Nr. 42b/25
WIEN MODERN
Entgeltliche Beilage des Falter Verlags ALLE VERANSTALTUNGEN UND TERMINE











Das diesjährige Motto von Wien Modern stammt aus Cornelius Cardews gleichnamigem Werk. Zu sehen ist hier ein Ausschnitt aus der Partitur „The Great Learning“
Die Große Lernkurve und was Wien Modern daraus macht | longing to tell Black Music aus den USA zwischen Soul und Avantgarde | Chaya Czernowin im Fokus | Francesca Verunelli sucht den Moment des Hörens | Vielfalt in Form und Klang zwischen Musiktheater, Installation und Party | Erste Bank Kompositionspreis für Pierluigi Billone
Vorwort
Inhalt

Bernhard Günther, der Künstlerische Leiter von Wien Modern
Liebe Leserinnen und Leser, liebe Hörerinnen und Hörer
Wien ist anders. Weltweit scheint der Backlash 2025 eine einzige Dauerparty zu feiern, in Wien wächst gerade nicht nur die Bevölkerung, sondern auch das Gespür dafür, dass Diversität bei allen Herausforderungen gut für die Stadt ist.
Seit Kurzem leben hier wieder über zwei Millionen Menschen. Als das zuletzt der Fall war, um 1910, war Wien (noch vor Berlin) die fünftgößte Stadt der Welt – eine Zeit, die bis heute das Image einer weltweit ausstrahlenden Kulturmetropole prägt. Auch, wenn danach eine lange, graue Durststrecke folgte: 1988 (im Gründungsjahr von Wien Modern) sackte die Bevölkerungszahl auf unter 1,5 Millionen. Ohne Migration wäre Wien heute bereits keine Millionenstadt mehr.
Der Fall des Eisernen Vorhangs brachte die Trendwende, inzwischen leben hier 37 Prozent mehr Menschen als vor 37 Jahren. Das nimmt Wien Modern zum Anlass, über aktuell notwendige Lernkurven nachzudenken: Ist das Kulturleben, sind wir halbwegs schnell und reflektier genug, um mit dieser Dynamik der Stadtentwicklung mitzuhalten?
Das Festivalprogramm lädt zur Begegnung mit Vielsprachigkeit, aktueller Formatvielfalt, spannenden Wahlwienern wie beispielsweise Vimbayi Kaziboni (Dirigent und Co-Kurator des Eröffnungskonzertsam 30.10.), Angélica Castelló (die am 1.11. den Ernst Krenek Preis der Stadt Wien bekommt, erstmals bei einer Party in der Ottakringer Brauerei) und Pierluigi Billone (der am 6.11. mit dem Erste Bank Kompositionspreis ausgezeichnet wird). Und nicht zuletzt die titelgebende Schlussproduktion des Gesellschaftsvisionärs Cornelius Cardew zeigt: The Great Learning (30.11.) kann durchaus ein großes Vergnügen sein. Wir wünschen spannende Hörmomente bei Wien Modern!
Wir wünschen viel Vergnügen bei Wien Modern
Bernhard Günther
Künstlerischer Leiter von Wien Modern
Armin Thurnher
Herausgeber FALTER

Mut zum Widerspruch
Die Große Lernkurve – und was Wien Modern daraus macht 2
Die Sehnsucht, zu sprechen Zwischen Soul und Avantgarde: Stimmen aus Black America 4
Im Fokus: Chaya Czernowin Wien Modern präsentiert sechs Werke aus vier Jahrzehnten 6
Im Hier und Jetzt Francesca Verunelli sucht den Moment des Hörens 7
Lexikon Sämtliche Veranstaltungen im Überblick 8
Zwischen Sound und Szene Von Sonnengucker bis Seniorenresidenz 10
Von Mördern und Irren Von Ingeborg Bachmanns Klangräumen 12
The Great Learning Hundert Stimmen für Cornelius Cardew 13
Kompositionspreis Erste Bank Kompositionspreis für Pierluigi Billone 14
Terminübersicht 16
Impressum
Medieninhaber: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: +43-1/536 60-0, www.falter.at Redaktion: Miriam Damev Gestaltung und Produktion: Raphael Moser Lektorat: Regina Danek, Daniel Jokesch Geschäftsführung
Siegmar Schlager Leitung Sales: Ramona Metzler (kar.), Sheila Martel, Christian Fabi Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau DVR: 047 69 86.
In Kooperation mit Wien Modern. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter-verlag ständig abrufba.
Klänge
Zwischen Konfuzius und Mao, Avantgarde und Agitprop, Konzertsaal und Agitationslied: Cornelius Cardews Leben war voller Gegensätze. Wien Modern folgt seiner „Great Learning“Kurve und und feiert den Mut zum Widerspruch
ESSAY: ANDREAS KARL
Unter den Künstlern, die in der zweiten Hälftedes 20. Jahrhunderts mit ihrer Kunst die Welt zu verändern versuchten, ist der 1936 im Südwesten Englands geborene Cornelius Cardew ohne Zweifel einer der interessantesten und kontroversesten. Als Komponist und brillanter Pianist revolutionierte er in den 1960er-Jahren mit dem Scratch Orchestra und der enigmatischen Bilderpartitur des „Treatise“, wie Musik kollektiv und inklusiv gedacht, gemacht und notiert werden kann. Auch politisch verstand sich der glühende Maoist als Revolutionär. Eines der bemerkenswertesten Werke aus diesen turbulenten Jahren ist „The Great Learning“. 1970 abgeschlossen, vereint es in sieben sehr unterschiedlichen Paragrafen Erfahrungen aus seiner Zeit als Stockhausens Assistent, dem New Yorker Minimalismus und der Arbeit mit dem Scratch Orchestra zu einem Werk, in dem in eindrücklicher Weise jene Widersprüche und Konflikte,die Revolutionen eben so mit sich bringen, als diskursive Gegensätze nebeneinander bestehen bleiben.
„The Great Learning“ und seine Form sind von einem der vier kanonischen Bücher des Konfuzianismus inspiriert – dem „Dàxué“ (in alten Umschriften manchmal „Ta Hio“), zu Deutsch „Das Große Lernen“. In ihm legt Konfuzius jene Grundsätze für ethische und politische Bildung, Familienhierarchie und Selbstkultivierung dar, die im dynastischen China zur Staatsdoktrin wurden.
Mao und die berüchtigte Viererbande sahen im Konfuzianismus, der sich auf Introspektion und intellektuelle Überlegenheit stützt, eine feudale Altlast, die der Durchsetzung ihrer Ideale immer noch im Weg stand, und so traten sie in den letzten Jahren der Kulturrevolution eine Propagandakampagne los, die China von Konfuzius befreien sollte.
Für den mittlerweile politisch zum Maoismus bekehrten Cardew stand sein zuvor komponiertes „The Great Learning“ nun plötzlich auf der falschen Seite des Klassenkampfs. Hinzu kam ein ironischer Wink der Geschichte: Ausgerechnet der dem Faschismus zugeneigte Ezra Pound hatte jene englische Übersetzung des „Dàxué“ angefertigt, die Cardew als Vorlage diente. In kommunistischer Manier verfasste

Cardew daraufhineine Selbstkritik, in der er diese Widersprüche darlegt und sich geläutert zeigt – nachzulesen in seinem Pamphlet „Stockhausen serves Imperialism“.
Für eine Au ff ührung in der Londoner Albert Hall gelang es Cardew, die strenge BBC-Zensur zu umgehen und einige Slogans aus der Mao-Bibel ins Libretto einzuschmuggeln. Er musste jedoch erkennen, dass sein Werk auch in dieser Form keinen Beitrag zur „Mobilisierung der Massen“ leisten konnte – und so ließ er es schließlich in seiner Urgestalt als „mahnendes Beispiel konterrevolutionärer Musik“ bestehen. In den letzten Jahren vor seinem tödlichen Autounfall im Dezember 1981 komponierte Cardew vor allem Revolutionslieder und Klaviermusik. Es liegt eine gewisse Tragik darin, dass die Musik dieser Schaffenperiode, trotz ihrer Einfachheit und gewollten Banalität, zu kunstvoll blieb, um als massentauglich durchzugehen. Sein Versuch, das Scratch Orchestra als „Red Flame Proletarian
zwischen Klavier und Klassenkampf

Propaganda Team“ weiterzuführen, scheiterte, ebenso wie die Versuche des ehemaligen Klaviervirtuosen, sich als Pub-Pianist einen Namen zu machen. Dass sich seine Musik, trotz seiner Bemühungen, der ideologischen Vereinnahmung widersetzte, macht einen Teil des Faszinosums aus, das heute noch von ihr ausgeht. Was das mit dem „Wien Modern“Motto zu tun hat: Cardew hat eine beeindruckende Lernkurve hingelegt. Er hat in avantgardistischen Positionen nach Antworten gesucht, genauso wie in Agit-Pop und Folksongs; er sah all die Widersprüche, die die Versuche, seine politische und ästhetische Position in Einklang zu bringen, mit sich brachten – und ließ sie letztendlich zu.
Die viel beschworene Begeisterung für die Komplexität der zeitgenössischen Musik meint eben nicht nur den Genuss diffiziler, vielschichtiger Nuancen oder das beeindruckend organische Gewimmel Dutzender Musiker in einem Orchester, sondern auch die Schönheit des Nebenund Miteinanders widersprüchlicher ästhetischer Positionen.
Das Motto „The Great Learning“ ist ein Aufruf, sich mit der Vielfalt der Meinungen und Inhalte da draußen zu beschäftigen, zuzuhören, an Musik und Diskursen teilzunehmen und offenfür das zu bleiben, was auf der Bühne und im Kopf passiert – in Cardews Worten: „Eine ‚gute‘ Aufführung ist eine, in der sich Musiker und Publikum vollständig darauf einlassen.“
Wien Modern bietet zahlreiche Möglichkeiten, genau das zu tun. Zwischen dem 30. Oktober und dem 30. November kann man so Unterschiedliches erleben wie das von Vimbayi Kaziboni und George Lewis kuratierte Eröffnungkonzert, das Komponisten der afrikanischen Diaspora in Europa und Amerika ins Zentrum stellt (30.10.), oder Peter Ablingers „Wachstum und Massenmord für Titel, Streichquartett und Programmnote“ (Sie haben richtig gelesen), wo –vom Komponisten intendiert – die „Wien Modern“-Urgesteine des Arditti Quartets die Partitur nur Augenblicke vor der Aufführung zum ersten Mal in die Hand bekommen (1.11.).
Im Festivalprogramm findensich auch die unvergleichlich sorgfältig und warm gestalteten mikrotonalen Farben und Bewegungen, die die italienische Komponistin Francesca Verunelli mit einer fast existenziellen Hingabe in „Songs and Voices“ komponiert hat (25.11.), ebenso wie Birgit Minichmayrs Lesung von Bachmanns „Unter Mördern und Irren“ mit Musik von Klaus Lang (29.11.) oder die rohe Energie der Improvisationen des „Endless Breakfast“-Trios (7.11.).
Zu den 83 (!) Konzerten kommen zahlreiche Filmscreenings, Partys, Installationen und Musiktheaterprojekte, darunter etwa eine Blues-Oper von Tyshawn Sorey und akua naru, die Traditionen afroamerikanischen Storytellings aufgreift(19.11.).
Zum Ende des Festivals ist es dann so weit: die historisch einmalige Gelegenheit, alle sieben Paragrafen von „The Great Learning“ an einem Tag und Ort zu erleben –hierzu wird das gesamte Konzerthaus zur Bühne für hunderte Beteiligte (30.11.). Schöner geschwungen kann eine Lernkurve nicht sein. F
Mehr Film!
Three Bad Men
2016 schrieb das Wiener Trio Blueblut für die Philharmonie Luxemburg einen neuen Live-Soundtrack zu John Fords Stummfilm-Western „Three B a d Men“. Mit schrillen Einfällen, Humor und viel Spielfreude lassen sie den alten Kampf zwischen Gut und Böse in einer rauen Welt neu aufleben – samt schrägen Zwischentönen. Na ch der umjubelten Urauff ührung hat es fast zehn Jahre gedauert, bis das Projekt wieder auf die Leinwand kommt. Bei Wien Modern ist es endlich so weit!
Gartenbaukino, 26.10., 10 Uhr
Mehr Video!
Children’s Games
Francis Alÿs, 1959 in Antwerpen geboren und seit 1986 in Mexiko, drehte seit 1999 f a st 50 Filme über Kinderspiele – kurze, oftnur wenige Minuten dauernde Miniaturen: Reifenrennen in Afghanistan, Knöchelsteine in Nepal oder ein Passwortspiel im ukrainischen Charkiw. Vier Komponisten haben sich davon inspirieren lassen und neue Werke für das Cikada Ensemble geschrieben. Bei Wien Modern treff en die Videoaufnahmen auf ihre musikalischen Spiegelungen: Aleksandra Gryka hört darin stillen Widerstand, Angélica Castelló entwir ft ihre Partitur wie ein Kartenspiel, Kim Myhr entdeckt Unmitt elbarkeit neu, Pierre Slinckx antwortet mit einem gebrochenen Echo von „Twinkle, Twinkle, Litt le Star“.
M AK , 3.11., 17.30 Uhr
Mehr aus New York!
ICE X MDW
Das International Contemporary Ensemble (ICE), vom New Yorker als „Amerikas führende Gruppe für neue Musik“ bezeichnet, gibt sein Wien-Debüt. Zwei Konzerte sind dem Komponisten George Lewis gewidmet: eines unter dem Titel „Composing While Black“ mit Werken von Anthony Braxton u. a., das andere, „Polyaspora“, mit Stücken von L e wis, Chaya Czernowin und Hannah Kendall.
mdw, 22.11., 17 Uhr
Musikverein, 23.11., 20 Uhr
Mehr
Erinnerung!
Farb fi lm vergessen?
Christine Schörkhuber verwandelt das Wien der 1990er-Jahre in Klang. Stimmen Zugewanderter erzählen von Aufbuch und Veränderung, ihre Erinnerungen verdichten sich zu einem modularen Hörstück in der Ruprechtskirche –die Stadt selbst wird zur akustischen Partitur.
Ruprechtskirche, 13.11., 10 bis 22 Uhr
Mehr
Spurensuche!
Verlagerung / Dislocation Bananenkisten werden bei noid zu Resonanzräumen globaler War enströme. Mit Klangspenden von Ilia Belorukov, Angélica Castelló, dieb13 u. a. entsteht eine akustische Spurensuche nach Bewegung, Verlust und Neuverortung. Theater am Werk im Kabelwerk, 23. & 24.11., 18 bis 22 Uhr
Von der
Sehns
nach Aufklärung und Komplexität

