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Inhalt

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Was gibt es Neues im All? Wolfgang Baumjohann sieht nach Herzverpflanzung bei Babys … … mit verschiedenen Blutgruppen Rettung für die Pitoti Uralte Felsritzzeichnungen werden gescannt Ungewohnt tierisch Über die Human-Animal-Studies in Innsbruck

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Wie robust ist unsere Psyche? Der Countdown zum Thema Demenz – Ursachenforschung Erste Ansätze zu möglichen Therapien Wie robust ist unsere Psyche? Die Befindlichkeit der österreichischen Seele Oralerotiker Warum so viele mit der Babyflasche herumlaufen

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Zappelphilipp oder Therapiefall? Die Seelenlage von Kindern und Jugendlichen Absturz in die Sucht Die psychischen Folgen von Drogenkonsum Das Glossar zur Psyche Überblick über die wichtigsten Begriffe Gedicht, HEUREKA-Rätsel, Kommentar Der Freimaurer Mozart

Kommentar

Editorial

Wir stellen die Fragen. Seit 1365 H e i nz W . E ng l

Fotos: Tone fink, Univer sität Wien

it ihrem 650-Jahr-Programm will die Universität Wien die M Relevanz von Forschung und Lehre

für die Entwicklung unserer Gesellschaft und die Bildung künftiger Generationen vermitteln und dadurch auch zeigen, welche Bedeutung eine international orientierte Universität für die Region, für den Standort hat. Die internationale Konferenz zum Beginn des Jubiläumsjahres, u. a. unter Beteiligung der Rektoren der Universität Cambridge, der Chinese University of Hongkong und der University of Chicago, widmete sich der Frage, welche Rolle globale Universitäten für die jeweilige Region haben. Internationale Erfahrungen zeigen, dass Spitzenforschung und die hohe Qualifikation der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und Alumni jene Faktoren sind, die der regionalen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung zugute kommen. Ihren strategischen Zielsetzungen entsprechend, will die Universität Wien insbesondere das aktuelle Jubiläumsjahr nützen, um die „Wirkung von Universität“ zu zeigen. Diese umfasst neben den Kernaufgaben Forschung und Lehre auch eine aktive Interaktion und Kommunikation mit Wirtschaft und Gesellschaft. Auch und gerade in der Grundlagenforschung, die einen Großteil der Forschung an der Uni Wien ausmacht, sind Offenheit gegenüber Anwendungen und Strukturen zum Transfer von Wissen nötig. Fragestellungen aus Wirtschaft und Gesellschaft geben Anstöße zu interessanten Entwicklungen in der Grundlagenforschung. Auch aus diesem Grund möchte die Uni Wien 2015 ihre Türen weit öffnen und Einblicke in Forschung und Lehre geben. Anhand konkreter Beispiele aus der Geschichte der Universität Wien wird gezeigt, dass es Fragen der Grundlagenforschung sind, die zu bedeutenden Entwicklungen für vielfältige Lebensbereiche führten und führen.

Angehörige der Universität bringen das Know-how mit, welches notwendig ist, um die Antworten auf die großen gesellschaftlichen Fragen zu finden. Es ist entscheidend, die richtigen Fragen zu stellen, um so die Entwicklung der Gesellschaft zukunftsorientiert gestalten zu können. Europa braucht starke Universitäten, die wirtschaftlich und politisch unabhängig agieren können. Nur so können sie einen nachhaltigen Beitrag leisten, um Europa stark und wettbewerbsfähig zu halten.

C hr i st i an Z i l l ner

Um dies zu erreichen, müssen die Universitäten, wie die Universität Wien, über eine internationale Reichweite verfügen und attraktiv für Studierende und WissenschafterInnen aus aller Welt sein.

Finkenschlag Handgreifliches von Tone Fink

Heinz W. Engl Rektor der Universität Wien

www.tonefink.at

„Österreich sucht die Zukunftsidee“, lautet das Motto. Das Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft hat ein „Jahr der Forschung“ ausgerufen. Ziel ist, die wissenschaftlichen Leistungen im Land stärker zu kommunizieren. Die Forscherinnen und Forscher sollen den Österreicherinnen und Österreichern besser bekannt werden. Nun ist das auch ein Ziel von ­Falter Heureka. Auch wir wollen zeigen, wie die Wissenschaft unseren Alltag beeinflusst. Und wie Wissenschafterinnen und Wissenschafter zu unserem Leben beitragen. Das ist nicht immer ganz leicht. Denn es fehlt selbst in der Wissenschaft weitgehend das Verständnis dafür, dass man, wenn man Gutes tut, dies auch möglichst laut hinausposaunen muss. Und möglichst so, dass es viele Menschen, die ja mit ihren Steuern dafür bezahlen, auch verstehen. Wissenschaft erklärt sich nicht von selbst. Das soll nun das Jahr der Forschung bewerkstelligen. Dazu sind über 200 Veranstaltungen geplant. Wir werden in den kommenden Ausgaben näher darüber berichten. Veranstaltungstipp Beim Campus Festival vom 12. bis 14. Juni 2015 zeigt die Uni Wien ihr Leistungsspektrum in der Forschung. Die 19 Fakultäten und Zentren präsentieren sich und ihre Arbeit. 650-Jahr-Uni-Wien-Programm unter www.unvie.ac.at/650

Impressum Falter 15a/15 Herausgeber: Armin Thurnher Medieninhaber: Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Redaktion: Christian Zillner Fotoredaktion: Karin Wasner Produktion/Grafik: Barbara Blaha, Reini Hackl Korrektur: Martina Paul Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar.

HEUREKA ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit


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Aus Wissenschaft und Forschung Kopf im Bild Was gibt’s Neues im All? Das Weltall fasziniert uns. Wolfgang Baumjohann versteht das. „Es bietet unglaublich viel Neues und immer wieder Überraschungen“, so der Leiter des Grazer Instituts für Weltraumforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. „Man begreift zwar immer mehr, aber es tauchen auch ständig neue Fragen auf.“ Und Weltraumforscher zu sein, habe viel mit Neugierde zu tun. Baumjohann, der schon an vielen internationalen Weltraummissionen beteiligt war, weiß seine Arbeit zudem gut und spannend zu vermitteln. Darum wurde er von Österreichs Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten zum Wissenschafter des Jahres 2014 gekürt. Die Auszeichnung freue ihn, sagt er, denn er und seine Mitarbeiter bemühen sich seit Jahren darum, ihre Forschung verständlich darzustellen. „Die Öffentlichkeit finanziert diese ja letztendlich, daher soll sie auch an unseren Ergebnissen teilhaben.“ Vor allem junge Menschen möchte er für Forschung und Technik begeistern. „Insbesondere in einer Zeit, in der Technik oft – teilweise durchaus zu Recht – kritisch betrachtet wird.“ T e x t : u s c h i s o rz F o t o : E R W I N SCH E R I A U

U s c h i S o rz

ie durchleuchten die menschliche Psyche in ihren Dissertationen an S der Universität Salzburg: Constantin Speitel, 27

Das Ranking der Universität Salzburg in der ZEIT hat Constantin Speitel zum Psychologiestudium nach Österreich gelockt. „Der neuropsychologisch geprägte Standort hat mich dann mehr als überzeugt“, berichtet der junge Deutsche, der seinen Abschluss mit Schwerpunkt biologische Psychologie gemacht hat. Nun schreibt Speitel seine Dissertation „Egoismus und Altruismus – Die Rolle der Empathie bei ökonomischen Entscheidungen“ im

Rahmen des FWF-geförderten Doktoratskollegs „Imaging the Mind“. „Hier habe ich die Chance, mit Methoden wie EEG, funktioneller Magnetresonanztomografie und vor allem transkranieller Gleichstromstimulation zu arbeiten. Dabei inhibiere ich gezielt mit Empathie zusammenhängende Gehirnregionen, um zu verstehen, welche grundsätzliche Funktion diese in Verhandlungen oder Geldgeschäften hat.“ Mirjam Neureiter, 27

Wie wirken sich psychische Faktoren auf den beruflichen Erfolg aus? Das interessiert die junge Psychologin Mirjam Neureiter, der bei ihren Literaturrecherchen auffiel, dass sich manche Menschen ihrer – objektiv

vorhandenen – Kompetenzen nicht bewusst sind. „Sie können ihr Potenzial nicht ausschöpfen.“ Obwohl Studien damit zusammenhängende Persönlichkeitseigenschaften und Konsequenzen beschrieben haben, gibt es bei diesem Phänomen noch offene Fragen. Um diese dreht sich die Doktorarbeit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin der Uni Salzburg. Neben dem Fokus auf Entstehung und Folgen hat sie auch ein Coaching für Betroffene mitkonzipiert. „Bei der Evaluation zeigte sich eine signifikante Reduktion der hinderlichen Verhaltensmuster.“ Isabella Uhl, 27

„Mich haben Menschen und ihre Beweggründe schon immer interessiert“,

sagt Isabella Uhl. Sie studierte Psychologie als auch Kommunikationswissenschaften mit Schwerpunkt Nachhaltigkeitskommunikation. Zugleich wuchs ihr Umweltengagement. „Warum unternimmt die Menschheit nicht alles in ihrer Macht Stehende gegen den Klimawandel, obwohl die negativen Folgen bekannt sind?“, fragte sie sich und begann das Thema für ihre Dissertation empirisch zu untersuchen. „Eine Erklärung wäre seine Bedrohlichkeit. Darauf können Menschen mit Schutz-, aber auch mit Abwehrmechanismen reagieren.“ Uhl erforscht, wie die diversen Persönlichkeitstypen auf bestimmte Kommunikationsformen reagieren und wie man die Kommunikation verbessern könnte.

F o t o s : E R W I N S C H E R I A U / A P A / pic t ure d e s k . c o m , pri v a t , c l au d ia B i s ch o ff

JungforscherInnen


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heureka!

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Aus Wissenschaft und Forschung Mathematik

Medizin

Blow-up in der Mathematik: Was passiert, wenn Diffe­ ren­zialglei­chungen explodieren?

Herzverpflanzung bei Babys Einstein allein verschiedener Blutgruppen

Uschi Sorz

dieter Hönig

b die Schwingung einer Gitarrensaite, der Ablauf einer cheO mischen Reaktion oder die Dichte

S

eines kollabierenden Sterns: Dynamische Prozesse lassen sich mathematisch beschreiben. Partielle Differentialgleichungen geben Aufschluss darüber, wie sich physikalische, chemische oder biologische Größen abhängig von Zeit und Ort verändern. Je komplexer das System, desto komplizierter natürlich die Glei-

F o to s: i n t e r f o to. at, s h u t t e r s to c k / s to c k ph o to m a n i a

„Zumeist lassen sich Lösungen nicht direkt berechnen.“ Birgit Schörkhuber, Uni Wien

chungen, in denen seine Dynamik kodiert ist. „Zumeist lassen sich Lösungen nicht direkt berechnen“, sagt die Mathematikerin Birgit Schörkhuber. „Wir versuchen aber, so viel Information wie möglich aus der Gleichung selbst herauszukitzeln.“ Geht eine Lösung ins Unendliche, stößt man an mathematische Grenzen: Das Beschreibungsmodell bricht zusammen. Man spricht dann vom Blow-up, der Explosion der Lösung. In ihrer Dissertation an der TU Wien gelang es Schörkhuber, Blowup für nichtlineare Wellengleichungen zu analysieren und wichtige Eigenschaften solcher Lösungen zu charakterisieren. Dafür verlieh ihr die TU im Jänner den Hannspeter-Winter-Preis für hervorragende Jungwissenschafterinnen. Die 33-Jährige hatte zunächst Astronomie und Physik studiert. Ihrem heutigen Arbeitsgebiet begegnete sie, als sie in der Forschungsgruppe für Gravitationsphysik an ihrer Diplomarbeit in Physik schrieb. Dort befasste man sich u. a. mit der Allgemeinen Relativitätstheorie, und Schörkhuber begann über Blow-up-Phänomene zu forschen. „Als ich merkte, wie viel Freude mir die mathematische Forschung macht, war die Dissertation in Mathematik der nächste logische Schritt.“ Seit März setzt sie ihre Arbeit im Zuge einer Hertha-Firnberg-Stelle an der Universität Wien fort.

Freistetters Freibrief

Florian Freistetter

Auch in Österreich werden solche medizinische Eingriffe bei Babys in wenigen Monaten möglich sein

eit zehn Jahren lebt Luis jetzt auf dieser Welt. Dass er es bis heute geschafft und sich zu einem gesunden Kind entwickelt hat, ist im Jahr 2005 die medizinische Sensation gewesen: Denn in der Brust des Kindes schlägt das Herz eines toten Babys, das eine andere, inkompatible Blutgruppe hatte. Bisher galt es als Dogma einer erfolgreichen Transplantation, dass die Blutgruppen zwischen Organspender und -empfänger übereinstimmen. „Leider haben aber gerade deshalb bisher viele Säuglinge die Wartezeit nicht überlebt“, erläutert der Münchner Kinderkardiologe Heinrich Netz vom Universitätsklinikum Großhadern die Vorgeschichte. „Es werden uns zwar von Eurotransplant immer wieder Herzen von verstorbenen Babys und Kleinkindern gemeldet, aber meist zur falschen Zeit mit der falschen Blutgruppe.“ Darum wurde unter Transplantationsmedizinern immer öfter darüber nachgedacht, ob man diese Grenze nicht überschreiten könne. In der Herzchirurgischen Uniklinik von Großhadern hatte man erstmalig in Europa die Verpflanzung je eines nicht kompatiblen Herzens bei zwei Kindern, die sonst gestorben wären, gewagt. Der Trick, der die Kinder rettete: Ihr Blut wurde vor der Operation über die Herz-Lungen-Maschine in einen

Filter geleitet, der das Blutplasma mitsamt den Antikörpern gegen falsche Blutgruppen herauswusch, während neues Plasma zugeführt wurde. „Bei den jüngsten Patienten funktionieren solche Herztransplantationen viel besser als in anderen Altersgruppen, weil sie in dem Alter noch keine Antikörper gegen fremde Blutgruppen entwickelt haben“, erklärt Lori West, Leiterin des kanadischen Transplantations-Forschungsprogramms der

„Bei Babys funktionieren Herztransplantationen viel besser als in anderen Altersgruppen.“ lori west, Uni Alberta

Universität Alberta. „Antikörper tauchen erst mit ein paar Lebensmonaten im Körper auf. Nach einer Transplantation toleriere das Immunsystem die andere Blutgruppe des Spenderherzens aber lebenslang.“ Auch in Österreich sollen schon in wenigen Monaten derartige Eingriffe möglich sein, berichtet Andreas Zuckermann, Leiter des Herz-Transplantationsprogramms an der MedUni Wien. Das AKH arbeitet hier mit den Pionieren der „Blutgruppen-inkompatiblen Herztransplantation“ der Universität Alberta zusammen.

