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Ghostletters Vienna

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Inhalt

Content

Das Schild ist's, das die Kunden lockt The Sign’s What Attracts the Customers

J. de La Fontaine Ein Buch über Ghostletters?

Tom Koch

A Book about Ghost Letters?

Die Stadt der Schilder, die Schilder der Stadt.

6 Tom Koch

City of Signs, Signs of the City.

Goldene Zeiten, goldenes Handwerk.

Tom Koch

Tom Koch

Erwin K. Bauer

Tom Koch

The Stories behind the Façades.

Über den Umgang mit Ghostletters.

Sam Roberts

50

Fotos Daniel Gerersdorfer auf Seite(n)

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Photos Daniel Gerersdorfer on pages

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Tom Koch

Saving the Typographical DNA of the City.

Botschaften, in die Nacht geschrieben.

50

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What to do about ghost letters.

Die typografische DNA der Stadt speichern.

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Observed in Detail.

Die Geschichten hinter den Fassaden.

20 20

The Highest Neon Advertisement in the World.

Im Detail betrachtet.

8 10

A Golden Craft in Golden Times.

Die höchste Neonreklame der Welt.

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Tom Koch & Dusty Sprengnagel

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Messages Written in the Night.

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Kartografisches Verzeichnis, Finderliste

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Index of Places and Location Contributors

154

Autoren, Impressum, Danksagungen

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Authors, Imprint, Acknowledgments

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25, 31, 32, 33, 34, 35, 36, 38, 39, 48, 49, 51, 53, 68, 69, 74, 76, 77, 78, 80, 81, 82, 83, 84, 85, 86, 87, 92, 93, 94, 96, 97, 99, 100, 104, 114, 134, 135, 136, 138, 139, 141, 143, 145, 146, 147, 149, 151, 153 Fotos Stephan Doleschal auf Seite(n) Photos Stephan Doleschal on pages Vor-/Nachsatz, lining 37, 40, 41, 42, 43, 44, 45, 46, 47, 55, 56, 57, 58, 59, 60, 61, 62, 63, 64, 65, 66, 70, 72, 72, 73, 75, 88, 90, 91, 93, 98, 105, 115, 118, 119, 120, 121, 122, 123, 124, 125, 126, 127, 128, 129, 140

Bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind, meint die gewählte Formulierung beide Geschlechter, auch wenn aus Gründen der leichteren Lesbarkeit die männliche Form steht.


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Franz Zadrazil Morgenländisches, 1973 © Dr. Andrea Kasamas

Ein Buch über Ghostletters? Diese Frage begegnete uns unzählige Male bei den Recherchen zu diesem Buch. Wer kümmert sich schon um Abdrücke, die demontierte Buchstaben an den Fassaden hinterlassen? Und warum? Erklärten wir aber die Gründe für unser Tun, hellten sich die Mienen auf, und nahezu jeder hatte (s)eine Geschichte zu erzählen. Wir befanden uns unerwartet an der Schnittstelle zwischen Typografie, Stadtgeschichte und kollektivem Gedächtnis, erhielten häufig positive Rückmeldungen und viel Unterstützung. Dieses Buch entstand, neudeutsch, mithilfe der „Crowd“. Zum einen in Kooperation mit der Crowdfunding-Plattform „wemakeit“, zum anderen dank der über 600 Einsendungen von Fundorten aus der „Crowd“ des Wien Museum. Doch was bedeutet „die Crowd“? Hinter dem Begriff stehen letztendlich Individuen, die sich für unser Thema interessieren und es auf die eine oder andere Art unterstützten. Das hat die „Crowd“ mit den Ghostletters gemein. Auch hinter deren oberflächlicher Anonymität verbergen sich Persönlichkeiten und ihre Schicksale, häufig die Familiengeschichte mehrerer Generationen. Ghostletters sind immer auch der Imprint eines vergangenen urbanen Mikrokosmos. Ihre Urheber, die Schriftzüge an den Ladenfronten, kommunizierten Warenangebote oder Dienstleistungen, die „im Grätzl“ oft über Jahrzehnte in Anspruch genommen wurden. Sie spiegeln die persönlichen Vorlieben der Besitzer, typografische Moden und sozialtopografische Verhältnisse wider.

