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FALTER Fair Herbst 2015

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Nr. 38a/15

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Illustration: Bianca Tschaikner

Das Magazin mit guten Gründen für ein nachhaltiges Leben

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Herbst 2015

Was ist Fairtrade? · Der Ökopfarrer · Warten auf Fairphone2 · Mobile Architektur Im Trend: nachhaltiger Tourismus · Die Plastikmüll-Fischer · Faires Geld

Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2517/2015


© Hundertwasser Architekturprojekt

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Die Welt des Wassers Sanft · Hochwirksam · Naturrein. Einfach schön.

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Rogner Bad Blumau · Steiermark · Tel. +43 (0) 3383-5100-9449 · urlaubsschneiderei@rogner.com · blumau.com


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An der Mährischen Thaya im Waldviertel. So kann man sich Ökotourismus vorstellen. Mehr auf Seite 22

Inhalt Herr Kirner, was ist fair? Der Geschäftsführer von Fairtrade Austria im Gespräch

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Fairphone braucht Weile Über die Produktion des Fairphone und warum man auf das Fairphone2 so lange warten muss

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Plastik aus dem Meer Das Projekt von Grazer Studenten erregt Aufsehen. Es könnte ein globales Problem lösen

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Der Ökopfarrer Wolfgang Fank hat seine Gemeinde in der Steiermark auf Ökokurs gebracht

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Hilfe durch Hütten Über engagierte Architekten, die für Opfer von Katastrophen aller Art bauen und planen

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Faires Geld Gibt es so was? Zumindest gibt es Agenturen, die Antworten auf diese Frage haben

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Laudato si’! Kein franziskanischer Lobpreis, eine fulminante Anklage: die päpstliche Umwelt-Enzyklika

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Ökotourismus Auch im Tourismus ist der Trend zu fairen Reisen nicht zu stoppen; so erlebt man auch mehr

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Faires Menü Kulinarischer Schluss: So machen Sie es richtig, in drei Gängen

Fotos: irena rosc, Archiv

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Insgesamt lässt sich eine beachtliche Neigung zum Katholizismus konstatieren. In diesem Jahr versteht sich das gleichsam von selbst, denn die Umwelt-Enzyklika des Papstes wird weltweit als eines der wichtigsten Dokumente zum Thema betrachtet. Was lag näher, als dass Birgit Wittstock einen Ökopfarrer aufsuchte, der schon längst praktiziert, was der Papst nun predigt? Wolfgang Fank hat zwar den Glauben an die ökologische Rettung der Welt verloren, er tut dennoch, was er kann. Das ist nicht wenig.

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Auch beim Thema faires Geld kam Josef Redl weder an der Kirche noch am Teufel vorbei. Selbst beim Gespräch mit dem Geschäftsführer von Fairtrade Österreich zum Thema „Was ist fair?“ spielen die Kirche oder zumindest kirchennahe Organisationen eine Rolle. Gänzlich kirchenfrei kommt hingegen das von Lukas Matzinger beschrie-

Wittstock Matzinger Rosc

bene Projekt der Meeressäuberung von Grazer Studenten daher. Noch ist es nur ein Projekt, aber es hat bereits einiges Aufsehen erregt. Fairness umfasst alle Lebensbereiche. Maik Novotny zeigt das anhand von Architekten, die Architektur für Flüchtlinge und Katastrophenopfer planen. Was unter anderem beweist: Architekten und Architektinnen sind

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Fairwort ie zweite Ausgabe von Fair präsentiert sich mit erweitertem UmD fang und größerem Themenspektrum.

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anders als ihr Ruf. Zunehmend mehr erkennen sie die eminent soziale Bedeutung ihres Berufs. Christine Zeiner beschreibt die Schwierigkeiten, ein faires Handy zu produzieren. Das ambitionierte Projekt einer niederländischen Firma erfordert von den Konsumenten einiges an Geduld und Toleranz. Nina Horaczek zeigt, dass im Tourismus Fairness eine immer größere Rolle spielt. Immer mehr Anbieter spezialisieren sich auf Ökokorrektheit. Und in den von Irena Rosc fotografierten Rezepten können Sie Fairness am eigenen Herd praktizieren. armin th u rnh e r

Impressum Falter 38a/15 Herausgeber: Armin Thurnher Medieninhaber: Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H., Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 01/536 60-0, F: 01/536 60-912, E: wienzeit@falter.at, www.falter.at Redaktion: Armin Thurnher Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.; Layout: Raphael Moser; Lektorat: Maria Schiestl, Daniel Jokesch; Geschäftsführung: Siegmar Schlager Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar


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Von Cola zu Fairtrade? Geht nicht? Geht doch! Fairtrade-Austria-Geschäftsführer Hartwig Kirner über seine Vita und den freien Markt

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r ist ein Pragmatiker, daran lässt er keinen Zweifel. Und doch steht im Hintergrund seines Handelns die Idee einer besseren Welt. Hartwig Kirner hat bei großen US-Konzernen gearbeitet, aber schon als Student einen Weltladen gegründet. Beharrlich arbeitet er daran, den Lebensmittelmarkt gerechter zu machen – gerechter für die Produzenten im Süden. Fairtrade ist ein Gütesiegel, aber es steht auch für eine andere Art, die Dinge zu betrachten. Nämlich dafür, die Verhältnisse zu verändern – Banane für Banane, Rose für Rose, Schokoriegel für Schokoriegel. Falter: Herr Kirner, was ist fair? Hartwig Kirner: Dass ich jemanden fair be-

handle heißt, ihn so zu behandeln, wie auch ich behandelt werden möchte. Wenn ich in der Arbeit einen Lohn bekommen möchte, von dem meine Familie leben kann und mit dem ich bescheidenen Wohlstand anhäufen kann, dann wäre es auch fair, jemanden anderen so zu behandeln. Was ist Fairtrade? Kirner: Es geht nicht um Almosen, es geht darum, dass Menschen, die für uns Produkte herstellen, gerecht behandelt werden. Sei es durch faire Bezahlung oder durch bessere Arbeitsbedingungen. Dafür möchte Fairtrade sorgen.

G e sp r ä c h : Armin THurnher Foto: Heribert Corn

Wieso?

Kirner: Betriebswirtschaft und Volkswirt-

Zur Person Hartwig Kirner, geboren 1969 in Stockerau, studierte Betriebswirtschaft an der WU Wien und arbeitete anschließend bei mehreren internationalen Konzernen, Procter & Gamble, Coca Cola, Gilette und HewlettPackard. Seit 2007 ist er Geschäftsführer von Fairtrade Austria

Absolute Gleichheit beinhaltet das nicht? Kirner: Über absolute Gleichheit nachzudenken ist eine schöne Utopie, aber wir sind eine Organisation, die versucht, pragmatischen Realismus walten zu lassen. Das bringt auch eine angepasste Lohnstruktur mit sich. Jemand in Nicaragua wird nicht so viel verdienen können wie jemand in Europa. Was wäre unfair? Kirner: Rein auf das Gehalt bezogen: Wenn eine Familie vom Einkommen der Eltern nicht leben kann. Das ist definitiv unfair. Auch Arbeitspraktiken, wo gewerkschaftliche Organisationsfreiheit nicht gegeben ist. Das heißt, dass die Menschen sich nicht wehren können. Wie weit ist Ungleichheit unfair? Kirner: Sie kommen gleich mit den ganz großen Fragen! Die OECD sagt, dass die immer weiter aufgehende Ungleichheit eines der ganz großen Themen ist. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der die Mittelschicht in Österreich zu Wohlstand gekommen ist, das hat eine Periode der Pros­perität eingeleitet. Wenn wir das jetzt ins Gegen-

teil verkehren, bekommen wir viele Probleme. Dass der Gini-Koeffizient, der die Ungleichheit von Einkommen misst, auf null geht (Eins wäre die höchste Ungleichheit, Anmerkung), das wird es nicht spielen. Das wäre auch nicht sinnvoll. Aber die Schere zuzumachen, ist nicht nur altruistisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll.

Was ist fair

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Diese Frage stellen wir in jeder Ausgabe von Fair Personen, von denen wir kompetente Antworten erwarten

schaft sind zwei unterschiedliche Wissenschaften; was für einen einzelnen Betrieb gut sein mag, kann für die Volkswirtschaft schädlich sein, und damit wieder für den einzelnen Betrieb. Da kommen wir zur Schwierigkeit, den Kapitalismus zu begrenzen und trotzdem die individuelle Freiheit zu erhalten. Kirner: Wir hatten in Westeuropa eine Zeit lang, in den 1970er- und 1980er-Jahren, eine Balance zwischen vernünftiger Verteilung des Wohlstands und Anreizen, nach mehr zu streben. Natürlich muss es Anreize geben, etwas zu leisten. Also Wettbewerb. Kirner: Klar. Fairtrade bewegt sich im Rahmen des Wettbewerbs. Wir lehnen den Kapitalismus als Wirtschaftssystem nicht grundsätzlich ab. Fairtrade bewegt sich im Rahmen der freien Marktwirtschaft, möchte aber das Spielfeld einebnen, damit nicht ein paar Millionen kleiner Bauern einigen wenigen großen Abnehmern gegenüberstehen. Wir möchten diesen Millionen Kaffeebauern eine bessere Verhandlungsposition einräumen. Wie ist Fairtrade organisiert? Kirner: Wir sind in Österreich ein Verein und haben uns international zu einem Dachverband zusammengeschlossen. Wir arbeiten alle mit den gleichen Standards, die wir gemeinsam festlegen. Auch der Dachverband ist ein Verein. Warum keine Genossenschaft? Fairtrade propagiert ja diese Gesellschaftsform als sinnvollste Form der wirtschaftlichen Organisation. Kirner: Ich habe Ihnen bis jetzt nur die eine Seite des Fairtrade-Systems erklärt. Die Hälfte der Stimmrechte liegt international bei den Bauernorganisationen. Die Hälfte der Stimmrechte liegt also im Süden, und dort agieren vorwiegend Genossenschaften. Wir haben bei Fairtrade ungefähr 1000 Genossenschaften und 25 Vereine.

Wer sind in Österreich und Europa die Akteure? Kirner: Fairtrade Österreich wurde als überparteiliche und überkonfessionelle Organisation der Zivilgesellschaft aus den Bereichen Entwicklungspolitik, Ökologie, Bildung, Soziales und Religion gegründet, wie zum Beispiel Caritas, Dreikönigsaktion, aber auch Bio Austria. Politische Organisationen? Kirner: Nein. Die grüne Bildungswerkstatt war eine Zeitlang Mitglied, aber wir versuchen peinlich genau, uns nicht in eine politische Ecke drücken zu lassen. Wie wirtschaftet Fairtrade? Kirner: Wir sind gemeinnützig und schütten keine Gewinne aus. Überschüsse dienen als Reserve. Als ich vor acht Jahren Geschäftsführer wurde, hatten wir nur für einen Monat Kapital. Das war immer sehr knapp. Jetzt haben wir ein paar Reserven und halten es aus, wenn jemand etwas später zahlt. Und wir sind weniger erpressbar. Es ist ärgerlich, wenn eine Partnerfirma aussteigt, aber es bricht für uns nicht alles zusammen. Wenn wir Überschüsse erwirtschaften, stecken wir sie in Projekte. Viele Leute setzen Fairtrade mit Bio gleich. Das stimmt aber nicht. Warum? Kirner: Auf der einen Seite ist es oft für sehr kleine Bauern schwierig, sich biozertifizieren zu lassen. Da muss man Dokumentationen führen, muss Zertifizierungsgebühren zahlen und so weiter. Besonders für Kleine braucht das oft noch Investment. Zum Teil reden wir über tropische Länder wie Ecua­ dor, wo aufgrund der Luftfeuchtigkeit der Pilzdruck so hoch ist, dass dort biologisch keine Bananen angebaut werden könnten. Manchmal muss man Pestizide einsetzen. Fairtrade schreibt vor, ökologisch zu agieren, aber nicht hohe Biostandards einzuhalten. Gleichzeitig sind 70 Prozent der Fairtrade-Produkte biozertifiziert. Der österreichische Lebensmittelmarkt ist relativ hoch konzentriert. Ist das nicht schwierig? Kirner: Ich kenne den deutschen Markt, der ist noch schwieriger. Nein, wir sind in der glücklichen Situation, dass alle Akteure im Handel den fairen Handel fördern. Unterschiedlich intensiv, aber doch. Auch wir müssen hier Neutralität zeigen. Wir können nicht einen bevorzugen, der Fairtrade vielleicht besonders intensiv fördert. Ich kenne Fortsetzung auf Seite 6


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Die meisten Fairtrade-Produkte bestehen aus nur einem einzigen Rohstoff. Kaffee, Bananen und Rosen erreichen die höchsten Marktanteile


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Fortsetzung von Seite 4

stoff: Kaffee, Bananen, Blumen. Aber Schokolade ist ein Mischprodukt, sie besteht aus Kakao, Milchpulver, Zucker. Für Milchpulver gibt es keine Fairtrade-Zertifizierung. Da gilt die Devise, was aus Fairtrade bestehen kann, muss aus Fairtrade kommen. Bei Produkten mit dem Kakaoprogrammsiegel dagegen muss der Zucker nicht Fairtrade-zertifiziert sein, sondern kann aus Österreich stammen.

Sind Bioeigenmarken wie Rewes „Ja Natürlich“ oder Hofers „Zurück zum Ursprung“ eine Konkurrenz? Kirner: Nein, das sind Partner. Sie sagen, Sie kommen aus der Markenartikelindustrie. Was haben Sie studiert, wie kamen Sie zu Fairtrade? Kirner: Ich habe Betriebswirtschaft studiert und war dann bei mehreren amerikanischen Markenartiklern. Bei Procter& Gamble, dann bei Coca-Cola, bei Gilette und Hewlett-Packard.