Herztransplantationen bei Babys unterschiedlicher Blutgruppen sind möglich

or einhundert Jahren vollendete V ­Albert Einstein die Arbeit an seiner Allgemeinen Relativitätstheo-

rie. Er fand einen neuen Weg, die Welt zu beschreiben. Die wissenschaftliche Revolution, die damals ihren Anfang genommen hat, dauert immer noch an. 18 Jahre nach dieser großen Leistung emigrierte Einstein in die USA, um dort eine Professur am Institute for Advanced Study (IAS) anzutreten. An dieser privaten Forschungseinrichtung in Princeton sollte er bis zu seinem Tod im Jahr 1955 bleiben. Das IAS wurde explizit als „Elfenbeinturm“ für die besten Forscher gegründet, die weder Studierende betreuen noch Vorlesungen halten müssen. Einstein verbrachte 22 Jahre am Institute for Advanced Study und versuchte seine Theorie der Gravitation mit der des Elektromagnetismus zu vereinen. Das gelang ihm nicht – und auch sonst keine wissenschaftlichen Ergebnisse, deren Bedeutung seinen früheren Resultaten gleich kamen. So ging es auch den meisten anderen großen Wissenschaftern am IAS: Die Isolation in Princeton schien neuen Erkenntnissen nicht gut zu tun. Die Trennung des Instituts vom normalen Forschungs- und Hochschulbetrieb war für viele auch der Grund, einen Ruf an das IAS auszuschlagen. Nobelpreisträger Richard Feynman dazu: „Die armen Bastarde können nun in Ruhe herumsitzen und ganz für sich allein nachdenken. Und dann bekommen sie vielleicht für eine Zeitlang keine neuen Ideen. Ich denke, dass man sich in solch einer Situation leicht schuldig oder depressiv fühlen kann.“ Feynman war überzeugt, dass nur der Kontakt mit der Außenwelt und vor allem den Studierenden zu neuen Erkenntnissen führt: „Nichts passiert, weil es nicht genug echte Aktivitäten und Herausforderungen gibt. Es gibt keinen Kontakt mit den Forschern, die Experimente durchführen. Man muss nicht darüber nachdenken, wie man Fragen von Studierenden beantwortet.“ Forschung darf nicht abgekoppelt vom Rest der Welt stattfinden. Sie braucht den Kontakt zur Öffentlichkeit, und die Wissenschafter ­müssen ihre Erkenntnisse an die nächste Generation weitergeben. Der Elfenbeinturm funktioniert nicht. Nicht einmal für Albert Einstein. Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/astrodicticum-simple


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Aus Wissenschaft und Forschung Archäologie

Biologie

Brief aus Brüssel

Rettung für „kleine Puppen“

Auch in der Biologie beeinflusst der Raum, wie schnell die Zeit vergeht

Emily Walton

Sonja Dries

A

ls die Bewohner des Valcamonica Tals in Norditalien vor 6.000 Jahren Bilder von Reitern, Kämpfern und Hirschen in den weichen Kalkstein ritzten, konnten sie sich wohl kaum vorstellen, dass ihre Darstellungen Jahrtausende später mithilfe von Drohnen, 3D-Scannern und Algorithmen archiviert und analysiert würden. Wissenschafter rund um das von der EU finanzierte Projekt „3D ­Pitoti“ haben sich genau das zur Aufgabe gemacht. Federführend sind dabei neben den Universitäten Cambridge und Nottingham auch die FH St. Pölten und die TU Graz. Bis zu 300.000 Felsgravuren bilden die größte Fundstelle für Petroglyphen in Europa. Die nach dem regionalen Begriff für „kleine Puppen“ Pitoti genannten Kunstwerke verschwinden langsam und werden nun in einer bisher einzigartigen Verarbeitungskette digitalisiert. Mitarbeiter der TU Graz bilden das ganze Tal momentan mittels eines neuen Multi-Scale Ansatzes ab. Ein 3D-Scanner erfasst die einzelnen Figuren mit einer Zielgenauigkeit von 0,1 Millimeter. Mit Drohnen und aus Flugzeugen wird der Rest des Tals aufgenommen. Die gesammelten Daten werden zu einem Gesamtbild verbunden. Die FH St. Pölten ist für die darauffolgende Analyse zuständig. „2.500 Pitoti wurden zunächst händisch mit

Jochen Stadler

Filzstift auf eine Folie übertragen und kategorisiert“, wie Markus Seidl, einer der Projektleiter von der FH, erklärt. Ein extra entwickeltes „MachineLearning“-Verfahren machte es dann möglich, die Daten in einen Computer einzuspeisen, der die restlichen Pitoti automatisch erkennen und kategorisieren kann. Auch der Pecking-Stil wird analysiert, um Rückschlüsse auf die Produktion der Bilder zu ziehen. Neben Akquise und Analyse der Daten steht als dritter Teil der digitalen Verarbeitung die Präsentation der Ergebnisse im Vordergrund. Davon profitiert einerseits die Wissenschaft – Forscher können die Pitoti künftig „2.500 Pitoti wurden zuerst händisch mit Filzstift auf eine Folie übertragen und kategorisiert.“ Markus Seidl, FH St. Pölten

unter Laborbedingungen untersuchen, ohne vor Ort sein zu müssen. Andererseits soll das UNESCO-Welterbe auch einem breiten Publikum durch eine Ausstellung mit Multimedia-Installationen, Touchscreens und Animationen zugänglich gemacht werden. Denn wie lange die Pitoti noch im Original zu sehen sein werden, kann man auch dank neuester Technik nicht sicher voraussagen.

Eine der Pitoti, der uralten Felsritzzeichnungen im Valcamonica-Tal

icht nur in der Physik, sondern auch in der Biologie beeinflusst N der Raum, wie rasch die Zeit vergeht,

berechneten Forscher um den österreichischen Biomathematiker ­Martin Nowak von der Harvard Universität. Wie schnell bio-molekulare Uhren ticken, kann man von der Zahl der genetischen Veränderungen ablesen, die für das betroffene Lebewesen weder einen Vorteil oder Nachteil bringen, aber an seine Nachkommen vererbt werden. Bisher glaubte man, dass sich solche „neutralen Mutationen“ mit einer konstanten Rate ansammeln, weil man kein Phänomen entdecken konnte, das die Tickgeschwindigkeit dieser biologischen Uhr beeinflusst. „Wir haben aber die Beobachtung gemacht, dass diese als konstant angesehene molekulare Uhr durch die Bevölkerungsstruktur einerseits beschleunigt und andererseits verlangsamt werden kann“, erläutert Nowak. Die molekularen Uhren würden sehr wohl unterschiedlich schnell ticken, je nachdem, wie der Lebensraum einer Bevölkerung räumlich angeordnet ist. Ist etwa eine Vogelart auf kleine Inseln verteilt, könnte eine Insel „Twitter-Netzwerke sind meist so strukturiert, dass sie die Verbreitung von Neuerungen hemmen.“ Martin Nowak, Uni Havard

viel mehr Futter bieten als die anderen. Wenn sich die Tiere dort deswegen rasant vermehren, sammeln sich Genveränderungen schneller an, als würden alle Vögel gemeinsam auf einer großen Insel leben. Die biologische Uhr tickt also auf diesem kleinen Eiland schneller als anderenorts. Je nachdem, wie Lebewesen einer Art räumlich verteilt sind, kann also ihre Evolution beschleunigt oder verlangsamt werden, berichten die Forscher im Fachjournal PLOS Computational Biology. Mit denselben Formeln untersuchten Nowak und Kollegen auch Twitter-Netzwerke. Sie testeten, ob ihre Strukturen unterstützen, dass sich neue Ideen rasch herumsprechen. Das Ergebnis: Von 900 Twitter-Netzwerken war die überwiegende Mehrheit so strukturiert, dass sie die Verbreitung von Neuerungen hemmen.

beim Geld spielt. Im großen Stil, wenn etwa EZB-Chef Mario Draghi mit Blankoscheck-Ankündigung die Märkte beruhigt: „Wir werden tun, was wir tun müssen, um den Euro zu retten. Und glauben Sie mir, es wird reichen.“ An der Grenze zur Satire bewegt sich die Eurozone, wenn Griechenland seine Geschäftsbücher noch immer nach derselben Methode denselben Kontrolleuren vorlegen muss, aber wochenlang darum ringt, dass diese nicht mehr „Troika“, sondern „die Institutionen“ heißen. Das bringt Griechenland zwar keinen Euro, rettet aber ein Wahlversprechen, nämlich dass die Regierung nicht mehr mit der „Troika“ zusammenarbeiten würde. Als Realsatire erscheint auch der Streit zweier EU-Nachbarstaaten darüber, was der eine von ihnen auf der Rückseite einer neuen 2-Euro-Münze zeigen darf. Belgien wollte anlässlich des 200. Jahrestages der Schlacht von Waterloo (das Schlachtfeld liegt nur eine kurze Autofahrt außerhalb Brüssels) eine 2-Euro-Gedenkmünze in Umlauf bringen. Darauf sollte, so der Plan, der „Löwenhügel“ zu sehen sein. Das ist ein großes Denkmal. Es markiert zumindest mutmaßlich jene Stelle des Schlachtfeldes, an der der Prinz von Oranien im Kampf gegen Napoleon verwundet worden ist. 180.000 Stück der „2er“ sollen, das sagen zumindest die belgischen Behörden, schon geprägt worden sein, als unlängst die französische Regierung ihren Unmut über das Projekt kundtat. Die Kurzfassung: Frankreich will nicht an des Kaisers letzte Schlacht vor zwei Jahrhunderten erinnert werden – und überhaupt: Schickt sich das, auf der gemeinsamen Währung der historischen Niederlage eines Landes zu gedenken? Eben. Die belgische Regierung hat das Design der Gedenkmünze zurückgezogen. Denn eine (dem Vernehmen nach eher aussichtslose) Kampfabstimmung darüber unter allen EuroStaaten war die Sache dann wohl doch nicht wert. Stattdessen soll es eine andere 2er-Sonderserie geben. Und das Waterloo-Löwenhügel-­Design? Es soll auf reine Sammlermünzen geprägt werden, mit denen nicht bezahlt werden kann. Wer selbst schon einmal in Waterloo war, wird sich über den Wirbel und seine „salomonische“ Lösung womöglich wundern. Denn am Fuße des Löwenhügels steht ein Automat. Wer möchte, kann von diesem eine Gedenkmünze prägen lassen. Aber doppelt hält bekanntlich besser.

Fotos: M ar k us Seidl/FH S t. Pölt en, Filip An toni M alinowsk i & C ar lo Pisani

Mit einer neuen Technik werden Jahrtausende alte Felsgravuren, die Pitoti in Valcamonica digitalisiert

n den Jahren der Eurokrise hat man Iwelche immer wieder beobachten können, Rolle die Psychologie auch


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Aus Wissenschaft und Forschung Geisteswissenschaften

Ungewohnt tierisch Geistes- und Sozialwissenschafter in Österreich entdecken Tiere als Forschungsobjekt – in deren Beziehung zu Menschen Sonja Burger

K

aninchen. Sie sind herzig und bei Kindern meist beliebt, dienen aber auch vielfach als Haus-, Nutz- oder Labortiere. Und in der Kunst wird ihre Symbolkraft geschätzt. Obwohl das berühmteste Langohr, Dürers Hase, kein Kaninchen ist. Doch welche Rolle spielen Tiere ganz allgemein in den Geistes- und Kulturwissenschaften? Das ist umstritten. Die Bandbreite der Haltungen von Wissenschaftern reicht von Ignoranz bis zur Sichtweise der interdisziplinären „Human-Animal Studies“. Dieses Fach gibt es an der Universität Innsbruck. Zu seinen Begründerinnen gehören die Erziehungswissenschafterin Reingard Spannring, die Latinistin Gabriela Kompatscher-Gufler und die Germanistin Karin Schachinger. Sie schreiben den Tieren „Wirkungsmacht“ zu. In ihren Studien steht die Vielfalt der Mensch-Tier-Beziehung im Mittelpunkt. Ihr Ansatz wurde von Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften aufgegriffen. So zeigen Forschungsergebnisse etwa aus Theologie, Psychologie, Rechts-,

„Tiere kommen im Selbstbild der Geistesund Sozialwissenschaften nicht vor.“ Reingard Spannring, Uni Innsbruck

„In der Literaturwissenschaft fristen Tiere oft zu Unrecht ein Fußnotendasein.“ Gabriela KompatscherGufler, Uni Innsbruck

Erziehungs- oder Literaturwissenschaften, dass Tiere auch hier bedeutsam sind – und nicht nur in den Naturwissenschaften. Trotzdem wurde das Forschungsfeld Mensch-Tier in Österreich bisher wenig zur Kenntnis genommen. Das hängt laut Reingard Spannring damit zusammen, „dass Tiere im Selbstbild der Geistes- und Sozialwissenschaften nicht vorkommen. Wenn überhaupt, dann als etwas Gegebenes, das unhinterfragt bleibt.“ In der Literaturwissenschaft fristen Tiere laut Kompatscher-Gufler oft „zu Unrecht ein Fußnotendasein“. Eine tiersensible Literaturwissenschaft werfe kritische Fragen an das eigene Fach auf. Auch zeige sich, wie stark Tiere die Entstehung von Literatur beeinflussen. Und schließlich prägt die Literatur auch unser Verhalten Tieren gegenüber, etwa das Wolfsbild durch das Märchen „Rotkäppchen“. Dies verdeutlicht, wie groß der Einfluss von Geschriebenem auf unsere Einstellungen und unser Verhalten gegenüber Tieren ist. „Doch indem die Geisteswissenschaften den Einfluss von Literatur etc. auf das

Mensch-Tier-Verhältnis nicht bearbeiteten, trugen sie zur Marginalisierung dieses Themas auch in den Naturwissenschaften bei“, kritisiert Spannring. So hielten die Geistes- und Sozialwissenschaften an Sichtweisen fest, die den Menschen als Mittelpunkt betrachten und Tiere auf ihre Gene reduzieren. „In den Erziehungswissenschaften stellen die Human-Animal Studies einige Grundannahmen infrage“, erklärt Spannring. „Etwa die Vorstellung, dass Kinder und Tiere viel gemeinsam haben, Kinder das Animalische jedoch hinter sich lassen.“ Lasse man das Mensch-Tier-Verhältnis außer Acht, habe dies eine einseitige Pädagogik zur Folge, die eine ganzheitliche Entwicklung verhindere. Die Forscherinnen verstehen es als gesellschaftlichen Auftrag, das Mensch-Tier-Verhältnis zum Forschungsthema zu machen. Mit ihrer kürzlich erschienenen Publikation „Disziplinierte Tiere? Perspektiven der Human-Animal Studies für die wissenschaftlichen Disziplinen“ wollen sie eine erste Einführung in das Fach erreichen.

