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HEUREKA 6/17

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HEUREKA #62017 Altruismus Welchen Stellenwert hat er in der Evolution?

FOTO: UNHCR / ACHILLEAS ZAVALLIS

Österreichische Post AG, WZ 02Z033405 W, Falter Zeitschriften GesmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien

D A S W I S S E N S C H A F T S M A G A Z I N A U S D E M F A LT E R V E R L A G

Was ist Altruismus wert? Ökonomen wie Ernst Fehr oder Philippe Tobler forschen über prosoziales Verhalten. Seiten 8/14

Kooperation statt Technik Nicht Technologie, sondern Kooperation wird die Menschheit retten, meint Martin Nowak. Seite 20

Altruismus im Islam Ein Imam und ein Religionswissenschafter über Selbstlosigkeit unter Muslimen. Seite 18


Die App zum Essen. Wiens bester Lokalführer mit über 2.000 Bundesländer-Tipps.


in tro d u k tio n   :   h eu r e ka 06/17   FALTER 46/17  3

Christian zillner

A u s d e m I n h a lt

:  e d i to r i a l

Dr. phil. Kater Zu Egoisten werden wir im Lauf der Erziehung  Seite 8

Fotos: Karoline wolf, Andrew McConnell, Markel Redondo (2)

Was bringt es, wenn man den Dalai Lama in einen Kernspintomografen steckt? Entdeckt man das Gute in einer Gehirnregion?

Kopf im Bild  Seite 4 Miriam Unterlass von der TU Wien erzeugt organische ­Hochleistungsmaterialien ohne giftige Chemikalien

Was ist Altruismus wert?  Seite 14

Die Neuroökonomie hat ein ­altruistischeres Menschenbild als die klassische Ökonomie

Altruismus im Islam  Seite 18

Nachhaltig wirtschaften: miteinander  Seite 12 Ein Unternehmer stellt auf ­Gemeinwohlbilanz um und hat damit Erfolg

Gibt es im Islam so etwas wie Nächstenliebe? Ja, meint ein Imam

Kooperation statt Technologie  Seite 20

Der Evolutionstheoretiker ­Martin Nowak erklärt die Bedeutung von Kooperation für unser Überleben

Thema dieser Ausgabe: Altruismus  Seite 10 Wir zeigen dazu Fotos von Menschen auf der Flucht, ­denen geholfen werden muss

Glossar und Bücher zum Thema   Seite 22

Philosophen über das Gutsein

Gedicht   Seite 23

Lew Rubinsteins Stufenleiter

Altruismus für Milliardäre  Seite 16 Reiche Philanthropen ­wollen viel Gutes tun. Doch was ­bewirken sie damit?

„Kann ich meinen Kater ­außer Haus lassen, wenn er andere ­Katzen tyrannisiert?“ So fragt eine Leserin den Ethicist der New York Times. Er, in Gestalt des PrincetonProfessors Kwame ­Anthony ­Appiah, versucht Antworten auf Fragen zu geben, die man als ­„ethische“ ­bezeichnet. Sein Kollege Peter Singer hat auch schon für diese Kolumne geschrieben. Seine Ethik erschien den ­Lesern der Zeitung allerdings zu … jedenfalls wurde ihm die ­Kolumne entzogen. Ethik muss amerikanisch bleiben. Der in ­Ghana ­geborene Appiah scheint dem eher zu entsprechen. Was aber ist nun mit der Macho-­Katze? Schwierig, meint Appiah, Philosophen haben sich mit Katzen immer schon schwer getan. So jammerte Jeremy Bentham, Begründer des Utilitarismus (den Singer heute weiterdenkt), einer seiner Kater verfüge über außergewöhnliche Intelligenz, sei aber ­moralisch ein schrecklicher Despot und unerträglich. Zum Ausgleich lehrte er einen anderen, Makkaroni vom Tisch zu essen und verlieh ihm dafür ein Doktorat. Jasper, so heißt die ­Terrorkatze, wird von vielen Nachbarn geliebt, da sie zu ihnen sehr freundlich ist – nur fürchten sie halt um ihre eigenen Katzen. Appiah ist ratlos. Einen Philosophieprofessor matt zu setzen, verdient eigentlich ein Doktorat. Jasper Kater, PhD.

:  g a st ko m m e n ta r

ÖFG: Für mehr Wissenschaftlichkeit im öffentlichen Diskurs

Foto: Faruk Pinjo

markus vago

Die Österreichische Forschungsgemeinschaft feiert heuer ihr vierzigjähriges Bestehen. Nicht nur die Forschungslandschaft, auch die Förderlandschaft hat sich in dieser Zeit in Österreich stark gewandelt. So hat sich auch das Angebot der ÖFG stetig weiterentwickelt. Als einzige von Bund und Ländern getragene Forschungsinitiative versucht die ÖFG, der Wissenschaft mit ihren Fördermitteln gezielte Impulse zu geben. Sie fördert einerseits Forschungsvorhaben in zukunftsträchtigen und interdisziplinären Gebieten und widmet sich anderseits mit ihren Förderprogrammen dem wissenschaftlichen Nachwuchs sowie der interdisziplinären Zusammenarbeit von Forschern und Forscherinnen. Drei Schwerpunkte bestimmen unsere Arbeit: 1. Nachwuchsförderung: Um den wissenschaftlichen Nachwuchs in

Österreich zu motivieren und damit den Forschungsstandort mitzusichern, ist es wichtig, jungen Menschen eine international vernetzte Karriere zu ermöglichen. Mithilfe der Förderprogramme der ÖFG können Nachwuchswissenschafter in der frühen Phase ihrer wissenschaftlichen Laufbahn auf finanzielle Unterstützung zählen. Die Nachwuchsförderung ermöglicht, ihre Forschungsergebnisse auf internationalen Konferenzen zu präsentieren, Forschungsaufenthalte anzunehmen, oder

Markus Vago ist ­Generalsekretär der Österreichi­schen Forschungs­ gemeinschaft

wissenschaftliche Publikationen zu realisieren. 2. Die Arbeitsgemeinschaften: Die interdisziplinär und interuniversitär organisierten Arbeitsgemeinschaften ermöglichen der ÖFG, frühzeitig neue Forschungscluster und wissenschaftspolitische Themenfelder für eine breite Öffentlichkeit aufzubereiten, um gesellschaftspolitische Diskurse wissenschaftlich und evidenzbasiert zu flankieren. 3. Forschungs- und Hochschulpolitik: Neben der Ausrichtung des Österreichischen Wissenschaftstages versucht die ÖFG, mit hochschulpolitischen Workshops und Tagungen Themen im Diskurs für den Wissenschaftsstandort Österreich weiterzuentwickeln und Anstöße zur Verbesserung der strukturellen Voraussetzungen für Forschung und Lehre zu geben.

Das Herzstück der Österreichischen Forschungsgesellschaft ist der ehrenamtlich engagierte Wissenschaftliche Beirat. Er sorgt ­dafür, dass die zur Verfügung gestellten Mittel unbürokratisch, aber qualitätsgesichert bei den Wissenschaftern ankommen. Gerade angesichts postfaktischer Tendenzen in öffentlichen Diskursen ist es umso wichtiger, dass sich Initiativen wie die ÖFG in selbstbestimmter, unabhängiger und gemeinwohlorientierter Weise einbringen. Die ÖFG vereinigt eine große Zahl renommierter Persönlichkeiten der österreichischen Wissenschaft aus den verschiedensten Disziplinen und ist damit prädestiniert dafür, aus der Sicht ihrer Forschung zu grundsätzlichen und gesellschaftspolitischen Fragen Stellung zu nehmen – und dies hoffentlich noch weitere vierzig Jahre.


4  FALTER 46/17   h eur eka 06/17  :   p ersönl ic h k e ite n

:  ko p f i m b i l d

Grünes Material Wer kann sich noch eine Welt ohne Satelliten, Flugzeuge oder Computer vorstellen? Das ­Material dafür lässt sich oft nur mit großem Aufwand und unter Einsatz hochgiftiger Zusatzstoffe produzieren. Miriam ­Unterlass vom Institut für Material­chemie der TU Wien geht einen anderen Weg: Sie erzeugt organische Hochleistungsmaterialien unter hohem Druck in heißem Wasser. „Wir verwenden Wasser als Lösungsmittel“, erklärt die ­Chemikerin. Das Verfahren ist Vorgängen in der Erdkruste nachempfunden. Während gängige Methoden teure und giftige Lösungsmittel und Katalysatoren erfordern, entwickelt ihre Arbeitsgruppe auf diese Weise grüne Materialien. Dafür bekam sie einen START-Preis des FWF. „Wir versuchen einen ­Spagat zwischen umwelt- und gesundheitsfreundlichen Synthesen und verbesserten Materialeigenschaften.“ Zu Recht erlaube der ­Gesetzgeber keine schädlichen Herstellungsverfahren mehr. „Ich wünsche mir, dass wir künftig mit noch höher entwickelten und grüneren Werkstoffen unseren gesellschaftlichen Beitrag leisten können.“ Text: Uschi Sorz Foto: Karoline wolf

:  j u n g fo rs c h e r i n n e n   uschi sorz

Raffaela Torggler, 26 Ihr Interesse für Detailfragen führte sie im ­Biologiestudi­um schon bald zur Molekularbiologie. „Molekulare Zellbiologie fand ich letztlich am spannendsten“, sagt sie. „Es ist faszinierend, wie eine ­Zelle alle Abläufe in sich selbst steuert und reguliert.“ Ihre Dissertation beschäftigt sich mit der körpereigenen zellulären „Müllabfuhr“, genannt Autophagie. Seit dem Nobelpreis für Yoshinori Ohsumi für die Entdeckung ihrer Grundlagen ist sie in aller Munde. „Wenn sie nicht richtig funktioniert, kann das zu Krebs und neurodegenerativen Krankheiten führen“, so Torggler. Sie forscht an einem zentralen Regulator dieses Prozesses, dem Protein Atg1. „Es sorgt dafür, dass Autophagie nur am richtigen Ort und zur richtigen Zeit ausgelöst wird.“ Das ist wichtig, damit die Zelle wirklich nur defekte Bestandteile und nichts Lebenswichtiges abbaut.

Levent Bas, 31 „Ich staune, wie all diese winzigen Mechanismen in unseren Zellen funktionieren und bin froh, an deren Erforschung beteiligt zu sein“, sagt Bas. Nach dem Bachelor in Molekularbiologie und dem Master in Biochemie in Istanbul führte ihn sein Weg über Schweden nach Österreich, wo er nun in der Autophagie-Arbeitsgruppe von ­Claudine Kraft an seinem Doktor arbeitet. ­Dabei nimmt Bas vor allem den Transportweg des Zellmülls unter die Lupe: „Nachdem er als solcher erkannt worden ist, wird er in eine Art zellulären Müllsack, das Autophagosom, verpackt und dann zum Organell Lysosom gebracht, das für den Abbau verantwortlich ist.“ Um diesen Schritt studieren zu können, hat er eine neue Methode entwickelt. „Man muss viele kleine Forschungsergebnisse kombinieren, um komplexe Mechanismen zu verstehen.“

David Hollenstein, 28 Obwohl er von der Handelsakademie kam, wollte er immer in die Naturwissenschaft. Seinen Master machte er in molekularer Biologie mit Schwerpunkt Biochemie an der Universität Wien. Eine prägende Zeit, weil sie ihn mit der Grundlagenforschung in Kontakt brachte. Als technischer Assistent bekam er die Möglichkeit, sich auf Massenspektrometrie zu spezialisieren. „Mit dieser Methode kann man die genaue Masse von Proteinen bestimmen“, erklärt der Vorarlberger. „So kann man feststellen, welche Proteine in einer Probe vorhanden sind, oder die Proteinmenge zweier Proben vergleichen.“ Die Massenspektrometrie spielt auch bei seiner Forschung zur Autophagie eine wichtige Rolle. „Die ist ja ein komplexes Zusammenspiel von Proteinen. In meiner Dissertation untersuche ich das Netzwerk der beteiligten Interaktionen.“

Fotos: Privat

Zellen entsorgen ihren Abfall, indem sie ihn selbst verdauen. Mit den Mechanismen dahinter beschäftigen sich Forscher an den Max F. Perutz Laboratories der Uni Wien


Ko m m e n ta r e   :   h eu r e ka 06/17   FALTER 46/17  5

emily walton

martin haidinger

Florian Freistetter

EU -Altruismus

Liebe lässt sich nicht verordnen

Rührt euch!

Nach wahren Altruisten muss man in der Hauptstadt der Lobbyisten womöglich lange suchen: Es dürfte nur äußerst selten vorkommen, dass in Brüssel jemand seine Stimme aus völlig uneigennützigen Motiven für eine Sache einsetzt bzw. abgibt. Die Frage ist: Wie streng darf oder muss man es mit dem Altruismus in der (europäischen) Politik nehmen? Kann man voraussetzen, dass jemand auf dieser Bühne lupenrein selbstlos handelt? Der Duden definiert Altruismus als Antonym zu Egoismus. Zwischen Eigennutz und Selbstlosigkeit liegt wohl, was man von ordentlichen Politikern auf europäischer Ebene erwarten kann: Das Gemeinwohl soll im Mittelpunkt stehen und nicht der eigene Vorteil. Selbst wenn das Handeln davon geleitet ist, dass man vom größeren gemeinsamen Ganzen auch selbst profitiert. Damit lässt sich dann „zu Hause“ auch wieder gut argumentieren, vor allem, wenn man in der Europäischen Union zu den Nettozahlern zählt. Gern wird dann davon gesprochen, dass aus jedem Euro, den man in das EU-Budget einzahlt, über Umwege mehrere Euros werden. Oder man legt es gleich ganz grundsätzlich an und sieht die Sicherung des Friedens als Nutzen der EU – für etwas, das im Grunde unbezahlbar ist, scheint jeder Cent gut angelegt. Mitunter gestaltet sich das Erklären nach diesem Muster auch schwierig: Wie soll man jemandem in Gramatneusiedl schlüssig erklären, dass es auch in seinem Interesse ist, Milliarden nach Griechenland zu überweisen, um dort den Staatsbankrott und das Ausscheiden aus dem Euro zu verhindern? Wie will man jemandem in Wien weismachen, dass weitere Milliarden nach Zypern fließen sollen, obwohl man davon ausgehen kann, dass auf den dortigen Banken größtenteils Schwarzgeld, größtenteils aus Russland gebunkert wird? Was passiert, wenn der Glaube an den eigenen Nutzen aus dem Gemeinwohl verloren geht, hat man in Großbritannien gesehen: Dort hat es im Wahlkampf vor der „Brexit“-Volksabstimmung gereicht, eine ganz einfache Rechnung aufzustellen: Wir, die Briten, überweisen pro Woche soundso viele Millionen Pfund nach Brüssel. Wenn wir nicht mehr dabei sind, können wir das Geld für etwas anderes verwenden. So einfach ist es natürlich nicht – aber simpel genug war es, um zumindest jene Briten anzusprechen, bei denen der innere Egoist den Altruisten übertönt.