Der aus Zimbabwe stammende Wahlwiener Vimbayi Kaziboni leitet das Erö ff nungskonzert
Mit der Bluesoper „longing to tell“ und der Residency des International Contemporary Ensemble aus New York City richtet Wien Modern den Blick in die USA: Musik zwischen Soul, Blues, Hip-Hop, Jazz und europäischer Avantgarde
SPURENSUCHE: LJUBIŠA TOŠIĆ
ucht
Das Instrumentalensemble ist im Halbkreis versammelt und erweckt ganz unterschiedliche Stilwelten: links ein Schlagzeug, neben ihm Saiteninstrumente, die eher mit Jazz und Soul assoziiert werden. Ihnen gegenüber werken auf der rechten Seite Streicher des Hamburger Ensembles Resonanz, die bisweilen perkussiv agieren, also Spieltechniken zum Einsatz bringen, die eher der europäischen Avantgarde zugeordnet werden. Das klar definierteSetting, in dessen Zentrum Darstellerin und Sängerin akua naru agiert, bildet die Bühne für „longing to tell“, eine als „Blues Opera“ untertitelte Produktion. Stilistisch schmilzt hier einiges zusammen, wenn es darum geht, die Geschichte der Afroamerikanerin Linda Rae zu erzählen, die in einem Buch von Tricia Rose vorgestellt wurde.
Roses „longing to tell: Black Women Talk About Sexuality And Intimacy“ von 2003 lässt 20 afroamerikanische Frauen aus unterschiedlichen sozioökonomischen Verhältnissen zu Wort kommen. Das Interviewbuch schildert die Situation schwarzer Frauen in den USA seit den 1980er-Jahren, die sich unter der sozialpolitisch disruptiv agierenden Präsidentschaftdes Republikaners Ronald Reagan zu verschlechtern begann. Linda Raes Geschichte kreist exemplarisch um katastrophale Rahmenbedingungen des Lebens, die von Armut, familiärer Gewalt, Arbeitslosigkeit, Beziehungskatastrophen und Drogen erzählen.
Die Zentralfiur in „longing to tell“ schildert anfangs ihre Familienverhältnisse, um hernach ein Martyrium zwischen Misshandlung in der Ehe, Drogenabhängigkeit, Verhaftung,Neubeginn, Drogenentzug und Doppelleben zwischen Ehe und Sexarbeit zu durchleiden. Warum aber nennt sich das Ganze Bluesoper?
Die aus New Haven, Connecticut, stammende Darstellerin akua naru, die auch das Libretto schrieb, versteht diesen traditionsreichen Stil im Sinne einer Definition des Philosophen Cornel West. In seinem Werk „A Lesson from the Blues“ umreißt er diesen „erdigen“ Stil als „lyrisch ausgedrücktes Katastrophen-Narrativ, das der Katastrophe nicht das letzte Wort überlässt“.
akua naru, die als „Toni Morrison des Hip-Hop“ gefeiert wird und mit ihrem Conscious Rap für politische, sozialkritische Musik und Spoken-Word-Ästhetik steht, gestaltet ihren Part allerdings, wie gesagt, inmitten eines Werkes, das weit über eine Stilfarbe hinausgeht. In „lon-
ging to tell“, dessen Musik Multi-Instrumentalist Tyshawn Sorey komponiert hat, sind auch Spuren von zeitgenössischem Jazz und klassischer Avantgarde vertreten. Darin zeigt sich eigentlich auch Tyshawn Soreys indirekte Verwandtschaft zu US-Komponist George Lewis, der bei Wien Modern eine wichtige Rolle spielt. Sorey komponierte für das International Contemporary Ensemble, dessen künstlerischer Leiter Lewis ist. Und Sorey bekam 2024 den Pulitzer-Preis für ein ,,Adagio (for Wadada Leo Smith)‘‘, das dem Avantgardejazz-Trompeter Smith gewidmet ist, der – wie George Lewis – Mitglied der einflusreichen Chicagoer Institution AACM ist.
Das Avantgarde-Kollektiv Association for the Advancement of Creative Musicians, das Lewis in seinem Buch „A Power Stronger Than Itself: The AACM and American Experimental Music“ porträtiert hat. wurde 1965 im Süden Chicagos gegründet. Die Initiative, von Pianist Muhal Richard Abrams angestoßen, beinhaltet Sozialprogramme und pädagogische Aktivitäten. Vor allem aber intendiert AACM, deren Mitglieder auch Avantgardedenker und Saxofonist Anthony Braxton ist, Aufmerksamkeit für musikalische Manifestationen, die afroamerikanische Traditionen und kompositorische Techniken der klassischen und neueren Moderne verschmel-

George Lewis verbindet Komposition, Posaune und digitale Kunst

zen. AACM forciert also jene Ansätze, die übliche Jazzklischees aufzulösen trachten, da sie dem Charakter der Werke nicht gerecht werden, in denen Improvisation nur ein Element darstellt.
Tyshawn Sorey kann man – „longing to tell“ wird es zeigen – ebenfalls der ästhetischen AACM-Strömung zurechnen, der George Lewis als Posaunist, Komponist, Pionier der Computermusik und Professor an der Columbia University angehört. Als exponierter Aufklrer und Vorkämpfer afroamerikanischer Selbstfindung– auch im kompositorischen Bereich – wird der 1952 in Chicago Geborene beim Eröffnungskonzertdes ORF-Radiosymphonieorchesters Wien unter der Leitung von Vimbayi Kaziboni mit den Werken „Your Network is Unstable“ und „Weathering“ vertreten sein.
George Lewis vertieft zusätzlich seine Arbeit in Wien: Er reist mit dem International Contemporary Ensemble an, um eine Woche lang in Kooperation mit der Universität für Musik und darstellende Kunst und dessen Webern Ensemble Kompositionen u.a. von Anthony Braxton vorzustellen. Wien Modern blickt insofern mit der sozialpolitisch engagierten Bluesoper „longing to tell“ und der Kooperation zwischen Musikuni und ICE, die unter dem Titel „Composing While Black“ präsentiert wird, über Europa hinaus. Im Mittelpunkt stehen Werke afrodiasporischer Komponisten – ein Feld, das die kolonial geprägte europäische Avantgarde lange ignorierte und das George Lewis nun sichtbar macht. Auch seine Musik setzt politische und soziale Akzente. Bei der Komposition „Weathering“ etwa geht es um chronische Belastungen, die an den Rand gedrängte Gruppen durch Verelendung, Diskriminierung und Rassismus erleiden. Wobei: Die Komposition soll musikalisch durchaus groovy und mitreißend rüberkommen. Das Thema ist ernst, aber George Lewis verbindet mit diesem Orchesterwerk die Hoffnung, „dass diese Musik nicht Stress, sondern Empathie erzeugt, denn vielfältige Formen des Weatherings betreffen uns alle“. F
Erö ff nungskonzert Konzerthaus, 30.10., 19.30 Uhr
longing to tell
MQ Halle E, 19.11., 20.00 Uhr
ICE X MDW: Composing while Black mdw Campus, 22.11., 17.00 Uhr
Mehr Echtzeit!
Vienna Improvisers Orchestra
Michael Fischers „Instant Composition Conducting“: Mit wenigen Zeichen entstehen Klanglandschaft en, die sich ver weben, verwandeln und ver flüchtigen.
Künstlerhaus Factory, 27.11., 18 Uhr
Mehr Schicht!
Party Modern Neue Musik im Club: sch:cht [Sıçt] mit Mopcut, Rent a.k.a. Kathrin Euller und Ganaël – Beats, die die Nacht zerlegen.
FLUCC Deck, 13.11., 20.30 Uhr
Mehr Late Night!
SFIEMA: Heimat, fremde Heimat! Ein Late-Night-Trip zwischen Fremd- und Heimatklängen, Soundexperimenten, Improvisation und unerwarteter Nähe – mit der One.Night.Band und ihren Solisten.
Café Korb, 12.11., 22 Uhr
Mehr Blödsinn!
Blöd & Undiszipliniert
Typisch Blöder Dritt er Mitt woch: Worte purzeln bei jopa jotakin, Körper wirbeln in AVA (closer), dazu Filmexperimente. PRCDR macht mit subtilem Noise den Abschluss.
Reaktor, Ausstellung ab 21.11., 18 Uhr; Performance 26.11., 20 Uhr
Mehr Punk!
Black Page Orchestra
Die Punkband der Wiener neuen Musik präsentiert Stücke von Zara Ali, Katharina Ernst, Bernhard Lang u. a. sowie die Uraufführung „Halucinatio (II): End of the Work Day“ von Jung An Tagen, inspiriert von der schrillen Bosun’s Whistle zwischen Signal und Musik.
Musikverein, 20.11., 20 Uhr
Mehr
Pioniergeist!
ŒNM 50
50 Jahre œnm: Das Salzburger Ensemble, einst mit Klangmobilen durch Seoul geradelt, feiert mit Clemens Gadenstä tt ers Raumkomposition „Archipel L ife“. Auf neun „Inseln“ nimmt der in Klang gefasste Alltag Gestalt an: S chneiden, Hämmern, Reden, Gehen, Klirren – hell, dunkel, warm, kalt – alles klingt hier in eigener Färbung.
Theater am Werk im Kabelwerk, 23. & 24.11., 20 Uhr
Mehr
Geburtstage!
Kurt Schwertsik 90 Kurt Schwertsiks Partituren tun harmlos und bergen doch „versteckte böse Absichten“. Wien Modern feiert den verschmitzten Querdenker der Neuen Musik, der der Avantgarde das Lächeln zurückgab, mit einem Porträtkonzert des Ensembles Kontrapunkte. Ein Abend voll W itz, Melancholie und feiner Provokation.
Musikverein, 23.11., 17.30 Uhr