„Manchmal braucht man einen pragmatischen Ansatz“ Hartwig Kirner

Haben Sie es als Seitenwechsel empfunden, zu Fairtrade zu gehen? Kirner: Nein, eigentlich nicht. Ich habe schon als Student einen Weltladen in Stockerau mitgegründet … Danach kann man doch nicht zu Coca-Cola gehen! Kirner: Warum nicht? Es gibt auch dort Menschen, die das Beste wollen. Vielleicht im Rahmen ihrer vorgegebenen Bedingungen. Manchmal muss man die Zähne zu­ sam­menbeißen und so weit gehen, wie es einem möglich ist. Grundsätzlich gibt es in solchen Konzernen aber Menschen, die hohe ethische Standards haben. Bei 100.000 Menschen gibt es immer solche und solche.

Fairtrade Zahlen

1100 Produkte bietet Fairtrade in Österreich an 149 Millionen € beträgt der jährliche Umsatz 15 Prozent ist der Umsatz im vergangenen Jahr gewachsen 17,52 € gibt jeder Und es gibt das Produkt. Coca-Cola ist ja Österreicher im Jahr vielleicht nicht das empfehlenswerteste aller für Fairtrade-Produkte Lebensmittel … aus Kirner: Es muss doch jeder selbst entschei- 30,1 Millionen den, was er trinkt und was nicht. Man muss Dollar flossen aus es ja nicht aggressiv für Kinder bewerben. diesen Verkäufen direkt an Produzenten Was motiviert Fairtrade-Käuferinnen und in Afrika, Asien und -Käufer? Globale Gerechtigkeit oder die Lateinamerika eigene Gesundheit? 11 hauptberufliche Kirner: Gesundheit spielt bei uns eine un- Mitarbeiter (und tergeordnete Rolle, weil wir das nicht aus- zahlreiche freiwillige loben. Das spielt bei Bioprodukten eine Helfer) arbeiten neben viel größere Rolle, dort ist es aber auch ein Hartwig Kirner für Missverständnis, dort geht’s primär um Na- Fairtrade Austria

tur. Bei uns geht es um den sozialen Aspekt. Wenn Menschen Fairtrade-Produkte kaufen, wollen sie, dass ihr Kauf nichts Negatives auslöst. Auch die Qualität spielt eine Rolle. Dabei geht es nicht nur um physisch Angreifbares. Trinke ich einen Wein aus Langenlois, denke ich nicht nur an Messbares, sondern auch an die Hänge, die Landschaft, die Sonne …

Merkwürdig, dass Supermärkte kein Problem damit haben. Gibt es nicht Leute, die den Umkehrschluss ziehen, dass alles andere als ein FairtradeProdukt unfair ist? Kirner: Das habe ich weiß Gott wie oft schon von Unternehmen gehört, mit denen wir neu reden. Ich habe es aber noch nie von Konsumenten gehört! Jeder versteht, dass man nicht gleich alles umstellen kann. Man kann nur einen Schritt nach dem anderen setzen. Ein Beispiel für Realismus: Wir haben im letzten Jahr das Fairtrade-Kakaoprogramm umgesetzt. Die meisten unserer Produkte bestehen nur aus einem Roh-

Das FairtradeGütesiegel stellt sicher, dass das besiegelte Produkt festgelegten sozialen, ökonomischen und ökologischen Standards entspricht

Website: www.fairtrade.at

Regionales ist also erlaubt. Kirner: Ja, Firmen wie Manner, die den Stephansdom im Logo haben, oder die Firma Heindl, die sich als Wiener Firma definiert, wollen österreichischen Zucker verwenden. Also hat unser Kakaoprogramm ein eigenes Siegel, und der Zucker für die Schokolade kann auch aus Österreich kommen. Manchmal braucht man einen pragmatischen Ansatz. Damit werden wir die Fairtrade-Kakaomengen verdoppeln. Wie hoch sind die Marktanteile von Fairtrade? Kirner: Bei Bananen sind es 20 Prozent, bei den Rosen ist schon jede dritte importierte Rose fair gehandelt, bei Kaffee und Kakao reden wir von drei bis fünf Prozent. Bananen und Rosen zeigen, dass der FairtradeGedanke massenmarkttauglich ist. Eigene Outlets haben Sie nicht. Kirner: Wir handeln nicht selbst mit Produkten, wir machen keinen Umsatz, es läuft alles über Partnerfirmen. Ist Versandhandel für Sie ein Thema? Kirner: Ja, Zotter-Schokolade kann man beispielsweise online bestellen. Onlinehandel ist ein spannendes Thema, weil dort über die Website auch mehr Inhalte zum Produkt mittransportiert werden können. Was macht Fairtrade also genau? Kirner: Fairtrade ist kein Händler, aber ein Gütesiegel. Die AMA für fairen Handel sozusagen. Die Lebensmittelhändler kaufen bei Fairtrade-zertifizierten Produzenten oder bei Vorlieferanten, Fairtrade zertifiziert die gesamte Wertschöpfungskette, angefangen bei den Genossenschaften. Jede Handelsstufe wird gesondert auditiert. Wir nehmen nichts in die Hand, wir kontrollieren nur. Auch kein Geld. Kirner: Nein. Wir können und wollen auf den Geldfluss entlang der Wertschöpfungskette nicht zugreifen. Die Firma EZA etwa kauft direkt bei den Produzenten ein. Wir kontrollieren, dass die Standards eingehalten werden, also zum Beispiel die Fairtrade-Mindestpreise und die Prämien. Wo kommt Ihr Geld her? Kirner: Direkt von den Firmen, diese zahlen für die Verwendung des Fairtrade-Siegels eine Lizenzgebühr an uns. Das ist ein Extrazahlungsstrom. Dafür gibt es Service von uns an die Firmen. Es ist wichtig, das nicht zu vermischen. Wer hatte die Idee zu Fairtrade? Kirner: Die entstand in England und Holland kurz nach 1945, mit der Erfahrung der

zurückgekehrten Kolonialbeamten. Die Initialzündung gab die Kaffeekrise der 1990erJahre, der Kaffeepreis ratterte in den Keller, weit unter die Produktionskosten. Es war besser, die Kaffeebohnen gar nicht zu ernten. Danach überlegte man sich, wie man für die Kaffeebauern gerechtere Bedingungen schaffen könnte. Es entstanden die ersten Weltläden, damals hießen sie DritteWelt-Läden. Kirchliche und nichtkirchlichen Organisationen gründeten daraufhin nach europäischen Vorbildern Fairtrade Österreich. Man sah, wenn man in die Supermärkte will, braucht man eine Marke, die sich abhebt. Wenn man also die Frage hört, ob das gescheit sei, mit großen Firmen zu arbeiten – es war die Gründungsidee, in den Massenmarkt zu gehen. Was spricht dagegen? Kirner: In Summe nichts. Die Supermarktketten leisten einen wichtigen Dienst und bringen Lebensmittel dorthin, wo sie gebraucht werden. Und die Produzenten­ organisationen profitieren von besseren Absatzmöglichkeiten und fairen Produktionsbedingungen. Was ist das Ziel von Fairtrade? Kirner: Dass fairer Handel der Normalfall ist und nichtfairer Handel die Ausnahme. Was sich großkotzig anhört, ist in manchen Branchen Realität. In der Schokoladebranche haben sich die Großen alle eine Nachhaltigkeitsagenda gesetzt und möchten bis 2020 nur mehr nachhaltigen Kakao kaufen. Das ist der erste Markt, bei dem Hoffnung besteht, dass sich wirklich etwas fundamental ändert. Wie unterstützen Sie solche Prozesse? Kirner: Wir haben die Aufgabe, über unfaire Handelspraktiken aufzuklären und faire Alternativen aufzuzeigen. Aber wir sind keine Kampagnenorganisation. Das machen Organisationen wie Oxfam oder Südwind besser. Wir bieten konstruktive Lösungsmöglichkeiten und Alternativen zum konventionellen Handel. Was will das Publikum, wohin geht der Trend? Kirner: Eindeutig zu Fairtrade-Produkten. Ich sehe eine sehr starke Dynamik. Seit der Krise im Jahr 2008 nehmen wir kapitalismuskritische Aspekte stärker wahr. Wir müssen uns immer fragen, ob unser Weg richtig ist, ob wir nachjustieren müssen oder vielleicht ein ganz anderes System brauchen. Darüber denken die Leute nach. Und Fairtrade passt in diese Diskussion. Klimawandel und Migration werden solche Tendenzen noch verstärken. Kirner: Die Prognosen sind relativ unsicher. Wir haben die Spitze des Bevölkerungswachstums überschritten. Zwar wird die Bevölkerung in Afrika weiter stark wachsen. Aber wenn der Wohlstand steigt, sinken die Geburtenraten. Bei uns hat sich das in zwei Generationen gedreht, meine Oma trug Kopftuch und hatte 14 Kinder. In China und Indien ändert sich das Bild schon heute. Wir sehen also positive Trends, und mit fairem Handel kann man solche Trends auch verstärken. F

Foto: Heribert Corn

das Problem, komme selbst aus der Markenartikelindustrie, aber für Fairtrade sehe ich kein Problem.


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Fair und unfair aus nah und fern Glossen aus der Welt der Nachhaltigkeit. Über Halb- und Mittelfaires, Urfaires und ausgesprochen Unfaires Jonathan Franzen, US-amerikanischer Roman-

fotos: jakub masur, Archiv

cier, scheut keine Kontroverse. Heuer hat er es gewagt, eine von vielen als fatal erachtete Rechnung aufzumachen, Klimawandel gegen Naturschutz. Dass zum Beispiel hierzulande bei der oft engstirnigen, profitgierigen Propagierung der Windkraft eine Industrialisierung der Landschaft in Kauf genommen werden muss, wollen viele ökologisch Motivierte nicht sehen. Franzen schrieb ihnen ins Stammbuch: „Als Erzählung ist Klimawandel beinahe so simpel wie ,Märkte sind effizient‘. Die Story kann in weniger als 140 Buchstaben erzählt werden: ,Wir stoßen Kohlendioxid in die Atmosphäre aus, wenn wir damit nicht aufhören, sind wir im Arsch.‘ Verglichen damit, ist Naturschutz wie ein Roman. Keine zwei Orte gleichen einander, keine Erzählung ist simpel.“ Naturgemäß ergoss sich ein Strom von Verwünschungen über Franzen. Da er Social Media meidet, wird ihm einiges davon erspart geblieben sein. Erinnern Sie sich an Rana Plaza? So hieß jenes

Gebäude in Bangladesh, in dem am 24. April 2013 1100 Arbeiter und Arbeiterinnen zu Tode kamen, als das Haus einstürzte. Sie nähten T-Shirts, Hosen und Jacken für 31 internationale Markenunternehmen. Die Organisation Clean Clothes startete eine Kampagne, um eine Entschädigung der Op-

fer zu erreichen. Die Firmen zeigten sich nicht besonders zahlungswillig; schließlich sei es nicht ihr Verschulden, dass das Haus eingestürzt sei, sondern jenes der örtlichen Sweatshop-Betreiber. Dennoch gründete die Internationale Arbeitsorganisation ILO einen Fonds, um Hinterbliebene zu entschädigen und den Betroffenen Behandlungskosten zu ersetzen. Nach zwei Jahren wurde die notwendige Summe erreicht. 31 Konzerne mit einer addierten Gewinnsumme von 20 Milliarden Dollar im Jahr hatten zweieinhalb Jahre gebraucht, um 30 Millionen Dollar zu sammeln. Audiatur et altera pars! In Fair Frühjahr 2015

brachten wir eine Kalkulation von Michael Narodoslawsky, Professor am Grazer Institut für Prozess- und Partikeltechnik an der Technischen Universität Graz. Er hat den Begriff des ökologischen Fußabdrucks geprägt. Gemeinsam mit seinem Sohn, dem Falter-Redakteur Benedikt Narodoslawsky, kalkulierte er die Nachhaltigkeit digitaler Kommunikation und kam zum Schluss, es sei ökologischer, sich die Zeitung als E-Paper zu kaufen. Eine andere Rechnung stellt nun der Verband Österreichischer Zeitungen in den Mittelpunkt seiner neuen Kampagne „Print Power“. „Elektronische Kommunikation geht nicht unbedingt mit mehr Nachhaltigkeit einher“, sagt VÖZ-Geschäftsfüh-

Romancier Franzen: Klimawandel ist wie Twitter Jonathan Franzen: Carbon Capture. New Yorker, April 2015

rer Gerald Grünberger. „Der Mythos, dass digitale Kommunikation umweltfreundlicher sei, ist nicht aufrechtzuerhalten.“ Eine einzelne Person, die ein Jahr lang eine Tageszeitung bezieht und eine halbe Stunde täglich liest, sei laut einer Studie des Königlich-Schwedischen Instituts für Technologie für den Ausstoß von 28 Kilogramm CO2 pro Jahr verantwortlich. Das Äquivalent bei 30 Minuten Computernutzung am Tag entspreche 35 Kilogramm CO2 pro Jahr. Dabei sei noch nicht berücksichtigt, dass eine Zeitung von mehreren Nutzern gelesen wird. Narodoslawsky hatte im Falter-Artikel ausdrücklich von Tablets und Smartphones gesprochen. Wie auch immer. Den Verlegern wird es egal sein, worauf ihre Inhalte gelesen werden. Solange das Publikum sie dafür fair bezahlt. Europas Bürgerschaft lässt einen manchmal

Hier könnte man sich über TTIP informieren: http://trade.ec.europa. eu/doclib/press/index. cfm?id=1230

verzweifeln. Die hauptsächliche Kritik am zwischen den USA und der EU in Aushandlung befindlichen Freihandelsabkommen TTIP bezieht sich stets auf die mangelnde Öffentlichkeit. Anfang dieses Jahres stellte die EU-Kommission zahlreiche Dokumente zu TTIP ins Netz. Leider zeigte sich: Fast niemand liest sie. Von Anfang Januar bis Anfang April hatten die Dokumente gerade einmal 25 Klicks am Tag, berichtete die FAZ. AT

Das Milchwirtschaftswunder. Gut für die Bauern, gut für die Region. Unsere frische Bergbauern Heumilch sichert die wirtschaftliche Existenz von unseren heimischen Bergbauern und die Zukunft einer ganzen Region. www.zurueckzumursprung.at


Ab Oktober gibt es 100% CO2-neutral produziertes Bier aus der „Grünen Großbrauerei Göss“

Fotos: Brau Union Österreich

Brau Union Österreich ist mit zukunftsw Projekten auf dem richtigen Weg Nach der Auszeichnung mit dem Energy Globe 2015 und dem TRIGOS OÖ wird im Oktober ein weiterer Meilenstein erreicht: Ab der Eröffnung der Biertrebervergärungsanlage wird in Göss 100% CO2neutral produziert – weltweit ist die steirische Brauerei damit Vorreiter.