Heute, werte Lesegemeinde, werde ich Haidingers Hort der Wissenschaft einmal in einen gepflegten Zitatenfriedhof verwandeln. Zu Wort kommen dabei zwei höchst gegensätzliche Philosophen, die allerlei zur zwischenmenschlichen Lebensgestaltung zu sagen hatten. Anfang der 1980er Jahre sprach der Philosoph Sir Karl Popper beim Europäischen Forum Alpbach in einem Vortrag zur „Erkenntnis und Gestaltung der Wirklichkeit“ über seine „Drei-Welten-­Theorie“. Sie kennt neben der „Nummer eins“, der physischen Welt, und der „Nummer zwei“, dem persönlichen Bewusstsein, auch noch eine Welt „Nummer drei“, jene der geistigen Inhalte. Sie existieren für Popper unabhängig und objektiv: nämlich Ideen und Theorien. Das konstruktive Wechselspiel von Welt Nummer zwei und Welt Nummer drei unterscheide laut dem Philosophen den Menschen vom Tier. Zitat: „Vom biologischen Standpunkt der natürlichen Auslese ist die Hauptfunktion des Geistes und der ‚Welt drei‘, dass sie die Anwendung der bewussten Kritik möglich machen, und damit die Auswahl der Theorien ohne die Tötung ihrer Träger. Bis dorthin wird die Auswahl der Theorien dadurch vollzogen, dass die Tiere, die irgendeine Theorie formuliert haben, oder eine Mutation darstellen (denn jede Mutation kann als Theorie interpretiert

Wissenschafter, Wissenschafterinnen müssen sich häufiger öffentlich zu Wort melden – das habe ich an dieser Stelle schon oft gesagt. Doch habe ich mich dabei auf die wissenschaftliche Öffentlichkeitsarbeit bezogen. Sie ist wichtig und wird noch immer nicht so ernsthaft verfolgt, wie es der Fall sein sollte. Aber neben der Kommunikation mit der wissenschaftsinteressierten Öffentlichkeit gibt es auch andere Gründe, den sprichwörtlichen Elfenbeinturm zu verlassen. Etwa die Politik. In den USA steht seit mehr als einem Jahr ein Mann an der Spitze des Staates, der massive Probleme damit hat, Erkenntnisse der Wissenschaft zu akzeptieren. In Österreich verhandeln zwei Parteien über die Bildung einer Koalition, in der Klimawandelleugner zu Ministerämtern kommen sollen. In Deutschland ist bei der letzten Wahl mit der AfD eine weitere, tendenziell wissenschaftsfeindliche Partei mit irrationalem Weltbild in den Bundestag eingezogen. Kurz gesagt: Die Politik steht der Wissenschaft immer öfter feindlich gegenüber. Das ist ein großes Problem, denn viele Entscheidungen für unsere Zukunft haben ganz direkt mit der Wissenschaft zu tun (Klimaschutz, Energiewende, ,grüne‘ Gentechnik, etc). Es ist daher gefährlich, wenn sich die Forschergilde weiterhin aus dem politischen Diskurs heraus hält. Natürlich gilt, dass die wissenschaftliche Arbeit aus sich selbst heraus motiviert sein muss und nicht auf politischen Zuruf zu erfolgen hat. Aber wenn sich diejenigen, welche das Volk vertreten und Entscheidungen für unsere Gesellschaft treffen, immer wieder nicht an der Realität und den objektiven Erkenntnissen der Forschung orientieren, sondern an einem falschen oder ideologisch verzerrten Bild dieser Forschung, dann darf nicht mehr geschwiegen werden! Die Wissenschafter müssen ihre Disziplin auch öffentlich gegen die Angriffe aus den Reihen der Politik verteidigen. Wissenschaftliche Falschaussagen von Politiker und Politikerinnen müssen an- und in der Öffentlichkeit aufgegriffen werden. Denn sonst wird die Wissenschaft noch weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Oder degeneriert im schlimmsten Fall zum ideologischen Gehilfen einer populistischen Politik.

:  b r i e f au s b rü ss e l

:  h o rt d e r w i ss e n s c h a f t

:  f r e i b r i e f

werden), getötet werden.“ Welch großartige Errungenschaft, auch den Unterlegenen am Leben zu lassen! Erst so wird ein Wettstreit der Ideen ohne Austoben des Killerinstinkts möglich. Es kann ein Konsens gefunden und bisweilen können sogar Koalitionen geschlossen werden. Dass unsere Welt freilich selbst bei aller größtmöglichen Toleranz keine werden kann, in der sich alle liebhaben, wusste ein anderer Philosoph, der Sir Popper nicht gerade nahestand, der große Held der Neuen Linken, Theodor Ludwig Wiesengrund Adorno. Zitat: „Vielleicht ist die Wärme ­unter den Menschen, nach der alle sich sehnen, außer in kurzen Perioden und ganz kleinen Gruppen, vielleicht auch unter manchen Wilden, bis heute überhaupt noch nicht gewesen.“ Woran sich seit dem Ende von Adornos 1960er Jahren wohl nichts geändert hat. Liebe lässt sich nicht verordnen. Aus einem komplexen Gesellschaftsgefüge kann man äußerstenfalls kühle Toleranz herausholen und das ist schon schwierig genug. Kann andererseits allgemeiner Altruismus durch grenzenlose Toleranz erwachsen? Toleranz auch jenen gegenüber, die selbst Intoleranz und eine totalitäre Ideologie oder Religion als Programm haben? Ich sage heute einmal ganz humorlos: Nein.

Zeichnung (ausschnitt)

:  F i n k e n s c h l ag   Handgreifliches von tone fink tonefink.at

Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/ astrodicticum-simple


6  FALTER 46/17   h eur eka 06/17  :   Nac h r i c h te n

Seiten 6 bis 9 Wie Wissenschaft in ­unsere ­alltäglichen Lebensumstände eingreift und sie verändert

:  M e d i z i n

Das geht nicht mehr so auf die Galle Neue Operationsmethoden bei der Entfernung der Gallenblase Dieter Hönig

Mit rund 20.000 Eingriffen pro Jahr zählt die Entfernung der Gallenblase zu den häufigsten Operationen in Österreich. Operationstechnische Fortschritte sowie die Frage „tagesklinisch oder mit zwei Nächten stationär?“ bringt sie aktuell in den Fokus. „Die Entlassung des Patienten am Tag der Operation wurde erst durch immer verfeinertere OP-Methoden, speziell durch Reduced-PortTechniken und durch ein optimales Schmerzmanagement ermöglicht“, erklärt Andreas Shamiyeh, Vorstand der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum Linz. Sein Team kommt mit zwei winzigen Operationsöffnungen aus und ermöglicht damit Patienten eine raschere und leichtere Erholung. „Infektionsgefahr, Komplikationsrisiko und Schmerzen sind bei Schlüssellochtechniken erwiesenermaßen deutlich geringer“, weiß Alexander Klaus, Vorstand der Chirurgie

­ ndreas A ­Shamiyeh, Uniklinik Linz am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Wien: „Dies beweisen zahlreiche Studien und auch unsere eigene Erfahrung.“ Erleichtert wird die chirurgische Feinarbeit durch das Octoport-System, das Operationsbesteck und OP-Kamera selbst bei kleinsten Bauchöffnungen optimale Bewegungsfreiheit ermöglicht.

:  B r i e f au s C a mb r i d g e

:  m at h e m at i k

Wie altruistisch kann eine Elite-Universität sein?

Leukozyten kriechen auf Füßchen

Erasmus-Stipendiat und Bachelor-Student Lukas Schöppl schreibt vom Jesus College der Universität Cambridge über britische Eliteausbildung

Christian Schmeiser ­berechnet, wie sich Abwehrzellen bewegen

Lukas Schöppl

Uschi Sorz

Neben prestigeträchtigen Colleges, den atemberaubenden Gebäuden und der exzellenten Lehre ist die Uni Cambridge auch für ihre Student-Societies bekannt. Für alle denkbaren Aktivitäten gibt es eine Society. Neben den Sportarten, allen voran Rudern, Rugby und Real Tennis gibt es die elitären Drinking Societies sowie ein paar Exoten. So kann man Mitglied der „Massage Society“ werden, oder in der „Bell Ringing Society“ die Glocken läuten lassen. Wohltätige rekrutieren auf der Society-Messe „Freshers’ Fair“ neue Mitglieder. Eine davon ist die „Effective Altruism Society“. Effektiver Altruismus ist eine philosophische Denkschule, die von Philosophen wie Peter ­Singer und Thomas Pogge gepredigt und praktiziert werden. Dahinter steckt die Idee, Zeit und Geld einzusetzen, um die größtmöglichen positiven Auswirkungen auf sein Umfeld zu bewirken, etwa mit Spenden.

Die altruistische Maxime: Das Leben möglichst vieler besser machen. Ein Unterfangen, das mit den Einstiegsgehältern nach einem Abschluss von Oxbridge mehr als machbar scheint. In der Praxis bewirkt dieses earning-to-give-­Prinzip potenziell Ungerechtigkeit. Man strebt eine steile Karriere an und ist womöglich bereit, dies in einem unethischen Konzern zu tun. Das Paradoxon wird konkret, wirft man einen Blick auf die Investitionen von Colleges der Oxbridge-Unis in Unternehmen. Wie die Uni-Zeitung The Tab aufdeckte, flossen rund 1,4 Millionen Pfund vom Homerton College allein in direkten Beteiligungen an den Ölkonzern „National Oilwell Varco“. Das Selwyn College, an dem Schauspieler Hugh Laurie seine Studienzeit verbracht hat, investiert jährlich 830.000 Pfund in den Tankstellengiganten „Shell“. Nicht sehr altruistisch.

:  M i g r at i o n

Migration gibt es immer schon. Wir wollen sie auch in Europa besser verstehen Über Jahrzehnte haben sich komplexe migrationspolitische Systeme zur Steuerung dieses globalen sozialen Phänomens entwickelt sophie hanak

„Wir haben an der Uni Oxford diverse migrationspolitische Instrumente und Maßnahmen untersucht und anhand länderübergreifender Daten herausgefunden, dass die Rolle der Migrationspolitik zur Steuerung von Migrationsströmen überschätzt

Mathias ­Czaika, Donau-Uni Krems wird“, sagt Mathias Czaika, seit Kurzem Leiter des Departments für Migration und Globalisierung an der Donau-Uni Krems. Er war zuvor Direktor am International Migration Institute in Oxford. „Es ist wichtig, Migrationsprozesse global zu untersuchen. Migration ist Teil sozialer Transformationen und

wird durch Faktoren wie ökonomische Ungleichheit, soziale Netzwerke oder räumliche Unterschiede in Lebensund Bildungschancen angetrieben.“ Restriktive Maßnahmen wirken zwar migrationsreduzierend, führen aber auch zu unerwünschten Nebeneffekten wie der Zunahme irregulärer Zuwanderung. Migration war und ist in allen Gesellschaften eine normale soziale Realität, auch in Europa. „Neu ist, dass sich Europa vom Abwanderungs- zum Zuwanderungskontinent entwickelt hat. Viele Menschen wollen heute ihre gesellschaftliche Homogenität und Identität bewahren, die sich zwar durch Zuwanderung verändert, aber viel mehr durch die fortschreitende Globalisierung und Pluralisierung beeinflusst wird. Migrationspolitik ist daher oftmals Symbolpolitik, die eher einem politischen als einem gesellschaftlichen Zweck dienen soll.“

Wo Experimente an ihre Grenzen stoßen, ist die Mathematik gefragt. „Wenn ich ein fahrendes Auto sehe, weiß ich noch längst nicht, warum es fährt“, verdeutlicht ­Christian ­Schmeiser die Rolle seines Fachs als Werkzeug für die Naturwissenschaften.

Christian Schmeiser, Universität Wien „Und öffne ich die Motorhaube, ist da bloß ein Haufen unbewegter Teile. Wie soll ich verstehen, wie das funktioniert?“ Ähnlich sei es in der Zellbiologie. „Ich kann eine eingefrorene, also tote Zelle unter ein Elektronenmikroskop legen und Informationen über ihre Bestandteile und ihren Aufbau bekommen. Wie sie sich bewegt, erfahre ich so aber nicht.“ Schmeiser, Professor an der Fakultät für Mathematik der Universität Wien, beschäftigt sich mit mathematischen Modellen für biologische Vorgänge. Seine Berechnungen und die Beobachtungen der Biologen stehen in ständiger Wechselwirkung. In einem WWTF-Projekt in Kooperation mit dem Institute of Science and Technology modelliert sein Team die Bewegungsmuster der weißen Blutkörperchen (Leukozyten). Leukozyten sind wichtig für die Immunabwehr. Wo immer es Krankheitserreger zu zerstören gilt, kriechen sie hin – und das buchstäblich. Die meisten Zellen bilden Füßchen, die an Oberflächen haften, und ziehen den Körper nach. Leukozyten kommen in einer eingeschränkten Umgebung ohne Anhaftung aus. Dass sie sich so ungewöhnlich weiterschieben, hat man erst kürzlich entdeckt. „Das ist wie beim Eisklettern in einem Kanal mit breiteren und engeren Stellen“, so Schmeiser. „Obwohl das Eis keinen Halt bietet, kann man sich mit den Ellbogen hinaufhangeln.“ Die Bewegung der Leukozyten beginne, sobald etwas Struktur vorhanden ist. Schmeiser ist fasziniert von „der mathematischen Beschreibung als Konzentration auf die Essenz natürlicher Phänomene“. Als völlig eigenständiges Gedankengebäude brauche die Mathematik die Verbindung zur Natur zwar nicht. „Für mich ist die Motivation von außerhalb aber essenziell.“

Fotos: MAYER TOM LEONDING, Donau-Uni Krems / Marion Lanser, Privat

nachrichten aus forschung und wissenschaft


N ac h r ic h te n   :   h eu r e ka 06/17   FALTER 46/17  7

:  e vo lu t i o n s b i o lo g i e

Warum helfen wir einander – oder auch nicht? Menschen, Tiere und sogar Bakterien sind in der Lage, altruistisch zu handeln, ohne daraus einen offensichtlichen Vorteil zu ziehen sophie hanak

Fotos: Alex Munteanu, Privat, Université de Neuchâtel

„Biologisch definiert ist Altruismus jene Handlung, mit der man anderen hilft, die aber die individuelle, gene­ tische Fitness reduziert. Altruismus bringt Kosten, aber keinen unmittelba­ ren Nutzen“, erklärt der österreichische Verhaltensbiologe Michael ­Taborsky. Er forscht seit bald zwanzig Jahren an der Universität Bern. Hier leitet er das In­ stitut für Ökologie und Evolution. Sei­ ne Abteilung arbeitet mit verschiede­ nen Modellorganismen, um Altruis­ mus evolutionsbiologisch zu erklären. Die Ambrosiakäfer brüten in Grup­ pen und helfen einander bei der Auf­ zucht der Jungen. Erklären lässt sich dies mit der Verwandtenselektion: die Helfenden tragen einen Nutzen da­ von, weil letztendlich auch ihre Gene in den Nachkommen der Geschwis­ ter weitergegeben werden. „Anders als etwa Ameisen verzichtet bei dieser Kä­ ferart kein Individuum auf die Fort­ pflanzung. Entscheidend hierfür ist ihre instabile Umwelt. Die Käfer leben in abgestorbenen Bäumen und züch­ ten Pilze. Die Bäume werden nach ein paar Jahren von Mikroorganismen

zerfressen. Dann müssen sich die Käfer einen neuen Baum suchen“, sagt Taborsky. Warum aber helfen Tiere einander, wenn sie nicht verwandt sind? Rund fünfundzwanzig Buntbarscharten des Tanganjika-­Sees brüten kooperativ in Gruppen. In diesen Gruppen pflegen Fische nicht-verwandte Nachkommen und verzögern ihre eigene Fortpflan­ zung. Dies ist durch das Prinzip der Reziprozität erklärbar. „Die helfenden Fische haben einen Nutzen, weil sie in der Gruppe etwa vor Räubern be­ schützt werden. Durch die Helfenden gibt es mehr Nachkommen“, erklärt Taborsky. Ausschlaggebend ist die Umgebung. „Wir haben herausgefunden, dass die Fische bei niedrigem Raubdruck frü­ her abwandern, um sich selbst fort­ zupflanzen. Umgekehrt, wenn es vie­ le Räuber gibt, wird die Abwanderung verzögert. Auch bei Ratten stellte man fest, dass sie nicht nur hilfsbereit sind, weil ihnen vorher ein bestimmter Part­ ner, sondern weil ihnen irgendjemand geholfen hat“, sagt Taborsky.

