FALTER
Nr. 41b/21
Wien Modern 2021
D E S I G N : PE N TAG R A M B E RLI N
Die besten Ereignisse. Alle Termine
DAS MOT TO DES DIESJÄHRIGEN FESTIVALS: MACH DOCH EINFACH WAS DU WILLST!
Charakterköpfe · Poppaea und die dunkle Seite der Macht · Anestis Logothetis, der anarchische Pionier der grafischen Notation · Kammermusikalische Abenteuer mit Georg Baselitz · Cyberpunk-Musiktheater von Elisabeth Schimana · Klanglabyrinthe bei Georg Friedrich Haas · Christof Ressi bekommt den Erste Bank Kompositionspreis
Österreichische Post AG, WZ 02Z033405 W, Falter Zeitschriften GesmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien
MEHR FR
F A L T E R WIEN MODERN
Vorwort
Inhalt Schmoliner / Fraufeld
Klingende Kasematten und eine neues Fraufeld-Album
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„Atara“ als orchestraler Kontrollverlust
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Chaya Czernowin
Glückwunsch!
Bernhard Günther, der künstlerische Leiter von Wien Modern
Liebe Leserinnen und Leser, liebe Hörerinnen und Hörer, seit 20 Monaten herrscht ein ungewohnt hoher Flutpegel an Ge- und Verboten. Über bemerkenswert öde Strecken gab es mehr Maßnahmenverordnungen als Veranstaltungen. Währenddessen wurde viel Lehrreiches geboten über die Grenzen des menschlichen Irrglaubens, alles kontrollieren zu können oder zu müssen. Das Festival Wien Modern hat sich 2020 auf die harte Tour dafür entschieden, mitten im Lockdown das Programm gratis online über Stream anzubieten – und setzt jetzt ein Pandemiejahr später auf eine vollkommen entspannte, so ernst wie heiter gemeinte Einladung: Mach doch einfach was du willst. Diese Einladung richtete sich zunächst einmal an zahlreiche Künstler*innen, die für die kommende 34. Festivalausgabe freie Hand hatten. Was machen 15 Frauen des Wiener Labels Fraufeld, wenn sie endlich die große Bühne im Mozart-Saal des Wiener Konzerthauses für sich haben? (S. 2/3) Wie reagieren junge Musiker*innen heute auf Anestis Logothetis, der vor 60 Jahren anarchistischen Wind in die Wiener Musikszene brachte? (S. 10/11) Was macht Bertl Mütter aus dem grandiosen Literaturmuseum, in dem Franz Grillparzer Theaterstücke schrieb, statt seinem Job als Beamter nachzugehen? (S. 9) Was wäre, wenn Fortschritt sich zur Seite bewegen würde? (S. 19) Und wie klingt ein Orchester, wenn sich nicht mehr alles kontrollieren lässt? (S. 4) Vor allem aber richtet sich die Einladung an Hörerinnen und Hörer: Kommt doch einfach zwei oder drei Stunden nach dem Konzertbeginn ins Kunsthistorische Museum (S. 21), legt euch hin (S. 2) oder stellt die Dinge auf den Kopf (S. 16). Wir wünschen viel Vergnügen bei Wien Modern! Bernhard Günther Künstlerischer Leiter Wien Modern Armin Thurnher Herausgeber Falter
Zum 95er von Friedrich Cerha erklingen die „Spiegel“ 5
Für „Towering Silence“ schickt Ingrid Schmoliner Klänge durch die Kasematten unter dem Palais Coburg, während die Plattform Fraufeld die ganze Bandbreite an stilistischer Vielfalt der Szene präsentiert
Die dunkle Seite der Macht
„Poppaea“ von Michael Hersch und Stephanie Fleischmann 6
VOR SCHAU: MARIE-THERESE RUDOLPH
Schwindelerregendes mit dem Klangforum Wien 8
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Vertigo
Bertl Mütte
Das „Logoratorium“ als Musikalisches Stationentheater 9 Anestis Logothetis
Eine Hommage an den Meister der grafischen Notation 10 Lexikon
Sämtliche Veranstaltungen im Überblick 12
Milica Djordjević
„Quicksilver“: flüssiges Silber im Großformat 14
Christian Ofenbauer
„Spiegel“: Musiktheater als instrumentales Satyrspiel 15 Baselitz / Furrer / Diotima
Vier Mal Musik sehen, hören und fühlen 16
Thomas Kessler
Oratorium ohne Gott Growing Sideways
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Angewandte Fortschrittskritik im Seitenschritt 19
Fugen
Elisabeth Schimanas Cyberpunk-Musiktheater Georg Friedrich Haas
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„ceremony II“: Die Galerie als Klanglabyrinth
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Christof Ressi bekommt den Erste Bank Kompositionspreis Terminübersicht
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Kompositionspreis
ier Wochen vor der Performance wird es also konkret: Ingrid Schmoliner und Adam Pultz Melbye beginnen mit den Proben ihres gemeinsamen Stücks „Towering Silence“, an dem noch eine dritte künstlerische Kraft maßgeblich beteiligt ist – ein eigens dafür entwickeltes Computerprogramm. Die aus Kärnten gebürtige Pianistin, Performerin und Komponistin war 2019 bei Wien Modern mit einem großen Klaviersolowerk beauftragt, das in seiner Intensität einen bleibenden Eindruck hinterließ. Für die aktuelle Ausgabe des Festivals wurde sie gemeinsam mit dem Komponisten und Kontrabassisten Adam Pultz Melbye eingeladen, ein ortsspezifi ches Klangstück zu kreieren. Entstanden ist eine Performance und eine Klanginstallation für die bisher wenig öffentlich genutzten Kasematten im Palais Coburg. Lange suchten die beiden Künstler nach dem geeigneten Ort – einen, an dem sich die Stille wie eine Säule entfalten kann, in Anlehnung an „Towers of Silence“, rituelle Aufbahrung stätten, über denen sich eine mystische Stille manifestieren kann. Das repräsentative Palais Coburg liegt di-
rekt am Stadtpark unweit des Wiener Konzerthauses und zählt zu den charmantesten Gebäuden des historischen Stadtkerns. Im Wiener Volksmund wird das Palais „Spargelburg“
genannt, weil die zum Parkring gewandte Seite von schmalen, hohen Säulen dominiert wird. Im Keller befi den sich die sogenannten Kasematten der Braunbastei aus dem 16. Jahrhundert. Sie sind in ihrer Dimension einzigartig in Wien, denn die Befestigungsanlagen wurden danach abgetragen. Die Kellergewölbe entsprechen der Idee des neuen Projekts, unterschiedliche Wahrnehmungssituationen anzubieten: Der Hauptraum ist nach oben hin geöffnet, dort befindet sich das Publikum im Zentrum des Geschehens. Klangkaskaden durchwandern den Raum, verändern sich laufend, die Frequenzen reagieren aufeinander, während die Zuhörerinnen und Zuhörer auf Matten liegend sich ganz dem Schallwellen-Erlebnis hingeben können. Wer sich der Innenschau widmen möchte, und Hören sei immer eine transformative Situation, so Ingrid Schmoliner, wählt einen weiter entfernten Hörplatz, denn die Gänge mit den sauber freigelegten Ziegelmauern sind weit verzweigt. Stille, Präsenz und Abwesenheit sind die
drei zentralen Themen der Gemeinschaft arbeit. Klaviersamples und anderes vorgefertigtes Material gehen in Echtzeit Verbindungen mit Adam Pultz Melbyes rückkopplungsgesteuertem, klangerweitertem Bass und der Klavier- und Stimmperformance von
Impressum Falter 41b/21 Herausgeber: Armin Thurnher Medieninhaber: Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H., Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at Redaktion: Miriam Damev Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.; Layout: Raphael Moser; Lektorat: Helmut Gutbrunner, Patrick Sabbagh, Geschäftsführung: Siegmar Schlager, Anzeigenleitung: Sigrid Johler Druck: PNPD GmbH, Passau DVR: 047 69 86. In Kooperation mit Wien Modern. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/ offenlegung/falter ständig abrufbar.
Die gebürtige Villacherin Ingrid Schmoliner arbeitet als Interpretin, Improvisatorin und Komponistin für internationale Bühnen
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AUEN MUSIK!
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in die
Noch mehr Musik von Frauen!
F O T O S : I N A AY D O G A N , A L E K S A N D R A B A J D E , A R N O L D H A B E R L , H E S S A M S A M AVAT I A N , G E O R G C I C E K- G R A F, R E I N H A R D W I N K L E R , W O L F G A N G R A U C H , N I C O L E S A B E L L A
Nurit Stark Solo Die großartige israelische Geigerin Nurit Stark bitt t zum musikalischen Spaziergang durch die Innenstadt. Mit dabei hat sie ihr „Petrus Guarnerius di Mantua“-Violine aus dem Jahr 1710. Startschuss ist in der Votivkirche. Votivkirche u.a., Di 2.11., 19.00
Die Wiener Plattform Fraufeld (u.a. mit Golnar Shahyar, Aleksandra Bajde, Isabelle Forciniti, Rojin Sharafi, Helene Glüxam, JUUN , Sophie Hassfurther, Yvonne Zehner, Lale Rodgarkia-Dara) stellt bei Wien Modern ihr neues Album vor
Ingrid Schmoliner auf eigene Texte und andere Autoren ein. Sie wollen den Luxus nützen, mit zwölf Lautsprechern zu arbeiten, sodass die Klänge sich im Raum verteilen, sich Stimme und Bass vervielfachen und verschiedene Ebenen der räumlichen Tiefe und Variationen entstehen, erläutert Adam Pultz Melbye. Dem Künstlerduo war wichtig, „während des Spielens nicht zu viele Regler und Knöpfe bedienen zu müssen, da dies den Fokus von der eigentlichen Performance ablenken würde“. Das gelingt auf zwei Wegen, erklärt der Däne Adam Pultz Melbye: „Einerseits steuert Ingrid Schmoliner die Klangmanipulationen mit ihren Handbewegungen, die über einen Fingerring abgenommen werden, und andererseits hört sich das Programm selbst zu und nutzt diese Informationen, um seine eigenen Manipulationen anzupassen.“ Ganz der weiblichen Musikkreation hat sich
die Wiener Plattform Fraufeld verschrieben. Vor fünf Jahren initiiert und aufgebaut von der Pianistin Verena Zeiner und der Flötistin Sara Zlanabitnig, wurde das Leitungsteam 2019 um die Pianistin Milly Groz und die Sängerin Anna Anderluh erweitert. Schließlich kam im vergangenen Jahr noch die Komponistin und Produzentin Joanna Quehenber-
ger dazu, und das Quintett war vollständig. Als Verein organisiert, haben sich die engagierten Musikerinnen dem Ziel verschrieben, das Musikschaffen von Frauen sichtbar und hörbar zu machen. Umgesetzt wird das durch Vernetzung, Austausch, Konzerte, gegenseitige Unterstützung und eine Tonträgerreihe. Demnächst erscheint das dritte Album und wird bei Wien Modern mit einem Konzert präsentiert. Waren die beiden ersten Alben noch von je-
weils einer Musikerin, zuerst Verena Zeiner, dann Sara Zlanabitnig, kuratiert, ist nun erstmals das Fünfer-Kollektiv der Fraufeld-Leitung für die Zusammenstellung verantwortlich. Dafür laden sie jeweils Komponistinnen und Musikerinnen ein, ein eigenes Stück ihrer Wahl in kleiner Besetzung zu spielen. Auch Männer dürfen an der Interpretation mitwirken, was allerdings nicht so oft der Fall war. Überraschend sei gewesen, dass viele, die ein Soloprojekt umgesetzt hätten, die Möglichkeit ergriffe haben, ganz alleine etwas Neues auszuprobieren, so Verena Zeiner. Sie verrät eine Neuerung des Konzepts: „Die eingeladenen Protagonistinnen konnten zusätzlich zu ihrem eigenen Stück eine weitere Kollegin auswählen. Die Idee dahinter war, dass wir die Hoffnung hatten, auf diese Weise Musikerinnen zu erreichen,
die wir noch nicht kennen. Und das ist aufgegangen!“ Die große stilistische Bandbreite der auf dem Album vertretenen Künstlerinnen reicht von Jazz über Elektronik bis hin zu gänzlich freier Improvisation. „Was alle verbindet, ist der Einsatz von Impro-Elementen, auch wenn sich die musikalischen Sprachen und das jeweilige stilistische Umfeld gar nicht gleichen“, so Verena Zeiner. Die kontinuierliche Arbeit der Initiative Fraufeld zahlt sich aus. Veranstalter vertrauen auf ihre Kenntnisse der Szene und ihren solidarischen Umgang miteinander. Und sie lernen ständig dazu, denn nach der großen Anstrengung, einen neuen Tonträger und dessen Präsentation zu realisieren, geht es ans Reflektie en des Prozesses und, aufbauend auf die neuen Erfahrungen, daran, neue Pläne zu schmieden. Was Verena Zeiner als besonders motivierend empfindet, ist, dass sich daraus oft neue Projekte und Kooperationen ergeben. Die Anstrengungen haben sich also gelohnt! F Towering Silence Palais Coburg Kasematten, Mo 1.11. & Di 2.11., Installation: 14.00–19.00, Konzert: 20.00 Fraufeld Wiener Konzerthaus, Mozart-Saal Sa 27.11., 20.00
Carte blanche à Younghi Pagh-Paan Kurz vor ihrem 76. Geburtstag kommt die südkoreanische Komponistin nach Wien. Beim Porträtabend im Mozart-Saal erklingt neben eigenen Werken das Hammerklavierkonzert ihres verstorbenen Lebensgefährten Klaus Huber. Konzerthaus, Mi 3.11., 19.30 Miranda Cuckson Solo Noch eine fantastische junge Geigerin, die mit einem Solo vertreten ist. Mit im Gepäck hat sie Werke von Xenakis, Stahnke, Haas, Shirazi und Simon. Alte Schmiede, Sa 6.11., 15.00, 17.00 Echoes from the Moon Ehemalige Wegbegleiter gestalten eine Hommage der amerikanischen Komponistin und Pionierin der elektronischen Musik, Pauline Oliveros. Neben den „Sonic Meditations“ wird dabei auch Oliveros’ experimentelles Spiel mit hörbaren Echos von der Mondoberfläche aufgeführt. Café Korb, Fr 12.11., 22.00
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Mehr Elektronik! Area: Fennesz Der Wiener ElektronikMusiker Christian Fennesz zeigt im Großen Foyer des Konzerthauses, wie Augmented Listening geht. Mit speziellen interaktiven Kopfhörern ausgestattet, erkundet das Publikum die virtuelle Hörlandschaft der Komposition „Area“, die sich je nach Position, Bewegung oder Blickrichtung individuell beeinflu sen lassen. Konzerthaus, Sa 30.10.–Mi 3.11., 14.00–19.00
Klänge, die unter die Haut gehen Verlustkontrolle und Verletzlichkeit: Chaya Czernowins Orchesterstück „Atara“ wird uraufgeführt ANNÄHERUNG: MIRIAM DAMEV
nfang des Jahres 2020, als die Welt noch in Ordnung und die Pandemie A in weiter Ferne schien, arbeitete Chaya
Czernowin gerade an ihrem Konzept für ein neues Orchesterstück. „Crude“ sollte es heißen. Ein Klagegesang auf den Irrglauben der Menschen, alles kontrollieren zu können. Wenige Wochen später stand die Welt still. Chaos statt Kontrolle; Ohnmacht und Ungewissheit. Chaya Czernowin sitzt in ihrem Arbeitszimmer in Harvard. Wenn sie aus dem Fenster schaut, sieht sie Bäume und Sträucher, hört Vögel singen und Zikaden zirpen. Im Laufe des Lockdown-Jahres liest sie ein Gedicht von Zohar Eitan. Es erzählt von Kindern, die nicht mehr draußen spielen. Von Falken und Jägern. Von Herzen und ihren Schatten. Zohar ist Dichter und Komponist, ein alter Freund, mit dem Czernowin immer wieder zusammenarbeitet. Sie findet, dass „Atara“ – so der Titel des Gedichts – und ihr Stück zusammengehören, weil sie beide von der Verletzlichkeit erzählen. Czernowin benennt ihre Komposition neu. Das Orchester bewegt sich langsam und kraftvoll in riesigen, voneinander unabhängigen Blöcken. Elemente, die sich über- und ineinander schieben sowie die Erforschung von Gegenwärtigem und Verschüttetem
ist Teil von Czernowins schöpferischer DNA. In ihren Kompositionen summt und brummt, knirscht und rauscht es. Czernowin schreibt körperliche Musik mit und für alle Sinne. Erkundungen nach dem Verborgenen in der Musik, bis hin zum Unhörbaren. Stille. In ihrem Haus in Harvard, wo sie an der Universität Komposition unterrichtet, genießt Czernowin die Stille am Morgen. Durch die großen, fast 100 Jahre alten Sprossenfenster fällt das Licht herein. Später arbeitet sie an einem Tisch ohne Computer mit Bleistift und Notenpapier. Wenn es nachts ganz still ist, lauscht sie den Geräuschen, die in Schichten kommen. Chaya Czernowin wurde am 7. Dezember
1957 in Haifa als Tochter zweier Holocaust-Überlebender geboren. Mit fünf Jahren fing sie an, Klavier zu spielen, mit 13 Jahren beschloss sie, Komponistin zu werden, gründete eine experimentelle Rockband, studierte Klavier und Komposition in Tel Aviv und zog mit 25 nach Berlin, wo sie mit einem Stipendium bei Dieter Schnebel lernte. Es folgten Studien in Tokio sowie in den USA bei Brian Ferneyhough und Roger Reynolds in San Diego/Kalifornien. Komponieren, sagt sie in einem Interview, bedeute, „eine Vision zur Gestalt bringen“. Ihrem Werk, das Kammer-, Vokal- und Orchestermusik ebenso um-
fasst wie Bühnenwerke, haftet stets etwas Schauriges an. In ihrer ersten Oper „Pnima … ins Innere“ (2000) etwa zeichnet sie ein gespenstisch-klares Psychogramm des Holocaust. „Shu Hai“ für Frauenstimme, Orchester und Live-Elektronik (2001) vereint fragile und poetische Elemente mit grotesken Ausbrüchen. „Hidden“ für Streicher und Elektronik
(2014) erkundet das Verborgene, Unsichtbare. Vergangenes Jahr wurde im Rahmen von Wien Modern Czernowins „Fast Darkness I“ uraufgeführt. 20 Minuten dauernde Studie über Verwirrung und Unsicherheit. Etwa das kurze Gefühl zu fallen, wenn man denkt, es gäbe eine Treppenstufe, beim nächsten Schritt gibt es aber keine, so Czernowin. Sie sei nicht daran interessiert, eine Musik zu komponieren, die unterhält, sagt die promovierte Dozentin und mehrfach preisgekrönte Komponistin. „Ich möchte wirklich etwas machen, das das Gegenteil von Unterhaltung ist.“ In ihren Kompositionen erforscht Chaya Czernowin emotionale Extreme. Sie schreibt Klänge, die unter die Haut gehen. Die Angst und Beklemmung auslösen. Erkundungen „zu den endlosen Hohlräumen im Inneren der zunehmenden Dunkelheit“. F Claudio Abbado Konzert Musikverein, Großer Saal, Di 9.11., 19.30
FOTO: CHRISTOPHER MCINTOSH
Lebt und arbeitet in Harvard: Chaya Czernowin. In ihrem Werk sucht die israelische Komponistin nach dem Verborgenen in der Musik
Noche de los muertos Physische und geistige Absenz, Nicht-Sein, Nichthier-Sein, Fehlen, Tod. Das institut 5haus hat sechs Komponistinnen bzw. Klangkünstler eingeladen, eine elektroakustische Komposition zum Thema Absenz zu produzieren. Auf der Bühne des echoraums steht ein audiovisueller Totenaltar (Santa Ausencia), eine TV-AudioVideo-Skulptur (Billy Roisz) mit Soundinstallation (Burkhard Stangl) und Magnetic-Tape-Gewebe (Angélica Castelló) als eine Tür zu einer anderen Welt. echoraum, So 31.10., 16.00, 20.00
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Mehr neue Musik für Kinder! Der Besuch vom kleinen Tod So heißt Klaus Langs Märchenoper für junges Publikum. Der kleine Tod ist eine reizende Person. Leider weiß das niemand, und die Menschen haben Angst vor ihm. Alle, außer Elisewin. Sie freut sich, endlich keine Schmerzen mehr zu haben. Die beiden beschließen, die Menschen gemeinsam abzuholen, damit sie sich nicht mehr fürchten müssen. Dschungel Wien, Mo 1.11.–Sa 6.11. Selbst 60 Jahre nach der Uraufführung beeindruckt Friedrich Cerhas klanggewaltiges Meisterwerk „Spiegel“
Demokratische Prozesse im Spiegel der Zeit Friedrich Cerha ist 95. Wien Modern gratuliert mit seinem monumentalen Orchesterwerk HOMMAGE: M A R I E-T H E R E S E R U D O L F
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aum zu glauben, dass der „Doyen der zeitgenössischen österreichischen Musik“ am 17. Februar 95 Jahre alt geworden ist! Denn präsent, bei Konzerten – immer aufmerksam zuhörend – und mit neuen Werken, die in ihrer Frische überraschen, ist er nach wie vor. Der Komponist, Geiger, Dirigent und bildende Künstler hat durch seine kontinuierliche, jahrzehntelange Arbeit – etwa mit seinem Ensemble „die reihe“ – dem zeitgenössischen Musikschaffen in Österreich zu einem lebendigen und professionellen Umfeld verholfen.
