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FALTER Buecher Herbst 2025

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FA LTER

Nr. 42a/25

Bücher-Herbst 2025

77 Bücher auf 48 Seiten

ILLUSTRATION: PM HOFFMANN

Belletristik: Female Body Trouble +++ Neues von Thomas Pynchon +++ Gegensätzliche Zeitgenossen: Karl Kraus und Ludwig Hirschfeld +++ Brutal: das 20. Jahrhundert +++ Kinderbücher: Bilderbücher, Krimi, ein Chat-Roman

Sachbuch: Israel und Gaza +++ Stand der Zivilisation +++ Pelicot-Prozess +++ Franz Schuh im Interview +++ Tagebuch eines Paketboten +++ Vorfahren und Neugeborene +++ Yoga +++ Armin Thurnhers Kochbuchauslese

Hubert Achleitner

Ewald Arenz

Bettina Baláka

Dominik Barta

Jürgen Bauer

Alex Beer

Clemens Berger

Birgit Birnbacher

Isabel Bogdan

Kirstin Breitenfellner

Josef Brainin

Alina Bronsky

Alex Capus

Didi Drobna

Nava Ebrahimi

Jens Eisel

Marc Elsberg

Leon Engler

Mareike Fallwickl

Milena Michiko

Flašar

Franziska Gänsler

Arno Geiger

Daniel Glattauer

Tommie Goerz

Lena Gorelik

Susanne Gregor

Andrea Grill

Sabine Gruber

Ulrike Haidacher

Nino Haratischwili

Petra Hartlieb

Romy Hausmann

Besser lesen mit dem FALTER

Bisher zu Gast im Buchpodcast:

Elke Heidenreich

Jakob Hein

Ilse Helbich

Monika Helfer

Judith Hermann

Andreas Hepp

Elias Hirschl

Judith Holofernes

Hauke Hückstädt

Helge-Ulrike Hyams

Stefanie Jaksch

Elyas Jamalzadeh

Sebastian Janata

Julia Jost

Andreas Jungwirth

Nicola Kabel

Barbara Kadletz

Daniel Kehlmann

Luca Kieser

Gertraud Klemm

Florian Klenk

Doris Knecht

Gabriele Kögl

Katharina Köller

Wlada Kolosowa

Christina König

Steffen Kopetzky

Martin Kordic

Jacqueline Kornmüller

Ute Krause

Daniela Krien

Susanne Kristek

Jarka Kubsova

Felix Kucher

Rolf Lappert

Jo Lendle

Micha Lewinsky

Jessica Lind Raimund Löw

Proschat Madani

Kristof Magnusson

Lilly Maier

Barbi Marković

Anna Maschik

Simone Meier

Dominika Meindl

Eva Menasse

Felix Mitterer

Margit Mössmer

Terézia Mora

Bernhard

Moshammer

Philipp Oehmke

Tanja Paar

Robert Palfrader

Susann Pásztor

Caroline Peters

Petra Pellini

Jürgen Pettinger

Khuê Phąm

Silvia Pistotnig

Erika Pluhar

Ursula Poznanski

Teresa Präauer

Felicitas Prokopetz

Doron Rabinovici

Julya Rabinowich

Edgar Rai

Tanja Raich

Lena Raubaum

Stefan Redelsteiner

Eva Reisinger

Caspar-Maria Russo

Thomas Sautner

Andreas Schäfer

David Schalko

Elke Schmitter

Gaea Schoeters

Sabine Scholl

Jasmin Schreiber

Claudia Schumacher

Johanna Sebauer

Robert Seethaler

Nicole Seifert

Stefan Slupetzky

Heinrich Steinfest

Dirk Stermann

Gerhard Stöger

Isabella Straub

Judith Taschler

Toxische Pommes

Karina Urbach

Caroline Wahl

Sarah Welk

Benedict Wells

Daniel Wisser

Iris Wolff

Takis Würger

Die Wiener Buchhändlerin Petra Hartlieb im Gespräch mit Autorinnen und Autoren über das Lesen, das Schreiben und das Leben an sich.

Alle Folgen auf falter.at/buchpodcast und überall dort, wo Sie Podcasts hören.

Die Mamaliteratur hat noch immer Konjunktur, der weibliche Körper hat’s auch nicht leicht und das 20. Jahrhundert war bekanntlich kein Honigschlecken: Krieg, Pogrome, Terror … Immerhin: Thomas Pynchon scheint bester Laune, und vielleicht gibt’s im Frühjahr 2026 endlich ein Feelgood-Programm?

LITERATUR

BODY TROUBLE

Wenig Lust, viel Leiden: Nicole Scheyerer über Romane von Daniela Dröscher, Verena Güntner, Verena Kessler und Lize Spit, die sich dem weiblichen Körper widmen 4–6

AUF DEUTSCH

„Und Federn überall“ von Nava Ebrahimi 6

Alter Adel: Nelio Biedermanns „Lázár“ 7

DDR-Ostalgie Jochen Schmidts „Hoplopoiia“ 8

BRD-Moderne „Transit 64“ von Bude Munk Wieland 8

AUS HEIMISCHEM ANBAU

„Am Semmering“ von Tanja Paar 10 „Fabula rasa“ von Vea Kaiser 10 (Groß-)Mu erliteratur von Jaqueline Kornmüller und Dagmar Leupold (D) 11

Karl Kraus aus feministischer Perspektive 12

Der Feuilletonist Ludwig Hirschfeld 13

Wiederentdeckt: Doris Brehm und Ludwig Biró 14

GEWALTGESCHICHTE

Boris Sandler über ein Pogrom von 1903 15

„Babyn Jar“ von Anatoli Kusnezow 15

Jean-Noël Orengo „Der Architekt und sein Führer“ 16

Algerien: „Huris“ von Kamel Daoud 17 „Unten leben“ von Gustavo Faverón Patriau 18

GEMISCHTER SATZ

Romane von Claire Lispector und Louise Erdrich 19

Thomas Pynchon will’s noch einmal wissen 20

Romane von Rob Perry und John A. Williams 21

Mieko Kawakami und Abdulrazak Gurnah 22

Noch ein Mama-Memoir: Arundhati Roy 23

Alaa al-Aswani Ägypten in den 1960ern 23

Weltpolitik beschä igt uns: der Krieg in Gaza, die Lage Israels und der zerzauste Stand der Zivilisation. Große Fragen wir der Pelicot-Prozess auf, ebensolchen stellt sich auch Franz Schuh im Interview. Au auendes erwartet die Leserscha mit Büchern über wandernde Frauen und die Entstehung des Yoga.

KINDERBUCH

Bilderbücher

Freundscha !: Bilderbücher und Kinder-Sachbücher 24 Kinderbücher

„Leuch urmbär“ und „Baobab“ 26 Jugendbücher

Ein Roman in Messages, ein Krimi um Sigmund Freud 27

SACHBUCH

POLITIK UND SOZIOLOGIE

Tagebuch von einem Einsatz in Gaza 28 „Keinheimisch“, Antisemitismus in Pop und Rap 30 Was macht Verschwörungstheorien so a raktiv? 31

Nach dem Pelicot-Prozess: Kann man mit Männern leben? 32 Der Stand der Zivilisation 33

PHILOSOPHIE UND GESCHICHTE

Franz Schuh über „Steckt den Sand nicht in den Kopf“ 34 György Dalos über österreichische Zeitgeschichte 35 Eat. Sleep. Work. Die? 36

Anti! Das Vermächtnis des Anthropologen David Graeber 36 „Ich fahr Pakete aus in Peking“, der Bestseller aus China 37 Henning Sußebach über das Leben seiner Urgroßmu er 38 „Das Haus der Gefühle“ von Harald Welzer 38

NATUR UND KULTUR

Das globale Geschä mit dem Müll 39 „Dunkle Ökologie“, Kulturgeschichte des Geschmacks 40 Josephine Quinn: Der Westen, eine Erfindung 41 „Die Wildgans“ und Kraken im Porträt 42 „Rebellinnen zu Fuß“, Nature Writing von Sylvain Tesson 43 „Der erste Schrei“: Von Neugeborenen und Frühchen 44 Die Entstehung des heutigen Yoga, „Sich fühlen“ 45 Armin Thurnhers Kochbuch-Schau 46

Alles muss raus: Dieses Mo o hat der langjährige Falter-Illustrator PM Hoffmann für diese Beilage in die Tat umgesetzt. Denn beim Zeichnen ist es mitunter wie beim Essen – das, was reinkommt, muss irgendwo wieder heraus. Im besten Fall als farbenfrohe Illustration in stürmischen Buchzeiten. (P.S.: Dabei schaut er nicht immer so mürrisch drein wie hier beim Suppeauslöffeln.)

Falter 42a/25 Herausgeber: Armin Thurnher  Medieninhaber : Falter Zeitschri en Gesellscha m.b.H., 1011 Wien, Marc-Aurel-Str. 9, T: 01/536 60-0, F: 01/536 60-912, E: wienzeit@falter.at  Redaktion: Klaus Nüchtern, Gerlinde Pölsler  Herstellung: Falter Verlagsgesellscha m.b.H.; Layout: Barbara Blaha; Korrektur: Helmut Gutbrunner, Rainer Sigl; Geschä sführung: Siegmar Schlager; Leitung Sales: Ramona Metzler (kar.), Sheila Martel, Christian Fabi Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau  DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 MG ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abru ar  Bücher-Herbst ist eine entgeltliche Einschaltung aufgrund einer Subvention durch das Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport.

Günter Eichberger Gertrude Maria Grossegger

Max Hö er Mario Huber Evelyn Schalk

August Schmölzer

Nava Ebrahimi

Konrad Paul Liessmann

ArtHappy & @

Come Grazertogether schreiberinStadt-

Andreas Unterweger

OFOUTJOINT

Raphaela Edelbauer

DasimLiteraturfestival steirischen herbst Franz Schuh Robert Pfaller Lisz

Hirn Monika

Klengel

Erich Klein

Anna Baar Vea Kaiser

Grundbücher

Revue der Entpörung

Angelika Reitzer

Didi Drobna

Helwig Brunner

Anna Maschik

Henrik Szántó

Erste LesebühneGrazer

Literarische Soirée

Doris Knecht

Slata Roschal manuskriptePräsentation

Hommage an Barbara Frischmuth

Mieze Medusa

Werner Schandor

Dimitré Dinev Alhierd Bacharevič Fabian Navarro

Marco Wanda

Städte Battle

Science meets Poetry

Er wolle ihr ja nicht zu nahe treten, beteuert der Betreiber des Fitnesscenters beim Einstellungsgespräch. Aber sein Team müsse den entsprechenden Lifestyle – Sportlichkeit, Wellness und Gesundheit – schon auch „verkörpern“. Die Bewerberin blickt noch verlegen auf ihren schwammigen Bauch und schon rutscht ihr die fatale Notlüge heraus: „Ich habe gerade erst entbunden.“

Bereits auf der ersten Seite von Verena Keßlers bissigem Roman „Gym“ katapultiert sich die Protagonistin in die missliche Lage, mit der sie als frisch angeheuerte Proteinshake-Mixerin fortan zu kämpfen hat, denn sie gibt sich als alleinerziehende Mutter eines drei Monate alten Sohnes aus. Da ihr Kinder in Wahrheit aber ein Graus sind, erzählt die namenlose Zynikerin Mama-Baby-Gschichtln aus dem Internet nach.

Mit den Augen der Outsiderin führt die Leipziger Schri stellerin ins MEGA GYM, einen „Palast aus glänzenden Oberflächen, ohne Staubkorn und Fingerabdruck“. Vom Tresen aus erschließt sich die Frau, die bis dahin nur über einen „Bürokörper“ und einen „Couchkörper“ verfügte, einen Kosmos, wo pfirsichförmige Hintern und breite Rücken der Lohn harter Workout-Stunden sind. Bald nimmt Chef Ferhat („Ich bin Feminist“) die neue Angestellte unter seine Fittiche und erstellt ihr einen Trainingsplan. Während aus dem Spinning-Saal der Ruf „Are you ready, bitches?“ ertönt, staffiert sich die Fake-Mum mit figurbetonten Leggings und Crop Top für mehr Trinkgeld aus.

Muskeln, Mütter, Mediziner

Vier Autorinnen rücken weibliche Körper ins Zentrum ihrer aktuellen Romane. Ihre Diagnose fällt niederschme ernd ähnlich aus: Der Leib bereitet mehr Frust als Lust

WORKOUT:

NICOLE SCHEYERER

ILLUSTRATION:

PM HOFFMANN

Der satirische Biss in Keßlers drittem Roman, der sich von der Milieustudie zum Psychodrama steigert, ist klug dosiert, die Figuren sind scharf, aber nie klischeeha gezeichnet. Und die Ich-Erzählerin nähert sich in den verspiegelten Kra kammern immer mehr an das dominante Körperideal an – anfangs noch skeptisch, im Zuge ihres Muskelau aus aber mit wachsender Überzeugung.

Schweißflecken an den Rändern eines Tops wären doch „das Ehrlichste, was ein Körper von sich preisgeben kann“, sinniert die Protagonistin an einer Stelle. Dass sie Dreck am Stecken hat, wird spätestens durch die Erwähnung einer Bewährungshelferin klar. Spannend führt das schmale Buch ihre Arbeit im Fitnesscenter parallel mit Erinnerungen an ihr Vorleben als Karrierefrau und zieht beide Handlungsstränge immer mehr an.

Gleichzeitig Kind, Fulltimejob und durchtrainierter Pre-Baby-Body? Auch wenn „Gym“ um diese kaum erreichbare Trias kreist, verzichtet die Autorin auf den feministischen Zeigefinger. Das Problem wird hier weniger in gesellscha lichen Erwartungen an Frauen verortet als in Konkurrenz und Erfolgsdruck generell.

Mit viel Gespür zeichnet Keßler den narzisstischen Kick der Selbstoptimierung nach, der das Gewicht der Hanteln beständig steigert und bald keine Grenzen mehr kennt. Als die Mucki-Manie schließlich völlig aus dem Ruder läu , erinnert das ein bisschen an den Film „The Substance“, in

dem Schauspielerin Demi Moore als gefeuerte Aerobic-Trainerin zur monströsen Figur mutiert. Leider ist das Ende von „Gym“ ebenso schwach, wie das Finale des Horrorstreifens überdreht.

Was sagt die permanente Beschä igung mit dem eigenen Körper über unseren Geist aus? Offenbart sie vielleicht eine hysterische Persönlichkeit? Die Literaturwissenscha lerin in Daniela Dröschers neuem Roman „Junge Frau mit Katze“ wirkt zunächst eher hypochondrisch.

Dröschners autofiktionaler Roman „Lügen über meine Mutter“ (2022) wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert; derzeit entsteht der Film dazu. Im Mittelpunkt der in den 1980ern angesiedelten Story steht das wunschlose Unglück der übergewichtigen Heldin. Ihre Tochter Ela schildert mal aus kindlicher, mal aus erwachsener Sicht, wie ihre „dicke“ Mutter von Schuld- und Schamgefühlen geplagt und von ihrem Ehemann gedemütigt wird.

Das Cat-Lady-Buch liefert nun eine Art Fortsetzung. Am Ende ihres Doktoratsstudiums leidet Ela plötzlich unter Schmerzen und Zuständen, die von diversen Ärzten unterschiedlich diagnostiziert werden. „Der Körper scheint mich nicht loszulassen, der fasziniert mich, weil er ein Eigenleben, eine eigene Sprache hat, die wir zumeist schlecht verstehen“, meinte die Schri stellerin in einem Interview.

Wer kennt das nicht: In einer angespannten Lebensphase tauchen Wehwehchen auf, zuerst sporadisch, dann immer nagender.

Während man noch mit „Kommt bloß vom Stress!“ beschwichtigt, spuckt Dr. Google schon Fachbegriffe für die schlimmsten Pathologien aus. Dräut eine bösartige Krankheit oder zwickt nur der Wunsch nach Entlastung und Prokrastination? Für Ela wird der Körper zur Büchse der Pandora, aus der jederzeit Unheil strömen kann.

Mit ihrem Roman unternimmt Dröscher eine leicht selbstironische Zeitreise in ihre Zwanziger, als sie noch keine literarische, sondern eine akademische Lau ahn anstrebte. Auch die Ich-Erzählerin hat ihre Dissertation über Yōko Tawada verfasst. Die den einzelnen Kapiteln vorangestellten Gedichte der japanischen Schri stellerin drücken jene Gelassenheit aus, die Ela fehlt.

Gegen das „ausdrückliche Verbot“ ihrer Psychotherapeutin sucht sie immer wieder Rat bei ihrer Mama. Brav befolgt die Tochter deren Gebote „Zum Arzt!“ und „Ausruhen!“, aber weder Medikamente noch Bettruhe mit Kater Sir Wilson helfen. Über den Charakter der schnurrhaarigen Titelfigur verrät das Buch leider nur wenig.

In Einschüben, die in anderer Typografie gesetzt sind, reflektiert die Autorin die Beziehung zur eigenen Mutter. Lesen und Schreiben haben ihr einst bei der Befreiung aus den unglücklichen familiären Verhältnissen geholfen. Eine Stärke von Dröschers letztem Buch lag darin, wie sie das weibliche Schlankheitsideal mit dem Thema Klassenscham und patriarchale Macht verband; ihr jüngster Roman indes hat mit Sozialkritik wenig am Hut.

Dröscher: Junge Frau mit Katze. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 320 S., € 24,70

€ 23,70

„Den eigenen Körper, so viel hatte ich inzwischen verstanden, konnte man nicht überlisten. Früher oder später fand er heraus, ob man ihn wirklich respektierte oder bloß so tat“, erkennt die fiebernde Heldin. Während sich die Kranke zusehends isoliert, findet ihre geschiedene Mutter neue Hobbys und verreist.

In „Lügen über meine Mutter“ wurde das Bodyshaming als Strategie entlarvt, mit der der Vater vom eigenen Versagen ablenkt. In „Junge Frau mit Katze“ erweisen sich die körperlichen Beschwerden der Tochter auch als Symptome für deren Selbstzweifel als Akademikerin.

Die schnörkellose Sprache und die abwechslungsreiche Komposition des Romans erlauben eine schnelle Lektüre. Dennoch hätte es nicht geschadet, hätte die Protagonistin die richtigen Tabletten und ihre literarische Berufung bereits hundert Seiten früher entdeckt.

Wie schon der Titel andeutet, handelt auch der voriges Jahr im niederländischen Original erschienene Roman „Autobiografie meines Körpers“ von realem Leben. Sogar ein Kinderfoto der Autorin wird auf dem Buchdeckel sichtbar, nimmt man den durchlöcherten Umschlag ab.

In ihrer belgischen Heimat wurde die heute 36-Jährige durch ihr aufsehenerregendes, 2016 erschienenes Debüt „Und es schmilzt“ mit einem Schlag berühmt. Der Roman lag ein Jahr lang auf Platz eins der

Fortsetzung nächste Seite

Daniela
Verena Keßler: Gym. Roman. Hanser, 192 S.,

Fortsetzung von Seite 5

Bestsellerliste, wurde mittlerweile in 15 Sprachen übersetzt und für die Leinwand adaptiert. Er handelt von einem düsteren Dreiecksdrama unter Kids aus der flämischen Provinz, die sich in ein traumatisierendes Spiel um Macht und Gewalt verstricken.

Mit ihren alkoholkranken Eltern musste die weibliche Protagonistin namens Eva schon damals fertig werden. Spits jüngster Roman kreist in erster Linie um Lizes Verhältnis zur unnahbarer Mutter, die ihre Weinkanister versteckt und heimlich trinkt. Die Handlung setzt ein, als die vier Geschwister bereits ihr eigenes Leben führen. An einem Dezembertag teilt ihnen die Mutter plötzlich per E-Mail mit, dass sie ein Geschwulst in der Speiseröhre hat.

Die fortschreitende Krebserkrankung bestimmt den Verlauf des Romans, dessen Kapitel nach Monaten betitelt sind. „Mama, sage ich, wir müssen anfangen, miteinander zu reden, ich denke, wir haben noch nie einfach ehrlich miteinander geredet“, stößt die erschütterte Tochter am Telefon hervor; und obwohl die Erkrankte einwilligt, wird sie erst an ihrem Sterbebett zu echter Offenheit finden.

Für ihr introspektives Buch taucht Spit tief in die Gefühlswelt ihrer Jugend ein. Harmlose Aufzeichnungen aus ihren Teenie-Tagebüchern machen deutlich, wie stark sie die familiären Spannungen ausgeblendet und verdrängt hat. Aber das Schreiben, und sei es nur ein Satz pro Tag, zählt: Wie auch bei Dröscher erlaubt die Niederschrift der eigenen Gedanken die Loslösung von

der sprachlosen Mutter. Bezeichnenderweise dauert es fast bis zur Hälfte des 400 Seiten starken Romans, bis auch die leiblichen Erfahrungen der im Schatten der Mutter stehenden Ich-Erzählerin in den Fokus geraten. Und es zeigt sich, dass Spit nicht unverdient zum Shootingstar aufstieg: Ob sie von Malheurs mit Tampons oder von ihrer Diabetes schreibt, stets gelingen ihr originelle Assoziationen und Bilder, ohne gestelzt zu wirken. Ihr Sexleben hingegen bleibt blass, aber dem sind ohnehin nur einige wenige Seiten gewidmet. Die Tochter schreibt sich alles Schwere von der Seele, wirkt am Ende versöhnt. Ob man über die Wirkung von Morphium, Strapazen von Care-Arbeit und die ständigen Sorge um eine dahinsiechende Angehörige lesen will, hat wohl mit der eigenen Lebenssituation zu tun: Spits Buch ist eines, das einen trösten oder belasten kann.

Geradezu lebensfroh im Vergleich mit den anderen hier besprochenen Neuerscheinungen erscheint Verena Güntners „Medulla“. Der Roman der Berliner Autorin und Schauspielerin besteht aus drei miteinander verwobenen und für sich lesbaren Erzählungen. Das Leben der miteinander bekannten Protagonistinnen dreht sich um die Themen Kinderwunsch, Schwangerschaft und Selbstbestimmung.

Der Titel ist ein Begriff aus der Anatomie und bezeichnet das Rückenmark. Der Roman will zum Kern der Empfindungen vorstoßen, aber er tastet sich in einem legeren Stil und mit vielen Dialogen erst langsam an tieferliegende Gefühle heran. In der ersten Geschichte trägt sich der Musiker Hans, eine Art erdiger Hedonist, mit dem

Von Hühnern und Menschen

Lize Spit: Autobiografie meines Körpers. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen. S. Fischer, 400 S., € 26,80

Verena Güntner: Medulla. Roman. DuMont, 240 S., € 24,70

Gedanken, sein neues Album „Medulla“ zu betiteln. Die weibliche Hauptfigur Siv genießt die flotten Dreier mit ihm und dessen Freundin Hanna, fühlt sich dem Paar aber ebenso wenig verpflichtet wie ihrem Partner Jan, der um vieles älter ist und die Rechnungen bezahlt. Als Siv schwanger wird und abzutreiben plant, kann es Jan nicht fassen, dass ihm kein Mitspracherecht zukommt. Ähnlich ergeht es David in der zweiten Story, der doch für die künstliche Befruchtung seiner Frau Leyla „in kleine Schälchen gespritzt“ hat. Auch Leylas Chefin Esther ist schwanger, aber ihr Softie-Freund entwickelt weit mehr Gefühle als sie. Esther selbst kann sich ein Leben „im Dienst einer Sache […], die unablässig braucht und fordert“, kurzum: ein Leben als Mutter, schwer vorstellen.

So viel es auch um warme Körper gehen mag, Güntners Frauenfiguren bleiben kalt. Ihre Autonomie verlangt Grenzen, und diese ziehen sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Kinderwunsch bleibt den Männern, die so ihre Abhängigkeit von ihren Partnerinnen realisieren.

Wohin sind die Zeiten, als Pop-Moderatorin Charlotte Roche tabulos und frech in „Feuchtgebiete“ eindrang? Gibt es denn keine deutschsprachige Autorin, die sich Sex in der Menopause so geil wie Miranda Julys „Auf allen vieren“ fantasieren kann? Einzig „Gym“ hält ein wenig mit deren Drive mit, endet aber im selbstzerstörerischen Fiasko. Für Leib und Seele bieten die herbstlichen Romane Katharsis, Trauer und Läuterung an. Ihre Seiten schlägt man am besten in Begleitung von Kamillentee und einer Wärmflasche auf. F

Nava Ebrahimi macht eine Geflügelfarm zum Zentrum ihres jüngsten Romans, einer Parabel über die Conditio humana

W ir sind Robinson Crusoes ohne Inseln“, lautet die erste Zeile des Gedichts „Entdecker der Trauer“. „Verloren in unserer Einsamkeit, sehnsüchtig aufeinander wartend, / dass wir uns wiederfinden, / weder ein Boot noch ein Meer“, heißt es dort weiter. Das Poem stammt vom afghanischen Lyriker Zia Ghassemi, wie im Anhang von Nava Ebrahimis Roman „Und Federn überall“ nachzulesen ist. Auf den 340 Seiten davor heißt der Verfasser allerdings Nassim. Er ist ebenfalls ein afghanischer Dichter. Als Flüchtling, der langsam erblindet, hofft er auf Asyl und glaubt, dies mithilfe seiner Gedichte leichter erreichen zu können.

Nassim, der in besonders ernsten Situationen besonders unpassende Witze reißt, ist einer von sechs Protagonistinnen und Protagonisten in Ebrahimis aktuellem Roman. „Und Federn überall“ erzählt einen Tag im Leben besagter Hauptfiguren, die alle in der emsländischen Kleinstadt Lasseren im Nordwesten Deutschlands wohnen. Im Zentrum des Geschehens steht die riesige Geflügelfabrik Möllring, in der 400 Hühner pro Minute geschlachtet werden. Die kurzen Kapitel sind jeweils einer Perspektive gewidmet, wobei sich die höchst unterschiedlichen Biografien der höchst unterschiedlichen Akteure im Laufe der Handlung immer mehr ineinander verwickeln.

Wegen des schwachen Endes, so viel sei verraten, muss man den Roman nicht lesen. Der Weg dorthin jedoch ist jede Minute wert. Ebrahimi taucht in Geschichte und Geschichten ein, beschreibt empathisch, spannungsreich und bisweilen humorvoll die Nöte der einzelnen Personen, die für eine ganze Gesellschaft stehen. Dass dabei Federn, der Schlachthof und die verhärtete Hühnerbrust („wooden breast“), die es am Fließband auszusortieren gilt, als Metaphern herhalten, ist stimmig.

Zu Beginn kommt Roshanak, das Alter Ego der Autorin und wie diese deutschiranische Schriftstellerin, ins Emsland, um Nassim bei der Übersetzung seiner Gedichte zu helfen. Der wiederum ist mit seinen Gedanken bei Justyna. Die beiden haben sich ineinander verliebt, können sich jedoch nicht vorstellen, zusammenzubleiben: Eine Beziehung zwischen einem afghanischen Asylwerber und einer älteren polnischen Haushaltshilfe hat hier wenig Aussicht auf Toleranz.

Über eine Dating-Website, auf der polnische Frauen und deutsche Männer in Kontakt treten, hat Justyna ein Rendezvous vereinbart. Merkhausen, ein Manager der Geflügelfabrik, bestellt sie gleich zu sich ins Büro, um gockelhaft seinen Erfolg auszustellen. Ihn beschäftigt außerdem ein Konflikt mit der ehrgeizigen jungen Unterneh-

merin Anna Seiwerth, die die Produktion optimieren und die Frauen am Fließband überflüssig machen soll.

Die stärkste Figur ist die Fabrikarbeiterin Sonia, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. Sie will es sich verbessern und sich für die Lohnverrechnung bewerben. Als jedoch der Streit mit ihrer pubertierenden Tochter eskaliert, sperrt sie das Mädchen ein und verlässt die Wohnung. Am Ende bricht alles über ihr zusammen.

Das reale Vorbild für den fiktiven Ort Lasseren ist Haren, Sitz der Emsland Frischgeflügel GmbH von Möllring’schem Ausmaß. Viel interessanter ist jedoch der historische Hintergrund, den Ebrahimi gekonnt einbaut. Nach 1945 hieß Haren für kurze Zeit einmal Maczków. Die britische Militärregierung wies die deutsche Bevölkerung an, die Stadt vorübergehend zu verlassen und Platz zu machen für polnische „Displaced Persons“, die nicht mehr in ihre alte Heimat zurückkehren konnten oder wollten. 1948 gaben die Briten die Stadt schließlich an die deutschen Bewohner zurück. Die polnischen Familien mussten gehen. Ebrahimi hat mit diesem historischen Verweis einen idealen Rahmen für ihren Roman gefunden – eine eindrucksvolle Parabel über die Angst vor Vertreibung und die Suche nach Heimat.

STEFANIE PANZENBÖCK

Nava Ebrahimi: Und Federn überall. Roman. Luchterhand, 352 S., € 24,70

Unter dem Blätterdach der Lügen

Der 22-jährige Schweizer Nelio Biedermann legt mit „Lázár“ ein zu Recht gehyptes Epos über eine ungarische Adelsfamilie vor

Menschen mit viel Geld sind dann literarisch dankbare Figuren, wenn sich auch reich an inneren Abgründen sind. So jedenfalls resümiert man nach der Lektüre des Romans „Lázár“, der auf 330 Seiten die 60-jährige Familiengeschichte eines ungarischen Adelsgeschlechts komprimiert. Der Onkel spricht mit dem Wald, in dem der Vater verschwunden ist; die Ehefrau stop sich Steine in die Westentaschen und versenkt sich im nahegelegenen Teich; der Baron schlägt sich im Suff den Schädel auf. Jede Gestalt dieser magisch-realistischen Geschichte verbirgt eine düstere Seite, die beim Lesen sofort Antipathie erzeugt –auch der zentrale Protagonist, Lajós von Lázár, mit dessen Geburt der Roman einsetzt, „als noch der Schnee des verendeten Jahrhunderts lag“.

Als Säugling so hässlich, dass seine Schwester Ilona ihrem Vater vor die Füße kotzt, wächst Lajós als blassgesichtiger Bastard – die Baronesse besuchte den Knecht im Stall – im familieneigenen Waldschloss in Ungarn auf. Später wird er selbst einen „unheimlichen“, reglosen Sohn zeugen, mit den Nazis kollaborieren und sein Vermögen an die Sowjets verlieren. Mit der Flucht Lázárs in die Schweiz endet der Roman.

Den großen historischen Bogen gespannt hat der erst 22-jährige Nelio Biedermann, selbst adeliger Abkun . In verklä-

render Anekdotenform sei diese stets durch familiäre Gespräche gewabert, erklärte der Autor in einem Interview. Für eine detailgetreue Recherche besuchte Biedermann seinen Großonkel in Budapest. Die Familiengeschichte diente ihm aber bloß als Gerüst für fantastische Wendungen.

Um „Lázár“ herrschte ein G’riss, noch bevor der Roman erschien. Das Match mehrerer Verlage entschied Rowohlt Berlin für sich und verkau e die Übersetzungsrechte prompt für 18 Sprachen. Da war das Manuskript noch gar nicht fertig. In der Szene war Biedermann erst als Geheimtipp, dann als Shooting Star gehandelt worden. Als Jugendlicher hatte er einen Züricher Literaturpreis gewonnen und mit 20 sein Debüt „Anton will sterben“ veröffentlicht, das – wenig altersadäquat – von einem Pensionisten kurz vor seinem Ableben erzählt. Überhaupt scheint Biedermann dem Zeitgeist nicht sonderlich zugetan. Seine Bücher schreibt er stets mit der Hand, um sich zur Präzision zu zwingen. Zum Schreiben kam er über das Lesen, wie er gegenüber Journalisten erklärte, der bildungsbürgerliche Kanon ist ihm vertraut. Für „Lázár“ las er die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann, schulte seinen Stil an Joseph Roth, entnahm historische Details den Werken von Herta Müller. Der Roman selbst ist mit literarischen Referenzen gespickt. So

begegnet etwa der deutsche Schri steller Carl Zuckmayer den Protagonisten im Zug, als diese 1938 über Österreich ausreisen. Zuckmayer flüchtete als Jude tatsächlich in die Schweiz, dann in die USA. Trotz all dieser Bezüge wirkt „Lázár“ weder altklug noch anbiedernd. Mühelos webt Biedermann Realien des 20. Jahrhunderts – von K.u.k.-Monarchie über Sigmund Freud bis zum Kommunismus – in seine Geschichte ein. Es zeugt von großem erzählerischen Können, wie der Autor durch die Jahrzehnte strei , ohne die Spannung ein einziges Mal zu verlieren.

Selbst der manierierte Stil erweist sich nach wenigen Seiten als die der mythischen Erzählung angemessene Sprache: „Mit jeder Minute wuchs die Lüge, spannte ihr Blätterdach weiter und weiter, bis es irgendwann ihre Familie, das Waldschloss und die ganze Familie überschatten würde.“ Bei allem Hang zum Konservativen wird dem Sex lustvolle Prominenz zugestanden. Vor allem die weiblichen Figuren kommen auf ihre Kosten, betrügen und begehren und reiben sich brünstig an bestickten Pölstern. Vielleicht wollte der Autor seinem Familienepos doch ein bisschen Zeitgeist à la „Game of Thrones“ hinzufügen. Geschadet hat es diesem wunderbaren Roman keineswegs – ganz im Gegenteil.

LINA PAULITSCH

DIE SHORTLIST

Nelio Biedermann: Lázár. Roman. Rowohlt Berlin, 336 S., € 24,70
Monika Helfer Wie die Welt weiterging Carl Hanser Verlag
Martin Prinz Die letzten Tage Jung und Jung
Marlene Streeruwitz Auflösungen. (Untertitel: New York.) S. Fischer Verlag
Dimitré Dinev Zeit der Mutigen Kein&Aber
Verena Stauffer Kiki Beach kookbooks
Michèle Yves Pauty Familienkörper Haymon Verlag
Anna Maschik Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten Luchterhand Literaturverlag
Miriam Unterthiner Blutbrot edition laurin

Beziehungspause mit der Achtsamkeitsdomina

In seinem Roman „Hoplopoiia“ sehnt sich einmal mehr nach der Jugend in der DDR zurück

Gäbe es eine Neurosen-Europameisterschaft, hätte Richard Sparka exzellente Aussichten auf das Finale. Wenn in der Warteschlange am Postamt vor ihm eine Telefonnummer erfragt wird, muss er sich die Ohren zuhalten, aus Angst, sich diese Nummer für immer zu merken und sie irgendwann zwanghaft anzurufen. Beileibe nicht das einzige Problem des in Berlin lebenden Familienvaters und überdurchschnittlich ich-bezogenen Icherzählers in Jochen Schmidts Roman „Hoplopoiia“. Um der Welt all seine Störungen redselig mitteilen zu können, leistet er sich gleich drei Therapeuten, was ihm freilich weitere Schuldgefühle beschert, weil die Beteiligten kaum auf Erfolgserlebnisse zählen dürfen. Hinzu kommt noch eine Paartherapie, denn mit Klara, Ehefrau und Mutter der gemeinsamen Kinder, hat er sich auf eine „Beziehungspause mit In-house-Lösung“ geeinigt, wobei wenig Aussicht auf Beziehungsfortsetzung besteht.

Klara ist eine hart am Rande des Klischees gezeichnete passiv-aggressive Achtsamkeitsdomina, die Sätze wie „Das zieht mich immer noch tiefer, ich brauche was Nährendes“ äußert und sich ihrerseits von Heiltherapeutin „Gerburg“ Esoterik-Mumpitz ins Ohr setzen lässt, die vom Erzähler stets mit höhnischen Anführungszeichen versehenen wird.

Dergleichen wissenschaftsferne Wellness-Weisheiten sind dem Protagonisten ein Graus, schließlich war er seinerzeit ein hochbegabter Mathematiker auf einer DDR-Eliteschule. Nur nützt ihm diese Begabung heute leider nichts mehr. Er jobbt in einem Supermarkt, wo er sich bei Laune hält, indem er heimlich Produkte umstellt. Minimalistische, aber leider völlig unbemerkte und folgenlose Sabotageakte am Kapitalismus.

Sparkas Jugend in der DDR macht die Hälfte des zwischen Gegenwart und Vergangenheit pendelnden Romans aus. In ihr war alles so wohlgeordnet und zielgerichtet, dass sich ein Mathematik-Nerd mit autistischen Zügen in ihr zurechtfinden konnte.

Den eigenen Schulerfahrungen mit meist autoritärem Lehrpersonal stehen die Elternabend-Erlebnisse der „Freien Schule“ von Richards und Klaras Kindern gegenüber, deren Laissez-faire-Luschigkeit jede Ambition erstickt. Vor allem aber will der Icherzähler am liebsten selbst im arrested development ewiger Adoleszenz verharren: „Wenn es doch so weitergegangen wäre wie in der Schule und ich jetzt in der vierzigsten Klasse wäre!“

Kenner Jochen Schmidts werden an dieser Stelle schon bemerkt haben, dass dieser Richard Sparka nicht unbedingt kilometerweit von anderen Antihelden und der Per-

Marlene Dietrich for President!

Jochen Schmidt: Hoplopoiia. Roman. C.H. Beck, 371 S.,€ 25,70

son des Autors selbst entfernt ist. Sie alle sind quasi Nachbarn im selben Plattenbau.

Erinnerungen an die DDR zählen ebenso zum Standardrepertoire von Schmidts Romanen wie der charmant-zauselige und vom Alltag überforderte Icherzähler. Darüber hinaus geben in „Hoplopoiia“ die Leitmotive Autoritäten, Familie und Schulbildung reichlich Stoff für Parallelmontagen, Anekdoten und dem Autor Gelegenheit, sein großes Talent für perfekt gebaute, überaus lustige Sätzen auszuspielen, die in sauber platzierten lakonischen Pointen kulminieren. Das alles perlt unterhaltsam vor sich hin, und Figuren wie der freigeistige Onkel Basil oder der intellektuell unterforderte, vorm Fernseher in die Demenz versinkende Vater sind klar – und im Unterschied zu Gattin Klara – sehr liebevoll gezeichnet. Allerdings sind das Heute und das Gestern nach etwa zwei Dritteln von „Hoplopoiia“ auch bis zum letzten Glaserl bulgarischen OstWeins auserzählt.

Bei den Reminiszenzen an die Schulzeit stellt sich schon früher Ermüdung ein. Man fühlt sich an jene Schulfreunde erinnert, die auch noch beim 30. Matura-Treffen die ewiggleichen Schnurren zum Besten geben. Da möchte man sich als weiterer Therapeut in die Handlung einklinken und Richard Sparka zuraunen: „Get over it!“

MAIK NOVOTNY

Die Graphic Novel „Transit 64“ von Bude Munk Wieland verwebt Fakten und Fiktionen zu einer Alternativgeschichte der BRD

Sie kannten und schätzten einander: Marlene Dietrich und Willy Brandt einte ihr antifaschistisches Engagement. Die Schauspielerin übersiedelte nach dem internationalen Erfolg des Films „Der Blaue Engel“ 1930 nach Hollywood, nahm die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an, munterte die GIs an der Front auf und unterstützte Verfolgte und jüdische Migranten. Den (west-)deutschen Wiedereingemeindungsversuchen nach Kriegsende verweigerte sie sich. Doch in der Figur des Westberliner Bürgermeisters und späteren Bundeskanzlers Willy Brandt, der im norwegischen Exil den sozialistischen Widerstand gegen Nazi-Deutschland mitorganisiert hatte, fand sie schließlich Halt. „Seine Augen flößen Vertrauen ein“, meinte sie 1963.

Die Annäherung zweier Medienstars, die durch eine Begegnung im Mai 1960 in Berlin historisch verbürgt ist, bildet den Glutkern des zweiten, lustvoll zwischen Zeitdokument, Polit-Fantasy und Graphic Novel changierenden Romans des Schreibkollektivs Bude Munk Wieland. Vor fünf Jahren widmete sich die Dreierbande in ihrem späten Debüt „Aufprall“ der gemeinsamen Zeit in der Westberliner Hausbesetzerszene der 1980er-Jahre. Nun blenden der Soziologe Heinz Bude, die Zeichnerin Bettina Munk und die Marlene-Dietrich-Biografin und

Politologin Karin Wieland ihre persönlichen Erfahrungen aus, richten den Blick stattdessen auf eine Zeit, in der Bonn europäisch werden wollte – wie es der Roman Willy Brandts engstem Mitarbeiter Egon Bahr in den Mund legt.

„Transit 64“ wird seinem Titel insofern gerecht, als sich im fast ein wenig nostalgisch anmutenden Agentenflair im Zeichen des Kalten Kriegs die Wege kreuzen. Die Graphic-Novel-Passagen funktionieren wie Close-ups und verweisen auf Dinge, die in den folgenden, mit Ausnahme des Schlussteils lapidar mit Zeit- und Ortsangaben betitelten Kapiteln wichtig werden, lenken mit Spaß am Medienwechsel die Aufmerksamkeit auf Details wie Telefone oder Postkarten.

Was dann zumeist im historischen Präsens passiert (von Marlene Dietrichs umjubelten Konzert in Warschau im Jahr 1964 bis zu Willy Brandts Kniefall sechs Jahre später ebendort) und was so passiert sein könnte, wird mit einigem Witz vorgetragen – etwa dass die erfrischend schnippische Marlene Dietrich eben Marx statt Schiller zum Einschlafen lesen würde.

Eine definitiv fiktive sozialistische Agentin erinnert in ihrem eher unprofessionellen Wunsch aufzufallen, an den Geltungsdrang von Diven à la Dietrich, die sie im Rahmen eines mysteriösen Auftrags treffen soll.

Bude Munk

Wieland:

Transit 64. Roman. Hanser, 208 S., € 25,70

Der Auftrag, das ist die Alternative-factsWendung, die diesem leichtfüßigen und dialoglastigen Roman die Transitroute in eine spekulative Zukunft in Aussicht stellt. Brandt plant, die Dietrich als Gegenkandidatin zum damals für seine zweite Amtszeit kandidierenden und mit Vorwürfen zu seiner NS-Vergangenheit konfrontierten Bundespräsidenten Heinrich Lübke aufzustellen.

Die „Ausländerin“ Dietrich im bleiernen Bonn, das wäre aus Sicht von Brandt (und vielleicht auch von Bude Munk Wieland) der personifizierte Fortschritt gewesen, die Verbindung von Antifaschismus, Internationalismus und Feminismus, die manches erspart und anderes ermöglicht hätte: Der Westen, was er war und was er hätte sein können.

Gegenüber einer besseren Moderne finden sich nicht nur die Beharrungskräfte des Verdrängungsweltmeisters BRD, sondern auch der Wille zur Macht made in East Germany. Walter Ulbricht, der langjährige Führer der DDR, biegt sich die Wirklichkeit nämlich genauso zurecht wie heute die Trumps dieser Welt. Er regiert nicht nur mit eisernen Bürokratenfaust, sondern „würde plötzlich behaupten, dass der Tisch, an dem wir sitzen, kein Tisch sei, sondern ein Ententeich“.

THOMAS EDLINGER

Regionale Schmankerl –

aus Österreich!

Doris Knecht

Ja, nein, vielleicht

Ra niert und bissig schreibt die BestsellerAutorin Doris Knecht über das Leben als Frau, über Freundschaft und über Sinn und Unsinn der romantischen Liebe.

eBook: € 17,99 I Digitales Hörbuch: € 15,95

Herbert Dutzler

Der Plattenspieler unter der Dachschräge

Ein Junge entdeckt unter der Dachschräge den alten Plattenspieler seines verstorbenen Großvaters. Beim Abspielen der Schallplatten taucht er in dessen Erinnerungen ein und ndet eine neue Verbindung zur Vergangenheit.