Prosoziales Verhalten wurde auch bei verschiedenen Affenarten gefunden. „Aber nicht etwa bei unseren nächs­ ten Verwanden, den Schimpansen, sondern bei den zu den Neuweltaffen zählenden Krallenäffchen“, erzählt Lisa Horn vom Department für Kogniti­

Lisa Horn, Universität Wien onsbiologie der Universität Wien. Die Ursache für dieses Verhalten dürfte, wie auch bei Menschen, die koopera­ tive Aufzucht der Jungen durch die El­ tern, andere Verwandte und nicht-ver­ wandte Individuen sein. „Wir wollten diese Theorie auch bei der Familie der Rabenvögel testen, nämlich an Krähen, Raben und Blau­ elstern. Die Blauelstern sind koopera­ tive Brüter, von denen man aus dem Freiland weiß, dass sie einander helfen,

während bei den Raben und Krähen die Eltern ihre Jungen allein großzie­ hen“, erkärt Horn. Bei Primaten war der Versuchsauf­ bau so angelegt, dass ein Affe einem Artgenossen dazu verhalf, Futter zu bekommen und dabei selbst leer aus­ ging. „Bei den Vögeln wollten wir den Versuchsaufbau so ähnlich wie mög­ lich anlegen“, sagt Horn. Die Ergeb­ nisse waren überraschend eindeutig: Blauelstern helfen ihren Artgenossen fast bis zu hundert Prozent. Raben und Krähen waren viel weniger groß­ zügig. Dieses Ergebnis bekräftigt die Hypothese, dass die gemeinsame Jun­ genaufzucht prosoziales Verhalten bei Tierarten fördert. Auch Untersuchungen an Men­ schen zeigen, dass sie umso hilfsberei­ ter werden, je öfter sie Hilfe erfahren haben. „Erfahrene Hilfe macht hilfs­ bereiter. Wenn man Menschen dazu motivieren möchte, einander zu hel­ fen, dann muss man sie öfter in die ­Situation bringen, dass ihnen selbst geholfen wird“, meint dazu Verhal­ tensbiologe Taborsky.

: ko g n i t i o n s b i o lo g i e

:  m e e r e s b i o lo g i e

Kooperieren Männer am liebsten nur mit anderen Männern?

Kleine Putzerfische zeigen eine große Kundenorientierung

Eine Studie Wiener Kognitionsbiologen ergibt, dass Männer eher mit anderen Männern zusammenarbeiten – auch öfter als Frauen mit Frauen

Sie bedienen pro Tag bis zu 2.000 Kunden und müssen dabei vorsichtig zu Werke gehen. Zwicken sie nämlich, haut der Kunde ab

jochen stadler

jochen stadler

Männer kooperieren untereinander lieber als Frauen und gemischte Pärchen, fanden Wiener Verhaltensforscher heraus. Dem Homo sapiens könne man generell ein sehr hilfsbereites Ver­ halten attestieren, erklären diese im

Jorg Massen, Universität Wien Fachmagazin Scientific Reports. Selbst unter Konkurrenten sei der Wille zur Zusammenarbeit groß. Es gab schon viele Experimente, bei denen sich Menschen prosozial zeig­ ten, allerdings seien das meist Psycho­ logiestudenten in gestellten Situatio­ nen gewesen, sagt Jorg ­Massen vom Department für Kognitionsbiologie

der Universität Wien. So testete er Kollegen in einem realen, sehr kom­ petitiven Umfeld: der Wissenschafts­ welt. Wenn die Menschen hier hilfs­ bereit sind, wären sie tatsächlich eine kooperative Art, lautete seine These. Sein Team hat rund 300 Fachkol­ legen aus der ganzen Welt um Roh­ daten gebeten unter dem Vorwand, man wolle sie zusammen mit Da­ ten anderer Forscher neu auswerten. Dafür wurde ihnen nichts geboten. Trotzdem war im Schnitt mehr als die Hälfte der Wissenschafter dazu bereit (55 Prozent). Dabei war es jedoch nicht irrele­ vant, welches Geschlecht die Bittstel­ ler und die Gönner hatten. Männer, so erwies sich, kooperierten mit Män­ nern weitaus häufiger (72 Prozent) als in allen anderen Konstellationen, also Frauen untereinander (56 Pro­ zent), wenn ein Mann bei einer Frau anfragte (53 Prozent) oder eine Frau bei einem Mann (54 Prozent).

Ein grätenharter Handel um diverse Reinigungsservices wurde im Indopa­ zifik beobachtet: Putzerfische leben da­ von, dass sie ihrer Kundschaft Unge­ ziefer von den Schuppen fressen. Viel lieber aber würden sie an deren schüt­ zender Schleimschicht nagen, erklärte

Redouan Bshary, Universität Neuchâtel der Schweizer Ethologe ­Redouan ­Bshary am Rande des Biologicums in Almtal (OÖ). Die Unterwasserun­ ternehmer und ihre Auftraggeber ha­ ben deshalb Strategien entwickelt, um bei den Geschäften auf dem „Putzer­ fischmarkt“ gut auszusteigen. Die besten Karten haben Raub­fische, erklärt Bshary, der an der Universität

Neuchâtel in der Schweiz forscht: „Ein Putzer, der nicht ordentlich ar­ beitet, sondern in den Schleim zwickt, ist potenzielle Beute.“ Das wollen die nur neun Zentimeter langen Putzer­ lippfische natürlich vermeiden, weswe­ gen sie größeren Räubern gegenüber extrem kooperativ seien. Andere Fische „erziehen“ die Putzer. Werden sie gezwickt, jagen sie die Lau­ ser und ahnden damit den Betrug. Die Putzerlippfische leben deshalb auch von ihrer Reputation, erklärte Bshary: Sie haben am Tag 2.000 Kunden­ kontakte, oft gibt es Warteschlangen. Währenddessen stehen sie unter Be­ obachtung. Ertappt ein Kunde die Rei­ nigungsfachkraft beim Schleimschicht­ zwicken, haut er ab. Kommen zwei Kunden gleichzeitig, haben Fremde Vorrang. Die Stammklientel ist auf die lokale Putzerstation angewiesen und muss daher warten, während Lauf­ kundschaft durch schnelles Drankom­ men neu gewonnen wird.


8  FALTER 46/17   h eur eka 06/17  :   Nac h r i c h te n

:  i n t e r d i s z i p l i n ä r e s fo rs c h u n g s p ro j e k t

Der Hallstätter See als Umweltarchiv Seit der Bronzezeit haben Menschen bei Hallstatt Salz gewonnen. Heute wollen wir wissen, wie sie die Umwelt beeinflusst haben – und umgekehrt BARBARA FREITAG

Jährlich reist eine Million chinesischer Touristen nach Hallstatt. Vermutlich weniger wegen der berühmten prähistorischen Funde, die namensgebend für die Hallstatt-Kultur wurden, als um das Original des nachgebauten Dorfes in der chinesischen Provinz Guangdong zu bestaunen. 2012 wurde es eröffnet und soll seinem Vorbild an pittoreskem Liebreiz um nichts nachstehen. Naturgemäß interessieren sich auch die Archäologen und Archäologinnen der prähistorischen Abteilung des Wiener Naturhistorischen Museums für das Alte. Sie erforschen zum Beispiel seit Jahrzehnten das Gräberfeld und das alte Bergwerk in Hallstatt. Dank des speziellen Klimas im Salzberg haben sich einzigartige Objekte aus organischem Material erhalten, darunter Holz, Fell, Gras, Exkremente und Speisereste. Vieles davon hat mittlerweile 3.500 Jahre überlebt – und ermöglicht den heutigen Forschern Einblicke in eine faszinierende Vergangenheit. Nun soll diesen letzten mehr als drei Jahrtausenden noch weiter auf den Grund gegangen werden – und das im wörtlichen Sinn.

Für das interdisziplinäre Projekt „Facealps“ ergänzten die Wiener Museumsforscher mit Unterstützung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften das Team um Kollegen aus den Fächern Botanik, Dendrochronologie,

Kerstin ­Kowarik, Naturhistorisches Museum, Wien Palynologie, Geophysik und Geologie. Das neue Ziel lautet, jahrtausend-alte Umweltereignisse wie Felsstürze, Murabgänge, starke Niederschläge, Erdbeben oder Klimaänderungen aufzuspüren. Dabei interessiert die Fragestellung: Wie haben die Menschen damals auf solch elementare Phänomene reagiert? Welchen Einfluss hatten diese auf die Bewirtschaftung der schwierigen Gebirgsregion, in der man ständig mit Naturgefahren konfrontiert war? Mit welchen Strategien

traten die frühen Hallstätter diesen Bedrohungen gegenüber, und wie wirkten sich diese Naturereignisse auf das Leben in diesem Raum aus? Neben archäologischen Funden und Analysen der umgebenden Moore macht es Sinn, den See genauer unter die Lupe zu nehmen. Also wurde die Formung des Bodens mittels eines an einem Boot befestigten Fächer­ echolots genau vermessen. Als nächster Schritt entsteht daraus ein digitales Geländemodell. Es soll neue Hinweise auf uralte Naturereignisse erbringen. Auf dem Seeboden gibt es zudem tiefe Schlammschichten, die ebenfalls erforscht werden. Hier finden sich uralte Blütenpollen und Insektenreste, die Informationen über klimatische Bedingungen und Vegetationsentwicklungen geben können. Auch die Stärke und die Zusammensetzung der Sedimentschichten bergen lang gespeicherte Informationen. Sedimentsproben aus Mooren und dem See wurden bereits entnommen und werden derzeit analysiert. Außerdem soll auch noch die Pflanzenwelt vom Hallstätter See bis

zum Plassen Gipfel genau abgebildet werden. Geoelektrische Untersuchungen im Hallstätter Hochtal ergänzen die Vermessungen. Aus diesem neuen, aber auch aus älterem Datenmaterial soll schließlich das „Historische Geografische Informationssystem“ (GIS) entstehen, mit dem die Flächennutzung während der letzten 3.500 Jahre nachvollzogen werden kann. Als eine der ältesten Kultur- und Industrielandschaften der Welt eignet sich dafür die Region um Hallstatt ideal. Vor allem auch deshalb, weil die Informationslage zu den Aktivitäten der Menschen in prähistorischer und historischer Zeit gut ist. „Der See und die Moore sind ein reichhaltiges Umweltarchiv“, erklärt Projektleiterin und Archäologin ­Kerstin Kowarik den Aufwand. „Wenn wir den Menschen und seine Reaktionen verstehen wollen, brauchen wir viele Daten. Denn uns interessiert die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt der letzten 3.500 Jahre.“ Daraus lässt sich bestimmt auch einiges für heute lernen.

:  ö ko n o m i e / v e r h a lt e n s fo rs c h u n g

Zu Egoisten werden wir im Lauf der Erziehung Meint der Psychiater Michael Musalek. Wirtschaftsforscher Ernst Fehr hat den Dalai Lama in einen Kernspintomografen gesteckt, um zu sehen, ob Güte in

„Altruismus und Empathie“ – wie hängen die beiden zusammen? Um Antworten auf solche Fragen zu finden, stecken Hirnforscher mitunter auch Mönche in Kernspintomografen. Oder sogar einen Gott. In der Schweiz hatten sich Ökonomen mit dem Dalai Lama, für seine Gläubigen immerhin ein Gott, zusammengetan. Ihre Absicht: dem Guten auf die Spur zu kommen. „Welche Rolle altruistisches Verhalten in unserer Gesellschaft spielt, hängt stark von den institutionellen Rahmenbedingungen ab. Es gibt Umstände, in denen die eher egoistischen Menschen Einfluss ausüben, aber auch solche, unter denen Altruisten die Oberhand haben“, erklärt der Wirtschaftswissenschafter Ernst Fehr von der Universität Zürich. Er befasst sich seit Langem intensiv mit dem Thema Altruismus. Wir alle haben im Prinzip die Fähigkeit zu mitfühlendem, empathischem und

altruistischem Verhalten. Ob dieses Potenzial genützt wird, hängt jedoch stark vom Umfeld in Familie, Schule, Politik und Gesellschaft ab. „Starke makroökonomische Unsicherheit kann

Michael Musalek, Anton Proksch Institut Ausländerfeindlichkeit und populistische Strömungen stärken, die wenig Mitgefühl mit Menschen aus anderen Kulturen zeigen“, erklärt Fehr. Nun hat eine Studie gezeigt, dass das Volumen einer kleinen Hirnsubstanz die Neigung zu altruistischem Verhalten beeinflusst. Die Zürcher Forscher zeigten, dass ein Zusammenhang zwischen Hirnanatomie,

der Hirnaktivität und altruistischem Verhalten besteht. „Die Forschungsergebnisse warfen die Frage für uns auf, ob durch geeignetes Training oder soziale Normen

Ernst Fehr, Universität Zürich das Wachstum jener Hirnregionen gefördert werden kann, die für selbstloses Verhalten notwendig sind“, sagt Fehr. Mittlerweile sind sich die meisten Gehirnforscher einig, dass das menschliche Gehirn nicht auf Egoismus, sondern auf soziale Anerkennung programmiert ist. Für den ­Psychiater Michael Musalek,

Leiter des Anton Proksch Instituts, ist dies nur logisch, denn unser Hirn diene dem Kommunizieren: „Wir sind von Geburt an soziale Wesen und an andere Menschen wie etwa die Mutter gebunden. Zu Egoisten werden wir erst im Laufe der Erziehung, bedingt durch ein bedenkliches Systemproblem.“ Wir kommen also nicht mit fertigen Gehirnen zur Welt, nein, unser Hirn entwickelt sich erst durch Kommunikation. Doch gibt es eben auch das genaue Gegenstück zum Altruisten, nämlich die narzisstische Persönlichkeit. Sie ist geprägt durch Selbstverliebtheit, wie es uns Donald Trump und andere vorleben. Und zwar so, als hätte eine längst überholte Evolutionstheorie nach wie vor Gültigkeit. Der englische Philosoph Herbert Spencer ging im 19. Jahrhundert davon aus, dass es im Sinne der Evo-

Fotos: Anton Proksch Institut, universität zürich

dieter hönig


N Ac h r ic h te n   :   h eu r e ka 06/17   FALTER 46/17  9

:  w i ss e n s c h a f t l i c h e b ü c h e r au s ö st e r r e i c h empfehlungen von erich klein

Fotos: Alice Schumacher, nhm wien

Südostdeutsch­ land? Donau­ germanien? Nein,­DeutschÖsterreich

Ein Gerät an Bord dieses Bootes vermaß den Boden des Hallstätter Sees. Die Ergebnisse sollen Auskunft über das damalige Klima geben

Kampf um Hausdiener für US-Diplomaten

Am Anfang stand die Befreiung der Völker aus der k. u. k. Monarchie. Wie der übriggebliebene Rest heißen sollte, war unklar: „Südostdeutschland“, „Deutsche Alpenlande“, „Donaugermanien“ standen unter anderem zur Auswahl. Am 12. November 1918 wurde die Republik Deutschösterreich ausgerufen. Dreiunddreißig Historiker schreiben über Politik und Wirtschaft jenes Staates, den keiner wollte. Ausgezeichnet die Porträts der wichtigsten politischen Akteure, zu kurz kommt die Kultur, der einzige Bereich, der tatsächlich von Bedeutung war. Eine Pflichtlektüre!

