im geeinten Europa auf bessere Ideen kommen.
F o tos: pr i vat, T U W i e n
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ie Grafik wirkt auf den ersten Blick unspektakulär. Ein zweidimensionales Koordinatensystem, viele graue, ein paar orangefarbene Punkte. Die vermeintlich schlichte Abbildung hat es in sich: Sie wurde aus einer Unmenge medizinischer Untersuchungsdaten mithilfe von Visualiserungstechniken aus der Computergrafik generiert.
m Brüsseler EU-Viertel, wo es nur Ionalitäten, so wuselt vor lauter Sprachen, NatiIdentitäten, ist es oft leicht
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Aus Wissenschaft und Forschung Geschichte
Typisch Studierende! Ja, gibt es die überhaupt? 13 Studierende aus verschiedenen Jahrhunderten auf einem Blog: Das Studentenleben im Wandel der Zeiten Sonja Burger
„Der typische Studierende existiert in Wirklichkeit nicht.“ Marianne Klemun, Universität Wien
Studierenden zwischen 1365 und heute. Eine dieser Figuren, deren Hintergrund akribisch recherchiert wurde, ist Martin aus dem 16. Jahrhundert. Am Totenbett seines Großvaters, den die Pest dahinraffte, versprach er, sich zum Medicus ausbilden zu lassen. Ganz anders die Motive für die Studienwahl beim Ägyptologie-Studenten Julius 1927/1928. Er stand ganz im Bann der Berichte über die Entdeckung des Grabes von Tutanchamun durch Howard Carter im Jahr 1922/1923. Den politischen Entwicklungen seiner Zeit stand er kritisch gegenüber. Genauso wie Ursula, eine
fiktive Studentin der 1980er, der Fritz Blakolmer, Archäologe und einer der Koordinatoren des Blogs, sogar seine Matrikelnummer leiht, da auch er damals zu studieren begann. Hinter all diesen Geschichten steckt eine systematische Analyse, und abgesehen von den Studierenden sind alle anderen Handelnden reale Personen. Klemun bezieht auch politische Ereignisse mit ein, da die Uni kein Elfenbeinturm, sondern Teil der politischen Landschaft sei. Damals wie heute gäbe es, so Blakolmer, „besorgte Eltern, die vor brotlosen Studien warnen“. Vieles wandelte sich aber seit 1365, etwa die Art der Wissensaneignung, ihre Mittel und Orte. Neben der Universität bleibt etwa das Studentenheim ein zentraler Lernort. Zur Geschichte und Architektur Wiener Studentenheime forschen Marina DöringWilliams und Elisabeth Wernig seit
2011 an der Abteilung Baugeschichte der TU Wien. In den Zwanzigerjahren führte Wohnungsnot zu ersten Studentenheimträgern, der Akademikerhilfe und der WIHAST (Wirtschaftshilfe für Arbeiterstudenten). „Die Architektur wandelte sich von reinen Zweckbauten über die Wohninnovationen der Sechzigerjahre, den folgenden Massenbauten bis hin zum Trend der Single-Apartments.“ Heute seien die Ansprüche der Studierenden höher, gleichzeitig gewinnen Gemeinschaftszonen – auch zum gemeinsamen Lernen – wieder an Bedeutung. Wer das Typische am Studierenden sucht, muss im Detail suchen. Ab dem 20. Jahrhundert wird die Uni zur Domäne der Frauen. Mittlerweile stellen sie meist die Mehrzahl der Studierenden. Und setzen sich wie viele ihrer männlichen Kollegen auch in Hongkong für mehr Demokratie ein. Link: blog.univie.ac.at/kategorie/uni-fiction
PHYSICS
Looking for a PhD position? MA
OSCIENC R U
PUTER S OM
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EMATICS H T NCE CIE
LUTIO EVO
MENTAL P O
LOGY BIO
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RY BIOLO A N
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Join the IST Austria Grad School!
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Foto: fred zimmermann
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ongkong, 22. September 2014: Rund 13.000 Studierende bestreikten Vorlesungen und setzten damit den Startschuss zu einer Demonstration für mehr Demokratie, an der sich zuletzt mehrere Hunderttausend Menschen beteiligten. Studierendenproteste wie in Hongkong zeigen, dass die junge Generation nicht alles kritiklos hinnimmt. Um das Leben der Studierenden ranken sich Mythen. Fakt ist, dass dieser Lebensabschnitt Altbekanntes oft auf den Kopf stellt. „Der typische Studierende existiert jedoch nicht“, sagt Marianne Klemun, Professorin für Neuere Geschichte am Institut für Geschichte der Universität Wien. Um Mythen zu entzaubern und Stereotype aufzubrechen, initiierte Klemun den Blog „uni:fiction“. Hier erzählt ein vierköpfiges Team die 650-jährige Geschichte der Universität Wien aus der Perspektive von dreizehn fiktiven
Campus Visit Day 2014 discover the rewards of starting your career as a researcher
November 15, 2014
PhD Program
for students wishing to enter the program in the fall of 2015 is
PhD granting institution devoted to basic research in natural sciences and math 4-5 year study BS or MS degree (or equivalent) required internationally competitive PhD salary
January 15, 2015
www.ist.ac.at
Deadline for applications
IST Austria is committed to Equality and Diversity.
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Neues im Osten
Der Countdown zum Thema Sabine Edith Br aun
Jahr 2013 in Euro
44 000 000 000
Auslandsverschuldung Polens im Jahr 1990 in
11 000 000 000
Auslandsverschuldung der DDR im Jahr 1990
US-Dollar
in US-Dollar
300 000 000
Geschätzte Summe in US-Dollar, die aus russischen Quellen in die Wahlkampfkasse Viktor Janukowitschs für die ukrainische Präsidentenwahl 2004 floss
100 000 000
Menschen wurden mit der „Ost erweiterung“ am 1. Mai 2004 ürgerinnen und Bürger der Europäischen Union B
65 000 000
US-Dollar ließ das US-Außenministerium in den Jahren 2003 bis 2004 den ukrainischen Demokraten für die Präsidentschaftswahl 2004 zukommen
40 000 000 6 916 770
Stasi-Karteikarten sind bis heute erhalten
Ersuchen und Anträge gingen von 1992 bis Ende 2013 beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR ein.
2 500 000
Personen verließen von der Gründung der DDR 1949 bis zum Bau der Berliner Mauer
1 700 000
Fotodokumente, Mikrofilme und Dias, die von der Stasi angefertigt wurden, sind
1961 die DDR in Richtung BRD.
erhalten
800 000
Minen wurden nach der Niederschlagung des Ungarnaufstands an der ungarischen Grenze zu Österreich neu verlegt, nachdem während der Entspannungsphase 1955 eine erste Entminung stattgefunden hatte
500 000
Menschen seiner Bevölkerung verliert Russland jährlich
445 000 300 000 91 015 20 000 6000 5000 1994 1378 872 549 251
Personen beschäftigte Gazprom im Jahr 2007 in Russland Demonstranten versammelten sich im Herbst 1989 auf dem Prager Wenzelsplatz
hauptamtliche Mitarbeiter waren für die DDRStaatssicherheit im Herbst 1989 tätig tschechoslowakische Soldaten überwachten die Grenze zu Österreich
Volt betrug die Höchstspannung des Grenzzauns an der tschechoslowakisch-österreichischen Grenze
Menschen wohnen im größten europäischen Zigeunergetto im Stadtteil „Luník IX“ in Košice
Beginn der Amtszeit von Alexander Lukaschenko, dem „letzte Diktator Europas“ und Präsident Weißrusslands
Kilometer beträgt die Länge der ehemaligen inner deutschen Grenze
Todesopfer sind an der ehemaligen innerdeutschen Grenze zu beklagen Schüsse gaben tschechoslowakische Grenzer am 8. Dezember 1952 auf eine 19-köpfige Gruppe von Flüchtigen in Kittsee ab
zumeist ältere Reisende aus Ost und West starben vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen an traumatischen Ereignissen wie zum Beispiel einem Herzinfarkt
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Menschen starben bei Fluchtversuchen an der Grenze der Tschechoslowakei zu Österreich
Personen kreuzten bei der slowakischen Volkszählung im Jahr 1991 die Nationalität „Tschechoslowake“ an Eisenbahnlinien wurden durch die Abriegelung der innerdeutschen Grenze gesperrt Kassen stehen in der derzeit europaweit größten McDonald’s- Filiale auf dem Moskauer Puschkin-Platz
Prozent der Befragten verneinten 2007 die Aussage „Österreich profitierte von der Öffnung der Grenzen 1989“
Foto: Bildrecht / Kurt Kaindl / 2009
116 500 000 000
Absatzvolumen der Gazprom AG im
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Zu den Fotos KURT KAINDL – REISEN IM NIEMANDSLAND 1989 fiel der Eiserne Vorhang. Heute, 25 Jahre später, hat die nachfolgende Generation kaum mehr eine Vorstellung von der Bedeutung dieser Grenze und vor allem vom großen Einfluss ihres Verschwindens auf die europäische Entwicklung. Kurt Kaindls Fotoreportage folgt geografisch der innereuropäischen Grenzlinie von Lübeck bis Triest. Er hat dieses Projekt 2008 begonnen und bis in die Gegenwart fortgesetzt. Von „beiden Seiten“ – aus dem Osten und dem Westen – nähert er sich der (ehemaligen) Grenze und stellt die besondere Atmosphäre fotokünstlerisch dar: Die durch das ausgedehnte Niemandsland entstandene Landschaft, die verbliebenen, aber auch zerstörten Siedlungen und vor allem die Menschen, die immer noch oder jetzt erst wieder an dieser Grenze leben. Kurt Kaindl lebt als Fotograf, Fotokurator und freier Medienwissenschafter in Salzburg.
Der Kontrollturm K3 zur Grenzsicherung am Dassower See, wenige Kilometer von der Ostsee entfernt.
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Neues im Osten
Es muss Chancen für die jungen Menschen geben! Erhard Busek hat sich vor und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in Osteuropa engagiert. Er fordert mehr Investitionen Erhard Busek
uf der anderen Seite des Eisernen VorA hangs herrschte schon lange vor 1989 keine Ideologie, sondern ein politisches Machtsystem – und das mit aller Brutalität! Natürlich war es ein Zusammenbruch eines Gebäudes, das vom Ursprung her auch von einer Ideologie gesteuert war, aber der Westen soll sich nicht einbilden, dass diese Veränderungen unserer ideellen Stärke zu verdanken ist. Natürlich war es ein Eintreten für Menschenrechte und Demokratie, aber gerade die jetzige Situation zum Beispiel in der Ukraine und erst recht im Nahen Osten zeigt, dass wir von der Ideenwelt her herzlich wenig anzubieten haben.