Biergenuss im Zeichen der Nachhaltigkeit Die Brau Union Österreich hat es sich zum Ziel gesetzt, die beste Bierkultur für die Zukunft zu schaffen und die österreichische Bierkultur nach sozialen und ökologischen Herausforderungen zu gestalten. Als nachhaltig agierendes Unternehmen setzt die Brau Union Österreich auf eine Reihe von Initiativen, um die Nutzung erneuerbarer Energieträger zu erhöhen und den Verbrauch an Wärme, Strom und Kraftstoffen zu senken. Paradebeispiele für das Nachhaltigkeitsen-

gagement der Brau Union Österreich sind die Brauerei Wieselburg und die weltweit erste „Grüne Großbrauerei“ – die Brauerei Göss.

Weltweiter Pionier aus Göss: Das liebste Bier der Österreicher wird ab Oktober 2015 zu 100% CO2-neutral produziert Nachdem schon bisher 40 Prozent des Wärmebedarfs der Brauerei Göss aus der Abwärme des benachbarten


weisenden

Holzverarbeitungsbetriebs gedeckt wurden und auch eine Solaranlage im Einsatz ist, wird nun ein weiterer – weltweit einzigartiger – Meilenstein gesetzt: „Unser finales Ziel war die Umwandlung der Brauerei Göss in einen gänzlich CO2-neutralen Betrieb – dieses Ziel wird mit der Biertrebervergärungsanlage erreicht, die am 28. Oktober eröffnet wird“, erklärt Andreas Werner, Braumeister von Göss, stolz. Mit der Biertrebervergärungsanlage wird zukünftig auch fossiles Erdgas ersetzt.

Beste Bierkultur für die Zukunft Bier ist mehr als nur ein Getränk – Bier ist ein wichtiger Teil der Lebenskultur. Als größtes Brauereiunternehmen Österreichs ist es für uns als Brau Union Österreich selbstverständlich, unserer gesellschaftlichen Verantwortung nachzukommen. Unser zentrales Anliegen ist es, die beste Bierkultur für die Zukunft zu schaffen: Vom Feld bis zur Flasche, vom Korn bis zum Kunden, setzen wir Maßnahmen, die die Umwelt schützen, Abfälle reduzieren, österreichische Landwirte fördern, die Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter unterstützen und den bewussten Genuss der vielfältigen Produkte in den Vordergrund stellen. Schwerpunktmäßig konzentrieren wir uns dabei auf Projekte in den Bereichen Wasser, CO2, nachhaltige Beschaffung und Bewusstes Genießen.

Foto: Energy Globe, Neumann

TRIGOS OÖ 2015: Brau Union Österreich holt Gold Der TRIGOS ist Österreichs Auszeichnung für Corporate Social Responsibility. Die Brau Union Österreich wurde damit für ihr ganzheitliches Engagement im sozialen und ökologischen Bereich geehrt und konnte vor allem mit der „Grünen Brauerei Göss“ punkten. Für dieses Engagement wurde das Unternehmen im Rahmen einer Gala im Mai 2015 von der Jury zum Oberösterreich-Sieger in der Kategorie „Ganzheitliches CSR-Engagement / Großunternehmen“ gekürt. „Als innovativstes Brauereiunternehmen Österreichs sind wir uns bewusst, dass wir große Verantwortung gegenüber Gesellschaft, Kunden, Konsumenten und Mitarbeitern tragen. Bier ist ein Naturprodukt – es besteht aus Rohstoffen, die eine intakte Umwelt voraussetzen. Auch aus diesem Grund ist uns der Einsatz für den Umwelt- und Klimaschutz ein besonderes Anliegen. Darüberhinaus setzen wir zahlreiche Maßnahmen in der Mitarbeiter-Gesundheitsvorsorge sowie – durch die Partnerschaft mit Pro Mente Oberösterreich – Projekte zum verantwortungsvollen Alkoholkonsum bzw. Prävention bei Jugendlichen. Daher sind wir auch stolz, dass unser Engagement im Bereich der integrierten Nachhaltigkeit nun von der hochrangigen Jury anerkannt wurde“, meinte Gabriela Maria Straka, Leiterin Kommunikation/PR & CSR bei der Brau Union Österreich, dazu.

v.l.n.r.: Dr. Gabriela Maria Straka, EMBA, Leiterin Kommunikation/PR + CSR bei der Brau Union Österreich; DI Dr. Markus Liebl, Generaldirektor Brau Union Österreich; Ing. Wolfgang Neumann, Gründer des ENERGY GLOBE

Foto: Trigos 2015 / Fotostudio Meister Eder

Foto: Brau Union Österreich

Das Siegerprojekt beim Energy Globe 2015 in NÖ: „CO2-neutrale Energiebereitstellung Brauerei Wieselburg“ In der Kategorie „Feuer“ des Energy Globe 2015 wurde heuer die Brauerei Wieselburg ausgezeichnet, die im Bereich Energie- und Wasserbedarf international zu den effizientesten Brauereien zählt. Für die Brauerei, die lange als die modernste Europas galt und in der Bierspezialitäten wie Wieselburger und Kaiser gebraut werden, setzt im Bereich der Wärmegewinnung neue Akzente in der Branche und überzeugt durch ein Kooperationsprojekt mit einer benachbarten Firma: Das Unternehmen Wibeba Holz betreibt neben der Brauerei Wieselburg ein Laubholzsägewerk. Von diesem bezieht die Brauerei Fernwärme und produziert dadurch wesentlich umweltfreundlicher. Dafür wurde das Unternehmen im Rahmen einer Feier in der New Design University in St. Pölten mit dem Energy Globe Niederösterreich ausgezeichnet.

v.l.n.r.: Dr. Walter Bremberger, MBA, Direktor der WKO Oberösterreich; DI Dr. Markus Liebl und Dr. Gabriela Maria Straka, EMBA, Brau Union Österreich Mag. Christa Schrauf, Rektorin des Diakoniewerkes Gallneukirchen; DI Dr. Joachim Haindl-Grutsch, GF der Industriellenvereinigung OÖ

Über die Brau Union Österreich Rund 4,9 Millionen HL Bier setzt die Brau Union Österreich in einem Jahr ab – mit vierzehn führenden Biermarken und über 100 Biersorten. 2.200 Mitarbeiter in ganz Österreich sorgen dafür, dass an die 49.000 Kunden und 5 Millionen Bierliebhaber im ganzen Land mit Bier versorgt werden.

www.brauunion.at

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Solidarische Landwirtschaft ist eines der vielen Projekte, die Pfarrer Wolfgang Fank initiiert hat

Foto: Heribert Corn


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Ein frommer Draufgänger Umweltenzyklika? Der steirische Pfarrer Wolfgang Fank hat seine Gemeinde längst zur Ökologie bekehrt BegegnuNg: Birgit Wittstock

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echantskirchen, eine 2033-SeelenGemeinde in der östlichen Steiermark, auf halbem Weg zwischen Wien und Graz: Auf den ersten Blick eines dieser vielen gesichtslosen Kaffs, wie es sie zuhauf entlang österreichischer Bundesstraßen gibt, ohne erkennbaren Ortskern über hügelige Wiesen verstreut, die umliegenden Wälder von Feldern zerfurcht. Eine Kulturlandschaft, wie man solche Landstriche euphemistisch bezeichnet: Land, auf dem die Natur längst nur noch eine gezähmte Randerscheinung ist. Man muss schon einen zweiten Blick riskieren, um zu erkennen, dass ausgerechnet hier etwas Besonderes im Gange ist: eine kleine grüne Revolution. Ihr Rädelsführer ist Wolfgang Fank, 72, katholischer Dorfpfarrer und spätberufener Aktivist. Wasser predigen und Wein trinken ist nicht Fanks Stil, deshalb lebt er seiner Gemeinde vor, dass es auch anders geht. Anstatt in seinen Gottesdiensten lediglich Umweltsünden anzuprangern und von seiner Kanzel Ökologie und Nachhaltigkeit einzumahnen, verzichtet er, wo er kann, setzt auf geflickte Hosen, Photovol­

Obwohl er pessimistisch geworden ist, tut Pfarrer Wolfgang Fank alles, um die Erde zu retten. Hoffnung wider alle Hoffnung könnte man das nennen

taik, Ressourcenschonung und E-Auto – und die Dechantskirchner machen mit. Zwar feiert die Kirche seit jeher die Schöpfungsgeschichte, in Sachen Umweltbewusstsein hat sie sich bislang aber nicht unbedingt hervorgetan. Dabei warnte bereits Papst Paul VI. 1971, der Mensch würde die Natur zerstören. Auch Johannes Paul II. und Benedikt XVI. sprachen mehrfach ökologische Probleme wie drohenden Klimawandel und Verlust der Biodiversität an. Ihre Worte verklangen jedoch in den heiligen Hallen, ohne dass innerhalb der Institution Taten folgten. Erst als Papst Franziskus vergangenen Mai seine Umweltenzyklika „Laudato sí“ (Seite 14) veröffentlichte und dafür auch von renommierten Wissenschaftlern Applaus erntete, scheint man in der Kirche langsam den Kopf aus dem Sand zu ziehen und sich der Verantwortung bewusst zu werden. Jedenfalls wird Pfarrer Fank seit dem päpstlichen Denkanstoß ziemlich oft in umliegende Gemeinden eingeladen. Auch von solchen, die sich „bislang auf den Kopf gegriffen haben“ und Fank für einen Spinner hielten. So kommt es, dass er in letzter Zeit

vermehrt Abende beim Wirten verbringt, wo seine Zuhörer „ang’mampft und Bier tschechernd“ lauschen, während Fank erklärt, wie man in kleinen Schritten seine direkte Umwelt verbessert. Mehr sei ohnehin nicht drinnen. Denn obwohl sich auf einem mit Zierdeckchen bedeckten Kasten im Vorraum von Fanks Pfarrhaus Auszeichnungen wie der gläserne Climate Star vom Euro­ päischen Klimabündnis oder der EMASPreis für das vorbildhafte Umweltmanagement der Pfarrgemeinde stapeln, hat er den Glauben an den großen Wurf verloren: „Ich bin pessimistisch geworden“, sagt der Pfarrer. „Ich glaube nicht mehr, dass wir die Erde retten können.“ Tun will er trotzdem, was in seiner Macht liegt. Schließlich stirbt die Hoffnung zuletzt, das weiß man. Getan wird in Fanks Gemeinde jede Menge: Die Pfarre betreibt fünf Photovoltaikanlagen, erzeugt mehr als doppelt so viel Strom, als Pfarrhof, Kirche, Pfarrkindergarten und das E-Auto des Pfarrers verbrauchen, und spart dadurch jedes Jahr mehr als 65 Tonnen CO2 ein. Beim Heizen stieg Fortsetzung nächste Seite

25 Jahre umweltzeichen mweltzeichen in ÖSterreich: mwel

SuSanne fördert ökologisches denkvermögen. n chhaltigkeit macht na ÖSterreich immer lebenSwerter. wer werter.

susanne hrzina lehrt in Wien 22 ökologisch orientierte Unternehmensführung und sorgt als Umweltzeichenkoordinatorin für einen nachhaltigen Unterricht. dafür trägt die BhAk k Wien 22 seit 2003 das Umweltzeichen schule. das zeichnet Bildungseinrichtungen aus, die besonderen Wert auf die Qualität der lernkultur, ein soziales schulklima und die gesundheit der schülerinnen und schüler legen.

