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FALTER ImPulsTanz 30

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FALTER

ImPulsTanz #30 Vienna International Dance Festival

Nr. 27a/13

Interviews: William Kentridge, Jérôme Bel, Doris Uhlich u.a. Themen: Trajal Harrell, 100 Jahre Sacre, 30 Jahre ImPulsTanz Service: Workshop-Guide, Performance-Lexikon

COVERMOTIV: ANTONY RIZZI, „DRUGS KEPT ME ALIVE“ / FOTO: WONGE BERGMANN

Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2406/2013


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F o to s: A n to in e T e m pé , H e r r m a n S o rg e lo o s, J o hn H o d g k i ss, Ju di t h Lu t z , S t e v e n S c h r e i b e r , A lv i s e N i co le t t i

42 Vorwort

Inhalt

Liebe Leserin, lieber Leser!

Paris Is Still Burning Dem US-Choreografen Trajal Harrell widmet ImPulsTanz eine Werkschau

Die Tanzwelt feiert in diesem Jahr zwei Jubiläen: Erstens wurde vor 100 Jahren in Paris das Anti-Ballett „Le sacre du printemps“ von Igor Strawinski und Vaslav Nijinsky uraufgeführt, bei der Premiere kam es im Publikum zu Tumulten. Und zweitens findet das Festival ImPulsTanz heuer zum 30. Mal statt. Die Faszination von „Sacre“ ist bis heute ungebrochen. ImPulsTanz hat im Jubiläumsjahr nicht weniger als fünf Produktionen im Programm, die sich auf den Klassiker beziehen. Sie finden dazu einen Essay von Elfi Oberhuber (Seite 34) sowie Texte über die ­„Sacre“-Stücke von Akram Khan (Seite 9), Christine Gaigg (Seite 35) und Ismael Ivo (Seite 42). Auch dem ImPulsTanz-Jubiläum ist ein Schwerpunkt gewidmet: Dirk Stermann erinnert sich an seine kläglichen Versuche als Beleuchter von Ismael Ivo (Seite 41), Intendant Karl Regensburger und sein Team beantworten 30 Fragen zu 30 Jahren ImPulsTanz (ab Seite 36). Weitere Höhepunkte im diesjährigen ImPulsTanzSpecial des Falter sind das Interview, das Klaus Nüchtern mit dem südafrikanischen Starkünstler William Kentridge geführt hat (Seite 24), und Christopher Wurmdoblers Text über den US-Choreografen Trajal Harrell (Seite 4), dem bei ImPulsTanz heuer eine Personale gewidmet ist. Helmut Ploebst, der in den ersten Ausgaben der Hauptautor dieses Hefts war, ist als Gastautor wieder an Bord und meldet sich mit einem Text über die US-Choreografin Meg Stuart (Seite 13) zurück. Andreas Wilink, der in Düsseldorf das Kulturmagazin K.West herausgibt, debütiert mit einer luziden Analyse des Bach-Duetts „Partita 2“ von Anne Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz (Seite 7). Wie gewohnt finden Sie im Heft auch einen Überblick über das vielfältige Workshopangebot des Festivals (ab Seite 28) sowie einen Lexikonteil (Seite 44) mit Terminen und Informationen zu sämtlichen Veranstaltungen von ImPulsTanz.

Wolfgang K r alice k

Kein Risiko, kein Spaß Wim Vandekeybus zeigt sein jüngstes Stück – und sein allererstes   Einer trage des anderen Last Anne Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz tanzen Bach    „Das Museum ist heute ein Unterhaltungsbetrieb“ Ivo Dimchev über Franz West und sein neues Stück „Fest“

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9 „Legosteine kann man ja auch zusammenstecken“ Chris Haring über Orgien und Vergänglichkeit, Liebe und Popcorn-Emotionen   12 Tiefste Gefühle, stark verzittert Die bodenlos dunklen Arbeiten der US-Choreografin Meg Stuart   13 Was wollen die überhaupt? Die elf Performances der Nachwuchsreihe [8:tension]   16 „Ich habe gar nichts gemacht“ Der Choreograf Jérôme Bel über seine Inszenierung „Disabled Theater“   19 Bringt die Objekte zum Tanzen! Im Weltmuseum kommen Tanzwelten zusammen   20 „Groucho Marx ist ein fantastischer Tänzer“ Der südafrikanische Künstler William Kentridge im Interview   24 Ferienlager mit Tanz Eine Reportage vom Workshop-Festival im Arsenal   28 „So habe ich Nacktheit noch nie erlebt“ Choreografin Doris Uhlich über ihre Performance „more than naked“   33 Wenn das der Putin wüsste Christine Gaigg sieht Parallelen zwischen Nijinsky und Pussy Riot   35 „Es arbeiten da ja nur lauter Wahnsinnige“ 30 Fragen zu 30 Jahren ImPulsTanz: Die Festivalleitung erinnert sich   36 Wer möchte schon das Opfer sein? Ismael Ivo choreografiert mit jungen Tänzern ein Anti-„Sacre“   42 Lexikon ImPulsTanz von A bis Z: alle Performances, alle Daten, alphabetisch geordnet   44 In the Universe of Akram Der bengalisch-britische Choreograf Akram Khan und seine „Sacre“-Variation

Impressum Falter 27a/13 Herausgeber: Armin Thurnher. Medieninhaber: Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H., Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at; Herstellung: Falter Verlags­gesellschaft m.b.H; Redaktion: Wolfgang Kralicek; Gestaltung und Produktion: Marion Großschädl, Raphael Moser; Lektorat: Wolfgang Fasching, Wieland Neuhauser, Patrick Sabbagh, Maria Schiestl; Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau. DVR: 0476986. Im Auftrag von ImPulsTanz – Vienna International Dance Festival. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar.


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Impulstanz #30 Trajal Harrell in „Antigone Jr.“ (l.), Cecilia Bengolea in „(M)imosa“ (r.): Die New Yorker Tanzavantgarde der Sixties trifft auf die zeitgleich entstandene Voguing-Kultur

Paris Is Still Burning

Festival im Festival: Der New Yorker Trajal Harrell zeigt alle seine „Judson Church“Formate – unter anderem WERKPORTRÄT: CHRISTOPHER WURMDOBLER

„Antigone Sr.“ ist das größte Format der sechsteiligen Serie „Twenty Looks“, die bei ImPulsTanz erstmals zur Gänze gezeigt wird

Die Eröffnung: ImPulsTanz @ 30: License to party: 9.7., 21.15, Museumsquartier, Haupthof (Eintritt frei)

Fotos: Whitne y Brown/ Third Streaming Gallery nyc, Miana Jun, Paul a Court

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uss man wissen, was die Judson Church tanzhistorisch bedeutet? Und sollte man „Vogue“ nicht nur aus dem Madonna-Video kennen, um die Performancereihe „Twenty Looks or Paris is Burning at the Judson Church“ von Trajal Harrell zu verstehen? Muss man nicht, findet der amerikanische Choreograf und Performer. Weil das Publikum erstens ja auch in den einzelnen Stücken mit Informationen versorgt wird, und weil man zweitens sowieso langsam versteht, was die Wurzeln und Einflüsse der Vergangenheit für den heutigen Tanz und die Ästhetik bedeuten – wenn man sich alle Teile seiner Serie anschaut. Vielleicht sollte man trotzdem schnell erklären, was die Judson Church war. Im New York der frühen 1960er-Jahre kamen in dieser Kirche mitten im quirligen Village kreative Menschen auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen zusammen, um dort ihre avantgardistischen Konzepte vor Publikum zu präsentieren. So trafen sich hier Tänzer, Komponisten, Filmemacher und Künstler, die in Folge den modernen Tanz, die moderne Kunst überhaupt prägen sollten. Sie machten die Grenzen zwischen den Genres durchlässig und begründeten das, was später Performance hieß: Steve Paxton, Trisha Brown, Lucinda Childs, Yvonne Rainer, Meredith Monk, um ein paar Namen fallen zu lassen. Zwischen 1962 und 1964 stellte das lose Kollektiv 20 Tanz-KonzertPerformances vor, viele davon sind bis heute legendär. Vogue wiederum beschreibt den Spaß am „als ob“. Voguing funktioniert wie Modeln:


I m p u l s t a n z # 3 0    wer voguet, trägt phantastische Kleider, die einem nicht gehören, bewegt sich elegant und spielt für einen Moment, jemand anderer zu sein. Kurz ist man Geschäftsmann oder Hollywood-Star, dramatische Femme fatale oder kantiger Kerl. Die Tänzer bewegen sich wie auf dem Laufsteg oder beim Fotoshooting für ein Hochglanzmodemagazin (daher: Vogue), Publikum oder Jury vergeben Punkte und machen den Ball zum Wettkampf, am Ende gibt’s Pokale. Der Dokumentarfilm „Paris is Burning“ von Jennie Livingston (1991) beschreibt die Drag-Voguing-Szene im New York der 80er ausgezeichnet. Was nun Trajal Harrell damit macht: Er führt

die modernistisch-ästhetischen Experimente aus der Judson Church mit der VoguingBewegung zusammen, die fast zeitgleich in den 60ern im schwarzen New Yorker Stadtteil Harlem ihren Ursprung hatte. Der junge Choreograf bringt seit vier Jahren zwei ästhetische Entwürfe zusammen, die damals in ganz unterschiedlichen Parallelwelten stattgefunden haben: Uptown der Spaß an der Verkleidung, der Darstellung eines Lebens, das man eigentlich so nicht führt, downtown im Village die Kunstfraktion auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen. Harrell stellt sich die Frage: Was wäre passiert, wenn damals, 1963, jemand von Uptown in der Judson Church aufgetaucht wäre? Was wäre mit Voguing passiert, wenn die intellektuelle Klasse es optimiert hätte? Posing, Playback- und Livegesang, präsentieren und Geschichten erzählen, dazwischen das strenge, abstrakte Bewegungsvo-

Die Serie: Judson Church is Ringing in Harlem (Made-to-Measure): 21.7., 19.00, Odeon Antigone Jr.: 21.7., 23.00, Garage X Twenty Looks or Paris is Burning at The Judson Church (S): 22.7., 19.00, Kasino (M)imosa (M): 22.7., 21.00, Kasino Antigone Sr. (L): 25.7., 21.00, Volkstheater Twenty Looks or Paris is Burning at The Judson Church (XS): 26.7., 19.00 und 20.00, Dschungel Das Projekt: Rite of summer: 11.8., 21.00, MuTh Plus: Versuchsperson Silke Grabinger 2.0: 3. und 5.8., 21.00, Odeon

kabular des Modern Dance: Die Antwort ist wahnsinnig postmodern. Und wahnsinnig lustig. Aber auch sehr berührend – they’re having a ball. Ausgehend von Solos hat Choreograf und Tänzer Harrell die Reihe „Twenty Looks or Paris is Burning at The Judson Church“ seit 2009 ausgebaut und immer umfangreicher gemacht. Er benennt sie in Kleidergrößen (XS, S, M, L) mit zunehmend mehr Performern auf der Bühne und auch mehr Zuschauern. Mittlerweile gibt es sogar die Maßanfertigung (Made-to-Measure) „Judson Church is Ringing in Harlem“, die den umgekehrten Weg historisch fantasiert: Was wäre passiert, wenn Trisha Brown & Co. sich auf den Weg nach Harlem gemacht hätten, um dort auf einem Ball der Vogue-Szene aufzutreten? Klingelingeling: Kunstperformance als Wettkampf! Tanzgeschichtlich gäbe es bei den Leuten von der Judson Church und den Voguern erst einmal keine Überschneidungen, sagt Harrell. „Aber es lag damals in den Sixties etwas in der Luft. Die Leute hinterfragten Werte, soziale, politische und auch ästhetische. Wie diese beiden Gruppen darüber reflektierten, stellte für mich eine interessante Spiegelung dar.“ Genau damit spielt der Choreograf. ImPulsTanz hat in der Vergangenheit bereits Stücke aus der Serie gezeigt. Heuer widmet das Festival Harrell eine Art Personale und zeigt sämtliche Judson-Church-­ Formate von XS (mit nur 25 Zuschauern) bis zur Maßarbeit. Zu sehen sind die sechs Produktionen „Antigone Jr.“, „Antigo-

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ne Sr.“„(M)imosa“, „Judson Church is Ringing...“ sowie „Twenty Looks...“ S und XS. Darüber hinaus bestreitet Harrell – gemeinsam mit Freunden – heuer auch die Eröffnung des Festivals im Museumsquartier. Unter dem Motto „License to party“ wird es möglicherweise zu einem „Twenty Looks“ im XXXXL-Format kommen. „Lustig“ findet der Choreograf die Idee und meint: „Man kann nie wissen.“ Auf jeden Fall werde das Publikum bei der Eröffnungsparty auch die Gelegenheit haben, selbst zu ­voguen und zu tanzen, verspricht er. „Ich habe sehr viele sehr unterschiedliche Performer für die Show eingeladen. Die haben alle unterschiedliche Backgrounds und Beziehungen zum Voguen. Natürlich ist die Eröffnung kein riesiger Voguing-Ball, aber wir werden die Energie und die Dynamik von Vogue nützen, sodass jeder an der Show aktiv teilnehmen kann.“ Man dürfe jedenfalls einige der besten zeitgenössischen Tänzer und internationalen Voguer erwarten. Und jede Menge Spaß. Mit ImPulsTanz hat erstmals ein Festival alle

„Twenty Looks“-Variationen auf einmal im Programm. Mit der Eröffnung, Harrells Engagement als einer von fünf Choreografen für Silke Grabinger („Versuchsperson Silke Grabinger 2.0“) plus seinem „Rite of summer“-Projekt anlässlich des 100-jährigen Jubiläums „Le sacre du printemps“ zum Finale haben die Macher von ImPuls­ Tanz heuer fast so etwas wie Trajal-HarrellFestspiele auf die Beine gestellt. „They have guts!“ bemerkt der Choreograf dazu anerkennend. Die trauen sich was! F

Die Biografie eines Körpers Die Tänzerin Simone Aughterlony und der Performer Phil Hayes begeben sich auf die Suche nach ihren Narben Text: S a r a S c ha u s b e r g e r

arum nehmen wir unseren KörW per erst dann wahr, wenn er Schmerzen hat? Warum entwickeln

wir erst dann ein Bewusstsein für die eigene körperliche Existenz, wenn es ein Problem gibt? Und welches sind die Narben, die wir uns im Laufe unseres Lebens zugezogen haben? In „Show and Tell“ sind die Narben, wenn man sie herzeigen will, unauffindbar geworden. Der zuvor so eloquente Performer Phil Hayes steht nackt und entblößt auf der Bühne, um den Beweis für seine Verletzungen zu liefern – aber da sind keine Narben mehr. Die Spuren seiner Biografie sind verschwunden: ein peinlicher Moment.

tendrin Schmerzensschreie laut werden und zum Schluss eine Kloschüssel voller Blut mit bloßen Händen ausgeschöpft wird. Auf der Bühne hat das Leben seine Spuren hinterlassen: Die rosa Kulissenwand mit den fünf Türen, vor der sich alles abspielt, wurde nicht ganz fertiggestrichen, ein Eck ist weiß geblieben. Eine Flüchtigkeit, wie sie auch in den Geschichten von Hayes und Aughterlony vorherrscht. Wie zufällig kommen die Storys daher, die man eigentlich nicht erzählen wollte, wie man zum Schluss anmerkt. Da

ist die Geschichte von Hayes’ Freund Darren, der süchtig danach wurde, Organe und Körperteile zu spenden. Da ist Osiris, dessen Körper zerstückelt und wieder zusammengesetzt wurde. Und da sind die vielen Narben auf Aughterlonys und Hayes’ Körpern. Aber die Narben, die Spuren der Erinnerungen, sind nicht mehr zu sehen – und genau darin liegt die Ironie dieses Abends. Aughterlony und Hayes ergänzen sich perfekt. Sie sind der jeweilige Kommentar auf den anderen, sie unterbrechen sich, sie verarschen sich,

Foto: Jorge León

„Show and Tell“ von Simone Aughter­

lony ist der erste Teil einer Trilogie, die sich mit der Biografie eines Körpers auseinandersetzt. Der Körper in seiner reinsten Form, in Fleisch und Blut, steht im Mittelpunkt dieser Performance, und das klingt dramatischer, als es ist. Völlig unsentimental kommt das Thema auf der einfach gehaltenen Bühne daher – und das, obwohl mit-

Gleich wird sie sich spüren: Simone Aughterlony und Phil Hayes Show and Tell: 14.7., 19.00, Odeon

sie spielen miteinander. Wenn Hayes zum Beat seines Herzschlags singt und Aughterlony dazu tanzt, dann ist das ein Moment, der zwischen Poesie und Witz angesiedelt ist. Wenn Aughterlony dann auch noch anfängt mitzusingen, wird es berührend, während man gleichzeitig lachen muss. Der Regisseur, Musiker und Performer

Phil Hayes bringt trockenen Humor auf die Bühne, die Tänzerin Aughterlony versinkt in lässiger Lethargie. In der ersten Hälfte des Stücks sind die beiden räumlich voneinander getrennt, er sitzt im Publikum, sie tanzt auf der Bühne. Die Trennlinie zwischen Bühne und Publikum wird im Laufe des Abends immer dünner, bis sie sich irgendwann ganz aufgelöst hat. Hayes wird, von unerträglichen Kopfschmerzen geplagt, auf allen vieren über die Bühne kriechen, und Aughterlony wird zu seinen Schmerzenslauten tanzen. Am Ende steht die Frage im Raum, wie sich die Geschichte eines Körpers erzählen lässt, wenn seine Narben unsichtbar geworden sind. Kann man Schmerzen überhaupt in Worte fassen? Oder muss man sie tanzen? F


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Impulstanz #30

Kein Risiko, kein Spaß Wim Vandekeybus zeigt bei ImPulsTanz nicht nur sein jüngstes, sondern auch sein erstes Stück Christopher Wurmdobler

Finale einer Romanze im virtuellen Raum: Anna Sophia Bonnema als Ricky

Ricky und Ronny tun es: der letzte Teil einer Pop-Opern-Trilogie

ideoaufzeichnungen, Scripts, NoV tizen: Wenn man den Choreografen und Filmemacher Wim Vandekey-

bus fragt, wie es denn möglich sei, eine Performance aus den späten 1980ern wiederzubeleben, kommt eine ganz pragmatische Antwort. Mit „What the Body Does Not Remember“ hat der Belgier 1987 Tanzgeschichte geschrieben. Das Stück begründete Vandekey-

bus’ Ruf als junger Radikaler und katapultierte ihn und sein Ensemble Ultima Vez damals ganz nach oben und auf Festivals weltweit. Tänzer werfen schwere Ziegelsteine in die Luft, bleiben stehen und lassen sich von anderen aus der Gefahrenzone reißen – ganz knapp, bevor die Steine krachend auf den Tanzboden fallen. Dieses Bild aus „What the Body ...“ hat sich festgesetzt. Tatsächliche Gefahr und Wildheit auf der Bühne waren Ende der 1980er

Text: Christopher Wurmdobler

er die Needcompany aus BelW gien kennt, hat Anna Sophia Bonnema und Hans Petter Dahl mit

Sicherheit schon auf der Bühne gesehen. Die beiden sind erfahrene Performer in Jan Lauwers’ Truppe. Daneben läuft seit zehn Jahren ihr Projekt MaisonDahlBonnema. Ihre Sado-Country-Opera „A Hundred Stars“ und die „Ballad of Ricky and Ronny“ waren bereits in Wien. Nun hat ImPulsTanz den letzten Teil der Pop-Opern-Trilogie „Tokyo, Paris, New York“ – 2011 als Work in progress zu sehen – abendfüllend im Programm: „Analysis – the Whole Song“. Diesmal verlieren sich die zwei Protagonisten Ricky (Bonnema) und Ronny (Dahl) in der virtuellen Welt. Seit sieben Jahren entwickelt das Haus Dahl-Bonnema die Konzertperformance. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes und einer Frau, die einander abgöttisch lieben und ebenso leidenschaftlich hassen. Da gibt es Seitensprünge und Eifersucht („Fuck Paris!“), da tun sich sexuelle Abgründe auf, und die Story der beiden entwickelt sich von Folge zu Folge weiter. Voller Inbrunst wird gesungen und nur minimal getanzt – hauptsächlich zum elektronischen Downbeat-Sound, mit dem Dahl auch die Needcompany-Stücke seit Jahren musikalisch mitprägt. „Fuck you, Ronny!“, singt Ricky. Der singt zurück: „Fuck you, too!“ Manchmal fühlt man sich an schlimme Musicals erinnert, manchmal ist die Show einfach nur ein tolles Konzert. Wie bei den Needcompany-Stücken zeigt sich auch hier, dass die Belgier Meister im Geschichtenerzählen sind. Es endet mit mangaesker 3-D-Animation. Die Figuren finden sich in einer erstaunlichen Trickfilmwelt wieder; im Virtuellen treffen Ricky und Ronny sogar auf historische Figuren. Zeit und Raum? Nur eine Frage der richtigen Programmierung. F Analysis – the Whole Song: 20.7., 23.00, Schauspielhaus

Reenactment nach 26 Jahren: „What the Body Does Not Remember“ von 1987

neu und aufregend. Dazu die nervöse, aufgekratzte Musik der Komponisten Thierry de Mey und Peter Vermeersch, das Klopfen der Tänzer auf Möbeln und das kontrollierte Chaos, das der damals 24-jährige Vandekeybus mit sich und neun weiteren Tänzern inszenierte, all das riss die Leute mit. Er habe eine Show machen wollen, ohne Choreograf zu werden, erinnert sich Vandekeybus heute. Schon als Akteur im Ensemble von Jan ­Fabre stand er in der Tradition der Performance: nicht so tun als ob, sondern einfach machen. Nun haben Vandekeybus und Ultima Vez „What the Body Does Not Remember“ einer Neuauflage unterzogen. Neuerdings ist das Reenactment eine beliebte Praktik, Klassiker als Liveshow wieder anschaulich zu machen, und es ist erstaunlich, dass solche Shows in den seltensten Fällen angestaubt wirken, sondern auch dem heutigen Zeitgeist noch entsprechen. Wer vergangenen Sommer in Wien die beiden frühen Fabre-Produktionen („The Power of Theatrical Madness“ und „This is theatre like it was to be expected and foreseen“) gesehen hat, war begeistert. Es liegt aber auch an dem jungen Ensemble, das für „What the Body …“ 2013 gecastet wurde, dass das Stück auch nach einem Vierteljahrhundert so gar nicht müde aussieht: Die Jungen katapultieren „What the Body ...“ in die Gegenwart und machen es heutig. Ebenso heutig wie Vandekeybus’ jüngste Theaterarbeit „booty Looting“, die heuer zum zweiten Mal in Wien zu sehen ist. Vandekeybus überprüft mit Tänzern, Schauspielern und einem Rockfotografen, der die Performance zur Fotosession macht, die Frage: Was ist echt, was ist gespielt und was bleibt von so einem Theaterabend? Man streift den Medea-Mythos, die Kunstgeschichte und den Starrummel. Kann man den Bildern überhaupt trauen, die uns ständig umgeben? Herausragend auch hier: das auffallend junge Tanzensemble. „Junge Tänzer“, sagt Vandekeybus, „sind heute sehr risikofreudig. Dadurch kommt auch die Emotion ganz pur rüber.“ Der Choreograf und Filmemacher, der diesen Sommer in Budapest mit einem der Hauptdarsteller aus „booty Looting“ einen Spielfilm dreht, scheut selbst bis heute kein Risiko: „Das Leben ist riskant“, sagt er. „Aber wenn das nicht so wäre, wäre es auch langweilig.“ F What the Body Does Not Remember: 15. und 17.7., 21.00, Volkstheater

Das jüngste Stück von Wim Vandekeybus: „booty Looting“ von 2012

booty Looting: 24. und 26.7., 21.00, Akademietheater

Fotos: Ma arten Vanden Abeele, Danny Willems, Wim Vandekeybus

Text:


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Symbiose von Körper und Klang: ein Trio aus Solo­ violine (Amandine Beyer) und Tänzern

Partita 2 (sei solo): 13.7., 21.00, Burgtheater

Einer trage des anderen Last Begegnung in d-Moll: Anne Teresa De Keersmaeker und Boris Charmatz tanzen gemeinsam Bachs „Partita 2“ Text: A n d r e as W i l i n k

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n Avignon vor drei Jahren trafen sich Anne Teresa De Keersmaeker und ihr französischer Kollege Boris Charmatz und beschlossen eine gemeinsame Arbeit. Die 1960 im belgischen Mechelen geborene Choreografin und Tänzerin, die 1983 die Compagnie Rosas gründete, hat längst den Rang einer stilbildenden Klassikerin. Präzise Lässigkeit und mathematisch exakte Positionen lassen ihre Stücke von Logik gelenkt erscheinen.

Foto: Herrman Sorgeloos

Sie ist eine Analytikerin und Hirnak-

robatin, womit jedoch der sinnliche Aspekt unterschlagen wäre – der mädchenhaft selbstbewusste und der männliche, aber nicht aggressive Appeal ihres Ensembles. Emotionale Dichte und intellektuelle Klarheit, Einfachheit und Komplexität sind bei ihr eins. Dass De Keersmaeker etwa die Filme des Frauenregisseurs Fassbinder als Anregung nennt, dass sie in „Once“ als Reaktion auf den Irakkrieg Songs von Joan Baez vertanzte und sich in kritisch bewegte Distanz dazu begab, dass sie Feminismus und Postfeminismus in ambivalente Haltungen übersetzt und Rollenüberprüfungen vornimmt, zeigt historisches Bewusstsein und geistesgegenwärtige Wachheit. Boris Charmatz wiederum, Leiter des Centre Chorégraphique Nati-

onal ­in Rennes und ein Star der jüngeren ­Tanzszene, wurde für sein provokantes Maschinentheater „Enfant“, ein Stück mit Kindern und neun Tänzern, 2012 als „Choreograf des Jahres“ ausgezeichnet. Vordergründig entwickelt Charmatz darin eine wuchtige Choreografie der Zurichtung. Zugleich untersucht er, wie ein artistischer Vorgang zur Machtprobe wird, Herrschaftsanteile sich neu gewichten, Autorität sich zur Anarchie verschiebt. „Enfant“ erwächst zur Metapher auf Spiel und Ernst, Freiheit und Bindung, Regel und Anarchie der (Künstler-)Kreatur. Geboren 1973, wurde er an der Pariser Oper und am Konservatorium von Lyon ausgebildet; er hat zudem Kunstgeschichte studiert und choreografiert seit zwei Jahrzehnten: von Sound ­durchwogte, akustische Räume öffnende, intellektuell aufgeladene, auch narrative Arbeiten. Die Flämin und der Franzose tarieren Re-

alität und Bühnenwirklichkeit aus und sensibilisieren für das Verhältnis von formaler Gebundenheit, „natürlicher“ Freiheit und improvisatorischer Lust. Zur Ordnung gehört das Chaos, zum System sein Fehler, zur Disziplin die Revolte – Störfaktor ist der Mensch/ Tänzer. Aus diesem – scheinbaren – Gegensatz bezieht auch „Partita 2“ seine Energie. Die dreiteilige Arbeit, uraufgeführt beim Brüsseler Kunstenfestival des Arts, hat den Willen zur geistigen Kunstbehauptung.

Nur ein Streifen Licht zieht über die Bühnenfläche. Die Silhouette einer Figur huscht daran entlang. Musik setzt ein: Johann Sebastian Bachs Partita 2 d-Moll für Violine interpretiert Amandine Beyer im vollkommenen Dunkel, das zur Ich-Versenkung einlädt. Die Suite stilisierter Tanzsätze dauert eine halbe Stunde. Die Musikerin geht ab, De Keersmaeker und Charmatz treten auf, in aller Stille. Sie tanzen ohne die Musik, doch so, als hätten sie den Nachklang gespeichert. Zwei Trainingspartner, die eine Exercise einstudieren, Laufsprünge, Hüpfer, rhythmische Bewegungsphrasen, Kreisformen ausloten (die halbe Drehung um die eigene Achse) und sich die Architektur des Raums aneignen. Es ist ein Dialog der Ungleichzeitigkeit, ist soziale Interaktion, die Leerstellen beim jeweils anderen besetzt. Wobei De Keersmaeker den Ton angibt, Führung übernimmt, Orientierung gibt, Tempowechsel markiert. Zweimal schreiten beide im Miteinan-

der: Sie liegt seitlich am Boden ausgestreckt. Er steht und geht. Nur ihre Füße berühren einander. Die Füße der Frau gleichen dabei dem Schatten der Füße des Mannes. Dann kehrt sich das Verhältnis spiegelbildlich um: Nun setzt er seine Schritte im Liegen, während sie sich aufrecht hält. Dabei ziehen, stützen und halten sie einander wechselweise: „Einer trage des ande-

ren Last“, wie es im Paulus-Brief an die Galater heißt. Spürbar wird die Polarität von Mann und Frau und ihre Komplizenschaft, die aus innerer Ruhe zu strömen scheint. Ende des zweiten Teils. Schließlich die Zusammenführung: Sym-

biose und Harmonie von Körper und Klang. Partita kommt von partire (lateinisch: teilen) und stiftet den Sinn für das Trio aus Solovioline und Tänzern. In der „Allemande“ balanciert De Keersmaeker springlebendig die Musik aus. In der „Courrente“ stürmt Charmatz, kreist, stolpert, arretiert sich, startet neuerlich, umrundet die Bahn, büxt aus, unterläuft die Musik, um ihr nahezukommen. Die „Sarabande“ nehmen sie meditativ, verlangsamt wie in Zeitlupe und lösen sich von der Schwerkraft: versonnen und benommen. Ausschweifend ausgelassen die „Gigue“: Sie wirft die Jacke fort und tanzt im knielangen schwarzen Kleid; er hatte die Trainingsjacke längst abgestreift. Die „Chaconne“ bereitet das Duo mit einem trancehaften Prolog vor. Es ist die Vollendung, bodennah und doch hingegeben an höhere Sphären. Unmöglich, aus der schlicht ergreifenden Choreografie nicht frohe Botschaft zu lesen und nicht die energetische Reflexion von Tänzern, Musik, Musikerin und Instrument, von akustischer Abstraktion und physischer Intensität zu empfinden. F


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Impulstanz #30 In der Performance „X-ON“ arbeitet Ivo Dimchev mit Passstücken von Franz West X-ON: 21.7., 21.00, Volkstheater Fest: 27. und 29.7., 23.00, Kasino am Schwarzenbergplatz

„Das Museum ist heute ein Unterhaltungsbetrieb“ Extremperformer Ivo Dimchev über Touristenkunst, Franz West – und über sein festivalkritisches neues Stück „Fest“ Elfi Oberhuber

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er seit kurzem in Wien lebende bulgarische Extremkünstler Ivo Dimchev ist wahrscheinlich einer der größten Selbstdarsteller von ImPulsTanz – in Person seiner unglaublichen Kunstfigur Lili Handel, einer alternden Diva, die nicht abtreten will. Er ist es aber auch im Sinne von „genial“. Keiner beherrscht so viele Künste in überdurchschnittlicher Weise: Singen, Choreografieren, Komponieren, Schauspielen, Fotografieren. Das alles summiert sich im Exzess und stößt an die Wahrnehmung von Schamgrenzen, die auf Konventionen sexueller, individueller, zwischenmenschlicher, gesellschaftlicher Art beruhen. Und jetzt wird Dimchev auch noch kulturpolitisch. Neben der Wiederaufnahme seiner zu Franz Wests Passstücken choreografierten Performance „X-ON“ zeigt er heuer auch die Uraufführung seines Theaterstücks „Fest“, in dem er den Festivalbetrieb reflektiert.

Falter: Ihre drei Mitperformer mutieren in „X-ON“ als Kunstführer und Touristen im Museum zu tanzenden Musen um die von Ihnen verkörperte Kunstfigur Lili Handel. Warum kommen sie Wests Kunst erst so näher? Ivo Dimchev: Franz West wollte ja, dass normale Leute mit seinen Skulpturen interagieren, sie transformieren und so als Kunstwerke vollenden. Die Be-

ziehung kann aber nur zum performativen Körper entstehen, der ja eine Idee und daher viel abstrakter, offener und transformierbarer ist – etwa vom Mensch zum Objekt. Lili Handel repräsentiert ihn als Kunstfigur. Dass die Zuschauer diese Rollenmutation sehen, ist wichtig, um die Beziehung des 40 Jahre alten West-Konzepts mit meinem offensichtlich zu machen. So Ivo Dimchev, 37, ist ein Multitalent: Der Bulgare ist Performer, Choreograf, Schauspieler, Musiker, Autor und Fotograf

kommunizieren sie auf einer Ebene, ebenso wie die Performer und die Passstücke. Dafür wollte ich die Körper auf der Bühne aufwerten, was bei normalen Touristen nicht geht. Kritisieren Sie damit den Touristenkult der bildenden Kunst? Dimchev: Ja, genau deswegen habe ich die ganze Performancereihe gemacht. Das zeitgenössische Museum ist heute ja eher ein Unterhaltungsbetrieb – von der Biennale bis zu den städtischen Museen. Teilweise gab Franz West auch zu, dass mit diesem Touristenpublikum nie eine Kommunikation entstehen könne. Franz West ist vorigen Sommer gestorben. Wie haben Sie die Todesnachricht aufgenommen?