Sechs Werke aus vier Jahrzehnten: Residency für die israelische Komponistin Chaya Czernowin
Ein Panorama aus Brüchen, Blüten und Dunkelheit
Chaya Czernowin komponiert das Unsichtbare: Knacken, Rauschen, Schweigen. Eine radikale Hör-Erfahrung
TAUCHGANG:
MIRIAM DAMEV
Wenn Chaya Czernowin komponiert, hört sie in Schichten. Geräusche der Nacht, das Knacken alter Bäume, das kaum Hörbare zwischen Stimmen und Instrumenten. Sie spricht von „endlosen Hohlräumen im Inneren der zunehmenden Dunkelheit“. Ihre Musik sucht das Unsichtbare, fern von Unterhaltung oder dekorativer Klangfläche.Wer sich darauf einlässt, erfährt eine radikale Form des Hörens.
Geboren 1957 in Haifa als Tochter zweier Holocaust-Überlebender, entschloss sich Czernowin früh, Komponistin zu werden. Sie lernte Klavier, gründete eine experimentelle Rockband, ging nach Berlin, später nach Tokio und Kalifornien. Seit 2007 lehrt die promovierte Dozentin und mehrfach preisgekrönte Komponistin in Harvard.
In Czernowins Werken summt und brummt, knirscht und rauscht es. Erkundungen nach dem Verborgenen in der Musik, bis hin zum Unhörbaren. Komponieren, sagte sie einmal, bedeute, „eine Vision zur Gestalt bringen“. Ihrem Werk, das Kammer-, Vokal- und Orchestermusik ebenso umfasst wie Bühnenwerke, haftetstets etwas Schauriges an.
Bei Wien Modern lässt sich ihr Weg nun über vier Jahrzehnte verfolgen. Den Auftaktbildet „Afatsim“ (1996). Der Titel bedeutet Gallen – organische Wucherungen, die Czernowin als Metapher für ent-
stellte Zeit begreift.Schon damals ging es ihr nicht um lineare Entwicklung, sondern um Vielschichtigkeit: Vier Instrumentengruppen zerfallen in „Wörter“ und „Sätze“, die sich wieder neu verflchten.
Über ein Jahrzehnt später führt „Sheva“ (2008) diesen Gedanken fort. Fragile Linien stoßen auf massive Klangblöcke, „Klang-Klumpen“ nennt Czernowin das. Das Stück entstand im Umfeld ihres Dialogue Experiment – ein kollektives Labor, in dem Komponisten aufeinander reagierten. Sheva – hebräisch für sieben – ist für sieben Spieler geschrieben und trägt die Erinnerung an diesen Austausch in sich.
2018 folgte mit „Black Flowers“ ein Stück von konzentrierter Kürze für E-Gitarre. Der Titel zitiert den französischen Philosophen Gaston Bachelard: „Obscure vegetation: black flwers bloom in matter’s darkness.“ Zarte Klänge verwandeln sich in knarzende Geräusche; mal klingt es wie schwere Regentropfen, mal dehnt Czernowin Töne wie Kaugummi, dazwischen immer wieder Stille.
„Immaterial“ (2021/22) bildet den dritten Teil ihres Triptychons „Vena“ –lateinisch für Ader. Sechs Stimmen sind hier von Worten befreit, sie werden Klang, Bewegung, Linie. Ein imaginäres Unterwasser-Theater entsteht, halb Madrigal, halb Klanginstallation, das den Raum selbst in Schwingung versetzt.
Die Trilogie „Fast Darkness“ (2020–22) entstand als Reaktion auf die Pandemiejahre. Czernowin beschreibt diese Musik als Erforschung des Moments, wenn
man auf einer fehlenden Stufe stolpert –kurze Augenblicke der Unsicherheit, die sich ins Körpergedächtnis brennen. „Fast Darkness III: Moonwords“ (2022) bündelt diese Erfahrung in einer 16-minütigen vibrierenden Klangreise, die sich wie eine K letterpflanze an einer Wand entlangrankt und dabei immer neue Verästelungen bildet.
Und schließlich „Ezov“ (2023–24), Czernowins viertes Streichquartett für das Arditti Quartet. Der Ysop, eine unscheinbare Heilpflanze mit biblischer Symbolik, wird hier zum Bild für Reinheit, Verletzlichkeit und Überleben.
So entsteht bei Wien Modern ein Panorama, das ihr Werk nicht als Linie erzählt, sondern als Geflcht. Von „Afatsim“ bis „Ezov“ reicht die Spur des Suchens – nach der Grenze zwischen Klang und Stille, nach dem Moment, in dem Musik nicht mehr sagt, sondern zeigt. F
Ard itt i 51.3
Musikverein, 2.11., 19.30 Uhr
Kontrapunkte: Chaya Czernowin Musikverein, 3.11., 19.30 Uhr
Black Page Orchestra
Musikverein, 20.11., 20 Uhr
ICE X MDW: Polyaspora
Musikverein, 23.11., 20 Uhr
Claudio Abbado Konzert
Musikverein, 25.11., 19.30 Uhr
Der Zeit Zeit geben, sich auszudrücken
Klang wird Körper, Zeit wird Stimme: Francesca Verunelli sucht nach dem Moment, in dem Hören entsteht
KLANGREISE: MIRIAM DAMEV
Mich fasziniert der Gedanke, jenen Moment zu finden,in dem die intime Vibration der Stimmbänder – das ursprüngliche Wesen aller Klänge – zum Gesang wird, in dem die nackte Stimme zur singenden menschlichen Stimme wird.“ So beschreibt Francesca Verunelli ihr neues Werk „La nuda voce II“, das bei Wien Modern vom Trio Amos uraufgeführt wird. Stimme, Flöte, Akkordeon und Violoncello verschränken sich hier zu einem fragilen Gewebe, das von jenem Augenblick erzählt, in dem Klang und Körper sich lösen – um Gesang zu werden.
Geboren wurde Francesca Verunelli 1979 in Pietrasanta, einem kleinen Ort in der nördlichen Toskana. „Heiliger Stein“ bedeutet der Name – und tatsächlich ist die Landschaftgeprägt von den CarraraSteinbrüchen, deren weiße Blöcke schon Michelangelo bearbeitete. Früh stand die Musik im Zentrum: Mit drei Jahren bekam sie ihr erstes Klavier, mit zehn begann sie kleine Stücke zu schreiben. Entscheidend waren die Besuche bei Orchesterkonzerten mit dem Großvater. Beethoven, Sibelius, Bruckner – Klänge, die sie als körperliche Wucht erlebte. Diese Erinnerung ist noch in ihrem Orchesterwerk „Tune and retune“ (2018) präsent, das vom „Atem“ eines Orchesters erzählt, von einem lebendigen Organismus, der sich in der Zeit entfaltet. Mit 14 wurde sie zum Kompositionsstudium in Florenz aufgenommen. Ihr Lehrer, erinnert sie sich, stellte viele Fragen und gab wenige Antworten. Wichtiger als rasche Lösungen war es, das Fragen selbst als Methode zu begreifen. 2007 kam der erste große Erfolg: „En mouvement (espace double)“ wurde beim Centre Acanthes, einer französischen Werkstatt für neue Musik, uraufgeführt. Verunelli war damals 28.
Ein Wendepunkt war für sie die Entdeckung der spektralen Musik: das Hören von Klangräumen, die jenseits des temperierten Systems liegen. Mikrotonalität, feinste Schwebungen und das Einbeziehen akustischer Phänomene prägen seither ihren Stil. Zwei Obsessionen treiben sie an: Harmonie und Zeit. „Früher war ich aggressiver darin, der Zeit eine Form aufzuzwingen. Heute bin ich geduldiger und gebe der Zeit Zeit, sich auszudrücken.“
Verunellis Musik lebt von zarten Geflchten; vibrierende Klänge, die an die flirrende Augusthitze der Toskana erinnern. Dunkle Wolken ziehen heran, lösen sich wieder auf. Akustisches und Elektronisches verschmelzen, Stimmen verschwinden im Instrumentalen, Instrumente klingen wie Stimmen.
Ihr Zyklus „Songs and Voices“ (2023), zu hören im Claudio Abbado Konzert am 25.11., zählt zu den bedeutendsten Arbeiten der letzten Jahre: sechs Stücke in unterschiedlichen Besetzungen, vom Abschiedsgesang auf die früh verstorbe-
ne Schwester bis zu KafkasSchweigen der Sirenen. „Diese Präsenz von Lied in Abwesenheit einer singenden Stimme hat meine Klangsuche angetrieben – eine Art Aporie, die Grenzen des instrumentalen Sichtbaren zu verschieben.“
Nach langen Jahren in Paris lebt Francesca Verunelli heute wieder in Viareggio, nahe den Orten ihrer Kindheit. Es war eine pragmatische Entscheidung und zugleich der Wunsch, näher bei den eigenen Wurzeln zu sein. Von hier aus arbeitet sie an Werken, die akustische Erfahrungen in neue Perspektiven verwandeln. „Das Neue in der Kunst ist meist nur ein
neuer Blick auf etwas Bestehendes“, sagt sie. „Zeitgenössische Musik entsteht aus unserem jetzigen Empfindenfür Leben, Klang und Licht – eine Erfahrung des Moments.“ F
Trio Amos Theater am Werk im Kabelwerk, 23.11., 19 Uhr
Claudio Abbado Konzert Musikverein, 25.11., 19.30 Uhr
Artist Talk mit Francesca Verunelli und Chaya Czernowin Musikverein, 25.11., 20.30 Uhr