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man von Öl auf Hackschnitzel aus den umliegenden Wäldern um. Seit 2012 verfügt die Pfarre über eine Photovoltaikgemeinschaftsanlage. Für die 120.000 Euro, die für die Errichtung notwendig waren, haben 24 Familien zusammengelegt. Eine zweite ist in Planung. Neun Prozent der Dechantskirchner Haushalte betreiben eigene Solaranlagen, 15 Prozent sind auf Ökostrom umgestiegen, und seit 2010 sind sämtliche Einrichtungen der Pfarre EMAS-zertifiziert – ein Siegel, das die EU für die Umweltleistung und -verträglichkeit von Unternehmen vergibt. Anstatt mit Plastiksackerln gehen die meisten Dechantskirchner mittlerweile mit dem „Dechantskirchner Zeigga“ zum ADEG, und Obst und Gemüse wird dort in Papiersackerl gesteckt. Die bunten Stoffzeigga hat die örtliche Schneiderin Erna Kogler, geschockt vom Dokumentarfilm Plastic Planet, erfunden und näht seither im Akkord. In verschiedenen Arbeitskreisen hecken Fanks

gläubige Mitstreiterinnen immer wieder neue Projekte aus: So hat etwa ein ansässiger Bauer auf solidarische Landwirtschaft umgestellt und wird nun von 50 Fa­milien monatlich finanziell unterstützt. Die bekommen dafür wöchentlich Anteile der gerade anfallenden Ernte. Meist ist das mehr, als eine Familie essen kann, und wenn sie einmal wetterbedingt ausfällt, dann gibt’s eben nichts. Mit der Aktion „Wasser-Dank“ sammelt die Pfarrgemeinde für jeden verbrauchten Kubikmeter Wasser zehn Cent, mit der sie den Bau von Brunnen in Afrika unterstützt. Es gibt Arbeitskreise für Fairt-

rade und Clean Clothes, Vegetarismus, den Bau von Insektenhotels, die Vergabe von Mikrokrediten und das Herstellen von naturbelassenen Salben und Seifen. Die dorfinterne „Grüne-Meilen-Kampagne“ hat viele Bewohner dazu gebracht, das Auto stehenzulassen und zu Fuß zu gehen oder zu radeln; die Pfarre legt beim Kauf eines EBikes generös 100, beim E-Auto 700 Euro drauf. Und wenn die Dechantskirchner einmal nicht direkt Hand anlegen, um ihren Abdruck auf dem Erdboden zu minimieren, dann werden Vorträge, Infoabende und Unterschriftenaktionen abgehalten. Natürlich war Dechantkirchen nicht immer das Vorzeigedorf, das es heute ist. Den Öko-Spirit hat Wolfgang Fank verbreitet, auch wenn er das nicht hören will. Wenn ihn seine rechte Hand, die Volksschullehrerin und Umweltmanagementbeauftragte der Gemeinde, Maria Knöbl, einen „kleinen Heiligen“ nennt, dann wachelt der Pfarrer abwehrend mit der Hand. Das Team sei das große Glück der Gemeinde gewesen, und dass die Dechantskirchner so engagiert mitmachen. Einer alleine hätte das alles nicht zustande gebracht. Er sieht sich maximal als den Funken, der den Flächenbrand entfacht hat. Das Dechantskirchner Wunder, wie Fank es nennt, sei den anderen zu verdanken. Vielleicht auch deren Mitleid mit ihm, aber dazu später. Die Liebe zur Erde, die habe ihm sein Vater

mitgegeben, sagt Fank, der 1943 als Sohn eines Bauern im benachbarten Vorau geboren wurde. Eigentlich hätte er später einmal den Hof mit seinen 15 Hektar Land über-

Zur Person Wolfgang Fank wurde 1943 im steirischen Vorau als Sohn eines Bauern geboren. Anstatt den elterlichen Hof zu übernehmen, beschloss er, Priester zu werden. 1963 trat er als Novize ins Augustiner Chorherrenstift Vorau ein, 1988 wurde er zum Priester geweiht. Es folgten Jahre als Erzieher, Religionslehrer und diözesaner Rundfunkbeauftragter in Graz und Waldbach. 1995 kam Fank als Seelsorger nach Dechantskirchen. 2001 fand der erste Arbeitskreis der Kirchengemeinde zum Thema Schöpfungsverantwortung statt, 2005 wurde die erste Fotovoltaikanlage installiert, 2010 folgte die EMAS-Zertifizierung. 2013, zu seinem 70. Geburtstag, radelte Fank 950 Kilometer von Dechantskirchen nach Assisi

nehmen sollen, aber Fank hatte schon als Kind andere Pläne. „Der eine will Schanti werden, ich wollte schon damals so ein schwarzer Wuzzel werden wie mein Onkel, der Pfarrer.“ Also liegt Fank seinem Vater so lange in den Ohren, bis ihn dieser nach Graz in die Schule gehen lässt, wo er sich heillos in seine Klassenlehrerin verliebt. „Die ist aber mit dem Baumeister gegangen“, erzählt Fank. Also leistet er einen heimlichen Eid: „Wenn ich die nicht heirate, werde ich Priester.“ Und weil verliebte Teenager so gut wie nie von der angebeteten Klassenlehrerin erhört werden, kam es, wie es ohnehin kommen musste: Aus funky Fank wurde ein Ordensmann. Nach neun Jahren als Erzieher, Religionspro-

fessor in Graz und Diözesanvertreter beim steirischen Rundfunk übernimmt Fank die Gemeinde Waldbach. Es sind die 1980erJahre, das Jahrzehnt von Waldsterben, Klimawandel und Co. Fank verspürt, wie er es nennt, eine „Fluchttendenz“: Er will sich als Einsiedler zurückziehen. „Ich wollte der Welt nicht weiter zur Last fallen.“ Es folgen die Tschernobyl-Katastrophe und der Challenger-Absturz, und in Fank macht sich eine Gewissheit breit: Die Technik kann nicht alles und auch die Wissenschaft ist fehlerhaft. Aber wo steht die Kirche? „Man sprach kirchenintern zwar ständig von der Schöpfungsverantwortung, sah und sieht bis heute den Umweltschutz aber als eine Aufgabe von Politik und Wirtschaft“, erzählt Fank. „Dabei müssen wir doch auf die Schöpfung aufpassen und sie für die


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Pfarrer Fank mit seinem Team vor der Kirche (linke Seite); mit Christoph Zehrfuchs, dem Betreiber der solidarischen Landwirtschaft (links)

Tiere sind mehr als Schlachtvieh, sagt Pfarrer Fank und erteilt den Tiersegen

kommenden Generationen erhalten. Alles andere ist unchristlich.“ Dass es innerhalb der Kirche meist heißt, „man müsste etwas machen“, anstatt „wir machen was“, deprimiert den Pfarrer und dennoch braucht auch er damals noch einige paar Jahre, bis aus seiner Passion Umweltschutz gelebte Realität wird. 1995 wird Pfarrer Fank nach Dechantskirchen versetzt. Er geht, wenn auch an-

Fotos: Heribert Corn

fangs eher widerwillig. Schließlich kennt er in dem Dorf keine Menschenseele, will den Rundfunk nicht aufgeben und vor allem die Toten, die er in Waldbach begleitet und beerdigt hat, nicht verlassen. Der Anfang in der neuen Pfarre sei schwierig gewesen, erzählt er. 1999 erkrankt der leidenschaftliche Bergsteiger und Skifahrer an Darmkrebs. Es folgen mehrere Operationen und Strahlentherapie. Bald wiegt der fein-

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gliedrige Mann nur noch 42 Kilo, kann vor Schmerzen nicht mehr sitzen, isst stehend und empfängt Brautpaare kniend in seinem Büro. Obwohl die Schmerzen so stark sind, dass sie ihn schreien lassen, stellt sich für Fank nie die Frage „Warum ich?“. „Es ist doch g’scheiter, dass es mich erwischt hat als meine drei Geschwister, die Kinder ha-

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„Die despotische Herrschaft des Menschen“ ist die Enzyklika „Laudato si’“ von Papst Franziskus gewürdigt worden. Aber hier gab es – abgesehen von den Wortmeldungen der unverbesserlichen Neorechten, die meinten, hätte der Papst geschwiegen, wäre er Philosoph geblieben – die üblichen kritischen Schlenker. Oder auch lifestylegetragene, selbstironiegesättigte Rezeption: „Klar, dass jetzt auch noch der Papst gegen Klimawandel ist. Aber war der nicht mit dem Flugzeug auf den Philippinen und zum Weltjugendtag in Brasilien? Klar, dass jetzt auch noch der Papst die Schöpfung bemüht, um den Kapitalismus zu kritisieren. Aber will er den Marxismus zurück? Wäre da nicht an manchen Stellen der Enyzklika ein Hauch von Romano Guardini oder von Benedikt XVI. samt seiner Ökologie des Menschen, ein solches Papier wie Laudato si’ hätte auch gleich Greenpeace schreiben können, witzeln wir Durchblicker. Wir sind genau die Zyniker und Drübersteher geworden, vor denen wir unsere Eltern mit kapitalismus- und kleruskritischen Gesängen immer gewarnt haben. Wir gehören jetzt selbst dem Öko-Klerus an, mit Bio-Mairübchen im Gemüsefach. Wir wollen keinen, der unseren Lebensstil durcheinanderwirbelt. Wer braucht noch den Sonnengesang, wenn er Solarzellen auf dem Dach hat?“ (Christina Florin, Zeitmagazin 25/2015). Ich persönlich liebe diese Enzyklika

vor allem für ihre Fußnote 53. Sie geht so: „Auf dieser Linie liegt auch der entsprechende Beitrag von Pierre Teilhard de Chardin SJ.“ In diese lapidare Anmerkung packt der argentinische Franziskus neben die Erwähnung seines jesuitischen Ordensbruders Teilhard de Chardin auch Zitate seiner konservativen bis reaktionären Vorgängerpäpste Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Der Clou: Teilhards Bücher waren lange Zeit in der katholischen Kirche verboten und durften nicht erscheinen. Seine poetische Kosmologie und seine unbekümmerte Akzeptanz naturwissenschaftlicher Erkenntnisse waren dem Vatikan ein Ärgernis. Nun kommt er nebenbei zu enzyklischen Ehren. Im Text selbst lautet Franziskus’ Bezug auf Teilhard so: „Das Ziel des Laufs des Universum liegt in der Fülle Gottes, die durch den auferstandenen Christus – den Angelpunkt des universalen Reifungsprozesses – schon erreicht worden ist.[53] So fügen wir ein weiteres Argument hinzu, um jede despotische und verantwortungslose Herrschaft

Schon einmal eine Enzyklika gelesen? Hier erklären zwei NichtEuropäer, warum man diese lesen sollte

des Menschen über die anderen Geschöpfe abzulehnen. Der letzte Zweck der anderen Geschöpfe sind nicht wir. Doch alle gehen mit uns und durch uns voran auf das gemeinsame Ziel zu, das Gott ist, in einer transzendenten Fülle, wo der auferstandene Christus alles umgreift und erleuchtet.“ Um die Bedeutung der Enzyklika zu ermessen,

sollten wir kurz unseren eigenen europäischen Standpunkt verlassen. Der australische Intellektuelle Herbert Manne, Politikwissenschaftler, Kommentator des Guardian und Autor von 20 Büchern, bezeichnet „Laudato si’“ als „das erste Werk, das den Herausforderungen des Klimawandels voll gerecht wird“. Er schreibt: „In meiner Jugend wurde das intellektuelle Milieu von der Notwendigkeit bestimmt, mit den noch nie dagewesenen Verbrechen und dem generellen moralischen Zusammenbruch zurechtzukommen, die in Europa nach dem Ausbruch des großen Mächtekonflikts 1914 stattgefunden hatten. Hitler und Stalin, Holocaust und Gulag, Konzentrationslager und Völkermord, Millionen und Abermillionen Tote, die in zwei barbarischen, so noch nie gesehenen Kriegen starben. Für mich war das wichtigste Buch zur zeitgenössischen Krise Hannah Arendts ‚Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft‘, eine komplexe Studie von Rassismus, Imperialismus, Antisemitismus und den Regimes, die in Hitlers Deutschland und Stalins Sowjetunion an die Macht gekommen waren. Diese Buch war für mich nicht nur seiner formalen Argumente und seiner Erkenntnisse wegen wichtig. Es war in einem Ton geschrieben, der mir mehr als alles andere, was ich bisher gelesen hatte, der Extremität der Verbrechen und des Zusammenbruchs gewachsen schien, die es zu verstehen und zu erklären versuchte. In unserer eigenen Zeit sind wir mit einer zivilisatorischen Krise von ähnlicher Tiefe, aber gänzlich anderer Art konfrontiert – mit der schrittweisen, aber offenbar unaufhaltsamen menschengemachten Zerstörung jenes Zustands der Erde, in dem das menschliche Leben in den letzten paar tausend Jahren erblüht ist. Im Zentrum dieser Zerstörung steht offenbar jenes Phänomen, das wir globale Erwärmung oder Klimawandel nennen. Im letzten Jahrzehnt habe ich Dutzende Bücher und tausende Artikel gelesen, viele davon außerordentlich, die versuchten, aus jedem Blickwinkel die Zerstörung zu beschrieben, die wir der Erde antun. Erst jetzt aber habe ich ein Werk gelesen, das, wie Arendts ‚Ursprünge‘, mir in Tonlage und Blickwinkel seinem Thema angemessen schien. Das war Papst Franziskus’ Enzyklika Laudato si’ – meiner Meinung nach eines der wichtigsten Dokumente unserer Ära.“

Der amerikanische Umweltpublizist Bill McKibben – das Magazin Foreign Policy führt ihn auf seiner Liste der 100 globalen Vordenker – schrieb in der New York Review of Books: „Sie (die Enzyklika) ist vollkommen anders, als uns die Medienberichte verleiten zu glauben. Sie ist kein schmaler, monothematischer Beitrag zur Klimadebatte, sie ist eine pauschale, radikale, höchst überzeugende Kritik an der Art, in der wir den Planenten bewohnen – eine ökologische Kritik, ja, aber auch ein moralischer, sozialer, ökonomischer und spiritueller Kommentar. In Bandbreite und Ton erinnerte es mich sogleich an E.F. Schumachers ‚Small is beautiful‘ und an die Essays des großen amerikanischen Autors Wendell Berry. Wie bei diesen Autoren ist es sinnlos, den Text als liberal oder konservativ zu kategorisieren; es gibt Element von beiden, aber der Text geht weit tiefer, als unsere politische Etikettierungen andeuten würden. Er ist scharf und zugleich zart, und er sollte jeden halbwegs geneigten Leser verunsichern, der seine Seiten öffnet. Robert Manne, australischer Politologe, nennt die Enzyklika „das erste Werk, das dem Klimawandel voll gerecht wird“ Bill McKibben, USamerikanischer Umweltpublizist nennt die Enzyklika „pauschal, radikal und überzeugend“

Unsere ökologischen Problems sind nicht technischen Ursprungs, sagt Franziskus. ,Nein, es gibt ein Verständnis des menschlichen Lebens und Handelns, das fehlgeleitet ist und der Wirklichkeit widerspricht bis zu dem Punkt, ihr zu schaden.‘ Er ist kein Maschinenstürmer (wer möchte die Schönheit eines Wolkenkratzers oder eines Flugzeugs leugnen?), aber er besteht darauf, dass wir uns einem ‚technokratischen Paradigma‘ unterworfen haben, das uns zu glauben verleitet, ‚jede Zunahme an Macht sei einfach Fortschritt … als gingen die Wirklichkeit, das Gute und die Wahrheit spontan aus der technologischen und wirtschaftlichen Macht selbst hervor‘.“ Während Ronald Reagan und Margaret That-

cher das Schlimmste in uns hervorbrachten und annahmen, das würde die Probleme schon lösen, sagt uns der Papst, wer wir sein könnten, als Menschen und als Spezies. „Das dürfte die einzige Option sein, die wir haben“, resümiert McKibben. Nein, wir müssen jetzt nicht alle katholisch werden. Diese Enzyklika zu lesen kann aber nicht schaden. F Der Text der Enzyklika ist unter w2.vatican.va gratis downloadbar