Ein Teil seiner Dienerschaft war zum Kriegsdienst eingezogen. So schrieb der US-Botschafter am 8. Dezember 1914 an Außenminister Berchtold: „I can’t very well live in Vienna as an ambassador unless allowed some servants.“ Derartige Episoden machen die Studie über die Beziehungen zwischen der Donaumonarchie und den USA zur lebendigen Lektüre. Hauptgegenstand sind die amerikanischen Diskussionen über „Slavs in Austria Hungary“, die Bedeutung von Tomáš Masaryk und die Gründe, warum Washington am 7. Dezember 1917 Wien den Krieg erklärte.

Stefan Karner (Hrsg.): Die umkämpfte Republik Österreich von 1918-1938 Studien Verlag 2017, 384 S.

Kurt Bednar: Der Papierkrieg zwischen Washington und Wien 1917/18 Studien Verlag 2017, 508 S.

Mit Camus und Heidegger im Gespräch

Mehr Mut (zur Muße) in der Bildung

bestimmten Gehirnregionen entsteht – und ob sie erlernbar ist

lutionstheorie für jedes Lebewesen unsinnig sei, sich um Schwächere zu kümmern. Es gebe nur zwei Alternativen: fressen oder gefressen werden. Alle gegen alle, und die Stärkeren setzen sich durch. Diese Theorie hält der Philosoph, Sozialpsychologe und Altruismusforscher an der Universität Berkeley in Kalifornien, Dacher Keltner, für blanken Unsinn. Das Gegenteil sei der Fall: „Das Gute siegt.“ Auch Michael Musalek nennt das vermeintliche Recht des Stärkeren eine bloße Rechtfertigung einiger weniger Soziopathen für brutales Handeln. Und der Wiener Philosoph Franz Wuketis meint: „Hätten unsere steinzeitlichen Ahnen sich nur gegenseitig die Köpfe eingeschlagen, wären wir heute längst nicht mehr da.“ Unser Gehirn belohnt uns, wenn wir Gutes tun, meint der plastische Chirurg Andre Borsche, langjähriger

Vorsitzender von Interplast-Germany. In dieser gemeinnützigen Organisation engagieren sich Chirurgen für mittellose Patienten in der Dritten Welt. Regelmäßig operieren sie Kinder und Erwachsene in Asien, Afrika und Südamerika auf eigene Kosten. „Es kann zur Sucht werden, wenn man einmal erlebt hat, wie effektiv man nachhaltige Hilfe leisten kann“, erklärt Borsche. Fehr stört es nicht, wenn einige Menschen nur Gutes tun, um sich selber gut zu fühlen. Hier ist der Wirtschaftsforscher ganz Pragmatiker. „Es kommt auf das Resultat an, Hauptsache ist doch, dass Menschen kooperieren anstatt sich gegenseitig auszustechen.“ Der Dalai Lama hingegen meint: Manchmal lasse er sich ganz selbstlos von einer Mücke stechen und sein Blut saugen: „Ein Wohlgefühl stellt sich nachher allerdings nicht ein.“

Der Weg des Dichter aus der Provence führt über Surrealismus und Kommunismus zum Kampf gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg: Wie man das dichtet? „Es fällt Schnee im Maquis. Und es wird Jagd gemacht auf uns, unausgesetzt.“ Mit „Feuiletts d’Hypnos“ (1946) schrieb René Char eines der wichtigsten Bücher des 20. Jahrhunderts. Er protestierte gegen de Gaulles Atomwaffen und Umweltzerstörung. Seine Gesprächspartner hießen Camus, Braque, Heidegger und Celan. Eine kleine und kompakte Kulturgeschichte Frankreichs.

Tests, Rankings, Tablets in der Volkschule – der Wiener Philosoph räumt mit den Schlagwörtern aktueller Bildungsdiskussionen auf und setzt provokant auf literarische Bildung. Bildung nicht als Wunderglaube, sozialer Kitt und Lösung aller Fragen, sondern als Beitrag zur Ausbildung eines „europäischen Bewusstseins“. Wie wäre es mit einem Kanon europäischer Literatur und weniger „Professionalisierung“ des Lehrberufes? Der Intellektuelle in dürftigen Zeiten fordert mehr Mut zur Muße und zur Politik in der Politik; kurz – sapere aude – Aufklärung!

Manfred Bauschulte: René Char – Poet und ­Partisan. Eine Biografie Klever Verlag 2017, 270 S.

Konrad Paul Liessmann: Bildung als Provokation Paul Zsolnay Verlag 2017, 138 S.


10  FALTER 46/17   h eur eka 06/17  :   T i t elt h e m a

T I T E LT h e m a a lt r u i s m u s Coverfoto Ein afghanischer Flüchtling ist mit seiner Tochter in einem griechischen Auffanglager in Pireaus gestrandet.

Fotostrecke Seiten 10 bis 21 Über 65,6 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, mehr als je zuvor. Die Hälfte sind Kinder unter 18 Jahren. 22,5 Millionen dieser Menschen fliehen vor Konflikten, Verfolgung oder schweren Menschenrechtsverletzungen aus ihrer Heimat. Das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) ist für den Flüchtlingsschutz in rund 130 Staaten vertreten und zählt bei der Finanzierung seiner humanitären Arbeit auf unsere Selbstlosigkeit. UNHCR-Konto 0958 3600 300, BLZ 12000, IBAN AT 3911 0000 95836 00300, BIC BKAUATWW

:  au s g e s u c h t e z a h l e n z u m t h e m a zusammengestellt von Sabine Edith Braun

271.000

45.000.000.000

US-Dollar sind weltweit an Kleinkrediten vergeben worden. Zurzeit beträgt die Zahl der globalen Mikrokreditnehmer 155.000.000. Dennoch nutzen Schätzungen zufolge rund

1.320.000

Hits. Im Katalog des Österreichischen Bibliothekenverbunds sieht es anders aus:

2.500.000.000

4.311

Erwachsene weder eine Bank noch eine Mikrofinanzinstitution für Spar- oder Kreditzwecke.

Treffer für Altruismus

4.196

Spendenbereitschaft in den USA

Treffer für Egoismus

Wer sehr wenig – oder sehr viel – hat, gibt am meisten: Wer ein Jahreseinkommen von unter 10.000 Dollar hat, spendet 5%. Bei einem Jahreseinkommen unter 45.000 wird nur 1% gespendet. Ab einem Jahreseinkommen von über 100.000 Dollar liegt der Spendenanteil bei 3%. Auch mit dem Alter steigt die Spendenbereitschaft.

Altruismus und Bevölkerungsdichte sind indirekt proportional:

5% 3%

68%

68% der Familien in den USA spenden für gemeinnützige Zwecke

1% < 10

.000

< 45

.000

< 10

0.00

0

50%

15%

50 % der Passanten in Kleinstädten helfen einem Verletzten

in Großstädten nur 15 %. Dies zeigte eine Studie in den 1980er Jahren

Fotos: UNHCR / Achilleas Zavallis / Andrew McConnell / Markel Redondo / Olivier Laban-Mattei

deutschsprachige Treffer spuckt Google über „Altruismus“ aus. Sein Gegenteil, Egoismus, bringt es auf


Fotos: UNHCR / Andrew McConnell

Tit e lt h e m a   :   h eu r e k a 06/17   FALTER 46/17  11

Nach einer langen Reise aus dem zerbombten Kobane schlafen Lamar und ihr zwei Monate alter Bruder Pulat in einem Park in Ter Apel, Holland. Ihr Vater, ein syrischer Kurde, zeigt ein Foto, das er auf Facebook entdeckt hat. Es zeigt ihn mit Familie am Boot von der Türkei zur Insel Lesbos


12  FALTER 46/17   h eur eka 06/17  :   T i t elt h e m a

Nachhaltig Wirtschaften: miteinander Ein Unternehmer führte seinen Betrieb von der Bank weg hin zur Gemeinwohlbilanz as Schulbuch „Geospots“ für die siebente und achte Klasse AHS sorgte im Frühjahr vergangenen Jahres unter Fachleuten für Empörung: In einer Grafik zu unterschiedlichen Wirtschaftstheorien war neben Ökonomen wie John Maynard Keynes oder Milton Friedman auch der Österreicher Christian Felber als Vertreter alternativer Theorien abgebildet. Für mehr als 140 Wirtschaftswissenschafter und Wirtschaftswissenschafterinnen zu viel der Ehre für jemanden, der bislang keine wissenschaftlichen Publikationen vorzuweisen hat. Ein gemeinsamer Protest führte dazu, dass Felber aus dem Schulbuch gestrichen wurde. Die Ideen und Werte, die Felber in zahlreichen Büchern und Artikeln propagiert, erfreuen sich dennoch immer größerer Beliebtheit. Der studierte Philologe ist das Sprachrohr der GemeinwohlökonomieBewegung, deren Ziel es ist, ein ethisches Wirtschaftsmodell zu entwickeln. Das Wohl der Allgemeinheit und nicht der finanzielle Profit steht dabei im Vordergrund, Kooperation statt Konkurrenz ist der Leitfaden. Die fünf zentralen Grundwerte der Gemeinwohlökonomie sind Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit sowie demokatische Mitbestimmung und Transparenz. Mithilfe der „Gemeinwohlbilanz“ wird die Umsetzung dieser fünf Grundwerte im Wechselspiel mit den wichtigsten Berührungsgruppen wie Lieferanten, Mitarbeitern oder dem gesellschaftlichen Umfeld bewertet und so der Beitrag eines Unternehmens oder einer Institution zum Gemeinwohl gemessen. Ein Unternehmer wagt den Schritt zur Gemeinwohlbilanz Das IT-Unternehmen von Bernhard ­Winter in Salzburg hat sich 2011 dazu entschlossen, nach den Kriterien der Gemeinwohlökonomie zu wirtschaften. Gegründet hat Winter seine Firma bereits im Jahr 1995. Die Neuorientierung des Betriebs erfolgte buchstäblich aus einer Not heraus. „Mitten in der Wirtschaftskrise hat uns die Bank trotz bestehender Verträge den Kreditrahmen gestrichen“, erzählt Winter. „Es ging uns sehr schlecht. Mir wurde klar, dass ich unter diesem Druck nicht mehr arbeiten will und es Zeit für eine Veränderung ist.“ Sozial und ökologisch engagiert sei er schon immer gewesen, sagt er. Ein Buch von Christian Felber überzeugte ihn davon, diesen Weg auch im Arbeitsleben einzuschlagen. Winter stellte das Konzept in der Firma vor und fand Zustimmung bei seinen Mitarbeitern. Für das Jahr 2011 wurde daraufhin die erste Gemeinwohlbilanz erstellt. Ein Schritt, der das Unternehmen grundlegend veränderte: „Durch die Bilanz sieht man die Dinge in einem anderen Licht und erkennt Handlungsmöglichkeiten.“ „Herkömmliche Nachhaltigkeitsberichte beschäftigen sich vorrangig mit der ­Innen-Außen-Wirkung eines Unternehmens.

Text: Claudia Stieglecker

„2011 haben wir die erste Gemeinwohlbilanz erstellt. Nun erscheint vieles in neuem Licht“ Bernhard Winter Unternehmer

Michael MüllerCamen, WU Wien­

Es geht dabei um eine Minimierung der negativen Effekte der Firmentätigkeit“, sagt Michael Müller-Camen, der an der WU Wien das Institut für Personalmanagement leitet und im Bereich des nachhaltigen Personalmanagements forscht. Die Gemeinwohlbilanz berücksichtige im Gegensatz dazu die positiven Beiträge, die ein Unternehmen zur Bewältigung von Nachhaltigkeitsproblemen wie etwa Ausbeutung, Arbeitslosigkeit oder Klimawandel leistet, erklärt Müller-Camen: „Die Perspektive wird um eine AußenInnen-Sicht erweitert.“ Selbstbestimmt wird mehr geleistet – und das sogar in kürzerer Zeit Auf der ganzen Welt haben sich mittlerweile Bewegungen in diese Richtung etabliert, wie etwa der „Conscious Capitalism“ in den USA oder die „Teal Organizations“ des Belgiers Frédéric Laloux. „Die Konzepte überschneiden sich“, meint Müller-­Camen. „Alle streben einen positiven Beitrag zur Umwelt und zur Gesellschaft an, setzen sich für Selbstverwaltung und Mitbestimmung ein und haben als gemeinsames Ziel, einen Sinn in der Arbeit zu finden.“ Angesichts der immer offensichtlicher werdenden Probleme der Welt hegten immer mehr Menschen den Wunsch nach Veränderung, meint Müller-Camen. „Das kann ich auch bei meinen Studierenden beobachten. Die jungen Menschen haben großes Interesse an neuen Konzepten. Auch Firmen werden sich zunehmend ihrer Verantwortung gegenüber Umwelt und Gesellschaft bewusst werden müssen.“ „Wir haben alle Bereiche auf einmal angegriffen und viele Dinge infrage gestellt“, berichtet Bernhard Winter. Das gesamte Geschäftsmodell der Firma wurde radikal umgestellt, zentraler Punkt und gleichzeitig größtes Lernfeld war dabei die Einführung der Basisdemokratie. Jede Entscheidung im Unternehmen werde von allen Mitarbeitern gemeinsam getroffen. Kommuniziert wird untereinander vollkommen transparent. „Mitunter kann das auch etwas mühsam werden, vor allem, wenn es um Kleinigkeiten geht.“ Im Endeffekt zahlten sich die Mühen aber aus: „Es entsteht ein gleichwertiges Miteinander, alle ziehen an einem Strang und teilen durch die Mitbestimmung auch die Verantwortung.“ Gemeinschaftlich entschieden wird über die Höhe der Gehälter, die Länge der Arbeitszeit oder das nachhaltige Kantinenangebot genauso wie über mögliche Projekte oder die Auswahl der Kunden. „Dadurch, dass die Mitarbeiter den Maßstab festlegen, setzen wir uns auch realistische Ziele, die wirklich erreichbar sind“, betont Winter. Die Gruppe treffe im Normalfall schnellere und bessere Entscheidungen: „Bei jedem Auftrag wird überlegt: Machen wir das? Können wir das schaffen? Und ­manchmal muss man sich dann auch von einem Kunden trennen, der dem Unternehmen nicht gut tut.“