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Anna Maschik

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten

Eine Familiengeschichte von der Kaiserzeit, über Kriegszeiten bis hin zu heute. Lakonisch, magisch, mit Fragen nach der Voherbestimmung unseres Seins.

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Man sieht nur mit der Schnauze gut

Ein tierisch schräger Krimi voller schwarzem Humor und österreichischem Charme. Bernhard Aichner lässt seine Schnü elnase auf vier Pfoten ermitteln.

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Bertl und Klara auf dem Lande

Der Roman „Am Semmering“ von Tanja Paar spiegelt die große Welt im kleinen Kurort vor historischer Kulisse

Eine frisch verheiratete Frau sehnt sich nach einem Kind. Da sie auch nach mehreren Jahren noch nicht schwanger ist, sucht sie nach einer unkonventionellen Lösung. Das ist der dramatische Kern von Tanja Paars Roman „Am Semmering“, dem die Autorin auch biografisch verbunden ist, arbeitet sie darin doch die Geschichte ihrer Großeltern auf. Opa Bertl hackelte in den 1920er-Jahren für die Bundesbahnen am Bahnhof Semmering, seine Frau Klara führte den Haushalt.

Mit spürbarer Empathie vermittelt die Erzählerin die Eigenheiten der Protagonisten: des bekennenden Sozialisten und Motorradfans Bertl sowie der ebenfalls aus proletarischen Verhältnissen stammenden Klara, die von einem anderen Leben träumt, heimlich die Zeitungen der Kurgäste liest und Foxtrott liebt.

Dazu kommen noch ein sympathischer Hallodri von Pianist, der die Zeit der Wirtschaftskrise mit Schmäh bewältigt, und die schöne Rahel, die in einer Pension kocht und allmählich ihren orthodoxen jüdischen Glauben ablegt. Die vier freunden sich an. Beste Voraussetzungen also für eine mitreißende Love-Story mit Zeitkolorit.

Die Ambition der Autorin aber reicht weiter. Sie erzählt die Geschichte des Ortes, der in der Zwischenkriegszeit zu den mondänsten Tourismusdestinationen Europas gehörte; vom Glanz des Hotels Panhans und der Tänzerin Josephine Baker, deren freizügige Performance einen Skandal provozierte; von der Salonnière Alma Mahler-Werfel.

„Am Semmering“ liefert zeithistorischen Hintergrund. Es geht um antisemitische Ressentiments gegenüber reichen Gästen, um den Kampf zwischen Sozialdemokraten und NSAktivisten, den Holocaust. Sehr früh wird auch das Schicksal von Rahel verraten. Zu viel Information, zu wenig Dramaturgie: Der Geschichte von Bertl und Klara bleibt zu wenig Raum, um sich entfalten zu können. Den Leser beschleicht das Gefühl, in einem Zug mit zu schwacher Lokomotive auf die Passhöhe des Semmering hinaufzutuckern.

Reportagen schildern den Semmering oft als nostalgischen Schauplatz glanzvoller Vergangenheit. Paar bricht diese elitäre Perspektive, indem sie das Leben der kleinen Leute in den Vordergrund rückt, mischt aber leider zu viel Folklore in die Genreszenen. „Also rüber zur Negrelli, am Marterl sich vielleicht doch kurz bekreuzigen? Nutzt es nix, schadet’s nix.“ So reden Sommerfrischler, die sich auf dem Land in Einheimische verwandeln. Und „Am Semmering“ schwankt unentschlossen zwischen Welttheater und Dorfg’schichterl.

MATTHIAS DUSINI

Tanja Paar: Am Semmering. Roman. Residenz, 256 S., € 26,–

Weil die Männer halt nicht immer wollen

Vea Kaiser erzählt in „Fabula Rasa“ von einer Alleinerzieherin, die gegen Filous und Falotten kämpft

Es beginnt in den Kellern der Nacht. Im U4 geigen nicht die von Falco besungenen Goldfisch’, sondern spielt die mangels Zukunftsaussicht gleich namenlos bleibende Nachfolgeband der auch schon hoffnungslosen New-Wave-Combo Gaxi Royal. All das ist Angelika Moser egal, denn sie ist jung und hat mit ihrer besten Freundin die Zeit ihres Lebens. Nach sechs Jahren Pause meldet sich Bestsellerautorin Vea Kaiser mit dem Wien-Roman „Fabula Rasa“ zurück, der von der Subkultur der ausgehenden 1980er bis in die Gegenwart führt. Zentraler Handlungsort ist ein Grand Hotel am Ring. Inspiration war der reale Fall einer SacherBuchhalterin, die über einen längeren Zeitraum vier Millionen Euro veruntreut hat – aus Mutterliebe, wie Zeitungsmeldungen zu entnehmen war.

Der Stoff war ein gefundenes Fressen für die Autorin, in der Zwischenzeit selbst zweifache Mutter. Ihre Romanheldin hat nicht die besten Startvoraussetzungen: Hausbesorgertochter aus dem Gemeindebau, Vater unbekannt. Als sie schwanger wird, entpuppt sich auch ihr Mann als Niete. Aber das spornt die Protagonistin nur dazu an, für ihren Sohn das Beste rauszuholen.

Angelika ist eine hervorragende Buchhalterin und steigt zur ersten weiblichen Abteilungsleiterin in dem Traditionsbetrieb auf. Ihr Chef bittet sie in einer heiklen Situation darum, ausnahmsweise ein bisschen mit den Zahlen zu tricksen. Angelika fällt auf, wie leicht falsche Abrechnungen durchgewunken werden

Liessmann ist ein Philosoph, »der nicht nach unten tritt, sondern nach oben zielt.«

F. A. Z.

»Ein hervorragender Stilist und unkonventioneller Denker.«

Cicero

»Für eine grenzenlose Meinungsfreiheit.«

Der Spiegel

»Die Krise als Abenteuer.«

Die Presse

– und beginnt Gelder auf ihre Privatkonten zu transferieren. Aber das interessiert Kaiser weniger als das Thema Mutterschaft.

„Fabula Rasa“ ist wie schon die Vorgänger ziemlich umfangreich, handlungsstark und von einer Lust am Fabulieren durchdrungen. Gute Unterhaltung in gewohnter Manier? Nicht nur.

Kaiser gelingt mit ihrem jüngsten Opus zugleich ein österreichisches Sittenbild. Der sogenannten besseren Gesellschaft, die in Nobelhotels absteigt und am Opernball auftanzt, den Spiegel vorzuhalten, sodass sie am Ende ziemlich nackig dasteht, ist noch keine besondere Leistung. Da kann man gut drüber lachen, fertig. Ernst wird der Roman dort, wo er die Strukturen einer immer noch patriarchal geprägten Welt aufzeigt, in der Frauen für die Kinderbetreuung aufzukommen und auch sonst immer zu funktionieren haben. Weil die Männer halt nicht immer können. Oder wollen. Da haben wir es: Vea Kaiser hat einen feministischen Roman geschrieben. Und er ist gut geworden.

SEBASTIAN FASTHUBER

Vea Kaiser: Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels. Kiepenheuer & Witsch, 564 S., € 25,70

Kalte Mama, warme Oma

Dagmar Leupold und Jacqueline Kornmüller arbeiten sich an der Biografie ihrer Mu er beziehungsweise Großmu er ab

Romane über Mütter scheinen en vogue zu sein. Man denke an Maxim Biller, Daniela Dröscher oder auch Wolf Haas, der der seinen in „Eigentum“ auf gewitzte Weise ein Denkmal gesetzt hat. Oder an Silvie Schenk, die sich um Ausleuchtung der schmerzvollen, weitgehend totgeschwiegenen Geschichte ihrer „Maman“ im gleichnamigen Roman bemüht. Ähnlich mühevoll ist die Suche nach verschütteten Wahrheiten in Christine Vescolis „Mutternichts“. Wo es keine Geheimnisse gibt, kann man auch kein ganzes Buch deren Aufdeckung widmen.

Kein Wunder, dass es auch in Dagmar Leupolds „Muttermale“ ums Schweigen geht. Der Roman ist ein Ringen um Verständnis, was schon in den ersten Sätzen klar wird. In ihnen wird auch die fehlende Nähe in einer Mutter-Tochter-Beziehung, um die sich das Buch dreht, bereits spürbar: „Ich stelle dir nach, ich fahnde nach dir, ich nehme dich in Beschlag – und du bringst mich in große Verlegenheit, denn du hast keinen Namen. Mutter. Behausung. Kerker. Verschlusssache. Oberbefehlshaberin. Du bist […] mein ungelöster, mein unlösbarer Fall.“

Angesichts dieses entmutigenden Einstiegs mutet der darauffolgende Versuch, den Fall trotz allem zu lösen, zwar tapfer, aber wenig aussichtsreich an. Keine schlechte Vorbereitung auf das, was nun folgt: Anhand einzelner Episoden, Phrasen, Orte und Gegenstände wird ein Mutterporträt rekonstruiert, das viele Leerstellen enthält. Leupold erzählt in der zweiten Person; in klarer, aber stets nach den richtigen Worten suchender Sprache richtet sie ihren Monolog an die Mutter.

Trotz der bis zum Exzess mit Details ausgestatteten Beschreibungen – die knotigen Noppen vom Abrieb der Handtasche an den karierten Glockenröcken der jungen Mutter; die weichen, behaarten Pferdenüstern auf den Märkten, die sie als Kind zu besuchen pflegte – entzieht sich die Mut-

Jacqueline Kornmüller: 6 aus 49. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 224 S., € 23,70

Dagmar Leupold: Mu ermale. Roman. Jung und Jung, 176 S., € 24,–

ter nicht nur ihrer Tochter, sondern auch der Leserscha : Distanz bleibt das bestimmende Element dieser fragmentarischen Erzählung.

Das ist zwar stellenweise erschöpfend, aber durchaus folgerichtig: Dorothea, vor der Roten Armee aus Ostpreußen geflohen und seitdem irgendwo in Westdeutschland wohnha , bleibt ihr Leben lang nicht nur ihrem Kind, sondern auch in der neuen Umgebung fremd. „Ganz daheim“ ist sie nur in Ostpreußen, wo die kleine Dorothea im Kreise der großen Familie und dem „Gesinde“ beim Abendessen saß und Unbeschwertheit trotz des gestrengen Vaters möglich war.

Kriegsbedingte Verluste, Fluchterfahrung, Erlebnisse als junge Krankenschwester, die Soldaten mit entstellten Gesichtern pflegt, eine wenig glückliche Ehe und die ewige Sehnsucht nach der verlorenen Heimat lassen diese Unbeschwertheit nur selten au ommen, wie auch Tochter Dagmar erfahren muss: im Österreich-Urlaub, wo die Mutter spendabel ist und lu ige Sommerkleider trägt, oder im Schwebezustand nach einem Kinoabend.

„Dein Leben nach dem Krieg zu würdigen, bedeutet Schadensvermessung“, schreibt Leupold und meint neben dem mütterlichen Unglück vielleicht auch ihr eigenes. Umso berührender sind die wenigen Momente, in denen nicht nur Frieden zwischen den beiden herrscht, sondern gar eine warme Nähe entsteht.

Eine solche Wärme strahlt in Jacqueline Kornmüllers Roman „6 aus 49“ gleichsam jede Zeile aus. Die ebenfalls problematische Beziehung zur Mutter kommt darin nur am Rande vor, denn erzählt wird hier vom Leben der Großmutter. Zu ihr hat die Erzählerin eine innige Verbindung, ihre Romanbiografie ist eine Hommage an eine starke Frau, hinter deren „großen, warmen Rücken“ sie sich geborgen fühlt, wenn sie bei ihr im Bett liegt und den Geschichten von früher lauscht.

Lina wächst zu Beginn des vorigen Jahrhunderts in Bayern in jener Armut auf, die Kinder hungrig ins Bett gehen lässt und leicht zu früher Resignation oder Wut auf eine ungerechte Welt führen kann. Nicht so bei Lina. Wie es ist, so gut wie nichts zu besitzen, vergisst sie nie, aber sie ergrei jede Gelegenheit, die das Leben ihr zuspielt, mit beiden Händen. Sie verwandelt sie in Langzeitbeziehungen und erfolgreiche Unternehmungen. Neben eisernem Arbeitsethos und unbeugsamem Willen spielt in ihrem Leben aber auch eine gehörige Portion Glück eine wichtige Rolle. Von der sprichwörtlichen Tellerwäscherin steigt Lina zur Hotelbesitzerin auf, und 6 aus 49 beschert ihr dann tatsächlich auch noch einen Lottogewinn.

Um vom Glück, aber auch von Verlusten und Schmerz zu erzählen, findet die vor allem als Theaterregisseurin bekannte Kornmüller eine eigene poetische Sprache. Sie erinnert an Gesprochenes und schafft mit kurzen Sätze bemerkenswert treffsichere Charakterisierungen. Eine Großfamilie, die in Linas Hotel unterkommt, wird zum „Schwarm“, der sich stets in einem Zimmer au ält. „Dort saßen die Schwärmer abends und schwärmten vor sich hin.“ Von Linas Heimatort Garmisch-Partenkirchen – die Stadt, die die Nazis aus Anlass der Olympischen Winterspiele von 1935 aus zwei getrennten Orten schufen – bleibt nur der Bindestrich, und deren Bewohner sind konsequenterweise die „Bindestrichler“.

Mehr noch als Dagmar Leupold erzählt Kornmüller die Geschichte einer vom Krieg gezeichneten, entwurzelten Generation, macht „6 aus 49“ die deutsche Kriegsvergangenheit zum Thema. Die Aufarbeitung eigener Erfahrungen verbindet beide Autorinnen, ebenso wie der gelungene Balanceakt, eigene Urteile offenzulegen und doch immer wieder respektvoll hinter den Protagonistinnen zurückzutreten und deren Geschichten für sich sprechen zu lassen. LINN RITSCH

Der Satiriker als Viel- und Überflieger

Aus feministischer Sicht gelingt es Katharina Prager, dem Werk und Wirken von Karl Kraus neue Perspektiven abzugewinnen

In welcher seiner Lebensrollen – Dichter, Übersetzer, Aphoristiker, Vortragskünstler, Dramatiker, Journalist, Pressekritiker, Satiriker und anderes mehr – ist uns Karl Kraus noch gegenwärtig?

Ohne Zweifel ist Kraus präsenter als die meisten seiner Feinde, mit denen er sich zeitlebens publizistisch stritt. Aber es gibt andere Schriftsteller seiner Generation, Kafka etwa oder Thomas Mann, die besser gealtert sind als er, vielleicht auch nur, weil sie Prosa schrieben, die heute noch gelesen wird. Kraus hingegen hat seine aberwitzige Produktivität in Projekte gesteckt, die zu stark mit seiner – auch physischen – Gegenwart assoziiert waren, als dass sie ohne ihn hätten überdauern können.

An vorderster Stelle sind das die 37 Jahrgänge oder 922 Ausgaben der Fackel (1899–1936) sowie die 700 öffentlichen Vorlesungen, die Kraus über Jahrzehnte in Wien, Berlin, München und anderswo hielt. Kraus’ Frontalangriff auf seine Zeit war ebenso sehr ein mündlicher wie ein schriftlicher. Vom Mündlichen hat sich kaum etwas erhalten, und das Schriftliche ruht überwiegend in den Archiven.

Erste Anlaufstelle ist in diesem Fall das KarlKraus-Archiv in der Wienbibliothek im Wiener Rathaus. Ebendort arbeitet auch die Historikerin Katharina Prager, die nun eine knappe und unkonventionelle Biografie vorlegt. Knapp ist sie im Vergleich mit den

ausladenden Kraus-Biografien von (meistens männlichen) Autoren wie zuletzt jener von Jens Malte Fischer (2020). Unkonventionell ist Pragers Buch, denn es stellt, so die Autorin, „die erste historisch-feministische Auseinandersetzung“ mit Kraus dar. Auch sonst ist es Prager darum zu tun, Kraus in Begriffe und Praktiken von heute zu überführen. Sie schreibt über dessen „Performance“, vom „Workaholic“, „Burnout“ und vom „male privilege“ und von „itgirls“. Unweigerlich stellt man sich Kraus im Amerika von heute vor. Würde seine Medienkritik, die natürlich eine Netz- und Plattformkritik sein müsste, gegen Donald Trump verfangen? In Wien war Kraus es gewohnt, seine Prozesse zu gewinnen, in den USA würden ihn die Klagen des Präsidenten wohl umgehend ruinieren.

Feministisch interessiert ist Pragers Biografie nicht nur, weil sie sich mit dem ambivalenten Frauenbild von Karl Kraus auseinandersetzt (ein Beispiel für dessen „Wechselspiel zwischen reaktionärer Theorie und revolutionärer Praxis“, um Walter Benjamin zu zitieren), sondern auch, weil sie Kraus in der Gesellschaft seiner „Zeitgenossinnen und Zeitgenossen“ präsentiert, wobei die Zeitgenossinnen überwiegen.

Zwar inszenierte sich Kraus gerne als menschenscheuer Einzelgänger, tatsächlich aber neigte er zur Geselligkeit – man müsste ihn wohl als „social butterfly“ be-

»Katharina Prager geht es darum, Karl Kraus in Begriffe von heute zu überführen. Sie schreibt über dessen ,Performance‘, vom ,Workaholic‘ und vom ,Burnout‘ zeichnen. Sehr Kraus-gemäß hat Prager ihr Buch „inszeniert“, nämlich wie Kraus’ Weltkriegstragödie „Die letzten Tage der Menschheit“ in fünf Akten und mit einer Vielzahl von Schauplätzen. Meist spielen die Akte in Wien, dann aber auch in Hamburg, Berlin, München oder auf Schloss Janovice; mal spielen sie in der Geschäftsstelle der Fackel, mal im Landesgericht für Strafsachen oder im Allgemeinen Österreichischen Frauenverein.

Auf diese Weise entstehen tiefenscharfe Bilder von Kraus’ räumlicher und sozialer Umgebung, wie sie der Kraus-Biografik sonst unbekannt sind. Der bekennende Monomane brauchte eine Mitwelt, allein schon, um seiner am Theater gescheiterten mimetischen Leidenschaft ein Publikum zu verschaffen.

Inklusive Hörbuch, gelesen vom Autor

Aufgeschlossen für technische Neuerungen aller Art, nicht nur als früher Automobilist und späterer Vielflieger, besaß Kraus alle Voraussetzungen für eine präzise Zeitdiagnostik und war dennoch vor massiven politischen Fehleinschätzungen nicht gefeit: Seine späte Sympathie für den Austrofaschismus offenbart das immerwährende „Wechselspiel“ seiner Auffassungen. Einen verlässlichen Verbündeten, einen „Ally“ gar, in welcher Sache auch immer, kann man sich in Kraus nur schwer vorstellen. Dafür bleibt der Mann auch beim Heranzoomen aus großer Ferne zu fremd und zu erratisch. Wie macht sich nun das Feministische in Pragers Ansatz geltend, genauer das Historisch-Feministische? Ein Feminist avant la lettre ist Kraus auch in ihrer Darstellung nie gewesen. Zwar artikuliert er als bekennender Erotiker früh einen antibürgerlichen und, wenn man will, antipatriarchalen Affekt. Kraus spricht sich, so Prager, „gegen die moral panic, die Sexfeindlichkeit und heuchlerische Prüderie seiner Zeit“ aus, womit „vieles in die richtige Richtung“ weise.

Markus beschreibt den Moment, in dem Kronprinz Rudolf fast Kaiser Franz Joseph erschossen hätte, ebenso fesselnd wie die Entführungen des Industriellen Palmers.

»Reisen ist die beste Möglichkeit, mein Leben neu zu erfinden, um mich vor der Müdigkeit zu bewahren.«

280 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen EUR 30,–, ISBN 978-3-99050-291-4

304 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen EUR 30,–, ISBN 978-3-99050-293-8 amalthea.at

Katharina Prager: „Ein Spiel, gesinnungslos wie die Liebe“. Das Leben des Satirikers Karl Kraus. Sonderzahl, 176 S., € 22,–

Wenn Kraus dann aber sogleich dem „Weibe“ „kulturelle Aufgaben“ zuweist, die jenen des Mannes diametral entgegengesetzt sind („Material männlicher Schöpfungslust“, „Multiplikator männlicher Energien“), dann muss man, falls milde gestimmt, konstatieren, dass er „doch immer wieder in den Vorannahmen seiner Zeit stecken“ bleibt.

Das Problem von Karl Kraus in diesem Zusammenhang bestand vielleicht darin: Bei aller teils heilsamen, teils auch nur obsessiven Konzentration aufs Sprachliche bleibt bei ihm die Theorie auf der Strecke; es fehlte ihm dazu wohl einfach das Talent, ähnlich wie das zum Theaterspielen.

An Freud, der gewiss auch mit den „Vorannahmen seiner Zeit“ zu schaffen hatte, hätte Kraus sich im Feld der Sexualtheorie weiterbilden können. Diese Chance ließ er aus, stattdessen machte er sich über die Psychoanalyse auf unlustige Weise lustig, wie er überhaupt ungern von Zeitgenossen lernte (nach Goethe und Shakespeare kam für ihn nicht mehr viel). Katharina Pragers Biografie führt uns Kraus mit all seinen Widersprüchen vor Augen. Je näher man ihn dabei anschaut – um ein Kraus-Wort zu variieren –, desto ferner schaut er möglicherweise zurück.

CHRISTOPH BARTMANN

Ein lieber Schneck mit Hang zur Schwermut

Der Historiker Peter Payer legt eine Biografie des jüdischen Wiener Feuilletonisten Ludwig Hirschfeld (1882–1942) vor

Ein Feuilleton schreiben“, befand Karl Kraus, „heißt auf einer Glatze Locken drehen.“ Das war natürlich despektierlich gemeint, obgleich die beschriebene Fertigkeit fraglos eine veritable Kunst darstellt. Ludwig Hirschfeld beherrschte sie aus dem Effeff. 1906 hatte der damals erst 24-Jährige als Mitarbeiter bei der Neuen Freien Presse begonnen, wo er im Laufe der Jahre zum Star des Blattes avancierte. „Ist heute ein Hirschfeld drin?“, sollen sich die zahlreichen Fans unter der weiblichen Leserscha erkundigt und im Falle abschlägiger Antwort die Zeitungslektüre schlechterdings verweigert haben.

Bereits vor fünf Jahren hat der Historiker und Stadtforscher Peter Payer mit dem Band „Wien in Moll“ eine schlanke Auswahl von Hirschfeld-Feuilletons aus 30 Jahren herausgegeben. Nun legt er eine akribisch recherchierte und materialreiche Biografie vor, die dennoch flüssig geschrieben und gut lesbar ist, wenngleich manch halb- bis einseitiges Zitat eine Kürzung vertragen und es der common reader wohl hingenommen hätte, über Lustspielproduktion und Sommerfrischeroutine dieses publizistischen Tausendsassas ein Alzerl weniger detailfroh informiert zu werden.

Das Licht der Leopoldstadt erblickte das jüngste von vier Kindern von Alexander und Henriette Hirschfeld, die beide einer ungarisch-jüdischen Familie entstammten, am 21. März 1882. Die „Rollgerste- und Schälerbsenfabrik Brüder Hirschfeld & Comp.“ sicherte der Familie ein mehr als solides Auskommen und dem Filius eine behütete Kindheit, die bis ins Erwachsenalter ausgedehnt wird: Erst im zarten Alter von 30 Jahren zieht Ludwig aus der elterlichen Wohnung in der Unteren Augartenstraße aus, frequentiert aber auch danach noch den Mittagstisch im Hotel Mama.

Dass das Adjektiv „behaglich“ zum Leib- und Magen-Epitheton Hirschfelds wurde, verwundert nicht. Nachdem der 32-Jährige den Leserinnen seine prinzipielle Geneigtheit kundgetan hat, das Junggesellentum zu beenden, dauert es noch knapp vier Jahre, bis er tatsächlich in den Hafen der Ehe einläu , um hinfort ein „behaglich bürgerliches“ Leben zu führen.

Elly Grimm ist die Tochter eines Arztes, der das florierende Sanatorium im burgenländischen Sauerbrunn leitet – und entspricht im Übrigen genau dem sportlichen, geselligen Frauentypus mit Bubikopf, über den der Gatte seinen vermeintlich san en, o aber misogyn tingierten Spott auszugießen pflegte. Die Ehe selbst, so verrät er in einem Feuilleton, beginne eigentlich erst, „wenn man in seinen eigenen vier bis zwanzig Wänden installiert ist“ und sich „jenes undefinierbar gemütliche Behagen, Häuslichkeit genannt“ einstelle. Die gemeinsame Wohnung in einem mondänen Gründerzeithaus im dritten Bezirk stellt den passenden Rahmen bereit (und dass es im Falle des Upper-Middle-Class-Conubiums tatsächlich 20 und nicht bloß vier Wände waren, versteht sich von selbst).

Auf Behaglichkeitsstörungen in Folge von Krieg und Inflation reagierte der passionierte „Semmelesser“ und lebenslange Raucher sehr sensibel. Darüber, ob er als „politischer Seismograph“, als den ihn

sein Biograf ausweist, ebenso empfindlich war, lässt sich streiten. Zu den Morden von Schattendorf im Jänner und den Unruhen am 15. Juli 1927 („Justizpalastbrand“), die durch den skandalösen Freispruch der Täter ausgelöst und blutig niedergeschlagen werden, sind keine Äußerungen belegt.

wie von Juden“ gestellte und allen anderen etwaigen Erkundigungen nach Beruf oder Erfolg vorausgehende Frage: „Ist er ein Jud?“

Immer vif, immer flott, immer bereit, die Schwächen zu geißeln, aber durchaus liebenswürdig

KRAUS ÜBER

HIRSCHFELD

Für andere bedrohliche Entwicklungen hatte der gern als Bonvivant posierende, aber auch unübersehbar zur Melancholie neigende Plauderer nur wolkige Metaphern bei der Hand: Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jänner 1933 registriert er als „zunehmende Bewölkung am politischen Horizont“, und als Bundeskanzler Dollfuß im März desselben Jahres eine Geschä sordnungspanne zur Ausschaltung des Parlaments nutzt, notiert er, es sei, „[k] ein behaglicher Zustand“, hofft aber, dass die „neue Regierung“ das „drohende Tief aus dem Norden“ schon abwenden werde, sollte diese „noch einige beruhigende und erfreuliche Verordnungen im Vorrat haben“.

Nur einmal fällt der samtpfötige, allseits beliebte und lediglich von der Arbeiter-Zeitung verlässlich gezauste Journalist mit der Tür ins Haus. Ausgerechnet in seinem höchst erfolgreichen, „alternativ“ gemeinten, aber selbst nicht ganz klischeefreien Führer „Wien. Was nicht im Baedeker steht“ (1927) adressiert er ein gewöhnungsbedür iges Spezifikum der Stadt ganz unverblümt, nämlich die „von Hakenkreuzlern

Ein Workaholic der leichten Muse, reüssierte Hirschfeld auch mit Lustspielen und Revuen, die er unter anderem mit dem Kabarettisten Karl Farkas verfasste und gelegentlich gar mit populären Eigenkompositionen versah. Für das Drehbuch zum Film „Der Mann, der seinen Mörder sucht“ (1931) kooperierte er mit Billie Wilder, und die Regie bei der mit Hans Moser, Paula und Attila Wessely prominent besetzten Komödie „Auslandsreise“ (1932) führte niemand Geringerer als Otto Preminger.

Dass ausgerechnet der unpolitische Hirschfeld, den Karl Kraus einmal als „lieben Schneck“ apostrophiert, unmittelbar nach dem „Anschluss“ verha et wurde, verdankt sich einer Verwechslung mit dem jüdischen Zeitschri enherausgeber Oskar Hirschfeld. Nach Ludwigs Freilassung fliehen die Hirschfelds nach Frankreich und geraten dort in Gefangenscha . Im November 1942 werden Ludwig, Elly und ihre Kinder Eva und Herbert nach Auschwitz transportiert und ermordet. Letztes erhaltenes Dokument Hirschfelds ist eine Karte an das befreundete Ehepaar Farkas: „Wir fahren voraussichtlich diesen Nachmittag, Bestimmungsort unbekannt. [...] Wir hoffen, dass es eines Tages ein Wiedersehen gibt.“ KLAUS NÜCHTERN

Drei Frauen auf dem Weg in ein besseres Morgen

Die Widerstandskämpferin Doris Brehm (1908–1991) erzählt von weiblicher Emanzipation zu Zeiten des Nationalsozialismus

Ein Furor des Wiederentdeckens treibt den Literaturbetrieb um. Manche Verlage haben sich ganz der Aufgabe verschrieben, Bücher dem Vergessen zu entreißen, andere zumindest entsprechende Programmschienen etabliert. Vorzugsweise geht es dabei um Autorinnen des vorletzten Fin de Siècle oder der Zwischenkriegszeit: Mela Hartwig, Marta Karlweis, Gina Kaus, Maria Lazar, Maria Leitner … Die in jeder Hinsicht jüngste Entdeckung ist Doris Brehm. Im Unterschied zu den Genannten ist die Tochter einer angloirischen Sprachlehrerin und eines österreichischen Kunsthistorikers, 1908 in Dresden geboren, ein Kind des 20. Jahrhunderts, und ihr 70 Jahre nach der Erstveröffentlichung nun neu aufgelegter Roman spielt während des Zweiten Weltkriegs beziehungsweise kurz danach. Eine „Zwischenzeit“ aber indiziert auch er schon durch den programmatischen Titel: „Eine Frau zwischen gestern und morgen“.

Wobei sich das „zwischen“ hier sowohl auf die historischen Umstände bezieht als auch auf die Stationen im Lebensweg der Protagonistin Gerda Manner: wohnhaft in Wien, unglücklich verheiratet und Mutter der pubertierenden Luzie, der, wie schon der Name andeutend, einst eine leuchtende, jedenfalls bessere Zukunft beschieden sein soll.

Matrilineare Generationenromane stehen derzeit hoch im Kurs. Bei Brehm sind es nicht drei, sondern bloß zwei Alterskohorten, innerhalb derer sich die Emanzipation aus trüber, patriarchal-reaktionärer Vergangenheit vollzieht. Wobei Mira Goldberg, einige Jahre älter als Luzie, den dialektischen Dreischritt komplettiert. Die attraktive jüdische Kaufmannstochter, die, versteckt in der Wohnung der Manners, das „Tausendjährige Reich“ überleben wird, ist die einzige Figur des Romans, der so etwas wie Ambivalenz zugestanden wird.

Mira setzt ihren Sexappeal strategisch ein, wird aber auch als Opfer genderpolitischer Diskriminierung ausgewiesen und mobilisiert ihren Ehrgeiz immerhin für eine journalistische Karriere, in der Modebewusstsein und fortschrittliche Positionen in der Frauenfrage zusammengehen. Als historisches Dokument ist der Roman interessant, weil er das Überleben verfolgter Juden und Jüdinnen als „U-Boote“ thematisiert. Bereits zehn Jahre davor, im Mai 1945, hatte die im kommunistischen Widerstand als „U-Boot-Referentin“ tätige Brehm in der neu gegründeten Tageszeitung Neues Österreich darüber berichtet. Im Roman wird das Zusammenleben der drei Frauen nicht nur von Gerdas wetterwendisch-opportunistischem Gatten Theo oder dem so dummen wie denunziatorisch

Doris Brehm: Eine Frau zwischen gestern und morgen. Roman. Hg. v. Bettina Balàka. Haymon, 310 S., € 24,90

Der Kopf, ein rotierendes Mühlrad

aufgelegten Fräulein Podeschwa erschwert, das in der Buchhandlung des Ehepaars aushilft, sondern auch durch den Umstand, dass sowohl Gerda als auch Mira nach je eigener Façon den gleichen Mann begehren.

Dieser Doktor Bachner ist proletarischer Abkunft, von jener aufopferungsbereiten Selbstlosigkeit, mit dem ihm die frühverstorbene Mutter das Studium ermöglicht hat, und die wohl prominenteste Dulderfigur, des an solchen nicht eben armen Romans. So tapfer und redlich sich Herausgeberin Bettina Balàka, selbst eine versierte Autorin historischer Romane, auch bemüht, dessen literarische Qualitäten herauszustreichen, so sei doch festgehalten, dass „Eine Frau zwischen gestern und morgen“ mit dem Zaunpfahl geschrieben ist. Betulich, schwülstig und prüde zugleich, ist er um kaum ein Klischee verlegen – etwa wenn die erwähnte Podeschwa nicht nur als „Reptil“ apostrophiert, sondern auch mit „kalt-lauerndem Blick“, „klebrig-süßem Lächeln“ und „aalglatter, eisiger Höflichkeit“ ausgestattet wird. Die vorbildliche Kontextualisierung durch Nachworte der Herausgeberin und Katharina Pragers weisen dem Roman seinen Rang als historisches Dokument zu, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er diesen auf literarischer Ebene nicht annähernd erreicht.

KLAUS NÜCHTERN

Die Autobiografie des Rechtsanwalts Ludwig Biró (1898–1972) ist ein hellsichtiges Dokument heimischer Unheilsgeschichte

Ludwig Birós Erinnerungen waren von ihrem Verfasser wohl nie als Buch gedacht. Ende der 1960er-Jahre wollte der Grazer Rechtsanwalt zuallererst seinen Enkeln von den Wechselfällen seines Leben berichten. Bereits drei Jahrzehnte zuvor hatte er im Exil in Palästina den ersten Teil einer Autobiografie zu Papier gebracht. Der 1998 aus dem Nachlass von Biró veröffentlichte Band „Die erste Hälfte meines Lebens“ liegt nun in einer neuen Ausgabe vor. 1898 in Budapest geboren, wuchs Biró in Graz auf. Seine Mutter war nach der Trennung von ihrem Mann mit zwei Kindern in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Obwohl der Wohlstand der Familie unter dem kostspieligen Scheidungsprozess litt, erlebten die Brüder Ludwig und Paul, eingebettet in das Leben der jüdischen Gemeinde, eine weitgehend unbeschwerte Kindheit.

Dass eine Granate seinen Knöchel zerfetzte, aber keine bleibenden Schäden hinterließ, erwies sich als Glücksfall mit Schattenseiten. Kaum dem Inferno der Frontlinie entkommen erreichte Biró im Lazarett die Nachricht vom Tod seines Bruders Paul, der bei einem Badeunfall ertrunken war. „Ich konnte mein Leben“, notiert er im hohen Alter, „nur in seinem Schatten als der, der eigentlich tot zu sein hatte, fortführen.“

Aus dem Krieg als überzeugter Pazifist und Kommunist zurückgekehrt, studierte

Biró Jura – und den Aufschwung antisemitischer und deutschnationaler Umtriebe an der Uni aus nächster Nähe. Die Februarkämpfe 1934 waren für den mittlerweile erfolgreich als Rechtsanwalt Tätigen ein Schock. Mit klarem Blick zeichnet Biró, im Wechsel aus Erzählung und Reflexion, Österreichs Weg in den Untergang nach: als Zeugnis und Warnung zugleich.

Der zweite Teil von Birós Erinnerungen, bereits Anfang der 1940er-Jahre im Exil entstanden, setzt mit dem 13. März 1938 ein. Am Tag des „großen Maskenlüftens“ zeigen viele ihr wahres Gesicht, im Guten wie im Bösen. Birós Analyse listet alle charakterlichen Schattierungen auf: sadistischen Exzess und fatale Bequemlichkeit, politische Indifferenz und Verzweiflung. Dabei stellt sein Bericht auch eine Würdigung jener Menschen dar, die den Mut aufbrachten, sich offen oder in kleinen Gesten der NS-Politik zu widersetzen.

Deren Perfidie bestand nicht zuletzt darin, dass penible Bürokratie und rohe Gewalt Hand in Hand gingen. Als Jude und Kommunist im Visier der Nazis, floh Biró kurz vor den Novemberpogromen mit Frau und Kind ins Ausland. Jugoslawien bot Zuflucht für einige Zeit, aber weder Sicherheit noch Heimat. Als der Druck auch hier zu groß wurde, gelang es der Familie, über Griechenland nach Palästina zu emigrieren.

Ludwig Biró: Die erste Hälfte meines Lebens. Hg. v. Christian Fleck. Droschl, 350 S., € 26,–

„Mein Kopf war ein rotierendes Mühlrad“, schreibt Biró über die quälende Unsicherheit im Exil. Kein Wunder, dass sich sein Bericht mitunter in juristischen Feinheiten des Emigrantenlebens verzettelt. Too much on his mind. Gleichwohl nennt Biró sein Leben in diesen Jahren, verglichen mit dem Schicksal anderer, im Rückblick „ein reines Idyll“. Nach dem Krieg kehrte er bald nach Österreich zurück und lebte bis zu seinem Tod 1972 in Graz.

Für die Buchausgabe hat der Grazer Soziologe Christian Fleck Birós Text um etwa ein Drittel gekürzt, sanft lektoriert, Redundanzen und allzu Privates gestrichen.

Zu einer durchkomponierten Autobiografie ist „Die erste Hälfte meines Lebens“ dennoch nicht geworden. Gerade im zweiten Abschnitt spiegeln die erzählerischen Unwuchten die emotionale Ausnahmesituation. Um einen abgeklärt-lakonischen Ton bemüht, ist die politische wie biografische Dringlichkeit von Birós Schreiben doch in jeder Szene, in jeder Anekdote präsent. Apropos Anekdote: Konny Radaković, ein Freund Birós, der mit ihm ins jugoslawische Exil geht und dort sein Erbe in den Betrieb einer Schokoladenfabrik steckt, hätte in Torbergs Tante Jolesch würdige Gesellschaft gefunden: ein Original aus einem untergegangenen Abendland.

HARALD GSCHWANDTNER

Mob und Mord, Masse und Macht

Boris Sandler erzählt vom Pogrom, das 1903 an der jüdischen Bevölkerung von Kischinew begangen wurde

I

m April 1903 kam es in Kischinew – heute die moldawische Hauptstadt Chișinău, damals Zentrum des jüdischen Lebens im russischen Zarenreich, in dem die Juden 46 Prozent der Bevölkerung stellten – zu einem Pogrom, das 49 Tote und 500 Verletzte forderte und im Zuge dessen 700 Häuser zerstört wurden. Auslöser des äußerst grausamen Massakers war das haltlose Gerücht, demzufolge ein 14-jähriger christlicher Bub in der 40 Kilometer entfernten Kleinstadt Dubossary (heute: Dubăsari) einem von Juden verübten Ritualmord zum Opfer gefallen war.

Der jiddische Schriftsteller Boris Sandler, 1950 im heute moldawischen Bălți/Beltz geboren und 1992 nach Israel ausgewandert, hat den Fall zum Thema seines 2004 im Original veröffentlichten Buches „Als der Golem die Augen schloss“ gemacht.

Die dieser Tage erschienene deutsche Übersetzung wird im Klappentext als Roman ausgewiesen, nicht aber auf dem Titelblatt. Das hat gute Gründe, denn der Autor hat sowohl historische Quellen recherchiert als auch seiner literarischen Fantasie freien Lauf gelassen. Das gilt zwar für das Genre des historischen Romans generell, entbindet aber nicht von der Frage, in welchem Verhältnis Fakten und Fiktion stehen und was die belletristische Bearbeitung historischer Ereignisse überhaupt leistet.

Der Titel des „Romans“ (bleiben wir einmal dabei) spielt auf jenes Wesen der jüdischen Mystik an, das in einer neuzeitlichen Version vom Rabbi Löw aus Lehm erschaffen und zum Leben erweckt wird, auf dass es die Juden Prags vor Pogromen bewahre.

Wie schon Elias Canetti in seinem Opus magnum „Masse und Macht“ (1960) sucht auch Sandler in seinem Buch – der „Titelheld“ tritt übrigens lediglich in einer symbolträchtigen kleinen Szene auf – zu ergründen, wie und warum Individuen zu einem Mob verschmelzen, der als eine Art Meta- und Mega-Subjekt einem eigenen Willen und eigenen Gesetzen zu folgen scheint.

Der analytische Gehalt des Romans fällt diesbezüglich eher dünn aus. An der Figur des jungen Beamten Roman Trofimov, aus dessen – authentischen? – Tagebüchern wiederholt zitiert wird, soll gezeigt werden, wie eine zunächst integre und gegenüber den antisemitischen Gerüchten skeptische Person zusehends infiziert wird: „Der Mob hielt den Atem an. […] Roman, dicht von Menschen umringt, fühlte, wie er selbst gegen seinen Willen hin- und herschwankte, und wie er durch sein eigenes Drängen die um ihm herumstehenden Menschen anzustecken schien.“

Auch literarisch vermag Sandlers „Golem“ nicht zu überzeugen, ist er doch ausgesprochen disparat und inkonsistent ausgefallen. Die Perspektive wechselt zwischen Zitaten, Rollenprosa, auktorialen Kommentaren und einigen autobiografischen Auftritten des Autors, der vor Klischees und saurem Kitsch keineswegs zurückscheut und harten Dokumentarismus mit Genreszenen wie aus einer Dorfnovelle aus dem 19. Jahrhundert kombiniert.

Vor allem aber vermag er sich nicht so recht zu entscheiden, was er überhaupt erzählen will. Die wahren Hintergründe des Verbrechens, das von den reaktionären Kräften in St. Petersburg instrumentalisiert, wenn

Nicht „Juden“, sondern „Sowjetmenschen“

In „Babyn Jar“ dokumentiert Anatoli Kusnezow das Massaker, das die SS 1941 an Kiewer Juden beging

Den Einmarsch der Deutschen erlebte der ukrainisch-russische Autor Anatoli Kusnezow als Zwölfjähriger. Kaum drei Monate nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 stand die Wehrmacht am Dnepr. Gleich nach Beginn der zweieinhalbjährigen Besatzung Kiews fand dort eines der größten Massaker des Zweiten Weltkriegs statt. Am Stadtrand, in der sogenannten „Weiberschlucht“, „Babyn Jar“, wurden am 29. und 30. September 1941 über 33.000 Jüdinnen und Juden erschossen.

„Alles in diesem Buch ist wahr“, schreibt Anatoli Kusnezow am Anfang seines in den 1960er-Jahren entstandenen „Roman-Dokuments“ über die „Schlucht der Leiden“. Unweit des Tatortes aufgewachsen, verschneidet Kusnezow persönliche Erinnerungen, die er unmittelbar nach dem Krieg notiert, mit Zeitdokumenten und Protokollen späterer Gerichtsverfahren.

Die Großeltern hatten die Revolution und die Hungerkatastrophe der 1930er-Jahre nur mit knapper Not überlebt, aber die Sowjetmacht ermöglichte der Mutter eine Ausbildung zur Lehrerin, der Vater wurde zum strammen Kommunisten. Als der Erzähler ein deutsches Flugblatt liest – „Juden, Polen und Moskowiten sind die Feinde der Ukraine!“ –, muss er entscheiden, wie er sich jetzt gegenüber seinen jüdischen und polnischstämmigen Freunden verhalten soll. Wobei Kusnezow den eigenen, mittlerweile überwundenen Antisemitismus nicht verschweigt.

Wie schon Elias Canetti in ,Masse und Macht‘ treibt Boris Sandler die Frage um, wie Individuen zu einem Mob verschmelzen

nicht gar initiiert wird, sind für das Anliegen des Buches eigentlich irrelevant, werden aber zu einem maximal umständlichen Crime-Plot verdichtet, durch den Dutzende von namentlich mit Vatersnamen genannten Figuren taumeln (der Dostojewski-Horror!), danach aber auch sang- und klanglos wieder verschwinden.

