Skip to main content

FALTER Bücherfrühling 2026

Page 1


FALTER

Nr. 12a/26

Bücher-Frühling 2026

65 Bücher auf 40 Seiten

Belletristik: In English, please! +++ Es war einmal Jugoslawien +++ Unsere deutschen Nachbarn +++ Kinderbücher: Ein Jugendroman von Julya Rabinowich Sachbuch: „Katastrophenzeit“ und Wildnis +++ Eva von Redecker: „Dieser Drang nach Härte“ +++ Interview mit Michal Hvorecký: „Dissident“ +++ Yacht oder nicht Yacht? +++ Österreichische Popmusik +++ Weibliches Lustzentrum Klitoris +++ Armin Thurnhers Kochbuchauslese

JEUNESSE

OPEN HOUSE

23. März bis 28. März 2026

Geschmack Konzerte

GANZ NACH DEINEM

Klaus Nüchtern ist für die schöne Literatur zuständig

Alles wie immer und doch ein bissl anders. Neben heimischer und englischsprachiger Literatur gibt es diesmal einen kleinen Deutschland-Schwerpunkt (S. 16–19) und auch einen solchen, der sich mit Jugoslawien beziehungsweise den Ländern befasst, die einst diesem Staat angehörten (S. 11–13).

LITERATUR

KULTURGESCHICHTE

Wie Sylvia Beach und Adrienne Monnier in Paris ein Refugium der Literatur und Humanität schufen 4–6

IN ENGLISH, PLEASE!

„Hitzetage“, der Debütroman von Oisin McKenna 6 „Ausradiert“ von Perival Evere 6

Kae Tempest „Ein Leben lang gesucht“ 7

„Glücklichere Tage“ von Margaret Laurence 8

Kiran Desai „Die Einsamkeit von Sonia und Sunny“ 9

Der 31. und letzte Roman von António Lobo Antunes 9 Viktor Jerofejew „Die neue Barbarei“ 10

ES WAR EINMAL JUGOSLAWIEN

„Engel des Verschwindens“ von Slobodan Šnajder 11

Tanja Šljivar über das „Nationaltheater“ in Belgrad 12 Noch einmal Belgrad: „Uppercut“ von Maja Iskra 12

Karl-Markus Gauß ist wieder einmal gereist 13

AUS HEIMISCHEM ANBAU

„Hauch“ von Xaver Bayer 14

Thomas Raab „Jedermanns Dämon“ 14 „Sie wollen uns erzählen“ von Birgit Birnbacher 15

AUCH AUF DEUTSCH

Sylvia Leiber „Nelka“ 16 „Anti Müller“ von Yade Yasemin Önder 16

Dana von Suffrin „Toxibaby“ 17 „Das glückliche Schicksal“ von Ma hias Nawrat 17

Thomas Lang „Melville verschwindet“ 18 „Das Jahr des Kalks“ von Laura Vogt 18

Safae el Khannoussi „Oroppa“ 19

Gerlinde Pölsler betreut das Sachbuch und das Kinderbuch

D em Trend zum Trotz legen wir den Fokus auf die Krise von Klima und Artensterben. Der neue Faschismus beschä igt uns ebenso wie Superreichtum. Der slowakische Autor Michal Hvoracký spricht über die Rückkehr des Autoritären. Und wir feiern Mandy Minglers au lärerisches Buch über die Klitoris.

KINDERBUCH

Bilderbücher Sieben Bücher aus aller Welt 20 Kinderbücher „Noa im Nachtgebirge“, die Graphic Novel „Lightfall“ und „Agathe“ 22 Jugendbücher Zwei Liebesromane 23

SACHBUCH

POLITIK UND WIRTSCHAFT

Zweimal Ökologie: „Katastrophenzeit“ von Sighard Neckel, „Die Wildnis in uns“ von Torsten Schäfer 24 Eva von Redecker über denneuen Faschismus 26 „Dissident“ des slowakischen Autors Michal Hvorecký 27 Nachrichten aus der Welt der Superreichen 28 Robert Misik über die „Kunst des Widerstands“ 29

KULTUR, GESELLSCHAFT, GESCHICHTE Sabine Rückert präsentiert Kriminalreportagen von Egon Erwin Kisch 29 „Die Abscho ung der Welt“ 1933–1945 30 Von Fingerabdrücken und Identität 30 Kolonialgeschichte: Die East India Company 31 Walter Gröbchen und Thomas Mießgang: Die Geschichte des österreichischen Pop in 100 Songs 32 Damir del Monte lädt zum „Date mit deinem Gehirn“ 32 Das 20. Jahrhundert in 30 Romanen 33 Das Lebensgefühl seit den 1970er-Jahren 33

NATUR UND LEBEN

Lara Rüter über Menschenaffen und das Kommunizieren über Artgrenzen hinweg 34 Jens Soentgens Entdeckungsgeschichte der Lu 34 Naturwunder und das Handbuch „Vogelspuren“ 35 Die Gynäkologin Mandy Mangler legt ein Au lärungsbuch über die Klitoris vor 36 Einsamkeit und eine Kulturgeschichte der Freundin 37 Armin Thurnher kennt die neuen Kochbücher 38

Schorsch Feierfeil ist Illustrator, Grafiker und Animationsfilmemacher. Seit vielen Jahren zeichnet er regelmäßig für den Falter. Zudem gestaltet er Albumcovers und animiert Musikvideos. Einen Überblick seines künstlerischen Schaffens und die Möglichkeit, einen Kunstdruck zu erwerben, bietet seine Homepage: www.schorschfeierfeil.com

Falter 12a/26 Herausgeber: Armin Thurnher  Medieninhaber : Falter Zeitschri en Gesellscha m.b.H., 1011 Wien, Marc-Aurel-Str. 9, T: 01/536 60-0, F: 01/536 60-912, E: wienzeit@falter.at  Redaktion: Klaus Nüchtern, Gerlinde Pölsler  Herstellung: Falter Verlagsgesellscha m.b.H.; Layout: Barbara Blaha; Korrektur: Helmut Gutbrunner, Rainer Sigl; Geschä sführung: Siegmar Schlager; Leitung Sales: Ramona Metzler (kar.), Sheila Martel, Christian Fabi Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau  DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 MG ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abru ar  Bücher-Frühling ist eine entgeltliche Einschaltung aufgrund einer Subvention durch das Bundesministerium für Wohnen, Kunst, Kultur, Medien und Sport.

Konrad P. Liessmann Eva Rossmann

Nora Gomringer Sabine Scholl

Grazer Vorlesungen

Maja Haderlap

Norbert Gstrein

Florian Klenk

Mitma ch-Ausste l l gnu

Nelio Biedermann

August Schmölzer

Literarische Soirée

Katherina Braschel

Anna Maschik

Julya Rabinowich

Bernhard Aichner Raoul Schrott

StauVerena er

Agi Ofner

Junges Literaturhaus

Jaqueline Scheiber

Maria Hofstätter

Stefan Schmitzer

Helga Schubert Franz Schuh

Johanna Sebauer

Hanno Sauer

Laura Freudenthaler Clemens J. Setz

Michael Köhlmeier

Judith Kohlenberger

Klassiker neu

Tomer Gardi

Ingrid Brodnig

Robert Menasse

Renate Welsh

Karl-Markus Gauß

Grundbücher- Symposium

Josef Winkler

Birgit Birnbacher

Radka Denemarková

Yevgeniy Breyger Christoph Bartmann

Fritz Ostermayer

Mario Tomić Mascha Jacobs Das philosophische Opernhaus

Marlene Streeruwitz

Ein Abend fürWienerOswald

Da wäre man doch gerne Mäuschen gewesen, am 21. März 1919 in der Rue de l’Odéon Nr. 7. Während an diesem Freitag in Weimar das Bauhaus eingeweiht wurde, gelangte an besagter Pariser Adresse „Socrate“ zur Uraufführung, eine Vertonung platonischer Dialoge für Gesang und Klavier. An Letzterem saß mit Erik Satie der Komponist höchstpersönlich, für einführende Worte sorgte das künstlerische Multitalent Jean Cocteau, und auch das Publikum war mit Saties Kollegen Igor Strawinsky, den Malern Pablo Picasso und George Braque sowie den Schri stellern André Gide und Paul Valéry äußerst prominent besetzt. Weniger geläufig dür e den meisten der Name der Gastgeberin sein, die zu dieser „séance“ geladen hatte. Adrienne Monnier, damals gerade einmal 26 Jahre alt, hatte La Maison des Amis des Livres, also das Haus der Bücherfreunde, bereits vier Jahre zuvor eröffnet und sollte die Buchhandlung, die zugleich Veranstaltungsort und Hotspot des literarischen Lebens an der Rive Gauche war, bis 1951 weiterführen – ehe sie sich genötigt sah zu verkaufen.

Bekannter als Monnier und La Maison sind Sylvia Beach und ihre Buchhandlung Shakespeare and Company – vor allem durch die Verbindung zu James Joyce, dessen „Ulysses“ die Pfarrerstocher aus Maryland 1922 als Neo-Verlegerin zur Veröffentlichung verhalf, nachdem der als pornografisch geltende Roman weder in Großbritannien noch in den USA publiziert werden dur e.

Die Läden der Französin auf Nummer 7 und der Amerikanerin auf Nummer 12 lagen tatsächlich vis-à-vis, sodass „die Leserinnen und Leser von der einen Straßenseite zur andern quasi den Atlantik überqueren und literarische Grenzen überschreiten“ konnten – wie Uwe Neumahr in seinem Buch „Die Buchhandlung der Exilanten“ bemerkt.

Als Hemingway Paris befreite

Uwe Neumahr erzählt, wie die Buchhandlungen von Adrienne Monnier und Sylvia Beach die Rue del ’Odéon in Paris über Jahrzehnte zu einem Hotspot des intellektuellen Lebens und gelebter Humanität machten

REZENSION:

ILLUSTRATION: GEORG FEIERFEIL

Monnier und die um fünf Jahre ältere Beach saßen nicht nur als femmes des lettres im gleichen Boot, sie waren auch privat ein Paar, das ab 1920 und über 17 Jahre gemeinsam in Monniers Wohnung auf Nr. 18 lebte. Im Unterschied zur Schri stellerin Gertrude Stein und deren Lebensgefährtin/ Sekretärin Alice B. Toklas, die zum Inner Circle der Pariser Avantgarde-Szene zählten, hatten sich die beiden aber nie geoutet.

Über ihre Liebesbeziehung ist praktisch nichts bekannt, und Monnier hätte sich, wie Neumahr mutmaßt, eher als non-binär denn als lesbisch definiert. Den Unterschied zwischen den beiden Partnerinnen aber beschreibt er wie folgt: „Während Sylvia asketisch und agnostisch war, war Adrienne sinnlich und spirituell. Konnte Adrienne aus der Haut fahren und konfrontativ werden, war Sylvia auf Harmonie bedacht. […] Bei der Französin standen Bücher und Wörter im Mittelpunkt, bei der Amerikanerin eher die Menschen, mit denen sie zu tun hatte: Leser und Schri steller.“

Neumahr, promovierter Romanist und Germanist, hat 2023 mit „Das Schloss der Schri steller“ ein spannendes Buch über die Nürnberger Prozesse von 1945/46 vorgelegt. Im titelgebenden Schloss, das sich im Besitz der bekannten Bleisti fabrikantenfamilie Faber-Castell befand, waren die Reporter und Schri steller untergebracht, die von dem internationalen Gerichtsverfahren gegen die NS-Hauptkriegsverbrecher berichteten.

Einige wenige illustre Personen tauchen sogar in beiden von Neumahrs historischen Recherchen auf: die Journalistin und Schri stellerin Martha Gellhorn etwa, Geliebte und ab 1940 dritte Ehefrau von Ernest Hemingway, oder die gebürtige Russin Elsa Triolet, Gattin des surrealistischen Dichters Louis Aragon und unverbesserliche Stalinistin.

Letztgenanntes Ehepaar zählte am 5. März 1939 – so wie etwa auch Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir – zu den Gästen, die in Monniers Haus der Bücherfreunde geladen waren, um die Porträts der aus Berlin stammenden studierten Soziologin und aufstrebenden Fotografin Gisèle Freund zu bewundern.

Freund war, um die französische Staatsbürgerscha zu erlangen, eine Scheinehe mit einem Cousin Monniers, aber auch eine amouröse Beziehung mit dieser selbst eingegangen. Das Zusammenleben von Adrienne und Sylvia war damit beendet, nicht aber deren Freundscha , die bis ins Jahr 1955 hielt, als sich Monnier, von schwerer Krankheit gezeichnet, mit einer Überdosis Schla abletten das Leben nahm. Zu diesem Zeitpunkt war Gisèle Freund längst eine gefeierte Fotografin, berühmt vor allem für Porträts von Kulturheroen à la Cocteau, Joyce oder Virginia Woolf, von denen sie die meisten durch die Vermittlung von Monnier kennengelernt hatte.

Ja, es ist eine ganze Menge mehr oder weniger prominenter Zeitgenossinnen und -genossen, die hier au ritt, das Personenregister umfasst über 400 Namen. Das mag ein bisschen zu viel des Guten sein, gleichwohl geht das Buch übers das schiere CelebrityNamedropping doch weit hinaus.

Neumahr zeichnet nach, wie sich über Jahre und Jahrzehnte nicht nur ein reger Kulturaustausch, sondern auch ein Netzwerk von Bekannt- und Freundscha en entspann. Wobei Beach und Monnier ihren Kunden und Gästen nicht nur als Buchhändlerinnen, sondern auch in ökonomischen, organisatorischen und verlegerischen Belangen selbstlos zur Seite standen und während der Okkupation von Paris alles in ihrer Macht Stehende unternahmen, um Menschen vor Verfolgung und Abschiebung ins Konzentrationslager zu schützen.

Adrienne Monnier ha e das Haus der Bücherfreunde in der Rue de l’Odéon Nr. 7 gegründet

Die US-Amerikanerin Sylvia Beach eröffnete Shakespeare and Co. in der Rue de l’Odéon 12

Uwe Neumahr: Die Buchhandlung der Exilanten. Paris 1940: Zuflucht und Widerstand.

C.H. Beck, 320 S., € 26,80

Eine besonders strapaziöse Odyssee zu durchleiden hatte Arthur Koestler. Der gebürtige Ungar und Sohn eines jüdischen Industriellen war Anfang der 1930er der KPD beigetreten und hatte die Sowjetunion bereist. 1937 war er als Kriegsberichterstatter im Spanischen Bürgerkrieg von den Falangisten gefangengenommen und als vermeintlicher Spion zum Tode verurteil worden. Nach monatelanger Ha gegen einen Franco-Diplomaten ausgetauscht, wurde er in Frankreich als Kommunist verha et und in diversen Lagern interniert. Da hatte er freilich bereits mit dem Stalinismus gebrochen, mit dem er in seinem Roman „Sonnenfinsternis“ (1940) abrechnen sollte.

Tatsächlich war es Monnier, mit deren Hilfe es Koestler schließlich gelang, sich nach England abzusetzen. Wobei einer ihrer wichtigsten Verbündeten, der Dichter-Diplomat Henri Hoppenot, der seit den Anfangstagen von La Maison zu dessen Kunden zählte, als Strippenzieher im Hintergrund agierte – wie auch im Falle des nach Paris geflohenen Soziologen und Filmtheoretikers Siegfried Kracauer, dem dank der Unterstützung Monniers und Hoppenots die Flucht in die USA glücken sollte. Nicht in allen Fällen aber waren deren Bemühungen von Erfolg gekrönt. Hoppenot ha e Walter Benjamin bereits 1917 kennengelernt. Monnier wiederum war dem Philosophen, Kulturkritiker und Übersetzer 1930 erstmals begegnet, nachdem dieser einige ihrer unter Pseudonym veröffentlichten Gedichte gelesen und sich für die Autorin interessiert hatte. Als er sie über Vermittlung eines Germanisten persönlich kennenlernte und keine junge hübsche Dame, sondern eine eher matronenha e, in einen groben grauen Umhang „von nonnenhaftem Zuschnitt“ (Monniers Standardoutfit) gehüllte Frau antraf, war er einerseits enttäuscht, von der Ausstrahlung der Buch-

händlerin andererseits stark beeindruckt. 1933 war Benjamin dauerha ins Pariser Exil gegangen. Als dem schwer Herzkranken nach Zwangsinternierungen und Lageraufenthalten der Grenzübertritt ins spanische Portbou gelungen war, nahm er sich dort am 26. September 1940 aus Angst, doch noch an die Deutschen ausgeliefert zu werden, mit 48 Jahren das Leben.

Ernest „Dicke Hose“ Hemingway blieben zu diesem Zeitpunkt noch über 20 Jahre, um Romane zu verfassen, Großwild abzuknallen und Bräute flachzulegen. Nachdem er diesbezüglich bei Sylvia Beach keine Ambitionen hatte und diese, die vom unleidlichen James Joyce Kummer gewohnt war, sich auch dem notorisch großspurigen Amerikaner gegenüber als unendlich nachsichtig erwies, stand einer unbeschwerten Freundscha aber nichts im Wege. Als Paris Viertel für Viertel von den Alliierten befreit wurde, hielt ein Jeep in der Rue de l’Odéon, dem ein verdreckter Typ in Uniform entstieg und ein sonores „Sylvia!“ vernehmen ließ – worauf die Angerufene die Treppe herabstürmte und ihrem Befreier in die Arme fiel. Tatsächlich war Hemingway, wie er nicht müde wurde zu erzählen, gekommen, „um den Keller des Ritz zu befreien“ – in dem sich freilich schon längst keine Deutschen mehr befanden.

Die Anekdote, wie Beach sie erinnert, ist wohl etwas geschönt. Sie sorgt in dem akribisch recherchierten, mitunter etwas gar fakten- und detailreichen sowie etwas umständlich erzählten Buch aber immerhin für ein heiteres Glanzlicht. Beach, die ihre Buchhandlung nach dem Krieg nicht wieder eröffnete, schenkte ihre Buchbestände der American Library und gelangte durch den Verkauf ihres Joyce-Archivs 1958 noch an ein Vermögen. Sie starb am 5. Oktober 1962 im Alter von 75 Jahren in ihrer Wahlheimat Paris. F

Der letzte Sommer „wie damals“

„Hitzetage“, das Romandebüt des Iren Oisín McKenna, erzählt schwung- und humorvoll von einer jungen queeren Community

Oh, süße Jugend! Kann es sein, dass sie länger dauert als früher? Die Protagonisten in „Hitzetage“ sind bereits Ende 20, aber wie sie so durch den heißen Londoner Sommer des Jahres 2019 taumeln, hat das etwas von einer Coming-of-Age-Geschichte, wie sie etwa die deutlich jüngeren Figuren bei Sally Rooney erleben. Mit dem Werk der irischen Bestsellerautorin wurde das Romandebüt ihres Landsmanns Oisín McKenna nach seinem Erscheinen denn auch verglichen.

Als McKenna in eben jenem Jahr seinen ersten Roman begann, lebte er mit ein paar Gleichaltrigen in einer stillgelegten Lagerhalle in London, wissend, dass die Behörden sie jeden Moment rauswerfen könnten – was auch geschah. Solch eine Industriegebiet-Kommune bildet auch das Zentrum des Buches, dessen Originaltitel „Evenings and Weekends“ lautet. Denn nicht die dröge Arbeitswelt dieser Spät-Millennials steht im Fokus, sondern das, was sie an den Abenden und Wochenenden treiben.

Durchgängig im Präsens erzählt, begleitet „Hitzetage“ abwechselnd die Angehörigen eines hauptsächlich queeren Freundeskreises. Da gibt es zum Beispiel Phil, der eine Affäre mit seinem Mitbewohner Keith hat und sich zunehmend in diesen verliebt, obwohl Keith bereits in einer offenen Beziehung mit einem anderen lebt.

Phils beste Freundin Maggie hingegen erwartet ein Kind von ihrem Freund Ed und will zurück aufs Land ziehen. So ziemlich als Einzige weit und breit ist sie hetero, fühlt sich in der Offenheit ihres LGBTQIA+-Umfelds aber pudelwohl. Trotzdem traut sie sich lange nicht, Phil von ihrer Schwangerscha zu erzählen – er könnte es als Verrat am queeren Mindset verstehen. Ed wiederum hat seinerseits ein Geheimnis: Er steht (vielleicht sogar ein bisschen mehr) auf Männer. Als er einem davon spontan auf ein öffentliches WC folgt, wird er dabei zufällig von Phil beobachtet. Tage der inneren Folter sind die Folge, denn von Eds Bisexualität wusste bisher niemand, am wenigsten Maggie.

Man kann „Hitzetage“ nicht nur als Literatur, sondern auch als historisches Dokument lesen. Denn der Sommer des Jahres 2019 war der letzte „wie damals“, bevor die Corona-Pandemie alles veränderte. Zehn Jahre zuvor wiederum wäre es wohl noch nicht glaubwürdig gewesen, eine relativ unbeschwerte queere Community zu zeigen. Nicht Repressionen der heteronormativen Mehrheitsgesellscha halten Ed vom Outing ab, sondern lediglich dessen eigene Sorge, seine Partnerin zu verletzen.

Eds krebskranke Mutter Rosaleen wiederum schwelgt in Erinnerungen an eine früh verstorbene Freundin. Bald ahnt man, dass da – zumindest im Kopf – mehr lief

Oisín McKenna: Hitzetage. Roman. Deutsch von HansChristian Oeser und Alexandra TitzeGrabec. Residenz, 360 S., € 26,–

Die Rache einer mimetischen Sau

als nur keusche Freundscha , was zur Zeit von Rosaleens Jugend freilich noch ganz andere Schwierigkeiten nach sich zog als im Jahr 2019.

Eine entscheidende Rolle für die Einordnung des Romangeschehens spielt die Allgegenwart des Internets: Ein Wal hat sich bei London in die Themse verirrt und ist steckengeblieben (etwas Ähnliches passierte 2019 tatsächlich). Die Rettungsaktion ist an diesen Tagen Stadtgespräch, und das Bild einer interviewten Meeresbiologin geht binnen kürzester Zeit viral, weil sie angeblich aussieht wie Prinzessin Diana.

Der humorvolle äußere Rahmen harmoniert gut mit der Leichtigkeit von McKennas rastlos flirrender Prosa. Ihr geht in der Übersetzung von Hans-Christian Oeser und Alexandra Titze-Grabec zwar unweigerlich manches von dem Rhythmus verloren, der im Original den Bühnenautor erkennen lässt; den Drive, der zum rastlosen Umblättern motiviert, kann sie aber erhalten. Nicht zuletzt resultiert dieser aus einer gewissen Frustration darüber, dass diese liebenswerten, glaubwürdig beschriebenen Figuren nicht früher miteinander reden. Was kann in einer Gemeinscha , in der man so offen miteinander umgeht, schon schiefgehen? Aber wie sich zeigt, ist es so einfach dann doch wieder nicht.

MARTIN PESL

Percival Evere s nun übersetzte Literaturbetriebssatire „Ausradiert“ von 2001 ist nicht unwitzig, hat aber auch Staub angesetzt

Seit zwei Jahren hat der US-Schri steller Percival Everett bei der deutschsprachigen Leserscha einen fabelha en Lauf, ausgelöst durch seinen Roman „James“, eine rassismuskritische Überschreibung von Mark Twains „Huckleberry Finn“. Das Buch wurde ein weltweiter Publikumserfolg und mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Die im Jahrestakt folgenden Übersetzungen aus Everetts reichhaltigem, rund 30 Romane und Erzählungen umfassenden Œuvre verstetigen das Interesse an diesem Autor, der mittlerweile 69 Jahre alt ist.

Jetzt fiel die Wahl des Verlags auf „Ausradiert“ aus dem Jahr 2001, in dem sich bereits die Charakteristika finden, die Fans heute besonders schätzen: die Unnachsichtigkeit, mit der Everett den Rassismus weißer Amerikaner geißelt, und sein (selbst-) parodistisches Talent.

Als hochbelesener Literaturprofessor an einer kalifornischen Universität treibt er in seinen Romanen gerne ein unterhaltsames Spiel mit den Werken anderer. In „Ausradiert“ –halb Familienroman, halb Literaturbetriebssatire – nimmt er Autoren und literarische Moden der Jahrtausendwende aufs Korn, die ihn seinerzeit besonders genervt haben müssen. Das lässt den Roman heute leider so alt aussehen wie er ist.

Der Protagonist, ein schwarzer Schristeller namens Thelonious Ellison, Spitzna-

me „Monk“, ist ein versnobter, verbitterter und rundum missvergnügter Mann. Seine dysfunktionale Familie ist gerade im Zerfall begriffen. Die Mutter hat Alzheimer, die Schwester, eine Frauenärztin, wird von fanatischen Abtreibungsgegnern erschossen, und aus hinterlassenen Familienpapieren erfährt Monk, dass er eine Halbschwester hat, die aus einer Affäre seines verstorbenen Vaters mit einer weißen Frau hervorgegangen ist. Als nicht minder frustrierend erweist sich Monks Berufsleben. Seine Romane gelten als unlesbar, egal, ob es sich um eine Überschreibung der „Perser“ von Aischylos handelt oder um eine Parodie auf französische Poststrukturalisten. Er rächt sich mit einem bosha en Vortrag vor der Nouveau Roman Society, ganz im Stil der hermetisch kodifizierten Sprache à la Derrida, was ihm böse Zwischenrufe einträgt: „Du mimetische Sau!“

Sein Hauptzorn allerdings gilt dem Megabestseller „Ghettoleben“ einer bürgerlichen schwarzen Autorin, geschrieben in einem fake-primitiven Stummelsprech, der von der Kritik als authentische Sprache der Afroamerikaner bejubelt wird, während Monks jüngstes gelehrtes Romanmanuskript bereits von 17 Verlagen abgelehnt wurde: „Nicht schwarz genug“, befinden sowohl weiße als auch schwarze Gutachter.

Percival Evere : Ausradiert. Roman. Aus dem Amerikanischen von Jens Seeling. Hanser, 348 S., € 14,40

Monks Revanche: Unter dem Pseudonym Stagg R. Leigh verfasst er eine bissige Romanparodie auf „Ghettoleben“. Unter dem Titel „Fuck“ figuriert der gut 70-seitige Texteinschub als Roman im Roman, als Sammelsurium der unsäglichsten rassistischen Klischees, das sich heute eher dröge liest – Rassismuskritik als abgestandener Sarkasmus von gestern.

Für die abgebrühten Leser von heute erweist sich die Ironie des Schicksals, die „Fuck“ zuteil wird, allerdings als völlig erwartbar und kann niemanden überraschen – mit Ausnahme des unbedar en Romanhelden selbst: Der Verlag schließt mit dem Autor einen Millionenvertrag für den Bestseller, für die Filmrechte bietet Hollywood drei Millionen, Stagg R. Leigh, verkleidet mit Perücke, Bart und Brille, wird in die Jury berufen, die alljährlich den prestigereichen National Book Award vergibt, und kann nicht verhindern, dass ausgerechnet „Fuck“ zum Preisträger gekürt wird.

Zugegeben: Für alle, die schon einmal in einer Literatur-Jury gesessen sind, liest sich Percival Everetts Insider-Satire auf das Jury-Biotop und die taktischen Winkelzüge von Juroren treffend und witzig. Das ändert jedoch nichts am zarten Mehltau, der diesen Roman im Laufe eines Vierteljahrhunderts überzogen hat.

SIGRID LÖFFLER

Transition und Versöhnung

Der britische Rapper Kae Tempest schickt seine queere Romanfigur auf eine Achterbahnfahrt der Identitätsfindung

Tag eins Oktober 2026“: So lautet die Überschri zum ersten Kapitel von „Ein Leben lang gesucht“. Es ist dies der zweite Roman des Rappers, Spoken-WordKünstlers und Autors Kae (vormals Kate) Tempest, der sich seit April 2025 als nichtbinärer Transmann identifiziert. Soll mit diesem Hinweis auf eine Unabgeschlossenheit eines sexuellen Transformationsprozesses verwiesen werden, der auch diesen Herbst noch andauern könnte? Jedenfalls widmet sich der Eröffnungsteil einem bereits in der Vergangenheit der erzählten Handlung angesiedelten Ereignis.

Die Hauptfigur Rothko ist nach 15 Jahren Ha aus dem Gefängnis in ihren Heimatort, die fiktive britische Küstenstadt Edgecliff, zurückgekehrt. Rothko füht das Pronomen dey, definiert sich also als queer. Sie navigiert zwischen den Zeiten, Identitäten und Geschlechtern. Dey stap mit dem Hund Donovan über den „bitteren“ Strand und sieht in den Himmel, um „Gott in flagranti“ zu erwischen. Die Stadt mit ihrer Mischung aus Industriebrachen, Lagerhäusern und in Konsumzonen „ausgelagerten Hoffnungen“ erscheint wie eine Kulisse der Entwurzelung.

Rothko, das ist von Anfang an klar, gehört und gehörte nicht dazu, war lange nicht da – und kommt doch aus diesem Ort, dessen Ballast dey nicht abschütteln kann. Tempest bemüht sich um eine auktoriale Erzählperspektive, verzahnt mit treffsicherem Gespür für Rhythmus, Tempo und Verdichtungen das Herumstreunen der Halt suchenden Hauptfigur mit Rückblenden auf deren Kindheit und Jugend.

Vor allem im zweiten Kapitel „Früher April 2006“ gelingt es dem Autor, der auch in Musikalben wie „Let Them Eat Chaos“ (2016) oder „The Story of Traps and Lessons“ (2019) aus der Position einer jungen Outsiderin (damals eben noch als Kate Tempest) und später in Gedichtform den Wunsch nach Gemeinscha und Verbundenheit in einem hartherzigen England be-

Kae Tempest: Ein Leben lang gesucht. Roman. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Suhrkamp, 390 S., € 25,70

schwor, die Weltverlorenheit Rothkos und die zentrale Erfahrung einer nicht nur sexuell deutbaren Queerness mit großer Empathie zu schildern.

Das Leben dieser 16-Jährigen Person zwischen Abgrenzungswünschen und Sehnsüchten nach Liebe, Lust und Anerkennung erscheint auch ohne die nagenden Probleme mit der eigenen Sexualität als kompliziert genug: Die Beziehung von Rothkos Eltern Meg und Ezra Taylor ist nach einer längeren, subtil beschriebenen Phase der Zerrüttung endgültig zerbrochen. Am Ende hallt nur mehr das Geschrei der Unverstandenen. Rothkos Mutter Meg betäubt sich seitdem mit Alkohol und Drogen in den Straßen der Stadt, während sich der Vater Ezra um die beiden Töchter Rothko und Sarai kümmern muss.

In der Schule läu es auch nicht viel besser, allein die schöne und begehrenswerte Dionne ist ein Lichtblick. Gemeinsam hören die beiden Teenager auf Drogen den „Sound in den Sounds“ und finden nächtens eine erfreulich unkitschig und nuanciert dargestellte verschwenderische Lust. Ihre Verliebtheit aber versteckt Dionne am Tag danach vor den zudringlichen Blicken der lästernden, heteronormativen Burschen, schließlich hat sie einen Ruf als „normales“ Mädchen zu verlieren. Dieses als Verrat empfundene Verhalten von Rothkos Jugendliebe trägt entscheidend zum Absturz der als hässliche Lesbe verhöhnten, labilen Hauptfigur bei.

Rothko kreuzt bald den Weg der in Verzweiflung und Weltanklagen versunkenen Mutter, sucht wie diese nach der Erlösung vom Schmerz im Rausch. Das Selbst und auch die Zukun erscheinen in diesem Moment als wertlos, und so entsteht die Idee zu einem Einbruch, der wiederum zu einem Totschlag und einer 15-jährigen Ha führt. Die Wochen der zuvor vollzogenen Selbstbeschädigung und die darauf folgenden Jahre im Gefängnis sind Tempest nur wenige der knapp 400 Seiten des Buchs wert, ge-

Birgit

Birnbacher

füllt mit hastig ausgestoßenen, teils elliptischen Sätzen wie etwa den folgenden: „Freiheit ist das eine. Freisein etwas anderes. High auf den Klippen. Dunst ausatmen.“ Dann ist es – wieder einmal – Zeit für einen Cut, einen Sprung aus dem „Nirgendwo“ eines Lebens im freien Fall ins dritte und letzte Kapitel namens „Heute“, das chronologisch nach dem „Tag eins“ im Oktober 2026 angesiedelt ist.

Heute, das meint bei Tempest – der nach dem Ende des Romans noch ein Zitat von James Baldwin über die vorwärts und rückwärts laufende Zeit anführt – nicht nur das strikte Jetzt, sondern ebenso eine antizipierte Zukun sowie eine Vergangenheit, die nicht vergangen ist.

Konsequenterweise geht es in dem Roman immer wieder um die Auslotung von Befindlichkeiten, die sowohl vom Potenzial der Veränderung wie auch von den Nachwirkungen früherer Prägungen bestimmt sind, sich also weder als klarer Neuanfang noch als ewiges Trauma identifizieren lassen.

Am Ende dieser über weite Strecken sehr eindringlichen Prosa finden alle verlorenen Seelen ihren Platz, und die Wut über das vormals Unverzeihliche wird entsorgt. Rothko lässt die insgeheim schon lange ersehnte Transformation zum Mann zu und wird vom Dey zum Er; Dionne räumt nach ihrem lesbischen Coming-out als Mutter zweier Kinder für ihren geliebten Partner Rothko einen Platz am Familientisch frei; in einem Stream of Consciousness bittet die verbitterte Mutter um Vergebung.

Und zu guter Letzt meldet sich auch noch der Vater Ezra aus der Versenkung zurück – mit einem Gebet an Jom Kippur, dem Tag der Versöhnung. So viel Besänftigung mag zu viel des Guten sein, aber vielleicht hat Rothko/Tempest nach einer vergleichbaren Form der Aussöhnung mit seiner realen familiären Geschichte tatsächlich „ein Leben lang gesucht“.

THOMAS EDLINGER

Ein Roman wie ein Schwalbenflug

In Kanada ist Margaret Laurence eine literarische Fixgröße. Mit „Glücklichere Tage“ sollte sie es auch hierzulande werden

Der Fluss floss in beide Richtungen. Die Strömung verlief von Nord nach Süd, doch der Wind kam meist von Süd und schob die kräuselnde Oberfläche des grün-bronzenen Wassers in die entgegengesetzte Richtung. Dieser scheinbar unmögliche Widerspruch faszinierte Morag noch immer.“

Selten gibt der erste Satz so prägnant die Tonalität eines Buches wieder, führt so sicher in seine Thematik ein: Eine Schristellerin sitzt in ihrem Zimmer für sich allein, mit Blick auf den Fluss. Sie ist 47 Jahre alt, und in diesem Moment, gerade als die Tochter sie verlassen hat, ziehen die Stationen von Leben und Arbeit an ihr vorbei. Margaret Laurence befand sich in der gleichen Situation wie ihre Protagonistin. Bewegte Zeiten liegen hinter ihr: Aufgewachsen in einem Provinznest der Prärie des kanadischen Mittelwestens, verlässt sie frühestmöglich die kärgliche Idylle, studiert, heiratet 1947 einen Wasserbauingenieur. Gemeinsam gehen die beiden nach Afrika. Laurence beginnt, sich mit der Kolonialgeschichte und der lokalen Sprache zu beschä igen. Bald übersetzt sie Lyrik aus dem Somalischen und schreibt eigene Erzählungen. Zurück in Kanada (diesmal an der Westküste, Vancouver) trennt sich das Paar, und Margaret zieht für einige Jahre mit den beiden Kindern nach London. Anlässlich der endgültigen Rückkehr in das Heimatland erwirbt sie ein altes Farmhaus im Gebiet des Lake District.

In der Zwischenzeit hat sich Laurence als Autorin etabliert. Die ersten drei Teile ihrer „Manawaka“-Serie, drei lose zusammenhängende Romane, angesiedelt in einer fiktiven an ihre Jugendzeit erinnernden Präriestadt, fand bei Publikum wie Kritik ungeteilte Zustimmung. „Glücklichere Tage“ erscheint 1974 und sollte in Verschränkung der Themen der vorangegangenen Bücher zu ihrem Opus magnum werden. Mit diesem überforderte sie zwar ihre Leserscha , die Fachwelt aber war sich

über den literarischen Stellenwert des dichten Textes einig. Danach wird sie bis zum Freitod nach einer Krebsdiagnose nur mehr Kinderbücher veröffentlichen.