Die Leistungsbereitschaft sei dadurch, dass jeder Einzelne die Entscheidungen der Gruppe mitträgt, gestiegen: „Im Endeffekt leisten wir heute in weniger Zeit mehr als früher.“ Bestrebungen, mehr Mitbestimmung in Unternehmen zu erreichen, habe es in Deutschland schon während der Wirtschaftskrise in den 1970er Jahren gegeben, erinnert Michael Müller-Camen. Der seinerzeitige Wunsch der Gewerkschaften, auch bei wirtschaftlichen Entscheidungen mitreden zu können, wurde allerdings nicht erfüllt. „Damals war die Zeit für solche Veränderungen einfach noch nicht reif. Das Bewusstsein muss sich innerhalb der Betriebe entwickeln und nicht von außen hereingetragen werden“, ist Müller-Camen überzeugt. „Die gesellschaftlichen Probleme werden in Zukunft immer größer werden. Die Lösungen müssen von den Unternehmen kommen.“ Der Weg hin zu einem neuen Selbstverständnis des Arbeitslebens war und ist dabei auch für Bernhard Winter und seine Mitarbeiter nicht einfach. „Veränderungen erzeugen immer auch Ängste, und es braucht Zeit, bis eine Verbesserung sichtbar wird“, meint Müller-Camen. „Man muss ständig hinterfragen und reflektieren, und alles, was man angeht, produziert natürlich einen Mehraufwand. Die Gemeinwohlbilanz beispielsweise bedeutet viel Arbeit.“ Einige Mitarbeiter hätten sich im Lauf der vergangenen fünf Jahre daher dafür entschieden, das Unternehmen zu verlassen: „Diejenigen, die geblieben sind, haben sich langsam an die Sache herangewagt.“ Nach eineinhalb Jahren Gemeinwohlbilanz unabhängig von der Bank Eineinhalb Jahre nach der ersten Gemeinwohlbilanz war Winters Firma unabhängig von der Bank: „Das war das Hauptziel für alle.“ Bis heute wird der einmal beschrittene Weg konsequent fortgeführt und weiterentwickelt. Entscheidend ist für Winter aber, dass sich die fünf Grundwerte Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und Transparenz mittlerweile nicht nur im Arbeits-, sondern auch im Privatleben der aktuell achtzehn Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen fest verankert haben. Darüber hinaus habe sich auch das Verhältnis zu den Mitbewerbern grundlegend verändert. Wo früher gar nicht miteinander geredet wurde, wird jetzt gegenseitig ausgeholfen. „Wir haben uns langsam aneinander herangetastet, mittlerweile tauschen wir uns abseits jeglicher Konkurrenz aus. Wir sind stabiler und nachhaltig erfolgreicher geworden. Die Gemeinwohlökonomie ist unser Fundament“, fasst Bernhard Winter zusammen und ergänzt: „Die Gemeinwohlökonomie stellt den Rahmen für die Unternehmensentwicklung zur Verfügung. Wo es hingehen soll, muss man selbst entscheiden.“

Fotos: wildbild, Roman reiter / WU

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Fotos: UNHCR / Markel redondo

Tit e lt h e m a   :   h eu r e k a 06/17   FALTER 46/17  13

Aus Honduras, El Salvador und Guatemala flüchten jedes Jahr wie die beiden Schwestern und ihre Familie Hunderttausende Menschen vor exzessiver Bandengewalt. Selbstgebastelte Floße überqueren täglich den Fluss Suchiate in der verarmten Provinz Chiapas, der Guatemala von Mexiko trennt


14  FALTER 46/17   h eur eka 06/17  :   T i t elt h e m a

Was ist Altruismus wert? Ist Altruismus biologisch bedingt? Und welchen Nutzen hat er für die Menschheit? äre er nicht sofort ins eiskalte Wasser gesprungen, wäre das kleine Mädchen ertrunken. Er ist ein Held. Ist er auch ein Altruist? „Schwer zu sagen“, meint Claus Lamm, Professor für Biologische Psychologie und Leiter der Social, Cognitive and Affective Neuroscience Unit an der Universität Wien. Die neuronalen und biologischen Grundlagen von Empathie, Mitgefühl, Egoismus und Altruismus sind sein Forschungsgebiet. „Auf jeden Fall hat er altruistisch gehandelt.“ Aber was war sein Motiv? Ein Held zu sein? In der Zeitung zu stehen? Sich selbst gut zu fühlen? Wenn das nur so klar wäre. Zumeist wird der Antrieb für eine gute Tat wohl ein Gemisch aus Gefühlen, Impulsen und mehr oder weniger unbewussten Einflüssen sein. Dazu kann natürlich auch Eigennutz zählen. Das Ansehen steigt. Und wie man aus neurowissenschaftlichen Studien weiß, auch das eigene Glücksgefühl. Experten nennen es „Warm Glow“, dieses Wohlbehagen, das da in einem bestimmten Bereich der Großhirnrinde seinen Ausgang nimmt und uns durchströmt, wenn wir etwas für andere tun. Schmälert es die gute Tat? Gibt es überhaupt echte Altruisten? Mitgefühl führt oft, aber nicht immer zu Altruismus Lamm schmunzelt. „Bei bestimmten Bakterien, die in den Tod gehen, um andere Bakterien am Leben zu erhalten, ist es eindeutig. Beim Menschen kann man so einen puren Altruismus aber schwer belegen.“ Dieser sei jedenfalls frei von Eigennutz. „Da geht es ausschließlich um den anderen.“ Selbstverständlich stehe dieser großherzige Antrieb auch hinter vielen altruistischen Handlungen. Eben neben der ganzen Bandbreite an anderen Motiven, mit der er verflochten sein kann. „Es ist daher sinnvoller zu schauen, was überwiegt.“ Liegt der größere Nutzen beim anderen oder bei einem selbst? „So kann ich am ehesten einen aufrichtigen Altruismus von einem stark egoismusgefärbten unterscheiden.“ Forscher sprechen übrigens lieber von prosozialem Verhalten. Vielleicht um dem hehren Ideal des reinen Altruismus eine realistischere Entsprechung zu geben. Lamm betont, dass Altruismus keine fixe Größe ist. „Die Genetik liefert zwar eine Grundausstattung. Aber wie diese angeborene Fähigkeit sich entwickelt, hängt von den Umwelterfahrungen ab.“ Sprich vom Ausmaß, in dem sie gefördert oder unterdrückt wurde. Somit habe man lebenslang die Chance, sie sich bewusst zu machen und anzutrainieren. „Keinesfalls lässt sich aus Verhaltensexperimenten oder Messungen im Gehirnscanner ein Determinismus ableiten.“ Lamm untersucht, wie Empathie und Altruismus zusammenhängen. „Das sind verschiedene Dinge.“ Empathie ist das Vermögen zu fühlen, was der andere fühlt. Das führe

Text: Uschi Sorz

„Empathie und Altruismus sind verschiedene Dinge“ Claus Lamm Universität Wien

Philippe Tobler­ Universität Zürich

nicht notwendigerweise zu Altruismus. Zwischengeschaltet sei das Mitgefühl, das Empathie aber nicht zwangsläufig auslöse. Diese diene eher der Information. Und Mitgefühl übersetze sich zwar oft, aber nicht immer in eine gute Tat. „Auf dem Weg von der Empathie zum Mitgefühl oder von diesem zum Altruismus kann einiges schiefgehen.“ Unter anderem mache sich auch hier wieder der Einfluss des Umfelds geltend. „Nehmen wir die Refugees-welcome-Bewegung vor zwei Jahren. Wenn das politisch-gesellschaftliche Umfeld Flüchtenden einigermaßen wohlwollend gegenübersteht, kann das altruistische Impulse verstärken. Inzwischen hat sich die gesellschaftliche Großwetterlage geändert, und es engagieren sich merklich weniger Menschen.“ Womit wir zu einem anderen Punkt kommen, der Lamm in Bezug auf Altruismus wichtig ist: Nachhaltigkeit. Mit der Ökonomisierung des Altruismus habe er Schwierigkeiten, sagte er einmal in einem Standard-Interview. Was er damit meint? „Die Haltung, dass das Ergebnis wichtiger sei als das Motiv“, erklärt er. „Wenn plötzlich die Zustimmung von außen fehlt, kann sich die Hilfsbereitschaft nämlich schnell verflüchtigen.“ Auch wenn es müßig sei, den einzig wahren, reinen Altruismus zu suchen: Welche Triebfedern innerhalb dieser Gemengelage an Gefühlen die stärksten seien, entscheide darüber, wie nachhaltig er sei. Altruismus kann auch ökonomische Entscheidungen betreffen Etwas anders sieht das Philippe ­Tobler von der Universität Zürich. Er ist Professor für Neuroökonomie und Soziale Neurowissenschaften am Institut für Volkswirtschaftslehre. Die Methoden seiner Disziplin, einer Kombination aus Neuro- und Computerwissenschaften, Ökonomie und Psychologie, und teils auch deren Interessen ähneln zwar jenen von Lamm, dennoch macht sich die Tradition der Ökonomie bemerkbar. „Die eigene Freude über die gute Tat nimmt ja nicht weg, dass man das Richtige tut und sich darüber auch meist im Klaren ist“, meint Tobler. „Wenn prosoziales Verhalten das Glücksgefühl erhöht, ist das doch ein schönes Nebenprodukt.“ Zum inneren Anreiz- und Belohnungssystem durch den Warm Glow hat Tobler viele Studien gemacht. Während er die Hirnsignale seiner Versuchspersonen misst, stellt er sie vor Entscheidungen, die nicht nur um Geld, sondern generell um Werte gehen. Dabei habe sich herausgestellt, dass Menschen öfter altruistisch handeln, als man gemeinhin annehme. Das unterscheidet die Neuroökonomie fundamental von der klassischen Ökonomie, die sich gar nicht für Beweggründe interessiert. Als Modell führt Letztere den ultrarationalen Homo oeconomicus ins Feld, der nur

­ utzenmaximierung und Effizienz im Sinn N hat. Wenn dieser kühle Rechner erfolgreich sei, habe immerhin die gesamte Volkswirtschaft etwas davon, so ein Argument. Der Haken: „Er ist unrealistisch“, so Tobler. Natürlich muss auch der Homo oeconomicus nicht per se unmoralisch sein. Auch könnte ihm der Nutzen des Warm Glow einleuchten. Doch Tobler sagt: „Ob der Warm Glow für den Altruismus unbedingt nötig ist, ist ja noch nicht geklärt.“ Zumindest würden Hunderte von neueren empirischen Befunden zeigen, dass Menschen deutlich vom Homo oeconomicus abweichen und auch ohne Profit für sich selbst oder ihre nächsten Verwandten altruistisch sind. In der Solidargemeinschaft wäscht eine Hand die andere Dem Vorwurf, dass es sich bei der Neuroökonomie um Grundlagenforschung handle, die sich nicht ohne Weiteres auf wirtschaftspolitische Strategien umlegen lasse, setzt Tobler entgegen: „Letztlich steuert das Gehirn das Verhalten. Eine gute Theorie sollte deshalb zumindest biologisch plausibel sein.“ Eingeflossen seien die Erkenntnisse über die Mechanismen von sozialem Verhalten, Altruismus und Fairness aus der Neuroökonomie und der damit verwandten Verhaltensökonomie durchaus schon. So komme aus Letzterer das „Nudging“, das gezielte Anreizesetzen der Politik, um sozial wünschenswerte Verhaltensweisen zu fördern. Etwa Verkehrsregeln zu beachten oder Energie zu sparen. „Ähnliche neuroökonomische Erkenntnisse wie bei uns gibt es auch in Amerika und Asien“, berichtet Tobler. In China etwa erforscht man die Auswirkungen einer individualistischen gegenüber einer kollektivistischen Kultur auf Altruismus. „In allen Kulturen gibt es Formen von prosozialem Verhalten.“ Was gut sei, denn dieses schaffe Vertrauen und mache so die Gesellschaft als Ganzes stärker. Dem stimmt Lamm zu. Von der Tradition der Kognitionspsychologie kommend, sehe er allerdings auch zwischen Altruismus und „Reziprozität“ einen feinen Unterschied. Die Gastfreundschaft sei hier ein Paradebeispiel: „Wo alle gastfreundlich sind, kommt jeder gut unter.“ Da spiele es keine Rolle, ob der Gast sich später beim Gastgeber revanchiere oder nicht. Der könne sich ja darauf verlassen, dass er bei Bedarf ebenfalls irgendwo aufgenommen werde. Ein ähnliches Prinzip ist Nachbarschaftshilfe. Natürlich könne das Erlernen solcher Kooperationsformen irgendwann zu echtem Altruismus führen, weil „vielleicht einmal jemand auf die Idee kommt, keine Gegenleistung zu erwarten“. Selbst wenn er altruistisches Handeln von einer altruistischen Einstellung trenne: „Bei helfenden Robotern würde ich nicht sagen, das gilt nicht, weil der keine Entscheidungsfreiheit hat.“

Fotos: martin zimmermann, UZH/Brüderli

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Fotos: UNHCR/Andrew McConnell

Tit e lt h e m a   :   h eu r e k a 06/17   FALTER 46/17  15

Der Konflikt im Südsudan hat über zwei Millionen Menschen vertrieben. In der Flüchtlingssiedlung Mingkaman leben 100.000 Menschen, die von internationaler Hilfe abhängig sind. Marthas Sohn kam während der Flucht auf einer Fähre zur Welt. Seine Mutter nannte den gesunden Buben „Boat“


16  FALTER 46/17   h eur eka 06/17  :   T i t elt h e m a

Altruismus für Milliardäre Viele Superreiche spenden im großen Stil. Was hat es mit dieser Nächstenliebe auf sich? m August spendete Bill Gates 4,6 Milliarden Dollar. Gemeinsam mit Ehefrau Melinda hat der Microsoft-Gründer bereits 35 Milliarden seines enormen Vermögens abgetreten. Gates ist einer der größten Wohltäter der Geschichte. Nicht genug damit, animiert er auch andere Superreiche zum guten Zweck. Mit Warren Buffett, seines Zeichens Großinvestor, gründete er die Initiative The Giving Pledge. Geht es nach ihnen, sollen Millionäre und Milliardäre mindestens die Hälfte ihres Reichtums für die Bekämpfung von Krankheiten, Armut und Bildungsmangel spenden. Viele ihrer reichen Freunde pflichten dem bei, schließlich lässt sich all das Geld auch in mehreren Leben nicht verprassen. Die Bekämpfung von Ungleichheit durch Ungleicheit – ist das glaubwürdig? Das Resultat ist ein nie dagewesener, spektakulärer Wohltätigkeitszirkel. Mit einem Anstrich Denkmalpflege. Man kennt das von früher. Schon im 19. Jahrhundert berieten vermögende Damen bei Tee und Keksen über den Bau neuer Kirchen und Schulen. Aufgrund des in den USA kaum ausgeprägten Wohlfahrtsstaates hat das Spenden und Stiften vor allem bei Amerikas Superreichen Tradition. Damals wie heute gilt: Wer mehr als genug hat, für den ist Geiz alles andere als geil. Trotz der erwiesenen Wohltaten geraten die Spenden der Superreichen häufig in den Verdacht der Profilierungssucht und Imagepflege. In Zeiten allgegenwärtiger Verteilungsdebatten erntet die Bekämpfung von Ungleichheit durch Ungleichheit wenig Glaubwürdigkeit. Aus demokratischer Sicht problematisch erscheinen zudem die private Machtkonzentration und die unkontrollierte Einflussnahme einiger weniger. Einzelpersonen würden die Kompetenzen des Staates untergraben, so die Kritik. Doch was ist wirklich dran an diesen Vorwürfen? Entziehen sich private Großspenden der demokratischen Kontrolle? Wie stark beeinflusst die Weltanschauung des Spenders den Fluss des Geldes? Angesprochen auf diese Problematik weist Georg von Schnurbein, Leiter des 2008 gegründeten Center for Philanthropy Studies (CEPS) an der Universität Basel auf die indirekte demokratische Kontrolle durch die Steuergesetzgebung sowie staatliche Abzugsmöglichkeiten und die Definitionsmacht über das Gemeinnützige hin. Auch die Machtkonzentration sei nur punktuell spürbar. „In allen gemeinnützigen Bereichen wie Umwelt, Kunst, Bildung, Soziales etc. übersteigen die staatlichen Ausgaben die philanthropischen Mittel um ein Vielfaches. Der Staat kann über Gesetze viel mehr Steuerung vorgeben“, so der Experte. Zugleich ergäbe sich daraus jedoch eine stärkere Konzentration der Spendenmittel. Mit durchaus positiven Effekten, wie von Schnurbein betont. Während ein annähernd