Der Fokus liegt dabei einerseits auf der in Sowjetzeiten tabuisierten Ermordung der Kiewer Juden (es wurde stattdessen von ermordeten „Sowjetmenschen“ gesprochen); nicht weniger wichtig aber ist die höchst ambivalente Haltung der lokalen Bevölkerung gegenüber der Sowjetmacht, die beim Eintreffen der Deutschen zutage trat.

Wenige Tage nach der Besetzung sprengt der sowjetische Geheimdienst die deutsche Kommandozentrale in die Luft, Kiews Hauptstraße liegt in Trümmern. Die Deutschen setzen eine Vergeltungsaktion an: Alle Juden der Stadt hätten sich am 29. September 1941 an einer bestimmten Straßenecke einzufinden, Zuwiderhandelnde würden erschossen.

Worauf der Großvater prophezeit, dass es am nächsten Tag in Kiew keinen einzigen Juden mehr geben würde. Er sitzt der Propagandalüge offensichtlich auf: „Es scheint doch zu stimmen, was die Leute erzählen: dass die Juden den Chreschtschatyk angezündet haben.“ Das Kind denkt: Das kann ich mir nicht entgehen lassen. Ob es den Ort des Verbrechens tatsächlich aufsucht, bleibt offen. Stattdessen integriert der Erzähler den Bericht der Schauspielerin Dina Pronitschewa, die als eine der wenigen das Massaker, lebendig begraben, überlebt hatte.

Sandlers Fazit, dass sich „in dem roten Tropfen absoluter Lüge“, den die „Dubussary-Affäre“ darstelle, „das gesamte 20. Jahrhundert mit seinen Ozeanen an Blut“ spiegle, mag man zustimmen oder auch nicht. Bloß angedeutet wird, dass Chaim Nachman Bialik (1873–1974), der in seinem wütenden Poem „In der Stadt des Tötens“ die Wehrlosigkeit der jüdischen Pogrom-Opfer geißelt, dies wider besseres Wissen getan habe. Darüber und über die historischen Quellen dieser Einsicht hätte man gerne Genaueres erfahren.

Während der jugendliche Erzähler mit seinem Großvater im Hof einen Bunker baut, machen sich die zerlumpten Rotarmisten fluchtartig aus dem Staub. Die Prawda berichtet zwar von erbitterten Kämpfen, doch eine Nachbarin überbringt schon die frohe Botschaft: „Die Deutschen sind da!“ Auch der Opa macht nach der Erfahrung von Stalins Terror in der Vorkriegszeit keinen Hehl aus seiner Verachtung für die Kommunisten: „Jetzt wird es wieder Leben geben!“

Im Chaos der „Befreiung“ durch die Deutschen plündern die Kiewer eifrig Geschäfte, und als die Hausmeister die Wohnungen der geflohenen Sowjetnomenklatura im Stadtzentrum übernehmen, feixt der Großvater bloß: „Das Volk holt sich nur zurück, was ihm die Bolschewiken weggenommen haben.“ Und: „Schlimmer als die Sowjets können die Deutschen nicht sein.“

KLAUS NÜCHTERN

Boris Sandler: Als der Golem die Augen schloss. Aus dem Jiddischen von Andrea H. Fiedermutz. Czernin, 298 S., € 25,–

Kusnezow, der nach seiner Ausbildung am Moskauer Literaturinstitut als durchaus linientreuer Autor begann, dekonstruiert mit den Mitteln des traditionellen Realismus und aus dem Geist der Tauwetterperiode, die damals schon einen StalinKritiker wie Alexander Solschenizyn hervorgebracht hatte, alles und jedes: die Propaganda der Sowjets und der Nazis, die Ressentiments der lokalen Bevölkerung und die eigene Familiengeschichte.

Die Teile zwei und drei des Buches zerfallen sukzessive in einzelne Erzählungen und essayistische Betrachtungen zur Geschichte Kiews, zum Kommunismus, zum Schwarzmarkt und zum kulturellen Leben im Besatzungsalltag. Am Ende stehen die Rückkehr der Roten Armee im November 1943 und der Anblick der wegen Kollaboration öffentlich Hingerichteten. Zwar heißt es zuletzt, „Babyn Jar gibt es nicht mehr“, doch Anatoli Kusnezows bereits auf Deutsch erschienenes und jetzt neu übersetztes Buch erinnert höchst eindringlich daran, was damals geschehen ist.

Anatoli Kusnezow: Babyn Jar. Roman eines Augenzeugen. Aus dem Russischen von Christiane Körner. Matthes & Seitz, 400 S., € 28,80

Lichtdom der Lügen

In seinem raffinierten Roman „Der Architekt und sein Führer“ begibt sich Jean-Noël Orengo in den Kopf von Albert Speer

An belletristischen Auseinandersetzungen mit dem „Dritten Reich“ und seinem mörderischen Personal hat es in Frankreich nie gemangelt. Der Bogen spannt sich von Michel Tourniers Goncourt-Preis-gekröntem Sensationserfolg „Der Erlkönig“ (1970), in dem der germanophile Großschri steller einen tumben, jungen Franzosen (mit Zwischenstation auf Görings „Reichsjägerhof“ Rominten) quer durch das untergehende Nazideutschland taumeln lässt, bis hin zu Gegenwartsautoren wie Jonathan Littell, Olivier Guez, Laurent Binet oder Eric Vuillard. Deutschland, Deutschland über alles.

Einen rezenten Zugang zu diesem speziellen Subgenre verdanken wir dem Filmkritiker und Autor Jean-Noël Orengo, der sich in „Der Architekt und sein Führer“ intensiv der sonderbaren Karriere des 1905 geborenen Albert Speer widmet.

Der Titel des im Vorjahr erschienenen Originals geht auf ein Zitat des SS-Offiziers Karl Maria Hettlage zurück und lautet „Vous êtes l’amour malheureux du Führer“ („Sie sind die unglückliche Liebe des Führers“). Er könnte den unbefangenen Beobachter befürchten lassen, dass er es mit einer Nazi-Schwulenschmonzette zu tun bekommt – jedoch zu Unrecht.

Orengos Unternehmen ist eine ernstha e, formal überzeugende Auseinandersetzung mit einem historischen Akteur, der Bluff und Mystifikation in epischem Ausmaß und mit fulminantem Erfolg praktizierte.

Speers Lebenslauf selbst hat seine romanhaften Momente. Bei den Nürnberger Prozessen zu 20 Jahren Ha verurteilt, saß der Paradearchitekt des „Führers“ seine Gefängnisstrafe bis zum letzten Tag ab. In den ihm verbleibenden eineinhalb Lebensjahrzehnten – Speer starb 1981 – etablierte er sich mit seinen „Erinnerungen“ und seinen „Spandauer Tagebüchern“, beide in riesigen Auflagen verbreitet, als über die Grenzen Deutschlands hinaus leuchtender publizis-

tischer Fixstern und entwarf das Selbstbild eines mit seiner Schuld ringenden „guten Nazis“.

Der Historiker und FAZ-Herausgeber Joachim Fest, der ihm zeitweilig als Ghostwriter zur Seite stand, kreidete Speer zwar „technizistische Unmoral“ an, bescheinigte ihm aber auch, „frei von rechtstechnisch grei arer Schuld“ gewesen zu sein.

Speer war im „Dritten Reich“ allerdings keineswegs nur als Architekt aktiv. Er folgte dem bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Fritz Todt 1942 im Amt eines Reichsministers für Bewaffnung und Munition, das er bis zum Untergang des „Dritten Reichs“ innehatte. Anzunehmen, dass er in dieser Position nichts vom Holocaust mitbekommen hätte, erfordert ein gerüttelt Maß an Naivität oder Selbstverblendung. Zur Untermauerung der gegenteiligen Annahme hat der deutsche Historiker Magnus Brechtken das Nötige beigetragen.

Orengos Roman hebt mit einer Vorwarnung an. Er schildert, wie Hitler, ständig an einer Waffe herumfummelnd, einen Plan Speers mustert und „in einem schwer zu deutenden Tonfall“ gutheißt: „einverstanden“. Gleich anschließend legt Orengo offen, dass alle Einzelheiten dieser Szene Speers Büchern entnommen sind, die ihrerseits von dessen Biografen angezap wurden.

Reflexionen darüber, was sich mit einem freimütigen Umgang mit Wahrheiten aus zweiter Hand anstellen lässt, wechseln mit einem selbstbewussten Berichtston ab, in dem sich ein allem Anschein nach sehr gut informierter Erzähler gebärdet, als wäre er höchstpersönlich bei jedem Tête-à-tête des Führers („le guide“) mit Speer dabei gewesen.

Er schildert das Kennenlernen der beiden („Liebe auf den ersten Blick“), den Fortgang ihrer sich gegen Kriegsende hin eintrübenden Beziehung, Speers Sonderstellung im Organigramm der Nazibonzen (die ihn überwiegend hassen) und natür-

Jean-Noël Orengo: Der Architekt und sein Führer. Roman. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Rowohlt, 272 S., € 24,70

lich dessen Arbeit an der Reichstagsästhetik mit ihren Lichtdomen und sonstigem Brimborium.

So zu tun, als befände sich der Erzähler geradewegs in Speers Kopf, ist ein legitimes, aber auch zur Wachsamkeit nötigendes Verfahren. Die Fiktionen, die Orengo entfaltet, erwecken den Eindruck der „Vraisemblance“, der Glaubwürdigkeit, der man als Leser allerdings gemeinsam mit dem Autor zu misstrauen lernt, weil dieser fast ausschließlich auf Speers Selbstauskünften beruht.

Mit fortscheitender Lektüre kann man zusehends nachvollziehen, wie es Speer-Biografin Gitta Sereny ergangen sein muss. Die aus Wien vertriebene jüdischen Historikerin und Journalistin hatte sich jahrelang an der Frage abgearbeitet, was in dem soignierten Herrn, der in Nürnberg schon optisch vorteilha von den „vulgären Schafsköpfen“ auf der Anklagebank abstach, vorgegangen sein mochte. „Sie hört ihm zu, und etwas missfällt ihr zutiefst, die Mischung aus einem allzu offensichtlichen Charme und einem allzu bereitwilligen Schuldeingeständnis, und trotzdem ist sie außerstande, sein manipulatives Vorgehen zu erkennen.“ Sereny war wahrlich nicht die Einzige, der es so erging.

Das 63. Kapitel – der Roman hat 64, die Assoziation „Schachbrett“ ist gewollt –gilt einer eingehenden Erörterung der Tricks und Winkelzüge, mit denen sich ein Krieg der Narrative führen und gewinnen lässt. Was Speer selbst betrifft, gibt sich Orengo kategorisch: „Speer log immer.“ Vor allem gelang es ihm, den Fokus der Wahrnehmung konstant vom Rüstungsminister zum Architekten hin zu verschieben. Sein böses Meisterwerk wurde nicht aus Steinen, sondern mit Wörtern erbaut. Er selbst ist tot, aber der Geist der Verlogenheit wirkt in einer Zeit der Fake News und Influencer ungebrochen weiter. Daran lässt auch Orengos Roman keinen Zweifel. CHRISTOPH WINDER

Ansprache an ein ungeborenes Kind

Für „Huris“, seinen Roman über ein weibliches Opfer islamistischer Gewalt, erhielt Kamel Daoud den Prix Goncourt

Aube, die Protagonistin des Romans, ist 26 Jahre alt, lebt in der algerischen Stadt Oran und trägt ein „Lächeln“ unter dem Kinn. Lächeln unter Anführungszeichen. In der deutschen Übersetzung fehlen diese, dafür ist durchgehend von „Grinsen“ die Rede. Dabei handelt es sich um eine Narbe, die der jungen Frau nach einem Mordanschlag auf ihre Familie und ihr ganzes Dorf geblieben ist. Sie war damals fünf Jahre alt.

Im Algerien der 1990er-Jahre war das Durchschneiden von menschlichen Kehlen bei den selbsternannten „Gotteskriegern“ besonders beliebt. Deren politische Partei hatte Anfang 1992 die Parlamentswahlen gewonnen, diese wurden unverzüglich –unter dem Beifall der europäischen Öffentlichkeit – annulliert. Die Herrscha der FLN, die drei Jahrzehnte zuvor die Unabhängigkeit von Frankreich erkämp hatte, wurde durch den islamistischen Terror mit 200.000 Todesopfern nicht gebrochen, sie dauert bis heute an. 2019 entstand in Algerien eine junge, massenha e und nicht religiös ausgerichtete Protestbewegung („Hirak“), die letztlich der Corona-Pandemie zum Opfer fiel.

Kamel Daoud, Autor von „Huris“, sympathisierte anfangs mit dem Hirak, distanzierte sich jedoch bald von diesem. Die wesentliche Aufgabe seines Romans sieht er darin, die Erinnerung an die schwarze Dekade zu sichern. Im Vorspann zitiert er eine Passage aus der „Charta zur nationalen Versöhnung“, die seit 2005 Gesetzeskra hat. Die beiden Hauptfiguren, hinter denen ganz offensichtlich der Autor steht, sprechen beziehungsweise schreiben ein ums andere Mal gegen die Vorschri des Vergessens an.

Nimmt man als Leser die Atmosphäre auf, die Daoud im Roman inszeniert, so gelangt man zu dem Schluss, dass im gegenwärtigen Algerien ein stilles Einverständnis zwischen Islamisten, islamischem Mainstream und dem Militärregime herrscht.

Der Roman ist eine Art Programmliteratur und bekrä igt Überzeugungen, die im laizistischen Frankreich auf große Gegenliebe stoßen

Der die bürgerlichen Freiheiten beschränkende, politisch einflussreiche Islam hätte trotz der militärischen Niederlage nach dem schwarzen Jahrzehnt die Oberhand gewonnen.

Aube wirkt mit ihrem Schönheitssalon, den sie ausgerechnet gegenüber einer Moschee führt, ziemlich einsam. Keine Spur von Hirak, keine laizistische Jugend, die eine „neue Unabhängigkeit“ fordert, und überhaupt: keine Freunde. Nur ein paar Prostituierte oder Verrückte oder was immer sie sind, die sogleich von der Polizei abtransportiert werden. Der algerische Alltag ist bedrückend; der Roman wird der Wirklichkeit wohl einigermaßen entsprechen. Im Zentrum der Misere steht für Daoud die Unterdrückung der Frau, die unsichtbar und sprachlos bleiben soll.

Auch Aube will den Frauen eine Stimme verleihen, ist sie doch selbst stumm: Bei dem Attentat wurde sie zwar nicht getötet, der Gottesterrorist hat ihr aber die Stimmbänder durchtrennt. Kamel Daoud hat seine Protagonistin nach dem Vorbild einer realen Person gestaltet: Saâda Arbane, die bei seiner zweiten Ehefrau, einer Psychiaterin, in Behandlung war.

Kamel Daoud: Huris. Roman. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Ma hes & Seitz, 398 S., € 28,80

Arbane hatte den Autor allerdings lange vor der Publikation des Romans wissen lassen, dass sie eine Verwendung ihrer Geschichte, über deren Details er nur durch seine Frau Bescheid wissen konnte, nicht wünsche. In Algerien ist derzeit ein Rechtsstreit anhängig.

Daoud wurde 2024 (als erster Algerier) für den Roman mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Ein bekannter Kritiker bezeichnete „Huris“ als „feministischen Roman“. Dass dies zutrifft, ist aus mehreren Gründen zweifelha .

Die Konstruktion des Romans ist fragmentarisch, o auch inkohärent. Die Grundhaltung der Protagonistin ist zynisch, erwartet sie sich doch rein gar nichts von einer Gesellscha , in der immer noch die Bartträger das Sagen haben. Aube ist

schwanger, möchte aber kein Kind in diese Welt setzen. Erst im letzten, nachwortartigen Kapitel schlägt ihre Häme in eine lebensfreundliche Einstellung um.

All dies entspricht der Haltung, die man aus Interviews mit dem Autor kennt. Überhaupt handelt es sich bei „Huris“ um eine Art Programmliteratur – der Roman bekräftigt Überzeugungen, die im laizistischen Frankreich und darüber hinaus auf große Gegenliebe stoßen – und um eine komplexe Erzählmaschine, die durch viel Rhetorik und Realien, die nicht immer glaubwürdig erscheinen, zur Überhitzung tendiert.

Dennoch gibt es einen übergreifenden Handlungsbogen. Er verdankt sich der Frage, ob die „lächelnde“ Stimmlose den achtwöchigen, also etwas mehr als erbsengroßen Fötus in ihrem Bauch abtreiben soll oder nicht. Mit ihm führt Aube während des viertägigen Opferfests, bei dem zahllosen Lämmern die Kehlen durchgeschnitten werden, einen buchstäblich inneren Monolog.

Der Titel bezieht sich auf die von westlichen Medien so gerne zitierten Jungfrauen, die „Märtyrer“ (sprich: Attentäter) im islamischen Paradies erwarten. Aube nennt ihr Ungeborenes „meine Huri“ – eine Gleichsetzung, die man als kritischer Leser nicht unbedingt nachvollziehen mag.

Aus ästhetischer Sicht besteht das Problem des Romans aber weniger in der Aneignung der Geschichte Saâda Arbanes als in seiner Überladenheit mit symbolschweren Motivketten, Kontrasten und Parallelisierungen, denen man den Ehrgeiz, verblüffen zu wollen, allzu deutlich anmerkt. Am eindrucksvollsten sind letztlich die wenigen chronologisch und ohne großen Metaphernaufwand erzählten Geschichten, etwa die einer Frau, die entführt und zwangsweise mit Terroristen verheiratet und zur Gebärmaschine gemacht wird; im Unterschied zu den männlichen Gotteskriegern wurde sie nie rehabilitiert.

LEOPOLD FEDERMAIR

Horrortrip ins Herz der Finsternis

Der überbordende Roman „Unten Leben“ von Gustavo Faverón Patriau fräst sich durch die Gewaltgeschichte Lateinamerikas

Gustavo Faverón Patriau, 1966 in Lima geboren, studierte unter anderem an der ehrwürdigen Cornell-University in Ithaka. Die Virtuosität, mit der er den Leser narrt, mag auf einen großen Lehrer dort zurückgehen: Vladimir Nabokov. Er selbst unterrichtet Literatur an einem College in Maine. Trotz zahlreicher Publikationen, darunter ein Sammelband über den chilenischen Autor Roberto Bolaño, war er im deutschen Sprachraum bislang ein Unbekannter.

Sein zweiter Roman „Vivir abajo“ war 2019 im Original erschienen. Der Droschl Verlag wagt sich nun dankenswerterweise an die Herausgabe, Manfred Gmeiner als Übersetzer meisterte die kolossale Aufgabe. Das zunächst tausendseitige und danach um ein Drittel gekürzte Romanmonstrum, das der Autor in drei Monaten Universitätsferien geschaffen hat, stellt höchste Anforderungen an Übersetzer, Leser und Interpreten. Die Dichte des Textes reicht an das Werk des chilenischen Autors Roberto Bolaño (1953–2003) heran, dessen Romane „2666“ und „Die Naziliteratur in Amerika“ ähnliche Themen aufgreifen.

Die Viten zweier George W. Bennetts, Vater und Sohn, dienen als dünner, immer wieder abreißender roter Faden durch 40 Jahre Gewaltgeschichte Südamerikas, die noch tiefer wurzeln und bis zu den Balkankriegen, ja den Verbrechen im Jugoslawien des

»Eva Schmidt beherrscht die Kunst der knappen, situativen Zuspitzung. In wenigen Zeilen umreißt sie, wie sehr Außenund Innenwahrnehmung auseinanderklaffen. Es ist der nüchterne Ton, der an Eva Schmidts Roman besticht.«

Sigrid Brinkmann / Deutschlandfunk

Zweiten Weltkriegs zurückreichen. Ein USSoldat soll in Bosnien 1944 ein Massaker angerichtet haben, wo die US-Army allerdings gar nicht war. Und so geht es weiter zwischen Wirklichkeit und Fiktion, Traum, Tod und Enthüllung, etwa der wohlbekannten Geheimdienstabenteuer von Nazigrößen wie Klaus Barbie und Adolf Eichmann und der US-Komplizenschaft mit Diktatoren wie Alfredo Stroessner und Augusto Pinochet. Aber selbst da mischt der Autor nicht überprüfbare Gerüchte hinein: So hätte sich Barbie das Pseudonym Altmann als „Andenken“ an sein prominentestes Opfer zugelegt.

Als verdienter US-Veteran hat Vater Bennett für Diktaturen in Paraguay und Chile ingeniöse unterirdische Verliese konstruiert, darüber hinaus mit Hingabe die raffiniertesten Foltermethoden unterrichtet. Der Sohn setzt, trotz aller Versuche, ihn vom väterlichen Gewalterbe abzuschirmen, die Tradition fort. Auf seiner Grand Tour durch Lateinamerika – Asunción, Buenos Aires, Santiago, Lima – macht er in langen Gefängnisaufenthalten ausführlich Bekanntschaft mit den Komplizen und Bauten des Vaters, er selbst ist gewalttätigen Racheakten nicht abgeneigt. Am Ende allerdings hält er dort Einkehr, wo der Senior Che Guevara ermordet hatte, und kultiviert dort als Reinkarnation des kubanischen Revolutionärs seinen Garten …

»Wie, fragt sich der Erzähler und mit ihm dieser schlanke, sprachlich fein gearbeitete Roman, erzählt man von dem, was war, wenn man dem Uneindeutigen gerecht werden will? Wann wird es zur Notwendigkeit, im Dienst der Wahrheit mit den Fakten zu spielen?«

Joachim Leitner / Tiroler Tageszeitung

»In Faverón Patriaus zwischen Realität, Traum und Fiktion irrlichterndem Roman begegnet man unter anderem Moby Dick, Adolf Eichmann und Klaus Kinski

So weit der fasslichste Handlungsstrang. Was Faverón Patriau sonst noch alles in seinem erzählerischen Netz erspinnt, übersteigt jede Möglichkeit der Nacherzählung. Da tritt etwa ein rätselhafter jugoslawischer Buchhändler mit Drillingstöchtern auf, der einen kauzigen Vogelkundler in Brunswick mit hunderten unveröffentlichten Romanen eines verrückten Peruaners eindeckt. Zu einigen gibt es Inhaltsangaben: Ein kurzer Text etwa handelt von einer Kakerlake, die sich in einen jüdischen Schriftsteller verwandelt.

Literarische und cinematografische Anspielungen – George junior ist Undergroundfilmer – bereichern zusätzlich den überbordenden Text. Man liest berührende Erinnerungen an die fast vergessene, 1972 im Alter von 36 Jahren verstorbene argentinische Dichterin Alejandra Pizarnik oder findet die Behauptung, alle wirklich große Literatur handle von Rache, schelmischerweise nicht nur mit der „Ilias“, „Hamlet“ und „Moby Dick“, sondern auch mit „Der schwerelose Turmspringer“ belegt. Kein Roman auf der Welt trägt diesen Titel, aber das wunderbare Fresko eines Grabgewölbes in Paestum zeigt einen solchen (Auftrag des Autors: Recherchiere das einmal!).

Andere Figuren, die man der allzu lebhaften Fantasie des Autors zu verdanken meint, sind hingegen pure Realität. So existierte im Chile des 19. Jahrhunderts tatsächlich ein „großer“ Rassentheoretiker namens Nicolás Palacios. Der wollte nachweisen, dass sich die unleugbare Überlegenheit des chilenischen Menschenschlags den Massenvergewaltigungen von Mapuche-Frauen durch die Conquistadoren verdankt. So konnte das über Jahrhunderte in den Adern der Eroberer konservierte westgotische Blut die Indigenen auf eine höhere Stufe heben.

Die filmischen Referenzen reichen von den wenig bekannten Stummfilmen eines Dimitri Kirsanoff und dem thematisch passenden sowjetischen Antikriegsfilm „Komm und sieh!“ (1985) bis zu dem sich geradezu aufdrängenden Irrsinn des südamerikanischen Dschungels in Werner Herzogs Klaus-Kinski-Filmen „Aguirre“ und „Fitzcarraldo“. Die einzige Illustration des Buches, ein Bild von Hieronymus Bosch, zeigt ein vergebliches Remedium: die „Extraktion des Steins des Wahnsinns“ aus dem Kopf des Patienten.

Unten leben. Roman. Aus dem Spanischen von Manfred Gmeiner. Droschl, 600 S., € 34,–

Die Zeit ist aus den Fugen – so viel steht fest. Eine mathematische Erklärung des Phänomens mithilfe des sogenannten „BanachTarski-Paradoxons“ wird angedeutet. Dem nachzugehen würde aber wirklich zu weit führen.

„Immer noch Sturm“ – dieses Gefühl vermittelt Faverón Patriaus Betrachtung der südamerikanischen Kultur. Shakespeares letztes Stück gibt ihm Anlass zu vielfältigen Assoziationen, in denen der Windgeist Ariel ebenso eine Rolle spielt wie ein unterirdischer Caliban. Im Stimmengewirr der zeitweise träumenden, im Rausch fantasierenden, ihre Identität vertauschenden Erzähler ist noch vieles für den Heraus-Leser zu entdecken. Es braucht dazu allerdings Zeit, Geduld, und – bei den Folterszenen und anderen Derbheiten – einen starken Magen. THOMAS LEITNER

Gustavo Faverón Patriau:

Ich will nicht behalten, was ich erlebt habe

„Die Passion von G.H.“ von Clarice Lispector bleibt auch in der jüngsten Übersetzung eine Herausforderung

Clarice Lispector ist in Brasilien eine nationale Größe. 1920 in der Ukraine geboren, waren ihre Eltern mit ihr zwei Jahre später vor antisemitischen Pogromen nach Südamerika geflohen. Trotz einer Kindheit in Armut konnte sie in Rio de Janeiro Jura studieren – und veröffentlichte 1943 ihren ersten Roman, „Nahe dem wilden Herzen“, angesiedelt irgendwo zwischen James Joyce, von dem sie den Titel entliehen hat, und Virginia Woolf, die sie früh für sich entdeckt hat.

Wenn von Clarice Lispector die Rede ist, fällt oft auch der Name Kafka. Denn immer wieder tauchen in ihrem Werk Kakerlaken auf, die an den Käfer denken lassen, in den sich Gregor Samsa verwandelt hat.

„Die Passion nach G.H.“, 1963 zum ersten Mal erschienen, schildert die verzweifelte, existenzielle Auseinandersetzung einer Frau mit einer Kakerlake. G.H., eine erfolgreiche Bildhauerin mit Penthouse hoch über Rio de Janeiro, will das Zimmer ihres Dienstmädchens aufräumen, das ihr eben gekündigt hat. Sie öffnet einen Schrank, eine Kakerlake schlüpft durch den Türspalt, die sie in heller Panik zerdrückt, worauf eine ekelhafte weiße Flüssigkeit aus dem toten Körper tritt.

Mehr Handlung – im traditionellen Sinn – gibt es nicht nachzuerzählen. Der Anblick der toten Kakerlake setzt bei G.H. einen inneren Monolog in Gang, der die Voraussetzungen aller Körperlichkeit reflektiert und zugleich versucht, die menschliche Existenz in Richtung einer Sphäre des Göttlichen zu überschreiten.

Kakerlaken zählen zu den ältesten Tierarten überhaupt, sie ziehen eine Linie vom Beginn allen Lebens bis in die Gegenwart. Und diese weiße Flüssigkeit, die aus ihrem Körper rinnt: Erinnert sie nicht an Milch? Oder an Sperma? Wieder und wieder malt sich die Erzählerin aus, wie es wohl wäre, diese Flüssigkeit zu trinken – am Ende des Romans macht sie Ernst. Eine blasphemische Anspielung auf das Abendmahl?

Das würde zum Titel passen. Man kann „Die Passion nach G.H.“ als einen Versuch lesen, alle Rede über Gott durch eine Imitation derselben ad absurdum zu führen. „Halt

es aus, dass ich Dir sage, dass Gott nicht hübsch ist. Und zwar weil er weder ein Ergebnis ist noch ein Schluss, und alles, was wir hübsch finden, ist es nur deshalb, weil es schon abgeschlossen ist.“

Ist das noch Literatur oder schon Mystik? Wenn in diesem Redefluss doch ein roter Faden zu erkennen sein sollte, dann ist es die Anstrengung, die eigene Existenz zu überwinden – aber wohin? Gehen Mystik und Atheismus überhaupt zusammen? Die Passion, das Leiden der G.H. besteht wohl darin, ihre Existenz loszulassen, sich auszulöschen, ohne zu verschwinden. Der Anblick der Kakerlake hat sie auf diesen Weg gebracht.

Spontan würde man als Autorin eines solchen Buches eine Gottsucherin vermuten, Clarice Lispector jedoch war eine mondäne Dame, Gattin eines Diplomaten, und – nach dem Scheitern ihrer Ehe – erfolgreiche Journalistin. Man kann und sollte „Die Passion nach G.H.“ denn auch als einen Roman lesen, der mit allem traditionellen Erzählen bricht, der wieder und wieder verstörende Worte und Bilder findet für innerste Gefühle und Ängste, für Verdrängtes und all das Dunkle, das einen Menschen treibt. Das ist nun nicht mehr Mystik, das ist in seiner Konsequenz und Rücksichtslosigkeit tatsächlich: Weltliteratur.

Man ahnt, welche Schwierigkeiten eine Übersetzung zu bewältigen hat. Luis Ruby, der in Hinblick auf diese Aufgabe 1984 und 1990 schon zwei Vorgängerinnen hatte, nennt das alles „schonungslos, eine Zumutung“. Wer sich auf dieses Buch einlässt, den warnen freilich schon die ersten Sätze: „------ich bin am Suchen, am Suchen. Ich versuche zu verstehen. Versuche, jemandem zu geben, was ich erlebt habe, und weiß nicht, wem, aber will nicht behalten, was ich erlebt habe.“

TOBIAS HEYL

Clarice Lispector: Die Passion nach G.H. Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Luis Ruby. Penguin, 223 S., € 25,50

Kismet, Klima, Kleinstadtklatsch

Mit ihrem Roman „So war die Welt“ ist Louise Erdrich eine wunderbare satirische Milieustudie gelungen

Es ist der Alkohol, der im aktuellen Roman von Pulitzer-Preisträgerin Louise Erdrich das Urteilsvermögen von Kismet Poe trübt, worauf sie den Heiratsantrag von Gary wider besseres Wissen doch noch annimmt. Die schöne, schlaue und blutjunge Frau erliegt der als Glutliebe missverstandenen Bedürftigkeit des HighschoolQuarterbacks und Sohnes der wohlhabendsten Landbesitzerfamilie in und um Tabor, South Dakota, dem Schauplatz des Buches.

In der farbenprächtigen, multiperspektivisch erzählten Geschichte wuselt’s und wimmelt’s vor lauter Stimmen, Szenen und Charakteren, und es dauert eine ziemliche Weile, bis man sich eingelesen und den Überblick über das Who’s who in Erdrichs landwirtschaftlich geprägtem Kleinstadtbiotop verschafft hat.

Nicht umsonst freilich ist die USAutorin, die wie viele ihrer Charaktere von Native Americans abstammt, für ihren Humor, ihre fein gezeichneten Porträts und die historische Aufladung ihrer Romane berühmt. Das trifft auch auf ihren jüngsten Streich „So war die Welt“ zu, der 2008, im Jahr des Börsencrashs, spielt und zugleich romantische Komödie, Familien-Soap-Opera, Kleinstadt-Satire und ein raffiniertes Stück des inzwischen zur eigenen Gattung avancierten Genres der Climate-Fiction ist. Denn die Böden sind vom Zuckerrübenanbau in Monokultur ebenso ausgelaugt wie der die Geschichte und Region prägende Red River mit Pestiziden und Industriegiftstoffen verdreckt ist; und die historisch gewachsene soziale Ungerechtigkeit zwischen Landarbeitern und -besitzenden bleibt ebenfalls allgegenwärtig. Die große, weite Welt findet anderswo statt, ist aber in den Mikrokosmen, in denen sich Erdrichs Figuren bewegen, doch deutlich zu spüren.

Erdrich baut ihren Roman rund um die Dreiecksbeziehung zwischen Kismet, dem drögen, doch umschwärmten Gary und beider Mitschüler, dem nerdigen und hochbegabten Hugo. Der ist anders als Gary ein begabter Liebhaber mit stets warmen Händen. Hugo liebt Kismet in unerschütterlicher, quijotesker Unbeirrbarkeit und träumt davon, eines Tages als gemachter Mann mit eigenem Auto vom

Schuften auf einem entlegenen Ölfeld nachhause zurückzukehren. Ein komisches Highlight ist die Szene, in der sich Hugo in der Buchhandlung seiner Mutter mit einem – eigentlich zur Verteidigung gegenüber seinem romantischen Widersacher Gary gedachten – Taser irrtümlich selbst zu Boden streckt, nachdem er diesem den EheratgeberBuchtitel „Klinische Sextase. Von lesbischen Ärztinnen für Männer“ verkauft hat.

Kurzum: Kismet steht zwischen zwei Männern, findet sich als zerrissene, zweifelnde Braut und junge Ehefrau wieder und denkt zugleich nicht daran, auf ihre erotischen Intermezzi mit Hugo zu verzichten. Wobei der Versuch, den engen Maschen der sozialen Kontrolle zu entkommen, auch fürs kleinste Stelldichein eine geradezu künstlerische Meisterschaft voraussetzt.

Im Wortsinn fatal ist nicht nur der Name der Protagonistin. Aberglaube und Visionen spielen unter den Kleinstadtbewohnern eine beträchtliche Rolle, und ein Autounfall in der Vergangenheit entfaltet bis in die Gegenwart schicksalshafte Wirkung. Als anscheinend auch noch der Sparfonds der örtlichen Kirchengemeinde veruntreut wurde – der strenge Father Flirty mit dem ebenfalls sprechenden Namen ist not amused! –, verschärft das die Zwangslage von Kismet und ihrer Mutter noch weiter.

Louise Erdrichs große Kunst besteht darin, ihre Figuren nicht plakativ auszuschildern, sondern diese mithilfe von kleinen Gesten, alltäglichen Handlungen und Sätzen zu äußerst plastischen Charakteren zu gestalten. Als Small-Town-Milieustudie, in der Tratsch und Klatsch die Story mit Macht vorantreiben, ist „So war die Welt“ grandios.

JULIA KOSPACH

Über 1.5 Mio. Bücher, DVDs & CDs mit gutem Gewissen

Louise Erdrich: So war die Welt. Roman. Aus dem US-Amerikanischen von Gesine Schröder. Aufbau. 495 S., € 27,60

Hitler, Koks und Hackfleischbällchen

Mit „Schattennummer“ legt der 88-jährige Postmoderne-Pionier Thomas Pynchon noch einmal eine kesse Sohle aufs Parkett

Zeitlebens war Thomas Pynchon ein Star der Gegenkultur sowie verschworener Dechiffrierzirkel, die seine Bücher akribisch nach Sinn und Bezügen durchpflügten. Regisseur Paul Thomas Anderson, der einen Narren an Pynchons Romanen gefressen hat, bereits 2014 die Hippie-Geschichte „Inherent Vice“ („Natürliche Mängel“) verfilmte und kürzlich noch, inspiriert von Pynchons Kalifornien-Roman „Vineland“, den Blockbuster „One Battle After Another“ nachlegte, ist es zu verdanken, dass das notorisch öffentlichkeitsscheue Phantom der Gegenwartsliteratur aktuell im Mainstream so präsent ist wie nie zuvor.

Der heute 88-jährige Großmeister der US-Postmoderne könnte sich das alles gemütlich vom Ohrensessel aus ansehen. Sein Einfluss auf die Popkultur sowie auf postpostmoderne Schriftstellergenerationen à la David Foster Wallace ist unbestritten. Doch zumindest eine Ehrenrunde wollte Pynchon offenbar noch drehen.

Das neue Werk „Schattennummer“, das in Teamarbeit vom gut eingespielten Gespann Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren ins Deutsche übersetzt wurde, ist so pynchonesk, wie es ein Roman nur sein kann. Es treten auf: ein mittelmäßiger Ermittler, der auf eine Quest geschickt wird, ohne den Auftrag selbst recht zu verstehen; ein bunter Haufen von Nachtclubsängerinnen, ein dubioser Käsebaron, Spione und Kokainisten; Figuren mit klingenden Namen wie Skeet Wheeler, Zbig Dubinsky oder April Randazzo; sowie Figuren, die bei jeder Gelegenheit in Gesang ausbrechen, was dem Autor die Gelegenheit verschafft, sein Faible für alberne Reime und Songtexte auszuleben.

Der Roman setzt in den frühen 1930ern in Milwaukee ein, also gegen Ende der Prohibition und unweit von Chicago, von wo aus Gangster und Mafia den Alkoholschmuggel dirigierten. Der Antiheld Hicks McTaggart ist als kleiner Detektiv im vergleichsweise beschaulichen Milwaukee vor allem

Pynchon dürfte sich beim Schreiben bestens unterhalten haben. ,Schattennummer‘ quillt geradezu über vor Fabulierlust und sinnlichen Formulierungen

mit Fällen von Ehebruch und Untreue beschäftigt.

Pynchon dürfte sich beim Schreiben bestens unterhalten haben. Durch den ganzen Roman ziehen sich eindrücklich-sinnliche Beschreibungen wie die folgende: „Hicks drückt sich in der Gasse hinter Pasquales Bella Palermo herum, hört nudelwickelnde Geselligkeit, riecht Spaghettisauce, bratenden Knoblauch und Sfincione bagherese auf einem Feuer aus Olivenholz, und das macht ihn hungrig […].“

Selbst wenn wieder einmal eine Bombe hochgeht und die berüchtigten Italiener dafür verantwortlich gemacht werden, verfällt Pynchon auf einschlägige Vergleiche: „Das ist das Volk, das die Hackfleischbällchen und die Bocciakugel erfunden hat –rollende Sachen sind für die ganz normal.“ Kein Wunder, dass man während der Lektüre ständig Appetit bekommt und selbst an den Herd eilen will.

Thomas Pynchon: Schattennummer. Roman.Deutsch von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren. Rowohlt, 400 S., € 26,80

Aber auch abseits kulinarischer Assoziationen sind der Fantasie und Fabulierlust des Autors keine Grenzen gesetzt: „Abtrünnige Nonnen in Zivilklamotten tanzen TwoStep mit bombenwerfenden marxistischen Guerilleros. Tollkühne faschistische Piloten spielen Poker mit Veteranen der YangtsePatrouille, die glauben, dass Flugzeuge nur dazu gut sind, abgeschossen zu werden. Wagner-Soprane lernen die HillbillyAkkorde von ,Wabash Cannonball‘.“

Eines Tages findet sich Hicks gegen seinen Willen an Bord eines Schiffes in Richtung Europa, und die Dinge werden immer komplizierter. Er soll Daphne finden, die durchgebrannt ist, Tochter Bruno Airmonts, des „Al Capone des Käses“ – „Sein Name sorgt in Melkschuppen im ganzen Land für Furcht und Schrecken“.

Von der Gesuchten gibt es allerdings zunächst keine Spur. Dafür begegnet Hicks an Bord einem Ehepaar britischer Spione. In Belgrad läuft ihm wie zufällig ein dem weißen Pulver verfallener Wiener Inspektor namens Egon Praediger über den Weg, der

Die bewegte Geschichte Österreichs seit 1945

«Auch wenn man meint, als geschichtsinteressierter Österreicher das Meiste über die Zweite Republik zu wissen, überraschen bei der Lektüre doch da und dort wenig bekannte Details ... György Dalos hat ein kurzweiliges Porträt der Zweiten Republik geschrieben.» Stefan May, ORF

ausschließlich maßgeschneiderte Knize-Anzüge trägt („die einzige Oase im modischen Ödland zwischen Neapel und London, sofern man die neueren deutschen Militäruniformen nicht mitzählt, die mittlerweile ganz vielversprechende Ansätze zeigen“).

In Europa ist allerorts von Hitler die Rede. Hicks hat zwar keine Ahnung von Politik, wird aber in allerhand Verwicklungen zwischen den Geheimdiensten verschiedenster Nationen hineingezogen. Als reiner Tor findet er zum Glück immer noch eine Hintertür oder entschwindet in einen SwingClub, wo er seine Fähigkeiten als Tänzer ausspielen kann.

Thomas Pynchon ist nicht der Autor, der umfassende Reflexionen über den dräuenden Zweiten Weltkrieg anstellen würde. Stattdessen liefert er ein wunderbar aufgekratztes Zeitbild, in dem Hicks und all die anderen merkwürdigen Gestalten am Rand des Vulkans entlangtänzeln.

Eine prophetische Bemerkung legt der Autor einer Nebenfigur dann doch in den Mund: „Europa zittert, nicht nur vor Angst, sondern auch vor Verlangen. Verlangen nach dem, was schon fast eingetreten ist, sich über uns zusammenbraut, eine lange erotische Steigerung vor dem erschauernden Moment der Klarheit, ein gewaltsamer Zusammenbruch der bürgerlichen Ordnung, die sich von einem Ausstrahlungspunkt in oder in der Nähe von Wien rasch und grenzenlos in alle Richtungen ausbreiten wird.“

Bei allem Hang zu Albernheiten wie einem Nebenstrang über geschmacklose Lampen und Lampadophile, die sich zu Beleuchtungskörpern sexuell hingezogen fühlen, ist der Roman nicht nur eine lässige Zugabe im unnachahmlichen PynchonStil, und wer will, kann obiges Zitat auch als Kommentar zur aktuellen Weltlage verstehen. Oder man holt die Tanzschuhe aus dem Kasten und legt mit Hicks einen Lindy Hop hin.

SEBASTIAN FASTHUBER

Der Hund fällt nicht weit vom Stammbaum

Rob Perrys genretypisches Debüt „Der Große Gary“ vermag zu rühren, ohne das Tier zu vermenschlichen

Aus einem Lebensalter hinauswachsen, ins nächste hineinschlittern: Coming-of-Age-Geschichten nehmen das Erwachsenwerden ins Visier. Dafür braucht es einen Katalysator. Das kann eine TeenagerSchwangerschaft sein wie im Filmdrama „Juno“ oder eine waghalsige Autoreise wie in Wolfgang Herrndorfs „Tschick“. In Rob Perrys Debütroman „Der Große Gary“ reicht ein ausgebüxter Windhund, um das Leben des 18-jährigen Benjamin aus den Angeln zu heben.

Auf besonders festem Fundament ruht es ohnehin nicht in dem Mobilheim in einer Wohnwagensiedlung an der Ostküste Englands, wo der 18-Jährige mit seiner Großmutter lebt. Oder gelebt hat. Seine Oma liegt im Krankenhaus, ist kaum mehr ansprechbar. Außer ihr hat Benjamin nur seine Vorgesetzte Camille im Supermarkt, die sich etwas zu sehr auf ihre Amulette und Kristalle verlässt – und seine lähmende Keimphobie.

Als Gary ihm am Strand zuläuft, registriert Benjamin zunächst nur die Schmutzpartikel im Fell und die Bakterien im Speichel. Er führt Buch darüber, was der Hund in dem von der Oma liebevoll eingerichteten Mobilheim berührt, um es danach zu desinfizieren. Gary wird zur wandelnden Desensibilisierungstherapie für Benjamin. Ebenso wie Leonard. Der hatte den beiden nur chinesisches Essen geliefert. Aber als er Gary sieht, erkennt er in ihm den berühmten Rennhund, von dem er in der Zeitung gelesen hat. Garys Besitzer suchen nach ihm – dubiose Kerle, die vor Gewalt nicht zurückschrecken. Auch Leonard ist nicht unbedingt ein Typ, zu dem man ohne Vorbehalte ins Auto steigen würde. Zwielichtig, flapsig, ungepflegt. Aber er ist der Einzige, der da ist.