Dimchev: Mir wurde bewusst, dass ich

ihn nie mehr im Leben treffen würde. Ich empfand aber auch Erleichterung, weil das Leben für ihn körperlich sehr hart zu ertragen war, trotz seines in Gesprächen immer so scharfsinnigen, zeitgenössischen Geistes. Wenn ich mit seinen Werken spiele, ist er für mich lebendig. West sagt: „Es spielt keine Rolle, ob Kunst schön ist, wichtiger ist, was du damit tun kannst.“ Ist das auch Ihre Meinung? Dimchev: Da geht es um die Frage des Wertes von Kunst, der mit der künstlerischen Leistung in Gang zu kriegen ist. Man kann den Wert eines Objekts transformieren: durch Titel, Preis, Aussehen. Auf der Bühne ist es dasselbe, jede Kleinigkeit kann eine Aussage bekommen. Der „Wert“ ist für einen Künstler wie mich auch ein kritischer Maßstab, an dem ich mich orientiere. Es gibt ja genügend Kategorien wie „große Geschichte versus kleine Geschichte“, „wertvolles Konzept versus wertloses Konzept“ und so weiter. Vielleicht sah Franz diese Übereinstimmung in unserer Kunst. Für mich ist Ihre Kunst schön, die Passstücke nicht. Dimchev: Ich würde das insofern bestätigen, als meine ausgebildete Stimme einer sehr alten Technik, also einer traditionellen Form von Schönheit, entspricht. Wie ich das Singen aber benutze, ist zeitgenössisch. Lili Handel verkörpert das Versagen dieser

alten Schönheit: Sie kann zerstören, schreien, brüllen, schimpfen, zum Tier werden. Ich decke den ganzen Spagat ab. West war viel radikaler als ich, weil seine Ausdrucksmöglichkeiten viel limitierter waren. In Ihrem Stück „Fest“ spielen Sie mit den Mechanismen von Festivals, den verschiedenen Rollen und Machtstrukturen, auch mit den verdeckten sexuellen Energien, die die professionellen Entscheidungen beeinflussen. Was genau erwartet uns da? Dimchev: Ich weiß aus meinen Festivalerfahrungen, wie das System funktioniert – und möchte es dekonstruieren. Es gibt fünf Personen: den Programmgestalter, den Künstler, den Zuschauer, den Technischen Leiter und den Kritiker. Die Dis­tanzen zwischen den Rollen werden im Stück gebrochen, sodass alle einander manipulieren. Und sie gehen dabei sehr weit. Viele Kollegen haben das Bedürfnis, diese Grenzen zu brechen – das geht aber nur über die Fiktion. Klingt, als könnte da mancher sauer werden! Dimchev: Darin liegen Reiz und Gefahr des Projekts. Jede Rolle bekommt eine komplexe Machtposition, wird aber von den anderen provoziert. Sie alle sind Opfer, Anstifter und Revolutionäre zugleich. Deshalb habe ich vor Probenbeginn ein Buch geschrieben – etwas, was ich bisher nur bei „Som Faves“ gemacht habe. Ich hoffe, dass ich dadurch mutiger sein kann. F

Fotos: Chaja Hertog, Ivo Dimchev

Interview:


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or 100 Jahren brach das Pariser Publikum in lautstarke Entrüstung aus, als Igor ­Strawinski sein Ballett „Le sacre du printemps“ uraufführte – überfordert von nie zuvor gehörten Klängen und einer erotisch aufgeladenen Choreografie mit unbekanntem Bewegungsrepertoire. „Mich hat interessiert, wie Strawinski die Musik transformierte, indem er Emotionen nicht durch Expressivität, sondern durch Muster erzeugte“, sagt Akram Khan, der vom Londoner Tanzhaus Sadler’s Wells eingeladen wurde, ein von „Sacre“ inspiriertes Stück zu entwickeln. „Muster, die aus der Idee von einer Frau gespeist wurden, die sich zu Tode tanzt.“ Das neue Stück des Ausnahmechoreografen heißt „iTMOi (in the mind of igor)“, und es wäre nicht Akram Khan, wenn er sich dafür nicht in Strawinski hineingewühlt und die Welt neu erfunden hätte. Gleich drei Komponisten, Nitin Sawhney, Joce-

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In the Universe of Akram Der bengalisch-britische Choreograf Akram Khan zeigt sein neues Stück – und sein persönlichstes T e x t : U ll i M osch e n

Zum ersten Mal war Akram Khan 2001 bei ImPuls­ Tanz vertreten – damals noch in der Nachwuchsreihe [8:tension]

ly Pook und Ben Frost, haben unterschiedliche Klangwelten erschaffen, für die ihnen Strawinski als „Schlüssel, Führer und Landkarte“ diente.

Fotos: Laurent Ziegler, Richard Haughton

Tanzende Körper im Halbdunkel um ein

mächtiges schwingendes Pendel, das – wie frisch aus dem Höllenfeuer geborgen – raucht, eine stilisierte Amazone, ein Körper, der in einem Netz fremder Mächte hin- und hergerissen wird, und eine Choreografie, die nur von Blitzlichtern aus ihrem Dunkel gerissen wird. Akram Khan schöpft wieder aus dem archaisch Vollen. Die Stücke des vielfach ausgezeichneten Choreografen sind verlässliche Glanzlichter im Tanzuniversum: Fusionen aus starken Bildern, musikalischem Sog und kraftvollen, mitreißenden und gleichzeitig hochpräzisen Choreografien auf der Basis von akribischen Recherchen und philosophischen Diskursen zur menschlichen Natur. Vom Frühlingsopfer hat Khan die Grundstruktur genommen, den Zyklus von Geburt und Tod, Liebe und ritueller Gewalt. „iTMOi“ spiegelt das Wissen, dass Tradition, Konvention, Glaube und seine Rituale eine stabilisierende Kraft angesichts eines chaotischen und unberechenbaren Universums darstellen. Und verweist auf die menschliche Fähigkeit zur Gewalt, die wiederum Empathie und Zärtlichkeit hervorrufen kann. „Klang, Zorn, Energie, Liebe – das sind die Riten, die der Künstler dem Tod entgegenzusetzen hat“, sagt die Produktionsdramaturgin Ruth Little über das Stück. „,In the mind of Igor‘ ist reine Bewegung, und in der Bewegung das ganze Leben.“

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Als das persönlichste Stück von Akram Khan gilt seine Soloarbeit „Desh“, was auf Bengali „Heimat“ bedeutet, und für die der Sohn bengalischer Einwanderer ein Jahr lang seine kulturellen und geografischen Wurzeln erforschte, mit der Idee, „eine Erfahrung von bleibendem Wert zu erschaffen“. Bangladesch soll laut Wissenschaftlern eines der ersten Länder sein, die dem steigenden Meeresspiegel zum Opfer fallen werden. „Ich bin fasziniert vom Wasser in der Erde, es steht für mich für die Art und Weise, wie ich denke und mich bewege: fließende Formen ... Bangladesch steht für mich außerdem für die Konfrontation Mensch versus Naturgewalt. Die Bengali sind extrem erfinderisch, wie sie mit dieser ständigen Bedrohung leben, das hat mich wirklich inspiriert – zu einer Geschichte über die Tragikomödie vom Leben in Bangladesch.“ Inspiriert hat Khan auch das Nebeneinander von Armut und Hightech: Selbst der ärmste Straßenjunge besitzt ein Smartphone. Und nicht zuletzt schöpft der Choreograf aus einer intensiven Vater-Sohn-Beziehung und einer späten Suche nach dem Bangladesch in ihm selbst, von dem er als Kind nichts wissen wollte. Die Gerüche, Geschmäcker und Farben von Bangladesch, Erinnerungen, Erfahrungen, Mythen, Träume und Geschichten sind der Stoff, aus dem Akram Khan sein elaboriertes Stück gewebt hat. Die Musik stammt von Jocelyn Pook, die etwa die Filmmusik für „Eyes Wide Shut“ geschrieben hat, und das Bühnendesign von Tim Yip, dessen Visuals für „Tiger and Dragon“ mit einem Oscar prämiert wurden. Akram Khan hat schon mehrmals mit der

Arbeit an Soli begonnen, die sich dann zu Duetten entwickelten, etwa „Zero Degree“ mit Sidi Larbi Cherkaoui oder „In-I“, für das er Juliette Binoche an seine Seite holte. „Ich habe furchtbare Angst davor, allein auf der Bühne zu stehen“, erklärt der Künstler. „Desh“ ist allerdings so persönlich, dass es wohl kein anderer tanzen könnte. Überdimensionierte Möbel, ein Monsun apokalyptischen Ausmaßes und ein animiertes bengalisches Märchen sind drei der Stationen, durch die ihn die Reise auf der Suche nach seiner inneren Heimat führt. „Dem Thema Identität entkomme ich nicht“, erklärt Akram Khan, „es scheint mein Fluch zu sein. Ein Kritiker hat einmal geschrieben, ich solle endlich darüber hinwegkommen. Aber ich glaube, dass Identität für uns alle ein Thema ist. Wir versuchen ständig herauszufinden, wer wir sind. Das hört nie auf.“ Womit wir wieder bei der Frage nach dem Menschsein wären. F Desh: 16. und 18.7., 21.00, Burgtheater „iTMOi“ von Akram Khan: „Reine Bewegung, und in der Bewegung das ganze Leben“

iTMOi (in the mind of igor): 20. und 22.7., 21.00, Museumsquartier, Halle E


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Impulstanz #30 höchstens der Zuschauer, dem das aber gleich wieder vergeht. Er transformiert sich in seinen Gefühlen gegenüber den animalischen, vegetabilen, mechanischen Erscheinungen auf der Bühne. In diesem sozialen Raum von einem Theater sagen die wundersamen Hybride ganz deutlich: „Der Mensch ist wandelbar.“

E ss a y : Elfi Oberhuber

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tom der Luft, Einzeller der Pflanzen, Tier der Savanne, Mensch der Wissenschaft, vor dem Computer, Roboter mit Gefühlen – wie weit muss in der Evolution zurück- und vorausgeschaut werden, um ein Bewusstsein für die Existenz des Lebens zu schaffen? An einem Kleinkind, das sich spontan von der Welt komplizierter Märchen verschlucken lässt, ist gut zu erkennen, dass der Mensch jede primitive Stufe seines Daseins instinktiv und von Anfang an kennt – denn er hat ja alle Stadien durchlaufen. Er kann dank seiner Fantasie abstrahieren und mit Verantwortungsgefühl für seine Spezies in die Zukunft blicken. Wollen Sie sich erinnern? Dann treten Sie ein, ins Tanztheater der Utopien, wo Sie sich zu Wasser und zu Land, im Netz und im Nirwana wiederfinden werden! Das waren noch Zeiten, als der noch

ungeborene Mensch unter Wasser atmen konnte. Taucht allerdings der Chilene Rodrigo Sobarzo de Larraechea in „A P N E A“ in den Raum, riskiert er in schwingender Unterwasserbewegung den Atemstillstand. In einem zeitlosen Territorium lässt er seinen Körper zunächst unsterblich erscheinen, um dann dort anzukommen, wo es für ihn ohne Sauerstoff unbehaglich wird. Spannenderweise funktioniert diese Demonstration ohne Verwendung echten Wassers. Was dem einen die Luft, ist dem anderen das zu erhaltende „GRAS“. Dessen entfernter Verwandter, der Mensch, verkörpert durch Georg Blaschke, dient in fünf lebensgroßen Abbildungen als Boden für serielle Anordnungen und Überlagerungen organischer Substanzen. Das Spiel aus Fotografie, Choreografie und Aktion, das Blaschke mit Laurent Ziegler als Installation im Rahmen der Serie „Raumokkupationen 2013“ entwickelt, ist ein Signal für den „ausbalancierten Raum“. Den „Mush-Room“ füllt indessen Grace Ellen Barkey von der belgischen Needcompany: Ihre sieben Tänzer und hängenden Stängel mit wunderschönen Falthüten wachsen wie die Pilze aus dem Boden und von der Decke. „Mein Gott, wie weich wir geworden sind! Haben wir vergessen, wie man schreit, vergessen, dass das Leben wie das Theater Rock ’n’ Roll ist und kein langweiliger Spiegel der Realität?“, fragen sie, auf irrelevante Nachrichten verweisend, deren hohle Worte aber die allgemeine Kommunikation bestimmen. Bisher wusste der Mensch nur, dass er dem Tier beim Sex am nächsten ist. Hier kann man lernen, dass das auch für Pilze gilt. In Xavier Le Roys „Low Pieces“ sind die idyllischen Tierherden aus nackten Körpern dagegen weniger erotisch. Erotisiert, da exponiert, ist zunächst

Seine futuristische Steigerung erlebt der

Ob Physik oder Philosophie: Navaridas und Deutinger kapieren’s einfach nicht

Utopien sind die besseren Märchen Wie und wohin entwickelt sich die Spezies Mensch? Eine gute Frage, die sich viele Choreografen stellen

Erwachsene unmittelbar in der geistigen Abstraktion: in der Welt der Wissenschaft. Dort finden sich Experten, die mit locker aneinandergereihten Fachbegriffen aus den Tiefen ihres Theoriegegenstands um sich werfen und diese gern noch mit weiterführenden Assoziationen garnieren. Auch einem gut gebildeten Zuhörer vermitteln solche Zeitgenossen das Gefühl, neben sich zu sitzen. So wie Alex Deutinger und Marta Navaridas neben ihrem Video-Alter-Ego in „Speaking of Which“: Sie möchten gerne verstehen, machen sich aber, bei aller Anerkennung, über ihr „Anstehen“ und die Fachsimpler aus Physik, Philosophie und Theologie lustig: „Wären unsere Fragen nicht paradox und wüssten wir, was wir da tun, dann könnte man das nicht Forschung nennen, oder?“ Die „fortschrittliche“ Parallelwelt Internet sieht Florentina Holzinger, letztjährige Gewinnerin des Prix Jardin d’Europe, gar als Rückschritt. Maskiert als „Regressionsgirl“ im Maschinenkörper, wird sie zum Symptom der Moderne und von deren Abfällen. Ihr Ausgangspunkt ist „Makankosappo“, der Renner unter japanischen Highschool-Girls, die sich fürs Netz als „Dragonball“-Manga-Figur ablichten und mit einem Energieblitz Angreifer wegschleudern. Vom weiblichen Terminator ist es dann nicht weit zum Roboter, der endlich auch Sexbedürfnisse hat. Stück „Lego Love“ von Chris Haring, der hier mit Tänzern des Staatstheaters Kassel arbeitet, befinden sich 13 stotternde, quietschende, wimmernde Körper im „permanentgeilen“ Zustand: im Rausch der Orgie, wo die „Immer-Bereitschaft“ so ritualisiert ist, dass man sich nicht nur hingeben kann, sondern bis zum Tod opfert – und das, ohne zu sterben. Das griechische Bacchanal überzeugte damit nicht nur die Römer, es wird auch uns Aliens überzeugen, wenn wir dereinst – am besten zum Verfremdungssound Andreas Bergers – auf dem Mond leben. F Im farbenfroh halluzinierten

Rodrigo Sobarzo de Larraechea bleibt in seiner Unterwasser-Performance trocken

A P N E A: 16. und 18.7., 19.30, Odeon GRAS: 11.7. bis 11.8., Odeon Mush-Room: 2.8., 21.00, und 4.8., 19.00, Akademietheater Low Pieces: 27.7., 21.00, MQ, Halle G Speaking of Which: 11.7., 20.00, und 14.7., 23.00, Schauspielhaus Makankosappo: 10.8., 23.00, Schauspielhaus Lego Love: 19.7., 21.00, Volkstheater

Fotos: Klaus Pichler, Christine Brorsson

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Verkehrte Gefühlswelt Der Choreograf Xavier Le Roy setzt die Zuschauer in seinen „Low Pieces“ eine emotionale Achterbahn formiert der Zuschauer mit der Bühnengruppe, die fast stillsteht.“

Text: Elfi Oberhuber

r ist immer intim, allein in der E Art, wie er sein Publikum registriert, wie er welche Stücke angeht

und was für verblüffend bodenständige Ansichten über Körperkunst, Choreografie und Theaterpraxis er vertritt: Xavier Le Roy, Doktor der Molekularbiologie, Tanzperspektiven-Erneuerer und Provokateur im Hinterfragen von Produktionsweisen. Doch noch nie war er so intim und so intensiv im Brechen von Erwartungshaltungen wie in „Low Pieces“. Der Franzose bringt Gefühle in den Theaterraum, die sonst nur im Schlafzimmer zweier Menschen aufkommen, wenn sie sich das erste Mal voreinander entblößt haben. Es beginnt mit einem Gespräch, in dem die unsichtbare Wand zwischen Performer und Publikum fällt und die Rollen vertauscht werden: Es ist das Publikum, das sich hier exponiert. Jetzt könnte jede körperliche Intensivierung folgen. Und tatsächlich gehen die Performer einen Schritt weiter: Nach einer kurzen, schwarzen Weile sind sie plötzlich nackt. Der Schock wäre für das Publikum weit weniger groß,

„Mein Interesse gilt insgesamt den

Die Nackten verlieren mit ihren Kleidern mehr und mehr auch ihre Menschlichkeit

wäre man sich nicht gerade nähergekommen, noch dazu bei so bekannten Künstlern wie Mette Ingvartsen, Anne Juren, Jefta van Dinther, Jan Ritsema oder Le Roy selbst. Ein fremder Nackter tangiert im Kunstkontext ja eigentlich niemanden. Das Gefühl peinlicher Berührung geht

allerdings sogleich in zeitlose Entrückung und Entpersonalisierung über. Diese Nackten verlieren mit ihren

Kleidern mehr und mehr von ihrer Menschlichkeit. Auf der Bühne rastet nun anmutig eine Herde von Tieren, wiegen sich edle Bäume im sanften Wind. Sie zieren Landschaftsszenen wie komponierte Tableaux vivants. Le Roy zieht einen Vergleich zu seinem ersten international beachteten Stück von 1998: „In ,Self-Unfinished‘ transformiert der Performer über ein geschlechts- und kopfloses Wesen zu einem Roboter. In ,Low Pieces‘ trans-

Grenzen der menschlichen Repräsentation“, sagt der Choreograf. Seine Kunst ist reflektierend. Nimmt sie komische Formen an, kann das durchaus staunende Lacher auslösen – was wiederum manchen erbost: „why they laughing? not at all funny“, meint ein Youtube-Poster, während ein anderer angesichts des Le-Roy-Clips ins Stottern gerät: „ummmmmmm what the ... what th... WHAT THE FUCK.“ Natürlich wird so ein derartig verunsichernder Künstler wie Le Roy gern zu kompliziert-abstrakten Forschungsgesprächen wie mit dem Philosophen Boyan Manchev geladen, wozu Le Roy am Ende aber ironisch meinte: „Deshalb sind wir hier. Nicht, um das Leben füreinander leichter zu machen, sondern um es zu erschweren.“ In Wahrheit ist sein Stil die Vereinfachung durch Zergliederung. Und das originelle Zusammenfügen zu einem neuen, klaren Ganzen, das bereits vorhanden, aber verborgen war. F Low Pieces: 27.7., 21.00, Museumsquartier, Halle G

Reden ist Gold Jetzt reden wir! Philipp Gehmacher besetzt mit fünf Kolleginnen und Kollegen den Wiener Sprechtheatertempel Burgtheater Text: B e tt i na Hag e n

Fotos: Vincent C avaroc, Markus Gr adwohl

er Choreograf Philipp Gehmacher D hat in den 1990ern in London Tanz studiert, war rechtzeitig zur Er-

öffnung des Tanzquartiers wieder in Wien und gibt nun eine neue Parole aus: „SAY SOMETHING“. Bei den „six speech acts“ handelt es sich laut Dramaturgin Chris Standfest um eine Reihe von Begegnungen, von Sprechakten, die auch choreografiert sind, sich aber vor allem an das Publikum wenden, und zwar an einem so geschichtsträchtigen Ort wie dem Burgtheater. Mit Gehmacher sind fünf „Kollegen“ aus drei Generationen auf der Bühne: „Ich habe Tanz- und Performanceschaffende angefragt, deren Bühnenpräsenz und künstlerische Ausrichtung mich anspricht. Manche arbeiten mit Sprache, manche nicht. Sie repräsentieren durch ihre Praxis unterschiedliche Teile der Tanz- und Theaterwelt.“ Die Gruppe wird sich neben Gehma-

cher aus Claudia Bosse, Tim Etchells, Maria Hassabi, Gérald Kurdian und Liz Santoro zusammensetzen. Ein-

Choreograf Philipp Gehmacher: „Die Stimme der Akteure ist das Soundkonzept“

zige Vorgaben sind die leere Bühne des Burgtheaters und eine ungefähre Beschränkung auf 20 Minuten Redezeit. So wird auch kein Gespräch zwischen den Akteuren stattfinden. Allerdings kann im Inneren des Zuschauers ein Gespräch – im Sinne eines Diskurses – entstehen. „Das Soundkonzept ist schließlich die jeweilige Stimme des Akteurs oder der Akteurin“, betonen Gehmacher und Standfest. „Wie sie den Theaterraum durch-

dringt, wie sich die Stimmen mischen – nicht als Klangcollage, aber in ihrem Nacheinander und auch in ihrer Intertextualität.“ Dabei spielen die unterschiedlichen

Muttersprachen und demzufolge unterschiedlichen Akzente im Englischen eine große Rolle: das britische Englisch von Etchells, das amerikanische von Santoro, die Akzente der griechisch-zypriotischen Performerin

Hassabi aus New York, des Franzosen Gérard Kurdian und der Deutschen Claudia Bosse. Englisch ist die Sprache, die in der globalisierten Welt alle irgendwie sprechen und verstehen, auch darum geht es. Jetzt wird erst einmal geprobt, wenn auch nicht so intensiv wie üblich. „Geprobt werden Haltungen, Möglichkeiten, Sprechen – unterschiedliche Weisen des Aussagens und Adressierens, zwischen Voreinander, Füreinander und Zueinander“, erklären Gehmacher und Standfest. In den Proben herrsche so etwas wie eine Gesprächsstruktur, „aus der sich dann die einzelnen ,speech acts‘ herausstellen, die besprochen werden, aber auch weitestgehend so stehen gelassen werden“. Die Acts sollen nicht bis zur Perfektion bearbeitet werden, sondern dienen dem nächsten Sprechenden als Erfahrungsmaterial. Es wird also gesammelt und destilliert, um den folgenden „speech act“ anzureichern, zu befeuern. Und ein Teil dieses Feuers wird dann an den Zuschauer weitergegeben. F SAY SOMETHING: six speech acts: 17.7., 23.00, Burgtheater


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Impulstanz #30 Inszenierung einer Orgie: „Lego Love“ mit dem Tanz­theater Kassel Lego Love: 19.7., 21.00, Volkstheater

„Legosteine kann man ja auch zusammenstecken“ Chris Haring über Orgien und Vergänglichkeit, Liebe und Popcorn-Emotionen I n t e r vie w : Wol f g a n g K r a licek

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hris Haring gehört zu den international erfolgreichsten Choreografen Österreichs. Mit seiner Compagnie Liquid Loft entwickelt er Performances, in denen Körper, Sound und Visuals auf ausgeklügelte Weise miteinander korrespondieren. Coole Ästhetik und scharfer Witz kennzeichnen etwa die Serie „The Perfect Garden“, an der Haring und Liquid Loft gerade arbeiten; zwei Folgen daraus waren in den letzten Jahren bei ImPulsTanz zu sehen. Diesmal ist Haring beim Festival mit dem Stück „Lego Love“ ­vertreten, das er heuer mit dem Tanztheater des Staatstheaters Kassel einstudiert hat, wo es als Teil des Doppelabends „Readymades“ gezeigt wurde. Die Tänzerinnen und Tänzer sind zwar neu, die charakteristischen ­Merkmale des Choreografen aber sind auch in „Lego Love“ unverkennbar: Auch dieses „Auswärtsspiel“ ist ein echter Haring.

Falter: Kann man sagen, dass Sie in „Lego Love“ eine Orgie choreografieren? Chris Haring: Schon. Mit so einer Ansammlung aus Fleisch und Knochen kannst du als Choreograf ja einiges basteln. Daher auch der Titel.

Mit „Lego“ ist das Spielzeug gemeint? Haring: Ja. Legosteine kann man ja auch zusammenstecken. Du hast in

der Kiste lauter Steine in verschiedenen Farben und Formen – und kannst alles damit bauen. Lego spielen hat auch etwas Technisches. Haring: Aber auch etwas sehr Buntes! Aber es stimmt schon, das Stück ist im Prinzip sehr technisch inszeniert. Kein österreichischer Choreograf war öfter bei ImPulsTanz vertreten als Chris Haring: 45 Vorstellungen seit 1997!

Man möchte bei dieser Orgie nicht unbedingt dabei sein, oder? Haring: Ich schon. Für einen Choreografen ist so ein Menschenknäuel eine extreme Herausforderung. Was dabei rauskommt, funktioniert im Endeffekt nach dem Zufallsprinzip. Ich könnte dem ewig zuschauen! Auf der Soundebene werden Schmatzgeräusche über die Orgie gelegt – es ist, als würden sich die auffressen. Das erinnert an die Tragödie „Die Bakchen“ von Euripides, in der eine Mutter in Ekstase ihren Sohn zerfleischt. Haring: Das Vorbild waren die Bacchanalien im alten Rom. Es geht da nicht nur um die Orgie, es geht auch um das Leben und das Sterben, um Vergänglichkeit. Die Bacchanalien hatten einen spirituellen Hintergrund. Auch in

den Arbeiten von Liquid Loft geht es immer wieder um dieses transzendentale Erlebnis: Wie erreichst du diese Zwischenwelt? Wo kann’s hingehen? Die Stimmung des Stücks ist eher trist. Auch in Gesellschaft bleiben die Menschen letztlich einsam. Haring: Das höre ich oft über meine Stücke. Ich glaube, das liegt daran, dass jeder Charakter bei mir eine eigene Welt kriegt. Und wenn du so eine Welt um dich aufgebaut hast, dann musst du mit den anderen erst einmal kommunizieren. Für mich sind diese Figuren aber nicht einsam. Aber statt Liebe gibt es in dieser Welt nur Lego Love. Haring: Na ja, „Love“ steht heute ja auf jedem Puff. Das Wort kennt man in Lübeck genauso wie in Irkutsk. Es wird sehr schnell benutzt, hat aber nichts mit Liebe zu tun. Man wünscht sich, in diese Menge reinzufallen. Es kann schon sein, dass man dann aufgefressen wird. Es kann aber auch sein, dass man genau das will! Wird es eigentlich immer politisch, sobald eine Gruppe auf der Bühne ist? Haring: Ich versuche das zu vermeiden. Synchronisation zum Beispiel ist für mich politischer. Das Stück versucht so neutral wie möglich zu bleiben, keine direkten Geschichten zu erzählen. Du schaust permanent nur auf Körper, und diese Körper verwandeln sich auch. Am Schluss wird ein Song von Eva Jantschitsch gespielt: „Heaven is

like a popsong“. Genau darum geht es: Popcorn-Emotionen. Das ist vielleicht ein wenig melancholisch, aber nicht traurig. Wieso sind die Tänzer nicht ganz nackt? Haring: Weil ich es künstlich halten wollte. Wir haben das auch probiert, aber es hat nicht funktioniert. Das Stück hat etwas Kühles, Distanziertes. Haring: Ich glaube, das könnte man auch über die letzten Liquid-Loft-Stücke sagen, die wir bei ImPulsTanz gezeigt haben. Vergänglichkeit war da auch immer ein Thema. Hier hatte ich die Möglichkeit, mit einer großen Compagnie zu arbeiten. Außerdem habe ich mich an die Gemälde in der Neuen Galerie in Kassel erinnert, wo Bacchanale immer wieder Thema sind. In diesen Bildern gibt es eigentlich nie einen herzlichen Moment. Da ist immer Kriegszustand. Ein typisches Merkmal Ihrer Arbeit sind auch die „Overdubs“, die Sie über die Szene legen. In „Lego Love“ spricht eine Tänzerin mit der Stimme der alten Marlene Dietrich, und ein Tänzer singt einen gruselig schönen Song aus dem Lynch-Film „Eraserhead“. Welche Rolle spielt diese Tonebene? Haring: Dazu muss man eines klarstellen: Wir gehen mit dem Dubben nicht wie Maschek um. Das ist eine Stilform geworden. Was mich daran so fasziniert: Sobald du etwas anderes dazu hörst, verfremdest du einen Körper komplett – ohne dass der etwas tut. Du kannst aus einer alten Frau ein Baby machen oder umgekehrt. Mir geht es immer wieder um die Dynamik der Sprache. Oft geht es gar nicht so sehr um den Inhalt. Die konkreten Wörter, die du verstehst, sind dann aber bewusst gesetzt, wie in einer Sinfonie. Die Künstlichkeit des Organischen scheint ein zentrales Thema Ihrer Arbeit zu sein. Haring: Wir kommen ja von der Sciencefiction, in unseren ersten Stücken ging es immer um Cyborgs und so. Aber das Organische ist mittlerweile selbst so künstlich geworden! Wenn ich heute mit den Fingern über mein iPhone wische, dann ist das eine Bewegung, die man sich früher nicht vorstellen hätte können. Man kann unse­ re Zeit durchaus mit „Hoffmanns Erzählungen“ und der Puppe Olympia vergleichen. Damals sind die Menschen immer steifer geworden, und gleichzeitig haben sie an ihren Automaten gearbeitet, die immer menschlicher wurden. Ich glaube, so eine Zeit durchleben wir auch gerade. Und du versuchst im zeitgenössischen Tanz ja immer wieder, einen Kontext herzustellen zu Dingen, die gerade passieren. Wenn dann Einsamkeit übrigbleibt, dann ist das nicht mein Problem. Dann ist es halt so. F

Fotos: Nils Klinger, Ella Esque

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werkporträt: Helmut Ploebst

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erlin hält sich zwar für arm, aber immerhin auch für groß und sexy. Trotzdem leben und arbeiten dort nur zwei so richtig zündende Choreografinnen: Sasha ­Waltz und Meg Stuart. Jede ist auf ihre Art ein Wunder. Die in Karlsruhe geborene Waltz, als Inbegriff des deutschen Tanztheaters nach Pina Bausch. Spezialisiert auf Museumsbespielungen und choreografische Opern, begeistert sie ihr Publikum und wirkt irgendwie identitätsstiftend in ihrer Heimat. Und Stuart, geboren in New Orleans, als der Inbegriff einer Fremden. Sie wäre nie aus ihrer geliebten Wahlheimat New York weggezogen, wenn sie dort mit ihrer radikalen Choreografie eine realistische Überlebenschance gehabt hätte. Brüssel, 1992. Meg Stuart kommt als 27-Jährige mit einem Stück an, in dem drei Körper sich so schmerzlich verzerren, als wären sie in den tiefsten Tartaros verbannt: „Disfigure Study“. Dieses und die nächsten, ähnlich extremen Arbeiten sowie größere, innovative Tanzprojekte machten die Choreografin zum Must-see der 1990er. 1997 war sie bei der Documenta X in Kassel dabei. Als sie im Jahr 2000 Residenzkünstlerin am damals von Christoph Marthaler geleiteten Zürcher Schauspielhauses wurde, hatte sich ihr Werk dramatisch verändert.

Tiefste Gefühle, stark verzittert Bodenlos dunkel: Über die beängstigende Karriere der Choreografin Meg Stuart und ihr neues Stück

Foto: Julian Röder

Aus der Zerrissenheit des tanzenden

Körpers war eine Paralyse, ein Zittern und Taumeln geworden. Ihre zeitweilige Zusammenarbeit mit dem Regisseur Stefan Pucher hatte Stuart in die Nähe des Theaters geführt. Aus ihren erratischen Figuren schälten sich Ansätze von Charakteren. In den Zürcher Stücken – vor allem „Alibi“ und „Visitors Only“ in Anna Viebrocks beeindruckenden Bühneninstallationen sowie „Forgeries, Love and Other Matters“ – erscheint die auf Sand gebaute menschliche Existenz als hoffnungslos unterspült. Die tragischen, gequälten Körper der Brüsseler Jahre hatten sich in teils lustig verkleidete Gespenster verwandelt („Visitors Only“) oder in umherkullernde Opfer und Genießer diverser Einbildungen („Forgeries, Love and Other Matters“). Dann kam der Abgang Marthalers vom Zürcher Schauspielhaus, und Stuart zog nach Berlin. Bis 2010 blieb sie Residenzchoreografin bei Frank Castorf an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Die Arbeiten aus dieser Zeit sind alles Mögliche, nur nicht identitätsstiftend wie die auf Größe und Gestaltung angelegten Werke von Sasha Waltz. Stuarts erste Berliner Stücke hießen „Replacement“ und „It’s Not Funny“. Darin versackten Menschen mit eingeschränkten Bewegungsspielräumen in einer Riesenwaschtrommel und gebärdeten sich wie Zombies auf einer verhexten Showtreppe. In „Maybe Forever“, ihrer ersten Zusammen-

arbeit mit dem österreichischen Choreografen Philipp Gehmacher, ging es hinunter in tiefe Empfindungen, und bei „Blessed“ löste sich ein Leben im Dauerregen auf. Stuart begann mit dem Kitsch zu experimentieren. Zur Eröffnung des Steirischen Herbsts

vor fünf Jahren ironisierte sie in „All Together Now“ den Trend zur partizipativen Performance. Große Halle, Eintritt durch ein rustikales Zimmer mit Krickerln und Hirschgeweihen in absolute Finsternis, aus der sich langsam ein Szenario schälte, in dem Animateure und Diskussionsgruppen unerbittlich herrschten, bis schließlich fette, süße Schokotorten herumgereicht wurden. So gab Stuart ihre diabolische Seite zur Verkostung preis. Im Vorjahr brachte sie – jetzt in Kooperation mit den Münchner Kammerspielen – ein Stück mit dem Titel „Built to Last“ heraus. Einige Wochen bevor dieses nun auch nach Wien zu ImPulsTanz kommt, wurde in Berlin der Grundstein für die Neuerrichtung des Stadtschlosses gelegt. Sollte es in nicht allzu ferner Zukunft eine tänzerische Gestaltung zum Beispiel der Dachgleiche geben, dann wüsste Sasha Waltz genau, wie so etwas mit dem nötigen feierlichen Optimismus abläuft. Das hat sie schon 2009 bei der Wiedereröffnung des Neuen Museums Berlin bewiesen. Stuart ist da ein bisschen anders. Sobald sie „Built to Last“ ansagt, geht es unweigerlich um bestimmte Baufälligkeiten der Conditio humana. Seit fast einem Vierteljahrhundert jagt diese Choreografin den Unwägbarkeiten des in sich deplatzierten Subjekts und seinen stets der Zerrüttung nahen Gemeinschaftsbildungen nach. Immer wieder baut sie den Beklommenen und Verklemmten neue Bühnenzellen, der Paranoia neue Spiegelnischen, der Depression neue Dunkelräume. Und das mit einem eher bodenlosen als bloß abgründigen Humor. Dachgleichenkompatibel kann so etwas schon deshalb nicht sein, weil das Bauen als Idee bei Stuarts Arbeiten unweigerlich in diese Bodenlosigkeit ragt. Ganz große Gefühle kippen ins Fragwürdige, und ganz große Erwartungen geraten in die Schlünde der Enttäuschung. In „Built to last“ packt sie all das neu an. Nach „Do Animals Cry“ und „Violet“ also ein weiteres Abtasten des Sentiments. Diesmal geht es an von Alain Franco ausgewählte Monumente der Musik, an die Stadtschlösser der Tonkunst, die Museen der Klassik und der Moderne: Beethovens „Eroica“, Dvořáks Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ oder Meredith Monks „Astronautenhymne“. Da geht einem das Herz auf. Und zwar so lange, bis es bricht. F

„Built to Last“ von Meg Stuart: Bühnenzellen für Beklommene und Verklemmte

Built to Last: 23.7., 21.00, Volkstheater


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Wien. Die Stadt fürs Leben.

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Kunst auf Schritt und Tritt. Sei es in Parks, in U-Bahn-Stationen, auf Geschäftsstraßen oder lauschigen Plätzen – Kunst im öffentlichen Raum (KÖR) ist in Wien abseits großer Museen und Ausstellungshäuser allgegenwärtig. Seit 2004, dem Geburtsjahr von KÖR, wurden mehr als 300 temporäre und permanente Werke für Wiens Straßen geschaffen. Wer dabei auf den Kunst-Geschmack gekommen ist, dem steht auch ein Besuch im MUSA Museum Startgalerie Artothek offen. Bei freiem Eintritt. www.koer.or.at www.musa.at www.wien.at/kultur


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text: El f i O b e r h u b e r

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er oder was ist Mathilde Monnier? Sie ist vergleichbar mit dem Allgemeinmediziner unter den Ärzten, der sich den Überblick über das Wesentliche des Menschen bewahrt, oder mit dem Interdisziplinären unter den Wissenschaftlern, der zunächst von den Kollegen verhöhnt wird und dann für seine Erkenntnis einen Nobelpreis erhält. Jemand wie der Neurowissenschaftler Eric Kandel oder der Verhaltensforscher Konrad Lorenz. Solche Persönlichkeiten zu erwähnen scheint deshalb angemessen, weil sich Monnier in allen Werken in ein biologisch-psychologisches Urphänomen vergräbt, das ihr Tanztheater ganz pointiert vermittelt. Ihre eigene künstlerische Form genügt ihr dabei aber nicht. Der Tanzprofi Monnier lässt sich auf immer neue Kunstrichtungen ein, um im Vergleich Fragen der künstlerischen Repräsentationspraxis zu stellen und sich der gegenseitigen Ausdrucksmöglichkeiten zu bedienen. Heraus kommt eine neue, vermeintlich klare Form, die wiederum der inhaltlichen Aussage entspricht.