Moden in der Forschung Das Beispiel des Forschers Ernst Brücke zeigt, wie vielversprechende Forschungsansätze durch Moden vergessen werden Jochen Stadler

F o tos: pr i vat, F o to S c h e ina s t

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ei den Vorbereitungen für den „Europäischen Muskelkongress“ im vergangenen Herbst stieß der Salzburger Muskelforscher Stefan Galler auf eine Abbildung aus dem Jahr 1858. Diese Zeichnung ließ die Muskelfunktion schon erkennen, obwohl diese erst knapp hundert Jahre später wissenschaftlich beschrieben wurde. Es handelt sich dabei um eine Zeichnung des Wiener Forschers Ernst Brücke. Er hatte Wasserkäfer-Muskelfasern im Polarisationsmikroskop gesehen und dargestellt. Man kann auf der Darstellung die im polarisierten Licht hellen und dunklen Streifen der Muskeln erkennen und wie sich die hellen Bereiche beim Anspannen verkürzen. Heute weiß man, dass die dunklen Streifen (A-Bande) aus Myosinfäden und dazwischen hineinragenden Aktinfäden bestehen. Die hellen Streifen (I-Bande) sind Aktinfäden, die bei der Kontraktion in die A-Banden hineingezogen werden. Im Jahr 1954 entdeckten vier Forscher, dass in den quergestreiften Muskeln jeweils gleichlang bleibende Aktin- und Myosinfäden (-Filamente) ineinandergleiten und damit den Muskel verkürzen.

„Wer nicht mit molekularbiologischen Methoden arbeitet, wird häufig belächelt.“ Stefan Galler, Universität Salzburg

Aus dieser Entdeckung entstand das so genannte Gleitfilamentmodell. „Brücke hatte erkannt, dass die dunklen Querstreifen aus unzähligen, längs gerichteten Fäden bestehen. Doch das Gleitfilamentmodell lag ihm und seinen Nachfolgern noch fern, weil man lediglich von einem einzigen Muskel-Eiweißstoff wusste“, erklärte Stefan Galler. Er forscht und lehrt im Fachbereich Zellbiologie an der Universität Salzburg. Die ersten Hinweise auf eine zweite Eiweiß-Komponente fanden Forscher wenige Jahrzehnte später, diese Spur wurde jedoch nicht weiter verfolgt. „Denn aufgrund neuer Wissenschafts­ trends war die Muskelforschung jahrzehntelang von negativen Entwicklungen geprägt“, erklärt Galler. Ende des 19. Jahrhunderts war man überzeugt, dass jegliche Bewegung auf dem gleichen Mechanismus beruhen müsse. Weil man in glatten Muskeln wie etwa jenen von Darm und Blutgefäßen und bei kriechenden Zellen keine Querstreifen sah, hielt man diese für nebensächlich. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam schließlich die Biochemie in Mode. Sie wollte alle Lebensfunktionen aus dem Zusammenspiel

einzelner Moleküle erklären. Diese sind aber zu klein, um im Mikroskop sichtbar zu sein. Daher verschwanden die „alten“ Mikroskopiestudien aus den Lehrbüchern, und niemand führte die Forschung fort. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg klärten die Physiologen Andrew Huxley und Rolf Nirdergerke sowie unabhängig davon der Biologe Hugh Huxley und die Zoologin Jean Hanson den Mechanismus der Muskelbewegung auf. Kurz zuvor hatte man entdeckt, dass mit Aktin und Myosin zwei unterschiedliche Eiweißstoffe beteiligt sind. Hugh Huxley hatte die Aktin-Myosin-Fäden mit einem Elektronenmikroskop sichtbar gemacht. „So wie sich damals die Biochemie breitgemacht hatte und von vielen als der einzig wahre Forschungszweig in den Lebenswissenschaften angesehen wurde, passiert es heute mit der Molekulargenetik“, stellt Galler fest. „Wer nicht mit molekularbiologischen Methoden arbeitet, wird häufig belächelt.“ Dies schränke die Forschungsvielfalt ein. Was wiederum für den Fortschritt der Wissenschaft alles andere als förderlich sei, meint der Muskelforscher.


Titel 8

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Wie robust ist unsere Psyche?

Der Countdown zum Thema Sabine Edith Br aun

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Synapsen und mehr

vernetzen die Nervenzellen im Gehirn miteinander.

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analoge

­Rechenoperationen pro Sekunde schafft das menschliche Gehirn.

100 000 000 000

beträgt die ­geschätzte Zahl der Nervenzellen

im menschlichen Gehirn.

Euro werden in Österreich jährlich für die Versorgung von

Demenzkranken ausgegeben.

Euro werden im Rahmen der Krankenversicherung für die Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen in Österreich aufgewendet (ohne Spitalskosten). lautet die geschätzte Zahl der globalen Demenzfälle im Jahr 2050.

Personen sind zurzeit weltweit von einer Demenzerkrankung betroffen. beträgt die Zahl der Google-Treffer zum Stichwort „Sigmund Freud“.

Google-Treffer erbringt der Begriff „Psychiater“. Kilometer lang sind alle Nervenbahnen im Gehirn eines Erwachsenen.

Krankenstandstage ergaben sich 2013 in Österreich wegen psychischer und Verhaltensstörungen von Frauen und Männern.

900 000

Menschen in Österreich nahmen innerhalb eines Jahres das Gesundheitssystem wegen psychischer Erkrankungen in Anspruch.

Frauen waren 2013 in Österreich wegen psychischer und Verhaltensstörungen im Krankenstand. Männer waren 2013 in Österreich wegen Krankheiten des Nervensystems im Krankenstand. Menschen erhalten jährlich stationäre Hilfe in den ­psychiatrischen Abteilungen der Wiener Spitäler.

Kalorien kann der tägliche Kalorienbedarf eines Alzheimerpatienten betragen.

veröffentlichten Sigmund Freud und Josef Breuer ihre „Studien über Hysterie“. Seither gilt dieses Jahr als Geburtsjahr der Psychoanalyse.

führte Jean-Étienne Esquirol „démence“ als medizinischen Terminus für „erworbenen Schwachsinn“ ein – als Gegensatz zu angeborenem.

Prozent der Erwachsenen mit der AufmerksamkeitsdefizitHyperaktivitätsstörung ADHS weisen mindestens eine weitere psychische Störung auf.

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Prozent aller Demenzpatienten leben in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen.

Krankheiten werden unter dem Demenzsyndrom zusammengefasst.

Prozent aller Neuzugänge in die Berufsunfähigkeits- und Invaliditätspension erfolgen in Österreich aus psychischen Gründen. Prozent der Menschen sind mindestens einmal im Leben von einer psychischen Erkrankung betroffen.

Prozent aller Demenzerkrankungen beruhen auf seltenen Krankheiten wie der Pick’schen Krankheit, Creutzfeldt-Jakob oder Chorea Huntington.

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und Männern.

Krankenstandstage ergaben sich 2013 in Österreich wegen Krankheiten des Nervensystems bei Frauen Demenzerkrankungen werden für das Jahr 2050 in Österreich prognostiziert.

Menschen in Österreich leiden an einer demenziellen Erkrankung.

Apotheken in Wien und Niederösterreich nehmen an dem Projekt „demenzfreundliche Apotheke“ teil.

Medikamentenpackungen werden jährlich im Durchschnitt an männliche Arbeiter verschrieben. Das ist der höchste Psychopharmaka-Verbrauch in Österreich. Prozent der öffentlichen Gesundheitsausgaben in Österreich werden für psychisch Kranke aufgewendet. Prozent des globalen BIP betrugen die Kosten für die Betreuung ­Demenzkranker im Jahr 2010 weltweit.


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WIE ROBUST IST UNSERE PSYCHE? Zu den Fotos SEBASTIAN ZIMMERMAN – FIFTY SHRINKS Für sein Buch „Fift y Shrinks“ („Fünfzig Therapeuten“) fotografierte der in New York lebende deutsche Psychiater Sebastian Zimmermann jahrelang Psychotherapeuten an ihren Arbeitsplätzen. Als Insider gelang es ihm, intime Porträts seiner Kollegen zu schaffen. „Fift y Shrinks“ eröffnet Einblicke in eine mysteriöse, hermetisch abgeriegelte Welt, die den meisten von uns verschlossen bleibt. Sebastian Zimmerman arbeitet als niedergelassener Psychiater und ist preisgekrönter Fotograf. Seine Fotos wurden u. a. in der New York Times und Spiegel Online veröffentlicht. Er lebt mit seiner Frau, der Filmemacherin Renée Silverman, und seinen zwei Kindern in Manhatt an. Weitere Infos und Buchbestellung unter: www.fift yshrinks.com

„Es ist, als ob ich als Psychoanalytiker nicht nur mein eigenes Leben lebe, sondern auch das Leben unzähliger anderer Menschen. So habe ich einen Pakt mit dem Tod gemacht. Ich lebe mehr als mein eigenes Leben.“ Martin Bergmann

FOTOS: SE BA S T IAN ZIM M ER M AN / FIF T Y SHR INK S / W W W.FIF T YSHR INK S.COM

„Traumatische Erinnerungen unterscheiden sich von den normalen traurigen Erinnerungen eines Menschen dadurch, dass sie nicht zugänglich sind. Sie sind abgespalten. Gerade deswegen üben sie einen destruktiven Einfluss auf das Denken, Fühlen und Handeln eines Menschen aus.“ Pamela Thorp

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Wie robust ist unsere Psyche?

Forschung an Fohlen für Autisten Untersuchungen an „Dummy-Fohlen“ könnten neue Erkenntnisse bei der Entstehung von Autismus liefern Sonja dries

rei bis fünf Prozent der neugeborenen Fohlen weisen ein so genanntes D Fehlanpassungssyndrom auf. Diese „Dum-

my-Fohlen“ sind nach der Geburt desorientiert, haben keinen Trinkreflex und erkennen oft ihre eigene Mutter nicht. Lange wurde als Ursache Sauerstoffmangel während der Geburt vermutet. Da sich die Fohlen jedoch nach einem gewissen Zeitraum oft wieder komplett von dem Syndrom erholen, begann John Madigan, Professor für Veterinärmedizin an der UC Davis in Kalifornien und Experte für neonatale Medizin, genauere Untersuchungen. Schnell fokussierte er seine Forschung auf eine Gruppe neuroaktiver Steroide, Hormone, die während der Trächtigkeit vom Fohlen produziert werden, um sich im Mutterleib ruhig zu verhalten. Sie wirken wie ein Beruhigungsmittel, da zu viel Bewegung des Fohlens die Mutterstute in Gefahr bringen würde. Nach der Geburt muss das Fohlen aber sofort zu vollem Bewusstsein kommen, um in kürzester Zeit vor potenziellen Angreifern flüchten zu können. In der Zeit

John Madigan, University of California, Davis

„Eine Sache haben alle Autisten gemein: ihre Distanziertheit gegenüber der Umwelt.“ Is a a c P e ss a h , UC D a v i s

zwischen dem Eintritt in den Geburtskanal und der tatsächlichen Geburt wird also eine Art biochemischer Schalter umgelegt. Madigans These war es, dass der Druck, der während der Geburt ausgeübt wird, das Signal für das Fohlen ist, die Ausschüttung der neuroaktiven Steroide zu stoppen und „aufzuwachen“. Madigan und sein Forschungsteam konnten nachweisen, dass neuroaktive Steroide im Blut der Fohlen mit Fehlanpassungssyndrom auch nach der Geburt weiter nachweisbar waren, ihr Pegel teilweise sogar stieg. Auch gesunde Fohlen, denen die Hormone infundiert wurden, wiesen kurzfristig die Symptome des Syndroms auf. Gestützt auf diese Ergebnisse, entwickelte Madigan eine Methode, bei der er ein Seil mehrmals um den Oberkörper des Fohlens schlingt und dann Druck auf das Tier ausübt. Das Fohlen legt sich nach kurzer Zeit hin und scheint zu schlafen. Nach ungefähr zwanzig Minuten wird der Druck gelöst und das Fohlen erwacht. In vielen Fällen standen die Tiere auf und begannen sofort bei der Mutter zu trinken.

Auf diese Ergebnisse wurde auch Isaac Pessah, Professor für Molekularbiologie und Fakultätsmitglied am UC Davis Mind Institute, einem internationalen Forschungszentrum mit Spezialisierung auf neurologische Entwicklungsstörungen, aufmerksam. „Es gibt tausende potenzielle Gründe für Autismus, aber die eine Sache, die alle Autisten gemein haben, ist ihre Distanziertheit gegenüber der Umwelt“, sagt Pessah, der hier die Verbindung zu den Dummy-Fohlen sieht. Ihn fasziniert die Vorstellung, dass Madigans Konzept des gestörten Übergangs von einem quasi sedierten zu einem wachen Zustand des Fohlens in Zusammenhang mit Autismus stehen könnte. Eine neu gebildete komparative Forschungsgruppe, bestehend aus Veterinären, Ärzten, Epidemiologen und Grundlagenforschern, führt nun weitere Untersuchungen in diesem Bereich durch. Eine Studie stellte bereits einen erhöhten Level an Neurosteroiden bei Kindern mit Autismus fest. Die Theorie, dass der neuroaktive Steroidhaushalt des Kindes Hinweise auf Autismus liefern kann, wird nun weiter geprüft.

Was erhöht das Demenzrisiko? Wie sich ein Gehirn im Wachstum entwickelt, gibt Aufschluss über pathologische Prozesse im Alter ie überwindet man Barrieren, die gar W nicht sichtbar sind? Wissenschafter vom Institut für Palliative Care und Orga-

nisationsEthik der Uni Klagenfurt haben dazu gemeinsam mit der Selbsthilfegruppe Alzheimer Austria und der Apothekerkammer ein Projekt gestartet: Demenzfreundliche Apotheke“. 18 Apotheken in Wien und Niederösterreich beteiligen sich daran. 120.000 Personen in Österreich leiden an Demenz, weltweit mehr als 47 Millionen. Bis zum Jahr 2050 wird sich die Zahl verdreifachen. Auf einer WHO-Konferenz im März in Genf wurden erstmals weltweite Maßnahmen gegen Demenz beschlossen; 100 Millionen US-Dollar werden für die Forschung bereitgestellt. „Durch die höhere Lebenserwartung steigt das Demenzrisiko“, erklärt Gabor Kovacs von der MedUni Wien. „Allerdings zeigen Studien, dass sich die Zunahme in westeuropäischen Ländern verlangsamt. Der Lebensstil der Bevölkerung wie die Behandlung der Risikofaktoren, etwa kardiovaskuläre Erkrankungen oder Diabetes, haben sich in den letzten Jahren verbessert.“ Gabor Kovacs war der Koordinator des eben beendeten EU-Projekts DEVELAGE. Es erforschte molekulare Wege, die bei der

„Unsere Aufgabe bestand darin, in menschlichen Gehirngeweben einen Auslöser für die Verklumpung der Proteine zu finden.“ Gabor Kovacs, MedUni Wien

Gehirnentwicklung wie bei der Gehirnalterung eine Rolle spielen. Neben der Med Uni Wien waren sieben weitere europäische Forschungsinstitutionen beteiligt. „Unsere Aufgabe bestand darin, in menschlichen Gehirngeweben einen Auslöser für die Verklumpung der Proteine zu finden. Wir interessieren uns speziell dafür, warum einige alte Menschen völlig gesund sind, während andere Demenzerkrankungen entwickeln. Welche genetischen schützenden Faktoren haben erstere, die Erkrankte nicht haben? Ziel war auch, die Rolle der Proteine, die für Demenzerkrankungen wichtig sind, in Entwicklungshirnen zu beurteilen“, erklärt Gabor Kovacs.