FOTO: A. KAWKA
Schon früh hat sich Friedrich Cerha mit
Freunden und Weggefährten aus verschiedenen Kunstbereichen umgeben und den Austausch gesucht. So verkehrte er etwa im legendären „Strohkoffer“ des Art-Club, dem avantgardistische Maler sowie Literaten aus der Wiener Gruppe angehörten. Deren prägnante, oft politische und auch humorvolle Texte waren immer wieder Grundlage seiner Kompositionen, wie zum Beispiel für „Eine Art Chansons“ (1985–87). Cerha hat seine Werke immer einer kritischen Reflexion unterzogen, sich damit ständig weiterentwickelt und seine künstlerische Herangehensweise laufend verändert. Trotzdem ist seine persönliche Handschrift stets erkennbar. „Wenn eine
Komposition fertig war, wollte ich mir bewusst machen, was in dem Werk eigentlich vor sich gegangen ist. Das hat mich auch für neue Einflü se offen gemacht“, so Cerha in einem Interview zu seinem 90. Geburtstag. Mit wachem und neugierigem Blick wandte er sich stets dem Neuen zu. Als Widerstandskämpfer und Deserteur im Zweiten Weltkrieg ist Cerha von Jugend an ein politisch denkender und agierender Mensch, was sich auch in seinem künstlerischen Schaffen, etwa in der Auswahl seiner Textvorlagen für seine Opern, niedergeschlagen hat. Internationales Renommee erlangte Cerha schließlich durch die Komplettierung des dritten Akts von Alban Bergs Oper „Lulu“, deren Uraufführung in Paris 1979 große Aufmerksamkeit erregte. Es folgten eigene Opern wie „Baal“ nach Bertolt Brecht (Salzburger Festspiele, 1981), „Der Rattenfänger“ (steirischer herbst, 1987), „Der Riese vom Steinfeld“ auf ein Libretto von Peter Turrini (Wiener Staatsoper, 2002) und zuletzt die komische Oper „Onkel Präsident“ (Prinzregententheater München, 2013). Die Werke thematisieren die zeitlosen Fragen unserer Gesellschaft, jene nach dem Verhältnis zwischen Kollektiv und Individuum. Dieses zutiefst politische Thema liegt auch seinem großen, siebenteiligen Orchesterzyklus „Spiegel“ zugrunde. Das 1960/61 für Orchester und Tonband
komponierte Klangflächen- tück gilt als Meilenstein der (österreichischen) Musikgeschichte. Es stellt für seine Kompositionsarbeit „End- und Höhepunkt einer Entwicklung (dar), die zu einer Loslösung meiner Sprache von traditionellen rhythmischen, melodischen und harmonischen Formulierungen geführt hat“. Cerha hält fest, dass „die individuelle Stimme an Gesicht und Gewicht (verliert) – Massenereignisse dominieren“. Rückblickend erzählt der Komponist: „Neu daran war das Operieren mit Klangmassen, mit einer Menge von Stimmen, die alle gleichberechtigt waren und im Zusammenfallen erst das akustische Erlebnis brachten. Es war ein Fantasieren in einer Musik, die es bisher nicht gab, das Träumen einer neuen Welt.“ Erst 1972 wurden die „Spiegel“ in ihrer Gesamtheit aufgeführt, und zwar vom ORF-Radiosymphonieorchester Wien unter der Leitung des Komponisten selbst beim Weltmusikfest der IGNM, das gemeinsam mit dem musikprotokoll im steirischen herbst in Graz stattgefunden hat. Seither folgten vereinzelte Aufführungen des aufwendigen Werkes, umso mehr erscheint das Konzert bei Wien Modern als ein adäquates Ereignis anlässlich des 95. Geburtstags des Grandseigneurs der Neuen Musik. F Friedrich Cerha: Spiegel Konzerthaus, Großer Saal, Fr 19.11., 19.30
Matinée petite Unter dem Motto „Enjoy“ präsentiert das mumok Werke von der klassischen Moderne bis zur Gegenwart. In diesem Ambiente gestalten Schülerinnen und Schüler der Musikschulen Wien eine Matinee mit aktueller Musik. mumok, So 7.11., 12.00 Jorinde Die Kinderoper von Maria Gstättner, frei nach dem Märchen Jorinde und Joringel der Gebrüder Grimm, erzählt die Geschichte eines Mädchens (Jorinde) und eines Jungen (Joringel), die an eine grenzenlose Welt glauben und sich und ihre Freunde dadurch vom Zauberer, der sie im Wald in einem goldenen, magischen Schloss gefangen hält, befreien können. MuTh, Mi 10.11., So 14.11., Mi 17.11. Junge Musik Zeitgenössische Musik ist nicht nur für Große – auch junge Menschen sollen bei Wien Modern mit aktueller Musik in Berührung kommen. Oder sogar selbst komponieren, passend zum Motto „Mach doch einfach, was du willst“. Reaktor, Do 25.11., 17.30
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Mehr Performance!
Rettenwander: Solo „Foyer“ nennt die Tiroler Performerin Lissie Rett nwander ihre neue Komposition. Die Performance erstreckt sich über das mehrstöckige Foyer des Future Art Lab und fungiert dabei als Höhle, Hallraum, den Lissie Rettenwander mit ihrer Stimme auslotet und bewegt. Sie erspürt Sichtbeton, Glas, Geländer und Stufen mit ihrem Körper; bewegt sich durch, berührt, erklopft den Raum, die Materialität. Mit ihrer Stimme verwandelt sie das Foyer in einen überdimensionalen hallenden Raum – und zwar dort, wo es am meisten tönt. mdw Campus Future Art Lab, Fr 12.11., 18.00
GUT UN
JENSEITS VON
P
ur ti miro, pur ti godo“: Als Opernfi uren mag ihnen zwar eines der schönsten und ältesten Liebes- und Schlussduette überhaupt anvertraut sein, rein historisch betrachtet haben sie jedoch alles andere als eine gute Nachred’, der römische Kaiser Nero und seine zweite Frau Poppaea. Sie habe sich intrigenreich und über Leichen gehend hochgeschlafen, lautet die gängige Sichtweise schon in der antiken Geschichtsschreibung, die selbstredend männlich geprägt war; er habe sie schließlich, zusätzlich zu weithin bekannten Untaten (etwa dem angeblich auf ihn zurückgehenden Brand Roms und der daraufhin verschärften Christenverfolgung), während ihrer Schwangerschaft mit einem Fußtritt getötet ... Dieses brutale Ende der Beziehung kommt
allerdings gar nicht mehr vor in Claudio Monteverdis „L’incoronazione di Poppea“, der ersten auf einem historischen Sujet basierenden Oper des Barock: Das Werk endet mit dem schönsten Sieg, den die Unmoral je errungen hat, im Happy End eines überirdisch einträchtigen, trauten Zwiegesangs von wahrlich rücksichtslos Liebenden – wobei man allerdings heute längst nicht mehr sicher ist, ob dieses Duett überhaupt von Monteverdi stammt. Kein Wunder freilich, dass
„Poppaea“: Stephanie Fleischmann und Michael Hersch stellen die umstrittene römische Kaiserin neu auf die Opernbühne SPURENSUCHE: WALTER WEIDRINGER
die auch nach 2000 Jahren noch aufregende, unerhört wirkende Story längst auch andere Sichtweisen und Deutungen provoziert. So ist Poppaeas Tod durch Femizid, der erschreckend zeitgenössisch wirkenden Form mörderischer häuslicher Gewalt, Ausgangspunkt einer neuen Opernversion des Stoff s mit dem Titel „Poppaea“ (2019), diese erschöpft sich aber nicht darin. Komponiert hat sie Michael Hersch auf ein Libretto der gleichfalls aus den USA stammenden Dramatikerin Stephanie Fleischmann. Die Uraufführung dieser Koproduktion fand im September bei den ZeitRäumen Basel statt, nun kommt der knapp zweistündige Einakter bei Wien Modern dreimal im Odeon auf die Bühne.
Fleischmann besitzt ein waches Sensorium dafür, was in den narrativen Künsten auch am Beginn des 21. Jahrhunderts noch nicht selbstverständlich ist, zumal im Musiktheater: „Es ist von entscheidender Bedeutung, dass wir als Künstlerinnen und Künstler der heutigen Zeit (unabhängig davon, ob wir weiblich, männlich oder nicht-binär sind) uns der Herausforderung stellen, komplexe weibliche Charaktere zu schaffen, mit denen wir das Ausmaß dieser Gewalt betrachten und konfrontieren können – und dabei das wenige, das in einer von Gewalt zerrissenen Welt noch an Schönheit übrig ist, herausarbeiten. Und doch laufen wir Gefahr wegzuschauen, weniger wachsam zu werden, gerade dann, wenn wir uns selbst umso genauer untersuchen sollten.“ „Diese ‚Poppaea‘ fängt da an zu erzählen, wo
Monteverdi aufhört , ergänzt der Regisseur Markus Bothe: „Sie zeigt eine Welt, die noch den Schein des Intaktseins behauptet, die aber tatsächlich sich selbst zerstört.“ Allein die Warnung vor „Darstellungen von Gewalt und sexuellen Handlungen“ spricht Bände, hat aber in Bothes Inszenierung nichts mit Kolportage und Sensationslust zu tun. Es geht nicht zuletzt darum, die historischen Ereignisse aus betont weiblichem Blick-
FOTO: SUSANNA DRESCHER / ZEITRÄUME BASEL
Gesang der Orgel Winfried Ritschs Werk für robotische Raumorgeln und Sängerin ist eine begehbare Klanginstallation für 222 modulierbare Orgelpfeifen und Gesang. Dabei werden Holz-, Metall- und Rohrregister einer Hradetzky-Kirchenorgel in den Sälen des Reaktors verteilt. Jede Pfeife wird individuell robotisch über ein Computernetzwerk gespielt. Das akustische und musikalische Repertoire reicht von Glissandi unterschiedlicher Größe über modulierende Töne und Cluster bis hin zu kleinen sprachartigen Phrasen. Die Klanginstallation wird mit dem Gesang der Sängerin Lissie Rett nwander live eröffnet und endet wieder mit einer Gesangsperformance im Rahmen einer Finissage. Reaktor, Mi 10.11. bis So 14.11
W I E N M O D E R N F A L T E R Mit sogenannten „Seelenpuppen“ kommunizieren die drei Protagonisten Nero, Poppaea und Octavia
Mehr Begegnungen!
ND BÖSE winkel neu zu deuten – und dabei rückt die Gewalt an Frauen unweigerlich in den Fokus: Der Anfang von Fleischmanns bilderreichem Text nimmt Poppaeas Ende vorweg; in der Mitte verblutet Octavia, Neros erste Ehefrau, von der er sich zugunsten Poppaeas scheiden ließ und die im Exil auf Betreiben der Nachfolgerin getötet wurde. Und am Schluss, nach Poppaeas Tod, wird historisch korrekt referiert, dass Nero einen Sklaven kastrieren ließ, der ihr ähnlich sah, und ihn heiratete …
FOTO: SUSANNA DRESCHER / ZEITRÄUME BASEL
„Ganz bewusst steht bei Hersch und
Fleischmann die Perspektive der Frau im Mittelpunkt. Sie machen unmissverständlich klar, dass es hier trotz aller historischen Recherche um einen aktuellen Blick aus heutiger Sicht geht“, sagt Bernhard Günther: „Poppaea wird gezeigt als ausnehmend komplexe Persönlichkeit jenseits schnell zusammenfassbarer Täterinnen-Opfer-Dualitäten, in ihren brutalen Erfahrungen mit Sexualität und körperlicher Gewalt, eigenen und fremden Intrigen, dem Tod der Mutter, der Tochter, der Konkurrentin Octavia und schließlich mit dem eigenen Tod.“ Während Michael Herschs Musik „schon für sich genommen extrem plastisch“ sei und deshalb viel von der Gewalt vermittle, wie
Bothe betont, hat er sich szenisch für einen Kunstgriff entschieden: „Der Basler Figurenbauer Marius Kob hat für die drei Protagonisten jeweils ‚Seelenpuppen‘ gebaut, mit denen Nero, Poppaea und Octavia selber kommunizieren können, und über die sie auch in körperlichen Kontakt miteinander treten.“ Hersch, 1971 in Washington, D.C., geboren,
ist der Wien-Modern-Gemeinde gewiss noch von der 15-stündigen Uraufführung von „sew me into a shroud of leaves“ 2019 im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek in Erinnerung, die sich auch der Librettistin ins Gedächtnis eingegraben hat: „Diese Aufführung war ein monumentales Ereignis, wie sie in diesem himmelhohen Raum untergebracht war, in dem die Relikte vergangener Zivilisationen aus den Büchern um uns herum widerhallten – ein Umfeld und eine Dauer, die mich irgendwie der untergegangenen Zivilisation des alten Rom näherbrachten“, erinnert sich Fleischmann. Herschs Musik könne „eine offen Wunde“ sein, hat die Geigerin Patricia Kopatchinskaja einmal festgestellt: „Alles ist kristallklar, es gibt keine Dekoration, keine oberflächlic e Schönheit, keine Kompromisse.“ Dringlichkeit und un-
bedingte Authentizität seiner Tonsprache mögen auch mit den tiefgreifenden Erfahrungen von Tod und Verlust im engsten Umfeld zusammenhängen, die Hersch zum Teil direkt musikalisch verarbeitet hat. Er selbst und seine Frau, übrigens eine Altertumswissenschaftlerin mit den Schwerpunkten Hochzeit, Religion und Gender im alten Rom, haben beide Krebserkrankungen überstanden. Kritiken aus Basel machen neugierig auf
eine neue Musik von Opulenz und Dramatik: „Hersch hat keine Angst vor großen, drastischen Gefühlen“, hieß es etwa in der NMZ. „Deshalb bietet ‚Poppaea‘ Sängern und Musikern tollen bis dankbaren Spielstoff. Immer neue Einzelfarben schälen sich aus der üppigen Brandungsmetrik dieser Partitur“, die auch in Wien vom Ensemble Phoenix Basel mit Jürg Henneberger am Dirigentenpult realisiert wird. Für Ah Young Hong habe der Komponist „eine bravouröse“ Titelrolle geschrieben, für Steve Davislim und Silke Gäng als Nero und Octavia „wirkungsvolle Partien“: Das alles verheißt einen im besten Sinne opernhaften, spannenden Abend. F Hersch / Fleischmann: Poppaea Odeon Theater, Fr 5.–So 7. 11., 19.30
Suite Irrational „Unter den Repräsentanten der ,theoretischen Kunst‘ ist Hofstetterkurt (auch Google, Amazon und Gott haben keine Vornamen) ohne Zweifel ein Großmeister.“ (Bazon Brock) Die Notation entspringt aus des Konzept- und Medienkünstlers Empfindung. Er setzt die Noten als Lichtpunkte, die wie leuchtende Sterne im schwarzen Kosmos stehen. Seine Sternenpartituren sind jedoch nicht vergleichbar mit grafischen Notationen, wie sie etwa vom Komponisten Anestis Logothetis bekannt sind. Dabei lassen sich die Lichtpunkte präzise in die herkömmliche Partiturschreibweise übertragen und können klanglich exakt reproduziert werden. Naturhistorisches Museum, Planetarium, Mi 3.11., Mi 10.11., Mi 17.11., Mi 14.11., 18.00 Doppelsolo Margarethe MaierhoferLischka und Thomas Berghammer verweben ihre Soloprogramme „five stones (for a.s.)“ und „Frames of C“ zu einem raumfüllenden musikalischen Bildband. Dabei geht es einerseits um Vergänglichkeit und andererseits um die Überlagerung von Mensch und Instrument. So entstehen überraschende Begegnungsräume. Ruprechtskirche, So 7.11., 21.30 Alles kann passieren Norbert Sterk hörte Reden von Politikern, setzte sich mit rhythmischen Eigenheiten, Ambitus, Farbe und Klang auseinander und formte daraus das Musiktheater „Alles kann passieren“. Radiokulturhaus, Mo 8.11., 21.00
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Mehr Geburtstage!
Zwischen Besessenheit und Schwindel Brice Pauset, Arotin & Serghei und das Klangforum Wien liebäugeln mit der Psychoanalyse A N A LYS E : CHRISTOPH BENKESER
as Stück ist eine formelle Reflex on des Films“, sagt Brice Pauset. D Der französische Komponist, Cemba-
list und Instrumentenbauer tetrisiert für „Vertigo“ Alfred Hitchcocks gleichnamigen Film von 1958, extrahiert seine Bedeutungsebenen und dramatisiert sie als multimediale Matrix neu. Dafür studierte er nicht nur die filmi che Vorlage, sondern las auch Interpretationen von Slavoj Žižek. Pausets Erkenntnis: „Vertigo“ sei die Quintessenz dessen, was das Kino der Psychoanalyse verdanke, indem es diese Beziehung in eine intensive Parabel der Erkenntnis verwandle. Das Ergebnis soll allerdings nicht nach konzeptueller Kopfarbeit klingen, sondern wie ein „hypnotischer Parcours durch immersive Klangund Bildwelten“. Schließlich sucht Pauset mit „Vertigo“ nach der Simulation des Realen, um mit der Wahrnehmung im Künstlichen zu spielen. Dass der 1965 in Besançon geborene Kom-
ponist als Kenner und Interpret barocker Repertoires gilt, muss man nicht wissen. Sich in Erinnerung zu rufen, dass Pauset die musikalische Vergangenheit an der Nahtstelle zur zeitgenössischen verstanden haben will, schadet allerdings nicht.