Ganz nah an der Botschaft Ihre tanzmalerische Recherche führt die Choreografin Mathilde Monnier dieses Jahr zu Paaren und Laien

Genau in dieser komplexen Kompaktheit

unterscheidet sich Monnier von anderen interdisziplinären Choreografen. Mit erstaunlicher Konsequenz: Denkt der Tanz-Vielseher an diese Künstlerin, fallen ihm noch nach Jahren ihre Aussagen über die Existenz des Menschen ein, sei es die für spätere Beziehungen prägende frühkindliche Auseinandersetzung mit den Geschwistern in „Frère & Soeur“, sei es im Duett mit der Schriftstellerin Christine Angot die lebenslange Verfolgung durch die eigene Herkunft („La Place du singe“) oder in „Déroutes“ – nach Büchners „Lenz“ – der in seiner Bewegung gefangene Mensch, der nur mit der Gemeinschaft momentweise zum erlösenden Stillstand kommt. Für die starke Haftung im Gedächtnis nimmt die langjährige Leiterin des Centre Choréographique National de Montpellier auch den einen oder anderen „strapazierten“ Zuschauer in Kauf.

Foto: Marc Coudrais

Verstärkt durch Luc Ferraris Soundland-

schaft aus sich überlagernden Geschichten mit Naturgeräuschen und Beethoven-Sequenzen bis hin zum vielfach gehauchten „Unheimlich schön“ einer atmenden und stöhnenden Frauenstimme, eignet sich die Bühne das Zeitgefühl ihrer tanzenden Paaruniversen an, eben jenen Trancezustand, in dem sich ein Liebes- und Lebenspaar befindet. Obwohl dieses Werk zwischen Leere und Fülle auf der Bühne wechselt und sich immer wieder in Höhepunkte steigert, erinnert es doch an eine „unendliche Sequenz-Einstellung“. Darin entspricht Monniers Methode der eines Malers, der auf jeden Verlauf in seiner „Erzählung“ verzichtet. Es sei denn, er malt mehrere Bilder, die hintereinander gezeigt werden. So wie der berühmte belgische Comiczeichner François Olislaeger in Monniers Stück „Qu’est-ce qui nous arrive?!?“ („Was ist los mit uns?!?“), der zweiten dieses Jahr bei ImPulsTanz aufgeführten Arbeit. Um den Charakter eines sich bewegenden Menschen noch „originaler“ abbilden zu können, wollen die beiden Künstler „ungeformte“ NichtProfi-Tänzer in einer grafischen Geschichte auf die Bühne bringen. Diese werden am 14. Juli im Arsenal zum Casting gebeten, während der Proben gezeichnet und dann im Odeon neben, vor und nach Projektionen ihrer eigenen Körperausdrücke auftreten. „Im Tanz erfasst eine Zeichnung die Kör-

perhaltung am besten. Der Zeichner registriert sofort, wie der Körper im Raum gehalten wird, wie er steht, sich niedersetzt, aufsteht, sich niederlegt, springt oder fällt. So wie solche Figuren gezeichnet sind, werden sie zu Charakteren, die zunehmend eine Körpersignatur bekommen, anhand derer sie identifiziert werden können“, erklärt Monnier, warum es Laien sein müssen, die sich mit ihrer Vergangenheit, ihrem Tanzzugang und einem auch bei ihnen vorhandenen „Tänzergedächtnis“ in Sketches wiederfinden werden. Der Amateur mit seiner unmittelbaren Ausdrucksweise war für die Arbeit der Forscherin Mathilde Monnier schon früher eine wichtige Inspiration. Auftreten aber durfte er bisher noch nie. F

Im heuer bei ImPulsTanz gezeigten Stück

„Twin Paradox“ entsprechen einander Form und Inhalt so sehr, dass sich die gezeigte Erschöpfung der fünf Tanzpaare auf der Bühne auf die Zuschauer überträgt. Das Paar als Ureinheit von Gemeinschaft sind hier „zwei, die tanzen, immer weiter tanzen, die sich halten, durchhalten, um zu überleben“. Inspirieren ließ sich Monnier von den Tanzmarathonveranstaltungen in den USA der 1920er-Jahre, die im Schatten der Wirtschaftskrise zur umsatzstarken Unterhaltungsindustrie wurden. Die tagelangen Dauertänze endeten nicht selten im Kollaps. „Mich interessiert dabei der Tanz, der sich seine eigene Welt schafft

und eine eigene Dramaturgie der Dauer entwickelt, die der Echtzeit entkommt“, erklärt Monnier. Dabei schöpft sie aus dem titelgebenden Phänomen der Relativitätstheorie, wonach Zwillinge unterschiedlich schnell altern.

Qu’est-ce qui nous arrive?!? (Was ist los mit uns?!?) 26.7., 21.00, und 28.7., 19.00, Odeon Für „Twin Paradox“ ließ sich Mathilde Monnier von Tanzmarathons inspirieren

Twin Paradox: 29.7., 21.00, Volkstheater


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Impulstanz #30

Überblick: Bettina Hagen

C

hrista Spatt, seit 2004 verantwort­ lich für den Bühnennachwuchs bei ImPulsTanz, hat heuer gemeinsam mit Chris Standfest, Michael Stolhofer und Charlotte Vandevyver, der künstlerischen Leiterin des Workspace Brussels, elf jun­ ge Künstler ausgewählt. Unter ihnen wer­ den der mit 10.000 Euro dotierte Prix Jar­ din d’Europe sowie erstmals auch ein Pub­ likumspreis vergeben. Vorab, sozusagen als Hilfestellung für das Publikum, erläutert Christa Spatt die Auswahlkriterien: „Es geht darum, zu ver­ stehen, was die machen wollen. Es gibt bei [8:tension] immer ganz unterschiedliche Formate, von einer Performance mit In­

stallationscharakter bis zu einem getanzten Gruppenstück ist alles möglich. Gemessen wird also an der Intention: Wie gelungen ist das Ganze? Gibt es schon etwas Mar­ kantes, ein artistic mind, eine Handschrift? Ist da jemand am Suchen, der konsequent einen künstlerischen Prozess und eigen­ ständig ein Interesse verfolgt, auch wenn die Arbeit nicht ganz ausgereift ist? Im­ merhin braucht es ganz viele Kompeten­ zen, um ein funktionierendes Stück auf die Bühne zu bringen.“ Zeitgenossenschaft ist eine Grundbedin­ gung. Sie kann aber ganz verschiedene For­ men annehmen. Spatt: „Die jungen Künstler zeigen uns, was Zeitgenossenschaft ist, und wir lernen ständig dazu. Immer wieder sind Künstler dabei, die uns schon als Stipendi­ aten im Rahmen des danceWEB aufgefallen

Elf junge Choreografen wetteifern in der Nachwuchsreihe [8:tension] um den Prix Jardin d’Europe 2013

sind, aber wir versuchen, nicht immer im selben Pool zu fischen. Wir fahren auch in kleinere Städte, zu nicht so bekannten Fes­ tivals, um über den Tellerrand zu schauen. Auch wenn nicht alle alles live gesehen ha­ ben, wird alles in der Gruppe diskutiert, es ist eine Gemeinschaftsprogrammierung.“ Wissenschaft extrem bietet „Speaking of

Which“, eine Lecture-Performance von der gebürtigen Spanierin Marta Navaridas und Alexander Deutinger. Spatt zeigt sich be­ geistert: „Das habe ich im Tanzquartier gesehen und gleich intelligent und wit­ zig gefunden. Die beiden sitzen und spre­ chen, dazu gibt es ein Video und ein wenig Sound.“ Ausgangspunkt war die Beschäf­ tigung mit dem Thema „Was war vor dem Urknall?“.

Fotos: Giannina Ur mene ta Ot tiker, Christian Dyczek

Was wollen die überhaupt?


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Speaking of Which (Navaridas & Deutinger): 11.7., 20.00, und 14.7., 23.00, Schauspielhaus The Trap (Mariana Tengner Barros): 11.7., 23.00, und 14.7., 21.00, Schauspielhaus heteronomous male (Michael Turinsky): 12.7., 21.00, und 15.7., 23.00, Schauspielhaus „Macho Dancer“ von Eisa Jocson (gr. Bild), „Never Live Twice“ von Zeina Hanna (o.), „Beauty and the Beast“ von Apetrea & Ólafsdóttir (u.), „Farbe, Farbe“ von Jana Unmüßig (r.o.), „heteronomous male“ von Michael Turinsky (r.) und „arranged by date“ von Lenio Kaklea (r.u.)

Never Live Twice (Zeina Hanna): 16. und 18.7., 19.00, Odeon A P N E A (Rodrigo Sobarzo de Larraechea): 16. und 18.7., 19.30, Odeon Farbe, Farbe (Jana Unmüßig): 23.7., 23.00, und 25.7., 21.00, Kasino am Schwarzenbergplatz We Do Our Best (Liz Santoro): 31.7., 21.00, und 2.8., 23.00, Kasino am Schwarzenbergplatz The Victory Day (Willy Prager): 31.7., 22.00, und 2.8., 21.00, Kasino am Schwarzenbergplatz arranged by date (Lenio Kaklea): 4. und 6.8., 23.00, Kasino am Schwarzenbergplatz

F o t o s : M ä r t a T h i s n e r , T i m o W r i g h t , L u k a s Z a v a l i a , M a r c D o mm a g e

Macho Dancer (Eisa Jocson): 7.8., 20.00, und 8.8., 21.30, Schauspielhaus

Erklärungen wurden überall gefunden, von der Quantenphysik bis zur Esoterik. Der Zustand, wenn man sich nach zwei, drei Seiten in einem wissenschaftlichen Text verliert, liefert ein gutes Grundgefühl für die Performance. Sinnlicher geht es bei Mariana Tengner Barros aus Lissabon zu. So scheint es anfänglich zumindest. In dem Solo „The Trap“ tritt sie als Burlesque-Tänzerin auf: spärlich bekleidet und glitzernd. In ihrem Monolog bricht sie dann jedoch mit dieser vordergründigen Ästhetik und geht in eine scharfe politische Auseinandersetzung mit der Spektakelkultur über, um sich schließlich mit Gott über ihre Kunst auszutauschen. Michael Turinsky ist Performer, Philosoph und körperbehindert. In seinem ersten Solo „heteronomous male“ beschäftigt er sich mit seiner Existenz zwischen der Eigengesetzlichkeit seines Körpers und den Normen von Choreografie und Gesellschaft. Im Tanz versucht Turinsky, der unter anderem schon mit Barbara Kraus und Bert Gstettner zusammengearbeitet hat, eine ge-

wisse Selbstbestimmung – auch als Mann – zu erlangen. Im Odeon werden heuer zwei Performances parallel an zwei verschiedenen Orten ablaufen. Die eine ist „Never Live Twice“ von der in Berlin lebenden Libanesin Zeina Hanna. Eine Installation, die aus einem Tanzvideo hinter einem knisternden durchsichtigen Papier besteht, auf das Hanna zeichnet. „Das Video ist in einem gefilmt, und wenn man es mehrmals sieht, bemerkt man, wie intelligent grafische Elemente gesetzt sind – obwohl sich die Tänzerin in dem fünfminütigen, geloopten Video in exzessiven Bewegungen, die wie hingerotzt wirken, durch die Gegend schmeißt“, analysiert Spatt. „Das Video wird immer wieder unterbrochen, Konturen und Formen werden nachgezeichnet, mit Zwei- und Dreidimensionalität gespielt, eine feine Poetik zwischen rau und sacht entsteht.“ Die Zeichnung ist jedes Mal anders, man kann rein- und rausgehen – und zwischendurch das Stück von Rodrigo Sobarzo de Larraechea anschauen.

In dessen Arbeit „A P N E A“ (Atemstillstand) geht es um die Elemente Luft und Wasser, aber auch eine Scheibtruhe mit Erde kommt vor und vor allem ein große, opake Plastikfolie. Durch das regelmäßige Aufschlagen der Hände darauf entsteht eine soghafte Wirkung; Spatt fühlte sich an die Oberfläche eines Flusses, an Wellenschlag erinnert. Beide Performances spielen mit der Haptik und Handhabung von einfachen Materialien und entwickeln in ihren visuellen, in Richtung bildende Kunst gehenden Stücken eine zeitgenössische Ästhetik. Ebenfalls sehr reduziert arbeitet die Deutsche

Jana Unmüßig in ihrem Quartett „Farbe, Farbe“. Sie ist als Choreografin insofern eine Seltenheit, als sie bereits ihre eigene Bewegungssprache entwickelt hat. Spatt: „Wenn es funktioniert, wird hier auch mittels einer ausgeklügelten Lichtsetzung eine Atmosphäre kreiert, die deine Zeit- und Raumwahrnehmung verschiebt.“ Fortsetzung nächste Seite

Beauty and the Beast (Apetrea & Ólafsdóttir): 7.8., 22.00, und 8.8., 19.00, Schauspielhaus Prix Jardin d’Europe Award Ceremony: 11.8., 16.00, Odeon (Eintritt frei)


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Impulstanz #30 kleinen Bewegungen prägen sich ein, wer­ den mehr – und die Worte weniger. Am Ende gibt es noch einen Überraschungs­ effekt, verspricht Spatt, doch es bleibt ein Rätsel zurück.

Fortsetzung von Seite 17

Liz Santoro war schon ein paar Mal als Performerin bei Ann Liv Young in Wien. Heute lebt sie in Paris und zeigt mit ihrem Trio „We Do Our Best“, dass sie als Cho­ reografin in eine andere Richtung geht. Drei scheinbar perfekte Frauen in etwas vergilbt wirkenden Kostümen der 1960er Jahre be­ wegen sich zunächst nur wenig, nehmen präzise Posen ein, bis es unterschwellig zu lodern beginnt und die glatte, kühle Ober­ fläche durchbrochen wird.

In einem letzten Doppelabend der [8:tension]-

Ein weiteres Trio kommt von Willy Prager, der

aus Bulgarien stammt und heute in Berlin lebt. In „The Victory Day“ geht es um die Revolution in Bulgarien und Revolutionen an sich – auch in Ländern, die inzwischen demokratisch sind, aber immer noch mit den Nachwehen der Umbrüche kämpfen. Die Elemente, Mechanismen und Dynami­ ken werden von Entertainern, die auch als Animateure fungieren, in Interaktion mit dem Publikum untersucht: Aufruhr mit Hu­ mor, ein ferngesteuerter Polizeihubschrau­ ber und Rauch sind zu erwarten. „arranged by date“ von der in Paris le­ benden Griechin Lenio Kaklea geht von einer banalen Alltagsgeschichte aus. Sie vergisst den Code ihrer Bankomatkarte. Zuvor hat sie noch jemandem Geld geborgt – und jetzt hat sie plötzlich selber keines mehr. Die Erzählung wird von kleinen Bewegungen unterbrochen, die sich ver­ selbstständigen, und führt bis in die My­ thologie und zur Frage, wie die Erinnerung und das Gedächtnis entstanden sind. Die

Bild oben: „The Trap“ von Maria Tengner Barros Bild links: „The Victory Day“ von Willy Prager

Reihe werden noch einmal ordentlich die Geschlechterrollen gerockt. Eisa Jocson, eine Tänzerin von den Philippinen, gibt den „Macho Dancer“. Das ist irritierend und fas­ zinierend zugleich. Jocson, die Erfahrung als bildende Künstlerin ebenso wie eine Ballettausbildung und schon den „Death of a Pole Dancer“ getanzt hat, lebt heu­ te in Brüssel. Der so genannte „Macho Dancer“ ist auf den Philippinen ein eigenes NachtclubGenre und bedient weibliche und männli­ che Kundschaft. Jocson hat als Frau von diesen Tänzern gelernt. Mit ihrem andro­ gynen Körper tanzt sie wie ein Mann, der aber auch nicht wirklich unseren Chippen­ dale-Vorstellungen von erotischem Männer­ tanz entspricht. So etwas ist dann ein rich­ tiger Gender-Loop! Am selben Abend treten Amanda Apet­ rea und Halla Ólafsdóttir als „Beauty and the Beast“ auf. Die beiden in Schweden le­ benden Künstlerinnen bringen eine ganz andere Ästhetik auf die Bühne. Geschminkt wie die Enkeltöchter von Kiss feiern sie den Rock ’n’ Roll, als ob es sich beim Schau­ spielhaus um ein volles Stadion handeln würde. Dabei kann es – obwohl das eigent­ lich nur männlichen Rockstars zugestanden wird – auch ganz schön vulgär werden: „We promise to love you and fuck you up!“ F

Wer fürchtet sich vor dem Pferdeschwanz? Text: B e tt i n a H a g e n

enn es jemandem gelingt, mit einer alltäglichen Geste wie dem Binden W eines Pferdeschwanzes ein leichtes Gruseln

im Betrachter hervorzurufen, dann zeugt das schon von großem Performancetalent. Florentina Holzinger spielt die Gefühlskla­ viatur mit starken, kitschigen Bildern und hat die Präsenz, diese auch auszufüllen. Die kleine Pferdeschwanzwürgung gab es zuletzt in „Spirit“ zu sehen, und sie bleibt eine unvergessene Geste aus „Dé­ lire Défait“ des Kanadiers Benoît Lacham­ bre, der in Amsterdam einer von Holzingers Lehrern an der School for New Dance Deve­ lopment war. Sie hat in Wien Tanz und Per­ formance studiert und in Gent bei Jugend­ theaterproduktionen der Gruppe Kopergie­ terey mitgewirkt, ehe sie nach Amsterdam ging. Mit ihrer Abschlussarbeit „Silk“ wur­ de sie im Vorjahr zur [8:tension]-Reihe von ImPulsTanz eingeladen – und räumte gleich den Prix Jardin d’Europe ab. 2008 und 2010 war sie zuvor schon danceWEB-Stipendia­ tin bei ImPulsTanz gewesen. Als Performerin trat Holzinger in Stü­ cken von Benoît Lachambre, Jeremy Wade, Ann Liv Young und anderen auf. Zu ihren Vorbildern zählen auch Kaliber wie Marina Abramović und Carolee Schneemann.

Mit „Kein Applaus für Scheiße“, 2010 ge­ meinsam mit Vincent Riebeek kreiert, tourt Holzinger derzeit von einem Tanzhaus zum nächsten. Der letzte Auftritt beim Stamsund Makankosappo: International Theatre Festival in Norwegen 10.8., 23.00, war allerdings verhängnisvoll: Durch einen Schauspielhaus Fehler der Technik verletzte sich Holzin­ ger schwer. „Spirit“, ihr zweites Duo mit Riebeek, hatte Mit dem Solo „Silk“ 2012 Premiere und ist ebenfalls dazu an­ gewann Florentina getan, in Erinnerung zu bleiben. Jede Vor­ Holzinger 2012 stellung ist anders, es wird von einer Rolle den Prix Jardin in die nächste gesprungen, auf Schockieren­ d’Europe

des folgt zumeist Unterhaltung. In jedem Fall passiert etwas, nicht nur auf der Büh­ ne. Verzauberung und Verfremdung setzen unmittelbar ein. Holzinger und Riebeek be­ herrschen das Balancieren und Entgleisen auf dem schmalen Grat zwischen wilder, sexy Unterhaltung und nervigem Stimmund Schreigewitter perfekt. Intensität, eine aktive Beziehung zum Publikum und Alko­ hol werden mitgeliefert. Nach ihrem prämierten Solo „Silk“ im Vorjahr kommt Holzinger heuer mit „Ma­ kankosappo“ wieder. „Silk“ ist nach Aerial Silk, der Akrobatik mit zwei von der Decke hängenden Stoffstreifen, benannt, die Hol­ zinger immer wieder, am liebsten zu Popund Rocksongs, einsetzt. Der Begriff „Makankosappo“ kommt aus Japan und beschreibt ein besonders hippes Internetfreizeitvergnügen halbwüchsiger Schülerin­nen. Sie produzieren Schnapp­ schüsse für das Web, in denen sie Mo­ mente aus der „Dragonball“-Manga-Se­ rie nachstellen. Eine Heldin oder ein Held schleudert mit einem wuchtigen Energieb­ litz meist mehre­re Angreifer weg. Aus die­ sem „Makanko­sappo“ entwickelt Holzin­ ger ihr neues Solo. In der Rolle und Mas­ ke der fiktiven Figur „Regression Girl“ er­ scheint sie als „Symptom der Moderne“, sehr zeitgemäß wird sie zum Produkt und zur Heldin zugleich. F

F o t o s : M a r c o P i r e s , N e s h a k a K a r r a d z h i n s k a , Ann a v a n K o o i j

Die junge Österreicherin Florentina Holzinger erobert Europas Performancebühnen. Wer sie einmal gesehen hat, weiß, warum


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„Disabled Theater“ mit Darstellern des Theaters HORA aus Zürich: „Sie sind viel präsenter als all die zeitgenössischen Profitänzer, die mich meistens so langweilen“

„Ich habe gar nichts gemacht“ D

er französische Choreograf Jérô­ me Bel ist für die bestechend kla­ ren Konzepte seiner Arbeiten – da­ runter der Performanceklassiker „The show must go on“ – berühmt. Das Stück „Disab­ led Theater“ inszenierte Bel auf Einladung des Theaters HORA in Zürich, einer auf die Arbeit mit Behinderten spezialisierten Ins­ titution. Auf der Bühne stehen Darsteller mit Lernschwäche oder Down-Syndrom so­ wie ein Assistent, der ihnen Bels Anweisun­ gen ansagt. Die Produktion ist umstritten, aber auch sehr erfolgreich. Sie wurde unter anderem bei der Documenta in Kassel ge­ zeigt und im vergangenen Mai als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen des deutschsprachigen Raums zum Thea­ tertreffen nach Berlin eingeladen.

F o t o s : M i c h a e l B a u s e , U r s u l a K a u fm a n n , M u t s u m i T s u d a

Falter: „Disabled Theater“ war

eine Auftragsarbeit. Was war Ihre erste Reaktion, als das Theater Hora aus Zürich anfragte? Jérôme Bel: Ich habe zunächst einmal abge­ lehnt. Ich konnte mir überhaupt nicht vor­ stellen, mit Behinderten zu arbeiten. Das war nicht mein Ding, und ich hatte auch nicht das Gefühl, dass ich dazu berufen bin. Weil ich aber höflich sein wollte und schon auch neugierig war, habe ich sie ge­ beten, mir DVDs von ihren Aufführungen zu schicken. Und als ich mir die dann an­ sah, hat mich das sehr berührt. Es war wie ein Schock, und ich konnte mir meine ei­ gene Reaktion nicht erklären. Und nach­ dem ich ohnedies ein Gastspiel in Zürich hatte, fragte ich, ob ich bei der Gelegen­ heit vorbeischauen und einen dreistündi­ gen Workshop mit ihnen machen könnte. Nach diesem Workshop habe ich noch ein­ mal fünf Tage lang mit den elf Schauspie­ lern der Gruppe gearbeitet. Und nach die­ sen fünf Tagen habe ich beschlossen, ein Stück für sie zu machen. Die Produktion wurde ziemlich kontroversiell aufgenommen. Wurden Sie stark angegriffen? Bel: Ich wurde schon angegriffen, aber ei­ gentlich weniger, als ich gedacht hatte. Grundsätzlich sind die Reaktionen positiv. Manche halten das Stück eben nicht aus,

Der französische Choreograf Jérôme Bel über sein Stück „Disabled Theater“, das er mit Behinderten erarbeitet hat Interview: Wolfgang K r a l ic e k

Jérôme Bel, 48, gehört zu den führenden Konzeptchoreografen der Tanzperformance

Disabled Theater: 28. bis 31.7., 21.00, Akademietheater Pichet Klunchun and myself: 31.7. und 2.8., 19.00, Weltmuseum

einige gehen auch raus. Das ist aber nur eine Minderheit. Was hat man Ihnen vorgeworfen? Bel: Vor allem, dass ich die Schauspie­ ler benutze und dass ich sie unvorteilhaft darstelle. Und was antworten Sie darauf? Bel: Ich antworte darauf gar nicht mehr, das übernimmt der Dramaturg Marcel Bugiel. Er ist der Spezialist für Theater mit Behin­ derten. Er was es übrigens auch, der mich eingeladen hat. Christine Wahl aus der TheatertreffenJury hat geschrieben, dass „Disabled Theater“ auch ein Stück über die Behinderung des Publikums sei, das mit Behinderten auf der Bühne nicht umgehen könne. Stimmen Sie dem zu? Bel: Natürlich. Jede gute Theateraufführung handelt auch vom Publikum. Die Aufführung ist überraschend direkt. Zum Beispiel werden die Schauspieler am Anfang ganz unverblümt gefragt: Was ist deine Behinderung? Bel: Ich war mir nicht sicher, ob ich das fra­ gen kann. Also habe ich zuerst Michael El­ der, den fantastischen Intendanten des The­ aters HORA, gefragt. Und er sagte: „Na­ türlich kannst du das fragen!“ Er hatte da überhaupt keine Bedenken, er kennt seine Schauspieler ja wirklich gut. Und sie ha­ ben dann auch kein Problem mit der Fra­ ge gehabt. Wollten Sie bewusst nicht zu „vorsichtig“ mit ihnen umgehen? Bel: Ich würde es so formulieren: Ausschlag­ gebend für meine Entscheidung, mit ihnen zu arbeiten, war der Punkt, an dem ich be­ griffen habe, dass das professionelle Schau­ spieler sind. Sie sind Teil eines Ensembles, sie bekommen eine Gage, sie haben ein Re­ pertoire, sie gehen auf Tour, sie haben Er­ fahrung. Und nachdem ich ein Regisseur bin, kann ich mit ihnen arbeiten. Jeder Schauspieler performt ein Tanzsolo – weshalb „Disabled Theater“ ja auch bei

ImPulsTanz gezeigt wird. Inwiefern haben Sie die Solos choreografiert oder gecoacht? Bel: Überhaupt nicht. Sie haben alles selbst entschieden: die Musik, die Choreografie, die Kostüme. Ich habe gar nichts gemacht. Und wie finden Sie als Choreograf die Solos? Bel: Ich finde sie toll, sie haben so viel Ener­ gie. Und sie sind viel präsenter als all die zeitgenössischen Profitänzer, die mich meis­ tens so langweilen. Vor allem aber hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, sie zu verste­ hen. In ihren Choreografien habe ich ihre Denkstrukturen gesehen, ihre Beziehung zur Welt. Sie offenbaren sich im Tanz viel mehr als mit Worten. Sie zeigen bei ImPulsTanz auch die frühere Arbeit „Pichet Klunchun and myself“, in der sie mit einem Thai-Tänzer auftreten. Auch da beschäftigen Sie sich mit einer Ihnen fremden Welt. Kann man sagen, dass die beiden Stücke etwas gemeinsam haben? Bel: Absolut! Ich denke, die beiden Stücke haben viel gemeinsam, in beiden geht es um Anderssein. Ich kann Pichet nicht verste­ hen, er ist ein Fremder und ein Thai-Tän­ zer, in seiner Arbeit verwendet er Codes, die ich nicht kenne. Auch die Schauspieler vom Theater Hora sind Fremde für mich, und ich weiß nicht, wie ich mit ihnen umgehen soll. Beide Stücke sind mein Versuch, sie zu verstehen – bei Pichet durch Sprache, bei den Schauspielern durch den Tanz. Es könnte interessant sein, wenn Sie nach „Disabled Theater“ noch ein Stück mit dem Theater Hora machen würden. Können Sie sich das vorstellen? Bel: Derzeit gibt es da keine Pläne. Vor ein paar Monaten habe ich allerdings zwei der Schauspieler gefragt, ob sie in meiner alten Performance „The show must go on“ mit­ machen wollen. Sie sind auch da großartig, bringen eine neue Ebene in das Stück. Ich bin sehr glücklich, dass ich diese Menschen kennengelernt habe. Ich habe viel über sie gelernt, aber auch über mich, über Theater und Tanz. Und ich glaube, diese Erfahrung wird meine nächsten Arbeiten stark beein­ flussen. F


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Impulstanz #30

Bringt die Objekte zum Tanzen! Occupy the Museum! Im Weltmuseum kommen Tanzwelten zusammen, Performer durchstöbern das Depot

D

er vierarmige Tänzer hält in der rechten Hand eine Trommel, aus der Linken lodert eine Flamme. Der Hindu-Gott Shiva Nataraja schuf tanzend die Welt; seine kosmischen Verrenkungen in einem Feuerkranz sind in zahllosen Bildern und Skulpturen dargestellt. Die Ausstellung „Getanzte Schöpfung“ im Weltmuseum Wien beschäftigt sich mit der Bedeu-

In „Occupy the Museum“ beschäftigen sich 14 Künstlerinnen und Künstler mit dem Weltmuseum

tung des Tanzes im religiösen und gesellschaftlichen Leben Asiens. Die Schau hat performativen Charakter, denn sie besteht nicht nur aus Dokumenten, sondern auch aus lebenden Künstlern, die die alte Religion mit der Gegenwart verbinden. Das Museum öffnet sich, auch für eine Zusammenarbeit mit ImPulsTanz. Das ehemalige Museum für Völkerkunde wird

Ende Juli, Anfang August Schauplatz von zwei Veranstaltungen des Festivals sein. Die Performancereihen [EAST-WEST Meetings] und „Occupy the Museum“ beschäftigen sich einerseits mit fernöstlichen Tanz­traditionen und andererseits mit dem Wesen von ethnografischen Museen, in denen das exotisch Fremde lange Zeit mit dem Blick abendländischer Überlegenheit

Fotos: Joachim Kapuy

MUSEUMSBESUCH: MATTHIAS DUSINI


I m p u l s t a n z # 3 0    betrachtet wurde. „Es geht um einen performativen Dialog mit dem Museum, seinen Objekten und den Besuchern“, sagt Kurator Michael Stolhofer, der gemeinsam mit dem Regisseur Ong Keng Sen aus Singapur für das Sonderprogramm verantwortlich ist.

Fotos: Sing apor e Art s Fes tival , Tine Declerck , A ssociation R .B., Fur e y & M at sune, Weltmuseum

An sechs Abenden trifft der Westen den Osten

in der monumentalen Säulenhalle des Museums. Der französische Choreograf Jérôme Bel und sein thailändischer Kollege Pichet Klunchun begegneten einander zum ersten Mal im Jahr 2004. Aus dem Gespräch entstanden gemeinsame Pläne, auch wenn ihre Methoden verschieden sind. Die Performance „Pichet Klunchun and myself “ bringt eine konzeptuelle Idee von Bewegung mit dem traditionellen Königstanz Khon zusammen. Auch das Padmini Chettur und David Hernandez kommen aus unterschiedlichen Tanztraditionen. Chettur ist eine der wichtigsten zeitgenössischen Choreografinnen Indiens und begann schon als Kind Bharata Natyam, einen auf antike Vorbilder zurückgehenden Tempeltanz, zu studieren. Anmutige Bewegungen und skulptural wirkende Körperformationen sind auch das Kennzeichen solcher Tänze, in denen Grundelemente wie das Feuer zur Darstellung kommen. Den US-belgischen Choreografen David Hernandez wiederum interessiert weniger das große Ganze als vielmehr das Nebensächliche. Sein künstlerisches Ziel ist nicht das Eindeutige, sondern das Verschwommene. Während Chetturs Begriff von Grazie auf einer perfekten Körperbeherrschung basiert, zelebriert Hernandez das als vermeintlich misslungen Aussortierte. Wie passt das zusammen? „In beiden Fällen geht es nicht um eine Narration, sondern um eine durch den Körper hergestellte Atmosphäre“, sagt Kurator Stolhofer. Sowohl traditionell ausgebildete asiatische Choreografen als auch ihre westlichen Kollegen, die in ihrer Arbeit klassische Genres dekonstruieren, beschäftigen dieselbe Frage: Wie kann ein Körper einen Raum ausfüllen? Er kann sich zusammenziehen und in den Raum übergreifen, in meditativer Ruhe verharren oder konzentrierte Langsamkeit einsetzen. „So entsteht im Tanz ein neuer Schönheitsbegriff.“ Im Grau der Dämmerung kommen sich Menschen und Dinge näher, verschwimmen die Konturen von Subjekt und Objekt. Die Körper verlieren ihre Schatten, mutieren zu Geisterwesen. Diese Stimmung nutzen die kanadische Tänzerin und Sängerin Clara Furey und der aus Japan stammende Wiener Performancekünstler Michikazu Mat­ sune. Das von einem Glasdach überwölbte Atrium des Weltmuseums ist der ideale Ort für den Übergang zwischen hell und dunkel. Die Künstler nutzen musikalische und choreografische Elemente, um diese geheimnisvolle Atmosphäre zu inszenieren.