Ein Faktor ist die Sirtuin-Expression, die Herstellung einer Proteinfamilie namens Sirtuin. „Vor allem das Sirtuin-1Protein wurde in den Modellorganismen als lebensverlängernd beschrieben“, so Kovacs. „Wir haben uns diese Proteinfamilie angesehen und konnten zeigen, dass nicht alle Mitglieder der Sirtuin-Proteinfamilie bei Alzheimer in verminderter Form hergestellt werden. Unsere Versuche ergaben, dass nicht nur die Menge des Sirtuins, sondern auch seine genaue Lokalisierung in der Zelle wichtig ist, um diese vor dem Untergang zu schützen und so das Zellleben zu verlängern.“ Erste humangenetische Studien hätten die Ergebnisse bestätigt.

der häufigsten Ursache für Demenz, gibt es zwei Betrachtungsebenen: die klinische und die neuropathologische (mikroskopische). Laut mikroskopischen Untersuchungen ist die Erkrankung durch zwei Merkmale charakterisiert: durch die Ablagerung von Proteinen, und durch den Verlust von Nervenzellen in bestimmten Gehirnregionen. Die sich ablagernden Proteine kommen in

allen Zellen vor und erfüllen wichtige Aufgaben. Das Amyloid-beta-Protein lagert sich hauptsächlich außerhalb der Zelle ab; das zweite Protein, Tau, innerhalb der Zellen. Durch einen bisher unbekannten Mechanismus verändern sich diese Proteine und verklumpen. Die verklumpten Proteine verhindern, dass die Nervenzellen ihre Aufgaben erfüllen können und führen zum Untergang der Nervenzellen.

:: Bei Morbus Alzheimer,

Fotos: biolution GmbH, UC Davis, Joe Proudman

Sabine Edith Braun


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Haidingers Hort der Wissenschaft

Grafikkabinett Püribauers Tierversuche

Narren im Turm M artin H aidinger

tufe um Stufe steigt er hinauf. GänzS lich auf seine großen Erwartungen im kleinen Oktogon jenseits des obersten, des Martin Haidinger ist Historiker, Wissenschafts­ journalist bei Ö1 und ­Staatspreisträger für Wissenschafts­ journalismus

I ll u strati o n : B ernd P ü riba u er

Freihandbibliothek Buchtipps von Emily Walton Pubertäres Gehirn

Lobe deine Kinder nicht!

The Teenage Brain: A Neuroscientist‘s Survival Guide to Raising Adolescents and Young Adults. Hardcover. Von Frances E. Jensen und Amy Ellis Nutt. Harper Verlag, 384 S.

NurtureShock: New Thinking about Children. Von Po Bronson und Ashley Merryman. Twelve Verlag. 352 S.

Eine Studie des Wahnsinns

Die Summe von Kopf und Körper

What is Madness? Von Darian Leader. Penguin Verlag, 368 S.

Incomplete Nature: How Mind Emerged from Matter. Von Terrence Deacon. Norton & Company, 544 S.

Plötzlich kommunizieren sie nicht mehr, werden emotional und launenhaft. Das „typische“ Benehmen der Teenager ist bekannt. Doch wo liegen die Ursachen für dieses Verhalten? Bislang wurde den Hormonen die Schuld gegeben. Frances Jensen rückt nun den neurologischen Aspekt in den Vordergrund. Der Professor für pädiatrische Neurologie in Harvard beschreibt die Veränderungen im Gehirn des Jugendlichen sowie die Auswirkungen auf sein weiteres Leben.

Wo liegt für die Wissenschaft die Grenze zwischen psychischer Stabilität und Wahnsinn? Der britische Psychoanalytiker ­Darian Leader beleuchtet in seinem Buch die verschiedenen Theorien zum Thema Wahnsinn. Seine Untersuchung beschäftigt sich mit der Frage, wie sich geistige Erkrankungen besser diagnostizieren und behandeln lassen. Außerdem möchte er Anleitungen geben, wie man ein Umdenken in der Gesellschaft hinsichtlich dieses Themas erreichen kann. Seine fundierten Erklärungen sind dabei psychologisch wie auch philosophisch zugleich.

Eltern meinen es in Sachen Kindererziehung gut. Allerdings ist das nicht zwangsläufig das beste. Die Journalisten Bronson und Merryman legen einen umfassenden Forschungsbericht zur Kindererziehung vor, der die gängigen Erziehungsratschläge infrage stellt. Kein Erziehungsratgeber, aber trotzdem für Eltern ratsam, da die Erkenntnisse aus den Bereichen Verhaltenspsychologie und Neurologie für Laien aufbereitet werden. Leider schwächt der deutsche Titel „10 schockierende Wahrheiten über Kindererziehung“ das Buch ab.

Wie konnten Leben und Geist aus einer leblosen Materie hervorgehen? Diese Frage bildet den Kern von Deacons Werk. Zusammen mit der Frage, wie sich Körper und Geist zu einem einheitlichen Ganzen fügen lassen. Auf knapp 550 Seiten führt der Professor der Uni Berkeley Theorien aus den Naturwissenschaften und der Philosophie zusammen und versucht so die Lücke zwischen „hard sciences“ (Naturwissenschaften) und „soft sciences“ (Geisteswissenschaften) zu schließen. Die theoretische Sprache verlangt etwas Vorwissen.

fünften Stockwerks konzentriert, bemerkt Joseph längst nicht mehr den infernalischen Gestank der angeketteten Menschenleiber, die den Turm bevölkern. Dumpf tönt aus den Zellen das Geschrei der Insassen. Gott allein weiß, wie sehr Kaiser Joseph II. diese Menschen liebt! Ihnen hat er 1784 den Narrenturm als sein Meisterstück auf dem Gelände des Wiener Allgemeinen Krankenhauses bauen lassen. Ohne Wasser im Haus. Dafür mit Blitzableiter. Joseph hat das Oktogon-Türmchen erreicht. Da sieht er plötzlich, dass er Gesellschaft hat. „Wer bist du?“, fragt er. „Mein Institut ist gleich da draußen am UniCampus“, antwortet die Studentenvertreterin und schüttelt dem verblüfften Kaiser die Hand. „Ich weiß, dass es das Türmchen heute eigentlich gar nicht mehr gibt“, sagt sie. „Aber ich bin trotzdem hergekommen, weil ich mich gerne in nicht existierenden Räumen aufhalte.“ Joseph glaubt zu verstehen und nickt wohlwollend. „Ist der ganze Turm nicht ein Wunderwerk?“, will er die Studentenvertreterin begeistern. „28 Zellen haben wir pro Stockwerk, denn die 28 ist die Zahl des großen Sonnenzirkels. Nach 28 Jahren fallen alle Wochentage eines Jahres wieder auf dasselbe Datum. Natürlich ist von der 28 auch der unheilbringende Mond betroffen, was für die Narren von großer Bedeutung ist. Mittels der 28 wollen wir sie kurieren. Immerhin heißt unter den 72 Engeln der Kabbala der 28. ‚Gott, der du die Kranken heilst‘ …“ … „‘tschuldigung“, unterbricht die Studentenvertreterin. „Aber Mathematik ist echt nicht meine starke Seite. Ich bin mehr für Philosophie, Soziologie und Politikwissenschaft.“ Joseph staunt: „Wo ist da der Unterschied zur Mathematik? Das Oktogon am Dach ist eine Denkmaschine und symbolisiert den platonischen Luftkörper. Durch Luft und Wind entzieht man dem Ort das Miasma, und die Seele kann durch die Luft in den Kosmos steigen, hin zum Göttlichen, findet Frieden und Heilung. Sogar die Geisteskranken können an diesem wunderbaren Ort zur Gotteserkenntnis gelangen.“ „Moment mal“, unterbricht ihn die Studentenvertreterin. „Sie erzählen mir ein bisschen zu viel von Gott und so. Was reden Sie da für okkultes Zeug? Uns haben sie immer gesagt, dass Joseph II. ein aufgeklärter Mensch war!“ Ratlos mustert Joseph sein Gegenüber. „Sind wir beide Narren? Ich am Beginn, und du am Ende des Erfassungsbogens der Aufklärung?“ Er seufzt mit einem Blick gen Himmel: „Jesus Maria!“ „Widerstand.“ Entgegnet leise die Studentenvertreterin und sieht zu Boden.


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WIE ROBUST IST UNSERE PSYCHE?

Wie robust ist unsere Psyche? WERNER STURMBERGER

Die Psyche in ihrem Mutterland: Bei den Griechen ist sie fragil Am drastischsten macht sich der Zusammenhang von Psyche und Gesellschaft in Griechenlands Suizidraten bemerkbar. Diese stiegen erstmals zu Beginn der Krise 2008 und ein weiteres Mal bei der Verabschiedung der Sparmaßnahmen 2011. Denn diese brachten auch eine massive Reduktion der medizinischen Versorgung. Ohne darauf näher einzugehen, lässt sich doch feststellen, dass Psyche und Gesellschaft keine unabhängigen Bereiche darstellen. Sie sind dynamisch und wechselseitig aufeinander bezogen.

Einst war die Psyche eine Königstochter. Die moderne Arbeitswelt hat sie zur Magd von Ansprüchen und Wunschvorstellungen gemacht. Jetzt reagiert sie mit Depressionen und Burnout

Die Psychiatrie ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts „Psychiatrie als ein systematisches Verständnis psychischer Störungen gibt es erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts“, erklärt Ulrike Kadi, Assistenzprofessorin an der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie der MedUni Wien (siehe auch ihren Beitrag auf Seite 16). „Sie ist der Versuch, seelische Probleme medizinisch zu betrachten, die Seele zu medikalisieren. So wird es möglich, spezifische Zustände als krank zu beschreiben und sie damit aus dem moralischen Bereich herauszulösen, in den sie damals verbannt waren.“ Mit der wissenschaftlichen Psychiatrie findet ein Paradigmenwechsel statt: Psychische Störungen werden nicht mehr mit einer Beeinträchtigung der Verstandesfunktion gleichgesetzt. Auch nicht mehr mit Besessenheit oder moralischem Makel. Es kommt zur Ausarbeitung einer psychiatrischen Krankheitslehre. Im Verlauf dieses Prozesses gewinnt gegen Ende des 19. Jahrhunderts die systematische Auseinandersetzung mit dem Unbewussten an Bedeutung. Im Pariser Hôpital Salpêtrière entdeckt der Neurologe Jean-Martin Charcot etwa, dass sich die Lähmungen mancher Patientinnen unter hypnotischer Suggestion beheben lassen. Diesen lagen offenbar keine organischen Störungen zugrunde. Sigmund Freud, der zwischen 1885 und 1886 vier Monate

an Jean-Martin Charcot’s Klinik verbringt, erkennt darin einen Beleg für die Existenz des Unbewussten.

Die Entstehung der Psychoanalyse und ihre Spaltung in Wien Zurück in Wien, wird Freud zum Vordenker der Psychoanalyse und Wien zu ihrer Metropole. Im Zeitraum von knapp dreißig Jahren entwickelt er getreu dem Motiv „Forschen und Heilen“ zentrale Thesen der Psychoanalyse. Er trägt zu ihrer Institutionalisierung, aber auch zu ihrer Spaltung bei. Die Popularisierung der Theorie stößt vor allem in der Psychiatrie auf heftige Kritik, findet aber bei einigen Interessierten Anklang. „Nicht alle hatten einen direkten Zugang zu Freuds Mittwochsgesellschaft, der späteren Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft“, sagt Gerhard Benetka, Leiter des Departments für Psychologie an der Sigmund-Freud-Universität Wien. Um falschen, missverstandenen oder gar missbräuchlichen Auslegungen vorzubeugen, versuchte Freud ein Lehrbuch der „richtigen“ Anwendung der Psychoanalyse zu verfassen. Er scheiterte und schlug einen anderen Weg ein: „Im Jahr 1910 wird die Internationale Psychoanalytische Vereinigung gegründet“, erklärt Benetka. „Qualitätssicherung durch Mitgliedsausweis: Die Frage nach richtig oder falsch wird mit der Mitgliedschaft verknüpft. Wenn man einen Verein nach dem Vorbild eines Familienverbandes gründet, so wie sich das Freud in ,Totem und Tabu‘ vorgestellt hat – ein Urvater und seine Söhne –, dann schreit das geradezu nach Häresie und Abfall.“ Dissidenten werden von der Orthodoxie scharf bekämpft: Schon früh werden Alfred Adler, Carl Gustav Jung und Wilhelm Stekel aus der Bewegung ausgestoßen. Sie begründen eigene Traditionen.

Psychotherapeutischen Formen in der österreichischen Gegenwart

„Die Psychoanalyse ist dort stark, wo sie als Deutung auftritt und als solche in der Lage ist, Unbewusstes bewusst zu machen.“ Ulrike Kadi, Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie der MedUni Wien

„Psychotherapie ist heute ein heterogenes Feld. Es gibt in Österreich über zwanzig anerkannte Methoden und vier große Paradigmen“, sagt Gerhard Stumm, Psychotherapeut und Klinischer Psychologe. Zu den aus der Psychoanalyse entstandenen tiefenpsychologischen Therapieformen treten im Verlauf des 20. Jahrhunderts andere Traditionen hinzu, etwa die am positivistischen Behaviorismus orientierte Verhaltenstherapie oder systemische oder humanistische Ansätze. Auch in der Psychotherapie gibt es zeitgeistige Trends: „Ein Zeitlang waren Familienaufstellungen sehr beliebt. Im Moment gibt es dagegen kaum Prospekte von facheinschlägigen Verlagen, in denen nicht zumindest ein Buch über Traumatherapie oder Achtsamkeitstraining vorgestellt wird“, sagt Stumm.