4

Von Beginn an war klar, dass die Arbeit an diesem Buch ein Wettlauf gegen die Zeit werden würde. Ständig verschwinden Ghostletters, täglich entstehen neue. Uns wurde bei der Arbeit drastisch vor Augen geführt, wie rapide die Entwicklung voranschreitet, wie rasch die Individualität der Städte schwindet, handwerkliches Können und (leider auch) typografisches Niveau den neuen Beschriftungsmethoden weichen müssen. Es kann sich bei dem vorliegenden Buch daher nur um eine Momentaufnahme handeln. Die Ghostletters Wiens sind, wie die Stadt selbst, ständigem Wandel unterworfen. Sicher ist nur: Sie werden aussterben. Dabei sind sie selbst urbane Gleichmacher. Egal, ob sie an einen Nahversorger in der Vorstadt, eine einst marktbeherrschende Kette oder ein nobles Geschäft in bester Lage erinnern – mit ihrem Auftauchen geht stets zugleich ein Kapitel zu Ende. Der Wiener Künstler Franz Zadrazil, der uns auf seinen detailreichen, großformatigen Werken so viele wunderbare Ansichten der alten Fassaden Wiens hinterließ, meinte einmal:

„Wenn andere rausgehen, um Schmetterlinge zu sammeln, die sie dann zu Hause aufspießen, so gehe ich die Wände und Häuser entlang und fange so eine Fassade ein und spieße sie dann auf das Bild. Ich gehe Zeit fangen.“

Dieses Buch kann nur wiedergeben, was ist, es obliegt Ihrer Fantasie zu sehen, was war. Machen Sie es wie Franz Zadrazil, gehen Sie mit uns „Zeit fangen“.


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Flaschenweine Robert Jenneweins Witwe Katharina Bottled Wines Robert Jenneweins Widow Katharina

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20, Othmargasse 42


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Teestube, Rum, Likรถre Tearoom, Rum, Liqueurs

8, Alser Straร e 67

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Melkmaschinen Milking Machines

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17, Zeillergasse 6


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Das Geschäft mit dem »P« The Business with the Letter P

9, Berggasse 25

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Das Geschäft mit dem »P« The Business with the Letter P

Das Geschäft mit dem »P« war von 1897-1905 ein Knopfgeschäft (die Inneneinrichtung ist bis heute erhalten) und wurde danach zur Drogerie. Besitzer Hans Pusch führte den Laden bis 1982, danach übernahm die Drogerie Frau Werner, die 1984 ein Bekleidungsgeschäft daraus machte.

The business with the letter P was a button shop from 1897 to 1905 (the interior remains unchanged to this day). After 1905, the shop became a drugstore, which was owned and managed by Hans Pusch until 1982. Frau Werner took over the shop in 1984, converting it to a clothing shop.

Das P ist bei näherer Betrachtung ein HP (Hans Pusch) und war bis 1984 von den Worten „Parfümerie, Drogerie, Photo“ begleitet. Diese wurden abmontiert, weithin sichtbar blieb nur das (H)P.

Upon closer inspection, the letter P is actually the letters HP (Hans Pusch), which were, until 1984, accompanied by the words “perfume shop, drugstore, and photo shop”. These words were removed, leaving only the (H)P visible.

Frau Werner hat im April 2016 zugesperrt und Herr Couillard übernahm. Er hatte bereits in Frankreich für die LVMH-Gruppe alte Geschäftslokale renoviert und baute den traditionsreichen Standort zu einer französischen Bäckerei unter Berücksichtigung des Originalzustands der 1930er Jahre um.

Frau Werner closed up shop in April 2016, succeeded in the location by Herr Couillard. Couillard worked earlier in France as an employee of the LVHM Group renovating old business locales, and converted the erstwhile clothing shop into a French bakery harking back to the style of the 1930s.