Mehr
Dialog!
Geschli ff ene Grenzen
Zwischen Kyiv und Tbilisi, Jerewan und Moskau ist der musikalische Dialog verstummt. Mit „The Tower of Babel“ setzt das Klangforum Wien ein Zeichen und präsentiert neue Werke von Anna Korsun, Koka Nikoladze, Hovik Sardaryan, Alexander Khubeev und Marina Khorkova – ver fl ochten mit Bildern der Filmpioniere Dziga Vertov und Sergej Eisenstein.
Konzerthaus, 16.11., 19 Uhr
Mehr
Regelbrüche!
Capricci „Capriccio“ heißt Regelbruch mit System. Wolfram Schurig widmet dieser Form eine Werkreihe mit PHACE: von fallenden Linien über Stimmen im Geräusch bis zu Richters unscharfer Malerei – ein Abend mit kontrolliertem „freaking out“.
Reaktor, 2.11., 16 Uhr
Mehr
Spiel!
USE/LESS Manual Das ensemble]h[iatus lotet das Feld zwischen Präsenz und Abwesenheit aus: Elisabeth Har niks wandelbares Puzzle „Presences and Absences“, Fabrice Charles’ MitmachFanfare de la Touff e und Helmut Lachenmanns ironisches „Guero“ entfalten einen Abend, in dem Regeln ins Spielerische kippen.
Reaktor, 27.11., 20 Uhr
WIEN MODERN 2025
Musik
Arditt i 51.1 Arditti Quartet, Yaron Deutsch (E-Gitarre), Stefan Prins (Live-Elektronik). Die verschobenen Arditti-Konzerte finden mit unverändertem Programm und in gleicher Reihenfolge fast exakt ein Jahr später statt. Das ursprünglich für 2024 geplante Geburtstagsgastspiel zum 50er wird nun nachgeholt – der Arm des Cellisten ist wieder heil. Abend Nummer eins bringt Musik von Arnold Schönberg und Stefan Prins (UA). Konzerthaus, Mozart-Saal, Fr 31.10., 19.30
Arditt 51.2 Arditti Quartet Werke von Peter Ablinger, Arnold Schönberg, Salvatore Sciarrino und Sarah Nemtsov. Konzerthaus, Mozart-Saal, Sa 1.11., 17.30
Arditt i 51.3 Arditti Quartet, Connor Shafran (Live-Elektronik). Werke von Clara Iannott a, Arnold Schönberg, Chaya Czernowin und Iannis Xenakis. Musikverein, Brahms-Saal, So 2.11., 19.30 Arditt i 51.4 Arditti Quartet, Christina Daletska (Sopran). Werke von Hilda Paredes, Luigi Nono und Arnold Schönberg. Musikverein, Brahms-Saal, Di 4.11., 19.30
Barbara Hannigan / Bertrand Chamayou Im Zentrum steht John Zorns Zyklus „Jumalatt aret“ über neun Göttinnen des Kalevala – Musik zwischen Ritual, Volkslied und Moderne. Ergänzt wird der Abend durch Werke von Messiaen und Skrjabin. Konzerthaus, Mozart-Saal, Fr 14.11., 19.30 Black Page Orchestra Irene Delgado-Jiménez (Ltg.). Die selbsternannte Punkband unter den Wiener neue-Musik-Ensembles bringt frische Energie in den Musikverein. Auf dem Programm stehen neben Chaya Czernowins „Black Flowers“ neue Stücke von Zara Ali, Jung an Tagen alias Stefan Juster, Katharina Ernst, Bernhard Lang und weiteren Weggefährten. Musikverein, Gläserner Saal, Do 20.11., 20.00
Carte blanche à Pierluigi Billone MUK.ensemble.aktuell, Roland Freisitzer (Ltg.). Dike, Göttin der Gerechtigkeit, wacht im Orphischen Hymnus über Wahrheit und Unrecht. Billones Stück „Dike / Wall“ nimmt diese Figur als Ausgangspunkt für eine klangliche Auseinandersetzung mit Macht, Ausgleich und Brüchigkeit – zwischen strenger Ordnung und eruptiver Energie. Dazu Werke von Giacinto Scelsi, Luigi Nono, Morton Feldman und Galina Ustwolskaja. Musikverein, Gläserner Saal, Di 11.11., 20.00
Children’s Games Vier Komponisten haben sich von Francis Alÿs’ Filmen inspirieren lassen und neue Werke für das Cikada Ensemble geschrieben. Im Konzert begegnen sich die Videoaufnahmen von Kinderspielen und ihre musikalischen Spiegelungen: Aleksandra Gryka hört darin eine Form s tillen Widerstands, Angélica Castelló legt ihre Partitur wie ein Kartenspiel an, Kim Myhr entdeckt Unmitt elbarkeit neu während Pierre Slinckx mit einem gebrochenen Echo von „Twinkle, Twinkle, Little Star“ antwortet. MAK Säulenhalle, Mo 3.11., 17.30
Claudio Abbado Konzert Ensemble C Barré, Neue Vocalsolisten, Sébastien Boin (Ltg.). In „Songs and Voices“ entfaltet Francesca Verunelli einen Zyklus von sechs Stücken – vom Abschiedsgesang bis zu Kafk as schweigenden Sirenen. „Ein Lied ohne singende Stimme“ treibt ihre Klangsuche an. Chaya Czernowins „Immaterial“ entwirft in imaginäres Unterwassertheater, in dem die Stimme zu Klang, Emotion, Farbe oder Bewegung wird. Musikverein, Großer Saal, Di 25.11., 19.30
Cornelius Cardew: The Great Learning „Wenn Musik nur ästhetisch wäre, hätt e sie kaum diesen Platz in unserem Leben“, meinte Cornelius Cardew 1968 zur Urauff ührung des ersten Paragrafen von „The Great Learning“. Dieses visionäre Werk des englischen Komponisten, der 1981 mit nur 45 Jahren starb, gliedert sich in sieben Paragrafen und basiert auf Konfuzius’ Ta-hio in der Übersetzung von Ezra Pound. Am letzten Festivaltag wird es nach einem Jahr Vorbereitung in allen Sälen des Wiener Konzerthauses aufgeführt – ein seltenes Ereignis, realisiert von IGNM, Junge Musik, Wien Modern und hunderten Mitwirkenden. Im ganzen Konzerthaus, So 30.11., 11. bis 19.00 Ensemble Ionisation instrumentale Mikael Rudolfsson (Ltg.). Das Ensemble versteht sich als Solistenensemble in variabler Besetzung und prägt die gleichnamige Konzertreihe der MUK mit Auftritt en u.a. im Mozart-Saal und im Gläsernen Saal. Im Zentrum stehen Schlüsselwerke der
neuen Musik, verbunden mit aktueller Praxis und regelmäßigen Urauff ührungen. Bei Wien Modern erklingt Musik von Sofia Gubaidulina, Simon Bauer und Parsa Bandiei Sabet. Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, MUK.theater, Mi 19.11., 18.00 & 20.00 Eröff nungskonzert ORF RSO Wien, Vimbayi Kaziboni (Ltg.). George Lewis: „Your Network is Unstable“, „Weathering!“ (ÖEA), Jessie Cox: „Schattenspiel“ (ÖEA), Hannah Kendall: „He stretches out the north over the void and hangs the earth on nothing“ (ÖEA). Konzerthaus, Großer Saal, Do 30.10., 19.30 Erste Bank Kompositionspreis: Pierluigi Billone Klangforum Wien, Helmut Lachenmann (Stimme), Emilio Pomárico (Ltg.). Der in Pisa geborene Komponist und Wahlwiener Pierluigi Billone erhält den Erste Bank Kompositionspreis. Das Stück „ME. Studie für Ensemble“ beschreibt er als eine Bewegung zwischen Stille, chaotischen Klangmassen und wiederkehrender Leere. Im Anschluss: Empfang. Konzerthaus, Mozart-Saal, Do 6.11., 19.30 Förderpreis Ensemble der Ernst von Siemens Musikstiftung: Lovemusic Laura Bowler: The Sad Album (ÖEA). Das Kollektiv Lovemusic aus Straßburg gastiert erstmals bei Wien Modern mit „The Sad Album“ von Laura Bowler. Eine Stunde Musiktheater über die widersprüchlichen Facett en von Trauer: dunkel, bizarr, zärtlich. Geschichten und Masken, Lachen und Weinen verdichten sich zu choreografiertem Chaos, in dem Stimme und Instrumente an Grenzen stoßen, universell und intim zugleich. Im Anschluss: Umtrunk. Konzerthaus, Mozart-Saal, So 16.11., 17.00 Hübsch Martel Zoubek + Bertoncini | Endless Breakfast Tiziana Bertoncini (Violine), PierreYves Martel (Modular Synthesizer), Carl Ludwig Hübsch (Tuba), Philip Zoubek (Präpariertes Klavier, Synthesizer). Endless Breakfast: Mariá Portugal (Percussion), gabby fluke-mogul (Violine), Paula Sanchez (Violoncello). Ein Trio mit Tuba, Synthesizer und präpariertem Klavier hat sich in den letzten Jahren eine unverwechselbare Sprache aus feinen Klangtexturen und spontanen Formverläufen erarbeitet – irgendwo zwischen konzentrierter Stille und eruptiver Improvisation. Für die aktuelle Tour wächst es zum Quartett: Akustische und elektronische Klänge verweben sich, Raum und Zeit dehnen sich, Klarheit triff t auf Spontaneität. echoraum, Fr 7.11., 19.00
Ice x mdw: Composing while Black, Vienna edition International Contemporary Ensemble ICE, Clement Power (Ltg.). Das International Contemporary Ensemble, „Amerikas führende Gruppe für neue Musik“ (New Yorker), bringt zwei Programme zu Ehren von George Lewis: eines im Rahmen von „Composing While Black“, das andere mit großen Werken von Lewis, Chaya Czernowin und Hannah Kendall. mdw, Joseph-Haydn-Saal, Sa 22.11., 17.00 Ice x mdw: Polyaspora International Contemporary Ensemble ICE, Webern Ensemble Neue Musik, Clement Power (Ltg.). Werke von George Lewis, Chaya Czernowin und Hannah Kendall. Musikverein, Gläserner Saal, So 23.11., 20.00
Judith Fliedl: Embodied Resonances Gerard Erruz (Elektronik). Wie verändert sich Hören, wenn es körperlich, räumlich, zwischenmenschlich wird?
Die Geigerin Judith Fliedl erforscht an der Kunstuni Graz neue Konzertformate, die das Publikum aktiv einbeziehen. Im Mitt elpunkt steht nicht nur das Werk, sondern das Hören selbst – als gemeinsames, raumgreifendes Erleben. Musik von Judith Unterpertinger (UA), Christophe Havel, Clemens Gadenstätt er, Gerard Erruz, Viktor Morató und Malin Bång. Alte Schmiede, So 9.11., 11.00
Klangforum Wien: Tower of Babel Vimbayi Kaziboni (Ltg.) Das Klangforum Wien setzt ein Zeichen gegen die Vereinnahmung von Musik im postsowjetischen Raum. Fünf neue Werke aus der Ukraine, Georgien, Armenien und Russland treffen auf Bilder des Filmpioniers Dziga Vertov und Sergej Eisenstein. Konzerthaus, Großer Saal, So 16.11., 19.00
Kontrapunkte: Chaya Czernowin Ensemble Kontrapunkte, Andreas Planyavsky (Flöte), Gott fried Rabl (Ltg.). Sechs Werke aus vier Jahrzehnten: Wien Modern widmet Chaya Czernowin einen Schwerpunkt. Bei den Kontrapunkten erklingen David Kosviner: TAOS 84 (UA), Chaya Czernowins „Afatsim“ (1996) und „Sheva“ (2008) sowie Pierre Boulez’ „Memoriale für Flöte und acht Instrumente“ und „Dérive 2“. Musikverein, Gläserner Saal, Mo 3 11., 19.30
Kurt Schwertsik 90 Ensemble Kontrapunkte, Gottfried Rabl (Ltg.), Josipa Bainac (Mezzosopran), Georg Nigl (Bariton). „Meine Musik scheint zuverlässig zu sein & ohne Arg, aber es gibt versteckte böse Absichten“ – so charakterisierte sich Kurt Schwertsik selbst. Das Ensemble Kontrapunkte widmet ihm nun eine große Werkschau, die Stücke aus den Jahren 1976 bis 2017 umfasst. Musikverein, Brahms-Saal, So 23.11., 17.30 Matinée petite Cordula Bösze, Robert Corazza (Konzept, Ltg.). Mit Schülerinnen und Schülern der Musikschulen der Stadt Wien. mumok, So 9.11., 13.00 mdw Klangwandler Jaime Wolfson (Ltg.). Das Programm versammelt Komponistinnen verschiedener Generationen: Edith Lejet mit schillernden Klang flächen, Tamara Friebel mit dem Flügelschlag des Schmett erlings, Galina Ustwolskaja mit radikaler Sonate und Farnaz Modarresifar mit drei neuen Werken. Ein Parcours weiblicher Stimmen. mdw Klangtheater, Sa 29.11., 11.00 Mivos Quartett Das New Yorker Quartett räsentiert Werke von Arnold Schönberg, Hannah Kendall und Tomazs Skweres. Arnold Schönberg Center, Fr 28.11., 18.00
œnm 50 | Clemens Gadenstätter: Archipel Life Geneviève Strosser (Viola), Johannes Kalitzke (Ltg.). Das œnm feiert 50 Jahre und gastiert zum zehnten Mal bei Wien Modern. Zum Jubiläum zeigt es Clemens Gadenstätt ers neue Raumkomposition „Archipel Life“ für neun Ensembleinseln, Viola, Stimme und Elektronik. Das Ensemble verteilt sich im Raum, Handlungen und Empfindungen des Alltags spiegeln sich auf den einzelnen Instrumenten jeweils anders. Theater am Werk im Kabelwerk, So 23.11. & Mo 24.11., 20.00 Pacific Quartet Vienna Die Leidenschaft für die Königsdisziplin der Kammermusik, das Streichquartett , führte Yuta Takase und Simon Wiener (Violine), Chin-Ting Huang (Viola) und Sarah Weilenmann (Violoncello) zusammen: Gemeinsam gründeten sie ein Ensemble, das Tradition und Gegenwart im Streichquartett eu befragt. Bei Wien Modern erklingen Werke von Sofia Gubaidulina und Julia Purgina. Schömer-Haus, Sa 8.11., 16.00 PHACE + schtum: Loom Ein organisch pulsierendes Gewebe aus elektroakustischen Klängen: schtum entfesseln in „Loom“ ein Spiel kreisender Rhythmen, die sich zu intensiven Mustern auftürmen, mit einem unterschwelligen, bedrohlichen Klangschatt en. Dazu Werke von Malika Kishino, Zara Ali und Emre Sihan Kaleli. Konzerthaus, BerioSaal, Di 18.11., 19.30 Pierluigi Billone: Mani.Marathon Sieben Solostücke für Schlagzeug formen einen offenen Zyklus: reduziert auf das Wesentliche, ohne Elektronik, nah an der direkten Klangpraxis. Jedes Werk erkundet ein Instrument als ganze Klangwelt, entwickelt eigene Manipulationstechniken und spielt mit der Wechselwirkung von Körper und Klang. Das Publikum erlebt intime Nähe, wo Interpret und Hörer in vibrierender Resonanz zusammentreffen. Reaktor, Sa 29.11., 14.00 Reihe Zykan+: Vielfalt der Sprache(n) in Wien Michael Mautner (Ltg.), Irene Suchy (Moderation). Musik von O tt o M. Zykan sowie Werke des Calls for Scores „Vielfalt der Sprache(n) in Wien“. MuTh, Mo 17.11., 19.30 Wolfram Schurig: Capricci Ensemble PHACE. Drei Capricci von Wolfram Schurig treiben ihr Spiel mit ungewohnten Besetzungen: Block flöte und Violine, zwei Violen, Bassflöte samt Klavierklängen. Dabei spuken Namen wie Goldner, Manganelli und Gerhard Richter als Inspirationsfunken durch die Partituren. Ein Reigen zwischen bildender Kunst, Literatur und Klangexperiment. Reaktor, So 2.11., 16.00
Sfiema: Heimat, fremde Heimat! Im Rahmen der Late-Night-Schiene im Café Korb lädt SFIEMA zu einem einmaligen Trip zwischen Fremd- und Heimatklängen: Unter dem Titel „Heimat, fremde Heimat!“ treffen sich die One.Night.Band, Stimmperformerin Sainkho Namtchylak, Elektroniktüftler Phil Durrant und Herbert Lacina am 12-String-Bass Café Korb, Mi 12.11., 22.00
Sprechbohrer: Im Zwischenreich Hans G. Helms’ „fa:m’ aniesgwow“ ist Sprachmusik und akustisches Experiment zugleich. In seinen Werken zerlegte er Wörter, Phrasen, Alltags- und Propagandasprache, um ihre verborgenen Machtstrukturen offenzulegen. Laute und Silben werden fr agmentiert, geschichtet, neu montiert – bis hin zum Titel selbst. Dazu erklingen Urauff ührungen
von Astrid Nischkauer und Margret Kreidl. Alte Schmiede, So 16.11., 11.00 strings & noise: Körper.exe Sophie GoidingerKoch (Violine) und Barbara Riccabona (Violoncello) spielen Urauff ührungen von Anto Manhartsberger, Sonja Mutić und Emre Sihan Kaleli. Dazu Werke von Sophia Goidinger-Koch, Mauro Hertig und Jakob Bött cher. Alte Schmiede, So 2.11., 11.00
Studio Dan: Cobra ff. Game Piece John Zorns „Cobra“ entstand 1984 und ist ein legendäres „Game Piece“: ein System detaillierter Regeln ohne feste Abfolge. Karten mit Stichworten steuern die Reaktionen der Musiker, ein Souffleur lenkt das Geschehen. Besetzung, Dauer und Verlauf sind offen. Dazu Musik von Peter Brötzmann, Mica Levi und Christof Ressi. MuTh, Fr 28.11., 20.30 Trio Amos Helēna Sorokina (Mezzosopran). Seit 25 Jahren widmen sich Vera Fischer, Krassimir Sterev und Michael Moser der zeitgenössischen Kammermusik in außergewöhnlicher Besetzung für Flöte, Akkordeon und Violoncello. Bei Wien Modern präsentieren sie zwei Urauff ührungen von Francesca Verunelli „La nuda voce II“ und Jack Sheen „Sasebo“. Theater am Werk im Kabelwerk, So 23.11. & Mo 24.11., 19.00