East meets West: Padmini Chettur (o.) trifft auf David Hernandez (r.), Jérôme Bel trifft auf Pichet Klunchun (u.), Clara Furey trifft auf Michikazu Matsune (ganz unten)

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ausstellung erneuert werden. Die eingeladenen Künstler nutzen die derzeit leerstehenden Räumen und die historischen Vitrinen, um ihre Auseinandersetzung mit der Ethnologie zu thematisieren. Als die ethnologischen Museen im 19. Jahrhundert gegründet wurden, kamen die europäischen Besucher, um das Brauchtum und die Tracht fremdländischer Völker zu bestaunen. Mit einer Mischung aus Neugier und Arroganz betrachtete das Publikum die Pfeile und Schmuckstücke afrikanischer oder asiatischer Stämme. Nun holen sich Künstler aus ehemaligen Kolonial­ staaten ihre Geschichte zurück. „Einige Gastkünstler kommen aus jenen Kulturen, deren Objekte diese Sammlungen bilden“, erklärt Stolhofer. Die aus Chile stammende Amanda Piña beschäftigt sich etwa mit dem „Penacho“, dem berühmtesten Objekt des Weltmuseums, das heute in einem eigens dafür adap­ tierten Raum ausgestellt wird. Die Federkrone stammt aus präkolumbianischer Zeit; sie wurde fälschlicherweise dem Aztekenherrscher Moctezuma zugeschrieben. Obwohl es sich wohl nur um einen anonymen Priesterkopfschmuck handelt, ist der „Penacho“ in Mexiko ein wichtiges Symbol der nationalen Geschichte. Auch wenn es keine offizielle Restitutionsforderung gibt, wird der Umgang Österreichs mit der Federkrone in der mexikanischen Öffentlichkeit genau beobachtet. Die Künstlerin wird sich in ihrer Arbeit mit der unterschiedlichen Wahrnehmung von Geschichte aus­ einandersetzen und daraus eine LecturePerformance kreieren. Andrea Maurer und Thomas Brandstätter wie-

derum beschäftigen sich mit der heute etwas obskur wirkenden „Wiener Schule“. In der Zwischenkriegszeit unternahmen Missionare wie Wilhelm Schmidt und Martin Gusinde ethnografische Expeditionen, um ihre These vom monotheistischen Ursprung aller Religionen zu untermauern. Die vom Vatikan gesponserten Reisen führten sie nach Afrika und zu den Feuer­ landindianern, deren Brauchtum sie untersuchten. Die Katholiken auf der Suche nach einem vorchristlichen Paradies brachten von ihren Ausflügen Sammlungen mit. Die Thesen der Wiener Schule sind in der Wissenschaft zwar in Vergessenheit geraten, nicht aber ihre wertvollen Mitbringsel; sie bilden heute einen Grundpfeiler des Weltmuseums. Zum „performativen Dialog“ zwischen Museum und Publikum gehört übrigens auch der Besuch der Museumsdepots. Ein weißer Mantel und blaue Handschuhe sind die Ausrüstung für diese Expeditionen. F [EAST-WEST Meetings]:

In „Occupy the Museum“ beschäftigen sich 14

Künstlerinnen und Künstler mit der Geschichte und den Präsentationsformen des Museums, das sich derzeit im Umbruch befindet. Zuerst wurde die Infrastruktur des ehemaligen Wohnpalais der Habsburger am Heldenplatz modernisiert, im Laufe der nächsten Jahre wird auch die Dauer-

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Der Spielort: das von einem Glasdach überwölbte Atrium des Weltmuseums

Beautiful Thing 2 & Divertimenti (Padmini Chettur & David Hernandez): 27. und 29.7., 19.00, Weltmuseum Pichet Klunchun and myself (Jérôme Bel): 31.7. und 2.8., 19.00, Weltmuseum Night Will Come (Clara Furey & Michikazu Matsune): 8. und 10.8., 20.00, Weltmuseum Occupy the Museum: 3.8., 17.00–20.00, und 4.8., 16.00–19.00, Weltmuseum


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Eine andere Art des Erlebens Über Ko Murobushi, einen langjährigen Begleiter von ImPulsTanz, und das Wesen des japanischen Butoh-Tanzes Einführung:

Ko Murobushi: „Butoh ist keine Technik. Es ist eine individuelle Evolution“

Ulli Moschen

hne Butoh würden Sie diesen Text nicht lesen. Mit 15 habe O ich im Serapionstheater Carlotta Ike-

da gesehen und wurde vom Tanz infiziert. Ich hatte Dinge auf der Bühne gesehen, von denen ich nachts träumte, an die ich mich aber nicht mehr erinnern konnte. Ikedas Compagnie Ariadone wurde von Ko Murobushi gegründet, der sowohl als Dozent als auch als Performer ein langjähriger Begleiter von ImPulsTanz ist. Er war es auch, der die japanische Kunstform in den 1980ern nach Europa brachte. Die Essenz von Butoh – etwa der An-

spruch auf absolute Authentizität und die radikale Hinterfragung der Performativität – wurde längst assimiliert und ist heute in fast allen modernen europäischen Tanz- und Performancestilen wiederzufinden. Murobushi war Schüler von Tatsumi Hijikata, der zusammen mit Kazuo Ohno Ende der 1950er Jahre die Tanzform Butoh schuf, als Antwort auf Hiroshima und Nagasaki, als Auflehnung gegen die Amerikanisierung

Ritournelle / Danse <MILLE PLATEAUX> vol.1: 30.7., 21.00, und 2.8., 23.00, Odeon

der japanischen Kultur und die starre technische Kodifizierung im klassischen japanischen Tanz. Der Ankoku-Butoh, Hijikatas Tanz der Finsternis, beschäftigte sich mit dem Tod und den Schattenseiten des Eros. „Heutzutage wird nur das Licht geschätzt. Aber wem verdankt das Licht sein Dasein? Dem Rücken der Finsternis, denn er trägt das Licht“, schreibt der Altmeister in seinem Buch „Die Rebellion des Körpers“. „Es gibt keinen Weg, die Natur des Lichts zu verstehen, wenn man die Dunkelheit nie durchdrungen hat.“ Kazuo Ohno erklärt, dass der Butoh-Tänzer sich von seiner physischen

und sozialen Identität trennen müsse, um sich den ursprünglichen Erinnerungen des Körpers zuzuwenden. Die Beschäftigung mit dem toten Körper helfe bei diesem Unterfangen. Es geht also scheinbar um die Konfrontation mit den Schatten und um Egoverlust. Aber gerade derartige Rationalisierungen sind es, gegen die sich Butoh wehrt. Im Butoh geht es um eine andere Art des Erlebens, der Tänzer entwickelt seinen Tanz mithilfe von Bildern, Erinnerungen und Imaginationen, indem er sich in animalische, pflanzliche oder mineralische Daseinsformen hineinfühlt. Es gibt kein Repertoire, hinter dem er

sich verstecken kann, er ist im metaphorischen und oft auch im buchstäblichen Sinn nackt. „Butoh ist keine Technik, die man systematisch erfassen kann. Es ist eine freie, persönliche und individuelle Evolution“, erklärt Ko Murobushi. „Man muss mit Traditionen und Gewohnheiten brechen und über sie hinwegsehen, um Neues zu finden.“ Als tief verborgene „Edges“, mit denen

mehr Abgründe denn Ecken gemeint sind, bezeichnet der 61-Jährige, der nur aus Muskeln und Sehnen zu bestehen scheint, die Schichten des Erlebens, aus denen er seine Bewegungsimpulse schöpft. Voriges Jahr war Ko Murobushi mit seinem Solo „quick silver“ zu Gast. Ein nackter, silberner Körper, der sich in langsam fließendem Stillstand durch den Raum bewegte; ein Körper im giftigen Zwiespalt zwischen Gesellschaft und Natur. Über sein Solo, mit dem er dieses Jahr ImPulsTanz entschleunigen wird, verrät er, dass er seinen Körper sich selbst entgegenwerfen und versuchen wird, die Formen seines multiplen Selbst zu erfassen – und wieder loszulassen. F

„Ich will zeigen, wie der Körper zu einem Stück wird“ Fühlen gegen den Uhrzeigersinn: Die japanische Solo-Performerin Akemi Takeya ist in ihrer neuen Arbeit nicht mehr allein Ulli Moschen

rei Frauen stehen versetzt hinD tereinander im Raum. Ihr Blick changiert zwischen Herausforderung

und Gelassenheit, drei transparente Stäbe lehnen an ihren Schultern. Bis jetzt waren – mit einer Ausnahme – alle Stücke von Akemi Takeya Soli. Für „(anti)*Clockwise“, in dem sie das namensgebende Element ihres letzten Solos „Feeler“ aufgreift, hat sie Veronika Zott und Nikoletta Korkos dazugeholt. Die japanische Tänzerin und Choreografin, die seit 1991 in Wien lebt und arbeitet, sprach mit dem Falter während des Entstehungsprozesses über ihr neues Stück.

Falter: Ihre „Fühler“ sind lange transparente Plexiglasstäbe. Wie sind Sie auf diese Objekte gekommen und wofür stehen sie? Akemi Takeya: Bei der Entwicklung meines Solos „Feeler“ gab es den Impuls, stillzustehen, das Publikum als Spiegel zu benutzen. Aber die Position – frontal zum Publikum – hat sich nicht stimmig angefühlt. Mit den „Fühlern“ hat sich das Stehen dann zu einem Balancieren gewandelt – was

zu einer völlig anderen Wahrnehmung führt. Das Balancieren bleibt auch in „(anti)*Clockwise“ zentrales Motiv, aber die Fühler können alles sein, Antennen natürlich, aber auch Ins­ trumente oder Waffen. Wahrnehmung ist ja ein Zentralthema in Ihren Stücken, in denen Sie Tanz, Klang und Text verweben. Wie entsteht eine Takeya-Performance? Takeya: An erster Stelle steht der Raum. In einem leeren Raum ist der Körper klarer. Dann folge ich Schritt für Schritt dem, was mein Körper braucht. Ich versuche, die Lücke zu schließen zwischen dem gefühlten

und dem materiellen Körper. Mein Ziel ist nicht, eine Choreografie zu machen, sondern den Prozess zu zeigen, wie der Körper zu einem Stück wird. Im doppelten Sinne. Was bedeutet der komplizierte Titel „(anti)*Clockwise“? Takeya: Der Uhrzeigersinn ist die Flussrichtung unserer Gesellschaft. Zum jetzigen Zeitpunkt bewegen wir uns noch mit dem Fluss. Bis jetzt ist alles harmonisch, aber mittlerweile sind die Körper gestresst von der einseitigen Belastung. Der Konflikt steht unmittelbar bevor, die Krise, der Punkt, wo es sich dreht und Akemi Takeya (l.) mit Partnerinnen: „Bisher habe ich nur für mich getanzt, ich war in einer Kapsel“

(anti)*Clockwise: 5.8., 23.00, Schauspielhaus

in den Widerstand geht, gegen den Uhrzeigersinn. In Ihren Stücken geht es viel um ein zerrissenes Selbst, das auch Ihre ambivalente Position zwischen Ost und West spiegelt. Sind Ihre Mittänzerinnen im neuen Stück Facetten von Ihnen selbst? Takeya: Mit dem Thema „selbst“ bin ich durch. Bisher habe ich immer nur für mich getanzt, nie mit dem Publikum direkt Kontakt aufgenommen. Ich war lange in einer Kapsel. Aber diese Kapsel ist plötzlich verschwunden. Vielleicht ist es auch nur hormonell, und ich produziere weniger Adrenalin, aber jetzt ist das „Ich“ zu einem „Wir“ geworden. Während des Probenprozesses hinterfragen wir ständig unser Tun und unsere Konzepte, auf der Suche nach dem ursprünglichen Körper, in einer geometrischen Choreografie. „(anti)*Clockwise“ stellt auch eine Zäsur dar. Es ist eine Art Summe meines gesamten Materials, um danach etwas ganz Neues zu machen. Wissen Sie schon, was das Neue sein wird? Takeya: Ich kenne nur den Titel: Das Stück wird „Newborn“ heißen. F

Fotos: L aur en t Ziegler , David Wilt schek

Interview:


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Die tanzende Apotheke: Wie Drogen Leben retten können

Gleichwertige Partner: Louise Lecavalier und Frédéric Taverni

T e x t : C h r i s to p h e r Wurmdobler

am a dancing pharmacy!“, brüllt Antony Rizzi. In seiner Drogenküche Ibrodelt es. Der Tänzer mixt einen Dro-

Das Leben

ist noch lange nicht zu Ende Text: Elfi Oberhuber

J

etzt stimmt’s. Mit „So Blue“ legt Louise Lecavalier ihre erste allein verantwortete Choreografie vor. Was sollte sie sonst auch machen, mit ihrer Vergangenheit als überdimensionale Startänzerin? Ihr Punk-MarilynMonroe-Markenzeichen – langes Haar aus weißblonden Dreadlocks – ist inzwischen ab. Das Energiebündel mit dem Engelsgesicht, das zu seiner großen Zeit bei La La La Human Steps mit einer unbändigen Rock-Aura gesegnet war, sieht nun aus wie David Bowie, für den und mit dem sie auf einer Konzerttour ebenfalls tanzte.

Fotos: André Cornellier, Wonge Bergmann

Eigentlich ahmt sie mit dem Kurzhaar-

Bob aber Nigel Charnock nach, der voriges Jahr – zwei Monate nach einer Krebsdiagnose – verstorben ist. 2009 hatte er mit Lecavalier noch „Children“ choreografiert. Die mit höchsten kanadischen Ehren dekorierte Tänzerin ist jetzt 54. In Pension gehen mag sie nicht. Aber was kann jemand choreografieren, der bisher immer nach Ideen anderer tanzte? In Benoît Lachambres ironisch geprägten Stücken der Identitätssuche – „I is memory“ und „Is You Me“ – trug sie noch eine Kapuze, unter der sie ihr Haar und sich selbst versteckte. Ihr extrem zaghafter Tanz suggerierte dasselbe. Jetzt ist das anders, selbst wenn ihr Stück „So Blue“ heißt. Zur von einem starken Beat getriebenen Trance-Mu-

Tanzikone Louise Lecavalier findet sich in „So Blue“ selbst – auch als Choreografin sik des türkischstämmigen Mercan Dede, gerät ihr rüttelnder Körper in eine psychedelische Dimension, in der sie die jugendlich lustvolle Frau von früher, die ihre Partner ansprang, abschütteln kann. Dafür erblüht sie als reife, moderne Frau mit intensivem, unabhängigem Eigenleben. Noch immer sprüht sie vor Kraft. Ihre blitzschnell rudernden Arme fegen sich den Weg frei, im wedelnden Wechselschritt steckt eine erkennbar verheißungsvolle Perspektive. Während der orientalische Hintergrundgesang etwas Fremdes darstellt, sagt sie deutlich: „Das Leben ist noch lange nicht zu Ende. Viel zu spannend ist das, was es noch zu entdecken gibt.“ Wird es gefährlich, kann man es auf einem Bein vorsichtig abtasten oder mit dem Fuß wegstoßen. Alles ist zu schaffen. Jedes Hindernis ist zu überwinden. „Meine Recherche geht immer über körperliche Limits hinaus“, gibt Lecavalier zu verstehen, dass ihre maßlose Energie, für die sie immer bewundert wurde, noch lange nicht erschöpft ist. Locker und stark heißt ihr spannungsgeladener Widerspruch: Mit

kerzengerade in die Höhe gestrecktem Bein hüpft sie sich rhythmisch frei. Ihr Co-Tänzer Frédéric Taverni trägt wie

sie einen Kosmos in sich, den er nicht teilen muss, sondern teilen kann. Dabei lässt er sich gerne von ihr führen oder stützen, auch wenn er ein bärtiger Hüne und sie ein zartes Wesen ist. Dann greift er wieder nach ihr, um sie kurz wie eine Puppe um sich zu schleudern. „Ich habe ihn wegen seiner erkennbaren Qualitäten als Partner gewählt und auch, weil er niemand ist, dem man alles erklären muss. Jemand, der viel Regie benötigt, wäre schwieriger gewesen. Ich hätte das tun können, aber ich mag das nicht“, sagt Lecavalier. Da unterscheidet sie sich als Chefchoreografin von jenen Stars, die gute Techniker, aber schwache Charaktere für ihre Arbeiten bevorzugen. Hier sind beide Subjekt und Objekt, sind beide gleich viel wert. Der früher äußerliche Widerspruch von Fragilität im sportlich-aggressiven Körper, ist damit in Lecavaliers Innerem angekommen; in ihrer rastlosen „atomic blue soul“, der Aufrührerin ihres unendlichen Tanzes der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Leichtigkeit und Intensität, des Traums und der Wirklichkeit. Man darf gespannt sein, was darauf noch alles folgen wird. F So Blue: 6. und 8.8., 21.00, Akademietheater

gencocktail – mit Betonung auf cock. Ein paar Pillen, ein Spritzer flüssiges Ecstasy. Schließlich läuft die Drogensuppe über. Schaum ergießt sich in den Raum. Rizzi trägt eine weiße Haube auf dem Kopf, die sein Gesicht wie eine Pille aussehen lässt, und erzählt. Von seiner Drogensucht, von seinem HIV-Status. Und wie Drogen ihm das Leben gerettet haben. „Drugs Kept Me Alive“ heißt der Theater-Tanz-Monolog, den der belgische Theaterkünstler Jan Fabre dem italo-amerikanischen Performer auf den Leib geschrieben hat. Rizzi entspricht dem, was Fabre als „performer of the 21st century“ bezeichnet: Er besitzt körperliche und geistige Beweglichkeit, hat seine eigenen künstlerischen Vorstellungen und gibt bei jeder Show viel von sich preis. Das ist gut, aber auch unheimlich und passt zu Fabres theatralischer Praxis. Erstaunlicherweise ist „Drugs Kept Me Alive“ das erste Solo, das er mit dem Tänzer erarbeitet hat – eine Hommage. Seifenblasen, Disconebel, Schaumparty. Rizzi erzählt von multiplen Orgasmen und Depressionsanfällen im Drogenrausch: „Jedes Mal, wenn ich komme, spritze ich weniger und heule mehr.“ Doch es wäre nicht Rizzi, wenn das Stück nicht auch das große Ja zum Leben transportieren würde. „Es geht nicht um den Tod“, sagt Rizzi. „Es handelt von einer Person, die Drogen und Medizin nimmt, die sich vergiftet, um ihr Leben zu retten.“ Alle Macht den Drogen also? „Fanfuckin’-toxic!“, ruft er begeistert und lässt es blubbern. Drogen hätten ihm Fenster geöffnet, sagt Rizzi und verweist auf die spirituellen Effekte der Substanzen. Gibt es denn gar keine Schattenseiten? „Doch. Als ich koka­ in­abhängig war, hat mich das eine Menge Geld gekostet.“ F Drugs Kept Me Alive: 31.7., 23.00, und 2.8., 21.00, Schauspielhaus

Bei Antony Rizzis Drogensolo führte der Theaterkünstler Jan Fabre Regie


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Impulstanz #30 „Refuse the Hour“ von William Kentridge „Es geht in meiner Arbeit nicht darum, ein Ziel zu erreichen“

„Groucho Marx ist ein fantastischer Tänzer“

Falter: „Refuse the Hour“ umfasst Elemente, die man aus Ihrer Arbeit schon kennt: Projektionen, Animation, Filme, Bühnenbilder. Choreografie ist relativ neu. Wie vertraut sind Sie mit dem zeitgenössischen Tanz? William Kentridge: Ein bisschen etwas davon kriege ich hier in Südafrika oder wenn ich unterwegs bin schon mit. Aber ich bin kein Experte. Ein großer Teil meiner Arbeit hat allerdings mit Bewegung zu tun – nicht mit spezifischen Tanzbewegungen, aber mit dem Bewusstsein für die Bedeutung, die durch die Bewegung des Körpers entsteht.

Tanzen Sie selber gerne? Kentridge: Ja, so wie Leute, die nicht singen können, halt unter der Dusche singen. Und wenn es sehr anonym geschieht. Auf einer Party oder in einem Club ist es okay,

In seiner multimedialen Performance „Refuse the Hour“ denkt der Künstler William Kentridge über das Wesen der Zeit nach INTERVIEW: KLAUS NÜCHTERN

aber auf der Bühne geht das nicht. Dort muss ich mir selbst erklären, dass ich einer Reihe von Anweisungen folge. Würde das unter „Tanz“ laufen, würde mich das sehr verlegen machen, und für die Zuseher wäre es eine Pein. Was wollen Sie als Performer denn erreichen? Kentridge: Es geht bei meiner Arbeit nicht darum, ein Ziel zu erreichen, sondern es gibt einen Antrieb, die Arbeit zu machen. Und wenn diese fertig ist, entdeckt man, worin dieser Antrieb bestanden hat. Im vorliegenden Fall begann es als Projekt, das sich in zwei Varianten aufgespalten hat: eine Installation und eine Performance. An welchem Punkt sind die beiden Projekte in andere Richtungen gelaufen? Kentridge: Ursprünglich hätte die Arbeit für die Documenta eine dreimonatige Live-Performance werden sollen, für die wir Studenten engagiert hätten. Dann hat mir der Komponist allerdings mitgeteilt, dass die Vorträge, die ich halten sollte, das Libretto sein würden und dass auch ich selbst auf der Bühne stehen sollte. Damit war klar, dass das nicht drei Monate lang laufen würde. Wir haben lange ausschließlich an der Performance gearbeitet und haben uns dann wieder ganz der Installation gewidmet.

Wie wichtig ist es denn für Sie, mit anderen zusammenzuarbeiten? Kentridge: Es geht immer um Zusammenarbeit. Ich suche ja nicht nach Leuten, die bestimmte Fähigkeiten haben, um eine Idee von mir umzusetzen, sondern ich trage Vorschläge an Tänzer, Musiker, Videoschnitttechniker und Maschinenbauer heran, um herauszufinden, wohin diese Zusammenarbeit führt. Das Team kommt vor dem Projekt. Wenn ich über eine Fähigkeit verfüge, dann ist es die, gute Mitarbeiter zu finden. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Tänzerin Dada Masilo? Kentridge: Ich habe einige von ihren Sachen in London gesehen und dachte mir, es wäre interessant zu beobachten, was dabei herauskommt, wenn diese junge, fantastische Tänzerin mit einem um vieles älteren Mann zusammenarbeitet, der nicht tanzen kann. Wie würden die Bewegungen aussehen? Wobei es ja nicht nur um uns beide geht, sondern da noch ein Dutzend anderer Leute auf der Bühne steht. Die Aufführung in Wien wird sich übrigens stark von der unterscheiden, die im November 2012 in Rom zu sehen war: Es gibt neue Musik, neue Videos, ein paar neue Darsteller, andere Szenen. „Refuse the Hour“ ist zwar kein work in progress, aber es wird noch verfeinert, findet erst langsam seine finale Form.

Foto: John Hodgkiss

D

er südafrikanische Künstler, Filmemacher und Regisseur William Kent­ridge ist ein vielbeschäftigter und stark nachgefragter Mann. Bei der Documenta 13 war er im Vorjahr mit der Installation „Refusal of Time“ vertreten. „Refuse the Hour“ ist nun eine für die Bühne ausgelegte Arbeit, die sich aus denselben Quellen, Themen und Motiven speist und Tanz, Film, Vortrag, Musik und Installation miteinander verbindet.


I m p u l s t a n z # 3 0    Es gibt bestimmte Formen und Requisiten, die man leicht als „kentridgesk“ identifizieren kann … Kentridge: Jajaja. Ich versuche ständig, neue zu finden, aber meine Fantasie ist gelähmt. Jedes Mal, wenn ich etwas Neues finde, besteht Grund zum Feiern. In „Refusal of the Hour“ gibt es ein kreuzartiges Gestell mit einem zusätzlichen Querbalken und beweglichen Armen … Kentridge: Das basiert eindeutig auf einem alten Semaphorsystem, mit dem man Nachrichten übermitteln konnte, bevor es Telegrafen gab. Es ist eine Kopie dieser Maschinen; mit dem Unterschied, dass sich die Arme gegenläufig zueinander bewegen – ein bisschen so wie in der Commedia dell’Arte, wo sich die linke Hüfte und die linke Schulter auch eher gegeneinander als parallel bewegen. Was halten Sie von Groucho Marx als Tänzer? Kentridge: Er ist ein fantastischer Tänzer! Alle drei bewegen sich auf eine ganz eigene Weise. Groucho ist übrigens auch ein Thema in „Refuse the Hour“ … Deswegen bin ich überhaupt auf die Frage gekommen: Sie beziehen sich auf die berühmte Spiegelszene aus „Duck Soup“. Kentridge: Die ist genial. Ich habe sie mir oft angesehen. Man muss aber wirklich Groucho sein, um das so gut machen zu können.

Sie haben sich in Ihrem filmischen Werk mehrfach mit Georges Méliès auseinandergesetzt. Welche anderen Regisseure spielen eine Rolle? Kentridge: Auf jeden Fall Dziga Vertov, das animierte Stativ aus „Der Mann mit der Kamera“. Und für die „Lulu“-Inszenierung habe ich mir eine Menge Eisenstein-Filme aus den 1920er-Jahren angesehen. Aber es gibt ein ziemlich breites Spektrum an Künstlern aus der Vergangenheit, mit denen ich fortlaufend im Gespräch bin.

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wohl eher so, dass die Wahrheit unsere Vorstellung von Schönheit verändern kann, als dass sich etwas als wahr erweist, weil es schön ist.

Zur Person:

William Kentridge, geb. 1955, ist ein südafrikanischer Künstler und lebt in Sie beziehen sich auch immer wieder Johannesburg. Mit auf die Agitprop-Ästhetik. seinen Zeichnungen Kentridge: Das war ein wichtiger Teil mei- und Animationsfilmen ner ästhetischen Erziehung und hat damit wurde er zum Weltstar zu tun, dass ich in Südafrika aufgewachsen der bildenden Kunst. bin, wo Politik und Kunst sehr direkt mit- Er hat aber auch eine einander zu tun haben. Schauspielausbildung, inszeniert Theater­ Sie beziehen sich darauf aber nicht in stücke und Opern

kritischer oder satirischer Weise? Kentridge: Nein, nein, nein. Es geht schon auch um die Kraft des utopischen Denkens.

In „Refusal“ wird wiederholt die Parole „Truth is beauty!“ skandiert … Kentridge: „… and beauty truth.“ Das ist mir ständig durch den Kopf gegangen und hat mich in den Wahnsinn getrieben. Kunst hat bestimmt mit beidem zu tun: Schönheit und Wahrheit. Aber wie hängen sie zusammen? Refuse the Hour: Kentridge: Nicht so einfach, wie man das 1., 3. und 4.8., 21.00, gerne hätte – das ist mal klar. Es ist aber Volkstheater

Sind Sie auf Schönheit aus, wenn Sie etwas inszenieren? Kentridge: Ich glaube, dass die Frage „Ist es schön?“ einen nicht besonders weit führt. Man entwickelt ein Vokabular von Bildern, Texten oder Arbeitsweisen und drängt das dann in eine bestimmte Richtung, bis man das Gefühl hat, dass es am meisten ausdrückt. Dann bleibt nur noch zu hoffen, dass es interessant genug sein wird, damit es sich die Leute dann auch ansehen wollen. Ein Kapitel in „Refuse the Hour“ nennt sich „In Praise of Bad Clocks“. Was muss man an falsch gehenden Uhren loben? Kentridge: Die genauen Uhren und die exakte Zeit waren dazu da, die europäische Industrie am Laufen zu halten. Und es ging um die Kontrolle über die Kolonien. In Irland gab es Proteste, weil die Zeit von England aus diktiert wurde. Mittag war nicht mehr, wenn die Sonne im Zenit stand. In „Praise of Bad Clocks“ geht es um den Widerstand gegen die Universalisierung und Globalisierung. Aber natürlich müssen wir im Alltagsleben die Fahrpläne kennen! Es ist also ein Witz und eine metaphorisch artikulierte Sehnsucht, die schlechten Uhren zu loben. Wir wissen alle, dass wir sterben werden, benehmen uns aber so, als würde das nicht passieren. F

We Are the Champignons: Invasion der Schwammerln Grace Ellen Barkey und die Needcompany feiern eine halluzinogene Tanzparty und rufen die Fungi-Revolution aus Text: S a r a S c h a u sberger

F o t o s : U r s u l a K a uf m a n n , M a r c S h o u l

race Ellen Barkey, MitbegrünG derin der Needcompany, hat ein Stück über Pilze gemacht. Und das

ist genau so zu verstehen: „MushRoom“ ist der Titel dieser Inszenierung, und um Mushrooms – also Schwammerln, vor allem die halluzinogenen – geht es darin auch. Die Performer der Needcompany werden in Barkeys Stück allesamt zu Pilzen, die in schwarzen Anzügen und weißen Zipfelmützen den Aufstand proben, die Revolution üben, wild grimassieren und sich einsporig vermehren. Rauschhaft tänzeln die Pilze über die Bühne. Die Forderung der Mushroom-Community: Akzeptanz aller Fungi! Ein Einziger ist kein Mushroom: Juli-

en Faure. Aber sogar er ist drauf wie auf psychedelischen Pilzen. Er beschließt, die Invasion der Champignons zu bekämpfen, und fordert das Publikum dazu auf, jeden Champig­ non aufzuessen, der ihm begegnet. Aber die Fungi sind überall, sprießen ihm aus allen Poren und sind absolut unausrottbar.

Zum Schluss werden die Mush­rooms mit Sporengewehren auf ihn losgehen – „Guerilla-Fungi“ und „HisbollahChampignons“ sind die Schlagworte dieses Terrorangriffs der Schwammerln, die ihre Sporen auswerfen und damit die ganze Welt infizieren wollen. Darin liegt, laut „Mush-RoomManifesto“, auch die Essenz von Theater: im Auswerfen von Sporen und Infizieren. Es ist also nicht verwunderlich, wenn die Pilze ihren Aufstand im Theater üben. Unterlegt wird die rauschhafte Hommage an die hibbeligen Magic Mushrooms, die unausrottbaren Pil-

ze, mit der eigens dafür komponierten Musik der US-Avantgardeband The Residents. Ihre Lieder bewegen sich zwischen Science-Fiction, Orgelklängen und sphärischen Sounds. Zwischen Manifesten, rauschhaften Reden, Gruppengerammel und Mushroom-Vorstellrunden wird getanzt. Die Choreografien sind humorvoll und verlieren dabei nicht ihren ästhetischen Anspruch. Ein Tänzer bewegt sich wie ein unglaublich biegsames Tier über die Bühne und beeindruckt in seiner Akrobatik, die inmitten dieses Pilzrausches nicht aus„MUSH-ROOM“ mit der Needcompany: rauschhafte Hommage an die Magic Mushrooms

MUSH-ROOM: 2.8., 21.00, und 4.8., 19.00, Akademietheater

gestellt wird. Besonders schön ist die Szene, in der sich die Tänzerin SungIm Her im weißen Kokon barbusig zu dramatischer Streichermusik über die Bühne schlängelt. Sie wird aufgehoben, getragen und gedreht, während ein zweiter Kokon leblos am Boden liegt und von den Fungi in ihren weißen Zipfelmützen wiederbelebt wird. Auch das großartige Bühnenbild (Lot Lemm) bleibt in diesem psychedelischen Ambiente ästhetisch zurückhaltend. Riesige, weiße Lampion­ pilze hängen kunstvoll von der Decke. Sie sind an beweglichen Schnüren befestigt, die von den „Mushrooms“ auf und ab bewegt werden können, wodurch ein dynamisches Lampion­ spiel entsteht. Wie ein feuchter Wald ist auch die Bühne immer wieder in dicken Nebel gehüllt. Lichtkreise, die sich psychedelisch am Boden drehen, bleiben farblich dezent. Nie wird es unangenehm grell, was man bei diesem Rausch eigentlich erwarten könnte. Und genau darin liegt die Stärke dieser halluzinogenen Tanzparty, die mit ihren Gesellschafts­ metaphern und in ihrer Sinnentleerung vor allem dreierlei ist: absurd, schön zum Anschauen und sehr, sehr humorvoll. Ein einziger Rausch. F


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Wackel mit dem Beat und beweg deinen Arsch! Getanzter Sex: Die neue Performance von François Chaignaud und Cecilia Bengolea kommt aus dem Underground-Club Text: Sara Schausberger

ie Party ist schon in vollem GanD ge, als das Publikum den Saal betritt. Wie eine Mischung aus Derwisch und Balletteuse drehen sich fünf Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne zu lauter Clubmusik anhaltend im Kreis. Sie tragen grelle Kostüme in schrillen Farben – Ganzkörperanzüge und Plüschminikleider, Sneakers und Hotpants –, ihre Bewegungen sind ekstatisch, ihre Drehungen ausladend. Auf dem weißen Boden verlaufen schwarze Linien, die im Laufe des Stücks zu einem Spinnennetz verschmelzen. Das Tanzstück „altered natives’ Say Yes To Another Excess – TWERK“ vom Choreografenduo François Chaignaud und Cecilia Bengolea beginnt mit der Monotonie der Derwischtänze, setzt diese in Bezug zur Discokultur aus London oder New York und wird zu reinem, getanztem Sex. Zusammen mit dem Tänzer Alex Mugler, der aus der Voguing-Szene kommt, und den beiden zeitgenössischen Tänzerinnen Ana Pi und Élisa Yvelin mischen Chaignaud und Bengolea die Tanzstile wild miteinan-

Ein wilder Mix aus Voguing, Breakdance, Sufi-Tänzen und Twerk

mittel zur gemeinsamen Performance. Nach sieben Jahren Kollaboration hat Chaignaud das Bedürfnis verspürt, ein Solo zu machen. „ДУМИ МОЇ / Dumy Moyi“ ist von den Theyyam-Tänzen in Indien inspiriert, einem hinduistischen Ritualtheater. Durch Kostüme, monumentalen Kopfschmuck, Make-up und den Gesang heiliger Verse geraten die Tänzer in Trance und werden zu den Gottheiten, deren Geschichte sie erzählen. François Chaignaud, der auch Historiker

der, zu coolen Lichteffekten wird ein Mash-up von Voguing, Breakdance, Ballett, Sufi-Tänzen und Twerk betrieben. Auch die Grime-Musik, die live von den DJs Elijah and Skilliam des Londoner Labels Butterz aufgelegt wird, ist eine Transformation verschiedener Stile: Dancehall, Hip-Hop und UK Garage. Twerk heißt: beim Tanzen mit dem Arsch

wackeln. In der Performance wird viel mit dem Arsch gewackelt; akrobatisch und sexy, in Richtung Publikum, synchron und in Solos. Tanz ist hier Mittel zur Kommunikation.

Man merkt Chaignaud und Bengolea ihre Discoerfahrungen an. Immer wieder widmen sich die beiden den Underground-Tanzformen, sehen Tanz in seiner anthropologischen Vielfalt, wie er vor allem in den Clubs zu sehen ist. Dieses Wissen um die Vielfalt ist in dieser beeindruckenden Performance spürbar, und die beiden beweisen: Man kann all das kombinieren, und dabei kommt etwas raus, das äußerst sexy, aufreizend, soulig, akrobatisch, elegant und ekstatisch ist. Chaignauds Solo „ДУМИ МОЇ/Dumy Moyi“, das heuer ebenfalls bei ImPuls­ Tanz gezeigt wird, ist wie das Gegen-

ist, setzt das in Beziehung zu westlichem Theater und unterlegt seine 30-minütige Performance mit ukrainischer, philippinischer und sephardischer Musik. Auch hier soll ein Geflecht entstehen – aus Tanz, Musik, Ritualen und Alkohol. Viermal hintereinander wird „ДУМИ МОЇ / Dumy Moyi“ stattfinden und somit an religiöse Rituale erinnern, fast wie die Derwische im Twerk-Club. F altered natives’ Say Yes To Another Excess – TWERK: 30.7. und 1.8., 23.00, Museumsquartier, Halle G ДУМИ МОЇ / Dumy Moyi: 27.7., 16.30, 18.00, 22.45 und 23.55, Volkstheater (Bühne)

Hauptsache, der Kitsch stimmt Der belgische Choreograf Ives Thuwis erarbeitet „Love Songs“ mit jugendlichen Darstellern zwischen 14 und 20 he loves“ oder „Zeige deine schönste oder deine hässlichste Seite“. Gute Ergebnisse lässt er in das Stück direkt einfließen.