Auch wenn „Glücklichere Tage“ weit davon entfernt ist, ein Schlüsselroman zu sein, sind Parallelen zwischen der Protagonistin Morag und der Autorin unübersehbar. Beide werden früh zu Waisen und wollen möglichst schnell der trostlosen dörflichen Enge entfliehen. Mit dem Studium an der Universität Winnipeg gelingt ihnen der Absprung. Es bleibt allerdings eine kurze Zwischenstation. Morags Ehemann, ein zunächst verständnisvoll fördernder Literaturdozent, entpuppt sich als Repräsentant einer traditionell-paternalistischen Ordnung. Die Schreibversuche seiner Frau tut er als putzige Kindereien ab und will sie „nach seinem Bilde“ formen (wobei ihm jemand wie Doris Day als Role Model vorzuschweben scheint).

Margaret Laurence: Glücklichere Tage. Roman. Aus dem kanadischen Englisch von Monika Baark. Eisele, 544 S., € 28,80

Es gelingt Morag, aus diesem Käfig auszubrechen. Sexuelle Verwirklichung und Erfüllung des Kinderwunschs findet sie dank eines Jugendfreunds. Skinner war ein Außenseiter im Dorf. Er ist Angehöriger einer sozial geächteten Schicht, die abschätzig Métis genannt wird und bei der es sich um Nachfahren frankophoner Pelzhändler und Frauen der First Nations handelt. Die Frage weiblicher Selbstbestimmung und die Probleme einer ethnisch gemischten Bevölkerung durchziehen als roter Faden den Roman.

Morags Ziehvater, der verachtete Müllfahrer des Dorfes, stammt von den schottischen Siedlern ab, die es im späten 18. Jahrhundert auf der Flucht vor der Hungersnot nach Kanada verschlagen hatte. Die heute anerkannten Métis hingegen waren mit der Besitznahme des Landes durch die englische Krone und die Verlagerung der Jagdgründe nach Westen in Gegenden abgedrängt worden, wo sie mit den schottischen Einwanderern in Konflikt gerieten. Während in Morags Gedächtnis Heldensa-

«Von der ersten bis zur letzten Seite gleicht es einem kulturhistorischen Füllhorn, eine Dichte, die ihresgleichen sucht.»

gen und dudelsackbegleitete Balladen nachklingen, sucht deren Tochter, inspiriert von Songs ihres Vaters Skinner, nach den Wurzeln von dessen Familie.

Ein weiteres Thema des Romans sind Reflexionen über das Schreiben als Arbeit. Wenn Morag den Lesern das Gefühl vermittelt, dass es ein mühevoller Prozess des Erinnerns und Gestaltens ist und eine gehörige Portion Einsamkeit erfordert, vermeint man die Autorin selbst sprechen zu hören. Tatsächlich gelingen auch ohne hochmögende Vergleiche wunderbare Bilder. Der eingangs zitierte Absatz fährt so fort: „Der Frühnebel hatte sich gelichtet, und die Morgenlu war erfüllt von Schwalben, die so tief über den Fluss schossen, dass ihre Flügel manchmal das Wasser strei en, um sich dann wieder in die Höhe zu schrauben.“

In Kanada zählt Margaret Laurence neben Alice Munroe und Margaret Atwood zu den Klassikerinnen der Moderne. Im deutschen Sprachraum ist sie im Vergleich mit den Genannten weitgehend unbekannt. Der Eisele Verlag hat in den letzten Jahren die ersten drei Teile der „Manawaka“-Serie in neuer Übersetzung herausgebracht und schließt dieses nicht hoch genug einzuschätzende Unternehmen nun mit „Glücklichere Tage“, das erstmals auf Deutsch erscheint, ab.

Der Originaltitel „The Diviners“ – er bedeutet so viel wie „Wahrsager“ oder „Wünschelrutengänger – wäre wesentlich schwerer mit dem Inhalt in Einklang zu bringen, und Übersetzerin Monika Baark hat mit der Überschri des letzten Kapitels eine gute Titelwahl gefunden. Auch sonst trifft sie den Ton des Romans sehr genau, lässt die zitierten Balladen und Gedichte zum Teil unübersetzt stehen. Ihre Leistung trägt entschieden zum ungeschmälerten Lesevergnügen bei. Und das Nachwort von Helene Bukowski betont die gelassene Schönheit der Naturbeschreibungen – Birdwatcher werden davon begeistert sein!

THOMAS LEITNER

Florian Welle, Münchner Feuilleton

Liebesg’schichten und Heiratssachen

Nach 20 Jahren legt Kiran Desai einen Roman über das Indien der Gegenwart vor. Das Warten hat sich gelohnt!

Sonia studiert an einem College in Vermont und ist Single. Sunny arbeitet als Journalist bei einer Nachrichtenagentur in New York und hat eine amerikanische Freundin, aber davon wissen seine Eltern nichts. Eigentlich wären Sonia und Sunny ein perfektes Match: „zwei in den USA ausgebildete Menschen, einander gleich, die also auf natürliche Weise zueinander gehörten, von der Herkun her genauso wie von den Lebenszielen“. Als Sonias Eltern Sunnys Familie eine Heirat vorschlagen, zeigt sich diese trotzdem indigniert. Die indische Kultur scheint besessen vom Thema Heiratsvermittlung. Nicht nur in Form von Filmschmonzetten made in „Bollywood“, sondern auch in der Literatur – etwa in Vikram Seths 2000-Seiten-Wälzer „Eine gute Partie“ von 1993 (2020 respektabel verfilmt für Netflix). In seine Fußstapfen tritt Kiran Desai mit ihrem zweiten Roman „Die Einsamkeit von Sonia und Sunny“. Mit 750 Seiten kommt der vergleichsweise schlank daher, aber er zeichnet sich durch eine ebenso feine Charakterzeichnung aus und liest sich süffig. 20 Jahre hat sich Desai nach ihrem mit dem Booker Prize ausgezeichneten Erstling „Erbin des verlorenen Landes“ (dt.: 2006) dafür Zeit gelassen, ähnlich ihrer Landsfrau Arundhati Roy, die nach „Der Gott der kleinen Dinge“ von 1997 erst 2017 mit dem „Ministerium des äußersten Glücks“ nachlegte. In beiden Fällen hat sich das Warten gelohnt.

Tatsächlich lässt sich „Die Einsamkeit von Sonia und Sunny“ wie eine Fortsetzung von Seths „Eine gute Partie“ lesen. Desai zeigt eine neue Generation, deren Eltern 1947 noch die Teilung Indiens erlebt haben und unter dem Verlust von Heimat leiden. Deren Kinder aber werden bereits ausgeschickt, um stellvertretend die „mächtige weiße Welt“ zu erobern.

Für die titelgebende Einsamkeit haben die Eltern kein Verständnis, denn „sie waren noch nie allein zu Hause gewesen, hatten nie eine Mahlzeit allein eingenommen, nie an einem Ort gelebt, an dem sie Unbekannte waren, waren nie aufgewacht, ohne dass ein Koch ihnen Tee brachte oder ohne mehreren Menschen einen guten Morgen zu wünschen“. Die Jungen aber sollen im globalen Wettbewerb bestehen. „Erfolg in den USA war ein Weg, es England heimzuzahlen“, kommentiert die Autorin süffisant und entlarvt die Doppelmoral ihrer Figuren, die sich als „Opfer“ des Kolonialismus moralisch überlegen fühlen, selbst wenn sie der (korrupten) heimischen Elite angehören. Ihre Aufstiegsambition birgt die Gefahr, auch wieder tief zu fallen, was

Sonia am eigenen Leib erfährt. „Delhi ist heute voll von Mädchen wie ihr. Bekommen mit ihrer ganzen Bildung und ihren modernen Vorstellungen einfach keinen Ehemann“, ätzt ihre Schwiegermutter in spe Babita, Sunnys Mutter.

Als sich Sonia und Sunny nach einem Drittel des Romans begegnen, sind beide bereits vom Leben gezeichnet – und kommen sich dennoch näher. Ob sie sich am Ende auch tatsächlich „bekommen“, soll hier natürlich nicht verraten werden. Der Autorin gelingt es jedenfalls, den Wunsch danach bei den Leserinnen und Lesern aufrechtzuerhalten ebenso wie die Zweifel an dessen Erfüllung zu schüren.

„Das ist das Grundgesetz des Lebens in Amerika: Du bist ein Individuum, also bist du allein“, sagt Sonia einmal zu Babita. Was sie nicht verrät: dass diese Einsamkeit auch der Grund ist, warum Sonia zu Beginn des Romans in eine abhängige Beziehung zu dem wesentlich älteren, narzisstischen Maler Ilan de Toorjen Foss gerät.

„Vielleicht male ich irgendwann ein Bild von dir, das die ganze Welt kennt, und dann wirst du wütend und hast das Gefühl, außerhalb des Gemäldes nicht zu existieren“, sagt Ilan einmal zu Sonia, und er weiß vermutlich selbst noch nicht, dass er damit Recht behalten wird.

Angesiedelt in den Jahren 1996 bis 2001 zwischen Vermont, New York, Allahabad, Delhi, Goa und Mexiko, erzählt der Roman die einschneidenden zeithistorischen Ereignisse mit: von der Zerstörung der Babri-Moschee in Ayodhya 1992 bis zum Terroranschlag von 9/11, den manche Protagonisten auch mit Häme sehen – so stark ist die Hassliebe gegenüber der bewunderten Weltmacht USA.

Desai hat ein Gefühl für Widersprüche und Ambivalenzen, ein erfrischendes Sensorium für tragikomische Momente sowie ein Talent für Naturbeschreibungen und Alltagsminiaturen. Und in der Auseinandersetzung mit der Kunst von Sonias Peiniger Ilan stellt „Die Einsamkeit von Sonia und Sunny“ nicht zuletzt eine hintersinnige Reflexion über die Abgründe des Kunstschaffens dar.

KIRSTIN BREITENFELLNER

Die Hunde heulen, die Milane kreisen wieder

In seinem 31. Roman zieht der unlängst verstorbene António Lobo Antunes noch einmal alle Register

Im Grunde hat António Lobo Antunes, der Großbürgersohn, Arzt und Schri steller, der Anfang März mit 83 Jahren in Lissabon verstorben ist, sein Leben lang ein und denselben Roman geschrieben – in mehr als 30 Varianten. Sein Werk ist lesbar als Chronik der verschwiegenen portugiesischen Geschichte. Antunes leuchtet Portugals Traumata aus: die Gewaltherrscha des ewigen Diktators Salazar, gestützt auf Geheimdienst, Militär und Kirche; die nicht aufgearbeitete Geschichte, insbesondere den Kolonialkrieg in Angola, in dem der junge Antunes als Militär-

»Im Modell der zerrütteten patriarchalen Familie spiegelt sich bei Antunes immer der Untergang des autoritären Staates

arzt Dienst tun musste; den Niedergang der alten Machteliten aus Landadel und Großbürgertum.

Der bevorzugte Schauplatz des Autors ist ein verfallendes feudales Landgut, und der Familienroman ist sein liebstes, weil aussagekrä igstes Erzählformat. Im Modell der zerrütteten patriarchalen Familie spiegelt sich immer der Untergang des autoritären Staates, der Familiendespot ist Repräsentant der Diktatur.

Alle Bücher Antunes’ ähneln einander, denn alle schöpfen aus ein und demselben Reservoir – den Erinnerungen des Autors an seine feudale Kindheits- und Herkun swelt. Die Figuren entstammen entweder der alten Herrscha sklasse des Landes oder der verelendeten Unterschicht, darunter viele „Retornados“, entwurzelte Rückwanderer aus den verlorenen Überseekolonien. Die Feudalgesellscha hat sich überlebt, kann aber nicht sterben und schwärt kra los fort, gänzlich unberührt von EU-Beitritt, Massentourismus und Modernisierungsfieber, die Portugal in den letzten Jahrzehnten gründlich durchgerüttelt haben. In der fiktiven Welt dieses Autors ist die Zeit mit der Nelkenrevolution von 1974 stehen geblieben.

Geübte Antunes-Leser werden die Kulissen und Requisiten in jedem Roman wiedererkennen: das düstere, übermöblierte Herrenhaus mit seinem modrigen Hausrat, die Truhen

vollgestop mit Erb-Plunder, das Ganze untermalt von Vogelgesang und allerlei anderen Tierlauten.

In „Wörterbuch der Sprache der Blumen“ von 2020, seinem 31. Roman, der soeben in der brillanten Übersetzung Maralde Meyer-Minnemanns auf Deutsch erschienen ist, recycelt Antunes abermals sein angestammtes Milieu und seine Lieblingsthemen.

Und da ist auch wieder das einst prächtige, jetzt aber heruntergekommene Landgut, der Rosengarten vertrocknet, der Getreidespeicher zusammengesackt, der Olivenhain mit einer Hypothek belegt. Da sind sie wieder, die lärmenden Raben, Störche und Möwen, die kreisenden Milane und die heulenden Hunde.

Der Protagonist ist angelehnt an eine historische Gestalt, an Júlio de Melo Fogaça, homosexueller abtrünniger Sohn eines Großgrundbesitzers, der als Kommunist unter Salazar 18 Jahre lang im Gefängnis saß. Er tritt im Roman allerdings nicht selbst auf, sondern wird in 23 Kapiteln im Bewusstseinsstrom von ebenso vielen Weggefährten umkreist, wodurch ein widersprüchliches Bild des abwesenden Helden entsteht.

Hier kommt Antunes’ singuläre Erzähltechnik ins Spiel. Sie hat ihn berühmt gemacht und zugleich als unlesbar abgestempelt. Es gibt bei ihm nämlich keine chronologische Erzählführung, der eigentliche Plot ist eliminiert und wird ersetzt durch ein polyphones, jazzartig rhythmisiertes Stimmengewirr. Alle Zeiten sind im Augenblick des Jetzt aufgehoben. Auf diese Weise entsteht eine symphonische Vielstimmigkeit mit einer ganz eigenen, ausgeklügelten Leitmotiv-Technik. Bestimmte Schlüsselsätze und Requisiten sind bestimmten Romanfiguren zugeordnet und kehren refrainartig wieder.

Man mag den extremen Verismus der Anschaulichkeits- und Detailbesessenheit dieses Autors bewundern oder sich als Leser im Sprachdickicht dieses Verrätselungsvirtuosen verloren fühlen. Dass die Weltliteratur mit António Lobo Antunes einen einzigartigen Erzähler verloren hat, ist unbestreitbar.

SIGRID LÖFFLER

António Lobo Antunes: Wörterbuch der Sprache der Blumen. Roman. Aus dem Portugiesischen von Maralde MeyerMinnemann. Luchterhand, 446 S., € 28,80

Kiran Desai: Die Einsamkeit von Sonia und Sunny. Roman. Aus dem Englischen von Robin Detje. S. Fischer, 752 S.,€ 29,60

In Russland stirbt die Ho nung zuerst

Der aus Putins Russland geflohene Viktor Jerofejew analysiert „Die neue Barbarei“ und den russischen Begriff von Schuld

Russland grenzt an Gott, schrieb Rainer Maria Rilke nach seiner ersten Russlandreise 1899, zu einer Zeit, als Gott längst tot war. Mit der Beantwortung der Frage nach dem Wesen Russlands beschäftigten sich auch Heerscharen von russischen Schri stellern. Aber selbst einer der größten von ihnen, der gebürtige Ukrainer Nikolaj Gogol, gelangte am Ende seiner „Toten Seelen“ nur bis zum ratlosen Aufschrei: „Russland, wohin jagst du!“ Ansonsten wurde meist von Obskurantismus oder Wodka gesprochen, oder es ertönten Gesänge auf und aus dem Gulag.

Einer, der vor dieser großen Frage nie zurückscheute, ist der 1947 in Moskau geborene Viktor Jerofejew. Als privilegierter Botscha ersohn studierte er an der Pariser Sorbonne. 1979 wurde er als Mitherausgeber eines dissidenten Literaturalmanachs aus dem Schri stellerverband ausgeschlossen und avancierte in der Hochzeit der Perestrojka zum Totengräber der Sowjetliteratur. Schri steller hätten – auch wenn in Russland gerne Gegenteiliges behauptet wurde – nicht mehr über das Leben zu sagen als jeder und jede andere auch.

Seit mittlerweile vier Jahrzehnten treibt den exzellenten Essayisten und Verfasser internationaler Besteller wie „Moskauer Schönheit“ (1990), „Der gute Stalin“ (2004) oder „Der große Gopnik“ (2023) dennoch besagte Frage um. Mit „Gopnik“

– einem kleinen Wüstling und Hooligan –war übrigens Wladimir Putin gemeint. In Jerofejews jüngstem Buch „Die neue Barbarei“ figuriert der Diktator aus dem Kreml als „Pontschik“. Das ist eine Art Krapfen, neudeutsch ein Donut – etwas mit einem Loch.

Den gebührenden Ernst des Unternehmens versinnbildlicht allerdings schon der Totenschädel am Buchcover. Mitte der 1950er-Jahre, so erfahren wir, spielten die Buben in den Moskauer Hinterhöfen mit einem solchen Fußball, allein der kleine Victor Jerofejew hielt sich davon eher fern: „Dieses Himmlische Moskau ähnelt in den Himmel gehobenen Katakomben.“

Das seit Jerofejews Flucht aus Putins Russland im April 2022 entstandene Buch – trotz des Untertitels „Romanfantasie über Russlands Schuld“ kein Roman im herkömmlichen Sinn – besteht aus 150 kürzeren und längeren Prosastücken. Einige davon sind explizit autobiografischer Natur, wie jenes am Anfang zur Beantwortung der Frage nach Russlands Schuld: „Meine Großmutter Anastassia Nikandrowna war eine schöne Frau mit rosigen Wangen. Aber auch bei schönen Frauen kann es vorkommen, dass sie Tassen zerdeppern.“

Der Erzähler schlägt einen rasanten Bogen vom banalen Alltagsvorkommnis zur Zeit der Blockade Leningrads während des Weltkriegs. Fast eine Million Menschen ka-

HIGHLIGHTS IM FRÜHJAHR

»Nicht der Zorn der Großmutter, sondern die Tasse selbst ist schuld daran, dass sie zu Bruch gegangen ist

men dabei ums Leben, Jerofejews Großeltern überlebten.

Was das mit dem kaputten Geschirr zu tun hat? „In dieser zerschlagenen Tasse konzentriert sich die russische Vorstellung von Schuld und die kategorische Weigerung, diese zuzugeben.“ Nicht der Zorn der Großmutter, sondern die Tasse selbst sei schuld daran, dass sie zu Bruch ging. Für Jerofejew repräsentiert die Szene die Geschichtslosigkeit des Landes: Aller Schrecken und alle Übel der Vergangenheit fallen sofort der Vergessenheit anheim. Und er macht einen Grund dafür namha : „Vermutlich liegt es daran, dass die Strafe für ein begangenes Verbrechen in Russland nicht dem Verbrechen selbst entspricht. Die Strafe ist immer größer, sie ist wie der Hefeteig, der aus der Schüssel quillt und das Leben unter sich begräbt. Warum ist sie größer? Vielleicht, weil eine Tasse in einer armen Familie etwas Wertvolles ist und Armut das Übel Russlands?“

literarisch anspruchsvoll – essayistisch scharf – erzählerisch kraftvoll

Für Leser:innen, die es genauer wissen wollen. Jetzt im Buchhandel!

FRITZ JERGITSCH

HEULEN HILFT UNS AUCH NICHT WEITER

Hardcover, 256 Seiten

ISBN 978 3 7017 3656 0

„Jergitsch seziert in seinem in seinem Buch den Aufstieg des Rechtspopulismus im Duett mit Sozialen Medien und liefert Rezepte für seine Entzauberung.“

Oliver Mark, DER STANDARD

FRANZOBEL

DAS KLO

Aus der Reihe „Dinge des Lebens“

Hardcover, 64 Seiten

ISBN 978 3 7017 3654 6

Diese reichlich spekulative „These“ entfaltet der Erzähler in Aphorismen à la „In Russland stirbt die Hoffnung zuerst“, kurzen Dialogen und Dramoletten reichlich surrealer Natur: Etwa so: „Natalja Nikolajewna weckte ihn um vier Uhr morgens mit einem wilden Schrei: ,Krieg!‘ Puschkin sprang aus dem Bett, starrte seine Frau mit hasserfülltem Blick an: ,Scheiße!‘“ Damit wird der Dichter Alexander Puschkin als Ahnherr aller oppositionellen russischen Intelligenzija beschworen, der Erzähler schlüp in dessen Rolle und räsoniert dann weiter über die Gegenwart des Angiffskrieges gegen die Ukraine: „Russland ohne die Ukraine ist nicht mehr Russland, sondern geografisch betrachtet irgendwie ein Unding, ein Nonsens.“ Was daraus folgt, wissen wir nicht.

OISÍN MCKENNA HITZETAGE

Hardcover, 360 Seiten

ISBN 978 3 7017 1822 1 Eine kleine Kulturgeschichte des stillen Örtchens vom Nachttopf bis zum beheizten Klodeckel, vom Plumpsklo bis zur goldenen Muschel.

„McKenna schreibt zu eigensinnig, zu bildhaft, zu glaubwürdig, und auch zu witzig, um seine Leser zu langweilen.“

Robert Schwerdtfeger, BERLINER MORGENPOST

Viktor Jerofejew:

Die neue Barbarei. Romanfantasie über die russische Schuld. Aus dem Russischen von Beate Rausch. Ma hes & Seitz, 450 S., € 26,80

Derartige Rollenwechsel und -spiele werden in ihrer überbordenden Menge gelegentlich unübersichtlich. Der im Westen in seiner Bedeutung als Putins Stichwortgeber überschätzte „Philosoph“ Alexander Dugin diskutiert mit dem in Russland hoch angesehenen Kulturwissenscha ler Michail Epstein, Martin Heidegger trifft auf Hannah Arendt und Karl Jaspers, Dostojewskij gerät mit Turgenjew in einen verbalen Clinch über „Westler“, und schließlich melden sich auch noch diverse Kriegsteilnehmer, Drohnenpiloten, Ärztinnen, und vor allem die russische Schuld höchstpersönlich in Gestalt einer 35-jährigen Schönen zu Wort. So gelehrt und unterhaltsam das Ganze auch sein mag, die Gefahr, den Faden in diesem erzählerischen Labyrinth zu verlieren, ist nicht gering.

„Der Russe befindet sich im Konzentrationslager eines Zaubermärchens“, heißt es einmal apodiktisch. Grenzt Russland also doch an Gott? Dessen Stelle nimmt bei Victor Jerofejew Pontschik/Putin als Inbegriff der neuen Barbarei ein: „Oberbefehlshaber Pontschik will nicht nur die Landkarte Europas verändern, sondern auch in den inneren Angelegenheiten seines Landes ein für alle Mal Ordnung schaffen. Er hat sich, wie wir uns erinnern, die Idee der Unsterblichkeit in den Kopf gesetzt.“ Um es mit den Worten Daniil Charms’ zu kommentieren: „Mehr wäre darüber nicht zu sagen.“

ERICH KLEIN

Es war einmal Jugoslawien

In Slobodan Šnajders figurenreichem Epos „Engel des Verschwindens“fungiert ein Mietshaus als Icherzähler

Dieser Roman ist besonders. Dass an seinem Ende ein Hinweis auf Laurence Sternes Werk „Tristram Shandy“ steht, vermag nach der Lektüre womöglich einen Aha-Effekt auszulösen. Immerhin steht Sternes Opus aus dem 18. Jahrhundert für eine Revolutionierung der Erzähltechnik, führt die Fabulierlust des Autors doch in alle möglichen Richtungen, wobei die angekündigte Lebensgeschichte des Tristram Shandy völlig ins Hintertreffen gerät.

Slobodan Šnajder hat mit seinem neuesten Opus „Engel des Verschwindens“ allerdings keinen zeitgenössischen „Tristram Shandy“ geschrieben und sein Thema auch nicht aus den Augen verloren. Der 1948 in Zagreb geborene Publizist und ehemalige Theaterintendant hat allerdings bei der Ausgestaltung seines historischen Romans reichlich Gebrauch von allen möglichen „Seitenblicken“ gemacht. Parallel dazu wird die Geschichte Jugoslawiens mit Leichtigkeit mitverpackt, von der es einmal heißt: „Unsere Geschichte ist eine Farce.“

Im Fokus aber bleibt die Geburtsstadt des Autors. Zeitlich beschränkt sich Šnajder indessen nicht nur auf das 20. Jahrhundert. Auch frühere Epochen werden mit Hilfe verschiedener sogenannter „Visionen“ aufgesucht. Gleich zu Beginn landet die Leserscha im Jahr 1563, als die Pest in Zagreb wütete.

Eine erstaunliche Anzahl an Figuren tritt von da an auf – fiktive wie reale, darunter Staatschef Josip Broz Tito. Bei den meisten aber handelt es sich um die Bewohnerinnen und Bewohner eines 1911 erbauten Mietshauses, das – ein gelungener Kunstgriff – als Icherzähler durch das Buch führt.

Das zweistöckige Gebäude, das selbst die Träume seiner Mieter kennt (und mitunter auch von ihnen berichtet), beherbergt Täter und Opfer, Faschisten und Partisanen, Kroaten, Serben und ein jüdisches Kind, das ermordet wird: „1941 wurde das Blut gesäubert, 1945 wurde wegen Überzeugungen gesäubert.“

Slobodan Šnajder: Engel des Verschwindens. Roman. Aus dem Kroatischen von Ma hias Jacob und Rebekka Zeizinger. Zsolnay, 490 S., € 28,80

Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs ringen Šnajders Protagonisten um ihren Platz im Leben. Moralische Kategorien sind irrelevant, das Morden geschieht beiläufig. In kurzen, kra vollen Sätzen grei Šnajder scheinbar Banales auf, um daraus Tiefgründiges abzuleiten. Die Bildha igkeit der Sprache, die Fülle an Assoziationen und zahlreiche Zeitsprünge erfordern Konzentration.

Angesichts des mit Gewalt und Absurditäten gespickten Reigens menschlicher Schicksale wird es mitunter unübersichtlich, was freilich auch auf die realen Geschehnisse zutrifft, die dem Roman zugrunde gelegt sind. Šnajder liefert sozusagen die erzählerische Entsprechung zum Chaos der Geschichte. Zum Glück bleibt die schöne Anđa Berilo, die sich den Partisanen anschließt, ständige Begleiterin bei der Lektüre. Bis zum Kriegsende 1945, aber auch noch Jahrzehnte später wird sie Zeugin von Gräueln, über die viele lieber nicht sprechen.

Anđa ist eine Liebende. Manche ihrer Zeitgenossen unterschätzen das aus einfachen Verhältnissen stammende, zerbrechlich wirkende Geschöpf, das Klugheit und Naivität gleichermaßen auszeichnet. Ein Nachbar, ein Gelehrter, führt das Dienstmädchen in die Philosophie ein. Anđa erweist sich als gelehrige und wissbegierige Schülerin. Aus Platons berühmtem Höhlengleichnis schließt sie, dass die Mehrheit der Menschen in der und mit der Lüge lebt und sich dieser nicht nur widerstandlos, sondern sogar mit Vergnügen hingibt.

Die Religion mit ihren Versprechungen sorgt für wiederkehrenden Gesprächsstoff. Glauben würde auch Anđa gerne – an den Fortschritt zum Beispiel, an ein „Zeitalter der Erneuerung“. Aber ihr Glaube ist nicht stark genug. „Viele Dinge zu wissen, bedeutet noch nicht, sie zu verstehen“, heißt es an einer Stelle.

„Engel des Verschwindens“ ist ein Buch gegen das Nicht-Wissen oder Nicht-wissen-Wollen. Immer wieder hat Šnajder sich in seinen Werken mit einer von Gewalt geprägten Vergangenheit beschä igt, in der ein Ismus den anderen ablöste. Immer wieder spricht er an, was eine von nationalistischen Motiven geleitete Geschichtsbetrachtung verdrängen will. Seit dem 1982 uraufgeführten Drama „Der kroatische Faust“ dekonstruiert er ein dualistisches Geschichtsbild, das sich bei der Bewertung der Ereignisse zwischen 1941 und 1945 auf klare Zuordnungen festlegte: einheimische Verräter und ausländische Besatzer einerseits und heldenha e Befreier andererseits. Sein nunmehr in einer deutschen Übersetzung vorliegender jüngster Roman (orig.: „Andeo Nestajanja“) arbeitet sich ebenfalls an jenen Schieflagen ab, die ein von Konjunkturen geleitetes historisches Gedächtnis produziert(e).

Dass eine nationalistisch grundierte Geschichtspolitik gefährliche Identifikationsangebote macht, lässt sich aktuell vielerorts beobachten. Šnajders grandios-vielschichtiger Roman verdeutlicht die Verführbarkeit der Menschen. Die Erkenntnis, betrogen worden zu sein, kommt o spät oder zu spät. Der „Heldin“ in „Engel des Verschwindens“ bleibt am Ende vor allem eines: die Trauer. Šnajder hat indessen das „Verschwinden der Freiheit“ als zwangsläufige Folge politischer Freiheitsversprechen präsentiert. Seinen Roman beginnt er nicht umsonst mit einem berühmten Hegel-Zitat, demzufolge die Freiheit nichts anderes sei als die „Furie des Verschwindens“.

Weil die Genossin die Politik des kommunistischen Jugoslawien nicht ohne weiteres gutzuheißen vermag, wird Anđa „umerzogen“. Dass sie sogar Tito während ihrer Zeit als Partisanin für kurze Zeit versteckt hielt, bewahrt sie nicht vor Gefängnis und anschließender geheimpolizeilicher Überwachung. Ihrer Enttäuschung über gebrochene Versprechen und eine „verratene Revolution“ verleiht sie in einem Brief an Tito Ausdruck.

VERENA MORITZ

Radikale Erfahrung:

Ein Jahr Theaterchefin

In „Nationaltheater“ erzählt Tanja Šljivar tragikomisch von ihrer Zeit als Schauspieldirektorin in Belgrad

Am Theater kann man alles sein: Richard III. oder ein russischer Anarchist. Warum also nicht auch Schauspieldirektorin? Mit nur 30 Jahren steigt die Dramaturgin Dina zur Leiterin der Sparte Schauspiel am Nationaltheater Belgrad auf. Während die Intendantin, seit fast drei Jahrzehnten Chefin am Mehrspartenhaus, Dina als ihre Wunschkandidatin inszeniert, von der man „das Suchen lernen“ kann, ist diese in Wahrheit die einzige von zahlreichen „jungen und erfolgreicheren Kandidatinnen“, die zugesagt hat. Nun muss die Neo-Schauspieldirektorin alle davon überzeugen, dass sie tatsächlich „eine gute, vollkommen plausible Wahl“ ist.

Tanja Šljivar weiß, wovon sie schreibt: Von 2019 bis 2020 war die serbische Dramaturgin und Dramatikerin tatsächlich Schauspieldirektorin am besagten Haus. Als radikale Erfahrung beschrieb sie diese Zeit in einem Interview. Dennoch gerät ihr Romandebüt „Nationaltheater“ nicht zum selbstbezüglichen Erfahrungsbericht, sondern zu einer klugen und o bizarren Auseinandersetzung mit dieser so renommierten wie veralteten Institution.

Die meisten Figuren tragen keine Namen, sondern Berufsbezeichnungen: die Intendantin, der Sicherheitschef, die Produktionsleiterin, der Dissidenten-Regisseur, die Ankleiderin. „Die Personen, die wir außerhalb des Theaters und vor dem Theater gewesen waren, sofern wir uns daran überhaupt erinnern können, verschmelzen mit der Rolle.“ Selbst Dina wird meist als „Schauspieldirektorin“ geführt, auch dann, wenn sie mit ihrem Gspusi, einem ebenfalls namenlosen Narzissten, im Bett landet und sich von ihm schwängern lassen will. Ein Baby erscheint ihr nämlich als einziger Ausweg aus dem von Anfang an verhassten Job.

Besonders skurril mutet Dinas erste Führung durch das Nationaltheater an: Im Untergrund des Theaters raucht in der Wäscherei die „Operative Spezialistin für Waschmaschinen“ Kette und verbirgt sich ein privates Tattoo-Studio. In der Schneiderei spukt seit 20 Jahren der Geist des alten Meisters für Herrenkostüme: Täglich zwischen Mitternacht und drei Uhr früh arbeite er, heißt es. Und manche Ensemblemitglieder sind

seit Jahren nicht mehr auf der Bühne gestanden. Das Machtzentrum des Hauses bildet die Staatsschauspielerin: Berühmt wurde sie durch die Hauptrolle in einer Seifenoper.

„Nationaltheater“ handelt von einer Spielstätte, die stark von politischen Konflikten geprägt wurde: „Das schlimmste Jahr war das Jahr 1991, und eines Tages ergatterte eine Frau die Position des Intendanten, zum ersten Mal in der hundertzweiundzwanzigjährigen Geschichte der Institution. Sie schlich vorbei hinter den Rücken der Männer, die mit außerordentlichen Aktivitäten beschä igt waren: Krieg und Embargo.“

Trotz der zahlreichen historischen Verweise wirkt der Roman nie belehrend. Mehrere Kapitel tragen den Titel „Was ist das Nationaltheater?“. Spielerisch und mit trockenem Humor spannt Šljivar den Bogen von Österreich-Ungarn über den Zweiten Weltkrieg, die Ära des Kommunismus und den Zerfall Jugoslawiens bis hin zu einer Gegenwart, die sich von ihrer Vergangenheit nicht lösen kann.

Šljivars Stil besticht durch sarkastische Metaphern, die das Geschehen immer wieder ins Groteske wenden: Sie beschreibt die Erscheinung der Intendantin als großen Strohhaufen, die Planung des Repertoires als wahlloses Herumstochern in einem finsteren Haus und die bankrotte Firma als krepierende Kuh.

„Du warst eine Staatsbeamtin“, sagt der Sicherheitschef zu Dina, nachdem diese gekündigt hat. „Damit wurden dir Pflicht und Würden anvertraut. Und das hast du jetzt verschissen.“ Die ehemalige Schauspieldirektorin nimmt stattdessen ein Künstlerstipendium in Split an. Sie möchte einen Roman über das Nationaltheater schreiben. Gut so.

SARA SCHAUSBERGER

Tanja Šljivar: Nationaltheater. Roman. Aus dem Serbischen von Maša Dabić. Suhrkamp, 236 S., € 25,70

Ein Mädchen mit fettem Fighter-Score

Die Protagonistin aus Maja Iskras Romandebüt „Uppercut“ wächst im Belgrad der 1990er-Jahre auf

Es ist 1992, die Erzählerin gerade in der fün en Klasse, als sie sich zum ersten Mal an die Schreibmaschine setzt: „Großartig“, befindet der Vater, nachdem er ihre Geschichte gelesen hat, und küsst sie liebevoll auf den Kopf. Zwei Tage später hat er eine halbe Flasche Vinjak-Schnaps intus und macht die Tochter zur Sau: „Du tippst da den ganzen Tag vor dich hin, und was da rauskommst, ist Scheiße!“ „Uppercut“, der Debütroman von Maja Iskra, stellt auch ein Ringen mit den eigenen Dämonen dar.

Das Buch, 2023 unter dem Titel „Aperkat“ im serbischen Original er-

»

In seinem Mix aus Härte und Komik erinnert ,Uppercut‘ an ,Die verschissene Zeit‘ von Barbi Marković

schienen, handelt vom Aufwachsen im Belgrader Stadtteil Dorćol, erzählt aus der Perspektive einer Frau, die die Erinnerungen an damals nicht loslassen. Während sie in Wiener Clubs und Cafés abhängt, spuken ihr die Neunziger durchs Hirn. Es sind Flashbacks in eine Jugend im Zeichen von Krieg und Gewalt, nachgerade proustisch evoziert von Zigarettenrauch, Rosendu in Joints und dem Geruch von warmem Fladenbrot.

„Mit neun Jahren ha e ich schon einen ziemlich beachtlichen Fighter-Score.“

Das Mädchen, von dem der Roman in Rückblenden erzählt, lässt sich von anderen, zumal von gleichaltrigen Burschen, nichts gefallen. „Ich liebe den Kampf“, raunt sie noch im Wien der Jetztzeit spätnachts ihrem angehenden Love Interest zu. Von ihren Eltern auf Wehrha igkeit getrimmt, lösen die Kinder in der Welt, in der sie aufgewachsen ist, Konflikte meist mit den Fäusten.