Use/Less Manual Elisabeth Harnik schrieb „Presences and Absences“ für das ensemble] h[iatus – ein wandelbares Puzzle aus Klang, das je nach Besetzung neue Gestalt annimmt. Bei Wien Modern kommt das Stück zur Urauff ührung. Dazu Werke von Fabrice Charles und Helmut Lachenmann. Reaktor, Do 27.11., 20.00 Vienna Improvisers Orchestra Mit „ephemeral realities – momentary manifestations – transparent strategies“ (UA) zeigt das Vienna Improvisers Orchestra Michael Fischers „Instant Composition Conducting“: Ohne Proben, nur mit Handzeichen entstehen in Echtzeit Klanglandschaft en zwischen Struktur und Improvisation. Jede Auff ührung ist einzigartig. Künstlerhaus, Factory, Do 27.11, 18.00
Musiktheater & Performance
Abendsonne sirene Operntheater / Kristine Tornquist / Tomasz Skweres: Abendsonne (UA), Antanina Kalechyts (Musikalische Leitung), Michael Liszt (Bühne), Nora Scheidl (Kostüm), Luisa Liebe (Maske), Jan Maria Lukas (Licht), Ensemble PHACE. In der Seniorenresidenz Abendsonne treffen alte und junge Seelen aufeinander – Ausgangspunkt für den nicht unkomischen Versuch einer Wiedergeburt. Das sirene Operntheater verwandelt dieses Setting in eine Tragikomödie des Überlebens, in der alltägliche Routinen plötzlich ins Absurde kippen. Die Musik dazu stammt von Tomasz Skweres, der mit gelassen-humoristischem Ton den szenischen Grenzgang zwischen Komik und Ernst untermalt. Eine „Kammeroper im Altersheim“, die überraschende Perspektiven auf Leben, Alter und Neubeginn eröff net. Jugendstiltheater, Mo 10.11., Mi 12.11. bis Mo 17.11., 19.30 Alice in Wonderland Unsuk Chin: Alice in Wonderland (ÖEA). Stephan Zilias (Musikalische Leitung), Er win Ortner, Katja Kalmar (Chorleitung), ORF RSO Wien, Arnold Schoenberg Chor, Gumpoldskirchner Spatzen, Elisabeth Stöppler (Regie), Valentin Köhler (Bühne), Su Sigmund (Kostüm), Elana Siberski (Licht). Seit ihrer Urauff ührung 2007 gilt Unsuk Chins Oper als faszinierende Mischung aus surrealer Traumlogik und schillerndem Klangtheater. Die koreanische Komponistin, Schülerin von György Ligeti und Trägerin des Siemens Musikpreises 2024, entwir ft darin keine Märchenoper, sondern ein Spiel mit Identität und Selbstbefragung. Am Theater an der Wien inszeniert Elisabeth Stöppler die Begegnung von Alice mit Kaninchen, Raupe, Hutmacher und Herzkönigin als surreale Reise ins Ich. Theater an der Wien, Mo 17.11., Mi 19.11., Sa 22.11., Mo 24.11., Mi 26.11.,19.00
Der Blöde Dritte Mitt woch: Blöd und undiszipliniert #2 Konzertperformance „Aufgeblöhd und unterdiszipliniert im Wortebereich“ (UA) von Jopa Jotakin, Tanzperformance „AVA“ (closer, UA) von Karin Pauer, Eva Engelbert, Rozi Mákó sowie eine audiovisuelle Performance von Jakob Schauer & MONOCOLOR a.k.a. Marian Essl. Reaktor, Mi 26.11., 20.00 Chaoum Katharina Klement / Isabelle Duthoit / Sabine Maier Die Stimme als Ursprung und Rätsel: Die installative Oper „Chaoum“ (UA) entfaltet sich
Alle Termine lexikalisch von 30. Oktober bis 30. November
zwischen Laut und Sinn, Atem und Körper, Subjektivität und Kommunikation. Die Protagonistin formt zunächst amorphe Urlaute, entwickelt daraus Fantasiesprache und wechselt zwischen Deutsch und Französisch. Ihr Körper wird zur Skulptur aus Klang und Bild, Lautsprecher und Projektionen überlagern sich, das Klavier dient als Resonanzraum. Texte von Ernst Herbeck, Lynn Book oder Oswald Egger fließen als Material ein, Sprache kippt in Politik, Schrift in ideo. So wird Stimme zur Macht, die im offenen lyrischen Netz unterschiedlichste Facetten entfaltet. WUK Projektraum, Sa 22.11., 20.00, So 23.11., 17.00
Gagokbounce: One by One Sebastian Claren / Hyunju Oh / WhatWhy Art Ensemble Gagok, ein koreanischer Gesangsstil voller Verzierungen und Brüche, bildet die Basis für Sebastian Clarens Zyklus „Gagokbounce: One by One“ (ÖEA). Sieben Lieder werden detailgenau neu interpretiert, Performerin Hyunju Oh erweitert sie mit konzentrierter Körpersprache zu stillem Musiktheater. Reaktor, Fr 21. & Sa 22.11., 20.00
longing to tell akua naru / Tyshawn Sorey, Ensemble Resonanz. Diese „Blues opera“ (ÖEA) verbindet die Stimme der Dichterin und MC akua naru mit der Musik von Tyshawn Sorey. Ausgangspunkt ist ein Oral-History-Interview über Schwarze Frauenerfahrungen zwischen Trauma und Resilienz. Blues, Spoken Word und Rap verschmelzen zu einer Suche nach Wahrheit und Erinnerung. Museumsquartier Halle E, Mi 19.11., 20.00
MMM: WAS___ Mathia*s Lenz / Maja Osojnik / Matija Schellander (UA). Eine Partitur wächst durch den Raum: 66 Meter grafischer Notation eröff nen ein Langzeitprojekt, das über ein Jahrzehnt hinweg Klang, Bild und Körper verschränkt. Drucke, Folien und Ballons werden zu Resonanz flächen, die das Publikum tasten, verformen, hören kann. Jede Performance erweitert die Partitur, verwandelt Haut in Sensorium und Raum in Klanglandschaft – in offenes Werk, das sich mit jeder Auff ührung neu formt. Ve.Sch, Do 6.11., Fr 7.11., So 9.11., Do 13.11., jeweils 17.30 &19.30
Die Nacht weiß nicht vom Tage Musikalisches Stationentheater über die Vergänglichkeit von Ruth Cerha (UA) Julitt a Dominika Walder, Maria Harpner (Sopran), Christian Reiner (Off-Sprecher), Hemma Tuppy (Klavier), Jake Mann (Klarinette), Florian Sedivy (Regie), Fabian Huster, Jana Würleitner (Tanz, Choreografie), Manuela Tober (Bühne, Kostüm), Richard Bruzek (Licht). In fünf Stationen durchwandert das Publikum mit Ensemble und Tänzern verschiedene Lebensräume zwischen Wachen und Schlafen, Erinnern und Vergessen, Leben und Sterben. Acht Lieder und vier Zwischenspiele beleuchten die Vergänglichkeit aus wechselnden Perspektiven; die Sängerinnen übernehmen dabei die Rolle eines kommentierenden Chors, die Tänzer verkörpern emotionale Zustände. Soho Studios, Mi 12.11., Di 18.11., Fr 21.11., Mo 24.11., Mi 26.11., 19.30
NAMES: Klingende Dinge Das Salzburger Ensemble präsentiert ein Programm zwischen Ritual, Spiel und kollektiver Ekstase: Francesco Filidei erklärt in „Esercizio di pazzia I“ Luftballons zu Instrumenten, Maja Osojnik öff net mit „Doorways 07“ ein grafisches Klanglabyrinth, Raimonda Žiūkaitė entfaltet in „tutti“ farbige Ensembletexturen – und mit Terry Rileys Minimal-Ikone „In C“ endet der Abend im pulsierenden Rausch der Wiederholung. Ab 3 Jahren. Dschungel Wien, Sa 1.11., 15.00, So 2.11., 10.30 & 15.00, Mo 3.11. bis Mi 5.11., 10.00, Sa 8.11., 10.30 & 15.00
Pierre Jodlowski: INSULÆ (ÖEA) Frank Witzel / Louise Sari, Ensemble PHACE. Die Beziehung zu Bildern ist so zentral geworden, dass die Grenzen zwischen Realität und Darstellung zunehmend verschwimmen. Der polnisch-französische Komponist und Multimediakünstler Pierre Jodlowski greift iese Erfahrung in einer neuen Arbeit auf. So entsteht eine atmosphärische Performance-Installation, in der Musik, Video und Raum zu einer unwirklichen Szenerie verschmelzen. MuTh, Mi 5.11., 19.30
Salon Souterrain: Echos of Numbers I Elisabeth Bakambamba Tambwe, seit Jahren fixer Teil der Wiener freien Szene, lädt zum transdisziplinären Austausch zwischen Kunst, Musik, Performance und Debatte. Mit Bishop Blacks „Big Time Techno feudal sensuality“ (Performance UA), Marianna Areti Mondelos (Performance, Food Art), Zoé-Afan Strasser (Tanz), United Instruments of Lucilin, Cedrik Fermont (DJ) u.a. Palais Schönborn-Batthyány, Sa 8.11., 21.00
Salon Souterrain: Echos of Numbers II Teil zwei von Elisabeth Bakambamba Tambwes Salon Souterrain. Mit Chiao-Hua Chang (Erhu, Elektronik, Komposition), Manuel Alcaraz Clemente, Lena Fankhauser (Viola), Worst Messiah a. k. a. Thomas Wisser (DJ) u.a. Palais Schönborn-Batthyány, Sa 15.11., 21.00 Sungazing (ÖEA) Farahnaz Hatam und Colin Hacklander vom Berliner Duo Labour verbinden in „Sungazing“ Klangkunst, Ritual und Clubkultur zu immersiven Erfahrungen mit politischem Unterton. Das Schauen in die Sonne dient als Ausgangspunkt für eine vielschichtige Reise: Soundsynthese, Perkussion, Video und Tanz verschmelzen zu einem dichten Raum aus Rhythmus, Bild und Körper. Tanzquartier Wien Halle G, Sa 8.11. & So 9.11., 19.00
Installationen
Christine Schörkhuber: Farbfilm vergessen?
Wien im Transformationsprozess der 1990er Jahre (UA). Christine Schörkhuber spürt in ihrer Klanginstallation dem Wien der 1990er nach: Einwanderung und neue Kulturen verwandelten die Stadt in ein vibrierendes Zentrum. Interviews mit Zeitzeugen verdichten sich zu einem modularen Hörstück – in der Ruprechtskirche und als Soundwalk. St. Ruprechtskirche, Do 13.11., 10.00 bis 22.00 Der Blöde Dritte Mitt woch: Blöd und undiszipliniert #2 Installationen & Objekte von Jan Machacek, Cornelia Mitt endorfer, Jopa Jotakin, Anat St ainberg u.a. Reaktor, Fr 21.11., Sa 22.11. ,18.00, Mi 26.11. & Do 27.11., 19.00, Sa 29.11.,13.00
MMM: WAS___ Klanginstallation von Mathia*s Lenz, Maja Osojnik und Matija Schellander. Ve.Sch, Do 6.11. bis Do 13.11., 17.00 bis 21.00 Noid: Verlagerung | Dislocation (UA) Bei noid verwandeln sich Bananenkisten in Resonanzräume: Sie tragen Stimmen globaler Warenströme, er zählen von Bewegung, Verlust und Neuverortung. Mit Klangbeiträgen von Ilia Belorukov, Angélica Castelló, dieb13 a.k.a. Dieter Kovačič, Marina Džukljev und Saleh Rozat. Theater am Werk im K abelwerk, So 23.11. & Mo 24.11., 18.00 bis 22.00 Volkmar Klien: Einander zärtlich zugewandt (UA) Volkmar Klien verwandelt die Feststiege des Konzerthauses in ein Resonanzlabor: Drei Holzbalken werden von einer historischen Presse gebogen, ihre Ächzer per Mikrofon aufgefangen, verstärkt und beantwortet. „Die Maschine lauscht, sie drückt, sie zieht“, schreibt Klien; ein Schauspiel von Druck und Antwort, Zuwendung und Widerstand zwischen Holz, Stahl und digitalem Gehör. Konzerthaus, Foyer, Do 30.10.,19.00, bis Do 6.11., während der Öff nungszeiten
Film
Erste Bank Filmmatinee: John Ford + Blueblut: Three Bad Men Live-Soundtrack zum Film „Three Bad Men“ (USA 1926). John Fords Stummfilmklassiker „3 BAD MEN“ kehrt am Nationalfeiertag ins Gartenbaukino zurück – mit einer außergewöhnlichen Live-Vertonung: Die Wiener Av antgarde-Band Blueblut begleitet das epische Western-Drama mit Theremin, Gitarre, Schlagzeug und Elektronik. In Kooperation von Viennale und Wien Modern entsteht so ein filmischer Galopp durch Amerikas Mythos des Aufbruchs – und ein einmaliges Konzertereignis. Gartenbaukino, So 26.10., 10.00 Francis Alÿs: Children’s Games Francis Alÿs filmt seit 1999 in seiner Serie „Children’s Games“ Kinder beim Spielen au der ganzen Welt. 14 Filme sind bei Wien Modern zu sehen. Sie zeigen Momente von Geselligkeit und Freude – und wie Fantasie selbst harte, teils gewaltt ätige Umgebungen überwindet. MAK Säulenhalle, Do 30.10. bis Do 6.11., während der Öff nungszeiten
Wort & Musik
Ingeborg Bachmann: Unter Mördern und Irren Ingeborg Bachmanns Erzählung zeigt die Abgründe einer vom Krieg gezeichneten Gesellschaft: R auch und Wahn in Wirtshäusern, Extrastuben und Hinterzimmern. Birgit Minichmayr verleiht diesem schonungslosen Text ihre Stimme, begleitet von Wolfgang Kogert an der Orgel und einer Klangform von Klaus Lang. Im zweiten Teil stellt Philipp M aintz Bachmanns Gedicht „Die gestundete
Zeit“ ins Zentrum, interpretiert von Sopra~tutti und MOTUS Percussion unter Christoph Sietzen. Konzerthaus, Großer Saal, Sa 29.11., 19.30
Party
Party Modern: Ernst Krenek Preis für Angélica Castelló Party Modern bringt die O tt akringer Brauerei zum Beben: Nicolussi macht den Auft akt, Angélica Castelló lässt Firefly (nothing) flirren, Gischt liefert ein neues Live-Set. drank_ feiert mit Katharina Ernst und Anja Plaschg das Debütalbum, die Wiener Noise-Tüftler bulbul servieren eine wilde Mischung aus Rock, Elektronik und anarchischer Klangkunst, broken • heart • collector sorgen f ür Nostalgie-Flashs und ADA verwandelt den Floor in ein Tanzfeld bis spät in die Nacht. O tt akringer Brauerei, Hefeboden, Sa 1.11., 19.30 Party Modern: sch:cht [Sıçt] Das bewährte Party-Format des Festivals, dieses Mal u.a. mit Mopcut, Rent a.k.a. Katrin Euller und Ganaël. FLUCC Deck, Do 13.11., 20.30
Workshop
La fanfare de la touff e Seit 1995 leitet der französische Komponist, Posaunist und Improvisator Fabrice Charles „La Fanfare de la Touff e“, eine improvisierte Fanfare für Nicht-Musiker. Bei Wien Modern hält er einen Workshop über die Kunst des Blasens. Im Anschluss wird die Fanfare zusammen mit Solisten des ensemble]h[iatus aufgeführt. Reaktor, Do 27.11., 17.00 (Anmeldung erforderlich)
Gespräche
Artist Talk Claudia Abbado Konzert Francesca Verunelli und Chaya Czernowin. Musikverein, Großer Saal, Di 25.11., 22.00
Bar Modern Archipel Life Theater am Werk im Kabelwerk, Mo 24.11., im Anschluss an das Konzert
Bar Modern Capricci
Mit Wolfram Schurig und PHACE. Reaktor, So 2.11., 17.00, im Anschluss an das Konzert
Bar Modern Children’s Games
Mit dem Ensemble Cikada.
MAK, Mo 3.11., im Anschluss an das Konzert
B ar Modern Gagokbounce
Sebastian Claren, Hyunju Oh und Musiker des Ensembles WhatWhy Art. Reaktor, Fr 21.11., 21.30
Bar Modern In memoriam Peter Ablinger Konzerthaus, Buffet Mozartsaal, Sa 1.11., in der Pause
B ar Modern INSULÆ MuTh, Mi 5.11., im Anschluss an das Konzert
Bar Modern Mani.Marathon Reaktor, Sa 29.11., in einer Pause
B ar Modern Trio Amos
Mit Francesca Verunelli und Jack Sheen.
Theater am Werk im Kabelwerk, Mo 24.11., 19.30
B ar Modern Wein Modern Präsentation des „Wein Modern“ 2025 und einer Geburtstagstorte für das Arditti Quartet. Konzerthaus, Buffet Mozartsaal, Fr 31.10., im Anschluss an das Konzert
Die letzten Dinge Vortrag zur Produktion „Abendsonne“ Jugendstiltheater, Mo 10.11., Mi 12.11. bis Mo 17.11., 18.30
Einführungsmatinee: Alice in Wonderland
Theater an der Wien, So 2.11., 11.00
Einführungsgespräch: Eröff nungskonzert Konzerthaus, Schubertsaal, Do 30.10., 18.30
George Lewis in Conversation Musikverein, Gläserner Saal, So 23.11., 20.45
Introduction Gagokbounce Reaktor, Fr 21. & Sa 22.11., 19 Uhr Introduction longing to tell Mit Tricia Rose MQ, Halle E, Mi 19.11., 19 Uhr Künstlergespräch Black Page Orchestra Musikverein, Gläserner Saal, Do 20.11., 22.00 Salon PHACE Mit Juri Giannini. Konzerthaus, Neuer Salon, Di 18.11., 18.45
Studio Dan: Amuse-Gueule MuTh, Fr 28.11., 19.15
The Arditt i Quartet in conversation Reaktor, So 2.11., 21.30
Tutt i Klangforum Wien
Konzerthaus Foyer, EG, So 16.11., 21.00
Whatwhy Gugak Einführung in die Klangwelt traditioneller koreanischer Musikinstrumente. Korea Kulturzentrum, Do 20.11., 18.00
Umtrunk: Förderpreis Ensemble der Ernst von Siemens Musikstift ung Konzerthaus, Mozart-Saal, So 16.11., 17.00