Erhard Busek, Vorstand des Instituts für den Donauraum und Mitteleuropa
Was haben Dschihadisten zu bieten? Wenn junge Menschen sich den Dschihadisten anschließen, dann offensichtlich aufgrund der Tatsache, dass diese „Gotteskrieger“ noch etwas von den Menschen verlangen, Bindungen vorweisen können und in
der Lage sind, Aktivitäten bis zum Wahnsinn zu setzen. Das zu bekämpfen wird wohl kaum durch Grenzkontrollen, Ausbürgerungen und Verbote von Zeichen und Symbolen zu erreichen sein. Man muss aber auch feststellen, dass diese letzten 25 Jahre eigentlich ein Erfolg waren. Die Perspektive für diese Länder, in die Europäische Union integriert zu werden, damit wirksam Europäer zu sein, war hilfreich. Schon dadurch wurden kriegerische Auseinandersetzungen vermieden, die uns schmerzvollerweise in Jugoslawien und jetzt zwischen Ukraine und Russland nicht erspart bleiben. Das allerdings verlangt eine Aktivität in einem besonderen Feld: nämlich der Bildung. Daher ist es sicher ein Fehler, dass die Europäische Union selbst keine Bildungskompetenz hat, sondern immer wieder darauf angewiesen ist, dass nur Mitgliedsstaaten etwas tun können. Wir haben zu wenig investiert – und das
meine ich nicht nur finanziell. Es muss auch Chancen für die jungen Menschen geben, wobei wir mit einem Blick auf die österreichischen Universitäten und Forschungseinrichtungen feststellen können, dass wir von den Begabungen aus diesen Ländern, die ehemals auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs waren, leben. Sie schließen bei uns Lücken und sind präsent bis hinein in die Kultur.
Tun wir das ausreichend? 25 Jahre sollten eigentlich ein Anlass sein, unsere Strategien in diese Richtung zu überdenken. Das gilt nicht nur für Regierung und Politik, sondern für das Wissenschafts- und Geistesleben, die Kultur und die sozialen Netze. Tun wir das ausreichend? Bilder vom Durchschneiden des Eisernen Vorhangs zu veröffentlichen, kann es allein nicht sein. Es geht nämlich darum, den Platz von Europa in der globalen Welt zu bestimmen.
Grüne Lebenslinie am ehemaligen Todesstreifen Die Natur lebt auf – am Grenzstreifen um die „Todeszone“, die in Zeiten des Kalten Krieges Ost- und Westeuropa trennte Jochen Stadler
lange Lebenslinie mit hoher Artenvielfalt und einzigartigen Ökosystemen. Die Lebensräume an diesem „Grünen Band“ sind sehr unterschiedlich, wie etwa die Küstengebiete an der Ostsee und Gebirgsregionen an der Grenze zwischen Österreich und dem ehemaligen Jugoslawien, so Franz Grossauer vom Institut für Raumplanung und Ländliche Neuordnung der Universität für Bodenkultur Wien. Doch dieses „Grüne Band“ ist durch intensive Landwirtschaft, Verkehr, Tourismus und andere Widrigkeiten bedroht, erklärte er. Gleich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 habe man an manchen Stellen etwa mit neuen Grenzübergängen und durch intensive Landwirtschaft in diesen Naturraum eingegriffen.
„Das Grüne Band ist durch Landwirtschaft, Verkehr und Tourismus bedroht.“ Franz Grossauer, Landschaftsplaner, BOKU Wien
zu den EU-Gremien Bewusstsein schaffen und allen klar machen, was dieses Grüne Band für die ökologische Vielfalt und die Menschen bedeute. Auf der praktischen Seite hat Grossauer mit Kollegen in einem EU-Projekt „eine Art Werkzeugkiste“ mit verschiedenen Instrumentarien erarbeitet, mit denen „die immer wieder auftretenden Konflikte“ gelöst werden können. Diese entstünden etwa durch Straßenbau, Bahnlinien, Stromleitungen, intensive Landwirtschaft und Tourismusprojekte. „Es ist wichtig, dass es Möglichkeiten gibt, schneller und flexibler zu reagieren als mit Unterschutzstellungsmaßnahmen, die natürlich für Einzelbereiche nach wie vor verfolgt werden und hoffentlich da oder dort greifen werden“, erklärt er. Grossauer kritisiert Subventionen, die eine
intensivere Landwirtschaft fördern, wodurch etwa Feuchtgebiete durch Drainagen oder Aufschüttungen verlorengingen und Wiesen zu Ackerland umgebrochen werden. „Wir versuchen deshalb bis auf die Ebene der EU zu wirken und zu informieren, dass es wichtige Bereiche gibt, die individueller und angepasster bearbeitet werden müssen und man nicht mit der Gießkanne Fördermittel ausschütten sollte.“ Vor Kurzem wurde ein Memorandum erstellt, in
dem sich die Anrainerstaaten „bis auf wenige“ dazu verpflichteten, tatsächlich Maßnahmen zum Schutz des Grünen Bandes umzusetzen und Bewusstsein für diese einzigartigen Lebensräume zu schaffen. Wer hätte gedacht, dass man den ehemaligen Todesstreifen schützen muss?
Derzeit ist etwa die Hälfte des Grünen Bandes als
Nationalpark oder als Natura-2000-Gebiet geschützt. „Wir beschäftigen uns jetzt mit den verbleibenden 50 Prozent, die nicht unter Schutz stehen, und wo man das auch in Zukunft nicht erwarten kann“, erklärt er. Weil es wenig bis gar nicht realistisch sei, dass auch dort Schutzgebiete entstehen, versuche man den Naturraum mit anderen Mitteln zu sichern. Dazu wolle man von der lokalen Bevölkerung bis hin
Agrarland und Grenzwälder: Vom ehemaligen Todesstreifen zum „Grünen Band“
F o t o s : M a n c a J u v a n / S t a b i l i t y P a c t , p r i v a t , R E INI H AC K L
on der Barentssee im Norden bis zum V Mittelmeer im Süden entwickelte sich quer durch Europa eine 12.500 Kilometer
Neues im Osten
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Haidingers Hort der Wissenschaft
Grafikkabinett Püribauers Tierversuche
Das eiserne Tor M a r t i n h a i d i n ge r
ien – Schwarzes Meer. Diese Route W ist der Autor dieser Zeilen vor ein paar Wochen am Schiff gefahren. Lücken-
Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschafts journalist bei Ö1 und Staatspreisträger für Wissenschafts journalismus
Ill u s t r at i o n : B e r n d P ü r i ba u e r
Freihandbibliothek Buchtipps von Emily Walton Ein Amerikaner blickt zurück
Der Abend vor dem Fall
The Year that Changed the World: The Untold Story Behind the Fall of the Berlin Wall. Von Michael Meyer. Scribner, 272 S.
The Collapse: The Accidental Opening of the Berlin Wall. Von Mary Elise Sarotte. Basic Books, 320 S.
Klassiker eines Kenners
Politik prägt die Psyche
The Magic Lantern: The Revolution of ’89 Witnessed in Warsaw, Budapest, Berlin and Prague. Von Timothy Garton Ash. Vintage Books, 169 S.
Generation Mauer: Ein Porträt. Von Ines Geipel. Klett Cotta Verlag, 275 S.
Der Journalist Michael Meyer leitete 1989 das Newsweek-Büro Osteuropa und erlebte den Zusammenbruch des Kommunismus vor Ort. Zwischen 1988 und 1992 führte er Interviews mit politischen Größen wie Vaclav Hável und Lech Walesa. In seinem Buch blickt er auf diese Zeit zurück, beschreibt etwa die Rolle der Gewerkschaft Solidarnosc, das Paneuropäische Picknick an der österreichisch-ungarischen Grenze und den Fall der Berliner Mauer. Dabei geht er auch auf Rolle Amerikas bei diesen geschichtlichen Ereignissen ein.
Der Historiker Timothy Garton Ash beschreibt das Geschehen in Osteuropa im Jahr 1989 aus erster Hand. Auf 69 Seiten unternimmt er mit den Lesern eine (Zeit-) Reise: nach Polen, Ungarn, in die DDR und in die Tschechoslowakei. In griffiger Sprache schildert er etwa seinen Aufenthalt in Warschau zum Zeitpunkt der ersten freien Wahlen am 4. Juni 1989 und seine Erfahrungen in Prag, wo er Zeitzeuge der Samtenen Revolution wurde. Im Herbst 2014 wird dieses Werk in Auszügen im KindleFormat neu aufgelegt.
Wie war das damals wirklich, als am 9. November 1989 mehrere tausend Menschen die Grenzübergänge stürmten – nachdem Günter Schabowski, Mitglied im Politbüro der DDR-Staatspartei, am Abend in einer Pressekonferenz versehentlich die neue Reiseregelung verkündet hatte? Die Historikerin Mary Elise Sarotte beschreibt den Vorabend (und die Vorwochen) des Falls der Berliner Mauer, streift dabei die Schauplätze Budapest, Prag, Dresden und natürlich auch Berlin. Obwohl sich das Buch wie ein Roman liest, handelt es sich um echte Figuren und Schicksale.
Die mittlere DDR-Generation – wie geht es ihr heute? Die Frage richtet sich an jene Menschen, die in den Sechzigerjahren im System Honecker herangewachsen sind und denen plötzlich, nämlich durch den Fall der Berliner Mauer im November 1989, die Welt offenstand. Wie sind sie damit umgegangen? Wie hat die DDR-Kindheit ihr erwachsenes Handeln geprägt? Und: Sind die heute 50-Jährigen eine glückliche Generation? Ines Geipel, Schriftstellerin und Universitätsprofessorin, geht diesen Fragen nach und erforscht das Lebensgefühl ihrer Altersgenossen.