Als Jugendliche ist die Erzählerin o draußen in Dorćol unterwegs, weil zuhause der unberechenbare Vater lauert. Mit „Slogans aus dem patriar-

chalen Bootcamp“ will er die Lebenstüchtigkeit seiner Tochter stärken, ist aber selbst ein schwacher, lächerlicher Kerl. Nur selten ergeben sich Momente der Nähe, wenn er, ein Mann, „schwer wie dunkle Erde, vor dem ich absolut alles verstecken musste“, sein toxisches Erziehungsprogramm vernachlässigt. Zu einer echten Aussöhnung kommt es nicht, obwohl der Vater kurz vor seinem Tod zu erkennen scheint, was er der Tochter über all die Jahre angetan hat.

Überhaupt ist „Uppercut“ erfreulich unversöhnlich, die erlebte Gewalt wird weder romantisiert noch verharmlost. Die, die damals Freude an der Erniedrigung ihrer Schulkollegen hatten, sind heute Direktoren und Bankangestellte: „Der gleiche Haufen Scheiße, dreißig Jahre später, angezogen wie ein erwachsener Mensch.“

In seinem Mix aus Härte und Komik erinnert der Roman an „Die verschissene Zeit“ von Barbi Marković, aber auch an Tijan Silas „Radio Sarajevo“. Hüben wie drüben haben die fatalen Neunziger im verminten jugoslawischen Gebiet seelisches Unheil angerichtet. Und manchmal bleibt, um das zu ertragen, nur die Pointe. Spät im Buch die schönste Szene: In einem Belgrader Gastgarten schnorrt ein Bub die Erzählerin um Kleingeld an, begnügt sich dann damit, mit ihr zu plaudern, über Autos, Hunde und seinen Namen Adrian, auf den er mächtig stolz ist. Noch mehr fasziniert ihn, wie cool die Protagonistin beim Lesen aussieht. Und als sie ihn fragt, ob er es auch probieren will, mimt er mit vollem Einsatz den konzentrierten Leser : „Du wirkst glücklich, Adrian“, meint sie, fast ein wenig neidisch. „Nicht glücklich“, antwortet er. „Ich träume nur viel.“

HARALD GSCHWANDTNER

Maja Iskra: Uppercut. Roman. Aus dem Serbischen von Mascha Dabić und Maja Iskra. Zsolnay, 156 S., € 23,70

Über 1.5 Mio. Bücher, DVDs & CDs mit gutem Gewissen bestellen.

Die Bilder entstehen im Gehen

Berührend: Karl-Markus Gauß schreitet die Lebenswege dreier außergewöhnlicher Menschen ab und gedenkt eines Freundes

Karl Markus-Gauß geht erneut auf Spurensuche, in Slowenien, in Bosnien und Herzegowina – und in Niederösterreich. Von dort aus gelangt er nach Ungarn und Griechenland. Gauß, der sich eingehend mit nationalen Minderheiten beschä igt und vor allem Mittel- und Südosteuropa bereist hat, ist mit „Die Liebe kommt immer zu spät“ ein besonders zärtliches und poetisches Buch geglückt.

Der pessimistische Titel verbindet drei Erzählungen, deren Protagonistinnen und Protagonisten in ihrer jeweiligen Zeit außergewöhnlich geliebt und gelebt haben. Sei es die slowenische Bestsellerautorin Alma M. Karlin (1889–1950), die, obwohl sie körperlich behindert war, allein auf Weltreise ging und später mit einer Frau zusammenlebte; sei es die ebenfalls aus Slowenien stammende Ljuba Prenner (1906–1977), eine non-binäre Person, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Bei der Geburt dem weiblichen Geschlecht zugeordnet, trat Prenner in der Öffentlichkeit als Mann auf und bezeichnete sich selbst „als einen Menschen, der weder Frau noch Mann“ sei.

Die dri e Erzählung handelt vom griechischen Widerstandskämpfer Gerasimos Garnelis (1921–1999), der am Ende des Zweiten Weltkriegs ein Massaker in Krems/Stein überlebte. Doch trotz des dort durchgestandenen Grauens blieb er bis zu seinem Tod in der niederösterreichischen Stadt, „in der

ihm niemand mehr nach dem Leben trachtete, aber auch keiner fragte, wie es ihm ergangen war“.

Das Herzstück des Buches schildert eine Reise des Autors durch Bosnien und Herzegowina. Sein Freund und Schri stellerkollege Dževad Karahasan, den Gauß in Sarajevo treffen wollte, lag zu diesem Zeitpunkt in einem Grazer Krankenhaus. Die Nachricht über den Tod „der Stimme Bosniens“, die ihn in der Nähe der nordbosnischen Stadt Brčko erreichte, erschütterte nicht nur ihn, sondern das ganze Land. Karahasan hatte der Welt von den Gräueln des Krieges der Jahre 1992 bis 1995 in seiner Heimat berichtet, aber auch von der Schönheit Bosniens und Herzegowinas, vor allem der Hauptstadt Sarajevo.

Mit 144 Seiten ist das Buch ausgesprochen schlank ausgefallen. Gauß findet dennoch hinreichend Platz, um die Lebenswege von Alma M. Karlin, Ljuba Prenner und Gerasimos Garnelis abzugehen. Unterwegs trifft er dabei auf Personen, die die Genannten gekannt oder über sie geforscht haben, und verankert die Biografien im jeweiligen historischen Kontext. Auf knappem Raum gelingt es ihm, ein erstaunlich detailreiches Bild dieser drei Menschen zu zeichnen. Gauß erzählt von ihren Kämpfen und findet Widersprüche, ohne diese krampfha erklären zu wollen. Eindrücklich gerät seine Analyse von Karlins Werk. Obwohl

DIE WIENER SEELE IN 100 ANTWORTEN

Andrea Maria Dusl

Österreichische Begriffe, Redewendungen und Eigenheiten charmant erklärt. Ein unterhaltsames Kompendium der Wiener Seele: grantelnd, witzig, widersprüchlich – und immer mit Stil.

180 Seiten, € 22,90

Drei Reisen. Zsolnay, 144 S., € 24,70

die Schri stellerin „eine der großen Reisenden ihrer Zeit“ war, bleibe es, so Gauß, „rätselha , warum sie überhaupt auf Reisen gegangen ist“.

Die Anstrengungen waren beträchtlich; aus ihren Berichten spricht vor allem die Qual. Außerdem habe Karlin „Menschen nach einem Konzept der ,Rasse‘“ beurteilt und sich selbst als Europäerin überlegen gefühlt. Wobei sie Frauen gegenüber weniger vorurteilsbeladen war.

„Die Männer jedoch hielt sie ganz allgemein für eine Bedrohung, welche diese für die alleinreisende Frau ja o auch tatsächlich waren.“ Karlins posthum erschienene Autobiografie gelte heute denn auch als „exemplarisches Bekenntniswerk einer Feministin, die sich vorgegebenen Rollen verweigert hat und wider alle Widrigkeiten ihren eigenen Weg gegangen ist.“

Die Leitfigur des Buches aber bleibt bis zum Schluss Dževad Karahasan. „Die Liebe kommt immer zu spät, und erst in der Erinnerung wissen wir, was wir verloren haben“, fasst Gauß dessen Lebensthema zusammen und erklärt damit auch den Titel seines eigenen Buches.

Auf die Frage, „ob sich der Untergang, nein, die Zerstörung seiner Stadt hätte vermeiden lassen“, habe Karahasan einmal geantwortet: „Wir alle hätten sie mehr lieben müssen.“

STEFANIE PANZENBÖCK

HYLO® – DIE NR.1 BEI TROCKENEN AUGEN1

Karl-Markus Gauß: Die Liebe kommt immer zu spät.

Hinter jedem Baum ein Mountainbiker

Xaver Bayers Briefroman „Hauch“ kommt nicht in die Gänge. Sta dessen gibt es künstlerisch wertvollen Weltekel galore

D

ie Hundstage ziehen sich immer mehr in die Länge. Die großen Ferien neigen sich dem Ende zu. Doch selbst auf dem Land, wohin sich Veit aus Wien auf den alten Bauernhof seiner Großeltern zurückzogen hat, ist es tagsüber im Freien kaum auszuhalten.

Denn auch hier draußen, berichtet der Stadtflüchtling, „werden nun Mehrfamilienhäuser errichtet, die auf Tafeln vor der Baustelle mit dem Slogan ,Urbanes Wohnen am Land‘ beworben werden. Jede Wohnung hat ihren eigenen Carport.“

Bei der Lektüre des neuen Romans von Xaver Bayer stellt sich sehr bald der erste von vielen „Ja, eh“-Momenten ein, wenn sich der Erzähler in einem Mix aus sattsam bekanntem Kulturpessimismus, Weltekel und Untergangsstimmung suhlt. Wir lesen weiter: „Auf halbem Weg in die Stadt wurden vor kurzem neben einer gigantomanischen Shoppingmall auch zwei riesige Logistikzentren von Lieferdiensten eröffnet. Die Gebäude sind so groß, dass man sie schon aus viele Kilometern Entfernung sieht.“

Auch von Drohnen ist auf knapp 200 Seiten viel zu lesen. Oder von Menschen, die nur noch zombieha auf ihre Smartphones starren und deshalb keine Bücher mehr in die Hand nehmen. Daran leiden die beiden Hauptfiguren des Romans sehr. Veit

ist Schri steller, sieht in seinem Tun jedoch keinen Sinn mehr und hat offenbar schon länger nichts mehr publiziert.

Dora ist an sich literarische Übersetzerin, arbeitet zwecks Gelderwerb aber auch als Dolmetscherin auf Konferenzen. Aus diesem Grund muss sie sich ab und zu in ein Flugzeug setzen, was für sie jedes Mal ein schlimmes Erlebnis ist und zu neuen kulturpessimistischen Betrachtungen führt. Die beiden sind ein Paar, das eine Art Trennung auf Zeit lebt. Veit verbringt ein Jahr auf dem Land, Dora bleibt in Wien. Besuche oder auch nur Anrufe sind verboten, erlaubt ausschließlich Briefe oder Postkarten. Und so berichten sie einander brieflich, was ihnen so passiert oder eher durch den Kopf geht. Von Handlung kann in „Hauch“ nämlich nicht die Rede sein.

Veit sitzt im Bauernhaus, schaut aus dem Fenster, stellt Beobachtungen über den Wind an, der sich im Herbst zum Sturm auswächst, und wälzt allerlei trübsinnige Gedanken. Wenn er es gar nicht mehr aushält, setzt er sich in einen Regionalzug und geht irgendwo in ein Wirtshaus auf ein, zwei Bier. Letzteres kann der Rezensent gut nachvollziehen.

Jetzt im Ernst: Xaver Bayer zählt zu den eigensinnigsten Autoren, die die österreichische Literatur in den letzten 25 Jahren hervorgebracht hat. Er ist ein Flaneur und Sprachkünstler vor dem Herrn, und an Pas-

Wanderer, kommst du nach Memersdorf

sagen poetischer Prosa fehlt es auch in seinem neuen Buch keineswegs.

Leider kommt man bei der Lektüre nur nicht dazu, sie gebührend zu würdigen. Dem stehen zwei Probleme im Weg. Obwohl immer wieder der Sturm tobt, leidet „Hauch“ an akuter Leblosigkeit. Es tut sich nichts, und die beiden Protagonisten erleben auch praktisch nichts.

Die zahlreichen Betrachtungen über Bodenversiegelung und Kreisverkehre, Vereinzelung durch Social Media und die generell statthabende Verrohung der Menschen aber, die Bayer Veit und Dora in den Mund legt, sind nicht originell genug, um selbst einen eher schlanken Roman zu tragen.

Noch ein Beispiel gefällig? Veit erträgt die Natur nur mehr in abgelegenen Waldstücken. Alles andere macht ihn fertig: „In den stadtnahen Grüngebieten ist man heutzutage als stiller Fußgänger in der Minderheit. Mountain-Biker brettern über die Wege, Jogger hasten vorbei, dazu kommen Gruppen von Grillenden, zwischen den Bäumen sind Hängematten gespannt oder Zelte aufgestellt, aus Lautsprechern dröhnt Musik durch den Wald.“

Viel altvatrischer geht es nicht. Nach der letzten Seite schlägt man das Buch zu und möchte das Fenster aufreißen, um den Lärm der Welt hereinzulassen.

SEBASTIAN FASTHUBER

Der neue Roman von Thomas Raab liest sich, als hä e man die Figuren Thomas Bernhards in Ka as Schloss ausgesetzt

I rgendwo im Tal der Thaya treffen drei Straßen aufeinander, die Wegweiser zeigen nach Wien, Raab und Memersdorf. Der Icherzähler, ein Mann in seinen besten Jahren, hält an: Nach Wien will er nicht, denn da kommt er her. Gegen Raab spricht, dass seine Familie von dort stammt. Also nach Memersdorf. Viel mehr als die Pandemie, die gerade abklingt, belastet ihn seine Schlaflosigkeit, gegen die er Antidepressiva nimmt. Dabei werden ihm die eigenen Erinnerungen fremd, lösen sich aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen. Klingt ein Ort namens Memersdorf in so einer Lage nicht wie ein Versprechen, die verlorene Ordnung wiederherzustellen? Erst recht, wenn dieser tief in einem Funkloch liegt?

Memersdorf wird von einem eindrucksvollen Schloss überragt, der einzigen Übernachtungsmöglichkeit für den Touristen. Der Reisende ist dort dann auch noch der alleinige Gast, die Verwalterin und der Hausdiener sind nur für ihn da, was eher ein diffuses Unbehagen auslöst als dass es zum Wohlbefinden beiträgt. Um sich etwas zu essen zu kaufen, steigt er hinab ins Dorf, wird im Laden mit einer alten Frau bekanntgemacht. Zita kennt alle hier unten im Dorf und oben im Schloss, aber auch den „Herren Touristen“, obwohl der sich an keine Begegnung mit ihr erinnern kann.

Man könnte meinen, die Figuren aus Thomas Bernhards frühen Romanen hätten sich in den Kulissen Franz Ka as eingerichtet. Bei seiner Rückkehr beobachtet der Protagonist, wie der Hausdiener das Schlossgemäuer traktiert, sich mit einem Bohrer ins Innere vorarbeitet. Als wäre das abgesprochen, geht er ihm zur Hand, und nach einiger Zeit fördern die beiden eine Kassette zutage. Darin befindet sich ein Stapel Papiere, den der Erzähler in einem unbemerkten Moment an sich bringt, um in Ruhe darin zu lesen. Damit niemand seinen Diebstahl bemerkt, verfasst er ein ähnlich dickes Manuskript und deponiert es in der Kassette.

An dieser Stelle beginnt sich das Rätsel um die beiden Textebenen zu lösen, die einander den ganzen Roman über abwechseln und durch verschiedene Schri typen unterschieden sind. In die Erzählung von Memersdorf eingewoben sind Kindheitserinnerungen, Traumsequenzen, verdrängte Ängste, verstörende Bilder, erotische Szenen, theoretische Abschweifungen.

Glaubt man anfangs, die Aufzeichnungen des Protagonisten zu lesen, gerät diese Sicherheit nach und nach ins Wanken: Sind es nicht doch die Papiere, die ursprünglich in der Kassette au ewahrt worden waren? Zwei Autorscha en beginnen sich zu vermischen, und schließlich gesteht der Erzähler selbst, dass er das eine Manuskript nicht vom anderen unterscheiden kann.

Da hat sich die postulierte Realität der Schlossgeschichte jedoch bereits auf die Fantasien und Träume des Manuskripts (der Manuskripte?) zubewegt: Kann es wirklich sein, dass in der Schlossmauer eine Kassette versteckt ist? Dass die Verwalterin hinter ihrem Schreibtisch ungeniert masturbiert? Und verfügt die alte Frau im Laden gar über übersinnliche Fähigkeiten, mit denen sie sich über die Koordinaten von Raum und Zeit hinwegsetzen kann?

Thomas Raab bedient sich aller möglichen literarischen Register – von der Gothic Novel über das realistische Erzählen bis zum Traumprotokoll –, um die Gewissheit ins Wanken zu bringen, mit der wir über die Wirklichkeit sprechen. Der Ansatz ist zwar nicht neu, wird hier aber in atemberaubender Konsequenz durchgespielt.

Von den magischen Traumweltbildern geht es zur präzisen Wahrnehmung der Welt, deren Partikel dann wieder herabsinken in Erinnerungsfetzen und Träume. Die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Sphären sind fließend, und so entsteht eine fiktive Welt, die vielleicht nur auf Assoziationen gegründet ist und dabei eine Ahnung davon vermittelt, als wie fragil und unzuverlässig sich am Ende jene Konstruktion erweist, die wir Wirklichkeit nennen – und der wir zu Unrecht blind vertrauen.

TOBIAS HEYL

Xaver Bayer: Hauch. Roman. Jung und Jung, 224 S., € 24,–
Thomas Raab: Jedermanns Dämon. Roman. Czernin, 324 S., € 25,–

Die Mutter, ihr Bub, die Lehrerin und das Kaninchen

In ihren Roman „Sie wollen uns erzählen“ hat Birgit Birnbacher viel Handlung und wunderbar ironische Passagen gepackt

Geografisch lässt sich das „Innergebirg“ im Salzburger Hinterland klar verorten. Literarisch handelt es sich um einen abgeschlossenen Raum zwischen den Bergen, der Provinz nicht nur symbolisiert, sondern Provinz ist. Von dort stammt Birgit Birnbacher, und dort spielen auch ihre Bücher, die vom Weggehen, vom Zurückkommen oder auch von den Dagebliebenen handeln. Das gilt auch für ihren neuen Roman „Sie wollen uns erzählen“. Autobiografische Züge trägt auch eine Protagonistin, die junge Mutter Ann, die wie Birnbacher eine Optikerlehre und ein Studium der Soziologie hinter sich hat.

Der soziologische Blick auf gesellscha liche Phänomene kennzeichnet auch Birnbachers Literatur, gepaart mit liebevollem Sarkasmus und einem Hang zum Ungeschönten, Unspießigen, Unsentimentalen. „Sie wollen uns erzählen“ liefert dafür ein weiteres Beispiel – jedenfalls in der brillanten ersten Häl e des Romans. Die zweite ist etwas zu handlungsintensiv geraten und verliert dadurch an Qualität. Ständig muss sich was ereignen, als ob die Autorin Angst hätte, andernfalls zu langweilen – eine Gefahr, die gar nicht besteht. Handlung kann dort zu einem literarischen Problem werden, wo sie, wie in diesem Fall, von der Verschrobenheit der Gedankenspiele und Geschichtenerfindungen ablenkt.

Dabei geschieht gleich zu Beginn schon sehr viel: Da gerät eine Häsin oder vielmehr ein Kaninchen unter den Rasenmäher des Hausmeisters der Grundschule, weswegen der neunjährige Oz (eigentlich Oswald Haag) sich schuldig fühlt, weil er das Schulhasengehege nicht richtig geschlossen hat. Aus Mitleid mit dem schreienden, blutenden Tier überwindet er sich und erschlägt es mit einem Stein, weil sich der zunächst benutzte Stock dafür als ungeeignet erweist.

Die Lehrerin, die die Szene vom Fenster aus beobachtet, ist geschockt über die Rohheit der Tat und schreibt darau in einen Brief an Oswalds Mutter Ann. Das kommt am letzten Schultag vor den großen Ferien nicht gut, weil der zu erwartende Ärger die ganze Sommerplanung über den Haufen zu werfen droht.

Oz laboriert an einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, er denk über alles nach, bloß nicht über das Naheliegende. Ann ist Postdoc-Soziologin, die über die Akzeptanz von Pflegerobotern forscht, sich aber selbst einem Impulskontrolltraining unterzieht, weil sie zu keiner „Schreimutter“ werden will (zu der sie schon geworden ist). Weil sie aus dem Innergebirg stammt, wo es keine unschuldigen Kinder gibt, sondern nur den Katholizismus und die Erbsünde, möchte sie bei ihrem Kind alles anders machen.

Birgit Birnbacher: Sie wollen uns erzählen. Roman. Zsolnay, 220 S., € 24,70

Anns Besuch bei der „Bildungsberaterin“, die die „Beschulbarkeit“ des Kindes untersucht, geht gründlich schief, demonstriert aber zugleich, zu welcher Form Birnbacher auflaufen kann, wenn sie ihrer feinen Ironie freien Lauf lässt. Ganz wunderbar auch die Szene, in der Mutter und Sohn „Bärenbegegnungen“ imaginieren und vom Spielen ins Reden und vom Reden ins Erzählen geraten.

Dann aber verschwindet die Großmutter aus dem Krankenhaus und alles gerät durcheinander. Es folgen zahlreiche Auto- und eine Zugfahrt, ein he iges Unwetter, ein Besuch beim etwas zu behaarten „Leipziger“ – viel Stoff für ein Buch, das sich ruckzuck und vergnüglich wegliest, in seiner anschwellenden Roadmovieha igkeit jedoch hinter das soziologische Niveau des Anfangs zurückfällt. Österreich aber, so viel wird klar, muss ein sehr schönes Land sein. Der neunjährige Oz nimmt es zum ersten Mal während einer Autofahrt wahr. Vielleicht ist das der Moment, in dem er erwachsen wird und auf den alles hinausläu . Da staunt er plötzlich über „die Schönheit der Felder. Der Himmel ist auf einmal so hoch! Seit er auf der Welt ist, lebt er ja schon in diesem Land, aber so schön war es noch nie.“ Da kann man nur neidisch werden.

JÖRG MAGENAU

Die verlorene Unschuld der Apfelbäume

Die Geschichte einer Zwangsarbeiterin, die Svenja Leiber in „Nelka“ erzählt, beruht auf dem realen Schicksal von Millionen

Über alles wächst irgendwann irgendwas, Haut, Gras, Narben, Rinde“, denkt der alt gewordene Marten Wilhelmsen, um sich zu beruhigen. Den norddeutschen Apfelplantagenbesitzer hat ein Brief erreicht, der ihn wie „etwas sehr Dumpfes und Dunkles überkommt“. Er enthält keine Drohungen oder Forderungen wie die Briefe, die seit einigen Jahren auch bei anderen Bewohnern der Gegend eintreffen, sondern die Ankündigung eines Besuchs. „Nicht dass er nie mehr an sie gedacht hätte, aber wenn, dann in dem Versuch, eben nicht an sie zu denken. Über Jahre war ihm das auch gelungen.“

Diese Szene bildet den Au akt zu Svenja Leibers neuem, sechstem Roman „Nelka“. Er erzählt eine fiktive Geschichte, ist jedoch inspiriert vom realen Brief einer ehemaligen ukrainischen Zwangsarbeiterin, die als Mädchen in das schleswig-holsteinische Herkun sdorf der Autorin verschleppt worden war – wie diese im Nachwort schreibt.

Es ist ein Schicksal, das rund 20 Millionen Menschen vor allem aus der Ukraine und Polen ereilte, die während des Zweiten Weltkriegs in Nazi-Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten. Auch Leibers Titelheldin, die 16-jährige Nelka, wird im Sommer 1941 aus ihrem Lemberger Leben gerissen, in einen Zug gepfercht und steht bald darauf in einer langen Reihe, an

der Bauern, Grundbesitzer, Verwalter und Fabrikanten entlangschreiten, die „Gebisse und Hände“ der Verschleppten taxieren und sich Arbeitssklavinnen auswählen.

Nelka und einige Leidensgenossinnen landen auf dem von Marten verwalteten Gut. Er holt sie – ein fürchterliches Privileg – von der Feldarbeit ins Haus und beutet sie über Jahre in mehrfacher Hinsicht aus. Zum einen stellt Nelkas Wissen über den Obstbau, das sie von ihrem ermordeten Vater hat, die Voraussetzung für Martens Nachkriegswohlstand dar; zum anderen wird ihr Körper zur Kampfzone: Der deutsche Herrenmensch begehrt ihn und fürchtet zugleich, sich zu besudeln. Es ist ein Teufelstanz zwischen All- und Ohnmacht, der in seiner schwelenden, allgegenwärtigen Bedrohung für die Protagonistin von der Autorin grandios inszeniert wird.

Leiber erzählt in Rückblicken, die Marten und Nelka umtreiben, während sie einander in der Rahmenhandlung des Romans nach Jahrzehnten für einen Abend wiederbegegnen. Das Erlittene hat Nelka, inzwischen Großmutter und in ihren Sechzigern, „für immer erschöp “. Nun soll Marten an das erinnert werden, was sie endlich abschütteln möchte.

Das Wiedersehen mit ihrem ehemaligen Peiniger ist weniger Abrechnung als wortkarges Kammerspiel. Die eigentliche Handlung vollzieht sich in den Köpfen der

#Desiringmotherhood

beiden, die nach dem gemeinsamen Abendessen schlaflos in ihren Betten liegen. Ihr Leben zieht in Gedanken an Nelka vorüber, während Marten seine Aufgewühltheit hinter der typischen Selbstrechtfertigungsrhetorik eines nie bestra en NS-Täters und Profiteurs zu verbergen trachtet.

In ruhigen, knappen Sätzen, die die vielen Zwischentöne umso klarer klingen lassen, erzählt Svenja Leiber in „Nelka“ ihre tieftraurige Geschichte einer stillen, widerständigen Überlebenden. Zugleich spiegelt sich in dieser das gesamte historische Unrecht von Zwangsverschleppung, Gewalt, Missbrauch und Abhängigkeit, die ihre Spuren nicht nur in Körpern, Frauenkörpern zumal, hinterlassen haben, sondern ebenso in der Landscha , die bis in die Gegenwart sichtbar von den Händen der Versklavten mitgestaltet wurde. In „Nelka“ sind es die Obstbäume, die, vor Jahrzehnten gesetzt, immer noch für die Sichtbarkeit der Vergangenheit sorgen. Auch Nelka selbst erinnert sich an das, was ihr ihr Vater einst über das Aufziehen junger Apfelbäumen beigebracht hat: „Es sei wie bei den Menschen, man müsse sie lehren, so zu wachsen, dass ihnen größere Last leichter werde.“ In manchen Momenten ist dieser Gedanke der jungen Zwangsarbeiterin eine Stütze.

JULIA KOSPACH

In „Anti Müller“ erzählt Yade Yasemin Önder von Kinderwunsch und Beziehungsmanagement in einer postromantischen Welt

Als im Frühjahr 2022 Yade Yasemin Önders Debütroman „Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron“ erschien, galt das Buch schnell als eines, auf das sich alle einigen konnten, die meinten, wirklich etwas von Literatur zu verstehen. Dementsprechend hoch waren die Erwartungen an den nächsten Roman der 1985 in Wiesbaden geborenen Autorin. Und es hat den Anschein, als habe Önder die o widerlegte These vom „schwierigen zweiten Werk“ beim Schreiben des neuen Romans im Kopf gehabt: „Anti Müller“ handelt von einer Schri stellerin, die gerade an ihrem Debüt arbeitet, dieses nach Schreibkrisen und manischen Kreativräuschen veröffentlicht, um dann an der Ignoranz des Feuilletons zu verzweifeln.

Ginge es tatsächlich bloß um den Literaturbetrieb, wäre „Anti Müller“ ein Buch für Insider. Die wütenden, zuweilen auch lustigen Selbstgespräche haben jedoch auch eine existenzielle Ursache. Die Protagonistin ist 36 Jahre alt und möchte partout schwanger werden. Ein Arzt hat der in Berlin lebenden Icherzählerin diagnostiziert, dass einer ihrer beiden Eileiter „verknotet“, die Fruchtbarkeit dementsprechend herabgesetzt sei. Das Ticken der inneren Uhr, das sie seitdem vernimmt, wird im rasenden Parlando auch für die Leser und Leserinnen spürbar.

Die Beziehung mit einem Schri stellerkollegen ist gerade gescheitert, als ein scheinbar zartfühlender Dramatiker namens Andi Müller um die Ecke biegt. Von dem immer drängenderen Kinderwunsch will er freilich nichts wissen, ja, er möchte sich nicht einmal auf eine fixe Beziehung festlegen. Es entwickelt sich ein Drama, bei dem etwas unklar bleibt, was schrecklicher ist: die fadenscheinigen Ausflüchte des Mannes oder die Obsession einer Frau, die sich in ihrer Verzweiflung nicht einmal von der grotesken Welt einer „Fertility“-Klinik abschrecken lässt.

Der Romantitel ist so bitter wie komisch, verweist „Anti Müller“ nicht nur auf den fragwürdigen Liebhaber mit dem Allerweltsnamen, sondern auch auf das tatsächlich so genannte „Anti-Müller-Hormon“, das einen wichtigen Biomarker für die so genannte „ovarielle Reserve“ darstellt.

Auf dem Buchmarkt sind in den vergangenen Jahren nicht wenige Abgesänge aufs Mutterdasein erschienen. Önder nun schildert die düstere Kehrseite eines Gesellscha sentwurfs, der – nicht zuletzt mit feministischen Argumenten – das Ende der Reproduktion propagiert. Die vielen Typen im Kulturbetrieb, die in ihren Werken das Patriarchat geißeln, im Alltag aber doch nur ihren männlichen Egoismus ausleben, überzieht die einsame Heldin mit wüsten Tiraden.

Doch die Autorin beherrscht auch die leiseren Töne. Allein wegen der sommerlichen Badeszenen in Brandenburg lohnt sich die Lektüre. Der Sex wird mal als zart, mal als ruppig beschrieben. Nur das finale (Baby-) Glück findet die Erzählerin nicht. Die Autorin lässt sie nach romantischen Gefühle in einer postromantischen Welt jagen –wobei trotz der dominanten Icherzählung keineswegs feststeht, wer hier wen verfolgt. „Anti Müller“ handelt von einem Abgrund, aber auch die Prosa droht zuweilen abzustürzen. Die rhythmischen Gerundivreihen und Listen von lausigen Lovern kennt man schon aus Önders Debüt; sie erfüllen auch hier den Zweck der stilistischen Zuspitzung.

Die braven Blurbs und betriebskonformen Danksagungen im Abspann wirken indes seltsam deplatziert. „Anti Müller“ hat Phrasen der Verlagsankündigung wie „schonungslose Analyse verkrusteter Strukturen“ nicht verdient. Der Roman hat es auch nicht nötig, vorab als „feministischer Klassiker“ gefeiert zu werden, denn Yade Yasemin Önder zerfetzt solche Etiketten in Nebensätzen. „Anti Müller“ ist weder wohlmeinende Erbauungsliteratur noch literarisches Empowerment. Dieser Roman ist vor allem: die konsequente Fortsetzung eines Erzählens ohne Geländer.

CARSTEN OTTE

Svenja Leiber. Nelka. Roman. Suhrkamp, 206 S., € 24,70
Yade Yasemin Önder: Anti Müller. Roman. Ullstein, 240 S., € 23,70

Viel Herzeleid für Herzchen

Nomen est omen: Dana von Suffrins „Toxibaby“ dreht sich um den amourösen Pallawatsch der Gegenwart

Unlängst hat die Rezensentin einen Liebesroman des Jahres 1933 gelesen, „Kati auf der Brücke“ von Hilde Spiel, und fühlt sich nun durch „Toxibaby“ lebha daran erinnert. Toxi ist schön, klug, eitel und unzuverlässig wie Katis Freund Piet, wie dieser knapp bei Kasse und doch versnobt; trägt Piet einen „wundervollen Sportanzug“, muss es bei Toxi Gucci sein.

Beide Liebesgeschichten sind für den weiblichen Part das, was man heute toxisch nennt, ungesund bis zum Lebensüberdruss; nur ist der Fotoreporter Piet ein leichtlebiger Schwerenöter, während der geistige Gelegenheitsarbeiter Toxi zwar damit angibt, „mit Frauen aus 18 Ländern geschlafen zu haben“, darob aber gar nicht glücklich wird: „alles, was dieser Mann tut, ist aus Schmerzen geboren, er liebt mich, weil er leidet, er hasst mich, weil er leidet“.

Kati und Herzchen schlagen sich nicht nur mit ihren egozentrischen Liebhabern und deren anfallsartigem Hang zu brutaler Ehrlichkeit herum, sie haben (oder hatten) auch schwache, leidende Väter, die früh sterben, unmütterliche Mütter und tröstende Hunde. Es geht ums Erwachsenwerden und um die wahre, ernstha e Liebe als ein Zeichen dafür. Allerdings ist Kati – fast – 17 und Herzchen 37, ihr On-off-Lover gar über 40. Für die eine bedeutet der Eintritt ins wirkliche Leben Gefahr und Verlockung, für die andere Anpassung und Abstumpfung: „Man war erwachsen, wenn man sich nicht mehr dagegen wehrte, morgens viel zu früh aufzustehen, um sich an den Computer zu setzen und Tabellen auszufüllen.“

Ihrer Erzählerin hat Dana von Suffrin denn denn auch einen Beruf zugeteilt, der sie diesbezüglich entlastet – sie ist Schri stellerin. Auch sonst gibt es einiges, was sie mit der Autorin gemein hat, etwa den frühen Bucherfolg und die jüdische Herkun sfamilie. Das Roman-Ich muss mit den Anfeindungen umgehen, denen eine deutsche Jüdin heute in der propalästinensischen Kulturarbeiterschicht ausgesetzt ist, wogegen es den Erfolg seines Debütromans „Omama’s Madhouse“ dem schlechten Gewissen des deutschen Publikums zuschreibt. Darin wird in Auschwitz „der größte Teil meiner Familie zu Asche“, „deren Partikelchen vielleicht noch tagelang über die polnische Provinz wehten, sich in den Haaren spielender Kinder verfingen, polnische Apfel- und Birnenbäume nährten und sich für die Ewigkeit auf den glänzenden Schalen, aus denen mein Gehirn zu bestehen schien, absetzten“. Derlei lustig zu finden fällt schwer,

so witzig die Ansichten des Münchner Bobo-Milieus und die selbstironische Beleuchtung des Autorinnendaseins „als lebendiges Mahnmal“ sonst auch geraten sind.

Das Kernthema des Romans verlangt der Leserin indes ein gewisses Durchhaltevermögen ab: Dieser arrogante, rabiat-depressive, vielerlei toxischen Substanzen zugeneigte Toxi ist tatsächlich enervierend, und 13 Trennungen in drei Jahren auf 237 Buchseiten sind, selbst in komprimierter Form, ein bisschen viel.

Zwischen Kybernetik und Konformität

„Das glückliche Schicksal“ von Ma hias Nawrat führt ins Polen der Nachkriegszeit und der 1980er-Jahre

Unklar, was die junge Krakauer Soziologin Wanda nach Venedig geführt hat. Wir schreiben das Jahr 1983, in Polen herrscht Kriegsrecht und eine Reise in den Westen ist keine Selbstverständlichkeit. In Venedig wartet am Flughafen ein alter Mann mit dunkler Brille. Seinen Namen hat er zur Sicherheit auf ein Schild geschrieben: Mrugalski.

13 Trennungen in drei Jahren auf 237 Buchseiten sind, selbst in komprimierter Form, ein bisschen viel

„Wie sollte ein halbautobiografischer Roman, in dem nichts passiert und der nur von Psychopathen handelt, kein Schrott sein?“, fragt Herzchen kokett. Immerhin trägt einen Suffrins parataktisches Parlando im Sound der Neuen Sachlichkeit über manche Untiefe des Beziehungsgetümpels hinweg.

Sehr bald erkennt man wie die Erzählerin, dass dieser Mann, der seinen Marxismus nicht als Antrieb zum Handeln, sondern als Ausrede für Totalverweigerung benutzt, kein Versprechen für die Zukun bedeutet.

Dass sie und Toxi an sonst nichts, aber dafür „an Freud“ glauben, nützt ihnen wenig. Doch an Selbstmord denkt diese Liebesversehrte nicht. Letztlich, und das spricht gewiss für das Buch, ist keineswegs ausgemacht, wer von den beiden das „Toxibaby“ ist: Herzchen zeigt sich ähnlich überspannt, impulsiv, tyrannisch, bindungsphobisch – der letzte entscheidende Stolperstein auf dem Weg in die nachhaltige Zweisamkeit geht auf ihr Konto.

Was will Wanda von dem Landsmann, der sich als Kybernetiker einen Namen gemacht hat, nun aber zurückgezogen in Italien lebt und von der Welt nichts mehr hören möchte? Krystyna, Mrugalskis Frau, behandelt den polnischen Gast, als wäre es die eigene Tochter. Mrugalski selbst aber erweist sich als störrischer Gesprächspartner. Über Wissenscha mag er nicht reden und über sein Privatleben noch viel weniger. Nur zögerlich taut Mrugalski auf, dann aber treten unterm Eis Geheimnisse zutage, die in das Krakau der frühen Nachkriegszeit zurückreichen.