Was folgt, ist eine Mischung aus Robinsonade und Roadmovie. Benjamin, Leonard und Gary verstecken sich zunächst in Leonards schimmeligem Mobilheim auf einer Klippe, während auch noch ein globales Virus über den Horizont kriecht. Dann kommt, was kommen muss: Verrat, Enttäuschung und ein paar Schlägereien.

Die Geschichte braucht ein bisschen, um in die Gänge zu kommen. Aber sobald sie Fahrt aufnimmt, will man nicht mehr anhalten. Bei aller Nüchternheit, die der Erzählperspektive eines verschlossenen Teenagers entspricht, scheut der Autor nicht die großen Gefühle, und wenn Benjamin im Spital verzweifelt nach seiner Oma sucht, verzweifelt man mit ihm.

Ruhig und ergreifend schildert Perry, wie die Trauer sich allmählich in den Hirnwindungen einnistet und

wartet. Er erzählt darüber hinaus von einer tiefen Verbundenheit, die ohne Worte auskommt – und vom Mut, den man lernen kann.

Dass der Autor Hundebesitzer ist, merkt man an der präzisen Beschreibung von Garys Verhalten, die freilich sparsam eingesetzt ist. In der Erzählung nimmt der Hund selbst verhältnismäßig wenig Raum ein, ganz so, als würde es sich Perry nicht anmaßen wollen, Annahmen über Garys Innenleben anzustellen. Es bleibt beim Staunen, etwa darüber, wie dieser im gestreckten Galopp über ein Stoppelfeld zu schweben scheint.

Hunde finden sich in der Literatur zuhauf: tragische wie Marie

Sechzig Jahre und ein bisschen weiser

Ein Klassiker der afroamerikanischen Literatur liegt erstmals auf Deutsch vor: „Ich bin“ von John A. Williams

Schon vom King-Alfred-Plan gehört? Es handelt sich um einen globalen Entwurf zur Internierung Schwarzer in Konzentrationslagern. Federführend agiert die US-Regierung, ein Aufstand der nicht-weißen Bevölkerung soll damit im Keim erstickt werden.

Sagt Ihnen nichts, überrascht Sie aber auch nicht? Womit bewiesen wäre, dass der Roman „Ich bin“ trotz der fast 60 Jahre, die er am Buckel hat, erschreckend gut in die heutige Zeit passt. Verschwörungserzählungen blühen, und Präsident Trump und dessen Handlangern ist sowieso alles zuzutrauen. Offizieller Anlass dieser erstmaligen deutschen Ausgabe in der Übersetzung von Hans-Christian Oeser ist freilich der 100. Geburtstag des afroamerikanischen Verfassers John A. Williams (1925–2015).

Harry Ames teilgenommen, der als Vater der afroamerikanischen Literatur wahrgenommen wurde und ebenfalls mit einer weißen Frau, Charlotte, verheiratet war.

Wir erfahren, wie Max Harry noch vor dem Zweiten Weltkrieg kennenlernt und wie sich die Freundschaft in Briefwechseln festigt, während Max als Soldat in Italien stationiert ist, und wie die beiden die Liebschaften des jeweils anderen kritisch beäugen.

Offenbar wollte sich der Autor nicht anmaßen, Annahmen über das Innenleben seines vierbeinigen Protagonisten anzustellen

von Ebner-Eschenbachs „Krambambuli“ oder komödiantische wie in Ernst Jandls monovokalem Gedicht, in dem „ottos mops“ hopst, trotzt – und kotzt. Thomas Manns „Herr und Hund“ machte seinen Hund Bauschan so berühmt, dass er Kondolenzschreiben erhielt, als dieser starb. Alice Herdan-Zuckmayer widmete dem unverhofft geerbten Familienhund die Erzählung „Das Scheusal“, die zeigt, wie einem Hunde unweigerlich ans Herz wachsen. Gertrude Stein schließlich haben wir den treffenden Satz zu verdanken: „Ich bin ich, weil mein kleiner Hund mich kennt.“

In „Der Große Gary“ wird der Hund weder vermenschlicht noch ausführlich charakterisiert. Es reicht, dass er da ist und sich im richtigen Moment an Benjamins Seite schmiegt. Hundehalter kennen das Gefühl. Aber selbst wer es nicht kennt, könnte am Ende heulen wie ein Schlosshund.

VIKTORIA KLIMPFINGER

Rob Perry: Der Große Gary. Roman. Aus dem Englischen von Hanna Große. Dumont, 304 S., € 24,70

Um es klarzustellen: Den King-Alfred-Plan gibt und gab es nie. Williams hat ihn für seinen vierten Roman, der im Original den Titel „The Man Who Cried I Am“ trägt, erfunden. Vor dessen Erscheinen im Jahr 1967 wurden Auszüge, die den üblen Plan enthielten, in den U-Bahnen Manhattans verteilt. Die Guerilla-Marketing-Aktion erwies sich gleich als doppelt erfolgreich: Das Buch verkaufte sich bestens, und das Gerücht, ein echtes weißes Drehbuch zur Vernichtung aller Schwarzen liege der Fiktion zugrunde, hält sich in den USA bis heute.

Wer jetzt allerdings einen saftigen Politthriller à la John le Carré erwartet, wird enttäuscht oder braucht zumindest viel Geduld, denn die Spionage-Action wird erst als Höhe- und Schlusspunkt im letzten der vier ungleich langen Teile geliefert. Wie die erste Person Singular im Titel andeutet, ist „Ich bin“ vor allem ein Buch über ein Schriftsteller-Ego. Zwar schreibt Williams nicht aus der Ich-Perspektive, aber über die Gedanken des Protagonisten Max Reddick weiß der Erzähler genauestens Bescheid.

Zuerst begegnen wir Max, einem Autor und Journalisten Ende 40, in einem Café in Amsterdam, wo er auf seine Ehefrau Margrit wartet – eine Weiße. Das Paar hat sich einige Jahre zuvor getrennt, weil Margrit mit Max’ Paranoia als Schwarzer in den Vereinigten Staaten nicht mehr umgehen konnte. Die Niederländerin kehrte in ihre Heimat zurück.

Auf den 500 Romanseiten wechselt die Narration zwischen der Gegenwart und dem Was-bisher-geschah. Im Jetzt hat Max Krebs und unerträgliche Unterleibsschmerzen, behält dies aber für sich. Unmittelbar vor seiner Reise nach Amsterdam hat er am Begräbnis seines Mentors

Darüber hinaus begleitet der Roman die berufliche Laufbahn des Protagonisten. Max arbeitet als Quotenschwarzer für mehrere Magazine und plagt sich nebenbei mit dem literarischen Schreiben; er berichtet als Korrespondent aus Nigeria und bekommt einen Job als Redenschreiber des Präsidenten angeboten. Dieser ist mit dem Versprechen angetreten, für die Anliegen der Bürgerrechtsbewegung einzutreten. Doch Max muss feststellen, dass selbst dieser Demokrat es nicht hundertprozentig ernst meint.

„Ich bin“ vermittelt interessante Einblicke in die Welt eines intellektuellen Schwarzen in den 1940erund 1950er-Jahren. Damals waren die letzten der diskriminierenden JimCrow-Gesetze noch in Kraft und die Hautfarbe spielt in jedem Lebensbereich eine Rolle. Wenn es um Frauen und Sex geht, unterscheidet sich Williams’ Roman nicht entscheidend von manch mackerhaften und selbstmitleidigen Arbeiten bekannterer weißer Kollegen.

Zum Zeitpunkt seines Erscheinens galt „Ich bin“ als Schlüsselroman. In der Figur des Minister Q ist ziemlich eindeutig der radikale Bürgerrechtsaktivist Malcolm X zu erkennen, und auch die Personen aus dem amerikanischen Literaturbetrieb haben Entsprechungen im echten Leben, wie etwa die afroamerikanischen Schriftsteller James Baldwin und Richard Wright.

Heute wirkt die Neigung des Autors zum Fake-Name-Dropping eher ermüdend. Die Übersetzung bemüht sich zwar erfolgreich um einen guten Lesefluss, opfert dafür aber viel von der Schärfe, die Williams’ knappes Englisch auszeichnet. MARTIN PESL

A. Williams: Ich bin. Roman. Deutsch von Hans Christian Oeser Reclam, 537 S., € 32,90

John

Kampf um Würde, Sake zum Frühstück

In ihren Romanen zeichnet Mieko Kawakami ein wenig fremdenverkehrstaugliches Bild ihrer Heimat Japan

Der Yen ist gerade schwach, das macht Japan zu einem erschwinglichen Reiseziel. Die sozialen Medien sind voll mit Geschichten, in denen die verfeinerte Kultur dieses Landes zelebriert wird – und natürlich die besten Ramen-Hotspots abgefeiert werden. Die sozialkritische Popliteratur von Mieko Kawakami, 48, hat mit diesem Postkarten-Japan wenig gemeinsam. Wie zum Trotz macht sich die Protagonistin ihres Romans „All die Liebenden der Nacht“ gleich auf der ersten Seite einen Topf Spaghetti mit Fertigsauce.

Fuyuko ist Mitte 30 und freiberufliche Korrekturleserin, sie arbeitet von zuhause aus, gilt als verlässlich, genau und pünktlich. Früher, als sie noch in einem Verlag angestellt war, wurde hinter ihrem Rücken getuschelt, sie hätte gar kein Leben. Als sie sich eines Tages zufällig in einer Fassade gespiegelt sieht, stellt sie ernüchtert fest: „Nicht bedauernswert oder elend, nein, richtig erbärmlich sah die Frau in der Glascollage aus.“ Und schon im nächsten Absatz hat diese ein Alkoholproblem: „Mit nur einer langsam geleerten Dose Bier, einem Wasserglas Sake gelang es mir, nicht mehr ich zu sein.“

Es zählt zu den Stärken dieser lakonischen Erzählweise, dass man nicht mit Psychologie oder damit gelangweilt wird, dass es mit dieser einsamen Frau von nun an bergab ginge. Ganz im Gegenteil: Sie wird aktiv und trägt sich für Kurse in einem Kulturzentrum ein, muss allerdings am Eingang zur Toilette kotzen und stößt dabei mit einem Mann zusammen. Aus der denkbar peinlichen Situation entspinnt sich eine zarte Freundschaft. Die beiden treffen einander regelmäßig in einem Kaffee, wobei sie das Faible entwickeln, sich über das Phänomen Licht zu unterhalten.

Scheinbar farblose Figuren gewinnen nach und nach an Tiefe. Mit schlichten Sätzen erzielt Kawakami große Wirkung, verleiht ihrem Roman, der zugleich perfekt komponiert und überaus offen ist, eine große Leichtigkeit

So plötzlich Fuyuko zu trinken begonnen hat, hört sie auch wieder auf. „Herr Mitsutsuka, haben Sie einmal daran gedacht, mit mir zu schlafen?“, erkundigt sie sich unvermittelt.

Mieko Kawakami: All die Liebenden der Nacht. Roman. Aus dem Japanischen von Katja Busson. DuMont, 240 S., € 14,40

Spoiler Alert: Aus der schrägen Liebesgeschichte wird nichts, und statt in ein banales Happy End zu münden verläuft der Roman wie ein langer, ruhiger Fluss, getragen von einer schönen Melancholie. „Hatte ich mich jemals für etwas entschieden, hatte ich jemals selbst gewählt?“, fragt sich die Protagonistin. Nein, die Dinge sind ihr passiert, so wie es einem traditionellen Frauenbild entspricht, das wenig persönlichen Spielraum lässt. Am Ende beginnt Fuyuko an einem Buch zu schreiben, das den Titel trägt: „All die Liebenden der Nacht“.

Auf subtile Weise erzählt Kawakami von überkommenen Geschlechterrollen und einer toxischen Kultur der Arbeit. Sobald jemand stirbt, tuscheln alle: Es war bestimmt Selbstmord. In ihrem jüngsten Roman „Das gelbe Haus“, der Elemente der Sozialreportage mit einem Kriminalfall verbindet, porträtiert sie Tokios Unterschicht in den 1990er-Jahren. Im Zentrum steht Hana, die eines Tages mit ihrer Vergangenheit konfrontiert wird. Eine gewisse Kimiko ist angeklagt, eine Frau in ihrer Wohnung festgehalten und gequält zu haben.

Das setzt bei Hana einen Prozess der Erinnerung in Gang: Aus einem schwierigen Elternhaus geflohen, hat ihr Kimiko vor 20 Jahren Halt gegeben. Gemeinsam hatten sie eine Bar gegründet, mit anderen Frauen in einer WG gelebt.

Als das Etablissement eines Tages abbrennt, driftet Hana allerdings ins kriminelle Milieu ab. Man erfährt viel darüber, wie die japanische Mafia arbeitet, wie junge Frauen angeworben werden für Kreditkarten-Betrügereien. „Geldesel“ nennt man Jungs und Mädchen wie Hana, die keine Familie haben und nach denen niemand sucht, falls sie verschwinden.

Der über 500 Seiten starke Roman baut geschickt Spannung auf – und hält ein überraschendes Ende parat. An vielen Stellen ist die Reise durch ein von zwielichtigen, ums Überleben kämpfenden Figuren bevölkertes Japan allerdings gar ausufernd geraten. Dass die Beschreibung ihres Kampfes um Würde nie in den Kitsch abdriftet, ist ein Pluspunkt des Romans, der trotzdem streckenweise zu sehr nach Sozialreportage klingt.

Mieko Kawakami: Das gelbe Haus. Roman. Aus dem Japanischen von Katja Busson. DuMont, 528 S., € 26,60

Tansanias Aufbruch und Europas Verrat

Abdulrazak Gurnah legt seinen ersten neuen Roman nach dem Nobelpreis vor und zeigt eine neue Generation

Was sofort auffällt an „Diebstahl“, dem elften Roman des tansanischen Autors Abdulrazak Gurnah und seinem ersten seit der Verleihung des Nobelpreises 2021: den titelgebenden Diebstahl gibt es gar nicht. Wohl aber wird manch anderes gestohlen: Kindheit, familiäres Grundvertrauen und menschliche Würde.

Der Autor, 1948 im Sultanat Sansibar geboren und als 20-Jähriger nach England emigriert, hat als Literaturprofessor an der University of Kent in Canterbury eine respektable Karriere gemacht.

Sein Romanwerk, verfasst im leisen, stoischen Gurnah-Sound, kreiste bislang um zwei zentrale Themen – die koloniale Geschichte seiner ostafrikanischen Heimatregion im 20. Jahrhundert und die Entfremdungserfahrungen dieser Küstenbewohner unter wechselnden kolonialen und postkolonialen Regimes beziehungsweise als unerwünschte Asylsucher in England.

„Diebstahl“ hingegen ist bescheidener im Anspruch und fasst nur die jüngsten gesellschaftlichen Verwerfungen durch die zwiespältigen Auswirkungen des Tourismus in Ostafrika ins Auge. Der Roman bewegt sich im engen Radius zwischen der Insel Sansibar und der Hafenstadt Daressalam und konzentriert sich kammerspielartig auf die komplexen Binnenbeziehungen zwischen drei jungen Leuten in den 1990er- und den Nullerjahren.

Nichts Weltbewegendes passiert, aber doch Entscheidendes: Die drei heranwachsenden Protagonisten –Karim, Badar und Fauzia – lösen sich von den sozialen Normen, den lokalen Sitten und Gebräuchen der Elterngeneration. Sie machen bislang unbekannte Ausbildungen, besorgen sich und einander Unterkünfte jenseits der Familienaufsicht, finden Jobs und einen Platz in einer veränderten Welt.

Während die ganze Region vom Kulturwandel durch den aufkommenden Tourismus durchgerüttelt wird, verteidigt die ältere Generation mit nachlassender Beharrungskraft ihren überkommenen Lebensstil und ihre traditionellen Wertvorstellungen.

Die jungen Leute haben Teil an einem Modernitätsschub, der vor allem die Küstenregion Tansanias in eine florierende Dienstleistungsgesellschaft verwandelt. Es entstehen neue Hotels für neue Besucher aus Europa – Touristen, Geschäftemacher, EU-finanzierte NGOs.

Karim studiert Umwelttechnik, beginnt im neuen Entwicklungsministerium zu arbeiten und verliebt sich in Fauzia, die den größten Emanzipa-

tionssprung von allen durchmacht, indem sie es ablehnt, sich von den Eltern mit 15 an einen fremden Mann verheiraten zu lassen: „Sie hatte einen eigenen Willen und war keine stumme Tochter, die man zur Entjungferung anbot.“

Stattdessen absolviert Fauzia ein Kolleg, wird Lehrerin, sucht sich Karim zum Heiraten aus und verzichtet auf die ruinös kostspieligen Tradition von Brautgeld und pompöser Hochzeitsfeier (wodurch sich sowohl der Bräutigam als auch die Brauteltern lebenslang verschulden würden).

Badar, dem dritten und jüngsten Protagonisten, weist Abdulrazak Gurnah eines von seinen Lieblingsmotiven zu. Als Waisenjunge teilt er mit seinem älteren Freund Karim das entfremdete Schicksal so mancher Helden des Autors: Sie alle sind unerwünschte, von ihren Vätern im Stich gelassene und auf sich allein gestellte Kinder.

Badars Vater hat sich aus dem Staub gemacht, der Junge wird von ihm fremden Menschen herumgeschubst, bis er von einem entfernten Verwandten als eine Art leibeigener Diener in dessen Haushalt aufgenommen und nach einem angeblichen Diebstahl wieder hinausgeworfen wird. Doch Karim hilft ihm aus der Misere, besorgt ihm einen Job in der Rezeption eines Boutique-Hotels in Sansibars Altstadt, wo er bis zum Empfangschef aufsteigt und zum ersten Mal im Leben so etwas wie ein Zugehörigkeitsund Identitätsgefühl entwickelt. Die Schurkenrolle in diesem Roman spielt eine ebenso schöne wie gedankenlose NGO-Mitarbeiterin aus London, auf die beide junge Männer hereinfallen und die Karims Ehe zerstört. Sie steht bei Gurnah für den aktuellen, vermeintlich aus gutem Willen begangenen Verrat Europas an Afrika.

Egal, ob Touristin oder freiwillige Helferin: „Was wollen diese Leute von uns? Sie kommen hierher mit ihrer Unmoral und ihrem Geld und verschlimmern mit ihrer Rücksichtslosigkeit unsere Probleme. Wir haben unsere eigene Art zu leben vergessen. Wir bringen es nicht fertig, uns ihrer dreckigen Art und ihrem Geld zu widersetzen.“

SIGRID LÖFFLER

Abdulrazak Gurnah: Diebstahl. Roman. Aus dem Englischen von Eva Bonné. Penguin, 332 S., € 26,80

Der gefährlichste Ort der Welt

Ein bewegendes Mu er-Memoir: „Meine Zuflucht und mein Sturm“ von Arundhati Roy

Manche Leserinnen und Leser werden sich noch an den Hype um den Debütroman von Arundhati Roy im Jahr 1997 erinnern: „Der Gott der kleinen Dinge“ gewann im selben Jahr den Booker Prize und hat sich seitdem acht Millionen Mal verkau . Andere haben den Weltbestseller damals vielleicht verweigert. Sie alle können sich nun einem spannenden Experiment hingeben: zuerst Roys jüngstes Buch, das Memoir „Meine Zuflucht und mein Sturm“, lesen und sich danach dem so bezaubernden wie verstörenden Erstling Roys widmen.

Allerdings steht zu befürchten, dass der Lesegenuss getrübt wird, wenn man weiß, welche Persönlichkeit hinter der Mutter namens Ammu steht, die im Roman zwar auch gehörig gemein sein kann, am Schluss aber eine berührende Liebesgeschichte zugeschanzt bekommt. Eine Lovestory ohne Happy End.

Eine solche stellt auch die Beziehung der Autorin zu ihrer Mutter Mary dar. Deren Tod im Jahr 2022 setzt die mittlerweile über 60-jährige Tochter auf die Spur der Wahrheit hinter der eigenen Fiktion. Der Originaltitel, „Mother Mary Comes to Me“, spielt auf den Beatles-Hit „Let It Be“ an, komponiert von Paul McCartney, der in dieser Zeile seiner früh verstorbene Mutter im Traum begegnet. Dagegen wirkt der deutschsprachige Titel bräsig, das wird dem Verkaufserfolg aber keinen Abbruch tun.

Geboren 1933 in dem ab 1957 kommunistisch regierten Kerala als Mitglied einer Familie syrisch-orthodoxer Christen, erzieht Mary Roy ihre Kinder mit rabenschwarzer Pädagogik – mit Quälereien und Sadismus. „Sie ist nur so, weil sie uns liebt“,

glauben diese. Heute erklärt sich die Autorin ihre Flucht selbst aus glücklichen Beziehungen mit dieser Traumatisierung, denn für sie bleibt familiäre Nähe „der gefährlichste Ort der Welt“.

Manche Sätze kommen in beiden Büchern vor und werden erst jetzt in all ihrer Grausamkeit verständlich, etwa die Botscha der Mutter an die Kinder: „Ich hätte euch an dem Tag, an dem ihr geboren seid, ins Waisenhaus bringen sollen! Ihr seid die Mühlsteine an meinem Hals!“ Einige davon erschließen sich erst durch die Kenntnis des Memoirs: „Ihr seid nicht die Sünder. Ihr seid diejenigen, gegen die gesündigt wurde.“

Man dechiffriert den realitätsverformenden Prozess der Literarisierung mit angehaltenem Atem. Und der wird auch von der Autorin selbst thematisiert, wenn sie die Vorbilder hinter den Protagonisten des Romans offenlegt. „Du hast aus allen Ungeheuern nette Menschen gemacht“, kommentierte ihn kichernd ihr Bruder. Übrig bleibt die tie raurige Geschichte eines von Narzissmus gespeisten Machtmissbrauchs, aus dem sich die Autorin bis heute nicht zu befreien vermag. Kurz vor ihrem Tod lässt die Mutter, die hier durchgehend „Mrs Roy“ genannt wird, der Tochter endlich (schri lich) Anerkennung zukommen: „Ich habe niemanden auf der Welt so geliebt wie dich.“ „Das lebenslange Festhalten an meiner Liebe zu ihr hatte endlich ihre Barrieren durchbrochen“, glaubt die Tochter. Arundhati Roy kann immer noch glänzend erzählen: lapidar, rotzfrech, poetisch und o komisch, um nicht zu sagen: sardonisch. Und immer politisch. Auch das hat mit Mary Roy

Bäume, die durch Städte streifen, Wehmut, die in Whiskey badet

Szu tun, einer Frau mit der „Courage einer Gangsterin“. 1967 gründete die geschiedene, alleinerziehende Mutter eine Schule, die zahlreichen Kinder den Weg in ein besseres Leben ermöglichte. Nach dem Tod ihres Vaters focht sie ein Gesetz an, das Töchter vom Erbe ausschloss, und gewann 1984 vor dem indischen Supreme Court.

Mary Roy lebte ihrer Tochter damit die Unerschrockenheit und Sturheit vor, die es braucht, um politische Kämpfe durchzustehen, und ebnete damit den Weg für deren zweite Karriere als Aktivistin: im Pakistan- und Kaschmir-Konflikt (den ihr zweiter Roman, „Das Ministerium des äußersten Glücks“ von 2017, zum Thema macht) sowie im Schutz von Umwelt und Minderheiten.

„Ich habe mein Leben immer als Fußnote zu den Dingen verstanden, die wirklich wichtig sind. Nie als tragisch, o als lustig“, schreibt die Autorin in der Einleitung. „Ich habe die endlosen Theorien und Erklärungen satt. Ich glaube, heute sind mir Beschreibungen lieber“, heißt es an anderer Stelle. Mit „Meine Zuflucht und mein Sturm“ legt sie die Doppelbiografie zweier unbeugsamer Frauen vor – ein großes Buch.

KIRSTIN BREITENFELLNER

Arundhati Roy: Meine Zuflucht und mein Sturm. Roman. Aus dem Englischen von Ane e Grube. S. Fischer, 368 S., € 26,80

eit dem Tod des ägyptischen Nobelpreisträgers Nagib Mahfuz 1988 ist Alaa Al-Aswani der einzige arabische Autor von Weltgeltung. Man muss ihn wohl nehmen, wie er ist – als umtriebigen, von literarischem Feinsinn unbeschwerten Bestsellerautor und gesinnungsfesten Zeitungskolumnisten. Mit regimekritischen Romanen hat sich der gelernte Kairoer Zahnarzt als oppositionelle Stimme gegen Gewaltherrscha und Korruption von Autokraten wie Mubarak in der ganzen arabischen Welt Gehör verschafft. Weshalb Ägyptens aktuelle Militärdiktatur unter Al-Sisi den lästigen Kritiker zunehmend schikaniert und schließlich ins Exil getrieben hat. Jetzt versucht Al-Aswani aus der Ferne, von New York aus, gegen die ägyptischen Missstände anzuschreiben. Das ist schwierig, weshalb er mit seinem jüngsten Roman „Die Bäume streifen durch Alexandria“ in eine Zeit ausweicht, die er sich aus Archiven erschließen und nach Kräften fiktional ausmalen kann – die 1960er-Jahre, in denen der Putschgeneral Gamal Abdel Nasser zum gottköniggleichen Führer der arabischen Welt aufstieg, während er Ägypten zum nationalistischen Polizei- und Überwachungsstaat umbaute. Assoziationen zu aktuellen politischen Umbrüchen im Asylland des Autors sind ein Beifang des Romans.

Schauplatz ist Alexandria, die einst europäischste aller ägyptischen Städte, mit einem polyglotten Einwohnergemisch aus allen mediterranen Anrainerstaaten. Al-Aswani erfindet eine sybaritische Freundesrunde, die sich allnächtlich in einer Bar trifft, um zu trinken, sich politisch zu ereifern und das kosmopolitische Flair der Stadt in seinem letzten Abglanz zu genießen, ehe das NasserRegime sie zu unerwünschten Fremden erklärt, enteignet oder gar aus ihrer Heimatstadt vertreibt. Bisher wurde das verschwundene Alexandria vor allem von NichtÄgyptern wie Lawrence Durrell oder André Aciman gefeiert. Zu ihnen gesellt sich nun der Nostalgiker Al-Aswani, indem er seine Wehmut unter Klischees und geschwätzigem Schwulst begräbt und in Litern von Whiskey ertränkt. Nüchtern ist diese Prosa aus Kitsch und Styropor auch kaum zu ertragen.

SIGRID LÖFFLER

Alaa Al-Aswani: Die Bäume streifen durch Alexandria. Roman. Aus dem Arabischen von Markus Lemke. Hanser, 448 S., € 30,90

„Auf meine Freunde muss ich selten lange warten.

Es ist auch schön, allein zu sein. Aber gemeinsam geht es besser. Ob man sich Freunde ausdenkt, sie in seinen Träumen oder in einem Schorf auf dem Knie findet –oder in seiner eigenen Oma. Sieben neue Bilderbücher, fantasievoll und tröstlich

REZENSIONEN:

KIRSTIN BREITENFELLNER

Viele Kinder denken sich, wenn sie einsam sind, imaginäre Freunde aus. Sie dienen als Unterstützung und sind einfach zu handhaben. „Auf meine Freunde muss ich selten lange warten. Wenn ich an sie denke, sind sie da“, erzählt die Protagonistin, die auf dem Fußboden mit ebenjenen Freunden spielt, während die Eltern an ihren Computern hocken.

Dass ihre imaginären Freunde unsichtbar sind, stört sie überhaupt nicht. Manche von ihnen sind gefährlich und groß, andere können nicht laufen, weil sie Beine aus Lu haben. Und sie sind natürlich nicht auf das Wohnzimmer angewiesen, sondern begeben sich mit dem Mädchen auf Reisen.

Die Abenteuer dieser originellen Bande, vom Meeresgrund über den Urwald bis auf eine Wolke und auf dem Rücken von Pferden, sind von Elsa Klever fantasievoll und farbenfroh illustriert. Am Schluss hört es auf zu regnen und der echte Freund des Mädchens klingelt. Im Schlepptau ein Schüppel Fantasiewesen … Ein mehr als würdiger Nachfolger von Maurice Sendaks „Wilden Kerlen“ mit dem Zeug zum Klassiker.

Dieter Böge, Elsa Klever: Solche Freunde. Aladin, 48 S., € 18,50 (ab 4)

Manche Bilderbücher arbeiten mit Durchblicken, die man im Fachjargon Stanzungen nennt. So wie dieses bezaubernde Exemplar. Es zeigt auf dem Cover ein Kind, das in eine erfüllende Tätigkeit vertie ist. Das Mädchen mit der roten Latzhose scheint alleine die Wand zu streichen. Blättert man um, sieht man etwas noch viel Beglückenderes: Es dekoriert ebenjene Wand mit einem Dutzend anderer Kinder. Auf überzeugende Weise wird Kindern hier gezeigt, wie freudvoll es sein kann, ihren Egoismus zu überwinden. Das klingt dann etwa so: „Alleine bin ich stark. Gemeinsam sind wir unbesiegbar.“ Oder: „Alleine träume ich. Gemeinsam lassen wir uns etwas einfallen.“ Chapeau!

Émilie Chazerand, Amandine Piu: Gemeinsam. Knesebeck, 52 S., € 18,50 (ab 4)

Wer einsam ist, braucht Freunde – egal, ob echte oder imaginierte. Am besten beide!

Wozu so ein einfaches Papierschiff inspirieren kann! In diesem Bilderbuch repräsentiert es den Schlaf. „Das Schiff legt ab und fährt mit dir hinaus auf den Ozean der Nacht.“ Das Kind im gestrei en Pyjama fährt mit ihm ins Land der Träume. Diese sind nicht nur lustig. Ein Albtraum zieht es in „tosendes, tobendes, zischendes“ Wasser. „Doch dir kann nichts passieren. Du bist in Sicherheit unter deiner Bettdecke im wild schwankenden Traum.“ Bunt und mit den für die aus dem Erzgebirge stammende Illustratorin Sylvia Graupner typischen dunklen Kanten und Umrandungen wirkt dieses Buch anregend und beruhigend zugleich und eignet sich dadurch auch als Einschlaflektüre.

Sylvia Graupner: Im Papierschiff durch die Nacht. Jungbrunnen, 32 S., € 18 (ab 4)

Wenn ich an sie denke, sind sie da“

Beatrice Alemagna:

Der Sommer mit Pepper. Aladin, 48 S., € 16,50 (ab 4)

M it „Ein großer Tag, an dem fast nichts passierte“ (2018) und „Der kleine große Augenblick“ (2022) legte die Italienerin Beatrice Alemagna zwei zutiefst poetische Bilderbücher vor. Ihr neues Werk „Der Sommer mit Pepper“ wartet mit einem ungewöhnlichen Helden auf: dem Schorf auf einer Kniewunde eines kleinen, rothaarigen Mädchens. Er heißt Pepper und wird für das Mädchen zu einem ungewöhnlichen Freund. Zunächst wartet es aber ungeduldig, dass Pepper abfällt. Denn es findet ihn gruselig. Bevor es am Ende des Sommers endlich so weit ist, dass die Wunde abgeheilt ist, hat es sich an den hartnäckigen Begleiter gewöhnt. Und begonnen, ihm Geschichten zu erzählen, wenn es einsam ist. Zum Schluss, man errät es, ist es traurig, als Pepper einfach in die Bettdecke plumpst. Ein Buch zum Verlieben, ein veritables Bilderbuch-Meisterwerk.

Gilles Baum, Amandine Piu: Ich kann Rad fahren. Meine Omi auch. Von Hacht, 32 S., € 18,50 (ab 4)

Bei Omi gelten strenge Regeln. Wenn das kleine Schweinchen sie besucht, muss es vor der Tür die Schuhe ausziehen. Beim Essen muss es von allen Speisen etwas nehmen. Auch auf die Gefahr hin, dass ihm schlecht wird. Das Schweinchen übernachtet bei Omi. Denn sie hat bei der Nachbarin ein Fahrrad ausgeliehen. Mit Stützrädern klappt es gut. Aber dann schraubt Omi sie ab. Nach der ersten Kurve liegt Schweinchen auf der Nase. „Aber Omi gibt nicht auf. Sie besteht darauf, dass ich es wieder versuche. Sofort. So ist sie eben. Omi hat einen eisernen Willen.“ Obwohl das kleine Schweinchen überzeugt ist, dass Fahrradfahren nichts für es ist, gewinnt Omi. Und damit beide. Denn Omi bekommt jetzt die Stützräder auf Opas altes Fahrrad geschraubt. Eine Ode an die Willenskra und das Selbstvertrauen.

Verlockende Berufe in der Wissenschaft

Ein Kindersachbuch über Berufe für Neugierige

K inder sind neugierig. Vielen kommt der Forschergeist während der Schulzeit abhanden. Dabei gibt es so viele spannende Gebiete. Das vermitteln die beiden Buchmacherinnen glaubha . „Ich, Karin, bin so neugierig geblieben, dass ich Geologie studiert und nun dieses Buch geschrieben habe. Und Hanna hat ihre Liebe zum Entdecken in wunderschöne Bilder verwandelt.“ Die einzelnen Wissenscha en werden mit je einer Doppelseite porträtiert und mit einem ganz konkreten

Berufsbild verbunden: Meeres- und Molekularbiologie, Tunnelgeologie, Lebensmittelchemie etc. Inklusive einem selbst auszufüllenden „Forscher:innen-Steckbrief“ und „Forschungsquiz“. Zukun sweisend!

Karin Grabner, Hannah Riebenbauer: Wir forschen! Achse, 56 S., € 24,– (ab 6)

Tini Malina:

Selma, du machst das falsch!

NordSüd, 48 S., € 18,50 (ab 4)

Spinnennetze betören durch ihre Symmetrie. „Jedes dieser Netze ist sorgfältig geplant und gesponnen, sodass darin die sa igsten Fliegen gefangen werden.“ Jedenfalls in den Netzen von Selmas Brüdern und Schwestern, Tanten und Onkeln. Aber Selma macht es anders. „Selma, du machst das falsch. In solchen Netzen fängt man keine Fliegen“, bekommt sie zu hören.

Aber Selma hat Größeres vor, um nicht zu sagen das Allergrößte: „Selma wollte Netze spinnen, die die Pracht des Universums fangen würden.“ Zunächst gelingen ihr Besonderheiten wie ein Netz in Regentropfen- oder Sternform. Dann begegnet sie einer uralten Spinne, die Selma zum Risiko ermuntert. Und stößt auf dem Dach eines Hochhauses auf ein Gefährt, das aussieht wie ein Ufo. Ein sympathisches Plädoyer fürs Anderssein, ausgezeichnet mit dem „Luchs“ des Monats August.

Paulina Rauh: Oh nein!

Kunstansti er, 32 S., € 18,50 (von 4 bis 99)

Manchmal reicht eine geniale Idee für ein ganzes Buch. So wie bei Paulina Rauh. „Dinge, die nicht gut zusammenpassen – die Idee zu diesem simplen, aber genauso lustigen Konzept kam mir durch das Au ängen zweier Malereien, die sich beide anzuschauen schienen: eine freche Katze und eine fragile Blumenvase“, sagt die Illustratorin. Die Skizzen entstehen auf Papier und werden eins zu eins digital übertragen. Dabei arbeitet Rauh mit eingescannten bunten Tonpapieren. Hier spricht alles für sich selbst. Ein Igel und Lu ballons. Ein Zeitungsleser, der auf eine Laterne zugeht. Ein nackter Fuß und Legosteine. Ein Radfahrer, der auf eine Reißzwecke zusteuert … Außer dem Titel „Oh nein!“ kommt dieses All-Age-Bilderbuch, nominiert für den Serafina 2025, nämlich ohne Worte aus. Genau darin besteht seine so witzige wie nachdenklich machende Kunst.

Staub hat zu Unrecht einen schlechten Ruf

Überraschende Infos über den Nutzen von Staub

Von manchen Dingen wünscht man, es gäbe sie nicht. Wie etwa Gelsen – oder Staub. Den muss man entweder wegwischen – oder von ihm niesen. Eingebettet in die Geschichte eines Mädchens, das in einem alten Haus lebt, gelingt der Autorin eine witzige Ehrenrettung der lästigen Materie. Dabei helfen die lustigen Bilder von Maja Bohn. Bei ihr haben die Staubkörner Gesicht, Arme und Beine. Staub wegzubekommem funktioniert besser mit einem staubigen Besen, denn er zieht anderen Staub an. Das wissen viele. Aber dass Staub Superkrä e hat und wichtig ist für Wetter, Klima, Essen, die Kunst, die Schönheit und die Wissenscha ? Dieses Buch wird bestimmt nicht im Regal verstauben!

Silke Schlichtmann, Maja Bohn: Staub. Tulipan, 48 S., € 18,50 (ab 6)

Vergleichbär,

gib jetzt eine Ruh!

Ist Leuch urmbärs Leben fader als das des Abenteuerbären?

Zu Beginn dieses fröhlichen Buchs lernen wir Leuchtturmbär kennen, wie er meistens ist: gut aufgelegt. Er pritschelt im Meer, die Sonne strahlt, der Leuchtturm scheint auch zufrieden. „Boah, bin ich froh, Leuchtturmbär zu sein! So ein Glück!“, sagt er. Seine Insel ist winzig, doch ihm ist nie fad: „Er sur auf den Wellen, sammelt Muscheln oder spielt mit seinem Freund Marius.“ Marius ist eine Robbe. Aber ach, dann kommt das Postboot mit den neuen alten Zeitungen (der letzten Wochen) und den jüngsten Geschichten vom Abenteuerbären. Und dann ist es aus mit dem Leuchtturmbären.

Erst verschlingt er die Geschichten. „Abenteuerbär kämp gegen das Schneemonster mit den drei Köpfen“, „Abenteuerbär entlarvt eine unterirdische Trollenbastion“. Leuchtturmbär liest die ganze Nacht. Am nächsten Tag ist alles anders. Der Strand, die Wellen, die Insel. Alles so klein. Blöd. Und öd. Den Leuchtturmbären hat die Vergleicheritis gepackt. Er sur nicht mehr. Spielt nicht mit Marius. Kickt die schönen Muscheln zurück ins Meer. Bis ein Sturm aufzieht.

Und mit ihm kommen große Wendungen. Der Sturm bringt einen Schi rüchigen, und der ist niemand anderer als Abenteuerbär. Doch was ist los mit ihm? Nächsten Tag will er nichts mehr davon wissen, dass Leuchtturmbär und Marius ihn gerettet haben. „Nein, ich habe nur so getan, als würde ich ertrinken.“ Er will auch nicht surfen, keine Fische fangen und nicht die Lampe oben auf dem Leuchtturm anzünden. Aber war er nicht auf dem Bärimanjaro?

Nach und nach entpuppt er sich als ein ganz anderer. Es kommt zum großen Streit und dann zu einer Wendung und noch einer. Leuchtturmbär spürt bald wieder genau, wer er ist und was er kann. Abenteuerbär muss mit den Folgen seiner Flunkereien leben – dafür, das muss man ihm lassen, ist er unter den Geschichtenbären ein ganz Großer.

Das Buch der gebürtigen Niederländerin Mathilde Stein, die schon zweimal mit dem Goldenen Griffel ausgezeichnet wurde, sprüht vor Humor und Lebensfreude. Dafür zeichnet auch der südafrikanische Illustrator Piet Grobler mitverantwortlich. Seine Bilder werfen eigene Rätsel auf. Warum hat Leuchtturmbär beim Baden eine Seemannsmütze auf und einen Schwimmreifen umgeschnallt (der gleich gestrei ist wie der Leuchtturm), wo er doch ein waghalsiger Surfer ist? Ja warum wohl? Einfach, weil’s Spaß macht! GERLINDE PÖLSLER

Mathilde Stein, Piet Grobler: Der Leuch urmbär.

Moritz, 88 S., € 14,40 (ab 7)

Sklavinnen und tanzende Göttinnen

Ein märchenha es Buch über Afrika und das „Nordland“

da Diagne wurde 1992 in Wien geboren und hat familiäre Wurzeln im Senegal. Der daraus resultierende doppelte Blick bildet die Quelle ihres Debütromans für Kinder. Er spielt an der afrikanischen Westküste, und zwar zu zwei verschiedenen Zeiten mit zwei Heldinnen, die sich erst am Schluss begegnen. „Das eine Kind heißt Ava und hat eine Haut, die so dunkel ist wie der Anfang einer wunderschönen Reise.“ Zenya hingegen ist „so hell wie das Ende einer wunderschönen Suche“. Trotzdem wird sie, als Baby in einem Korb im Dorf an der Lagune angeschwemmt, von der Dorfältesten gemobbt und ausgeschlossen. Als die Fische aus der Lagune verschwinden, wird Zenya verdächtigt, daran schuld zu sein.

Der europäische Kolonialismus mit seinen Gräueln gibt den Hintergrund ab für die „Weißen Soldaten“ aus dem „Nordland“, die die Einheimischen ihrer Geschichten, Zeremonien und machtvollen, tanzenden Göttinnen berauben und sie zur Arbeit in den Goldminen versklaven. Auch das Kind Ava, das versucht hatte, die alten Geschichten zu bewahren und weiterzugeben.

Rassismus, also die Ablehnung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, das lernt man hier aber auch, funktioniert in verschiedene Richtungen. Denn auch Zenya wird wegen ihres Teints und ihrer angeblichen Abkun von den Weißen Soldaten abgelehnt. Die Zeit des Schreckens liege doch schon lange zurück, verteidigt eine Frau sie. „Wer weiß da noch, wer wessen Nachfahre ist?“

Obwohl der Roman mit märchenha en, magischen Elementen arbei-

tet, hat er eine politische Botscha : Freundscha und Zusammenhalt sind wichtiger als Hautfarbe und Herkun . Er überzeugt durch seine Vielschichtigkeit, die kein Schwarzweiß anerkennt, sondern die Zwischen- und Mischtöne fokussiert. Und nicht zuletzt durch seine anmutige Fabulierlust. Diese zeigt sich nicht nur an den liebevollen Personen- und Landscha sbeschreibungen und den gelungenen Dialogen, sondern auch daran, dass das Erzählen selbst hier eine Hauptrolle spielt. Nicht nur mit der Geschichtenvermittlerin Ava, sondern auch mit ihrer 100 Jahre jüngeren „Schwester“ Zenya, die die Kinder ermutigt, „sich Geschichten auszudenken, von denen sie sich wünschten, dass es ihre eigenen Geschichten werden würden“.

Eine Parabel über die Wunden des Kolonialismus und eine Ode an die Kra der Literatur.

KIRSTIN BREITENFELLNER

Ada Diagne: Baobab. Die Legende vom Baum der Erinnerungen. Leykam, 304 S., € 22,50 (ab 11)

„Wir

sehen uns zwischen den Zeilen“

Ein Jugendroman in Messages, originell und berührend

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis jemand zu beweisen vermochte, dass es möglich ist, den Briefroman in die heutige Zeit zu transformieren – als Roman aus Messages. Mit ihrem für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierten vierten Jugendbuch „Und die Welt, sie fliegt hoch“ legte Sarah Jäger letztes Jahr die Latte dafür sehr hoch. Die Protagonisten sind die 14-jährige Ava, die Hausarrest hat, und ihr ehemaliger Klassenkamerad Juri, der seine sicheren vier Wände nur ungern verlässt, ein quirliges Mädchen und ein hochsensibler, introvertierter Junge.