los. Auf dem Wasser. Unspektakulär? Aber hallo, bis vor schwachen zwanzig Jahren wäre das eine unmögliche Passage gewesen! Seit der Antike wären ihr zweieinhalb Völkerwanderungen, geschätzte neunzig Waffengänge (von der Pfeil-und-BogenÄra bis ins Atomzeitalter), mehrere heiße und ein Kalter Krieg entgegengestanden – sowie ein Eiserner Vorhang! Im Oktober 2014 konnten wir ohne geringste Behinderung die Donau-Anrainerstaaten Slowakei, Ungarn, Serbien, Bulgarien und Rumänien durchfahren – darunter sogar einer, der seinen Pass vergessen hatte und die Reise problemlos mit einem simplen Personalausweis überstand! Wer hätte das 1989 geglaubt? Was der Eiserne Vorhang politisch war, ist bis zu seiner Entschärfung durch Staudämme das „Eiserne Tor“, der vormals gefährlichste Durchbruch der Donau zwischen Serbien und Rumänien gewesen. Wo Generationen von Seeleuten einst gekentert und ertrunken waren, standen wir am Sonnendeck und fotografierten die „Tabula Traiana“. Diese hatte Kaiser Traian anno 100 n. Chr. zum Ruhm der römischen Donausüdstraße vom Badischen Hüfingen bis nach Konstantinopel in den Fels meißeln lassen. Wer vor 1989 die Grenzformalitäten des Realsozialismus vom vergleichsweise harmlosen „Adatlap“ (sapienti sat …) zur Einreise nach Ungarn über die steinernen Mienen tschechischen Personals bis zu den skandalösen Schikanen der DDR-Büttel erlebt hat, kann ermessen, was es bedeutet, so reisen zu können: Befreit von totalitären kommunistischen Regimes, deren Ideologie die Menschen versklavt und – aber Moment einmal, schön langsam … Am sechsten Tag erreichten wir nach der Ausschiffung mit Bussen Bukarest und näherten uns dem „Parlamentspalast“, vormals „Haus des Volkes“. Der Kommunistendiktator Nicolae Ceausescu hatte ihn in den Achtzigern als zweitgrößtes Gebäude der Welt nach dem Abriss von 40.000 Wohnungen errichten lassen. Seine „demokratischen“ Nachfolger bauten den frivolen Mist zum Parlamentsgebäude aus! Ehe wir den grauenhaften Bau, dessen Architektur an einen größenwahnsinnigen Eissalon erinnert, besichtigen durften, wurden wir von securitösen Uniformträgern aufgehalten, schikaniert und krötenlangsam kontrolliert. Ein Tourist wurde beinahe verhaftet, weil er den Souvenir-Shop in der Eingangshalle fotografiert hatte. So sieht auch die Politik in Ländern aus, in denen wir viele für Kommunistenvisagen gehalten hatten, die aber zur universellen Niedertracht jenseits der Ideologie gehören. Die Eisernen Tore sind noch da – und bisweilen schließen sie sich auch.
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Neues im Osten. 25 Jahre nach dem Fall Werner Sturmberger
Das Ende der Geschichte hat sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nicht eingestellt. Das Mantra der Alternativlosigkeit der freien Markt wirtschaft hat ein Ende der Ideengeschichte heraufbeschworen
Der Triumphalismus des Westens
Die Krise der Siebzigerjahre Fukuyama hat richtig beobachtet, dass sich die liberale Ideologie langsam von der zweiten Erdölkrise erholte, während andere Systeme wie das südafrikanische Apartheidsregime oder die Staaten des Sozialismus mit massiven Problemen konfrontiert waren. Anders als in der Volksrepublik China konnten diese Krisen in der Sowjetunion oder auch am Balkan nicht innerhalb des Systems bearbeitet werden und führten schließlich zum Kollaps. Für die Sowjetunion identifiziert Gerhard Mangott, Politikwissenschafter an der Uni Innsbruck, eine Kombination unterschiedlicher Problemfelder, die zum Niedergang geführt haben. Ein bedeutender Aspekt war die Wirtschaft, die seit Mitte der Siebzigerjahre stagnierte. „Die Jahre davor stabilisierte das autoritäre System die Tatsache, dass sich die Bevölkerung von ihrem Einkommen etwas leisten konnte. Das änderte sich nun rapide.“ Dieser wirtschaftliche Niedergang setzte weitere Entwicklungen in Gang, welche die Wirtschaftsleistung zusätzlich beeinträchtigten: Mangels Arbeitsplätze standen die Menschen um Lebensmittel an, Alkoholismus wurde zu einem endemischen Problem, die Streikhäufigkeit nahm zu. Hohe Verteidigungsausgaben und sinkende Rohölpreise setzten der sowjetischen Wirtschaft zu. Zugleich entwickelte die ethnonationalistische
Mobilisierung in einzelnen Sowjetrepubliken eine immer stärkere Eigendynamik. Besonders ausgeprägt war sie in Georgien, in den baltischen Staaten, die als erste ihre Unabhängigkeit erklärten, und in der armenisch-aserbaidschanischen Grenzregion Bergkarabach. Die überaltete Führungsriege der KPdSU fand auf die Krisen keine adäquate Antwort. Mit der Machtergreifung Gorbatschows kam noch einmal Hoffnung auf. Doch dessen Rückhalt in der Partei war äußerst fragil. In seinen Entscheidungen musste er zwischen dem progressiven und dem konservativen Flügel vermitteln. Mit der Politik der Transparenz, „Glasnost“, versuchte er Rückhalt in der Öffentlichkeit zu gewinnen und die konservativen Kräfte unter Druck zu setzen. Die öffentliche Kritik machte aber auch vor ihm selbst nicht halt. Der angestrebte Umbau des Sozialismus, die „Perestroika“, griff nicht. Mit „too little, too late“ beschreibt Mangott die Reformbestrebungen, die unter Zugeständnissen an die Konservativen litten. Die Wirtschaftsleistung sank weiter. Für die nationalistischen Sezessionsbestrebungen einzelner Republiken fehlte dem Sowjetbürger Gorbatschow jegliches Verständnis. Am Abend des 25. Dezember 1991 trat er als Generalsekretär der KPdSU zurück. Zum letzten Mal wehte die sowjetische Flagge über dem Kreml.
Vedran Dzihic, Österreichisches Institut für internationale Politik: „Es gibt in Europa keine einheitliche Entwicklung. Überall werden die Spaltungen, aber nicht die Konturen einer neuen Ordnung sichtbar“
Daniel Fuchs, University of London: „Spätestens seit der Wirtschaftskrise lautet eine der zentralen Fragen in China, wie man die starke Exportorientierung und die Außenabhängigkeit vom Weltmarkt überwinden kann“
Während in Russland ein ideologisches Vakuum entstand, gaben sich die politischen und wirtschaftlichen Eliten im Westen einem ungebremsten Triumphalismus hin. Das feindliche System war geschlagen, die kommunistische Utopie auf Jahre hinaus diskreditiert. Der mit den Wahlsiegen von Margaret Thatcher 1978 und Ronald Reagan 1980 auf den Weg gebrachte Neoliberalismus schien zu reüssieren. Fukuyamas These schien sich in vollem Umfang zu bewahrheiten. Der Autor selbst war davon überzeugt, wie sein 1991 erschienenes Buch „The End of History and the last Man“ zeigt. Das hatte aber auch eine Kehrseite: „Das zentrale und für die Einbindung der Bevölkerung essenzielle Feindbild kommt abhanden“, erklärt Benjamin Opratko, Hegemonie-Theoretiker an der Uni Wien. Ein Feindbild lässt sich in Fukuyamas Thesen zur universalistischen Ausbreitung von Demokratie und Marktwirtschaft nicht finden.
Das neue Feindbild: der Islam Das Feindbild findet sich in der kulturrassistischen Gedankenwelt seines ehemaligen Lehrers Samuel Huntington. In seinem „Clash of Civilzations“ ist die Welt in sich unversöhnliche gegenüberstehende Kulturkreise geteilt. „Die islamische Welt wird von konservativen Think-Tanks zum neuen Feindbild erklärt. Das hat militärisch-strategische Gründe, aber auch
mit dem Trauma der islamischen Revolution im Iran 1979 zu tun“, erklärt Opratko. „Der politische Islam wird als Herausforderung US-amerikanischer Herrschaftsansprüche gelesen. Was wirklich erstaunlich ist, ist wie rasch dieses ursprüngliche Feindbild der Rechten zu einem breit geteilten, rassistischen Diskurs werden konnte, an den unterschiedliche ideologische Positionen andocken können.“ Noch im Jahr 1988 kämpfte der Rambo in „Rambo III“ in Afghanistan an der Seite der Mudschahiddin gegen die verfeindeten Sowjets. Die Originalversion des Filmes endete mit den Worten: „Dieser Film ist dem tapferen Volk von Afghanistan gewidmet.“
Die sozialistische Marktwirtschaft Neben einem neuen Feindbild brachte der Fall des Eisernen Vorhangs aber auch neue Absatzmärkte. „Jene Teile der Welt, die vormals einer staatlichen Kommandowirtschaft unterstellt waren, werden nun zur Operationssphäre für jenes transnationale Kapital, das durch die Reformen der Siebzigerund Achtzigerjahre geschaffen wurde“, erklärt Opratko. Das traf nicht nur auf die Sowjetunion zu, sondern auch auf Südosteuropa, wovon auch österreichische Unternehmen, vor allem im Bankenwesen und im Bereich Telekommunikation, profitierten. Auch in China wurden mit Beginn der Neunzigerjahre unter dem Schlagwort „sozialistische Marktwirtschaft“ Liberalisierung und Öffnung der Märkte vorangetrieben. Ein Regimewechsel fand aber nicht statt. Der Neuausrichtung der Entwicklungsstrategie, die auf exportorientierte Industrialisierung setzte, gingen wirtschaftliche Probleme in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre sowie die massiven Proteste des Jahres 1989 voraus, die von weiten Teilen der urbanen Bevölkerung in Peking und anderen Städten getragen und schließlich von der Parteiführung blutig niedergeschlagen wurden. „Politisch führt das zunächst zum Erstarken des konservativ maoistischen Flügels innerhalb der Partei. Der Zusammenbruch der Sowjetunion wird aber als Fingerzeig verstanden. Das erleichtert es dem marktliberalen Flügel um Deng Xiaoping, die Neuausrichtung der Entwicklungspolitik auch gegen parteiinternen Widerstand durchzusetzen“, erläutert Daniel Fuchs, China-Experte und Doktorand an der School of Oriental and African Studies, University of London. Begleitet wurde diese Maßnahme von einer umfassenden markwirtschaftlichen Restrukturierung und Anpassung der staatlichen Industrie an privatkapitalistische Anforderungen. Die Mittel der Wahl waren Konkursverfahren und Privatisierungen, das Resultat belief sich in etwa auf 50 Millionen entlassene Arbeiterinnen und Arbeiter. Fortsetzung Seite 14
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as wir heute erleben, ist vielleicht das Ende der Geschichte als solcher, das heißt der Endpunkt der ideologischen Evolution der Menschheit und die Universalisierung der westlich-liberalen Demokratie als definitiver Regierungsform des Menschen“, orakelte der Stanford-Professor Francis Fukuyama im Sommer 1989 kurz bevor die Berliner Mauer fällt. Die Wendung vom Ende der Geschichte meint, dass der Systemkonflikt zwischen planwirtschaftlichem Staatskommunismus und kapitalistischer Demokratie zugunsten letzterer gelöst sei. Grundrechte, Rechtsstaat und freie Marktwirtschaft würden sich allmählich global durchsetzen und den Endpunkt der Entwicklung markieren. Dass es sich bei der Kombination von Marktwirtschaft und Demokratie um eine kontingente und nicht notwendige Verbindung handelt, hätte man aber bereits damals anhand der Experimente des Internationalen Währungsfonds in Pinochets autoritärem Chile erkennen können. Selbst in den „reifen“ westlichen Demokratien war man weit von der vollständigen Einlösung gesellschaftlicher Teilhabe und Anerkennung individueller Rechte entfernt: Das Gesellschaftsmodell ähnelt mehr einem Countryclub für reiche, weiße Männer als einer Party, auf der alle unabhängig von Geschlecht, Ethnie, Religion und sozialer Herkunft Spaß haben können.