Probenbericht: B e tti n a H a g e n

Fotos: Emile Zeizig, Ani Anatovk a

or einem halben Jahr – an jenem V Wintertag, als in Wien der meiste Schnee in der kürzesten Zeit fiel –

fand das Casting für „Love Songs“, ein Tanzstück des Choreografen Ives Thuwis für Jugendliche, statt. Seither wird in regelmäßigen Abständen für die Uraufführung im Dschungel geprobt. Thuwis hat von 1992 bis heute an die 40 Stücke geschaffen. Durch seine Kollegin Eva Bal fand er zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Sein Stück „Mannen“ für das berühmte Genter Jugendtheater Kopergietery, das 2001 auch im Wuk zu sehen war, bescherte ihm einen Überraschungserfolg und führte zur Intensivierung seiner Arbeit mit Jugendlichen. Schon vor zwei Jahren hat Thuwis bei ImPulsTanz ein Atelier mit abschließendem Showing zum Thema „Love Songs“ geleitet. Die Lust auf mehr ist geblieben. Wenn Thuwis einen jungen Menschen

beim Casting auf der Bühne sieht, muss der berühmte Funke überspringen. Wichtiger als technische Mög-

„Love Stories“ von Ives Thuwis: „Ich destilliere Szenen aus Situationen“

lichkeiten seien Kreativität, das Mitgehen und Mitdenken in seiner „Tanztheatersprache“, erklärt der Choreograf im Gespräch mit dem Falter. Thuwis versteht sich nicht als Pädagoge, obwohl er in Frankfurt zurzeit erstmals an einem großen Schulprojekt arbeitet – er nennt es schmunzelnd sein „Rhythm Is It!“. Das Thema, das ihn und die Schüler ein Jahr begleiten wird, ist die Parade. „Love Songs“ soll leicht und positiv werden. „Meine Methode ist,

dass ich Szenen aus Situationen des­ tilliere, manchmal braucht es Sprache, ich setze sie aber als Choreografie ein. Die Texte können sehr persönlich sein, die Musik kommt von mir. Sie muss mir schließlich gefallen, aber ich möchte so offen wie möglich anfangen, es wäre sogar denkbar, dass alles am Ende ohne Musik abläuft.“ In einer Probe folgt auf das Aufwärmen und eine kleine Tanzchoreografie eine Aufgabe für jeden Einzelnen, etwa „Each man kills the thing

Grundsätzlich fällt es Kindern leichter, sich zu bewegen, aber hier sind Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren gefragt. Wenn Jugendliche sprechen, wirken sie schnell künstlich, obwohl sie in der Probensituation lieber reden, um sich Distanz zu schaffen. In der Bewegung ist das Scham­gefühl größer. So jung die tanzenden Akteure sind, so kurzlebig und wandelbar ist ein Stück mit Jugendlichen. Sie schöpfen aus sich selbst, und was immer in einem Probenprozess, der sie auch mitreißt und verändert, herauskommt, wäre ein Jahr später schon völlig anders. Bei einem Thema wie „Love Songs“ darf man eigentlich keine Angst vor Kitsch haben. Und Thuwis mag Kitsch – solange er wahrhaftig ist. Das ist wohl auch das Geheimnis, warum das mit Jugendlichen so gut funktioniert. F Love Songs: 23., 24. und 25.7., 19.00, Dschungel Wien


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Impulstanz #30

Ferienlager mit Tanz Und jetzt alle: ein Besuch beim WorkshopFestival im Arsenal, im pulsierenden Herzen von ImPulsTanz R e p o rta g e : S ara S c hausb e r g e r

Tanzböden und großen Fensterfronten. Für vier Wochen dreht sich in den insgesamt elf Studios im Arsenal alles ums Tanzen. Wenn die Schiebewand zu einer der Lagerhallen nach außen hin geöffnet ist, die Clubmusik durchs Arsenal schallt und ein Haufen Leute in Leggings in der VoguingKlasse von Clublegende Archie Burnett vor überdimensional großen Spiegeln übertriebene Posen macht, die an Topmodels erinnern, dann könnte man glauben, man wäre in einem Hinterhof in Brooklyn gelandet. Die Standardphrase beim Voguing, das in den 90er-Jahren vor allem durch die Nummer „Vogue“ von Madonna bekannt wurde, ist immer wieder im Saal zu hören: „Strike a pose!“

Im Tanzsaal nebenan, auch hier sind die Türen geöffnet, das Kontrastprogramm: Ein Pianist sitzt am Klavier und spielt klassische Melodien, während die Lehrerin ihren Schülern an der Stange Anweisungen gibt. Hier wird Ballett für zeitgenössische Tänzer unterrichtet, und man sieht sofort, dass hier Profis am Werk sind. In einem der „Internal-Workshops“ wird kon-

zentriert nach innen, den Organen, gelauscht, in einer anderen Klasse werden Ton­brocken geknetet, während im Saal gegenüber in ausladenden Gesten über den Tanzboden gefegt wird. Schwitzende, durchtrainierte Körper, Menschen in Rollstühlen, junge und alte Leute, Profis und Anfänger,

Foto: Judith Lutz

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inen besseren Ort als das Arsenal kann man sich zum Tanzen nicht vorstellen. Seit zwölf Jahren finden hier die Workshops von ImPulsTanz statt. Jenseits des Gürtels, im dritten Wiener Gemeindebezirk, nahe dem neuen Hauptbahnhof, liegt das großflächige ehemalige Militärgelände Arsenal mit seinen roten Backsteinbauten. Da, wo unter dem Jahr die Bühnenbildwerkstätten und Probe­räume von Burgtheater und Staatsoper sind, wird im Sommer zeitgenössisch über den Boden gerollt, in Yogastellungen verharrt, stylish vor dem Spiegel posiert oder zu afrikanischen Trommelrhythmen getanzt. Aus Tischlerei, Schlosserei und Malersaal werden im Juli und August riesige Tanzsäle mit


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Mehr als 210 Workshops hat ImPulsTanz 2013 im Angebot – auch für Anfänger bei Im­ PulsTanz vier Wochen lang Tanz zu sehen ist, bietet das Workshopprogramm des Festivals die Möglichkeit, im Arsenal selbst das Tanzen zu lernen. Über 210 Workshops werden heuer angeboten, davon 90 für Neueinsteiger. Das Angebot ist vielfältig, und es unterrichten auch Größen, die am Vorabend beim Performancefestival noch auf der Bühne gestanden sind. Die Quantität des Festivals sei auch seine Qualität, meint Rio Rutzinger, künstlerischer Leiter des Workshopprogramms, der die Lehrenden gut auszuwählen weiß. Nicht jeder könne mit Anfängern gut arbeiten. Den Jargon, der im professionellen Tanzbereich herrscht, herunterzubrechen, sei gar nicht so einfach. Genau das sei aber auch das Spannende an der Arbeit mit Amateuren, die viele Profis im Laufe der Jahre zu schätzen gelernt haben. So auch die international bekannte Solokünstlerin und Dozentin Risa Steinberg aus New York, der es in ihren Modern-DanceWorkshops glückt, Disziplin und Leichtigkeit zu verbinden. Zu Beginn musste Rutzinger Steinberg noch überreden, mit Anfängern zu arbeiten, mittlerweile sind die Beginner-Klassen ihre Lieblingskurse. Auch die belgische Startänzerin Samantha van Wissen, die bei Anne Teresa De Keersmakers Compagnie Rosas tanzt, bietet seit mehreren Jahren Kurse für Anfänger an. In ihrem Workshop geht es vor allem darum, Körpervertrauen zu schaffen und erstarrte Bewegungsmuster aufzulösen. Den eigenen Körper besser kennenlernen, das ist auch bei Kerstin Kussmaul das Wesentliche – „Gravity happens – The principles of movement“ ist die perfekte Einstiegsklasse für zeitgenössischen Tanz. Der Kurs „Contemporary Technique“ des „supersympathischen“ Peter Jasko ist eine besondere Empfehlung von Rio Rutzinger. Eine Mischung aus Kitsch, Technik und Lebenslust versprüht die Bollywood-DanceKlasse des Choreografen Terence Lewis. Die Fusion aus klassisch indischen und westlichen Stilen wie Hip-Hop und Funk ist glamourös, bunt, dramatisch und laut. Mit Maurizio Ghellas und Martin Maldonados Workshop „Connection Tango: Primary Element“ ist der klassische argentinische Tanz vertreten. Das Paar unterrichtet eine Melange aus Tango Argentino und Elementen des zeitgenössischen Tanzes. ::  Während auf den Wiener Bühnen

Fotos: Judith Lutz

Impressionen aus den Workshops bei ImPulsTanz: Das Angebot ist vielfältig, es unterrichten hier auch Choreografen, die am Vorabend noch beim Performancefestival aufgetreten sind

sie alle bewegen sich mit großer Selbstverständlichkeit durch die Räume des Arsenals. Manchmal ist die Stimmung konzentriert, manchmal sehr ausgelassen. Manchmal ist Musik zu hören, manchmal ist es ganz still. In den sogenannten „Repertory-Klassen“ ist das Ziel, zehn Minuten einer Choreografie zu erlernen, die es im Performance­ festival zu sehen gibt. Eine Woche lang wird mit einschlägigen Choreografen zusammengearbeitet. Es gilt, nicht nur einen Teil des Stückes physisch zu erarbeiten, sondern auch über die Hinter- und Beweggründe zu sprechen. Fortsetzung nächste Seite

impressions 13: 14.7., 16.00, Arsenal (Eintritt frei!) expressions 13: 10.8., 16.00, Arsenal (Eintritt frei!) Workshopphasen: Week 1: 15. bis 19.7. Intensive 1: 20. & 21.7. Week 2: 22. bis 26.7. Intensive 2: 27. & 28.7. (IDOCDE-Symposium) Week 3: 29.7. bis 2.8. Intensive 3: 3. & 4.8. Week 4: 5. bis 9.8.

„Traditionell“ wird es beim Schuhplatteln (!) mit Alessandro Sciarroni und in Laia Fabres und Thomas Kasebachers Workshop „this is so f*** dance!“, in dem eigene traditionelle Volkstänze erschaffen werden sollen. Tanzen wie im Musikvideo lernt man bei Daybee Dorzile, die unter anderem mit Seeed, David Guetta und Mariah Carey gearbeitet hat und Elemente aus Disco, Funk, R&B und Hip-Hop mischt. „Hot stuff!“, meint Rutzinger. „Strike a pose“ heißt es in den Voguing- und Waacking-Workshops der New Yorker Clublegende Archie Burnett. Sein Motto: „Der Club ist ein Lebensstil, kein Zeitvertreib.“ Es muss aber nicht immer tanzend zugehen beim ­ImPulsTanz-Festival, auch wenn Bewegung und Körper durchwegs zentral bleiben. Ruhiger gehen es die Body-WorkKlassen an. In Adriana Almeida Pees Workshop „BMC-movements rebalancing“ wird ein Dialog zwischen Bewusstsein und Handeln hergestellt, ein ausgeglichener Bewegungssinn entdeckt und die eigene Bewegung reorganisiert. Auch die türkische Tanz-Aktivistin Defne Erdur stellt die ­Verbindung zwischen Emotion und Körper her und stärkt damit das physische und mentale Grundgerüst der Teilnehmenden. Der Titel von Malcolm Mannings Workshop „Body school – How to sit at a desk, work at a computer and maybe even enjoy it!“ sagt schon alles. In diesem Intensivkurs erhält man ein Bewegungswerkzeug, das man am folgenden Montag in den Büroalltag mitnehmen kann. Die in Zusammenarbeit mit dem Dschungel Wien kuratierte Sommerakademie für junges Publikum wurde heuer ausgebaut. Insgesamt gibt es im Dschungel neun Ateliers, in denen Kinder und Jugendliche über einen längeren Zeitraum mit Choreografen und Regisseuren zusammenarbeiten, sowie zahlreiche Workshops für alle von vier bis 17. Auch das Programm für die über 55-Jährigen mit dem schönen Titel „Golden Age“ ist mittlerweile ein fester Bestandteil des Festivals. Und wer noch nicht weiß, ob er selber mittanzen will, kann einfach im Arsenal vorbeikommen und sich das Ganze einmal anschauen. Überall, wo kein „Do not disturb“-Schild dranhängt, darf man sich reinsetzen, zuschauen und mitspüren.

S ara S cha u sb e rg e r


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Impulstanz #30 Workshopfestival im Arsenal: Es soll vor allem Spaß machen

Wer bastelt mit? „A Future Archeology“ lädt zum angewandten Nachdenken ein

werden. Dabei sollen Produktions- und Diskussionsräume entstehen. Aber eigentlich bildet das physische und reale Bauen nur den Hintergrund von „A Future Archeology“, wo das Bauen an einer Gesellschaft im Mittelpunkt steht und Demokratisierungsprozesse diskutiert werden. Ausgangspunkt für das internationale Raum- und Performance-Projekt, bei dem europäische und ägyptische Künstler aus den Bereichen Choreografie, Dramaturgie und Architektur für vier Wochen aufeinandertreffen, war der Arabische Frühling. Vier verschiedene Research-Projekte laden im Rahmen von „A Future Archeology“ zum Mitmachen ein. In Silke Bakes und Igor Dobricics Workshop „Furnishing the group“ werden die Teilnehmer dazu aufgefordert, aus gefundenem und mitgebrachtem Material Tische und Stühle zu bauen, um dabei die Parameter des gemeinsamen Arbeitens zu erforschen. Die Architektin Bettina Vismann und die Choreografin Lisa Hinterreither gehen in „Between Space and Politics“ der Frage nach, mit welchen Dingen wir uns umgeben. Und während Ismail Fayed und Adham Hafez aus Kairo sich in einem sehr körperlichen und tänzerischen Workshop demokratischen kollektiven Ideen und dem Thema Identität widmen, gehen Chris Standfest und Peter Stamer anhand von theoretischen Texten auf die Wechselverhältnisse zwischen sozialen Konfigurationen und ihren ästhetischen Versprechen ein. SS ::  Es soll gebaut, gehämmert und gesägt

Fortsetzung von Seite 29

Symposium: The return of the idocs Die europaweite Plattform IDOCDE lädt von 26. bis 28.7. Tanzlehrende, Studierende und Forschende zu einem Symposium ins Arsenal. Dabei soll Wissen ausgetauscht, aber auch gefeiert werden Info: www.idocde.net

Die Repertory-Klassen liefern eine Basis zum Austausch zwischen Künstlern und Publikum. Die Distanz, die normalerweise zwischen Bühne und Zuschauerraum herrscht, soll aufgehoben werden, innerhalb eines Workshops ist man vielmehr auf gleicher Augenhöhe. Die Künstler, die bei ImPulsTanz zu Gast sind, werden dazu eingeladen, an Klassen teilzunehmen oder welche zu unterrichten. Der Wunsch nach Austausch zieht sich durchs ganze Festival. Nicht nur im Arsenal, sondern auch bei den Partys und in der ImPulsTanz-Lounge sollen Räume geschaffen werden, wo eine Möglichkeit zur Interaktion geboten wird; ImPulsTanz will das Starsystem unterlaufen, und das Arsenal ist dafür der ideale Treffpunkt. Mehr als 3000 Leute aus über 90 Nationen kommen hier im Sommer einen Monat lang zusammen, um miteinander zu tanzen und sich auszutauschen. Man entspannt sich im Innenhof dieser kleinen Oase im Dritten, wodurch eine Mischung aus Tanzund Ferienlagerstimmung entsteht. Es gibt Essen und Trinken (vom Caterer Francophil), eine eigene Kinderbetreuung und eine Fahrradwerkstatt. Im Arsenal trifft alles zusammen, nur die Kinderworkshops finden nicht hier, sondern im Dschungel im Museumsquartier statt. Ursprünglich war ImPulsTanz ein reines Workshopfestival, mittlerweile ist das

Performancefestival weitaus bekannter. Dabei ist das Kurs­programm noch viel größer. Anfänger, Fortgeschrittene und Profis, Junge, Alte und alle dazwischen haben hier die Möglichkeit, über 210 Tanzklassen zu besuchen. Für Rio Rutzinger, den künstlerischen Leiter des Workshopprogramms, ist es eine generelle Qualität im zeitgenössischen Tanz, dass geschaut wird, wo jemand steht, wo man jemanden abholen kann. Während im klassischen Ballett noch alle gleich sein mussten, ist das im zeitgenössischen Tanz gar nicht mehr so. Es ist klar, dass ein großer, schwerer Mensch eine andere Dynamik erzeugt als jemand, der klein und leicht ist, dass aber jeder seine ganz eigenen Qualitäten hat. Und gerade in den Workshops muss nichts perfekt sein, es soll vor allem Spaß machen. Es ist eine eigene Stimmung, die während des ImPulsTanz-Festivals im Arsenal entsteht, wo die Lust an Bewegung generiert und die Individualität gefördert wird, sei es mit den Klassikern Modern, Jazz oder Ballett, sei es mit Ausdrucks- oder zeitgenössischem Tanz, sei es in den integrativen Tanzklassen, mit Pilates, Hip-Hop, Bollywood oder Voguing. Die Atmosphäre ist energiegeladen. Selbst wenn man selber nicht mittanzen will, lohnt es sich, einmal vorbeizuschauen und einen Blick in die großen Weiten des Arsenals zu werfen. F

Fotos: A Fu t ur e Archeolog y, K ar l KOschek , Judit h Lu t z (2)

Vom physischen Bauen an einer Gesellschaft: „A Future Archeology“


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House, Soul, Disco – und das größte Orchester der Welt Das Tanz- und Performancefestival ist auch die längste Party des Jahres: ImPulsTanz soçial macht jede Nacht zum Tag Partyservice: Katharina Seidler

ecause of you“, alles für und weB gen euch, so lautet heuer das Motto der Festival-Lounge von ImPuls­

Tanz. Während das Festival seine 30. Ausgabe erlebt, steht die dazugehörige Lounge im Vestibül des Burgtheaters vor ihrer zehnten Ausgabe und bedankt sich mit der Parole „Because of you“ bei den Besuchern, die ihrem Abendprogramm jahrelange Treue gehalten haben. In Kooperation mit Radio ­Superfly 98.3 werden Indoor- und Outdoor-­ Bereich allabendlich von DJs aus dem ImPulsTanz-Umfeld bespielt. Zahlreiche Superfly-Hosts ­gehören ebenso dazu wie eine Riege an Musikern und DJs des heimischen Avantgarde-Elektroniklabels Affine Records, die Houseund Funk-Spezialisten des Love Movement Clubs oder Crazy Sonic & Ken Hayakawa von der Techno-Institution Crazy im Flex. Darüber hinaus gibt es in der Lounge

immer wieder die Gelegenheit, die Künstler des ImPulsTanz-Festivals selbst beim Ausprobieren ihrer DJSkills zu erleben. Zudem wird der

Kaum zu glauben, dass hier normalerweise Theater gespielt wird: ImPulsTanz-Party im Kasino am Schwarzen­ bergplatz

Tänzer und Choreograf Marco Berrettini mit seiner experimentellen Elektropopband Summer Music, die er gemeinsam mit Samuel Pajand und unter Mitwirkung der Tanzkollegin Marie-Caroline Hominal ins Leben gerufen hat, am 10. August ein Spezialkonzert geben. Am 21. Juli messen sich Künstler und Festivalmitarbeiter beim gemeinsamen Karaoke-Wettbewerb; am 22. Juli präsentieren Wolfgang Schlögl und Paul Divjak mit einem Liveauftritt ihres „Bee Pop“-Projekts das größte Orchester der Welt, dessen Klang sich

aus Millionen von gesampelten Bienengeräuschen zusammensetzt. Neben der Festival-Lounge finden im Lauf des ImPulsTanz-Sommers auch wieder zwei große Partys im Kasino am Schwarzenbergplatz statt. Am 19. Juli spielt dort die junge rumänische Band Moonlight Breakfast. Auf seinem im vergangenen Sommer erschienenen Debütalbum „Shout“ kombiniert das Quartett Elemente aus Swing, Soul, Jazz und Electro zu einer funky Mischung, die sich mit koketten Klarinettenmotiven in Richtung 40er-Jahre an den Hut

tippt und mit der cremigen Stimme von Sängerin Christie vor dem modernen Soul von Künstlerinnen wie Amy Winehouse verneigt. Die Musik bei der danceWEB-Party am

9. August kommt von den DJs Zorillah und Kido Soon sowie dem Liveact Davidecks & Drums. Der Radiomoderator und DJ Kristian Davidek und der Musiker Daniel Schreiber kombinieren in diesem Projekt Techno- und House-Beats bekannter Tracks sowie eigener Produktionen mit der treibenden Kraft des Schlagzeugs. Die Livequalitäten ihres Sets können bis zur Party bei vereinzelten Auftritten wie etwa beim renommierten deutschen Techno-Festival Fusion erprobt werden. Im Rahmen der Party findet außerdem eine Voguing-Competition zum Thema „Austria – past and present“ statt, bei der die Tänzer als Sisi, Mozart oder Mundl verkleidet gegeneinander antreten. F ImPulsTanz-Party: 19.7., 22.00, Kasino danceWEB-Party: 9.8., 22.00, Kasino ImPulsTanz Festival-Lounge: Burgtheater-Vestibül, ab 9.7., täglich ab 22.00

Sie lässt sich wieder überraschen Die Tänzerin Silke Grabinger macht sich abermals zur „Versuchsperson“ für fünf – diesmal internationale – Choreografen Text: Sara Schausberger

Fotos: Judit h Lu t z , Dav e S t. Pier r e

ilke Grabinger geht den umgekehrten Weg. Anstatt von AudiS tion zu Audition zu ziehen und sich

von Choreografen als Tänzerin engagieren zu lassen, engagiert sie als Tänzerin die Choreografen, mit denen sie gerne arbeiten möchte, selber und bittet diese, ein Solostück für sie und mit ihr zu entwickeln. Es ist die Umkehrung einer vorherrschenden Regel im Tanz- und Performancebetrieb. Und es ist nun schon das zweite Mal, dass die Österreicherin Grabinger dieses Experiment startet. „Versuchsperson Silke Grabinger 2.0“ ist die internationale Fortsetzung von „Versuchsperson Silke Grabinger“, bei dem die Tänzerin mit in Österreich lebenden Künstlern zusammengearbeitet hat und das beim ImPulsTanz-Festival 2011 zu sehen war. Grabinger, die ursprünglich vom Breakdance kommt, wird darin zum Spielball von verschiedenen Choreografen, die jeweils zehnminütige Einzelstücke mit ihr entwickeln, die in einem gemeinsamen Abend zusammengefasst werden.

Silke Grabinger lässt sich fünf kurze Stücke auf den Leib choreografieren

Der rote Faden ist die Tänzerin selber. Sie ist das verbindende Glied, das sich durch den Performance-Abend zieht, der für alle Beteiligten zur Überraschung wird. Erst bei der Uraufführung werden die einzelnen Stücke miteinander verbunden, davor kennt keiner die Arbeit des jeweils anderen. In welcher Reihenfolge und Dramaturgie

die Stücke gezeigt werden, liegt allein bei Grabinger, die bis zum Schluss die einzige ist, die alle Stücke kennt. Auch wenn die Choreografen in ihren Inszenierungen mit ihr machen können,

was sie wollen, dieser kleine Rest von Selbstbestimmtheit bleibt in diesem experimentellen System erhalten. Für „Versuchsperson Silke Grabinger 2.0“, das heuer bei ImPulsTanz uraufgeführt wird, hat die Performerin mit den kanadischen Choreografen Dave St-Pierre und Benoît Lachambre, dem New Yorker Trajal Harrell, dem deutsch-belgischen Duo Astrid Endruweit & Michael Laub sowie dem österreichischen Filmregisseur Arash T. Riahi fünf Einzelstücke erarbeitet. Die Künstler, allesamt Leute, mit denen Grabinger gerne zusammen-

arbeiten wollte, unterscheiden sich wesentlich. Trajal Harrell kommt aus der New Yorker Voguing-Szene, mit Dave St-Pierre hat die Tänzerin in der Cirque-du-Soleil-Produktion „Love“ zusammengearbeitet, und Arash T. Riahi hat mit Silke Grabinger eine Filmarbeit mit einem politischen Statement entwickelt. Die Brüche zwischen den einzelnen Miniaturen sind hart, die einzelnen Performances stehen zueinander in starkem Kontrast. Es werden fünf neue Perspektiven auf die Person und Tänzerin Silke Grabinger eröffnet, die im Konzept der Version eins noch fehlten. Eine dritte Reihe ist geplant, mit fünf Choreografinnen. Während in „Versuchsperson Silke Grabinger 2.0“ bis auf Astrid Endruweit nur Männer am Werk sind, sollen es beim dritten Mal ausschließlich Frauen sein. „Versuchsperson Silke Grabinger“ ist ein Experiment, das vor allem für die Versuchsperson selbst zu überraschenden Ergebnissen führt. Für Grabinger bietet es eine Möglichkeit, ihre performative Vielfalt zu entdecken. F Versuchsperson Silke Grabinger 2.0: 3. und 5.8., 21.00, Odeon


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Alana, 5 Kindergarten

Martin, 8 Volksschule

Rechnen und Lesen, Fußball und Spaß: klug über den Tag verteilt. So sieht der Schultag von Martin an einem Campus-Standort aus, wo auch Schwester Alana in den Kindergarten geht. Denn im „Wiener Campus“-Modell werden Kindergarten-, Schul- und Freizeitpädagogik an einem Standort zusammengefasst. Wien hat bereits drei CampusStandorte errichtet. Der Bildungscampus Hauptbahnhof ist in Bau, der Campus aspern Seestadt in Planung. Infos Wiener Campusmodell und Schulneubauprogramm: www.wien.at


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„So habe ich Nacktheit noch nie erlebt“ Die Choreografin Doris Uhlich will mit 20 nackten Tänzerinnen und Tänzern das Leben feiern Interview: W o l f g a n g K r a lic e k

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ie oberösterreichische Choreografin und Performerin Doris Uhlich gehört zu den interessantesten Künstlerinnen der Wiener Tanzperformanceszene. In ihren Stücken arbeitet sie gern mit Laien (etwa ihrer Mutter), strenge Form trifft darin auf das wahre Leben. Ihre Auseinandersetzung mit den Codes und der Welt des Balletts gipfelte zuletzt in der Performance „Come Back“, in der Ballettpensionistinnen auftreten. Das neue Stück „more than naked“, das bei ImPulsTanz uraufgeführt wird, ist sozusagen hausgemacht: Das 20-köpfige Ensemble besteht großteils aus Teilnehmerinnen und Teilnehmern des gleichnamigen Workshops, den Uhlich 2011 und 2012 bei ImPuls­Tanz leitete.

Die Choreografin Doris Uhlich wird in „more than naked“ als DJ auf der Bühne sein. Allerdings wird sie dann deutlich weniger anhaben

Was bedeutet eigentlich „more than naked“? Uhlich: Der nackte Körper ist mehr als nackt, wenn er sich innerhalb von 20 anderen bewegt. Er produziert Gegenwärtigkeit, auch einen gesellschaftspolitischen Moment. Spaß zu erleben ist doch wirklich wichtig! Ich finde nackte Körper ja schön, oft viel schöner als angezogene. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass es da was gibt, was schon noch einmal anders berühren kann, im wahrsten Sinn des Wortes. Die Zuschauer sind ja nie nackt, du unterscheidest dich in dem Moment total von ihnen.

Falter: Wie kam es zu dem Workshop „more than naked“, aus dem nun das Tanzstück „more than naked“ wird? Doris Uhlich: Es war eine Marktlücke: Einen Kurs in Nackttanz gab es noch nicht. Außerdem versuche ich zu jedem meiner Stücke einen Workshop anzubieten, und „more than naked“ war der Workshop zu meiner Performance „more than enough“. Das war übrigens mein erster Workshop für Profitänzer, vorher hatte ich immer nur mit Laien gearbeitet.

Foto: Andrea Salzmann

Was haben sich die Teilnehmer erwartet? Uhlich: Ich glaube, sie waren einfach neugierig. Zum Beispiel kamen drei junge Frauen, die auf der Bühne noch nie nackt waren und sich gedacht haben: Da können wir das einmal ausprobieren. Als Tänzer kommst du sowieso irgendwann zu dem Punkt, wo du dich fragst: Was tanzt denn da? Was ist dieser Körper? Grundsätzlich muss der Tänzerkörper ja stählern sein, da darf nichts wackeln. Ich aber sage: Schütteln wir uns einmal wieder ordentlich durch! Da kommt dann mehr in Bewegung als das Fleisch, da werden auch Emotionen ausgelöst. Wir haben uns auch gefragt: In welcher Tradition steht das? Schließt man da an die Hippiezeit an? Hat es was mit der Hippiezeit zu tun? Uhlich: Ich glaube schon. Ich habe da jetzt so Slogans erfunden: „Let’s party our body!“ oder „Let’s popo the city!“ Die Hippies haben gesagt: Politiker, schaut her, mein privater Körper muss Teil eurer Diskussion sein! Da geht es nicht um Gender oder Mann/ Frau, da geht es darum zu sagen: Du bist ein Fleischmensch! Du könntest nicht einmal denken ohne deinen Kör-

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen kitschig, aber du siehst das und denkst dir: Ich sehe, wie Leben ausschauen könnte. Leben! Da ist so eine Lebendigkeit drinnen, wie ich sie im Tanz noch nie gesehen habe. Eine Tänzerin hat im Workshop einmal gesagt: „Oh, my flesh is having fun!“

Ist Erotik auch ein Thema? Uhlich: Wir haben schon darüber geredet, aber im Stück wird das eher kein Thema sein. Es ist aber nicht verboten, das Stück erotisch zu finden? Uhlich: Nein, aber in den Workshops haben wir lustigerweise nie wirklich Erotik erlebt. Bei den Männern würde man es ja sehen. Ist aber nicht passiert.

more than naked: 5.8., 21.00, und 7.8., 23.00, Museumsquartier, Halle G

per, und du feierst ihn jetzt einmal. Und ich glaube schon, dass man sich auch 2013 noch von Dingen befreit, wenn man sich auf der Bühne nackt auszieht.

Uhlich: Bei „more than naked“ sind

Gibt es denn keinen Unterschied zu den 1960er-Jahren? Uhlich: Ich glaube, die 68er sind noch nicht vorbei. Durch diese unsichtbare Krise und diese ganze Schwarzmalerei suchen die jungen Leute nach so einem motivierenden Zeitgeist. Die IchAGs werden aufgelöst, man sucht wieder die Gruppe.

Wie ist die Idee entstanden, aus dem Workshop ein Stück zu machen? Uhlich: Was da passiert ist, war fast unerklärlich. Das hat so eine Kraft produziert! Schon beim ersten Workshop haben die Leute nachher gesagt: „Doris, bitte arbeiten wir weiter, wir müssen was daraus machen!“ Im nächsten Jahr war es dann genauso. Bei diesen Workshops haben mich zum ersten Mal auch zeitgenössische, trainierte Körper interessiert.

Und wie kann der nackte Körper da helfen?

20 Leute auf der Bühne, mit mir 21. Es geht also um einen Gruppenkörper. Ohne Kleider ist man sich halt auch ähnlicher.

Es gibt derzeit ja generell ziemlich viele Nackte auf den Bühnen. Uhlich: Das ist eine Invasion von Nackerten! Ich hab mich schon gefragt: Braucht’s mein Stück überhaupt noch? Aber es geht halt wirklich über eine bestimmte Nacktheit hinaus. Ich habe schon viele Nackte gesehen. Aber so wie in diesem Projekt hier habe ich Nacktheit noch nie erlebt. Das hat so was Lustvolles! Mein heimlicher Traum wäre, dass sich die Zuschauer am Ende des Stücks auch alle ausziehen. Was haben Sie in den Workshops über Nacktheit gelernt? Uhlich: Mir war plötzlich klar, was Gegenwartstanz ist. Dass es nichts Gegenwärtigeres gibt als den nackten Körper auf der Bühne. In „more than naked“ geht es darum, nichts zurückzuhalten, sondern alles zu geben. Keine Spargesellschaft! Raus damit! Es geht nicht um Ästhetik, sondern um den Menschen an sich. Da rockt der Mensch so. Das ist wie ein Musikvideo, wo du dir denkst: Meine Güte, ist das geil! Gut, dass es das gibt! F


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Impulstanz #30

Essay: E l f i O be r h u be r

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Sommer des ewigen Frühlings Der Anti-Ballett-Klassiker „Le sacre du printemps“ ist eine Inspirationsquelle, die einfach nicht versiegt

Das Thema Sex und Kunst spitzt der ex-

Wie sie bricht Ismael Ivo mit den jun-

gen Tänzern seines Weiterbildungsprojekts Grupo Biblioteca Do Corpo in „NO SACRE“ den Gegensatz von Verstand und Instinkt, der von konfessionellen Religionen aufgestellt wird, wonach die Moral des Menschen die Triebe bändigen muss, was denn auch heißt: opfern = töten. Für den brasilianischen Tanzstar, der sich selbst den rituellen Tanz über eine Auseinandersetzung mit Butoh zeitgenössisch einverleibt hat, sodass ihn auf der Bühne stets eine Aura der Trance umgibt, geraten so Täter wie Opfer in einen Kampf um ihre Identität: „In jedem einzelnen Tänzerkörper steckt ein Gott aus Empfindungen, Gefühlen und kollektiven Antworten auf seine Umgebung.“ Er strahlt umso stärker, je höher der Druck von außen ist. Denn dann müssen sich die Urinstinkte dem Bewusstsein von Leben und Tod, dem unvermeidlichen Kreislauf der Zerstörung stellen. Das zeigt sich in ei-

ner Tanzsprache der selbstreflexiven Stimmung. Wer ist also der Täter, wer das Opfer, und wie sehen sie im kollektiven Ritual der komplexen Moderne aus? Um Strawinskis Naturgewalt zu unterstreichen, mischt Ivo sie mit Geräuschmusik von Andreas Bick mit ausbrechenden Vulkanen und krachenden Eisbergen. Der aus Bangladesch stammende Brite Akram Khan dagegen ersetzt Strawinski in „iTMOi (in the mind of igor)“ zur Gänze durch einen spannungsgeladenen Rock-Dröhn-Sound mit indischen Rhythmen von Nitin Sawhney, volkstümlichen Zitaten von Jocelyn Pook und industriellem Techno von Ben Frost und verwendet die musikalischen Muster des Originals, die die Klassik veränderten, für seine Choreografie. „Diese Muster, die in der Geschichte der Frau, die tanzt bis sie stirbt, verwurzelt sind, erzeugen die Emotionen, nicht die Expressivität“, meint er. Die realen Einflüsse Strawinskis abstrahiert der Choreograf zu „seiner“ fantastischen Geschichte aus zeitgenössischem Tanz, Flamenco, Derwisch, Kathak und Butoh: Das Schicksal der darin vorkommenden Menschen ist geprägt durch den Gefahrenbereich „Leben, Bruch, Tod“. Eine Frau muss einer überdimensionalen Eisenkugel ausweichen, unheimliche Dämonen versuchen mit Orkanstärke den geschnürten Körper eines Mannes zu zerreißen, ein gehörntes Biest schleicht umher, ein halb unschuldiges, halb sexhungriges Mädchen stellt sich auf Befehl einer rituell dirigierenden Königin dem Tanz des Todes und opfert sich für die Schaffung einer gequält-geschundenen Künstlerkreatur.