Matthias Nawrats Roman „Das glückliche Schicksal“ wirkt konstruiert, aber manche Romane verdienen das Prädikat „gut konstruiert“. Die Handlung springt zwischen Venedig und Krakau in den frühen 1980ern hin und her; sie taucht zwischendurch in eine tiefere Vergangenheit ein, die Welt sowjetischer Straflager und des von der Roten Armee besetzten Krakau. Und sie wir ungelöste Fragen auf, die in der Gegenwart verhandelt werden müssten, aber nicht verhandelt werden können, weil es politische Unfreiheit und persönliche Traumata nicht zulassen.

Zunächst geht es in Nawrats Roman um ein Gespräch unter Wissenscha lern. Wanda interessiert sich vor allem für sozialpsychologische Versuche, namentlich das von Solomon Asch (im Roman: „Ash“) durchgeführte „Konformitätsexperiment“, in dem nachgewiesen wird, dass Menschen unter Gruppendruck ihre Ansichten anpassen.

Mrugalski hat in seinen englischen und amerikanischen Jahren die neue Disziplin der Kybernetik maßgeblich beeinflusst und in seinem Buch „Aztec Pyramid“ gar eine Gesellscha stheorie entworfen. Aber eigentlich will Mrugalski über all das nicht mehr reden, lieber gibt er apodiktische Urteile zum Besten: „Marxismus, sagte er. Hegelianismus, Kantianismus. Was sind das alles für leere Begriffe. Nur die Statistik zählt.“ Es sind nicht die ergiebigsten Stellen des Romans, wenn auf diese Weise Wissenscha skommunikation fingiert wird. Unweigerlich fragt man sich, wie Mrugalskis Plattitüden und dessen wissenscha licher Ruhm zusammengehen.

Vielleicht ist es also gut, dass der Roman nicht zu lange im Feld der Wissenscha verweilt und sich lieber an der landläufigen Wirklichkeit orientiert. Aber auch die historischen Tatsachen der Krakauer Jahre nach 1945 beziehungsweise von 1982/83 oder die in den sowjetischen Lagern sind schwer zu greifen. Nawrat wählt nicht den Weg des Dokumentarismus und auch nicht den der entfesselten Einbildungskra , sondern den des quellennahen Re-Enactments.

Das gelingt in den polnischen Kapiteln besser als in jenem im sowjetischen Lager. Dank der Bücher von Warlam Schalamow und Alexander Solschenizyn, die Nawrat als Quellen anführt, sind unsere Vorstellungen vom Gulag literarisch derart präfiguriert, dass uns jeder Beschreibungsrealismus nur wie das nächste Stück Lagerliteratur vorkommt. Der Autor ist sich dieses Problems bewusst und er findet Lösungen, die nicht unanfechtbar, aber immerhin transparent sind.

Die Theorie der sozialen Konformität, die den alten Mrugalski und die junge Wanda Karłowska beschä igt, wir ein Licht, mit dem die Krakauer Nachkriegssituation nach und nach ausgeleuchtet wird.

Sind sich der junge Mrugalski und Wandas Vater Tadeusz seinerzeit womöglich begegnet – der eine als Täter, der andere als Opfer, der eine ein (kurzfristig) idealistischer Kommunist, der andere ein polnisch-katholischer Patriot? Und ist diese Frage das wahre Motiv für Wandas Venedig-Reise? Ein Motiv freilich, das sie allenfalls erahnen kann?

Am Ende des Romans, im Krakau des Jahres 1984, sehen wir Wanda bei der illegalen Arbeit im „Sekretariat der Regionalverwaltung der Solidarność“. Das Kriegsrecht ist suspendiert, aber die Unterdrückung dauert an. Ist die Ausreise, jetzt für immer, eine Option? Und wenn ja, dann mit Marian, dem Freund, der schon länger zum Au ruch drängt? „Also gut, dann fahren wir, sagt sie“, und man wüsste wirklich gerne, wohin Wanda Karłowskas Reise im Leben und in der Wissenscha noch geführt hat.

Dana von Suffrin: Toxibaby. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 237 S., € 23,70
Ma hias Nawrat: Das glückliche Schicksal. Roman. Rowohlt, 272 S., € 24,70

Ein schwankendes Schi hält Kurs

Thomas Lang hat die bewegte Vita von Herman Melville zur Grundlage eines virtuos erzählten Romans gemacht

Der Deutsche Thomas Lang, Jahrgang 1967 und Bachmann-Preisträger von 2005, ist mittlerweile bei seinem achten Roman angelangt. Mit „Immer nach Hause“ (2016), einer biografischen Skizze über Hermann Hesse, hat er der literarischen Krise eines Schri stellers schon einmal nachgespürt. Mit seinem jüngsten Werk legt er es ehrgeiziger und komplexer an. Das wechselvolle und konfliktreiche Leben des „dunklen Romantikers“ Herman Melville (1819–1891) verknüp er darin so eng mit Motiven aus dessen Werken, dass der Autor darin walgleich aufund abtaucht.

Lang bedient sich dabei eines Erzählers, der unzuverlässiger nicht sein könnte. „Don’t call me names“, spielt er auf den ersten Satz von „Moby Dick“ an, nennt sich allerdings nicht Ishmael, sondern Meander und scheint sich nicht nur vor Beschimpfungen zu fürchten: Wenn’s schlimm wird, wir er ein Mittel gegen Angststörungen ein. Und durch das Schwanken des Textes droht auch der Leser seekrank zu werden wie auf einem Trawler mit Schlagseite.

Eigentlich ist der nicht mehr ganz junge Mann angetreten, nach dem Tod seiner Mutter das Elternhaus zu räumen. Immer tiefer verstrickt er sich dabei in die Erinnerung an eigene Lebenskrisen, an den Tod seiner Tochter und das damit verbundene Scheitern der Ehe.

Beim Sichten und Sortieren des häuslichen Inventars stößt er auf ein Konvolut, das ihn mehr als alles andere an den Tiefpunkt der eigenen schristellerischen Karriere erinnert: seinen unvollendeten Versuch einer Melville-Biografie.

Herman Melville selbst verschwindet immer wieder. Zunächst ist er kommerziell erfolgreich. In zwei eher der Trivialliteratur zuzurechnenden

Büchern wird die eigene seemännische Erfahrung stark überhöht, die Misserfolge der eigentlichen Hauptwerke lassen den aus einer Patrizierfamilie Stammenden abstürzen. Das führt zu Perioden trotziger Verweigerung, die folgenden Romane werden seltsamer, die Umgangsformen des Autors schroffer.

Von ähnlichem Schicksal bedroht sieht sich der mäandernde Erzähler, der vorgibt, sein Manuskript zerstören zu wollen. Wobei Lang in seinem Roman gleich drei Ebenen miteinander verschränkt: Die Lebenskrisen Melvilles, der die letzten Jahren, wie sein „Bartleby“, bei angegriffener Gesundheit im subalternen Beruf eines Schreibers verbrachte, spiegeln sich in den psychotischen Problemen des Erzählers. Zusätzlich dazu werden Passagen eingeschoben, die auf weniger bekannte Werke des Schri stellers hinweisen und dessen Interesse für Kolonialgeschichte und abolutionistisches Engagement zeigen.

Auch wenn das narrative Schiff unter dem Ballast weiterer Elemente – etwa der Erfolgsgeschichte eines deutschen Zauberers in Amerika oder Anspielungen auf die historische Figur des „Elefantenmenschen“ – stark zu schlingern beginnt, ist „Melville verschwindet“ eine überzeugende Demonstration erzählerischer Virtuosität.

THOMAS LEITNER

Thomas Lang: Melville verschwindet. Roman.

Berlin Verlag, 448 S., € 25,70

VORDER

Weg des Fleisches und des Gesteins

„Das Jahr des Kalks“ von Laura Vogt führt vor, wie feinstoffliche Verbindungen bei der Trauerarbeit helfen

Vielleicht fängt alles mit dem Ficus an, der allmählich seine Blätter fallen lässt. Eine Schristellerin sitzt an ihrem Schreibtisch und beobachtet den Blattverlust des Baums. Könnte „Calcium Plus“ helfen, ein Flüssigdünger, oder „Calcium Kick“, ein Granulat? Die Betrachtung der Zimmerpflanze vermischt sich mit einer ganz anderen Unruhe, denn draußen, nicht allzu weit entfernt, stirbt ein Familienmitglied: Der schwer kranke Onkel Per wird ins Kantonsspital verlegt, und die Icherzählerin hofft, ihn noch einmal besuchen zu können.

Per war nicht nur ein geliebter Onkel, sondern auch ein Ersatz für den richtigen Vater namens Klas, der aus ihrem Leben verschwunden war. Per und Klas, die einsilbigen Brüder, haben das Mädchen auf denkbar unterschiedliche Weise geprägt. Per nimmt sie mit zum Wandern in den Bergen, Klas folgt einer Erleuchtung, die ihn dazu bringt, jeden Kontakt radikal zu verweigern. Der Onkel ist schon gestorben, als seine Nichte im Krankenhaus ankommt: An seinem Totenbett hält sie all die Mikromomente der Schockstarre und Ratlosigkeit fest, die die anwesenden Verwandten miteinander verbinden.

Auf Pers Tod folgt ein Ablösungsprozess, der schon viel früher begonnen hatte. Jahrelang war die Protagonistin an den Bruchkanten eines Verlusts entlanggewandert, dem sie jetzt eine so ungewöhnliche wie bildstarke Trauerarbeit folgen lässt: Sie beschäftigt sich mit Steinen, genauer gesagt, mit Kalk. Vom Kalzium in unseren Knochen bis zu den Geröllfeldern aus Kalkstein, zurück zur Entstehung der Alpen und zum Tethysmeer.

„Da ist eine Landscha , ein Riff. Korallen in allen möglichen Formen und Farben, verzweigt, verästelt“ – so stellt sie sich das einmal vor. Übrig

bleiben Sedimente, die wiederum in die Familiengeschichte zurückführen, zu den Großeltern und darüber hinaus zur Frage, was uns alle eigentlich ausmacht. Alina – der Name fällt erst spät, in einer Email an ein Mineraliengeschä –, Alina also belegt den Workshop „Fossilien selber präparieren!“ und interessiert sich zunehmend für die verschiedenen Verarbeitungsstufen des Kalks, vom Brennen bis zum Löschen.

Etwas Karges und Lakonisches, gleichzeitig auch Feinfühliges und Freundliches zeichnet die Sprache dieses Romans aus, in dem die Gesteinsschichten, Relikte und das Wandern durchs Gebirge eben keine bloßen Metaphern sind. Alina will den „Vaterbrocken“ loswerden, und sie weiß, dass nicht nur der Kopf, sondern auch Hände und Füße beteiligt sind, oder vielmehr der ganze Körper, bis in die kleinsten chemischen Verbindungen. Laura Vogt, 1989 in der Ostschweiz geboren, hat bereits Romane veröffentlicht, die von Verlassenen und Verschwundenen handeln, kurz, von Familie in ihren verschiedenen Formationen. Alina kommt bis nach Calcara, ein Dorf, in dem Kalk noch auf traditionelle Weise im Kalkofen gebrannt wird – und auf dieser Spur der Steine entsteht tatsächlich etwas Neues. Eine metamorphotische Materialkunde, die lange nachwirkt.

JUTTA PERSON

Laura Vogt: Das Jahr des Kalks. Roman.

Dörlemann, 192 S., € 22,70

SPRECHENDE FASSADEN

Bauer | Schwarz Vom imperialen Glanz der Inneren Stadt über die gründerzeitlichen Zinshäuser bis zu den funktionalen Wohnbauten und charmanten Villen der Vororte. 248 Seiten, € 24,90

Europa, das makabre Sanatorium

„Oroppa“ von Safae el Khannoussi zeigt einen Kontinent zwischen behüteter Borniertheit und traumatischer Entfremdung

Eigentlich will man Safae el Khannoussis „Oroppa“ nach einigen Kapiteln wieder weglegen. Zu diffus, zu wirr, zu unzusammenhängend scheint ihre Erzählung von der jüdisch-marokkanischen Künstlerin Salomé Abergel, die plötzlich verschwindet und eine Schnitzeljagd ihrer Entourage quer durch Europa und Nordafrika auslöst. Zumal diese Suche mit der wohl langweiligsten Figur des gesamten Romans beginnt, einer jungen Frau, die auf Salomés verwaiste Wohnung in Amsterdam aufpassen soll, die so viele wertvolle Kunstwerke der Verschwundenen beheimatet.

Auch verübelt man es der Autorin zunächst, dass sie ihren Charakteren so wenig Tiefe verleiht. Bis auf Salomés ehemaligen Folterer, dem sie als junge Dissidentin in Marokko ausgeliefert war und den es im Alter offenbar in dasselbe niederländische Exil verschlagen hat, bleiben alle Figuren Phantome: von Salomés Sohn Irad mit seiner Paria-Bar in Paris bis hin zu ihrer Freundin Hannah, Galeristin und Tochter von KZ-Überlebenden, die nicht begrei , wie Salomé am Höhepunkt des Ruhmes einfach von der Bildfläche verschwindet –und damit auch sie um ihre Verdienstmöglichkeiten bringt.

Bringt man etwas Geduld auf, erweisen sich diese Einwände allerdings als irrelevant. Denn in „Oroppa“ geht es nicht um Dramaturgie, Struktur oder eingehende Charakterstudien, sondern um den Ton – einen Ton, den nur jene anzuschlagen wissen, die für das Leben der Entwurzelten genug unsentimentale Empathie empfinden können, ohne schwülstig oder herablassend zu klingen; die begreifen, was es mit einem Leben macht, wenn es zum Spielball politischer Umstände wird.

Man versteht, warum El Khannoussis Figuren wie Phantome wirken. Weil sie sich selbst zu Phantomen geworden sind. Entkoppelt von einer Vergangenheit, aber dadurch auch auf seltsame Weise frei in ihrer Gegenwart – weil es absolut nichts mehr in

Die Figuren des Romans sind sich selbst zu Phantomen geworden, weil es nichts mehr gibt, das sie verankern kann: kein Land, keine Sprache, keine Herkun , keine Blutsverwandten

ihrem Leben gibt, das sie verankern kann: kein Land, keine Sprache, keine Herkun , keine Blutsverwandten.

Medien in Schwarz-Weiß gedacht und ausgemalt wird, wenn von Leitkultur und Parallelgesellscha en die Rede ist.

Safae el Khannoussi: Oroppa. Roman. Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel. Hanser, 352 S., € 26,80

Dieses Europa, „Oroppa“ also, in dem sie sich alle plötzlich wiederfinden, ist weder Sehnsuchtsort noch Heimsuchung, sondern lediglich eine Kulisse mit Bewohnern, die sich in ihrer „angeborenen Herablassung“ für den Mittelpunkt der Welt halten und Sprachen sprechen, denen sich El Khannoussis Protagonisten zuweilen verweigern, „weil das Leben zu kurz sei, um sich auf etwas derart Unästhetisches und Menschenunwürdiges einzulassen“ – in Städten im Norden Europas, die sie kalt lassen und sich dennoch wie „Fegefeuer“ anfühlen: „Etwas zwischen Himmel und Erde, zwischen Hölle und Paradies. Ein makabres Sanatorium.“ Hier fristen sie ihr Dasein, mit all den Dämonen, die sich still in ihren Körpern eingenistet haben und nun zum ersten Mal wieder zum Vorschein kommen. Europa wird zum Trigger alter Traumata. Weil es aber aber selbst ein Kontinent ist, der „die Angst zur Kultur erhoben hat“, übernehmen die hier Gestrandeten auch noch jene Ängste, die zum europäischen Alltag gehören: „Ohne mir dessen bewusst zu sein“, bekennt eine Figur, „wurde ich vom selben kollektiven Wahn erfasst, der die Menschen hier in seinem Bann hält. Auch ich verachtete alles, was nieder, arm und nicht-europäisch war, gelangte immer mehr zu der Überzeugung, dass diese demografischen Abweichungen nicht zum intrinsischen Charakter Europas und erst recht nicht zu einer herrlichen Stadt wie Paris gehörten.“

Geboren 1994 in Tanger, Marokko, kam die Autorin mit vier Jahren nach Amsterdam, wo sie heute lebt und als Dozentin für politische Philosophie arbeitet. In „Oroppa“, das in den Niederlanden mit zahlreichen Preisen bedacht und als bester Roman des Jahres 2025 ausgezeichnet wurde, schenkt sie ihrem Publikum ein wahrha igeres Europa als jenes, das allzu gern von Politik und

Es mag eine Herausforderung für die Leser darstellen, sich durch die unterschiedlichen Geschichten zu kämpfen, Erzählstränge zu verfolgen, die niemals befriedigend beendet werden, und Charakteren zu begegnen, die kurzzeitig viel Raum bekommen, um später nie wieder aufzutauchen. Aber es ist eine Begegnung mit einem Europa, dem im deutschsprachigen Literaturbetrieb zu selten ohne demütigen Kniefall Rechnung getragen wird.

Es ist ein selbstbewusstes Zeugnis eines Europas, das nicht mehr verklärt wird und in eine Vielzahl von Parallelgesellscha en zerfällt und in Amsterdam oder Paris genauso präsent ist wie in Casablanca oder in Gabès; eines Mosaiks von Realitäten, die für einige eine Zumutung sind und von anderen mit „offenen Armen“ empfangen werden: „In Europa, dachte ich, kam man sich vor wie auf dem Rücken einer uralten, monströsen, von einer mysteriösen Krankheit befallenen Kreatur, die ihre Bewohner jederzeit in die Katastrophe stürzen konnte, einfach, in dem sie sich schüttelte.“

Für die sich selbst Entfremdeten und ewig „ängstlich Melancholischen“ mag El Khannoussis Roman keine Offenbarung darstellen, er könnte es aber definitiv für all jene sein, denen das intellektuelle und emotionale Rüstzeug fehlt, sich in Welten zurechtzufinden, die nicht die ihren sind. Es bleibt zu hoffen, dass sie sich nach der Lektüre dieses Romans nicht nur beglückwünschen, sich an ein derart verwirrendes, aber immerhin preisgekröntes Werk herangewagt zu haben; sondern dass ihr behütetes Leben in diesem Europa ein paar Kratzer bekommt und sie au ören, sich nach so vielen Jahren immer noch über die falsche Grammatik und den Akzent der Nachbarin zu wundern und in ihrer erstickenden Ruhe gestört zu fühlen. SOLMAZ KHORSAND

Vermisste Katzen, verlorene Roboterschrauben,

Bilderbücher aus aller Welt –von Norwegen über den Iran und Südkorea bis nach Polen, Frankreich und natürlich Österreich – erzählen in ästhetischer Vielfalt von Freundscha , Angst, Verlust und dem Mut, trotz Widrigkeiten zu sich selbst zu stehen

REZENSIONEN:

KIRSTIN BREITENFELLNER

Georg ist verschwunden. Gemeinsam mit seinem Vater macht sich der kleine Junge auf die Suche nach ihm, denn er kann sich ein Leben ohne die geliebte Katze nicht vorstellen. Sie gehen zu einem verfallenen Haus, zum Teich und in den Wald. Auf der Straße vermeinen sie einen Blutfleck zu erkennen.

Spätestens jetzt beginnen sie die Möglichkeit zu diskutieren, dass Georg tot ist. „Was wird denn eigentlich aus denen, die sterben?“, fragt das Kind. „Das weiß niemand“, sagt der Vater, und es entspinnt sich ein einfühlsames Gespräch über die Endlichkeit des Lebens. „Es ist ungerecht. Der Tod ist doof. Er macht alles kaputt“, findet das Kind. Trotzdem müssen sie die Suche für heute aufgeben. Aber die Hoffnung, Georg zu finden, ist noch lange nicht gestorben.

Am Ende steht eine Überraschung. Es geht noch einmal gut aus. Mit einnehmenden, in einer an Sprühbilder erinnernden raffinierten Kombination von manuellen und digitalen Techniken erzählt „Auf der Suche nach Georg“ des norwegischen Kinderbuchstars Ragnar Aalbu eine ebenso charmante wie philosophische Geschichte.

DRagnar Aalbu: Auf der Suche nach Georg. Kraus, 48 S., € 18,– (ab 4)

as persische Neujahrsfest wird erst zu Frühlingsbeginn gefeiert. Eigentlich logisch. Denn es steht für Erneuerung, Wiedergeburt und Hoffnung. Im Iran aufgewachsen, lebt die Autorin und Illustratorin Rashin Kheiriyeh heute in den USA. Umso mehr Grund hat sie, dem 13 Tage dauernden Fest ein Denkmal zu setzen. Mit fröhlichen Farben macht ihr Bilderbuch die Aufregung und Freude der Kinder sowie die viele Arbeit der Oma vor dem Besuch von „Onkel Nouruz“ begreifbar und damit ein Stück unbekannter Kulturgeschichte anschaulich. Essen wird gekau und zubereitet, das Haus geputzt, der Tisch geschmückt. Aber als „Onkel Nouruz“ endlich eintrifft, ist die Oma erschöp eingeschlafen. Dabei hat sie sich so fest vorgenommen, ihn dieses Jahr zu sehen. Die Kinder haben dafür umso mehr Spaß!

Auf der Suche nach ihrer Katze diskutieren Vater und Sohn über das Leben und den Tod

Kinder wollen nicht auffallen. Deswegen ist das große Muttermal, das über der rechten Augenbraue sitzt, auch ein Problem für das kleine Mädchen. Sie nennt es Toto, aber das hil ihr auch nicht weiter. „Manchmal frage ich mich, wie ich ohne Toto aussehen würde. Ob ich hübsch wäre? Oder eher unscheinbar?“ Als das Mädchen in die Schule kommt, schneidet die Mutter ihm einen Pony, der Toto verdeckt. Doch eines Tages zeigt das Mädchen seiner besten Freundin, wie es kopfüber am Klettergerüst hängen kann. Und die Freundin reagiert ganz anders auf die Überraschung, als das Mädchen es erwartet hat. Die koreanische Autorin und Illustratorin Hyewon Yum legt mit „Toto“ eine so lehrreiche wie schöne Geschichte über das Anderssein, die Scham und die Kra der Freundscha vor. Herzerwärmend!

Hyewon Yum: Toto. Von Hacht, 48 S., € 18,50 (ab 4)

Rashin Kheiriyeh: Willkommen, Onkel Nouruz! Wir feiern den Frühling. NordSüd, 40 S., € 18,– (ab 4)

fliegende Schildkröten und pupsende Fische

Przemysław Wechterowicz, Emilia Dziubak: Was fehlt dir, kleiner Roboter? Oetinger, 30 S., € 15,50 (ab 3)

Eigentlich fehlt dem kleinen Roboter nicht viel: nur eine kleine Schraube. Aber niemand scheint ihm helfen zu können. Und niemand vermag ihn zu trösten. Der Bär denkt, dass man einen Roboter ja nicht Huckepack nehmen kann. Der Hase nimmt an, dass ein Roboter keine Witze versteht, die Ente, dass er nicht planschen will. Und so weiter. Auf den Doppelseiten stehen einander immer eine einfache Zeichnung und ein sehr elaboriertes Bild gegenüber. Der Roboter wirkt aber überall gleich knuffig. Zum Schluss tritt der Biber auf. Er schnitzt eine Schraube aus Holz. Und dann bittet ihn der kleine Roboter, ihn huckepack zu nehmen, ihm einen Witz zu erzählen oder mit ihm zu planschen. Die sympathische Parabel über die Hemmkra von Vorurteilen stellt nicht die erste Kooperation des polnischen Erfolgsduos Przemysław Wechterowicz und Emilia Dziubak dar. Nach Bär, Eule, Frosch und Tiger wird auch ihr jüngster Held die Kinderherzen erobern. Gut, dass es noch viel mehr Tiere gibt.

E. Schreiber-Wicke, R. Schöbitz: Ein Siebenschläfer fällt vom Himmel. Jungbrunnen, 32 S., € 18,50 (ab 3)

Ein blau gefiederter Vogel erwacht und fliegt los. Seine herunterfallende Flaumfeder löst eine Kettenreaktion aus. Ein Siebenschläfer will sie fangen, aber das ist gar nicht so leicht. Im Eifer fällt er auf einen schlafenden Kater, der aufspringt und auf einem Hundeohr landet. Das Bellen des Hundes lockt das Mädchen Ella in den Garten, das nun etwas sieht, was ihm sonst entgangen wäre: ein Feuer im Nachbarschuppen. Sie ist geistesgegenwärtig genug, die Feuerwehr zu alarmieren. Und rettet damit zwei Kinder. Bebildert wurde diese nachdenklich machende Geschichte von Edith Schreiber-Wicke mit bunten Wachskreidezeichnungen von der österreichischen Ausnahme-Bilderbuchkünstlerin Raffaela Schöbitz, die in den letzten Jahren so richtig durchgestartet ist. Dadurch, dass ihre Bilder nicht exakt das zeigen, was auf derselben Seite zu lesen ist, illustrieren sie das Prinzip der Zufallskette, um das es hier geht, auf raffinierte Weise. Und Schöbitz zeigt sich ein weiteres Mal als Meisterin ihres Fachs.

Alina Winopal: Die kleine Schildkröte, die vom Fliegen träumte. arsedition, 48 S., € 16,50 (ab 3)

Der kleine Held des überzeugenden Bilderbuchdebüts von Alina Winopal heißt Jacques: eine Hommage an den Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau (1919–1997).

Die Schildkröte Jacques lebt wie dieser in Frankreich – zusammen mit anderen Landschildkröten. Aber im Vergleich zu ihnen fühlt sich Jacques zu klein und zu dünn, zu tapsig und zu ungeschickt.

Eines Tages beobachtet er Möwen. „Die Leichtigkeit, mit der sie durch die Lu glitten, beeindruckte ihn so sehr, dass ihm etwas in den Kopf kam, das ihn nicht mehr losließ.“ Da Schildkröten nicht fliegen können, baut er sich Flügel, hebt ab – und bricht sich bei der Landung einen Vorderfuß. Jetzt ist er noch tapsiger als vorher. Aber er hat nicht den Mut verloren. Als er am Meeresufer auf zwei Robben stößt, lässt er sich überreden, tauchen zu lernen. Und hat zum ersten Mal das Gefühl zu fliegen. Da begrei er: „Er war einfach nie eine Landschildkröte gewesen. Denn er war immer schon eine Meeresschildkröte.“ Inspirierend!

Pauline Pinson, Magali Le Huche: Popofisch. Leykam, 32 S., € 18,50 (ab 4)

Wenn ein Fisch aussieht wie ein rosa Hintern, finden die anderen Fische immer etwas zum Spotten. Um ihnen zu gefallen, beginnt der Popofisch mit seinem Mund zu pupsen. „Alle finden das sehr lustig. So denken sie auch gar nicht mehr daran, ihn auszulachen.“ Aber der Popofisch hat den ganz normalen Wunsch, so zu sein wie alle anderen. Also begibt es sich auf eine Meeresreise. Hier gibt es allerhand ungewöhnliches Getier: Laternen-, Trichter- und Schraubenschlüsselfische. Aber das Schrägste ist ein Käsefisch. „Der Käsefisch heißt Jürgen. Es ist bestimmt nicht einfach, wie ein Käse auszusehen, denkt sich der Popofisch (der eigentlich Maximilian heißt).“ Die beiden haben eine Menge Spaß, und sie sehen so ungewöhnlich aus, dass die Fischer sie für gi ig halten. Eine übermütig-absurde Hommage an das Anderssein des französischen Duos Pauline Pinson und Magali Le Huche, übersetzt von der österreichischen Autorin Marie Gamillscheg.

Heidi von heute mit Gruselfaktor

Ein schauriger Sommer: „Noa im Nachtgebirge“

Noas Jahr war nicht so besonders. Das mit den Freundinnen klappt nicht mehr so wie früher. Die anderen, coolen Mädchen reden über gebürstete Augenbrauen und Kosmetik-Tutorials, aber das ist nicht so Noas Ding. Sie hoppelt immer nur hinterher und ihr Haarglättversuch geht grob daneben: Notgedrungen trägt Noa nun Kurzhaar.

So passt es ihr gar nicht schlecht, dass ihre Eltern sie in den Ferien aus Berlin wegschicken, zu ihrer Tante auf eine einsame Alm. Noa wird in diesem Sommer ein ganzes Stück selbstständiger werden, und das nicht nur, weil sie die Reise –im Nachtzug! – ganz allein antritt.

Erst erinnert der Roman an Johanna Spyris Klassiker „Heidi“: Die Tante ist eigenbrötlerisch wie AlmÖhi, Noa lernt staunend die Ziegen und das Käsemachen kennen und bezieht Bettstatt auf dem Heuboden. Doch rasch grätscht eine zweite Facette rein. Als Noa aus dem Brunnen trinkt, verdunkelt sich plötzlich ihr Spiegelbild und ein anderes, blasses Mädchengesicht schaut ihr entgegen. Vor dem Einschlafen hört Noa

ein Seufzen und eine Stimme: „Was machst du hier?“ Ja, spinnt sie denn?

Die Londoner Autorin Sophie Hardach fährt im Sommer immer in die Alpen, und das merkt man. Auch die Spannung versteht sie gut zu halten. Ob das Buch aber echt erst ab zehn zu empfehlen ist? Da fangen sie dann ja an mit den Haaren und den Hacks und sind womöglich für den Märchenteil nicht mehr so aufgeschlossen. GERLINDE PÖLSLER

Täler, wimmelnd vor wunderlichen Wesen

Mit „Lightfall“ startet eine gefeierte Fantasy-Comic-Saga

Als die Katze Nim das Menschenmädchen Bea aufweckt, ahnt dieses noch nicht, dass sein Leben sich an diesem Tag für immer verändern wird. Noch ist Bea bei ihrem Großvater, dem weisen Zauber-Eber (Bea ist adopiert). Er ist der Hüter der „Ewigen Flamme“ und sorgt für das Gleichgewicht auf dem Planeten Irpa, der ins Dunkel zu kippen droht. Dann schickt er Bea los, damit sie Hibberbeeren, Wurzelschwamm und Salbeimoos für ein Elixier besorgt. Doch im Wald passiert ihr ein Missgeschick, der froschartige Cad aus dem Volk der Galdurier rettet sie, und dann muss sie feststellen, dass ihr Opa weg ist: Nur eine rätselha e Notiz hat er hinterlassen. Also brechen Bea, Nim und der Galdurier Cad auf, um ihn zu suchen.

Die epische Graphic-Novel-Serie aus den USA ist preisgekrönt und wurde in 18 Sprachen übersetzt. Mit „Lightfall – Das verlorene Licht“ erscheint nun der erste von drei Bänden auf Deutsch. In weiten Landscha en tummeln sich die seltsamsten Kreaturen. „Kehrt um!“, rufen Totenschädel, und der Sitzende

König sitzt gar nicht. Immer wieder kommt es zu Kampfszenen, etwa wenn Echsen das Trio an den Grillspieß binden. All das ist viel für die ängstliche Bea, doch Cad reißt sie durch Gleichmut, den festen Willen, den Großvater zu finden, und seinen Humor mit. „Deine Kieme?“, fragt Bea den wieder mal Ramponierten. Ach, winkt der ab: „Die wächst nach. Glaub ich.“ Großes Kino zwischen Buchdeckeln! GERLINDE PÖLSLER

Tim Probert: Lightfall. Das verlorene Licht. Planet!, 256 S., € 18,50 (ab 10). Teil 2 erscheint im Herbst

Ein Haustier für Generationen

Wenn schon der Opa als Kind mit Agathe gespielt hat ...

Wer, bitte, hat schon ein 80-jähriges Haustier? Die Kinder der Autorin Antje Damm! Und das kommt so: Als Damms Vater ein Bub ist, wünscht er sich nichts so sehr wie ein Haustier. Doch seine Mama ist dagegen! Eines Tages sieht das Kind eine Schildkröte, nicht größer als eine Münze, und kau sie. Für die Mama lässt er sich einen Trick einfallen, und „Agathe“ bleibt. Sie wandert durch den Garten, der Bub füttert und badet sie und zimmert ihr eine Kiste für die Nacht.

WIEN FÜR KINDER

K. Hiess | S. Biskup

Zwölf historische Spaziergänge für neugierige Kinder gewähren einen Einblick in die Vergangenheit, von den Römern bis hin zur Zeit des roten Wien.

200 Seiten, € 24,90

Zeitsprung: Papa heiratet, und: „1965 wurde ich geboren.“ Auf einer Zeichnung krabbelt Klein-Antje Damm durch den Garten und sagt „Date!“. Als Schulkind wird sie einmal kurz überlegen, Agathe gegen Barbies einzutauschen, und ein furchtbar schlechtes Gewissen deswegen haben. Und Agathe wird einmal weg-„laufen“ … Antje Damm, die im Vorjahr für ihr „Gesamtwerk Illustration“ mit dem Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises geehrt wurde, erzählt die Geschichte auf mehreren Ebenen. In den Zeichnungen zeigt sie

etwa, wo einst Agathes Kiste stand. Zusätzlich gibt es Comicszenen und Fotos: Erst sieht man den Papa, später die Autorin als Kleinkind, Agathe haltend (sie ist auf 20 Zentimeter angewachsen). Schließlich tauchen Damms eigene Töchter mit Agathe auf. Das erinnert an den – ebenfalls auf einer wahren Geschichte beruhenden – Klassiker „Mein Esel Benjamin“ und ist, ja: entzückend.

GERLINDE PÖLSLER

Antje Damm: Agathe. Papas Schildkröte und ich. Moritz, 72 S., € 18,50 (ab 6)

Sophie Hardach: Noa im Nachtgebirge. Jungbrunnen, 200 S., € 18,– (ab 10)

Auch People of Colour haben Liebesgeschichten verdient

D as Leben von Jugendlichen ist aufregend, auch wenn alles normal aussieht. Neon, genannt Nee, ist hochnervös. Gleich wird er ins Zimmer seiner Freundin Aria zurückgehen, um das zu tun, was sie ausgemacht haben: das erste Mal miteinander zu schlafen. „Ich hatte keine Ahnung, wie es sein würde, in jemandem drin zu sein. Wie sich so was anfühlte. Ob es Aria wehtun würde. Und wenn ich das Kondom falsch überzog? Wenn es riss und Aria schwanger wurde? Mein Vater ermahnte uns immer, keine Babys nach Hause zu bringen.“

Das erste Mal ist keine Prüfung »

Nee und Aria sind zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Jahre zusammen. Der Schulabschluss steht unmittelbar bevor. Was danach sein wird, ist ungewiss. Außer dass Aria auf ein College fern der Heimatstadt gehen wird. Jason Reynolds Roman „24 Sekunden ab jetzt“ ist als Rückblende angelegt, und zwar um genau 24 Sekunden, Minuten, Tage, Wochen und Monate. Trotzdem bleibt die Spannung auf das Kommende aufrecht.

Sein sympathischer Protagonist ist alles andere als cool. „Nervöser als jeder andere beim ersten Mal? Das bin ich.“ Natürlich stimmt das nicht, denn Nee ist ein durchschnittlicher Jugendlicher. Ebenso seine Freundin Aria. Sie lebt in einem besseren Viertel als Nee, ist dafür aber das weniger geliebte Kind ihrer Eltern, die die musikalisch begabte Schwester vorziehen, und liebt panierte, frittierte Hähnchenbruststücke. Natürlich ist sie für Nee wunderschön.

„Auch Schwarze Jungs haben Liebesgeschichten verdient“, schreibt der Autor, Star der US-Jugendliteratur, in einem PS im Nachwort. Dass deren Jugend nicht immer problematisch sein muss, darauf deutet der Untertitel des Buchs „Eine ganz normale Liebesgeschichte“ hin. Nees Vater betreibt ein Bingo-Business, seine Schwester hat mehrere Beziehungen gleichzeitig.