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Friedrich Garmut vulgo Regent vor einem Grenzstein auf seinem Bauernhof. Dieses einsam gelegene Gehรถft an der slowenisch-รถsterreichischen Grenze in der Gemeinde Kapla war so geteilt, dass das Wohnhaus auf der einen Seite, der Stall jedoch auf der anderen Seite der Grenze lag.
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Neues im Osten Fortsetzung von Seite 12
Der neue russische Nationalismus Auch in Russland sichert die wirtschaftliche Entwicklung und die Möglichkeit auf gesellschaftliche Teilhabe an dieser die Mehrheitsfähigkeit des autoritären Herrschaftssystems. „Die Realeinkommen sind stark gestiegen. Gleichzeitig ist die russische Gesellschaft aber auch inegalitärer und unsolidarischer geworden“, sagt Gerhard Mangott. Während Putin zu Beginn seiner Amtszeit technokratisch agierte, forciert er nun zusehends unter Einbeziehung der orthodoxen Kirche einen russischen Nationalismus. Der richtet sich nicht an liberale Städter, sondern an sozialkonservative Personen. Die Botschaft lautet: Europa und der Westen hätten sich von den christlichen Werten des Abendlandes abgewandt. Nun läge es an Russland, diese zu verteidigen. Teil dieser „Verteidigung“ sind Einschränkungen der Rechte Homosexueller oder die Inhaftierung von Pussy Riot. Obgleich die aggressive Außenpolitik, wie sie aktuell in der Ukraine-Krise Ausdruck findet, auch andere Ziele verfolgt, dient sie gleichzeitig der Stärkung der nationalen Identität. In China ist diese negative Bezugnahme auf den Westen eher die Ausnahme. Dass der Staatspräsident Chinas, Xi Jinping, von einem, begrifflich an den „American Dream“ angelehnten „Chinesischen Traum“ spricht, ist kein bloßer Zufall, erklärt Fuchs: „Es wird ganz deutlich auf die Idee des individuellen Wohlstands durch Tüchtigkeit, Leistungsbereitschaft und Unternehmertum angespielt. Der American Way of Life gilt unter der urbanen Bevölkerung als etwas Erstrebenswertes.“ Ähnlich wie in Russland wird auch in China die nationale Identität über das Narrativ der Wiedererlangung alter Stärke vermittelt. Dabei kommen ideologische Versatzstücke wie das Konzept der „harmonischen Gesellschaft“ zum Tragen. Dies transportiert nicht nur konfuzianische Vorstellungen von gesellschaftlicher Ordnung, sondern muss auch als Reaktion des Staates auf die Zunahme sozialer Proteste betrachtet werden. „Konfrontiert mit Streiks in den Exportindustrien, mit Umweltkonflikten und Protesten ethnischer Minderheiten wurde der Parteistaat in den 2000er-Jahren auch von unten zu Reformen gedrängt – etwa im
Innsbruck: „Der individualisierten Leistungsethik des Westens hält Putin ein paternalistisches Gemeinschaftsideal mit dem Staat in einer Fürsorgerrolle entgegen“
Benjamin Opratko, Universität Wien: „Das Versprechen des Neoliberalismus, Leistungsbereitschaft zu honorieren, spielt nur mehr in seiner pathologisierten Variante, den CastingShows, eine Rolle. Mit der Wirklichkeit hat das nichts mehr zu tun“
ereich der Arbeitspolitik und hinsichtlich B der Versuche, die staatlichen Gewerkschaften zu reformieren“, sagt Fuchs. Unstrittig ist für ihn daher einerseits, dass die gegenwärtigen sozialen Unruhen die chinesische Politik beeinflussen, andererseits aber auch, dass die Kommunistische Partei in ihrem Rahmen autoritärer Staatlichkeit sehr innovativ agiert, um ihre Machtposition zu stabilisieren.
Stagnation in Südosteuropa Die Kritik des kapitalistischen Westens an China oder Russland basiert auf bestimmten Vorstellungen einer liberalen Demokratie unter kapitalistischen Verhältnissen, blendet eigene autoritäre Entwicklungen aber häufig aus. Der Beifall, den die wirtschaftlichen Kennzahlen dieser Regime auch im Westen ernten, zeigt, dass der Kapitalismus mit autoritären Führungsprinzipien auch in den reifen Demokratien eine gewisse Ausstrahlungskraft besitzt. Umso mehr trifft das für Staaten zu, die weder über eine demokratische Tradition noch über ein vergleichbares Wirtschaftswachstum verfügen, also etwa die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens. Durch die Kriege setzen die Demokratisierungs- und von der EU geleiteten Assoziierungsprozesse erst verspätet ein. „Die gesamte Region wird an die Kopenhagener Kriterien und damit an ein spezifisches Leitbild für die Organisation von Wirtschaft und Demokratie gebunden. Ab diesem Moment beginnt für diese Staaten auf dem Weg in die EU das Drücken der Schulbank. Für die, die Kriterien umsetzen, winkt am Ende als Belohnung die Mitgliedschaft in der Union“, erklärt Vedran Dzihic, Südosteuropa-Experte am Österreichischen Institut für internationale Politik. Während Slowenien auf Anhieb und Kroatien mit Anlauf den Weg in die EU gefunden haben, gibt es auch Staaten, in denen die Prozesse stagnieren: Bosnien, Mazedonien oder der Kosovo. Ein Grund dafür ist die Wirtschaftskrise von 2008. Sie trifft viele Staaten mitten im Assoziierungsprozess und modifiziert dessen Zielvorgaben. „Das nährt einerseits Zweifel am Modell des Westens und sorgt für eine gewisse Müdigkeit in Bezug auf den Prozess der Annäherung an die EU, während gleichzeitig das Gesellschaftsmodell der semi-demokratischen bzw. autoritären Systeme wie in Russland, Ungarn oder in der Türkei für lokale Eliten zunehmend an Reiz gewinnen“, so Dzihic. Als positiven Bezugspunkt erkennt er auf kultureller Ebene etwas, das er „Jugosphären“ nennt: „Film, Theater, Musik und freundschaftliche Beziehungen quer durch die Region schaffen trotz der politischen Zersplitterung so etwas wie eine subkutane Einheit.“ Gleichzeitig würde man auch in Ansätzen all das finden, was es auch im Rest Europas gibt: emanzipatorische Bewegungen, anti-neoliberale Diskurse, aber auch Rückwärtsgewandtheit und Nationalismus. „Es ist ein ideologischer Schrebergarten: Vieles breitet sich aus, vieles wuchert,
vieles vergeht wieder“, erklärt Vedran Dzihic. Die Möglichkeit zu einer eigenständigen Erzählung oder Ideologie sieht er in der Region, die noch so stark mit sich selbst beschäftigt ist, nicht gegeben. Aber auch global sei sie für ihn nicht erkennbar.
Austerität statt Alternativen Zwei Krisen später (Dotcom-Blase 2000, Banken- und Finanzkrise 2008) sah es auch in den kapitalistischen Zentren des Westens für einen kurzen Moment nach einer Abkehr von neoliberalen Dogmen aus. Schlussendlich setzten sich aber in Europa und den USA wieder die Kräfte durch, die schon zuvor von der neoliberalen Politik profitiert hatten. Statt Alternativen gibt es nun Austerität. „Dieses Programm beinhaltet im Grunde nichts anderes als das, was davor in die Krise geführt hat, noch einmal zu verschärfen und als Lösung zu verkaufen“, sagt Opratko. Die Eckpfeiler dieses am Exportwunder Deutschland orientierten Konzepts identifiziert er als Kürzung von Staatsausgaben, Privatisierung und Abbau sozialer Infrastruktur, Lohnzurückhaltung und Exportorientierung statt Binnenkonsum. „Das wird als Patentrezept verkauft und vor allem in den Ländern, die am stärksten von der Krise betroffen sind, also Griechenland, Spanien, Italien und Portugal, unter verheerenden sozialen und menschlichen Kosten durchgesetzt – teilweise mit autoritären, undemokratischen Mitteln.“
Ende des Wirtschaftswachstums Dort, wo das Ende der Geschichte seinen Ausgang nahm, scheint man nun am Ende des Wirtschaftswachstums angekommen zu sein. Der Fetisch des Wirtschaftswachstums und die Abhängigkeit von diesem, um Zustimmung zu organisieren, ziehen sich durch alle Herrschaftssysteme, Parteien und politischen Lager. Einigender als dieser Faktor scheint nur noch die Ratlosigkeit darüber zu sein, was an seine Stelle treten könnte. Dass man sich darüber Gedanken machen sollte, legen nicht nur gesättigte Märkte, sondern auch zur Neige gehende Rohstoffe nahe. Eine große positive Erzählung, die Alternativen schaffen könnte, ist aber nicht in Sicht. Sogar ihre kleinere Version, nämlich die Hoffnung, dass es der nächsten Generation einmal besser gehen werde, ist verschwunden. Denn die Beteiligung der Bevölkerung am ohnehin schwächelnden Wirtschaftswachstum wurde faktisch aufgekündigt. „Die neoliberale Phase hat es weitgehend geschafft, eine Alternativlosigkeit, die sie permanent wiederholt hat, auch in den Köpfen der Menschen herzustellen. Das ist Teil ihres Herrschaftsmodells“, sagt Opratko. Er erinnert an ein Zitat Slavoy Zizkeks: „Schaut euch die Filme an, die wir die ganze Zeit sehen. Es ist einfach, sich das Ende der Welt vorzustellen: einen Asteroiden, der alles Leben zerstört und so weiter. Aber das Ende des Kapitalismus könnt ihr euch nicht vorstellen.“
Fotos: Celia di Pauli, reinhard l ang
Die Entwicklungen in den kapitalistischen Zentren im Westen und in China ergänzten sich: Produktionskapazitäten wurden im Westen abgebaut und in China geschaffen. „Die ausländischen Direktinvestitionen steigen ab 1992 deutlich an und sorgen für enormes Wirtschaftswachstum. Obwohl sich Ende der Neunzigerjahre erneut massiver Protest gegen die Privatisierung der staatlichen Industrie formiert, gelingt es der Partei vorerst mit der Durchsetzung kapitalistischer Produktionsverhältnisse, den Lebensstandard der urbanen Mittelklassen zu verbessern und damit deren Unterstützung für die Parteiherrschaft zu Gerhard Mangott, Universität sichern“, erklärt Fuchs.
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Robert Ospald floh1986 in der Nähe von Haugsdorf mit einer selbst gebauten Seilbahngondel über die Starkstromleitung aus der ehemaligen Tschechoslowakei nach Österreich.