Dass das Genre Potenzial hat, beweist der soeben ins Deutsche übersetzte Jugendroman: „Sorry, aber ich bleibe“ von Alessandro Barbaglia. Auch er spannt zwei 14-Jährige zusammen, die sich nicht sehen, sondern nur schreiben. „Geh sterben“ lautet die erste Nachricht an Zeno. In derselben Minute, exakt um 14.37 Uhr, folgt ein „Du bist hässlich!“.

Damit sollte die junge Leserschaft hineingezogen sein in die Handlung. Es geht um Mobbing und ein Video, das gegen Zenos Willen online gestellt wurde. „Hey, hast du schon gehört? Da wurde so ein Fettsack auf dem Klo in der Schule eingesperrt! Ach so, klar hast du’s gehört: Das bist ja du!“ Zeno antwortet erst nach der 17. Message: „Hör auf!!!“ Bei dem „Beschuss“ handelt es sich allerdings nicht um eine weitere Stufe der Mobbingspirale, sondern um einen – freilich nicht sofort erkennbaren – Rettungsversuch.

„Sorry, aber ich bleibe“, erklärt die Absenderin „Luna Nervensäge Niemals“ drei Messages später. Sie hat nämlich nicht vor, Zeno mit seinem Problem alleinzulassen. Und das, obwohl dieser kategorisch fordert: „Schreib mir nicht mehr!!!“ „Ich hab dir gar nicht geschrieben. Ich hab dir eine Sprachnachricht geschickt“, kontert Luna.

Alessandro Barbaglia, geboren 1980, hat mit seinem ersten Kinderbuch den renommierten italienischen Premio Strega gewonnen und lebt als Buchhändler und Autor zahlreicher Bücher in Novara. Es steht zu hoffen, dass die erste deutsche Übersetzung weitere nach sich zieht. Denn Barbaglia beherrscht den Spannungsaufbau und die Kunst, Information via Dialogen einsickern zu lassen.

Bis Luna Zenos Vertrauen gewinnen kann, dauert es eine Weile. Letztendlich gelingt es ihr mit Hartnäckigkeit und einer Portion Rücksichtslosigkeit. Denn dass Zeno Sprachnachrichten hasst, hält sie nicht davon ab, ihm weiterhin solche zu schicken. Nach und nach lockt sie Zeno aus der Reserve. Aber warum schreibt sie

ihm überhaupt? „Du bist da. Bei dir kann ich alles sein, was ich will, gerade weil du über mich und meine Vergangenheit NICHTS weißt“, gesteht sie einmal. Und fordert von Zeno, nie ihre Identität aufzudecken. Warum sie so gerne Schritte zählt, verrät sie auch nicht.

Luna gibt gerne Rätsel auf. Und sie besitzt die Gabe, Zenos Meinung „über einen Haufen Dinge“ zu ändern. Wer Luna wirklich ist und warum sie solche Angst hat, dass Zeno das erfährt, wird gegen Ende aufgedeckt, sei hier aber nicht verraten.

Dunkle Gassen, heller Kopf

Ein Wien-Krimi um Sigmund Freud und ein kluges Mädchen

Wien 1922. Philomena Freud ist 14 und ein Schuhputzmädchen. Ihren Nachnamen hat sie sich einfach selbst gegeben – immerhin putzt sie vor der Ordination von Professor Sigmund Freud. „Beim Depperldoktor?“, fragt ein Bauer sie. „Wo die vornehmen Fräuleins hingehn, die wo sonst keine Probleme ham?“ „Beim berühmten Nervenarzt“, korrigiert Philomena ihn. Zu dem kommen lauter reiche Leute, und die lassen sich dann gern von ihr die Schuhe putzen, gleich volles Programm. Nebenbei gibt Philomena ihnen manchmal bessere Tipps als der berühmte Doktor. Außerdem kriegt sie da einiges mit, was in der Stadt so passiert – und das kommt ihr recht, interessiert sie sich doch sehr für die Verbrechen, die in der Stadt passieren.

Bei dir kann ich alles sein, was ich will

SCHREIBT LUNA AN ZENO

In der Mitte des Romans und am Ende gehen die beiden zu E-Mails über. Das hat den Vorteil, dass sie sich damit auch ausführlicher aussprechen können. „Wir sehen uns zwischen den Zeilen“, hat Luna Zeno einmal zu Beginn ihres einen Monat dauernden Chats geschrieben. Am Schluss muss sie ihre Angst überwinden, ihn wirklich zu sehen, um nicht die zarte Liebesgeschichte zu gefährden, die sich zwischen ihnen entsponnen hat.

„Wenn wir rumlaufen und nach dem richtigen Menschen suchen, na ja, dann finden wir ihn nie. Weil es keinen richtigen Menschen gibt, denn wir sind alle ein bisschen falsch“, schreibt Zeno in seinem längsten Mail an Luna. „Deswegen muss man die richtigen Falschen suchen.“ Ein cooles und berührendes Buch.

KIRSTIN BREITENFELLNER

„Frag Philomena Freud: Die Perlenspinne“ ist der erste Band einer neuen Krimireihe von Annette Roeder, Erschafferin der „Krumpflinge“. Das meiste in diesem lebendigen Kinderroman spielt sich auf Wiens Gassen und Hinterhöfen ab, ist Philomena doch ein Waisenmädchen und Teil einer Straßenkindergang.

Kern der Story: Die Baronin Wallersee ist umgebracht worden, angeblich von ihrem Mündel Sidonie; beide waren Patientinnen Sigmund Freuds. Philomena ist außer sich, als sie das hört. Ihr Freund August versteht die Aufregung nicht. Da habe halt anscheinend „eine reiche Schnepfe ihre Vormundin abgekragelt. […] Endlich ist mal kein armer Wicht aus der Gosse der Schuldige, sondern eine von denen da oben!“ Aber Philomena kannte die Baronin und auch ihr Mündel Sidonie, die wie sie aus dem Waisenhaus kommt – und ist sich sicher: Das ist unmöglich. Sidonie kann nicht die Mörderin sein. Nicht nur, weil sie dafür viel zu sanftmütig ist – Philomena hat außerdem bei einem Besuch Sidonies bei Freud etwas aus dem Behandlungszimmer gehört, das beweist, dass sie nicht die Täterin sein kann.

Für den Krimi hat Annette Roeder – keine Wienerin, sondern eine Münchenerin – in der städtischen Geschichte recherchiert: Das Waisenhaus auf der Hohen Warte spielt ebenso eine Rolle wie „die Liesl“, das Polizeigebäude samt Gefängnis an der Rossauer Lände. Und das Bilderbuch „Von Spinnen und Ameisen“ von Freuds Patientin Emma Eckstein, das im Freud-Museum ausgestellt ist.

Aus Wiens Kinderheimen ist heute bekannt, dass die Kinder dort wie Gefangene gehalten wurden, Schläge und Sadismus waren gang und gäbe. Philomena, im Buch der ehemalige „Zögling Nummer 34“ und aus der Hohen Warte abgehauen, erzählt

Seit Philomena von der Hohen Warte weg ist, ist die Sprengelfürsorgerin Schnürschuh hinter ihr her – und erwischt sie tatsächlich eines Tages. Zurück geht’s ins Heim und in den Kohlenkeller. Was die Erwachsenen nicht wissen: Die früheren Zöglinge – viele wurden als billige Arbeitskräfte angeheuert – bleiben einander treu verbunden. Lauter Überlebenskämpfer, in ganz Wien verstreut, die einander helfen. Und so entkommt Philomena ein zweites Mal. Annette Roeder hat Orte und Szenen detailreich ausgeschmückt, und die Figuren reden schönstes Weanerisch. „Oar! ’s Stück zu 1650 Kronen!“, ruft ein Bauer über einem Stapel Eierkartons. Der eine macht „Spompanadeln“, die andere ist „angfressen“. Und aus den Tunneln der stillgelegten Dampfstadtbahn vertreibt ein Mann die verhasste Schnürschuh mit den wirksamen Worten: „Geh weida, du Schaßtrommel! Sonst kimm i wirkli aussi.“ Klar, dass Philomena nicht nur einmal im Schlamassel sitzt. Klar auch, dass sie den Fall am Ende löst – auch wenn ihre Menschenkenntnis sie ein einziges Mal gröblich verlässt. Ein paar Rätsel aber lässt die Geschichte bis zum Ende offen. Kennen Philomena und Sidonie einander vielleicht schon von früher? Was ist da los mit der belgischen 10-Centimes-Münze, die Philomena um den Hals trägt, das Einzige, was ihre Mutter ihr hinterlassen hat? Wie von der Autorin zu hören ist, wird die Kupfermünze mit dem Loch in der Mitte in dieser Krimiserie noch eine wichtige Rolle spielen.

GERLINDE PÖLSLER

272 S., € 18,50 (ab 12) auch davon ganz nebenbei. Von Watschen, eiskalten Duschen und davon, in den Keller gesperrt zu werden, begleitet vom Satz: „Da bleibst du, bis dich die Spinnen von der Sohle bis zum Scheitel eingesponnen haben, und dann saugen sie dich aus.“ Nach und nach kommt heraus, was das mit der titelgebenden Perlenspinne zu tun hat.

Alessandro Barbaglia: Sorry, aber ich bleibe. Woow, 157 S., € 16,50. Ab 14
Annette Roeder: Frag Philomena Freud. Die Perlenspinne. Knesebeck,

Gaza –Chronik des Grauens

Die Kinderpsychologin Katrin

Glatz Brubakk hat bei ihrem Hilfseinsatz für Ärzte ohne Grenzen im Gazastreifen Tagebuch geführt

REZENSION: TESSA

SZYSZKOWITZ

Sie hätte auch in Trondheim bleiben können. Eine Stadt an einem Fjord in Norwegen. Bunte Fassaden von Fischerhäusern. Eine Kathedrale aus dem 11. Jahrhundert. Ein friedlicher Ort.

Aber Katrin Glatz Brubakk packt ihre Sachen, drückt ihre Söhne und ihren Mann noch einmal fest an sich und zieht los. In den Gazastreifen. Sie ist Kinderpsychologin und auf Trauma spezialisiert. Ihre Expertise ist im Küstenstreifen, den Israel nun seit bald zwei Jahren bombardiert, gefragt. Die NGO Ärzte ohne Grenzen versucht zu helfen, wo sie kann. Die meisten Spitäler sind zerstört. Rund 1500 palästinensische Ärztinnen und Ärzte sind getötet worden.

Die deutsch-norwegische Psychologin Glatz Brubakk führt über die Wochen, die sie im Gazastreifen verbringt, ein Tagebuch; gerade ist es im Westend-Verlag erschienen. Es ist nicht der erste Einsatz der Traumaspezialistin. Sie war auf der griechischen Insel Lesbos im dortigen Flüchtlingslager, sie war in Ägypten, sie arbeitete nach dem großen Erdbeben 2023 in der Türkei. Aber was sie im Gazastreifen sieht, als sie im August 2024 mit einem Konvoi im Kriegsgebiet ankommt, überfordert sie: „Es ist, als würde man in einen grobkörnigen SchwarzWeiß-Film eintreten, in dem nichts wiedererkennbar ist.“ Es gebe nicht einmal Trümmer, schreibt sie: „Alles ist pulverisiert.“ Der Konvoi kommt wohlbehalten in einem ehemaligen Strandhaus an der Küste in der humanitären Zone westlich von Khan Younis an, in einem Gebiet namens Al-Mawasi. Früher konnten Familien das „Beach Chalet“ für Urlaube innerhalb des Gazastreifens mieten – schon vor dem Krieg konnte kaum jemand aus dem Gazastreifen ausreisen. Jetzt dient die Villa Ärzte ohne Grenzen als Hauptquartier. Im Pool sind

Wasserbehälter eingelagert, im Esszimmer schlafen die Männer, im Wohnzimmer die Frauen.

Die Neuankömmlinge bekommen ein „Hemorrhage-Kit“. Nicht für Patienten, sondern für sich selbst. Falls sie Blutungen stoppen müssen, wenn ihnen bei einem Angriff der israelischen Armee ein Bein weggerissen wird.

Dann geht es los Richtung Nasser-Krankenhaus. Es ist das ehemals größte Krankenhaus im südlichen Gazastreifen. Zur Zeit von Glatz Brubakks Aufenthalt ist es nur noch teilweise in Betrieb.

Ein Jahr nach ihrem Einsatz, im August 2025, tötete ein doppelter Bombenangriff der israelischen Armee hier 20 Menschen an einem Tag, darunter viele Journalisten. Mitte September hat die israelische Armee ihre Großoffensive zur Einnahme von GazaStadt begonnen – eine Million Menschen wurden dazu aufgefordert, in den Süden zu ziehen. Wieder schickte das Ärzteteam im Nasser-Spital Hilferufe in die Welt: Schon jetzt sei das Krankenhaus vollkommen überfordert, weitere Patienten könnten einfach nicht mehr aufgenommen werden.

Katrin Glatz Brubakk beschreibt den Alltag in den weitläufigen Gebäuden des Nasser-Spitals. Sie trifft Massa, ein achtjähriges Mädchen mit schweren Verbrennungen an beiden Beinen. Sie wurde mit Mutter und kleinem Bruder direkt nach dem Bombeneinschlag in ihrem Wohnhaus eingeliefert. Vom Vater keine Spur. „Das Gold, das die Mutter als Sicherheit zusammengespart hatte, ist geschmolzen und unter den Trümmern begraben.“

„Gazas Antwort auf Uber ist ein Esel“, schreibt die Psychologin. Er zieht einen Karren, eine simple Holzpalette, auf die

»Sie erzählt, dass der Vater o explodiere und sie schlage. Sie habe große blaue Flecken am ganzen Körper und fragt, was sie tun solle

man auf- und von der man wieder abspringen kann, während der Esel langsam die Straße entlangtrottet.

Vor dem Nasser-Krankenhaus hat sich eine Zeltstadt entwickelt – obwohl gerade hier besonders o bombardiert wird, weil Israel sagt, die Hamas verstecke sich in den Spitälern. Zwischen den Zelten sind Latrinen. Wenn ein Loch voll ist, wird der Verbau ein paar Meter weiter versetzt. „Die Glücklichsten haben einen Eimer, den sie im Meer ausleeren können“, schreibt Glatz Brubakk. Auf der Straße verkaufen junge Männer Essen, Rettungswagen schieben sich durch die Menge Richtung Noteingang. In einem abgedunkelten Zimmer des Nasser-Spitals trifft die Psychologin auf den fün ährigen Adam. Er seinen Vater hat sterben sehen, bei einem Besuch im Haus der Großeltern schlug eine Bombe ein. Adam überlebte schwer verletzt. Aber er reagiert nicht auf Zurufe, hält den Kopf zur Wand gedreht. Er kann, glaubt Glatz Brubakk, das Erlebte nicht verarbeiten.

In der Nacht wird fast immer um ein Uhr und um fünf Uhr früh bombardiert. Brubakks Kollegen verwenden die zweite Bombenserie als Wecker. Der Operationsleiter auf der orthopädischen Station erzählt ihr zwischen zwei Eingriffen, dass er in seinem Leben schon zweimal in Norwegen war. Er hatte vor dem Krieg Fußball in der Gaza-Liga gespielt. „Spielst du noch?“, fragt sie ihn. Er sagt: „Es gibt keinen Platz zum Spielen mehr.“

Die Tagebucheinträge sind persönlich, aber trocken im Ton. Die Deutsche aus Norwegen versucht, das System der Bombenangriffe zu verstehen. Gaza wurde von der israelischen Armee (IDF) in nummerierte Kuchenstücke aufgeteilt. In Block 107 ist

das Nasser-Krankenhaus. In Block 90 ist das Strandhaus in Al-Mawasi, in dem die ausländischen Ärztinnen und Ärzte untergebracht sind. Wenn die IDF bombardieren will, schickt sie SMS an alle Handys in der Gegend. „Warnung: An alle Bewohner der Blöcke 45, 50, 200, 219. Sie befinden sich in einer gefährlichen Kriegszone! Die IDF wird umfangreiche Operationen gegen Terrororganisationen durchführen. Zu Ihrer eigenen Sicherheit empfehlen wir, sofort in die humanitäre Zone zu evakuieren.“

Wenn der Bildschirm von Brubakks Handy aufleuchtet, flattern die Evakuierungsbefehle herein. „Die sachliche Aufzählung der Blocknummern lässt mich fast vergessen, worum es hier wirklich geht: dass womöglich ganze Stadtteile dem Erdboden gleichgemacht werden. Dass Kinder, Jugendliche und Alte in Panik fliehen müssen. Dass einige sterben und viele verletzt werden. Erst wenn ich diese nüchternen Meldungen in menschliches Leid übersetze, verstehe ich wirklich, was ich da lese.“

Die Kinderpsychologin erzählt auch von den psychischen Folgen des Krieges auf das Familienleben der palästinensischen Flüchtlinge, die o in Zelten auf engstem Raum unter großem Stress zusammenleben müssen. Die Kinder gehen nicht mehr in die Schule. Die Eltern versuchen, Nahrung für die Kinder aufzutreiben und herauszufinden, wann sie wohin wie weiterfliehen müssen, wenn Israel eine neue militärische Operation ankündigt.

„Eine 14-Jährige klop leise an die Tür, um zu fragen, ob wir Zeit für ein Gespräch haben“, schreibt Glatz Brubakk. „Sie schaut auf den Boden und hat das Kop uch fest um das Gesicht gewickelt. Doch sie ist mutig.“ Sie erzählt, dass der Vater o explodie-

ILLUSTRATION:

PM HOFFMANN

Katrin Glatz Brubakk: Tagebuch aus Gaza. Westend, 224 S., € 24,70

Am 21.10.2025 um 18 Uhr Uhr liest Karl Markovics im Theater Odeon Passagen aus dem Buch. Im Anschluss an die Lesung findet ein Gespräch mit Katrin Glatz Brubakk sta

re und sie schlage. Sie habe große blaue Flecken am ganzen Körper und fragt, was sie tun solle. Die Psychologin ist hilflos: „Zu Hause in Norwegen würde ich den Fall dem Jugendamt melden und der Mutter gegebenenfalls die Nummer eines Frauenhauses geben, wenn sie Schutz suchen möchte.“

Doch all das gibt es in Gaza nicht. Sie versucht mit dem Mädchen herauszufinden, was den Vater triggert, um so zu vermeiden, dass er explodiert und sie schlägt. Und sie schreibt: „Es ist, als würde man ihr einen Fingerhut voll Wasser reichen, während sie in Flammen aufgeht.“

Brubakks Tagebuch ist, wie könnte es anders sein, ein verzweifelter Aufruf. „Jetzt töten die Bomben dreifach.“ Die Einschläge bringen ganze Gebäude zum Einsturz und begraben Menschen unter sich, verwandeln Kinder in verkohlte Leichen. Die Bombardierungen der Krankenhäuser bedeuten auch, dass Medikamente und Behandlungsmaterialien zerstört werden. Und auch das Personal selbst getötet wird. Krankenpfleger und Ärzte, die vom Völkerrecht besonders geschützt werden, haben im Gazastreifen einen der lebensgefährlichsten Jobs der Welt. Das bedeutet: Die Unfallversorgung bricht zusammen. „In der Notaufnahme gibt es jetzt eine eigene Ecke, wo schwer verletzte Kinder zum Sterben untergebracht werden“, schreibt Glatz Brubakk lapidar.

Das Leid ihrer Patientinnen und die Situation, in der sich die Zivilbevölkerung um sie herum befindet, überfordert die Ärztin. Wenn sie die weiße Weste von Ärzte ohne Grenzen anzieht, um ins Spital zu fahren, ist es für sie wie eine Verwandlung. „Es ist, als würde ich mir den notwendigen psychologischen Schutzschild anlegen, bevor wir die Tore zur Außenwelt

öffnen.“ Ihr Team versucht auf dem Weg durch die Trümmerlandscha über Alltägliches zu sprechen: „Wir müssen das tun. Wenn wir das Ausmaß dieses Leids vollständig an uns heranließen, würden wir wahrscheinlich zusammenbrechen. Niemand kann oder sollte das aushalten müssen.“ Sie spürt aber nach einigen Wochen: „Das Gefühl von Übelkeit, das sich aufgebaut hat, ist ein Zeichen dafür, dass diese Strategie ihren Preis hat.“

Jeden Abend macht sie sich Notizen und mailt sie an sich selbst – für den Fall, dass sie und ihr Gepäck nicht heil aus Gaza nach Norwegen zurückkehren. Sie schreibt an eine Freundin, mit der sie schon einmal ein Buch verfasst hat: „Würdest du aus meinen Notizen ein Buch machen, falls ich nicht nach Hause komme?“

Katrin Glatz Brubakk kehrt unversehrt nach Trondheim zurück. Ihr Buch erscheint trotzdem. Es ist keine leichte Lektüre. Aber diese trocken erzählte Chronologie des Grauens ist wichtig, um zu verstehen, unter welchen Umständen die israelischen Angriffe im Gazastreifen nicht nur die Hamas zerstören.

Pulverisiert werden auch die Menschenrechte und die Chancen der gesamten Bevölkerung auf eine Zukun in Sicherheit und Frieden. An den Schluss des Buches stellt Brubakk eine Nachricht der palästinensischen Laborleiterin Hanan aus dem Nasser-Spital, die ihr im Juli 2025 noch einmal geschrieben hat: „Ich bin eine hilflose Zeugin, wie die Zukun meiner Söhne zerstört wird. Wie ihnen grundlegende Rechte genommen werden – sie haben keinen Frieden, keine Nahrung, keinen Ort zum Leben und keine Bildung. Keine Zukun . Und sie könnten in jedem Moment sterben.“ F

Keinheimisch zu sein ist ein delikater Zustand

Tomer Dotan-Dreyfus ist ein Israeli in Berlin. Er ringt mit der alten Heimat – ist aber auch in der neuen nicht richtig zuhause

Das Motto, das „Keinheimisch“ vorangestellt ist, sagt schon alles. „Dieses Buch ist den toten Kindern in Gaza gewidmet, deren Namen niemand kennt, da so viele Familien vollständig ausgelöscht wurden“, schreibt Tomer Dotan-Dreyfus: „Wir erinnern uns an euch.“

Der israelische Autor legt damit gleich zu Beginn ein Bekenntnis ab. Dafür, wie schwierig es für einen Israeli ist, hilflos zusehen zu müssen, wie die israelische Regierung den Gazastreifen zerstört und zehntausende unschuldige Menschen umbringt. Tag für Tag sterben palästinensische Kinder im Bombenhagel in Gaza. Demonstrationen in Tel Aviv, Proteste in Berlin – Dotan-Dreyfus war dabei und weiß: Sie haben bisher nicht gefruchtet, der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu und seine rechtsextremen Minister machen weiter.

Das Buch „Keinheimisch. Kindheit in Israel, Leben in Deutschland“ des 38-jährigen Israelis, der seit 2011 in Berlin lebt, ist aber viel mehr als ein Aufschrei gegen den GazaKrieg. Tomer Dotan-Dreyfus schreibt über seine Enttäuschung darüber, als er entdeckte, „in welch gigantischem Ausmaß meine israelische Einheimischkeit auf Lügen und Täuschungen aufgebaut“ war. Er beschreibt seine Schulzeit, in der an der Wand im Klassenzimmer eine Karte von Israel hing. Ein Land mit Westjordanland, Gaza-

streifen, Golanhöhen und Ostjerusalem –also inklusive den von Israel 1967 besetzten palästinensischen Gebieten. Es gab und gibt bis heute nur ein Land „from the river to the sea“: Israel. Alle Städte haben auf diesen Karten einen hebräischen Namen. Die arabische Stadt Nablus zum Beispiel heißt Schchem.

Diese Sichtweise des offiziellen Israel wird im jetzigen Krieg deutlich. Denn die „Normalität“ von Dotan-Dreyfus’ Kindheit hat sich inzwischen darangemacht, „die palästinensische Einheimischkeit schlichtweg zu vernichten“. Vernichten? „Aufgeladenes Wort, ,vernichten‘, ich weiß“, schreibt er. „Mich interessiert aber die Wirklichkeit des palästinensischen Lebens mehr als die Wirklichkeit einer deutschen Empfindlichkeit, die von mir verlangt, andere Worte zu suchen.“

Er erklärt: „Ich rede hier nicht von der Vernichtung eines Volkes, sondern von der Vernichtung seines Einheimischseins, sodass ein Volk keinen Bezug mehr zu seinem Ort, keine Heimat mehr hat.“ Im Gazastreifen werden ganze Familien getötet; hunderte Kultureinrichtungen, Schulen, Universitäten in Schutt und Asche gelegt.

Der Autor fühlt sich vom eigenen Staat betrogen: „Wie konnte ich an einen Staat glauben, der sich demokratisch nennt, aber nur eine bestimmte Bevölkerungsgruppe als Souverän anerkennt?“ Israel verabschiede-

Tomer

Dotan-Dreyfus: Keinheimisch. Kindheit in Israel, Leben in Deutschland. Propyläen, 240 S., € 22,70

Der 7. Oktober und die Popkultur

te 2018 ein Gesetz, das Israel als Nationalstaat des jüdischen Volkes festschreibt. In seinem ersten Roman „Birobidschan“ war Dotan-Dreyfus schon der Frage nachgegangen, was die Juden und Jüdinnen in der Diaspora zusammengehalten hat: Religion, Kultur, kollektives Trauma der Verfolgung. In „Keinheimisch“ beschreibt er nun, wie die Nazis in Warschau 1939 den Babybruder seines Großvaters aus einem Fenster im vierten Stock warfen und den Schrei der Mutter, den der Großvater nie vergessen konnte. Jahrzehnte später brachte er sich in Israel um.

Das Trauma trägt der Autor mit sich. In Deutschland, seiner neuen Heimat, fühlt er sich auch wieder nicht einheimisch. Er, der Israel verlassen hatte, weil er sich mit der rechten Regierungspolitik nicht identifizieren konnte, wünscht sich in Deutschland auf Dating-Apps: „Bitte keine Israel-Fanatiker.“ Viele wollten seine Ansichten nicht hören, beklagt er: „Meine Lesungen werden abgesagt.“ Sollte das so sein, so wäre das bedauerlich. Denn Tomer Dotan-Dreyfus ist zwar wütend, was der authentischen Stimme unnötig im Weg steht. Aber dass Israels Regierung mit ihrer extremistischen Politik Israel erschreckend verändert hat, bemerkt die deutsche Öffentlichkeit erst jetzt, wo Gaza im Staub versinkt.

TESSA SZYSZKOWITZ

Befördern Popstars den Antisemitismus? Die Autoren des Bandes „Lauter Hass“ finden einige Belege und Beispiele dafür

Der Terrorangriff der Hamas auf ein Musikfestival in Israel und der darauf folgende israelische Krieg in Gaza haben tiefe Einschnitte hinterlassen – auch in der Popkultur. In den letzten zwei Jahren meinten viele Künstlerinnen und Künstler, sich positionieren zu müssen. Ob aus Überzeugung oder weil sich damit hervorragend Reichweite erzielen lässt, sei dahingestellt. Meist handelte es sich um „Free Palestine“-Bekundungen auf Konzerten oder auf Social Media. Man will sich gegen Krieg und Unterdrückung äußern. Das Publikum macht brav mit. Es geht in erster Linie um ein Statement für den Frieden. Hass auf Juden steckt nicht dahinter. Oder etwa doch?

Zahlreiche Beispiele dafür haben die Politikwissenschaftlerin Maria Kanitz und der Sozialwissenschaftler Lukas Geck für ihren Band „Lauter Hass. Antisemitismus als popkulturelles Ereignis“ zusammengetragen. Ihre These: Musik werde mitunter zum Mittel „einer Gewalt, die unter dem Deckmantel der Solidarisierung mit Palästina zutage tritt, das Leid der Palästinenser:innen jedoch lediglich instrumentalisiert, um Hass auf Israel und Jüdinnen und Juden weltweit zu schüren“.

Alles hat eine Vorgeschichte. Nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 streifen Popmusiker mitunter am Antisemitismus an. Schon in den 1970ern gab es Glamrocker, die die

Ästhetik und Uniformen der Nazizeit lobten. Und Punks verwendeten das Hakenkreuz-Symbol. In vielen Fällen mag es sich um modische Torheit und Provokation oder dumme Spielerei gehandelt haben, aber die Grenzen waren stets fließend.

Kanitz und Geck führen im ersten Kapitel aus, dass Teile der Popkultur schon länger ein Faible für Hitler und Verschwörungsmythen hätten. Zugespitzt habe sich die Lage zunächst in der Folge von 9/11, als die wirre These die Runde machte, die USA hätten die Anschläge nur inszeniert, und dann noch einmal in der Corona-Pandemie.

Seither verfangen Theorien, hinter all dem stecke eine kleine Elite, die die Menschheit knechten wolle, immer häufiger. Und in ein, zwei Schritten ist man dann bei einer jüdischen Weltverschwörung angelangt. Besonders schlimm sei die Situation im Rap, das Verwenden rechtsextremer, antisemitischer Codes dort erschreckend weit verbreitet, zeigen Kanitz und Geck. Dabei war Hip-Hop ursprünglich das Sprachrohr der Unterdrückten. Der krasseste Fall ist Kanye West, der Hakenkreuz-Shirts verkauft und Loblieder auf Hitler veröffentlicht. Dass er seit Jahren als psychisch krank gilt, ändert an der Sache nichts. Immer wieder setzt er antisemitische Postings ab. Später löscht er sie und entschuldigt sich manchmal für seine Ausfälle – um bald darauf nachzulegen.

Maria Kanitz, Lukas Geck: Lauter Hass. Antisemitismus als popkulturelles Ereignis.

Verbrecher, 150 S., € 20,60

West ist nicht mehr so erfolgreich wie in seiner kreativ guten Ära, hat aber immer noch viele Follower. Bei manchen jungen Menschen werden seine rassistischen Rapsongs auf fruchtbaren Boden fallen. Abgesehen von diesem Extrembeispiel fällt auf, wie viele Musikerinnen und Musiker sich pro Palästina positionieren. Manche tun es für den Algorithmus, andere vielleicht auf Druck der Organisation BDS (Boycott, Divestment and Sanctions), die den Staat Israel politisch, wirtschaftlich und eben auch kulturell isolieren will. Sie brachte viele Stars dazu, ihre Konzerte dort abzusagen.

Es wäre keine große Sache, die israelische Politik zu verdammen – und gleichzeitig Nein zum Antisemitismus zu sagen. Doch dieser Zusatz ist höchst selten auf Transparenten oder in Instagram-Posts zu sehen. Seit dem 7. Oktober häufen sich Angriffe auf jüdische Institutionen in aller Welt. Dazu ist in all den Statements und offenen Briefen, die seit zwei Jahren die Runde machen, erstaunlich wenig zu lesen.

„Lauter Hass“ dokumentiert einige klare Fälle von Antisemitismus im Pop sowie eine große Grauzone, bei der unklar ist: Ist das noch Friedensbewegung oder nicht auch schon ein bisschen Judenhass? Ein wichtiger Diskussionsbeitrag.

SEBASTIAN FASTHUBER

Schlafschafe und Aufgewachte

Michael Butter beschreibt, was Verschwörungstheorien so attraktiv macht – und warum wir bisweilen alle anfällig für sie sind

Das Grassieren von Verschwörungstheorien wird heute meist angeprangert, häufig aber wird übersehen, warum sie in manchen Kreisen populär sind. Verschwörungstheorien sind entlastend, weil es in ihnen keinen Zufall mehr gibt. Verschwörungstheorien sind auch Formen, mit einer komplexen, unübersichtlichen Welt umzugehen. Was immer geschieht, es lässt sich zumindest erklären. Es gibt Täter, Hintermänner, die die Fäden ziehen. Wer in der realen Welt „nicht weiß, wie ihm geschieht“, der weiß in der Fantasiewelt der Konspirationstheorie genau, was geschieht. Verständlich, dass das attraktiv sein kann.

Der Amerikanist und Kulturhistoriker Michael Butter hat schon vor Jahren mit „Nichts ist, wie es scheint“ ein Standardwerk zum Thema vorgelegt und die Grundpostulate der Verschwörungstheorien zusammengefasst: dass die echte Wahrheit hinter dem Schein verborgen liege, „alles ist geplant“, oder „alles ist miteinander verbunden“.

Seither ist viel geschehen. Die CoronaJahre waren eine Hochzeit der Verschwörungstheorien; Rechtsextremisten behaupten, sinistre Fädenzieher würden einen Plan zum „Großen Austausch“ weißer Bevölkerungen verfolgen.

Butter legt jetzt mit „Die Alarmierten“ nach. Dabei geht er mit den Verschwörungstheorien so liebenswürdig und verständnisvoll um, dass es sich streckenweise sogar wie deren Verteidigung liest.

„Verschwörungstheorien behaupten, dass mächtige Akteure hinter den Kulissen einen perfiden Plan verfolgen und ihn Schritt für Schritt in die Tat umsetzen“, konstatiert er, fügt aber hinzu: Wird etwas eine Verschwörungstheorie genannt, ist das „hochgradig stigmatisierend“. In umfangreichen Passagen verteidigt er den Begriff „Verschwörungstheorie“ gegen Versuche, diese Vokabel durch „Verschwörungsmythen“ oder andere Nomenklaturen zu ersetzen.

Natürlich haben Verschwörungstheoretiker eine „Theorie“ im Kopf, die versucht, „die Welt zu verstehen“. Deshalb spricht für Butter viel dafür, bei diesem Begriff zu bleiben. Er hat nicht völlig Unrecht, wenn er darauf hinweist, dass die Grenze zwischen Verschwörungstheorien und etwa kritischer Gesellschaftstheorie fließend ist. Auch Letztere operiert nie nur mit Fakten, sondern ordnet die Fakten zu einer Weltdeutung. Auch kritische Gesellschaftstheorie ist insofern ein Gedankengebäude, also eine Kopfgeburt. Auch sie ist misstrauisch gegenüber Macht und Herrschaft, sonst wäre sie nicht kritisch. Sie schlägt also einen Tonfall an, „der derjenigen von Verschwörungstheorien mitunter ähnelt“.

Verschwörungstheorien haben aber ein paar Charaktereigenschaften, die sie regelrecht betörend machen. Sie haben einen „perfekten Plot“, der wie ein guter Krimi sogar Vergnügen bereiten kann.

Oft sind Verschwörungstheorien heute keine Folge von Unwissen, sondern von einem Übermaß an Wissensangebot, das es erschwert, richtig von falsch, akkurat von unrichtig zu unterscheiden. Diese „epistemische Überforderung“ macht anfällig für Paranoia, schreiben auch Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey in ihrem eben

»Verschwörungstheorien haben ein paar Charaktereigenschaften, die sie regelrecht betörend machen. Sie haben einen „perfekten Plot“

erschienenen Buch „Zerstörungslust“. Der zeitgenössische Verschwörungstheoretiker glaubt nicht an simple Märchen, er sammelt scheinbare Fakten, Indizien, verbringt Stunden im Internet, eignet sich massenweise Zeug an, das er für verborgenes, verheimlichtes Wissen hält.

Das führt dazu, dass sich Verschwörungstheoretiker als besonders „Wissende“ empfinden können. Gern sehen sie sich als die „Aufgewachten“, die hinter den Schleier blicken, ganz anders als die „Schlafschafe“, die den „herrschenden Meinungen“ glauben. Das verleiht ihnen einen regelrechten Stolz, also ein gutes Gefühl. Da sie sich üblicherweise mit anderen „Aufgewachten“ zusammentun, entsteht gleich ein Gemeinschaftsgefühl dazu, was eine weitere positive Emotion ist.

Butter relativiert viele intuitive Annahmen, etwa dass der Glaube an Verschwörungstheorien in den letzten Jahren zugenommen habe: Zumindest in Deutschland sei das nicht der Fall.

Auch seien Verschwörungstheorien heute stärker stigmatisiert als früher, als der Verschwörungsverdacht ein beliebter Volkssport war („Wer Kennedy wirklich ermordete“). Zumindest in Mittel- und Westeuropa sind sie so diskreditiert, dass selbst rechtsextreme Politiker sie nur verbrämt verbreiten können, etwa indem sie Signalworte senden.

Anhänger von Verschwörungstheorien können selbst zu Verschwörern werden, wie etwa die Terrorzelle der Reichsbürger, die gegenwärtig in Deutschland vor Gericht steht.

Noch paradoxer: Selbst Gegner von Verschwörungstheorien können zu Verschwörungstheoretikern werden, etwa wenn sie davon überzeugt sind, „eine Gruppe mächtiger und zynisch agierender Manipulator*innen“ würde gezielt Falschinformationen in die Welt setzen. Kritik an Verschwörungstheorien läuft immer Gefahr, meint Butter, „die konspirationistische Weltsicht zu spiegeln“.

Andererseits gibt es ja manchmal auch tatsächlich eine Verschwörung, oder deren kleine Schwester, die sinistre, skrupellose Absicht, mit Desinformation Menschen aufzuhetzen. Die Beobachtung ist aber auch nicht falsch, „dass uns konspirationistische Ideen vor allem dann stören, wenn sie von ‚den Anderen‘ kommen“.

Das ist auch der tiefere Doppelsinn von Michael Butters Titel „Die Alarmierten“. Alarmiert sind heute alle. Die Anhänger der Agitatoren, die Empörungsbewirtschaftung betreiben – genauso wie deren entschiedene Gegner. Das ist alles nicht unrichtig und klug beobachtet, mitunter stellt sich aber auch das Empfinden einer falschen Balance ein.

ROBERT MISIK

DER PROBLEMBÄR

Gerhard Stöger

Stefan Redelsteiner, der Manager von Nino aus Wien, Wanda, Stefanie Sargnagel, Voodoo Jürgens u.v.m. erzählt seine Geschichte. 304 Seiten, € 24,90

Michael Butter: Die Alarmierten. Was Verschwörungstheorien anrichten. Suhrkamp, 247 S., € 22,70

Unauffällige Männer?

Nach dem Pelicot-Prozess fragt sich die feministische Philosophin Manon Garcia: Kann man mit Männern leben?

V or dem Gerichtssaal drängt sich das Publikum. Zuerst entgeht Manon Garcia das Offensichtliche: Einige dieser Männer sind Angeklagte in dem Prozess, für den sie sich interessiert. Dominique Pelicot hat jahrelang seine Frau Gisèle Pelicot betäubt und Fremde eingeladen, sie zu vergewaltigen. Er wird am Ende zu 20 Jahren Haft verurteilt. Neben Pelicot sind weitere 50 Männer angeklagt, die Mehrheit sitzt zu Prozessbeginn nicht in Untersuchungshaft. Für Garcia ist die Normalität dieser Angeklagten erschreckend: „Es sind Männer jeden Alters, aller Berufe und aller Schichten.“

Manon Garcia, Autorin und Professorin für Philosophie an der Freien Universität Berlin, besuchte im Herbst 2024 den Prozess in Avignon – er fand auf Wunsch von Gisèle Pelicot öffentlich statt –, blickte den Angeklagten in die Gesichter und sah die unerträglichen Videos, auf denen die Vergewaltigungen dokumentiert wurden. Das Ergebnis ist ein lesenswerter und persönlicher Bericht, der sich auf die gesellschaftspolitischen und philosophischen Fragen konzentriert, die dieser Prozess aufwirft.

Für die Philosophin geht es in Avignon nicht nur um die Schuld der Angeklagten, sondern um die Beziehung zwischen Männern und Frauen, um Geschlechternormen, Männlichkeit und um Gewalt. „Wenn es einem einzelnen Mann in einem kleinen

Flecken wie Mazan gelingt, mindestens 70 verschiedene Männer, die im Umkreis von weniger als 50 Kilometern wohnen, zu sich nach Hause zu holen […], wie viele Männer gibt es dann in Frankreich, die bereit sind, eine bewusstlose Frau zu vergewaltigen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet?“ Und: „Wenn die meisten dieser Männer sich so wenig für ihre Taten zu schämen scheinen […]“ und ihre Anwälte „sexistische Klischees“ bedienen, stellt sich für die Autorin die Frage: „Können wir mit Männern leben?“

Manon Garcia ortet die Gründe für das Verbrechen auch in einer patriarchalen Gesellschaft, in der man immer noch glaubt, dass Männer ein „Recht auf Sex“ haben oder dass es in der Verantwortung der Frauen liegt, nicht vergewaltigt zu werden, indem sie sich zum Beispiel nicht zu sexy kleiden. Klar, die Gesetze haben sich geändert. Vergewaltigung ist verboten, auch in der Ehe. Die Mentalitäten hinken jedoch hinterher, so Garcia.

Die Aussagen von Angeklagten und Verteidigern vor Gericht sind entlarvend. Viele der Angeklagten gaben an, sie hätten geglaubt, dass Dominique Pelicot über die Zustimmung seiner Frau entscheiden könne. „Der Ehemann hatte mir die Erlaubnis gegeben, für mich war das damit in Ordnung“, meint einer. Oder Ludovick B. und Saifeddine G., die erklären, dass sie

Manon Garcia: Mit Männern leben. Überlegungen zum Pelicot-Prozess. edition suhrkamp, 195 S., € 20,60

zu den Pelicots gegangen seien, weil sie mit ihren Ehefrauen nicht mehr genug Sex gehabt hätten. Manche Verteidiger stellen die Dummheit oder Schwäche ihrer Mandanten in den Vordergrund. Ein Verteidiger erklärte: „Mein Mandant hat, wenn man es genau nimmt, den IQ eines Vibrators […]“.

Diese Verteidigung zeigt für die Autorin, „dass eine der Grundlagen der patriarchalen Gesellschaft in der Überzeugung besteht, Männer seien von Natur aus stärker und mächtiger und diese überlegene Natur rechtfertige prinzipiell ihre Herrschaft. Im gleichen Zug werden sie immer von ihren Schwächen entlastet [...] eine Vergewaltigung folgt logisch aus einer quälenden Libido“.

Garcia will nicht sagen, „dass jeder Mann schuldig und jede Frau ein Opfer ist und der Geschlechterkrieg an jeder Ecke auf uns lauert“, wie sie betont. Doch sie ruft zu einer Reflexion über Männlichkeiten und Patriarchat auf und über ein soziales System, „das unter anderem die Vergewaltigungen von Mazan verursacht […]“.

Erst kürzlich sorgte die italienische Facebook-Seite „Mia moglie“ („Meine Frau“) für Schlagzeilen. Über 30.000 Männer teilten dort ohne deren Wissen intime Fotos von Frauen. Ein Mann schrieb neben einem freizügigen Foto: „Das ist meine Frau. Was würdest du mit ihr machen?“ DONJA NOORMOFIDI

Der dünne Firnis der Zivilisation

Hemmschwellen sinken, „molekulare Aggressionen“ nehmen zu: Der Soziologe Wolfgang Engler sucht nach Auswegen

Der Firnis der Zivilisation ist in den letzten Jahren ziemlich dünn geworden. Rettungskrä e werden attackiert, Wahlkamp elfer beim Plakatekleben angegriffen. In den sozialen Medien wird verbal weit unter die Gürtellinie gezielt. Queere Personen fühlen sich bedroht. Migrant:innen sind wüsten Beleidigungen ausgesetzt, manchmal bleibt es nicht bei Worten. Und umgekehrt ist die Reizschwelle gerade bei männlichen Geflüchteten so niedrig, dass es immer wieder zu Übergriffe und Schlägereien kommt. „Molekulare Aggressionen“ nennt Wolfgang Engler das. Der Soziologe und Publizist, der lange Jahre als Rektor der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin wirkte und erst im Frühjahr ein großes Memoir unter dem bezeichnenden Titel „Brüche. Ein ostdeutsches Leben“ herausbrachte, versucht in seinem neuen Buch einem kaum noch zu verleugnenden Tatbestand auf die Spur zu kommen: „Die Hemmschwelle sinkt und die Kampfzone, in der wieder das Faustrecht gilt, weitet sich zu Lasten einer zivilen Konfliktaustragung aus.“ Wir können das gerade in extremer Form in den USA beobachten: Auf der einen Seite steht eine Regierung, die nichts Versöhnliches hat, sondern auf Rache sinnt und einen inneren Feind beschwört, der auf allen Kanälen attackiert wird. Und das zu verurteilende Attentat auf den rechtsextremen Posterboy Charlie Kirk erzeugt eine noch hasserfülltere Stimmung – von molekularen Aggressionen lässt sich da kaum noch sprechen.