Das Klangforum Wien unter der Leitung von Titus Engel steht ihm für dieses Vorhaben als kongenialer Sparringpartner zur Seite, während Gesandte des Pariser IRCAM mit elektronischen Verfremdungen ergänzen. Sie verwischen für „Vertigo“ analoge Spuren, um neue zu hinterlassen – ausgeleuchtet durch visuelle Kompositionen des russisch-wienerischen Künstlerduos Arotin & Serghei. Dessen Audioinstallation flackert über den Köpfen des Orchesters. Archetypische Geometrien des Hitchcock-Films wie die Blume und der Kreisel strahlen kurz auf, verschwinden. Es entsteht ein Loop im Loop, der wirkt, als hätte sich das Testbild aus dem österreichischen TV-Programm der 1970er gelöst, um im Großen Saal des Wiener Konzerthauses in einem LSD-durchtränkten Farbrausch aufzugehen. Rote, grüne und blaue Farbpixel gießen sich auf 18 Bildschirmen zu einer „intermediären Verbindung“, wie Pauset im Zuge der Uraufführung bei den Wittener Tagen für Neue Kammermusik sagt. Die Präsenz der Farben wird zum Indikator des Schwindels. Man sehe zum Beispiel, wie die Musiker auf der Bühne spielten. „Doch das Gehörte entspricht nicht dem Gesehenen, weil die Musik auf einmal rückwärts erklingt und sich von ihrer Quelle emanzipiert.“ Was im Film als Täuschung be-
ginnt, endet bei Pauset im Schein der Wiederholung aus Figuren und Farben. Man verfängt sich im Schwindel, erlebt den Traum realer als die Wirklichkeit. Das ist die eigentliche Tragödie von „Vertigo“. Und sein zentrales Motiv: Die Bedeutung erschließt sich trotz ständigen Vorgreifens erst retrospektiv – im Konnex zwischen Musik, Bildern und eigener Fantasie, die aus der Tragödie hervorgeht. Sein Stück werde dadurch zu einem schein-
baren Duplikat, so Pauset. Es sei nicht nur exakt um die Hälfte kürzer als der Film. Die Sequenzen des Films ließen sich auch in eine besondere Rhythmisierung der musikalischen Dramaturgie übertragen. Elektronische Effekte, mit denen der Komponist das Ensemble unterspült und in sein Simulakrum transformiert, verschmieren Zitate, die auf die fi mische Ebene verweisen. Sich in regelmäßigen Abständen wiederholen. Und auf etwas hinweisen, das sich zwischen den Farbpixeln und Klängen abspielt. Dieser theoretische Überbau, so Pauset, wirke für „Vertigo“ wie ein Gerüst, das Strukturen vorgebe, nach denen man komponiert. Ein Gerüst, das künstlich erscheint. Und im Schein zur Realität wird. F Vertigo/Infinite Screen Konzerthaus, Großer Saal, Di 16.11., 19.30
FOTO: AROTIN & SERGHEI
Zerstückeln Hitchcocks Schwindel-Klassiker „Vertigo“: der französische Komponist Brice Pauset und das Künstlerduo Arotin & Serghei
exxj 50 Vor 50 Jahren gründete Peter Burwik das „ensemble xx. jahrhundert“. Burwiks Mission: Neue Musik bekannt machen. Das erste Konzert des neuen Ensembles fand 1971 im Wiener Museum des 20. Jahrhunderts statt. Auf dem Programm standen zwei österreichische Erstaufführungen von Bruno Maderna und Iannis Xenakis sowie Stücke von Anton Webern und Karlheinz Stockhausen. Burwik ging es bei der Gründung des Ensembles nicht ausschließlich darum, zeitgenössische Musik aufzuführen. Sein Interesse galt den gesellschaftlichen Umbrüchen in den frühen 1970er-Jahren ebenso wie die Auseinandersetzung mit dem Nicht-konformen bzw. mit neuen Fragestellungen. Das Geburtstagskonzert bei Wien Modern ist Rückblick und Ausblick zugleich: mit dem Kammerkonzert von Alban Berg gastierte es u.a. in St. Paul de Vence, bei den Salzburger Festspielen und beim Hong Kong Arts Festival. Eine Perspektive in die Zukunft eröffnen die Uraufführungen neuer Werke von Tanja Glinsner und Johannes Maria Staud. Konzerthaus, Mo 15.11., 19.30
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Mehr Raum!
Die gespielte Ausstellung und ihre musikalische Verwandlung: so klingt Bertl Mütters Idee eines Musiklaboratoriums
Schall und Schalk und spielerischer Ernst Bertl Mütters musikalisches Stationentheater „Operan21 – Logoratorium“ im Literaturmuseum SPIELANWEISUNG: DANIEL ENDER
m Anfang (vulgo „him hanflang“, © Ernst Jandl) war das Wort. Für den I„Musiker, Komponisten und Autor“ – so
formuliert es Wikipedia und liegt damit gar nicht falsch – Bertl Mütter stimmt dieser Satz in mehrfachem Sinn. Wer je einen Auftritt des Posaunisten und Sprachkünstlers erlebt hat, weiß, wie sehr Klang und Sinn, heiße Luft und Bedeutung bei ihm ineinander übergehen können, dass Instrument und Stimme so wie Sinnlichkeit und Wort unauflöslich und unnachahmlich verbunden sind. „Halb Worte sind’s, halb Melodie“ – dieses von Mütter selbst ins Spiel gebrachte Eichendorff-Zitat könnte als Motto über seinem Wirken stehen, bei dem auch Schall und Schalk sich oft ohrenzwinkernd miteinander auf ein Packerl hauen.
FOTO: CHRISTOF ZACHL
Wortreich bezieht er sowohl mit den Texten
zu seinen Stücken als auch als Kommentator des täglichen Geschehens Stellung – besonders extensiv im Format muetterlog.at, das er schon zu einer Zeit betrieb, als kaum noch jemand den Begriff Logbuch, aber auch schon kaum wer das Wort Blogger kannte. Darüber hinaus berichtet der Künstler, der sich selbst einen „spielerischen Ernst im Umgang mit
der Sprache“ zuschreibt, das „poetische Wort“ sei für ihn auch biografisch der Ausgangspunkt all seines Tuns gewesen, bei dem er – wie einst die Dadaisten und andere Protagonisten der Avantgarde – keine Grenze zwischen Leben und Schaffen akzeptiert und in seinen Performances manchmal eine geradezu intime Privatheit vermittelt. Das mag auch damit zu tun zu haben, dass er intuitiven Impulsen und spontanen Assoziationen – buchstäblich – großen Spielraum gibt. Ausgangspunkt einzelner Stücke sind häufi
Sprachgebilde, sei es ein Satz eines ehemaligen Landeshauptmanns als Grundtenor eines Kammermusikwerks („wenn sie so wollen ist es halt ein streichquartett [wofür ich mich meinetwegen entschuldige]“) oder Neukompositionen von Liedern von Schubert, Schumann und Mahler oder Texten von Jandl. Mit ihm hat er „gerade noch rechtzeitig“, wie er selbst sagt, ebenso zusammengearbeitet wie mit H.C. Artmann, später auch mit Andreas Okopenko oder Gerd Jonke. Mit einem Zitat des Letzteren kommentiert Mütter auch noch wenige Wochen vor der Uraufführung seines neuen Projekts im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek: „Was es wird, das kann ich doch jetzt noch nicht genau sagen!“ Immerhin, „Operan21 – Logorato-
rium“ (mit dabei sind Sopranistin Ursula Langmayr, Bariton Matthias Helm, Klarinettist Heinz-Peter Linshalm, Harfenistin Tina Žerdin; die szenische Einrichtung dieses musikalischen Stationentheaters besorgen Leonora Scheib und Georg Steker, während Mütter selbst als „Spielertrainer“ die künstlerische Gesamtleitung übernimmt) wird eine „gespielte Ausstellung“ sein, „ihre musikalische Verwandlung“, für deren Entstehungsprozess Mütter eine selbstironische, bodenständig-reflektierte und absichtsvoll schnoddrige Beschreibung liefert: Einer unbestimmten Zeit des Materialsammelns folgt die Destillation in ein (viel zu dickes) Manuskript mit musikalisch-szenischen Gedanken und Handlungsanweisungen. Damit sie keine feste Idee entwickeln, wie sie etwas umsetzen wollen, gelangt dieses Materialbergwerk recht spät zu den Ausführenden. Schließlich wird alles in einer pragmatischerweise recht knapp bemessenen Probenzeit so gestaltet, wie es in eben genau dieser Konstellation hic et nunc von uns zusammengesetzt und gespielt werden will.“ Und alles wird werden durch das Wort, ohne das nichts, was geworden sein wird, geworden wäre. F Mütter: Logoratorium Literaturmuseum der ÖNB Do 18.11., 17 & 19.30; Fr 19.11., 17.00
Im Sattel der Zeit Volkmar Kliens Rauminstallation ereignet sich in einem Labyrinth aus Papierwänden, die auch als Lautsprecher funktionieren. Am Anfang steht die Uraufführung der gleichnamigen Komposition für Ensemble und Elektronik, bei der sich nicht nur die fünf Musiker, sondern auch das Publikum durch die Installation aus PapierwandLautsprechern bewegen. Musiker und Publikum schneiden sich durch die Papierwände, verändern so den Klang der Dinge und hinterlassen am Ende eine begehbare Installation, in der die Performance resoniert. mumok, Do 11.11., 18.00; Fr 12.11., bis So 14.11., 10.00–18.00
Mehr Slow Motion! Limina / Sensation 1 Die dominikanischamerikanische Choreografi Ligia Lewis performt eine skulpturale Studie über Verkörperung und performative Identität. Tanzquartier Wien, Sa 27.11., So 28.11., 18.00
Mehr Berühren! MAAT ME Im Mittelpunkt von Pierluigi Billones Komposition steht der Solo-Schlagzeuger, der mit einer Gong-Trommel und einer Auto-Feder agiert. An erster Stelle steht der Kontakt des Körpers mit dem Instrument. Manchmal handelt es sich um ein stilles Berühren, das nur für den Musiker innerlich hörbar ist, nicht aber für die Wahrnehmung eines Zuhörers. Dabei wird die Unterscheidung zwischen Hören/Hörbarem und Sehen/Sichtbarem aufgehoben. Reaktor, Do 4.11., 19.00
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Mehr Logothetis!
Logothetis 100.2 Anestis Logothetis baute auf eine neue Art der Kommunikation zwischen Komponist und Interpret, die für ihn unverzichtbar waren. Das musikalische Programm kreist um dieses Thema und präsentiert Werke, die sich im Kontinuum zwischen konventioneller Notation, indexikalischen Zeichen und rein zeichnerischen Formen bewegen. Alte Schmiede, So 31.10., 12.00 Logothetis 100.3 „Was war das doch für eine strahlende Euphorie in der Neuen Musik der 1960er-Jahre! Die Grenzen der Musik hin zu anderen Medien schienen endlich durchlässig geworden zu sein, die elektronische Musik verhieß endlos neues musikalisches Material und die experimentelle Musik verteilte die Verantwortung zwischen Komponisten und Ausführenden neu“, so Dirigent Rupert Huber, der am Pult des œnm . œsterreichisches ensemble fuer neue musik einen Abend mit Erst- und Uraufführungen gestaltet. Reaktor, Do 4.11., 20.00
FREIHEIT & VERANTWORTUNG Anestis Logothetis (1921–1994) zum Hunderter: ein Schwerpunkt für den Meister der grafischen Notation WÜRDIGUNG: WALTER WEIDRINGER
ine Zeichnung, schwarz auf weiß. ZuE nächst nimmt man den Unterschied zwischen den mit dem Lineal gezogenen
Linien, den freihändigen Verbindungen, den aus Punkten und Flecken bestehenden Verdichtungen wahr. Im oberen Teil verengt sich ein Bündel von feinen parallelen Einzellinien über verschieden geschwungene Verbindungen und immer schmalere Gruppen zu einem feinen Tripelstrich; darunter formen immer engere Kurven eine Art liegenden Trichter. Wieder darunter, in der Mitte des Ganzen, eine ausgefranste schwarze Wolke aus Punkten. Links außen ein hellerer Nebel aus kurzen Strichen, Häkchen, Knödeln, von denen Fäden wegführen und sich wie in einem Boole’schen Schaltplan verzweigen. Außerdem noch schwarze Flächen, Linien
und vielleicht Objekte, Fäden oder Drähten ähnlich … Ein abstraktes Kunstwerk, eine Grafik? Nein – oder zumindest nicht nur: Plötzlich erkennt man die Zahlen an den langen, gliedernden Querlinien als Minutenangaben. Das oben platzierte Bündel der Einzellinien beginnt somit bei der Null und ist von rechts nach links zu deuten, verengt sich demnach
nicht, sondern fächert sich auf. Die ganze Bildbreite führt oben links bis Minute 5, die sich an der unteren Querlinie nach rechts fortsetzt und so weiter: Das Bild entschlüsselt sich, es schickt das Auge auf einen vorgezeichneten Weg. Er führt spiralförmig von außen nach innen, zur schwarzen Wolke, die die letzten zweieinhalb der 25 Minuten beherrscht. Und rechts oben, bei der Null, steht ja auch der Titel, mit den griechischen Buchstaben von oben nach unten in einem Kästchen: „ΜΑΙΑΝΔΡΟΣ“. Es ist die Partitur von „Mäandros“, 1963 komponiert von Anestis Logothetis. Wie kommt die Musik aufs Papier? Wie wird
aus irgendwelchen ausgeklügelten Zeichensystemen wieder Klang? Und, vielleicht die entscheidende künstlerische Frage: Wie fixiert man Freiheit? Anestis Logothetis hat dazu eigene kreative, schlüssige Antworten gefunden. 2021 wäre er 100 Jahre alt geworden – Anlass für Wien Modern, dem großen Unbekannten unter den österreichischen Komponisten einen sechsteiligen Schwerpunkt zu widmen, der nicht zuletzt junge Interpretinnen und Interpreten auf Entdeckungsreise schickt. Logothetis’ eigene,
von frühen Brüchen markierte Lebensreise begann 1921 im historisch byzantinischen, osmanischen, russischen, damals aber bereits rumänischen Burgas (Pýrgos) am Schwarzen Meer, wo er als Kind griechischer Eltern geboren wurde. Migrantenströme in beiden Richtungen entstanden, so kam die Familie 1934 nach Thessaloniki, wo Logothetis an der Deutschen Schule die Matura ablegte. Nach Besetzung Griechenlands durch die „Achsenmächte“ 1941 war er als Dolmetscher gefragt und konnte das als Sprungbrett nach Wien nützen, wo er noch während des Zweiten Weltkriegs Bauwesen an der Technischen Hochschule zu studieren begann, sich dann aber ganz der Musik widmete. 1951 schloss er seine Studien an der Musikhochschule (Komposition: Alfred Uhl, Erwin Ratz; Klavier: Hermann Schwertmann; Dirigieren: Hans Swarowsky) mit Auszeichnung ab; 1952 wurde er österreichischer Staatsbürger. Als Komponist begann er als gewissenhaf-
ter Vertreter von Reihenordnungen, wie sie für die Nachkriegsavantgarde zunächst typisch waren. Bezeichnend ist aber, dass auch er ein Sensorium für die
FOTO: CORA POGRACZ
Logothetis 100.1 Was ist das Besondere an den künstlerischen Strategien in den Werken von Anestis Logothetis? Als Auftakt einer Reihe von Begegnungen mit dem am 27. Oktober 1921 geborenen Pionier der musikalischen Grafi im Rahmen von Wien Modern blickt Julia Logothetis aus ihrer Perspektive als Malerin auf die grafischen und musikalischen Arbeiten ihres Vaters. Alte Schmiede, So 31.10., 11.00
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Mehr Logothetis! Logothetis 100.4 In den Jahren 1971 bis 1975 fertigte der Komponist Anestis Logothetis eine Reihe von PartiturFragmenten an, deren zentrale Motive Insekten sind. Rdeča Raketa hat im Auftrag von Wien Modern und dem Ö1 Kunstradio das Hörstück „Einsame Ameisen Amnesie. Ein Klangcomic frei nach Anestis Logothetis“ geschrieben. Das Duo Rdeča Raketa (Maja Osojnik und Matija Schellander), die Autorin Natascha Gangl und der Medienkünstler Nikolaos Zachariadis gestalten die audiovisuelle Live-Performance. RadioKulturhaus, Mo 8.11., 19.30, 22.00
A B B I L D U N G : A N E S T H I S L O G O T H E T I S : P A R T I T U R F R A G M E N T, U M 1 9 7 1–1 9 7 5 ; L I E G T E I N S A M E A M E I S E N A M N E S I E Z U G R U N D E
„Mein Beitrag ist die Partitur selbst“, so Anestis Logothetis. Seine Musik besteht aus Klang gewordenen Zeichensystemen
Umbruchszeit am Ende der 1950er-Jahre hatte, in der etwa auch die Kollegen Friedrich Cerha und György Ligeti individuell entwickelte, aber ähnliche Wege aus dem Serialismus hinaus einschlugen. Logothetis begann mit der klassischen Notation zu experimentieren und wie John Cage Unbestimmtheiten einzubauen. Das führte ihn zur grafi chen Notation, die freilich nicht mit einer Zeichnung oder einem Gemälde verwechselt werden darf: Logothetis’ Kollege Roman Haubenstock-Ramati, der gleichfalls in dieser Richtung arbeitete, hat einmal dargelegt, dass man etwa einen Kandinsky eben nicht „spielen“ könne, weil der reinen bildenden Kunst die Dimension der Zeit fehle, der konkrete Weg durch das Bild, und sei dieser auch frei wählbar. Logothetis wandte verschiedene Strategien
an, diese Leserichtung zu bestimmen – bis hin zur Selbstbezüglichkeit im eingangs beschriebenen „Mäandros“, wo Titel, Inhalt und Notation in Form des uralten Ornaments eine neue Einheit bilden. 1960 schuf er außerdem die ersten elektroakustischen Werke in Österreich; legendär sind etwa seine späteren Kollaborationen mit Hermann Nitsch und Otto Mühl.