FOTOS: PIC T UR EDESK , NAT IONAL POR T R AIT G ALLERY, ARCHIV

:: Gewiss, auch im deutschsprachigen Raum


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ben“, sagt er. Die Dechantskirchner hätten in dieser Zeit viel für ihren Pfarrer gebetet („Vielleicht wäre ich sonst gestorben“) und Maria Knöbl, die oft für ihn einspringt, und er wachsen zu einem perfekten Team zusammen. Der Auslöser für das „Dechantskirchner Wun- Für jedes E-Auto der“, so glaubt Pfarrer Fank, sei jedoch ein legt die Pfarre Begräbnis gewesen: Ein Gemeindemitglied, 700 Euro drauf

ein Mann, der drei Frauen gleichzeitig hatte, war an Krebs gestorben und Fank sollte die Beerdigung abhalten. Vor lauter Schmerzen konnte der Pfarrer an jenem Tag nicht einmal seine Suppe löffeln. Das Begräbnis hielt er trotzdem und war mit einem Mal schmerzfrei. „Zwei Monate später, in denen die Schmerzen nicht zurückgekehrt waren, bin ich dann zu seinem Grab gegangen und habe mich bei ihm bedankt.“ Auch wenn das Bewusstsein um die Verantwortung für die Natur immer schon da war, er habe erst krank werden müssen, um in die Gänge zu kommen, glaubt Fank. Seine wiedergefundene Kraft steckt er fortan in die Umsetzung seiner Vorstellungen von einer besseren Welt. Dass die Dechantskirchner gleich von Beginn an mitzogen und für die erste Photovoltaikanlage 2005 um die 34.000 Euro locker machten, erklärt sich Fank damit, dass sie vielleicht auch aus Mitleid zu ihm spendeten. Doch inzwischen hat die Öko-Bewegung in dem Dorf längst eine Eigendynamik bekommen. „Einer muss eben brennen, sich informieren, sich des Ernstes der Lage sicher sein und dann alle anderen anstecken“, sagt Fank. Er habe jeden Zeitungsartikel zum Thema Ökologie ausgeschnitten und geteilt. Denn man müsse andere miteinbeziehen, sonst würde es nicht gehen. „Außerdem darf man nie ungeduldig werden. Jeder kleine Schritt zählt.“

Foto: Heribert Corn

Wenn man Fank solche Sätze sprechen hört,

spürt man, dass er sie gleichzeitig auch an sich selbst richtet. Denn die Uhr tickt und er geht förmlich über vor Ideen. Soeben hat er die Scheinwerfer der Kirchenbeleuchtung austauschen lassen – die alten seien Energieverschwender gewesen. Ein teurer Spaß – und dafür könne man der Kirche nicht das Opfergeld wegnehmen, findet Fank. „Also musst selbst einebeißen, hab ich mir gedacht: Die Hälfte kommt aus dem Erlös der Photovoltaikanlagen, die andere Hälfte zahl ich selber“, sagt er. „Tut mir ja nicht weh, als Ordensmann.“ Würde er nicht spenden und in Ökoprojekte investieren, er hätte ohnehin zu viel. Außerdem: Nicht ökologisch handeln könnten eh nur die, die sagen: „Hauptsache, mir geht’s gut, und auf die anderen hau ich den Hut.“ Für den 4. Oktober, den Gedenktag von Franz von Assisi hat sich Pfarrer Fank etwas Besonderes ausgedacht: Er will einen Gottesdienst für Tiere halten und ihnen den Segen erteilen. „Das soll den Wert der Tiere heben. Schließlich sind diese Geschöpfe nicht bloß Schlachtvieh.“ Und mit funkelnden Augen fügt Fank hinzu: Dazu wolle er sich von seinem Bruder, dem Bauern, zwei Esel ausborgen, um auf ihnen in die Kirche einzuziehen. Vielleicht auch, um seinen Ruf als Spinner zu pflegen. „Man muss ein Spinner sein, um was zu erreichen.“ F

Zahlen und Fakten Die Pfarrgemeinde Dechantskirchen betreibt fünf Photovol­t aik­ anlagen, die im vergangenen Jahr 35.500 Kilowattstunden erzeugt haben – mehr als doppelt so viel Energie, wie die pfarrlichen Einrichtungen brauchen. Durch den Umstieg von Öl- auf Hackschnitzelheizung, Ökostrom und E-Auto wurden 2014 fast 66 Tonnen CO2 eingespart. Was den Gesamtenergieverbrauch betrifft, ist die Pfarre CO2-neutral und konnte dank der PV-Anlagen ein Emissionsguthaben von rund 16 Tonnen zusammensparen. Rund 19 Prozent der Dechantskirchner Haushalte sind auf Ökostrom umgestiegen, neun Prozent betreiben eigene PV-Anlagen. 50 Dechantskirchner Familien haben sich an einer solidarischen Bio-Landwirtschaft beteiligt und bekommen für einen monatlichen Mitgliedsbeitrag, was die Erde so hergibt. Das kann einmal mehr und einmal weniger sein und nimmt dem Bauern und seinen Tieren den Leistungsdruck

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Faires Phone braucht Geduld Wer auf das Fairphone2 wartet, muss gute Nerven haben. Dafür gibt’s ein faires, aber kein ideales Produkt w a r t e s c h l e i fe : c h r i s t i ne z e i ner

V

or ein paar Jahren wollte Thomas Thwaites wissen, wie man einen Toaster macht. Der junge Mann – ein Designer aus England – kaufte ein Gerät, zerlegte es in seine hunderte Einzelteile und sah sich alles genau an. Dann rief er in einem Bergwerk an und fragte, ob er für einen selbstgebastelten Toaster ein bisschen Eisen kaufen könne. Die britische Grube war längst geschlossen und eigentlich nur noch als Freizeitattraktion zugänglich. Doch Thwaites kam mit einem Köfferchen Eisen zurück, ging in die Bibliothek, las, wie man daraus Stahl macht, und begann zu werkeln. Bei BP wollte er dann etwas Öl bestellen für die Plastikhülle. Doch schnell war klar, dass BP nicht mitspielen würde und Thwaites eine Alternative finden musste für den Toaster, der am Ende fünf Sekunden lang funktionierte. Sämtliche Schritte bis dahin sind in seinem Buch „Ein heldenhafter Versuch, ein simples elektrisches Gerät zu bauen“ dokumentiert. An dieses Projekt musste der Holländer Bas van Abel denken, als er über eine Kampagne für eine Hilfsorganisation grübelte: Wie das sperrige Thema „Handel mit Rohstoffen aus Konfliktregionen“ pfiffig vermitteln? Van Abel schwebte ein Smartphone vor. Anhand eines selbstgebauten Geräts – so die Überlegung – könnte perfekt auf die Probleme im Kongo aufmerksam gemacht, eine Diskussion über Kriege, Macht und Arbeitsbedingungen in Gang gebracht und zugleich eine „faire“ Alternative angeboten werden – ein „Fairphone“. Van Abel machte die Idee öffentlich. Die Konsumenten sollten nicht mehr nur Konsumenten eines fertigen Dings sein, fand er, sondern an dem Produkt mitarbeiten, es mit Kritik, Fragen, Anregungen und Hilfestellungen vorwärts bringen.

Die Kalkulation des Fairphone € 525 durchschnittlicher Verkaufspreis inkl. 20 Prozent MWSt – € 118 Steuern & Margen für den Vertrieb. Bleibt ein Nettoverkaufspreis von € 407, den Fairphone tatsächlich einnimmt – € 340 Das Produkt: Dieser Betrag wird für Materialien und die Herstellung des Produkts verwendet. Bleiben € 67 – € 33 Investitionen: Fairphone investiert in die Entwicklung und in soziale Innovationen – Transparenz, Langlebigkeit und Reparierbarkeit – € 25 Betriebskosten, Verwaltung, IT etc. Bleiben € 9 Nettogewinn vor Steuern. Sie werden für unerwartete Kosten oder zusätzliche Investitionen und Projekte zurückgelegt

Die Resonanz war gewaltig . 25.000 Perso-

nen erklärten sich außerdem dazu bereit, 325 Euro für das Produkt zu zahlen, das es bis dahin nur in Gedanken gab. Mit

Illustration: Bianca TS c h a i kner

diesem Investitionskapital konnte „Fairphone“ starten. Anders als Thwaites’ Toaster ist das „Fairphone“ mittlerweile auf dem Markt. Die erste Tranche von 25.000 vorbestellten Telefonen wurde 2013 kurz vor Weihnachten ausgeliefert, die zweite – weitere 35.000 Stück – im Herbst 2014. Zurzeit arbeitet das Unternehmen an einem neuen Modell, das im November erscheinen soll. Wer ein solches Smartphone möchte, sollte sich online registrieren: „Wir wollen nicht mehr herstellen, als überhaupt benötigt wird“, heißt es auf der Website von Fairphone. Von einem „fairen“ Telefon kann dabei nach wie vor keine Rede sein, doch das Start-up macht Fortschritte. In der Anfangszeit des Unternehmens hatte es große Debatten über „Fairness“ gegeben. Interessenten, die nur auf den Namen geachtet hatten, fühlten sich verschaukelt, klingt „Fairphone“ doch nach der perfekten ÖkoWelt – nach einer Welt, in der man meint, Gutes zu tun, indem man das richtige Label kauft. Ohne schlechtes Gewissen muss dort auf nichts verzichtet werden. Ein hippes Großraumbüro in einem einstigen

Kühlhaus aus den 1930er-Jahren im Amsterdamer Hafengebiet, nur ein paar Minuten vom Hauptbahnhof entfernt: Zwei Dutzend junge Menschen sitzen an langen Tischreihen, vor sich Bildschirme und Kaffeebecher, und arbeiten daran, dass es eines Tages ein möglichst nachhaltiges Smartphone gibt. Mittendrin van Abel, ein Enddreißiger, mit Dreitagebart, Jeans und einem Batman-T-Shirt. Mit der Fairness gehe es „Schritt für Schritt“, sagt van Abel. 30 verschiedene Mineralien stecken im Durchschnitt in einem Smartphone. Gerade einmal zwei davon laufen beim „Fairphone“ unter dem Label „konfliktfrei“ – nicht „fair“ –, definiert dadurch, dass kein Warlord an ihnen verdient. An Verträgen für zertifiziertes „fair gehandeltes“ Gold arbeitet „Fairphone“ nach eige-

nen Angaben. Woher stammt der Rest? „Im Moment wissen wir das nicht. Unsere Endfertigung in China hatte schon Verträge mit den Händlern der restlichen Komponenten“, sagt Tessa Wernink, Marketingleiterin bei „Fairphone“. Ein Smartphone sei eben viel komplexer zu produzieren als eine Banane, die es heute „fair“ und „bio“ in jedem Supermarkt gibt, sagt van Abel. Tatsächlich macht jeder Rohstoff eine jeweils andere halbe Weltreise, bis am Ende das Telefon in der Fabrik zusammengebaut wird. Das Zinn für das „Fairphone“ etwa wird von der Mine im Kongo in die tansanische Hafenstadt Dar es Salaam gebracht und von dort zum Schmelzen nach Malaysia. Anschließend geht es nach Bangalore in Indien, wo aus dem Material Lötpaste entsteht. Der Rohstoff Tantal dagegen wird im chinesischen Guangdong geschmolzen. In Tschechien entsteht aus dem veredelten Metall der Kondensator. Zurück geht es nach China, diesmal nach Chongqing, in die Endfertigung. In jeder Mine, in jeder Fabrik tonangebend aufzutreten, dafür ist „Fairphone“ mit zurzeit insgesamt 60.000 produzierten Stück zu klein. Apple etwa hat im Weihnachtsquartal 2014 74,5 Millionen iPhones verkauft. „Fairphone“ arbeite von beiden Enden daran, dass die Materialen aus transparenten und sozialverträglichen Quellen kommen, sagt Marketingleiterin Wernink. Auf der einen Seite führe man Gespräche mit der Fabrik, um herauszufinden, woher all die Teile stammen. Auf der anderen Seite versuche man, adäquate Quellen zu finden und mit Händlern ins Geschäft zu kommen. Für die nächste Tranche – die „zweite Generation“ – hat sich das Startup einen neuen Produzenten gesucht, Hi-P International Limited mit Sitz in Singapur und Produktion in Suzhou. Man habe ein eigenes Design entwickelt und nicht mehr das Modell von Chongquing genommen. So habe man mehr Einflussmöglichkeiten und könne größere Transparenz gewährleisten.