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Auf dem Weg zur neuen Ordnung Interview: Elisabeth Schepe
Der Historiker Philipp Ther über den Wandlungs prozess in Osteuropa nach dem Fall des Eisernen Vorhangs
Falter Heureka: ,Alternativlos‘ ist einer der
zentralen Begriffe in Ihrem Buch. Was bedeutet er? Philipp Ther: ,Alternativlos‘ ist zu einem politischem Ersatzbegriff geworden. Man setzt ihn ein, wenn politische Maßnahmen, darunter auch neoliberale Reformen, politisch schwer zu begründen sind. Der Begriff geht auf die frühen Achtziger zurück, und zwar auf Margaret Thatcher. Sie wollte damit ihre neoliberale Wirtschaftsreformen, also Privatisierung, Deregulierung und Liberalisierung verkaufen. Ihre Strategie hatte den Spitznamen TINA: There Is No Alternative. Diese Floskel kehrt dann bei den neoliberalen Reformen Anfang der Neunziger in den postkommunistischen Staaten wieder. Sie wurde damals auch in Fällen angewendet, bei denen es de facto schon Alternativen gegeben hätte. Sie sprechen von der Selbsttransformation der Gesellschaft. Was ist das? Ther: Es geht mir um die Betrachtung der Transformation „von unten”. Nicht:
Philipp Ther, Uni Wien: „Die 89er hatten keine gemeinsame politische Programmatik wie die 68er. Das kann man auch positiv sehen: Wenn damals alle das gleiche gewollt hätten, gäbe es heute keine so pluralistische Gesellschaft.“
„,Alternativlos‘ ist zu einem politischen Ersatzbegriff geworden. Man setzt ihn ein, wenn politische Maßnahmen schwer zu begründen sind“ Philipp ther
Was machen die Reformen mit den Menschen? Sondern: Was machen die Menschen eigentlich mit den Reformen und dieser neoliberalen Politik? Wie gehen sie mit den Herausforderungen eines Umbruchs um, der zum Teil den ganzen Alltag auf den Kopf gestellt hat? Eine Anpassungsleistung ist etwa die massenhafte Emigration. Der Sozialstaat existiert nach der Krise von 2008/09 in einigen Ländern fast gar nicht mehr. Also passt man sich den Gegebenheiten an und wird so mobil wie das Kapital und die Waren. Das ist im Grunde genommen eine Reaktion im Sinne des neoliberalen Systems. Sie wählen verschiedene Herangehensweisen an Räume: Ostmitteleuropa,
Nationalstaaten, Regionen und Städte. Welche Ebene ist für die historische Untersuchung der Transformation sinnvoll? Ther: Meistens bekommt man im Bereich der Transformationsforschung gesamtstaatliche Daten. Nur, wie aussagekräftig sind die, wenn wie in Polen kurz nach 2000 die Hauptstadt ein sechsmal so hohes Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner erwirtschaftet wie die ärmsten Gegenden des Landes? Der Großraum Bratislava hat heute ein höheres BIP pro Kopf als Wien. Zwischen Bratislava und der Ostslowakei oder Orten nur 50 Kilometer außerhalb der Stadt jedoch liegen Welten. Das ist das Problem: Länderdaten sind wichtig, sie bestimmen die Wirtschaftspolitik eines Landes. Besonders interessant waren für mich aber regionale und lokale Daten. Was bedeutet es für einen H istoriker, ein zeitlich naheliegendes Thema wie das Jahr 1989 zu behandeln? Ther: Ich habe immer versucht, meine persönlichen Erfahrungen zu überprüfen. Die Erlebnisse dienten eher als Anregung, in welche Richtung ich forschen möchte. Ein Nachteil ist, dass viele Prozesse noch nicht abgeschlossen sind. In solchen Fällen wird der Historiker quasi zum Chronisten. Nun, da Putin mit seiner Aggression an den Grundfesten jener Ordnung rüttelt, die 1989 geschaffen wurde, könnte man vielleicht sagen, dass das Zeitalter der Transformation abgeschlossen ist. Aber man weiß es noch nicht genau. Eine endgültige Interpretation ist jedenfalls erst dann möglich, wenn der zeitliche Abstand länger ist. Zu den Vorteilen gehört, dass die Prozesse noch gegenwärtig sind. Man kann zum Beispiel mit Zeitzeugen reden. Zwar sind führende Oppositionelle von 1989 wie Václav Havel, Tadeusz Mazowiecki oder Bronislaw Geremek schon gestorben. Es gibt sehr viele Demonstranten von 1989, die sich heute schon im Rentenalter befinden. Aus der Perspektive der Oral History und alternativer Zugänge ist es also höchste Zeit, über das Jahr 1989 zu sprechen.
„1989 war eine verhandelte Revolution. Das war vor allem die Leistung der Opposition“ Philipp ther
Buchtipp: Philipp Ther. Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent – Eine Geschichte des neoliberalen Europa. Suhrkamp 2014. 432 Seiten
Sie nennen 1989 eine ,verhandelte Revolution’. Warum wählen Sie diesen Begriff? Ther: Frühere Revolutionen wie die französische oder die russische waren sehr gewaltvoll, symbolisiert etwa durch den Sturm auf die Bastille oder das Winterpalais. Sie zeugten von massiver Zerstörungswut. Das fehlt beim Ausbruch der Revolution 1989 und auch bei ihrem Fortgang weitgehend – mit Einschränkungen: In Prag wurden im
November 1989 noch Demonstrationen niedergeknüppelt. In Litauen, Georgien und Rumänien gab es Tote. Trotzdem war die Gewalt gering – oder eher ein Mittel der Gegenrevolution. Stattdessen gab es den Runden Tisch. Den haben sich wie so vieles die Polen ausgedacht. Das Regime war am Ende und wusste, es muss einen Kompromiss eingehen. Dass es die Macht verlieren würde, hat niemand geahnt. Am Runden Tisch haben Opposition und Regierung das erste große Reformprogramm verhandelt und sich auf freie Wahlen geeinigt. Diese hat dann die Opposition haushoch gewonnen. Eine Verhandlungslösung setzt jedoch Vertrauen auf beiden Seiten voraus. Wenn man so will, ist das die historische Leistung vor allem der Opposition – und in eingeschränktem Maße auch der Regierenden. 1989 hat gezeigt, dass Gewalt kein revolutionäres Mittel ist. Auch, dass sie leicht
„1989 hat für Teile Europas einen tieferen Einschnitt bedeutet als 1968. Die Euphorie auf den Straßen gab es aber nur zwei oder drei Monate lang“ Philipp ther
nach hinten losgehen kann. Oder bloß für den eigenen Machterhalt eingesetzt wird wie in Rumänien oder am Tian’anmen Platz in Peking. Die Phänomene Revolution und Gewalt kann man trennen. Warum gibt es keine sogenannte 89erGeneration, vergleichbar mit den 68ern? Ther: 1989 hat für große Teile Europas einen tieferen Einschnitt bedeutet als 1968. Die Euphorie auf den Straßen gab es aber nur zwei oder drei Monate lang. Dann waren die Menschen sehr schnell mit dem alltäglichen Überleben beschäftigt. Da hatte man keine Zeit für Versammlungen und Reden. Die Herausforderungen waren so übermächtig, dass sich kein generationelles Bewusstsein herausbilden konnte. Außerdem waren 1989 fast alle Generationen auf der Straße – anders als 1968. Beigetragen hat sicher auch die große Ernüchterung. Besonders aufgefallen ist mir das in Prag, als ich 1999 zum zehnjährigen Jubiläum dort war. Es wurde ein Kranz niedergelegt, wo damals Studierende niedergeschlagen wurden, aber es herrschte keinerlei Feierstimmung. Obwohl sich die wirtschaftliche Lage gebessert hatte, spürte man keine Euphorie, sondern Enttäuschung. Auch gibt es von den 89ern keine gemeinsame politische Programmatik wie damals bei den 68ern. Das kann man aber auch positiv sehen: Hätten damals alle das gleiche gewollt, gäbe es heute keine so pluralistische Gesellschaft.
FOTO:Barbara Mair
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n seinem neu erschienenen Buch „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent – Eine Geschichte des neoliberalen Europa“ beschreibt der Historiker und Kulturwissenschafter an der Universität Wien Philipp Ther, wie die postkommunistischen Staaten ab 1989 zu einem Experimentierfeld neoliberaler Reformen wurden. Er analysiert die Transformation seit dem Umbruch von 1989 und die über den ehemaligen Ostblock und das 20. Jahrhundert hinausgehenden Folgen.
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Grenzübergang von Schaditz (Österreich) nach Hluboká (Tschechische Republik).
Der Friedhof von Schaditz liegt im Niemandsland zwischen Österreich und der Tschechischen Republik.
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Neues im Osten
Osteuropa und die Roma Sabine Edith Braun
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Stellen Sie sich die EU 2014 vor“, sagt Michal Růžička. „Menschen leben in rassisch getrennten Bereichen in illegalen Holzbaracken, ohne Zugang zu Strom, Gas oder Fließwasser.“ Der Soziologe Růžička hat zwölf Jahre lang das Leben von Romafamilien in tschechischen Städten und ländlichen Gegenden der Ostslowakei erforscht, etwa auch in einer Zigeunersiedlung in der Zips-Region.