Logothetis gab als Komponist damit das Mikromanagement des Klingenden auf, vertraute seinen Ausführenden stärker als alle jene, die bis ins kleinste, vor lauter Exaktheit schon wieder unscharf werdende Detail vorschrieben, was zu geschehen habe. Die emotionale Suggestivkraft der grafi chen Notation vermittelt im Idealfall direkt, deutlich und spontan verständlich, was mit Einzelstimmen erst über viele Umwege ergründet werden kann: Ein Bild sagt mehr als tausend Noten. „Mein Beitrag ist die Partitur selbst“, stellte
Logothetis einmal fest. „Wenn ihre Zeichen und meine sie betreffenden Instruktionen genau eingehalten werden, so erkenne ich das Werk klar als mein eigenes, das sich jedoch auf mannigfaltige Weise, die mit der Partitur in Einklang steht, interpretieren lässt. Der Interpret ist mein Mitarbeiter, und ich freue mich, ihn mit der Mannigfaltigkeit der Auswahl betrauen zu können, solange sie sich innerhalb der wesentlichen Anforderungen der Partitur bewegt. Obwohl das neu und seltsam aussieht, war es in der Musikgeschichte immer so: Der Komponist überließ viel den Inter-
preten, besonders in der ferneren Vergangenheit, z.B. im Mittelalter, in der Renaissance und im Barock.“ Das damit „postulierte Ideal von Freiheit aber“, so fin et der Musikwissenschaftler Matthias Henke, „ist als ‚Befreiung‘ von einer Allmacht der Reihe nicht allein das Ergebnis einer musikimmanenten Problemlösung. Sondern es ist auch ein Reflex auf Unterdrückung und Fremdbestimmung, die Logothetis, der Österreicher griechischer Abstammung, erst durch die Bulgaren, dann durch die Deutschen erfahren musste.“ Wichtig ist auch die Tatsache, dass in der
Regel die Mitwirkenden der oft frei zu wählenden Besetzung sich alle mit der Partitur auseinandersetzen, die gewöhnlich nur dem Dirigenten vorliegt. Das erinnert an die Anekdote von den zwei Steinmetzen, die über ihre Arbeit befragt werden: Der eine antwortet, er behaue einen Ziegel, der andere erklärt hingegen, er baue an einer Kathedrale. So betrachtet sind Logothetis’ Notenbilder jedenfalls Baupläne für klingende Dome. F Termine Siehe Randspalten
Logothetis 100.5 Ein Abend mit Studierenden des Lehrgangs für elektroakustische und experimentelle Musik (kurz ELAK) verwandeln Anestis Logothetis’ grafi che Partituren in Klänge und präsentieren neue Kompositionen zwischen Akusmatik und Elektroakustik. mdw Campus Future Art Lab, Fr 12.11., 19.00 Logothetis 100.6 Auf dem Programm stehen Uraufführungen aus dem aufsehenerregenden Frühwerk von Anestis Logothetis. Seine Enkel Leonie und Serafin Spitzer zeigen dazu eine Rauminstallation und einen Kurzfilm. echoraum, Sa 20.11., 16.00
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F A L T E R WIEN MODERN
W I E N Musik Abschlusskonzert | Furrer 6 RSO Wien, Beat Furrer (D), Ilya Gringolts (Violine) Milica Djordjević: Quicksilver (2016/EA), Beat Furrer: Konzert für Violine und Orchester (2020/EA), Tableaux I–IV für Orchester (2021/EA), Edgard Varèse: Déserts (1950–1954). Konzerthaus, Großer Saal, Di 30.11. 19.30 Area: Fennesz plays Nous Sonic Der international renommierte österreichische Elektronik-Musiker Fennesz kreiert mit seiner Neukomposition „Area“ raumspezifische, dreidimensionale Soundareale, virtuelle Hörlandschaften, die vom Publikum durch das interaktive Kopfhörersystem NOUS Sonic individuell beeinflusst und erkundet werden können. Konzerthaus, Foyer, Sa 30.10. bis 3.11., 14.00– 19.00 Baselitz 1 | Kontrapunkte | Furrer 3 Morton Feldman: For Franz Kline (1962), Elisabeth Harnik: Bein im Sprung. Nach einem Text von Georg Baselitz (2021/UA), Beat Furrer: Akusmata. Sieben kurze Stücke für Vokalensemble und Instrumente nach Fragmenten von Pythagoras (2020, UA). Der Künstler Georg Baselitz, der vor einem halben Jahrhundert die Bilder auf den Kopf stellte, um endlich alles malen zu können, was er will, teilt bei Wien Modern erstmals seine besondere Leidenschaft: zeitgenössische Musik, besonders Streichquartette. Wien Modern widmet ihm ein Festival im Festival an vier Abenden mit Gesprächen, Getränken und viel Musik. Den Auftakt macht neben einer großen Furrer-Uraufführung Elisabeth Harniks Antwort auf einen Text von Georg Baselitz. Musikverein, Gläserner Saal, Mo 22.11. 19.30 Baselitz 2 | Diotima 3 | Furrer 4 Quatuor Diotima, Juliane Banse (Sopran) Beat Furrer: Streichquartett Nr. 1 (1984), Rebecca Saunders: Unbreathed, Arnold Schönberg: Streichquartett r. 2 fis-Moll op. 10 für zwei Violinen, Viola, Violoncello und eine Sopranstimme (1907–1908). Musikverein, Gläserner Saal, Di 23.11. 19.30 Baselitz 3 | Feldman 760' Marino Formenti (Konzept, Klavier, Celesta), Matteo Cesari (Flöte), Björn Wilker (Schlagzeug) Baselitz Bilder schauen und Musik hören: Pianist Marino Formenti bespielt den Ausstellungssaal der Albertina mit Morton Feldman „For Philip Guston“ (1984). Das Stück erklingt als Loop: vielfach wiederholt, ohne Pause, über 13 Stunden hinweg. Albertina, Mi 24.11. 11.00–24.00 Baselitz 4 | Diotima 4 | Furrer 5 Quatuor Diotima, MUK.ensemble.aktuell Zum Abschluss des QuatuorDiotima-Gastspiels wie auch der Musikverein Perspektiven erklingt neben Furrer und Sivan Eldar (gleich zweimal) Olga Neuwirths neues Quartett, für das Georg Baselitz seinen Text Nicht nee nee nee nicht no selbst eingesprochen hat. Und dann bleibt in völliger Dunkelheit das reine Hören übrig, mit dem Dritten Streichquartett on Georg Friedrich Haas. Musikverein, Gläserner Saal, Do 25.11. 19.30 Billone: MAAT ME (2020). Schallfeld Ensemble, Armando Marino. Im Mittelpunkt steht der SoloSchlagzeuger, der mit einer Gong-Trommel und einer Auto-Feder agiert. An erster Stelle steht der Kontakt des Körpers mit dem Instrument, wobei die Manipulation hier von traditionellen musikalischen Bedeutungen und Zielen befreit ist. Manchmal handelt es sich um ein stilles Berühren, das nur für den Musiker innerlich hörbar ist, nicht aber für die Wahrnehmung eines Zuhörers. Dabei wird die Unterscheidung zwischen Hören/Hörbarem und Sehen/Sichtbarem aufgehoben. Reaktor, Do 04.11. 19.00 Carte Blanche à Younghi Pagh-Paan MUK.ensemble.aktuell, Roland Freisitzer (Dirigent), Hibiki Kojima (Hammerklavier), Piotr Motyka (Akkordeon), Alberto Grisafi (Oboe), Younghi Pagh-Paan, Hibiki Kojima (Gespräch) Younghi Pagh-Paan: Bidan-Sil (1993), Go Un-Nim (1998), Ne Ma-Um (1996), Klaus Huber: Intarsi (1994). In ihrer Musik strebt die Komponistin stets eine Verschmelzung der Traditionen ihrer Heimat Korea und der europäischen Avantgarde an. Für dieses Konzert programmiert Pagh-Paan neben ihrem Oboenkonzert mit dem Titel Bidan-Sil (Seidener Faden) auch Intarsi von Klaus Huber, ihrem Lehrer und Lebensgefährten. Das Hammerklavier und das letzte Klavierkonzert Wolfgang Amadeus Mozarts werden mit zeitgenössischem Musikschaffen in Verbindung gebracht. Konzerthaus, Mozart-Saal, Mi 03.11. 19.30 Cerha: Spiegel RSO Wien, Ingo Metzmacher (D) Friedrich Cerhas monumentale Orchesterkomposi-
M O D E R N tion Spiegel I-VII (1960–1961). Konzerthaus, Großer Saal, Fr 19.11. 19.30 Claudio Abbado Konzert RSO Wien, Christian Karlsen (D), Sofia Jernberg (Sopran), Holger Falk (Bariton), Arditti Quartet Chaya Czernowin: Atara (2021/UA), James Dillon: The Gates (2016/EA). Chaya Czernowin wurde am 7. Dezember 1957 in Haifa als Tochter zweier Holocaust-Überlebender geboren. In ihren Kompositionen erforscht sie emotionale Extreme. Sie schreibt Klänge, die unter die Haut gehen. Die Angst und Beklemmung auslösen. „Atara“ entstand im Corona-Jahr in Harvard, wo Czernowin eine Professur hat. Das Stück ist ein Klagegesang auf den Irrglauben der Menschen, alles kontrollieren zu können. Dabei bewegt sich das Orchester langsam und kraftvoll in riesigen, voneinander unabhängigen Blöcken. Musikverein, Großer Saal, Di 09.11. 19.30 Comprovise [#3] – Konzert 1 Vincent Royer (Viola), Michael Vorfeld (Perkussion), Silvia Tarozzi (Violine), Konzert 1: Giacinto Scelsi (Manto I-III, 1957), Michael Vorfeld (Improvisation), Pascale Criton, Silvia Tarozzi (Circle Process); Diskurs mit Michał Libera (17:00). Konzert 2: Philip Corner: wHoly Trinitye a duality ov duos (2016/EA), Malcolm Goldstein: Two seeking song, listening (2014/EA) Silvia Tarozzi: Parziale and Meccanica primitiva (2017/EA), Philip Corner: wHoly Trintye, another Duet, just one (2016), Silvia Tarozzi & Deborah Walker Duo: Improvisation; Diskurs mit Anne Montaro (18:45). Die Internationale Gesellschaft ür Neue Musik und Wien Modern präsentieren ein dreitägiges Festival auf dem offenen Feld zwischen Komposition und Improvisation. Ergänzend dazu finden Vorträge, Podiumsdiskussionen und Interviews statt, die sich den vielfältigen Verbindungen, Wechselwirkungen und gegenseitigen Einflüssen von Improvisation und Komposition widmen. Italienisches Kulturinstitut, Fr 26.11. 17.00 Comprovise [#3] – Konzert 2 O3 Trio, AgnelEdwards-Hemingway Trio Agnel-Edwards-Hemingway Trio: Improvisation, Michal Libera: Diskurs/Interview (20:30). Sofía Martínez: Lluvia (1998/EA), Daniela Terranova: Breathing rust and clouds (2019/EA), Ingar Zach: The Drive (2004/EA), O3: The Ring (2018/EA). Anne Montaron: Diskurs/Interview (22:00). Italienisches Kulturinstitut, Fr 26.11. 20.30 Comprovise [#3] – Konzert 3 Joris Rühl (Klarinette), Marc Kilchenmann (Fagott), Martin Mallaun (Zither), Michael Vorfeld (Perkussion), Vincent Royer (Viola) Kilchenmann/Rühl: Improvisation (EA), Mallaun/Vorfeld: Improvisation, Joris Rühl, Judith Unterpertinger: wall study I (2008), Kilchenmann/Mallaun/Royer/Vorfeld: Improvisation, Podiumsgespräch: Allessandra Rombolá, Silvia Tarrozzi, Sophie Agnel, Michael Vorfeld, Joris Rühl und Marc Kilchenmann im Gespräch mit Anne Montaron (16:00). Vincent Royer, Sandeep Bhagwati: Miyagi Haikus (2011/EA), Mallaun/Royer: Improvisation, Martin Mallaun: Bernhard Lang: DW 10a (2002), Michal Libera: Diskurs/Interview (18:30). Italienisches Kulturinstitut, Sa 27.11. 16.00 Comprovise [#3] – Konzert 4 Peter K Frey, Daniel Studer (Kontrabass), Cordula Bösze (Flöte), Marc Kilchenmann (Fagott), Joris Rühl (Klarinette), und Michael Vorfeld (Perkussion) interpretieren Anthony Pateras' Thinning (2018/EA), Bruno Strobls Überwärts (2000) und Marc Kilchenmanns Anna-Seghers-Tetralogie 1–4 (2009–2013). Bösze/Kilchenmann/Rühl/ Vorfeld spielen eine Improvisation (EA). Italienisches Kulturinstitut, So 28.11. 15.00 Miranda Cuckson Solo Noch eine fantastische junge Geigerin, die mit einem Solo vertreten ist. Mit im Gepäck hat sie Werke von Iannis Xenakis, Manfred Stahnke, Georg Friedrich Haas, Aida Shirazi und Carlos Simon. Alte Schmiede – Kunstverein, Sa 06.11. 15.00, 17.00 Diotima 1 | Furrer 1 Nach der aufsehenerregenden Schönberg-Gesamtaufführung des Quatuor Diotima bei Wien Modern vor fünf Jahren entstand in langer Arbeit ein würdiges Folgeprojekt: Das schlicht großartige Pariser Quartett ehrt mit vier Konzerten rund um alle vier Streichquartette von Beat Furrer (inklusive der Uraufführung des vierten) nach Wien zurück. Den Anfang macht ein Abend im wahren Festivalformat, dessen weit gespannter Bogen – von Schubert und Ravel über beide Quartette von Clara Iannotta bis zur langerwarteten Furrer-Uraufführung – die Ausnahmeposition der Diotimas in der Musikwelt unterstreicht. Konzerthaus, Mozart-Saal, Sa 20.11. 19.00
Diotima 2 | Ofenbauer Christian Ofenbauer: Installation: Zerstörung des Zimmers / der Zeit (2000). Klanginstallation nach Ödön von Horváths Geschichten aus dem Wiener Wald. Die Musik ist dicht und düster, ja beinahe regungslos – ein durchaus nicht nur retrospektives Bild einer Menschheit auf dem Weg in den „Gletscher der Gesellschaft“. Wien Modern präsentiert die erste Gesamtaufführung. Reaktor, So 21.11. Installation: 15.00–16.45; 20:15–22.00; Konzert: 17.00 Doppelsolo mit Begegnungsräumen Margarethe Maierhofer-Lischka (Kontrabass, Zuspielung, Projektion) und Thomas Berghammer (Trompete, Gesang) verweben ihre Soloprogramme „five stones (for a.s.) und “Frames of C" zu einem raumfüllenden musikalischen Bildband. Dabei geht es einerseits um Vergänglichkeit und andererseits um die Überlagerung von Mensch und Instrument. So entstehen überraschende Begegnungsräume. St. Ruprechtskirche, So 07.11. 21.30 Echoes from the Moon: In memoriam Pauline Oliveros Herbert Lacina: Vom Wasserspeicher zum Mond … und zurück. Hommage an Pauline Oliveros (UA), Zahra Mani: Lunar Reflections Part 2. Hommage an Pauline Oliveros (UA), Andres Bosshard, Mia Zabelka: Kapteyn Echoes. A celebrating Space Reflection on „Echoes from the Moon“ by Pauline Oliveros (UA), Pauline Oliveros: Sonic Meditations (1971). Als ehemalige Wegbegleiter gestalten Mia Zabelka, der Schweizer Klangkünstler Andres Bosshard und Zahra Mani sowie Herbert Lacina eine sehr persönliche Hommage der amerikanischen Komponistin, Akkordeonistin und Direktorin des Center for Music Experiment an der University of California San Diego. Neben den „Sonic Meditations“ wird dabei auch Pauline Oliveros’ experimentelles Spiel mit hörbaren Echos von der Mondoberfläche reflektiert. Café Korb, Fr 12.11. 22.00 Eröffnungskonzert RSO Wien, Marin Alsop (D), Selina Ott (Trompete), Andrea Sodomka (Visuals) Milica Djordjević: Sky limited (2014), Thomas Wally: Utopia I: Seltsame Schleifen (2021 UA), Christian Ofenbauer: Das Satyrspiel 2019/20. Geschachtelte Musik zu Bildern für großes Orchester (Letzter Teil der Antiken Tetralogie) (2019–2021 UA), Andrea Sodomka: Unschärfe. Kristallklar. Eine Raumkomposition (2021 UA). Milica Djordjević knüpft us dem Nichts einen wunderschön kratzbürstigen Klangteppich. Thomas Wally entwirft as Gegenteil einer Dystopie. Christian Ofenbauer vollendet seinen Opernvierteiler mit einem radikalen Satyrspiel (ohne Worte), Andrea Sodomka zeigt die darin liegende Unschärfe. Kristallklar (ohne Töne). Konzerthaus, Großer Saal, Sa 30.10. 19.30 Erste Bank Kompositionspreis: Christof Ressi Klangforum Wien, Tim Anderson (D) Christof Ressis „short stories“ ist der Ästhetik des surrealistischen Films verpflichtet, insbesondere dem Werk von Luis Buñuel. Das Stück besteht aus einer Vielzahl unterschiedlichster Szenen − teils rein instrumental, teils mit Zuspielung, gelegentlich auch rein elektronisch – die in einer Art Traumlogik angeordnet und mithilfe von Schnitt- und Überblendungstechniken miteinander verbunden sind. eben dem 1989 in Villach geborenen Komponisten, Arrangeur, Medienkünstler und Softwareentwickler präsentiert das Klangforum Wien auch – endlich live – den Vorjahrespreisträger Matthias Kranebitter und die 1977 in Warschau geborene Aleksandra Gryka. Konzerthaus, Mozart-Saal, Mi 24.11. 19.30 exxj 50 Vor 50 Jahren gründetet Peter Burwik das „ensemble xx. jahrhundert“. Das 1. Konzert des neuen Ensembles fand 1971 im Wiener Museum des 20. Jahrhunderts statt. Das Geburtstagskonzert bei Wien Modern ist Rückblick und Ausblick zugleich: mit dem Kammerkonzert von Alban Berg gastierte es u. a. in St. Paul de Vence, bei den Salzburger Festspielen und beim Hong Kong Arts Festival. Eine Perspektive in die Zukunft röffnen Uraufführungen neuer Werke von Tanja Elisa Glinser und Johannes Maria Staud. Konzerthaus, Mozart-Saal, Mo 15.11. 19.30 Fraufeld Frauen, die sich auf progressive Weise der Komposition und Improvisation widmen, hat der Kulturbetrieb noch zu wenig auf dem Schirm – auch wenn sie längst zu den spannendsten Impulsgeberinnen zählen. Dieser Abend im Mozart-Saal bietet zum Erscheinen des neuen Fraufeld-Albums ein aktuelles
2 0 2 1 Update zur Vielfalt der Protagonistinnen. Konzerthaus, Mozart-Saal, Sa 27.11. 20.00 Hofstetter Kurt: Suite Irrational Hofstetter Kurt: Suite irrational für Klavier (Zuspielung) und Projektion ad libitum (UA). Die Notation entspringt beim Konzept- und Medienkünstler aus seiner Empfindung. Er setzt die Noten als Lichtpunkte, die wie leuchtende Sterne im schwarzen Kosmos stehen. Seine bildliche Gestaltung der musikalischen Schrift ist gleichermaßen schaubar, lesbar und hörbar. Naturhistorisches Museum, Planetarium, Mi 3.11., Mi 10.11., Mi 17.11., Mi 24.11., 18.00 Hsin-Huei Huang Solo Franz Schubert: Sonate a-moll D 537, Beat Furrer: Studie II für Klavier (2019/ UA), Younghi Pagh-Paan: Mich dürstet (2008), Rebecca Saunders: shadow (2013), Elnaz Seyedi: Fields of time (2018). Reaktor, So 21.11. 19.00 Peter Jakober: Seitenraum Webern Ensemble Wien, Jaime Wolfson (Einstudierung) Peter Jakober: Seitenraum für 18 Streicher*innen in drei verbundenen Räumen (UA). Für diese räumliche Klangidee für ein mikrotonales Streichorchesterwerk werden die Musiker in drei Räumen unterschiedlich positioniert: entlang der Wand, zentral, verteilt oder gebündelt an einem oder mehreren Orte. Alle spielen nach verschieden schnellen Clicktracks. Die Tempi dieser Clicks sind genau auskomponiert, verändern sich teils langsam, teils schnell (Accelerandi oder Ritardandi) zu gemeinsamen Tempi, oder bleiben autonom zueinander. So entstehen, passend zum Motto, verschiedene Stimmungen in den Räumen. Palais Mollard, Di 23.11. 17.00, 22.00, Mi 24.11. 17.00, 22.00 Junge Musik Zeitgenössische Musik ist nicht nur für Große – auch junge Menschen sollen bei Wien Modern mit aktueller Musik in Berührung kommen. Oder sogar selbst komponieren, passend zum Motto „Mach doch einfach, was du willst“. Reaktor, Do 25.11. 17.30 Kessler | Bärfuss: Oratorium Ensemble Nikel, Cantando Admont, Klaus Lang (Orgel), Peyee Chen, Elīna Viļuma-Helling, Helēna Sorokina, Bernd Lambauer Matias Bocchio, Ulfried Staber (Stimmen) Lukas Bärfuss (Lesung), Jonathan Stockhammer (D) In seinem Oratorium für Vokalensemble und Ensemble (UA) stattet der Elektronikpionier Thomas Kessler alle Musiker mit eigenem iPad, Mikrofon und Lautsprecher aus – es entsteht „eine faszinierende Raummusik und zugleich eine Reflexion über musikalische Machtverhältnisse“. Den Text dazu schrieb Lukas Bärfuss, und „die ganze Komposition entstand sozusagen simultan in gegenseitiger künstlerischer und freundschaftlicher Zusammenarbeit“, so Kessler. Jesuitenkirche, So 14.11. 20.00, 21.30 Volkmar Klien: Im Sattel der Zeit Weiping Lin (Violine), Lena Fankhauser (Viola), Christine Gnigler (Blockflöte), Alfred Melichar (Akkordeon), Daniel Riegler (Posaune), Markus Wallner (Klangregie) Uraufführung der gleichnamigen Komposition für Ensemble und Elektronik von Volkmar Klien, bei der sich nicht nur die fünf Musiker, sondern auch das das Publikum durch die Installation aus Papierwand-Lautsprechern bewegen. Mumok, Performance: Do 11.11. 18.00, Installation: Fr 12.11., Sa 13.11., So 14.11. 10–18.00 Logothetis 100.2 Janna Polyzoides (Klavier), Dimitrios Polisoidis (Violine, Viola), Studierende der PPCMKlasse des Klangforum Wien an der Kunstuniversität Graz, Harald Hein (Bariton), Gregory Chalier (Flöte), Elena Arbonies Jauregui (Klarinette), Alyona Pynzenyk, Lea Moullet (Violine), Andraz Frece (Akkordeon) Anestis Logothetis: Labyrinthos (1965), Peter Ablinger: Weiß / Weißlich 4 (1990–1992), Anestis Logothetis: Mäandros (1963), Christoph Herndler: mix mit supermixen (1994–2021), Hermann Markus Preßl: Für Elise nicht, für Janna (1982), Anestis Logothetis: Kooptationen I-VII mit kleiner Einlage aus Sisyphos (1961). Alte Schmiede – Kunstverein, So 31.10. 12.00 Logothetis 100.3 œnm . œsterreichisches ensemble fuer neue musik, Rupert Huber (Ltg., Konzept), Michael Mitterlehner-Romm (Schlagwerk), Michael Krenn (Saxophon), Josef Steinböck (Tuba) Anestis Logothetis: Pataphysik-Chor (1968); Charles Uzor: Bodycam exhibit 3 (short version, UA), George Floyd in memoriam; Maria de Alvear: Freisetzen (UA); Anestis Logothetis: Kassandraauge (1992 UA); Rupert Huber: Al olivo, al olivo ... ( EA); Robert Moran: Frozen in time (2020 UA); Alexander Hermann: Respiro (UA); Anestis Logothetis: Meridiane I + Breitengrade (1981 UA). Reaktor, Do 04.11. 20.00