Stumm kommt auch auf das ÄquivalenzParadox zu sprechen: „Trotz unterschiedlicher Methoden und theoretischer Fundierungen – es gibt zum Beispiel eine Reihe von stark variierenden Erklärungsmodellen für Depressionen – sind die anerkannten Verfahren in der Therapie-Praxis ähnlich wirksam. Was eine Therapie erfolgreich macht, sind nicht so sehr spekulative Theorien, sondern vorwiegend allgemeine Faktoren wie die Interaktion mit dem Klienten, Zuhören, Mitschwingen, Einfühlungsvermögen und Wertschätzung.“ Die Ansätze unterscheiden sich aber hinsichtlich ihrer Zielsetzung: Während Verhaltenstherapien vornehmlich auf Symptome ausgerichtet sind, zielen tiefenpsychologische und humanistische Ansätze eher auf eine nachhaltige Veränderung der Persönlichkeitsstrukturen. Aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen, die einen breiten Zugang zur Ausbildung und Ausübung bzw. eine breite Palette an Methoden ermöglichen, bezeichnet Stumm Österreich als „eine Art Psychotherapie-Paradies“. Dies gilt jedoch nicht für die Kostenübernahme psychotherapeutischer Leistungen. „Im Sinne einer Gleichstellung mit körperlichen Erkrankungen wäre daher eine Ausweitung der Kostenübernahme wünschenswert, um eine flächendeckende Versorgung mit Psychotherapie sicher zu stellen.“

Freuds Theorien in der Gegenwart: Vieles anerkannt, vieles umstritten Viele von Freuds Überlegungen wie das Konzept von Ich, Es und Über-Ich gelten immer noch als grundlegend. Andere sind fragwürdig geworden und müssen durch neue Konzepte ergänzt werden: „Auch innerhalb der Psychoanalyse wird diskutiert, ob etwa der Ödipuskomplex, verstanden als ein notwendiges Durchlaufen eines Liebesund eines Rivalitätsverhältnisses zu Mutter und Vater, als universell, und das heißt auch überzeitlich gültig, anzusehen ist“, sagt die Psychoanalytikerin Ulrike Kadi. Entwicklungsbedingungen von Subjekten ändern sich aufgrund neuer sozialer Konstellationen. Heute gibt es AlleinerzieherInnen, In-vitro-Fertilisation mit Eizell- und Samenspenden, Patchwork- und Regenbogenfamilien. Freuds Grundannahme von einer heterosexuellen Kernfamilie erfüllen sie nicht. Entwicklungspsychologen gehen davon aus, dass die Genese der Psyche von unterschiedlichen Sozialisationsinstanzen abhängig ist. Diese sind jedoch selbst gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen. Daraus folgt, dass psychische Strukturen mit der Zeit in einem gewissen Rahmen veränderlich sind. Als Anzeichen gelten dem Psychologen Benetka etwa der frühere Eintritt in Fortsetzung Seite 14

FOTO: PRIVAT

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ie Psyche war einst eine mythologische Gestalt. Eine Königstochter, die sich mit Amor vermählt und so Unsterblichkeit erlangt. Mittlerweile trägt auch ein Krater des Asteroiden Eros ihren Namen. Auf der Erde wird sie gegenwärtig im Kontext von Beeinträchtigung genannt. Denn aufgrund psychischer Leiden stiegen in den letzten Jahren die Ausfallzeiten der Erwerbstätigen sowie die Anzahl von Krankenständen deutlich an. Vor allem im Zeitraum der Wirtschaftskrise ist ein deutliches Wachstum erkennbar. 2012 erreichten sie ihren Höchststand. Frauen sind davon häufiger betroffen als Männer.


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„Sigmund Freud verglich einmal die Psychoanalyse mit dem Schachspiel. Bei beiden Tätigkeiten, sagte er, kann man die Eröffnung und das Endspiel gut einstudieren, aber mittendrin wird es unglaublich komplex.“ Charles Brenner

Viele Kinder, deren Eltern an HIV gestorben sind, leben beiMenschen ihren Großeltern, dieErfahrung sich weder Essen noch Schul„Viele setzen die ihrer Verletzlichkeit bildung fürgleich. ihre Enkel können. SKY mit Schwäche Dochleisten das Eingestehen derorganisiert eigenen für sie den Transport, Schulgebühren, Lernmaterial, eine Verwundbarkeit kann zu einer neuen Offenheit und großen Lunchbox und der Schule eine warme Mahlzeit. Freiheit führen.“ Lisanach Kentgen

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Wie robust ist unsere Psyche? Fortsetzung von Seite 12

Nach der Hysterie erscheinen nun neue Krankheitsbilder Damit einhergehend ändern sich Krankheitsbilder: „Ein Fall von Hysterie, wie ihn Freud noch gesehen hat, ist wohl zum letzten Mal in den Siebzigerjahren im AKH aufgetreten“, sagt Benetka. Dass die Hysterie vollkommen verschwunden ist, glaubt die Psychiaterin Kadi aber nicht: „Auf eine an Freuds Beschreibungen erinnernde Normal-Hysterie treffen wir bei reiferen, das heißt neurotisch strukturierten Persönlichkeiten. In der klinischen Praxis haben wir es heute vermehrt mit unreiferen, zum Teil psychotischen Strukturen zu tun.“ Mit den Krankheitsbildern ändern sich auch die tatsächlich auftretenden Krankheiten. In der soziologischen Studie „Das erschöpfte Selbst“ erörtert Alain Ehrenberg die Zunahme von Depressionen im Kontext wechselnder gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Dazu gehören Erwerbsarbeit, sich ändernde Krankheitsdefinitionen und Diagnosepraxen sowie ihre Darstellung in den Medien. Gerhard Benetka spielt auf diesen Themenkomplex an, wenn er darauf hinweist, dass es handfeste materielle Interessen hinter den Diagnosen gibt: Pharmakonzerne wollen ihre Präparate verkaufen und TherapeutInnen ihre Dienstleistungen auf dem Markt anbieten. „Die Gesellschaft macht die Menschen wirklich krank. Zusätzlich bringt sie ein Gesundheitssystem hervor, das immer mehr Menschen, zumindest statistisch betrachtet, als krank denunziert“, formuliert Benetka.

Versagensängste, Depression und der Zwang zur Selbstoptimierung Rainer Gross, Primar der Sozialpsychiatrischen Abteilung am Landesklinikum Hollabrunn, spricht von „intrapsychischen Transformationen durch Internalisierung der verschärften äußeren Anforderungen in der heutigen Arbeitswelt“. Sie lösen „Insuffizienzgefühle und Scham bei Nicht-Erreichen dieser Anforderungen des Ich-Ideals“ aus. Kurz gesagt: Versagensängste. „Vor zwanzig Jahren war das etwas, das langsam und erst als Elitenproblem spürbar war. Aber das Gefühl war ein anderes. Da war noch Hoffnung dabei“, so Gross. Den höheren Risiken für den Einzelnen seien höhere Chancen und das Versprechen auf soziale Durchlässigkeit gegenübergestanden. Der oftmals zitierte Trickle-DownEffekt hat sich bewahrheitet, nur anders als versprochen: Statt Wohlstand sickerten Druck und Unsicherheit nach unten. „Die Menschen, die wir in Hollabrunn in der Sozialpsychiatrie aufnehmen, die beim Penny-Markt oder Billa knapp am Rausfliegen sind, haben blanke Angst. Dennoch erzählen ihnen alle, dass sie Unternehmer ihrer selbst sein müssen. Und sie glauben das

„Vielleicht ist das der Erfolg der Hirnwissenschaft: Wenn Sie scheitern, sind nicht Sie schuld daran, nicht einmal Ihr Hirn, sondern das Hirn.“ Gerhard Benetka, Department für Psychologie an der Sigmund-FreudUniversität Wien

„Den schillernden Begriff kreativer, künstlerischer Arbeit zum Zwecke der Selbstverwirklichung hat sich der Neoliberalismus auch noch gekrallt. Der großen Erzählung des Neoliberalismus kann man wenig entgegensetzen. Wir können sie dekonstruieren, wir können sie kritisieren.“ Rainer Gross, Psychiater und Psychoanalytiker

„Mit der gesetzlichen Verankerung der Psychotherapie hat die Enttabuisierung ihrer Inanspruchnahme zugenommen. Es gibt aber noch immer viele Menschen, die sich ins psychiatrische Eck gestellt fühlen und die mit Abwehr, Selbstabwertung und Scham reagieren.“ Gerhard Stumm, Psychotherapeut und Klinischer Psychologe

auch selbst. Wie das geht, können sie dann in den Wochenendzeitungen oder anderen Lifestyle-Beilagen nachlesen.“ Die von Gross angesprochene Selbstoptimierungsrhetorik stachelt zur Ertüchtigung für die persönliche Selbstausbeutung an. Sie offenbart sich als Zwang zur Freiwilligkeit. Mit dem Philosophen Michel Foucault könnte man auch von einer Internalisierung von Disziplinarmacht, einer Tendenz zu Selbstdisziplinierung und -überwachung sprechen. Foucault hält dies für eine Charakteristik der Moderne. Die Kontrolle wird nicht mehr von einer Instanz außerhalb der Person geleistet, sondern von dieser selbst.

Fehlendes Selbstwertgefühl und seine soziale Kompensation „Durch den Wegfall sozialer Bindungen, also der Auflösung von familiären oder gesellschaftlichen Strukturen wie Kirche, Partei oder sonstige Vereinigungen, sind die Menschen stärker auf sich selbst angewiesen, um sich großartig und erfolgreich zu machen. Das kann dazu beitragen, übertriebene narzisstische Tendenzen zu fördern“, sagt die Philosophin Ulrike Kadi. Der Erfolg von Selbstoptimierungsrhetorik oder der Wunsch nach Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken werden so verständlich. „Menschen, die in ihrem Selbstwertgefühl oder in ihrer narzisstischen Homöostase einigermaßen gesichert sind, leben meistens zufriedener. Wenn sie aus ihrer Kindheit genügend geliebt und gesichert herauskommen, sind sie seltener die HighAchiever. Wer etwas zu kompensieren hat, etwa das Gefühl, nicht so viel wert zu sein, der ist leichter zur Selbstausbeutung zu verführen“, erklärt Sozialpsychiater Gross. Nicht zuletzt sind Menschen mit gesundem Selbstwertgefühl auch belastbarer. Faktoren für eine erfolgreiche Stressbewältigung sind die Stabilisierung durch ein Beziehungsgeflecht nach außen und eine robuste Persönlichkeitsstruktur. Ihre Ausbildung finde jedoch zusehends unter Bedingungen statt, die wenige Ressourcen dafür anbieten würden. Gegenwärtig liege das diagnostische Augenmerk vor allem auf dem äußeren Anforderungsdruck, meint die Psychiaterin Kadi, nicht aber auf den damit verflochtenen Persönlichkeitsstrukturen, wie sie die Psychoanalyse betont. Aus diesem Grund kritisiert Gross die gebräuchliche Verwendung der Begriffe Depression oder Burnout: „Es handelt sich dabei um eine Trauma-Ideologie: Böses von außen macht mich krank. Das, worunter die Menschen leiden, empfinden sie als exogen. Ihren eigenen Beitrag, die Konflikte, die Selbstausbeutung und die Anfälligkeit für diese sehen sie nicht so gern.“ Burnout sei daher die Möglichkeit, sich mit dem Selbst zu beschäftigen, ohne sich allzu sehr mit sich selbst beschäftigen zu müssen. Anders als die Diagnose Depression sei sie weniger stigmatisierend. Sie wird nicht wie diese im Dunstkreis persönlicher Schwäche, sondern als außergewöhnliche

Leistungsbereitschaft gesehen. Burnout wird so zu einer verdienstvollen Auszeichnung und nicht wie die Depression zum Makel persönlichen Versagens.

Beste Anpassung an den gegenwärtigen Arbeitsmarkt? Argumente für eine Ausweitung der psychotherapeutischen Dienstleistungen kommen nicht selten von jenen, die maßgeblich an der Schaffung des Bedarfs beteiligt sind. Die OECD-Studie „Fit Mind, Fit Job“ bezifferte die Kosten psychischer Erkrankungen jüngst mit 11,8 Milliarden Euro. Sie rät zur Investition in Schulprogramme für psychische Gesundheit und entsprechend qualifizierte Fachkräfte, zur Ausweitung medizinischer und beruflicher Rehabilitationsprogramme sowie zu kürzeren Reaktionszeiten im Umgang mit psychischen Erkrankungen. Dabei fällt der Psychotherapie die Aufgabe zu, Menschen auf die Erfordernisse der Erwerbsarbeitswelt vorzubereiten bzw. deren negative Auswirkungen zu korrigieren. Es soll die Minderung der Workforce in Quantität und Qualität vermieden werden. Der Psychologe Benetka findet für diese Widersprüche der Psychotherapie in einem marktförmigen Umfeld folgende Formel: „In einer Welt der Berufstätigkeit, die eigentlich krank macht, Menschen wieder für diese gesund zu machen, ist ein kurioses Therapieziel.“ Für den Sozialpsychiater Gross ist vor allem das Zusammenwirken von Psychotherapie und Neoliberalismus problematisch: „Der Neoliberalismus hat am Rande der Psychotherapie-Szene eine blühende, weitgehende parasitäre Beraterszene ins Leben und ins gute Brot gebracht. Viele windige und sicher auch ein paar seriöse Berater von irgendwelchen Klitschen im Hinterhof bis hin zu McKinsey oder der Boston Consulting Group leben blendend davon.“ Für diesen „hässlichen Bastard, die Beratungsindustrie“ trage die Psychotherapie eine gewisse Mitverantwortung. Diese BeraterInnen seien zwar nicht ausschließlich PsychotherapeutInnen, würden sich aber des Jargons der Zunft bedienen.

Der emanzipatorische Aspekt der Psychoanalyse Gerade im Selbstverständnis der Psychoanalyse sei aber auch ein emanzipatives Moment angelegt: Sie könne helfen, die Menschen von dem freizusetzen, was sie fesselt und dabei helfen, eine kritische Distanz zu schaffen, um sie widerständiger gegen die Zumutungen des Lebens zu machen. In einem Bericht Sigmund Freuds aus den „Studien über Hysterie“ klingt das so: „Ich zweifle ja nicht, dass es dem Schicksal leichter fallen müsste als mir, Ihr Leiden zu beheben: aber Sie werden sich davon überzeugen, dass viel gewonnen ist, wenn es uns gelingt, Ihr hysterisches Elend in ­gemeines Unglück zu verwandeln. Gegen letzteres werden Sie sich mit einem wiedergenesenen Seelenleben besser zur Wehr setzen können.“

Fotos: Sigmund Freud Privatuniver sität Wien, Privat

die Pubertät, ein höheres Heirats- und Erstgebärendenalter und die verlängerte Phase der Adoleszenz: „Das ist immer häufiger die Problemphase. Jugendliche haben große Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden.“


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„Wenn ein weißer Psychoanalytiker afrikanische Kunstwerke in seiner Praxis aufstellt, wird das oft als guter Geschmack eingeschätzt. Wenn ich mich mit afrikanischer Kunst umgebe, ist das für mich persönlicher. Es entspricht einem Aspekt meiner Identität.“ Kirkland Vaughans

Viele Kinder, deren Eltern an HIV gestorben sind, leben bei ihren Großeltern, die sich weder Essen noch Schulbildung für ihre Enkel leisten können. SKY organisiert für sie den Transport, Schulgebühren, Lernmaterial, eine Lunchbox und nach der Schule eine warme Mahlzeit.