Deutlich sichtbar: das abgebrochene »h« für Hans Pusch Clearly visible: the broken letter h for Hans Pusch

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Blick auf das Geschäft Ecke Servitengasse/Porzellangasse im Lauf der Jahrzehnte Š Gregory Couillard

Views of the shop on the corner of Servitengasse and Porzellangasse through the decades

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Über den Umgang mit Ghostletters. Meine Forschungen der letzten zehn Jahre fokussierten hauptsächlich auf die ausgeblichenen Überreste von Außenwerbung, die fast ausschließlich direkt auf Hauswände gemalt wurde. Ihre Werbebotschaften kündeten einst von großen Marken oder kleinen Händlern. Diese „Ghost Signs“ haben ihre frühere kräftige Anmutung längst verloren – ausgebleichte Farben, fehlende Buchstaben; oft treten mehrere Textebenen zutage. Doch sie überlebten, obwohl sie lange Zeit vernachlässigt wurden, im sich ständig verändernden urbanen Raum. Obwohl sich unter den Ghostletters in Wien auch einige solche Beispiele finden, zeigt die Mehrheit der Abbildungen in diesem Buch indes die Überreste montierter Schriftzüge und jene „Narben“ die deren Demontage hinterließ. Ob diese als „Ghostsigns“ gelten können, ist strittig1, aber beide sind Relikte gewerblicher Geschichte – die „Geister“ vergangener Geschäfte. Historische Außenwerbung wirft die Frage auf, wie man mit ihr umgehen soll – sofern man sich diese Frage überhaupt stellt. Die Meinungen reichen von dem einfachen Belassen bis hin zu Interventionen wie Erneuerung, Restaurierung oder ihrem Schutz durch Plexiglas. Einige Beschriftungen wurden ob ihrer historischen Bedeutung unter Denkmalschutz gestellt. Es sind auch Fälle bekannt, in denen Geschäftsportale oder Schilder als Teil des Design-Erbes geschützt wurden. Bei Ghostletters stellen sich ähnliche Fragen. Jene Schriftzüge, die noch an Ort und Stelle sind, können wie gemalte Außenwerbung unter Schutz gestellt

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Sam Roberts

und/oder restauriert werden. Ihre Reinigung, das Ersetzen fehlender Buchstaben und die Instandsetzung der Neonanlagen sind denkbare Schritte. Dabei ergeben sich ähnliche Herausforderungen bezüglich authentischer Methoden wie bei den Ghostsigns. Eine andere Option ist die museale Aufarbeitung, wobei die Zahl der Institutionen hierfür überschaubar ist.2 Werden Interventionen für angemessen erachtet, können wir die Original-Materialien ermitteln und jene Techniken anwenden, die schon bei der Herstellung der Schriftzüge zum Einsatz kamen. Im Falle der Abdrücke von bereits entfernten Schriftzügen ist die Lage naturgemäß schwieriger. Eine wesentliche Intervention hat bereits mit ihrer Demontage stattgefunden. Was überbleibt ist ein Nebenprodukt dieser Intervention, ein Abdruck der Vergangenheit.

Foto/photo: © Max Jurasch

Mögen Designer, Künstler oder Historiker diese Überreste auch interessant und optisch ansprechend finden, die Mehrheit sieht in ihnen wohl nur hässliche Zeugen kommerziellen Verfalles. Derart unterschiedliche Sichtweisen beschränken sich zwar nicht nur auf Ghostletters, das Fehlen der Original-Schriftzüge begünstigt sie aber. Ghostletters werden im Falle von Renovierungsarbeiten eher weniger Beachtung finden.

geradezu an, sie ermöglicht auch Vergleiche über große räumliche Distanzen. „Ghostletters Vienna“ folgt diesem Ansatz und wird vielleicht den einen oder anderen Inhaber dazu anregen, die Zeugen der gewerblichen Vergangenheit über seinem Geschäft schätzen zu lernen.

Angesichts der limitierten Möglichkeiten bei Schutz und Restaurierung liegt die fotografische Dokumentation nahe. Als Konservierungsform auf minimalem Niveau bietet sie sich für die Ghostletters (und Ghostsigns)

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Siehe „What is a Ghost Sign?“ von Roberts & Marshall in Advertising & Public Memory, Routledge Als Beispiele dienen The American Sign Museum in Cincinnati, das Buchstabenmuseum in Berlin, God’s Own Junkyard in London und die Neon Museen in Las Vegas und Warschau


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What to do about ghost letters.