Der Großvater, der vor 24 Monaten gestorben ist und an dessen Begräbnis sich Nee und Aria per Zufall begegnet sind, hat eine Werkstatt für Türklopfer betrieben, um benachteiligten Menschen „die Möglichkeit zu geben, ihre Eingangstüren zu verschönern. Eine Krawatte fürs eigene Heim, wenn schon nicht fürs Eigenheim.“

Mit ihm hat Nee vor seinem Tod ein langes Gespräch über die Liebe geführt. Ja, in Nees Familie wird miteinander geredet. Reynolds gibt damit seinem Protagonisten die Gelegenheit, sich von allen „beraten“ zu lassen, ob direkt oder indirekt. „Das ist keine Prüfung“, versichert seine liebeserfahrene Schwester. „Hör zu, ihr werdet das alles zusammen rausfinden.“

Sein Freund Dodie komponiert einen peinlichen Song mit der Zeile „Willst du nicht ewig mit ihr im Kino sitzen, musst du dir selber einen wichsen“. Und mit seiner Mutter muss Nee sprechen, als sie ihren eigenen BH in seinem Zimmer findet. „Ziehst du ihn an?“, fragt sie unverblümt. „Denn wenn es so ist, kannst du es ruhig sagen.“ Nee wollte allerdings nur üben, um an Arias BH nicht peinlich herumnesteln zu müssen. Seine Mutter verschont ihn nicht mit Tipps wie: „Wenn es aussieht, als würde es wehtun, dann tut es das auch.“

Und Nees Vater, der sonst gerne schlechte Scherze darüber macht,

„Ich will, dass es

faire Chancen

gibt“

Ein Jugendroman über eine Liebe, die Gräben überwindet

L iteratur wird ja wohl noch träumen dürfen. Julya Rabinowich, Autorin von vier erfolgreichen Jugendromanen, wagt ein Gedankenexperiment, das unter der Frage gestanden sein könnte: Ist es möglich, einen glaubwürdigen Roman über einen moslemischen und einen jüdischen Jugendlichen zu schreiben, die sich ineinander verlieben?

Und wenn ich das Kondom falsch überzog?

NEON, GENANNT NEE

was mit unerwünschten Babys passieren wird, erinnert ihn daran, dass Liebe nicht nur mit Sex, sondern mit Zärtlichkeit zu tun hat. Seiner Meinung nach ist „Sex ebenfalls eine schöne Sache, solange du dabei nicht vergisst, wie es sich anfühlt, wenn dein Finger ihren leicht berührt.“

Reynolds ist ein Vielschreiber, der zahlreiche Preise eingeheimst hat. Die Taschenbuchausgabe seiner „Asphalthelden“ (dt. 2021) erscheint gerade zeitgleich bei dtv. Mit „24 Sekunden ab jetzt“ ist ihm ein leichtfüßiger, welthaltiger und tiefsinniger Roman gelungen, der nicht nur unterhält, sondern auch auf kluge, unaufdringliche Weise Au lärung betreibt.

Jason Reynolds: 24 Sekunden ab jetzt. Eine ganz normale Liebesgeschichte. dtv, 192 S., € 16,50 (ab 14)

Es sei hier schon verraten: Rabinowich meistert diese schwierige Aufgabe mit Bravour. Und das liegt nicht nur daran, dass ihr fünfter Jugendroman „Mo & Moritz“ zum Schluss in einen Albtraum zu münden droht. Es ist auch der guten Portion Idealismus geschuldet, mit dem Rabinowich ausgestattet zu sein scheint. Und nicht zuletzt ist dafür die stupende Fähigkeit der Autorin verantwortlich, ambivalente Gefühle zu beschreiben und Stimmungen zu evozieren. Dadurch gelingt es ihr, keinen politischen Thesenroman, sondern ein mit prallem Leben gefülltes Stück Literatur vorzulegen.

Als der unsichere Mo den schelmisch wirkenden Moritz trifft, spürt er etwas „Wildes, Wagemutiges“ in sich. „Noch war dieses Wilde nicht allzu stark, aber er fühlte es wachsen. Eine Woche lang. Danach begann die Sehnsucht ein wenig abzustumpfen. Sie war nicht weg, aber er fühlte sie nicht so stark pochen wie eine frische Wunde, eher wie ein leicht entzündeter Fingernagel unter einem Pflaster.“

Aber zur Handlung: Mo ist aus einem nicht genannten Kriegsgebiet mit seiner Familie nach Wien geflüchtet und teilt sich das Zimmer mit Schwester und Bruder. Als er aufgrund einer (womöglich falschen) Beschuldigung aus der Schule fliegt, schanzt ihm seine Schwester Maryam eine Lehrstelle bei einem Frisör zu. Direkt neben der Staatsoper gelegen und von deren Publikum sowie Künstlerscha frequentiert, lernt Mo dort eine neue Welt kennen.

Nicht nur weil er seinen Sinn für Schönheit schulen kann, sondern auch, weil der Inhaber, Herr Franz, alle Menschen gleich behandelt –egal, ob sie berühmt sind oder nicht.

Für Mo scheint Herr Franz eine besondere Zuneigung zu hegen, die Mo rettet, als sein Leben aus dem Ruder läu . Das hat nicht nur damit zu tun, dass Moritz, der Mo beim Wiener Opernball über den Weg läu , wie sich später herausstellt, aus einer jüdischen Intellektuellenfamilie stammt. Sondern auch damit, dass Mos Bruder, der Homosexuelle und Juden gleichermaßen ablehnt, plötzlich verschwindet und der Gedanke au ommt, dass er etwas mit dem Terrorverdacht zu tun haben könnte, aufgrund dessen das Konzert von Popstar Taylor Swi in Wien kurzfristig abgesagt werden muss.

Mos Vater liegt da gerade im Krankenhaus, um die von jenen Soldaten zertrümmerte Hand operieren zu lassen, die Mo und seinen Bruder für einen Bürgerkrieg zu rekrutieren versucht hatten. „Du siehst vollkommen beschissen aus“, sagt der Bruder im Streit zu Mo. „Wie so ein ScheißSchwuler.“ Und der Vater ist sich sicher: „Keiner meiner Söhne würde so eine Schande über die Familie bringen.“

Moritz’ Eltern sind da toleranter. Aber als sie erfahren, dass der Freund ihres Sohns Moslem ist, scheint auch hier eine Grenze erreicht. Erst recht, als die Wohnungstür der Familie mit Davidsternen und der Aufschri „Wir kriegen dich“ beschmiert wird. Trotzdem haben Mo und Moritz mehr gemeinsam, als man zu Beginn denken würde: das Schweigen der Familie zur Vergangenheit und die Traurigkeit der Jugendlichen darüber.

Man ahnt: Die Gratwanderung, die Rabinowich absolvieren muss, um nicht dem Kolportage- und Kitschverdacht anheimzufallen, ist hochgefährlich. Aber es gelingt ihr auf traumwandlerische Weise, ihren Plot atmosphärisch dicht und psychologisch gut motiviert durchzuerzählen, Spannung und Humor inklusive.

Als Mo und Moritz den Laptop von Mos Bruder zu knacken versuchen, um an Beweise für die Anschlagspläne zu kommen, gerät ihre Beziehung an einen Tiefpunkt. Mo will seine Familie nicht verraten. Und hier endet bei Moritz das Verständnis. „Solche, die so drauf sind wie dein Bruder, bedrohen die Synagoge, in die meine Mutter geht! Und da willst du nichts tun?“

Zum Schluss muss Herr Franz als Deus ex Machina die Situation retten. „Weißt du, warum ich dich ausgewählt habe?“, fragt er Mo. „Weil ich will, dass es faire Chancen gibt in der Welt. Und weil ich in meinem kleinen Wirkungskreis ein bisschen dazu beitragen will.“

KIRSTIN BREITENFELLNER

S., € 17,50 (ab 14)

Julya Rabinowich: Mo & Moritz. Hanser, 220

Geld verbrennt die Welt

Zwei sehr unterschiedliche Umweltbücher: „Katastrophenzeit“ weist einen Ausweg aus der Klimakrise, „Die Wildnis in uns“ macht Lust auf eine neue Verbindung mit der Natur

Klimafragen taugen hervorragend dazu, sich darüber zu zerstreiten. Fliegen, Fleisch, „der peinliche Billigurlaub“ – die Menschen fetzen „von den Grillfesten in den Reihenhaussiedlungen bis zu den Küchentischen großstädtischer Wohngemeinscha en […], wer von ihnen die größte Klimaschuld auf sich lädt“, so der Soziologe Sighard Neckel. Dabei sei das so überflüssig wie kontraproduktiv.

Die erste große Konjunktur der Klimabücher ist vorbei; zwar kommen laufend neue heraus, doch finden sie derzeit nicht so viel Beachtung wie vor fünf, sechs Jahren. Kriege, Trump, Wirtscha sflauten binden derzeit mehr Aufmerksamkeit als der Zustand der Natur, der sich derweil zuspitzt. Stellvertretend für dennoch wacker verfasste Neuerscheinungen seien hier zwei mit ganz unterschiedlichen Zugängen vorgestellt.

Der Bremer Soziologe Sighard Neckel stellt in „Katastrophenzeit“ fest, vor welchem Trilemma moderne Gesellscha en stehen: Wirtscha licher Erfolg, Demokratie und ökologisches Handeln in dem Ausmaß, wie es nötig wäre, stehen einander im Wege. Doch Neckel hat einen Vorschlag. Der Journalismusprofessor, Gewässerschützer und Wildnispädagoge Torsten Schäfer umkreist die Thematik dagegen auf sehr persönliche Weise: Mit „Die Wildnis in uns“ sucht er nach einem neuen Eingebundensein des Menschen in die Natur.

„Katastrophenzeit“ – diesen Titel mögen manche zu alarmistisch finden. Dass wir aber nun einmal auf eine Katastrophe zusteuern, stellt Sighard Neckel gleich zu Beginn klar: Selbst der Bundesnachrichtendienst zählt die Folgen der Klimakrise zu den fünf größten Bedrohungen Deutschlands. Erwärmungsszenarien und Hitzetote, Überflutungen und Wassermangel – Ne-

ckel knallt Zahl um Zahl auf den Tisch und auch, was deren Eintreten bedeuten würde: „Die Welt wäre geteilt in ausgreifende Räume von Armut und existenzieller Bedrohung, denen die geschützten Enklaven der Wohlhabenden und leidlich Gesicherten gegenüberstehen.“ Fast zwangsläufig zu rechnen sei mit „Zivilisationseinbrüchen auf allen Kontinenten“.

Unter den Versuchen, der Krise beizukommen, ist dem Soziologen der Streit um die Lebensführung besonders unsympathisch. Der erzeuge bei vielen Menschen bloß eine Abwehr gegen Klimaschutz. Ausführlich erklärt er dies am Beispiel Fleischessen. Für Gruppen mit niedrigem Einkommen symbolisiere Fleischkonsum die Teilhabe am Wohlstand. Dies infrage zu stellen fühle sich für viele daher an, „als ob man aus dem Kreis der respektablen Leute ausgeschlossen werden solle“. Doppelbödig sieht er auch den Streit um Urlaubsflüge: Tatsächlich fliegen nur zirka fünf Prozent der Deutschen überdurchschnittlich o , und das meist geschä lich: „Die Business Class hat ein viel größeres Flugproblem als die Holzklasse im Ferienflieger.“

All diese Kämpfe würden vernebeln, was der wahre Elefant im Raum sei: das sich verschärfende Auseinanderklaffen zwischen Arm und Reich. Die Existenz von Milliardären sei nicht bloß ein Gerechtigkeitsproblem: Ohne hier aktiv zu werden, sei auch die Klimakrise nicht in den Griff kriegen. Die Zahlen, die Neckel zusammengetragen hat, sind politisch höchst brisant, zeigen sie doch, wie unterschiedlich stark einzelne soziale Gruppen die Atmosphäre verdrecken. Am Beispiel Deutschlands erklärt haben die unteren zwei Drittel der Einkommensgruppen ihre Emissionen bereits um mehr als ein Drittel gesenkt (in

EINORDNUNG: GERLINDE PÖLSLER

»Solange Eingriffe in das Eigentum als problematischer gelten als dessen desaströser Gebrauch, gibt es kein richtiges Leben im falschen Eigentum

SIGHARD NECKEL

den Jahren 1991 bis 2019). Das obere Drittel hingegen hat viel weniger eingespart –und jene an der Spitze sogar um bis zu ein Zehntel mehr Emissionen rausgeblasen. Dieser Trend schreibt sich fort: Während die untere deutsche Einkommenshälfte etwa sechs Tonnen CO₂ pro Kopf und Jahr emittiert, bringt das oberste Zehntel es auf fette 34 Tonnen pro Person. Ein Auseinanderdri en, das auch global zu beobachten ist. Ökologische Verzichtsforderungen machen also, wenn die Politik nicht zwischen sozialen Gruppen unterscheidet, „gerade jene Bevölkerungsgruppen ha bar, die deutlich weniger zu den Treibhausgasen beitragen“, mahnt Neckel.

Für die exorbitanten Emissionswerte der Superreichen ist nicht nur deren Überkonsum verantwortlich, sondern vor allem, dass sie „an der Klimaschädigung wirtscha lich ausgezeichnet verdienen“: durch ihre Investments in fossile Energieträger und Industrien oder in Agrarkonzerne. Als Beispiel nennt der Autor Rex Tillerson, CEO von ExxonMobil. Der Ölkonzern hat im Jahr 2015 laut Eigenangaben etwa 122 Millionen Tonnen CO2 direkt emittiert. Geteilt durch den Marktwert seiner Aktienanteile ergebe sich für Tillerson ein Emissionsvolumen von über 52.000 Tonnen CO2 Neckels Schlussfolgerung: Es brauche Reichensteuern, allein schon als Zuschlag für Klimaschädigung. Mit diesen solle man dann einen „grünen Infrastruktursozialismus“ finanzieren: günstige und dichte Verkehrsnetze, saubere Energie aus preiswerten Erneuerbaren, kommunaler Wohnungsbau, eine gute Gesundheitsversorgung, die mit der Klimakrise noch wichtiger werden wird, und die Entlastung emissionsarmer Haushalte. Auf diese Art könnten sich breite Bevölkerungsschichten, auch die weni-

ger wohlhabenden, für Klimaschutz erwärmen: „Klimapolitik muss nicht nur etwas für morgen und übermorgen versprechen, sondern für Fortschritte im Heute sorgen.“

Auch gehörten gerade Energiekonzerne (wieder) stärker in staatliche Hände, da sich zeige, dass exklusiv privatwirtschalicher Besitz an Öl-, Kohle- und Gasvorräten die Zerstörung des Planeten vorantreibe. „Solange Eingriffe in das Eigentum als problematischer gelten als dessen desaströser Gebrauch, gibt es kein richtiges Leben im falschen Eigentum.“

Neckel bringt all das überzeugend vor. Er formuliert prägnant und untermauert jedes Argument mit mindestens drei Beispielen. Auch andere Konzepte wie den grünen Kapitalismus oder Degrowth-Modelle analysiert er ausführlich: Bei Ersterem würden die Emissionen viel zu langsam sinken. Bei Postwachstumsmodellen wiederum sei die Umsetzung unrealistisch und sie hätten zum Teil autoritäre Züge.

Durchaus konkreter darlegen könnte Neckel seine Vision der grünen Infrastruktur für alle. Was bedeutet das für den Wohnbau oder die ebenfalls angeführte Landwirtscha ? Etwas widersprüchlich argumentiert er, wenn er zwar die Kritik an umweltbewusst handelnden Menschen kritisiert („Ökobigotterie“), teils aber in dieselbe Kerbe schlägt. Dass man sich nachhaltiges Handeln erst leisten können muss, stimmt zum Teil, aber nicht immer: Ein Urlaub ohne Flug ist nicht zwingend teurer und kein Auto kommt (für die, wo das möglich ist) billiger als jedes Auto.

Neckels Fazit leuchtet jedenfalls ein, und auch wenn es ohnehin so offensichtlich scheint, weist der Trend in die gegenteilige Richtung. Regierungen vieler Länder triezen Alleinerziehende, Migranten, Arbeits-

ILLUSTRATION:

GEORG FEIERFEIL

Sighard Neckel: Katastrophenzeit. C.H. Beck, 256 S., € 20,60

Torsten Schäfer: Die Wildnis in uns. Oekom, 176 S., € 19,60

lose und Menschen mit Beeinträchtigung noch wegen kleinster Zuschüsse, während sie sich die Vermögendsten nicht anzurühren trauen. Insgesamt lässt sich von „Katastrophenzeit“ viel lernen, und man wünscht sich, dass möglichst viele Politiker dessen Ideen aufgreifen.

Ganz anders gestrickt ist „Die Wildnis in uns“. Torsten Schäfer diskutiert keine Exitstrategien oder volkswirtscha lichen Theorien. Der frühere GEO -Redakteur und nunmehrige Journalismusprofessor beforscht die Klimanarrative indigener Gruppen wie der Sami. Von seinen Reisen hat er Nature Writing und Grenzerfahrungen mitgebracht. Erderwärmung, Artensterben und Trauer über Verschwundenes scheinen bei ihm immer durch. Zu Recht kritisiert er, dass die Biodiversitätskrise vernachlässigt wird.

Schon als Bub folgte Schäfer Wildtieren, beobachtete Rehe, lernte angeln. Niemals verlor die Wildnis vor der Haustür für ihn das Geheimnisvolle, und wegen der Rehe von damals baut er „noch heute zu Landscha en den Kontakt vor allem über ihre Tiere auf“. An neuen Orten schaut er immer zuerst, welche Arten dort leben – und fragt sich: „Wo sind wir uns ähnlich? Was kann ich von euch lernen?“

Schäfer berichtet von seiner lebenslangen Sehnsucht nach der „Wildnis“, wobei er diesen Begriff kritisch umkreist. Wo naturentwöhnte Städter am schwedischen Akkajaure-See von unberührter Natur schwärmen, erkennen die Sami Futterplätze für die Rentiere, Pfade und Sommerlager. Dem Autor ist bewusst, dass er selbst zur Idealisierung der Natur neigt, will diese aber „zulassen, weil sie meinen Antrieb ausmachen“. Gleichzeitig ist er bereit, von Indigenen zu lernen, leben diese doch viel näher mit der Natur und passen sich an deren

Veränderungen an. So wichen die Sami mit ihren Rentierherden immer wieder auf neue Gebiete aus, doch nun bleibt ihnen kaum noch Raum dafür.

Manch klimapolitisch Bewegtem ist Schäfers Zugang zu wenig konkret oder zu spirituell. Als er auf einer Tagung einmal indigene Sichtweisen einbrachte, sprang ein alternativer Wirtscha sexperte auf und rief, mit Romantik und Esoterik komme man nicht weiter. Meistens, so der Autor, ernte er bloß Schweigen, wenn er „Traditional Ecological Knowledge“ anspricht. Dabei, hält er dagegen, gehe es natürlich auch dort um Wissen – das es erst ermögliche, sich mit anderen Lebewesen zu verbinden.

O lesen sich Schäfers Reportagen poetisch, wenn er etwa beschreibt, wie ihn einmal hunderte Rentiere umkreisten. „Aus dem Schauspiel wird ein Strudel, der meine Sinne bannt; die Tiere geben Wärme.“ Seither ru er dieses Bild immer wieder für Meditationen auf. Er spart aber nicht aus, dass Natur auch feindselig und grausam sein kann. So etwa, wenn er erzählt, wie er sich in Norwegen in einer Eislandscha verirrte und es mit der Angst zu tun bekam. Oder wie er einmal in den USA mit dem Wohnmobil anhielt, um auszutreten, und plötzlich auf dem von Kadavern gesäumten Fressplatz eines Grizzlys stand. Oder ihm einmal eine Gi spinne eine Stunde lang im Nacken saß. Einen Fünf-Punkte-Plan für die Lösung der Multikrise der Natur hat Schäfer nicht anzubieten. Dafür erreicht er womöglich auch ein Publikum, das lieber über Selbsterfahrung oder Outdoor-Abenteuer liest. Denn seine Lektüre ist lustvoll: Naturbegegnungen, so Schäfer, „lassen Hoffnung au eimen, die der öffentliche Klimadiskurs und die viel zu kleine Artenschutzdebatte nicht mehr hervorzubringen vermögen.“ F

„Wer

plündert, wird erschossen“

In ihrem Buch „Dieser Drang nach Härte“ analysiert die Philosophin Eva von Redecker den Faschismus der Gegenwart

If it looks like a duck, swims like a duck, and quacks like a duck, then it probably is a duck.“ Der sogenannte Ententest ermutigt dazu, Offensichtliches beim Namen zu nennen. Man kann auch Abduktion dazu sagen. Mit dem Faschismus ist es schon schwieriger. Freilich sieht Gregory Bovino, der zum Gesicht der berüchtigten US-Grenzschutzbehörde ICE wurde, in seinem Gestapomantel aus wie ein Faschist. Doch bezeichnet der Begriff „Faschismus“ nicht konkrete rechtsextreme Bewegungen der Vergangenheit, die noch dazu gar nicht so leicht unter einen gemeinsamen definitorischen Hut zu bringen sind? Und ist der Vergleich nicht automatisch eine Verharmlosung?

„Man muss überhaupt erstmal benennen können, worüber man nachdenken will“, stellt hingegen die streitbare deutsche Philosophin Eva von Redecker fest. Sie macht sich auf die Suche nach einem Begriff des Faschismus, der nicht vom historischen Kontext abhängig ist, und findet ihn auf einem Flohmarkt. Dort liegt neben NaziKrempel eine Tafel aus der Endphase des Zweiten Weltkriegs herum. Darauf steht: „Wer plündert, wird erschossen.“

In der Legitimation exzessiver Selbstverteidigung in einer Extremsituation erkennt Redecker Wesensmerkmale des Faschismus, die auch in anderen Kontexten gültig sind. Faschismus kann als Verteidigung eines vermeintlichen Besitzes gegen vermeintliche Plünderer definiert werden, bei der alle

SCHUTZ FÜR

Mittel erlaubt sind. Dieser „Phantombesitz“ kann die traditionelle Familie sein, die reproduktionsfreudige Frau, die reine Sprache oder auch der Verbrennermotor. Die zu erschießenden „Plünderer“ sind je nach Kontext Migranten, Muslime, Grüne, Feministinnen. „Der Faschismus agiert im Modus der Selbstverteidigung, und weil er kein echtes Eigentum, sondern Phantombesitz verteidigt, kann er sich so leicht einreden, dass die Plünderung in vollem Gange sei.“ Der behauptete Ausnahmezustand erklärt das erstaunliche Verständnis der Mitläufer dafür, dass die Versprechen faschistischer Politiker nicht eingelöst werden: Wer Phantombesitz verteidigt, fühlt sich als Eigentümer, auch wenn er nichts davon hat. Dafür kann er sich mit einem Punk-Slogan selbst erhöhen: „Mein Leben, meine Regeln“. Peng.

Faschismus als exzessive Verteidigung von Eigentum bedeutet auch, mit dem Eigentum machen zu dürfen, was man will. Das Volk soll halt untergehen, wenn es doch nicht so würdig ist wie gedacht. Die Frau kann ruhig an Schwangerscha skomplikationen sterben, Hauptsache, sie hat nicht abgetrieben. „Einen Begriff des Faschismus zu haben, bedeutet nicht einfach, etwas sehr Schreckliches klar ins Auge zu fassen. Es heißt auch, die Schrecken der Gegenwart ohne Hang zur Übertreibung und Vereinseitigung ausloten zu können.“

SEHR TROCKENE AUGEN

... wenn Sie nicht im Tropenhaus leben

»Faschismus kann als Verteidigung eines vermeintlichen Besitzes gegen vermeintliche Plünderer definiert werden, bei der alle Mittel erlaubt sind

Für diese Gegenwart gilt freilich auch: „Derweil ist ein Faschist ins Weiße Haus eingezogen.“

Ausführlich widmet sich die Philosophin dem Endzeitwahn, dem etwa der kürzlich in Wien weilende Vordenker des „Dark Enlightenment“ Curtis Yarvin anhängt, der wiederum den Tech-Milliardär Peter Thiel und US-Vizepräsident J. D. Vance maßgeblich beeinflusst. Yarvin stellt Überlegungen über einen „ethischen Genozid“ an unproduktiven Gesellscha sschichten an, etwa an Menschen mit niedrigem IQ. Das oberste Prinzip dieses „Formalismus“ genannten Gedankengebäudes ist das verabsolutierte Eigentum. „Wer in der Lage ist, das Ding erfolgreich zu verteidigen, soll es lieber gleich bekommen.“ Hat jemand „Grönland“ gesagt?

„Nicht, dass der Faschismus je gelegen käme. Aber dass er in dem Moment die Zukun verstellt, in dem es gerade noch möglich wäre, das in die Erdgeschichte übertragene Vernichtungspotenzial des Klimawandels abzumildern, können wir vermutlich in seiner Tragweite noch kaum fassen“, schreibt Redecker. Der neue Faschismus kommt zu einer Unzeit, die sie als „Zeit voller Verwerfungen“ definiert, „in der man verhindert ist und nicht zu reagieren vermag, die Zeit, in der etliche geopolitische Spannungen au rechen und in offene Kriege übergehen“.

SchutzschildKomplex

Befeuchten nachhaltig und schützen mit Lipiden vor Austrocknung

Medizinprodukt:

Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus. S. Fischer, 272 S., € 24,70

Zum Faszinierenden an Eva von Redeckers Buch zählt auch, dass sich seine Thesen und Prognosen, naturgemäß vor einigen Monaten niedergeschrieben, noch während der Lektüre bewahrheiten. Vielleicht befinden wir uns ja tatsächlich in einer apokalyptischen Phase des Liberalismus. Sich darüber zu wundern ist für die Autorin jedoch ein Fehler, da man durch Staunen unterstellt, das Geschehene sei nicht zu erwarten gewesen. „Das Staunen läu Gefahr, sich immer wieder einen Reim auf Einzelfälle zu machen, anstatt ein grundlegendes Muster zu erfassen, ein Muster, das in Auffanglagern, in Besatzungszonen, in Gefängnissen für manche Menschen schon lange Alltag ist.“

Dass unsere liberalen Demokratien nicht vor dem Faschismus gefeit sind, muss uns klar sein, dafür sorgt laut Redecker die Verwurzelung des Faschismus im Liberalismus, der die Welt in Eigentum einteilt und in Dinge verwandelt, und im Neoliberalismus, der mittlerweile die Zukun kolonisiert. Auf die Spitze getrieben werde diese Entwicklung durch Techfirmen, die nicht mehr um Marktanteile kämpfen, sondern selbst zum Markt werden wollen, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt.

Der allgemeinen KI-Verehrung hält sie ein Plädoyer für die Mündigkeit entgegen: „,Mündigkeit‘, das kommt von ,Mund‘ und ist ganz intim mit dem Selbst-Sprechen verbunden.“ In Chatbots sieht sie „Spanplattenpressen des Diskurses“, deren unersättlicher Energiebedarf nebenher dabei mithil , den Planeten zu zerstören. Das Kapitel, in dem Redecker darüber nachdenkt, was Techinvestoren mit unserer Sprachfähigkeit machen, heißt „Techfaschismus als Geschä mit der Gedankenlosigkeit“. Man würde sich wünschen, dass es jemand dem österreichischen Bildungsminister aufs Nachtkästchen legt. GEORG RENÖCKL

„Die Idee der Dissidenz fasziniert mich“

über die Wege Mi eleuropas in die Freiheit und den Retourgang in kleptokratische Autokratien

Michal Hvorecký, 49, ist einer der erfolgreichsten Schri steller der Slowakei. Sein Roman „Troll“ wurde gefeiert und preisgekrönt – als frühes Erspüren autoritärer Gefahren. In seinem politischen Großessay „Dissident“ erweist er sich nun einmal mehr als wichtige Stimme der liberalen und demokratischen Opposition seines Landes. Er berichtet vom Strafverfahren, das die Kulturministerin gegen ihn angestrengt hat – genauso wie über die Jahrhunderte, die eine verunsicherte slowakische Identität geprägt haben.

Falter: Herr Hvorecký, Ihr Buch startet mit dem Jahr 1989 oder, wie Sie es nennen: „Mein Au ruch in die freie Welt“. Wie haben Sie es erlebt?

Michal Hvorecký: 1989 bedeutete: neues Leben. Dieses Jahr der Wende, der Samtenen Revolutionen, des Mauerfalls – es war ein echter Bruch. In meiner Biografie, aber auch in der Geschichte einer ganzen Region. Plötzlich war alles anders. Es waren Monate und Jahre der Euphorie.

Sie waren damals 13 Jahre alt ...

Hrovecký: Ja. Mein Cousin war noch im März 1989 nach Österreich ausgewandert, und wir waren überzeugt, dass wir uns nie wieder sehen würden. Wir, die wir damals 13 Jahre alt waren, sind wirklich eine glückliche Generation. Plötzlich war die Grenze offen, wir hatten ein ganzes Leben vor uns – aber wir hatten doch auch die Zeit des Realsozialismus erlebt. Wir können zwischen dem Leben in der Despotie und dem Leben in der Freiheit vergleichen. Wir waren die Hilfskrä e der Revolution, während die Abiturienten auf den Bühnen schon die großen Reden hielten. Wir erlebten unsere Rückkehr nach Europa.

„Ich wurde in einer Diktatur sozialisiert und bin deswegen Demokrat“, schreiben Sie. Ist denn die Diktatur eine Schule der Demokratie?

Hvorecký: Wenn ich heute Propagandisten sehe und höre, etwa die pro-russischen Propagandisten im Putin-Fernsehen – dann erinnert mich das an meine Kindheit. Ich kenne diese Typen, ich kenne diesen Typus. Deswegen bin ich auch meiner Erfahrung aus der Kindheit dankbar. Ich weiß, wie es ist, in autoritären Regimes aufzuwachsen und der Gehirnwäsche ausgesetzt zu sein.

Sie erzählen, welche Rolle die österreichischen Medien 1989 spielten, der ORF, aber sogar die kommunistische Volksstimme.

Hvorecký: Für uns und vor allem die deutschsprachigen Familien in Bratislava waren österreichische Medien wirklich die Verbindung zur freien Welt.

Die Journalistin Barbara CoudenhoveKalergi war extrem bekannt, in Prag riefen Tausende: „Barbara, wir lieben dich!“

Hvorecký: Wir alle erinnern uns, wie 1988 eine Demonstration in Bratislava niedergeschlagen wurde und Coudenhove-Kalergi darüber berichtete. Im ORF haben wir Informationen über die Geschehnisse in unserem Land bekommen. Wir haben einfach alle ORF geschaut und kannten uns total in der österreichischen Innenpolitik aus. Wir wussten über Intrigen der österreichischen

Politik mehr als über die der tschechoslowakischen. Und in der Volksstimme, der Zeitung der KPÖ, waren auch pluralistischere Beiträge als in unseren Zeitungen – außerdem war dort das Fernsehprogramm des ORF abgedruckt.

Michal Hvorecký ist einer der führenden zeitgenössischen slowakischen Schristeller. Er stammt aus einer binationalen deutsch-slowakischen Familie. Insbesondere für seinen Roman „Troll“ wurde er gefeiert und vielfach ausgezeichnet. Er ist zugleich ein kämpferischer Demokratieaktivist

Senkt sich jetzt über die Slowakei ein neuer Eiserner Vorhang oder zumindest ein neuer Autoritarismus, der die Freiheit erdrückt?

Hvorecký: In den vergangenen zwei Jahren änderten sich das Land und die Gesellscha und der Druck der Macht ist stärker geworden.

rerseits ist auch die Opposition gespalten und Fico versteht es gut, Widersprüche in der Opposition auszunutzen, vor allem mit Kulturkampf- und Identitären-Themen wie Gender oder Abtreibung.

Ihr Buch heißt „Dissident“. Das ist ein Begriff aus der poststalinistischen KPÄra, und die Dissidenten waren Vereinzelte, Unbeugsame, Wahr-Sprecher in einem Meer der Lüge, der Angst und Indifferenz. So weit sind wir ja noch nicht, oder?

Eine Rezension über Robert Misiks neues Buch lesen Sie auf Seite 29

Der autoritäre Populist Robert Fico ist als Premierminister zurückgekehrt und koaliert mit einer noch rechtsextremeren Partei, die auch die Kulturministerin stellt, Martina Šimkovičová. Sie haben sie als Neofaschistin bezeichnet und wurden von ihr verklagt, es gab ein langes Ermittlungsverfahren, Ihnen drohten bis zu fünf Jahre Ha . Hvorecký: Es gibt unglaublichen Druck auf die Kulturszene, die Direktoren der führenden Institutionen wurden ausgetauscht und durch regierungstreue Leiter ersetzt, und es gibt natürlich auch viele, die sich der Situation anpassen. Diese Rechtsaußenpartei will eine autoritäre Herrscha .

Das Geschehen der letzten Jahre erinnert manche an die 1970er-Jahre, jene Ära, als alle Freiheitsgewinne aus der Zeit des Prager Frühlings rückgängig gemacht wurden. Teilen Sie diese Einschätzung?

Michal Hvorecký:

Hvorecký: Ich lehne diesen direkten Vergleich ab, denn die Menschen werden noch nicht verha et, aber viele verlieren ihren Job, werden bedroht, werden angeklagt. Mein Kollege Martej Drlička, der abgesetzte Direktor des Nationaltheaters, darf den Namen von Šimkovičová nicht mehr laut sagen. Das wurde ihm gerichtlich untersagt. Aber es gibt ganz viel Widerstand aus der Zivilgesellscha und aus der Kunstwelt!

Bringt dieser Widerstand die Regierung in die Defensive, oder erlahmt er langsam?

Hvorecký: Das Land ist tief gespalten. Erst vor wenigen Tagen gab es mehrere beeindruckende Großdemonstrationen. Ande-

Hvorecký: Ich bin fasziniert von der Idee des Dissidenten und auch von diesem großen Erbe der Dissidenz, das wir im Osten Europas haben. All die aufrechten Menschen, in der Ukraine, in Polen, in Tschechien, in der Slowakei – sie alle stehen auf den Schultern von Giganten, in dieser Traditionslinie. Zugleich bewegt mich die Frage, wie kann Dissidenz im digitalen Zeitalter, der Algorithmen, der sozialen Medien, der Trolls und Bots wirken? Was heißt Widerstand, wenn ganze Bevölkerungsteile in Parallelwelten leben, in geschlossenen Kanälen, in Echokammern? Das Buch ist für mich auch ein Versuch, neue Wege des Widerstandes zu suchen und vielleicht einige auch zu finden. Was ist Ihr Buch am ehesten – eine Autobiografie, ein Abriss slowakischer Geschichte, ein Widerstands-Manifest? Hvorecký: Es ist mein Versuch, entlang meiner Geschichte zu erklären, wie ich der geworden bin, der ich bin – und dazu gehört auch die Geschichte meines Landes und unserer Region. Wie kam es, dass wir Demokratie haben, aber immer weniger Demokratinnen und Demokraten? Was ist das für eine Wirklichkeit, und wie ist sie verbunden mit der Geschichte, mit den Vertreibungen, der Kollaboration, den Diktaturen …?

Nicht nur die Slowakei, auch Ungarn und Tschechien werden von kleptokratischen Autokraten regiert. Robert Fico, Viktor Orbán, Andrej Babiš – und in Österreich ist es nur knapp nicht zu einer Regierung unter FPÖ-Chef Herbert Kickl gekommen. Haben diese vier Nachfolgestaaten der Donaumonarchie mehr gemeinsam, als wir glauben?

Hvorecký: Ich habe eine große Hoffnung: dass Orbán im April 2026 und Fico 2027 die Wahlen verlieren und endlich Geschichte sein werden. Aber offensichtlich haben wir – die vier Länder dieser Region – ein Problem mit der eigenen Geschichte und mit der eigenen Identität.

Ihr Buch richtet sich an das deutschsprachige Publikum, nicht an das slowakische – obwohl Sie eine zentrale Stimme der slowakischen liberalen Opposition sind. Warum?

Hvorecký: Das ist mein erstes Buch, das ich direkt auf Deutsch geschrieben habe. Wenn ich es jetzt selbst ins Slowakische übersetzen würde, dann würde ich wohl ein ganz anderes Buch schreiben. Ich habe beim Schreiben immer an das deutschsprachige Publikum gedacht, habe Dinge erklärt, die der einheimische Leser natürlich wüsste. Dieses Buch ist für mich insofern auch ein echtes Debüt.