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Alle Termine lexikalisch von 30. Oktober bis 30. November Logothetis 100.4 – Rdeča Raketa /Gangl/ Zacharidis: Einsame Ameisen Amnesie In den Jahren 1971 bis 1975 fertigte der Komponist Anestis Logothetis eine Reihe von Partitur-Fragmenten an, deren zentrale Motive Insekten sind. Rdeča Raketa hat im Auftrag von Wien Modern und dem Ö1 Kunstradio das Hörstück „Einsame Ameisen Amnesie. Ein Klangcomic frei nach Anestis Logothetis“ (2021, UA) geschrieben. Das Duo Rdeča Raketa (Maja Osojnik und Matija Schellander), die Autorin Natascha Gangl und der Medienkünstler Nikolaos Zachariadis gestalten die audiovisuelle Live-Performance. Radiokulturhaus, Studio 3, Mo 08.11. 19.30, 22.00 Logothetis 100.5 – Einschreibung | Übertragung | Abtragung Ein Abend mit Studierenden des Lehrgangs für elektroakustische und experimentelle Musik (kurz ELAK) verwandelt Anestis Logothetis‘ grafische Partituren in Klänge und präsentieren neue Kompositionen zwischen Akusmatik und Elektroakustik. mdw – Future Art Lab, Fr 12.11. 19.00 Logothetis 100.6 – Aus der Reihe, in der Reihe, Generationenwechsel Pneuma+Mayr (Duo), Christos Marantos (Klavier), Bernhard Höchtel (Tasteninstrumente), Christine Gnigler (Blockflöte), Jakob Gnigler (Saxophon), Robert Pockfuß (Gitarre), Manu Mayr (Kontrabass), Leonie Spitzer (Rauminstallation), Serafin Spitzer (Kurzfilm) Uraufführungen aus dem aufsehenerregenden Frühwerk von Anestis Logothetis verbindet der echoraum im Rahmen seines Jahresthemas Generationenwechsel mit Refl xionen der Generation seiner Enkel Leonie & Serafin Spitzer. Echoraum, Sa 20.11. 16.00 Matinée petite Unter dem Motto „Enjoy“ präsentiert das mumok Werke von der klassischen Moderne bis zur Gegenwart. In diesem Ambiente gestalten Schülerinnen und Schüler der Musikschulen Wien eine Matinee mit aktueller Musik. Mumok, So 7.11. 12.00 Mondrian Ensemble: Wally + Jaggi Thomas Wally: Caprice (2009), Martin Jaggi: Kôrd I-III (2017) & Plod on (2007), Thomas Wally: Les îles des nombres III. Klavierquartett r. 2 (EA), ... jusqu'à l'aurore ...: Caprice (IV) bleu. Klavierquartett r. 1 (EA). Das in Basel beheimatete Quartett eiert sein (einund)zwanzigjähriges Bestehen mit Werken zweier Komponisten, deren Lebenswege eng mit dem Ensemble verknüpft sind. Martin Jaggi ist Mitbegründer des Mondrian Ensembles und war 2000 bis 2013 Cellist dieser Kammermusikformation. Thomas Wally hat bereits zwei Klavierquartette für das Ensemble komponiert, zu hören beim Konzert im Reaktor wie auch auf der soeben bei col legno erschienenen Porträt-CD, die bei Wien Modern präsentiert wird. Casino Baumgarten, Mo 29.11. 20.00 Noche de los muertos: The artist is absent Gudinni Cortina: Filacterias (2021 UA), Christoph Herndler: ORGA – Modell 9. Notationsobjekt mit Klangkulisse (2021 UA), Christina Kubisch: Traveling voices (2021 UA), JD Zazie: I'll be right back (2021 UA), Joanna John: Everything is everything else (2021 UA), Ilpo Väisänen: UNIVERSAALIN TIETÄMÄTTÖMYYDEN OSA (2021 UA), Angélica Castelló, Billy Roisz, Burkhard Stangl: Santa Ausencia. Audiovisueller Totenaltar (2021 UA). Echoraum, So 31.10. 16.00, 20.00 PHACE Nacho de Paz (D) Markus Sepperer (Oboe) PHACE bringt zwei 2020 ins Videostreaming verbannte Uraufführungen von Wien Modern live auf die Bühne: Wolfram Schurigs virtuoses Oboenkonzert aus der nicht ungefährlichen Klangwelt bedrohter Ökosysteme und Clara Iannottas tief durchatmender Befreiungsakt aus düsteren Zeiten. Dazu kommen zwei Uraufführungen: Alexander Kaiser thematisiert unbegrenzte Verfügbarkeit, Massenkonsum und Übersättigung, Januibe Tejera führt das Publikum auf verschlungenen Pfaden in eine überraschende Klangwelt. Konzerthaus, Mozart-Saal, Do 18.11. 19.30 Winfried Ritsch: Gesang der Orgel (2020) ist eine begehbare Klanginstallation für drei Registerorgelpfeifen, Bassregister, sechs große Glissandipfeifen und Sängerin. Orgelpfeifen einer "Hradetzky2Kirchenorgel werden in den Sälen des Reaktors verteilt; jede Pfeife wird individuell robotisch über ein Computernetzwerk gespielt. Die Klanginstallation wird mit dem Gesang der Sängerin Lissie Rettenwander live eröffnet und endet wieder mit einer Gesangsperformance im Rahmen einer Finissage. Reaktor, Mi 10.11. 20.00, Do 11.11., Fr 12.11., Sa 13.11. 16.00–20.00, So 14.11. 17.00
Towering Silence Ingrid Schmoliner, Adam Pultz Melbye: Installation: Towering Silence (2021, UA). Wo die Worte versagen, überwiegen die Bilder, und die menschliche Geschichte und das menschliche Denken sind voll von Assoziationen zu Verlust, Abwesenheit und Mangel, die ein endgültiges Zur-RuheKommen in der Stille suggerieren. Das ortsspezifische Werk erforscht Stille, Präsenz und Abwesenheit durch zyklische und miteinander verbundene Prozesse zwischen Performerinnen, Instrumenten, Lautsprechern und Echtzeitklangverarbeitung. Auf Futons sitzend oder liegend kann das Publikum während des zirka einstündigen Konzerts gedanklich zwischen visuellem und akustischem Eintauchen hin- und herwandern. Palais Coburg Kasematten, Mo 01.11., Di 02.11.,Installation 14.00–19.00, Konzert: 20.00 Vertigo/Infinite Screen Klangforum Wien, Titus Engel (D), Peter Böhm (Klangregie), Alexander von Arotin (Visuelle Live-Animation Arotin & Serghei), Arotin & Serghei (Visualisierung, Technik), Benjamin Lévy (IRCAM Computer Music Design), Sylvain Cardas (IRCAM Sound Engineering) Brice Pauset, Arotin & Serghei: Vertigo/Infinite Screen. Eine intermediale Komposition nach Alfred Hitchcocks Vertigo für Ensemble in 6 Gruppen, 18 Bild-Module und Elektronik (EA). Für Brice Pauset repräsentiert Hitchcocks „Vertigo“ die Quintessenz dessen, was das Kino der Psychoanalyse verdankt, indem es diese Beziehung in eine intensive Parabel der Erkenntnis verwandelt. Sein Werk folgt in vielen Details dem Film: Die Scheinhandlung, der Pygmalioneffekt, die Besessenheit der Wiederholung, die regressive Faszination der Legende und der Sturz. Konzerthaus, Großer Saal, Di 16.11. 19.30
Spaziergang Haas: ceremony II Gemeinsam mit der Schola Cantorum Basiliensis FHNW realisieren Studierende der MUK ein dreidimensionales, vierstündiges Kompendium zeitlich und räumlich ineinandergreifender Stimmungen, an dem Georg Friedrich Haas in „ceremony II“ (UA) viele Monate lang gefeilt hat. So verwandelt sich die Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums für einen Abend in ein frei begehbares Klanglabyrinth, in dem Instrumente aus sechs Jahrhunderten mit den Bildern in Dialog treten. Kunsthistorisches Museum, So 28.11. 19.00–23.00 Instrument Modern Wien Modern rückt ein Wochenende lang die äußerst vielfältige Wiener Szene des experimentellen Musikinstrumentenbaus in den Fokus: Genau zehn Stunden lang öffnen rund 20 Künstlerinnen und Künstler an 12 Orten für das Festivalpublikum ihre Ateliers. Zu erforschen sind Constantin Lusers raumgreifende „Bandoneon“ Intensivstation, Claudia Märzendorfers zart schmelzende „Eisschallplatten“, Hans Tschiritschs zum Ausprobieren einladender „Klangpropeller“, Christoph Theilers chaotische wassergefüllte „fluid control“ und Georg Vogels hochpräzise Tasteninstrumente mit 31 Tönen pro Oktave, die ephemeren „disposable instruments“ von noid a.k.a. Arnold Haberl, der interaktive taktile Klangraum „You Never Know“ von Elisabeth Schimana und Hillevi Munthe, Stimmgabelorchesterstimmgabeln von Lissie Rettenwander, Musikmaschinen von Jakob Scheid, Klangskulpturen von Max Bühlmann u.v.a. Atelier Georg Vogel, Kunstverein Klangwerk, Bildhauerateliers des Bundes, Klangraum Fröbelgasse, Atelier Götz Bury, Galerie Wechselstrom, Atelier Max Bühlmann, Proberaum Elisabeth Flunger, Setzkasten Wien, Angewandte Expositur, Sa 13.11., So 14.11. 11.00–16.00 Nurit Stark Solo Nurit Stark (Violine) Younghi PaghPaan: Fanfarella (2018), Peter Eötvös: Adventures of the Dominant Seventh Cord (2019 EA), Jennifer Walshe: dirty white fields (2001 EA). Votivkirche u.a., Di 02.11. 19.00 Lissie Rettenwander Solo „Foyer“ nennt die Tiroler Performerin Lissie Rettenwander ihre neue Komposition. Die Performance erstreckt sich über das mehrstöckige Foyer des Future Art Lab fungiert dabei als Höhle, als Hallraum, den Lissie Rettenwander mit ihrer Stimme auslotet und bewegt. Sie erspürt Sichtbeton, Glas, Geländer und Stufen mit ihrem Körper; bewegt sich durch, berührt, erklopft en Raum, die Materialität. Mit ihrer Stimme verwandelt sie das Foyer in einen überdimensionalen hallenden Raum – und zwar dort, wo es am meisten tönt. mdw – Future Art Lab, Fr 12.11. 18.00
Tanz und Musiktheater Alles kann passieren „Alles kann passieren. Eine Chorprobe“ für zwölf Vokalist*innen, Ensemble und Dirigent (2021 UA) von Norbert Sterk. Libretto: Doron Rabinovici. Ensemble Interpunkt, ensemble reconsil, D+R: Schneider. S: Taisiya Albani, Thomas Diestler, Evert Sooster, Katrin Targo „Der gesprochenen Rede von Politikern lauschend, als wär sie eine Arie oder raffiniert gesetzte Musik, begann ich zu komponieren“, sagt der Komponist. Er setzte sich mit rhythmische Eigenheiten, Ambitus, Farbe und Klang auseinander, erforschte die Stimme und wie sie sich verändert. „Sobald die Zunge artikuliert, fein gegen den formenden Mundraum trommelnd, der dosierte Atemstrom die entschlossenen Stimmlippen in Bewegung hält, schwingt auch das Instrumentalensemble, ein klingender Seismograf der verschämten wie unverschämten, der deprimierenden wie euphorisierenden Inhalte, eine Art vibrierender Detektor“. Radiokulturhaus, Großer Sendesaal, Mo 08.11. 21.00 Der Besuch vom kleinen Tod Märchenoper von Klaus Lang (UA), Libretto: Michael Scheidl. PHACE, R: Michael Scheidl, A: Nora Scheidl, S: Florian Haslinger (Schwäne), Jasmin Steffl (Elisewin), Michael Welz (alter Mann), Rino Indiono (Kleiner Tod) Hier ist der Tod sanft, liebevoll – und ein Kind. Er ist traurig, weil die Menschen immer so erschrecken, wenn er sie abholt, obwohl er sich alle Mühe gibt, ihnen den Weg in das Jenseits so angenehm wie möglich zu machen. Bis er das Mädchen Elisewin holt. Sie hat keine Angst vor ihm und kann es kaum erwarten, im Jenseits anzukommen… Dschungel Wien, Mo 01.11. 18.00, Di 02.11. 16.30, Mi 03.11. 10.00, 14.30, Do 04.11. 10.00, Fr 05.11. 10.00, 14.30, Sa 06.11. 18.00 Fugen Musiktheater auf Basis von William Gibsons Trilogie „Idoru“ (Bridge) von Elisabeth Schimana. Libretto: Roland Quitt) (2021, UA). Nora Scheidl (Raum, Konzept, Kostüm), Sigrid Reisenberger (Ltg., Performance). Mit Thomas Gorbach (Akusmonium), Chetan Yeragera, Christina Maria Sutter (Performance), Aiko Kazuko Kurosaki, Pete Simpson (Performance, Stimme), Adele Knall (Elektronik), Gregor Ladenhauf, Manon-Liu Winter (Max-Brand-Synthesizer) In einer Welt voller Viren, Drogen, Waffen und Daten stellt sich die Frage nach Autonomie und den Zwischenräumen, den Fugen. Die spektakuläre multimediale netzzeit-Musiktheateruraufführung in den neuen SOHO Studios lädt in die Welt von William Gibsons Cyberpunk-Romantrilogie „Idoru“. Soho Studios, Sa 06.11. 19.00, Mi 10.11. 19.00, Do 11.11. 19.00 growing sideways Choreografische Komposition in rückfälligen Verhaltensmustern (2021/UA) von Brigitte Wilfing und Jorge Sánchez-Chiong. andotherstage, Jorge Sánchez-Chiong (Turntables, Performance), Brigitte Wilfing (Choreografie, Stimme, Performance), Andrew Champlin (Tanz, Performance), Mirjam Klebel (Tanz, Blasinstrumente), Alfredo Ovalles (Tasteninstrumente, Performance), David Christopher Panzl (Schlagwerk, Performance), TE-R: Neue Medien, Performance Louise Linsenbolz & Thomas Wagensommerer, Sabina Holzer (Ch), Lise Lendais (A), Jan Maria Lukas (L), Florian Bogner (Sounddesign) In „growing sideways“ − ihrer dritten großen Produktion bei Wien Modern – zeigen Brigitte Wilfing und Jorge Sánchez-Chiong eine weitere Definition von Musiktheater an den Übergängen von Choreografie, Komposition und neuen Medien. Dabei treten beide einen Schritt urück, um sich nach vorne zu fühlen. Die Performance-Choreografin und der Turntable-Komponist – beide seit vielen Jahren regelmäßig im Rahmen von Wien Modern vertreten – wollen dem westlichen Fortschrittsparadigma neue Richtungen des Wachstums hinzufügen. Die als „choreografische Komposition in rückfälligen Verhaltensmustern“ angedachte Performance lässt sich als Zusammendenken von Tradition und Destruktion begreifen. Le Studio – Film und Bühne c/o Studio Molière, Sa 13.11. 20.00, So 14.11. 15.00, 18.00 Jorinde Kinderoper von Maria Gstättner nach einem Libretto von Hans Echnaton Schano. Chor des Akademischen Gymnasiums Wien I, Theresa Hemedinger (Chorleitung), R: Opak, B+K: Kaplun, L: Erntl. S: Maria Gstättner (Fagott, Kontrafagott), Martin Siewert (E-Gitarre, Synthesizer), Mara Achleitner (Violoncello), David Christopher Panzl (Schlagwerk), Katharina Adamcyk (Jorinde, Schauspielerin), Jakob Pejcic (Joringel, Schauspieler), Johannes Schwendinger (Zauberer, Schauspieler) Die Kinderoper von Maria Gstättner, frei nach dem
Märchen Jorinde und Joringel der Gebrüder Grimm, erzählt die Geschichte eines Mädchens (Jorinde) und eines Jungen (Joringel), die an eine grenzenlose Welt glauben und sich und ihre Freunde dadurch vom Zauberer, der sie im Wald in einem goldenen, magischen Schloss gefangen hält, befreien können. MuTh, Mi 10.11. 18.00, So 14.11. 11.00, 16.00, Mi 17.11. 10.00 Limina / Sensation 1 Ensemble Nikel Ligia Lewis: Sensation 1. Performance (neue Version 2021/UA in Zusammenarbeit mit Mark Barden), Mark Barden: Limina für E-Gitarre, Saxophon, Drums und Tasteninstrumente (2021/UA). Die dominikanisch-amerikanische Choreografin Ligia Lewis performt eine skulpturale Studie über Verkörperung und performative Identität. Tanzquartier Wien, Halle G, Sa 27.11. , So 28.11., 18.00 Mütter: Logoratorium Operan21 – Logoratorium. Stationentheater mit drei Musiker*innen und zwei Sänger*innen (2020–2021/UA) von Bertl Mütter. Ursula Langmayr (Sopran), Matthias Helm (Bariton), Heinz-Peter Linshalm (Klarinetten), Tina Žerdin (Harfe) „Logoratorium ist die Idee eines Musiklaboratoriums, das mit der Musik des Wortes und dem rhetorischen Element musikalischen Klingens spielt. Die Rolle eines herbeigeraunten Conférenciers falle dem allzu unbekannten Albert Vigoleis Thelen (der mit dem finsteren Weltzertrümmerergesicht) zu: Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen“. (Bertl Mütter) Literaturmuseum, Do 18.11. 17.00, 19.30, Fr 19.11. 17.00 Poppaea Oper in einem Akt von Michael Hersch nach einem Libretto von Stephanie Fleischmann (2019). Ensemble Phoenix Basel, Jürg Henneberger (D), Markus Bothe (R), Eva Butzkies (K), Marius Kob (Figuren). Ah Young Hong,Silke Gäng, Steve Davislim (S), Zum ersten Mal seit Beat Furrers „Die Blinden“ (1989) zeigt Wien Modern wieder eine große Opernuraufführung. Anders als bei Monteverdi gibt es hier nicht einmal ein vermeintliches Happy End. Odeon, Fr 05.11., Sa 06.11., So 07.11.,19.30 Stand der Dinge In fünf Episoden verhandeln junge Künstler der muk und mdw aus unterschiedlichsten Perspektiven Formen der Vereinzelung, damit verbundene Sehnsüchte und Bewältigungsstrategien: vom Supermarkt, der neben Gütern des täglichen Bedarfs auch alles für den Wunsch nach Nähe und zwischenmenschlichem Kontakt bereithält, über den Prepper, der sich in seinen Tarnanzug verliebt, bis hin zum glücklichen Einfinden in splendid isolation entspannt sich ein Panoptikum vom Stand der Dinge: sehnsüchtig, humorvoll, mit genauem Blick auf unsere Gegenwart − und auf eine mögliche andere Zukunft. Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien, Muk. theater, Mi 17.11. 18.00, Do 18.11. 18.00, Fr 19.11. 18.00
Vortrag / Diskussion/ Ausstellung Bar Modern Künstlerinnen und Künstler, Gespräche und Getränke zu ausgewählten Konzerten. Reaktor, Do 04.11. 21.15 Le Studio – Film und Bühne c/o Studio Molière, So 14.11. 19.15 Konzerthaus, Buffet Mozartsaal, Mo 15.11. 21.00, Sa 20.11. 20.45 Musikverein, Gläserner Saal, Mo 22.11. 21.30, Di 23.11. 21.30, Wiener Konzerthaus Sa 30.10. 18.30, 15.11. 21.00, 19.11. 18.30, 27.11. 19.00, 20.11. 21.00, Reaktor 4.11. 21.15, 29.11. 21.00, Odeon 5.11. 18.00, 6.11. 19.00, 7.11. 19.00, Jesuitenkirche 14.11. 19.15, Studio Molière 14.11. 19.15, Musikverein 22.11. 21.00, Albertina 24.11. 19.30 Logothetis 100.1 Julia Logothetis, die Tochter von Anestis Logothetis, über Visualisierungskonzepte ihres Vaters. Alte Schmiede – Kunstverein, So 31.10. 11.00 Polski Punk Die Wende der 1970er- und 1980erJahre markiert den Beginn des Punkrocks in Polen. Die Jugendrebellion vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise, die Entstehung der Gewerkschaft olidarność und schließlich das Kriegsrecht 1981−1983 wurden paradoxerweise zu einem fruchtbaren Boden für die neue Musik und Ästhetik der Underground-Szene. Im Rahmen einer Podiumsdiskussion zur Eröffnung der Fotoausstellung im Polnischen Institut Wien sprechen die bildende Künstlerin Anna Dąbrowska-Lyons, die Komponistin Aleksandra Gryka und der Musiksoziologe Michał Libera über die Bedeutung anarchistischer Kunstbewegungen. Polnisches Institut, Do 25.11. 17.00
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Mehr Giftfrösche!