„Mein Bestreben, so viel wie möglich über meinen Analytiker herauszufinden, war nichts anderes als eine Übertragung. Es war in Wirklichkeit der Wunsch, meinen Vater besser zu verstehen. Diese Erkenntnis war unerhört wichtig für mich.“ Arnie Richards


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wie robust ist unsere psyche?

Oralerotiker Ulrike Kadi

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s sieht so aus, als wären inzwischen Menschen jeden Alters auf sie angewiesen: Kaum hat man einen Platz im Hörsaal, in einem Konferenzraum oder in einem Bahnabteil ergattert, werden die Flaschen ausgepackt. Zwischen Laptops, Notizheften und Federpenalen thronen sie: die wohlgeformten Plastikgefäße, deren Inhalt bequem wie aus einer Babyflasche herausgesaugt werden kann.

Die Babyflasche als ständige Begleiterin im Alltag Die meisten Besitzer geben sie nicht aus der Hand oder behalten sie zumindest im Auge. Und wenn Auge und Hand für anderes benötigt werden, lässt sich das kostbare Gut in eigenen Abteilen von Rucksäcken, Handtaschen und Fahrradkörben ständig mitführen. Babyflaschen für Erwachsene sind eine nicht nur hierzulande verbreitete Modeerscheinung. Bevor sie wieder verschwinden, verraten sie etwas über die Kultur, in der sie auftauchen. Die Flaschenmode fügt sich einem Trend zur Oralisierung. Und damit sagt sie etwas: Der Mund ist wichtiger geworden als je zuvor. Was bedeutet diese Entwicklung für unsere Psyche? Lässt sie sich mit anderen soziokulturellen und individuellen Phänomenen in Verbindung bringen? Was war vor dem Mund? Und vor allem: Was kommt nach ihm?

Sie nuckeln sich durch Alltag und Urlaub: In Zügen, Autos, auf der Straße und in Büros und Hörsälen saugen Menschen an ihren Plastik­ flaschen, als ginge es um ihr Leben. Geht es das?

Sondern es ist Fachwissen über die Geschmacksaromen am Gaumen, auf der Zunge oder beim Abgang verlangt. Angepeilte alimentäre Orgasmen (Rado) bestimmen auch das Verhältnis zu festen Nahrungsmitteln. Wer dabei ans Sattwerden denkt, liegt daneben. Foodies wissen: Nicht Sättigung ist angesagt, sondern der würdevolle Umgang mit kreativen Kompositionen. Sie entstehen unter Verwendung von ausgewählten Produkten – zum Beispiel Amaranth, Chia oder Meyer-Zitronen. Sie sind unbekannten oder vergessenen Rezepten verpflichtet. (Erinnern Sie sich noch an den Batzlguglhupf?) Es werden spezielle Gewürze verwendet. (Haben Sie schon einmal etwas von Sumach gehört?) Unerwartete Orte wie Kirchen oder Weingärten bilden das Ambiente. Und gekocht wird am besten nur von Sternen- und HaubenköchInnen. Allgegenwärtige Food-Fotografie macht deutlich, dass nicht nur die Speisen selbst, sondern auch (deren) Bilder sättigen können. Platzprobleme für die Zurschaustellung bestehen heute keine mehr. Was ehemals in große Rahmen als Stilleben gebannt werden musste, bevölkert heute Plakatwände, Wochenendbeilagen von Tageszeitungen und Hochglanzmagazine. Es wird in Fernsehkochsendungen hergezeigt, auf Küchenblogs genüsslich dokumentiert, oder in Postings auf der Facebookseite geteilt. Es gibt keine speisefreien Zonen mehr. Essen ist überall.

Zeitgenössische Formen der Oralisierung

Die Appetitlosen und die Depressiven

Zunächst ist wenig erstaunlich, dass mit der Oralisierung auch die Aufnahme in den eigenen Körper zu einem zentralen Punkt der öffentlichen Auseinandersetzung geworden ist. Was darf hinein? Was muss draußen bleiben? Antirauchergesetzgebung, Verordnungen über Nahrungsmittelkennzeichnungen, Cholesteringrenzwertbestimmungen und viele andere Vorgaben eines medikalisierten Dispositivs sind ängstlich auf die Schwelle des Mundes gerichtet. Der Übergang zwischen einem Außen und einem Innen des Körpers bedarf, so scheint es, der verstärkten Bewachung. Die Vorstellung, dass etwas Schlechtes in den Körper hineinkommen könnte, beunruhigt in einem solchen Ausmaß, dass auch einschneidende politische Festlegungen von Mehrheiten akzeptiert werden. Diesen Maßnahmen gegenüber – und dabei durchaus eng mit ihnen verbunden – steht eine raffinierte Kultivierung sinnlicher Erfahrung, die über Mund, Augen und andere Körperöffnungen gemacht wird. So lassen sich Weine in den letzten Jahrzehnten im Supermarkt kaum noch in der Doppelliterflasche kaufen, sondern hauptsächlich in der Bouteille. Verfeinerung ist angesagt. Weinkenntnis kann sich nicht allein auf den Namen des Weinguts, auf die Herkunftsregion oder den Jahrgang ­beschränken.

Doch nicht alle haben Lust zu essen. Manchen ist sie vergangen. In den letzten Jahrzehnten ist die Depression zu einer Volkskrankheit geworden. Jede vierte Frau und jeder achte Mann erkranken im Laufe ihres Lebens an einer ausgeprägten, wenn auch nicht immer als solche erkannten Depression. Sie verlieren Lust, Interessen und oft den Appetit, verzichten freiwillig auf Kontakt mit ihrer Umgebung, und viele können überhaupt nicht mehr schlafen. Sie haben nicht nur Sorgen, sondern sie machen auch welche: Da sie oft teilweise oder ganz arbeitsunfähig werden, müssen ausgeklügelte Sozialversicherungs- und Pensionssysteme neu überdacht werden. Die Depressiven beschäftigen das Arbeitsmarktservice. Nicht wenige hängen fest in Schuldenfallen, die einen (Wieder-)Einstieg in ein Erwerbsleben für sie dauerhaft unrentabel erscheinen lassen. Und schon allein durch ihre Anzahl warnen sie laut und deutlich vor dem Verlieren in einer vorwiegend auf finanziellen Gewinn ausgerichteten Glücksgesellschaft, als würden sie zu bewusstem oder unbewusstem Widerstand aufrufen. Ein Teil ihrer unzweifelhaft unangenehmen Symptome (wer verliert schon gerne sein Interesse an allem?) vertritt jene Seite der modernen Psyche, die genug von

Tipp Sigmund Freud Vorlesungen 2015: Lust. Verschlingen. Alles. 8. und 9. Mai 2015, 13. und 14. November 2015 Ort: Wiener Psychoanalytische Akademie, 1., Salzgries 16/3 Detailliertes Programm unter: www.psy-akademie.at

In Klammer und kursiv gesetzte Namen im Artikel, z. B. (Freud) verweisen auf Literatur zum Thema oder Begriff

allem hat: das erschöpfte Selbst (Alain Ehrenberg). Beratungs- und nicht selten therapieresistent, geriert es sich als Vertreter einer trotzigen Gegenkultur. Anstelle eines in der heutigen Arbeitswelt nahezu selbstverständlichen Tatendrangs, einer unausgesprochen vorausgesetzten Handlungskompetenz oder eines unbändigen Selbstermächtigungsbestrebens scheint es lieber der Abhängigkeit zu fröhnen. Als würde sich hier ein unmodernes Subjekt melden, das in seiner heillosen Unheilbarkeit einem zeitgeistigen Glücksversprechen Paroli zu bieten versucht.

Die Gier und das Ende des Wonnesaugens Die Depression, die Flaschenliebe und die Forcierung oraler Genüsse – sie alle verweisen auf einen gemeinsamen Ort früher psychischer Entwicklung: den Mund. Vor dem Mund gab es nichts anderes. Die allererste Bezugnahme auf Liebesobjekte erfolgt über diese Öffnung: Wonnesaugen, Spucken, Küssen und Beißen sind Aktionen, mit denen sich bereits für Neugeborene libidinös wie kannibalisch geprägte Formen der Lust verknüpfen. Lieben kann da nur eines heißen: einverleiben. Psychisch bleibt auch später etwas von der frühen Gier: Was wir lieben, wollen wir ganz in uns haben. Dabei ist nicht nur der Mund als Zone erotischer Aktivität leitend, auch die Augen helfen mit. Ihre Aufnahmefähigkeit, ja Gefräßigkeit ist legendär. Wir können mit unseren Blicken jemanden verschlingen. Freilich verwandelt sich unsere primäre Gier. Wir lernen nicht nur mit Messer und Gabel zu essen, sondern wir sehen unser Gegenüber als Partner, ja als Gast. Tischmanieren und Esskulturen geben unserem Liebesleben ein zivilisiertes Äußeres. Unsere Lust kann auch auf Erwachsen machen. Aber was, wenn das geliebte Objekt verloren geht? Dann ist Trauer angesagt. Der Schatten des Objekts fällt auf unser Ich (Freud). Trauer ist – anders als dies moderne, psychiatrische Klassifikationen nahelegen – eine keineswegs patho-logische, sondern logische Folge eines Verlusts. Trauer ist unvermeidlich, denn schon die erste Entwöhnung von Flasche oder Brust kennzeichnet einen Abschied. Die Depression oder Melancholie (Freud) entsteht dort, wo Trauerprozesse steckengeblieben sind: Es wird an der Einverleibung eines längst verschwundenen Objekts festgehalten. Mit den Flaschen in unseren Taschen können wir einiges lockerer nehmen: ein Schluck, der jederzeit verfügbar ist, lässt uns so manchen Verlust leichter verschmerzen. Er kann freilich auch die Hoffnung nähren, niemals ohne das Ding im Mund sein zu müssen. Eine kulturelle Oralisierung rückt unsere erste Form von Liebe ins Zentrum. Nicht überall wird aus gieriger Verschlingung ein Gastmahl werden. Die Möglichkeit besteht aber immerhin.


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„Als Psychiater und Künstler weiß ich, wie wichtig es ist, das kreative Potenzial meiner Patienten zu wecken und dadurch zur Verbesserung ihrer psychischen Probleme beizutragen.“ Roy Kremberg

„Als Psychoanalytikerin, Filmemacherin und Fotografin fühle ich mich mit Worten und Bildern gleichermaßen zu Hause. Ich bin davon überzeugt, dass kreatives Schaffen menschliches Leid verringern kann.“ Donna Bassin


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Zappelphilipp oder Therapiefall? Sonja Burger

Reaktion auf Trennung, Mobbingoder Gewalterfahrungen? Zeigt ein Kind ein Symptom wie dieses, steht dann gleich fest, ob eine psychische Störung vorliegt? „Nein“, sagt Hedwig Wölfl, Psychologin und Leiterin der Kinderschutzzentren „die möwe“. „Denn gerade bei Kindern sind die Ursachen für solche Ausdrucksweisen oder Symptome sehr unterschiedlich und müssen als Hinweise für ein Problem ernst genommen werden. Sie bedeuten aber nicht unbedingt, dass eine psychische Erkrankung vorliegt.“ Klagen Peter und Rudi etwa beide über unspezifische Schmerzen oder ändert sich ihr Sozialverhalten, kann das beim einen die Reaktion auf eine Trennung sein. Und beim anderen auf Mobbingoder Gewalterfahrungen. Fest steht, dass Kinder und Jugendliche ihre seelische Not immer zum Ausdruck bringen. Die Ausdrucksformen sind altersabhängig. So treten Essstörungen oder Selbstverletzungen meist erst im Jugendalter auf. Zwischen Symptom und Ursache muss also sehr genau unterschieden werden. Ob das Kind behandlungsbedürftig ist oder bereits eine krankheitswertige Störung vorliegt, sollten Fachleute beurteilen. „Je nach Ursache ist ein Kind dann etwa in einer Rainbows-Gruppe, einem Kinderschutzzentrum oder in der Kinderpsychiatrie besser aufgehoben“, betont die Psychologin.

es eine zusätzliche Tagesklinik für schulbe- „Allerdings sind nicht alle Kinder und Die erste zogene Störungen. „Wir haben derzeit acht Jugendliche, die auffällig waren, auch beösterreichische Therapieplätze. Im Vergleich zum tatsächli- handlungsbedürftig. Der Bedarf nach Prächen Bedarf ist das aber zu wenig. Die War- ventionsmaßnahmen ist demnach groß“, Studie über teliste ist lang.“ schließt Philipp. psychische Ist das nur eine Phase, oder braucht Zehn bis dreißig Prozent der Kinder Probleme von das Kind Hilfe? traumatisiert Kindern und Bei Kindern und Jugendlichen wird in Ös- Prävention ist ein zentraler Aspekt, um die generell zuerst auf Psychotherapie psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ist terreich gesetzt: Heilpädagogik, Sozialtherapie, Er- von Jugendlichen zu erhalten und zu förgotherapien, das Spektrum ist breit. Nur dern. Resilienz und individuelle Verletzlichin der Endaus­ wenn nötig und erst nach sorgfältiger Indi- keit fallen allerdings genauso ins Gewicht. wertung. Rund 17 kation sollte eine medikamentöse Behand- Einer der größten Risikofaktoren ist Gewalt in jeder Form. Prozent gelten als lung eingeleitet werden. Doch schon lange bevor es zur Diagno„In jeder Klinik für Kinder- und Jugend„behandlungs­ se kommt, können Eltern gegensteuern. psychiatrie werden im stationären Bereich Vorausgesetzt, dass sie zum Kind oder Ju- zwischen zehn und dreißig Prozent traubedürftig“ gendlichen ein Vertrauensverhältnis aufgebaut haben und die nötige Aufmerksamkeit mitbringen. Wie schwierig das sein kann, illustriert die Darstellung der Eltern im „Zappel-Philipp“ ja sehr gut. Damals wie heute stehen Eltern vor der Frage: Ist das nur eine Phase, oder braucht es Hilfe? Für Wölfl hat sich hier ein Spannungsfeld zwischen Bagatellisierung und Dramatisierung aufgetan.

Wie viele Kinder sind in Österreich „behandlungsbedürftig“?