INTERVIEW: ROBERT MISIK

Michal Hvorecký: „Ich kenne diese Typen“

Barhocker mit Leder aus der Vorhaut von Walen

Evan Osnos ergründet die Welt der superreichen Yacht-Besitzer. Sie sitzen am Steuer – und fürchten sich vor dem Untergang

Der amerikanische Ökonom Thorstein Veblen hatte es bereits 1899 erkannt: Die Macht des „Geltungskonsums“ erwachse nicht aus kunstvoller Prachtentfaltung, sondern aus purer Überflüssigkeit. „Nur Verschwendung bringt Prestige“, schrieb er in seiner „Theorie der feinen Leute“. Diese Beobachtung borgt sich der USAutor und Journalist Evan Osnos, um uns in die Welt der Superyachten einzuführen. Das Wort selbst leitet sich vom niederländischen „Jagd“ ab. Im 17. Jahrhundert fingen die Amsterdamer mit schnellen Kleinbooten Frachtschiffe vor dem Einlaufen in den Hafen ab und kontrollierten die Ladung. Das fanden auch die Russen spannend: „Nach einem Besuch in Holland im Jahr 1697 kehrte Zar Peter der Große mit einer Leidenscha für Sportboote nach Russland zurück und gründete später in St. Petersburg den ,Newski Flot‘, einen der ersten Yachtclubs der Welt.“

„Yacht oder nicht Yacht. Nachrichten aus der Welt der Ultrareichen“ ist nicht etwa ein ganzes Buch über Boote von Superreichen. Der erfahrene Reporter hat seine Essays aus dem Magazin The New Yorker über die schillernden Größen aus der Tech- und Businesselite Amerikas – darunter etliche Betrüger – in einem Band zusammengefasst. Manche haben mit Osnos nur anonym gesprochen, andere, wie Mark Zuckerberg, gaben ihm gleich mehrere Interviews.

Evan Osnos steht nicht auf ihrer Seite, so viel ist von Anfang an klar. Seit 1990 sei die Zahl der Milliardäre in den Vereinigten Staaten von 66 auf über 700 gestiegen, während der durchschnittliche Stundenlohn lediglich um 20 Prozent gestiegen sei, schreibt Osnos: „In dieser Zeit ist die Zahl der wirklich riesigen Yachten – also solcher mit einer Länge von mehr als 250 Fuß (76 Meter) – von weniger als zehn auf über einhundertsiebzig gestiegen.“ Wenn eine Besatzung an Bord arbeitet, ist es eine Yacht. Wenn sie länger als 30 Meter ist, handelt es sich um eine Super-

Ein Boot auf hoher See ist eines der letzten Refugien der Privatheit. Keine Paparazzi weit und breit

yacht. Alles, was länger als 70 Meter ist, gilt als Megayacht. Ab 90 Metern spricht man von Gigayacht. Weltweit gibt es etwa 5400 Superyachten und etwa 100 Gigayachten.

Ein Fün el der Gigayachten sind heute im Besitz postsowjetischer Milliardäre. Einige von ihnen sind allerdings inzwischen unter Sanktionen gestellt worden und dürfen von ihren Besitzern nicht mehr betreten werden. Im Jahr 2012 warf der russische Oppositionelle Boris Nemzow auch dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vor, vier Yachten zu besitzen. Dieser und andere Vorwürfe kamen Nemzow teuer zu stehen. Drei Jahre später wurde er beim Überqueren einer Brücke in der Nähe des Kremls erschossen.

Yachten erfreuen sich nicht nur bei Diktatoren und korrupten Geschä sleuten großer Beliebtheit. Schon US-Präsident Franklin D. Roosevelt nutzte Yachten, um geheime Gespräche zu führen. Wobei er in einen falschen Schornstein einen Aufzug einbauen hatte lassen, um unbemerkt mit seinem Rollstuhl von Deck zu Deck zu kommen.

Evan Osnos: Yacht oder nicht Yacht. Nachrichten aus der Welt der Superreichen.

C. H. Beck, 315 S., € 20,60

Ein Boot auf hoher See ist eines der letzten Refugien der Privatheit. Keine Paparazzi weit und breit. Sogar die Bodyguards, schreibt Osnos, seien auf hoher See entspannter. Neuerdings sind die schwimmenden Inseln auch für „Prepper“ interessant geworden –für jene, die den Untergang der Welt nicht einfach abwarten wollen, sondern sich darauf vorbereiten. Durchschnittsverdiener präparieren ihren Keller für die Apokalypse. Superreiche entwischen im Ernstfall auf ihre Yacht.

Eines der berühmtesten Protzboote von Rang und Namen war die Christina O. des griechischen Reeders Aristoteles Onassis. Auf die lud er dann auch Maria Callas, Greta Garbo und Jacqueline Kennedy ein. Es gab eine Bar mit Walzähnen, in die pornografische Szenen aus der Odyssee eingraviert waren. Und Hocker, die mit Leder aus der Vorhaut von Walen bezogen waren.

Osnos besucht eine Wer der Firma Benetti in Livorno, die seit über 100 Jahren Luxusyachten baut. Gleich hinter dem Eingangstor stehen Modelle der berühmtesten Yachten. Die Nabila wurde 1980 für den Waffenhändler Adnan Khashoggi gebaut. Kurz bevor dieser wegen Betrugs und Behinderung der Justiz angeklagt wurde – Osnos notiert: Das Verfahren endete mit einem Freispruch –, bekam ein Immobilienentwickler aus New York den Zuschlag für die Yacht. Ja, genau, Donald Trump. Er nannte sie „Trump Princess“. Der heutige US-Präsident mag zwar an sich keine Boote, aber was soll man tun? Wenn er jemanden beeindrucken kann, geht er sogar Boot fahren.

Neben den sehr unterhaltsamen Yacht-Storys bietet Evan Osnos Porträts von so irrwitzigen Betrügern wie dem chinesischen Geheimdienstmitarbeiter Miles Guo, dem Rapper Flo Rida, dem Reddit-Mitbegründer Steve Huffman und dem Anwalt Jeffrey D. Grant, der wegen Betrugs im Gefängnis landete und dann die „White Collar Support Group“ gründete: eine Gruppe für Wirtscha skriminelle und deren Familien.

Bei den Interviews mit Mark Zuckerberg lernt er einen der aberwitzig reichsten und einflussreichsten Vertreter der amerikanischen Elite kennen, der ihm von seiner Faszination für römische Kaiser erzählt. „Gegen Ende des Römischen Reiches war die Ungleichheit so groß geworden“, schreibt Osnos, „dass ein römischer Senator 120.000 Goldstücke im Jahr verdienen konnte, während ein Bauer nur fünf verdiente.“ Zuckerberg, notiert der Autor trocken, hat seine Kinder nach römischen Kaisern benannt.

Dank der rasanten Geschwindigkeit der Weltgeschichte lesen sich diese Texte aus dem New Yorker zwar mitunter einen Hauch veraltet, am Ende der Kapitel gibt es kleine Updates. Das tut der Qualität der Essays kaum Abbruch. Dieses Sittenbild der Gier ist feinster Lesestoff. TESSA SZYSZKOWITZ

Wider das SchwarzWeiß-Malen

In „Die Kunst des Widerstands“ kämp Robert Misik gegen die Zerstörung der Vernun

Prima vista führt der Titel von Robert Misiks neuem Essayband „Die Kunst des Widerstands“ womöglich auf eine falsche Fährte. Es ist ein immanent politisches Buch, doch es geht hier nicht um politische Widerstandsbewegungen im klassischen Wortsinn, sondern vor allem um Wider- und Eigenständigkeit des Denkens und wie diese zu erlangen und zu kultivieren wären. Zumal unter den Vorzeichen der zunehmend fragmentierten, polarisierten, in Freund- und Feind-Bubbles gespaltenen Gegenwart und des globalen Erstarkens von autoritärem Rechtsextremismus und Anti-Pluralismus.

Es dauert ein bisschen, doch bald kristallisieren sich in den acht Essays einige Themen heraus, um die die Gedanken des Wiener Kultur- und Politikpublizisten fieberha kreisen, und man versteht: Hier ringt ein linker Intellektueller mit Kernfragen von Kapitalismus, (Sozial-)Demokratie, Meinungsfreiheit, sozialer Gerechtigkeit und Humanismus. Er wendet sich radikal gegen die „Zerstörung der Vernun “ im öffentlichen Diskurs, fahndet – jederzeit kritikbereit – bei politischen Theoretikern wie Karl Marx nach Deutungen von Macht- und Arbeitsprozessen, denkt ausführlich über die Krise der Demokratie nach und porträtiert schließlich große Widerständige der Kunst. Darunter Autoren wie den rätselha en Franz Ka a, den „idealen Autor für das wirre Heute“. Oder George Orwell, für Misik der abseits aller Gruppenpfade wandelnde „Großmeister der Wahrha igkeit“, oder auch den italienischen Filmregisseur und Dichter Pier Paolo Pasolini, dessen Zerrissenheit als gleichzeitiger Revolutionär, Radikaler und Konservativer sich Robert Misik als „eine Art Vorgefühl, auch ein Vorzeichen auf heutige linke Debatten und Dilemmata“ darstellt.

Unübersehbar locken Misik widersprüchliche Charaktere. An ihnen lässt sich bestens verdeutlichen, wie viel scheinbar Unvereinbares sich in einem Menschen zusammenfinden kann. Es überrascht auch nicht, dass für Misik die Tragödie der zuletzt wegen ihrer radikal einseitigen Haltung im Israel-Palästina-Konflikt viel kritisierten Starphilosophin und QueerIkone Judith Butler darin liegt, dass „eine Denkerin, die ihr ganzes Leben lang starre Dichotomien auflöste, […] am Ende wieder bei SchwarzWeiß und einem alles versimpelnden Freund-Feind-Weltbild landet“. Anregungen zum differenzierten Nachdenken über komplexe Themen: So könnte man die Texte von Robert Misik nennen. Einer der Vorzüge seines Denkens ist die Bereitscha , die eigenen deutlich formulierten Meinungen zu hinterfragen. Apodiktisches liegt ihm ebenso fern wie Erbarmungslosigkeit im Urteil. So banal es klingt: Die Dinge des Politischen sind kompliziert, und sie bis zur Unkenntlichkeit zu simplifizieren ist keine Lösung.

Sein Blick sieht die Dinge als vielschichtig. Interessen verschiedener Gruppen stünden eben per definitionem o im Widerstreit miteinander. Just darum argumentiert er so feurig für geduldiges Ausverhandeln von Kompromissen.

JULIA KOSPACH

Robert Misik: Die Kunst des Widerstands. Von Marx bis Ka a, von Orwell bis Butler. Picus, 173 S., € 22,–

Egon Erwin Kisch, der Ermittler

Sabine Rückert stellt den legendären Reporter als Wegbereiter der True-Crime-Reportage vor

Der rasende Reporter“ lautete der Titel einer Sammlung journalistischer Berichte, die heute noch vielen als bedeutendste ihrer Art gilt. Der Autor präsentierte sie 1924, die Bezeichnung wurde von Um- und Nachwelt auf ihn übertragen: Egon Erwin Kisch (1885–1948). In literarisch bearbeiteter Form gab er darin Einblick in seine Arbeit für Prager, Wiener und Berliner Zeitungen und legte eine Auswahl jener Artikel vor, die das größte Aufsehen erregt hatten, viele davon Kriminalreportagen.

Herausragende Beispiele für Letztere erscheinen nun in der bibliophilen Anderen Bibliothek mit humorvollen, an Gerichtssaalzeichnungen angelehnten Illustrationen von Jörg Hülsmann. Die Gerichts- und Kriminalreporterin Sabine Rückert, die auch Host des Podcasts „Zeit Verbrechen“ ist, hat die Texte ausgewählt und steuert Zeitgeschichtliches bei.

Die Themen sind breit gefächert: Berichte zur Polizeiarbeit finden sich da neben Gerichtssaalprotokollen, Recherchen im familiär-gesellschalichen Umfeld von Täter und Opfer zeigen den Autor als sozial engagierten Beobachter. Schilderungen des Gefängnislebens führen ihn bis zum verbotenen Besuch eines Sträflingsfriedhofs. Schaurige Höhepunkte stellen das Interview mit dem letzten tschechischen Scharfrichter dar, der seine Großtaten in behäbigem Ton ausbreitet, sowie der Bericht der Hinrichtung von Hans Frank, „Generalgouverneur“ im von Deutschland besetzten Polen, in Nürnberg. Kisch war persönlich anwesend.

Die Entwicklung des Autors wird in der Chronologie deutlich. Hatte er als junger Mitarbeiter der Prager Bohemia in objektivem Ton begonnen, „wie eine Kamera“ die Wirklichkeit abzubilden, tritt er später als Gestalter, ja Selbstdarsteller in Erschei-

nung. Zentral dafür scheint ein Ereignis zu sein, das auch hier den größten Raum einnimmt: der Fall Redl. Die Obrigkeit wollte die Affäre des zum Selbstmord gezwungenen Obersten zunächst als privates Malheur unter Homosexuellen verharmlosen. Durch einen unglaublichen Zufall erkannte der junge Kisch dahinter einen Spionagefall. Die eigentliche journalistische Großtat war dann der Trick, den er zusammen mit dem Chefredakteur anwandte: Eine direkte Aufdeckung hätte zur Beschlagnahmung der Zeitung geführt. So trat der Text als Dementi auf – das Publikum verstand und das morsche Gebälk der Monarchie krachte noch vernehmlicher.

Mit dem Erfolg stieg der Mut Kischs den Autoritäten gegenüber (so nebenbei wurde auch sein Umgang mit Fakten großzügiger). Ein Bericht über die tollpatschige Mordermittlung der Wiener Polizei steckt voller Spottlust. Und die Begründung des Besuchsverbots eines Hä lingsfriedhofs klingt ganz und gar aktuell: Es liege „im Interesse des ungestörten Dienstgangs in den Strafanstalten“.

Der politischen Aktivität von Kisch – 1918 war er Kommandant der Roten Garde, im Spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Republik – widmet der Atelier Verlag im April einen Band. Dann fehlt nur noch, ihn auch als Reiseschri steller in Erinnerung zu bringen.

THOMAS LEITNER

Egon Erwin Kisch: Prager Verbrechen. Vorgestellt von Sabine Rückert. Die Andere Bibliothek, 336 S., € 28,80

Kleinmütig und perfide

Susanne Heim zeigt, wie andere Staaten Jüdinnen und Juden die Flucht vor dem NS-Horror erschwerten bis unmöglich machten

Es ist nicht so, dass es bisher keine Einzelstudien, Autobiografien oder Romane zu den Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten der Flucht aus und vor dem nationalsozialistischen Horror gegeben hätte. Ganz im Gegenteil. Aber ein großes Überblickswerk hat bisher gefehlt. Die deutsche Politologin und Historikerin Susanne Heim versucht das in ihrer enzyklopädisch angelegten Studie zu leisten. Als Deutschland für die Juden zunehmend zum Land ohne Zukun wurde, existierte kein Staat, der für ihre Interessen eintrat und sie gesichert aufnahm. Die Nazis betrieben ein perfides Katz-Maus-Spiel, in das sie die ganze Welt einbezogen. Die Juden sollten aus der deutschen Gesellscha verschwinden und ihre Vermögen gefälligst zurücklassen. Was andere Staaten mit den Vertriebenen machten, ging sie nichts mehr an, damit mussten diese fertigwerden. Wie waren die Reaktionen der freien Welt, als diese mit einer immer größeren werdenden Massenflucht aus dem Dritten Reich konfrontiert war?

Die anfängliche Hilfsbereitscha , wenn überhaupt vorhanden, nahm schnell ab, die Willkommenskultur verwandelte sich zur Fremdenfeindlichkeit. Die bürokratischen Hürden wurden größer und größer. Ein Land nach dem anderen schloss die Grenzen, niemand wollte große jüdische Flücht-

lingsströme im Land haben. Große Worte und Ankündigungen gab es zur Genüge, diese lenkten aber nur von Kleinmut und Nichtstun ab.

Die Autorin bezieht die vielen, vielen Aktivitäten jüdischer Organisationen und Einzelpersonen ein, die der bedrängten jüdischen Gemeinscha beistehen wollten. Unendlich die Bemühungen, die Emigration zu organisieren. Unendlich die Initiativen, Länder zu finden, die Juden aufnahmen. Susanne Heim beschreibt, wie die Absperrmaßnahmen nach und nach Verzweiflung und Aktivismus der unterschiedlichen jüdischen Strömungen erhöhten. Zionistische Gruppen bereiteten ihre Anhänger durch Schulungen (etwa im Ackerbau) auf die Auswanderung nach Palästina vor, ein Ansinnen, gegen das sich Großbritannien mehr und mehr sperrte, weil es seine Interessen im Nahen Osten nicht gefährden wollte.

Die Jahre 1933 bis 1938 waren nur das Vorspiel zur großen Tragödie. Zwischen 21.000 und 25.000 Menschen verließen in dieser Zeit Deutschland. Im Jahr der Annexion Österreichs und des Sudetenlandes, wo hunderttausende Juden lebten, steigerte das Dritte Reich den Emigrationsdruck durch Terror, vor allem nach der Reichspogromnacht. Die NS-Regierung brauchte Devisen, und diese sollte die sogenannte Reichsfluchtsteuer hereinbringen. Gleich-

Susanne Heim: Die Abscho ung der Welt. Als Juden vor verschlossenen Grenzen standen. 1933–1945. C. H. Beck, 384 S., € 35,–

zeitig wurde die Auswanderung schwieriger und schwieriger. Mit dem Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs nahm die Ausnahmesituation der jüdischen Bevölkerung globale Dimensionen an. Es ging jetzt um die pure Existenz von vielen Millionen Juden. Das Naziregime stoppte nun jede Auswanderungsmöglichkeit, jetzt kam mit Deportation und Vernichtung die finale Stufe der Eskalation. Reguläre Flucht wurde unmöglich, jetzt konnte nur mehr die Einschaltung von windigen, geschä stüchtigen Fluchthelfern Perspektiven eröffnen. Die dramatischen letzten zwei Kapitel des Buches schildern die verzweifelten und manchmal geglückten, meist aber missglückten Versuche, der Hölle zu entrinnen. Für die USA hatten die Kriegsanstrengungen Vorrang vor Maßnahmen zugunsten der Verfolgten. Um nicht die Wählerscha zu vergraulen und deren Zustimmung zum Kriegseintritt zu gefährden, wurde die jüdische Tragödie verdrängt.

Zeitweise hat Susanne Heim auch daran gedacht – wohl wegen der Komplexität und der Materialfülle –, das Buchprojekt sein zu lassen. Auch wenn ein Kapitel über die unmittelbare Nachkriegszeit, wo sich die Abschottung partiell fortsetzte, fehlt: Bravo für das materialreiche Buch! ALFRED PFOSER

Es wird vielleicht so gewesen sein müssen

In „Der Wunsch zu verschwinden“ schwurbelt sich Geertjan de Vugt durch eine sehr selektive Geschichte des Fingerabdrucks

W as haben die Schri steller Mark Twain und Virginia Woolf, die Künstler Piero Manzoni und Arnulf Rainer, der englische Gelehrte Francis Galton und der deutsche Urologe und Illusionist Arthur Kollmann gemeinsam? Ganz genau, sie hatten irgendwann mal irgendwas was mit Fingerabdrücken zu tun. Zu dieser tiefschürfenden Erkenntnis gelangt man nach der Lektüre des Buches „Der Wunsch zu verschwinden“, verfasst vom studierten Literaturwissenscha ler Geertjan de Vugt, der hauptberuflich Direktor des mit 150.000 Euro dotierten Erasmuspreises ist.

Dem Autor zufolge besteht sein Opus „[ü]ber Fingerabdrücke“ aus neun „Essays“. Tatsächlich sind es biografische Skizzen, deren Protagonisten sich entweder tatsächlich für Fingerabdrücke als Insignien der Individualität interessieren, diese irgendwo hinterlassen oder sonst was mit ihren Fingern gemacht haben.

Der böhmische Mediziner Jan Evangelista Purkyně etwa, mit dem de Vugt den Reigen von Ausnahmemenschen beginnt, hat in seiner Habil-Schri von 1823 eine erste Typologie von Fingerabdrücken erstellt. Er hat aber auch eine Reihe von lebensgefährlichen Selbstversuchen unter anderem mit Digitalis, dem Fingerhut also, unternommen, dessen Wirkstoff je nach Dosierung Herzinsuffizienz bekämp oder den

Herztod herbeiführt. Purkyně war jedenfalls 15 Tage lang kotzübel, er hatte Herzrhythmusstörungen und darüber hinaus visuelle Halluzinationen, in denen zumindest Geertjan de Vugt „mühelos abstrakte Fingerabdrücke erkennen“ kann. Ein Zufall? Vielleicht, aber schon auch aufregend und bedeutsam – irgendwie.

Bedeutsames Geraune ist fraglos der stilistische Grundmodus dieses papillarleistenfixierten Parforceritts durch zwei Jahrhunderte. Dabei nimmt der Autor nicht nur menschliche Hände, sondern zum Beispiel auch Eier in den Blick: „Eier sind merkwürdig. Mit ihrer einfachen, eleganten Form kommen sie in ihrer harten, zerbrechlichen Schale mit unzähligen Möglichkeiten daher.“ Nun ja, Rühr-, Spiegel-, hartes oder pochiertes Ei, Mayonnaise oder Eierstich –„unzählig“ ist vielleicht etwas hochgegriffen, aber gewiss wurde tief Gedachtes über Eier kaum je so luzid und elegant formuliert wie bei Geertjan de Vugt.

Die Passage stammt aus dem Kapitel über den frühverstorbenen italienischen Konzeptkünstler und „Meister der Manipulation“ Piero Manzoni, der im Rahmen einer am 21. Juli 1960 durchgeführten Performance seinen Fingerabdruck auf Eiern hinterlassen und „vielleicht das einzige radikale Kunstwerk überhaupt“ geschaffen hat; der „sich für einen Gott gehalten ha-

Geertjan de Vugt: Der Wunsch zu verschwinden. Über Fingerabdrücke. Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing. Zsolnay, 287 S., € 26,80

ben [muss]“ und in dessen Kopf „die künstlerischen Auffassungen wie Eier [kochten]“. Worüber wenig bis nichts verraten wird, ist alles, was man sich von einem Buch über Fingerabdrücke erwarten und was einen tatsächlich interessieren würde. Gut, Darwins Cousin, der erwähnte Francis Galton, der als Vater sowohl der Eugenik als auch der Daktyloskopie, der Fingerspurkunde, gilt, hat ebenso einen Au ritt wie der englische Kolonialbeamte William James Herschel, der Inder – die bekanntlich für Europäer schwer zu unterscheiden und notorisch unaufrichtig sind – Verträge mit einem Fingerabdruck unterzeichnen ließ.

Dass Scotland Yard 1901 das Fingerprint Bureau gründete, wird in einem Halbsatz erwähnt, die an spannenden Fällen gewiss reiche Geschichte der daktyloskopischen Forensik ansonsten aber links liegen gelassen. Mit der detektivischen Genauigkeit ist es aber ohnedies nicht weit her: An gleich drei Stellen vertut sich das so schlampig lektorierte wie schludrig übersetzte Buch um ein ganzes Jahrhundert, und wie der Schotte Henry Faulds zeitgleich mit Herschel zu den nämlichen Einsichten gelangte, bleibt ebenfalls im Dunklen, weil: „Wie bei fast allen Entdeckungen in der Geschichte des Fingerabdrucks kann auch hier der Ursprung nicht bestimmt werden.“

KLAUS NÜCHTERN

Aktiengesellschaft mit Armee

Wie ein Konzern zu einer aggressiven Kolonialmacht mutierte: William Dalrymples Geschichte der East India Company

BigTech hat uns im Würgegriff, die Demokratie ist gefährdet. Gegen die großen multinationalen Konzerne weiß die Politik sich kaum mehr zu wehren. So eine Machtfülle von privaten Unternehmen gab es noch nie. Oder?

Nun ja. Verglichen mit der Dominanz der East India Company (EIC) um 1800 wirken Google, Amazon und Co fast putzig. Die britische Aktiengesellscha war nicht nur wirtscha lich, sondern auch politisch und militärisch ein Global Player, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte. Mit einer riesigen Armee, geschicktem Lobbyismus sowie einem eigenen Steuersystem wurde Indien systematisch ausgeplündert, schreibt William Dalrymple, ein profunder Kenner der indischen Geschichte, in „Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company“.

Die EIC existierte von 1600 bis 1874, aber der schottische Historiker konzentriert sich in seiner Darstellung auf die Zeit zwischen 1757 (in der Schlacht von Plassy unterwarf die EIC das reiche Bengalen) und 1803 (Einnahme der alten Hauptstadt Delhi).

In diesem halben Jahrhundert gelang es der EIC in einer Vielzahl gewaltsamer Konflikte, die militärische Kontrolle über große Teile des Subkontinents zu erlangen und dabei auch die koloniale Konkurrenz, die Franzosen, auszubooten. Noch um 1700 war das islamische Mogulreich (so etwas wie das indische Kaiserreich) in puncto Bevölkerung und Wirtscha skra eine absolute Weltmacht. Da aber der Mogul und kleinere indische Potentaten einander zunehmend bekriegten, bot sich für die EIC die Chance, diese Spannungen auszunutzen und „Anarchie“ zu kreieren – daher der Titel des Buches.

„Anarchie“ will beides sein, ein packendes Geschichtspanorama und historischwarnendes Lehrstück. Über weite Strecken bietet der rund 600 Seiten dicke Wälzer traditionelle Ereignisgeschichte. Gerade

Mit einer riesigen Armee, geschicktem Lobbyismus sowie einem eigenen Steuersystem wurde Indien systematisch ausgeplündert

die nicht enden wollenden Feldzüge und Schlachten werden in aller Farbenpracht und Dramatik beschrieben. Der Monsunregen peitscht, die Geschütze bleiben im Schlamm stecken, die Belagerer schlagen eine Bresche in die Stadtmauer, am Boden wälzen sich die Verwundeten.

Dalrymple fokussiert stark auf die Pläne und Taten der Heerführer und Gouverneure, der Prinzen und Bankiers. Am eindrücklichsten gelingt ihm das Porträt des kultivierten, aber politisch zunehmend machtlosen Moguls Shah Alam (1728–1806), dem sein riesiges Reich durch die Finger rinnt. All diese „großen Männer“ werden auch etwas altbacken charakterisiert. Sie sind mutig, beherrscht und weise – oder eben verschlagen, rachsüchtig und sadistisch. Das Fußvolk, die Söldner und Bauern, die „Frauen und Kinder“ kommen nur als Zahlen und als Opfer vor.

Gleichzeitig ist „Anarchie“ in seiner Ausrichtung dezidiert postkolonial. Die ausführliche Darstellung der Kamp andlungen soll illustrieren, dass es bis heute „in der Geschichte dieser Welt kein zweites Unternehmen gegeben hat, das in einem vergleichbaren Maßstab Gewalt ausgeübt hat“.

William Dalrymple: Anarchie. Der verhängnisvolle Aufstieg der East India Company. 1600–1874. C.H. Beck, 597S., € 39,10

Das erbarmungslose Raubrittertum des Unternehmens wird eingehend geschildert. Die EIC verwandelte Indien in eine Quelle unermesslichen Reichtums – für ihre Aktionäre und Spitzenbeamten wohlgemerkt. Tee, Textilien, Opium und Zucker wurden auf dem Weltmarkt stark nachgefragt. Die EIC gilt als Hauptverantwortliche der verheerenden Hungersnot in Bengalen von 1770 mit mehr als einer Million Opfer. Profit war ihr wichtiger als Reisanbau.

In ihrem Londoner Kontor, dem East India House, erfand das Direktorium auch den Konzernlobbyismus, indem sie die britische Politik unterwanderte. Mit ihrem Vermögen konnten sich viele Aktionäre Sitze im britischen Parlament kaufen. Die EIC war „too

big to fail“ und erhielt 1773, zwischenzeitlich vom Bankrott bedroht, das erste staatliche Rettungspaket der Geschichte.

In Indien sprach die Aktiengesellscha Recht, baute eine Verwaltung auf (um Steuern einzutreiben), hatte phasenweise die größte Armee der Welt (überwiegend indische Söldner), kontrollierte fast die Hälfte des Welthandels, verfolgte eine eigenständige Außenpolitik und gründete selbst Kolonien.

Der lange Arm der EIC beunruhigte auch die nordamerikanischen Siedler: Diese fürchteten, so wie die Inder unter ihr Joch zu fallen. Die Teeballen, die 1773 im Hafenwasser Bostons landeten, waren von der EIC verschifft worden. Diese „Boston Tea Party“, ein Protest gegen die britische Besteuerung, führte schließlich zum amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1776–1783).

Die East India Company agierte ohne jegliche staatliche Kontrolle und war allein auf Profitmaximierung aus. Ein „Staat im Gewand eines Händlers“ nannte sie Edmund Burke. Der berühmte Politiker und Schri steller war einer der Chefankläger im epochemachenden Prozess gegen Warren Hastings, der als Generalgouverneur die Geschicke der EIC in Indien geleitet hatte und dem Machtmissbrauch und Korruption vorgeworfen wurden.

Hastings wurde zwar nach sieben Jahren Prozess (1788–1795) freigesprochen. Aber der britischen Öffentlichkeit dämmerte nun, dass den unkontrollierten Umtrieben der EIC endlich Einhalt geboten werden musste. So entwickelte sich eine Art Private-Public-Partnership zwischen Staat und Unternehmen.

Aber erst nach dem großen indischen Aufstand von 1857, der blutig niedergeschlagen wurde, übernahm die britische Regierung selbst die vollständige administrative Kontrolle des „Kronjuwels“: Die systematische Ausbeutung Indiens wurde nun verstaatlicht. OLIVER HOCHADEL

50 WIENER INSEKTEN

Zwischen Parks, Innenhöfen, Gärten und Straßen lebt eine erstaunlich vielfältige Insektenwelt. Dominique Zimmermann zeigt, wie wichtig diese Tiere für das städtische Ökosystem sind.

Mit Illustrationen von Silvia Ungersböck

192 Seiten, € 24,90

Der Märchenprinz sitzt im Bungalow

Walter Gröbchen und Thomas Mießgang laden zu einem kursorischen Rundgang durch die heimische Popmusik

Der Ökonom Ernst F. Schumacher

flog 1955 nach Burma, um die Wirtscha dort auf westliche Standards umzumodeln. Doch der Besuch änderte seinen Blick auf die Welt. Später schrieb er das Buch „Small Is Beautiful“, ein Plädoyer für eine Rückkehr zum menschlichen Maß im Wirtscha en. Manchmal hört man den Titel noch als Slogan. Was hat das mit der österreichischen Popmusik zu tun? Gar nicht wenig. Pop wendet sich an alle, taugt dadurch zum Massenprodukt. Für die Musikindustrie, ob die US-amerikanische, englische wie auch die deutsche, war das kleine Österreich immer der dritte Zwerg von links: ein im Grunde unbedeutender Markt.

Wer als Musiker etwas schaffen will, hat hierzulande zwei Möglichkeiten. Entweder lehnt man sich an internationale Trends an oder versucht zu einer eigenen Ausdrucksweise zu finden. Das Blöde ist: Kommerziell führen beide Wege selten zum Erfolg. Im ersten Fall entstehen brave Kopien, die weder in der Heimat noch in der erträumten großen Welt für Au orchen sorgen.

Im zweiten Fall wiederum bleiben die Künstler auf einen kleinen Markt beschränkt. Mit Songs in österreichischem Idiom – womöglich gar im Dialekt – ist schon in Norddeutschland schwer zu reüssieren. Aber schön kann die Musik sein. Small is beautiful Womit wir bei Walter Gröbchen und Thomas Mießgang und ihrem Buch „Die guten Krä e“ wären. Sie unternehmen darin einen Rundgang durch die heimische Popmusik der letzten 70 Jahre – vom Nachkriegsschlager bis zu Hits der letzten Jahre. Wer eine große These oder eine Gesamtdarstellung sucht, muss anderswo suchen. Es handelt sich um ein Lesebuch, das in Form von Häppchen schlaglichtartig die heimische Popgeschichte Revue passieren lässt. Alphabetisch nach Interpreten geordnet, umfasst es kurze, kulinarische Texte über 100 Songs, die – ja, was eigentlich darstellen? Handelt es sich um die besten Popsongs heimischer Provenienz? Oder bloß um die erfolgreichsten?

Gröbchen und Mießgang, beide seit Jahrzehnten tief in der Materie drin, geben zwei Mal einen Daumen nach unten. Zum einen will ihr Buch keine kommentierte Charts-Show sein, wie man sie aus dem deutschen Privatfernsehen kennt. Würde es rein nach Verkaufszahlen gehen, käme das Buch nicht an Andreas Gabalier und DJ Ötzi vorbei – die jedoch ausgespart werden.

Im Vorwort führen die Autoren aus, dass es ihnen zum anderen auch

nicht nur um die ihrer Ansicht nach gelungensten Songs geht. Neben Lieblingsliedern finden sich sogar ein paar verhasste Musikstücke. Entscheidend war: Die Songs sagen etwas aus – über die Zeit und Gegend, in der sie entstanden sind, bisweilen auch über die gesellscha lichen Umstände.

„Viele Exempel blieben – mehr oder minder geschickte – Nachstellungen internationaler Vorlagen“, heißt es an einer Stelle, „aber es gab auch äußerst originelle und originäre

Gehirnforschung: Eine Reise in die Innenwelt

Ein Neurowissenscha ler zeigt unser Zentralnervensystem als soziales Organ

HManchmal wollen Gröbchen/Mießgang zwangha originell sein. „Vienna Calling“ als Falcos definitiver Song? Hüstel

Ton- und Text-Schöpfungen, die mittels Dialekt, dem Aufgreifen von Mitteln der Volksmusik, der Subkultur, der Ironie und Parodie oder tollkühner Adoption und Adaption eigene Positionen entwickelten. Das unterscheidet Die guten Krä e vom Gros des Mainstream-Mittelmaßes.“

Und so blä ert man sich durch die Songs und Jahrzehnte, liest von psychedelischen Hippie-Schlagern („Gummizwerg“, Heinrich Walcher) und Hits, in denen bescheidene Aufstiegsträume besungen werden („Bungalow“, Bilderbuch).

Nicht mit jeder Auswahl ist man einverstanden. Manchmal wollen Gröbchen/Mießgang zwangha originell sein. „Vienna Calling“ als Falcos definitiver Song? Hüstel. Dann wieder fällt ihnen zu einigen Acts wenig ein. „Märchenprinz“ als Sternstunde der EAV? Naja.

Doch das sind kleine Einwände gegen ein gelungenes Buch, das außerdem einen edlen Zweck verfolgt: den erlahmenden öffentlichen Diskurs über Musik wieder in Gang zu bringen. Talk about pop muzik!

SEBASTIAN FASTHUBER

Walter Gröbchen & Thomas Mießgang: Die guten Krä e. Die Geschichte der österreichischen Popmusik in 100 Songs. Milena, 248 S., € 25,–

intergrundmusik, zum Beispiel, hören wir erst bewusst, wenn eine unerwartete Note kommt. Das Gehirn sei nämlich „ein Vorhersageorgan“, meint Damir del Monte: „Es erzeugt auf Grundlage vergangener Erfahrungen innere Modelle, um Zukün iges zu antizipieren.“ Erst wenn die Realität von der Vorhersage abweicht, werden „energetisch teure Aufmerksamkeits- und Bewusstseinsprozesse aktiviert“. Dissonanzen bringen uns dazu, unser Welterklärungsmodell zu aktualisieren. Damit erklärt der Hirnforscher neue Erkenntnisse seiner Disziplin: Das sogenannte Predictive Coding beschreibt, wie das Gehirn ständig Hypothesen generiert und an aktuellen Sinneseindrücken prü . Das ist nur eine Station einer Reise, die von unserem beobachtbaren Verhalten in die dahinterliegende Welt der neuronalen Steuerung führt. O geht es auch noch weiter in darunterliegende Sphären unserer Herkun sgeschichte: Welchen evolutionären Vorteil hat es gebracht, dieses oder jenes Verhalten zu verstärken, welcher Hirnteil hat sich dabei entwickelt? Auch rätselha e gesellscha liche Zusammenhänge lassen sich da erklären; zum Beispiel, wie sich die Bedeutung männlicher Körperkra änderte, sobald wir sessha wurden. Die Macht, die Siedlung zu beschützen und zu kontrollieren, wurde zu Grundpfeilern einer patriarchalen Gesellscha sordnung.