„Stand der Zivilisation“ lautet der durchaus große Titel von Englers kleinem Buch. Auf gerade mal 150 Seiten will der 1952 in Dresden geborene Kulturwissenscha ler nicht nur beschreiben, in welcher Form sich die „Au ündigung ziviler Verhaltensstandards und Verbindlichkeiten“ bemerkbar macht. Sondern auch, was diese Erosion zu bedeuten hat und wie man ihr entgegenwirken könnte. Leiten lässt er sich dabei von

Die Kampfzone, in der wieder das Faustrecht gilt, weitet sich zu Lasten einer zivilen Konfliktaustragung aus

WOLFGANG

ENGLER

Wolfgang Engler: Stand der Zivilisation. Ma hes & Seitz, 156 S., € 14,40

einem seiner Hausgötter, dem Soziologen Norbert Elias, für den Zivilisation niemals vollendet und immer gefährdet war. Diese Erkenntnis seiner bahnbrechenden Studien zum Prozess der Zivilisation ist für Engler das Leitmotiv seines eigenen Essays.

Elias unterschied zwischen einem fremdzwang- und einem selbststeuerungsdominierten Affektregime. Will heißen: Der Prozess der Zivilisierung vollzieht sich, wenn ein Bestimmtsein von außen umgewandelt wird in eine Selbstbestimmtheit, oder anders ausgedrückt – in Affektkontrolle. Die ist notwendig für ein Zusammenleben in Gemeinscha en. Und in Aufstiegsgesellscha en scheint sie auch für die meisten Menschen einsichtig: Durch angemessenes Verhalten erhöhen sich nämlich die Chancen, in einer sozialen Gemeinscha nach oben zu kommen.

Das habe, so Engler, lange Zeit funktioniert. Es funktioniere nicht mehr im Neoliberalismus, der neben wenigen Gewinnern vor allem Verlierer und Absteiger hervorbringe. Menschen, die gar nicht mehr die Hoffnung hegen, es im System zu etwas zu bringen. Das zivilisatorische Kalkül gehe für einen persönlich nicht mehr auf, man zahle ein, bekomme aber nicht mehr genug heraus.

Hier liege der Nährboden für Verschwörungstheorien und Neidpropaganda, die sich gegen Zuwanderer und Schwächere richtet. Es ist das Geschä sfeld der radikalen Rechten, die ein simples Narrativ pflegen: Ausländer raus, und alles ist wie früher. Diese rückwärtsgewandte Fortschrittserzählung verfängt, und ihre Inhalte werden teils von demokratischen Parteien kopiert. Das führt aber nicht dazu, Menschen für ein partizipatives Miteinander zurückzugewinnen. Im Gegenteil: Studien zeigen, dass mit dieser Taktik nur die Populisten Zugewinne einfahren. Engler schlüsselt das durchaus gut auf. Er versucht zu verstehen – jene, die sich abgehängt fühlen. Und jene, die aus anderen zivilisatorischen Zu-

sammenhängen zu uns kommen und sich nicht nur ausgegrenzt, sondern auch durch liberale Freiheitsrechte ihrer eingeübten Verhaltensweisen beraubt fühlen. Diese Dialektiken sind es, die im heutigen Diskurs kaum mehr bedacht würden. Von allen Seiten. Englers Forderung: Die Zivilität, die kaum noch eine Stimme habe, müsse gestärkt werden. „Das ru geradezu nach einer Erzählung“, schreibt er, „in der sich alle wiederfinden, einer Erzählung, die insbesondere jenen, die es am schwersten haben, das Vertrauen in sich selbst und in die demokratischen Institutionen zurückgibt.“

Ansetzen müsse man da, wo seit Jahren kaum Energien und noch weniger Gelder hinfließen: ganz unten. Bei der Bildung, bei der Verteilung von Reichtum und wirtscha lichem Gewinn. „Der Allgemeinheit, all jenen, die das Surplus erwirtscha en, den Vorrang einzuräumen, hieße, Unternehmer und Investoren in Funktionäre des Gemeinwesens zu verwandeln. Das bedeutete einen radikalen Systembruch und dafür fehlt derzeit jegliche Handhabe.“ Zivilisation brauche Zukun , Individuen, die durch Perspektiven ermutigt würden. Das ist alles richtig erkannt. Und es scheint, betrachtet man die Weltlage, die Prioritätensetzung der Politik, den geopolitischen Backlash durch chauvinistisch-gewaltbereite Männer, weiter weg denn je. Freie Marktwirtscha und Demokratie seien geschwisterlich verbunden, wurde immer wieder betont. Aber autoritäre Strukturen und Kapitalismus vertragen sich prächtig –das wird seit einigen Jahren immer deutlicher, nicht zuletzt an einem aufstrebenden Global Player wie China. Wo kein kämpferischer Au ruchsgeist mehr herrsche, sondern abwartende Verunsicherung, sei es um unsere zivilisatorischen Errungenscha en schlecht bestellt, folgert Engler. Sein Buch ist letztlich kein Wegweiser heraus aus der Lage, die er beschreibt. Sondern tatsächlich nur eine beunruhigende Bestandsaufnahme. ULRICH RÜDENAUER

„Denken vergeht einem, wenn das Schicksal zuschlägt“

In seinem neuen Buch schreibt Franz Schuh über den Tod, den Trump, den Grant und den Badeschwamm am Stiel. Ein Gespräch

INTERVIEW:

GEORG RENÖCKL

Schlecht, aber das bin ich gewöhnt“, antwortet Franz Schuh auf die Frage, wie es ihm gehe. Unbedacht hingeworfene Floskeln sollte man im Gespräch mit dem Autor, der sich selbst als Bewahrer der sprachlichen Tradition des Feuilletons sieht, besser meiden. Warum er dennoch den Small Talk dem Big Talk vorzieht, erklärt er in seinem neuen Buch und im Interview mit dem Falter

Falter: Ich würde gern mit dem Sterben anfangen, Ihr Buch beginnt ja mit dem Tod von Peter Simonischek. Sie sind der Meinung, dass das Sterben in Würde an der Spitze der Bestenliste unserer Existenz stehen soll. Was heißt das?

Franz Schuh: Es gibt eine Chance, würdig zu sterben. Nämlich dann, wenn man kein Vorlaufen zum Tod erlebt, sondern irgendwann einmal mitten im Leben abdankt. Dieses Vorlaufen ist wie der Rest des Lebens: Man hetzt über die Hürden, bis man endlich ans Ende kommt. Die Gefahr ist groß, dass das Sterben mit all den Nöten verbunden ist, die der Arztroman in seinen Fernsehfassungen verschweigt. Die biologische Strafe, dass man am Leben war, kann sehr bitter und würdelos ausfallen. Wenn du mies abkratzt, dann hil dir auch die tröstende Krankenschwester am Bett nicht.

Ist der assistierte Suizid, wie ihn Niki Glattauer gewählt hat, würdevoller?

Schuh: Nein, das ist Glattauers Versuch, sich über den Tod hinwegzuschwindeln: Man ist zwar nicht unsterblich, steht aber noch post mortem in der Zeitung. Man weiß schon vor dem Tod, was in der Nachwelt von einem überbleibt, weil man es ja selbst der Öffentlichkeit mitgeteilt hat. Aber es hat keinerlei Bedeutung, die irgendeine philosophische Qualität im Umgang mit dem Sterben haben kann.

Sie sehen das nicht wie etwa Seneca, für den der Tod die letzte große Freiheit war?

Schuh: Was ich sehe, ist, dass alle Glückslehren, alle Sterbenslehren, alle Lebenslehren nicht stimmen. Alle diese Lehren haben ihre Wahrheiten, aber sie sind nie ganz wahr. Es gilt Hans Blumenbergs Wendung vom „Absolutismus der Wirklichkeit“. Das heißt, du kannst nicht wirklich relativieren, was dein Geschick ausmacht, sondern du musst es ertragen, aushalten, und es wird immer irgendetwas dran sein, was dich am Ende überrascht und, wenn du kein Glück hast, hoffnungslos schmerzen wird.

Was bedeutet Hoffnung für Sie?

Schuh: Das ist eine der Elfer-Fragen im Einerseits-anderseits-Spiel. Die Hoffnung macht einerseits Sklaven aus uns. Hoffend ertragen wir auch, was hoffnungslos ist. Das Gewäsch von der Zuversicht, mit dem die Leute einander aufmuntern, einen Chor bildend, der im finsteren Wald pfei – diese Zuversichtsrhetorik zeigt, dass die Leute keine wirkliche Hoffnung haben. Sie reden sich nur selbst gut zu. Anderseits sind Menschen Wesen der Sorge. Die Sorge darf uns nicht auffressen, ohne Hoffnung wären wir im Vorhinein verloren. Die Hoffnung

ist sowohl ein belastendes, pseudo-euphorisierendes Element als auch eine existenzielle Notwendigkeit. Und dafür, wie man im eigenen Leben mit dieser Polarisierung auskommt, wünsche ich allen alles Gute.

Sie zitieren Thomas Bernhard, in dessen Roman „Alte Meister“ steht, angesichts des Todes eines geliebten Menschen sei die ganze Kunst sinnlos, aber auch Nietzsches Satz „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen“. Wie sehen Sie das?

Schuh: Die Bernhard’sche Variante ist in sich widersprüchlich, denn wo sagt er das?

In „Alte Meister“, wo er in kunstvoller Art und Weise die Kunst bis zu einem gewissen Grad denunziert, aber gleichzeitig auch lobt, zum Beispiel, weil sich dieses eine Bild von dem historischen Kitsch im Kunsthistorischen Museum unterscheidet: Tintorettos „Weißbärtiger Mann“ bringt originär Menschliches zum Ausdruck. Es geht, hier stimmt die Phrase, dem Dichter um das originär Menschliche. Das heißt in vielen Fällen um den Tod, und in Bernhards Fall stets auch um den eigenen, um den autobiografischen Tod.

Hil die Kunst dort, wo die Philosophie nicht hil ?

Schuh: Es gibt ein Gedächtnis, das die Literatur bietet. In Canettis Roman „Die Blendung“ können wir beobachten, wie es durch die Modernisierung zu einer Radikalisierung kommt. Und jetzt haben wir die Blendung als Lebensform: Man sieht, wie Trump beim Tisch sitzt – und der englische König neben ihm redet im Stehen vollkommen würdelos sich eine Welt zusammen, die am besten allein aus den USA und aus Großbritannien bestehen würde. Um das kaputte Großbritannien dem Allermächtigsten schmackha zu machen, mag das einen rationalen Grund haben. Aber es ist eine geniale Inszenierung der verblendeten Existenzweise, die man aus Canettis „Blendung“ kennt: Da sitzt einer da, der hört sich den untertänigen König an. „Die Krone gebührt also mir“, denkt der aufmerksam Zuhörende. Noch nie hat es

eine Situation gegeben, wo das blöde Wort „bauchgepinselt“ so wahrha ig funktioniert wie in dieser Inszenierung des Welttheaterstücks: „Bei Königs zuhause.“ Wenn Begreifen hil , dann begrei man vieles, wenn man die richtige Literatur zur Verfügung hat. Und Trump ist der klassische Hauptdarsteller, er ist wie König Ubu von Alfred Jarry, mit einer Wankelmütigkeit und einer Aggression stigmatisiert, die aus der Angst vor dem Machtverlust kommt. Überall sind ja Feinde, und die muss man überall bestrafen: I hate my opponents!

Franz Schuh, Jahrgang 1947, will nicht Philosoph genannt werden, seine Liebe gilt jedoch der Philosophie. Ihren mitunter jahrtausendealten Gedankengängen gewinnt er stets Bezüge zur Gegenwart ab. Seine Essays und Glossen erscheinen im ganzen deutschen Sprachraum. Alle paar Jahre entsteht daraus ein Buch im Zsolnay-Verlag.

Sie verweisen auf viele kleine Schritte in Richtung Abschaffung der Demokratie. Schuh: Jedenfalls gibt es eine Propaganda für das Abschaffen. Die sagt natürlich nicht, wir wollen die Demokratie abschaffen, sondern – so geschickt ist man mittlerweile schon – wir wollen ja nur die wahre Demokratie etablieren. Was diese Diktatur ausmacht, ist der Hass auf das Individuum als die Substanz einer Gesellscha . Der Einzige und sein Eigentum nannte das Max Stirner. Jetzt will man dem Einzigen das Eigentum nehmen und in die Nation oder in Gott weiß was Übergreifendes einfügen. Der Einzelne zählt nur dann, wenn er als statistische Größe, bei der freien Wahl, die eigentliche Größe, also den Trump und die USA wählt. Das läu unter „Demokratie“. Das Wort Demokratie, sagte Handke, könne er nicht mehr hören.

Sie zitieren Plato, Horaz, Ka a oder Brecht, deren Lektüre in den Schulen ja auch weitgehend abgeschafft wurde. Wo liegt das „eigentliche“ Problem der Bildung, wie Sie das nennen?

Schuh: Als Bildungsbegriff habe ich die Formulierung eines deutschen Wissenscha lers übernommen: „Gebildet sein heißt tugendha sein und lebenstüchtig.“ Danach kann von Bildung nicht die Rede sein, wenn man den Ovid hersagen kann, aber keine Ahnung hat, wie man seine Bankgeschä e verrichtet. Es ist aber gut, wenn man Plato, Ka a und diese einerseits überschätzte und anderseits verachtete humanistische Bildung kennt. Wir sinken derzeit von einer halbwegs funktionierenden Zivilisation ab in die Barbarei. Bildung kann die Barbarei nicht auflösen, siehe den Heine zitierenden und geigespielenden Konzentrationslager-Kommandanten. Aber das Argument deckt auch zu, dass vielleicht doch Chancen der Sensibilisierung beim Publikum bestehen könnten, wenn die klassische Tradition Lehrstoff sein würde.

Horaz hat über nugae, also Nichtigkeiten, eine Satire verfasst, die Sie wiederum zu einem Lob des Badeschwamms inspiriert. Schuh: Ich weiß nicht, wieso ich mir ausgerechnet dieses Gedicht von Horaz gemerkt habe. Es liegt wohl daran, dass wir – nicht zuletzt im Lateinunterricht – überfrachtet sind von Bedeutendem. Wir haben in unserem Kulturbetrieb eine Sucht nach dem Bedeutenden, was es auch ermöglicht, dass niederträchtige, ahnungslose Typen Weltgeschichte schreiben. Sie wissen, wie man Bedeutung simuliert. Karl Kraus hat das Bedeutende am Journalismus verspottet: „Feuilleton“ hieße auf einer Glatze Locken drehen. Ich nehme den Spott nicht mehr

ernst, sondern als Handlungsanweisung, wie man ein Feuilleton gut machen soll: weg vom Bedeutenden und hin zum Badeschwamm. Die Modernisierung nimmt Fahrt auf: Ein Badeschwamm am Stiel war gestern. Jetzt gibt es Badeschwämme mit einem abschraubbaren Stiel und ich lobe die Menschheit dafür. Sogar mit solchen Alltagshürden wird der Mensch fertig, während er schon die Atombombe besitzt, um alles in die Luft zu sprengen. Das ist doch eine gute Aussicht.

Das klingt fast hoffnungsvoll, aber Hoffnung gibt es bei Ihnen nicht ohne ihre Gegenkräfte wie Enttäuschung und Verzweiflung.

Schuh: Mich interessieren Fragen der Balance. Es gibt einen Punkt, wo Skepsis in die Verzweiflung übergeht. Ich kann verzweifelt überhaupt keinen Gedanken mehr fassen, weil mich die Kraft des Gedankens, also auch eines skeptischen Umgangs mit dem Unerträglichen, verlassen hat. Diese Balance aus der Differenz von Skepsis und Verzweiflung ist im Zustand der Verzweiflung zu Ende. Es ist eine Negation jenes Denkvorgangs passiert, der einem Skeptiker noch die Welt erträglich macht, ohne dass er mit ihr einverstanden wäre. Wenn dieses Einverständnis letzten Endes total verloren geht, dann tritt so etwas ein wie Verzweiflung, wie sie wohl viele Menschen in der Geschichte erlebt haben.

In Ihrem Buch definieren Sie Frustration als „Erwartungsenttäuschung“, später drehen Sie das um und schreiben von Ihrer eigenen „Enttäuschungserwartung“. Ist das eine Definition von Grant: ein Schutz davor, enttäuscht zu werden?

Glück gehabt!

Schuh: Der Grant schützt davor, dass man der Hoffnung auf den Leim geht. Der Grant kann eine sehr reaktionäre Haltung sein, aber auf der anderen Seite auch ein Zeichen fürs Nicht-Einverstandensein. Wenn Bundeskanzler Gusenbauer, der in der Geschäftswelt seinen eigentlichen Sinn sieht und ihn verfehlt, sagt, „san do schon wieder so viele Leut’, die sudern“, dann hat er richtig verstanden, dass die ihn nicht wollen. Und sein Grant schützt ihn davor, es als eigenen Fehler zur Kenntnis nehmen zu müssen.

Wien gewinnt regelmäßig den ersten Platz im Ranking der unfreundlichsten Städte der Welt. Ich habe einmal mit dem Herrn Elmayer darüber gesprochen. Den schmerzt das, weil der Grant für ihn nichts anderes als fehlende Höflichkeit ist.

Schuh: Die Höflichkeit ist ein interessantes Phänomen. In der 68er-Revolution hat man alle Höflichkeiten als verlogen abgelehnt. Aber nur Deppen sagen einander die Wahrheit andauernd ins Gesicht. Ich schlage vor, die Wahrheit über seinen Nächsten stets hinter dessen Rücken zu sagen. Wenn er das Gleiche tut, hat man sich unter Umständen viel erspart. Aber sie ihm gleich ins Gesicht zu sagen – außer in entscheidenden moralischen und politischen Zusammenhängen –, dagegen bin ich sehr. Die Höflichkeit abzulehnen, weil sie unwahrhaftig wäre, auch da bin ich dagegen. Ich bin ja auch für den Small Talk und gegen den Big Talk.

Ein bisschen Big Talk aber noch zum Schluss. Am Ende Ihres Buches steht ein Essay über Krieg, Krise und den Zustand der Welt. Sie haben ihn nach den

György Dalos unternimmt einen kurzweiligen Streifzug durch Österreichs Zeitgeschichte

György Dalos, der ungarische Schriftsteller und Historiker, der jetzt in Berlin lebt, kennt Österreich bestens. Er hat etliche Jahre in Wien zugebracht und ist mit der hiesigen Autorenszene bestens vernetzt. Es ist also nicht ganz überraschend, dass er, nachdem er historische Bücher über Mitteleuropa und Ungarn veröffentlicht hat, jetzt auch eine Geschichte Österreichs nach 1945 vorlegt.

Was Dalos serviert, ist in vielerlei Hinsicht keine übliche Monografie. Schon formal nicht, weil er gekonnt auf dem feuilletonistischen Klavier spielt, immer wieder überraschende Details einbringt, spektakuläre Kriminalfälle (Franz Fuchs, Udo Proksch, Natascha Kampusch) als Zeitgeschichte begreift und Biografien mit ihren Pikanterien liebt. So unterhält er die Leserschaft mit etwas schrägen Offenbarungen großer Politiker: Der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow etwa habe dem österreichischen Bundeskanzler Julius Raab bei einem Essen enthüllt, er sitze gerade zum ersten Mal in seinem Leben „mit einem Kapitalisten zusammen“. Autobiografisches darf ebenso nicht fehlen. Als Dalos im September 1964 erstmals mit einem Touristenvisum in Österreich einreiste, interessierte den damaligen Jungkommunisten vor allem der James Bond-Film „Liebesgrüße aus Moskau“.

György Dalos: Neutralität und Kaiserschmarrn. Eine Geschichte Österreichs seit 1945. C. H. Beck, 224 S., € 27,50

Wir durcheilen im Schnelldurchgang die österreichische Politikgeschichte nach 1945. Dalos behandelt die schwierige Bildung der Regierung Karl Renner, den „Kommunistenputsch“ 1950, die Spielregeln der Sozialpartnerschaft, die Regierung Bruno Kreisky, die Waldheim-Affäre: All das sind Pflichtnummern in einem kursorischen Überblick. Genauso wie die Verhinderung des Atomkraftwerks Zwentendorf oder der Beitritt zur Europäischen Union. Der Aufstieg der FPÖ unter Jörg Haider bis zur Ibiza-Affäre Heinz-Christian Straches und ihren Folgen bilden den Abschluss.

Eine tiefer schürfende Sozial- und Wirtschaftsgeschichte fehlt, für die Kulturszene hat Dalos nur Blitzlichter übrig. Größere Aufmerksamkeit bekommt etwa die skandalumwobene Aufführung von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ im Burgtheater.

Mehr als die österreichischen Interna interessiert Dalos die vergleichende Einordnung des österreichischen Treibens in die Geschichte Mitteleuropas. Auch in Ungarn und in der Tschechoslowakei gab es 1945 freie Wahlen, aber Stalin hatte von Beginn an für Österreich eine andere Rolle vorgesehen: Er betrieb die Wiederherstellung der österreichischen Souveränität mit mehr Eifer als die westlichen Alliierten, die nicht so recht wussten, was sie mit Österreich an-

Terrorangriffen der Hamas geschrieben, und Sie nennen darin die Forderung, zu differenzieren, eine dumme Phrase. Ist das nicht das Einzige, was uns übrigbleibt: wenigstens zu versuchen, zu differenzieren? Schuh: Zwischen Versuchen und Gelingen gibt es aber einen Unterschied. Kritik heißt, Unterschiede zu treffen, zu bewahren und entlang der Unterschiede zu argumentieren. Und das ist, wenn die Sache dramatisch wird, fast unmöglich. Das ist übrigens auch schon eine sehr alte Erkenntnis. Die griechische Tragödie hat das vorgeführt, und auch Shakespeare zum Beispiel im „König Lear“. Das Denken vergeht einem, wenn das Schicksal zuschlägt.

In Ihrem Buch geht es neben vielen Krisen auch um das unerbittliche Verrinnen der Zeit. Für die steht ja der Sand im Titel. Schuh: Die Zeitlichkeit, in der wir uns bewegen, bedeutet für einen Essayisten, dass er mitschreibt. Und wenn er mitschreibt, liefert er sich zugleich der Vergänglichkeit aus. Dieses Ausliefern an die Vergänglichkeit ist ein Teil der Wahrhaftigkeit, die man erreichen kann. Im Augenblick existieren wir, aber irgendwann einmal nicht mehr. Es gibt viele Arten des Sterbens und nicht nur den Tod, sondern es sterben Hoffnungen, es sterben Menschen, deren Leben ein Teil des eigenen gewesen ist. Es ist vieles weg, was einmal da war. Der Schriftsteller schreibt mit und er vergeht mit dem, was er mitgeschrieben hat. Aber gleichzeitig ist das ein Zeugnis dafür, dass er wenigstens da gewesen ist.

Das ist schön. Schuh: Ja, und bitte immer aufhören, wenn’s anfängt, schön zu werden. F

fangen sollten. In der „Moskauer Deklaration“ (1943), die Österreich „als erstes freies Land, das der Angriffspolitik von Hitler zum Opfer fiel“, definiert, sollte das Gebilde zwischen Bodensee und Neusiedler See ein Pufferstaat zwischen Ost und West werden, wo auf dem Spielfeld des Kalten Krieges Konfrontation und Entspannung geübt werden konnten. So kam es zum Abzug der Besatzungstruppen, zur spektakulären internationalen Mittlerrolle und dank Marshall-Hilfe zum Wirtschaftswunder. Österreich hatte mit der Kombination von „Neutralität und Kaiserschmarrn“ Glück.

Mit viel Liebe zum Detail widmet sich das Buch ausgiebig der Ost-West-Dynamik rund um den spektakulären Zusammenbruch des kommunistischen Blocks im Jahr 1989. Wir erfahren eine ganze Menge darüber, wie sich die Beziehungen zwischen Österreich und den östlichen Nachbarstaaten entwickelten, wie die Migrationsbewegung aus Rumänien, Polen oder nach dem zerfallenden Jugoslawien in Österreich nicht nur die Politik durcheinanderwirbelte und wie die Osterweiterung die weltpolitische Bedeutung Österreichs zerbröseln ließ. Vieles ist bekannt. Unterhaltsam und lehrreich ist diese Zusammenfassung allemal.

ALFRED PFOSER

Franz Schuh: Steckt den Sand nicht in den Kopf. Zsolnay, 288 S., € 26,80

Wer braucht einen Kleiderschrank, der überquillt?

Die Ökonomin Sarina Spiegel ruft zu einer anderen Wirtschaft auf – zu einer, in der alle mitkommen und frei atmen können

Wie es uns geht, können wir nicht am Bruttoinlandsprodukt ablesen, meint Sarina Spiegel – und geht in ihrem Buch aufs Ganze: „Die Frage ist [...] nicht, ob wir zu einem menschlicheren und sozialeren Wirtschaftssystem kommen können, das im Einklang mit der Umwelt steht. Die Frage ist: Bist Du dabei?“ In ihrem Plädoyer für eine sozialere und ökologischere Wirtschaft wendet sie sich immer wieder direkt an ihre Leserinnen und Leser.

Zuerst erklärt sie aber an einer kurzen Geschichte der Wirtschaftstheorien, wie die Ökonomie zu dem wurde, was sie heute ist – von Adam Smith über Karl Marx und John Maynard Keynes bis zu den Neoliberalisten. Das Spiel, dessen Regeln diese geschrieben haben, sei stets dasselbe: „Monopoly mit gezinkten Würfeln“. Die einen (im globalen Norden) würden stets Fünfen und Sechsen würfeln, die anderen stets nur ein oder zwei Punkte. Bis sie irgendwo hinkämen, sei alles längst aufgekauft.

Und noch etwas geschehe dabei: Die Wirtschaft überrolle andere lebensbestimmende Systeme, insbesondere die Ökologie und das Soziale.

Sarina Spiegel hat erst 2024 ihren Master am University College London gemacht. Ist sie damit auch eine Stimme ihrer Generation, die sich gegen den Raubbau der vorhergehenden wehrt? Jedenfalls hat sie keine

Hemmungen, ihre Stimme laut und unterhaltsam zu heben. Auch vor Eigenwerbung schreckt sie nicht zurück. Wer mehr wissen will, wird immer wieder per QR-Code zu ihrer Homepage geleitet.

Bildung und Arbeit, das Gesundheitssystem, Konsum und Umwelt, das alles sind wirtschaftlich gesteuerte Systeme. Wir leben also immer in der Ökonomie. Deswegen sei sie auch so ungreifbar, meint Spiegel. Sie zu verstehen, falle uns ähnlich schwer, wie wenn wir Fische wären und das Wasser begreifen wollten, in dem wir schwimmen. Um das Begreifen möglich zu machen, zieht sie alle Register: In einer „Selbsthilfegruppe zur Weltrettung“ lässt sie „Neoklassik“, „Verhaltensökonomik“, „Ökologische Ökonomik“ und andere Wirtschaftstheorien in personifizierter Form miteinander diskutieren. Mit Grafiken illustriert sie, wie Werbung uns Luxuswünsche als Grundbedürfnisse vorgaukelt. Sie zitiert Studien zur „Einsamkeitsepidemie“ und bringt prototypische Fallbeispiele von Menschen, die unter Social-Media-Sucht oder Effizienzgetriebenheit leiden.

Der frische, teils etwas schnoddrige Ton und der bunte Mix verschiedener Darstellungsformen erinnern manchmal an ein Comic. Das funktioniert: So begreift man komplexe Systeme ohne Gähnen oder Knoten im Kopf.

Ein Wutbuch zum Abschied

Sarina Spiegel: Eat. Sleep. Work. Die? oekom, 216 S., € 17,50

Aber wohin, fragt Spiegel, könnte es gehen, wenn nicht weiter in die Erschöpfung aller globalen und individuellen Ressourcen? Ihre Antwort ist erstaunlich einfach: zu einer Gleichberechtigung der Systeme, die unser Leben zu mehr machen als einer Abfolge aus Essen, Schlafen und Funktionieren. Bahn frei für gar nicht so wenige alternative, aber real existierende Wirtschaftskonzepte: Die Autorin erklärt Gemeinwohl-Ökonomie, Kreislaufwirtschaft und Donut-Ökonomie.

Am Ende präsentiert sie 16 konkrete Vorschläge mit kleinerer und größerer Hebelwirkung: von der guten alten Finanztransaktionssteuer bis zum Umdenken von „effizient“ auf „suffizient“, von „größer-besser-mehr“ auf „so viel wie notwendig und so gut wie möglich“: „Das ist im Übrigen kein Aufruf zu Kerzenlicht und selbstgestrickten Öko-Pullis [...] Es ist der Unterschied zwischen einem Kleiderschrank, der passt, und einem, der überquillt.“

Sarina Spiegel singt hier kein Hohelied auf das Ende des Kapitalismus. Sie ruft auf zu einer Wirtschaftswelt, in der wieder Akkorde mehrerer Stimmen zu hören sind. Und macht klar, dass dies notwendig ist gegenüber der zunehmenden Verarmung durch das Anschlagen von immer nur einund derselben Taste: Wachstum, Wachstum, Wachstum. ANDREAS KREMLA

Anti-Bullshit-Jobs, Anti-Kapitalismus, Anti-Patriarchat: das Vermächtnis des Lieblings der Linken David Graeber

Er war Professor für Anthropologie an der renommierten London School of Economics und wurde als Verfasser von Weltbestsellern wie „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“ (2012) und „Bullshit Jobs: Vom wahren Sinn der Arbeit“ (2018) zum Popstar der Linken. Vielleicht ist es nicht die „ultimative heimliche Wahrheit“, wie der posthum erschienene Essayband von David Graeber (1961–2020) betitelt ist, die man über den Vordenker von „Occupy Wallstreet“ erfährt. Hinweise zu dessen akademischem Anarchismus finden sich aber zuhauf.

Graeber griff in seinem Denken ein wildes Gemisch aus Feminismus, spiritueller Tradition der Quäker, Anti-Atombewegung und brasilianischen und indischen Bauernbewegungen ebenso auf wie die Aktionen der Anti-Globalisten mit ihrem Protest gegen den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank. An die Adresse Letzterer schreibt er sarkastisch: „Wir wissen heute, dass die Märkte sich nicht selbst führen und dass die Leute, die sie führen, keineswegs unglaubliche Genies sind, die wir unmöglich verstehen können.“

In der „Wutrede über die Arbeit“, einer Kürzestversion seines Bestsellers „Bullshit Jobs“, heißt es in der für Graeber typischen Lakonie: „In unserer Gesellschaft scheint es die Regel zu sein, dass man umso we-

niger für eine Arbeit bezahlt wird, je mehr sie anderen Menschen nützt.“ Er polemisiert gegen die Wirtschaftswissenschaft, in einer Diskussion mit dem Starökonomen Thomas Piketty kommt Graeber zu dem Schluss, dass dem Neoliberalismus politische und ideologische Erwägungen wichtiger seien als wirtschaftliche.

Im Essay „Kultur als kreative Ablehnung“ sinniert Graeber, der sich einst auch als ethnografischer Feldforscher mit der Sklaverei auf Madagaskar befasste, über das Patriarchat und „heroische Gesellschaften“, um schließlich bei Homer und der Bibel zu landen. „Alle heroischen Gesellschaften lehnen gewisse Merkmale der in der Nähe gelegenen Kulturen ausdrücklich ab, so den Handel und insbesondere die Schrift. Der Ersatz sind in der Regel Dichter oder Priester, die Geschichten auswendig lernen oder raffiniert Techniken mündlicher Dichtung anwenden: Geld wird, sowohl in seiner materiellen Form wie auch als Kredit, gemieden.“

Man mag hinter solch hochgebildeten Reflexionstiraden den Aktivisten Graeber im Selbstporträt erkennen. Der ist aber schon weiter und singt ein Loblied auf die „Hassrede“, die im 21. Jahrhundert endgültig tabuisiert worden sei: „Es würde uns gut anstehen, meine ich, ein bisschen von der Welt der Antike zu lernen. Der Hass auf die Ungerechtigkeit kann eine Form der Tugend

David Graeber: Die ultimative heimliche Wahrheit der Welt. Klett-Cotta, 400 S., € 28,80

sein.“ Über selbstgefälliges Rabaukentum hinaus gehe es als „Ausdruck kollektiver Liebe“ darum, „Netze des Hasses durch solidarische Praktiken aktiv zu überwinden“.

Wem derlei zu fromm anmutet, der lese den Essay „Tote Zonen der Fantasie“, Überlegungen zu Gewalt und Bürokratie mit Merksätzen wie diesem: „Polizisten sind in erster Linie Bürokraten mit Waffen.“ Der moralphilosophische Traktat unternimmt Sidesteps zu Sherlock Holmes und James Bond und bringt schließlich in der Analyse des Polizisten gar Max Weber, den Ahnherrn der modernen Soziologie, ins Spiel: In der Populärkultur der Fernsehserien wurde der Polizist zur Identifikationsfigur, was selbst die Bürger einer Industriegesellschaft dazu bringe, die Weltsicht der Polizei zu übernehmen.

Am Ende steht ein mehrteiliger Essay über zeitgenössische Kunst als – wie könnte es anders sein?! – Ableger der Finanzbranche. Ausgangspunkt ist dabei die Idee, Kunst als Leitprinzip der Befreiung zu verstehen, sprich: Jeder Mensch ist ein Künstler. Dem gegenüber steht die noch immer vorherrschende romantische Idee vom Künstlergenie. Der im Alter von 59 viel zu früh verstorbene David Graeber verfügte über die seltene Doppelbegabung, beides zu sein – Genie und Alltagskünstler. ERICH KLEIN

Die Würde des Expresszustellers

In „Ich fahr Pakete aus in Peking“ erzählt Hu Anyan von seinen 19 Niedriglohnjobs in den Megastädten Chinas

Die Halle, in der Hu Anyan Nachtschichten schiebt, ist so groß wie zehn Fußballfelder, sie gehört zum größten Logistikzentrum in ganz China. „Sobald sich der Abend über die Sortierhalle senkte, war ein ununterbrochenes Rumpeln zu hören, so tief und schwer wie ein fernes Donnergrollen. Es war das Geräusch der über hundert Gabelstapler, die über den Boden rollten und wie fleißige Ameisen die entladenen Pakete auf die verschiedenen Sortierteams verteilten.“ Hus Job ist es, Pakete aus riesigen Säcken zu kippen und sie nach ihrem Bestimmungsort zu ordnen.

Die Hälfte der Neuen in der Firma kommt über die drei unbezahlten Probetage nicht hinaus. Die Arbeit ist körperlich schwer, die Hackordnung streng. Die Schichten dauern täglich von sieben Uhr abends bis sieben Uhr früh, zwei Tage im Monat frei. Manchmal stirbt jemand in der Sortierhalle oder nach Schichtende. Während Hu Anyan im Unternehmen arbeitet, trifft es einen Verlader. „Es hieß, er habe wie verrückt geschuftet, um in einer Nacht zwei Lastwagen zu beladen. Als er dann nach Hause kam und sich schlafen legte, ist er nicht mehr aufgestanden.“

„Ich fahr Pakete aus in Peking“ war in China 2023 das Buch-Ereignis des Jahres. Hu Anyan, Jahrgang 1979, berichtet darin von den 19 Jobs, denen er nach seinem Highschool-Abschluss nachging. Die meisten davon in jenen Dienstleistungen, ohne die der Alltag in der westlichen Gesellschaft zusammenbrechen würde: Hu war Paketzusteller, Kellner und Sicherheitsmann, er jobbte im 24-Stunden-Markt, in der Kantinenküche und an der Tankstelle.

Jahrelang zog er von einer Großstadt in die nächste, mit nichts außer ein paar Kleidern und Büchern. Er berichtet von Niedriglöhnen, Übermüdung, schikanösen Chefs. Die stete Grundbotschaft: Wenn du den Job nicht machen willst, stehen zehn andere bereit. Damit erzählt das Werk nicht nur viel über das heutige China. Die Zumutungen, die Hu erlebt, erfahren in unterschiedlicher Ausprägung auch Menschen in anderen Ländern, seien es Essenskuriere oder Amazon-Mitarbeiter – selbst Beschäftigte in White-Collar-Jobs sind nicht davor gefeit. In China erlebt Hu den Übergang einer ehemals kommunistisch organisierten Gesellschaft in eine, die von der kapitalistischen „Freiheit“ überrollt wird. Die Eltern hatten noch geregelte Laufbahnen und lehrten ihre Kinder, sich unterzuordnen. Und nun finden sich diese Kinder völlig unvorbereitet in einer Art Wildem Westen wieder, für den Arbeitnehmerrechte und Schutzgesetze Fremdwörter sind.

Nach seinem Job als Paketsortierer übersiedelt Hu nach Peking und heuert bei einem der größten Paketlieferdienste des

Wenn eine

Minute 0,5 Yuan wert war, dann kostete Pinkeln einen Yuan

Landes an. Dieser Arbeit als Expresskurier widmet der Autor das längste Kapitel. Allein der Jobeinstieg gleicht einer Sisyphos-Unternehmung. Stundenlang lässt das Unternehmen die Bewerber in kahlen Gängen sitzen, bis endlich ein Personalmanager des Weges schlurft. Fragen der Bewerber werden ignoriert, dafür die Neuen in geradezu kafkaesker Manier quer durch Peking gejagt, von einem Büro zum nächsten.

Dann noch der Gesundheitscheck, der zu absolvieren ist – auf eigene Kosten, versteht sich. Nicht nur müssen die Bewerber damit Höchstpersönliches vor dem Unternehmen offenlegen, der Test kann wie im Fall von Hu auch so ausgehen: „Wir können Sie nicht einstellen“, schmeißt eine Mitarbeiterin ihm das Papier zurück. Ein Blutwert falle aus der Norm. Da hat Hu aber schon eine Woche ohne Lohn gearbeitet. Beim zweiten Check passen die Werte, doch nun heißt es plötzlich, die Obergrenze für Neueinstellungen sei erreicht. Man könne ihn zunächst nur stundenweise aufnehmen. Das heißt: ohne Mindestlohn, ohne Sozialversicherung. Als Hu sich später, bei einem anderen Paketdienst, eine Lungenentzündung einfängt, erhält er kein Krankengeld und muss die Behandlung alleine zahlen.

All das hindert einen der Manager, einen Ex-Militärkommandanten, nicht daran, die übermüdeten Kuriere mehrmals pro Woche zu spätabendlichen – unbezahlten – Meetings zu bestellen. Deren Zweck: schlechter performende Zusteller zu beschämen. Einmal lässt er einen Mitarbeiter sogar Liegestütze machen. Das ist der Punkt, an dem der Autor sich davonschleicht. „Sie konnten mich feuern, aber ich würde mich nicht demütigen lassen.“ Er geht nie mehr zu den Versammlungen, gefeuert wird er nicht.

So trist all dies klingt, lässt der Autor dennoch oft trockenen Humor durchblitzen. Unvergesslich die Schilderung, wie Hu nach wochenlangem Warten sein „Trike“, das dreirädrige Transportgefährt, abholen soll. Doch das Angebot enttäuscht: „Die meisten Türen ließen sich nicht schließen, die Dächer waren voller Löcher, durch die es regnen würde. […] Ein Trike hatte sogar verschiedene Hinterräder, sodass es schief stand.“ Eines auszusuchen, ist, „als müsste man aus einem Haufen Kekse, die auf den Boden gefallen waren, das am wenigsten schmutzige aussuchen“. Zurück in der Stadt, springt das Trike nicht mehr an. Dass die Kuriere nach der Zahl zugestellter Pakete bezahlt werden und verlorene Pakete selbst ersetzen müssen, erhöht den Druck weiter. Um keine Verluste zu machen, so Hus Rechnung, musste er alle vier Minuten ein Paket liefern. Er beginnt, alles als Kostenfaktor zu sehen: „Wenn eine Minute 0,5 Yuan wert war, dann kostete Pinkeln einen Yuan.“ Und weil die Kunden

einem Kurier durch eine fiese Bewertung Probleme einhandeln können, geben diese selbst unverschämten Wünschen nach.

Auch hier entbehrt es nicht der Komik, wenn der Autor von einem shoppingsüchtigen Kranfahrer erzählt, der jedes Mal, wenn Hu ihm ein Paket übergeben will, hoch in der Luft schwebt und es nicht annehmen kann. Oder wie er einmal einer alten Frau einen Roboter liefert – nicht nur einmal erklärt Hu betagten Herrschaften, wie das frisch gelieferte Gerät zu bedienen ist.

Die Leser ahnen es schon: Auch in diesem Job wird unser Protagonist nicht alt. Wird ein Boss gar zu bossy oder finanziert der Lohn das ohnehin karge Leben nicht mehr, zieht Hu weiter.

Was der Autor erst spät im Buch verrät: dass er über all die Jahre Tagebuch führte und sich manchmal zwischen zwei Jobs eine Auszeit nahm, in der er sich dem Lesen und Schreiben widmete.

Am Ende des Buchs denkt Hu darüber nach, was Arbeit sein soll und ob Freiheit auch trotz widriger Bedingungen möglich sei. Ja, glaubt er: Freiheit sei „eine Frage des Bewusstseins, und weniger etwas, das man besitzt“. Er selbst sucht Halt in der Literatur, bei Virginia Woolf, Robert Musil. Dort findet er Vorbilder, Menschen mit niedrigem sozialen Status, deren Geist aber „edel und rein“ bleibt. Auch sich selbst beschreibt der Autor als jemanden, der im Zweifelsfall einen finanziellen Vorteil sausen lässt. Ob das auch andere Menschen, die Erschöpfung und Existenzangst erdrücken, trösten kann? Schreibt Hu doch selbst im Kapitel über die Logistikfirma, ein solches Arbeitsumfeld mache Menschen „abgestumpft und gleichgültig“. Doch auch wenn Hu Millionen von Menschen eine Stimme gab, so will er kein Aktivist sein und formuliert auch keine Forderungen.

Was kein Wunder ist, schließlich ist das Buch im autoritären China erschienen. Viel erstaunlicher ist, dass es überhaupt durch die Zensur kam. Tatsächlich erklärte die Kommunistische Partei es zum „Must-read“ für chinesische Bürger, kritisiert sie doch selbst kapitalistische Auswüchse und die Macht großer Tech-Konzerne. Und doch ist eine Passage – es ging um den Suizid eines Arbeiters – aus dem Manuskript verschwunden, schreibt die Financial Times Hu Anyan kann inzwischen vom Schreiben leben. Aktivist ist er nach wie vor keiner: In seinem Buch „Living in Low Places“ betont er den Wert des Alltäglichen. Er wolle weder „belehren noch Probleme lösen“, das sei nicht die Aufgabe von Literatur. „Dennoch kann Literatur auf eine Weise beeinflussen, die zwar nicht unmittelbar oder greifbar ist, aber dennoch grundlegend und tiefgreifend sein kann.“

GERLINDE PÖLSLER

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Hu Anyan:
Ich fahr Pakete aus in Peking. Suhrkamp, 295 S., € 23,70

Wo wären wir

ohne sie?