und perkussive

Streichquarte tt e im Schömer-Haus mit dem Paci fi c Quartet Vienna



Mehr Resonanz!
Einander zärtlich zugewandt
In Volkmar Kliens Installation beugt eine alte Presse Holzbalken, das Holz ächzt und knarrt. Die Maschine hört zu, verstärkt und antwortet und spinnt feine Klangwolken darum. Ein zartes Ritual von Druck und Echo, Widerstand und Zuwendung.
Wiener Konzerthaus Feststiege, 30.10., 19 Uhr bis 6.11., während der Ö ff nungszeiten
Mehr Stimmkunst!
Gagokbounce
Gagok, ein koreanischer Gesangsstil, kennt keine Scheu vor Atem, Brüchen oder Rauheit – darin liegt seine Kraft . Frauen singen im False tt , Männer pressen die Bruststimme in höchste Lagen: eine Umkehr vertrauter Hörgewohnheiten.
Darauf baut Sebastian Clarens 2022 in Seoul uraufgeführter Zyklus „Gagokbounce: One by One“ auf. Sieben Lieder des weiblichen Repertoires werden akribisch transkribiert. Das südkoreanische All-Star-Ensemble
WhatWhy Art ist damit erstmals in Österreich zu erleben, ergänzt von Performerin
Hyunju Oh, die Musik, Stimme und Bewegung zu stillem, rituellem Musiktheater verschränkt.
Reaktor, 21. & 22.11., 20 Uhr

Vom
Lebendigen
und Vergänglichen
Formate zwischen Musik, Theater und Installation laden ein, über das menschliche Dasein nachzudenken.
VORSCHAU:
MARIE-THERESE RUDOLPH
Wien Modern feiert die Neugier, das Lernen und die Vielfalt“, lesen wir im programmatischen Text zum Festival Wien Modern, das in seiner 38. Ausgabe zum „Great Learning“ einlädt.
Dass zur Vielfalt der zeitgenössischen Musikwelt Musikerinnen, Komponistinnen, Autorinnen und Performerinnen mindestens die Hälfteder kreativen Arbeiten, wenn nicht gar mehr beitragen, spiegelt sich im diesjährigen Programm beeindruckend wider.
„longing to tell“ etwa verbindet die Stimme der Dichterin und MC akua naru mit der Musik von Tyshawn Sorey. Ausgangspunkt dieser „Blues Opera“ ist ein Oral-History-Interview über Schwarze Frauenerfahrungen zwischen Trauma und Resilienz. Blues, Spoken Word und Rap verschmelzen zu einer eindringlichen Suche nach Wahrheit und Erinnerung.
Als immersive Klangerfahrung, ganz ohne Text, ist die technoide Performance „Sungazing“ des Berliner ClubkulturDuos „Labour“ angelegt.
Den titelgebenden „Sonnengucker“ würdigen Colin Hacklander und Farahnaz Hatam mit ihren elektronischen Synthi-Sounds, Live-Vokalisten und -Perkussionisten ge-
meinsam mit Video, Tanz und Licht anhand von Referenzen etwa an Platons Höhlengleichnis, griechische Mythologie und Rituale des jahrtausendealten Zoroastrismus oder alternative Medizin. Doch den Blick in die Sonne versteht das Kollektiv bewusst auch als Suche nach Selbsterkenntnis, der es durchaus kritisch begegnet, indem es Potenzial für politisches Handeln und zivilen Ungehorsam der Clubszene hinterfragt.
Diese Phase des Lebens haben die meisten bereits hinter sich, wenn sie im Altersheim ihre letzten Jahre verbringen. Die tragikomische Kammeroper „Abendsonne“ (sireneOoperntheater) ist nach einer Seniorenresidenz benannt, in der ein todkranker pensionierter Arzt alles mögliche unternimmt, um wiedergeboren zu werden. Für das Libretto ließ sich Regisseurin Kristine Tornquist von Witold Gombrowicz’ Skandal-Buch „Pornografi“ inspirieren, führt dessen Motive jedoch ganz anders aus, also ohne dessen amoralischen Aspekte.
Die an der mdw lehrende Dirigentin Antanina Kalechyts leitet das Ensemble PHACE durch die Partitur des jungen polnischen Komponisten Tomasz Skweres, der in seiner Musik die skurrilen Situationen besonders hervorhebt, trotzdem aber auch der Trauer und Ein-
samkeit der Protagonisten im Jugendstiltheater auf der Baumgartner Höhe klingend Raum gibt. Um einen Schritt weiter im Lebenszyklus, von hinten nach vorne aufgerollt, geht es in Ruth Cerhas musikalischem Stationentheater „Die Nacht weiß nicht vom Tage“: Verantwortlich für Idee, Komposition, Texte und Regie umreißt sie fünf „Lebens-Räume“. In den Soho-Studios darf sich das Publikum auf die „Fragilität und Kostbarkeit des Seins“ einlassen, so Cerha, abseits von aktuellen Katastrophen und Szenarien. Und sie thematisiert darin auch die frühen Kriegserfahrungen ihres Vaters, des Komponisten Friedrich Cerha, und seinen Tod im Jahr 2023.
Ein weiteres Musiktheaterstück, in mehreren Produktionen international bereits erfolgreich erprobt, ist „Alice in Wonderland“ von Unsuk Chin. Auf der großen Bühne des Theater an der Wien wird die berühmte fantastische Geschichte vom Mädchen, das in einen Kaninchenbau fällt, erzählt.
Doch bei all den Abenteuern, die es durchstehen muss, bleibt eine Frage essenziell: „Wer bin ich?“ Abwechslungsreich musikalisch illustriert, schuf die südkoreanische Komponistin in ihrer ersten Oper aus dem Jahr 2007 damit ein faszinierendes Werk, das mit dem


1 akua naru leiht ihre Power-Stimme der Bluesoper „longing to tell“. 2 Ru th Cerha erforscht unser Verhältnis zur Endlichkeit. 3 Zw ischen Ritual und Clubkultur bewegt sich die Performance „sungazing“. 4 An gélica Castelló wird ausgezeichnet und lotet in „F. Fire fl y (nothing)“ fragile Zwischenräume aus

ORF RSO Wien, geleitet von Stephan Zilias, in der Regie von Elisabeth Stöppler in Österreich erstmals zur Auff ührung kommt.
Keiner linearen Handlung folgt die installative Oper „CHAOUM“, eine Gemeinschaftarbeit der Pianistin und Komponistin Katharina Klement, der Vokalistin Isabelle Duthoit und der Foto-, Medienund Lichtkünstlerin Sabine Maier. Betitelt nach dem menschlichen Urlaut, entwickelt die Protagonistin aus unartikulierten Lauten, Geräuschen und Klängen, erzeugt mit diversen Körperteilen, nach und nach Worte und ein Alphabet, daraus dann sogar eine eigene Sprache. Aber wo beginnt es, dass uns über Emotionen hinaus Inhalte und Botschaften übermittelt werden? Zu der einzigartigen Vokalperformance von Isabelle Duthoit ertönen die Stimme von Christian Reiner vom Band sowie improvisierte und komponierte Musik und Video-Projektionen. „CHAOUM“ verspricht eine dichte szenische Performance im WUK-Projektraum zu werden.
Gleich über eine ganze Dekade angelegt ist „MMM: WAS___“, aus dessen erster Projektphase beim diesjährigen Wien Modern die Partiturmeter 1–66 erstmals präsentiert werden. Als Gegenentwurf zum schnell getakteten Social-Media-

Konsum entwickelt das Kollektiv MMM (Maja Osojnik, Mathia*s Lenz und Matija Schellander) eine interdisziplinäre Raum- und Klangreise, die neue Zugänge zu Klang- und Bildstrukturen eröffnet – und Partituren jenseits gängiger Notensysteme sichtbar macht. Das Publikum ist eingeladen, mitten in der im Ve.Sch Kunstverein ausgebreiteten Partitur teilzuhaben, denn für MMM ist sie „dynamischer Prozess, kollektives Tagebuch, räumliche Klanglandschaftund Dialog zugleich“. Thema der diesjährigen Auseinandersetzung ist „Haut“, die Begrenzung zwischen innen und außen, die die Schlagwerkerin Špela Mastnak akustisch erforscht. Im finalenJahr von „MMM: WAS___“, 2036, wird die bis dahin entstandene Partitur in 100 Unikate zerschnitten und gemeinsam mit einer limitierte Vinyl Edition veröffentlicht
Die Komponistin und Performerin Angélica Castelló kam 1999 nach Wien, also in der eingangs erwähnten Zeit des Aufbruch und der Öffnung.Mittlerweile unterrichtet sie an der mdw, etablierte sich als fixe Größe der Szene und wird heuer mit dem Ernst Krenek Preis der Stadt Wien ausgezeichnet. Ein willkommener Anlass für die erste Party Modern der diesjährigen Festivalausgabe mit einem eindrucksvollen Line-up in der Ottakringer Brauerei.
Doch zuerst erklingt die elektroakustische Komposition „F. Firefly(nothing)“ von Castelló, eine Meditation über die Zeit und ihre Reisen nach Südafrika und Südchile, eine Hommage an die Natur und prägende Persönlichkeiten, und auch hier: eine Reflexionüber das Vergängliche. F
Party Modern: Ernst Krenek Preis der Stadt Wien für Angélica Castelló O tt akringer Brauerei, 1.11., 19.30 Uhr
LABOUR: sungazing Tanzquartier Wien Halle G, 8. & 9.11., 19 Uhr
Abendsonne Jugendstiltheater Steinhof, 10. bis 17.11., 19.30 Uhr
Die Nacht weiß nicht vom Tage Soho Studios, 12. bis 26.11., 19.30 Uhr
Alice in Wonderland Theater an der Wien, 17. bis 26.11., 19 Uhr
longing to tell MQ Wien Halle E, 19.11., 20 Uhr
CHAOUM WUK Projektraum, 22.11., 20 Uhr & 23.11., 17 Uhr
MMM: WAS___ Ve.Sch, 6.11. bis 13.11., 17.30 & 19.30 Uhr
Mehr Grenzgänge!
Salon Souterrain
Der Salon Souterrain überträgt das Konzept des bürgerlichen Salons in die Gegenwart – als off enes, nomadisches Format zwischen Performance, Philosophie und Musik. 2018 von Elisabeth Bakambamba Tambwe gegründet, versteht sich die Reihe als Gegenmodell zu gesellschaft licher Abscho tt ung. Tambwe, in Kinshasa geboren und in Wien lebend, ist vieles zugleich: Bildhauerin, Choreografi, Regisseurin, Gr en zgängerin. Sie interessiert, wie Machtstrukturen durch Körper sichtbar werden – und wie Kunst sie in Bewegung bringt. Unter dem Titel „Echoes of Numbers“ widmen sich zwei Abende im Palais Schönborn den Gesichtern der Statistik: als Spiegel und Maske, Werkzeug der Erkenntnis und Instrument der Kontrolle. Zahlen ordnen die Welt, doch sie formen auch unsere Wahrnehmung, unsere Wünsche, unsere Träume. Im Salon Souterrain werden sie körperlich, sinnlich, performativ verhandelt. Künstler, Denker und Musiker aus unterschiedlichen Disziplinen – von Komposition über Tanz bis Soziologie –reagieren aufeinander, improvisieren, widersprechen, suchen nach neuen Formen des Verstehens. Tambwe fragt, wann eine Zahl aufh ört zu informieren – und beginnt zu regieren.
Palais
Schönborn-Ba tt hyány, 8. & 15.11., 21 Uhr
Mehr Spiegelbilder!
INSULÆ
Pierre Jodlowski, polnisch-französischer Komponist und Multimediakünstler, entwir ft mit PHACE eine Performance-Installation w ie eine Insel zwischen Wirklichkeit und Traum. In „INSULÆ“ verschränken sechs Musiker Klang, Körper und Bild, während Projektionen auft auchen, k ippen, sich wieder ver flüchtigen. Realität und Illusion überlagern sich, Grenzen verschwimmen. Das Publikum wird in ein Szenario gezogen, das irritiert und fasziniert: Ein Abend, an dem Musik, Theater und visuelle Kunst ineinander greifen und eine fragile, unwirkliche Gegenwart entwerfen.
MuTh, 5.11., 19.30 Uhr
Mehr
G ött innen!
Hannigan & Chamayou
Wenn Barbara Hannigan und Bertrand Chamayou zusammentreff en, prallen auch Welten aufeinander: die expressive Stimmkunst der Sopranistin und die poetische Klangsprache des Pianisten. Im Zentrum steht John Zorns Zyklus „Jumala tt aret“, eine Hommage an neun Gö tt innen des Kalevala. Musik, die schamanisches Ritual, Volkslied und eruptive Moderne verbindet.
Konzerthaus, 14.11., 19.30 Uhr