Gleich wird der Künstler von seiner Muse geküsst: „Prêt à baiser“ von Olivier Dubois

Prêt à baiser (Olivier Dubois): 11.7., 21.30, Odeon iTMOi (Akram Khan Company): 20. und 22.7., 21.00, Museumsquartier, Halle E DeSacre! (Christine Gaigg): 24. und 25.7., 19.30, 26.7., 19.30 & 21.30, St.-Ursula-Kirche

NO SACRE (Ismael Ivo & Grupo Biblioteca Do Corpo): 9. und 10.8., 21.00, 11.8., 19.00, Odeon Rite of summer (Trajal Harrell & Pro Series Participants): 11.8., 21.00, MuTh

pressive Franzose Olivier Dubois in abgründiger Leidenschaft zu. Sein Duett „Prêt à baiser“ („Ready to Kiss“) verschweißt zwei Männer: einen Künstler und seine Muse, die allerdings selbst den Künstlerstatus im ewigen Ruhm anstrebt. Deren Kuss will also nur eines: töten. Mit dieser gefährlichen Energie weiterwachsen kann indessen er als Künstler … Wie Kunst zur richtigen Zeit zum anhaltend-spektakulären Skandal wird, interessiert Christine Gaigg in ihrer dokumentarischen Performance „DeSacre!“. Zum Polit­skandal ist es nicht weit, wenn Werte einer gesellschaftlichen Macht verletzt werden, die woanders längst überholt sind. Einen solchen löste die von Gaigg und ihren Tänzerinnen und Tänzern in einer Kirche nachkonstruierte und dem „Sacre“-Original gegenübergestellte 40-Sekunden-BlasphemieAktion der Punkrockband Pussy Riot aus: In Russland kamen die Frauen ins Gefängnis, im Westen wurden sie als heldenhafte Opfer gefeiert. F

Fotos: Boris Munger

ie werde ich den Gesichtsausdruck jenes Bekannten vergessen, der nach Marie Chouinards „Le sacre du printemps“ auf mich zustürzte und aufgelöst rief: „Was war das für eine Musik?!“ Bis zu jenem Ereignis galt er weder als routinierter Tanzgeher noch als Klassikhörer. Igor Strawinski war in jeder weiterführenden Hinsicht auch mein „Erster“: Die meisten seiner lautmalerischen Stücke komponierte er um 1910 für die Pariser Ballets Russes von Sergej Djagilew. Warum war aber „Sacre“ in Vaslav Nijinskys Uraufführung ein Skandal? Und wieso überwältigt dieser „alte Hut“ spontan auch einen westlich geprägten Durchschnittskonsumenten von heute? Weil die Rock- und Filmgeschichte samt sexueller Revolution dazwischenliegt? Warum verliert „Sacre“ für die besten Choreografen nicht an Reiz? Weil darin zwischen Macht und Ohnmacht alles Existenzielle des Menschen, des Lebens, des Tanzes, der Kunst enthalten ist und er dennoch jedem – Wigman, Béjart, Bausch, Preljocaj, Le Roy, Haring – eine ureigene Interpretation abverlangt? Marie Chouinard zumindest stürzte sich auf das rituelle Kernthema und revolutionierte 1993 das zeitgenössische Ballett. Mit tierischen Kraftsymbolen huldigte sie der Spiritualität der Urvölker. Allerdings war das kein Opfertanz zu Frühlingsbeginn mehr, sondern ritueller Tanz als Hymne auf das gegenwärtige Leben. Ähnlich positiv, nur knisternder und schillernder, dürfte heuer „Rite of summer“ des New Yorker Afroamerikaners Trajal Harrell werden, der mit Research-Teilnehmern den Sommer zelebriert. Bei diesen Choreografen dient das auserwählte junge Mädchen, das sich vor alten Männern zu Tode tanzt, nur noch als Metapher.


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Das Reenactment des „Punkgebets“ von Pussy Riot beweist: Die Aktion verlief gewaltfrei DeSacre!: 24. und 25.7., 19.30, 26.7., 19.30 und 21.30, St.-Ursula-Kirche

Wenn das der Putin wüsste! Die Choreografin Christine Gaigg geht in die Kirche und bringt dort Pussy Riot und Vaslav Nijinsky zusammen Text: W o l f g a ng K r a l i c e k

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Fotos: Lorenz Seidler, Archiv

ie Wiener Choreografin Christine Gaigg bringt in ihrer neuen Arbeit „DeSacre!“ zwei Performances zusammen, zwischen denen fast ein ganzes Jahrhundert liegt: den Anti-Ballettklassiker „Le sacre du printemps“ von Igor Strawinski und Vaslav Nijinsky (1913) und das „Punk-Gebet“ von Pussy Riot aus dem Jahr 2012. Die auf den ersten Blick so verschiedenen Aufführungen haben zunächst den Skandal gemeinsam, den sie auslösten. Bei der „Sacre“-Uraufführung im Pariser Théâtre des Champs-Élysées reagierte das Publikum mit höhnischem Gelächter, und es kam zu einem Tumult. Die Aktion der Frauen-Punkband in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale wurde nach 41 Sekunden abgebrochen und führte dazu, dass zwei Mitglieder der Band wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“ zu zwei Jahren Straflager verurteilt wurden.

Auf die Idee, die beiden Ereignisse zusammenzudenken, kam Christine Gaigg, nachdem das Tanzquartier ihr angeboten hatte, für die Josephskapelle im Präsidentschaftstrakt der Hofburg ein Site-specific-Projekt zu kreieren. Als sie die kleine Kirche besichtigte, fiel ihr Pussy Riot ein. Das 100-Jahr-Jubiläum von „Sacre“ hatte sie ohnedies im Hinterkopf. Das Ergebnis heißt „DeSacre!“ und ist eine Lecture-Performance, in der Gaigg mit dem Journalisten Erich Klein – Falter-Lesern als Literaturkritiker und Russlandexperte bekannt –

die beiden Skandale analysiert. Sieben Tänzerinnen und Tänzer ihrer Compagnie 2nd nature liefern die Praxisbeispiele dazu. Einerseits werden fünf kurze Ausschnitte aus der 1987 rekonstruierten „Sacre“-Choreografie getanzt; andererseits wird die PussyRiot-Aktion minutiös nachgestellt. Die rohe Kraft von Nijinskys primitivistischer Choreografie ist auch nach 100 Jahren noch eine Wucht. Aber ob es der Tanz war, der damals den Skandal auslöste, oder doch eher Strawinskis Musik, ist unter Experten heute umstritten. Die Faszination, die „SacChristine Gaigg ist für ihre innovative Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponisten bekannt

re“ auf zeitgenössische Choreografen ausübt, ist jedenfalls ungebrochen. Gaigg hat sich mit dem Klassiker schon in „Sacre Material“ (uraufgeführt bei ImPulsTanz 2000) beschäftigt. „Damals habe ich mir gedacht: Ich möchte ein ,Sacre‘ machen, bevor ich 40 bin. Das war wie ein Gesellenbrief.“ Gaigg findet es etwas ungerecht, dass der Choreograf in der „Sacre“Rezeption so stark im Schatten des Komponisten steht. „Die Musik ist schon super. Aber wie genau Nijinsky darauf eingegangen ist, ist genauso faszinierend. Ich sehe in ihm einen Vorläufer von dem, was ich heute mit meinen Loops mache: ein struktureller Choreograf, der den Tanz mit der Musik verwebt.“

Interessanterweise haben ihre beiden „Sacre“-Stücke wenig gemeinsam. Beim ersten hatte Gaigg das Material nach ästhetischen Kriterien analysiert, diesmal nach politischen. „Damals habe ich mir das unter ganz anderen Gesichtspunkten angeschaut – und daher auch was ganz anderes gesehen. Es ging um Asymmetrien, Kreisbewegungen, zeitliche Verzögerungen – lauter sehr formale Sachen. In ,Sacre Material‘ springt kein einziger Tänzer jemals – während bei Nijinsky die ganze Zeit gehüpft und getrampelt wird. Diesmal habe ich mich für das Rebellische, Kraftvolle, Direkte in der Choreografie interessiert – all das, was ich eben auch bei Pussy Riot gesehen hatte.“ „Le sacre du prin­temps“ ist hier nicht

die Hauptsache. Die tanzhistorische Ikone soll verdeutlichen, dass Pussy Riot mit ihrer Aktion in einer langen Tradition stehen. Bei der vergleichenden Analyse kam Erstaunliches zutage. „Wenn man sich das einmal anschaut, sagt man in­stinktiv relativ schnell: Das ist dasselbe“, meint Gaigg. „Und wenn man sich das dann genau anschaut, merkt man: Es ist tatsächlich dasselbe!“ Die Aktion in der Christ-ErlöserKathedrale sollte dazu dienen, Bildmaterial für ein Musikvideo zu generieren. Man sieht darauf vier Frauen mit bunten Wollmützen, die vor dem Altar tanzen, knien, sich bekreuzigen; rasch erscheinen Security-Beamte auf der Szene und führen die Performerinnen ab. Das verwackelte Video, das ein mit der Band befreundeter Kameramann aufgenommen hat, hat sich Gaigg wie-

der und wieder angeschaut. Ergebnis ihrer Bildanalyse ist eine These: Die als „Rowdytum“ kriminalisierte Aktion verlief tatsächlich vollkommen gewaltfrei. „Sie müssen sich das ganz fest vorgenommen haben, dass die Situation nicht entgleist“, meint Gaigg. „Das sieht man in dem Video. Sie werden weggebracht, wehren sich nicht.“ Christine Gaigg ist sich nicht sicher, ob sie da allein draufgekommen wäre. Aber mit ihr haben sich ja auch ihre Tänzer das Video angeschaut. „Und mit Tänzern sieht man mehr. Die wissen viel über Körperlichkeit, Bewegung und Interaktion.“ Wie die beiden Stücke, von denen Gaiggs Arbeit handelt, ist auch „DeSacre!“ formal ein rauer, ungeschliffener Abend – ungewöhnlich direkt für eine zeitgenössische Tanzperformance. Ganz aufklärerisch geht es der Choreografin darum, auf ein Unrecht hinzuweisen. „Wenn man so will, ist die Performance ein nachträglich eingebrachtes Gutachten“, sagt Gaigg. „Im Prozess haben sie sich das Video sicher auch angeschaut. Aber man kann sich ein Video eben so oder so anschauen.“ Am Ende der Performance verweist die

Choreografin darauf, dass die beiden inhaftierten Pussy-Riot-Mitglieder Nadeschda Tolokonnikowa und Marija Aljochina zum Zeitpunkt ihrer Aktion 22 und 23 Jahre alt waren. Auch Vaslav Nijinsky war 23, als er „Sacre“ choreografierte. „Also, so weit hergeholt ist der Vergleich nicht“, sagt Christine Gaigg. „Diese Unbedingtheit, diese Dringlichkeit haben sie gemeinsam.“ F


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Impulstanz #30

ImPulsTanz im Schnelldurchlauf: 1984 Ismael Ivo und Karl Regensburger gründen die Internationalen Tanzwochen Wien. Im Universitätssportzentrum auf der Schmelz bieten sechs Dozenten 20 Workshops an 1988 Im Theater Der Kreis (Schauspielhaus) findet das erste Performancefestival der Tanzwochen statt. 11 Produktionen stehen auf dem Programm 1989 Die Tanzwochen haben einen neuen Namen: Im Puls – Tanz in Wien

2000 In Kooperation mit den Wiener Festwochen veranstaltet ImPulsTanz das Festival tanz2000.at 2001 Erstmals findet bei ImPulsTanz die Nachwuchsreihe [8:tension] statt 2008 Erstmals wird das Festival mit einer Open-Air-Performance im Haupthof des Museumsquartiers eröffnet. Gezeigt wird „The Manganiyar Seduction“ von Roysten Abel 2013 Bei der 30. Ausgabe des Festivals stehen 102 Vorstellungen von 59 Produktionen auf dem Spielplan. Beim Workshopfestival im Arsenal werden von 140 Dozenten rund 210 Kurse angeboten

„Es arbeiten da ja nur Die längste Vorstellung? Der erste Nackte? Die beste Beschwerde? Die schönste Liebes­geschichte? Fragebogen: Wolfgang Kralicek

A

ls der brasilianische Tänzer und Choreograf Ismael Ivo und sein Manager Karl Regensburger 1984 zum ersten Mal ein Festival veranstalteten, hieß es noch „Wiener Sommertanz­wochen“ und war eine Workshopreihe im Universitätssportzentrum auf der Schmelz. Zu den Sommertanzwochen kamen die Wintertanzwochen, und 1988 fand im Theater Der Kreis – wie das Schauspielhaus in der Porzellangasse damals hieß – das erste Performancefestival statt. Damals war das Angebot – elf Vorstellungen – noch bescheiden, und zwei Jahre später musste das Performancefestival wegen finanzieller Probleme entfallen. Heute heißen die Tanzwochen ImPulsTanz und sind das weltweit größte Festival seiner Art. Neben rund 210 Workshops stehen heuer 60 verschiedene Produktionen auf dem Spielplan. Die 30 Fragen zu 30 Jahren ImPulsTanz wurden von einem vierköpfigen Team beantwortet; neben Intendant Karl Regensburger kramten auch Christa Spatt (Kuratorin der Reihe [8:tension]), Magdalena Stolhofer (verantwortlich für die Partyschiene ImPulsTanz soçial) und Rio Rutzinger (Leiter des Workshopfestivals) in ihren Erinnerungen.

hat den Namen ImPulsTanz erfunden? 1Wer Sylvia Scheidl. Wir hatKarl Regensburger:

ten das Problem, dass auf einmal alle Tanzwochen gemacht haben, und haben gesagt: Da müssen wir uns was Neues einfallen lassen. Und Sylvia Scheidl, die damals eine Mitarbeiterin des Festivals war, ist dann auf ImPulsTanz gekommen. Ursprünglich hieß es „Im Puls – Tanz in Wien“. war die allererste Vorstellung des Festivals? 2 Was „Chronique d’un Pet’ zouilRegensburger:

le“ von Yvon Rainer im Theater Der Kreis, wie das Schauspielhaus damals hieß. Er hat in der Pause beschlossen, sich eine Glatze zu scheren und mit einer Perücke zu arbeiten. Es war an dem Abend aber sehr heiß, und die Perücke ist ihm immer heruntergerutscht. Er kam nie wieder.

Schmutzkonkurrenz. Das war eine schwierige Situation, die wir nur dank Bürgermeister Zilk überlebt haben. Ich habe den Canossagang in das riesige Bürgermeisterbüro angetreten. Er hat während des Gesprächs ein paar andere Sachen erledigt und ständig telefoniert, und dann hat er auf ein Post-it „Fördern!“ geschrieben und gesagt: „Das kannst der Ursula gleich rüberbringen!“ Und beim Verabschieden hat er gemeint: „Regensburger, du musst härter werden, mehr fordern!“ war klar: Das ist was für länger? 5 Wann Ich würde sagen, 1986. Da Regensburger:

hatten wir fast schon 100 Workshops. Auch die Doyenne des Ausdruckstanzes, Rosalia Chladek, war dabei. Da hatte man schon das Gefühl: Das geht weiter, da haben wir was zusammengebracht.

gab es den ersten nackten Wie kam zum Workshopfestival Körper auf der Bühne? das Performancefestival hinzu? 3 Wann 6 Im ersten Jahr, 1988. Ko MuDazu hat uns George Tabori Regensburger:

robushi und Marie Chouinard.

fand das Festival 1990 nicht statt? 4Warum Wir hatten große SchwierigRegensburger:

keiten mit der damaligen Kulturstadträtin Ursula Pasterk. Sie war Festwochen-Präsidentin, und wir waren für sie eine Art

Regensburger:

ermutigt. Ismael Ivo hat mit ihm 1987 in der Leipziger Oper „Moses und Aron“ gemacht, und Tabori hat zu uns gesagt: „Ich hab doch da in Wien ein Theater, das steht im Sommer eh leer. Ihr müsst Aufführungen machen!“

Fotos: Ann Li v Young , H. Sorg eloos, W. K irchner , R . Ru t zing er

1996 ImPulsTanz gründet das europaweite Netzwerk danceWEB, dem inzwischen 28 Institutionen angehören


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Großes Bild links: Performance von Ann Liv Young (2006). Danach stellte ein Besucher dem Festival die Putzereikosten in Rechnung Oben: „Small Hands“ von Anne Teresa De Keersmaeker (2002); Eröffnungsevent von Roysten Abel (2008); Festivalgründer Regensburger und Ivo Unten: „Les 24 Préludes de Chopin“ von Marie Chouinard (1999); Jan Fabres Marathon (2012), die längste Aufführung der ImPulsTanz-Geschichte

lauter Wahnsinnige“

Das Team:

Und warum fangen die Vorstellungen nie pünktlich an? 30 Fragen zu 30 Jahren ImPulsTanz war der größte Aufreger? 7Was Das Baby, das bei „Oedipus“

Fotos: G . Bor r e m an s, W. Berg m ann, S t. Borov ic zen y, M . Dür r , M . L a m ovsek , J. W eism ann

Regensburger:

von Wim Vandekeybus auf der Bühne war. Und die Frösche in „The Power of Theatrical Madness“ von Jan Fabre – wobei die ja gar nicht da waren. Man hat sie zumindest nicht gefunden. Da bin ich übrigens gerade freigesprochen worden. Beim Baby wurde ich wegen mangelnder Sorgfaltspflicht verurteilt. Auch das Showing von Hans Kresnik im Volkstheater war recht wild. Der hat da mit seinen Studenten die berühmte Uni-Aktion der Aktionisten nachgestellt, da wurde auf die Bühne uriniert und so. Und das in einer Vorstellung für Sponsoren!

8

Der schönste Spielort? Rio Rutzinger: Der Garten des Belvedere. Magdalena Stolhofer: Das Oval im Malersaal des Arsenals war auch wunderschön. Regensburger: Da hat Anne Teresa De Keersmaeker das Duo „Small Hands“ mit Cynthia Loemij getanzt und dafür ein Theater ins Arsenal gebaut. Stolhofer: Und während der Vorstellung ging die Sonne unter! beste Party? 9 Die In der alten Halle G im MesRio Rutzinger:

sepalast gab es im Winter einmal eine le-

gendäre Party. Ich kann mich daran aber nicht mehr erinnern. Regensburger: Die hatten wir ganz kurzfristig angesetzt, und aus dem Nichts heraus waren plötzlich 2000 Leute da! Stolhofer: Ich finde, bei ImPulsTanz ist jede Party speziell, weil immer irgendetwas passiert, was man überhaupt nicht steuern kann. Einmal ziehen sich die Leute aus, einmal schmusen sie alle. Es ist immer was los. Ganz speziell fand ich voriges Jahr die Premierenfeier von Rosas im Burgtheater. Da haben die Musiker des Stücks getanzt, und die Tänzer haben gesungen … Rutzinger: Das hatte eine unglaubliche Herzlichkeit, stundenlang!

10

Wie wird ein Festival zum Fest? Rutzinger: „Because of you“. Im Workshopbereich ist das sicher so. Was da passiert, passiert nur, weil die Leute das alle weitertragen. Die Leidenschaft geht aber auch vom Festivalteam aus. Es arbeiten da ja nur lauter Wahnsinnige. Die Tanzquartier-Leute greifen sich immer auf den Kopf, wenn sie E-Mails von uns kriegen, die um vier Uhr in der Früh abgeschickt wurden. Gesund ist das nicht, aber du weißt halt auch: Dieser eine Monat ist einfach so geil, dass es das wert ist! Und wenn man dann noch Leute einlädt, die das auch so sehen, multipliziert sich das – und wird zum Fest. Da gibt es internationale Künstler, die sagen

sich: Ich bin allein, wenn ich daheim bleibe, alle meine Freunde sind bei ImPulsTanz! Veranstalten kann man so etwas nicht, das kann man nur langsam aufbauen. Regensburger: Es passiert immer wieder, dass Leute, die man nicht mehr einladen konnte, plötzlich trotzdem da sind. Jérôme Bel zum Beispiel hat einmal einen Teil seines Urlaubs hier verbracht. Rutzinger: Der Marten Spangberg hat mir unlängst eine SMS geschrieben, die so aufgehört hat: „I want to come earlier to Vienna and find love again!“

Karl Regensburger, Intendant

Christa Spatt, Leiterin [8:tension]

viele Kinder wurden während ImPulsTanz gezeugt? 11 Wie Sicher im dreistelligen Bereich.

Rutzinger:

es Todesfälle? 12 Gab Einmal war es knapp. Bei eiRegensburger:

nem Workshopprojekt von Boris Charmatz ist jemand auf eine Box geklettert, die hatte sicher 120 Kilo und ist umgefallen. Rutzinger: Das war so ein Exhaustion-Experiment: Was passiert, wenn man zwölf Stunden lang performt? Da sind dann halt erschöpfte Leute herumgelegen. Und einem ist die Box auf den Kopf gefallen. Der hätte tot sein können, hat sich aber nur den Kiefer gebrochen. Fortsetzung Seite 39

Rio Rutzinger, Leiter Workshops

Magdalena Stolhofer, Leitung ImPulsTanz soçial


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FÜNF JAHRZEHNTE MUSIKGESCHICHTE ERZÄHLT VON 130 PROTAGONISTEN Wienpop erzählt die Geschichte der Wiener Popmusik, von den ersten Vorläufern des Rock ’n’ Roll in den Fünfzigerjahren bis hin zum Ausklingen des Hypes um die lokale Elektronikszene kurz nach der Jahrtausendwende. Die Autoren, vier langjährige Beobachter des österreichischen Popgeschehens, haben mit rund 130 Protagonisten gesprochen und fünf Jahrzehnte Wiener Popgeschichte in Form einer Interviewcollage zu einer vielstimmigen Erzählung verdichtet.

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30 Jahre ImPulsTanz in Zahlen 612.000 Workshop-Teilnehmer 425.000 Performance-Besucher 2740 Workshop-Dozenten 1686 Aufführungen 496 Compagnien bzw. Künstler Oben: Ko Murobushi und Urara Kusanagi, die ersten Nackten beim Festival (1988); Proben mit Ismael Ivo und Sebstian Prantl (1984) Unten: Kinderworkshop mit Susanne Kirnbauer (1986); Akram Khan beim ersten [8:tension] 2001; Workshop mit Rosalia Chladek (1986)

47 Spielorte

Alle Spielorte

Fortsetzung von Seite 37

schönste Ist ein ImPulsTanz-Festival Liebesgeschichte? ohne Anne Teresa De Keersmaeker 13 Die 16 Ich habe bei mir daheim auf dem überhaupt vorstellbar?

Fotos: Impulstanz (2), Kipping/Zeller, Chris Nash, Fr ank Zeiler

Rutzinger:

Dach einmal eine kleine Party gemacht, da waren Rosalba Torres von Rosas und Rasmus Ölme von Ultima Vez gerade frisch verliebt und haben auf dem Dach stundenlang getanzt. Alle anderen waren ganz beseelt von diesen verliebten Menschen. Das hat dann auch ein paar Jahre gehalten. Und auch wie sie dann nicht mehr zusammen waren, sind sie deswegen immer wieder gern zum Festival gekommen. Stolhofer: Ich glaube, es gab viele große Liebesgeschichten. Aber wir kennen sie leider nicht alle.

Regensburger: Es gab ein Jahr, in dem sie

14

Welche Bühne der Stadt ist am besten für Tanz geeignet? Regensburger: Ich liebe das Akademietheater über alles, obwohl die Bühne nicht sehr tief ist. Das ist ein wunderbar gebautes Theater, und es passen bis zu 550 Leute rein.

Welche Künstler haben bei ImPulsTanz gefehlt? Regensburger: Pina Bausch hat sicher gefehlt. Seit Mitte der 90er-Jahre haben wir immer wieder mit dem Tanztheater Wuppertal verhandelt. Sie schätzen das Festival durchaus und wollten auch kommen. Das Problem war nur, dass die das immer zwei Jahre im Voraus fixieren wollten. Ich habe mich aber nie einen Vertrag zu unterschreiben getraut, weil ich zu diesem Zeitpunkt ja noch kein Budget hatte. war die teuerste Produktion? 15 Was „Refuse the Hour“ von WilRegensburger:

liam Kentridge, das wir heuer zeigen, liegt bestimmt im Spitzenfeld. Sehr teuer war natürlich auch, als wir alle drei Ensembles des Nederlands Dans Theaters hier hatten. Das waren insgesamt 116 Leute! Ich glaube aber, dass wir grundsätzlich sehr gute Preise kriegen von den Compagnien, ungewöhnlich gute.

nicht da war! Sie hat einmal gesagt, es gibt weltweit drei Orte, wo fast alles von ihr gespielt wurde: Brüssel, Paris und Wien. Heuer zeigen wir die 32. Produktion. Seit 2001 gibt es [8:tension]. Wer hat die steilste Karriere gemacht? 17 Akram Khan, der war im ersten Jahr Spatt:

dabei. Auch Ann Liv Young hat eine ganz schöne Karriere gemacht, finde ich. Und François Chaignaud und Cecilia Bengolea starten gerade ziemlich steil durch.

18

spielhaus einmal eine Zuschauerin im Parkett aufgestanden ist, zum Balkon raufgeschaut und gesagt hat: „Margit, i geh jetzt!“ Ich frage mich bis heute, ob es diese Margit wirklich gegeben hat oder ob das ein Statement war. Stolhofer: Einer wollte die Reinigungskosten für seine Jacke ersetzt bekommen, weil ihn Ann Liv Young mit Schokosauce bespritzt hatte. Regensburger: Gut, das war gerechtfertigt. Die Frage ist nur: War es wirklich Schokosauce? ImPulsTanz das größte der Welt? 21.IstTanzfestival Wenn man die Workshops Regensburger:

dazurechnet, sicher. Wir wurden wegen der Workshops am Anfang ja belächelt. Ab Mitte der 90er haben andere Festivals dann auch mit Workshops angefangen. Die Workshops sind bei uns nach wie vor die Mutter des Festivals, würde ich sagen.

Bühne ImPulsTanz wird immer größer. kriegt ihr nicht? 19.Welche 22 .Ist es irgendwann groß genug? Derzeit die Staatsoper. Wir Ich denke schon, dass es eine Regensburger:

waren schon einmal dort, mit dem Ballett der Pariser Oper – ausgerechnet unter dem nicht besonders tanzaffinen Ioan Holender. Das war damals aber auch ein Politikum. Da war gerade die schwarz-blaue Regierung gebildet worden, es gab die EU-Sanktionen. Da haben die Franzosen sich besonders bemüht, dieses Gastspiel zu unterstützen – um der österreichischen Bevölkerung zu zeigen: Wir haben nichts gegen euch, nur etwas gegen eure Regierung. Was war die skurrilste Publikumsbeschwerde? 20.„Das ist nicht Tanz“ ist der KlassiSpatt:

ker. Am schönsten fand ich, wie im Schau-

Regensburger:

Grenze nach oben gibt. Wir versuchen verzweifelt, klein zu bleiben! Mir ist eines wichtig: Ich versuche ein Festival zu machen, bei dem man mit einer guten Kondition alle Performances sehen kann. Da ist man teilweise zwar rund um die Uhr unterwegs, aber man hat die Chance. Ich versuche mir auch Vorstellungen, die ich schon kenne, beim Festival noch einmal anzuschauen. Und das Schöne ist, dass die Vorstellungen in Wien teilweise intensiver und besser sind. Weil viele Kollegen drinnen sind, da fliegen gegenseitig so die Funken.

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Akademietheater Alte Schmiede Arena Arsenal Audi A8 Burgtheater BUWOG Wohnanlage Café Prückel Dschungel Emballagenhalle Filmhaus Wien Flex Garage X Hundsturm Josefstädter Straße 5 Kasino Kunsthalle Café Kunsthalle Project Space Künstlerhaus-Kino MQ, Arena 21 MQ, Halle E MQ, Halle G MQ, Haupthof MuTh Novomatic Forum Odeon Palais Kabelwerk Palmenhaus Burggarten Parlament, Säulenhalle Porgy & Bess Radiokulturhaus Rote Bar im Volkstheater Schauspielhaus / Kreis Semper-Depot Sigmund Freud Museum Sofiensäle I Sofiensäle II Staatsoper St-Ursula-Kirche Tanzquartier, Studios Theater an der Wien Theater im Künstlerhaus USZ Schmelz Volkstheater Weltmuseum Wuk, Projektraum Wuk, Saal


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Impulstanz #30 welcher Performance gab es die meisten Zusatzvorstellungen? 27.Von „Francis Bacon“ von Ismael

Fortsetzung von Seite 39

ChoreografenRanking 1. Anne Teresa De Keersmaeker 60 Vorstellungen (erstes Gastspiel: „Toccata“, 1994) 2. Wim Vandekeybus 50 Vorstellungen (erstes Gastspiel: „Les Porteuses de Mouvaises Nouvelles“, 1989) 3. Chris Haring 45 Vorstellungen (erstes Gastspiel: „Intertwining“, 1997) 4. Ismael Ivo 40 Vorstellungen (erstes Gastspiel: „Apocalypse“, 1989) 5. Marie Chouinard 30 Vorstellungen (erstes Gastspiel: „Space, Time and Beyond“, 1988)

hoch ist der Tänzeranteil im Publikum? 23.Wie Es heißt immer: Es ist ja

Regensburger:

Ivo und Hans Kresnik voriges Jahr. Da waren ursprünglich drei Vorstellungen angesetzt, und dann kamen noch sechs dazu.

Regensburger:

kein Wunder, dass ihr immer ausverkauft seid, da sitzen ja nur Workshopteilnehmer drin. Das stimmt nicht. Das sind maximal 15 Prozent der Karten. Viele buchen lieber noch einen Workshop, als sich drei Theaterkarten zu kaufen.

längste Vorstellung? 28.Die Das war der siebenstündige Regensburger:

Fabre-Marathon im Vorjahr. Und dann war das Frühstück, das wir dem Publikum spendieren wollten, nicht rechtzeitig da! Der Caterer ist in eine Polizeikontrolle geraten und durfte nicht weiterfahren.

sind die Workshops von der Schmelz ins Arsenal übersiedelt? 24.Warum Die Schmelz wurde im Jahr Regensburger:

2000 renoviert, und wir haben einen anderen Ort gesucht. Das Arsenal war ursprünglich nur als Ausweichquartier gedacht, aber die Stimmung war dann derartig angenehm künstlerisch. Auf der Schmelz herrschte ja eher ein sportlicher Geist, und da gab es durchaus auch Spannungen – etwa zwischen Gewichthebern und Tänzerinnen.

25

Wie viele ImPuls-Fahrräder .sind in der Stadt unterwegs? Regensburger: 230 – plus die 13 gestohlenen. Am Czerninplatz haben wir im Dezember einmal ein Rad gefunden. Das war sehr gut versperrt, und wir haben es mit einer großen Zange befreit. Dann kam die Besitzerin und hat sich aufgeregt! Wir haben gesagt: „Entschuldigung, du fährst eh schon ein halbes Jahr gratis damit.“ Sagt sie: „Ihr habts eh so viele!“ Tanzstadt? 26.IsteineWien

fangen ImPulsTanzVorstellungen nie pünktlich an? 29.Warum Wir warten auf WorkshopteilRegenburger:

Seit 1993 ist das Volkstheater ein Spielort von ImPulsTanz, damals „Im Puls – Tanz in Wien“ Regensburger: Es könnte eine sein. Es

müsste während des Jahres einen Spielort geben, der versucht, Tanz auch in kulinarischer Form zu präsentieren. Ich glaube überhaupt, dass in Wien ein Gastspielhaus fehlt, wo unter einem Dach auf hohem Niveau klassische Konzerte, World-Music, Theater und Tanz stattfinden. Ich glaube, dass so ein Haus überrannt wäre. Die Halle E könnte so etwas vielleicht sein, aber da hat man sich mit verschiedenen Gastspielen Eigentore geschossen.

nehmer aus dem Arsenal, wenn wir wissen, dass die noch unterwegs sind. Und wir versuchen, nicht abgeholte Karten noch zu verkaufen. Das kostet alles Zeit. Lloyd Newson wollte pünktlich anfangen, und selbst mit dem haben wir uns darauf geeinigt: Um Viertel nach neun fangen wir pünktlich an! Und die Zuschauer, die dann noch zu spät gekommen sind, wurden von der Bühne aus beschimpft. und wo kann man Karl Regensburger tanzen sehen? 30.Wann Da muss man eine Privat­ Regensburger:

vorstellung buchen. Spatt: Einmal habe ich dich tanzen gesehen, mit der Marie Chouinard in der Lounge. Regensburger: Ja, man muss mich eben dazu zwingen. F

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30 Jahre Therapie Wie der Komiker und Schriftsteller Dirk Stermann zum Tanz bekehrt wurde Dirk Stermann

Jahr 1987 war ich blank und in Imen,mWien. Ich hätte jeden Job angenommeine Ersparnisse als Taxifah-

Foto: Udo Leitner

rer in Düsseldorf waren nach wenigen Stunden in Österreich bereits aufgebraucht gewesen. Durch einen Zufall fand ich einen Job bei den Tanzwochen, die es damals erst ein paar Jahre gab. Ich kuvertierte für 60 Schilling die Stunde Briefe mit Infomaterial an vorwiegend Tänzerinnen in der ganzen Welt, die sich für Workshops anmeldeten. 1987 hielt ich Ausdruckstanz noch zusammen mit Pantomime für die schrecklichste Ausdrucksform. Ich erzählte damals überall herum, im Iran dürften sich Diebe aussuchen, ob ihnen die Hand abgeschlagen würde oder ob sie sich einen Ausdruckstanz­ansehen müssten. Die meisten, sagte ich, ­entschieden sich fürs Handabhacken. So kuvertierte ich missmutig und auf die

60 Schilling angewiesen vor mich hin an Gwendolyn in Glasgow, Geraldine in Genf, Marie in Marseille und Adelheid in Aigen/Schlägel. Bald stieg ich

Dirk Stermann kann nicht tanzen. ImPulsTanz gab ihm dennoch einen Job

missmutig auf. Ich wurde einer von vier Beleuchtern von Ismael Ivo bei seiner Produktion „Under My Skin“. Für 70 Schilling die Stunde verleuchtete ich ihn aufs Erbärmlichste. Nach vier oder fünf Aufführungen sagte Ismael Ivo zu mir: „You are slowly getting better.“ Ich war immer noch missmutig. Mit meinem Verfolger verfehlte ich ihn durchgängig. Ich wollte lieber im

kriegt nicht jeder. Außer dem Tanzmacher Regensburger noch Rudolf Nurejew, Pina Bausch, Jean-Paul Belmondo, David Bowie, Leonardo DiCaprio, Asterixzeichner Uderzo, Robert Redford. Da kann man ungefähr erkennen, welchen Stellenwert die dem ImPulsTanz-Festival zuordnen, die Franzosen. Karl lud mich also ein, mir eine Veranstaltung anzusehen. Er bot mir einen Randplatz an und sagJahre später traf ich Karl Regensbur- te: Dann bist du schnell draußen, ger wieder. Ich war inzwischen für 80 wenn’s dir nicht gefällt. Es war Wim Schilling die Stunde FM4-Mitarbei- Vandekeybus. Ich bin nicht rausgegangen. Ganz ter. Die Tanzwochen hießen jetzt ImPulsTanz, und Karl war immer noch im Gegenteil. Ich bin immer weiter Chef. „ImPulsTanz ist die größte The- reingerutscht. Und hab meine uniranirapieveranstaltung Europas“, sagte sierte Hand gegen die andere geschlaer. Warum in Wien immer alles auch gen am Ende. Bei Vandekeybus, bei Joein Psychodings braucht, hab ich nie nathan Burrows und Matteo Fargion, verstanden. bei Chris Haring, bei Marco Berretti„Dann heil mich mal von meiner ni und vielen anderen. Heute sitze ich nicht mehr außen, Tanztheaterunlust“, erwiderte ich und wettete unserer beider Hodensäcke, wenn ich mir Tanzperformances andass das nie gelingen würde. schaue. Ich sitze inzwischen mitten Aber Karl Regensburger ist nicht im Saal. Mit zwei Händen und zwei irgendwer. Er ist zum Beispiel ein Hoden. Ich durfte meine behalten, von der Republik Frankreich ausge­ weil Karl Regensburger großzügig ist. zeichneter Officier de L’Ordre des Arts­ Wenn ImPulsTanz die größte Theraet des Lettres. Die Franzosen sind pieveranstaltung Europas ist, bin ich sehr sparsam mit diesem Titel. Den erfolgreich therapiert. F

AUS DER REIHE 30 Jahre ImPulsTanz

WIR UNTERSTÜTZEN DAS.