Henning Sußebach rekonstruiert das Leben seiner Urgroßmutter, ohne deren Mut es ihn nicht gäbe

Tief im Sauerland, Westfalen, im Jahr 1887. Eine junge Frau kommt die steile Straße hinauf ins Dorf Cobbenrode. Sie hat viel Gepäck dabei. „Anna ist 20 Jahre alt und soll die neue Dorfschullehrerin werden.“

Mit dieser Szene beginnt Henning Sußebach das Buch über seine Urgroßmutter, von der er bei Familienfeiern immer viel reden hörte. Vor zwei Jahren begann der Zeit-Redakteur ihre Lebensgeschichte zu erforschen. Entstanden ist ein anrührendes Porträt einer Frau, die sich gegen die Regeln ihrer Zeit erkämpfte, was sie wollte: Männer, Beruf, Freiheit.

Erst schien es, als gäbe es kaum Zeugnisse ihrer Existenz: zwei Poesiealben, ein paar Fotos, wenige Postkarten. Doch mit Hilfe vieler Menschen trieb der Autor Kirchenbücher, Schulchroniken, Katasterkarten auf.

Die Kindheit der Gastwirtstochter Anna währt kurz, denn als sie zwölf ist, stirbt der Vater. Die Mutter kann das Haus nicht halten. Sie verheiratet die älteren Töchter, Anna schickt sie in eine Klosterschule in die Niederlande: Sie soll Lehrerin werden.

Immer wieder lässt der Autor die Leser daran teilhaben, was ihm beim Nachforschen durch den Kopf geht. Wäre es Anna recht, dass er in ihrem Leben wühlt, sie analysiert? Dass er etwa ein Studiofoto von ihr als 20-Jährige betrachtet und in ihrem Lächeln eine „angriffslustige Ausstrahlung“ entdeckt?

In Cobbenrode ist die Neue als Lehrerin zwar eine Autorität, ihr Aktionsradius ist dennoch äußerst begrenzt. Sie bewohnt die Dachkammer oberhalb des Klassenzimmers. Als alleinstehende Frau kann sie kaum am Gesellschaftsleben teilnehmen: Allein ins Gasthaus oder auf ein Fest zu gehen gilt als unschicklich. Auch darf sie als Lehrerin nicht heiraten, tut sie es doch, muss sie ihren Posten quittieren: Einen Beruf auszuüben und zudem Mann und Kinder zu versorgen, ist undenkbar. Der Urenkel kann sich nur ausmalen, wie einsam die junge Frau gewesen sein muss.

Doch da tritt Clemens ins Bild, der begehrteste Junggeselle im Dorf. Spross der Familie Vogelheim, dem Machtzentrum im Ort: Landwirte mit Gasthof, Post und Handel. Clemens ist weltoffen, spielt Theater, kurvt mit einem der ersten Fahrräder im Dorf herum. Die beiden verlieben sich. Im Poesiealbum findet sich der Eintrag des 20-Jährigen an die 24-jährige Anna. Er zitiert Heinrich Heine: „Du bist wie eine Blume, So hold und schön und rein; Ich schau dich an, und Wehmut Schleicht mir ins Herz hinein.“ Das schreibt er in einer alten stenografischen Schrift, die kaum jemand entziffern kann. Denn: Die Ver-

bindung darf nicht sein. Der Vater verbietet es, wäre doch jedes Mädchen im Dorf eine bessere Partie als Anna. Clemens heiratet aber auch keine andere. Die Jahre ziehen ins Land. Sußebach fragt sich, wo die beiden sich treffen: Wie könnte in dem kleinen Dorf etwas unbeobachtet bleiben?

Das ganze Buch hindurch verknüpft Sußebach Annas Biografie mit der Weltgeschichte. 1900: Baden lässt Frauen uneingeschränkt zum Hochschulstudium zu. 1901: In Stockholm werden die ersten Nobelpreise verliehen. 1902 wird nicht nur ein junger Bolschewik deportiert, den die Welt später als Stalin kennenlernt: In Cobbenrode stirbt auch Clemens’ Vater. Am 4. Juli 1903 heiraten Anna und Clemens. Nach zwölf Jahren des Wartens.

Doch Ende September gerät Clemens in eine Dreschmaschine und stirbt: nach nur zwölf Wochen Ehe. Anna übernimmt alle Geschäfte –gegen den Willen von Clemens’ Familie. Sie sei dominant, „ein Donnerwetter“, heißt es. Und sie ist schwanger.

Neben der Versorgung ihres kleinen Sohnes führt Anna nun den Gasthof und bedient das einzige Telefon im Ort. Fünf Jahre später heiratet sie ein zweites Mal: den neuen Dorflehrer. Da ist er 24, sie 43. Mit fast 45 bringt sie eine Tochter zur Welt. Sie wiegt gerade so viel wie „anderthalb Brote“, eineinhalb Kilo. „Maria, das Kind gegen alles Gerede, alle Konventionen, alle Wahrscheinlichkeiten, überlebt“, schreibt Sußebach, „und wird später selber Kinder gebären, vier Töchter, die wiederum 13 Kinder haben werden: Eines davon bin ich.“

Was nimmt der Autor aus seiner Familienforschung mit? Für ihn ist nun klar: „Wir unterschätzen so viele gelebte Leben.“ Fast jeder Mensch werde wohl dem Treiben der Geschichte einmal die Stirn geboten haben. Und wir hätten das Bewusstsein dafür verloren, „dass wir ohne die Ideen, den Mut und das Durchhaltevermögen unserer Vorfahren heute nicht das Leben, die Rechte, die Freiheiten und Möglichkeiten hätten, die wir haben und die uns manchmal allzu selbstverständlich erscheinen“. Und oft fragt Sußebach sich: Was würde Anna denken, wenn sie uns heute zusähe? GERLINDE PÖLSLER

Henning Sußebach: Anna oder: Was von einem Leben bleibt. C.H. Beck, 205 S., € 23,70

Emotionen als Heimat und Hoffnung

Der Sozialpsychologe Harald Welzer denkt in „Das Haus der Gefühle“ über Herkunft und Zukunft nach

Viele Menschen plagt das Gefühl von Machtlosigkeit: Kriege, Hungersnöte, Epidemien, Trump, China und die Erderwärmung. Ein Blick in die Nachrichten genügt, um den Glauben an die Welt zu verlieren. Und der Einzelne kann, so scheint es, nichts tun. Doch ist das wirklich so?

Der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer beantwortet diese Frage auf rund 300 Seiten. Um sein neues Buch „Das Haus der Gefühle“ knapp zusammenzufassen: Er identifiziert ein Ohnmachtsgefühl, das aktuell ebenso universell zu sein scheint wie die Polykrise, und enttarnt es als ein Mittel, das einige Menschen nutzen würden, um sich im Alltag der Verantwortung zu entziehen. Doch stellt Welzer keine primär pessimistische Gegenwartsdiagnose. Im Gegenteil: Er nennt Beispiele, die zeigen,

So leben wir im dauerhaften Vorstadium, nur zwei sind nie da: der ideale Zustand und man selbst

HARALD WELZER

dass der Traum von der besseren Welt schon lange in der Realität angekommen ist. Die Menschen müssen sie nur wahrnehmen – und mitgestalten. Welzer, geboren 1958, ist Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg und Direktor der Stiftung Zukunftsfähigkeit FuturZwei. 2022 veröffentlichte er mit dem Philosophen Richard David Precht das Buch „Die vierte Gewalt“. Darin warfen die beiden den deutschen Medien einen Hang zur Mainstream-Meinungsmache vor. 2023 kritisierte er in „Zeiten Ende“ neben der medialen auch die politische Klasse, die sich viel zu weit von der sozialen Wirklichkeit im Land entfernt habe.

In „Das Haus der Gefühle“ versucht Welzer nun zu zeigen, was gesellschaftlich gut funktioniert. Der titelgebende Begriff bezieht sich auf ein Zitat des bekannten Filmemachers und Produzenten Alexander Kluge, das die Emotionen als Häuser beschreibt, in denen Menschen wohnen und die ihre Entscheidungen prägen. Deshalb könnten sich Faschismus und Populismus in Krisenzeiten auch so gut durchsetzen: weil sie die Gefühle der Menschen ansprechen. Und daher sei

es auch so wichtig, dass die Menschen einander zeigen, dass es noch Emotionen abseits von Angst und Hass gibt und sie stattdessen in diesen sicher gebunden leben können. Doch um wirklich in sich selbst ankommen zu können, muss vieles zusammenstimmen. Vor allem in frühen Jahren. Welzer schreibt: „Allerdings kann man gerade auch bei kleinen Kindern beobachten, dass ihre permanenten Exkursionen in das Neue immer die Rückversicherung im Vertrauten brauchen.“ Das kann ein Blick der Mutter sein oder auch ein Teddy. Beides sichert die Bindung des Kindes und ermöglicht Weltoffenheit. So konstatiert Welzer, dass „Zukunft ohne Herkunft“ nicht möglich sei. Denn auch später ist das Vertraute wichtig. Die ständige Suche nach Sensationen überfrachte ein Leben, das dann kaum noch im Jetzt stattfinde. „Man muss sich das Daseiende vergegenwärtigen, sich des Ortes versichern, von dem man ausgeht, sich auf den Weg macht“, so Welzer. Und ja, das gelte für alle Altersstufen. Welzer löst die Begriffe „Herkunft“ und „Heimat“ aus ihren üblichen Zusammenhängen und erweitert sie. Beide können in der Kindheit entstehen, aber auch in Freundschaften, in der Familie und in anderen Beziehungen – und natürlich an Orten. All das prägt unsere emotionale Architektur, und diese wiederum prägt die Gesellschaft in ihrer Ganzheit.

Von der Analyse kommt Welzer zur Gesellschaftskritik, die (fast) alle trifft –und tief schneidet. Etwa wenn er über die Konsummoderne nachdenkt: „So leben wir im dauerhaften Vorstadium, nur zwei sind nie da: der ideale Zustand und man selbst.“

„Das Haus der Gefühle“ beinhaltet viele spannende Gedanken. Der Informationsgehalt ist reichhaltig, die Lesart locker. Welzer bezieht sich auf zahlreiche Quellen, überfrachtet sein Werk aber nicht mit Theorie. Die positiven Beispiele bieten einen Rahmen, um über die Zukunft zu sinnieren. Das Buch analysiert kritisch und lenkt zugleich den Fokus auf den Optimismus. Welzer hat die Welt jahrzehntelang untersucht und glaubt immer noch an das Gute im Menschen: Allein das gibt Grund zur Hoffnung. CHRISTINA VETTORAZZI

Harald Welzer: Das Haus der Gefühle. Warum Zukunft Herkunft braucht. S. Fischer, 304 S., € 25,70

Müllimperialismus: Wie Abfall die Welt regiert

Die Geschichte, wie Müll von lokalen Deponien im globalen Süden landet und manche daran sehr gut verdienen

In Abwandlung eines Werbespruchs der Firma Müllermilch müssen wir uns heutzutage fragen: „Alles Müll, oder was?“ Denn das Gesamtgewicht der von Menschen gemachten Objekte reicht inzwischen an das der Biomasse des Planeten heran. Künstliche Dinge, von Wolkenkratzern über Autos, Computer bis zu Plastiktrinkhalmen, werden bald mehr wiegen als alle Bäume, Pflanzen, Tiere und Menschen zusammen. Oder noch deutlicher formuliert: Die Fähigkeit der Menschheit zur Produktion von Müll beziehungsweise von Dingen, die früher oder später zu Müll werden, übersteigt zunehmend die Kapazität des Planeten zur Produktion von Leben.

In „Der Krieg um unseren Müll“ (engl.: „Waste Wars“) legt der Journalist Alexander Clapp ein fesselndes Stück investigativen Journalismus vor. Während Roman Köster in seinem 2023 erschienenen Buch „Müll“ die Kulturgeschichte unserer Abfälle beschreibt, geht es bei Clapp um die Frage, warum unser Müll von einem Kontinent zum anderen transportiert wird und wie der scheinbar so banale Akt des Wegwerfens einen weltumspannenden Handel hervorbrachte, der wie ein Zerrspiegel der globalisierten Wirtscha , von Ausbeutung, Produktion und Konsum, wirkt.

Clapp ist als Reporter den Spuren des Mülls um die ganze Welt gefolgt und hat mit Menschen gesprochen, die vom Handel mit Müll profitieren, ihn verarbeiten und illegal entsorgen, sowie mit jenen, in deren Umwelt die Abfälle deponiert werden. Die aktuelle Müllbilanz der Welt ist astronomisch. Woche für Woche produziert die Menschheit ihr Eigengewicht an neuen Waren, von denen sechs Monate nach dem Kauf nur noch geschätzt ein Prozent in Gebrauch sind. Tag für Tag werden 1,5 Milliarden Plastikbecher, 120 Millionen Kilogramm Textilien, 220 Millionen Aludosen und drei Millionen Autoreifen weggeworfen. So wurden zum Beispiel in der Minute, die Sie brauchten, um diese Zeilen zu

Wenn Sie wissen wollen, wie der Müllhandel funktioniert, denken Sie an den Drogenhandel

TEODOR NIŢĂ

lesen, eine weitere Million Plastikflaschen weggeworfen und eine weitere Lastwagenladung Müll ins Meer gekippt.

Aber dieses Buch bietet weitaus mehr als diese deprimierenden Zahlen und Fakten. Clapp erzählt Geschichten, bietet lebendige Gespräche mit Augenzeugen, erzeugt greifbare Bilder von jenen Gegenden, in denen Müll sowohl Lebensgrundlage als auch Gefahr für die Umwelt ist.

„Abgründe eines globalen Milliardengeschä s“ ist der Untertitel des Buchs, das die erschreckenden Dimensionen dieses globalen Wirtscha szweigs aufzeigt.

„Wenn Sie wissen wollen, wie der Müllhandel funktioniert, denken Sie an den Drogenhandel. Mit dem Unterschied, dass der Müll von den reichen in die armen Länder kommt“, zitiert Clapp Teodor Niţă, einen rumänischen Staatsanwalt, der die illegale Entsorgung aus Westeuropa verfolgt.

Als der US-amerikanische Publizist Vance Packard in seinem 1964 erschienenen Buch „Die große Verschwendung“ erstmals die Folgen des Überkonsums der Nachkriegsgesellscha aufdeckte, blieb Müll noch in dem Land, in dem er produziert wurde. Doch seit den 1980er-Jahren wurde ein Teil unserer Abfälle nicht mehr in Deponien vor Ort entsorgt, sondern überquert Grenzen und Meere. Aus Abfällen, die man in die nächste Tonne warf und vergaß, wurde ein Exportgut. Besonders gewinnträchtig war dabei weniger der Müll selbst, sondern vor allem dessen Transport.

Besonders augenöffnend sind die Passagen, in denen Clapp die Illusion von Recycling entlarvt. Wer glaubt, dass die brav gesammelten und in die Recyclingtonne geworfenen Plastikabfälle die Umwelt schonen, muss sich einer anderen Wirklichkeit stellen. Hersteller könnten jedes Material als „wiederverwertbar“ deklarieren, selbst wenn es niemand recycelt. Die Realität: Ein Großteil der angeblich recycelten Materialien wird nur in den globalen Süden exportiert, verseucht Böden in Mexiko, endet als

brennende Elektroschrott-Halden in Ghana und erzeugt tödliche Dämpfe über indischen Dörfern.

„Beim illegalen Handel mit Holz oder Elfenbein verlieren Länder wertvolle Rohstoffe“, erklärt ein Leiter der Sonderermittlung von Interpol die Motivlage der Industrieländer. „Aber wenn Müll außer Landes geschafft wird, entledigen sie sich einer Bürde. Sie haben allen Anreiz, ihn einfach ziehen zu lassen. Es ist ein Geschä von unfassbaren Dimensionen.“

Clapps Analysen durchbrechen den Mythos der individuellen Verantwortung. Nicht das richtige Trennen rettet den Planeten, sondern die Reduktion der Warenproduktion. Müll ist kein individuelles, sondern ein systemisches Problem und damit eine politische Frage.

Das Buch ist ein Weckruf, der die Bequemlichkeit unserer grünen Punkte, gelben Sammelsäcke und Marketingversprechen von angeblich umweltschonenden Materialien zerstört.

Clapp bemüht sich stilistisch um Sachlichkeit, doch er schreckt auch vor provokativen Formulierungen nicht zurück. Man spürt seine persönliche Betroffenheit und kann gut nachvollziehen, wie er in den zwei Jahren seiner Reisen zu den Hotspots der Müllentsorgung immer tiefer in die Abgründe von globalen Firmennetzwerken, politischer Korruption und toxischer Umweltzerstörung eintauchte.

„Der Krieg um unseren Müll“ ist ein heftiges, brillant recherchiertes Buch, das Reportage, Analyse und persönliche Erlebnisse so gekonnt verbindet, dass man stellenweise meint, einen Kriminalroman zu lesen. Die Mechanismen und Auswüchse der Müllwirtscha sollten im Zentrum der Klimadebatte stehen. Nachdem man dieses Buch gelesen hat, müssen wir uns der Frage stellen, ob wir weiter im Müllimperialismus leben wollen oder bereit sind, die Kosten unseres Konsums selbst zu tragen. PETER IWANIEWICZ

Alle Mann zurück!

Paul Kingsnorth gilt als „gefährlicher“ Denker. Mit seinem Essay wagt sich die Naturkunden-Reihe auf unsicheres Terrain

W enige Jahre bevor er 1992 verarmt in einem Wiener Pflegeheim verstarb, zog der Philosoph Günther Anders bittere Bilanz. Jahrzehntelang hatte er mit seinen Büchern vor der „Endzeit“ gewarnt. Dann kam Tschernobyl – und Anders zum Schluss, dass es am Ende notwendig und legitim sei, auch mit Gewalt gegen „Technokraten“ und Atomlobbyisten zu kämpfen. Mit „Blümchenüberreichen“ komme man den Zukunftsvernichtern nicht bei.

Die Frage, was angesichts der sich verschärfenden Klimakrise zu tun sei, treibt auch den britischen Autor und früheren Klimaaktivisten Paul Kingsnorth um. Als Stichwortgeber für seinen im Original bereits 2013 veröffentlichten Essay „Dunkle Ökologie“ dient ihm einer, der in seinem Zivilisationsverdruss noch viel weiter als Anders ging: Der Unabomber Ted Kaczynski überzog die USA zwei Jahrzehnte lang mit tödlichem Terror, die Argumentation in seinem Manifest „Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft“ liest sich wie eine Trivialversion von Anders’ „Antiquiertheit des Menschen“. Kingsnorth hält Kaczynskis Beweisführung für „überzeugend“ und ist damit nicht allein: Auch im Internet sind „Uncle Ted’s“ Thesen wieder überraschend populär. In aller Kürze: Das „industriell-technologische System“, zu dem sich ein obskurer „Leftismus“ als Feindbild gesellt, verhindere die

freie Selbstverwirklichung des Menschen und zerstöre den Planeten. Da ist für besorgte Mitmenschen aller möglichen ideologischen Richtungen etwas dabei.

Kingsnorth, der Kreditkarte und Smartphone meidet, folgt dieser Kritik und prangert in seinem gut geschliffenen Essay den quasi-religiösen Mythos der modernen Fortschrittserzählung an. Das System, das bei Kingsnorth „die Maschine“ heißt, sei nicht reformierbar, sowohl die grüne Bewegung als auch die technologie- und marktverliebten „Neoumweltschützer“ würden scheitern, schreibt er. Die drohenden Folgen: zivilisatorischer Kollaps und Ökozid. So weit, so dunkel. Wie Kaczynski, der sich 2023 in Haft suizidierte, hat auch Kingsnorth alle Hoffnung fahren gelassen: „Wenn Sie in Zeiten wie diesen nicht verzweifeln, dann leben Sie nicht wirklich“, heißt es gegen Ende des Textes. Nur in der Wahl der Waffen will der Essayist dem Bomber nicht folgen. Die Maschine ließe sich weder zähmen noch zerstören. Daher sei auch – und das ist die vielleicht „gefährlichste“ Passage des Textes – politisches Engagement Zeitverschwendung. Kingsnorth legt stattdessen den „Rückzug“ nahe, eine forschende Einkehr. Er ermuntert zum Schutz nichtmenschlichen Lebens, dazu, die Sense zur Hand zu nehmen, körperliche Arbeit zu leisten, und regt den Bau von

Der Geschmack der Welt

„Rückzugsorten“ an – um „das zu erhalten, was einen Wert hat“. In neueren Texten, die er nach einer fantastischen spirituellen Reise, die ihn vom Buddhismus über einen Wicca-Hexenkonvent zur rumänisch-orthodoxe Kirche führte, schrieb, zählt er dazu nun auch traditionelle Kultur, Familie und Religion. In der „Dunklen Ökologie“, ein übrigens ohne Verweis beim britischen Philosophen Timothy Morton entlehnter Begriff, ist dies nur angedeutet.

Kingsnorths Essay enthält wenig wirklich originäre Ideen, bringt aber eine Zeitspannung auf den Punkt, in der zwischen Dringlichkeit der Krise und Apathie viel Raum für Apokalyptiker, Kollapsologen und Esoteriker bleibt. Dieser Raum, ist zu befürchten, wird künftig nicht kleiner. Die Dringlichkeit der Zeit will auch die Aufmachung des Bandes spiegeln, einer von zunächst vier kürzeren Essaybändchen, die zeitgleich bei Matthes & Seitz erschienen sind. Die Aufmachung erinnert an aktivistische Gebrauchstexte, weniger an das elegant verpackte Nature Writing, wie man es von der Naturkunden-Reihe gewohnt war. „Wir glauben, dass es jetzt an der Zeit ist, agiler zu werden, deutlicher, ja, aufrührerisch“, schreibt die Herausgeberin Judith Schalansky im Verlagsprogramm. Gut, dass zudem auf ökologisch zertifiziertem Papier gedruckt wurde. THOMAS WOLKINGER

Original und Kopie, Stil und sein Bruch: Ulrich Raulff rollt einen bunten kulturwissenschaftlichen Teppich aus

W er eine Geschichte des Geschmacks verfassen will, muss sich früh entscheiden – eigentlich. Das postuliert Ulrich Raulff in seinem jüngsten Werk „Wie es euch gefällt“. Die Wege dorthin definiert er so: „Der eine führt über die lichten Höhen des Diskursiven, auf dem Wegweiser steht ,Zu den ästhetischen Theorien‘ … Der andere führt in die sonnigen Täler des Interior Designs, der Kochbücher und Kostümgeschichten.“

Dankenswert, dass Raulff selbst sich nicht zwischen diesen Pfaden entscheidet. Beide sind ihm als einem der vielseitigsten deutschsprachigen Feuilletonisten (FAZ, SZ) vertraut, wie seine Publikationen beweisen. Neben einem theorie-euphorischen Werk über die intellektuelle Szene Frankreichs in den 1970ern findet sich eine liebevoll-elegante Kulturgeschichte des Pferdes; Arbeiten über den Kreis um den Lyriker Stefan George sowie die Gedankenwelt des Kunsthistorikers Aby Warburg zeigen den Autor als intimen Kenner so exklusiver wie einflussreicher geistiger Zirkel. Durch seine Tätigkeit als Übersetzer haben ihn bedeutende französische Theoretiker wie Michel Foucault und Pierre Bourdieu beeinflusst, mehr noch die phänomenologische Herangehensweise von Roland Barthes geprägt. Paris, London, Florenz, Berlin sind markante Stationen in Raulffs Laufbahn, bevor

er Leiter des Deutschen Literaturarchivs in Marbach wurde. Von überall hat er „Geschmackvolles“ mitgebracht und zu einem bunten kulturwissenschaftlichen Teppich verwebt, den er hier ausbreitet.

Einen Eindruck vom Raffinement, das scheinbar Gegensätzliches in Verbindung bringt, vermittelt bereits das Eingangskapitel: Audrey Hepburn im kleinen Schwarzen und der Pappbecher des coffee to go –„Frühstück bei Tiffany“ – trifft auf Johann Joachim Winckelmann, den deutschen „Urvater“ des Klassizismus. Original und Kopie, der Stil und sein Bruch können einander ergänzen – oder ausschließen!

Das Spannungsfeld von Austausch und Nachahmung umkreist Raulff in den darauf folgenden Miniaturen – „Zum Schönen führt nicht ein Prinzip, sondern eine tastende Suche.“ Ein besonders fruchtbares Feld dieser Wechselbeziehung von künstlerischer Weiterentwicklung und (auch) kultureller Aneignung stellt die Geschichte von Keramik und Porzellan dar, die Kontinente überschreitet und Jahrtausende dauert. Das beginnt mit dem Hin und Her von vorderasiatischen und fernöstlichen Waren, führt Jahrhunderte später zur Rezeption in Europa (Delft, dann Meißen) und einer letzten Blüte in England. Raulff zeigt die Beziehungen zwischen technischem Fortschritt, Markt und Publikumsgeschmack und schlägt Bögen zu Gartenkunst und Malerei.

Ein zentrales Thema ist das Verhältnis zwischen Europa und der restlichen Welt, das zunehmend als ausbeuterisch gesehen wird. Dafür liefert Raulff originelle Beispiele, wie das Auftauchen von Teppichen in der abendländischen Kunst. Erst Beutestücke aus dem Orient, werden sie durch ihr Abbild bei Flamen und Italienern „eingemeindet“.

Die Bandbreite der Themen ist schier unbegrenzt: Da gibt es ein Kapitel über USPräsident Thomas Jefferson als klassizistischen Architekten. Madame Pompadour wird als erste Influencerin eingeführt, daran schließt die Entwicklung des französischen Kunsthandels durch die jährlichen „Salons“ an. Wesentlich für die Geschmacksbildung sind ab 1851 die Weltausstellungen. Dazu erzählt der Autor, wie man 1855 in Paris versuchte, als Konkurrenz der in London gefeierten Produkte französische Marken aufzubauen, etwa durch die noch heute bestehende Klassifizierung der Grand-CruWeine des Bordeaux.

So flaniert der Autor in einer veritablen Grand Tour durch die kulturelle Vielfalt der Welt. Hinter dem eingängigen Buchtitel verbirgt sich ein so raffinierter wie fintenreicher Text. Zwar setzt er so viel Wissen voraus, dass sein Leserkreis eher schmal sein wird – diesem allerdings wird er sehr viel Spaß bereiten.

THOMAS LEITNER

Paul Kingsnorth: Dunkle Ökologie. Matthes & Seitz, 54 S., € 8,30
Ulrich Raulff: Wie es euch gefällt. Eine Geschichte des Geschmacks. C.H. Beck, 480 S., € 37,10

Abgesänge auf den Westen liest man heute täglich. Europa habe machtpolitisch abgedankt, das globale Machtzentrum liege kün ig in Ostasien. Aber zuvor, das ist die nicht hinterfragte Annahme, war „der Westen“ der Impulsgeber der Weltgeschichte. „Unsere“ abendländische Kultur geht wiederum auf unser griechisch-römisches Erbe zurück, dem wir die Grundlagen der Demokratie, des Rechts, der Philosophie, Kunst und Literatur und auch des Imperiums verdanken. Noch so eine nicht hinterfragte Annahme.

Mit „Der Westen. Eine Erfindung der globalen Welt. 4.000 Jahre Geschichte“ meldet Josephine Quinn, Althistorikerin an der Universität Cambridge, fundamentalen Widerspruch an. In der deutschen Übersetzung ist der Titel etwas umständlich geraten. Der Originaltitel ist knackiger und klarer: „How the World Made the West. A 4,000-Year History“.

Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die Globalgeschichte zu einem hippen Feld der Geschichtswissenscha geworden. Die nationale Geschichtsschreibung trage Scheuklappen, nur durch einen umfassenden Blickwinkel ließen sich historische Prozesse verstehen. Schön und gut, sagt Quinn, nur beginnt Globalgeschichte stets mit der Entdeckung Amerikas und dem Entstehen der europäischen Kolonialreiche. So ist ihr Buch eine selbstgestellte Herausforderung: „Ich zeige euch jetzt mal, dass die Globalisierung schon 4000 Jahre früher losging.“ Quinn entfaltet ein beeindruckendes historisches Panorama von 2500 v. Chr. bis 1492, von der Bronzezeit bis zu Kolumbus, das neben Europa fast ganz Asien und große Teile Nord- und Westafrikas miteinbezieht. Also nicht die ganze Welt, aber sehr viel mehr als nur „der Westen“.

Quinns Buch ist eine lange Prozession von Stadtstaaten und Königreichen, kleinen und großen Imperien, Seefahrer- und Handelsvölkern. Sie tragen Namen, die o nur noch Spezialisten kennen: Assyrer, Punier, Umayyaden, Etrurier, Ugarit, Skythen, Pontos, Parther, Garamanten. Dazu gesellen sich Hafen- und Oasenstädte mit enormer kultureller Ausstrahlung wie Tyros, Mykene, Palmyra, Thera, Karthago und Massalia, von denen heute meist nur wenige Ruinen zeugen.

Quinn zitiert auch DNA-Studien von Gräbern, die die hohe Mobilität der Bestatteten belegen, ebenso wie Isotopenanalysen, die etwa zeigen, dass Kupfer aus Zypern bereits im 16. Jahrhundert v. Chr. (!) bis nach Schweden gelangte. Auch wenn ihr Schwerpunkt auf dem Mittelmeerraum liegt, so erzählt Quinn doch auch von chinesischen Expeditionen gen Westen, der Bedeutung des Indischen Ozeans als Verkehrsader und Goldkarawanen durch die Sahara. Fernhandel, blutige Kriege, Eroberungsfeldzüge und Migration verbreiteten neues Wissen und innovative Techniken in alle Himmelsrichtungen: Schri - und Rechensysteme, Architektur, Keramik, Waffenund Schiffsbautechnik, Landwirtscha und Besteuerungssysteme.

Aber nicht nur Waren, Kapital und Technologien strömten durch die Alte Welt, sondern auch Geschichten. Homers „Ilias“ und „Odyssee“, die Urtexte abendländischer Literatur, stecken voller Motive und Narrative noch älterer Erzählungen. Aber „Austausch führt nicht zu unreflektierter Nachahmung“. Quinn identifiziert Imitation und kreative Adaption als entscheidende zivilisatorische Muster. Nicht zuletzt dank dieser Fähigkeit,

Globalisierung 0.0

Ganz ohne Ehren, dafür umso überzeugender: Althistorikerin Josephine Quinn begräbt den Mythos des Westens

sich alles Nützliche einzuverleiben, stieg Rom zur antiken Supermacht auf. Die Römer waren gerissene Raubkopierer. Sie verbesserten die Baupläne ihrer eigenen Flotte, indem sie erbeutete karthagische Schiffe studierten. Rom war „eine imperiale Metropole, in der es von ausländischen Kunstwerken und Ideen nur so wimmelte“. Römer zu sein war nie ethnisch gedacht, man musste nur dem Staat dienen. Als imperiale Kosmopoliten waren die alten Römer Integrationsweltmeister. „Wenn Römer von überallher kamen, dann gehörte alles zu Rom.“

Sehnsucht nach der Antike als „rassismusfreier“ Vorzeit kommt bei der Lektüre freilich nicht auf. Blutige Massaker, Massenversklavungen und die Auslöschung ganzer Kulturen gehören zum Soundtrack des Buches, das trotz seines flotten Stils angesichts der überbordenden Informationsflut gelegentlich auch ein paar Längen aufweist. Unsere verzerrten Vorstellungen der Antike verdanken wir Denkern des 19. Jahrhunderts, die Griechenland und Rom als Grundpfeiler unserer Zivilisation ausmachten. Die westeuropäischen Nationalstaaten zimmerten sich eine passende Vorgeschichte zurecht, samt exklusivem literarischen Kanon, die sie dann „abendländische Kultur“ nannten. Im Gymnasium wurden fortan Latein und Griechisch unterrichtet und eben nicht Akkadisch, Aramäisch, Phönizisch oder das mykenische Schri system Linear B. Die „klassische“ Antike war für europäische Gelehrte ein Selbstbedienungsladen, der Vor- und Feindbilder en masse bereithielt. Besonders beliebt: die identitätsstiftende Absetzung vom „Orient“, dem „Osten“, und dem „Islam“.

Der britische Philosoph John Stuart Mill etwa behauptete 1846, dass die Schlacht bei den Thermopylen (479 v. Chr., die Spartaner unterliegen heldenha den Persern; Kinogängern als blutiges Hollywood-Schlachtenspektakel „300“ bekannt) bedeutender für die britische Geschichte gewesen sei als jene von Hastings (1066, die Normannen erobern England). Für Mill retteten die Griechen in den Perserkriegen unsere westliche Zivilisation gegen den Ansturm der niederträchtigen Barbaren aus dem Osten. Nur: Die Thermopylen-Schlacht war nur eine unter vielen und sicherlich nicht die bedeutendste kriegerische Auseinandersetzung der Zeit, stellt Mythenjägerin Quinn klar.

Noch entscheidender aber: Die Vorstellung von „Westen“ und „Osten“ gab es in der Antike überhaupt nicht. Das Denken in entgegengesetzten Kulturen oder Kontinenten (Asien – Europa) war den Menschen seinerzeit völlig fremd. Damit hat Quinn ihre zentrale Botscha gefunden. Das nationalistische 19. Jahrhundert war „beseelt vom Geist des kulturalistischen Denkens“, ein folgenreicher historischer Irrweg. „Nicht Völker machen Geschichte, sondern Menschen und die Kontakte, die sie untereinander herstellen.“

Josephine Quinn: Der Westen. Eine Erfindung der globalen Welt. 4.000 Jahre Geschichte. Kle -Co a, 688 S., € 39,10

Quinn geht es also um mehr als nur um ein verzerrtes Bild der Antike. „Dem Denken in Kulturen wohnt die Annahme eines dauerha en und bedeutsamen Unterschieds zwischen menschlichen Gesellschaften inne, die echten Schaden anrichtet.“ „Unsere“ Wurzeln aber sind zu vielfältig, „die Welt“ hat uns gemacht. Der westliche Chauvinismus gehört in die historische Abstellkammer.

OLIVER HOCHADEL

Besungen von Heino und der Hitlerjugend

Mit „Rauschen in der Nacht“ legt Thomas Steinfeld eine Kultur- und Mediengeschichte der Wildgans vor

Wildgänse rauschen durch die Nacht / Mit schrillem Schrei nach Norden – / Unstäte Fahrt! Habt acht, habt acht! / Die Welt ist voller Morden.“ So lautet die erste Strophe eines der populärsten Gedichte deutscher Sprache. Walter Flex hat es seiner Novelle „Der Wanderer zwischen den Welten“ (1916) vorangestellt. Im Jahr danach prescht er bei Riga zu Pferd und mit gezücktem Säbel auf einen Trupp russischer Soldaten zu, die indes von ihren Gewehren Gebrauch machen. Exit Flex.

Trotz der todessehnsüchtig-martialischen Metaphorik fand sich das später von Robert Götz vertonte Poem nicht nur im Repertoire von HJ und SS, sondern erfreute sich auch in der Wandervogelbewegung und sogar unter KZ-Häftlingen großer Beliebtheit, ehe die singende Haselnuss Heino dem Lied 1968 (!) noch einmal zu Popularität verhalf.

In seinem Buch „Rauschen durch die Nacht“ geht der Journalist und Schriftsteller Thomas Steinfeld der Frage nach, warum ausgerechnet die Wildgans im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts nicht nur zum Leittier der Verhaltensforschung, sondern durch die ihr zugeschriebenen Eigenschaften wie Loyalität, Unabhängigkeit und Familiensinn zum „Erklärungsmuster für das Menschliche“ schlechthin avancierte.

Als literarische Leitgans gilt bis heute Akka von Kebnekaise, auf welcher Nils Holgersson im Jahr 1906 seine „wunderbare Reise durch Schweden“ antritt. Der einst als Landeskunde- und Nation-Building-Manual verfasste Kinderbuchklassiker trug Selma Lagerlöf 1909 als erster Frau den Literaturnobelpreis ein.

Welcher Art der Gattung Anser Akka & Co angehören, ist übrigens ungeklärt. Die meisten gehen von Graugans (Anser anser) aus, aber von der ist bei Lagerlöf nur ein einziges Mal und in anderem Zusammenhang die Rede, wie Steinfeld weiß, der 2014 eine hochgelobte Übersetzung des Buches vorgelegt hat.

Die „Wildgans“ ist kein wissenschaftliches Taxon, sondern definiert sich ex negativo im Vergleich zur domestizierten Hausgans – eine Opposition, die auch die Narrative bestimmt, mit denen sich dieser stets im Kollektiv auftretende Vogel sinnfällig verbinden lässt: Wildgänse „führen ein freies, nomadisches Leben, sie kennen weder Eigentum, Lohnarbeit noch Gepäck, sie folgen dem Ruf der Natur und ziehen in ein Land, das nie eines Menschen Fuß betreten hat“. Der semantische Spielraum, den diese Assoziationen eröffnen, ist weit genug für vielerlei Lesarten: Ob die Graugans eher martialisch oder pa-

zifistisch, nationalistisch oder internationalistisch, politisch rechts oder links codiert wird, ist a priori noch nicht ausgemacht; und mitunter vereinigt sie auch widersprüchliche Tendenzen wie in jenem „reaktionären Modernismus“, der „zurück zur Natur“ will und sich zugleich für den Fortschritt begeistert.

Am interessantesten sind Steinfelds Ausführungen dort, wo sie die medientechnischen Voraussetzungen bestimmter Diskurse reflektieren und etwa zeigen, wie sehr Fotografie und Film die Vorstellung einer unberührten Natur befördern.

Eine besonders schillernde Figur in diesem Zusammenhang ist der schwedische Schriftsteller, Filmer und Fotograf Bengt Berg (1895–1967). Sein Buch „Mein Freund, der Regenpfeifer“ (1917) erreicht sechsstellige Auflagen. Hermann Göring liest es noch kurz vor seinem Suizid, und überhaupt halten die Nazis große Stücke auf das umtriebige Multitalent. Bergs Film „Die letzten Adler“ (1929) bewegt Joseph Goebbels in seiner Darstellung eines stolzen, von feiger Möwenmoral unbeeindruckten Räubers zutiefst: „Bengt Berg ganz unser Mann“, urteilt der Reichspropagandaminister und bespricht mit diesem 1940 „unsere Pläne zur Neuordnung Europas“.

Von Berg ist es nicht weit zu Konrad Lorenz, der dessen „Liebesgeschichte einer Wildgans“ (1930) gelesen hat. Darüber hinaus schlägt die Verbindung von Tierliebe und Misanthropie und der ideologisch aufgeladene Gegensatz von Natur und Zivilisation bei beiden zu Buche.

Was Steinfeld zu Lorenz zu sagen hat, ist weitgehend bekannt, mitunter redundant und ein bissl wunderlich (etwa der Vergleich mit Sigmund Freud). Das Lorenz attestierte Geschick, „nicht zu viel zu erzählen und nicht zu wenig“, aber lässt er schmerzlich missen. In sprunghafter Chronologie, bildungseitler Detailverliebtheit und einem Nieselregen des Namedroppings verliert er die leitmotivische Leitgans mehr als einmal aus dem Blick, und man fragt sich, wie ein so versierter Feuilletonist und kluger Kopf wie Steinfeld ein dermaßen konfuses Buch vorlegen konnte.

KLAUS NÜCHTERN

Thomas Steinfeld: Rauschen in der Nacht. Die Wildgans – eine Geschichte des 20. Jahrhunderts. Rowohlt Berlin. 272 S., € 26,80

Monster, Maskottchen, Mastermind

„Kraken“ will informieren und Bewusstsein schaffen –und kommt damit genau im richtigen Moment

Der Oktopus ist in. Lange als menschenverschlingendes Seeungeheuer verleumdet, ist er, in den Worten des Medientheoretikers Matthias Wittmann, „der Delfin von heute“. Oktopusse, auch Kraken genannt, gelten als Forschungsobjekte mit Star-Appeal und Medienlieblinge. Den Kraken Paul aus Oberhausen, der zahlreiche Titelspiele inklusive WMFinale korrekt „vorhersagte“, kennen auch viele, denen Fußball egal ist. Die verantwortliche PR-Agentur hat sich mit dem Kraken-Orakel einen Preis geangelt. 2021 wurde der zwischen Tierdoku und Melodram changierende Film „Mein Lehrer, der Krake“ ausgezeichnet. Emmy-verdächtig präsentiert sich die kürzlich erschienene Miniserie „Die geheime Welt der Oktopusse“.

gen haben. Und auch ich bin davon nicht frei.“

Es geht nicht immer um uns und um unsere Beziehung mit dem Rest der Welt

SVENJA BELLER

Trotz all der Aufmerksamkeit geben die Tiere mit den acht Armen, drei Herzen und (möglicherweise) neun Gehirnen noch viele Rätsel auf. Was wir zu wissen glauben, ist mitunter falsch: etwa, dass Kraken generell Einzelgänger, ja asozial seien. Oder dass sie Tentakel hätten. (Über solche verfügen nur Kalmare und Sepien, die zehnarmigen Tintenfische.) Ein neues Buch über Kraken ist daher zu begrüßen. Besonders wenn es nicht nur auf der Erfolgswelle schwimmen, sondern tiefer eintauchen will und auch problematische Entwicklungen thematisiert wie die Überfischung oder die menschengemachte Erwärmung der Ozeane. „Kraken. Ein Portrait“ von Svenja Beller, die unter anderem für Die Zeit und The Guardian schreibt, ist so ein Buch.

Wie Sy Montgomery in dem Bestseller „Rendezvous mit einem Oktopus“ verbindet Beller Wissenswertes mit Erlebtem, Evidenz mit Emotion. Sie verknüpft Meeresbiologie und Kulturgeschichte und schildert ihre eigenen Begegnungen mit Kraken bei Tauchgängen im Meer wie vor der Glasscheibe eines Aquariums – inklusive ihrer Sehnsucht „nach einem Ende der Entfremdung“: „Wir möchten, dass die Tiere sich mit uns anfreunden, dass sie uns etwas zu sa-

In acht doppelseitigen Porträts mit schönen Illustrationen zeigt Beller von der Algenkrake Abdopus aculeatus bis zum in 4000 Metern Tiefe lebenden Dumbo-Tintenfisch Grimpoteuthis bathynectes sehr unterschiedliche Beispiele der insgesamt rund 300 bekannten Krakenarten. Die klugen Weichtiere sind Meister im Tarnen, Verstecken und Entkommen. Doch immer bessere ferngesteuerte Unterwasserkameras fangen bisher unentdeckte Tintenfischarten ein, auch in der Tiefsee. Sie zeigen Tiere auf der Suche nach Schlafplätzen, bei Kampf, Sex und Spiel mit Artgenossen, auf der Flucht vor hungrigen Fischen, bei der Jagd auf Krabben – und ermöglichen einen neuen Blick auf Lebewesen, die viele Menschen zuvor nur paniert und gegrillt gesehen haben. Allen neuen Erkenntnissen über ihre Intelligenz und Empfindungsfähigkeit zum Trotz nimmt der Appetit auf Oktopusse zu. Und damit die Gier auf das große Geschäft. Auf Gran Canaria soll die erste Kraken-Farm der Welt entstehen. Beller beschreibt das Vorhaben und zitiert kritische Stimmen wie den Wissenschaftsphilosophen Peter Godfrey-Smith, Autor des Buches „Der Krake, das Meer und die tiefen Ursprünge des Bewusstseins“. Und sie besucht jenes Unternehmen, das plant, Oktopusse zu vermehren, zu töten und zu vermarkten wie Schweine, Hühner, Rinder und weitere sogenannte Nutztiere. „Mit Farmen wie der von Nueva Pescanova entscheidet sich, ob die Oktopusse Teil dieser Leidensgemeinschaft werden oder ob sie davor bewahrt werden“, lautet Bellers Resümee.