My research over the last ten years has mainly focused on the fading remains of advertising painted on walls. These ‘ghost’ signs have lost their full-bodied, original forms – colours bleached, letters missing, and layered texts visible as palimpsests. Advertising everything from big brands to small retailers, sustained neglect has led to their survival in ever-changing urban settings. While examples of this type can be found among these ‘ghost letters’ of Vienna, the pages of this book are dominated by the remains of mounted lettering on shop fronts, and the ‘scars’ left by their removal. Whether these are ghost signs is debatable, but both are remnants of commercial history, the ‘ghosts’ of businesses past. Old painted wall signs provoke debate about what, if anything, should be done with them. Opinions vary from taking no action, to interventions such as repainting, retouching and covering with Perspex. Some signs have been awarded protected status in recognition of their historical significance. There are also examples of mounted signs and non-painted shop fronts being protected as pieces of design heritage. Ghost letters raise similar questions. Those that are still in situ can, like painted signs, be protected and/or restored. Cleaning, replacing lost letters, and re-lighting are some of the steps that can be taken, but similar challenges of adopting ‘authentic’ approaches exist. Another option is to remove them and display in museums, although places to do so are limited.

Should interventions be deemed appropriate, it is at least possible to see and touch the original materials, and to apply techniques used in the original fabrication. In the case of mounted letters that have been removed, leaving markings where they once stood, things are more complicated. A significant intervention has already taken place, with the removal of the original signage. What remains is a by-product of this process, a footprint of what once was. While designers, artists, and historians may find these remnants curious and visually interesting, many would consider them unsightly reminders of urban and commercial decay. These different value judgements are not unique to ghost letters, but are likely more pronounced in the absence the original signage – they probably wouldn’t be given much thought in the event of building renovations being undertaken, for example. With limited options available for protection and restoration, an obvious approach is to document these ghost letters photographically. This minimal level of conservation is particularly suited to ghost letters (and painted wall signs), and is an approach that also allows for comparisons to be made across wide geographies. This book serves that end, and may even move a few building owners to appreciate the commercial history visible upon their premises.

Cakebread Robey & Co, Tyssen Road, London, © Sam Roberts/Ghostsigns

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See ‘What is a Ghost Sign?’ By Roberts & Marshall in Advertising & Public Memory, Routledge. Fine examples can be found in the American Sign Museum in Cincinnati, the Buchstabenmuseum (Museum of Letters) in Berlin, God’s Own Junkyard in London, and the Neon Museums in Las Vegas and Warsaw.

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Die typografische DNA der Stadt speichern. In den vergangenen Jahrzehnten wandelte sich das Wiener Stadtbild beständig, viele der kleinen Geschäfte schlossen für immer, Straßenzüge verwaisten. Mit den Geschäften verschwanden die Schriften, auch sie waren obsolet geworden. Dadurch gingen einige der individuellsten Geschäftsfronten der Stadt verloren, selbst Neon-Ikonen wie der Papagei über dem Café Wintergarten am Lerchenfelder Gürtel wurden von Arbeitern einfach am Müll entsorgt. Das geschah teils aus Desinteresse an den typografischen Juwelen, oft aus Unwissenheit um deren handwerklichen Wert und wohl auch, weil ehemalige Besitzer manchmal recht unsentimental mit ihren Schriftzügen umgehen. In den letzten Jahren bildete sich aber zunehmend ein Bewusstsein für die Einzigartigkeit und besondere Ästhetik vieler Wiener Beschriftungen heraus, einige Bücher widmeten sich dem Thema. Lokale, Künstleragenturen und Architekturstudios residieren nun unter den Schriftzügen der Vorgänger, das Szenelokal Elektro Gönner benannte sich sogar nach seinem Vormieter und beließ die Fassade im Originalzustand.