Die Roma in der Slowakei In der Slowakei wurden die Roma 1958 zu gleichberechtigten sozialistischen Bürgern – auf Kosten kultureller Bedürfnisse: Romanes galt als Dialekt, seine Verwendung war untersagt. „Vor dem Gesetz waren die Roma Gleiche unter Gleichen geworden, aber nur unter der Bedingung, daß sie auch keine Besonderen mehr sein durften“, schreibt Karl-Markus Gauß in seiner Reportage „Die Hundeesser von Svinia“. „Aus historischer Perspektive müssen wir den Staatssozialismus in Osteuropa als erstes polit-ökonomisches Regime der Geschichte sehen, das die Roma systematisch in ihren sozioökonomischen Rahmen ‚integrieren‘ oder ‚assimilieren‘ wollte“, sagt Růžička. „Aber schon zuvor verfolgten die Staaten – auch in den ‚demokratischen‘ Regimes der Zwischenkriegszeit – eine offen antiziganistische Politik.“ Růžička hält dazu ein Seminar an der Uni Wien ab. „Es überrascht mich immer noch, wie wenig die Mehrheit der Bevölkerung über die Lebensbedingungen und
Romadecade.org, ein Zusammen schluss von Organisationen und Regierungen, strebt die Inklusion europäischer Roma an. 2015 geht die erste „Roma-Dekade“ zu Ende
Das Jahrzehnt der Roma
www.romadecade.org
Die Vergessenen Interview: Elisabeth Schepe
Falter Heureka: In welcher Art und Weise wollen Sie als Roma-Historiker den Schwerpunkt im DÖW ausbauen? Gerhard Baumgartner: Ein großes Anliegen ist die Aufklärung, was mit den 5.000 Burgenland-Roma geschehen ist, die nach Łódź(polnisches Getto nahe dem Vernichtungslager Chełmno) gekommen sind. Dazu haben wir neue Dokumente gefunden, und das Bild lichtet sich langsam. Wir können mittlerweile 2.000 der 5.000 Personen, vor allem jene, die aus dem Bezirk Oberwart mit Deportationszügen nach Łódź gebracht wurden, identifizieren. Dann werden wir 2015 in Zusammenarbeit mit der österreichischen Botschaft in Warschau und dem Kulturverein österreichischer Roma im polnischen Vernichtungslager Chełmno einen Gedenkstein errichten. Dort sind die meisten Deportierten aus Łódź umgebracht worden und liegen in einem Massengrab. Auch gibt es keine Monografie über Lackenbach (das Lager für Roma und Sinti im Burgenland). Ich bin dabei, die verfügbaren Materialien zu sichten.
die Geschichte einer der größten staatenlosen Minderheiten Europas weiß“, erklärt er die Idee zum Seminar. Es soll eine Plattform für interdisziplinären Diskurs und die multiperspektivische Erforschung der fortgeführten Roma-Marginalisierung sein. Seit Mitte der Neunzigerjahre gebe es Zugang zur immer noch wachsenden Zahl von Berichten und Studien von Amnesty International, Weltbank und anderen NGO, die die prekäre Situation der Roma in den postkommunistischen Ländern aufzeigten, wie Růžička betont. Im Jahrzehnt nach 1989 habe sich deren Ausgrenzung noch vertieft. „Das war die Zeit, als die negativen Konsequenzen des Umbruchs – Langzeitarbeitslosigkeit, niedrige Bildungsabschlüsse, Diskriminierung und Ausschluss vom Wohnungsmarkt – ein ‚ethnisches‘ Problem wurden, das sich auf kleine, abgeschlossene Roma-Communities konzentrierte.“
Der neue Leiter des DÖW, Gerhard Baumgartner, über die Verfolgung der Roma und Sinti während der Nazis und die Folgen
2005 wurde die Dekade der Roma-Inklusion 2005–2015 gestartet, ein „einzigartiges politisches Bekenntnis europäischer Regierungen, um die Diskriminierung der Roma zu beseitigen und die inakzeptable Kluft zwischen Roma und dem Rest der Gesellschaft zu schließen“, wie es auf der Webseite heißt. Die Bereiche, bei denen Romadecade.org ansetzt, sind Bildung, Arbeit, Gesundheit und Wohnen. Regierungen und NGOs arbeiten dabei mit Unterstützung der EU ebenso zusammen wie RomaVereine. Zwölf Länder mit beträchtlichen
Eine laufende DÖW-Studie b eschäftigt sich mit den Auswirkungen des Holocaust auf die Schul- und Berufssituation der Roma und Sinti. Baumgartner: Im Burgenland gab es nach 1945 unter den Roma und Sinti eine sehr schlechte Schul- und Berufsausbildungssituation. Wir sind daran zu beweisen, dass das aus der Verfolgung während des Nationalsozialismus resultiert. Die meisten der Überlebenden kamen im Jugendalter ins KZ. In den Jahren davor war ihnen ein Schulbesuch verboten. Nach 1945 ergab sich daraus eine extrem hohe Analphabetenquote. Auch herrschten katastrophale Wohnsituationen und ärmliche Verhältnisse. Viele Kinder sind im Unterricht nicht mitgekommen und wurden schnell in die Sonderschule abgeschoben. 1995 schüttelte das Attentat in der Roma-Siedlung in Oberwart die Regierung wach: Zu diesem Zeitpunkt gab es dort keine einzige Person mit Schul- oder Berufsabschluss. Man installierte eine außerschulische Lernbetreuung für die Kinder – ein absolutes Erfolgsrezept. Die Roma-Siedlung Oberwart war eigentlich ein Zusammenschluss von zerstreuten, traumatisierten Holocaust-Opfern, die sich in dieser Siedlung zusammenfanden. Kein Wunder, dass dort die Situation
Roma-Gemeinschaften sind beteiligt: Albanien, Bosnien, Bulgarien, Kroatien, Tschechien, Ungarn, Mazedonien, Montenegro, Rumänien, Serbien, die Slowakei und Spanien. 2010 zeigte ein Bericht, dass die Regierungen kaum Daten zur Ausgrenzung – und schon gar nicht zur Integration – liefern. „Dieser Datenmangel steht“, findet Michal Růžička, „symbolisch für die Bereitschaft und das Engagement der Regierungen, das Thema Roma voranzubringen“. Was wurde bisher erreicht? Das Bewusstsein sei geschärft worden, so romadecade.org. Wichtig sei auch der Dialog: Vermehrt nahmen Roma-Vertreter an Diskussionen zu Themen teil, die sie selbst betrafen. Die Dekade initiierte in einigen Vorzeigeregionen die Teilnahme an der Vorschulerziehung, auch wurden Schulstipendien im mittleren und höheren Bildungsbereich vergeben. Dennoch seien die Ziele laut Romadecade. org teils zu ambitioniert gewesen. Es fehlten die Mechanismen, die sicherstellen, dass Regierungen angekündigte Zugeständnisse dauerhaft umsetzen. Auch sei strukturelle Diskriminierung oft hinderlich. Was fehle, so Michal Růžička, seien Basisdefinitionen wie etwa die Frage, was genau man unter (sozialer) Inklusion bzw. Integration verstehe. „Der inhärente Widerspruch im Projekt zur Roma-Integration zeigt sich im Widerspruch zwischen politischer Rhetorik von oben und populistischer antiziganistischer Politik von unten.“
am schlimmsten war. Es hat sich ja kein Mensch mit den Überlebenden befasst. Wie wird die private Gedenkkultur abseits von offiziellen V eranstaltungen in den Roma-Gemeinden sichtbar? Baumgartner: Gleich nach dem Krieg gab es einige Lieder über die Vernichtung in den Lagern, die Verschleppung der Angehörigen. Eines der bekanntesten ist ‚Auschwitzate hi kher baro – In Auschwitz gibt’s ein großes Haus’. Wie andere Überlebende des Holocaust wollten viele nicht darüber reden und vor allem ihre Kinder nicht damit belasten. Es dauerte sehr lange, bis die Überlebenden-Generation ihr Schweigen gebrochen hat. Es gab viele Ängste, wieder verfolgt zu werden, wenn man den Mund aufmache. Und man muss aber auch sagen: Das wollte auch keiner hören. Was noch dazu kommt: Leider wissen die meisten der heute lebenden Roma nicht, wo ihre Angehörigen umgebracht wurden. Österreich ist das einzige Land in Europa, das eine Namensdatenbank der Roma und Sinti unter den Holocaustopfern erstellt hat, doch die wenigsten der Nachkommen wissen, dass das größte Massengrab österreichischer Roma in einem Wald im heutigen Polen liegt, in Chełmno.
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NEUES IM OSTEN
Am Grenzübergang zwischen Schrattenberg und Valtice befindet sich ein Museum des Eisernen Vorhangs, in dem am 30. Dezember 2013 ein LaienTheaterstück zu einem Thema der Grenze aufgeführt wurde. Ein Darsteller in seinem Kostüm steht im heute zum Teil desolaten ehemaligen Grenz- und Zollgebäude, in dem das Museum untergebracht ist. Die beiden Herren am Titelbild sind ebenfalls Mitwirkende in diesem Stück.
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Neues im Osten
Vom Grenzsee zum Surfparadies Sonja Burger
Ein Passierschein für den Neusiedler See Heute kaum vorstellbar, dass es Zeiten gab, als Bewohner des damaligen Ödenburg (Sopron) einen Passierschein benötigten, um sich beim See aufhalten zu dürfen. Bis vor 25 Jahren trennte der „Eiserne Vorhang“ West- und Osteuropa: Ein Teil der Grenze verlief durch den Neusiedler See. Die Ungarische Volksarmee kontrollierte zwischen 1948 und 1989 ein „kombiniertes Landes- und Seegrenzgebiet“. In den Jahrzehnten davor stand es um die Zukunft des Neusiedler Sees aus anderen Gründen nicht gerade rosig. Ein Experte auf diesem Gebiet ist der in Budapest geborene Historiker Sándor Békési, Kurator am Department Stadtentwicklung und Topografie des Wien Museums: „Erst nach 1945 setzte sich der Erhaltungsgedanke langsam durch. Ein naturnaher See statt Ackerflächen und Fischteiche, so wurde dessen Zukunft letztlich skizziert.“ Die Bewertung des Steppensees mit seiner geringen Tiefe, dem trüben Wasser und dem Salzgehalt wandelte sich im Lauf der letzten 200 Jahre und war lange ambivalent. Der Gegensatz zwischen dem „touristischästhetischen Diskurs und der utilitaristischtechnischen Landschaftskonzeption“ wird für den Historiker Békési dadurch deutlich, dass es fast gleichzeitig mit der touristischen Entdeckung der Landschaft auch Bestrebungen gab, sie radikal zu verändern, etwa durch Trockenlegung des Sees.
Als der See einmal ganz trocken war Zu Ungarn gehören rund ein Viertel der Seefläche oder 75 Quadratkilometer sowie das einzige Ableitungssystem im Südosten des Sees, der Einser-Kanal (Hanságifőcsatorna). Noch bis zum Ersten Weltkrieg war der Hanság ein riesiges Überschwemmungsgebiet. Der Wasserstand des Neusiedler Sees hängt zu 80 Prozent vom Niederschlag ab. So wechselten sich Hochwasserphasen mit Zeiten ab, in denen der See fast völlig austrocknete, etwa zwischen den Jahren 1864 und 1870. 1895 begann der Bau des Einser-Kanals. 1910 war der 35 Kilometer lange Kanal fertig. Er verringerte den Wasserstand zwar erheblich, trug jedoch stark zur Verschilfung bei. Seit 1956 gilt zwischen Österreich und Ungarn eine zwischenstaatliche Schleusenregelung. Extreme Wasserschwankungen
Ungarische und österreichische Wissenschafter an einer ehemaligen Grenze: dem Neusiedler See. Gemeinsam erforschen sie seine Entwicklung
Sándor Békési, Wien Museum: „Fast gleichzeitig mit der touristischen Entdeckung des Neusiedler Sees gab es auch Bestrebungen, ihn völlig trocken zu legen“
gehören seither der Vergangenheit an, und der Wasserpegel wurde wieder angehoben: Beides Voraussetzungen für die heutige Popularität und touristische Nutzung des Neusiedler Sees.