„Unser Gehirn ist nicht nur ein Denkorgan, sondern vor allem auch ein soziales Organ“, streicht der Autor hervor. Motivation für Dienste an der Gemeinscha und unsere sozialen Beziehungen nehmen viel Raum ein – sowohl im Hirn als auch im Buch. Genau darin sieht er auch den Weg zu einem guten Leben mit der künstlichen Intelligenz: „Rückbesinnung auf das, was uns im Lichte unserer Werte als Menschen auszeichnet: die Fähigkeit zur Selbstreflexion, zur Empathie, zur ethischen Verantwortung.“

Diese genuin menschlichen Eigenscha en wären es auch, die uns vor berechtigten Befürchtungen schützen. Die Gefahr der KI sieht Del Monte nämlich vor allem darin, dass sie durch ihre immer höhere Komplexität unser Leben verkompliziert statt vereinfacht – und uns die Kontrolle darüber immer schwerer macht. Gegenüber den sehr präzisen Erklärungen unserer natürlichen sozialen Fähigkeiten bleibt für die künstliche Intelligenz jedoch wenig Platz.

Der gelernte Psychologe und Mediziner Damir del Monte hat sich einen Namen als Wissenscha svermittler gemacht. Er lehrt und forscht an der Paracelsus Universität Salz-

burg mit den Schwerpunkten Neuroanatomie und Neurobiologie der Psychotherapie, nebst Lehrau rägen an weiteren Universitäten tritt er auch als Key Note Speaker für Fach- wie interessiertes Laienpublikum auf. Für die Vermittlung neurologischer Inhalte hat er die Encephalon GmbH gegründet, die nebst Erklärvideos und E-Learnings auch 3D-Modelle des Gehirns anbietet. Der Psychotherapie-Großmeister Gunther Schmidt hat ihn zu „Deutschlands Hirnerklärer Nr. 1“ geadelt, ein Orden, der auch stolz am Cover des Buches prangt.

Auch witzige Befunde im Laufe der Tour gehören zur Wissenscha svermittlung. Etwa wenn es um unterschiedliche Hodengrößen bei Primaten geht: Die „Treue des Weibchens“ gebe den Ausschlag. Denn wer, wie Schimpansenmännchen, fürchten muss, in der recht promisken Horde den Nachwuchs eines Konkurrenten großzuziehen, den habe die Evolution dann lieber mit ein paar Keimdrüsen mehr ausgestattet. Und das Menschenmännchen? Liegt im unteren Mittelfeld – dank eher treuer Partnerinnen. Was diese „durchaus delikate Angelegenheit“ nun mit dem Gehirn zu tun hat, bleibt offen. Ebenso wie die Sache mit den anderen Geschlechtern: „Die Fortpflanzung mittels Verschmelzung zweier Geschlechter“ bezeichnet del Monte als Erfolgsmodell der Evolution und meint „zu den vielfältigen Geschlechtsidentitäten, die heute verkündet werden […]: Die Evolution verfolgt keine politische Agenda.“

An manchen Stellen entsteht das Gefühl, das einen auf einer geführten Rundreise beschleicht, wenn man sich fragt: Müssen wir das jetzt auch noch anschauen – und ist wirklich alles so, wie er’s erzählt? Wie viele Fragen der Hirnforschung noch offen sind, wird hier kaum erwähnt. Diese HighlightTour stellt die Erfolge der Forschung plastisch und gut lesbar dar, nicht deren ungelöste Rätsel.

Am Ende hat man jedenfalls auf einem unterhaltsamen Parcours gut verstanden, wie unsere Umwelten die kognitive Innenwelt formten, um sie zum Schaltzentrum eines sozialen Miteinanders zu machen.

Damir del Monte: Ein Date mit Deinem Gehirn. Wer die Hirnwelten versteht, braucht KI nicht zu fürchten. Kneipp, 248 S., € 24,–

Zwischen den Zeilen Zerrissenheit

Edwin Frank erzählt von den Brüchen und Irritationen, mit denen der Roman im 20. Jahrhundert auf die neuen Zeiten reagierte

Ein Roman sei eine Prosaerzählung von einer gewissen Länge, an der etwas nicht stimme. Dieses Bonmot stammt vom Dichter Randall Jarrell, und Edwin Frank zitiert es in seinem Werk „Stranger than Fiction“ gleich zwei Mal. Nicht von ungefähr: Was am Roman nicht stimmt, ist zugleich das, was ihn so reizvoll macht.

Zwischen dem etablierten Roman des 19. und dem avancierten des 20. Jahrhunderts bestehe, so Frank, ein wesentlicher Unterschied: Gab es in den geölten Erzählstrukturen von Balzac oder Henry James ein „zuverlässiges Zusammenspiel von Dialog und Beschreibung“ unter Aufsicht der Erzählinstanz, die alles unter Kontrolle hält, den Figuren angemessenen Platz einräumt und um das Vertrauen der Leser wirbt, so wird all das nun fragwürdig. Nun wird der Roman durchlässig fürs Unbeschreibliche und Unausgegorene. Er wird zwar als offene, weithin nutzbare Form verstanden, die rasant sich verändernde Wirklichkeiten in künstlerische Sprache zu „übersetzen“ sucht. Aber die Problematik dieser Übersetzung wird im Roman nun mitreflektiert. Die Autoren „schreiben sowohl als Romancier wie auch als Kritiker, der dem Romancier über die Schulter schaut, und wie sollen sie ein Buch zustande bringen, das einem solchen gespaltenen Bewusstsein gerecht wird?“ Darum geht es: um Werke, die dem gespaltenen

Bewusstsein durch neue Erzähltechniken gerecht zu werden versuchen.

30 Romane hat sich Frank, Herausgeber der New York Review Books Classics, ausgesucht. Anhand derer erzählt er die Geschichte dieser Form im 20. Jahrhundert –ja, er erzählt originell und mitreißend von Büchern, ihren Autorinnen und Autoren, vor allem aber vom Roman selbst. Er sieht in ihm eine Textsorte unter Dauerstress. Einige Autoren reagieren auf diesen Stress, indem sie die Form radikal umgestalten. Erstaunlicherweise beginnt Frank nicht im Jahr 1900, sondern bereits 1864 mit Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ – ein schmales Werk ohne Plot, ein Text über einen Krisenzustand. Nicht nur darin ist es ein Vorbild für das Neue, das kommen sollte: Die „Aufzeichnungen“ sind „auch deshalb ein Vorläufer, weil die politischen und sozialen Probleme, mit denen Russland im 19. Jahrhundert konfrontiert war […], im kommenden Jahrhundert allgemein, ja global werden.“

In langen Kapiteln mit teils pointierten Nacherzählungen beschä igt sich Frank mit ausgewählten Romanen von H.G. Wells, André Gide, Alfred Kubin, Gertrude Stein, Thomas Mann, Marcel Proust, Virginia Woolf, Chinua Achebe oder V. S. Naipaul, um nur ein paar zu nennen. Ein Epilog handelt vom ersten Roman des digitalen 21.

Edwin Frank: Stranger than Fiction. Das 20. Jahrhundert in 30 Romanen. C.H. Beck, 600 S., € 39,10

Von der Leichtigkeit zur Unsicherheit

Jahrhunderts – W.G. Sebalds „Austerlitz“. Neben eindeutigen Höhenkammtexten gibt es also sehr überraschende Untersuchungsobjekte. Was allen gemein ist: Frank findet in ihnen die Brüche und Irritationen wieder, die er bei Dostojewski entdeckt hat. Die Romane des 20. Jahrhunderts reagieren auf die Katastrophe des Krieges, die Beschleunigung des Lebens, die Befreiung des Ich, auf Abenteuerlust und Verzweiflung angesichts transzendentaler Obdachlosigkeit.

Dass Frank eine Auswahl an Büchern treffen musste, kann man ihm nicht vorwerfen. Bei aller Genauigkeit und allem historischen Wissen bleiben doch gemischte Gefühle: Seine Grundthesen sind nicht so überraschend, dass man sie auf 600 Seiten belegen müsste. Zuweilen sind die Anmerkungen zu Autorinnen und Autoren in ihrer feuilletonistischen Extravaganz ein wenig vage – über Ka a heißt es etwa, sein Schreiben habe „die Gelassenheit eines Surfers auf einer Brandungswelle, die es zum perfekten Maßstab für ein Jahrhundert der Krise macht“. Ob „Stranger than Fiction“ die Lektüre dennoch lohnt? Absolut. Alleine schon deshalb, weil man mit ihm in verschiedenste Romanwelten eintauchen kann. Das ist so inspirierend, dass man am liebsten ein Jahr frei nehmen und alle erwähnten Bücher nochmal oder zum allerersten Mal lesen möchte. ULRICH RÜDENAUER

Dirk von Petersdorff begibt sich auf die Spuren von Lebensgefühl und Bildungsgeschichte seit den 1970er-Jahren

Dirk von Petersdorff wurde 1966 in Kiel geboren und gehört damit zu jenen, die ihre Kindheit in den 1970er-Jahren verlebt haben. Genau davon handelt das neue Buch des Germanisten und Autors, der an der Universität Jena unterrichtet. Es heißt „Wir Kinder der Leichtigkeit“ und entfaltet eine Mentalitätsgeschichte der BRD und damit Westeuropas der letzten 50 Jahre.

„Sie habe noch nie das Gefühl gehabt, die Gegenwart so wenig zu verstehen wie heute“, hatte eine Freundin bekannt. „Dieses Buch ist aus einer Unsicherheit hervorgegangen“, erläutert der Autor, „und es unternimmt den Versuch einer Klärung.“ Dazu durchschreitet er politische Ereignisse, Kulturgeschichte und vor allem das Lebensgefühl der Zeit seit den 1970ern. Für die Generation des Autors, der auch die Rezensentin angehört, ein geradezu nostalgisches Unterfangen, das aber glücklicherweise nicht im Anekdotischen hängenbleibt.

Seine Erinnerungen an Urlaube in denselben Orten, wo auch alle anderen sich erholten, oder den Fotostopp vor einem Atomkrawerk untermauert der Autor mit Theorien der Zeit, beginnend mit Jean-François Lyotards Diktum vom „Zerfall der großen Erzählungen“ aus dem Jahr 1979. Es zieht sich in der Folge wie ein roter Faden durch das Buch, das durch ein „Zeitalter ohne Gewissheiten“ wandert.

Drei „große Erzählungen“ werden dabei dingfest gemacht: die sozialistische/kommunistische Ideologie, die Idee vom „Fortschritt durch immer perfektere Naturbeherrschung“ sowie jene einer „notwendigen und linearen Entwicklung der Künste“.

Vom Kalten Krieg und der Ölkrise gelangt von Petersdorff über die Terrorakte der Roten Armee Fraktion zur Gründung der Partei der Grünen und landet schließlich bei den vielen Verboten in der Kunstlehre. Offenbar litt er selbst stark unter dem letzten Au äumen der Avantgarde: ihrer Abwertung von Versöhnung, Realismus und Populärkultur sowie ihrer Anbetung des Neuen. Die Forderung an die Kunst als permanente Innovation, „zuständig für die Ablehnung der Gegenwart“, wurde erst durch die Idee der Postmoderne und Niklas Luhmanns Begriff der Differenz außer Kra gesetzt. „Wir mussten also mit Luhmann kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn wir ohne Utopien auskamen und die moderne Welt nicht von Grund auf verdorben fanden.“ Der Preis: „Wir mussten sehen, woher wir unseren Lebenssinn bekamen.“

Als Insignien der neuen Leichtigkeit macht der Autor etwa Salat als Hauptspeise, Turnschuhe auf Lu sohlen, Michael Jacksons „Moonwalk“ oder die Geldpolitik des „Floating“ geltend. Den 1980er-Jahren konzediert er eine gewisse Schwere (Stich-

Dirk von Petersdorff: Wir Kinder der Leichtigkeit. Unsere Geschichte seit den Siebzigern. C.H. Beck, 176 S., € 23,70

worte Waldsterben, Aids, Tschernobyl), der erst mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wieder ein allgemeines Aufatmen folgte. Schon vor der Jahrtausendwende war allerdings der Krieg auf den Balkan und damit nach Europa zurückgekehrt. Der Anschlag vom 11. September 2001 auf das World Trade Center führte zu einer grundlegenden Desillusionierung: „Die Auflösung alter zwangha er Einheiten brachte also nicht wie von selbst Frieden mit sich.“ Seit der Finanzkrise 2008 jagt eine Krise die nächste: von der Flüchtlingskrise über die Covid-19-Pandemie bis zum Angriffskrieg auf die Ukraine.

Der kollektive Westen, den Putin bekämpfe, meint der Autor, „das sind tatsächlich wir nach dem Ende der großen Erzählungen“. Die „Freiheit nach dem Heraustreten aus den Weltanschauungen“ sei zwar bis jetzt geblieben, aber sie zeige ihre Schattenseite: die Unsicherheit. Der daraus folgenden Theoriemüdigkeit versucht von Petersdorff – zu seiner Kernkompetenz als Literaturwissenscha ler zurückkehrend – mit dem „Schutzraum“ der Literatur zu begegnen: mit klugen Interpretationen von Werken von Herta Müller bis Saša Stanišić. Ein spannendes Buch, das sich süffig liest, auch wenn von der titelgebenden Leichtigkeit meist nicht viel zu spüren ist. KIRSTIN BREITENFELLNER

„Dichterin, die auf A en schaut“

Lara Rüter teilt neben Affenwissen auch ihre „Sehnsucht nach dem unerreichbaren Verstehen“

Niemals einen Affen zu berühren, ist die erste Regel, die Lara Rüter lernt, als sie für das MaxPlanck-Institut im Zoo von Leipzig zu arbeiten beginnt. Fünf Jahre wird sie psychologische Tests mit Bonobos, Schimpansen, Gorillas, OrangUtans durchführen. Fünf Jahre wird sie sich wünschen, Affenhaut zu tasten, Affenfell unter ihren Fingern zu spüren. Doch sie ist „Doppelagentin“ im Affenhaus: Was ihr als Forschende verboten ist, steht der Dichterin frei. Schreibend kann sie Taï, Kumili und den 189 Kilogramm schweren Silberrücken Abeeku berühren. Und sich von ihnen berühren lassen. Lara Rüter, geboren 1990 in Hannover, wurde als Lyrikerin für ihren Gedichtband „amoretten in netzen“ ausgezeichnet. Nun hat sie einen Essay geschrieben. Es geht darin um Affen und Menschen, um Selbstund Fremdbestimmung, Sprache und Sprachlosigkeit und um nichts Geringeres als Leben und Tod. So schildert sie gleich zum Einstieg den Abbruch einer ungewollten Schwangerscha . Als sie später das Begräbnis ihrer Mutter beschreibt, macht sie ihre Gefühle anhand einer „FairtradeRose von Lidl“ deutlich, die sie san ins Grab wir , obwohl ihr nach „Wegwerfenschleudernschmeißenfeuern der Blume“ ist. Während die an- wie abwesenden Familienmitglieder den gesamten Text über herausfordernd bleiben, entwickelt sich Arbeitskollege Moritz zum stärkenden Freund. Seine Figur ist außerdem dramaturgisch praktisch: Als Gesprächspartner ermöglicht sie, unterschiedliche Blickpunkte wertungsfrei nebeneinander zu präsentieren. Und Humor hat Moritz auch.

Wohin sich die Freundscha entwickelt, bleibt offen. Ebenso die Suche nach dem früh verschwundenen Vater. Neben derartigen Cli angern finden sich in „Affenliebe“ viele Übergänge, die die Autorin als Überlagerungen gestaltet. Eine Technik, die sie auch in Gemälden von Caspar David Friedrich entdeckt. Wie dieser wieder und wieder Farbe au rägt und übermalt, um das perfekte Lila zu erreichen, sucht die Autorin „Wörter mit Schichten“. Um Schreiben und Forschung zu verbinden, bildet Rüter Assoziationsketten: Affenbeobachtungen führen zu Kindheitserinnerungen und weiter zu (sprach-)philosophischen Fragen und Reflexionen über Kunstwerke. In Zitaten kommen unterschiedlichste Denker und Künstlerinnen zu Wort, von Ovid über Roland Barthes und Annie Ernaux bis Prince. Dass die Autorin den Text immer wieder mit Zeilen aus geliebten oder eigenen Gedichten unterbricht, gibt ihm eine spezielle Atmosphäre. Besonders wichtig ist

ihr Emily Dickinson. Die 1830 geborene US-amerikanische Dichterin hat zurückgezogen gelebt, vorrangig über Briefe mit Menschen Kontakt gepflegt und rund 1800 Gedichte geschrieben. Für Lara Rüter ist sie Begleiterin für alle Lebenslagen und „immer nur einen Flügelschlag entfernt“: Wäre es bereits möglich, mittels künstlicher Intelligenz über Artgrenzen hinweg zu kommunizieren, würde sie Dickinsons Gedicht „Fame is a bee“ für Bienen übersetzen lassen.

„Die durchzitterte Mitte aller Lebewesen“

Jens Soentgens Entdeckungsgeschichte der Lu erzählt, wie in der Natur alles mit allem verbunden ist

WRüter möchte die Affen in ihr Buch holen, „ohne ihnen etwas zu nehmen“

Auch Fakten zu Menschenaffen teilt Rüter mit den Lesenden: etwa, dass diese nicht schwimmen können, weil ihre Arme zu lang sind. Dass sie Trauben o lieber mögen als Bananen. Und dass Menschenaffen und Menschen 98,8 Prozent übereinstimmende Gene besitzen. Diese Nähe ist für Affen eher kein Vorteil. Sie werden zu Experimenten benutzt, dienen als Projektionsfläche und sind zugleich die anderen, auf die Menschen aufrechtgehend herunterblicken. Lara Rüter schreibt dagegen an in der Überzeugung, dass Schreiben über Tiere ebenso wenig Alltagssprache sein könne wie Poesie, wie sie in einem Interview mit dem Hanser Verlag erklärt. Sie möchte die Affen in ihr Buch holen, „ohne ihnen etwas zu nehmen“.

Was Rüter unbedingt vermeiden will, ist „Sprachkolonisation“. Diese vermutet sie etwa in der Praxis, Schimpansen eine Gebärdensprache beizubringen. Als eine Lehrerin im Affenhaus von den neuen Möglichkeiten, mit Tieren zu sprechen, schwärmt, reagiert die Autorin genervt: Die Besucherin interessiere sich nur für ihre eigene Fantasie über Tiere. „Es geht ihr um die Befreiung von Rilkes Panther aus dem Käfig, aber nicht aus dem Gedicht.“

FELICE GALLÉ

Lara Rüter: Affenliebe. Hanser, 288 S., € 25,70

orüber ich denn gerade lese, will der Sohn im Vorbeigehen wissen. „Über Lu !“ Es folgt ein arroganter Schnaufer nach dem Motto: „Echt jetzt?“ Als ob Lu nichts wäre. Dabei ist Lu (fast) alles. Das neue Buch von Jens Soentgen weiß diese These jedenfalls überzeugend durchzudeklinieren und seine Leserscha dabei durchgehend zu faszinieren. Nach „Staub. Alles über fast nichts“ und „Philosophie des Wassers“ legt der Chemiker und Philosoph, wissenscha licher Leiter des Wissenscha szentrums Umwelt der Universität Augsburg, nun also eine Monografie über das Gasförmige unter dem Titel „Lu . Eine Entdeckungsreise zwischen Erde und Himmel“ vor.

Dabei referiert er chronologisch das Philosophieren über Lu von der Antike bis heute sowie die Wissenscha sgeschichte des Gasförmigen. Und belegt damit nichts Geringeres als die These, dass Lu den Schlüssel für ein modernes Naturverständnis darstellt.

Lu ist nicht nur zumeist unsichtbar, sondern auch ansonsten unauffällig: „etwas, das durchsichtig ist, das man selten hört und kaum spürt, das niemandem gehört und von dem jeder nimmt, ohne es recht zu merken“. Lu hat keine Grenzen und lässt sich deswegen schwer zähmen. Man bleibt ihr ausgesetzt und auf sie angewiesen: zum Atmen, zum Riechen und nicht zuletzt zum Sprechen. Soentgen bescheinigt der Lu deswegen eine „Doppelnatur“: zur Materie sowie als „Beziehungs- und Kontaktraum“ zu den „Geistdingen“ gehörend.

Ohne das heutige Wissen über Lu gäbe es keine Lu fahrt, keinen Kunstdünger, keine Pheromon-Anwendungen und keine Wetter-Apps. Es sei kein Wunder, meint Soentgen zu Beginn seines Rundgangs, dass die Hauptgötter vieler Religionen Wettergötter waren und frühe Riten dazu dienten, sie zu befriedigen.

Der griechische Philosoph Anaximenes von Milet postulierte, „dass schlechthin alles aus der Lu entstanden sei“: eine der ersten naturphilosophischen Spekulationen auf der Basis logischer Überlegungen. Erst in der frühen Neuzeit begann mit Paracelsus, der bloßes Bücherwissen verspottete, das Experimentieren dem Philosophieren den Rang abzulaufen. Johan Baptista van Helmont (1580–1644) prägte den Begriff des Gasförmigen.

„Wenn wir heute unter Natur nicht einfach eine Ansammlung von natürlichen Dingen verstehen, sondern ein globales, unendlich komplexes Netzwerk, dann ist das Gaskonzept des Alchemisten von Helmont dafür der Schlüssel.“ Seit dem frühen 19. Jahrhundert zählt der Gasbegriff zu den

Grundbegriffen der modernen Materietheorie, die lehrt, dass alle Stoffe in drei Aggregatzuständen vorkommen: fest, flüssig und gasförmig. Im 17. Jahrhundert nahm die „Versuchskunst“ mit Otto Gericke oder Georg Christoph Lichtenberg an Fahrt auf, und Experimente mit Lu pumpen und Explosionen wurden zur Publikumsattraktion. Soentgen betont den Beitrag der deutschen Romantik zum heutigen Ökologiebegriff. Für Johann Gottfried Herder (1744–1803) ist der Mensch qua Sprachfähigkeit ein „Zögling der Lu , einer, der von der Lu nicht nur ernährt, sondern auch erzogen, gebildet wird“. Auch Romantiker wie Friedrich Schelling interessierten sich für die Natur als Prozess – und deswegen für die Chemie. Chemisch gesehen besteht Lu aus Feinstaub, Wasserdampf und einem Gemisch von Gasen – Stickstoff, Sauerstoff, Argon, Kohlendioxid sowie Spurengasen –, das erst nach und nach entschlüsselt wurde. Erst in der „hohen Zeit der Lu forschung“ zwischen 1772 und 1803 wurde der Sauerstoff als Bestandteil der Lu entdeckt. Lu lässt sich verstehen als „Teil eines hochdynamischen, in sich aber ausgeglichenen Systems“, als „gemeinsames Atemwerk“ von Pflanzen- und Tierwelt.

„Lu ist die lebendige, durchzitterte Mitte aller Lebewesen.“ Denn Pflanzen produzieren Sauerstoff und Tiere Kohlendioxid. Auch Wasser ist eine Verbindung aus zwei Gasen – Wasserstoff und Sauerstoff – und steht daher „mit der Lu und den Lu arten in Zusammenhang“. Der schwedische Chemiker Svante Arrhenius (1859–1927) stellte zum ersten Mal einen Zusammenhang zwischen Kohlendioxid und der Erderwärmung fest. Im 19. Jahrhundert dri en Natur- und Geisteswissenscha en dann auseinander, und was zunächst eine methodische Beschränkung war, bedauert Soentgen, gilt nun als „Struktur der Wirklichkeit“. Dieser Entwicklung versucht er mit seinem klugen Buch entgegenzuwirken – und zu zeigen, wie „in der Natur alles mit allem zusammenhängt“. Es sorgt für eine erfrischende Erkenntnisbrise! KIRSTIN BREITENFELLNER

Jens Soentgen: Lu . Eine Entdeckungsreise zwischen Erde und Himmel. C. H. Beck, 302 S., € 28,80

Natur richtig lesen

Einmal Nature Writing, einmal Handbuch von fast kriminologischer Exaktheit: Beide laden zum Staunen und Entdecken ein

Erfreulicherweise gibt es seit einigen Jahren einen regelrechten Boom in der Sparte Tierbücher. Lange Zeit dominierte dieses Feld der Kosmos-Verlag mit seinen Bildbänden zur Bestimmung verschiedener Tiergruppen. Doch dann erschien im Jahr 2013 die von Judith Schalansky herausgegebene Reihe „Naturkunden“, die sich weniger der biologischen Identifikation und Beschreibung von Lebewesen widmete, sondern im Sinn des Nature Writing auf den Menschen in seiner Beziehung zur Natur fokussiert. Durch die Subjektivität in der Wahrnehmung, die persönliche Reflexion des Erlebten und o die Verbindung mit politischen und kulturellen Themen unterscheidet sich dieses Genre deutlich vom rein naturwissenscha lichen Naturzugang.

Dominik Eulberg ist ein typischer Repräsentant dieses Trends. Er ist nicht nur Ökologe, sondern auch Musiker, TechnoDJ und auch sonst medialer Tausendsassa. Sein 2021 erschienenes Buch „Mikroorgasmen überall“ wurde als Wissensbuch mit der Jurybegründung „Mehr Leidenscha geht nicht“ ausgezeichnet.

Mit „Prachtliebe & Wunderfakten“ legt er jetzt ein weiteres Naturbuch vor, das ebenso das Ziel verfolgt, dass man biologische Vielfalt nicht nur versteht, sondern auch emotionale Bindung zur Natur au auen kann. Das Buch ist in kurze Porträts heimischer Tierarten gegliedert, vom Eisvogel über den Ziegenmelker bis zur Erdkröte. Diese Auswahl wirkt etwas willkürlich, vermutlich ist sie seinen persönlichen Vorlieben geschuldet.

Zu jedem Tier gibt es biologische Fakten mit erzählerischen Passagen sowie QR-Codes, über die sich Tierlaute abrufen lassen. Diese Mischung aus Naturkunde, Mythologie, kulturgeschichtlichen Anekdoten und persönlicher Begeisterung liest sich leicht und informiert, ohne zu belehren. Manchmal tendiert Eulberg mit seinem empa-

Dominik Eulberg: Prachtliebe & Wunderfakten. Eichborn, 224 S., € 20,60

Andreas Wenger: Vogelspuren. Entdecken und verstehen. Quelle & Meyer, 462 S., € 30,80

thischen Stil zu leicht pathetischen Formulierungen (der Eisvogel als „fliegender Edelstein“) und Naturmetaphern, die den sachlichen Gehalt überlagern können. Manche Passagen wirken daher eher wie missionarische Predigten statt präziser Naturprosa. Die einzelnen Kapitel folgen einem sehr ähnlichen Au au, was beim Lesen über längere Strecken zu Wiederholungen führt. Es empfiehlt sich, die Texte in wohldosierter Menge wie Pralinen zu konsumieren.

„Prachtliebe & Wunderfakten“ ist jedenfalls eine Einladung zum genauen Hinsehen und zum Staunen über die Vielfalt direkt vor unserer Haustüre.

Wer jedoch Natur nicht aus zweiter Hand, sondern aus eigener Erfahrung kennenlernen will, der muss sich auf die Suche nach Tieren im Freiland machen. Doch Wildtiere führen ein verstecktes Leben und Begegnungen mit ihnen sind selten. Ihre Spuren wie Trittsiegel, Exkremente, Lagerplätze, Speiballen und Fraßzeichen sind zwar allgegenwärtig, aber für den Laien o nicht erkennbar.

Dabei hil das Buch „Vogelspuren“ des zertifizierten Fährtenscouts Andreas Wenger, das einem die Augen öffnet für die sonst unsichtbaren Zeichen, die Lebewesen im Gelände hinterlassen. Viele andere Bücher über Tierspuren zeigen meist nur schematisierte oder idealisierte Abbildungen von Abdrücken, mit denen sich die tatsächlichen Formen der Trittsiegel auf Schnee, Sand oder Schlamm kaum sicher zuordnen lassen.

Wenger hat deswegen in minutiöser und jahrelanger Arbeit Daten gesammelt, Fotografien und Zeichnungen der Spuren von etwa 250 Vogelarten angefertigt und vermessen, die es einem – bei entsprechender Übung –ermöglichen, nicht nur die Vogelart zu erkennen, sondern o auch Aussagen über das Alter, Geschlecht, die Gehgeschwindigkeit und Situation (Flucht, Angriff, Ruhe)

der Vögel zum Zeitpunkt der Entstehung der Spur zu machen.

Die fast kriminologische Exaktheit, mit der dieses Handbuch Aussagen über die Anwesenheit bestimmter Vogelarten in einem Gebiet machen kann, lässt Karl Mays Erzählungen über die Fährtenlesefähigkeiten Winnetous wie Kinderkram erscheinen.

Andreas Wenger schreibt in der Einführung zur Praxis des Spurenlesens: „Das Buch lässt sich auch gemütlich zu Hause lesen. Man kann die Abbildungen in Ruhe ansehen, interessante Informationen gewinnen und sich an seine eigenen Beobachtungen erinnern. Doch der wahre Zauber des Spurenlesens entfaltet sich in der Natur, in direkter Begegnung und durch intensives, sinnliches Erleben.“ In diesem selbst erlebten Zugang zur Natur liegt genau der Unterschied zu der eingangs beschriebenen Literatur der fiktionalen Naturbeschreibung, die den Leser nur an den Empfindungen der Autoren teilhaben lässt. Dieses durchgehend farbig bebilderte und mit umfassenden Messdaten zu Länge, Winkel und Krümmungen von Vogelfüßen ausgestattete Handbuch ist nicht nur ein nützlicher Begleiter bei Ausflügen, sondern auch spannender Lesestoff für die Couch. Die plastischen Beschreibungen, wie man Orte erkennt, an denen Greifvögel ihre Beute gerup haben, was Flügelmarken auf Schnee über einen Angriff verraten und woran man Schlafplätze erkennt, lesen sich stellenweise wie ein Kriminalroman.

Wie bei dem oben besprochenen Buch ist auch hier eine dosierte Leseweise anzuraten, da man sonst von der Fülle an Informationen erschlagen wird.

Wer dieses Buch liest, lernt auch im Buch der Natur zu lesen. Hier wird jedenfalls ein Standardwerk vorgelegt, das die Augen für die kleinen, sonst unsichtbaren Details der uns umgebenden belebten Welt öffnet.

PETER IWANIEWICZ

It’s the Knowledge, Stupid!

„Don’t

Miss the Clitoris“ von Mandy Mangler ist ein volksbildnerisches Lehrbuch über das zentrale weibliche Lustorgan

Wir leben und lieben in einer penetrationsfixierten Welt. Das gilt speziell für heterosexuelle Menschen. Was auf Englisch unter „going all the way“ läu –gemeint ist damit: Penis dringt in Vagina ein –, ist sogar in einer radikal aufgeklärten und Sexualität äußerst variantenreich darstellenden Netflix-Serie wie „Sex Education“ o das höhere Ziel und die Klimax von sexuellen Begegnungen.

Klimax ist hier ein entscheidendes Stichwort: Für Frauen bedeutet das klassische Drehbuch „Erektion-Penetration-Ejakulation-Ende“, welches unübersehbar aus männlicher Perspektive gedacht ist, keine gute Nachricht. Wie die Berliner Gynäkologin Mandy Mangler in ihrem erstklassigen neuen Buch „Don’t Miss the Clitoris“ anhand von Studienmaterial überzeugend darlegt, ist dieses dominante Skript für SexAbläufe einer der Gründe für den „Gender-Orgasmus-Gap“. Dieser gesellt sich, so Mangler, „zu den vielen weiteren unrühmlichen Gaps wie dem Gender-Data-Gap, dem Gender-Health-Gap, dem Gender-Care-Gap oder dem Gender-Pay-Gap“ hinzu. Mit dem wesentlichen Unterschied allerdings, dass der Gender-Orgasmus-Gap öffentlich so gut wie nie zur Sprache kommt, obwohl Statistik und Forschung dazu eindeutige Erkenntnisse anzubieten haben, die Mangler ausgiebig referiert: Während nämlich die Orgasmusrate von Männern in heterosexuellen Paarbeziehungen bei 80 bis 95 Prozent liegt, liegt die von Frauen mit 35 bis 65 Prozent deutlich darunter. Frauen, die mit Frauen schlafen, erleben hingegen zu 85 Prozent einen Orgasmus, und auch beim Masturbieren kommen Frauen wie Männer gleichermaßen „mit zuverlässigen 80 bis 90 Prozent“ zum Höhepunkt.

Das Fazit von Mangler, Chefärztin zweier Kliniken für Gynäkologie und Geburtshilfe, Krebsspezialistin und bekannt aus dem Tagesspiegel-Podcast „Gyncast“: „Es geht also schon. Es gibt kein grundsätzliches ‚Nichtkommen-Können‘. Man muss eben nur wissen, wie es geht.“ Anders ausgedrückt: It’s the knowledge, stupid! Und zwar über das zentrale weibliche Lust- und Orgasmusorgan, die Klitoris. Denn ohne Klitorisbeteiligung kein weiblicher Orgasmus, und vaginale Penetration allein führt für Frauen nun einmal nur äußerst selten zum Orgasmus (und selbst dann ist die Klitoris, quasi von der Maschekseite mitmischend, daran beteiligt).

Hier tun Au lärung, Information und Richtigstellung dringend not, und genau diesem Anspruch ist Mandy Manglers Buch leidenscha lich, unverblümt, klischeefrei und kenntnisbasiert verpflichtet. Denn der „Klitoris-Analphabetismus“ ist in einer Welt, in der o noch nicht einmal richtig zwischen Vulva und Vagina unter-

schieden wird, erst recht erstaunlich weit verbreitet. Sogar in Anatomielehrbüchern, in Au lärungsmaterialien oder auf medizinischen Lernplattformen ist die Klitoris als organisches Zentrum der weiblichen Lust „auch heute noch notorisch unterrepräsentiert“, wie Mangler recherchiert hat.

Die Probe aufs Exempel ist rasch gemacht. Man braucht nur in freundschalicher Runde die Anwesenden aufzufordern, eine rasche anatomische Skizze der Klitoris anzufertigen. Es gibt nicht viele, gleich welchen Geschlechts und Genders, die dazu imstande wären. Und selbst wenn man die Anatomie der Klitoris kennt, heißt das noch lange nicht, dass man mit deren Funktionsweise und Bedeutung vertraut ist. Man könne, schreibt Mangler, auch gegenwärtig „problemlos Arzt oder Ärztin werden und rein gar nichts von der Klitoris verstehen“. Sogar in der Gynäkologie.

Die vorherrschende kollektive Ignoranz gegenüber der Klitoris hat negative Folgen für Frauen. Umso wesentlicher ist, dass Mangler mit handlungspraktischem, feministisch unterfüttertem Impetus antritt, um weit verbreitete Mythen und Fehlannahmen rund um weibliche Sexualität gleich dutzendweise auszuräumen und zu erläutern, wie es im Dienste aller Beteiligten besser laufen könnte. Sozusagen weg vom kulturell gelernten „Dogma des Rein-Raus“, das „der Befriedigung weiblicher Lust weitestgehend entgegensteht“, und hin zu einer informierteren Sexualität, die die Welt gerechter, genussvoller und gesünder macht, indem sie den Gender-Orgasmus-Gap qua Klitoris-Kompetenz zu schließen trachtet. Folgt man Mangler durch ihre fundierten Ausführungen, wird man sich etwa rasch von der wirkmächtigen Erzählung verabschieden, dass Penis und Vagina korrespondierende Organe seien. Die tatsächlichen anatomischen Entsprechungen finden sich bei Klitoris und Penis, die einander in Aufbau und Größe sehr ähnlich sind und auch aus ein- und denselben embryonalen Anlagen entstehen. Die Klitoris ist mitnichten „nur“ jener kindisch „Kitzler“ genannte, äußerlich sichtbare „Knopf“. In ihrem Fall ist der Großteil der Wahrheit für die Augen unsichtbar: Äußerlich verfügt die Klitoris über Eichel, Scha und Vorhaut, im Inneren des Körpers über vier mit Schwellkörpern gefüllte, große Schenkel. Im Erregungszustand schwillt sie nicht nur um das Zweibis Dreifache an, sondern ist auch durch ein weitverzweigtes, dichtes Nervennetz mit anderen Organen des Beckens eng verbunden. Damit die Sache sich nicht in – allerdings äußerst interessanten – gesellscha spolitischen, geschichtlichen und organischen Ausführungen erschöp , gibt Mangler in Kapiteln mit ausdrucksstarken Überschri en wie „Das ist ja reizend –

DER

35–65 %

Orgasmusrate von Frauen in heterosexuellen Beziehungen. Bei Männern: 80–95 %

80–90 %

Orgasmusrate von Frauen und Männern beim Masturbieren

Cliteracy

Klitoris-Kompetenz

Penis und Klitoris sind die einander entsprechenden Lustorgane, nicht Penis und Vagina

Klitorisstimulation von allen Seiten“ oder „Spiel, Satz und Sieg. Solosex mit und ohne Sextoy“ auch gleich handfeste Tipps zum Erwerb von höherer Klitoris-Kompetenz und räumt auch auf diesen Gebieten souverän mit allerlei Halbwissen und Gerüchten auf. Nachgerade erfrischend klingt ihre kitschromantikbefreite Ermunterung, die Klitoris – ganz praktisch und mechanistisch – beim Sex deutlich mehr zu berücksichtigen, denn „nur Bindung, Nähe und Penetration reichen eben auch nicht“. Erstaunlich, das einmal so formuliert zu lesen.