Ausgehend von Ingeborg Bachmanns Erzählung „Unter Mördern und Irren“ seziert Birgit Minichmayr das Wien der Nachkriegsgesellscha ft
Nicht weinen unter Mördern und Irren
Ingeborg Bachmann verwebt Klang, Verletzlichkeit und Sprachmusik zu literarischen Räumen
NACHHALL:
DANIEL ENDER
Zerbrechlich und sensibel, unerbittlich zu sich selbst, kompromisslos gegenüber unwahrhaftigerSprache: Es liegt nahe, die Texte Ingeborg Bachmanns und die Person dahinter mit ähnlichen Worten zu beschreiben. Erfahrungen von Fremdheit, Sprachlosigkeit und Verletzlichkeit, Vergänglichkeit und die Fragwürdigkeit menschlicher Beziehungen führten sie zu einem Aufbechen der Sprache, in der Klang und Rhythmus, Erleben und Reflexionuntrennbar verwoben sind. Birgit Minichmayrs Lesung trifftbei Wien Modern auf Musik von Klaus Lang und Philipp Maintz – eine kongeniale Verbindung von Wort und Klang.
Ingeborg Bachmann (1926–1973) entwickelte im düsteren Nachkriegsösterreich als Zeugin einer kollektiven Zeit- und Geschichtserfahrung in ihren Texten eine oft beschriebene und doch unbeschreibliche Musikalität. „An der Garderobe bringt das Publikum die Ohren in Ordnung und gibt das Gehör ab“, heißt es in ihrem Prosatext „Die wunderliche Musik“ (1956): „Was hörst du noch, weil du mich nicht hören kannst, wenn die Musik zu Ende ist?“ In solchen paradoxen, verrätselten Formulierungen kündet ihre Sprache vom Ver-
stummen und stellt häufigeine Beziehung zur Tonkunst her. Damit öffete Bachmann literarische Räume, in denen Musik selbst als Denkfiur aufscheint.
Die Musik hat Bachmann als Sujet ihrer Texte von den frühesten Gedichten bis zu ihren letzten Werken beschäftigt. Bereits 1945 erzählt das Gedicht „Vor einem Instrument“ von der Beziehung zum Klavier, zehn Jahre später entsteht „Schwarzer Walzer“ über eine Gondelfahrt durch Venedig: „Introduktion, dann den Auftakt zur Stille und nichts nachher, Pausen schlagende Ruder und die Coda vom Meer!“ „Enigma“ (1967) paraphrasiert Werke von Alban Berg („Nichts wird kommen“) und Gustav Mahler („Du sollst ja nicht weinen, sagt eine Musik“).
Gewidmet ist „Enigma“ Hans Werner Henze, Bachmanns Freund und künstlerischem Mitstreiter. Parallel zu Opernlibretti entstanden musikästhetische Essays, in denen sie die Beziehung zwischen Musik und Literatur befragte und stets die Politik und Gesellschaftihrer Gegenwart kritisch einbezog. Die „Überlappungen von Texten“ und der „gleichzeitige Ablauf von kontradiktorischen, variierten oder zur Deckung kommenden Textstellen“ betrachtete Bachmann als besondere Qualität von Musiktheatertexten. Eine derartige Polyphonie flos auch in
ihren einzigen vollendeten Roman „Malina“ (1971) ein. Bachmann betonte ihr „besonderes Verhältnis zur Musik“, zu der sie „eine vielleicht noch intensivere Beziehung als zur Literatur“ habe. In der Musik sehe sie „das Absolute“, das der Sprache nicht erreichbar sei.
Konsequenterweise enthält Malina eigene „musikalische“ Ebenen mit einem reichen Geflcht an Zitaten – von klassischer Instrumentalmusik über Opern, Operetten, Volkslieder, Chansons bis zu Filmmusik –sowie Leitmotive von Schönberg, Mozart, Wagner, Offenbachund Bellini. Der Pierrot lunaire bildet einen Dreh- und Angelpunkt des Texts, und Schönbergs Schlussstück „O alter Duftaus Märchenzeit“ taucht zu Beginn und kurz vor Schluss des Romans auf – eine Anspielung auf das verlorene Glück der Titelfiur. Für Bachmann war die fehlende Aufarbeitung der NS-Vergangenheit im Nachkriegsösterreich eine offeneWunde, die sie wiederholt schonungslos freilegte. In „Unter Mördern und Irren“ (1961) leben Täter und Opfer scheinbar friedlich nebeneinander her, „wenn keiner gegen das Schweigen aufkommtund jeder in sich versinkt“ . F
Ingeborg Bachmann: Unter Mördern und Irren Konzerthaus, 29.11., 19.30 Uhr

Nach einem Jahr Vorbereitung erklingt Cardews 1968 uraufgeführtes Werk mit Hunderten Mitwirkenden in Wien
Vom Chorknaben zum Soundrevoluzzer
Cornelius Cardews „The Great Learning“ füllt zum Finale alle Ecken des Wiener Konzerthauses
LERNSTÜCK:
DANIEL ENDER
D as Lernen ist immer Prinzip seiner Arbeit gewesen“, schrieb der NeueMusik-Experte und Radiomacher Friedrich Spangemacher 1992 über Cornelius Cardew, der zehn Jahre zuvor tödlich verunglückt war: „Er hat sich zeit seines Lebens einem Lernprozess unterzogen, der an Radikalität kaum mit einem anderen britischen Komponisten vergleichbar ist.“
Sein Weg hatte Cardew von den traditionellsten englischen Musikinstitutionen zu den Spitzen der Avantgarde geführt, bevor er sich auch von diesen emanzipierte.
In seiner Kindheit zum Chorknaben an der Kathedrale in Canterbury ausgebildet, studierte er anschließend an der Royal Academy of Music Klavier, Violoncello und Komposition. Außerdem lernte er Gitarre – und zwar so hervorragend, dass er 1957 bei der Londoner Erstaufführung von Boulez’ „Le Marteau sans maître“ mitwirken konnte. Im selben Jahr übersiedelte er nach Köln, studierte bei Karlheinz Stockhausen, war aber bald fasziniert von John Cages Befreiung der Klänge und des Musikbegriffs
Nach seinen frühen, seriell geprägten Kompositionen widmete er sich in-
tensiv einer Befreiung von determinierten musikalischen Abläufen und suchte in verschiedenen Formationen nach neuen Möglichkeiten freier Improvisation –ebenso nach Wegen, um die Beziehung zwischen Komponierenden und Interpretierenden durch Alternativen jenseits ungleicher Machtverhältnisse neu zu gestalten, die er auch als Ausdruck gesellschaftlicherPhänomene ansah.
Das 1969 gemeinsam mit Howard Skempton und Michael Parsons gegründete Scratch Orchestra vereinte experimentelle Musikschaffendemit Menschen aus der Bildenden Kunst, Mixed Media und Performance – ein Lernprozess für sich, der gemeinsam mit Cardew allerdings nur fünf Jahre andauern sollte.
Das Orchester wollte Mitwirkende aus allen Gesellschaftschichten umfassen und ein ebenso breites Publikum ansprechen: Bauern, Industriearbeiter ebenso wie traditionelle Konzertbesucher und Studierende. Gemäß Cardews Interpretation seiner Konfuzius-Lektüre sollte die künstlerische Arbeit Selbsterkenntnis der Einzelnen ermöglichen und sie in die Gesellschafttragen – ein Projekt, das im zwischen 1968 und 1971 entstandenen Zyklus „The Great Learning“ kumulative Gestalt annahm. Sieben Absätze aus dem ersten Kapitel von Konfuzius’ „Dàxué“ in
der Übersetzung von Ezra Pound bilden die Abschnitte des zwischen vier und sieben Stunden dauernden, grafisch und verbal notierten Zyklus (die mit Paragraph 1–7 überschrieben sind).
Seine früheren Vorbilder sah Cardew jedoch – auch das war eine Form des „Lernens“ – bald mit Distanz, ja Ablehnung. In seinem 1974 publizierten Essayband „Stockhausen Serves Imperialism“ kritisierte er ebenso Cage („Ghost or Monster?“) wegen dessen Akzeptanz durch den Mainstream. In weiterer Folge revidierte er auch seine „konfuzianischen“, von Pound vermittelten Überzeugungen – allerdings zugunsten einer Zuwendung zum Maoismus, engagierte sich direkt politisch und geriet mehrfach in Konfliktmit den Behörden.
Unabhängig von den wechselnden ideologischen Positionen Cardews öffne sein Schaffendurch die Aufhebungder Trennung von Komponierenden, Interpretierenden und Publikum den Blick für die Verteilung von Autorität in Kunst und Gesellschaft– ein Thema, das im 21. Jahrhundert mit Blick auf Demokratie, Teilhabe und Machtstrukturen kaum aktueller sein könnte. F
The Great Learning Konzerthaus, 30.11., 11. bis 19 Uhr
Mehr Junge Musik!
Klingende Dinge Luft ballons knarzen, zischen und quietschen bei Filidei, Osojnik macht aus einer grafischen Partitur ein klingendes Labyrinth, und Rileys legendäres „In C“ zieht in einen Strudel aus Wiederholung, Variation und v ibrierender Energie. Ab 3 Jahren.
Dschungel Wien, 1.11., 15 Uhr 2.11., 10.30 & 15 Uhr 3 bis 5.11., 10 Uhr 8.11., 10.30 & 15 Uhr
Mehr Sprachen!
Vielfalt der Sprache/n Die Reihe Zykan+ lässt Sprachvielfalt klingen: Von Zykan und Mautner bis zu neuen Stimmen spannt sich das Panorama – von der vielsprachigen Stadt über Friedensvisionen bis zur Mini-Oper über den „Krieg“.
MuTh, 17.11., 19.30 Uhr
Mehr Verwandlung!
Klangwandler
Die mdw Klangwandler entwerfen ein klingendes Mosaik: Zarte Naturbilder, monumentale Dramatik, stille Einkehr und Visionen von Verwandlung fügen sich zu einem Konzert voller Kontraste und Farben.
mdw Klangtheater, 29.11., 11 Uhr