Text: joshua köb

„Reiche können sich durch Spenden keine Sympathie bei Kritikern erkaufen“ Rainer zitelmann Historiker und unternehmer

Georg von Schnurbein, Universität Basel

nachhaltiges Engagement aufgrund von Regierungswechseln oft nicht möglich sei, könnten private Spender über viele Jahre oder Jahrzehnte hinweg konstante Arbeit leisten. Der Historiker und Soziologe Rainer ­Zitelmann hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Leben und Handeln der Superreichen beschäftigt. Im Frühjahr erschien sein Buch „Psychologie der Superreichen“. Grundsätzlich würden sich die Motive der Vermögenden nicht von jenen anderer Menschen unterscheiden. „Naturgemäß spenden Menschen, die mehr Geld haben, mehr Geld als solche, die weniger Geld haben“, so Zitelmann. Generell hält er die Fixierung auf Motive für wenig zielführend, bedeutend seien vielmehr die konkreten Auswirkungen. „Man kann aus wunderbaren altruistischen Gründen spenden, aber das Geld fließt in sinnlose Projekte. Man kann umgekehrt aus ganz eigennützigen Gründen spenden, und das Geld fließt in sehr hilfreiche Projekte. Ich glaube nicht, dass denen, denen das Geld zugute kommt, der Grund wichtig ist, sondern die Wirkung.“ Wie soll man helfen? Der Altruismus zieht eine Beraterindustrie nach sich Richtig helfen ist schwierig. Nicht jede Hilfe kommt an, nicht alle Hilfsprojekte sind erfolgreich. Wem, wann und wie geholfen werden soll, ist keine leichte Entscheidung. Längst schart sich um die großen Geldgeber eine von Beratern, Anwälten und Banken getragene Industrie zur Sondierung möglicher Betätigungsfelder. Dies führe auch zu Übertreibungen und fragwürdigen Aktivitäten, meint Georg von Schnurbein. Dass Philanthropie zum Selbstzweck verkomme, sei aber keine Gefahr. „Schließlich exponieren sich Philanthropen auch und bekommen nicht nur Dank und Anerkennung für ihr Engagement – gerade in Europa –, sondern sehen sich auch Kritik ausgesetzt.“ Für eine erfolgreiche Spendentätigkeit rät er den Wohltätern ein persönliches Interesse an der Organisation bzw. am Projekt, die Bündelung der Mittel und mehrjährige Treue. Mit der öffentlichen Kritik hat sich auch Zitelmann auseinandergesetzt: „Vermutlich gibt es auch Reiche, die deshalb spenden, weil sie die Erwartung damit verbinden, dass dies diejenigen etwas besänftigt, die ihnen den Reichtum neiden.“ Solche Erwartungen würden aber mit Sicherheit enttäuscht, „denn die Antikapitalisten und Reichenhasser finden keinen Reichen nur deshalb besser, weil er sich philan­thropisch betätigt. Im Gegenteil“. Den Grund für die weitverbreitete Skepsis sieht Zitelmann in einer falsch geführten Diskussion um die gesellschaftliche Verantwortung der Reichen. „Wer die Formulierung verwendet, er müsse der Gesellschaft etwas zurückgeben, sitzt selbst der völlig falschen Vorstellung

auf, Reichtum sei ein Nullsummenspiel, bei dem der Gewinn des einen der Verlust des anderen sei.“ Wo soll man helfen? Katastrophen werden nicht durch Projekte behoben Wer nach plötzlichen Umweltkatastrophen wie Hurrikans oder Tsunamis spendet, kann wenig falsch machen. Bei solch singulären Ereignissen bleibt kaum Zeit für Erwägungen. Rasches Handeln ist gefragt, darum werden auch opportunistisch anmutende Geldspenden in der Regel wohlwollend aufgenommen. Doch Katastrophen können nicht durch „lauter kleine Hilfsprojekte behoben werden. Dazu braucht es immer auch die professionelle und massive Hilfe der großen Non-Profit-Organizations“, so Georg von Schnurbein. Bei größeren Hilfsprojekten mit langfristigen Zielen gestaltet sich die Spendentätigkeit etwas komplizierter. Der Erfolg der Mission ist ungewiss, unerwartete Schwierigkeiten verzögern das Vorankommen. Eine funktionierende Hilfe in Krisengebieten hängt von vielen Faktoren ab. Wer sein Geld beispielsweise in Bildungs-, Ernährungs- oder Infrastrukturprojekte in Afrika steckt, muss die lokalen Gegebenheiten und Machtverhältnisse verstehen, die Bevölkerung für sich gewinnen und sich gegebenenfalls arrangieren. Damit das Geld nicht in dubiosen Kanälen versickert, braucht es zuverlässige Partner. Diese zu finden, ist nicht leicht. Gerade im Korruptionssumpf afrikanischer Regierungen verschwinden oft große Summen. Solch beschwerliche Umstände ersticken manch gut gemeinten Ansatz gleich im Keim. Dieses Problem betrifft jedoch auch die staatliche Entwicklungshilfe. Kommt das Geld nicht an den vorgesehenen Stellen an, stellt sich irgendwann die Frage nach dem Sinn. Dass die fehlende Kontrolle vor Ort automatisch zu Fehlentwicklungen führe, bestätigt von Schnurbein. „Aber gerade hier haben meiner Meinung nach private Philanthropen wie Bill Gates und andere mit ihren Stiftungen für neue Standards in der Entwicklungshilfe gesorgt, die es auch Konzernen schwieriger machen, einfach nur Geld zu bezahlen.“ Gutes tun, um die eigene Schuld zu sühnen. Diese Art eines modernen Ablasshandels lässt sich beobachten, wenn große Unternehmen von Corporate Responsibility sprechen. Denn nicht selten tragen eben diese Unternehmen Mitschuld an Phänomenen, die sie mit großzügigen Spendenaktionen bekämpfen wollen. Öffentlichkeitswirksam wird Stellung gegen Ausbeutung und Diskriminierung bezogen. Im Zuge dessen werden einige Millionen an Hilfsorganisationen verteilt oder Eigen­initiativen ergriffen. Vermarkten Lebensmittelkonzerne humanitäre Projekte zur Trinkwasserversorgung in Afrika als Akt der Nächstenliebe, mutet das mehr wie eine rituelle Reinwaschung an.

Fotos: Privat, Oliver Hochstrasser

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Fotos: UNHCR/Markel Redondo

Tit e lt h e m a   :   h eu r e k a 06/17   FALTER 46/17  17

Mitten in der Wüste, in Tindouf im Südwesten Algeriens, warten seit vierzig Jahren 200.000 Sahraoui in fünf großen Flüchtlingslagern auf die Rückkehr in ihre Heimat. Sie flohen aus der Westsahara, als sich Spanien 1975 als Kolonialmacht zurückzog und das Gebiet von Marokko eingenommen wurde


18  FALTER 46/17   h eur eka 06/17  :   T i t elt h e m a

Altruismus im Islam Welche Formen des selbstlosen Einsatzes für andere finden sich in Lehre und Alltag? ltruistische Konzepte sind in den Weltreligionen weit verbreitet. Im tibetischen Buddhismus beispielsweise wird der Dalai Lama als „Bodhisattva“ oder „Erleuchteter des Mitgefühls“ verehrt. Bodhisattva könnten, gemäß der tibetischen Vorstellung, aufgrund ihrer Erleuchtung den Kreislauf der Wiedergeburt verlassen, kehren jedoch auf die Erde zurück, um das Leid anderer zu mindern. Im Judentum und, sich davon ableitend, auch im Christentum ist Altruismus in Form von Nächstenliebe präsent. Nächstenliebe bildet das zentrale Gebot im 19. Kapitel des dritten Buches Mose im jüdischen Tanach und im christlichen Alten Testament. Das christliche Konzept der Nächstenliebe ist stark personenbezogen, mit Jesus von Nazareth als wichtigstem Vorbild. Heute findet sich die christliche Nächstenliebe vor allem in institutionalisierter Form, beispielweise als gemeinnützige Organisationen wie Caritas oder Diakonie. Nicht erst seit dem Sommer 2015 kümmern sich derartige Organisationen vermehrt um geflüchtete Menschen aus vorwiegend muslimischen Ländern. Im Kontakt mit Geflüchteten wird auf besonders plakative Weise deutlich, dass altruistische Ideen auch im islamischen Kulturraum stark verankert sind. Wer einmal ­erlebt hat, wie ein Flüchtlingskind ohne großes Nachdenken seine wenigen Münzen in den Becher eines Bettlers wirft, wird die Erinnerung daran lange mit sich herumtragen. Woher kommt diese Bereitschaft zum Geben? Welche altruistischen Ideen lehrt der Islam? Zwei unterschiedliche Blicke auf die Nächstenliebe im Islam Im Gespräch mit Rüdiger Lohlker, Professor für Islamwissenschaft am Institut für Orientalistik der Universität Wien, und Mamdouh El Attar, Imam und islamischer Religionslehrer, ergeben sich zwei wissenschaftliche und doch grundverschiedene Sichtweisen auf die altruistischen Komponenten in der islamischen Lehre. Lohlker studierte in Göttingen unter anderem Rechtswissenschaft, Arabistik und Islamwissenschaft. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen islamisches Recht sowie aktuelle islamische Bewegungen wie Salafismus und Dschihadismus. Außerdem publizierte er zur Rolle und Lebenswelt der Muslime in Österreich. Mamdouh El Attar hat in Kairo und Wien Wirtschaftswissenschaften und Islamwissenschaften studiert, absolviert derzeit an der Universität Wien ein Doktorratsstudium in Islamwissenschaft und ist als Imam tätig. Außerdem unterrichtet er islamische Religion an den Handelsakademien in Hetzendorf und Margareten. Während Lohlker den Islam von einem sehr nüchternen Standpunkt aus betrachtet, argumentiert El Attar als ­praktizierender

Text: SOPHIE JAEGER

„Die Idee der Zakat al-fitr ist, dass diejenigen, die nichts geben können, etwas bekommen“ mamdouh el attar, imam

Rüdiger Lohlker, Universität Wien

Muslim weitaus emotionaler und kann auch Einblicke in die gesellschaftliche Realität des gelebten Islams geben. Vergleichen mit dem christlichen Konzept der Nächstenliebe steht Lohlker sehr kritisch gegenüber. „Solche Vergleiche sind schwierig, weil es im islamischen Kulturraum keine Gesamtkonzepte gibt, sondern lediglich einzelne Ideen und Vorstellungen, die unterschiedlich stark verbreitet sind.“ Religiöse Toleranz in der Lehre des Sufismus – und seine Gegner Lohlker weist darauf hin, dass es im Sufismus, einer der spirituellen Strömungen im islamischen Kulturkreis, eine weitreichende Akzeptanz des anderen gäbe. Die Lehre des Sufismus gehe davon aus, dass in allem, was die Schöpfung hervorbringt, ein Funken des Göttlichen sei. Davon ließe sich eine gewisse Gleichberechtigung der Geschöpfe ableiten. „Der sufistische Gelehrte al-Jili schreibt dazu, dass sogar Götzenanbetung eine legitime Form der Anbetung sein kann, weil Gott die Götzen ja selbst erschaffen hat.“ Lohlker fügt hinzu, dass die toleranten Lehren des Sufismus, wie so viele andere Texte aus dem islamischen Kulturraum, in Europa unterrepräsentiert sind, weil sie selten übersetzt und so kaum rezipiert werden. Als weiteren wichtigen Vertreter des Sufismus nennt Lohlker den Philosophen Ibn Arabi, der in seinen Werken religiöse Toleranz fordert. Doch Anhänger sufistischer Lehren geraten zunehmend ins Visier fundamentalistischer Gruppen. Zuletzt wurden bei einem Anschlag einer Unterorganisation des IS auf einen sufistischen Schrein in Pakistan über achtzig Menschen getötet. Der Sufismus wird von salafistischen und politisch-islamischen Strömungen wie dem saudi-arabischen Wahabismus vehement abgelehnt. Gelebte Selbstlosigkeit als Gebot der Lehre Mohammeds Im Gegensatz zu Rüdiger Lohlker ist Imam El Attar der Meinung, dass sich Nächstenliebe unter der arabischen Bezeichnung „I’thar“ (dt.: Selbstlosigkeit) klar aus dem Koran und den Hadithen (Überlieferungen der Aussprüche und Taten Mohammeds) herauslesen lässt. Zur Erläuterung von I’thar führt El Attar die Erzählung von der Migration der Anhänger Mohammeds von Mekka nach Medina an. Die Familien, die in Mekka ihr gesamtes Hab und Gut hinter sich gelassen haben, wurden in Medina selbstlos willkommen geheißen. „Jede Familie in Medina hat eine Familie aus Mekka aufgenommen, Essen und Trinken sowie ihr gesamtes Eigentum mit den Gästen geteilt“, beschreibt El Attar den Inhalt der Sure 59/Vers 9, den er zuerst auf Arabisch, dann auf Deutsch zitiert. In der Sure 3/Vers 92 heißt es, dass man „das Gütigsein nicht erlangen kann, wenn man nicht von dem spendet, was man liebt“.