Das Wissen über das Schlammvolumen „Der Neusiedler See hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg auf beiden Seiten völlig unterschiedlich entwickelt“, sagt Géza Király, Forstingenieur mit Spezialisierung auf Fernerkundung am Department of Surveying and Remote Sensing der University of West Hungary. Die Universität ist wissenschaftlicher Projektpartner der BOKU Wien im Rahmen des Forschungsprojekts „GeNeSee – Geodätische Neuerfassung des Systems Neusiedler See – Hanságkanal“. Es wird zu 85 Prozent durch Mittel des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung gefördert. Mit Ende des Jahres soll das mehrjährige Projekt abgeschlossen sein. Bereits zum zweiten Mal – beim ersten Mal im Jahr 1997 wurde mit der TU Wien kooperiert – führen Forscher der University of West Hungary mit heimischen Forschern Seevermessungen durch. Wesentlicher Unterschied: der höhere Detaillierungsgrad. Dadurch wollen die Forscher eine fundierte Datengrundlage, etwa zur Klärung der Verschlammung. „Das Wissen über das heutige Schlammvolumen ist für die Wasserbilanz-Überprüfung extrem wichtig. Jedem Seepegel ist ein bestimmtes Wasservolumen zugeordnet, das sich dadurch genauer bestimmen lässt“, erklärt Gerhard Kubu, Kulturtechniker und Hydrologe am Institut für Meteorologie der BOKU Wien. Die Verschlammung ist für beide Seiten ein drängendes Problem. So habe sich laut Kubu etwa gezeigt, dass sich „das Schlammvolumen zwischen den letzten beiden Seevermessungen von 1963 und 1985 bis 1988 im österreichischen Teil des Sees auf 150,17 Millionen Kubikmeter nahezu verdoppelt hat“. Für Király ist die Erhebung der aktuellen Schlammablagerungen und der Vergleich mit früheren Seevermessungen, die in Ungarn 1967 beziehungsweise zwischen 1991 und 1994 stattfanden, wichtig, um den Ablagerungsprozess im Zeitverlauf im stark betroffenen Hanság abschätzen zu können und Lösungen zu finden, speziell für die Hochwasserkontrolle.
Aus der Luft den See vermessen Die jahrzehntelange Trennung von Ost und West hatte jedoch Spuren hinterlassen. Die Unterschiede, etwa die Detailliertheit oder Vergleichbarkeit der Daten betreffend, stellte die Forscher vor Herausforderungen. Neu war unter anderem, dass erstmals der Hanság-Kanal berücksichtigt wurde: Etwa bei der Erstellung eines hochgenauen
eländemodells vom Seeboden auf ungaG rischer Seite und dem Hanság-Kanal mittels Airborne Laserscanning, das für den österreichischen Teil des Sees bereits existiert. Bei der Erfassung des Schlammvolumens betraten die Forscher Neuland. Viel Einfallsreichtum war nötig, um hydroakustische Messungen mit verschiedenen Frequenzen überhaupt durchführen zu können, denn bei einer Wassertiefe von rund 1,6 Metern sind gängige Echolot-Messungen der freien Wasserfläche nicht möglich. „Wir nutzten die Erfahrungen von Hydrologen der Hafencity Universität Hamburg. Dort hatte man eine Methode entwickelt, mit der man in flachem Gewässer hydroakustische Messungen realisieren kann“, berichtet Kubu. Fehlte nur noch das passende Boot: Hier gab es Unterstützung seitens der Biologischen Station Neusiedler See, die eines ihrer Boote umbaute. Um die Verschlammung im Schilfgürtel zu messen, waren laut Kubu allein im österreichischen Teil an rund 3.000 Stellen Messungen notwendig. Dafür befuhren die Forscher den See mittels Zille.
Wo Reste des Eisernen Vorhangs liegen Heute, 25 Jahre nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“, können die Forscher zu beiden Seiten des Neusiedler Sees am gleichen Strang ziehen. Ein besonders schwieriges Erbe sind die verschiedenen geodätischen Systeme: In Österreich wird Meter über Adria verwendet, während in Ungarn das baltische Höhensystem (Kronstädter Pegel) gilt. Für den Ungarn Géza Király sticht die langjährige Zusammenarbeit in punkto Wassermanagement positiv hervor. Dennoch gebe es seiner Ansicht nach noch immer Bereiche, „in denen die Reste des Eisernen Vorhangs noch zerstört werden sollten“. Apropos Überbleibsel: Was blieb von jener Zeit, die für Békési das ungarische Seeufer zum „toten Winkel“ machte? An die Grenze, die in den Fünfzigerjahren vermint und später unter anderem durch ein elektrisches Signalsystem kontrolliert wurde, erinnert neben vereinzelten Wachtürmen, die heute als Aussichtstürme genützt werden, nur mehr wenig: Wie der Nachbau der „Brücke von Andau“ über den Einser-Kanal, wo im Zuge des Ungarn-Aufstands 1956 rund 200.000 Flüchtlinge nach Österreich kamen, oder ein Platz in Kroisbach (Fertőrákos) an das Paneuropäische Picknick vom August 1989. Viele Relikte wanderten in Museen und Privatsammlungen. Heute ist der Neusiedler See ein von Menschen überformter Steppensee – Naturraum und Kulturdenkmal. Und nicht zuletzt eine Verbindung zwischen Nachbarn, die sich die Verantwortung für seinen Erhalt und seine Zukunft nun auch auf wissenschaftlicher Ebene teilen.
Foto: Privat
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5.000 Besucher zogen heuer im Frühling nach Podersdorf am See. Hier wollten sie die weltbesten Windund Kitesurfer beim Surf Worldcup bestaunen. Seit 1998 zählt dieses Event zu den Saison-Highlights und ist eine der vielen Facetten der UNESCO-Welterbe-Kulturlandschaft Fertő/Neusiedler See. Touristisch, ökologisch und politisch blickt man hier auf eine wechselhafte Geschichte zurück.
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Neues im Osten
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Neues im Osten: Das Glossar
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Freistetters Freibrief
Nix deutsch!
Jochen Stadler Florian Freistetter
Abstimmung mit den Füßen
Bevor die Berliner Mauer auch diese Form einer freien Entscheidung verhindern konnte, ‚wählten‘ viele DDRDeutsche eine demokratische Regierung durch Auswandern in die BRD. Aktion Ungeziefer
Deckname für Zwangsumsiedelung ostdeutscher Familien aus grenznahen Gebieten in das Landesinnere, wenn sie als „politisch nicht zuverlässig“ und daher „fluchtgefährdet“ galten. Geschah meist per Güterwaggon und mit behördlicher Rufschädigungen bei den neuen Nachbarn, indem man diesen erklärte, dass es sich bei den Neuankömmlingen um Kriminelle handle. Antifaschistischer Schutzwall DDR-Propagandaausdruck für Sta-
cheldrähte, Mauern, Minenfelder und Selbstschussanlagen. Begrüßungsgeld
Weil die zunächst seltenen ostdeutschen und polnischen Besucher kaum Geld mitnehmen durften, um den Kapitalismus auszukosten, drückte man ihnen in Westdeutschland zur Begrüßung ein paar Scheine in die Hand. Dieser Brauch führte nach dem Fall der Berliner Mauer zu langen Menschenschlangen vor den Banken, die dafür sogar nächtens geöffnet hatten. Berliner Mauer
Zwischen 1961 und 1989 bestehendes, 167,8 km langes Bauwerk, das den Ostdeutschen die letzte Wahlmöglichkeit nahm, nämlich die sogenannte Abstimmung mit den Füßen. Um die 200 Menschen wurden dort auf der Flucht getötet. Breschnew-Doktrin
Vom sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew verkündet, schaffte sie quasi die Souveränität der OstblockStaaten ab, wenn diese dem Sozialismus abschwörten. Eiserner Vorhang
Aus Stacheldraht, Mauern, Minenfeldern, Selbstschussanlagen und Ideologie bestehende Barriere, die sich zwischen 1946 und 1989 von der Barentssee bis zum Schwarzen Meer durch ganz Europa zog. Gleichgewicht des Schreckens
Von Moskau und Washington in Zeiten des Kalten Krieges betriebene Taktik, so massiv „überbewaffnet“ zu sein, dass man den anderen selbst dann noch komplett auslöschen kann, wenn
man von einem Erstschlag getroffen im Todesröcheln liegt. Grünes Band
Ehemalige Grenzzone um den ehemaligen Todesstreifen zwischen Ostund Westeuropa, die, weil für Menschen nur unter größter Gefahr betretbar, für die Natur zum friedlichen Rückzuggebiet wurde. Kalter Krieg
Kampf, den die Amerikaner und die Sowjets zwischen 1947 und 1989 mit allen Mitteln außer der direkten militärischen Konfrontation ausfochten. Kennedy, John F. US-Präsident, der am 26. Juni 1963
eine ganze Stadt mit den Worten „Ish bin ain Bearleener“ begeisterte.
Komitee für unamerikanische Umtriebe Ausschuss im US-Repräsentanten-
haus, der sich zuerst mit den Nazis befasste, den Ku-Klux-Klan „mangels Daten“ in Frieden ließ, um schließlich in Ermangelung echter Feinde das „von Kommunisten unterwanderte“ Hollywood, die wenigen Mitglieder der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten sowie dort lebende Schriftsteller wie Thomas Mann und Bertolt Brecht zu traktieren. Kommunismus
Staatssystem, das unter anderem verdeutlichte, wie weit man sich auf dem Weg von der Theorie zur Praxis verlaufen kann und wie ungleich man den Gleichheitsbegriff auffassen kann. Kuba-Krise
Als die Sowjets 1962 in Kuba Atomraketen stationierten und gegen die USA richteten – als Antwort auf von den USA in der Türkei aufgebauten und gegen die UdSSR gerichtete nukleare Mittelstreckenraketen –, wäre aus dem Gleichgewicht des Schreckens beinahe ein Ende mit Schrecken geworden. Marktwirtschaft
System, welches das Wettrüsten besser verkraftete als die sozialistische Planwirtschaft.
NATO
1949 gegen die Sowjetunion und ihre Verbündeten gegründetes Militärbündnis, dem sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs viele ehemalige Ostblock-Staaten anschlossen. Neutralität
Das Bekenntnis zu dieser und sie, wenn notwendig, mit Waffengewalt zu vereinen, verschaffte Österreich einen Erste-Reihe-fussfrei-Platz direkt vor statt hinter dem Eisernen Vorhang. Ostblock
Unter den Fittichen der Sowjetunion stehende Gemeinschaft kommunistischer Staaten in Zeiten des Kalten Krieges. Paneuropäisches Picknick
Friedensdemonstration am 19. August 1989 an der österreichisch-ungarischen Grenze, bei der ein Grenztor symbolisch geöffnet wurde, was DDR-Bürger nicht nur symbolisch dazu nutzten, Richtung Westen hindurchzuspazieren. Planwirtschaft
Wirtschaftssystem, bei dem eine einzige zentrale Instanz über die gleichmäßige Aufteilung von Arbeit, Kapital, Boden und Produktion entscheidet. Raumfahrt
Profitierte im Kalten Krieg enorm, weil USA und Sowjetunion einander ihre technische Überlegenheit etwa mit Leistungen wie dem ersten Satelliten, dem ersten Menschen im All, der ersten Mondlandung und Raumstationen demonstrieren wollten. Rotes Telefon
Standleitung, mit der Moskau und Washington zu Zeiten des Kalten Krieges kommunizieren, aber nicht sprechen konnten: An ihren Enden standen nämlich Fernschreiber, jedoch keine Telefonapparate. Samtene Revolution
Souvenirjäger, die sich Ziegelsteine oder Brocken aus der „gefallenen“ Berliner Mauer herausklopften.