Das Erlebnis des Elementaren Die Kompositionen von Milica Djordjević eröffn n und schließen in diesem Jahr Wien Modern PORTRÄT: CHRISTOPH BENKESER
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ilica Djordjević hat nichts zu verschenken. Vor allem keine Zeit. Die Tage der 1984 in Belgrad geborenen Komponistin seien zu kurz, weil es so viel zu erledigen gäbe. Die Auftragsb cher quellen über, ihre Werke sind gefragt. Bereits mit 30 Jahren galt die Wahlberlinerin als interessanteste Komponistin ihrer Generation, brachte Stücke mit Ensembles wie dem Symphonieorchester des WDR und dem Münchner Kammerorchester zur Aufführung. Und erhielt Preise, für die andere ihrer Zunft ihre eigenen Partituren verschlängen. „Ich habe immer unglaublich viel gleichzei-
tig gemacht“, sagt Djordjević in einem Interview mit Hannah Schmidt. In ihrer Kindheit wollte sie Malerin werden. Physik war eines ihrer Lieblingsfächer. Dass sie am Klavier landete, sei ihrer Pragmatik geschuldet gewesen. Ihre Eltern, eine Krankenschwester und ein Kameramann, hatten kein Geld, um ein Instrument zu kaufen. Die Musikschule lag direkt neben ihrem Haus. Sie schrieb sich ein, bevor der Krieg begann. Während die Nato Belgrad bombardierte, saß die 15-jährige Djordjević tagelang am Klavier – hinter verriegelten Fensterläden, allein. Erst später konnte sie auf ein Musikgymnasium wechseln.
„Um meine Karriere als Konzertpianistin vorzubereiten“, wie die Komponistin sagt. „Gleichzeitig entdeckte ich meine Liebe zum Theater und fing wieder an zu malen.“ Djordjević gewann Regiepreise und zeigte ihre Bilder. „Aber schon nach ein paar Ausstellungen wollte ich nicht mehr.“ schrieb sich Djordjević an der Musikhochschule in Belgrad ein. Ohne Matura, weil sie kurz vor ihrem 17. Geburtstag die Schule schmiss, um Komposition zu studieren. Die Musik sei die einzige Konstante in ihrem Leben gewesen. Etwas, von dem sie nie genug bekomme. Und von dem sie wusste, dass sie sie nicht ablege wie den Pinsel in die Farbpalette. Bei der Musik sollte es bleiben. Nach ihrem Kompositionsstudium ließ sich Djordjević in elektronischer Musik ausbilden, lernte bei Ivan Fedele in Straßburg und am IRCAM in Paris, ehe sie Hanspeter Kyburz in seine Klasse an der Hochschule für Musik Hanns Eisler aufnahm. Die Komponistin reiste für Meisterkurse durch Europa und erhielt mit dem Belmont-Preis einen der wichtigsten Ehrungen für künstlerisches Schaffen. Trotzdem war sie nie zufrieden. Ist es bis heute nicht. Hat Djordjević das Gefühl, etwas gemeistert zu haben, hört sie damit auf. Es geht ihr aber nicht um die Herausforderung im Neuen, sondern In ihrer Unschlüssigkeit
um die Sache an sich: Die Komposition muss dynamisch bleiben. Wenn Djordjević über ihre Stücke spricht, sagt sie deshalb Sätze wie: „Die Musik soll den Zuhörer erschüttern.“ Deshalb suche sie weniger nach Harmonie und Schönklang, sondern nach einem Erlebnis des Elementaren. In Stücken wie „Sky limited“, das im Zuge des Eröffnungskonzerts von Wien Modern zu hören sein wird, entwickelt dieses Erlebnis einen Sog, als hätte Morton Feldman in den Verteilerkasten gegriffen In „Quicksilver“, Teil des Abschlusskonzerts unter Beat Furrer, glaubt man, Xenakis im Rausch zu erlauschen. Dieses Stück könne, wie Djordjević sagt, etwas Körperliches und Sinnliches provozieren, ohne schön oder narrativ zu sein. Schließlich schreibe sie Worte wie „roh“ in ihre Partituren, um den Klang, den sie im Kopf habe, möglichst klar auszuformulieren. Als Provokation sei das aber nicht zu verstehen, eher als Versuch, eine Wechselbeziehung zu einfachen musikalischen Formen herzustellen. Im Sinne der Tradition. Und dennoch autonom. F Eröffnungskonzert Wiener Konzerthaus, Großer Saal Sa 30.10., 19.30 Abschlusskonzert Wiener Konzerthaus, Großer Saal Di 30.11., 19.30
Mehr Improvisation! Comprovise Bereits zum dritten Mal in Summe und zum zweiten Mal bei Wien Modern findet das Mini-Festival Comprovise für komponierte und improvisierte Musik statt. Im Mittelpunkt stehen Musikschaffende, die in beiden Bereichen zuhause sind: Improvisierende, die auch als Interpretierende oder Komponierende aktiv sind. An drei Tagen finden insgesamt vier Konzerte statt, wobei die Musiker jeweils auch Werke ihrer Kolleginnen und Kollegen aufführen. Ergänzend dazu gibt es Vorträge, Podiumsdiskussionen und Interviews, die sich mit den Verbindungen, Wechselwirkungen und gegenseitigen Einflü sen von Improvisation und Komposition beschäftigen. Italienisches Kulturinstitut Wien, Fr 26.11. bis So 28.11.
FOTO: ASTRID ACKERMANN
„Die Musik soll den Zuhörer erschüttern“, sagt die in Belgrad geborene und in Berlin lebende Komponistin Milica Djordjević
PHACE Vergangenes Jahr fand das Konzert im Videostreaming statt; nun kommt es live auf die Bühne. Der Schreckliche Blattsteiger, ein ultragiftiger Frosch, dient als Grundmaterial für den Oboenpart von Wolfram Schurigs Werk „kokoí“. Vielschichtig und farbintensiv zeigen sich Clara Iannottas Klangräume im Stück „they left us grief-trees wailing at the wall“. Dazu kommen zwei Uraufführungen: Alexander Kaiser thematisiert unbegrenzte Verfügbarkeit, Massenkonsum und Übersättigung, Januibe Tejera führt das Publikum auf verschlungenen Pfaden in eine überraschende Klangwelt. Konzerthaus, Do 18.11., 19.30
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Musiktheater-Epilog ohne Worte Christian Ofenbauer vollendet seine Antikenopern mit einem instrumentalen Satyrspiel AUSBLICK:
Mehr Ofenbauer!
WALTER WEIDRINGER
enn es eine Konstante gibt im W Œuvre des heuer 60 gewordenen Komponisten Christian Ofenbauer oder
Diotima 2 | Ofenbauer Klavier, Zither, Kontragitarre, zwei Violinen, ein Streichquartett – alle Musikinstrumente aus Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ finden sich in Christian Ofenbauers Klanginstallation, die 1999 als Bühnenmusik für Lutz Grafs Inszenierung am Grazer Schauspielhaus entstand. Passend zum düsteren literarischen Blick in die Zeit zwischen Erstem und Zweitem Weltkrieg erzeugt Ofenbauer in seinem nach Brechts Fatzer-Materialien benannten Werkkomplex „Zerstörung des Zimmers / der Zeit“ ein zeit- und raumgreifendes Klangenvironment. Wien Modern präsentiert die erste Gesamtaufführung. Reaktor, So 21.11., 15.00 bis 16.45
zumindest eine Art von Leitmotiv, dann ist es wohl die Arbeit am Mythos. Diesem Begriff ist zugleich sein zweites großes Thema unweigerlich eingeschrieben: die Zeit. Auf die halb ernst, halb ironisch gemeinte Frage, warum es denn in seiner Musik immer knirschen, zirpen und kratzen müsse, antwortete Ofenbauer einmal: „Damit man hört, dass das Stück in unserer Zeit komponiert wurde.“ In der Tat rückt in seinem Schaffen die Zeit gleich in mehrfacher Weise ins Zentrum. Rein äußerlich bildet das Entstehungsjahr stets einen Teil des Stücktitels, fixiert damit auch den Stand einer persönlichen Situation und Entwicklung. Und die hat ihn bereits einen weiten Weg geführt, der sich freilich klar zurückverfolgen lässt. Zu seiner ersten Antikenoper etwa, „MEDEA 1990−1995“, nach Heiner Müller: Darin standen der Beziehungskonflikt zwischen Medea und Jason am Schnittpunkt von Matriarchat und Patriarchat sowie oktroyierte Abhängigkeit durch Kolonisation im Mittelpunkt.
FOTO: YASMIN A H A DDA D
Die Fortsetzung fand schon über einen sti-
listischen Bruch hinweg statt: Regierte in „MEDEA“ noch eine expressive, gestische Tonsprache, vollzog Ofenbauer nach einer einjährigen Schaffenspause eine Hinwendung zum „senza espressivo“, dem Zarten, Fragilen, zu einem anderen Umgang mit Klang und Zeit. „SzenePenthesileaEinTraum 1999/2000“ reflektie te diese Neuorientierung so weit, wie es das Verhältnis von Penthesilea und Achilles (Ofenbauer hat für das Libretto selbst Kleists „Penthesilea“ adaptiert) im Rahmen der eigengesetzlichen, bewusst verschachtelten, nichtlinearen Erzählstruktur der Oper erlaubte. Es folgte als drittes Stück „WACHE 2002−2004“ auf einen Text von Lutz Graf; „eine in der Operngeschichte unkonventionelle ‚Elektra‘-Paraphrase“, wie Ofenbauer beschreibt. Schon damals sei ihm klar geworden, dass die Trilogie zu einer Tetralogie werden müsse. Doch dass er sich danach vor allem instrumentalen Besetzungen zuwandte, dass er etwa seine Streichquartettsätze zu einem geschlossenen Zyklus erweiterte (1997–2011; eingespielt vom Arditti Quartet), hatte mehrere Gründe. Zum einen war es sein immer feineres Sensorium für eben jenes Verhältnis von Klang und Zeit, das er in langsamen, weiträumigen Verläufen nicht nur hörbar, sondern auf besondere Weise auch fühlbar machte. Daraus erwuchs Musik, scheinbar absichtslos, sich selbst genügend und
„Ich vertraue nach drei abendfüllenden Opern dem singenden Menschen nicht mehr“
doch weit über sich hinausweisend: mit exakt definierten Klangereignissen, die aber vielfach nach ausgeklügelten, begrenzt aleatorischen Konzepten aufeinanderfolgen. Klarheit, Ruhe, Versenkung sind darin Weg und Ziel zugleich. Ein Abend im Reaktor macht es erlebbar:
Das Quatuor Diotima und der Pianist Johannes Marian präsentieren dort live jene zwei der drei Inkarnationen von „Zerstörung des Zimmers / der Zeit“, die sie auch auf CD aufgenommen haben: die Fassungen für Streichquartett und Klavier (2000) sowie für Klavier solo (1999). Zum anderen fehlte Ofenbauer schlicht ein geeigneter Text für jenes buffonesk-heitere Satyrspiel, das seine Antikentragödien abschließen sollte. Nach ausgedehntem Suchen und Erwägen verschiedener Sujets (Nestroy, Kraus, Polgar, Pollesch) ist und bleibt „Das Satyrspiel 2019/20“ nun als „Geschachtelte Musik
zu Bildern“ ein reines Instrumentalwerk für großes Orchester. Denn, so Ofenbauer ohne Bitterkeit: „Mir
wurde zur Gewissheit, dass ich nach drei abendfüllenden Opern dem singenden Menschen nicht mehr vertraue.“ Ein reines Instrumentalwerk? Nein. Die Bühne, das Visuelle bleibt wesentlich. Auf Ofenbauers „Satyrspiel“ reagiert die Komponistin und Medienkünstlerin Andrea Sodomka mit „Unschärfe. Kristallklar“, einer stummen Raumkomposition: Sie soll keinen Zweifel daran lassen, dass die Oper auch wortlos in dieser Musik nachzittert – dem antiken Mythos angemessen. Eröffnungskonzert Wiener Konzerthaus, Großer Saal, Sa 30.10., 19.30 Diotima 2 | Ofenbauer Reaktor, So 21.11., 17.00
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Beat Furrer
Quatuor Diotima
Mehr Streichquartette! Baselitz 1 | Kontrapunkte | Furrer 3 Georg Baselitz spricht mit Bernhard Günther und Stephan Pauly über die Programme der nächsten Tage. Das Ensemble Kontrapunkte spielt Elisabeth Harniks „Bein im Sprung. Nach einem Text von Georg Baselitz“ (UA). Das Cantando Admont – Vokalensemble für Alte und Neue Musik interpretiert Beat Furrers „Akusmata. Fünf kurze Stücke für Vokalensemble und Instrumente nach Fragmenten von Pythagoras“ (2020). Musikverein, Mo 22.11., 19.30
VOM
SEHEN
Der Maler Georg Baselitz hat eine Leidenschaft für zeitgenössische Musik. Die Gattung des Streichquartetts TAUCHGANG: DANIEL ENDER
Baselitz 2 | Diotima 3 | Furrer 4 „Das Beste sind für mich die Streichquartette“, sagt Georg Baselitz. Auftakt der Gesamtaufführung von Beat Furrers Streichquartett n. Juliane Banse ist Solistin in Arnold Schönbergs Streichquartett Nr. 2 fis-Moll op. 10 für zwei Violinen, Viola, Violoncello und eine Sopranstimme (1907−08). Musikverein, Di 23.11., 19.30
iotima – als der klangvolle Name seiD ne Bedeutung für die moderne Kunst erlangte, war er bereits an die zweieinhalb Jahrtausende durch die abendländische Geschichte gewandert. Ungefähr, denn ob es die weise Priesterin tatsächlich gegeben hat oder ob sie Platon für seinen Dialog „Symposion“ erfunden hat, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Klar ist, dass der Ahnherr der literarisch systematisierten Philosophie hier zum einzigen Mal einer Frau einen Auftritt gibt und ihr eine höchst bedeutungsvolle Botschaft in den Mund legt: Er lässt sie nichts weniger als den Sinn des Eros eröffnen Platonische Liebe meint nun nicht gerade
das, was der Volksmund behauptet, nämlich einfach den Verzicht auf Erotik, sondern das Lenken der Aufmerksamkeit auf die seelischen Tugenden der begehrten Person. Wenn am Ende das Schöne an sich als das würdigste Objekt der Liebe bestimmt wird, liegen darin zugleich die Wurzeln der Ästhetik. Für Friedrich Höl-
derlin wurde Diotima zum Namen der (fiktionalen) Geliebten, in Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschafte “ heißt so – ins Ironische gewendet – die Führerin eines feingeistigen Salons, eine „Dame von unbeschreiblicher geistiger Anmut“. In der Musik wurde sie (neben Hölder-
lin-Vertonungen von Hanns Eisler oder Wolfgang Fortner) durch Luigi Nono verewigt und in der Gattungsgeschichte des Streichquartetts verankert – mit seiner einzigen, 1980 uraufgeführten Komposition für diese Besetzung, die er „Fragmente – Stille, An Diotima“ nannte: ein „Netz von Klanginseln, die aus der Stille auftauchen, um in die Pausen hinein zu verklingen“ (Jürg Stenzl), eine mit Hölderlin-Zitaten, die freilich nie zum Klingen kommen, durchsetzte Partitur, weiters eine Fundgrube an musikgeschichtlichen Anspielungen – und vor allem eine Abkehr von den dezidiert „politischen“ bzw. agitatorischen Ansätzen des Komponisten (der auch das „Zarte, Private“ als politisch verstand). Das Stück wurde zu einem Stein des Anstoßes für Skeptiker, zugleich zu einem ästhetischen Meilenstein für Gene-
rationen von Komponisten, leider auch zum Ausgangspunkt unzähliger Kopisten eines leisen Stils nahe am Verstummen, der sonst nur wenig zu bieten hatte. Vier Jahre danach, 1984, entschied ein jun-
ger, noch nicht allzu bekannter, in Wien lebender Schweizer den Kompositionswettbewerb „Junge Generation in Europa“ für sich. Das Werk: sein erstes (noch ohne Nummer geführtes) Streichquartett; der Komponist: Beat Furrer; in der Jury: Klaus Huber, Helmut Lachenmann und – Luigi Nono. Auf diesen ersten, auch aus heutiger Sicht noch grandiosen Wurf ließ Furrer 1988 (Nr. 2) und erst wieder 2004 (Nr. 3) weitere Stücke für diese Besetzung folgen. Für Nr. 4 (2021) wartete er auf einen Auftrag von Wien Modern, Wiener Konzerthaus und Philharmonie de Paris, nun wird es im MozartSaal uraufgeführt, interpretiert von jener Formation, die seit ihrer Gründung durch Absolventen des Conservatoire National Supérieur de Musique de Paris den Namen Quatuor Diotima trägt. In insgesamt vier Konzertprogrammen spannt das Weltklasseensemble einen Bogen von den Komponisten Franz
FOTOS: DAVID FURRER, FRANÇOIS ROUSSEAU
Bar Modern: Auf ein Glas mit Georg Baselitz Streichquartett hören, Schönberg sehen. Georg Baselitz und Angelika Möser, Direktorin des Arnold Schönberg Centers, über die Musik des Abends und Schönberg als Maler. Musikverein, Mo 22.11., im Anschluss an das Konzert
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Georg Baselitz
Mehr Kunst und Musik!
UND
HÖREN
hat es ihm besonders angetan. Vier Abende mit Gesprächen, Getränken und aufregender Musik Schubert und Maurice Ravel zu Komponistinnen wie Sivan Eldar, Clara Iannotta oder Rebecca Saunders, berührt die in der heurigen Festivalausgabe von Wien Modern omnipräsente Thematik des Raumes in Gestalt von Christian Ofenbauers faszinierend-sperrigem Stück „Zerstörung des Zimmers / der Zeit“ für Streichquartett und Klavier bzw. nur für Klavier in seiner hybriden Gestalt als Installation und zwei Konzertstücke.
FOTO: PETER KNAUPP
Das Quatuor wird außerdem in ein Projekt
integriert, das im Musikverein einen markanten Akzent setzt – man darf sagen, so markant, wie in der Festivalgeschichte schon seit langem nicht mehr, eigentlich seit der Gründungsphase unter Beteiligung von Claudio Abbado in den späten 1980er-Jahren. Denn dort hat der neue Intendant Stephan Pauly die Reihe „Musikverein Perspektiven“ ins Leben gerufen, die gleichzeitig Teil von Wien Modern ist und die der bildende Künstler Georg Baselitz – Markenzeichen: auf dem Kopf stehende Figuren und Motive – gemeinsam mit Pauly und Bernhard Günther, dem künstlerischen Leiter von Wien Modern, selbst kuratiert hat.
In mehreren Gesprächen rund um die ebenfalls vier Konzerte wird der Maler, Grafiker und Bildhauer seine „Perspektiven“ auf Neue Musik und moderne Kunst erläutern, wie er es in einem Gespräch mit Pauly für das Magazin Musikfreunde bereits getan hat. Nach Zugängen zum Hören des Neuen gefragt, antwortete er dort: „Das Angebot in der zeitgenössischen Musik ist ja nicht der Wohlklang, der Gleichklang, die Harmonie, sondern das ganze Gegenteil, das ,Dis‘-, der Fehlklang und so weiter. Darin liegt die Bereicherung. Nur so geht es weiter. Das ist die Tür, die man öffnen muss.“ Da er ohnehin Streichquartett als „das Bes-
te für mich“ betrachtet, wurde durch seine Beteiligung die Programmplanung keineswegs auf den Kopf gestellt, sondern sinnerweiternd integriert: Nach einer Aufführung von Schönbergs Streichquartett Nr. 2 (mit Sopranistin Juliane Banse) wird Baselitz u.a. über Schönberg als Maler nachdenken, seinen von ihm selbst gesprochenen Text „Nicht nee nee nee nicht no“ integrierte Olga Neuwirth in ihr Stück „Georg Baselitz“ für Streichquartett und Zuspielung.