Immer wieder sucht die Autorin die Nähe der Tiere. Eine Freundschaft mit einem Kraken entwickelt sich nicht. Bellers ausgestreckte Hand bleibt unbeachtet. Sie vermutet darin eine Botschaft: „Es geht nicht immer um uns und um unsere Beziehung mit dem Rest der Welt. Auch wenn manche Kraken neugierig auf manche Menschen reagieren, sind wir ihnen ultimativ doch egal.“ Umgekehrt sollte es nicht so sein. Eine Petition gegen die geplante erste Kraken-Farm kann man jetzt im Internet unterzeichnen. FELICE GALLÉ

Beller: Kraken. Ein Portrait. Matthes & Seitz, Reihe Naturkunden. 160 S., € 22,–

Svenja

Vom rechten Weg abgekommen

Anneke Lubkowitz’ famoses Buch „Rebellinnen zu Fuß“ heftet sich literarischen Wanderinnen an die Fersen

Wir sind nicht zum Dasein von Kohlköpfen geboren“, schrieb Mary Shelley um 1840 und hatte dabei Reiselust und Umherschweifen im Sinn, die ihr selbst als ureigenste menschliche Grundbedürfnisse galten, wenn es darum ging, sich im Leben und Schreiben dem Neuen, Anderen und Unbekannten zu öffnen. Die britische Autorin, die mit nur 21 Jahren ihren weltberühmten Erstling „Frankenstein“ publizierte und der Literatur das Motiv der von Menschenhand künstlich erschaffenen Kreatur bescherte, führte ein unstetes Leben mit zahlreichen Ortswechseln. Ein „wanderer“ in der damaligen Verwendung des englischen Wortes war Mary Shelley in mehr als nur dieser Hinsicht: Denn „wanderers“, also: „Wanderinnen“, war im 18. und 19. Jahrhundert ein gebräuchlicher Begriff für junge Frauen der besseren Gesellschaft, die es sich wie Mary Shelley herausnahmen, vom sogenannten Pfad der Tugend abzuweichen und eigene Lebensentscheidungen zu treffen: Mit 17 floh Mary romanreif mit ihrem späteren Ehemann, dem Dichter Percy Shelley, aus ihrem Elternhaus gen Italien. Die Flucht markierte zugleich ihren Einstand als Schriftstellerin. Eine monströse Eigenständigkeit für eine junge Frau: Aus patriarchaler Mehrheitssicht war kaum mehr Abweichlerinnentum möglich.

Der Mann gehört der Welt, die Frau dem Haus: so die Geschlechterlogik bis weit in

die Gegenwart. Dass das Fluchtbedürfnis junger Frauen wie Mary Shelley vor allem auch mit den Einschränkungen zu tun hatte, unter denen sie zu leben hatten, schien ihre Umgebung nicht weiter in Betracht zu ziehen.

Wohl aber tut das die deutsche Literaturwissenschaftlerin Anneke Lubkowitz in ihrem herausragenden Buch „Rebellinnen zu Fuß“, die darin die Frage stellt: Wie sieht die Geschichte des Wanderns, Flanierens und Naturerlebens, des in Bewegung- und Unterwegsseins – und das Schreiben darüber – aus, wenn sie zur Abwechslung einmal aus weiblicher Sicht erzählt wird?

Ihr ungeheuer akribisch und mit spürbarer Lust recherchiertes Buch ist eine veritable literarische Fundgrube, in der die Autorin aufs Gelungenste persönliche Erfahrungen mit Kultur- und Literaturhistorischem verschränkt. Lubkowitz, die sich in ihren 20ern selbst vom Couchpotato zur passionierten Wanderin gewandelt und eine Dissertation über britisches Nature Writing geschrieben hat, entdeckt zwischen den Zeilen von Gedichten, Briefen, Reisebeschreibungen, Romanen und Manifesten von Frauen zahllose Spuren von deren Wanderlust, Naturerkundungspassion und Gier, sich durch das Abkommen vom Weg ganz neue Wege, Autonomie und Freiheit zu erschließen: Besonders fündig wird sie bei Sophie de La

Drei Monate in lichter Schwebe

Anneke Lubkowitz: Rebellinnen zu Fuß. Auf den Spuren von elf literarischen Wanderinnen. Kein & Aber, 304 S., € 26,80

Roche, den Freundinnen Bettina Brentano und Karoline von Günderrode, bei Annette von Droste-Hülshoff, in ihrer Lyrik gedankenreisenden und ins Exil gezwungenen Dichterin Else Lasker-Schüler und der Dada-Mitbegründerin Emmy Hennings, bei Simone de Beauvoir, der dauerreisenden Schweizer Romancière Annemarie Schwarzenbach oder bei der afroamerikanischen Science-Fiction-Autorin Octavia Butler (1947–2006), die sich literarisch auf extraterrestrische Wanderungen begab und im Leben eine unermüdliche Fußgängerin war.

„Du weißt, wie ich das Herumschwärmen von Mädchen in der Welt hasse“, musste sich die junge Bettina Brentano – spätere Bettina von Arnim (1785–1859) – von ihrem Bruder und Vormund sagen lassen, als sie 1807 den Plan fasste, zu Fuß zu Goethe nach Weimar zu wandern. Bei Brentano findet Anneke Lubkowitz unzählige Hinweise, dass für sie das wilde Denken mit und durch den bewegten Körper ihr Ideal darstellte.

Auch Brentanos Freundin Karoline von Günderrode lebte in äußerster Begrenztheit und sehnte sich nach der Flucht daraus, und sei es nur in Versen: „In die heitre freie Bläue/ In die unbegränzte (sic) Weite / Will ich wandeln, will ich wallen/ Nichts soll meine Schritte fesseln …“

JULIA KOSPACH

Der französische Nature Writer Sylvain Tesson segelt, wandert und schreibt sich entlang der Küsten von Galicien bis Schottland

I n seiner Heimat ebenso bekannt wie bewundert, ist der französische Reiseschriftsteller und Geograf Sylvain Tesson, Jahrgang 1972, hierzulande als Meister des Nature Writing noch eher ein Geheimtipp, den es zu entdecken gilt. Halb Gelehrter, halb sportsman nach dem Zuschnitt klassischer Entdeckungsreisender erwandert, erklettert, erradelt und – im Fall seines neuen Buchs „Mit den Feen“ – ersegelt sich Tesson die Landschaften und Kulturräume, die er durchmisst, und gießt seine Reisen in eine wunderbare Prosa voller literarischer Referenzen und Naturdetails. Tesson ist eine rare Mischung aus poetischer Sehnsucht und Furor nach körperlicher Verausgabung.

Seine Devise: Je entlegener und menschenleerer, desto besser. Nach drei Reisejahrzehnten und einem Dutzend Büchern lässt sich mitverfolgen, wie er menschlichen Ballungsräumen immer stärker aus dem Weg geht. Frustriert davon, dass es sich, egal wo, die eine Hälfte der Menschheit zur Aufgabe gemacht habe, die andere zu benachteiligen (ein starker feministischer Impuls!), sowie davon, dass die kollektive Verblödung fortschreite („Die Bewohner dieses Planeten haben einen kleinen schwarzen Gott in ihrer Tasche […] und kümmern sich den ganzen Tag um ihn“), sehnt sich Tesson spürbar nach einer Art Wiederverzauberung der Welt.

Bei den titelgebenden Feen seines neuen Buchs handelt es sich für ihn nicht um „Libellen-Mädchen“, sondern um ein Phänomen und eine Weltsicht, der es um „eine Veredelung der Wirklichkeit“ geht und um die „Bereitschaft, die Welt zu erfassen und ein Wunder in ihr zu erkennen“. In Tesson-Manier ausgedrückt: „Der abermalige Widerschein der Sonne auf dem Meer, das Säuseln des Winds in den Blättern einer Buche, Blut im Schnee, perlender Tau auf einem Tierfell: Dort sind die Feen.“

Kurzum: Tesson ist ein großer Bewunderer von Naturerscheinungen – nicht zu verwechseln mit Idylle. Dort, wohin er diesmal reist, zeigt sich die Natur ebenso rau und gefährlich wie schön und überwältigend. Kein Wunder, dass die keltischen Mythen seit jeher von Feen, Geistern und übernatürlichen Erscheinungen bevölkert sind.

Über den Seeweg bereist Tesson die keltisch geprägten Meere und Küsten in einem großen Bogen vom spanischen Galicien über die Bretagne, Cornwall, Wales, die Isle of Man, Irland, Schottland und zurück. Es sind drei Monate „in der lichten Schwebe“ zwischen Meer und Land, entlang eines Küstenstreifens, „mit Stechginster überzogen, mit Gischt gesalzen und von den Möwen bewacht“. Die gen Westen und die untergehende Sonne geöffneten Steilklippen öffnen sich weiten Träumen und bie-

Sylvain Tesson: Mit den Feen. Eine Segelreise über die keltischen Meere. Rowohlt, 208 S., € 25,70

ten der Seele erhebende Ausblicke, wenn Tesson sich mit seinem Schlafsack in eine Mulde bettet: „Wenn man am Rand eines Felsens den Kosmos betrachtet, kann man Sartres Wunsch erfüllen, sich durch die Dinge aufsaugen zu lassen wie die Tinte durch ein Löschblatt. Das Wunderbare hat sein Absorptionsvermögen.“ Prähistorische Menhire sind es, die in dieser schwankenden, stürmischen, brandungsgeprägten Welt für steinerne Stabilität sorgen.

„Mit den Feen“ ist, erneut, ein sehr schönes Tesson-Buch. Allerdings ist es kursorischer, logbuchartiger als seine anderen Bücher, die durchkomponierter sind. Womöglich liegt das an der stetigen Schräglage auf See und dem Eindruck der Wechselhaftigkeit des Lebens angesichts der Wildheit des Meeres, das alle Gewissheiten auflöst. Auch Tessons Neigung zum Sentenzhaften ist hier stärker – nicht immer zum Vorteil des Texts. Unverändert grandios ist sein Beharren darauf, dass die Naturwelt ein magischer Ort ist, wenn man nur hinschaut und sich ihr wirklich, buchstäblich mit Haut und Haaren und unter körperlicher Anstrengung, aussetzt. Die keltischen Küsten halten dabei jede Menge Wunder bereit – und auch einige Skurrilitäten, darunter „lebendige Hortensien“: alte englische Damen mit blauen Haaren und rosa Jacken.

JULIA KOSPACH

Die Zerbrechlichkeit des Anfangs

Die ersten Lebenstage: Eine französische Journalistin zeigt uns eine fragile Zwischenwelt

Wenn man ein Kind erwartet, strebt man nach Norm. Größe und Gewicht sollen im Durchschnitt sein, die Entwicklung unauffällig und unkompliziert verlaufen. Ein typisches Baby. Wie heißt es so schön: Hauptsache gesund!

Ungefähr sieben Prozent aller lebend geborenen Babys kommen vor der 37. Schwangerscha swoche auf die Welt. Je früher, desto unreifer sind Organfunktionen und desto höher ist das Risiko einer Erkrankung oder einer bleibenden Beeinträchtigung. Manche Babys landen auch auf der Neonatologie-Station, weil es bei der Geburt zu Komplikationen kam, weil sie an einem genetischen Defekt leiden oder aufgrund von Anpassungsschwierigkeiten an das Leben außerhalb des Mutterleibs eine intensivmedizinische Betreuung benötigen. All diesen Kindern widmet die französische Journalistin Clémentine Goldszal ihr Buch. Der titelgebende erste Schrei eines frisch geborenen Kindes steht für Leben und Neubeginn. Ein Laut, auf den Eltern warten, der Startschuss für die Atmung und die Entfaltung der Lungenbläschen. Der Blutkreislauf passt sich an, die Lungen werden besser durchblutet. Kurzum, der erste Schrei ist ein deutliches Zeichen für junges Leben, über das Leserinnen und Leser beim Aufschlagen dieses Buches Erhellendes erfahren möchten. Laut dem Untertitel ist das Wesen der Neugeborenen „rätselha “: Goldszal stellt bei ihrer Recherche fest, dass diese in Literatur, Film, Musik oder der bildenden Kunst nur wenig vorkommen. Eine Ausnahme bildet Jesus, das wohl mit großem Abstand am häufigsten in Malerei, Skulptur, Radierung oder Fresko dargestellte Baby weltweit.

„Das Neugeborene, das in jedem von uns steckt, dieses ganz frische Wesen, dieses Inbild von Verletzlichkeit, das wir alle gewesen sind – was hat es erlebt, als es zur Welt kam? Was lebt von dieser Erfahrung in uns weiter? Wo verbirgt sich das Neugeborene, das wir gewesen sind?“, fragt die

»

Das Neugeborene, das in jedem von uns steckt … – was hat es erlebt, als es zur Welt kam?

CLÉMENTINE

GOLDSZAL

Clémentine Goldszal: Der erste Schrei. Über das rätselha e Wesen des Neugeborenen. dtv, 288 S., € 22,70

Autorin vielversprechend im Vorwort. Sie spricht mit einer Psychologin, einer Physiotherapeutin, einem Seelsorger; liest bei Philosophinnen wie Hannah Arendt und JeanJacques Rousseau nach und möchte eine Phänomenologie des Neugeborenen erstellen. Das gesammelte Wissen will sie „auf die Präzisionswaage legen, wie die Windeln, die man wiegt, um das Volumen der verschiedenen Ausscheidungen zu verfolgen“. Antworten sucht Goldszal auf der Neonatologie-Abteilung des Pariser Kinderkrankenhauses Hôpital Necker. Damit lenkt sie ihr Augenmerk auf komplexe Ausnahmefälle, auf „Enfants malades“ (übersetzt: kranke Kinder), so heißt die Station. Ein halbes Jahr lang taucht sie in die hochkonzentrierte Hektik ein. Sie steht am Inkubator und berichtet von den Eingriffen am OPTisch, lauscht den Fallkonferenzen und der Ethikvorlesung für zukün ige Hebammen.

Die Babys auf dieser Station leiden an unvorstellbaren Pathologien: Lücken im Zwerchfell, Herzklappen, die klemmen wie eine kaputte Tür, eine unvollständige Lu röhre oder austretende Eingeweide. Das ist nichts für schwache Gemüter. „Die Geburt noch so nah, der Tod so leicht möglich“, heißt es an einer Stelle.

Durch die Lektüre erleben wir Schlüsselmomente mit, die das gesamte weitere Leben dieser gebeutelten kleinen Körper bestimmen werden: Sie zeigen Entzugserscheinungen nach Morphin. Sie reagieren empfindlicher als andere auf Schmerz, wenn sie in ihren ersten Wochen viel Schmerz ausgesetzt waren. Ein Kindergartenkind, das nach seiner Geburt Adrenalin bekam, um sein Herz zu stimulieren, brachte sich später immer wieder in Gefahr. Es sprang so lange von Stühlen und Tischen, bis es sich etwas brach – mit der Folge, dass seine Eltern der Misshandlung verdächtigt wurden.

Goldszal beobachtet und befragt, sie appelliert (Pflegenotstand!) und bewundert. Insofern schuf sie eine Hommage an

das hingebungsvolle Pflegepersonal und die hochspezialisierte Ärztescha . Selbst auf das Reinigungspersonal hat sie nicht vergessen, wenngleich es unverständlicherweise – zwar in Gänsefüßchen, aber dennoch – als „Lumpenproletariat“ bezeichnet beziehungsweise übersetzt wird.

Die Autorin moniert richtigerweise: Die Welt sträubt sich dagegen, Geburt und Krankheit zusammenzudenken. Insofern ist ihr Buch ein löbliches. Es ist unzweifelha wichtig, diesem Thema Aufmerksamkeit zu schenken. Bloß lässt der Titel einen Blick auf alle Neugeborenen erwarten. Freilich gilt manches, das man lernt, für jeden Säugling, etwa, dass Haut-zu-Haut-Kontakt die Sauerstoffsättigung des Blutes ansteigen lässt, den Herzrhythmus stabilisiert, die Atmung harmonisiert, gegen Schmerzen wirkt und die Gehirnentwicklung anregt. Oder dass die Lunge sich bis zum Alter von zwei Jahren fortentwickelt.

Mit Katheter und Infusionsschläuchen verkabelt sind Fiona, das Schmetterlingsbaby Roméo oder Diane, die brüllt, aber durch die Intubationssonde stumm bleibt. Für die kranken Neugeborenen gibt es nicht, wie der Titel suggeriert, einen lebensbejahenden, gesunden ersten Schrei. Für sie sind die ersten Sekunden o ein Kampf mit den Symptomen des Atemnotsyndroms. Und meistens mit einer Schnappatmung beendet auf der Station etwa einmal pro Woche ein winziges Wesen seinen Überlebenskampf. Insofern seien besonders werdende Eltern gewarnt: Einerseits ermutigt dieses Buch. Heutzutage überleben 90 Prozent aller Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm. Und es ist erstaunlich, wie rasch die Forschung Fortschritte macht. Explizit zeigt das Buch allerdings auch, wie extrem schwierig die ersten Lebenswochen verlaufen können und dass manche Kinder nicht darüber hinaus kommen. Den meisten neuen Erdenbürgern bleibt all das glücklicherweise erspart. JULIANE FISCHER

Von Indien aus die Welt revolutionieren

Zwei Kulturgeschichten erklären die Entstehung des heutigen Yoga aus der Interaktion von Osten und Westen

Yoga entkommt man nicht. In jeder Straße residiert ein Studio, das Internet quillt über mit Videos und die Buchhandlungen sind voller Yogabücher. Braucht es da noch mehr? Ja, und zwar eins zur Beantwortung der Frage, wie es so weit kommen konnte. Dazu treten zwei Bücher an, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Den Beginn machte im Frühsommer Gunda Windmüllers „Yoga. Wie es wurde, was es ist. Kulturgeschichte eines globalen Phänomens“. Und soeben erschien Stefan Weidners „Yoga oder die sanfte Eroberung des Westens durch den Osten“. Windmüller liest sich knackig und bemüht sich, die Leserschaft nie zu überfordern. Sie erklärt die Quellen des Yoga sowie deren Rezeption im Westen, besucht Studios und Forschungsstätten rund um die Welt und konzentriert sich darauf, zu entlarven, dass das Yoga, das heutzutage in den meisten Studios geübt wird, nicht auf einer jahrtausendealten Praxis beruht, sondern in den letzten 200 Jahren in einer Interaktion zwischen Orient und Okzident entwickelt wurde.

Da diese Tatsache beileibe nicht allen Yoga-Aficionados bekannt ist, lohnt sich die Lektüre allemal. Sie lässt allerdings einen schalen Geschmack zurück. Yoga – ein Fake, der nun von der rechten indischen Regierung unter Narendra Modi missbraucht wird? So scheint es bisweilen. Spannend

wird es, wenn Windmüller zeigt, dass Yoga parallel zur Entstehung der westlichen Psychologie und des Sports rezipiert wurde. „Yoga ist eine soziale Praxis, entstanden aus einem Kulturtransfer“, definiert sie.

Während Windmüller, Literaturwissenschaftlerin, Journalistin und seit 2021 selbst Yogalehrerin, vornehmlich die Widersprüche und Absurditäten des aktuellen Yoga abbildet, begibt sich Stefan Weidner, studierter Islamwissenschaftler, in die Tiefe der Geschichte. Obwohl nicht im Titel als solche ausgepreist, stellt seine Monografie eine veritable Kulturgeschichte dar, für die es zwar den langen Atem braucht, die einen aber dafür mit überraschenden Einsichten belohnt. Etwa dass Yoga über den „Umweg“ der Sufi-Kultur in den Westen fand.

Dabei schärft Weiner den Blick dafür, wie Kulturen interagieren und dabei voneinander profitieren. Das heutige Yoga bedeutet für ihn also mitnichten, wie heute manchmal insinuiert, eine kulturelle Aneignung. Es entstand aus einem Wissenstransfer in beide Richtungen. Eine Schlüsselrolle dabei spielte der Starauftritt des hinduistischen Mönchs Vivekananda (1863–1902) bei der Weltausstellung in Chicago im Jahr 1893. Yoga – damals noch als reine Religionsphilosophie bzw. Meditation propagiert –„wurde zum Zauberwort, zur Chiffre für eine verjüngte, zeitgemäße indische Fröm-

Gunda Windmüller: Yoga. Wie es wurde, was es ist. Rowohlt, 304 S., € 24,70

Stefan Weidner: Yoga oder die sanfte Eroberung des Westens durch den Osten. Hanser, 416 S., € 30,90

migkeit“. Es war kompatibel mit dem religiösen Kosmopolitismus, den etwa Helena Blavatskys Theosophische Gesellschaft als Gegenpart zum Kapitalismus promotete.

Die frühe Yoga-Mode im Westen wirkte, so Weidner, auf Indien zurück und befreite es „aus dem Würgegriff des Kolonialismus“. Den finalen Kampf dafür führte Mahatma Gandhi, er ließ sich dabei von der YogaDefinition der Bhagavad Gita leiten, dem nicht nur im Westen einflussreichsten altindischen Text. Die reaktivierte Philosophie des Yoga gehört deswegen zu den Gründungsmythen des von Briten und Indern ersonnenen „nichtmuslimischen Indiens“ – ein zweischneidiges Schwert.

Von Indien aus trat sie an, die Welt zu revolutionieren. Das war möglich, weil Yoga eine überzeugende Antwort auf die Probleme der Jetztzeit darstellt – zumindest, nachdem das während der Kolonialzeit von Briten wie Indern verachtete körperliche Hatha-Yoga rehabilitiert worden war. Die Körperstellungen wurden zur Hauptsache. Und das „religiös verwaiste Bedürfnis nach Geistigem, Höherem“ paarte sich gekonnt „mit dem nach Nützlichem, Alltäglichem, Körperlichem“. Der Hatha-Yoga-Boom war geboren.

Zwei gewinnbringende, spannende Lektüren, empfohlen nicht nur für Yoga-Übende! KIRSTIN BREITENFELLNER

Diskussionen zwischen Körper und Gehirn

Caroline Williams legt eine formidable Einführung in die junge Wissenschaft der Innenwahrnehmung vor

Viele Menschen betrachten ihren Körper als eine vom Gehirn gesteuerte Maschine. Die relativ junge Wissenschaft der Interozeption widerspricht diesem Bild, das seit René Descartes’ Epochenspruch „Ich denke, also bin ich“ das westliche Denken dominiert. Und sie empfiehlt, mehr in den Körper zu hören, um Krankheiten zu vermeiden und das Wohlbefinden zu steigern. Die Wissenschaftsjournalistin Caroline Williams fasst in ihrem so informativen wie gut lesbaren Sachbuch „Sich fühlen. Die neue Wissenschaft der Interozeption als Schlüssel für körperliche und geistige Gesundheit“ den derzeitigen Stand der Forschung zusammen. Zu Beginn trifft man die Autorin in einem Floating-Tank an, in dem sie sich, von Außenreizen abgeschirmt, ihrer Innenwahrnehmung hingibt. Dazu gehören Herzschlag, Hunger, Temperatur, Müdigkeit, Energie, Freude und Schmerz.

Die Signale aus unserem Körper, erklärt Williams, teilen uns nicht nur einiges über unsere Bedürfnisse und unsere Gesundheit mit, sondern liefern auch „Anstöße für sämtliche Wünsche und Handlungen“. Der Volksmund weiß das schon länger und spricht davon, auf sein Herz zu hören oder dem Bauchgefühl zu vertrauen. Die neuesten Studien bestätigen, dass die unzähligen Kommunikationskanäle zwischen Körper und Gehirn – vom Vagus-

nerv über das Rückenmark bis zu den Blutbahnen – in beide Richtungen verlaufen. An der Aufrechterhaltung der Körperfunktionen und der Gesundheit ist das Gehirn demnach weniger als Chef denn als gleichberechtigter Partner beteiligt. Das hat evolutionäre Gründe: Das Gehirn wurde nicht, „als es ausgeformt war, auf den Körper geschraubt; es ist aus dem Körper hervorgegangen, mit dem einzigen Ziel, diesen am Leben zu erhalten“.

Williams besucht Forschungsstätten und spricht mit Wissenschaftlern, bringt aber auch eigene Erfahrungen und die von Freunden ein. Sie erklärt, inwiefern die Arbeit der Mitochondrien den Energielevel des Körpers bestimmt und wie langsames Atmen mit sechs Atemzügen pro Minute Stress reduzieren kann.

Die gute Nachricht: Das Gefühl dafür, was im eigenen Körper vor sich geht, lässt sich trainieren. Neben vielversprechenden wissenschaftlichen Methoden empfiehlt die Autorin die alten Techniken von Meditation über Yoga, Kampfsportarten und Tai Chi bis zu Pilates, die das Körperbewusstsein stärken und damit auch die „Bodymental Health“. Nicht nur Achtsamkeit und Entspannung tragen dabei zur Verbesserung des Selbstgefühls bei, sondern auch das Aufbauen von Kraft.

Damit nutzt man nicht nur sich selbst, sondern auch anderen: „Genau wahrzuneh-

Caroline Williams: Sich fühlen. Die neue Wissenschaft der Interozeption als Schlüssel für körperliche und geistige Gesundheit. C.H. Beck, 240 S., € 25,70

men, was im Inneren des eigenen Körpers vor sich geht, ist die biologische Grundlage für Mitgefühl – die Fähigkeit, die Gefühle anderer ,anzuzapfen‘.“ Die schlechte Nachricht: Man kann auch zu viel nach innen hören – und damit Schmerzwahrnehmung und Ängste noch verstärken.

Ein ganzes Kapitel ist Essstörungen gewidmet. Verdauung und Gefühle hängen zusammen. Etwa Entzündungen, Darmerkrankungen und Depressionen. Und Fettleibigkeit kann Stress und Angst als Ursache haben oder eine „Taubheit nach innen“. Dabei wird die Sehnsucht nach Trost als Appetit interpretiert. Williams versteht Sucht als einen verfehlten Versuch zum Erlangen eines Gefühls von Sicherheit und Wärme. Chronischen Schmerz führt sie auf eine gestörte Kommunikation zwischen Gehirn und Körper zurück. Ein neuer, erfrischend anderer Blickwinkel.

„Mit zunehmenden Erkenntnissen aus der Interozeptionsforschung“, fasst Williams zusammen, „wird immer deutlicher, dass es keinen Sinn ergibt, physische und mentale Krankheiten als separate Angelegenheiten zu betrachten.“ Zum Schluss wartet sie mit Tipps auf, die sich im Alltag leicht anwenden lassen. Vom Messen mit technischen Geräten bis zu Aufmerksamkeitsübungen. Inspirierend! KIRSTIN BREITENFELLNER

Mit der Seele suchend das Praktische finden

Der Kochbuchherbst bringt viel Italien und noch mehr Praktisches für Heimchen am Herd wie uns

Italien ist das Sehnsuchtsland nicht nur der Seele, sondern, nicht so weit davon entfernt, auch der Küche. Deswegen freut sich der Kochbuch-Rezensent über gleich vier Neuerscheinungen zum Thema Italien. Vier weitere Kochbücher konzentrieren sich auf häusliche und alltagstaugliche Anwendungen. Am Schluss stelle ich noch zwei Werke vor, die meinen Neigungen („Ausbacken“) oder Pflichten („Weihnachtsmenü“) entsprechen. Tut mir leid, Kochbücher nehme ich persönlich.

Zu Gast in Rom ist ein schönes Buch, mit instruktiven Karten, die einem die Stadtviertel erschließen. Lokale werden vorgestellt, man erfährt etwas über Patrone und Küchenleistungen. Von der einfachen Trattoria bis zum vom Michelin mit drei Sternen gekrönten Lokal ist alles vorhanden. Man kann Rezepte simpler Art abstauben wie etwa eine Carbonara oder sich einfach an Bildern von Dingen freuen, die man nie nachkochen können wird, wie das Kalbsfilet mit Brotmousse, Eichel-JohannisbrotCreme, Räuchermarinade und Radicchio vom deutschen Dreisternkoch Heinz Beck. Macht Freude und Lust auf Reise. Etwas gebrauchsfähiger, aber nicht weniger schön gestaltet kommt Bologna daher. Kein Overtourism in dieser schönen, studentisch geprägten (ziegel-)roten Stadt, versichert uns das informative Vorwort des Kabarettisten Christian Hölbling. Wir erfahren, warum Wanda-Fans vor einem bestimmten Geschä das Handy zücken. Und nee, Spaghetti Bolognese gibt’s hier nicht. Die Rezeptabteilung beginnt dennoch genau damit, es sind halt Tagliatelle all ragù, aber das Rezept passt wie all die vielen anderen. Und die kann man nachkochen. Mortadella-Creme ist eine Idee, und Mortadella-Pralinen mach ich demnächst! Noch etwas: Wissen Sie, was Squacquerone ist? Jetzt weiß ich es, etwas zwischen Mozzarella und Crème fraîche. Masserien sind umgebaute apulische Gutshöfe; diese, Moroseta, von einem englischen Architekten. Uns geht es um die Küche, hier eng mit dem Garten verwoben. Die Köchin Giorgia Eugenia Goggi hat sich aus der Modebranche befreit und zwar, wie sie glaubwürdig versichert, durch Kochen für die Gäste von Moroseta. Sie bringt leichte, elegante Gerichte und gute Kombinationsideen, etwa Erdbeeren mit Tomaten oder Frischkäse oder Chili oder (wie bekannt) Pfeffer oder mit Basilikum, wobei ich sympathisch finde, dass Goggi die klassische Variante mit Schlagobers und Baiser nicht

Stefan Maiwald: Zu Gast in Rom. Callwey, 224 S., € 46,30

infrage stellt. Flachpfirsich, Gurke, Mozzarella werde ich nächstes Jahr probieren. Das Buch erfreut durch Esprit und Einfachheit. Das Rezept der Pfirsichgalette hätte ich gern gehabt, als sich die Äste an meinem Weingartenpfirsichbaum bogen. Schon zum liebgewordenen Standardrepertoire gehört Splendido. Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall haben sich in ihrem immerwährenden Italienführer nun auf Jahreszeiten verlegt. Das Prinzip bleibt gleich: feine Fotos, elegant zurückhaltende Gestaltung, Informationen über Lebensmittel, Rezepte nicht in der o einengenden Konkretheit von Gramm- und Milliliterangaben. Ach ja, da bekommen wir dann Anregungen satt: Südtiroler Spinatgnocchi mit Steinpilzen oder „Sciatt“ – das heißt Kröte, signalisiert aber nichts anderes als Käsestückchen in einem durch einen Schuss Grappa verbesserten Bierteig herausgebacken, Käsemäuse würden wir sagen, auf einem Radicchiosalat (muss ich probieren).

Lokal übernommen und legen Kochen für morgen vor, ein veganes Kochbuch, Hausmannskost soll es bieten. Heutzutage beinhaltet das Fermentierte, von Kimchi bis Salzgurke, verschiedene Brot- und Chipsrezepte, von Naan bis Labash, Fusion-Sachen dürfen nicht fehlen, weder die Pho noch das Dashi, und wem das alles noch nicht reicht, der wird mit einer veganen Blunzn aus Rüben, Gerste und Räuchertofu glücklich. Schön und praktisch!

Christian, 400 S., € 41,20

Das Werk Pilzliebe kommt mir gerade recht. Ab und zu gehe ich doch hinaus und nehme, was die Einheimischen, die es nur auf Eierschwammerln und Steinpilze abgesehen haben („Püzling“), verschmähen: Parasole, Schop intlinge, Krause Glucke, Rotkappen und so weiter. Alle da. Das Buch bietet umfassende Pilzberatung, hil mir aber bei einem Spezialproblem nicht weiter („die wilden Champignonarten sind sehr schwierig zu unterscheiden und für viele, teils lebensbedrohliche Vergi ungsfälle verantwortlich“). Also stehenlassen. Profunde Informationen, prima auch nach Jahreszeiten gegliederte Rezepte, taugliche Tipps zur Au ewahrung. Auf in den Wald! Warum nicht Gotland? Es friert einen schon bei der Erwähnung des Namens, also scheint Winterküche als Titel angemessen. Kennerinnen werden eher lächeln und an Pippi Langstrumpf denken. Jedenfalls ist das ein Kochbuch, das man zur Bereicherung des stets von leiser Ödnis bedrohten vegetarischen, womöglich noch auf den Garten beschränkten vegetarischen Speiseplans gut brauchen kann. Beispiele: scharfe Blumenkohlsuppe mit Kurkuma, Kokosmilch und Erdnussbutter, Grüne-Bohnen-Fritten mit Trüffel-Mayonnaise oder SpitzkohlPäckchen mit Safran-Zitronen-Sabayon. Klingt komplizierter, als es ist. Schon vor Jahrzehnten ging ich in eines der ersten guten vegetarischen Restaurants von Wien, zum Wrenkh. Patron war der Vater, die Mutter kochte prima, nun haben die Söhne, nicht weit vom Stamm gefallen, das

Sandra Mühlberg ist Food-Bloggerin und hat mit Grün. Warm. Gut. ein herzha es und schön anzusehendes Kompendium vegetarischer Comfort-Food-Küche geschaffen. Was ist Comfort-Food? Mühlberg nennt für die USA Mac and Cheese, das jedes Kind zubereiten kann, für Indien Dal und für Japan Ramen. D’accord. Mühlberg geht’s systematisch an, Zutaten, Gewürze, saisonales Gemüse. Manche Mysterien des Vegetarismus werden sich mir nicht erschließen, etwa, warum bei Käse auf Tierlab zu achten ist, aber zum Panieren Eier verwendet werden dürfen? Meine Sorge soll’s nicht sein, und an praktischen Anregungen fehlt’s in diesem Buch nicht.

Zum Schluss die zwei Tipps in eigener Sache. Goldene Zeiten ist ein Frittierbuch! Gerade habe ich mir eine Trockenfritteuse gekau , aber die hat naturgemäß bei den Parasolen ihre Limits. In diesem Buch kommt sowas nicht vor. Dafür lernt man –nach kurzem Einknicken der Autoren, weil Frittieren nicht die gesündeste Kochmethode ist – doch allerhand über Fette, Temperaturen, Geräte. Und die Rezepte, von Olive bis Pansen, von Schweinsohren bis Empanadas – ich mag sie. Nur die Kässpätzle –bitte! – so nicht. Knödel hingegen – ja bitte (auch und gerade die nicht erwähnten Grießknödel!).

Die Dinner-Bibel hat mich zuerst enttäuscht, weil ich hoffte, für mein jährliches Silvesterdinner Tipps zu bekommen, wie man festliche Menüs zusammenstellt. Das gibt es mit Melissa Clark, Food-Journalistin der New York Times, nicht. Dafür gibt sie hunderte alltagstaugliche Rezepte, mit denen man geschwind und doch nicht hektisch in der Küche zurechtkommt. Das ist doch auch nicht nichts, und für die Rezepte in der New York Times muss man schon lang extra zahlen (das Original des Buchs erschien auf Englisch 2017). Trotzdem ist es ein Fest, gerade auch weil es vor den schlichtesten Dingen nicht zurückscheut, wie einem grünen Salat.

ARMIN THURNHER

168 S., € 32,90

Karl Wrenkh, Leo Wrenkh: Kochen für morgen. Pichler, 160 S., € 30,–

Giorgia Eugenia Goggi: Moroseta. ars vivendi, 256 S., € 36,90
Gerhard Schuster, Christine Schneider: Pilzliebe. Ulmer, 159 S., € 20,60
Julia Cawley, Vera Schäper, Saskia van Deelen: Winterküche. Thorbecke,
Judith Eisinger, Davina König, Christian Hölbling: Bologna. Christian, 192 S., € 30,90
Juri Go schall, Mercedes Lauenstein: Splendido. Autunno/Inverno. DuMont, 208 S., € 32,90
Josh Flatow, Vivi D'Angelo: Goldene Zeiten. AT, 208 S., € 33,–
Melissa Clark: Die Dinner-Bibel.

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Frick EKZ Riverside | Breitenfurter Straße 372

Niederösterreich

Korneuburg | Hauptplatz 20, 2100 Korneuburg

Am Hauptplatz | Hauptplatz 15, 2320

Schwechat

Morawa | SCS, Galerie 27, 2334 Vösendorf

Kral | Elisabethstraße 7, 2340 Mödling

Valthe | Wiener Gasse 3, 2380

Perchtoldsdorf

Riegler | Kirchengasse 26, 2460 Bruck an der Leitha

Bücher-Schütze | Pfarrgasse 8, 2500 Baden

Papeterie Rehor | Theodor-KörnerPlatz 6, 2630 Ternitz

Hikade | Herzog-Leopold-Straße 23, 2700 Wiener Neustadt

Thalia | Hauptplatz 6, 2700 Wr. Neustadt

Mitterbauer | Wiener Straße 10, 3002 Purkersdorf

Kral | Wiener Straße 19, 3100 St. Pölten

Thalia | Kremser Gasse 12, 3100 St. Pölten

Fragner | Hauptplatz 12, 3250 Wieselburg

Schmidl | Obere Landstraße 5, 3500 Krems/Donau

Murth | Wiener Straße 1, 3550 Langenlois

Rosenkranz | Els 127, 3613 Els

Kargl | Hauptplatz 13–15, 3830 Waidhofen/Thaya

Grohmann | Landstr. 27, 3910 Zwettl

Spazierer | Budweiser Straße 3a, 3940 Schrems

Frau Hofer | Bahnhofstr. 5, 3950 Gmünd

Oberösterreich

Alex | Hauptplatz 17, 4020 Linz

Buch plus | Südtiroler Str. 18, 4020 Linz

Bücher & Mehr | Klosterstraße 12, 4020 Linz

Fürstelberger | Promenade, 4020 Linz

In der Freien Waldorfschule | Waltherstraße 17, 4020 Linz

Neugebauer | Landstraße 1, 4020 Linz

Thalia | Landstraße 41, 4020 Linz

Buchhandlung Auhof | Altenbergerstraße 40, 4045 Linz-Auhof

Wolfsgruber | Pfarrgasse 18, 4240 Freistadt

Wurzinger | Hauptplatz 7, 4240 Freistadt

Obereder | Markt 23, 4273 Unterweißenbach

Ennsthaler | Stadtplatz 26, 4400 Steyr

Hartlauer | Stadtplatz 6, 4400 Steyr

Michael Lenk | Vogelweiderplatz 8, 4600 Wels

SKRIBO GmbH | Stadtplatz 34, 4600 Wels

Thalia | Schmidtgasse 27, 4600 Wels

Schachinger | Untere Stadtplatz 20, 4780 Schärding

Kochlibri | Theaterg. 16, 4810 Gmunden

Thalia | Pfarrgasse 11, 4820 Bad Ischl

Michael Neudorfer | Hinterstadt 21, 4840 Vöcklabruck

Schachtner | Stadtplatz 28, 4840 Vöcklabruck

Liebris Bücher&Wein | Bahnhofstr. 20, 4910 Ried

Thalia | Wohlmeyrgasse 4, 4910 Ried/Innkreis

Der Buchladen | Stadtplatz 15-17, 5230 Mattighofen

Salzburg

Bücher-Stierle | Kaig. 1, 5010 Salzburg

Motzko | Elisabethstr. 24, 5020 Salzburg

Facultas NAWI-Shop | Hellbrunner Straße 34, 5020 Salzburg

Morawa Höllrigl | Sigmund-Haffnergasse 10, 5020 Salzburg

Morawa SCA | Alpenstraße 107, 5020 Salzburg

Rupertusbuchhandlung | Dreifaltigkeitsgasse 12, 5020 Salzburg

Thalia | Europastraße 1, 5020 Salzburg

Morawa Shoppingcity Seiersberg | Top 2/2/12, 8055 Salzburg

Tirol

Haymon | Sparkassenplatz 4, 6020 Innsbruck

Studia | Innrain 52f, 6020 Innsbruck

Wagner’sche | Museumstraße 4, 6020 Innsbruck

Tyrolia | Maria-Theresien-Straße 15, 6020 Innsbruck

Tyrolia | DEZ Einkaufszentrum, 6020 Innsbruck

Riepenhausen | Langer Graben 1, 6060 Hall in Tirol

Riepenhausen | Andreas-Hofer-Straße 10, 6130 Schwaz

Steinbauer, EKZ Cyta | Cytastraße 1, 6167 Völs

Zangerl | Salzburger Straße 12, 6300 Wörgl

Lippott | Unterer Stadtplatz 25, 6330

Kufstein

Tyrolia | Rathausstraße 1, 6460 Imst

Tyrolia | Malserstraße 16, 6500 Landeck

Tyrolia | Rosengasse 3-5, 9900 Lienz

Vorarlberg

Ananas | Marktplatz 10, 6850 Dornbirn

Brunner | Marktstraße 33, 6850 Dornbirn

Rapunzel | Bahnhofstraße 12, 6850 Dornbirn

Brunner | Rathausstraße 2, 6900 Bregenz

Ländlebuch | Strabonstraße 2a, 6900 Bregenz

Brunner | Konsumstraße 36, 6973 Höchst

Tyrolia | Josef-Wolf-Platz, 6700 Bludenz

Burgenland

s’Lesekistl | Obere Hauptstraße 2, 7122 Gols

Pokorny | Schulgasse 9, 7400 Oberwart

Wagner | Grazer Str. 22, 7551 Stegersbach

Steiermark

Bücherstube | Prokopigasse 16, 8010 Graz

ÖH Unibuchladen | Zinzendorfgasse 25, 8010 Graz

Morawa Moser | Am Eisernen Tor 1, 8010 Graz

büchersegler | Lendkai 31, 8020 Graz

Morawa | Lazarettgürtel 55, 8025 Graz

Morawa | Shopping Center Seiersberg, Top 2/2/12, 8055 Seiersberg

Plautz | Sparkassenplatz 2, 8200 Gleisdorf

Morawa | Wiener Straße 2, 8230 Hartberg

Buchner | Hauptstraße 13, 8280 Fürstenfeld

Morawa | Hauptplatz 8, 8330 Feldbach

Morawa | Hauptplatz 6, 8530 Deutschlandsberg

Morawa | Mitterg. 18, 8600 Bruck/Muhr

Mayr | Kurort 50, 8623 Aflenz

Kerbiser | Wiener Straße 17, 8680 Mürzzuschlag

Morawa | Hauptplatz 14, 8700 Leoben

Morawa | Burggasse 10, 8750 Judenburg Hinterschweiger | Anna Neumannstraße 43, 8850 Murau

Buch + Boot | Altausse 11, 8992 Altaussee

Kärnten

Heyn Johannes | Kramergasse 2, 9020 Klagenfurt

Morawa Kärntner Buchhandlung | Wiesbadener Straße 5, 9020 Klagenfurt

Besold | Hauptpl. 14, 9300 St. Veit/Glan

Morawa Kärntner Buchhandlung | Bahnhofsplatz 3, 9400 Wolfsberg

Morawa Kärntner Buchhandlung | 8.-Mai-Platz 3, 9500 Villach

Morawa Spittaler Stadtbuchhandlung | Tiroler Straße 12, 9800 Spittal am Millstätter See

LEI

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