Hedwig Wölfl: „Symptome müssen als Hinweise für ein Problem ernst genommen werden.“

Die Versorgung in der Kinderpsychiatrie ist unzureichend

Katharina Purtscher-Penz: Leider herrscht ein eklatanter Mangel an „Die Zahl der TherapieTherapieplätzen und Kassenärzten zur plätze ist im Vergleich Erstversorgung. Auch gibt es große Unter- zum tatsächlichen schiede zwischen den Bundesländern. Bei- Bedarf zu gering.“

des wurde von der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (ÖGKJP) kritisiert. Wie stark Angebot und Bedarf auseinanderdriften, weiß auch Katharina Purtscher-Penz. Am Landeskrankenhaus Graz Süd-West leitet sie die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. An Krankenhäusern mangelt es ihrer Einschätzung nach generell an Diagnostik- und Abklärungsambulanzen. Die Versorgungssituation sei in allen Teilbereichen der Kinder- und Jugendpsychiatrie nach wie vor unzureichend. An ihrer Abteilung gibt

Julia Philipp: „Je mehr Risikofaktoren aufeinandertreffen, desto größer ist die Gefahr, dass Auffälligkeiten entstehen.“

Wie viele Kinder und Jugendliche in Österreich „behandlungsbedürftig“ sind, war bislang nicht bekannt. Das ändert sich nun mit der ersten österreichweiten, repräsentativen Studie. Daran wirkt auch Julia Philipp, Ärztin und Forscherin an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien mit. An der vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger finanzierten Studie „MHAT – Epidemiology of mental health problems in Austrian teenagers“ ist das Ludwig Boltzmann Institut Health Promotion Research beteiligt. 3.600 Kinder und Jugendliche zwischen zehn und achtzehn Jahren nahmen teil. Derzeit befindet sich das Ganze in der Abschlussphase. „Wir sind die Ersten, die emotionale Auffälligkeiten wie Ängste oder Depressionen genauso wie Verhaltensauffälligkeiten, zum Beispiel Hyperaktivität oder Aufmerksamkeitsprobleme, in einer repräsentativen Stichprobe österreichweit erhoben haben“, berichtet Philipp. Die große Stichprobe erlaubt es, Auffälligkeiten auch nach Geschlecht, Alter oder Schultyp abzubilden. Ein Vergleich der Bundesländer ist nicht vorgesehen. Von den bisherigen Ergebnissen war Philipp nicht überrascht. Mit einer Gesamtauffälligkeit von siebzehn Prozent liege Österreich, genauso wie Deutschland, im europaweiten Mittelfeld. Wegen der unterschiedlichen Erhebungsmethoden sind Vergleiche allerdings schwierig. Experten siedeln das Mittelfeld bei fünfzehn bis zwanzig Prozent an.

matisierte Patienten behandelt“, sagt Katharina Purtscher-Penz. „Spezielle Ausbildungen seitens der Mitarbeiter, etwa in Psychotrauma­therapie und Traumapädagogik, sind eine wichtige Voraussetzung für die Behandlung. Weiters muss endlich die ambulante Psychotherapie durch kassen­ finanzierte Therapieplätze in ausreichendem Maß zur Verfügung gestellt werden“, fordert sie. Gerade sexuelle Gewalt könne in jeder sozialen Schicht vorkommen, ge-

Mit der Rolle von Armut als Risikofaktor befasst sich der aktuelle, noch ­unveröffentlichte 6. Bericht zur Lage der Kinderund Jugendgesundheit nauso wie emotionale Vernachlässigung. Mit der Rolle von Armut als Risikofaktor befasst sich der aktuelle, noch unveröffentlichte 6. Bericht zur Lage der Kinder- und Jugendgesundheit der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit. „Je mehr Risikofaktoren aufeinandertreffen, desto größer ist die Gefahr, dass Auffälligkeiten entstehen, und umso wichtiger ist die Prävention“, sagt Philipp. Wo etwa psychische oder körperliche Erkrankungen in der Familie vorliegen, bestünden gute Chancen, dass Interventionen eine Wirkung haben. Hedwig Wölfl leitet bei der Liga für Kinder- und Jugendgesundheit das Projekt „Frühe Hilfen – Modellregion Wien“. Dabei werden Eltern bereits zu Beginn bei ihrer Aufgabe unterstützt. Eine frühe Sensibilisierung für psychische Gesundheit kann schon in der Schwangerschaft beginnen. Die Folgen von einer Verschleppung der Problematik sind für die Betroffenen oft auch noch als Erwachsene spürbar. Eine schlechte Versorgungslage trägt das ihre dazu bei. Anders als im „Zappel-Philipp“ gezeigt, kann also durch Achtsamkeit und Füreinanderdasein in jeder Familie der Grundstein für psychische Gesundheit gelegt werden.

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ie Stimmung am Familientisch ist bedrückend, der Vater schaut streng und die Mutter verstummt, während ihr Sohn, besser bekannt als „­Zappel-Philipp“ aus dem Kinderbuch „Der Struwwelpeter“, griesgrämig mit dem Sessel schaukelt. Die Folgen sind bekannt: Der Vater im Zorn und das Kind unter Tischtuch, zerbrochenen Tellern und Essen begraben. Der Verfasser des Buches, das 1845 erschien, war der deutsche Psychiater und Kinderbuchautor Heinrich Hoffmann. Er gilt als einer der ersten Vertreter der Kinderpsychiatrie.


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„Manchmal fragen mich meine Patienten, warum ich meine Praxis so eingerichtet habe, wie sie ist. Eine Patientin fühlte sich hier wie in den psychotischen Eingeweiden ihrer Mutter – und sie kam nicht wieder.“ Michael Eigen

„Die biologische und psychische Geburt des Menschenkindes fallen zeitlich nicht zusammen. Die erste ist ein dramatisches, beobachtbares und genau umrissenes Ereignis, die zweite ein sich langsam entfaltender intrapsychischer Prozess.“ (aus: Mahler/Pine/Bergman, Die psychische Geburt des Menschen) Anni Bergmann


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Absturz in die Sucht Dieter Hönig

Das Einstiegsalter unter Jugendlichen. „Viele sind sich nicht die ­andauernd Erfolge vorweisen müssten: bewusst, welche Gefahren die Droge birgt. Künstler, Politiker, Manager, aber auch Perbei Österreichs Sie kann zur Abhängigkeit und schizophre- sonen im Gesundheitswesen oder in der nen Grunderkrankung führen.“ Angehöri- Medienbranche. Jugendlichen in gen rät sie, erste Anzeichen von Drogenden Alkohol- und abhängigkeit nicht zu ignorieren und offen Rückkehr zu einer solidarischen auszusprechen. Dass Marihuana legalisiert Leistungsgesellschaft Drogenmiss­ werden soll, lehnt sowohl sie als auch ihr „Ich fürchte, es ist eine Illusion, dass wir in brauch liegt Patient ab: „Nein, am besten, man hält die einer Informationsgesellschaft leben“, sagt Suchtforscher Musalek. Vielmehr sei es eine derzeit zwischen Droge fern von allen Menschen.“ Gesellschaft des gefährlichen Halbwissens, wo Wissenslücken durch Vorurteile ersetzt elf bis 14 Jahren. Auf dreißig Alkoholabhängige kommt bei uns ein Kiffer werden. Und so wird dann auch mit SuchtDie Folgen für die 350.000 ÖsterreicherInnen konsumieren re- mitteln umgegangen. Als verschärfend sieht gelmäßig Alkohol, 30.000 Drogen, Tendenz Psyche können steigend. Das ist umso dramatischer, da die enorm sein „Zu Spitzen­zeiten Spätfolgen bei Alkohol noch weit verhee-

„Ich deute ständig seinen Geruch“, sagt die Mutter Auch Erwin hat die Sucht mittlerweile überwunden. Er war 15 Jahre lang abhängig von Kokain und flüssigen Drogen und riss damit nicht nur sich, sondern auch seine Familie in den Abgrund. „Irgendwann ist er dann auf der Straße zusammengebrochen und musste von Fremden ins Krankenhaus gebracht werden. Wir konnten nur machtlos zusehen“, erzählt seine Mutter. Was nach seinem Entzug geblieben ist, ist die Angst der Eltern: „Ich bin ständig wachsam, deute sein Verhalten, seinen Geruch, seine Worte“, so die Mutter. Das sei gut so, sagt Joe Waitschacher, Psychologe und Therapeut im Drogen-Ambulatorium „Roots“ in Villach. „Abhängige brauchen das familiäre Netz und Menschen, die an ihrem Leben teilhaben und sie nicht meiden. Sie brauchen Zeit und Perspektiven.“

Michael Musalek: „Sucht hat wichtige gesellschaftliche Aspekte.“

Jugendarbeitslosigkeit als Einstiegsdroge Rund 400 Klienten werden derzeit im Drogenambulatorium Villach von einem zehnköpfigen Team betreut. Mehr als die Hälfte der Abhängigen sind Jugendliche. „Ein Großteil von ihnen ist wegen des Cannabis-Konsums, dem Kiffen, bei uns“, berichtet die Psychiaterin Ingrid Korner-Kattnigg, Leiterin des Ambulatoriums. Die Einrichtung bietet auch wöchentliche Betreuung von Angehörigen an. „Immer mehr Eltern suchen unsere Hilfe, weil sie mit der Sucht ihrer Kinder nicht zurechtkommen. Wir wollen Wege erarbeiten, um mit der Problematik umzugehen.“ Auch beklagt Korner-Kattnig das immer niedrigere Einstiegsalter bei Drogen. Die Jugendarbeitslosigkeit sei hier ein großes Problem. „Wenn etwa Lehrlinge keine Job-Perspektiven erkennen können, sind sie eher geneigt, zu Drogen zu greifen.“ Besonders Cannabis sei ein zunehmendes Problem

Ingrid KornerKattnigg: „Wenn etwa Lehrlinge keine Job-Perspektiven erkennen können, sind sie eher geneigt, zu Drogen zu greifen.“

render sind als bei Drogen. Alkohol richtet irreparable Organschäden an. „Die Zunahme an Suchterkrankungen liegt nicht nur an der relativ leichten Verfügbarkeit von Suchtmitteln, sondern auch an unserer zunehmend unsolidarischen Gesellschaft, in der nicht Leistung, sondern Erfolg zählt“, ist Michael Musalek, Leiter des Wiener Anton-Proksch-Instituts, überzeugt. Auch haben Jugendliche heutzutage wesentlich mehr Geld zur Verfügung, um an Drogen und Alkohol zu gelangen. Und dies geht quer durch alle sozialen Schichten. Auch lässt sich eine Suchterkrankung nicht nur aus einer genetischen Disposition heraus erklären. „Sucht hat wichtige gesellschaftliche Aspekte“, erklärt Musalek. Als ganz große Gefahr sieht auch er das immer frühere Einstiegsalter bei Jugendlichen. Dieses liegt derzeit bereits zwischen elf bis 14 Jahren. Und er sieht auch keine Besserung. Ganz im Gegenteil, das Einstiegsalter werde weiter sinken. Grundsätzlich unterscheidet ­Musalek zwei Gruppen von Jugendlichen mit Neigung zu Drogen: „Die einen, die es aus bloßer Neugierde versuchen, weil es schick ist. Und die anderen, die es nicht beim Versuch belassen, sondern Gefallen daran finden. Sie verlieren Ängste und Spannung und gewöhnen sich an diesen Zustand.“ – Für Musalek der gerade Weg in die Sucht.

Statt Stigmatisierung mehr Information und Verständnis Musalek plädiert nicht für Verbote und Stigmatisierung von Suchtmitteln, sondern für einen verantwortungsvolleren Umgang der Gesellschaft mit Sucht, mehr Information und die Loslösung von der Wahnvorstellung, Leistung sei gleich Erfolg. „Heute wird gerne behauptet, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben. Aber nicht Leistung wird honoriert, sondern Erfolg.“ Dadurch seien viele Menschen einem steten Leistungsdruck ausgesetzt. Den Ausweg bieten dann scheinbar Sucht- und Dopingmittel zur Entspannung und Bewältigung von Ängsten oder Sorgen. Ganz besonders gefährdet seien daher Menschen,

war ich 48 Stunden ­unterwegs, bin mit ­Kaffee und Kokain aufgestanden und hab mich abends mit einem Joint runtergeholt.“

Musalek die Tatsache, dass die Mehrheit sich ihres lückenhaften Wissens nicht einmal bewusst ist. Man sieht die Dinge nur an der Oberfläche und wird so zum Spielball des Establishments. Musalek räumt auch mit dem Irrglauben mancher auf, wir würden heute in einer Genussgesellschaft leben. „Wir leben vielmehr in einer Spaßgesellschaft. Denn Genuss, Freude und Glück bedeuten anhaltendes Wohlsein. Spaß, ähnlich wie beim Drogenkonsum, einen kurzen, heftigen Höhepunkt mit anschließender Ernüchterung.“ Aber nicht nur stoffgebundene, auch stoffungebundene Süchte wie etwa Spielsucht, Internetsucht oder Kaufsucht nehmen zu. Bei der Spielsucht sieht der Suchtforscher klare Zusammenhänge mit Depressionen. Oft würden Betroffene versuchen, diese durch Spielsucht zu kompensieren. Auch bei der Kaufsucht erkennt Musalek klare Zusammenhänge zum Druck der Erfolgsgesellschaft, die ein permanentes Konkurrenzdenken herausfordert. Und er appelliert sowohl an die Medizin als auch an die Gesellschaft: „Natürlich müssen wir uns therapeutisch verbessern und Süchte früher erkennen. Wir sollten uns aber auch überlegen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, die uns so empfänglich für Süchte aller Art macht.“ Auswege sieht er in der Rückkehr zu einer solidarischen Leistungsgesellschaft und in neuen Informationsstrategien. Sowohl seitens der Medien als auch seitens der Konsumenten. Es gelte, Informationsschlaglichter nicht nur zu vermitteln und aufzunehmen, sondern sich wirklich grundlegend zu informieren und dieses Wissen letztlich auch praktisch umzusetzen.

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u Spitzenzeiten war ich 48 Stunden unterwegs, bin mit Kaffee und Kokain aufgestanden und hab’ mich abends mit einem Joint runtergeholt.“ Reinhard hatte mit 20 Jahren das erste Mal Marihuana geraucht. Irgendwann wollte er mehr: „Meine Freunde zogen eine Line, also hab’ ich es auch versucht.“ Der 30-jährige Villacher erzählt von Höhen und Tiefen, so als könnte er den Drogenrausch noch fühlen. Es gab kein Lokal, in dem er nicht gedealt hatte. „Marihuana, Kokain. Ich hab’ gekauft, gedealt und konsumiert. Die Realität geträumt, um am Ende böse zu erwachen.“ Vier Jahre saß er im Gefängnis. Heute weiß er: „Es war ein Fehler, und ich wünschte, ich hätte es früher erkannt.“ Diese Erkenntnis kam zwar spät, aber nicht zu spät: Seit sechs Jahren ist er clean und damit beschäftigt, „den Wahnsinn seiner Vergangenheit aufzuarbeiten“.