F a i r    Schon jetzt aber könne das „Fairphone“ ruhig „Fairphone“ heißen, finden Wernink und van Abel. Der Name trage dazu bei, Aufmerksamkeit zu generieren. In jeder Fairphone-Schachtel liegt deshalb auch eine Karte mit dem Schriftzug „Failphone“, „gescheitert“.

lore oder Tschechien aussieht, hat man keine Antwort. „Gute Frage. Es ist wirklich sehr komplex“, sagt Tessa Wernink. Für die Probleme, die bei der Endfertigung in „Ahong“ auftauchten, fand man dagegen eine Lösung. 45 Mitarbeiter der 800 Personen starken Belegschaft bauen in zwei Monaten die „Fairphones“ am Fließband zusammen. Hätten nur sie einen höheren Lohn bekommen sollen? Und nur für zwei Monate? Dass dies den Zusammenhalt der Belegschaft gefährden hätte können, darüber waren sich die jungen Unternehmer einig. Sie verhandelten einen klein wenig höheren Lohn als die sonst umgerechnet rund 300 Euro sowie einen fixen freien Tag nach sechs Arbeitstagen. Zusätzlich ließ man einen Sozialfonds registrieren, der allen Mitarbeitern zugutekommen soll und in den pro verkauftem Telefon zwei Dollar fließen. Was mit den insgesamt 120.000 Dollar geschieht, darüber entschied der im Sommer 2014 erstmals gewählte Betriebsrat: Die Fabriksleitung hatte sich nicht nur dazu bereit erklärt, die geringe Stückzahl zu produzieren, sondern auch eine Betriebsratswahl zu erlauben. Über die neuesten Entwicklungen bei „Fairphone“ wird man auf der Website am Laufenden gehalten. Von Anfang an wollte man möglichst transparent sein, sagt van Abel. Die Fairphone-Mitarbeiter bloggen. Sie schreiben von ihren Plänen, Problemen, Fortschritten und von ihren Reisen in Minen und Fabriken und von Initiativen, die sie unterstützen, „Closing the loop“ etwa, eine Organisation, die alte Handys in Gha-

Fotos: fairphone

Dass es „konfliktfreies“ Tantal und Zinn gebe,

sei bereits eine enorme Leistung, heißt es von den „Fairphone“-Machern. Gehandelt wurde damit bereits, als „Fairphone“ einstieg: Die US-Unternehmen Motorola und AVX hatten sich gemeinsam mit Branchenverbänden, Entwicklungsorganisationen und der niederländischen Regierung dafür eingesetzt. Den Ausschlag dafür hatte der DoddFrank-Act gegeben. Das US-Gesetz verpflichtet dazu, keine Rohstoffe zu verwenden, die bewaffnete Konflikte finanzieren. Etliche Unternehmen hatten sich aus dem Kongo zurückgezogen – sicher ist sicher – und dutzende Arbeiter standen ohne Einnahmequelle da. Besser miserable Arbeit als gar keine, fand auch van Abel, reiste in den Süden Kongos, um sich die Minen anzuschauen, und wurde neuer Handelspartner. Ja, es gebe nach wie vor Kinderarbeit. Nein, einen festen Mindestlohn gebe es zurzeit nicht. Und eine hundertprozentige Garantie, dass nicht doch jemand, der nicht sollte, an den Rohstoffen der Kalimbi- und der Katanga-Mine mitverdient, gebe es auch nicht. Soll man deshalb die „Konfliktfrei“-Initiative ganz lassen? Auch auf die Frage, wie es mit den Arbeitsbedingungen in Malaysia, Banga-

Mehr

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na zurückkauft und sie nach Belgien verschifft, um sie dort ordentlich zu recyceln. In der Dokumentation gibt es Lücken. Aber man bekommt weit mehr Einblick als bei jedem anderen Smartphone-Anbieter. Und die Mitarbeiter stellen sich der Diskussion in den Blogs. Die Käufer – die meisten stammen aus

Bas van Abel, Gründer und Chef von Fairphone

So sieht’s im Amsterdamer Büro der FairphoneMacher aus; Fairphone beschäftigt 39 Menschen mit 20 Nationalitäten

Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz, Großbritannien und Österreich – brauchen Geduld. Viele Kunden der zweiten Serie hatten Ende Mai 2014 das technisch gesehen mittelklassige Smartphone bestellt und Geld für Telefon und Transport überwiesen. Mit der Auslieferung hätte – so der Plan – im Juli begonnen werden sollen. Mitte Juli verschickte „Fairphone“ E-Mails an die Käufer. Betreff: „Auslieferung startet in den nächsten Wochen“. Anfang August kam die nächste Nachricht: Man plane, die Telefone Mitte September auszuliefern. In einer Smartphone-Welt, in der es darum geht, technisch weiterzukommen, laufend neue Modelle auf den Markt zu bringen und damit dem Käufer das Gefühl zu vermitteln, nicht von gestern zu sein, hat „Fairphone“ definitiv ein Problem. Glaubt man van Abel, will das Start-up ohnehin nicht immer größer und größer werden. Wachsen nur um des Wachsens Willen, gar die Großen der Branche überholen, sei nicht das Ziel. Dafür ist van Abel auch Realist genug. Es müsste ein großer, einflussreicher Anbieter sein, der ein „faires“ Telefon macht, sagt van Abel. „Fairphone“ wolle bloß Anschubarbeiten leisten. F

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Helfende Hüllen Architekten nutzen immer wieder ihr Know-how, wenn es um schnelle Hilfe geht. In Katastrophengebieten braucht es einfache, schnell aufzubauende Miniarchitekturen. In Schengen-Europa gilt es zuerst, mit Sinn für Räume eine komplexe Situation zu klären

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und 60 Millionen Menschen sind derzeit nach Angaben des UNHCR weltweit auf der Flucht. Von der Türkei über den Libanon bis nach Calais füllen sich die Flüchtlingslager. Manche sind zu wahren Städten mit mehreren Zehntausend Bewohnern angewachsen. Da sich die Lage in den Heimatländern wie in den verwüsteten Städten Syriens so schnell nicht bessern wird und die sicheren Länder sich die heiße Kartoffel „Asyl“ gegenseitig in die Hand geben, werden viele dieser Zeltstädte zu einer Bleibe auf – vorläufige – Dauer. Grund genug für die UNHCR, im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari, mit 100.000 Bewohnern einem der größten der Welt, Stadtplaner einzuladen, um aus dem Ras-

„Weaving Home“ – die leichten Zelte der jordanischkanadischen Architektin Abeer Seikaly erinnern an Nomadenzelte

ter an Zelten und Containern ein Gemeinwesen zu machen. Nicht durch neue Architektur, wohlgemerkt, sondern durch Verantwortung und Organisation. Nicht, dass es keine Ideen gäbe, wie man ein

temporäres Zuhause würdevoll gestalten könnte. Seit langem machen sich Architekten weltweit Gedanken über Prototypen einfacher Behausungen in Leichtbauweise, die schnell transportiert, von Laien zusammengesetzt und aufgebaut werden können und mehr räumliche Möglichkeiten bieten als das Existenzminimum im Schiffscontainer. Die meisten von ihnen taten das unmittelbar nach Naturkatastrophen, die binnen

kurzem eine Masse von Menschen obdachlos machten. Not macht eben erfinderisch. Einer der ersten und auch heute bekanntesten Architekten, die sich um konstruktive Katastrophenhilfe bemühen, ist der Japaner Shigeru Ban. Nach dem verheerenden Erdbeben in Kobe 1995 entwarf er unter anderem eine Kirche aus Papprohren, die als Schutz- und Gemeinschaftsraum für die traumatisierten Überlebenden diente. Nach dem Erdbeben und dem Tsunami 2011, der ganze Orte auslöschte, konzipierte Shigeru Ban eine ganze Reihe von baulichen Hilfsmaßnahmen, vom einfachen Raumteiler aus Pappe und Papierwänden, um in den Turnhallen, die als Erstaufnahme dienten, Privatheit zu ermöglichen, bis zu Gemein-

Fotos: Abeer Seik aly

v ermess u n g : M aik N o v o t n y


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schaftszentren als Keimzelle der wiedererrichteten Ortschaften. „Wir Architekten arbeiten fast immer für die Privilegierten,“ sagte Shigeru Ban 2012 im Interview. „Sie haben Geld, Macht oder beides und beauftragen uns, ihnen Denkmäler zu bauen, die diese Macht symbolisieren. Das war schon immer so. Aber ich möchte meine Erfahrung auch für die Allgemeinheit nutzen. Das ist unsere Verantwortung! Wenn eine Naturkatastrophe passiert, und in kurzer Zeit Notunterkünfte benötigt werden, ist von den Architekten meistens weit und breit niemand zu sehen. Dabei könnten wir hier vieles verbessern, wenn wir helfen. Also sollten wir das tun.“ Auch nach dem Erdbeben in Kathmandu im Ap-

ril 2015 war Shigeru Ban, der 2014 den renommierten Pritzker-Preis erhielt, zur Stelle. Für das feuchte Bergklima in Nepal stellte der Architekt einen Bausatz aus Holzrahmen und Papprohren zusammen, der vor Ort mit Ziegelsteinen ausgemauert werden kann. Die ersten Bauten werden zurzeit errichtet – von einem Netzwerk aus freiwilligen Helfern vor Ort. Noch leichter handhabbar ist der Vorschlag der

jordanisch-kanadischen Designerin Abeer Seikaly: Ihre „Weaving Home“ genannten Zelte bestehen nur aus dünnen Rohren und leichten Textilien. Sie erinnern bewusst an die Zelte von Nomaden und lassen sich von Migranten und Flüchtlingen selbst zusam-

„Wir Privilegierten arbeiten fast immer für die Privilegierten“ Shigeru Ban, japanischer Architekt

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menflechten. Die Textilhaut ist dabei so raffiniert gefaltet, dass sich damit die Temperatur im Sommer und Winter regulieren lässt, bei Bedarf ist im Scheitel­punkt der Kuppel sogar Platz für einen kleinen Wassertank. Unter den vielen Entwürfen für Flüchtlingsunterkünfte ist dies sicher einer der schönsten. Realisiert wurden die Zelte allerdings bisher nicht, doch immerhin gab es 2012 dafür den Lexus Design Award. Etwas pragmatischer und weniger poetisch ging es der Wiener Architekt Peter Fischer an. Gemeinsam mit der Waldviertler Holzbaufirma Koller entwickelte er, ausgehend von Erfahrungen im Wiederaufbau Fortsetzung nächste Seite


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Vorschlag des Wiener Architektenbüros trans_city für das vom Erdbeben verwüstete Dorf Jacmel auf Haiti: Kleine Häuser aus heimischem Holz, die je nach Geländegegebenheiten von der Bevölkerung nach deren Wünschen zusammengefügt werden können

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Eine ganze neue Siedlung konzipierte das

Wiener Architekturbüro trans_city für die Stadt Jacmel im vom Erdbeben im Jänner 2010 verwüsteten Haiti. Auch hier schlugen die Architekten einfache, kleine Häuser vor, mit in Österreich aus heimischem Holz vorgefertigten Teilen, die dann vor Ort von den Einheimischen zusammengebaut und nach Wunsch ergänzt werden können. Der Prototyp sollte sowohl an steilen Hängen als auch im Flachland funktionieren, in Kombination der Einzelhäuser könnten ganze Kleinstädte entstehen. Bleibt die Frage: Warum so viele Ideen für Erdbeben und so wenige für Asyl? Doch der Eindruck täuscht. Denn in Österreichs Architekturszene passiert eini-

spätestens, als Innenministerin Maria Fekter das AsylwerberAufnahmezentrum Eberau im banal-bösartigen Kasernenstil plante

ges. Schließlich hatte die Interessengemeinschaft IG Architektur 2011 ihren ersten „planlos Award“ für beispielhafte Desaster an Planungskultur an das von der damaligen Innenministerin Maria Fekter an der Öffentlichkeit vorbei beauftragte Asylbewerberaufnahmezentrum im burgenländischen Eberau verliehen. Das Bauvorhaben im banal-bösen Kasernen-Look wurde schließlich durch eine Volksbefragung gestoppt. Spätestens da war bei den Architekten ein Bewusstsein für die räumlichen Dimensionen der Asylfrage geweckt. Durchlauferhitzt wurde die architektonisch-moralische Diskussion durch das Schubhaftzentrum Vordernberg, das 2014 eröffnet wurde. Ergebnis eines Architekturwettbewerbs, ist die vom Wiener Architektentrio SUE entworfene Anlage in jeder Hinsicht das Gegenteil von Eberau: Hell und offen, mit freundlichen Materialien ausgestattet, soll den Insassen, die sich ohnehin in einer elementaren Ausnahmesituation befinden, zumindest vonseiten der Architektur nicht noch mehr Qual zugefügt werden. Obwohl von den Architekten unter viel Abwägen nach bestem Gewissen gebaut, gab es teils heftige Anfeindungen. Denn auch ein schönes Schubhaftzentrum

ist halt immer noch ein Schubhaftzentrum – und wäre es nicht besser, man würde gar keines bauen? Bestätigt eine humane Architektur ein inhumanes System oder ist es legitim, aus einem Übel wenigstens ein erträgliches Übel zu machen? Inzwischen hat sich die Debatte vorerst beruhigt, doch in der Architektenschaft ist man nicht untätig gewesen. Seit 2014 findet sich in Kooperation der IG Architektur mit der NGO „Architektur ohne Grenzen“ regelmäßig eine Gruppe von über 20 Interessenten zusammen, die sich unter dem Titel „Kein Ort. Nirgends.“ in den drei Arbeitsgruppen Wohnen, Bauen und Utopie Gedanken machen. Das heißt, von Planungsvisionen über konkrete Hilfe für Flüchtlinge aus dem „Bau.Kontext“ bis zur Hilfe bei der Gestaltung von Unterbringungsquartieren ist alles dabei. Dabei gehen die Architekten, bei aller Utopie, pragmatisch-nüchtern vor. „Die wesentlichen Fragen sind: Wo und wie werden Flüchtlinge in Österreich untergebracht? Welche fachliche Expertise können ArchitektInnen einbringen? Was ist der politische Rahmen?,“ sagt Matthias Finkentey, organisatorischer Leiter der IG Architektur.

FOTOS: TRANSCIT Y

nach dem Tsunami 2004 in Sri Lanka, ein einfaches Haus aus genormten, in jedem Baumarkt erhältlichen Leichtbauplatten. Dieses dient explizit zur Zweitversorgung, nach der Unterbringung in Zelten als akute Notstandshilfe. „Ein Haus mit 24 Quadratmetern Fläche lässt sich an einem Tag errichten“, erklärt Fischer – benötigt dafür Österreichs werden nur Akkuschrauber und Hammer. ArchitekturEin Exemplar der „Casa Semplice“ wurde szene erwachte im Kosovo errichtet.