In Prag von Demonstranten mit Schlüsselbünden eingeläuteter Wechsel vom Kommunismus zur Demokratie in der ehemaligen Tschechoslowakei. Führte auch dazu, dass am 5. Dezember 1989 der Stacheldraht an der Grenze zu Österreich entfernt wurde.
McCarthy Ära
Warschauer Pakt
Mauerspechte
Nach dem Senator Joseph McCarthy benannte Zeit der Hexenjagd gegen all jene in den USA, die mit dem Kommunismus in Verbindung gebracht werden konnten.
Von den Ostblock-Staaten unter der Führung der Sowjetunion geschlossener Vertrag, mit dem sich diese gegen die NATO-Länder verbündeten; wurde mittlerweile aufgelöst.
ls Albert Einstein im Jahr 1905 A seinen berühmten Artikel schrieb, der das enthielt, was wir heute die
„Spezielle Relativitätstheorie“ nennen, tat er dies unter dem Titel „Zur Elektrodynamik bewegter Körper“ und in deutscher Sprache. Heute muss man lange suchen, um einen physikalischen Fachartikel auf Deutsch zu finden. Wenn man doch fündig wird, dann handelt es sich vermutlich nicht gerade um aktuelle Spitzenforschung. Deutsch, das als internationale Sprache der Wissenschaft im 19. Jahrhundert weit verbreitet war, wurde schon längst durch Englisch ersetzt. Gerade in den Naturwissenschaften sind Englischkenntnisse Voraussetzung für die Forschungsarbeit. So wie der Rest der Welt ist auch die Forschung immer globaler geworden. In den Büros und Labors der Universitäten arbeiten Wissenschafter aus aller Welt zusammen – und die Sprache ist Englisch. Nur bei den Geisteswissenschaftern regt sich immer noch Widerstand gegen die Vorherrschaft des Englischen. „Es ist leider vermehrt zu beobachten, dass sich junge Philosophinnen und Philosophen unter Druck gesetzt fühlen, die eigene Forschung in englischer Sprache betreiben zu müssen, um international anerkannt zu werden“, sagte der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, Michael Quante, anlässlich des kürzlich stattgefundenen Philosophie-Kongresses in Münster. Was wäre die Alternative? Wer international anerkannt werden will, muss eben in einer Sprache kommunizieren, die auch international verstanden wird. Sonst bleibt die eigene Forschung nur in der Nische. In der globalen Forschungslandschaft müssen Wissenschafter aus aller Welt gemeinsam arbeiten und darum auch eine gemeinsame Sprache sprechen. Diese Sprache ist heute Englisch. Daran wird kein Erinnern an alte Traditionen etwas ändern. Deutsch ist hierzulande als Sprache der Wissenschaftsvermittlung weiterhin von großer Bedeutung! Forschung muss nicht nur unter Kollegen kommuniziert, sondern auch an die Öffentlichkeit getragen werden. Das muss in der Sprache des jeweiligen Landes geschehen. Auch wenn die Zeiten des Deutschen als Wissenschaftssprache unwiderruflich dahin sind: Die Wissenschaft muss trotzdem weiterhin mehrsprachig bleiben. Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/ astrodicticum-simple
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Gedicht
Was am Ende bleibt
R i c h a r d W a g n e r : DAR W IN
Der Schriftsteller Richard Wagner (geb. 1952 in Lovrin, Banat, Rumänien; lebt in Berlin) war bis zur Ausreise aus Rumänien in die BRD 1987 Mitglied des regimekritischen Schriftstellerkreises „Aktionsgruppe Banat“. Er veröffentlicht Erzählungen, Romane, Lyrik, Essays und Kritiken. Wagner ist Mitglied des publizistischen Netzwerks „Die Achse des Guten“. Zuletzt erschienen: „Die deutsche Seele“ (2011), „Habsburg. Bibliothek einer verlorenen Welt“ (2014).
Er sieht sich das Licht der Welt von einem Schiff aus an
er ich k lein
und die Männer wie Leichtmatrosen an Land gehen
Achtzehnhunderteinunddreißig hat die Erkenntnis noch die Form des Abenteuers Aber der Wissenschaftler ist bereits Passagier Im Grunde folgt er einer Idee Eigentlich ist es bloß ein Gedanke Ein Einfall sozusagen Den er überall bestätigt findet wo das Schiff den Anker auswirft
Aus: Richard Wagner, Linienflug. Siebenundzwanzig Gedichte hochroth Verlag, Berlin
um den Leser zu überzeugen dass der Einfall dem der Reisende folgt zum Prinzip führt Er hat zwanzig Jahre Zeit Die Route zu beschreiben Als sei er der berufene Chronist der Natur Das Jahrhundert ist noch langsam genug um dem Sinn einen Hafen geben zu können Zumindest im Kopf Auch das wird sich ändern
Achtzehnhunderteinunddreißig genügt noch eine Weltreise
Rätsel von Gaja 2
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Waagrecht: 1 Россия Lösungswort: 6 Aromatisches Druckprodukt 7 Bis 1993 eine Art Tschecho-Echo 11 Wird machtpolitisch gerne ausgeweitet (1 Wort), hydrologisch 1gerne eingedämmt 2 3 (2 Worte) 4 5 6 7 8 12 Nach Hypo & Co stellt sich die Frage: Spekulanzinstanz oder Organversager? (Abk.) 13 Bemerkenswert: Beim politisch begehrtesten Tun steht die Gier im Mittelpunkt 16 Wenn Boldewyn etwas ausbrütet? 17 Osterich? Laut Udo war er eigentlich ganz locker und heimlich auch ein Rocker 21 Fairtrademark 22 Mit per wird’s persönlich 23 Nix nur Jugo: völkerverbindend von Bulgarien über Polen bis Russland 24 DDR-Herbie? Senkrecht 1 Total beschränkt: Hinterm Eisernen Vorhang bewiesen Regime dabei wenig Weitblick 2 Geheime Dienstleistung 3 Ausdrücklich erlaubt 4 Ideologischer Initial-Zünder für die Gräuel des II. Weltkriegs 5 Sprichwörtliche Giftmacherin 8 Dem zeigte Asterix seine Grenzen auf 9 Ob er seine Kultfilme mit Stanley-Messern schnitt? 10 Der Landsmann ist nicht erst seit 1991 dem Westen einverleibt 14 Einen Strick kann man Frau Aichinger buchstäblich nicht drehen – wohl aber ein Seil 15 Essenzielle Energieversorgerin 18 Die Reisebehörde war beim Moonwalk einen Schritt voraus (Abk.) 19 Teependant zum Caffè Latte? 20 Ursprungsort religiöser Vertreibung? Lösungswort: GLASNOST Waagrecht: 1 RUSSLAND, 6 ESPRESSO, 7 SLOWAKEI, 11 EINFLUSS , 12 FMA , 13 REGIEREN, 16 ESELEI , 17 HONECKER, 21 EZA, 22 DU , 23 SLAWEN, 24 TRABI Senkrecht, 1 REISEFREIHEIT , 2 SPIONAGE, 3 LEGAL, 4 NS, 5 DOSIS, 8 LIMES , 9 KUBRICK, 10 ESTE, 14 ILSE, 15 NAHRUNG , 18 NASA , 19 CHAI , 20 EDEN
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Kunst ohne Grenzen erich klein
Für jemanden, der in Mitteleuropa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geboren wurde, besaßen politische Grenzen beinahe den Charakter von natürlichen Begrenzungen wie Flüsse oder Gebirgszüge. Grenzen waren unhinterfragt da, ein natürlicher Horizont, hinter den zu schauen es keinen Grund gab. Das Verschwinden der Grenze im Jahr 1989 war genauso überraschend wie das Entstehen neuer Grenzen in der Folge. Kein anderes Medium – weder Wissenschaft noch Ökonomie oder Politik – thematisiert die ständige Veränderung fixer Bestände deutlicher als zeitgenössische Kunst. Waren früher die Pfarrer für ewige Werte zuständig, an die sich manche noch immer halten, wenn sie von „wahren Werten“ sprechen – zeitgenössische Künstlerinnen sind die Fürsprecher der Werte des Flüchtigen. Weitaus früher als die Ideologen diverser Couleurs vermeinten, hatte die zeitgenössische Kunst Grenzen hinter sich gelassen. In der Kunst mussten Grenzen ständig revidiert werden. Längst wurde nicht mehr gefragt: „Was ist Kunst?“, die Frage lautet bis dato vielmehr: „Wann ist Kunst?“ oder „Wo ist Kunst?“ Den Umstand, dass allein Kunst als „moderne Kunst“ den einzigen, alle ideologischen Grenzen überspannenden Faktor darstellt, der weithin Anerkennung findet, mag man als Kuriosum auffassen. Am grundsätzlichen Befund ändert es nichts. Wo aber, lässt sich fragen, bleiben bei all dem die Bevölkerungen, die Konsumenten, die eigentlichen Adressaten? Der englisch-amerikanische Lyriker T. S. Eliot, der mit seiner Dichtung „The Waste Land“ ein Urbild für die Verwüstungen des letzten Jahrhunderts geschaffen hat, schrieb den arroganten Satz: „Es scheint das Beste zu sein, wenn die große Mehrheit der Menschen an dem Ort lebt, an dem sie auch geboren wurde.“ Wir mögen uns in einer Welt befinden, in der noch immer die meisten Menschen mehr oder weniger an dem Ort leben, an dem sie geboren wurden. Aber die gewaltsame Auflösung derartiger „Orte“ ist unübersehbar und wird unablässig fortgesetzt. Hat Kunst etwas dazu zu sagen? Ein Name für den Vorgang ist „Globalisierung“. Die Welt tut so, als wäre sie ein Dorf im Ausnahmezustand. Wie viel ist nun auf die Hoffnung zu geben, dass die Künstlerinnen wüssten, dass fünfundzwanzig Jahre in dieser Hinsicht ein vernachlässigbarer Faktor sind? Doch vielleicht ist uns tatsächlich nur um der Hoffnungslosen willen Hoffnung gegeben …
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