Durch ihren selbstverständlichen, informierten Erzählton befreit Mandy Mangler gleichsam im Vorübergehen auch von Angst und Scham gegenüber dem Thema. Keine Frau, so ihr Credo, brauche sich im Umgang mit der eigenen Lust als gelernt pflegeleicht zu geben. Brennend plädiert sie dafür, den weiblichen Orgasmus nicht als „nice to have“ zu klassifizieren, sondern als „selbstverständlich, notwendig und gesund“ und hält dabei folgendes Vorgehen für durchaus adäquat: „Man könnte nach der 1:1-Regel handeln und aktiv darauf hinwirken, dass man selbst ebenso häufig an der Reihe ist wie der Partner.“ Klitoriskompetenz vorausgesetzt natürlich. Weibliche Lust sei nämlich, wenn man sich kundig mache, ebenso leicht zu verstehen wie männliche.

Eine weitere hervorragende evidenzbasierte Nachricht hat Mangler auch zu bieten: Wo Orgasmen sind, fliegen weitere Orgasmen zu. Sprich: Je mehr man übt, allein oder gemeinsam, desto besser wird’s – vom Ertasten der Klitoris-Schwellkörper bis zu frauenlustgeeigneten Sextoys (Dildos laufen hier übrigens eher unter „Missverständnis aus männlicher Perspektive“).

Mandy Mangler mit Esther Kogelboom: Don’t Miss the Clitoris. Eine Bedienungsanleitung. Insel, 134 S., € 18,50

Auch zu Fragen wie gefakten Orgasmen (keine gute Idee!), der fachmännischen bzw. -fraulichen Stimulation der Klitoris (sie ist kein Rubbellos!), der Verbindung zwischen Orgasmus und Beckenboden (äußerst freundscha lich!) oder der Vagina als nervenarmem Hautschlauch (wenig orgasmusgeeignet!) hat Mandy Mangler Erhellendes zu sagen. Daneben finden sogar tierische Angelegenheiten wie der „Kloakenkuss“ bei Schnabeltier und Ameisenbär oder das friedenssti ende „Genito-Genital-Rubbing“ von Bonobos (zwei Weibchen reiben ihre Genitalien durch Hü bewegungen aneinander) Erwähnung. Last but not least enthält Manglers Buch einen Klitoriskompetenz-Selbsttest sowie eine Anleitung zum „Klitoris-Zeichnen für Beginners“, auf dass die Scherzkekse unter uns in Zukun nicht mehr nur Penisse auf Klowänden oder beschlagenen Scheiben hinterlassen müssen.

Bei Mandy Manglers Buch handelt es sich zweifellos um Volksbildung und -aufklärung im allerbesten Sinne: Es lebe die Cliteracy! JULIA KOSPACH

Über 1.5 Mio. Bücher, DVDs & CDs mit gutem Gewissen bestellen.

Die Vermessung der Einsamkeit

Die Psychologin und Forscherin Maike Luhmannerklärt die „Einsamkeitsspirale“ und warum das Thema uns alle betrifft

Einsamkeit ist wie Hunger: ein Warnsignal, wenn unsere sozialen Bedürfnisse nicht ausreichend erfüllt sind. Sie treibt uns dazu, den Kontakt zu anderen Menschen zu suchen. Denn schon unsere Vorfahren konnten nur in der Gruppe erfolgreich jagen, den Nachwuchs aufziehen und sich vor Feinden schützen. „Es ist also gut und wichtig, dass wir in der Lage sind, Einsamkeit zu empfinden!“, schreibt Luhmann. Einsamkeitsexpertin Maike Luhmann, Jahrgang 1981, ist Professorin für Psychologische Methodenlehre an der Ruhr-Universität in Bochum und forscht seit 15 Jahren zum Thema. Mittlerweile sei o von einer dramatischen Einsamkeitsepidemie die Rede, an der gerne ausschließlich die sozialen Medien schuld seien, so die Autorin. Aber stimmt das? Ist Einsamkeit verbreiteter als früher? Und wie bricht man aus der Einsamkeitsspirale aus?

Schnell wird klar: Die Datenlage ist o dünn, Studien sind widersprüchlich. Für die These, dass sich Einsamkeit immer weiter ausbreite, fand die Autorin zumindest bis 2020 keinen Beleg. Dann kam die Covid-19-Pandemie und mit ihr stieg die Einsamkeit in Deutschland stark an, um kurz danach, noch während der Pandemie, wieder stark abzusinken – außer bei den Jungen: „Diese Altersgruppe war im Jahr 2021 einsamer als alle anderen, inklusive der Hoch-

altrigen. Einsamkeit betrifft nicht mehr nur ältere Menschen, sondern Menschen jeden Alters – und junge Menschen aktuell offenbar ganz besonders.“ Sind daran Handys oder Social Media schuld? Nicht nur, es komme auf die Nutzung an, erklärt die Autorin. Wer nur scrollt und Social Media passiv nutzt, ist tendenziell einsamer.

Die Fülle an zitierten Studien und das fast 50-seitige Literaturverzeichnis lassen vermuten: Luhmann weiß, was es über Einsamkeit zu wissen gibt. In ihrem neuen Buch fasst sie den Stand der Wissenscha zusammen, leicht lesbar und kurzweilig. Für jene, die sich gern vertiefen, gibt es „NerdBoxen“, in denen die Autorin etwa Studienergebnisse detaillierter erklärt. Am Ende der Kapitel stehen Kurzzusammenfassungen, so merkt man sich die Grundaussagen. Zum Beispiel, dass chronische Einsamkeit krank macht: Einsame Menschen leiden ö er unter starken Schmerzen, erkälten sich schneller, haben ein erhöhtes Risiko für Demenz. Die Folge: „Chronisch einsame Menschen sterben früher.“ Eine spanische Studie schätzte die auf Einsamkeit zurückzuführenden gesundheitlichen Kosten auf 6,1 Milliarden Euro pro Jahr.

Umgekehrt haben etwa chronisch kranke oder von Armut betroffene Menschen ein höheres Risiko, einsam zu sein. Wer ins Kaffeehaus gehen will, braucht Geld.

Die Reise der „guten“ Freundin

Maike Luhmann: Einsamkeit. Warum sie uns alle betrifft. S. Fischer, 336 S., € 24,70 (Erscheinungstermin: 25. März)

Wer chronisch krank ist und zum Beispiel das Fatigue-Syndrom ME/CFS hat, kann o nicht unter Leute gehen. Hier sieht Luhmann die Politik in der Pflicht, indem sie etwa Armut bekämp und Begegnungsorte ohne Konsumzwang schafft. Einsame Menschen nehmen in sozialen Situationen potenzielle Bedrohungen sensibler wahr, fühlen sich schneller ausgeschlossen und glauben eher, dass andere sie nicht mögen. „So verstärkt sich ihre Isolation und ihre Einsamkeit.“

Doch wie entkommt man dieser Einsamkeitsspirale? Luhmann rät, sich für die „Reisegruppe“ Zeit zu nehmen, also Menschen, die uns im täglichen Leben begleiten: Freunde und Familienmitglieder, aber auch Arbeitskolleginnen, Nachbarn und Bekannte und für viele auch ein Haustier. Wir können auch bei Lebensentscheidungen unsere sozialen Beziehungen mitdenken: Ziehe ich aufs Land oder bleibe ich in der Stadt bei meiner Clique? Wähle ich einen Job mit genügend Freizeit? Und die Autorin rät: „Lassen Sie das Handy in der Tasche, wenn Sie mit anderen Menschen zusammen sind. Sprechen Sie die fremde Person an, die neben Ihnen im Bus sitzt.“ Denn auch diese „weak ties“, schwache Verbindungen wie die Plauderei in der Bäckerei, schützen gegen Einsamkeit.

DONJA NOORMOFIDI

Die Historikerin Tiffany Wa Smith hat eine emotional aufgeladene Kulturgeschichte der Komplizinnenscha vorgelegt

Welche Frau hat sie nicht: die Jugendfreundin, mit der sie alt werden wollte? Manche erinnern sich an sie wie an eine Schwester, andere an den Girl Crush, also die (nicht ganz) platonische Verliebtheit.

Für Tiffany Watt Smith war ihre einst beste Freundin Sofia jener Crush. In ihrem Buch „Gute Freundin, schlechte Freundin“ beschreibt sie Sofia als die Frau, die alle haben oder sein wollten. Zusammen bildeten sie eine „High Society aus zwei Personen“. Diese Glorifizierung war wohl der Grund, warum ihre Freundscha endete, denn: Auch Sofia war nur ein Mensch, der Bestätigung suchte und im Leben gewissermaßen schneller vorankam als Watt Smith, die sich damals mit kleinen Kunstjobs durchkämp e.

Der Karrieresprung sollte bei Watt Smith folgen: Sie arbeitete als Dozentin für Kulturgeschichte an der Queen Mary University of London und wurde 2024 zum Fellow der Royal Historical Society gewählt – einer Gelehrtengesellscha , der unter anderen die Historiker Ian Kershaw und Peter Burke angehören. Watt Smiths TED-Talk „The History of Human Emotions“ („Die Geschichte der menschlichen Emotionen“) zählt rund 4,7 Millionen Aufrufe. Die Stärke ihres neuen Buchs liegt in der Kombination der Genres Sachbuch

und Autobiografie. Der englische Untertitel „How Women Revolutionized Modern Friendship“ („Wie Frauen moderne Freundscha en revolutionierten“) ergibt mehr Sinn als die deutsche Version „Ein Jahrhundert weiblicher Freundscha “, denn die Autorin blickt bis ins 4. Jahrhundert v. Chr. zurück, als Aristoteles über Freundscha schrieb. Frauen seien demnach nur zu angenehmen und nützlichen Freundschaften befähigt. Auf 360 Seiten widerlegt Watt Smith diese Einschätzung: „Zwischen Aristoteles und den Spice Girls hat nämlich eine Revolution stattgefunden.“

Wa Smith könnte nun selbstbewusst ihre Expertise vortragen, doch das tut sie nicht. „Gute Freundin, schlechte Freundin“ wirkt wie ein Tagebuch, wenn die Autorin reflektiert, dass sie in einem „entscheidenden Aspekt des weiblichen und feministischen Lebens versagt hatte“, weil sie Sofia und einige andere Freundinnen verloren habe. Sie glaubt, sie sei eine „schlechte Freundin“. Frauenfreundscha ist für Watt Smith ein wesentlicher Teil ihrer persönlichen und politischen Identität. Und so erlebten wohl viele Frauen ihre Freundscha en: In der Antike etwa Claudia Severa und Sulpicia Lepidina, deren innige Beziehung eine einzige Nachricht belegt, in der Severa ihre Freundin als „Schwester“ bezeichnet. Im 13. Jahrhundert Nicole, die erkrankte und

Tiffany Wa Smith: Gute Freundin, schlechte Freundin. Ein Jahrhundert weiblicher Freundscha . Hanser Berlin, 384 S., € 26,80

von ihrer Freundin Contesse gepflegt wurde. Im 16. Jahrhundert bezeugten die Freundinnen einer Hebamme deren guten Charakter, nachdem sie von ihrem Mann der Untreue beschuldigt wurde. Und im 20. Jahrhundert schwärmten junge Frauen so sehr füreinander, dass Autoritätspersonen vor Freundscha en mit negativem Einfluss warnten: Damit war die „schlechte Freundin“ geboren.

Womit Aristoteles recht behalten dür e: Viele Freundscha en waren und sind an einen Nutzen gebunden. Und o sind es eben Frauen, die anderen Frauen in einer Welt voller Bedrohungen Schutz gewähren. Doch steht in der Komplizinnenscha deshalb der Warencharakter im Vordergrund?

Nein, dennoch kommt die Autorin zu dem Schluss, dass Freundscha en nicht mit Erwartungen überfrachtet werden dürfen. Diese Erkenntnis musste sie wohl erlangen, bevor sie die Nachricht von Sofia erhielt. Nach Jahren der Funkstille fanden die beiden wieder zusammen und Watt Smith erkannte, dass nicht allein Sofia Bestätigung gesucht hatte. Auch sie selbst hatte damals ihre eigenen Bedürfnisse ins Zentrum gestellt, statt sich zu fragen, wie sie für ihre Freundin da sein könne. Und mit dieser Erkenntnis beendet die Autorin ihr Buch und ihre ganz persönliche Heldinnenreise. CHRISTINA VETTORAZZI

Das Kochbuch oder die Liebe zur Geografie

Die Kochbücher des Frühjahrs haben einen erdkundlichen Schwerpunkt. Schlecht? Erfressen wir uns die Welt, ehe sie uns frisst!

Italien ist es, Italien bleibt es. Von dort nahm die europäische Küche ihren Ausgang, also ist es nur würdig und recht, immer wieder mit der italienischen Küche anzufangen. Man wundert sich, wie vielfältig das noch immer sein kann, wenngleich es an bekannten Linien entlang geschieht. Kochen scheint sich mehr und mehr zu einer Art Geografie für Gefräßige zu entwickeln, und mühelos können wir bei den Neuerscheinungen des Frühjahrs (also unter denen, die wir aus der Halde der Neuerscheinungen auswählen) den Trend zur geografischen Erkundung erkennen. Kochen, das ist 2026 auch die Liebe zur Geografie.

Selbst bei den italienischen Kochbüchern geht es so zu. Da wäre der altgediente, aber in Würde alt gewordene Küchenmeister vieler jüngerer Generationen, Gennaro Contaldo, der jedes Jahr wieder eine Variation seines Küchenwissens herausschiebt. Diesmal ist es (schon im vergangenen Jahr erschienen, aber nicht mehr in unserer Herbst-Schau enthalten): Gennaros Italia mia. Man sieht den würdigen Herrn da in verschiedenen Posen, recht besorgt zieht er an meterlangen Nudeln, er betrachtet erfreut ein Regal oder wiegt eine Knolle in seinen Händen. Man kann ihm vertrauen, das darf ich bestätigen, und sein Buch ist vernün ig gegliedert in Nord, Mitte, Süd und die Inseln (wobei den Anfang die Mitte macht), und es hat selbstverständlich alltagstaugliche Rezepte (wenngleich nicht immer so geradlinig überzeugend wie in seinem Cucina Povera).

Ein anderer empfehlenswerter Italienführer ist ebenfalls in Landscha en gegliedert: Il gusto d’Italia von Maria Pasquale (erschienen bei Prestel, 320 Seiten, € 30,90) ist schön, mit viel Landeskunde und wenigen, aber dafür erstklassigen Rezepten. Der Band Emilia-Romagna. Il cuore del gusto mutet wie ein vergrößerter Ausschnitt aus Pasquales Buch an. Diese Region zwischen Piacenza, Bologna und Rimini gilt als Kernland der italienischen Küche. Der deutsche Autor Ingolf Hatz hat zentrale Küchen der Region besucht und wichtige Rezepte dokumentiert: darunter fein Überraschendes wie eine Tarte tatin aus Melanzani oder Casarecce (kurze Nudeln) mit Radicchiocreme, aber auch Klassiker wie Pasta e fagioli. Alles kenntnisreich und informativ, und die beschriebenen Lokale wird es hoffentlich noch in vielen Jahren geben.

Zu den Splendido-Büchern braucht man nicht viel zu sagen, meint man. Aber Mercedes Lauenstein und Juri Gottschall schaffen

es jedes Jahr, wieder mit einer neuen Fortsetzung ihrer ästhetisch unerreichten ewigen italienischen Reise zu erfreuen. Heuer in Splendido. Aperitivo nicht nur mit allem Wissenswerten zu den Vorabendgetränken, sondern auch zu den klassischen kleinen Bissen, die man mit diesen Drinks zu sich nimmt, etwa Tramezzini-Rezepte (ich machte den Lachs bisher mit Frisée-Salat, aber Rucola klingt auch gut). Und der Anregung, das Tramezzini-Brot einmal selbst zu backen, werde ich folgen. Noch ein Pizzabuch? Und dazu von zwei Engländern, die eine Pizzakette gründeten, Pizza-Pilgrims, für die im Buch Pizza Napoli auch fleißig, allerdings erträglich britischironisch geworben wird? Ja, denn Dave Brown und die beiden Elliot-Brüder Thom und James lieben Neapel und seine Kultur, von Margherita bis Maradona, und das frische Design bringt das ebenso herüber wie die teils wirklich informativen Texte über Tomaten oder das mittlerweile ubiquitäre Caputo-Mehl. Oder einen Schildermaler, dessen Geschä kein Schild trägt. Die Thoms fanden ihn trotzdem und setzten ihm ihr Ketten-Käppi auf.

Mercedes Lauenstein,

Wenn wir schon geografisch reden: Südlich von Italien liegt Afrika. Und siehe, Jane Nshuti, geboren in Ruanda und längst exiliert, legt mit Tamu eine Art afrikanische Geografie vor. Nach Ländern gegliedert, präsentiert sich der riesige Kontinent so einmal von der kulinarischen Seite, ästhetisch und grafisch ansprechend, durchaus aber mit Verhaltensregeln. Kulinarik als Kulturau lärung. Der Kochbuchrezensent, jüngst unterwegs in Tansania, ist froh, dass er nicht an Speisen zu riechen pflegt – das gilt dort als verpönt. Die nötigen Zutaten bekommt man jederzeit, also nichts wie ran an die Töpfe und die Rezepte mit Bohnen und grünen Bananen probiert! Ähnliches gilt für Fusão, nur bewegen wir uns hier in Südamerika (oder auch für Anthony Ekizians Gaucho. Das ArgentinienKochbuch , Prestel, 320 Seiten, € 40,50, geschrieben von Anthony Ekizian, dem Chef einer Steak-Kette, mit vielen Infos über Argentinien.) Fusão-Autorin Ixta Belfrage wurde bekannt als Co-Autorin von Yotam Ottolenghi, der naturgemäß auch ihr Buch empfiehlt. Brasilianische Fusion-Küche, das wird spannend, und warum nicht einmal eine Papaya verarbeiten, zumal diese so schmecken soll wie Kürbis? Entdeckerfreuden garantiert.

Tahini Baby der in den USA lebenden Köchin, Moderatorin und Autorin Eden

Ixta Belfrage: Fusão. Untraditional recipes inspired by Brasil. Christian, 288 S., € 25,99

Seiser: Gut bei Hitze. Brandstä er, 192 S., € 32,–

Grinshpan mutet da schon fast vertraut an. Denn mit der israelischen Küche sind wir seit Ottolenghi oder, etwas näher, mit Neni gleichsam auf Du und Du. Hier wird sie uns handfest und praktikabel, aber durchaus seriös nahegebracht. Welche Art von Tahini (also Sesampaste) wir verwenden, ist nämlich ganz und gar nicht egal.

Damit schließen wir die geografische Abteilung und kommen zu zwei Werken von allgemeiner Schönheit, aber doch aktueller Anmutung. Katharina Seiser, bekannt unter anderem als Falter-Autorin, hat in Österreich längst das Erbe Christoph Wagners angetreten. Jedes Jahr ein Kochbuch, und trotzdem keines überflüssig, ist ihr Motto. Gut bei Hitze sagt schon im Namen alles, und der Klimawandel mit seiner zunehmenden Zahl von Hitzetagen erspart uns jede Erläuterung. Es ist nicht nur so, dass man, wie Oma forderte und es die Chinesen angeblich taten, an heißen Tagen heißen Tee trinken soll. Ob warm, ob kalt, hier findet man ausreichend Rat.

Max Strohe wiederum kocht in seinem Einstern-Restaurant Tulus Lotrek in Berlin und wurde bekannt durch seine Au ritte mit und gegen Tim Mälzer in der TV-Show „Kitchen Impossible“. Er kultiviert ein aufgeregtes, leicht räudiges, Berlin-PrenzlauerBergisches Image, und in seinem ersten Kochbuch Dirty Bistro enttäuscht er solche Erwartungen nicht. Da wird sehr de ig gekocht, natürlich mit Anspruch, und doch, na, eben räudig. Teilweise mundwässernd – das Sandwich mit Schweinskotelett und Sauerkraut! Vor anderem wieder graut dem Ösi, etwa wenn ein appetitlich doppelt paniertes Kotelett mit Jus und Mayonnaise übergossen wird – das ist für unsereinen, als würde man in Italien Pizza mit Pasta kombinieren. Aber Strohe kocht in Berlin, und dort ist anderes lustig.

Wer sich und seinen Körper vor solchen Exzessen nicht verschont, sich aber doch wieder entgi en und erholen möchte, der kommt an Fermentation nicht vorbei. Bekanntlich ist Darmkrebs im Mutterland des Kimchi, Korea, sehr selten. Es fehlt nicht an Werken zum Thema, aber der englische Ernährungswissenscha ler Tim Spector legt nun gleichsam die Fermentier-Bibel vor: Die Wissenscha der Fermentation kommt ohne ein einziges Bild aus. Es ist ein richtig schwergewichtiges Buch, enthält aber außer Grundsätzlichem alle Rezepte, die man zum Fermentieren braucht, von Apfelessig über Kimchi bis zu Wasserkefir und Kaffeekombucha. ARMIN THURNHER

Thom Elliot, James Elliot, Dave Brown: Pizza Napoli. Christian, 320 S., € 41,20. ET 3.4.
Katharina
Max Strohe: Dirty Bistro. Dorling Kindersley, 240 S., € 37,–. ET 27.3.
Jane Nshuti: Tamu – das vegane Afrikakochbuch. Prestel, 256 S., € 33,50
Eden Grinshpan, Rachel Holtzman: Tahini Baby. Christian, 320 S., 37,–. ET 5.6.
Ingolf Hatz: Emilia-Romagna. Il Cuore del Gusto. Christian, 224 S., € 31,50. ET 17.4.
Gennaro Contaldo: Gennaros Italia mia. Ars Vivendi, 250 S., € 30,90
Juri Go schall: Splendido. Aperitivo. DuMont, 192 S., € 33,50. ET 14.4.
Tim Spector: Die Wissenscha der Fermentation. DuMont, 400 S., € 26,50

Die Falter-Buchbeilage erhalten Sie gratis in folgenden Buchhandlungen

Wien

1. Innere Stadt

Aichinger Bernhard | Weihburgasse 16

ChickLit | Kleeblattgasse 7

Facultas im NIG | Universitätsstraße 7

FAKTory |Rathausstraße 21 Frick | Graben 27

Herder | Wollzeile 33

Thalia Kuppitsch | Schottengasse 4 Leo & Co. | Lichtensteg 1

Leporello | Singerstraße 7

Morawa | Wollzeile 11

Schaden | Sonnenfelsgasse 4

Tyrolia | Stephansplatz 5

2. Leopoldstadt

facultas.mbs an der WU | Welthandelsplatz 1/D2/1

Im Stuwerviertel | Stuwerstraße 42 Lhotzkys Literaturbuffet | Taborstraße 28

3. Landstraße

Laaber | Landstraßer Hauptstraße 33 Thalia | Landstraßer Hauptstraße 2a/2b

4. Wieden

Jeller | Margaretenstraße 35 INTU.books | Wiedner Hauptstraße 13

5. Margareten Buchinsel | Margaretenstraße 76

6. Mariahilf

Analog | Otto-Bauer-Gasse 6/1 Thalia | Mariahilfer Straße 99

7. Neubau

Posch | Lerchenfelder Straße 91 Walther König | Museumsplatz 2

8. Josefstadt

Bernhard Riedl | Alser Straße 39 Eckart | Josefstädter Straße 34 Lerchenfeld | Lerchenfelder Straße 50

9. Alsergrund

Facultas am Campus | Altes AKH | Alser Straße 4 List | Porzellangsse 36 Löwenherz | Berggasse 8 Oechsli | Berggasse 27 Orlando | Liechtensteinstraße 17 Yellow | Garnisongasse 7

10. Favoriten

Facultas Dombuchhandlung | Favoritenstraße 115

12. Meidling Frick | Schönbrunner Straße 261

13. Hietzing Kral | Hietzinger Hauptstraße 22

14. Penzing

Morawa Auhof Center | Albert Schweitzer Gasse 6

15. Rudolfsheim-Fün aus Buchcafé Melange | Reindorfgasse 42

Buchkontor | Kriemhildplatz 1

Thalia Bahnhof CityWien West | Europaplatz 1 16. O akring Margaritella | Ottakringer Straße 109

17. Hernals

Book Point 17 | Kalvarienberggasse 30

18. Währing Hartliebs Bücher | Währinger Str. 122

19. Döbling

Baumann | Gymnasiumstraße 58

Stöger-Leporello | Obkirchergasse 43

Thalia Q19 | Kreilplatz 1

20. Brigi enau

Hartleben | Othmargasse 25 Wittmann | Heinzelmanngasse 4

21. Floridsdorf

Bücher Am Spitz | Am Spitz 1 Kongregation der Schulbrüder | Anton-Böck-Gasse 20

22. Donaustadt

Freudensprung | Wagramer Straße 126

Seeseiten | Janis-Joplin-Promenade 6

Thalia | Donauzentrum | Wagramer Straße 94

23. Liesing

Lesezeit – Liesing | Breitenfurter Straße 358

In Mauer | Gesslgasse 8A

Frick EKZ Riverside | Breitenfurter Straße 372

Niederösterreich

Korneuburg | Hauptplatz 20, 2100 Korneuburg

Am Hauptplatz | Hauptplatz 15, 2320

Schwechat

Morawa | SCS, Galerie 27, 2334 Vösendorf

Kral | Elisabethstraße 7, 2340 Mödling

Valthe | Wiener Gasse 3, 2380 Perchtoldsdorf

Bücher-Schütze | Pfarrgasse 8, 2500 Baden

Papeterie Rehor | Theodor-KörnerPlatz 6, 2630 Ternitz

Hikade | Herzog-Leopold-Straße 23, 2700 Wiener Neustadt

Thalia | Hauptplatz 6, 2700 Wr. Neustadt

Mitterbauer | Wiener Straße 10, 3002 Purkersdorf

Kral | Wiener Straße 19, 3100 St. Pölten

Thalia | Kremser Gasse 12, 3100 St. Pölten

Fragner | Hauptplatz 12, 3250 Wieselburg

Schmidl | Obere Landstraße 5, 3500 Krems/Donau

Murth | Wiener Straße 1, 3550 Langenlois

Rosenkranz | Els 127, 3613 Els Kargl | Hauptplatz 13–15, 3830 Waidhofen/Thaya

Grohmann | Landstr. 27, 3910 Zwettl

Spazierer | Budweiser Straße 3a, 3940 Schrems

Frau Hofer | Bahnhofstr. 5, 3950 Gmünd

Oberösterreich

Alex | Hauptplatz 17, 4020 Linz

Buch plus | Südtiroler Str. 18, 4020 Linz

Bücher & Mehr | Klosterstraße 12, 4020 Linz

Fürstelberger | Promenade, 4020 Linz In der Freien Waldorfschule | Waltherstraße 17, 4020 Linz

Neugebauer | Altenberger Straße 69, 4020 Linz

Thalia | Landstraße 41, 4020 Linz

Buchhandlung Auhof | Altenberger

Straße 40, 4045 Linz-Auhof

Wolfsgruber | Pfarrgasse 18, 4240 Freistadt

Wurzinger | Hauptplatz 7, 4240 Freistadt

Obereder | Markt 23, 4273 Unterweißenbach

Ennsthaler | Stadtplatz 26, 4400 Steyr

Hartlauer | Stadtplatz 6, 4400 Steyr

Michael Lenk | Vogelweiderplatz 8, 4600 Wels

SKRIBO GmbH | Stadtplatz 34, 4600 Wels

Thalia | Schmidtgasse 27, 4600 Wels

Schachinger | Untere Stadtplatz 20, 4780 Schärding

poetenblau | Rinnholzplatz 4, 4810 Gmunden

Thalia | Pfarrgasse 11, 4820 Bad Ischl

Michael Neudorfer | Hinterstadt 21, 4840 Vöcklabruck

Schachtner | Stadtplatz 28, 4840 Vöcklabruck

Liebris Bücher&Wein | Bahnhofstr. 20, 4910 Ried

Thalia | Wohlmeyrgasse 4, 4910 Ried/Innkreis

Der Buchladen | Stadtplatz 15-17, 5230 Mattighofen

Salzburg

Bücher-Stierle | Kaig. 1, 5010 Salzburg

Motzko | Elisabethstr. 24, 5020 Salzburg

Facultas NAWI-Shop | Hellbrunner Straße 34, 5020 Salzburg

Morawa Höllrigl | Sigmund-Haffnergasse 10, 5020 Salzburg

Morawa SCA | Alpenstraße 107, 5020 Salzburg

Rupertusbuchhandlung | Dreifaltigkeitsgasse 12, 5020 Salzburg

Thalia | Europastraße 1, 5020 Salzburg

Morawa Shoppingcity Seiersberg | Top 2/2/12, 8055 Salzburg

Tirol

Haymon | Sparkassenplatz 4, 6020 Innsbruck

Studia | Innrain 52f, 6020 Innsbruck Wagner’sche | Museumstraße 4, 6020 Innsbruck

Tyrolia | Maria-Theresien-Straße 15, 6020 Innsbruck

Tyrolia | DEZ Einkaufszentrum, 6020 Innsbruck

Riepenhausen | Langer Graben 1, 6060 Hall in Tirol

Riepenhausen | Andreas-Hofer-Straße 10, 6130 Schwaz

Steinbauer, EKZ Cyta | Cytastraße 1, 6167 Völs

Zangerl | Salzburger Straße 12, 6300 Wörgl

Lippott | Unterer Stadtplatz 25, 6330 Kufstein

Tyrolia | Rathausstraße 1, 6460 Imst Tyrolia | Malserstraße 16, 6500 Landeck

Tyrolia | Rosengasse 3-5, 9900 Lienz

Vorarlberg

Ananas | Marktplatz 10, 6850 Dornbirn

Brunner | Marktstraße 33, 6850 Dornbirn

Rapunzel | Bahnhofstraße 12, 6850 Dornbirn

Brunner | Rathausstraße 2, 6900 Bregenz Ländlebuch | Strabonstraße 2a, 6900 Bregenz

Brunner | Konsumstraße 36, 6973 Höchst Tyrolia | Josef-Wolf-Platz, 6700 Bludenz

Burgenland

Thalia | Hauptstraße 39, 7000 Eisenstadt s’Lesekistl | Obere Hauptstraße 2, 7122 Gols

Pokorny | Schulgasse 9, 7400 Oberwart

Wagner | Grazer Str. 22, 7551 Stegersbach

Steiermark

Bücherstube | Prokopigasse 16, 8010 Graz

ÖH Unibuchladen | Zinzendorfgasse 25, 8010 Graz

Morawa Moser | Am Eisernen Tor 1, 8010 Graz

büchersegler | Lendkai 31, 8020 Graz

Morawa | Lazarettgürtel 55, 8025 Graz

Morawa | Shopping Center Seiersberg, Top 2/2/12, 8055 Seiersberg

Plautz | Sparkassenplatz 2, 8200 Gleisdorf

Morawa | Wiener Straße 2, 8230 Hartberg

Buchner | Hauptstraße 13, 8280 Fürstenfeld

Morawa | Hauptplatz 8, 8330 Feldbach

Morawa | Hauptplatz 6, 8530 Deutschlandsberg

Morawa | Mitterg. 18, 8600 Bruck/Muhr

Mayr | Kurort 50, 8623 Aflenz

Kerbiser | Wiener Straße 17, 8680 Mürzzuschlag

Morawa | Hauptplatz 14, 8700 Leoben

Morawa | Burggasse 10, 8750 Judenburg

Hinterschweiger | Anna Neumannstraße 43, 8850 Murau

Buch + Boot | Altausse 11, 8992 Altaussee

Kärnten

Heyn Johannes | Kramergasse 2, 9020 Klagenfurt

Morawa Kärntner Buchhandlung | Wiesbadener Straße 5, 9020 Klagenfurt

Besold | Hauptpl. 14, 9300 St. Veit/Glan

Morawa Kärntner Buchhandlung | Bahnhofsplatz 3, 9400 Wolfsberg

Morawa Kärntner Buchhandlung | 8.-Mai-Platz 3, 9500 Villach

Morawa Spittaler Stadtbuchhandlung | Tiroler Straße 12, 9800 Spittal am Millstätter See

Hubert Achleitner

Ewald Arenz

Bettina Baláka

Dominik Barta

Jürgen Bauer

Alex Beer

Clemens Berger

Nelio Biedermann

Birgit Birnbacher

Isabel Bogdan

Kirstin Breitenfellner

Josef Brainin

Alina Bronsky

Alex Capus

Dimitré Dinev

Didi Drobna

Nava Ebrahimi

Raphaela Edelbauer

Jens Eisel

Marc Elsberg

Leon Engler

Mareike Fallwickl

Milena Michiko

Flašar

Franziska Gänsler

Arno Geiger

Daniel Glattauer

Tommie Goerz

Lena Gorelik

Susanne Gregor

Andrea Grill

Sabine Gruber

Ulrike Haidacher

Nino Haratischwili

Bisher zu Gast im Buchpodcast: Besser lesen mit dem FALTER

Petra Hartlieb

Romy Hausmann

Elke Heidenreich

Jakob Hein

Ilse Helbich

Monika Helfer

Judith Hermann

Andreas Hepp

Elias Hirschl

Judith Holofernes

Hauke Hückstädt

Helge-Ulrike Hyams

Stefanie Jaksch

Elyas Jamalzadeh

Sebastian Janata

Julia Jost

Andreas Jungwirth

Nicola Kabel

Barbara Kadletz

Vea Kaiser

Daniel Kehlmann

Luca Kieser

Gertraud Klemm

Florian Klenk

Doris Knecht

Gabriele Kögl

Katharina Köller

Wlada Kolosowa

Christina König

Steffen Kopetzky

Martin Kordic

Jacqueline Kornmüller

Ute Krause

Daniela Krien

Susanne Kristek

Jarka Kubsova

Felix Kucher

Rolf Lappert

Jo Lendle

Micha Lewinsky

Jessica Lind Raimund Löw

Proschat Madani

Kristof Magnusson

Lilly Maier

Barbi Marković

Anna Maschik

Simone Meier

Dominika Meindl

Eva Menasse

Felix Mitterer

Margit Mössmer

Terézia Mora

Bernhard

Moshammer

Philipp Oehmke

Tanja Paar

Robert Palfrader

Susann Pásztor

Caroline Peters

Petra Pellini

Jürgen Pettinger

Khuê Phąm

Silvia Pistotnig

Erika Pluhar

Ursula Poznanski

Teresa Präauer

Felicitas Prokopetz

Doron Rabinovici

Julya Rabinowich

Edgar Rai

Tanja Raich

Lena Raubaum

Stefan Redelsteiner

Eva Reisinger

Caspar-Maria Russo

Thomas Sautner

Andreas Schäfer

David Schalko

Elke Schmitter

Gaea Schoeters

Sabine Scholl

Jasmin Schreiber

Claudia Schumacher

Simon Schwarz

Johanna Sebauer

Robert Seethaler

Nicole Seifert

Stefan Slupetzky

Heinrich Steinfest

Dirk Stermann

Gerhard Stöger

Isabella Straub

Judith Taschler

Toxische Pommes

Karina Urbach

Caroline Wahl

Sarah Welk

Benedict Wells

Daniel Wisser

Iris Wolff

Takis Würger

Dita Zipfel

Die Wiener Buchhändlerin Petra Hartlieb im Gespräch mit Autorinnen und Autoren über das Lesen, das Schreiben und das Leben an sich.

Alle Folgen auf falter.at/buchpodcast und überall dort, wo Sie Podcasts hören.

Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
FALTER Bücherfrühling 2026 by Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. - Issuu