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Beim Konzipieren im Bärenwirt. Studentinnen und Studenten, Einwohner und Flüchtlinge bereden miteinander erlebte und erwünschte Räume und zeigen zur berüchtigten „Saualm“ in Form einer Ausstellung Alternativen auf

FOTOS: SHIGERU BAN, WIKIPEDIA, GERHARD MAURER (2), STARKE- ORTE.AT

Der japanische Architekt Shigeru Ban entwarf speziell für Nepal eine feuchtigkeitsresistente Architektur aus Papprohren und Holzrahmen, die an Ort und Stelle ausgemauert werden

So betreibt die Caritas in Wien-Favoriten derzeit das „Haus Daria“ mit 194 Wohnplätzen für Asylbewerber und Asylberechtigte. Die IG Architektur und Architektur ohne Grenzen helfen ganz pragmatisch dabei, die Wohnsituation zu optimieren. Ganz ohne visionären Neubau, hier genügt es schon, wenn man die Gemeinschaftsräume besser nutzbar macht. Die Architektenkammer wiederum kooperiert mit der Caritas, wenn es um die Begutachtung und Bewertung möglicher Flüchtlingsquartiere geht. Denn benutzbare Räume gibt es – anders als in Erdbebengebieten – genügend, sie müssen nur mobilisiert werden. „Wir haben in der IG Architektur lange diskutiert, ob wir neue Quartiere für Flüchtlinge planen sollen. Mit dem Ergebnis: Nein, noch nicht. Zuerst gilt es, Österreich- und EU-weit zu analysieren, wie das System funktioniert und wo es Leerstand gibt, den man nutzen kann,“ sagt Gordana Brandner-Gruber, die mit ihrem Büro „Starke Orte“ gerade die Ausstellung „Fluchtraum Österreich“ mitorganisiert hat. Der sperrig klingende Untertitel „Räumliche Manifestationen gegenwärtiger Asylpolitik und reglementierte Zustände des Wartens“ mag bürokratisch-abschreckend klin-

gen, doch die Inhalte sind wahre Aha-Erlebnisse. Mit ihren Studenten an der TU Wien hatten Nina Kolowratnik und Johannes Pointner exakt analysiert, in welchen Räumen sich Flüchtlinge wie lange aufhalten – von der Wohnung in der ursprünglichen Heimat bis zu 22 Quadratmetern, zu viert geteilt, in Traiskirchen. Die erdkundebuchartig genau detaillierten Grafiken machen das, was zwischen plakativen Fotos ruinierter syrischer Straßen, Booten im Mittelmeer und Asylunterkünften in Österreich und abstrakter EU-Abkommen normalerweise nicht greifbar ist: „Hier wird Licht ins Asylwesen gebracht und das System Schengen bildhaft dargestellt“, sagt Gordana Brandner-Gruber. Begonnen wurde die Ausstellung im August

dieses Jahres im Gasthof „Bärenwirt“ im Kärntner Dorf Weitensfeld, einem dem Einwohnerschwund zum Opfer gefallenen Wirtshaus, das inzwischen als Asylwerberunterkunft dient. Bewusst als Gegenstück zur berüchtigten Saualm konzipiert, sind hier Einheimische als ehrenamtliche Helfer tätig, Betretungsverbot gibt es keines. So konnten sich Studenten, Bewohner und Flüchtlinge am Wirtshaustisch gemeinsam

AusstellungsMitorganisatorin Gordana BrandnerGruber: den „Fluchtraum Österreich“ sicht- und erlebbar machen

über erlebte und erwünschte Räume austauschen. Danach wird die Ausstellung im Architekturhaus Kärnten in Klagenfurt gezeigt, um die Architektenszene mit der Nase auf das Thema Asyl zu stoßen. Eine Art Vorgänger dieser Auseinandersetzung mit Räumen für Flüchtlinge war die Installation „Endlich Österreich – Grenzräume Asyl“, konzipiert von einem Team aus jungen Architekten, das sich „Agentur für Sperrgebiete der Architektur“ nannte, die im Herbst 2012 auf dem Wiener Karlsplatz stattfand: Auch dafür wurden die Orte, an denen sich Asylsuchende aufhalten, analysiert und abgebildet. In diesem Fall als „Standbild“ einer von vier männlichen Asylwerbern belegten Wiener Wohnung im Maßstab 1:1. Man sieht: Wenn es um die Hilfe in der Not geht, sind die oft als Selbstverwirklicher geschmähten Architekten erstaunliche Realisten. Ob Behausungen aus Pappe für Erdbebenopfer, Leichtbauzelte für unfreiwillige Nomaden oder Informationsarchitektur im administrativen SchengenDschungel: In einer Thematik, die in der Öffentlichkeit immer wieder von Emotionen und Hysterie befeuert wird, kann das nur guttun. F


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Urlaub auf Augenhöhe Wer umweltschonend verreist, sieht so manches, was es all-inclusive nie zu erleben gibt e r k u nd u ng : N ina Hora c z e k

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uf dem Rücken eines Kamels durch die südmarokkanische Wüste reisen, den Sonnenaufgang über den Dünen erleben und sich von Beduinen bekochen lassen. Auf den Seychellen mit dem eigenen Fahrrad die Inseln erkunden und im privaten Selbstversorgungsbungalow nur 100 Meter entfernt vom Traumstrand übernachten. Oder doch lieber im schwedischen Naturschutzgebiet, gleich an der Grenze zu Norwegen, langlaufen, mit Schneeschuhen wandern oder sich von einem Huskygespann durch die einsame Schneelandschaft ziehen lassen? Nach dem Bio-Boom erfreuen sich nun langsam auch ökologisch und sozial verträgliche Reisen einer immer größeren Beliebtheit. Das Angebot, das es mittlerweile weltweit an fairen und umweltfreundlichen Reisemöglichkeiten gibt, kann mit den Kata-

Marlene Mannsfeld, Forum Anders Reisen: Insiderwissen

logen der konventionellen Reiseanbieter leicht mithalten – mehr noch: Vieles, was die Ökos am Reisemarkt anbieten, wird der Pauschaltourist nie zu sehen bekommen. „Wir arbeiten mit kleinen und mittelständischen Reiseanbietern zusammen und unsere Reisen werden vor Ort von Spezialisten durchgeführt, die natürlich Insiderwissen haben“, sagt Marlene Mannsfeld vom Forum Anders Reisen. Außerdem lande, wer eine derartige Reise bucht, niemals in der Bettenburg, sondern ausschließlich in kleinen, lokalen Unterkünften, die von den Eigentümern geführt werden, in einer Art Öko-Boutique-Hotel. Oder man wird in einer Ferienwohnung oder bei einer Gast­ familie untergebracht.

Linda Nepicks, Odyssee Reisen: sensible Gebiete schützen

Das Forum Anders Reisen ist ein Zusammenschluss von etwa 130 Anbietern nachhaltiger Reisemöglichkeiten und deckt mit sei-

nem Programm die ganze Welt ab. Wer Mitglied werden möchte, muss zahlreiche Kriterien erfüllen. Das beginnt bei der Anreise, bei Distanzen von weniger als 800 Kilometer werden keine Flüge angeboten; wer zwischen 800 und 3800 Kilometer weit fliegt, muss mindestens eine Woche bleiben, ist der Flug weiter als 3800 Kilometer, dann sind es zumindest zwei Wochen. Außerdem müssen die Mitgliedsunternehmen nachweisen, dass möglichst viel Geld im Reiseland bleibt und dass sie nicht nur ökologische Kriterien erfüllen, sondern auch ihre Mitarbeiter fair entlohnen, sich für den Erhalt des Ökosystems engagieren und Menschen- und Kinderrechte beachten. Die Reisenden werden damit belohnt, dass sie auf diesen speziellen Reisen Dinge erleben können, die es anderswo nicht gibt. Zum Beispiel eine 55-tägige Segelschiffs-

F o tos: Pr i vat, f o ru m a n d e r sr e i se n.d e

I ll u s t ra t ion : B ian c a T s c h ai k n e r


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reise auf einem Ausbildungsschiff von Chile über das Kap Horn bis nach Südafrika. Oder eine Reise auf dem Frachtschiff vom italienischen Triest über Saudi-Arabien bis Malaysia.

Vom armenischen Stonehenge zu den Pferden der türkischen Riviera: So schön kann Ökourlaub sein

Wer es weniger exotisch will, für den emp-

nenden Tourismus gleich zwei Marken im Programm: Zum einen die mit dem konzerninternen Gütesiegel „EcoResort“ ausgezeichneten Hotels und Urlaubsanlagen, die einige Kriterien erfüllen müssen, etwa die Verwendung lokal produzierter, möglichst biologischer Lebens­mittel, die Einhaltung von Umweltschutzstandards und die Ermöglichung eines naturnahen Urlaubs. Diese Kriterien werden von externen Gutachtern überprüft. Zum anderen hat TUI auch die Urlaubsschiene „Viverde“ im Programm. Hier versammelt der Tourismuskonzern kleine, idyllische Boutiquehotels in idyllischen Naturgebieten. Die Viverde-Hotels sind derzeit ausschließlich in Europa und der Türkei zu finden, etwa eine Pferderanch zwischen Taurusgebirge und türkischer Riviera. Auch die Viverde-Hotels werben mit Kriterien der Nachhaltigkeit und Regionalität.

fiehlt sich zum Beispiel eine Eselwanderung in den italienischen Abruzzen. „Bei den nachhaltigen Europareisen ist Italien eine der beliebtesten Destinationen“, sagt Linda Nepicks von Odyssee Reisen in Wien, dem einzigen „TourCert“-geprüften Reisebüro in Österreich. Das „TourCert“-Label ist ein Gutesiegel für nachhaltigen Tourismus. Um damit ausgezeichnet zu werden, müssen zahlreiche Kriterien erfüllt sein. „Wir bieten keine touristische Stangenware, sondern individuelle Reisemöglichkeiten, achten darauf, dass die Unterkunftgeber auch regionale, biologische Produkte verwenden, oder setzen uns besonders für den Schutz sensibler Gebiete ein“, sagt Nepicks. Als Gegenleistung gibt es für den Reisenden ganz besondere Einblicke ins Urlaubsland. Etwa bei einer dreiwöchigen Sprachreise durch Argentinien, bei der man bei einer Gastfamilie untergebracht ist und das Land von innen kennenlernen kann. Besonders beliebt seien aber die Yogaund Ayurvedareisen sowie die vielen Wanderreisen, meint Marlene Mannsfeld vom Forum Anders Reisen. Diesen Winter gibt es zum Beispiel eine „Skiwanderung von Gasthaus zu Gasthaus“ in Finnland, ganz öko und mit Chance auf eine Elchsichtung am Weg. F

::   Der Reiseanbieter TUI hat für umweltscho-

Informationen: www.tui.com/viverde sowie www.ecoresort-tui.com

Fairreisen nennt sich das Angebot an öko-

Zu Fuß durch die duftenden Lavendelfelder der französischen Provence wandern

wenden. Der „Fairreisen“-Katalog für das Jahr 2016 wird ab Februar online gestellt, in der Wintersaison bietet Mondial einige faire Wintersportreisen in Österreich an, etwa „Winterzauber in Schladming“ mit Skitouren, Schneeschuhwanderungen und Wildbeobachtungen. Informationen: www.mondial-reisen.com/de/fairreisen

Wer lieber in den Urlaub geht, aber das nicht gerne alleine, für den bietet das Reisebüro „Odyssee Reisen“ Zu-Fuß-Gruppenreisen, zum Beispiel eine Wanderung durch Armenien vom armenischen Stonehenge bis zum Berg Ararat, an dem Noahs Arche gestrandet sein soll. Oder auch eine Frauengruppenreise zu Fuß durch die schönsten Dörfer der Provence. Informationen: www.odyssee-reisen.at/reisen/aktiv/ zu-fuss

Oder ein Besuch im Lesachtal, ausgezeichnet als „naturbelassenstes Tal Europas“

logischen Urlaubsreisen des Reiseanbieters Mondial. Hier beginnt das faire Reisen schon bei der Anfahrt, die Bahnfahrt von ganz Österreich aus ist nämlich schon im Gesamtpreis inkludiert. Außerdem gibt es vor Ort die Möglichkeit, Räder, Segways oder Elektromobile zu ver-

Besonders gut geht es sich im Kärntner Le-

sachtal, einer der Pionierregionen des sanften Tourismus in Österreich. Das Tal hat schon verschiedene Auszeichnungen erhalten, darunter „Landschaft des Jahres“, „naturbelassenstes Tal Europas“ oder „schönstes Hochtal der Alpen“. Hier wird im Sommer und im Winter gewandert, die Lesachtaler „Brotwirte“ empfangen mit selbstgebackenen Brotspezialitäten und laden ihre Gäste zum „Offline-Urlaub“ ein. Informationen: www.lesachtal.com

Linz und Paris, kleine und große Welt Drei Termine, bei denen es um eine fairere Welt geht – eine nachhaltige Messe, eine Konferenz und ein weltweiter Marsch

Fotos: Wikimedia, Johann Jaritz, Christine Kienesberger, peoplesclimate.org

WearFair in Linz: Mode, Lifestyle, Tanzen, Essen und mit Flüchtlingen quatschen Nachdem 71 Flüchtlinge tot in einem Lkw an der österreichischen Grenze zu Ungarn aufgefunden worden waren und sich in Ungarn bereits die nächste Flüchtlingskatastrophe zusammenbraute, setzte sich WearFair-Chefin Maria Wimmer vor zwei Wochen mit ihrem Messe-Organisationsteam spontan zusammen und sagte: „Der Horror mit den Flüchtlingen, der da im Moment stattfindet, den müssen wir aufgreifen.“ Das war eine Ansage. Schließlich ging die Planung für die nachhaltige Mode- und Lifestyle-Messe WearFair & mehr, die vom 18. bis 20. September in der Tabakfabrik in Linz über die Bühne geht, schon in die Zielgerade. Und die ist keine kleine Nischenveranstaltung mehr wie bei ihrer Premiere vor acht Jahren, sondern laut den Organisatoren die „größte Messe ihrer Art in Österreich“ – vergangenes Jahr kamen 11.000 Besucher. Zum achten Mal wird Linz zum Zentrum fairer, ökologischer Mode und nachhaltigen Lebens. Ein breiter Begriff, zu dem die Messe-Organisatoren die Themen Ernährung, Mobilität, Kosmetik, alternative

Geldanlagen und Reisen zählen. Von den rund 200 Ausstellern aus ganz Europa, die mit ihren Ständen vertreten sind, kommen rund 120 davon aus dem Modebereich. Einer der Höhepunkte der Messe ist daher auch die große Modenschau mit fairer und ökologischer Kleidung, die Freitagabend stattfindet. DJs des Radiosenders FM4 werden den Hof in der Tabakfabrik mit tanzbarer Musik bespielen, Radler können ihr Fahrrad kostenlos überprüfen lassen, außerdem findet der Fairness-Run statt. Wer lieber sitzen bleibt, den erwarten Diskussionen über Landraub, über Europas Rolle für eine soziale und ökologische Welt oder über Arbeitsbedingungen in der IT-Produktion. Schließlich glückte auch die Last-Minute-Ergänzung zum aktuellen Asyldrama. Für Samstag stellte das Organisationsteam das Projekt „Flüchtlinge erzählen“ auf die Beine, bei denen Besucher im entspannten Rahmen mit Flüchtlingen quatschen werden. Am Sonntag werden Besucher gemeinsam mit Flüchtlingen kochen. Dazu gibt es noch eine Tombola, für die viele der Aussteller spendeten und deren Reinerlös einem Projekt für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zugutekommen soll. Alle Informationen zur Messe finden Sie auf der Homepage www.wearfair.at.