„Das bedeutet, dass ich nicht den Rest von meinem Essen, sondern den besten Teil meines Essens spenden soll. Oder, dass ich, wenn ich hundert Euro habe, nicht nur das Kleingeld in der Hosentasche hergeben soll“, erklärt El Attar. Eine der fünf Säulen des Islams bildet die Zakat. Sie beschreibt die für gläubige Muslime obligatorische Abgabe eines bestimmten Anteils des Einkommens an die Armen. Imam El Attar erklärt, dass es zwei Arten der Zakat gibt: Einerseits die Zakat al-mal, die eigentumsabhängig ist, andererseits die Zakat al-fitr, die am Ende jeden Ramadans eingefordert wird. Sie wird pro Person pauschal verrechnet, wobei der Betrag in den unterschiedlichen Ländern variiert. Dem Familienoberhaupt obliegt es, die jeweilige Summe für die ganze Familie bei der Moschee oder bei einem islamischen Verein zu übergeben. Eine muslimische Familie in Österreich gibt derzeit sechs bis zehn Euro pro Person. „Die Idee der Zakat al-fitr ist, dass diejenigen, die nichts geben können, etwas bekommen“, erläutert El Attar. In Österreich würden die gesammelten Beträge meist ins Ausland geschickt, fügt er hinzu. Ist das Geben der Zakat eine altruistische Handlung? Die Zakat al-mal errechnet sich aus dem innerhalb eines Jahres erworbenen Eigentum und beträgt davon 2,5 Prozent. Zur Berechnung finden sich im Internet „Zakat­ rechner“, die unter Berücksichtigung von Schulden und Verliehenem sowie Gold- und Silberbesitz (ausgenommen Schmuck, der getragen wird) den abzugebenden Betrag berechnen. Unter dem Mindestvermögen (Nissab), derzeit laut blitzrechner.de 2.856 Euro, ist keine Abgabe erforderlich. Für Lohlker ist Zakat eine rechtliche Idee, bei der es weniger um altruistisches Handeln als um die Reinigung des in einem Jahr erworbenen Eigentums geht. „Man könnte sagen, dass Zakat eine institutionalisierte Form der Wohltätigkeit ist. Mit Altruismus hat das wenig zu tun.“ El Attar hingegen sieht in der Zakat viel mehr als eine „Reinigungssteuer“. Auf die Frage, warum ein gläubiger Muslim Zakat geben sollte, antwortet er: „Warum geben die Österreicher Sozial­hilfe?“ Die Zakat sei mit einem sozialen Netz vergleichbar, das für eine gerechtere Verteilung und Hilfe in Notsituationen sorgt, sagt der Imam. Zumindest in dem Flüchtlingsmädchen, das dem Bettler sein Taschengeld gegeben hat, scheint die altruistische Konzeption des Islams, wie ihn El Attar versteht, gegenwärtig zu sein. El Attar sagt aber auch: „Wenn man sich theoretisch mit dem Islam beschäftigt, scheint alles optimal zu sein. Wir dürfen jedoch dabei nicht vergessen, dass wir lediglich über den Islam selbst sprechen und leider nicht über alle Muslime.“

Fotos: privat

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Fotos: UNHCR/Andrew McConnell

Tit e lt h e m a   :   h eu r e k a 06/17   FALTER 46/17  19

Aus Syrien flohen drei Millionen Menschen in das Nachbarland Türkei. Sie erhalten dort keinerlei Unterstützung und müssen wie Firas El Jasmin aus Aleppo selbst für sich sorgen. In Izmir sammelt er mit seinem Sohn recycelbare Materialien. Er verdient damit vier bis sechs Euro pro Tag


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Kooperation statt Technologie Das sei die Formel, um intelligentes Leben auf der Erde zu retten, meint Martin Nowak er an der Harvard University (USA) forschende, österreichische Mathematiker und Biologe Martin Nowak hat sich zu einem der führenden Evolutionstheoretiker entwickelt. Er beschreibt mit mathematischen Modellen biologische Vorgänge wie die Entstehung von Kooperation oder die Dynamik von Virusinfektionen und Krebserkrankungen. In „SuperCooperator“ („Kooperative Intelligenz“), einem mit einem britischen Journalisten verfassten populärwissenschaftlichen Buch, macht er seine Erkenntnisse publik. S ie behaupten, die natürliche Selektion bringe Kooperation hervor. Wie kann das funktionieren? Laut Darwins Evolutionstheorie überlebt nur der Fitteste im harten Überlebenskampf der „egoistischen“ Organismen und Gene? Martin Nowak: Die Kooperation wird von der natürlichen Selektion tatsächlich zunächst benachteiligt. Diese bevorzugt Defektoren, also Organismen, die für sich selbst den schnellen Vorteil suchen. Deshalb braucht es Mechanismen, die Kooperation fördern. In meinem Buch habe ich die fünf Mechanismen beschrieben, die man kennt: Der erste Mechanismus ist „Wie du mir, so ich dir“. Man trifft etwa am Arbeitsplatz immer dieselben Menschen, und wenn ich heute zu einem nett bin, dann wird er mir morgen vielleicht einen Gefallen tun. Wenn ich aber heute ein egoistisches Spiel spiele, dann habe ich morgen bei ihm schlechtere Karten. Der zweite Mechanismus läuft über die Reputation: Wenn ich hilfsbereit bin, spricht sich das herum, und die anderen helfen mir auch. Das nennt man indirekte Reziprozität. Dritter Mechanismus: Man verhält sich nicht zu allen gleich, sondern pflegt Freundschaften – das führt auch zur Bevorzugung von Kooperation. Außerdem gibt es die sogenannte Gruppenselektion und den Nepotismus, die Bevorzugung von Verwandten. Diese Mechanismen verschaffen dem „Miteinander“ mit der Zeit einen Vorteil gegenüber einem „Jeder-gegen-jeden“? Nowak: Es bleibt trotzdem beim „Jeder ­gegen jeden“! Auch in einer kompetitiven Situation kann es für die verschiedenen Teilnehmer das Beste sein, kooperativ zu agieren. Mithilfe dieser fünf Mechanismen gewinnt die Kooperation in dem Sinne, dass sie von der natürlichen Selektion bevorzugt wird. Kann man da von selbstlosem Verhalten, also von Altruismus sprechen? Nowak: In der Biologie wird der Begriff Altruismus häufig für solches Verhalten verwendet. Auch ich habe das getan, bis ich in einem gemeinsamen Projekt mit Philosophen und Theologen darüber gesprochen habe. Die sagen, dass die Motivation für den Altruismus entscheidend ist. Es müsse Liebe

Interview: Martin Nowak

„Ich plädiere dafür, in der Biologie das Wort Altruismus nicht mehr zu verwenden, bis wir die Verhaltensmotivation erfassen können“ martin nowak, evolutionstheoretiker

oder Nächstenliebe dahinterstecken. In der Biologie kann man sehr gut verstehen, wie die Selektion bestimmtes Verhalten fördert, aber die Motivation dahinter noch nicht erfassen. Man sieht zum Beispiel, dass ein Organismus einem anderen hilft, obwohl es ihn etwas kostet, aber keinen unmittelbaren Nutzen bringt. Ob diese Handlung altruistisch ist, kann man aber nicht so leicht sagen, denn sie könnte auf lange Zeit sehr gewinnbringend sein. Deshalb plädiere ich dafür, in der Biologie das Wort Altruismus nicht mehr zu verwenden, bis wir die Verhaltensmotivation erfassen können. Ist sie ein zusätzliches Prinzip der Evolution? Nowak: Ja, ich bemühe mich sehr, dies so darzustellen. Man kann sagen, dass in der ­Darwinschen Biologie die Eckpfeiler die Mutation und die Selektion sind, aber die wirkliche Kreativität in der Evolution kommt eben von diesem dritten Prinzip, der Kooperation. Es gab aber bei Ihren Kollegen einen ziemlich lauten Aufschrei … Nowak: Aber nicht, ob die Kooperation als drittes Grundprinzip der Evolution durchgeht. Der Aufschrei betrifft nur die Theorie der Verwandtenselektion. Meine Arbeiten haben gezeigt dass die Theorie der Verwandtenselektion, wie sie in den vergangenen fünfzig Jahren entwickelt und in Büchern erklärt wurde, unhaltbar ist. Ist das mittlerweile geklärt? Nowak: Die Mathematik ist eindeutig, und dadurch ist die Sache für mich geklärt. Die Gegenseite hat dies aber noch nicht akzeptiert. Sie hat die mathematischen Argumente nie widerlegt, aber es oft versucht. Es gibt zahlreiche Arbeiten der Gegenseite, die versuchen, die Ergebnisse verwirrt darzustellen, damit sich niemand auskennt. Wenn man so ins tägliche Leben blickt, existiert da nicht unendlich viel Kooperation? Gibt es dafür eine Obergrenze oder ein optimales Maß? Nowak: Man darf nicht vergessen, dass Kooperation nicht immer gut ist. Sie kann auch zu sehr schlechten Dingen führen. Im Nazi-Regime haben Leute ja auch miteinander kooperiert, um Menschen umzubringen. Hier könnte man sagen, dass die Defektoren, also die Abtrünnigen, diejenigen waren, die etwas Gutes getan haben. Diese waren es wohl auch, die eher altruistisch gehandelt haben … Nowak: Ja, zu defektieren ist also nicht notwendigerweise böse, und Kooperation nicht immer nur gut. Wie sieht es beim Krieg aus? Dort kooperieren ja die Individuen einer

Gruppe besonders gut miteinander, nur um den Mitgliedern der anderen Gruppe möglichst die Schädel einzuschlagen. Nowak: Genau. Hier spielt man kooperativ innerhalb der Gruppe, um dann möglichst effizient gegen die feindliche Gruppe vorzugehen. Ja, dies wäre auch ein moralisch sehr fragwürdiges Beispiel. Sie bezeichnen die Menschen in Ihrem Buch als „Superkooperatoren“. Was können sie besser als alle anderen, wie zum Beispiel Ameisen, Bienen und Affen? Nowak: Vor allem, dass wir die indirekte Reziprozität meistern. Durch die menschliche Sprache können wir über andere reden und ununterbrochen Informationen über sie bekommen. Wir sind also die einzige Art, die indirekte Reziprozität in vollem Umfang nutzt. Die Hoffnung ist nun, dass dies mit dem World Wide Web noch effektiver wird und es zu einer globalen indirekten Reziprozität kommt. Kooperation sollte den Menschen im Kampf gegen den Klimawandel und bei anderen Problemen helfen? Nowak: Ja. Ob die Menschen genügend kooperieren können, ist heute zu einer Überlebensfrage geworden. Es geht hier ums Überleben des intelligenten Lebens auf der Erde! Die Lösung ist nicht Technologie, wie viele immer noch glauben, sondern dass man global zusammenarbeitet und lernt, mit künftigen Generationen bei Ressourcen wie einer das Überleben ermöglichenden Umwelt zu kooperieren. Das ist essenziell für die Menschheit, sonst zerstört sie ihren ganzen Lebensraum. Sie haben kürzlich gezeigt, dass die Marktwirtschaft dies nicht erfüllen kann, weil sich die Ausnützer der Ressourcen hier zu stark durchsetzen. Sie erklärten, es bräuchte eine weltweite Demokratie, um dies zu erreichen. Nowak: Genau. Wir veröffentlichten dies 2014 im Fachmagazin Nature. Für uns total überraschend zeigte sich, dass es eine große demokratische Mehrheit gibt, die Ressourcen schützen und nur maßvoll in Anspruch nehmen würde. Man müsste es durchsetzen, dass man globale Klimafragen mit globalen Wahlsystemen entscheiden könnte. Wie und wann kam die Kooperation eigentlich auf die Welt? Nowak: Ich glaube, dass sie schon vor dem eigentlichen Ursprung des Lebens stattgefunden hat, als Moleküle chemisch miteinander in Wechselwirkung traten, als ein Molekül dem anderen geholfen und dadurch verursacht hat, dass es häufiger wird und seine Konzentration steigt. Die Kooperation ist also älter als das Leben selbst. Sie zeigt sich nicht erst bei Lebewesen, sondern hat mit dazu geführt, dass Leben auf der Erde überhaupt erst entstehen konnte.

Foto: Filip Antoni Malinowski & Carlo Pisani

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Fotos: UNHCR/Olivier Laban-Mattei

Tit e lt h e m a   :   h eu r e k a 06/17   FALTER 46/17  21

Gewalt in der Zentralafrikanischen Republik vertrieb seit 2014 rund 274.000 Menschen ins benachbarte Kamerun. Im Lager Mbilé leben 11.000 Flüchtlinge. Die Essensrationen aus Mais, Soja, Erbsen, Sorghum und Öl wurden vom Welternährungsprogramm halbiert, seitdem hungern die Menschen


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:  vo n A b i s Z

Altruismus: Das Glossar Jochen stadler

Altruismus  Handlungen, die anderen mehr nutzen als einem selbst. Wurde bei Menschen und Tieren beobachtet. Gilt aber nur, wenn die Kosten wirklich permanent den Nutzen übersteigen und nicht in naher oder ferner Zukunft durch direkte- sowie indirekte Reziprozität, Nachbarschaftshilfe, Gruppen- und Verwandtenselektion oder Nepotismus wieder eingespielt werden sollen. Darwin, Charles  Britischer Naturforscher, der im 19. Jahrhundert erklärte, dass sich im harten Überlebenskampf „Jeder-gegen-Jeden“ nur die fittesten Geschöpfe durchsetzen. Dawkins, Richard  Zeitgenössischer britischer Zoologe, der altruistisches Verhalten auf den Egoismus von Genen zurückführt, die sich bei selbstlosen Individuen in den Verwandten erhalten, weil diese von ihren Taten profitieren. Direkt reziproker Altruismus  Erklärt Kooperation mit der „Wie-du-mir-so-ichdir“-Strategie, also dass man jemanden hilft, um später etwas von derselben Person zurückzubekommen. Egoismus  Handlungsweise, die über kurz oder lang nur dem Akteur selbst hilft und allen anderen viel größeren Schaden zufügt, als sie jenem nützt. Egozentrik  Die Meinung, dass sich die Welt um einen selbst dreht. Geht sehr oft mit einem Mangel an Einfühlungsvermögen einher sowie einem Verfolgungswahn, weil man die Taten anderer übermäßig auf sich selbst bezieht. Ehrenamt  Engagement für meist unbezahlbar wichtige Dinge wie die Rettung Verletzter und Notfallspatienten, der Umwelt und die Unterstützung Jugendlicher auf ihrem Lebensweg und beim Erlernen von Sport. Freunde  Helfen einander aus Zuneigung und nicht, damit bald eine Gegenleistung zurückkommt. Freundschaftsdienst  Hilfe, weil man eine Gegenleistung erwartet, und nicht aus Zuneigung. Gebote  In allen möglichen Kulturen und Religionen verbreitete Grundsätze, die ein friedliches und produktives Zusammenleben gewährleisten sollen. Gefangenendilemma  Spieltheoretisches Modell, bei dem zwei Personen nach einer gemeinsamen Straftat gefasst und einzeln verhört werden. Wer gesteht und den anderen verpetzt, bekommt eine niedrigere Strafe, als wenn er dichthält, verhilft dem anderen damit aber zur Höchststrafe. Plaudern beide aus, sind die Sanktionen wegen der Geständnisse mittelmäßig schlimm. Damit können Verhaltensökonomen prächtig Kooperation erforschen. Gemeinwohl  Zieht das Gedeihen einer Sippe dem Wohle einzelner Individuen vor. Wird nicht selten zu erpresserischen, egoistischen Zwecken missbraucht. Gesellschaft  Eine Gruppe von ­Personen, die untereinander scheinbar

mehr Gemeinsamkeiten haben als mit anderen. Oft sind diese aber nur sehr oberflächlich und konstruiert. Gesetz  Soll das Verhalten einer ganzen Gesellschaft zum Nutzen aller regeln, bevorzugt aber durch geplante Lenkwirkungen nicht selten bestimmte Gruppen. Gruppenselektion  Die Kooperation innerhalb einer Gruppe erhöht deren Chancen im Wettbewerb der natürlichen Selektion. Dadurch werden jene Gruppen in der Evolution bevorzugt, bei denen die Individuen einander möglichst viel helfen. Hammurapi  Babylonischer König, der mittels Codex die direkte Reziprozität nach dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ in Strafen fasste. Helfersyndrom  Entsteht, wenn Helfen das Selbstwertgefühl bestimmt und das Gebrauchtwerden zur Sucht wird. Führt teils zu missionarischem, teils zu kontraproduktivem Eifer. Indirekte Reziprozität  Kooperationsformel, die den „Ruf “ als Variable einschließt. Hilft man jemanden, steigt die Reputation, dadurch kann man eher die Unterstützung anderer erwarten. Individualismus  Stellt die einzelnen Akteure in den Mittelpunkt der Betrachtung und nicht die ganze Gruppe. Kooperation  Zweckgerichtetes Zusammenarbeiten zumindest auf eine gewisse Zeit, um Ziele zu erreichen, die für die einzelnen Akteure durchaus unterschiedlich sein können. Krieg  Annähernd perfekte Kooperation innerhalb einer Gruppe, um eine andere Gruppe niederzuringen. Nachbarschaftshilfe  Wenn benachbarte Individuen einander helfen, haben sie einen Evolutionsvorteil. Dies wird als „räumliche Selektion“ bezeichnet. Nepotismus, Vetternwirtschaft  Ist eine Kooperation, die nur wenigen hilft. Schadenfreude, gerechtfertigte  Erleichterung, wenn ein Egoist sich durch seine Taten selbst mehr geschadet hat als anderen. Spieltheorie  Spielwiese für Mathematiker, um Entscheidungen von Menschen und anderen Organismen zu modellieren: Sie wollen damit die Mechanismen hinter den Entscheidungen sowie deren Folgen in der Evolution der Lebewesen ergründen. Strafe  Sanktion gegen ein Verhalten, das als Unrecht aufgefasst wird. Survival of the fittest  Von Darwin aufgestelltes Dogma, dass die am besten angepassten Arten alle anderen überleben. Vampirfledermäuse  Spenden Artgenossen von ihrer Blutmahlzeit, wenn diese hungrig geblieben sind. Verwandtenselektion  Hilft man engen Verwandten, die viele ähnliche Gene tragen, fördert dies die Verbreitung der eigenen Erbinformationen.