Projektpartner des ImPulsTanz-Festivals. wienerstaedtische.at

TANZEN.

Demner, Merlicek & Bergmann

Iran stehlen gehen und mir fortan nur noch einen Handschuh kaufen müssen, als weiter tanzende Menschen mit deutlich besseren Körpern als meinem anzustrahlen oder sie auch nur anzusehen. Gwendolyn, Geraldine, Marie und selbst Adelheid fanden meinen Tanzstil nachts bei den anschließenden Tänzerpartys vergleichsweise empörend schlecht, ich hatte jedes Interesse verloren.

hommage:


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Impulstanz #30 energiegeladene Botschafter des Fes­ tivals gibt sich im Gespräch mit dem Falter nicht ganz so optimistisch, wenn es um den Zustand der Welt geht. Ivo meint, dass wir in einer schwierigen Zeit lebten, dass viele Privilegien der Vergangenheit verloren seien und dass dies die Jugend natürlich besonders zu spüren bekomme. „Ich schaue mir die Umwelt an, ­Tsunamis, Überschwemmungen, Wir­ belstürme … Fast ist es so, als ob wir uns schon in einem Überlebenskampf befinden – wie die letzten Dinosaurier. Gleichzeitig kämpfen wir um Identität. Strawinskis unglaubliche Musik ist nicht zu besiegen. Die Tänzer kämp­ fen gegen die Musik, und ich sage ih­ nen: Ihr werdet nicht gewinnen, aber ihr müsst bis zum Ende durchhal­ ten. Auch wenn am Ende Blut fließt.“ Beim letzten Satz lacht er, offenbart damit aber gleichzeitig seinen unge­ brochenen, schöpferischen Willen, der, zumindest im Kopf, auch gewalttätig sein kann. Ivo verrät, dass es das gan­ ze Stück über auf der Bühne regnen wird und dass die Tänzer vom An­ fang bis zum Ende in Bewegung blei­ ben müssen. Sie müssen sich der Fra­ ge „Wie kann ich mich immer wieder selbst übertreffen?“ stellen. „Letztlich wird wohl das Überleben nur als Ge­ meinschaft möglich sein.“

Text: B e tt i n a H a g e n

I

smael Ivo bewundert Choreo­ grafinnen wie Doris Uhlich. Je­ mand, der sich hinstellt und sein Ding auf der Bühne durchzieht, ob­ wohl er vielleicht nicht so rank und schlank ist, wie es die Allgemeinheit von einem Tänzer erwartet. Gemein­ sam ist Ivos und Uhlichs heurigem Unterfangen, dass sich beide jeweils 20 Performer ausgewählt haben und sie gemeinsam mit diesen ihre Stü­ cke innerhalb des Festivals entwickeln werden. Entsprechend den spendabelsten Unterstützern seiner Biblioteca Do Corpo kommen Ivos Teilnehmer aus Brasilien, China und Europa. Sie ste­ hen nach einer abgeschlossenen Tanz­ ausbildung gerade ganz am Anfang ih­ rer Karriere, eine eigene künstlerische Handschrift ist erst im Entstehen – im Gegensatz etwa zu den danceWEBStipendiaten, die meistens ja schon mitten in ihren ersten Choreografi­ en stecken. Bei ImPulsTanz werden Ivos Tänzer jetzt mit ganz verschiede­ nen Stilen konfrontiert. Ivo bezeich­ net das als Zeit der Ansteckung oder Infizierung in einer Art Laborsituati­ on. Die jungen Tänzer bekommen Un­ terricht von Lehrern des Festivals, der von Ballett über Butoh bis hin zu Af­ rican Dance reicht. Der japanische Bu­

100 Jahre nach „Sacre“ sagt Ismael Ivo: „No Sacre“! Für die jungen Tänzer der Biblioteca Do Corpo wird es trotzdem sehr, sehr anstrengend

toh-Tanz hat auch Ivos Stil stark be­ einflusst. Nach einer Schauspiel- und Tanzausbildung hatte es den gebürti­ gen Brasilianer 1983 nach New York zu Alvin Ailey verschlagen. Bereits 1984 war er in Wien an der Gründung von ImPulsTanz beteiligt. Seither hat er über 50 Stücke in vielen Ländern der Welt geschaffen. Doch jeden Som­ mer zieht es ihn nach Wien. Ivo wird nicht müde, den Titel seines

Bibliothek des Körpers: Der CompagnieName stammt aus einem Borges-Text

neuen Projekts zu erklären. „Biblio­ teca Do Corpo“ bezieht sich auf ei­ nen kurzen Text des argentinischen Schriftstellers und Bibliothekars Jor­ ge Luis Borges, worin sich die gesam­ te Menschheit in einer riesigen Bi­ bliothek wiederfindet. Jeder Mensch mit seiner einzigar­ tigen DNA ist für Ivo ein Buch. Die­ ses Buch wird im Akt des Tanzens ge­ öffnet. Jeder einzelne Tänzer ist nicht vollkommen, aber zusammen kön­ nen sie als Enzyklopädie fungieren. Mit all den Unterschieden ihrer Her­ kunft müssen die Tänzer einen Weg der Kommunikation finden. Ivo be­ schreibt es als Dialog in Babel. Und was bedeutet jetzt dieses „NO SACRE“? Ivo: „Wir alle müssen Op­ fer bringen, aber niemand möchte das Opfer sein.“ Der immer so strahlende,

stück Igor Strawinskis einer unerhör­ ten Modernität. Wie ein Wirbelsturm fegte es über alles bisher Dagewesene hinweg. Auch in Strawinskis eigenem Werk blieb es einzigartig. Gleichzeitig bekam das Opferthema im Jahr 1913 diese prophetische Dimension, obwohl der Musik eigentlich ein eher nüchter­ ner Charakter eigen ist. Im Jubiläums­ jahr 2013 hat auch die vielbeschäftigte Sasha Waltz­auf ­Einladung der Pariser Oper ihr „Sacre“­choreografiert. Zum Opferthema und Parallelen zur heutigen Zeit meinte sie gegen­ über der Zeitschrift Tanz: „Die Des­ orientierung, der Werteverlust – das sind vielleicht Parallelen. Daran er­ innert ,Sacre‘, dass wir geerdet gehö­ ren, dass man Demut braucht vor den Kräften der Natur, vor ihrer Schön­ heit, gerade in ihrer Gewalt.“ Auch Waltz­sah sich mit den Extremen die­ ses Gruppenstücks konfrontiert: „Man muss 33 Minuten zusammen im Puls der Musik bestehen.“ Ivo dehnt das Martyrium seiner tanzenden Doch-nicht-Opfer nun so­ gar auf 75 Minuten aus. Zu „Le sacre du printemps“ kommt das Stück „Fire and Frost Pattern“ des deutschen Kom­ ponisten ­Andreas Bick, in das dieser urgewaltige Natursounds einbaut. All dies kommt Ivos künstlerischem Wol­ len entgegen: Mensch und Körper in der Krise verbinden sich mit der Ge­ walt der Natur. Aber auch für Ivos neue Kreation gilt der von ihm gerne zitierte Satz von ­Marina Abramović: „The only thing I fear is death.“ F NO SACRE: 9. und 10.8., 21.00, sowie 11.8., 19.00, Odeon

Fotos: Akiko Miyake, Die ter Blum

Wer möchte schon das Opfer sein?

Seine Berühmtheit verdankt das Musik­


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„Gymnopédies“ nach Erik Satie: „Diese Musik schlummert seit Jahren in mir“

Gymnopédies & Henri Michaux: Mouvements: 7. und 9.8., 21.00, Volkstheater

Ekstase der Gegensätze Marie Chouinard wird immer besser. An einem Doppelabend zeigt sie Stücke zu Erik Satie und Henri Michaux Text: E l f i Ob e r h u b e r

S

tück um Stück zeigt uns die kanadische Tabubrecherin Marie Chouinard, dass sie älter wird. Es ist schön, mit ihr zu altern. Zu reifen. Um den Wert ihrer künstlerisch immer formvollendeter werdenden Werke schätzen zu können. Als junger Mensch kann man von ihren in früheren Jahren provokant visualisierten, rituellen Extremen – Masturbation und Urinieren auf der Bühne, außergewöhnlich lebensnahe und deshalb hocherotische Begegnungen von schönen, technisch hervorragenden Tänzern – nicht genug bekommen. Und später, als erfahrener Kunstvoyeur, der immer leidenschaftlicher nach artistischer Überwältigung sucht, wird man abermals von ihr abgeholt.

F o to s: S y lv i e A n n Pa r e

Ihr vor zwei Jahren bei ImPulsTanz urauf-

geführtes Werk „Henri Michaux: Mouvements“ ist eine so mitreißend gelungene Symbiose aller Parameter, dass man heuer einfach noch einmal in die Vorstellung gehen muss. Chouinard schafft darin, was momentan viele besser oder schlechter versuchen: die echte Vereinigung von Bildern eines Malers mit Tanz, Bühne, Sound und rhythmischem Erzählverlauf zu einem expressiven Ganzen. Wer Ekstase sucht, wird sie hier mit angehaltenem Atem erleben. „Geschwindigkeit ...“: Rasend schnelle, martialische Trommelschläge von Louis Dufort treiben die in schwarzen Bodysuits gedehnten Tänzerkörper in Mimik und Gestik rhythmisch

punktgenau in jenes Delirium, das auf der weißen Rückwand in projizierten kalligrafischen Strichmännchen zu sehen ist. „Explosion ...“: Es sind die mit Tusche gezeichneten Ergüsse des 1951 mit Meskalin experimentierenden Belgiers Henri Michaux, der jene bewegten Posen in einem rauschhaften Gedicht zwischen innerem Kampf, Aggression und Angst beschrieb. „Gehen, Dehnung in alle Richtungen, unmögliche Sehnsüchte, ungesunde Anziehung, Befriedigung des Fleisches, das im Genick steckt“, sind weitere Schlagworte daraus. Sie führen zu spezifischen, verzweifelt und doch stark ankämpfenden Bewegungen: „Wir springen ins ,Nichts‘, allein in der Menge ... doch haben wir acht Beine, wenn wir rennen müssen, haben wir zehn Arme, wenn wir die Kräfte mobilisieren.“ Simultan fahren Arme und Beine der Tänzer in Hochgeschwindigkeit in die Höhe. „Haltungen des Exzesses, eines ganz besonderen Exzesses,

den wir fühlen ... Tier oder Mensch. Im Wettrennen ... der Gewalt ... der Lust.“ Die Abgründe des menschlichen Ins-

tinkts verwandelt die Starchoreografin einmal mehr in einen begehrenswerten, aufregenden Zustand. Doch heute weiß Chouinard ihn in ästhetisch perfektes rhythmisches Nebenher von Synchronizität und Asynchronizität zu setzen. Dass die Umsetzung gelingt, liegt auch daran, dass sie sich vollkommen auf den Geist des Künstlers und seines Werks einlässt, mit dem sie sich seit langem beschäftigt. „Ich besitze das Buch ,Mouvements‘ von Henri Michaux bereits seit 1980“, sagt sie. Erstmals auf der Bühne umgesetzt hat sie dessen Kunst 2005 für ein Solo ihrer Startänzerin Carol Prieur. Das zweite, neue Stück des Abends verspricht schon allein wegen des Kon­ trastes geschmackvolle Spannung: Gewidmet ist es Erik Satie, Gründungsvater der Musik des 20. Jahrhunderts,

„Henri Michaux: Mouvements“: Vereinigung von Bildern mit Tanz, Sound, Rhythmus

und dessen dreiteiliger Komposition „Gymnopédies“. „Auch diese Musik schlummert schon seit Jahren in mir“, sagt Chouinard. Die Welt Saties und dessen mythische Komposition soll ihre elf Tänzer so einnehmen, dass sie zwar keine Pianisten werden, aber zumindest abwechselnd einen der Teile spielen können. Es wird gemunkelt, dass es sich dabei um eine „choréographie pour doigts“, eine Choreografie für Finger, handelt. Dieser Höhepunkt einer Duett-Choreografie wird über das Körperliche, die Liebe, Erotik der Paare hinauswachsen, in aller Schönheit und Feinheit. „Das echte Motiv ist vielleicht das Uner-

wartete, die Zeit, der Tanz selbst oder das Wunder, das plötzliche Irgendwo und mächtige Hier“, schwärmt Chouinard. „Auf einer noch tieferen Ebene ist es einfach die flüchtige Form, die mit meiner Intuition einhergeht und mich zu diesem Werk der Duette führte ... und zu den ,Gymnopédies‘“. Satie sah sich als Außenseiter in einer Zeit, als Kunst in der massentauglichen Musik nicht gefragt war. Der Titel „Gymnopédies“ spielt auf den Urbegriff des Tanzes, aber auch die altgriechische Festkultur an, „wo nackte Jünglinge sportlich tanzten“. Marie Chouinard ging es einst ähnlich wie Satie: „Ballett galt in meiner Jugend nicht als Kunst. Deshalb habe ich mich als Tänzerin der Performance-Choreografie zugewandt.“ Inzwischen haben es beide geschafft, massentauglich zu sein. Und das mit „Kunst“! F


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Tanz im Bild

In dem Solo „DESH“ begibt sich Akram Khan auf die Suche nach seinen Wurzeln

Eines von 11 Stücken bei [8:tension]: „We Do Our Best“ von Liz Santoro

Tanz, Gesang, geistige Getränke: „ДУМИ МОЇ / Dumy Moyi“ von François Chaignaud

„Antigone Sr.“: eine von sechs Folgen der Performance-Serie von Trajal Harrell

Wild Walk: „Counting To One Hundred“ mit Matteo Fargion & Jonathan Burrows

Impulstanz #30

Lexikon Impulstanz Antigone Sr. / Twenty Looks or Paris is Burning at The Judson Church (L) Trajal Harrell (USA). Ch: Harrell D: Harrell, Thompson, Lac, Fordeyn, Vidlar Der junge New Yorker Choreograf Trajal Harrell zeigt bei ImPulsTanz heuer alle sechs Teile seiner von Voguing und 70s-Avantgarde geprägten Performanceserie „Twenty Looks“. In dieser großformatigen Folge stellt sich Harrell die Frage, ob Voguing und die griechische Tragödie nicht mehr gemeinsam haben, als man denkt. Volkstheater, Do 25.7., 21.00 booty Looting Ultima Vez/Wim Vandekeybus (B). R/Ch/B: Vandekeybus M: Blijweert D: Killick, Walter, Fokina, Jessop, Johnson, Herich Wiederaufnahme der jüngsten Arbeit des flämischen Regisseurs/Choreografen Wim Vandekeybus, die schon im Vorjahr bei ImPulsTanz lief: ein gewohnt energetisches, hinterlistiges Stück (koproduziert vom Schauspiel Köln) über die trügerische Macht von Bildern. Geliefert werden diese live vom Rockfotografen Danny Willems. Akademietheater, Mi 24.7., 21.00, Fr 26.7., 21.00 Built to Last Meg Stuart/Damaged Goods & Münchner Kammerspiele (B/USA/D). Ch: Stuart B: Dziersk M: Franco D: Bulut, Freeman, Müller, Scaroni, Van Boven Die seit 20 Jahren in Europa lebende US-Choreografin Meg Stuart ist Spezialistin für zerrissene Subjekte, Traumata und andere Störungen. In diesem 2012 an den Münchner Kammerspielen produzierten Stück (auch ein Schauspieler ist im Ensemble) spielt der aus verschiedenen Klassikern (von Beethoven bis Meredith Monk) bestehende Soundtrack eine zentrale Rolle. Volkstheater, Di 23.7., 21.00 Deine Dich liebende Valeska Lux Flux (A). In Kooperation mit ImPulsTanz und Im_flieger präsentiert die Wiener Performancegruppe Lux Flux (David Ender, Inge Kaindlstorfer, Jack Hauser) „Band 5“ ihres Valeska-Gert-Projekts. Die Lektüre von Bildern und Texten der Tanzavantgardistin aus den 20er-Jahren wird zur Partitur für eine performative Comic-Serie. Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft (Schreyvogelsaal), Fr 26.7., 19.00, Di 30.7., 19.00, Do 1.8., 19.00 DeSacre! 2nd nature/Christine Gaigg (A). Ch: Gaigg B: Harnoncourt D: Gaigg, Klein; Deutinger, Hewelt, Navaridas, Ochvat, Prokopová, Schaller, Zott Lecture Performance mit Praxisbeispielen: Die Choreografin Christine Gaigg und der Journalist Erich Klein referieren und analysieren Hintergründe zu den Skandalen um „Le sacre du printemps“ (1913) und dem „PunkGebet“ von Pussy Riot (2012); Gaiggs Compagnie tanzt Ausschnitte aus Nijinskys Choreografie und stellt die Pussy-Riot-Aktion nach. St.-Ursula-Kirche, Mi 24.7., 19.30, Do 25.7., 19.30, Fr 26.7., 19.30, 21.30 DESH Akram Khan (GB) Der aus Bangladesch stammende Brite Akram Khan verbindet den traditionellen nordindischen Kathak-Tanz mit europäischen Tanzformen. In dem Solo macht er sich auf die Suche nach seiner Herkunft: „In einer Welt, in der alles erreichbar scheint, in der Ästhetik von Trends diktiert wird und Qualität sich an Gelegenheiten misst, wollte ich zu meinen Wurzeln zurückkehren, um etwas zu schaffen, das Dauer und Gültigkeit hat“, erklärt Akram Khan. Burgtheater, Di 16.7., 21.00, Do 18.7., 21.00 Disabled Theater Jérôme Bel & Theater HORA (F/CH). R: Bel D: Beuggert, Blumer, Bright, Brücker, Grandjean, Häusermann, Hess, Hossle, Keller, Meier, Pagliaro Der französische Konzeptchoreograf Jérôme Bel (siehe auch „Pichet Klunchun and myself“) hat mit den Darstellerinnen und Darstellern eines Züricher Behindertentheaters ein Stück inszeniert, in dem genau dieses Thema behandelt wird. Die Produktion wurde als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen des deutschen Sprachraums zum Berliner Theatertreffen 2013 eingeladen – zu Recht. Akademietheater, So 28.7., 21.00, Mo 29.7., 21.00, Di 30.7., 21.00, Mi 31.7., 21.00 Drugs Kept Me Alive Troubleyn/Jan Fabre & Antony Rizzi (B/D/USA) Der für seine schonungslos offenen und sehr komischen Performances bekannte US-Performer Antony Rizzi tanzte bei William Forysthe und hat auch schon öfter mit Jan Fabre gearbeitet. Jetzt hat der belgische Kunststar mit Rizzi erstmals ein Solo erarbeitet. Thema: Wie Drogen Leben retten können. Schauspielhaus, Mi 31.7., 23.00, Fr 2.8., 21.00

Alle Termine von A—Z

ДУМИ МОЇ / Dumy Moyi François Chaignaud

(F) Inspiriert von den Theyyam-Tänzen in Malabar (Indien), in denen sich die Interpreten in wundersamen, monumentalen Kostümen in Götter verwandeln und dabei trotzdem eine intime Nähe zum Publikum aufbauen, kreiert François Chaignaud in diesem Solo einen betörenden Mix aus Tanz, Gesang und – geistigen Getränken. Volkstheater, Sa 27.7., 16.30, Sa 27.7., 18.00, Sa 27.7., 22.45, Sa 27.7., 23.55 Gymnopédies & Henri Michaux: Mouvements Cie. Marie Chouinard (CAN). Ch: Chouinard D: Culley, Galluccio, Kupferschmid, May, Ostrowski, Ouellette-Deguire, Prieur, Reyes, Saykaly, Viveiros, Walbaum Zwei Stücke der kanadischen Starchoreografin Marie Chouinard. „Gymnopédies“ ist ein Ballett zu Kompositionen von Érik Satie; „Henri Michaux: Mouvements“ (uraufgeführt bei ImPulsTanz 2011) basiert auf einem 1951 erschienenen Buch des belgischen Maler-Dichters Henri Michaux. Volkstheater, Mi 7.8., 21.00, Fr 9.8., 21.00 ImPulsTanz @ 30: License to Party Trajal Harrell (USA) & Friends. Ch: Harrell D: Bengolea, Chaignaud, Freitas u.a. Der New Yorker Choreograf Trajal Harrell, dem Im­PulsTanz heuer eine Personale widmet, bestreitet auch die Open-Air-Eröffnungsperformance. Mit einer Crew aus zeitgenössischen Tänzern und Voguing-Divas aus Paris, Helsinki, Lissabon, New York, Brüssel und Buenos Aires bringt er den Catwalk im MQ-Haupthof zum Beben. An den Turntables: DJ Aguila. Museumsquartier (Haupthof), Di 9.7., 21.15 IiTMOi (in the mind of igor) Akram Khan Company (UK). Ch: Khan B: Deely M: Sawhney, Pook, Frost D: Alleyne, Chien, Fdida, Kim, Kuhnert, Langolf, Lin, Lowe, Ritter, Abkarian Auf Einladung des Londoner Tanzhauses Sadler’s Wells hat sich nun auch der bengalischbritische Starchoreograf Akram Khan mit Strawinskis Klassiker „Le sacre du printemps“ beschäftigt. „Er veränderte die klassische Musikwelt, indem er Emotionen nicht durch Expressivität, sondern durch Muster erzeugte“, meint Khan. Und um diese Muster geht es ihm in seiner Choreografie. Museumsquartier (Halle E), Sa 20.7., 21.00, Mo 22.7., 21.00 Judson Church is Ringing in Harlem (Made-ToMeasure) / Twenty Looks or Paris is Burning at The Judson Church (M2M) Trajal Harrell (USA) Was wäre passiert, wenn die bunte Voguing-Szene aus Harlem in den frühen 1960ern auf die Pioniere des postmodernen Tanzes getroffen wäre? Das war die Ausgangsfrage für die Performanceserie „Twenty Looks“ des junge New Yorker Choreografen. In der jüngsten Folge dreht er den Spieß um: Diesmal läutet die Judson Church in Harlem an. Odeon, So 21.7., 19.00 Lego Love Liquid Loft/Chris Haring & Staatstheater Kassel (A/D). Ch: Haring B: Burger M: Berger D: Field, Keskinen, Mace, O’Mara, Sakano, Santana, Tirabasso, Benard, Czyż, Mateus, Usov, Szivkov, Dvorák, Cumming Mit dem Tanztheater des Staatstheaters Kassel hat der österreichische Choreograf Chris Haring in bewährter Manier ein intensives Stück über das Begehren choreografiert. Leitmotiv ist die Bilderwelt der römischen Bacchanalien, am Ende entwickelt sich das Geschehen zu einer – kühlen – Orgie. Volkstheater, Fr 19.7., 21.00 Love Songs Ives Thuwis (B). Ch: Thuwis B: Shokin D: del Corral, Dominici, Jeglitsch, Karanitsch, Lin, Mazic, Margiol, Payer, Steffl Der belgische Tänzer und Choreograf Ives Thuwis, unter anderem tätig am berühmten Kinder- und Jugendtheater Kopergietery, ist ein Spezialist für die Arbeit mit jungen Leuten. Bei ImPulsTanz untersucht er in einem Workshop für Jugendliche zwischen 13 und 20 Jahren das Phänomen „Liebe“; das Resultat wird zum Abschluss in einer gemeinsam erarbeiteten Choreografie gezeigt. Dschungel Wien, Di 23.7., 19.00, Mi 24.7., 19.00, Do 25.7., 19.00 Low Pieces Xavier Le Roy (F). Ch: Le Roy D: Rosengren, Asentic, Bauer, Ingvarsten, Juren, Juurak, Machado, Félix, Ritsema, Santkin, De Smedt, van Dinther, Le Roy Die Performance schließt an einen künstlerischen Forschungsprozess an, den der Choreograf und Wissenschaftler Xavier Le Roy 2008 begann und seither in verschiedenen Konstellationen und Zusammenhängen weiterentwickelt. Die Szenen der Performance sind als „Landschaften“ angelegt, die sich aus einer Konfiguration von Körpern und ihrer unterschiedlichen Art und Weise, imaginäre Räume zu bevölkern, ergeben. Das Ensemble, das aus prominenten Kolleginnen und Kollegen Le Roys besteht, ist dabei splitternackt. Museumsquartier (Halle G), Sa 27.7., 21.00

(M)imosa / Twenty Looks or Paris Is Burning at The Judson Church (M) Trajal Harrell (USA), Cecilia Bengolea (F/ARG), François Chaignaud (F), Marlene Freitas (P) Was wäre passiert, wenn die bunte VoguingSzene aus Harlem in den frühen 1960ern auf die Pioniere des postmodernen Tanzes getroffen wäre? In seiner Serie „Twenty Looks“ öffnet der New Yorker Choreograf Trajal Harrell eine neue Sicht auf die amerikanische Tanzavantgarde. Die Dragshow „(M) imosa“, ein Highlight von ImPulsTanz 2011, hat Harrell gemeinsam mit Cecilia Bengolea, François Chaignaud und Marlene Freitas kreiert; Popikonen wie Prince oder Kate Bush stehen Pate. Kasino, Mo 22.7., 21.00 more than naked Doris Uhlich (A). Ch: Uhlich D: Buchanan, Callaghan, Culley, Dancs, David, Di Pietro, Eisl-Wechselberg, Georgiev, Gerge, Hölzl, Otega, Konnaris, Livne, Loviska, Marchal, Mulokas, Szugajew, Tay u.a. Dieses Stück ist das Resultat eines Nacktworkshops, den die Wiener Choreografin Doris Uhlich in den letzten beiden Jahren bei ImPulsTanz leitete. Die Arbeit mit dem nackten Körper hat Uhlich und die Teilnehmer so begeistert, dass sie jetzt auf die Bühne gehen. Motto: „Let’s popo the city!“ Museumsquartier (Halle G), Mo 5.8., 21.00, Mi 7.8., 23.00 Mush-Room Needcompany / Grace Ellen Barkey (B). Ch/T: Barkey B: Lemm M: The Residents D: Her, Funaya, Gob, Seghers, Faure, Toukabri, Travelletti Needcompany-Stücke sind immer ein Vergnügen, ganz besonders, wenn Grace Ellen Barkey sie inszeniert. Diesmal lässt die Choreografin die Pilze tanzen – besonders die „psychoaktiven“. Zur eigens für dieses Stück fabrizierten Musik der amerikanischen Avantgardegruppe The Residents wirbeln erregte Einzeller, rammeln Revolutionäre, mutieren Myzelien. In einem vergnüglichen Wimmelbild aus wieselnden Körperaktivisten gerät alles ins Tanzen – inklusive der Gesellschaftsmetaphern, die den Hintergrund dieser Party bilden. Akademietheater, Fr 2.8., 21.00, So 4.8., 19.00 No Sacre Ismael Ivo & Grupo Biblioteca Do Corpo (D/ BRA). Ch: Ivo B: Kaskeline M: Strawinski, Bick Der brasilianische Choreograf und ImPulsTanz-Mitbegründer Ismael Ivo arbeitet sich mit den jungen Tänzerinnen und Tänzern aus seinem Fortbildungsprogramm Biblioteca Do Corpo an dem Strawinski-Klassiker „Le sacre du printemps“ ab. Odeon, Fr 9.8., 21.00, Sa 10.8., 21.00, So 11.8., 19.00 Occupy the Museum Wochenlang besetzen 14 Performer das Weltmuseum, sie durchstöbern die Depots und gestalten die Vitrinen. Beteiligte Künstlerinnen und Künstler: Magdalena Chowaniec, Laia Fabre & Thomas Kasebacher, Malika Fankha, Florentina Holzinger, Krõõt Juurak, Andrea Maurer & Thomas Brandstätter, Danang Pamungkas, Amanda Piña & Daniel Zimmermann, Linda Samaraweerová & Karl Karner, Elisabeth Tambwe. Weltmuseum Wien, Sa 3.8., 17.00–20.00, So 4.8., 16.00–19.00 Partita 2 (sei solo) Anne Teresa De Keersmaeker & Boris Charmatz (B/F) Die große belgische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker (Rosas) und ihr jüngerer französischer Kollege Boris Charmatz tanzen an diesem dreiteiligen Abend J. S. Bachs „Partita 2“ in d-Moll für Violine (live gespielt von Amandine Beyer). Meisterlich. Burgtheater, Sa 13.7., 21.00 Prêt à baiser (Ready to Kiss) Olivier Dubois (F) Olivier Dubois, für „Pour tout l’or du monde“ 2008 mit dem Prix Jardin d’Europe ausgezeichnet, bringt Strawinskis „Le sacre du printemps“ in dieser Performance als Duett küssender Männer – der Künstler und seine Muse – auf die Bühne. Odeon, Do 11.7., 21.30 Qu’est-ce qui nous arrive?!? (Was ist los mit uns?!?) Mathilde Monnier/CCN Montpellier & Francois Olislaeger (F/B) Für dieses Stück arbeitet die französische Choreografin Mathilde Monnier (siehe auch „Twin Paradox“) mit dem belgischen Comiczeichner François Olislaeger und einer Gruppe von Laien zusammen. Letztere werden am 14. Juli im Arsenal zum Casting gebeten, während der Proben gezeichnet und dann im Odeon neben, vor und nach Projektionen ihrer eigenen Körperausdrücke auftreten. Odeon, Fr 26.7., 21.00, So 28.7., 19.00 Refuse the Hour William Kentridge, Philip Miller, Dada Masilo, Catherine Meyburgh (ZA). R: Kentridge M: Miller Ch: Masilo B: Meyburgh, Theunissen D: Kentridge, Masilo, Ntabeni, Motlhaolwa u.a. Das vielleicht spektakulärste Projekt bei ImPulsTanz 2013: eine Multimediaoper, mit der der südafrikanische Starkünstler William Kentridge seine Documenta-Installation von 2012 („The Refusal of Time“) weiterführt. Die Musik stammt von Philipp Miller, der Tanz von der jungen

fotos: Richard Haughton, Ryutaro Mishima, Odile Bernard Schröder, Bengt Gustafsson, Hugo Glendinning

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I m p u l s t a n z # 3 0    südafrikanischen Tänzerin/Choreografin Dada Masilo und die Videos von Filmregisseurin Catherine Meyburgh. Inmitten einer dadaistischen Traumlandschaft tritt Kentridge selbst als zeitgenössischer Erzähler auf. Volkstheater, Do 1.8., 21.00, Sa 3.8., 21.00, So 4.8., 21.00 Rite of summer Trajal Harrell (USA) & Pro Series Participants Der New Yorker Choreograf Trajal Harrell, dem ImPulsTanz dieses Jahr eine Personale widmet, erarbeitet mit einer Gruppe von Research-Teilnehmern während des Festivals eine sicherlich ziemlich schrille Version des Strawinski-Klassikers „Le sacre du printemps“. MuTh – Der Konzertsaal der Wiener Sängerknaben, So 11.8., 21.00 Ritournelle / Danse < MILLE PLATEAUX > vol. 1 Ko Murobushi (J) Der Butoh-Tänzer Ko Murobushi, Schüler des Butoh-Mitbegründers Tatsumi Hijikata, gehört zu den langjährigen Begleitern von ImPulsTanz. Heuer zeigt das Festival die Uraufführung seines neuen Solos. Darin will Muroboshi seinen Körper sich selbst entgegenwerfen und versuchen, die Formen seines multiplen Selbst zu erfassen. Odeon, Di 30.7., 21.00, Fr 2.8., 23.00 SAY SOMETHING: six speech acts Philipp Gehmacher (A). Ch/D: Bosse, Etchells, Gehmacher, Kurdian, Hassabi, Monnier, Santoro Der österreichische Choreograf Philipp Gehmacher hat für den Sprechtheatertempel Burgtheater eine Arbeit über das Sprechen konzipiert. Mit Gehmacher sind seine prominenten Kolleginnen und Kollegen Claudia Bosse, Tim Etchells, Gérald Kurdian, Maria Hassabi, Mathilde Monnier und Liz Santoro auf der Bühne – jede/-r performt einen „speech act“. Burgtheater, Mi 17.7., 23.00 Show and Tell Simone Aughterlony (CH/NZ) „Show and Tell“ ist der erste Teil einer Trilogie, die sich mit der Biografie eines Körpers auseinandersetzt. Die Tänzerin Simone Aughterlony und der Forced-Entertainment-Darsteller Phil Hayes begeben sich auf die Suche nach ihren Narben. Odeon, So 14.7., 19.00 So Blue Fou Glorieux/Louise Lecavalier (CAN). Ch: Lecavalier M: Dede D: Lecavalier, Tavernini Louise Lecavalier, von 1981 bis 1999 Startänzerin der Compagnie La La La Human Steps, hat sich selbstständig gemacht. Das Duo „So Blue“ ist der bisherige Höhepunkt ihrer zweiten Karriere. Sogar ihre berühmte Mähne hat Lecavalier dafür geopfert. Akademietheater, Di 6.8., 21.00, Do 8.8., 21.00 Twenty Looks or Paris is Burning at The Judson Church (S) Trajal Harrell (USA) Was wäre passiert, wenn die bunte Voguing-Szene aus Harlem in den frühen 1960ern auf die Pioniere des postmodernen Tanzes getroffen wäre? In seiner Peformanceserie „Twenty Looks“ öffnet der New Yorker Choreograf Trajal Harrell eine neue Sicht auf die amerikanische Tanzavantgarde. „Harrell bewegt sich zwischen sexy und prüde, zwischen Legende und Alltag – ein brüchiges Selbstporträt aus Oberflächen und Innenräumen“, schrieb die New York Times über die „S“-Version der Serie – ein Solo. Kasino, Mo 22.7., 19.00 Twenty Looks or Paris is Burning at The Judson Church (XS) Trajal Harrell (USA) Was wäre passiert, wenn die bunte Voguing-Szene aus Harlem in den frühen 1960ern auf die Pioniere des postmodernen Tanzes getroffen wäre? In seiner Peformanceserie „Twenty Looks“ öffnet der New Yorker Choreograf Trajal Harrell eine neue Sicht auf die amerikanische Tanzavantgarde. Dieses 25-minütige Solo ist die kleinste Folge aus der Reihe. Dschungel Wien, Fr 26.7., 19.00, Fr 26.7., 20.00 Twin Paradox Mathilde Monnier/CCN Montpellier (F). Ch: Monnier B: Tolleter M: Ferrari D: Andrieux, Ballester, Cima, Darbois, Guilherme, Kim, Lac, Lin, Ott, Pranlas Die französische Choreografin Mathilde Monnier (siehe auch „Qu’est-ce qui nous arrive?!?“) stellt die Paarbeziehung in diesem Stück auf den Prüfstand. Vorbild waren amerikanische Tanzmarathons der 1920er-Jahre („They Shoot Horses, Don’t They?“). Volkstheater, Mo 29.7., 21.00 Versuchsperson Silke Grabinger 2.0 Silk Cie. (A) Nach der ersten Auflage 2011 haben erneut fünf Choreografen kurze Solos für die österreichische Tänzerin Silke Grabinger, einer einst beim Cirque du Soleil in Las Vegas engagierten Ex-Breakdancerin, kreiert. Diesmal hat Grabinger internationale Choreografen eingeladen: Astrid Endruweit & Michael Laub, Trajal Harrell, Benoît Lachambre, Dave St-Pierre und den Filmemacher Arash T. Riahi. Odeon, Sa 3.8., 21.00, Mo 5.8., 21.00 What the Body Does Not Remember Ultima Vez / Wim Vandekeybus (B). Ch/B: Vandekeybus M: De Mey, Vermeersch D: Ambrozio, Chapelle, Friðjónsdóttir, Marín, Parola, Kolegova, Balazova, Oroyan, Masek 26 Jahre nach der Premiere bringt der flämische Starchoreograf Wim Vandekeybus sein Sensationsdebüt mit einem jungen Ensemble wieder auf die Bühne. Legendär ist die Szene, in der die Tänzer mit Pflastersteinen werfen – und erst im letzten Moment ausweichen. Volkstheater, Mo 15.7., 21.00, Mi 17.7., 21.00 X-ON Cie. Ivo Dimchev (BG/A) Die „Passstücke“ des im Vorjahr verstorbenen Wiener Künstlers Franz West

sind dazu da, benutzt zu werden. In diesem 2011 bei ImPulsTanz uraufgeführten Gruppenstück des bulgarischen Performanceextremisten Ivo Dimchev spielen Wests Objekte eine zentrale Rolle. Volkstheater, So 21.7., 21.00