Als sich vor einigen Jahren die Verdrängung alteingesessener Kleinbetriebe beschleunigte und damit der Einfluss der Geschäftsportale und -beschriftungen auf die Identität der Stadt zu schwinden drohte, beschlossen sie, zu handeln. Damit dieses Kulturerbe nicht auf dem Müll landet, gründeten die beiden 2012 den „Verein Stadtschrift“, eine Initiative, die sich um die Bewahrung und Dokumentation der historischen Schriftzüge kümmert. Rund 90 komplette Schriftzüge konnten seither gerettet werden, viele davon verbundene Schreibschriften mit außenliegender Neonbeleuchtung, wie sie für das Wien der 1950er und 60er Jahre typisch waren.

Elektro Gönner, Mariahilfer Staße 101

Die Sorge um die typografische DNA Wiens war auch ausschlaggebend für die Gründung des „Verein Stadtschrift“. Die Initiatoren Birgit Ecker und Roland Hörmann waren seit jeher fasziniert von interessanter Stadttypografie, die sie zunächst fotografisch dokumentierten. Originalfassade der Firma Wirl, 1960er Jahre, © Mathias Wirl Original façade of the Firma Wirl, 1960s

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Nach einer ersten Ausstellung „Ausgelesene Wiener Schriftzüge“ folgte 2014 das „Open Air Museum Stadtschrift Mauerschau“. Die Zwischennutzung einer Feuermauer in der Kleinen Sperlgasse entspricht dem Grundgedanken der Initiative, stadtbildprägende Geschäftsbeschriftungen auch nach ihrer originären Nutzung im Blickfeld der Öffentlichkeit zu halten, für alle – nicht nur für ein „Kulturpublikum“ – sichtbar. Auch wenn die Suche nach geeigneten Stellen nicht einfach ist, und es oft an der Zustimmung der Hauseigentümern scheitert: Erklärtes Ziel des Vereins ist es, weitere Wiener Hauswände mit Objekten aus der beständig wachsenden Sammlung zu bespielen und so ein dezentrales typografisches Museum im öffentlichen Raum aufzubauen. Auch Leihgaben für Ausstellungen und Bühnenproduktionen werden immer wieder angefragt.


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Open-Air-Museum „Stadtschrift Mauerschau“ in der Kleinen Sperlgasse 2c, 1020 Wien © Stadtschrift, Foto Klaus Pichler The open air museum “Stadtschrift Mauerschau” (City Lettering Wall Show) located at Kleinen Sperlgasse 2c, 1020 Vienna WIRL wäscht-putzt-vermietet Fassade in der Heiligenstädter Straße 89 WIRL wäscht-putzt-vermietet (washes, cleans, rents) Façade located at Heiligenstädter Strasse 89

Es ist dem kleinen Team aus Freiwilligen zu verdanken, dass die Bedeutung der Wiener Schriftzüge mittlerweile einem breiteren Publikum bewusst wurde, sie gar museal aufgearbeitet werden. So findet sich der 2013 vom „Verein Stadtschrift“ gerettete Schriftzug der Thalia Apotheke heute als Leihgabe im Designlabor des MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst/Gegenwartskunst. Manche Unternehmen setzen aus Tradition auf ihre gewohnten Schriftzüge und die Erhaltung der Fassaden. Die Reinigungsfirma Wirl, von 1965 bis 1993 in der Heiligenstädter Straße 89 beheimatet, wirbt dort mit einem Mauerbild des Wäschermädels. Nach dem Umzug blieb das Wandbild erhalten und wird von der Firma bis heute gepflegt. Das Logo blieb, die Geschäftsfelder änderten sich im Laufe der Zeit: Aus „wäscht-putzt-färbt“ wurde „wäscht-putzt-vermietet“. In absehbarer Zeit steht eine Isolierung des Gebäudes an, die Erhaltung des Wandbildes wird wohl einige (ungeförderte) Zusatzkosten verursachen. Das Bewusstsein wächst also, in der Öffentlichkeit wie bei den Betroffenen. Es wäre wünschenswert, würden mehr Nachmieter nach einer behutsamen und sinnvollen Integration der ererbten Schriftzüge in ihre neuerworbenen Ladenfronten streben, Hauseigentümer ihre brachliegenden Mauern zur Verfügung stellen und ehemalige Geschäftsbesitzer die Schriftzüge jenen überantworten, die in ihnen sehen, was sie zweifelsfrei sind: Teil der visuellen Identität Wiens.


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Ghostletters Vienna by Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. - Issuu