Ebenfalls nach Worten des bildenden Künstlers schrieb Elisabeth Harnik „Bein im Sprung“, das vom Ensemble Kontrapunkte neben Werke von Furrer und Morton Feldman gestellt wird. Letzterer – aufgrund seiner Zusammenarbeit mit bildenden Künstlern aus der New York School eine naheliegende Referenz – wird mit einer geschlagen 13-stündigen Aufführung seines „For Philip Guston“ in der Albertina nach einem Konzept des Pianisten Marino Formenti ebenso eine Ausnahmeerfahrung ermöglichen wie Georg Friedrich Haas: Dessen 3. Streichquartett „In iij. Noct“ wird zur Gänze in völliger Dunkelheit gespielt – mit ironischer Absicht am Ende der Baselitz-Reihe. Man würde oft die Augen schließen, um intensiv zu hören, sagt dieser. In der Ankündigung des Musikvereins heißt es, das Stück, werde „alles Gesehene buchstäblich in den Schatten stellen. Das Sehen wird ausgeschaltet, zugunsten des Hörens.“ Man wird es sehen. F Baselitz 1–4 Der Maler kuratiert ein viertägiges Minifestival. Musikverein, Albertina Mo 22. bis Do 25.11.
Baselitz 3 | Feldman 760’ Zu Gemälden von Georg Baselitz wird Morton Feldmans vierstündiges „For Philip Guston“ live im Ausstellungssaal gespielt. Als Loop – vielfach wiederholt, ohne Pause, über 13 Stunden hinweg. Ein Brückenschlag von der Musik zur Malerei in einer installativen Konzertsituation, in der man verweilen kann, um die Bilder in Gegenwart der Musik zu sehen und die Musik in Gegenwart der Bilder zu hören. Man kann jederzeit kommen und gehen und bleiben, solange man will. Albertina, Mi 24.11., 11.00 bis 24.00 Baselitz 4 | Diotima 4 | Furrer 5 Zum Abschluss des Quatuor-DiotimaGastspiels erklingt neben Furrers Streichquartett n Nr. 2 und 3, Sivan Eldars „Solicitations“ (2018, EA) und Georg Friedrich Haas’ 3. Streichquartett Olga Neuwirths neues Quartett, für das Georg Baselitz seinen Text „Nicht nee nee nee nicht no“ selbst eingesprochen hat. Im Anschluss an das Gespräch mit Georg Baselitz, Stephan Pauly und Bernhard Günther wird das Stück von Olga Neuwirth ein zweites Mal gespielt. Musikverein, Do 25.11., 19.30
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F A L T E R WIEN MODERN
Mehr Kammermusik!
err Kessler, seit 1965 haben Sie in elektronischen Studios gearbeitet – H was sind die einschneidendsten Verände-
rungen beim Instrumentarium, das seither hier entwickelt wurde? Thomas Kessler: Nehmen wir als Beispiel einen Sinusgenerator, mit dem vor 60 Jahren im WDR-Studio in Köln die ersten elektronischen Musikstücke komponiert wurden. Damals war das ein Instrument der Messtechnik in Rundfunkanstalten und dementsprechend teuer. Kein junger Komponist hätte sich das leisten können, so entstand eine Art Monopolstellung. Das Arbeiten dort war einem auserwählten kleinen Kreis vorbehalten. Heute kann jeder kostenlos ganze elektronische Studios aus dem Netz herunterladen. Da hat ein Demokratisierungsprozess stattgefunden, der es auch jungen Komponisten erlaubt, elektronische Musik zu komponieren, sogar viel leichter, schneller und technisch perfekter. Ist ein Oratorium nicht ziemlich das Ungewöhnlichste, das man als Avantgardemusiker und ElektronikSpezialist schreiben kann? Kessler: Überhaupt nicht. Es ist ja eigentlich nur ein Titel, der erst während der Arbeit an der Komposition entstanden ist, als ich mir bewusst wurde, dass ich für einen sakralen Raum komponiere. Ich hatte von Anfang an zur Orgel auch das Ensemble Nikel einbezogen, mit den Instrumenten Saxofon, E-Gitarre, Schlagzeug und Klavier, die man überhaupt nicht mit einem Oratorium in Beziehung bringen würde. Aber das Kind musste schließlich einen Namen haben. Wie verstehen Sie als ehemaliger Klosterschüler religiöse oder geistliche Musik? Kessler: Musik an sich kann nicht religiös sein, so wenig wie ein einzelner Akkord oder eine Melodie. Es ist der Text, der einer Musik diese Bedeutung gibt. Da
„Musik kann nicht religiös sein“ Der 84-jährige Komponist und Elektronikpionier Thomas Kessler über geistliche Musik, Religion und Raumakustik GESPRÄCH: DANIEL ENDER
in der christlichen Tradition lange Zeit nur Vokalmusik in Kirchen erlaubt war, denken wir heute noch, dass Gesang sich besser für einen religiösen Kontext eignet als zum Beispiel Schlagzeug. Ich habe jedoch im buddhistischen Kloster Haeinsa in Südkorea erlebt, wie dort das virtuose Spiel der Mönche auf einer großen Trommel seit Jahrhunderten religiöse Musik ist. Als Klosterschüler habe ich viel gregorianischen Choral gesungen. Die Litaneien und Anrufungen der Heiligen bei Prozessionen waren für mich eine Art repetitive Minimal Music, die sich sehr stark eingeprägt hat. Was verbindet Ihren Zugang mit jenem Ihres Librettisten Lukus Bärfuss? Kessler: Ich habe von Anfang an nicht an religiöse Texte gedacht. Als ich las, dass Lukas Bärfuss im Großmünster von Zürich eine Predigt halten sollte, die dann wegen Corona abgesagt werden musste, fragte ich ihn um Rat. Er hat dem Oratorium eine unglaubliche Bereicherung gegeben, eine Tiefe der Erkenntnis und des Hoffens, hat einem Bach-Luther-Choral einen brandaktuellen Text unterlegt und für die Solist*innen wunderbar poetische Gedichte geschrieben. In der Partitur sind szenische, räumliche und klangliche Vorgänge genau abgestimmt. Wie wichtig sind für Ihre Musik Bewegung und Raum? Kessler: Im Gegensatz zu einem Konzertsaal, dessen Akustik an jedem Platz möglichst gleich gut ist, klingen Kirchen an jedem Platz anders und bieten es sozusagen an, dass auch die Musiker sich bewegen und den Raum bewusst erlebbar machen. Eigentlich hat schon im 17. Jahrhundert der unbekannte Baumeister der Jesuitenkirche das Oratorium mitkomponiert! F
Erzähler, Essayist und Dramatiker: der Schweizer Lukas Bärfuss
Kessler | Bärfuss: Oratorium Jesuitenkirche, So 14.11., 20.00, 21.30
Wally | Jaggi Das Mondrian Ensemble wird (einund-)zwanzig und feiert den verspäteten Geburtstag mit Werken zweier Komponisten, die mit den Musikerinnen eng verbunden sind. Da wäre etwa Thomas Wally, der 2019 zwei Klavierquartette für das Mondrian Ensemble komponiert hat, die zusammen mit dem Streichtrio „Caprice“ (2009) auf der bei col legno erschienenen Porträt-CD zu hören sind und nun bei Wien Modern zum ersten Mal im Rahmen eines Konzerts der Öffentlichkeit präsentiert wird. Martin Jaggi wiederum ist Mitbegründer des in Basel beheimateten Quartetts und war von 2000 bis 2013 dessen Cellist. Sowohl der Zyklus „Kôrd I–III“ als auch „Plod“ entstanden für das Ensemble, das die Stücke hier zur Aufführung bringt. Casino Baumgarten, Mo 29.11., 20.00
FOTOS: PRISKA KETTERER, LEA MEIENBERG
Das gemeinsam mit dem Librettisten Lukas Bärfuss geschaffene „Oratorium“ von Thomas Kessler erschallt in der Jesuitenkirche
Diotima 1 | Furrer 1 Nach der aufsehenerregenden SchönbergGesamtaufführung des Quatuor Diotima bei Wien Modern vor fünf Jahren entstand in langer Arbeit ein würdiges Folgeprojekt: Das Pariser Quartett kehrt mit vier Konzerten rund um alle vier Streichquartette von Beat Furrer (inklusive der Uraufführung des vierten) nach Wien zurück. Den Anfang macht ein Abend im wahren Festivalformat, dessen weit gespannter Bogen – von Schubert und Ravel über beide Quartette von Clara Iannotta bis zur lange erwarteten Furrer-Uraufführung – die Ausnahmeposition der Diotimas in der Musikwelt unterstreicht. Konzerthaus, Sa 20.11., 19.00
W I E N M O D E R N FALTER
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Mehr Klavier!
Angewandte Fortschrittskritik choreografieren Wilfing und Sánchez-Chiong in „Growing Sideways“
Spiegel, Seite, Schulterblick Im Seitenschritt mit der Choreografin Brigitte Wilfing und dem Komponisten Jorge Sánchez-Chiong STREIFZUG: CHRISTOPH BENKESER
nser neues Vorne ist die Seite“, sagen U Brigitte Wilfing und Jorge SánchezChiong. „Der Seitenblick über die Schul-
ter ist unser neues Normal.“ Mit „Growing Sideways“ treten beide einen Schritt zurück, um sich nach vorne zu fühlen. Die Performance-Choreografin und der Turntable-Komponist – beide seit vielen Jahren regelmäßig im Rahmen von Wien Modern vertreten – wollen dem westlichen Fortschrittsparadigma neue Richtungen des Wachstums hinzufügen. „Wie viele Schritte können wir zurücktreten?“, fragen sie und erklären: „Die seitwärtswachsende Rückwärtsbewegung ist Thema und Methode zugleich.“
FOTO: DAVID PANZL
Man muss kein Blockseminar über Degrowth
und die Folgen imperialer Lebensweisen besucht haben, um hinter der Programmatik des Stücks einen Querschläger zur globalen Wachstumskritik zu vermuten. Der Mensch habe lange genug geplündert, erobert und zerstört. Ein neuer Blick in die Zukunft muss aus dem rasenden Stillstand der Gegenwart führen. Er schneidet sich mit der Überwindung dagewesener Strukturen, distanziert sich von der Überbietungslogik des ewigen Fortschritts und projiziert einen Menschen, der nicht mehr das Verhalten eines neoliberalen Raubtiers zeigt, sondern
sich um seine Taten wohl wissend fortbewegt – seitwärts zwischen den Trümmern des Vergangenen hindurch. Um einen Weg zu schlagen, der aus der Notwendigkeit der Erneuerung stammt. Und sich in den Körper einschreibt. Denn er, der destruktive Charakter, wie Walter Benjamin einst schrieb, ist die Verkörperung des Wandels, der nötig ist, weil alles, was im Weg steht, sich verschlossen hat für neue Wege. „Growing Sideways“, die als „choreografi che Komposition in rückfälligen Verhaltensmustern“ angedachte Performance lässt sich als Zusammendenken von Tradition und Destruktion begreifen. Mit dem von Wilfing und SánchezChiong gegründeten Performancegruppe andother stage suchen sie nach Verbindungssträngen und greifen in die Schaltungen des Wachstumsrelais, um sich anzuspannen, während neue Verbindungen zwischen vergangener Geschichte und übermitteltem Erbe entstehen. Oft wissen wir nicht mehr, wo vorne ist“,
sagt Brigitte Wilfing. „Ist es da, wo wir hinsehen? Oder da, wo die Brust hinzeigt? Dieser vermeintliche Schwindel gefällt uns, weil wir alltägliche Handlungen hinterfragen müssen.“ Umständlich könne das sein, aber auch eine eigenartige Welt kreieren. Vor allem, wenn Menschen im Seitwärtsblick miteinander tanzen oder Musik machen. „Die Körper
sind attuned to each other“, so Wilfing „Gleichzeitig scheinen sie abwesend wie Paare, die am selben Tisch sitzen, aber in ihre Handys starren.“ In „Growing Sideways“ spricht die Zerstö-
rung des Gewesenen, indem es an der Übermittlung seiner Zitate arbeitet, sie sammelt und neu anordnet. Das ist ein zerstörendes Bewahren, ein In-neuen-Kontext-Stellen und etwas, das sich von den Versprechen des Fortschritts ab- und seiner Überlieferung zuwendet. Es geht nicht darum, die Tradition oder Vergangenheit abzulehnen, sondern mit ihr ein kritisches Verhältnis einzugehen und aus ihrem Kontext zu lösen, indem man sie zitiert. „Growing Sideways“ ist angewandte Fortschrittskritik im Seitenschritt, um Platz für die Möglichkeit der Veränderung, der Emanzipation und des Neuen zu schaffen. „Es handelt sich um einen positiven Begriff der Zerstörung“, schrieb Walter Benjamin. „Um eine schöpferische Zerstörung eines Raumes, um nicht dem Grauen anheimzufallen.“ Bleibt, vorausschauend zur Seite zu blicken. Und den ungetrübten Blick auf die Gegenwart genauso offenzulegen wie das Bekenntnis, dass die Dinge nicht immer so waren, wie sie sind. F growing sideways Studio Molière, Sa 13.11, 20.00; So 14.11., 15.00, 18.00
Hsin-Huei Huang: Solo Die am Vorabend im Quartettformat begonnene Linie von Schubert zu Furrer findet am Klavier ihre ausdrucksstarke Fortsetzung: Die Erfindung von Klängen und Stimmungen beginnt beim 20-jährigen Franz Schubert kurz nach dem Wiener Kongress und reicht über Younghi Pagh-Paan und deren 1982 in Teheran geborene Schülerin Elnaz Seyedi bis hin zum Schattenspiel von Rebecca Saunders und der virtuosen Flageolett-Studie von Beat Furrer. Ein großer Soloabend der u.a. aus ihrer Zusammenarbeit mit dem Klangforum Wien und den Wiener Philharmonikern bekannten Wahlwienerin Hsin-Huei Huang. Reaktor, So 21.11., 19.00 Input > Klavier Die in Paris ausgebildete Pianistin und Wahlwienerin Mathilde Hoursiangou will Komponistinnen und Komponisten ermutigen, auf alle denkbaren Wege lustvoll und überschaubar für Klavier zu schreiben. Dabei sollen die Künstlerinnen und Künstler bewusst ihre jeweiligen pianistischen Erfahrungen zukunftsorientiert hinterfragen. Dazu gehören neue Denk-, Sicht-, Hör- und Schreibweise für das Instrument, die dabei helfen sollen, die Kluft zwischen Pianisten, Komponisten und Publikum im traditionellen Konzertbetrieb zu überwinden. Passend dazu erklingen kurze Stücke von Alexander Stankovski, Thomas Wally, Nava Hemyari, u.a. Alte Schmiede, So 28.11., 11.00
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F A L T E R W I E N M O D E R N
Mehr junges Musiktheater!
Die Oakland Bay Bridge in San Francisco, eine autonome Zone, steht für Wildwuchs und Subversion
„Die totale Kontrolle gibt es nicht“ Elisabeth Schimana und netzzeit bringen William Gibsons „Idoru“-Trilogie als Cyberpunk-Oper MIRIAM DAMEV
er glaubt, Science-Fiction habe W mit der Zukunft zu tun, ist naiv“, steht auf dem Buchrücken des Romans
„Idoru“. Er erschien 1996 und war der zweite Band der gleichnamigen Cyberpunk-Romantrilogie von William Gibson. Teil eins, „Virtual Light“, war 1994 erschienen, „All Tomorrow’s Parties“ veröffentlichte der amerikanische Autor 1999. Bereits in den 1980er hatte der Erfolgsschrift teller Begriffe wie „Cyberspace“ oder „Virtual Reality“ erfunden und fand sein liebstes Beschäfti ungsfeld da, wo die Zukunft gemacht wird: in der Computertechnik. Seine drei Brücken-Romane sind ihrer Zeit
weit voraus; auf der stillgelegten, namensgebenden San Francisco–Oakland Bay Bridge entfaltet sich ein Kaleidoskop von Viren, Drogen, Waffen, Data Havens, slicken PR-Managern, Fernsehgläubigen, Datenkraken und Cyberwelt-Figuren. Hier machen sich die Auswüchse des krisengebeutelten Kapitalismus breit: Es gibt keinen Sozialstaat mehr und so entstehen immer mehr autonome Zonen – sogenannte „interstices“ („Zwischenräume“) oder „Fugen“. „Gibsons Roman begleitet mich schon viele Jahre“, erzählt Elisabeth Schima-
na, die sich seit den 1980er-Jahren mit den neuen Technologien in den Medien beschäftigt. Die ‚Idoru‘-Trilogie hat mich unglaublich fasziniert. Die Idee, daraus ein Musiktheater zu kreieren, trage ich schon ewig lang mit mir herum. Jetzt ergab sich die Möglichkeit, sie zu realisieren“. Der Autor und Dramaturg Roland Quitt generierte aus der gut 1000 Seiten starken Trilogie das Libretto mittels Sampletechnik. „Dafür sammelte er das Material, benützte daraus Fragmente, reduzierte immer wieder und verwob schließlich alles zu einer Geschichte“, so Schimana. Entstanden sind 13 Bilder, fragmentarisch vernetzt, „weil die einzelnen Stimmen durch die Zeit driften und sich zu einem Gefl cht aus Körpern, Objekten, Licht und ephemeren Klanggestalten fügen“. DIY-Elektronik symbolisiert Widerstand
und Eigenermächtigung. Tastaturen erinnern an ihre jahrhundertealte Geschichte als Schnittstelle zu Maschinen – die Tasten des Clavichords, das zweifache Keyboard des Max-Brand-Synthesizers oder die Computertastatur. Die physischen Körper der Besucher, Performer und Musiker vernetzen sich mit den Augen einer Tablet-Installation und werden so zu Beobachtenden und Beobachteten, während die Stimmen von acht abwesenden Körpern die 13 Bilder erzählen. Der
Sound ist ebenso fragmentarisch wie die dazugehörigen Szenen: So treffen digital generierte Klänge von Membranen auf Field Recordings. Das Wiener Akusmonium, ein im Raum verteiltes Lautsprecherorchester, schleudert die Klanggestalten durch die Luft und vernetzt somit akustisch den durch massive Säulen fragmentierten optischen Raum. „Alle, die glauben, den großen Überblick
zu haben, sind zum Scheitern verurteilt“, sagt Elisabeth Schimana. „Obwohl oder gerade weil wir total vernetzt sind, können wir nur noch Fragmente wahrnehmen“, lautet das Urteil. „Wer die Macht und die totale Kontrolle anstrebt, ist, positiv formuliert, zum Scheitern verurteilt.“ Ein Zustand, der seit kurzem weiter ins Bewusstsein rückt, so die Komponistin und Performerin. „Der Druck auf die Big Five Google, Amazon, Facebook, Apple und Microsoft wird größer. Gleichzeitig füttern Millionen von Menschen diese Konzerne mit Daten. Sie arbeiten also gratis für sie. Lange Zeit wurde darüber nicht gesprochen. Jetzt bildet sich langsam Widerstand, auch in der Politik.“ Es besteht also Hoffnung? Elisabeth Schimana hält kurz inne. „Dafür ist es viel zu spät.“ F Fugen (2021 UA) Soho Studios, Sa 6., Mi 10., Do 11.11., 19 Uhr
FOTO: NORA BISCHOF
KONTROLLVERLUST:
Stand der Dinge In fünf Episoden verhandeln junge Künstlerinnen und Künstler aus unterschiedlichsten Perspektiven Formen der Vereinzelung, damit verbundene Sehnsüchte und Bewältigungsstrategien: vom Supermarkt, der neben Gütern des täglichen Bedarfs auch alles für den Wunsch nach Nähe und zwischenmenschlichem Kontakt bereithält, über den Prepper, der sich in seinen Tarnanzug verliebt, bis hin zum glücklichen Einfi den in splendid isolation entspannt sich ein Panoptikum vom Stand der Dinge: sehnsüchtig, humorvoll, mit genauem Blick auf unsere Gegenwart − und auf eine mögliche andere Zukunft. MUK.theater, Mi 17.11., Do 18.11., Fr 19.11, 18.00
W I E N M O D E R N F A L T E R
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Rubens und die Obertöne Coronatauglich: 4000 Quadratmeter für Georg Friedrich Haas’ Klanglabyrinthe in „ceremony II“ VORSCHAU: DANIEL ENDER
chlägt man seinen Namen nach, fi S det man Georg Friedrich Haas oft unter dem Schlagwort „Spektralkomponist“.