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„Wenn ein Mensch, der in jungen Jahren sexuell missbraucht wurde, diese traumatische Erfahrung von seinem Bewusstsein abspaltet, nennen wir das Dissoziation. Dies ist ein Schutzmechanismus, der die Illusion verschaff t, meinen Körper kannst du haben, aber nicht mich selbst.“ Ernesto Mujica

Wenn zwei Menschen sich trennen, denken sie oft, dass sie in ihrem Leben nie wieder glücklich sein werden. Als Psychoanalytikerin und Scheidungsberaterin gebe ich ihnen die Hoffnung, dass ihr Leben sich längerfristig verbessern kann, selbst wenn die akute Veränderung sehr schmerzlich ist. Kate Bar-Tur


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Die Psyche: Das Glossar Jochen stadler

Borderline-Persönlichkeitsstörung

Die Betroffenen benehmen sich in zwischenmenschlichen Beziehungen und zu sich selbst für Außenstehende unverständlich. Ihre Stimmungen, Beziehungen und Selbstbilder schwanken zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Depressionen

Sumpf aus geistiger Niedergeschlagenheit, aus dem man sich entgegen der allgemeinen Ansichten nicht durch eigene Willenskraft quasi an den eigenen Haaren herausziehen kann. Dissoziale Persönlichkeitsstörung

Die Fähigkeit, andere ohne jegliches Mitleid auszunützen. Macht sich meist schon im Schulalter bemerkbar durch häufiges Lügen, Stehlen und die Unfähigkeit, durch Erfahrung soziale Regeln zu lernen. Weil sie sich nicht in andere Menschen hineinversetzen können, entwickeln die Betroffenen kein Schuldbewusstsein. Ihr übersteigertes Selbstwertgefühl lässt sie vordergründige Rationalisierungen für asoziale Taten erfinden, oder sie beschuldigen einfach andere. Emotional instabile Persönlichkeits­störung

Macht Menschen launenhaft. In einem Augenblick fühlen sie sich wie auf Wolke sieben, im nächsten am Boden aufgeschlagen. Sie können rasch von charmant und verführerisch auf feindselig umschwenken. Viele wechseln oft ihre (Ehe-)Partner. Empathie

Fähigkeit zu erkennen und zu empfinden, was in einem anderen Lebewesen vorgeht. Es

Teufelchen in der Seele, dass uns stets an Sex, Essen und Rock‘n‘Roll denken lässt und ungern wartet. Fremdbild

Oberflächliche Skizze, mit der uns andere völlig verzerrt darstellen, weil sie die versteckten Talente und innere Schönheit nicht erkennen können. Gestört

Schnelldiagnose von Laien, um die Gründe für das Verhalten so mancher Autofahrer, Chefs und Konkurrenten zu charakterisieren. Hilfs-Ich

Bei Patienten mit zwischen Es und Über-Ich hilflos überfordertem Ich

kann der Psychotherapeut dieses mittels „Hilfs-Ich“ unterstützen. Dafür spricht er Gedanken sowie Emotionen zu gewissen Situationen für den Patienten laut denkend vor. Histrionische Persönlichkeitsstörung

Die Betroffenen neigen zu theatralischem Verhalten, dramatisieren jedes Problem und sind oberflächlich und launisch. Ihr Lebensziel ist reich und schön zu sein. Ich

Zwischen dem stets fordernden Es und dem allzeit maßregelnden ÜberIch in der Zwickmühle steckende, ausführende Instanz unserer Psyche. Von den häufig unrealistischen Ansprüchen nicht selten überfordert. Kombinierte Persönlichkeitsstörung

Merkmal von Serienmördern, Sektenführern, Diktatoren und so manchen Wildwest-Legenden. Magisches Denken

Phase in der kindlichen Entwicklung, wo man an Macht und Wirkung von Amuletten, übernatürlichen Kräften, Geheimgesellschaften und ­Globuli glaubt. Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Die Betroffenen zeichnet ein bis zum Kitsch geschöntes Selbstbild aus, sie suchen ständig die Bewunderung anderer. Dazu bedienen sie sich des Selbstmitleids genauso wie der Intrige. Kritik fassen sie ob ihrer extremen Unsicherheit als Angriff auf. Neurose

Früher Bezeichnung für Nervenkrankheit ohne erkennbaren körperlichen Grund. Heute ist dieses Wort in Fachkreisen ziemlich tabu. Normopathie

Krankhaftes Normalsein. Die Betroffenen passen sich zwanghaft an alle möglichen Regeln und Normen an, um ja nicht aufzufallen und als abnormal zu gelten. Paranoide Persönlichkeitsstörung

Führt dazu, dass man sich vor Flüchtlingen, Moslems, Juden, Bankern, Radfahrern, Gutmenschen, Impfungen und vielem anderen fürchtet, während man übersieht, dass man mit dieser „Einstellung“ gefährlich ist. Passiv-aggressive Persönlichkeitsstörung

Spornt zu Höchstleistungen an, sich

konstruktiver Arbeit zu widersetzen. Mit pubertärem Trotz wird jegliche Anforderung für sinnlos erklärt und Fortschritt durch passiven Widerstand unterminiert. Die Betroffenen fühlen sich von allen missverstanden, sind streitsüchtig und vor allem neidisch. Persönlichkeitsstörung

Chronisch krankhaftes Verhalten einer Person, das manchmal die Betroffenen, viel öfter aber ihr Umfeld leiden lässt. Pseudologie/Mythomanie

Manisches Verlangen zu lügen, um damit Geltung und Anerkennung einzuheimsen. Psychiater

Facharzt für „die Lehre von seelischen Störungen“ und deren oft spärlichen Heilungsmöglichkeiten. Psychodrama

Inszenierung des seelischen Leidensweges vor dem Psychotherapeuten oder einer Patientengruppe, um Probleme zu erkennen und zu überwinden. Psychologe

Akademische Person, die sich wissenschaftlich mit der Geisteswelt beschäftigt, ihre Beeinflussbarkeit durch Werbung erkundet, wissen will, wie Autofahrer und Schwerverbrecher ticken, oder Mobbingopfer berät. Psychopath

Ungustl mit kombinierter Persönlichkeitsstörung. Empfindet Fehlen von Empathie und Gewissen als Auszeichnung und besitzt kaum Selbstkontrolle. Psychopathen-Checkliste

Vom kanadischen Kriminal-Psychologen Robert D. Hare erstellter Persönlichkeitstest, der Psychopathen-Eigenschaften wie oberflächlichen Charme, ein übersteigertes Selbstbild, Pseudologie, fehlende Empathie, mangelhaftes Verantwortungsgefühl und schlechte Selbstbeherrschung erfasst. Psychose

Schwere psychische Störung, welche die Wahrnehmung zumindest zeitweise von der Realität entkoppelt. Psychotherapeut

Pfleger, Soziologe, Publizist, Eheberater, Pädagoge, Theologe, Sozialarbeiter, Psychologe oder Mediziner, der eine Ausbildung in einer von dreiundzwanzig Physiotherapie-Methoden erfolgreich abgeschlossen hat.

Schizoide Persönlichkeitsstörung

Die Betroffenen schätzen die Fantasie mehr als Erfahrungen mit der Außenwelt. Sie können Gefühle wie Freude und Leid nur begrenzt erleben und ausdrücken. Die Nähe anderer Personen und Veränderungen setzen sie unter Druck, sie leben daher meist sehr zurückgezogen. Schizophrenie

Durch Störungen im Wahrnehmen, Denken und der Ich-Funktion hört man Stimmen, glaubt, kontrolliert zu werden, die Gedankengänge sind nicht flüssig und man hat den Eindruck, sie werden von außen diktiert. Selbstbild

Nur allzuoft maßlos geschönte Vorstellung des eigenen Wesens. Selbsterfahrung Psychotherapeuten testen ihre Metho-

den am eigenen Leib und Geist, bevor sie damit auf ihre Patienten losgehen. Sigmund Freud etwa unternahm Selbstversuche mit Kokain. Selbstwertprobleme

Indikation, um sich einen fetten SUV, das neueste iPhon und den flachstmöglichen Großbildfernseher zuzulegen. Sexualtherapie Psychotherapeutischer Ansatz, um Lust-

losigkeit, Impotenz oder fehlende Partnerschaft zu heilen. Suizidversuch

Eines der besten Beispiele, dass Versagen nicht immer negativ zu bewerten ist. Typenlehre

Der Versuch, die Eigenart eines Menschen als Mischung von vier Elementen, Körpersäften oder Gehirnquadranten zu sehen. Über-Ich

Durch Erziehung etablierte psychologische Höchstinstanz und Austeiler von Schuldgefühlen im Dienste des sozialen Gemeinwohls. Zwanghafte Persönlichkeitsstörung

Das Verfolgen perfektionistischer Vorgaben, die weit in die Zukunft verlegt werden, damit sie realisierbar scheinen. Den Weg dahin pflastern die Betroffenen so dicht mit Zwischenkontrollen, Vorsichtsmaßnahmen und Zweifeln, dass sie das Ziel nie erreichen können und müssen.


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Gedicht Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki, geb. 1962 an der polnischukrainischen Grenze in Wólka Krowicka, lebt in Warschau. Er gilt als literarischer Einzelgänger, der durch legendäre Lesungen zum Kultautor avancierte. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 2009 den Nike-Literaturpreis, die bedeutendste literarische Auszeichnung Polens. Übersetzungen ins Deutsche: „Geschichte polnischer Familien“ (Edition Korrespondenzen 2011). Tumor linguae, eine Auswahl aus den acht Gedichtbänden des Autors, erscheint im Mai 2015 in der Wiener Edition Korrespondenzen.

Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki: Tumor linguae

Was am Ende bleibt

ich kenne deinen tod nicht aber ich erinnere mich

Freimaurermysterien

an deinen namen kenne nicht den brunnen des nachbarn der um mitternacht der brunnen aller erich klein

toten ist unabhängig von geschlecht und taten kenne wirklich weder deinen tod noch nachbars brunnen wir ziehen am seil zu zweit oder zu dritt aber im flur pinkelt nur einer in den kleinen kübel voller unrat und schmutz aus dem wie man sagt schon immer übler gestank trat (gestank und glanz) ich kenne deinen tod nicht aber ich erinnere mich an den kübel nachts auf dem lehmboden nah den toten und morgens wenn man ihn neben dem zaun ausleerte blieb er draußen umgedreht stehen

er ich k lein

Aus dem Polnischen von Michael Zgodzay und Uljana Wolf

Aus: Eugeniusz TkaczyszynDycki, Tumor linguae. Gedichte. Edition Korrespondenzen, Wien 2015

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Waagrecht: 1 In deren Kreis wird relativ viel theoretisch herumge-albert Lösungswort: 7 Jungfrau, Aszendent Wassermann? 8 Ohne sie wäre das Koordinatensystem x-beliebig 10 ... 'd ennaej 11 Für1sie sind Menschen 2 3oberflächlich 4 5 6 7 13 Dort wird man von Lobbyisten empfangen? 14 Wichtige Adresse für IT-Freaks 15 Kindeskindfigur wie sie im Roman steht 16 Rohstoff der Neigungsgruppe Baumflechten 18 Zeitwörtlich im Zeichen des Wandels 20 Nomen nominandum 21 Setzt Bauern unter Zugzwang 23 Big Spender in Vienna: Seine Mutter ist ein Mann 25 Windeliges Geschäft 26 Zerreißprobe? In leitender Funktion durchaus normal 28 Streng genommen: ein Synonym

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Senkrecht 1 Des einen Leid ist des anderen Freud 2 Dort heißt’s: Vamos a la Maya-Playa! 3 Eilandtalent? 4 Udo spielt sich mit Erik? 5 Imperfekter Partner 6 Pharmazeutische Pflichtlektüre 9 Olfaktorische Botenstoffdienstleister 12 entenhausen.gov/nationbuilding 17 Hinterlistig vor der List 19 Von Bernhard neben Voss zum Ritter geschlagen? 22 Amuse-Gueule aus der Gerichteküche 24 Ausländer-Angst, weit verbreitet 27 Kurzsichtig betrachtet: John Lennons periodensystematische Brillenbeschaffenheit Lösungswort: BERGGASSE Waagrecht: 1 PHYSIKER, 7 NIXE, 8 Y-ACHSE, 10 CRA, 11 ERDE, 13 HOTEL, 14 IP, 15 OMA, 16 BAST, 18 AENDERN, 20 NN, 21 EGGE, 23 LIFEBALL, 25 AA, 26 SPANNUNG, 28 RIGIDE Senkrecht: 1 PSYCHOANALYSE, 2 YUCATAN, 3 INSELBEGABUNG, 4 KIER, 5 EX, 6 REZEPT, 9 AROMEN, 12 DISNEYLAND, 17 ARG, 19 DENE, 22 KLAGE, 24 FEAR, 27 NI

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In Beantwortung der Frage „Was ist Aufklärung“ schrieb Immanuel Kant 1784: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Im selben Jahr trat der achtundzwanzigjährige ­Mozart in Wien der Freimauerloge „Zur Wohltätigkeit“ bei. Dem europäischen Trend folgend, hatten auch im Zentrum der Habsburgermonarchie die „Lumières“ Einzug gehalten. Eine elitäre Gesellschaft aus Adel, Beamten-Bürgertum und Geistlichkeit zelebrierte in den Logen die ideale Gesellschaft. Der Staat von Joseph II. wollte reformiert werden. Wie ernst Mozart sein Freimaurertum nahm, ist bis heute unklar: Ging es ihm um Geselligkeit, bloßes Networking, oder war der Verfasser einiger Maurermusiken gar der Tonsetzer der geheimbündlerischen Wiener Aufklärer? Genau das weist der prominente Kulturwissenschafter Jan Assmann in seiner Studie „Die Zauberflöte – Oper und Mysterium“ nach: Das Verwirrspiel mit Tamino auf der Suche nach seiner Pamina und dem gestrengen Weisen Sarastro samt Tempel und Königin der Nacht stelle ein Erweckungsritual dar. „In der Tat kann man sagen, dass die Oper den Gedanken der Aufklärung mit all seinen rituellen Prozess auf die Bühne bringt: Initiation als Aufklärung, als Ausgang des Initianden aus seiner allerdings 9 nicht selbst verschuldeten, sondern ihm aufoktroyierten Unmündigkeit.“ Was aus der Paraphrase der Kantschen Definition von Aufklärung folgt, ist zwiespältig. Während der Philosoph Unmündigkeit als „Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“ definiert, empfiehlt der Kulturologe, in die Oper zu gehen! Eine fast austriakische Lösung. Fand in Wien Kunst vonseiten der Herrschenden doch immer mehr Zuspruch als selbstständiges Denken. Wo aber bleibt bei soviel aufklärerischen Freimaurermysterien der Spaß der geradezu postmodernen Zauberflöte, die „von Albernheiten und Unwahrscheinlichkeiten“ (Goethe) geradezu wimmelt? Überdies hatte Mozart mit der Figur des dadaistisch leichtfüßigen Papageno eine Bestandsaufnahem hiesiger Denkungsart unternommen. „Aus lauter langer Weile habe ich heute von der Oper eine Arie componirt“, schrieb Mozart am 11. Juni 1791 an Constanze. Die Vorstellung, es habe sich dabei um den berühmtesten Gassenauer der klassischen Musik gehandelt, ist tröstlich: „Der Vogelfänger bin ich ja, stets lustig, heissa hopsassa.“


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