Billone beschreibt „ME. Studie für Ensemble“ als eine Bewegung zwischen Stille, chaotischen Klangmassen und wiederkehrender Leere
„Eine
lange Klangtransformation“
Der in Pisa geborene Komponist und Wahlwiener Pierluigi Billone erhält den Erste Bank Kompositionspreis
HINEINHÖREN:
DANIEL ENDER
S vincolarsi“ lautet ein Eintrag des Jahres 2018 in den manchmal aphoristischen, manchmal essayistischen Notizen, die Pierluigi Billone in loser Folge aufgezeichnet hat. „Svincolarsi“, nur ein einziges Wort, auf Deutsch: „(um) sich zu befreien“. Wer seine Werke hört, spürt beständiges Suchen, Hineinhören in unbekannte Richtungen, vernimmt ein insistierendes Forschen – und darf sich entscheiden, sich mit auf einen Weg nehmen zu lassen, dessen Verlauf ungewiss erscheint.
Geboren 1960 in Italien, studierte Billone zunächst bei Salvatore Sciarrino und anschließend bei Helmut Lachenmann – Komponisten mit einer frappierend unterschiedlichen Ästhetik, von denen sich Billone freilich längst und gründlich emanzipiert hat.
„Ich habe hart gearbeitet und viel lernen müssen, vor allem allein, aber ich suchte nicht nach einer Möglichkeit, mich ,auszudrücken‘, ich suchte nicht nach ,meiner Stimme‘ als Komponist. Meine kleine, ,große Aufgabe‘ bestand darin, all die Hindernisse zu verstehen und zu überwinden, die mich daran hinderten, das, was mir dringend, vorrangig und wich-
tig erschien, ans Licht zu bringen und für mich und andere hörbar zu machen. Letztendlich ist es immer noch meine große Aufgabe … Ein bisschen wie die Blues Brothers, die sich ,auf einer Mission Gottes‘ fühlten (,We’re on a mission from God‘).“
Was Billone sowohl mit Sciarrino als auch mit Lachenmann verbindet, ist zumindest dem flchtigen Höreindruck nach ein obsessiver Drang, neue Klänge zu entdecken (die eigentlich notwendige Diffeenzierung hat auf dieser Seite nie und nimmer Platz, bitte hören Sie sich die Musik selbst an oder melden Sie sich beim Autor!).
Billone kennt die Frage nach gezielten Forschungen nach dem Unerhörten und widerspricht: „Trotz des Anscheins suche ich nicht nach neuem Klangmaterial. Ich erkenne traditionelle und bekannte Grenzen einfach nicht als endgültig an und bewege mich daher frei in Bereichen, die anderen lediglich als Frucht des Interesses eines Forschers (oder Schmetterlingssammlers) erscheinen. In einer bewussten Arbeitsweise sind Experiment, Erfahrung, Wahrnehmung und Reflexionuntrennbare Pole derselben Praxis. Aber nicht nur das. Die Methode und die Arbeitsmittel sind ebenfalls integraler Bestandteil der
Praxis. Es geht also um die Methode und die Stringenz innerhalb der Methode, was natürlich auch die Reflexionüber die Methode selbst einschließt (die mit intelligenter Flexibilität überdacht werden muss).“
Sein neues Stück „ME. Studie für Ensemble“ beschreibt der Komponist als eine lange Bewegung der Klangtransformation, die verschiedene Phasen und Momente durchläuft. Der Fokus verschiebt sich ständig und bewegt sich zwischen extremen Situationen: von einer einzelnen, in Stille isolierten Schwingung über die chaotische Entwicklung von Massen voller innerem Leben bis hin zur ständigen Rückkehr ,leerer‘ Momente.
Die Konstruktion des Werks, so der Komponist, macht diese Klangentwicklung bewusst unkenntlich, zumindest beim ersten Hören. Das Werk ist ein schlichtes Angebot (oder eine Einladung) an den Zuhörer, sich mit der tiefen Bedeutung dieser richtungslosen Transformation zu versöhnen: der Leere und Klanglosigkeit als tiefem Kern der Transformation, den kraftollen und verborgenen Kraftlinien,die sie ermöglichen. Um sich zu befreien. F
Erste Bank Kompositionspreis Konzerthaus, 6.11., 19.30
Mehr
Mut zur Trauer!
Lovemusic
„The Sad Album“ heißt die neue Produktion von Laura Bowler und dem internationalen Kollektiv Lovemusic, das mit einem Preis der Ernst von Siemens Musikstift ung ausgezeichnet wurde und nun erstmals bei Wien Modern auft ritt Bowler, Komponistin und Performerin, wagt mit ihren Mitspielern eine Expedition in die Landschaft der Trauer – in ihre dunklen, bizarren, manchmal zärtlichen Winkel. Geschichten wurden geteilt, Masken ausprobiert und zertrümmert, es wurde geweint, gelacht und getobt: ein Jahr und ein Tag Material, verdichtet zu einer Stunde Musiktheater. Das Resultat changiert zwischen universell und intim, komisch und tragisch, präzise gebaut und zugleich roh wie ein Ausbruch. Bowler stößt ihre Stimme in Schüben von Texten heraus, während die Instrumente sich in atemlosen Schleifen verstricken. Nichts bleibt bei der bloßen Klangproduktion: Lovemusic setzt den ganzen Körper ein, erzeugt choreografiertes Cha os, in dem Trauer als widersprüchliche Krafterfahrbar wird. „The Sad Album“, uraufgeführt beim Musica F e stival in Straßburg, ist keine Beichte und kein Requiem, sondern eine mutige Einladung, über Traurigsein nicht nur zu sprechen, sondern es auszuhalten, in einer Performance, die zugleich überwältigt, irritiert und befreit. Konzerthaus, 16.11., 17 Uhr
KALENDARIUM WIEN MODERN 2025
So 26.10. | 10.00
Erste Bank Filmmatinee: John Ford + Blueblut: Three Bad Men Gartenbaukino
Do 30.10. – Do 6.11. Francis Alÿs: Children’s Games MAK, Säulenhalle
Do 30.10. – Do 6.11. Volkmar Klien: Einander zärtlich zugewandt Konzerthaus, Foyer
Do 30.10. | 19.30 Eröffnungskonzert: ORF RSO Wien, Vimbayi Kaziboni Konzerthaus, Großer Saal
Fr 31.10. | 19.30
Arditti 51.
Konzerthaus, Mozart-Saal
Sa 1.11. | 15.00 NAMES: Klingende Dinge Dschungel Wien
Sa 1.11. | 17.30 Arditti 51. Konzerthaus, Mozart-Saal
Sa 1.11. | 19.30 Party Modern: Ernst Krenek Preis für Angélica Castelló
Ottakringer Brauerei, Hefeboden
So 2.11. | 10.30, 15.00 NAMES: Klingende Dinge Dschungel Wien
So 2.11. | 11.00 Einführungsmatinee: Alice in Wonderland Theater an der Wien
So 16.11. | 11.00
So 16.11. | 17.00
So 16.11. | 19.00
So 16.11. | 19.30
Sprechbohrer: Im Zwischenreich Alte Schmiede
Förderpreis Ensemble der Ernst von Siemens Musikstiftung: Lovemusi Konzerthaus, Mozart-Saal
Klangforum Wien: Tower of Babel Geschliffene Grenze Konzerthaus, Großer Saal
Abendsonne Jugendstiltheater
Alice in Wonderland
Mo 17.11. | 19.00 Theater an der Wien
Mo 17.11. | 19.30 Abendsonne Jugendstiltheater
Mo 17.11. | 19.30
Di 18.11. | 19.30
Di 18.11. | 19.30
Mi 19.11. | 18.00, 20.00
Reihe Zykan+: Vielfalt der Sprache(n) in Wien MuTh
Die Nacht weiß nicht vom Tage Soho Studios
Phace & Schtum: Loom Konzerthaus, Berio-Saal
Ensemble Ionisation instrumentale MUK.theater
So 2.11. | 11.00 Alte Schmiede
So 2.11. | 16.00 Wolfram Schurig: Capricci Reaktor
So 2.11. | 19.30 Arditti 51. Musikverein, Brahms-Saal
Mo 3.11. | 10.00 NAMES: Klingende Dinge Dschungel Wien
Mo 3.11. | 17.30 Children’s Games (Konzert mit Videos) MAK, Säulenhalle
Mo 3.11. | 19.30 Kontrapunkte: Chaya Czernowin
Di 4.11. | 19.30 Arditti 51.
Musikverein, Gläserner Saal
Di 4.11. | 10.00 NAMES: Klingende Dinge Dschungel Wien
Musikverein, Brahms-Saal
Mi 5.11. | 10.00 NAMES: Klingende Dinge Dschungel Wien
Mi 5.11. | 19.30 Pierre Jodlowski: INSULÆ MuTh
Do 6.11. – Do 13.11 MMM: WAS_____ (Ausstellung) Ve.Sch
Do 6.11. | 17.30, 19.30 MMM: WAS_____ (Performance) Ve.Sch strings & noise: Körper.exe
Mi 19.11. | 19.00
Mi 19.11. | 20.00
Do 20.11. | 18.00
Do 20.11. | 20.00
Fr 21.11. – Sa 29.11
Fr 21.11. | 19.30
Alice in Wonderland Theater an der Wien
longing to tell Museumsquartier, Halle E
Whatwhy Gugak Korea Kulturzentrum
Black Page Orchestra Musikverein, Gläserner Saal
Der Blöde Dritte Mittwoch: Blöd un undiszipliniert #2 (Ausstellung) Reaktor
Die Nacht weiß nicht vom Tage Soho Studios
Fr 21.11. | 20.00 Reaktor
Sa 22.11. | 17.00
Sa 22.11. | 19.00
Sa 22.11. | 20.00
Sa 22.11. | 20.00
Gagokbounce: One by One
Ice x mdw: Composing while Black, Vienna edition mdw Campus, Joseph-Haydn-Saal
Alice in Wonderland Theater an der Wien
Chaoum WUK, Projektraum
Gagokbounce: One by One Reaktor
So 23.11. | 17.00 Chaoum WUK, Projektraum
Erste Bank Kompositionspreis: Pierluigi Billone
Do 6.11. | 19.30 Konzerthaus, Mozart-Saal
Fr 7.11. | 17.30, 19.30 MMM: WAS_____ (Performance) Ve.Sch
Fr 7.11. | 19.00 Hübsch Martel Zoubek + Bertoncini | Endless Breakfast echoraum
Sa 8.11. | 10.30, 15.00 NAMES: Klingende Dinge Dschungel Wien
Sa 8.11. | 16.00 Pacific Quartet Vienn Schömer-Haus
Sa 8.11. | 19.00 Sungazing
Sa 8.11. | 21.00
Tanzquartier Wien, Halle G
Salon Souterrain: Echos of Numbers I Palais Schönborn-Batthyán
So 9.11. | 11.00 Judith Fliedl: Embodied Resonances Alte Schmiede
So 9.11. | 13.00 Matinée petite mumok
So 9.11. | 17.30, 19.30 MMM: WAS_____ (Performance) Ve.Sch
So 9.11. | 19.00 Sungazing
Tanzquartier Wien, Halle G
Mo 10.11. | 19.30 Abendsonne Jugendstiltheater
Di 11.11. | 20.00 Carte blanche à Pierluigi Billone Musikverein, Gläserner Saal
Mi 12.11. | 19.30 Abendsonne Jugendstiltheater
Mi 12.11. | 19.30
Die Nacht weiß nicht vom Tage Soho Studios
Mi 12.11. | 22.00 Sfiema: Heimat, fremde Heimat Café Korb
Do 13.11. | 10.00–22.00 Christine Schörkhuber: Farbfilm vergessen St. Ruprechtskirche
Do 13.11. | 17.30, 19.30 MMM: WAS_____ (Performance) Ve.Sch
Do 13.11. | 19.30 Abendsonne Jugendstiltheater
Do 13.11. | 20.30 PARTY MODERN: SCH:CHT [SIÇT] FLUCC Deck
Fr 14.11. | 19.30 Abendsonne Jugendstiltheater
Fr 14.11. | 19.30 Barbara BertrandHannigan,Chamayou Konzerthaus, Mozart-Saal
Sa 15.11. | 19.30
Abendsonne Jugendstiltheater
Sa 15.11. | 21.00 Salon Souterrain: Echos of Numbers II Palais Schönborn-Batthyán
So 23.11. | 17.30
So 23.11. | 18.00
Kurt Schwertsik 90 Musikverein, Brahms-Saal
Noid: Verlagerung | Dislocation Theater am Werk im Kabelwerk
So 23.11. | 19.00 Trio Amos Theater am Werk im Kabelwerk
So 23.11. | 20.00
So 23.11. | 20.00
Mo 24.11. | 18.00
Mo 24.11. | 19.00
Mo 24.11. | 19.00
Mo 24.11. | 19.30
Mo 24.11. | 20.00
Di 25.11. | 19.30
Mi 26.11. | 19.00
Mi 26.11. | 20.00
Mi 26.11. | 19.30
Do 27.11. | 17.00
Do 27.11. | 18.00
Do 27.11. | 20.00
Fr 28.11. | 18.00
Fr 28.11. | 20.30
Sa 29.11. | 11.00
Sa 29.11. | 14.00
Sa 29.11. | 19.30
So 30.11. | 11.00–19.00
Ice x mdw: Polyaspora Musikverein, Gläserner Saal
œnm 50 | Clemens Gadenstätter: Archipel Life Theater am Werk im Kabelwerk
Noid: Verlagerung | Dislocation Theater am Werk im Kabelwerk
Alice in Wonderland Theater an der Wien
Trio Amos Theater am Werk im Kabelwerk
Die Nacht weiß nicht vom Tage Soho Studios
œnm 50 | Clemens Gadenstätter: Archipel Life
Theater am Werk im Kabelwerk
Claudio Abbado Konzert Musikverein, Großer Saal
Alice in Wonderland Theater an der Wien
Der Blöde Dritte Mittwoch: Blöd un undiszipliniert #2 (Performance) Reaktor
Die Nacht weiß nicht vom Tage Soho Studios
La fanfare de la touff Reaktor
Vienna Improvisers Orchestra Künstlerhaus, Factory
Use/Less Manual Reaktor
Mivos Quartett Arnold Schönberg Center
Studio Dan: Cobra ff. Game Piece MuTh
mdw Klangwandler mdw, Klangtheater
Pierluigi Billone: Mani.Marathon Reaktor
Ingeborg Bachmann: Unter Mördern und Irren Konzerthaus, Großer Saal
Cornelius Cardew: The Great Learning Konzerthaus, im ganzen Haus