Und wie das mit dem Schlagen so ist: Sogar wenn es trifft, ist es zu simpel und brutal. Richtiger – und umständlicher – wäre die Beschreibung, Haas sei ein Komponist, der sich für Klangspektren, -farben und die innere Dynamik all dessen interessiert, was wir gemeinhin „Ton“ und „Geräusch“ nennen, und der diese Prozesse unaufhörlich befragt und gestaltet. Eines scheint offensichtlich: Sein Sensori-
Sein Auftragswerk für Wien Modern – eigent-
lich schon für 2020, das aber erst heuer realisiert werden kann, voraussichtlich … – „ceremony II“ nennt der Komponist „Musik der Corona-Pandemie: Der Idealabstand zwischen zwei Menschen, die diese Musik hören, beträgt mindestens zwei Meter. Man sitzt nicht an einem Ort, man bewegt sich, komponiert die Musik für sich selbst mit den Füßen. Indem man spontan entscheidet, in welche Räume man gehen will.“ In dieser erweiterten Fassung von „ceremony“, uraufgeführt 2017 beim Festival ZeitRäume im Kunstmuseum Basel, treten Instrumente, deren Entstehungszeiten ein halbes Jahrtausend umfassen, auf rund 4000 Quadratmetern des Kunsthistorischen Museums in Dialog mit Rubens & Co – und auch mit der Tizian-Sonderausstellung. Selbst wenn hier aus rechtlichen Gründen nicht gespielt werden kann, wird die Musik den Raum überbrücken und überall hindringen, so dass sich ein Gefl cht aus Klängen von Nah und Fern ergibt, erzeugt von 61 Studierenden der MUK (Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien) sowie von Musikern der Schola Cantorum Basiliensis FHNW.
Unter den von ihnen teilweise erst jüngst rekonstruierten historischen Instrumenten gibt es eine Renaissanceorgel, die eine Oktave in 36 Tasten teilt (!), Cembali mit 24 oder 31 Tasten, eine Harfe mit 21 Saiten und auch Theorben, Querfl ten und Zinken können winzige Intervalle spielen, die das temperierte Tonsystem verlassen. Dazu treten moderne(re) Instrumente, die in jeweils eigener Weise Mikrotonsysteme etablieren, in ihrem Zentrum – auch räumlich – drei raffinier umgestimmte Konzertflügel, die einen großen Obertonakkord anstimmen. Oder besser gesagt drei: denn nur die tiefen, weithin hörbaren Teiltöne sind gleich, die höheren individuell, so dass sie sich immer mehr reiben. Wien-Modern-Chef Bernhard Günther hat in der Neuen Zeitschrift für Musik einen Text über die Basler Version von 2017 verfasst – und von einer enormen „Wucht, Energie und Emotionalität“ berichtet. Wenn das KHM im ersten Stock, im Stiegenaufgang und bis in die monumentale Kuppel hinein über vier Stunden in Klang versetzt wird, ist eine vergleichbare, unvergleichliche Intensität zu erwarten, die – wie jede bewegende Kunst – die Wahrnehmungsdimensionen des Alltags hinter sich lässt. F Haas: ceremony II Kunsthistorisches Museum, So 28.11., 19.00–23.00
FOTO: MARKUS SEPPERER
um für kleinste klangliche Nuancen und für den Zauber der Welt der Obertöne ist verknüpft mit seiner großen Sensibilität hinsichtlich Politik, Gesellschaft menschlichen Abgründen, aber auch positiven Qualitäten. Mit Blick auf seine Selbstoffenbarungen der letzten Jahre (Schlagwort: „Outings“) ließe sich sagen, nichts Menschliches sei ihm fremd, mit Blick auf sein kompositorisches Schaffen, seine Suche nach Wahrhaftigkeit sei ebenso radikal wie sein gleichzeitiges Streben nach größtmöglicher Schönheit. Eines seiner exemplarischen Werke nannte er programmatisch „in vain“ („vergeblich“) und dachte dabei 2000 an innenpolitische und musikalisch-formale Aspek-
te – vielleicht aber nicht daran, dass die Stringenz und Sogkraft dieser einstündigen, fast sinfonischen Großform ihrem Titel widersprechen könnte.
Die Musikerinnen und Musiker bespielen das Museum vier Stunden lang auf anders gestimmten Instrumenten
Mehr Stimmungen! Seitenraum Es hat ein Weilchen gedauert, ehe Peter Jakober nach dem passenden Aufführungsort für sein mikrotonales Streichorchesterwerk „Seitenraum“ fündig wurde. Uraufgeführt wird Jakobers Komposition für 18 Streicher im Palais Mollard in der Herrengasse, dessen Suite von miteinander verbundenen Sälen hier erstmals Site-spezifisch zum Klingen gebracht wird. Um die räumliche Klangidee richtig umzusetzen, werden die Musikerinnen und Musiker des Webern Ensemble Wien in drei Räumen unterschiedlich positioniert: entlang der Wand, zentral, verteilt oder gebündelt an einem oder mehreren Orten. Alle spielen nach verschieden schnellen Clicktracks. Die Tempi dieser Clicks sind genau auskomponiert, verändern sich langsam zu gemeinsamen Tempi oder bleiben autonom zueinander. Dadurch entstehen verschiedene Stimmungen in den Räumen. „So wird ‚Seitenraum‘ zu einem musikalischen Werk, das sich zwischen Klanginstallation und strukturierter Komposition bewegt.“ Palais Mollard, Di 23.11. & Mi 24.11., 17.00, 22.00
F A L T E R WIEN MODERN erscheinen zu lassen. „Weniger mit direkten Zitaten“, versichert der Komponist. „Aber mit vielen stilistischen, die ich kombiniere und collagiere.“ Er verfolge damit Motive, die aufgeladen seien, weil sie das musikalische Material der Vergangenheit abbildeten. Etwas, das Adorno abschätzig als sedimentierte Geschichte bezeichnete. Während der Zwölftonmusik-Liebhaber und Unterhaltungs-Grantler aber davon ausging, dass gewisse Musik nicht mehr gespielt
Die Kombination unvereinbarer Realitäten Christof Ressi gewinnt den Erste Bank Kompositionspreis 2021 und experimentiert bei Wien Modern mit angewandten Filmtechniken werden dürfe, kommt Ressi zur gegenteiligen Schlussfolgerung: „Gerade weil die Musik mit Vergangenheit aufgeladen ist, muss man sie verwenden.“ „short stories“ werde dadurch zu einem Metakommentar über die Musikgeschichte, das Bruchstücke des Vergangenen aufhebt, um sie neu zusammenzusetzen. Diesen destruktiven Charakter dürfe man „Es ist eine Sauarbeit“, sagt Christof Ressi über das Komponieren PORTRÄT: CHRISTOPH BENKESER
in normaler Komponist für neue MuE sik sei er nicht, sagt Christof Ressi. Dafür habe sich der gebürtige Villacher zuletzt eher auf die Programmierung von Softwa e konzentriert, Computermusik produziert. Und sich um die Betreuung seiner jungen Tochter gekümmert. „Insofern hat mich die Auszeichnung überrascht“, so Ressi, der im Rahmen von Wien Modern den Erste Bank Kompositionspreis erhält und „short stories“ mit dem Klangforum zur Uraufführung bringt. Christof Ressi, geboren 1989, studierte klas-
sische Komposition bei Gerd Kühr und Jazz unter Edward Partyka. 2018 schloss er den Master Computermusik ab. Inzwischen arbeitet der Medienkünstler an der Linzer Anton Bruckner Privatuniversität an seinem Doktorat. Thema: die Nutzung von Computerspielumgebungen als Komponierwerkzeug. Aktuell fokussiere er sich hingegen auf die Kunst des Über-
gangs und den Wandeln zwischen musikalischen Motiven. Für „short stories“ ergäben sich daraus Fragen, die er dem Publikum verantworten will: Wohin führt ein Übergang? Und wie kommt man aus der Situation, in der man sich wiederfi det, hinaus? „Extreme stilistische Kontraste“, die im Stück vorkommen, habe Ressi aus surrealistischen Vorbildern abgeleitet. Er sei ein Fan der Arbeiten von Dalí, der die Paranoia-kritische Methode entwickelte. Es gehe dabei um die Herstellung von Beziehungen, die nicht existieren, aber ein Erklärungsmodell konstruieren, nach dem man leben könne – auch wenn es absurd ist. Ein Ansatz, für den Ressi in „short stories“
mit existierenden Stilistiken experimentiert, sie aber aus ihren Kontexten löst, von ihrer Geschichte abzieht und neu anordnet. Im Surrealismus sehe er auch die Vorlage für seine Überlegungen, unvereinbare Realitäten vereinbar
auch als Appell an die intellektuellen Fähigkeiten des Publikums verstehen, so Ressi. Schließlich balanciert das Stück zwischen Vorhersehbarkeit und ihrer Unmöglichkeit. „Das hat einen gewissen Reiz der Unsicherheit und des Abenteuers.“ In aller Chaotik könne man immer eine Logik entdecken. Bei jedem einzelnen Übergang gebe es eine Idee. „Es passiert im Stück nie etwas ohne Grund“, sagt Ressi und meint: „Denkt man während des Hörens nach, hat man mehr davon.“ Dafür müsse man sich aktiv einlassen, nicht nur passiv erdulden. Das Risiko des Scheiterns ist dem Stück deswegen eingeschrieben. Bis zur ersten Probe begleite den Komponisten ein Gefühl der Angst. Dann sehe man, wie die Musiker mit der eigenen Arbeit umgehen, so Ressi. „Beim Klangforum mache ich mir keine Sorgen. Eher darum, ob ich gut genug komponiert habe“, denn: „Es mag zwar alles eine Sauarbeit sein und ich frage mich oft genug, wieso ich sie mir antue. Aber auf eine Formel möchte ich mich nicht verlassen. Dafür habe ich zu viel Spaß am Experiment.“ F Erste Bank Kompositionspreis Konzerthaus, Mozart-Saal, Mi 24.11., 19.30
Mehr Instrumente! Instrument Modern Wien Modern rückt ein Wochenende lang die äußerst vielfältige Wiener Szene des experimentellen Musikinstrumentenbaus in den Fokus. Genau zehn Stunden lang öffnen rund 20 Künstlerinnen und Künstler an zehn Orten für das Festivalpublikum ihre Ateliers zwischen Arsenal und Brunnenmarkt. Georg Vogel zeigt in seiner Werkstatt im Arsenal ein selbstgebautes Claviton – eine Art Cembalo mit 31 Tönen pro Oktave. Acht Jahre lang hat der Pianist und Komponist daran gebaut. Elisabeth Schimana zeigt „You never know“, eine Skulptur, die aus einem geschwungenem Metallkorpus besteht, der von einer textilen Haut umgeben ist und mit den Händen über das Interface gespielt wird. Der Klang kommt aus Minilautsprechern, die im Stoff eingebaut sind. An der Angewandten wiederum entwickeln Jakob Scheid und Uli Kühn experimentelle Instrumente, Musikmaschinen und Klanginstallationen. Constantin Luser zeigt eine raumgreifende Bandoneon-Intensivstation, Claudia Märzendorfer zartschmelzende Eisschallplatten, Hans Tschiritsch Klangpropeller zum Ausprobieren und Christoph Theiler eine chaotisch wassergefüllte fluid control. Diverse Orte, Sa 13.11., So 14.11., 11.00–16.00
F O T O : ZO LTA N F U E R Z E S I
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K A L E N DA R I U M W I E N M O D E R N 2 0 2 1 Sa 30.10. | 14.00–19.00
Area: Fennesz plays Nous Sonic
Konzerthaus, Foyer
Sa 13.11. | 11.00–16.00
Instrument Modern
Sa 30.10. | 19.30
Eröffnungskonzert
Konzerthaus, Großer Saal
Sa 13.11. | 16.00–20.00
Winfried Ritsch: Gesang der Orgel Reaktor
So 31.10. | 11.00, 12.00
Logothetis 100.1 + 100.2
Alte Schmiede
Sa 13.11. | 20.00
growing sideways
Le Studio – Film und Bühne c/o Studio Molière
So 31.10. | 14.00
Area: Fennesz plays Nous Sonic
Konzerthaus, Foyer
So 14.11. | 10.00–18.00
Volkmar Klien: Im Sattel der Zeit
mumok
So 31.10. | 16.00, 20.00
Noche de los muertos: The artist is absent
Echoraum
So 14.11. | 11.00–16.00
Instrument Modern
11 verschiedene Ateliers
Mo 1.11. | 14.00–19.00
Area: Fennesz plays Nous Sonic
Konzerthaus, Foyer
So 14.11. | 16.00, 11.00
Jorinde
MuTh
Mo 1.11. | 14.00–19.00, 20.00
Towering Silence (Installation/Konzert)
Palais Coburg Kasematte
So 14.11. | 18.00, 15.00
growing sideways
Le Studio – Film und Bühne c/o Studio Molière
Mo 1.11. | 18.00
Der Besuch vom kleinen Tod
Dschungel Wien
So 14.11. | 17.00
Winfried Ritsch: Gesang der Orgel Reaktor
Di 2.11. | 14.00–19.00
Area: Fennesz plays Nous Sonic
Konzerthaus, Foyer
So 14.11. | 20.00, 21.30
Kessler | Bärfuss: Oratorium
Jesuitenkirche
Di 2.11. | 14.00–19.00, 20.00
Towering Silence (Installation/Konzert)
Palais Coburg Kasematte
Mo 15.11. | 19.30
exxj 50
Konzerthaus, Mozart-Saal
Di 2.11. | 16.30
Der Besuch vom kleinen Tod
Dschungel Wien
Di 16.11. | 19.30
Vertigo/Infinite Screen
Konzerthaus, Großer Saal
Di 2.11. | 19.00
Nurit Stark Solo
Votivkirche
Mi 17.11. | 10.00
Jorinde
MuTh
Mi 3.11. | 10.00
Der Besuch vom kleinen Tod
Dschungel Wien
Mi 17.11. | 18.00
Hofstetter Kurt: Suite Irrational
Naturhistorisches Museum, Planetarium
Mi 3.11. | 14.00–19.00
Area: Fennesz plays Nous Sonic
Konzerthaus, Foyer
Mi 17.11. | 18.00
Stand der Dinge
MUK.theater
Mi 3.11. | 18.00
Hofstetter Kurt: Suite Irrational
Naturhistorisches Museum, Planetarium
Do 18.11. | 17.00, 19.30
Mütt r: Logoratorium
Literaturmuseum
Mi 3.11. | 19.30
Carte Blanche à Younghi Pagh-Paan
Konzerthaus, Mozart-Saal
Do 18.11. | 18.00
Stand der Dinge
MUK.theater
Do 4.11. | 10.00
Der Besuch vom kleinen Tod
Dschungel Wien
Do 18.11. | 19.30
PHACE
Konzerthaus, Mozart-Saal
Do 4.11. | 19.00
Billone: MAAT ME
Reaktor
Fr 19.11. | 17.00
Mütt r: Logoratorium
Literaturmuseum
Do 4.11. | 20.00
Logothetis 100.3
Reaktor
Fr 19.11. | 18.00
Stand der Dinge
MUK.theater
Fr 5.11. | 10.00, 14.30
Der Besuch vom kleinen Tod
Dschungel Wien
Fr 19.11. | 19.30
Friedrich Cerha: Spiegel
Konzerthaus, Großer Saal
Fr 5.11. | 19.30
Poppaea
Odeon
Sa 20.11. | 16.00
Logothetis 100.6
Echoraum
Sa 6.11. | 15.00, 17.00
Miranda Cuckson Solo
Alte Schmiede
Sa 20.11. | 19.00
Diotima 1 | Furrer 1
Konzerthaus, Mozart-Saal
Sa 6.11. | 18.00
Der Besuch vom kleinen Tod
Dschungel Wien
So 21.11. | 15.00-16.45, 17.00
Diotima 2 | Ofenbauer (Installation/Konzert)
Reaktor
Sa 6.11. | 19.00
Fugen
Soho Studios
So 21.11. | 19.00
Hsin-Huei Huang Solo | Furrer 2
Reaktor
Sa 6.11. | 19.30
Poppaea
Odeon
Mo 22.11. | 19.30
Baselitz 1 | Kontrapunkte | Furrer 3
Musikverein, Gläserner Saal
So 7.11. | 12.00
Matinée petite
mumok
Di 23.11. | 17.00, 22.00
Peter Jakober: Seitenraum
Palais Mollard
So 7.11. | 19.30
Poppaea
Odeon
Di 23.11. | 19.30
Baselitz 2 | Diotima 3 | Furrer 4
Musikverein, Gläserner Saal
So 7.11. | 21.30
Doppelsolo mit Begegnungsräumen
St. Ruprechtskirche
Mi 24.11. | 11.00
Baselitz 3 | Feldman 760’
Albertina
Mo 8.11. | 19.30, 22.00
Logothetis 100.4
Radiokulturhaus, Studio 3
Mi 24.11. | 17.00, 22.00
Peter Jakober: Seitenraum
Palais Mollard
Mo 8.11. | 21.00
Alles kann passieren
Radiokulturhaus, Großer Sendesaal
Mi 24.11. | 18.00
Hofstetter Kurt: Suite Irrational
Naturhistorisches Museum, Planetarium
Di 9.11. | 19.30
Claudio Abbado Konzert
Musikverein, Großer Saal
Mi 24.11. | 19.30
Erste Bank Kompositionspreis: Christof Ressi
Konzerthaus, Mozart-Saal
Mi 10.11. | 18.00
Jorinde
MuTh
Do 25.11. | 17.00
Polski Punk
Polnisches Institut
Mi 10.11. | 18.00
Hofstetter Kurt: Suite Irrational
Naturhistorisches Museum, Planetarium
Do 25.11. | 17.30
Junge Musik
Reaktor
Mi 10.11. | 19.00
Fugen
Soho Studios
Do 25.11. | 19.30
Baselitz 4 | Diotima 4 | Furrer 5
Musikverein, Gläserner Saal
Mi 10.11. | 20.00
Winfried Ritsch: Gesang der Orgel Reaktor
Fr 26.11. | 17.00, 20.30
Comprovise [#3] – Konzert 1+2
Italienisches Kulturinstitut
Do 11.11. | 16.00–20.00
Winfried Ritsch: Gesang der Orgel Reaktor
Sa 27.11. | 16.00
Comprovise [#3] – Konzert 3
Italienisches Kulturinstitut
Do 11.11. | 18.00
Volkmar Klien: Im Sattel der Zeit
mumok
Sa 27.11. | 18.00
Limina / Sensation 1
Tanzquartier Wien, Halle G
Do 11.11. | 19.00
Fugen
Soho Studios
Sa 27.11. | 20.00
Fraufeld
Konzerthaus, Mozart-Saal
Fr 12.11. | 10.00–18.00
Volkmar Klien: Im Sattel der Zeit
mumok
So 28.11. | 11.00
Input > Klavier
Alte Schmiede
Fr 12.11. | 16.00–20.00
Winfried Ritsch: Gesang der Orgel Reaktor
So 28.11. | 15.00
Comprovise [#3] – Konzert 4
Italienisches Kulturinstitut
Fr 12.11. | 18.00
Lissie Rettenwander Solo
mdw - Future Art Lab
So 28.11. | 18.00
Limina / Sensation 1
Tanzquartier Wien, Halle G
Fr 12.11. | 19.00
Logothetis 100.5
mdw - Future Art Lab
So 28.11. | 19.00–23.00
Georg Friedrich Haas: ceremony II
Kunsthistorisches Museum
Fr 12.11. | 22.00
Echoes from the Moon: In memoriam Pauline Oliveros
Café Korb
Mo 29.11. | 20.00
Mondrian Ensemble: Wally + Jaggi Casino Baumgarten
Sa 13.11. | 10.00–18.00
Volkmar Klien: Im Sattel der Zeit
mumok
Di 30.11. | 19.30
Abschlusskonzert | Furrer 6
Karten: www.wienmodern.at, Tel. 01/24 20 02 (Konzerthaus)
11 verschiedene Ateliers
Konzerthaus, Großer Saal