[8:tension] A P N E A Rodrigo Sobarzo de Larrachea (NL/CL) Der junge chilenisch-niederländische Choreograf Rodrigo Sobarzo de Larraechea versetzt seinen Körper in „A P N E A“ (Atemstillstand) unter eine imaginäre Wasseroberfläche: Hände streichen über einen Plastikvorhang, immer wieder und immer schneller, bis das Streichen wie Keuchen klingt und die Gegenstände auf der Bühne sich zu verwandeln scheinen. Ab 19 Uhr läuft im Odeon die Installation „Never Live Twice“ von Zeina Hanna; um 19.30 kann man zu „A P N E A“ wechseln. Odeon, Di 16.7., 19.30, Do 18.7., 19.30 arranged by date Lenio Kaklea (F/G) Die in Paris lebenden Griechin Lenio Kaklea geht in ihrem Solo von einer banalen Alltagsgeschichte aus: Sie vergisst den Code ihrer Bankomatkarte. Zuvor hat sie noch jemandem Geld geborgt – und jetzt hat sie plötzlich selber keines mehr. Die Erzählung wird mit kleinen Bewegungen unterbrochen, die sich verselbstständigen. Kasino, So 4.8., 23.00, Di 6.8., 23.00 Beauty and the Beast Amanda Apetrea & Halla Ólafsdóttir (S/IS) Die beiden in Schweden lebenden Künstlerinnen feiern, geschminkt wie die Enkeltöchter von Kiss, den Rock ’n’ Roll, als ob es sich beim Schauspielhaus um ein volles Stadion handeln würde. Dabei kann es auch ganz schön vulgär werden: „We promise to love you and fuck you up!“ Schauspielhaus, Mi 7.8., 22.00, Do 8.8., 19.00 Farbe, Farbe Jana Unmüßig (D). Ch: Unmüßig D: Ahti, Aldana-Kekoni, Muilu, Paasonen In der sehr reduzierten Arbeit der jungen deutschen Choreografin Jana Unmüßig vermessen, dehnen und verkürzen vier finnische Tänzerinnen die Zeit in einer ganz besonderen Atmosphäre. Sie navigieren durch rätselhafte Dimensionen und schaffen dabei wundersame Räume. Kasino, Di 23.7., 23.00, Do 25.7., 21.00 heteronomous male Michael Turinsky (A) Der körperbehinderte Wiener Choreograf, Tänzer und Philosoph Michael Turinsky erkundet in seiner Soloperformance die grundlegenden identitätsbestimmenden Achsen des Feldes, auf dem er sich als behinderter Mann und Tänzer bewegt. Schauspielhaus, Fr 12.7., 21.00, Mo 15.7., 23.00 Macho Dancer Eisa Jocson (B/PH) Die in Brüssel lebende Philippinin Eisa Jocson gibt in diesem Solo den „Macho Dancer“. Das ist auf den Philippinen ein eigenes Nachtclubgenre und bedient weibliche und männliche Kundschaft. Jocson hat von diesen Tänzern gelernt; mit ihrem androgynen Körper tanzt sie wie ein Mann, der nicht wirklich unseren ChippendaleVorstellungen von erotischem Männertanz entspricht. Schauspielhaus, Mi 7.8., 20.00, Do 8.8., 21.30 Never Live Twice Zeina Hanna (D/LB) Die Performance-Installation der in Berlin lebenden Libanesin Zeina Hanna besteht aus einem Tanzvideo hinter einem knisternden, durchsichtigen Papier, auf das Hanna zeichnet. Um 19.30 beginnt im Odeon die Performance „A P N E A“ von Rodrigo Sobarzo de Larraechea; wer will, kann nach einer halben Stunde „switchen“. Odeon, Di 16.7., 19.00, Do 18.7., 19.00 Speaking of Which Marta Navaridas & Alexander Deutinger (E/A) Wie sprechen wir über Dinge, die wir nicht verstehen? In dieser Lecture-Performance tauchen zwei Nicht-Experten in verschiedene zeitgenössische Wissensbereiche ein. Mithilfe von Gedankensprüngen stellen sie Verbindungen zwischen Wissenschaft, Philosophie und Theologie her und berühren dabei Phänomene wie evolutionäre Algorithmen, Wurmlöcher, Nicht-Lokalität, Materie-Pixelierung und exzentrische Inter-Passivität. Schauspielhaus, Do 11.7., 20.00, So 14.7., 23.00 The Trap Mariana Tengner Barros / EIRA (P) Die portugiesische Performerin Mariana Tengner Barros tritt in diesem Solo als Burlesque-Tänzerin auf: spärlich bekleidet und glitzernd. In ihrem Monolog bricht sie dann jedoch mit dieser Ästhetik und geht in eine scharfe politische Auseinandersetzung mit der Spektakelkultur über – um sich schließlich mit Gott über ihre Kunst auszutauschen. Schauspielhaus, Do 11.7., 23.00, So 14.7., 21.00 The Victory Day Willy Prager (BG/D). Ch: Prager D: Sveshtarova, Lim, Prager Der in Berlin lebende Bulgare Willy Prager beschäftigt sich in „The Victory Day“ auf ironische Weise mit Revolutionen und deren Nachwehen. Die verschiedenen Mechanismen und Dynamiken werden von Entertainern, die auch als Animateure fungieren, in Interaktion mit dem Publikum untersucht. Auch ein ferngesteuerter Polizeihub-

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schrauber und Rauch sind zu erwarten. Kasino, Mi 31.7., 22.00, Fr 2.8., 21.00 We Do Our Best Liz Santoro (USA/F). Ch: Santoro D: Giffard, Koppe, Santoro Als Performerin bei Ann Liv Young war Liz Santoro schon ein paarmal in Wien. Mit ihrem Trio „We Do Our Best“ zeigt sie, dass sie als Choreografin in eine andere Richtung geht: Drei scheinbar perfekte Frauen in etwas vergilbt wirkenden Kostümen der 1960er-Jahre geben ihr Bestes. Kasino, Mi 31.7., 21.00, Fr 2.8., 23.00

[east-West Meetings] Beautiful Thing 2 & Divertimenti Padmini Chettur / David Hernandez (IN/B/US) Zwei Solos, die einander ergänzen sollen: Padmini Chettur, eine der wichtigsten Choreografinnen Indiens, widmet sich in „Beautiful Thing 2“ dem alten Tempeltanz Bharata Natyam. Den US-belgischen Choreografen David Hernandez wiederum interessiert in „Divertimenti“ weniger das große Ganze als das Nebensächliche. Grazie und perfekte Körperbeherrschung treffen auf Unperfektes, vermeintlich Gescheitertes. Weltmuseum Wien, Sa 27.7., 19.00, Mo 29.7., 19.00 Night Will Come Clara Furey & Michikazu Matsune (CAN/J/A) Uraufführung im Rahmen der Reihe [EastWest Meetings]: Im von einem Glasdach überwölbten Atrium des Weltmuseums inszenieren die kanadische Tänzerin und Sängerin Clara Furey und der aus Japan stammende Wiener Choreograf Michikazu Matsune eine Grauzone, in der die Körper ihre Schatten verlieren und zu Geisterwesen mutieren. Weltmuseum Wien, Do 8.8., 20.00, Sa 10.8., 20.00 Pichet Klunchun and myself Jérôme Bel (F). D: Bel, Klunchun Für die Reihe [East-West Meetings] hat ImPulsTanz nochmals eine Arbeit eingeladen, die bereits 2006 beim Festival zu sehen war. Der Konzeptchoreograf Jérôme Bel (siehe auch „Disabled Theater“) bestreitet einen Abend mit dem traditionellen thailändischen Tänzer Pichet Klunchun: eine theatralische und choreografische Dokumentation über die Arbeit zweier Tänzer, die aus verschiedenen Welten kommen. Weltmuseum Wien, Mi 31.7., 19.00, Fr 2.8., 19.00

[Wild Walk] altered natives’ Say Yes To Another Excess – TWERK Cecilia Bengolea & François Chaignaud (F). Ch: Bengolea, Chaignaud D: Yvelin, Mugler, Pi, Bengolea, Chaignaud „Nach einem Triumph der Nacktheit gerät jetzt der Sex ins Scheinwerferlicht des Tanzes“, schreibt das französische Kunstmagazin Art Press über dieses neue Stück des Choreografenduos François Chaignaud und Cecilia Bengolea. Mit schrillen Kostümen zwischen Fastnichts und weiten Overalls und meditativen bis ausufernden Bewegungsformen aus Ballett- und Derwischtanz bewegen sich fünf Tänzerinnen und Tänzer in einer Bühneninstallation, die sich langsam in ein glühendes Spinnennetz verwandelt. Museumsquartier (Halle G), Di 30.7., 23.00, Do 1.8., 23.00 Analysis – the Whole Song MaisonDahlBonnema (B) Letzter Teil einer Pop-Opern-Trilogie von Anna Sophia Bonnema und Hans Petter Dahl, zwei langjährigen Ensemblemitgliedern der Needcompany: Die beiden Protagonisten Ricky und Ronny surfen auf einem spirituellen Trip durch die Welt der Neuen Medien. Schauspielhaus, Sa 20.7., 23.00 (anti)*Clockwise Akemi Takeya (A/J). Ch: Takeya B: Schwab D: Takeya, Korkos, Zott Die japanische Choreografin Akemi Takeya, die seit 1991 in Wien lebt, hat bisher fast ausschließlich solo gearbeitet. Ihr neues Stück, das bei ImPulsTanz uraufgeführt wird, ist ein Trio – und soll so etwas wie die Summe ihrer bisherigen Arbeit sein. Schauspielhaus, Mo 5.8., 23.00 Antigone Jr. / Twenty Looks or Paris is Burning at The Judson Church (jr.) Trajal Harrell (USA). Ch: Harrell D: Harrell, Lac Der junge New Yorker Choreograf Trajal Harrell zeigt bei ImPulsTanz heuer sechs Folgen seiner von Voguing und 70s-Avantgarde geprägten Performanceserie „Twenty Looks“. In diesem kurzen Duo werden, frei nach Sophokles, der expressive Tanz und dessen US-Ikone Martha Graham gefeiert. Garage X Theater Petersplatz, So 21.7., 23.00 Counting To One Hundred & One Flute Note Jonathan Burrows & Matteo Fargion (UK/I) Mit ihren intelligent-gewitzten Duetten sind der klassisch

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ausgebildete Brite Jonathan Burrows und sein italienischer Bühnenpartner Matteo Fargion bei ImPulsTanz regelmäßig zu Gast. Das im Vorjahr gezeigte „Counting To One Hundred“ wird an diesem Abend mit „One Flute Note“ kombiniert. Schauspielhaus, Do 18.7., 23.00 Fest Cie. Ivo Dimchev (A/BG). T/R: Dimchev D: Machas, Dimchev u.a. Uraufführung eines geschriebenen Stücks, in dem der bulgarische Performer und Choreograf Ivo Dimchev seine Erfahrungen in der Festivalszene verarbeitet. Es treten auf: der Intendant, der Künstler, der Zuschauer, der technische Leiter und der Kritiker. Kasino, Sa 27.7., 23.00, Mo 29.7., 23.00 FOLK-S will you still love me tomorrow? Alessandro Sciarroni (I). Ch: Sciarroni D: D’Agostin, Lilienfeld, Foscarini, Ramponi, Sciarroni, Vecchi Endlich wird bei ImPulsTanz einmal geschuhplattelt! Der italienische Choreograf Alessandro Sciarroni nimmt den bayerisch-österreichischen Volkstanz als Bewegungsmaterial für eine Performance, bei der Tänzer und Zuschauer an ihre Grenzen gehen. Die Vorstellung ist erst zu Ende, wenn entweder die Bühne oder der Zuschauerraum leer ist. Kasino, So 11.8., 23.30 iFeel2 *MELK PROD./Marco Berrettini (CH). Ch: Berrettini B: Roy D: Berrettini, Hominal, Pajand Der deutschitalienische Choreograf Marco Berrettini, einer der lässigsten Typen seines Fachs, war nicht nur Tänzer bei Pina Bausch, sondern einst auch deutscher Meister im Discotanz. In diesem intimen, sehr speziellen DanceBattle spürt man das noch. Kasino, Do 8.8., 23.00 Makankosappo Florentina Holzinger (NL/A) Die junge, ziemlich extreme Österreicherin Florentina Holzinger („Kein Applaus für Scheiße“) erobert die europäische Performanceszene derzeit im Flug. Bei ImPulsTanz zeigt sie die Uraufführung eines Solos, das sich auf ein hippes Internetfreizeitvergnügen halbwüchsiger Japanerinnen bezieht: Sie produzieren Schnappschüsse für das Web, in denen sie Momente aus einer Mangaserie nachstellen. Schauspielhaus, Sa 10.8., 23.00

Extra expressions 13 – Student Showing Zum Abschluss des Workshopfestivals zeigen Studentinnen und Studenten, was sie erarbeitet haben. Arsenal, Burgtheater-Probebühnen, Sa 10.8., 16.00 (Eintritt frei) GRAS Installation von Georg Blaschke und Laurent Ziegler Fünf lebensgroße Abbildungen des Tänzers und Choreografen Georg Blaschke in einer von ihm und dem Fotokünstler und Performer Laurent Ziegler für ImPulsTanz entwickelten Installation: ein anziehendes Spiel zwischen Fotografie, Choreografie und Aktion. Zugänglich an Spieltagen, jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn. Odeon, 11.7. bis 11.8. (Eintritt frei) impressions 13 – Opening Lecture Dozentinnen und Dozenten der ImPulsTanz-Workshops zeigen, was sie in den nächsten Wochen vermitteln wollen. Hier können Interessierte einmal in das Workshopangebot „hineinschnuppern“. Arsenal, Burgtheater-Probebühnen, So 14.7., 16.00 (Eintritt frei) Meeting with Akram Khan & Guy Cools Buchpräsentation & Gespräch Der britische Choreograf Akram Khan und der belgische Dramaturg und Autor Guy Cools sprechen über Khans neues Stück „iTMOi“, das bei ImPulsTanz gezeigt wird, und Cools’ BookletEdition „Body:language #1–7“. Kunsthalle Wien (Ziegelfoyer), Sa 20.7., 19.30 (Eintritt frei) Prix Jardin d’Europe Award Ceremony Der Wettbewerb um Nachwuchs-Choreografie-Preis Prix Jardin d’Europe findet zum dritten Mal bei ImPulsTanz statt. Die Preisverleihung wird von der Choreografin Eleanor Bauer moderiert, die für ihre Entertainerqualitäten bekannt ist. Odeon, So 11.8., 16.00 (Eintritt frei)

Adressen Akademietheater 1030, Lisztstraße 1 Arsenal 1030, Arsenal, Objekt 19 Burgtheater 1010, Dr.-Karl-Lueger-Ring 2 Dschungel Wien 1070, MQ, Museumsplatz 1 Garage X 1010, Petersplatz 1 Kasino 1030, Schwarzenbergplatz 1 Museumsquartier 1070, Museumsplatz 1 MuTh 1020, Obere Augartenstraße 1e Odeon 1020, Taborstraße 10 Schauspielhaus 1090, Porzellangasse 19 St.-Ursula-Kirche 1010, Seilerstätte 26 (Eingang Johannesgasse) Volkstheater 1070, Neustiftgasse 1 Weltmuseum Wien 1010, Heldenplatz, Neue Burg


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Impulstanz #30

Zu Besuch in der seltsamen Welt des Marco Berrettini Der deutsch-italienische Choreograf war einmal deutscher Meister im Discotanz. Das sieht man seinem neuen Stück an Text: Christopher Wurmdobler

albes Gestrüpp, graue BlätterF knäuel im grünlichen Schummerlicht. Eine junge Frau und ein älterer

Mann bewegen sich in Jeans mit nackten Oberkörpern und glitzy Schuhen seitlich tänzelnd und immer von Angesicht zu Angesicht: eins, zwei, drei, vier, fünf, tap! Das ist zwar nicht wirklich Discofox, sieht aber trotzdem ein bisschen so aus. Discofox am Strand, so in der Art. Ein wenig wirkt die Szene aber auch, als würde sich da auf der Tanzfläche einer Dorfdisco eine Paarbeziehung anbahnen. Unbeholfen, aber zunehmend ekstatisch versuchen die beiden eine Art Annäherung: Man weiß noch nicht, wohin mit den schwitzigen Händen, ist aber stets darauf bedacht, die Schrittfolge einzuhalten. Und dabei möglichst cool dreinzuschauen. Willkommen in der seltsamen Welt von Marco Berrettini. Berrettini, 49, gehört zu den europäischen Tanzmachern, die Humor – manchmal auch recht brachial – ins Theater bringen. Bei ImPulsTanz hat der in Genf beheimatete deutsch-italienische Choreograf mit seiner Truppe

Ist das etwa Discofox? Marie-Caroline Hominal und Marco Berrettini beim Tänzeln

*Melk Prod. in vergangenen Festivalsommern ein gehöriges Besäufnis auf die Akademietheaterbühne gebracht („No Paraderan“) oder eine Gruppe Astronauten auf dem Planeten Odeon landen lassen („Si, viaggiare!“). Berrettinis neues Stück „iFeel2“ nimmt sich da erstaunlich verhalten aus. Der Choreograf, der im Stuttgarter Staatsballett und bei Pina Bausch getanzt hat, bevor er seine eigene Company gründete, ist diesmal selbst mit auf der Bühne. Und wenn

man weiß, dass er in seiner Jugend deutscher Meister im Discotanz war, muss man jetzt schon ein bisschen schmunzeln. Selbst wenn der Humor bei „iFeel2“ nur leise köchelt – vorerst zumindest. Währenddessen tanzen Frau und Mann

einander auf dem Dancefloor unter den grauen Büschen weiter an. Musik kommt dazu, erst minimalistisch nur die Beats, dann beginnt eine Frauenstimme die Schönheiten der Natur

zu besingen. Es folgen ein paar elektronische Instrumente, der Tanz des Duos scheint plötzlich weniger beiläufig und mutiger, man ändert die Tanzrichtung, wagt die Diagonale und wird lockerer. Die beiden umtanzen extralässig die von der Decke hängenden Buschgebilde, ohne dabei aus dem Rhythmus zu kommen, den die Musik längst verloren hat: zwei, drei, vier, fünf, tap! Frau und Mann umgarnen einander, sie probieren Variationen aus, verlangsamen ihre Schritte. Aber immer im Takt, drei, vier, fünf, tap! Man kommt sich näher, der Tanz wird vertrauter, intimer, vier, fünf, tap! Die Arme schlackern nicht mehr, sondern Tänzerin und Tänzer deuten mittlerweile fast Berührungen an, Umarmungen. Aber nur ein bisschen, ganz schön mutig. Das Publikum wird angetanzt, die Bewegungen werden größer. Fast wie bei Funkenmariechen fliegen Beine in die Luft; freilich ohne dabei die Schrittfolge aufzugeben, fünf, tap! Plötzlich merkt man: die Büsche, die Blätter – alles nur Tarnung. Das Duo ist nicht mehr alleine. Tap! F iFeel2: 8.8., 23.00, Kasino

Der Letzte macht das Licht aus Das wurde aber auch Zeit: ImPulsTanz entdeckt den Schuhplattler. Der Italiener Alessandro Sciarroni tanzt bis zur Erschöpfung Wolfgang Kralicek

chuhplatteln zählte in der zeitgenössischen Tanzperformance bisS her zu den vernachlässigten Stilen. Der in Tirol, Salzburg und Oberbayern seit Jahrhunderten populäre Volkstanz wurde von den Choreografen nicht einmal ignoriert. Und jetzt das: Der Italiener Alessandro Sciarroni gastiert am letzten Tag von ­ImPulsTanz mit einer Performance, in der ausschließlich geschuhplattelt wird.

Auf die Idee kam Sciarroni, als er auf einem CD-Cover ein Foto sah, auf dem der Popexzentriker Rufus Wain­wright eine Lederhose anhat. Den Kontrast zwischen queerem Chic und alpiner Tradition fand der Choreograf spannend. Das Schuhplatteln haben sich Sciarroni und seine Tänzer selbst beigebracht, als Vorlage dienten Filme aus dem Internet. Aber irgendwie hatten sie das Gefühl, dem Thema auf diese Weise nicht ganz gerecht zu werden. Also reiste die Compagnie todesmutig in ein Südtiroler Dorf, wo sie eine Schuhplattlergruppe bat, sich ihre Interpretation des Tanzes anzusehen

Alessandro Sciarroni: „Schuhplatteln lädt den Körper mit Energie auf“

und dann zu sagen, was sie davon halte. „Sie haben uns ihren Segen gegeben, und wir hatten das Gefühl, weitermachen zu können.“ „FOLK-S will you still love me tomorrow?“ ist eine minimalistische, extrem physische Performance, in der loopartig immer wieder dieselben Be-

wegungsmuster variiert werden. Getanzt wird buchstäblich bis zur Erschöpfung. Am Beginn der Vorstellung wird das Publikum darauf hingewiesen, die Vorstellung werde so lange dauern, bis kein Zuschauer mehr im Saal sei – oder kein Tänzer mehr auf der Bühne. Bisher war stets Letzteres zuerst der Fall. Wie lange die Tänzer durchhalten, variiert. Meistens dauert die Performance so 70, 80 Minuten, es können aber auch zwei Stunden und 15 Minuten werden. Für sein Konzept hat Alessandro Sciarroni eine pragmatische und eine philosophische Erklärung anzubieten. Die pragmatische: „Es gibt Leute, die sich einfach nicht für Schuhplatteln interessieren. Und es war mir wichtig, dass diese Leute gehen können, wenn sie keine Lust mehr haben.“ Die Vereinbarung lautet: Sowohl Zuschauer als auch Tänzer können jederzeit rausgehen – sie dürfen dann allerdings nicht mehr zurückkommen. Die sechs Tänzer haben sich ihrerseits auf folgende Regel geeinigt: Sobald einer von ihnen merkt, dass er darüber nachdenkt, was er als Nächstes machen soll, ist es Zeit, zu gehen. „Das ist ein Zeichen dafür, dass du schon zu müde bist, um wirklich im

Moment zu sein. Darum geht es in der Performance auch: um das ImMoment-Sein.“ Die philosophische Erklärung? Sciarroni hat sich überlegt, dass keiner weiß, wann der Schuhplattler erfunden wurde und wie lange es ihn noch geben wird. Für beides wollte er eine Entsprechung finden. Für den Anfang fand er folgende Lösung: Wenn das Publikum reinkommt, sind Sciarroni & Co. schon am Tanzen. Und das Ende? „Dieser Tanz wird verschwinden, wenn ihn niemand mehr tanzt.“ Alessandro Sciarroni wird bei ImPulsTanz auch einen Workshop leiten. „Ich bin kein Schuhplattler­lehrer!“, stellt er klar, aber natürlich werde er den Teilnehmern die Schritte zeigen, die er gelernt hat. „Vor allem aber werde ich ihnen erklären, wie man mit diesem Tanz seinen Körper mit Energie aufladen kann – um diese dann in eine andere Form von Bewegung zu entladen. Genau das passiert in unserer Performance nämlich: Du bewegst dich nachher wirklich anders.“ F FOLK-S will you still love me tomorrow?: 11.8., 23.30, Kasino am Schwarzenbergplatz

F o t o s : M a r i e J e a n s o n , M a t t e o M a ff e s a n t i

Text:


ImPulsTanz #30 Datum 9.7. 11.7. 11.7. 11.7. 12.7. 13.7. 14.7. 14.7. 14.7. 15. + 17.7. 15.7. 16. + 18.7. 16. + 18.7. 16. + 18.7. 17.7. 18.7. 19.7. 19.7. 20. + 22.7. 20.7. 21.7. 21.7. 21.7. 22.7. 22.7. 23., 24. + 25.7. 23.7. 23.7. 24. + 25.7. 24. + 26.7. 25.7. 25.7. 26.7. 26.7. 26.7. 27.7. 27. + 29.7. 27.7. 27. + 29.7. 28.7. 28., 29., 30. + 31.7. 29.7. 30.7. 30.7. + 1.8. 31.7. + 2.8. 31.7. 31.7. 31.7. 1., 3. + 4.8. 2.8. 2.8. 2.8. 2.8. 2.8. 3.8. 3. + 5.8. 4.8. 4.8. 4. + 6.8. 5.8. 5.8. 6. + 8.8. 7.8. 7. + 9.8. 7.8. 7.8. 8.8. 8. + 10.8. 8.8. 8.8. 9. + 10.8. 9.8. 10.8. 11. 8. 11.8. 11.8.

Compagnie

Trajal Harrell & Friends Marta Navaridas & Alexander Deutinger Olivier Dubois Mariana Tengner Barros Michael Turinsky Anne Teresa De Keersmaeker & Boris Charmatz Simone Aughterlony Mariana Tengner Barros Marta Navaridas & Alexander Deutinger Ultima Vez/Wim Vandekeybus Michael Turinsky Zeina Hanna Rodrigo Sobarzo de Larraechea Akram Khan Company Philipp Gehmacher Jonathan Burrows & Matteo Fargion Liquid Loft/Chris Haring & Staatstheater Kassel ImPulsTanz Party Akram Khan Company MaisonDahlBonnema Trajal Harrell Cie. Ivo Dimchev & Franz West Trajal Harrell Trajal Harrell Trajal Harrell & Bengolea & Chaignaud & Freitas Ives Thuwis Meg Stuart/Damaged Goods & Münchner Kammerspiele Jana Unmüßig 2nd nature/Christine Gaigg Ultima Vez/Wim Vandekeybus Jana Unmüßig Trajal Harrell Trajal Harrell 2nd nature/Christine Gaigg Mathilde Monnier/CCN Montpellier & François Olislaeger François Chaignaud Padmini Chettur & David Hernandez Xavier Le Roy Cie. Ivo Dimchev Mathilde Monnier/CCN Montpellier & François Olislaeger Jérôme Bel & Theater Hora Mathilde Monnier/CCN Montpellier Ko Murobushi Cecilia Bengolea & François Chaignaud Jérôme Bel Liz Santoro Willy Prager Troubleyn/Jan Fabre & Antony Rizzi William Kentridge, P. Miller, D. Masilo, C. Meyburgh Willy Prager Troubleyn/Jan Fabre & Antony Rizzi Needcompany/Grace Ellen Barkey Ko Murobushi Liz Santoro 14 Performerinnen und Performer Silk Cie. 14 Performerinnen und Performer Needcompany/Grace Ellen Barkey Lenio Kaklea Doris Uhlich Akemi Takeya Fou Glorieux/Louise Lecavalier Eisa Jocson Cie. Marie Chouinard Amanda Apetrea & Halla Ólafsdóttir Doris Uhlich Amanda Apetrea & Halla Ólafsdóttir Clara Furey & Michikazu Matsune Eisa Jocson *MELK PROD. / Marco Berrettini Ismael Ivo & Grupo Biblioteca Do Corpo danceWEB-Party Florentina Holzinger Ismael Ivo & Grupo Biblioteca Do Corpo Trajal Harrell & Pro Series Participants Alessandro Sciarroni

kartenvorverkauf: (01) 712 54 00-111  ImPulsTanz-Tageskassa STAATSOPER – UNTER DEN ARKADEN (1., Herbert-von-Karajan-Platz): (01) 514 442958, Mo–Sa 10–13 und 14–20, So 14–20 Uhr

Stücktitel

ImPulsTanz @ 30: License to party Speaking of Which [8:tension] Prêt à baiser (Ready to Kiss) The Trap [8:tension] [WW] heteronomous male [8:tension] Partita 2 (sei solo) Show and Tell The Trap [8:tension] Speaking of Which [8:tension] [WW] What the Body Does Not Remember heteronomous male [8:tension] [WW] Never Live Twice [8:tension] A P N E A [8:tension] Desh SAY SOMETHING: six speech acts Counting To One Hundred/One Flute Note [WW] Lego Love Moonlight Breakfast live, Preddy & Mr Smoab iTMOi (in the mind of igor) Analysis – the Whole Song [WW] Twenty Looks or Paris is Burning … (M2M) X-ON Antigone Jr. / Twenty Looks … (jr.) [WW] Twenty Looks or Paris is Burning … (S) (M)imosa / Twenty Looks … (M) Love Songs Built to Last Farbe, Farbe [8:tension] [WW] DeSacre! booty Looting Farbe, Farbe [8:tension] Antigone Sr. / Twenty Looks … (L) Twenty Looks or Paris is Burning … (XS) DeSacre! Qu’est-ce qui nous arrive?!? (Was ist los mit uns?!?) ДУМИ МОЇ / Dumy Moyi Beautiful Thing 2 & Divertimenti [East-West] Low Pieces Fest [WW] Qu’est-ce qui nous arrive?!? (Was ist los mit uns?!?) Disabled Theater Twin Paradox Ritournelle / Danse <MILLE PLATEAUX> vol. 1 altered natives’ Say Yes to Another Excess … [WW] Pichet Klunchun and myself [East-West] We Do Our Best [8:tension] The Victory Day [8:tension] Drugs Kept Me Alive [WW] Refuse the Hour The Victory Day [8:tension] Drugs Kept Me Alive Mush-Room Ritournelle / Danse <MILLE PLATEAUX> vol. 1 [WW] We Do Our Best [8:tension] [WW] Occupy the Museum Versuchsperson Silke Grabinger 2.0 Occupy the Museum Mush-Room arranged by date [8:tension] [WW] more than naked (anti)*Clockwise [WW] So Blue Macho Dancer [8:tension] Gymnopédies & Henri Michaux: Mouvements Beauty and the Beast [8:tension] more than naked [WW] Beauty and the Beast [8:tension] Night Will Come [East-West] Macho Dancer iFeel2 No Sacre Davidecks & Drums live, Zorillah & Kido Soon Makankosappo [WW] No Sacre Rite of summer FOLK-S will you still love me tomorrow? [WW]

(tägl. 8–20 Uhr) info: (01) 523 55 58

I mPulsTanz-Tageskassa (ab 6. Juli) Volkstheater – Foyer (7., Neustiftgasse 1): (01) 521 11-231, täglich 10–19 Uhr

11. Juli — 11. August

www.ImPulsTanz.com

Spielort

Beginn

MQ-Haupthof (Eintritt frei) Schauspielhaus Odeon Schauspielhaus Schauspielhaus Burgtheater Odeon Schauspielhaus Schauspielhaus Volkstheater Schauspielhaus Odeon Odeon Burgtheater Burgtheater Schauspielhaus Volkstheater Kasino MuseumsQuartier, Halle E Schauspielhaus Odeon Volkstheater Garage X Kasino Kasino Dschungel Volkstheater Kasino St.-Ursula-Kirche Akademietheater Kasino Volkstheater Dschungel St.-Ursula-Kirche Odeon Volkstheater, Bühne Weltmuseum MuseumsQuartier, Halle G Kasino Odeon Akademietheater Volkstheater Odeon MuseumsQuartier, Halle G Weltmuseum Kasino Kasino Schauspielhaus Volkstheater Kasino Schauspielhaus Akademietheater Odeon Kasino Weltmuseum Odeon Weltmuseum Akademietheater Kasino MuseumsQuartier, Halle G Schauspielhaus Akademietheater Schauspielhaus Volkstheater Schauspielhaus MuseumsQuartier, Halle G Schauspielhaus Weltmuseum Schauspielhaus Kasino Odeon Kasino Schauspielhaus Odeon MuTh Kasino

21.15 20.00 21.30 23.00 21.00 21.00 19.00 21.00 23.00 21.00 23.00 19.00 19.30 21.00 23.00 23.00 21.00 22.00 21.00 23.00 19.00 21.00 23.00 19.00 21.00 19.00 21.00 23.00 19.30 21.00 21.00 21.00 19.00 + 20.00 19.30 + 21.30 21.00 ab 16.30 19.00 21.00 23.00 19.00 21.00 21.00 21.00 23.00 19.00 21.00 22.00 23.00 21.00 21.00 21.00 21.00 23.00 23.00 17.00 – 20.00 21.00 16.00 –19.00 19.00 23.00 21.00 23.00 21.00 20.00 21.00 22.00 23.00 19.00 20.00 21.30 23.00 21.00 22.00 23.00 19.00 21.00 23.30

I mPulsTanz-Tageskassa (ab 14. Juli) ARSENAL/BURGTHEATER-PROBEBÜHNEN (3., Objekt 19): (01) 514 44-5416, täglich 10–19 Uhr (bis 10. August)

Abendkassa eine Stunde vor Vorstellungsbeginn am jeweiligen Spielort

Workshops & Research 14.7. bis 10.8. Info: www.ImPulsTanz.com, Tel. (01) 523 55 58. „impressions 13“: 14.7., 16.00, Arsenal. „expressions 13“: 10.8., 16.00, Arsenal


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