:  f r e i h a n d b i b l i ot h e k Buchempfehlungen zum thema von emily walton

Gut sein durch praktisches Handeln

Gut sein aus rationaler Überlegung

Wir spenden Geld und Kleidung, kaufen fair gehandelten Kaffee und fahren auch längere Strecken mit dem Rad: Das befriedigende Gefühl, das man sich dadurch erhofft, ist allerdings oftmals kurz. Was bewegen wir mit unserer Handlung wirklich? Richten wir gar Schaden an? Philosoph MacAskill ist eine Schlüsselfigur in der Bewegung des „Effektiven Altruismus“, einem Ansatz zur Selbstlosigkeit, der sich auf Daten und empirische Erkenntnisse stützt. In seinem Werk zeigt er, wie man mit simplen, aber richtigen Handlungen viel bewirken kann.

Peter Singer ist Befürworter des „Effektiven Altruismus“: In seinem aktuellen Buch beschreibt er, weshalb wir uns von rein gefühlsgeleiteten Aktionen verabschieden und stattdessen kritisch hinterfragen sollten: Wer bewegt mit meinem Geld das Meiste? Wie maximiere ich eine Wohltat? Der Autor widmet sich dabei nicht nur dem Spenden: Er porträtiert auch zahlreiche Menschen, die ihr Leben gänzlich umstrukturiert haben, um Gutes zu tun, und zeigt, wie man beruflich einen Weg einschlagen kann, auf dem man effektiv andere unterstützt.

Doing Good Better: Effective  Altruism and a Radical New Way to Make a Difference. William MacAskill. Guardian Faber Publishing. 336 S.

The Most Good You Can Do: How Effective Altruism is Changing Ideas About Living Ethically. Peter Singer. Yale University Press. 232 S.

Gut sein als Herdentrieb

Von allen Seiten

Liegt Altruismus im Wesen des Menschen? Oder ist der Mensch von Natur aus egoistisch? Evolutionsbiologe Wilson versucht diese immer wiederkehrende Frage anhand jüngster Entwicklungen in seiner Disziplin zu beantworten. Er ist der Meinung, dass der Wille, Gutes zu tun, mit dem Herdentrieb des Menschen verbunden ist: Indem wir uns in Gruppen organisieren, entstehen Hilfsbereitschaft und Bewusstsein für andere. Auch die Beziehung zwischen Altruismus und Religion und Moral lässt er in sein kurzweiliges Werk einfließen.

David Sloan Wilson und der Philosoph Elliott Sober arbeiten gemeinsam und interdisziplinär das Thema Altruismus auf. Theorien der Biologie, Anthropologie, Philosophie, Psychologie und Soziologie werden hier zu einem umfassenden Gesamten verwoben. Die Autoren liefern unter anderem einen historischen Abriss des Altruismus und ziehen dabei auch Beispiele aus dem Tierreich heran. Zudem untersuchen sie die psychologischen Motive hinter selbstlosem menschlichen Verhalten und dem Entstehen von Gemeinschaften, die oft das Überleben sichern.

Does Altruism Exist? Culture, Genes, and the Welfare of Others. David Sloan Wilson. Yale University Press. 192 S.

Unto Others: Evolution and Psychology of Unselfish Behavior. Elliott Sober. Harvard University Press. 406 S.


Z u g u te r L e t z t  :   h eu r e k a 06/17   FALTER 46/17  23

:  g e d i c h t

erich klein

L e w Ru b i n st e i n : D i e St u f e n l e i t e r d e r Fo r m e n

:  wa s a m e n d e b l e i bt

Das Jahr 1917

Lew Rubinstein (geb. 1947 in Moskau), ­Dichter und Essayist, einer der Hauptvertreter des Moskauer Konzeptualismus. Seine Texte sind auf Karteikarten, wie sie früher in Bibliotheken verwendet wurden, geschrieben. Übersetzungen in zahlreiche Sprachen, auf Deutsch: „Immer weiter und weiter“ (Helmut Lang Verlag) 1. Also – was ist, fangen wir an? 2. Himmelherrgott! Ist endlich Ruhe! Man versteht sein eigenes Wort nicht! 3. Wie lange geht das noch so, Herrgott nochmal! Es ist immer dasselbe. Immer wieder dasselbe … 4. Herrgott! Hast du mich erschreckt! 5. Ach, wie das juckt. Verdammt nochmal. Ich kann nicht mehr! 6. Pfuh! Wer hat da so gefurzt? 7. Aber nein, das ist kein Problem! Sie können’s von mir aus morgen abholen! 8. Lass mich doch endlich in Ruh damit! Ich hab deine Brille nicht gesehen! 9. Datum und Unterschrift. Hier bitte. Nein – nicht hier! HimmelHerrgott-nochmal – jetzt kann man’s wegwerfen. 10. Kannst du nicht eine Minute still sein? Es ist doch wirklich unmöglich! 11. Das ist doch Wahnsinn. Einmal so, einmal so. Das halten ja die besten Nerven nicht aus. Herrgott! 12. Hast du eigentlich selbst verstanden, was du da sagst? 13. Und wann geht es dann endlich los? 14. „Und überall erlischt das Licht, doch seine Spur bleibt sichtbar“ 15. Was soll das auf einmal? 16. „Es gibt nichts Schrecklicheres, doch auch nichts Schöneres“ 17. Hat eigentlich irgendwer Iljucha gesehen? 18. „Mit süß-saurem ­Speichel besprenkle das Kissen“ 19. Weißt du, ist Aljoscha gekommen? 20. „Und der­Teppich über dem Bett reißt von der Kette“ 21. Für welchen Tag hast du die Karte? Und du wirst bis dahin mit allem fertig? 22. „Und langsam schwankt es und singt“ 23. Katja hat also nicht zurückgerufen? So eine verdammte Kröte! 24. „Des Bildes Hälfte fliegt davon“ 25. Wann fängt es an? 26. „Die andere Hälfte glimmt eine Zeit lang und

brennt.“ 27. Und wo wird das sein, wenn man fragen darf? 28. „Und Afrika und Mumps und Doktor Ajbolit“ 29. Wie spät ist es dort jetzt ungefähr? 30. „Und überall erlischt das Licht, und im Hals ist’s wie ein Wattebausch“ 31. Was, das hast du wirklich geträumt? 32. „Und in der Küche das Radio spielt irgendwas“ 33. Gut, dann hören Sie einmal zu: „Die Stufenleiter der Formen war eine bei Naturalisten und Philosophen des 18. Jahrhunderts verbreitete Vorstellung von der hierarchischen Anordnung der Körper der Natur von einfachen anorganischen (­Mineralien) bis hin zu komplexen organischen Formen. Die Idee der Stufen geht auf Aristoteles zurück.“ Und so weiter. 34. Vom Kopf irgendwas … 35. Wenn du tatsächlich glaubst, dass sich Kunst und Kultur zueinander verhalten wie Kristall und Lösungsmittel, dann irrst du gewaltig. Hör einmal zu … 36. Wär’ interessant zu wissen, wer auf Anhieb das Wort Inkompetenzkompensationskompetenz aussprechen kann. 37. Im Moment ist er leider nicht hier. Können Sie später anrufen? Danke. Auf Wiederhören. 38. Das ist irgendwo in der Nähe der Wolokolamsker Chaussee. 39. Dann muss man eben warten, man kann da gar nichts machen. 40. In den letzten zwei Monaten bin ich praktisch überhaupt nicht aus dem Haus gegangen. 41. Austern werden nach Klassen unterschieden. Wie, du hast das etwa nicht gewusst? 42. Um die Erziehung hätte man sich früher kümmern müssen. Jetzt ist es dafür zu spät. 43. Bis Mittwoch wäre wünschenswert. Donnerstag – ist der letzte Termin. 44. Kurz gesagt, ich komme und sehe, dass alles noch immer so ist, wie es war. Das heißt, es wurde ü-ber-haupt nichts gemacht. Weißt du, da kannst du wirklich nichts mehr machen. 45. Gedichte schreibt er schon lange nicht mehr. Zum Glück macht er etwas Vernünftiges. 46. Mich wundert schon lange nichts mehr. Und das – umso weniger. 47. Komm, es werden alle da sein. 48. Der

Typ ist knapp vierzig, im Hirn hat er aber nach wie vor nichts, und man muss keine Angst haben, dass sich daran noch etwas ändert. 49. Und die Hauptsache ist – nur ja nicht salzen. 50. Wann fängt’s an? Weißt du’s noch? 51. „Und überall erlischt das Licht, doch seine Spur bleibt sichtbar“ 52. Und – was hat dein Zarathustra dazu gesagt? 53. „Es gibt nichts Schrecklicheres, doch auch nichts Schöneres“ 54. Was – meinst du das etwa im Ernst? 55. „Mit süß-saurem Speichel besprenkle das Kissen“ 56. Gibt’s irgendwelche Fragen? 57. „Und der Teppich über dem Bett reißt von der Kette“ 58. Fangen wir dann irgendwann an oder nicht? 59. „Und langsam schwankt es und singt“ 60. Wie wäre es besser? Vielleicht einfach nur – „Stufen“? Das klingt doch edel, minimalistisch ... 61. „Des Bildes Hälfte fliegt davon“ 62. Oder ist „Marsch der Stufen“ besser? Irgendwie doch eleganter. Oder „Treppenauge“ – das wäre auch nicht schlecht ... 63. „Die andere Hälfte glimmt eine Zeit lang und brennt“ 64. „Und Afrika, und Mumps und Doktor Ajbolit“ 65. „Und überall erlischt das Licht, und im Hals ist’s wie ein Wattebausch“ 66. „Und in der Küche das Radio spielt irgendwas“ 67. Am besten ist trotzdem „Die Stufenleiter der Formen“. Lassen wir das so, gut? 68. „Und überall erlischt das Licht, doch seine Spur bleibt sichtbar. Es gibt nichts Schrecklicheres, doch auch nichts Schöneres. Mit süß-saurem Speichel besprenkle das Kissen. Und der Teppich über dem Bett reißt von der Kette. Und langsam schwankt es und singt. Des Bildes Hälfte fliegt davon. Die andere Hälfte glimmt eine Zeit lang und brennt. Und Afrika, und Mumps und Doktor Ajbolit. Und überall erlischt das Licht, und im Hals ist’s wie ein Wattebausch. Und in der Küche das Radio“ 69. Also – was ist, sind alle da? Können wir anfangen? 70. „spielt irgendwas“ Übersetzung aus dem Russischen von Erich Klein

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Alltagserfahrungen in einem Land, in dem tatsächlich Kriege stattfinden, verleiten zu biederen Gedanken, sobald man in den Frieden zurückkehrt. Etwa der Art: Die wahre Metaphysik besteht darin, dass einmal Ruhe sein wird … Dann ist eine Gewöhnungsphase angebracht, etwa um sich hier nicht ständig über das xte Revival irgendeines Military Look zu empören, nur weil dort real bewaffnete Camouflagen durch die Gegend laufen. Allerdings gibt es nicht nur hybride Kriegsführung, sondern auch einen hybriden Frieden, angesichts dessen sich bloßer Hausverstand als ziemlich hilflos erweist. Dieser Tage war von „100 Jahre Oktoberrevolution“ die Rede – mehr als ein wenig Fernsehen statt Aufklärung wurde daraus nicht. „Wir stürmen das Winterpalais“ geriet sogleich zum neckischen Aufruf, einem Werbegag, den es nicht im Geringsten schert, dass 1917 eine Diktatur von atemberaubender Grausamkeit entstand. Nur Leo Trotzki, einer der Gründerväter des visionären Terrors aus dem Geist des Schwachsinns, fehlte noch: „Die Formen des Alltagslebens werden dynamische Theatralität annehmen. Der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau des Aristoteles, ­Goethe und Marx erheben.“ Das ehrwürdige Film­museum, so alt, dass es fast den Namen Lichtspieltheater verdient, betitelt eine Filmreihe zum Thema „Utopie und Korrektur“. Warum nicht „Terror“? Weil sich dazu keine gelungene, keine „avancierte“ Ästhetik fand? Nimmt hier noch jemand etwas ernst? Oder wird bloß noch die Leerformel „Marx-und-Lenin“ mit laschem intellektuellem Snobismus durch „Walter Benjamin“ ersetzt? Diese Geschichte ist auch nicht angetan, dass unter halbakademischen Weihen, sprich ­außeruniversitär, Bögen von einer der Urkatastrophen Europas zu infantilen 1968er-­ Veranstaltungen wie „Kunst und Revolution“ gezogen werden. Das Böse im 20. Jahrhundert war weder schwarz glänzend noch rubinrot, sondern eine mattgraue Organisationsleistung von Bürokraten des Massenmordes. Ossip Mandelstam, der selbst dem Kommunismus der Oktoberrevolution zum Opfer fiel, schrieb einmal: „Ich bin dankbar dafür, daß sie mit allem geistigen Versorgtsein und einem Leben auf Kulturrente Schluss machte. Ich fühle mich als Schuldner der Revolution, bringe ihr jedoch Gaben dar, die sie vorläufig noch nicht benötigt.“ Warum denkt niemand mehr Friede und Utopie, nämlich ohne Hysterie und ohne Nabelschau?


R E M M I R E D I W ! V A R B

n e g n u n i e M e h c s i K r it . e r a t n e m m o K d n u . e h c o W Je de


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