Klappt es diesmal? 18. UN-Klimakonferenz in Paris

Maria Wimmer leitet die größte faire Modemesse Österreichs in Linz

Am 29. November findet in Paris und weltweit der People’s Climate March statt

Cancún, Durban, Doha, Warschau, Lima – die Orte der vergangenen UM-Klimakonferenzen sind Chiffren der enttäuschten Erwartungen. Heuer findet die jährliche UN-Klimakonferenz in Paris unter neuen Vorzeichen statt. Unter dem Druck der überwältigenden Ergebnisse der Naturwissenschaften, aber auch unter der Evidenz der Natur selbst hat sich das Meinungsklima geändert. Es akzeptiert die Tatsache des durch Menschen verursachten Klimawandels. Die Enzyklika des Papstes (Seite 14) ist dafür nur ein, wenn auch ein besonders beeindruckendes Zeichen. Die USA und China haben erstmals Klimaziele festgeschrieben und sich auf Emissionsbegrenzungen festgelegt. Angela Merkel hat den Kampf gegen den Klimawandel als „Gebot der wirtschaftlichen Vernunft“ bezeichnet. Auf dem Programm von Paris (30.11. bis 11.12.) steht die endgültige Festlegung der Emissionsbegrenzung. Das 2012 ausgelaufene und nur provisorisch verlängerte Kyoto-Protokoll von 1997 soll endgültig eine formale Verlängerung finden. Darauf müssen sich sämtliche 194 UN-Mitgliedsstaaten einigen. Die Hoffnung stirbt zuletzt. F


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BERICHT: LUKAS MATZINGER

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igentlich hätte es nur ein Uni-Projekt werden sollen. Das Gedankenexperiment eines Semesters, ein Werkstück zum positiven Abschluss eines Kurses. Doch dann kam alles ein bisschen anders. Zeitungen und Blogs wollten plötzlich Interviews, der Auftraggeber geriet bei der Präsentation ins Staunen, das Projekt wurde über den Sommer im Grazer Naturkundemuseum ausgestellt. „Das Interesse hat uns extrem überrascht. Wir haben ja nicht gewusst, worauf wir uns da einlassen“, sagen die drei Studenten schüchtern. Man neigt dazu, ihnen zu glauben. Alexander Reinalter (22) und Sarah Thauer (20) studieren Industrial Design an der FH JOANNEUM, Jens Eisele (24) verbrachte das vergangene Semester als Austauschstudent in Graz. Gemeinsam haben die drei dort ein Schiff konzipiert, das die Meere säubern soll. „Die Idee war, dass sich der Katamaran selbst per GPS durch den Ozean steuert und durch eine Art Rechen Plastikmüll einsaugt“, versucht Jens Eisele zu erklären. Wie ein Grauwal, der mit seinem riesigen Bartenvorhang Plankton aus dem Meer siebt, soll das Schiff permanent Müll einsammeln und schreddern. Das Plastik wird dann in kleinere Säcke verpackt und an der Wasseroberfläche ausgeworfen, sodass Fischer es einsammeln und im Hafen gegen eine Prämie abgeben können. Industrial Design heißt heute vor allem das Vermeiden von Plastik. Doch davon wird das Meer nicht sauber. Genau da setzt die Idee an.

Zweieinhalb Grazer Studenten wollen die Weltmeere mit einem selbstfahrenden Schiff säubern. Allein die Idee schlägt schon Wellen

Ein Schiff

Fünf große Müllstrudel tragen die Weltmeere

Unteransicht von Manta: Der „Rechen“ saugt den Plastikmüll ein, dann wird er geschreddert

Tut nicht nur Gutes, sieht auch noch gut aus: der meeressäubernde, per GPS selbstgesteuerte Katamaran „Manta“

Auftraggeber war die Firma Komptech, aus Frohnleiten, die Holzzerkleinerer und Siebe für Mülltrennungsanlagen baut und die Studenten bat, sich über die „Schredder der Zukunft“ Gedanken zu machen. Doch die dachten an etwas Größeres als Baumschnitt und Aludosen. Ziemlich genau ein halbes Jahr ist es jetzt her, dass die Studenten auf die Idee eines autonomen Katamarans kamen. Das ganze Sommersemester lang arbeiteten sie an dem Projekt, in Skype-Sitzungen mit Schiffbauern und durch Anfragen

an Techniker arbeiteten sie immer mehr Details aus. Bis drei Meter Tiefe soll der Kamataran fischen können, und die Säcke, die am Ende ausgeworfen werden, sollten mit einer Senderboje bestückt sein, damit sie jeder kleine Fischkutter finden kann. Und heißen soll das ganze Manta. Nicht wie der Opel, sondern der Mantarochen, der jeden Tag mit einer ähnlichen Technik ein Zehntel seines Körpergewichts an Plankton und kleinen Fischen frisst. „Concept Manta“ ist nicht das erste Projekt,

das sich mit dem Einsammeln von Müll im Meer beschäftigt. Die Initiative „Fishing for Litter“ bezahlt Fischer der Nord- und Ostsee seit zehn Jahren für Plastikmüll, der in

FOTOS: EISELE, THAUER , R EINALTER

aktuell, und jeder davon besteht im Schnitt aus 30 Millionen Tonnen Plastik. Das meiste davon gelangt über Flüsse in die Ozeane – wird von oft ostasiatischen Fabriken und Haushalten in Bächen und Strömen entsorgt. Jedes Stück Kunststoff, das in den letzten 50 Jahren hergestellt wurde und ins Meer gelangte, ist immer noch dort – oder es wurde so klein, dass es von Fischen gegessen wurde und seitdem Teil der Nahrungskette ist. „Fische essen Plastik und Menschen essen Fisch. Wir essen heute das, was wir gestern weggeschmissen haben“, sagt Eisele heute über die Prämisse ihres Projekts. Ihr


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wird kommen

Alexander Reinalter, Sarah Thauer, Jens Eisele: Wird aus dem Gedankenanstoß am Ende doch ein Projekt?

ihren Netzen gelandet ist. Das bisher breiteste Konzept für Meeressäuberung entstammt einer anderen studentischen Initiative und heißt „The Ocean Cleanup“. Diese geplante Großanlage wird wie ein Pfeiler in den Meeresboden gesteckt und soll den Müll mit kilometerlangen Schläuchen an der Oberfläche einsaugen. Ein Prototyp soll im Frühjahr 2016 nahe der Küste Japans in Betrieb gehen. Doch vor allem wenn es um die Finanzierung geht, beginnen sich die meisten dieser Projekte in Meeresluft aufzulösen. Würde sich das Recyclen von Plastik rechnen, würde es nicht bis heute zu Tonnen in Flüssen weggespült. Andererseits könnte es auch staatliche Interessen geben, die

Meere langfristig zu säubern, findet Eisele. „Oder am wahrscheinlichsten eine Mischform“, überlegt er laut und meint damit, dass Recyclingfirmen Geld für das Plastik bezahlen und der Staat das Säubern fördern könnte. Könnte. Ob das Grazer Projekt jemals wirk-

lich umgesetzt wird, ist fraglich. „Es hatte eigentlich nicht den Anspruch der Realisierbarkeit“, sagt Alexander Reinalter, und „man muss dazusagen, dass der Zeithorizont dieses Projekts zehn bis 15 Jahre war“, sagt Sarah Thauer. Eigentlich sollte es eher ein Gedankenspiel sein, etwas, das vielleicht in der Zukunft einen Anstoß für die Industrie geben könnte.

Zurzeit sind sie ohnehin noch alle in den Ferien – und damit in ihren Vorarlberger (Reinalter) und deutschen (Thauer und Eisele) Heimaten – und lassen es auch mit dem Projekt ruhig angehen. Im Sommer war ihre Idee Teil der Ausstellung „Endstation Meer? – Das Plastikmüll-Projekt“ des Universalmuseum Joanneum. Bevor die drei überhaupt so richtig an ihrem Konzept weiterarbeiten könnten, müssen sie erst einmal ihr Studium beenden. Zwei Semester haben sie noch vor sich – danach vielleicht noch einen Master. Und danach? „Vorstellen könnt ich’s mir schon, aber wirklich anstreben tu ich’s auch nicht“, sagt Reinalter schüchtern. Man neigt dazu, ihm zu glauben. F


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Gottes Werk und Bankers Beitrag Investieren nach ethischen Prinzipien ist in Mode. Die Vermehrung von Geld im Namen des Guten ist seit jeher wenig treffsicher b e w e r t u ng : J o s e f R e d l Illustration: Bi a n c a TS c h a i k n e r

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n den frühen Morgenstunden des 18. Juni 1982 entdeckte ein Postbote in London einen Toten. Der Mann, der an der Blackfriars Bridge an einem Seil erhängt war, hörte zu Lebzeiten auf den Namen Roberto Calvi. Manche nannten ihn auch den Bankier Gottes. Calvi war Vorstandsvorsitzender der erzkatholischen Mailänder Banco Ambrosiano, gegründet 1896 mit dem Zweck, „frommen Werken und moralischen Organisationen zu dienen.“ Tatsächlich war die Bank ein weltweit über hunderte Briefkastengesellschaften operierendes Finanzkarussell,

mit dem Gelder der italienischen Mafia und von südamerikanischen Drogenkartellen gewaschen wurden. Man kann sagen, der einst so frömmlerisch formulierte Geschäftszweck war gründlich verfehlt worden. Die Banco Ambrosiano kollabierte 1982 und sorgte für einen bis heute nicht restlos aufgeklärten Skandal. Mittendrin: Die Vatikanbank, eigentlich

„Istituto per le Opere di Religione“ (Institut für die religiösen Werke), einer der Hauptaktionäre der Banco Ambrosiano. Auch die Vatikanbank verfolgt laut Statut nur hehre Ziele,

Unser Respekt gilt allen freiwilligen Helferinnen und Helfern für ihre Unterstützung, dieser besonderen Situation menschlich zu begegnen. Vielen Dank! oebb.at/menschlichkeit-faehrt-bahn

nämlich die Verwaltung des Vermögens, das „für religiöse oder wohltätige Werke bestimmt ist“. Aber ebenso machte die Vatikanbank zumindest in der Vergangenheit regelmäßig Schlagzeilen wegen intensiver finanzieller Kontakte zur Mafia, Veruntreuung und anderen Unappetitlichkeiten. Papst Franziskus hat dem Treiben ein Ende bereitet. Seit 2013 veröffentlicht die Bank des Heiligen Stuhls sogar ihre Bi­ lanzen. Ein Ethikbeirat, dem auch Kardinal Christoph Schönborn angehört, hat kürzlich einen von den Vati­­kan-Bankern geplanten Investmentfonds abgelehnt. Der Papst persönlich soll daraufhin die Gründung des Fonds untersagt haben. Schließen Geld und Moral einander gar aus? Nicht notwendigerweise. Aber es macht alles komplizierter. In den vergangenen Jahren ist es zu einem regelrechten Boom an Ethik- oder Nachhaltigkeitsfonds auf den Finanzmärkten gekommen. Der Fachverband „Forum Nachhaltige Geldanlagen“ hat in seinem Marktbericht 2015 das Volumen von nachhaltigen Geldanlagen in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf rund 120 Milliarden Euro taxiert. Gegenüber 13,6 Milliarden im Jahr 2005 ergibt das beinahe eine Verzehnfachung. Beinahe jede Bank bietet in irgendeiner Form ethische oder nachhaltige Veranlagung an. Einen Unterschied in der Rendite gibt es gegenüber konventionellen Produkten nicht. „Das ist eine Frage der Philosophie des Kunden. Es sind uns keine empirischen Daten bekannt, dass Ethikfonds besser oder schlechter performen würden als andere“, sagt ein Sprecher der UniCredit Bank Austria.

Aber: Was zeichnet eigentlich eine nachhaltige Geldanlage aus – und wer entscheidet das? Genau da liegt das Problem. Es gibt mittlerweile eine Unzahl an Qualitätssiegeln. Auszeichnungen für die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards. Aber nirgendwo werden einheitliche Kriterien herangezogen. Dabei gibt es inzwischen sogar eigene Ratingagenturen, die Unternehmen aufgrund ihrer Nachhaltigkeitsbemühungen bewerten. Die Ergebnisse können durchaus widersprüchlich sein. Sustainalytics, das nach eigenen Angaben weltweit führende Unternehmen für Nachhaltigkeitsforschung und -analyse mit Sitz in Amsterdam, hat beispielsweise mehrfach die Nachhaltigkeitsbemühungen der im deutschen Börsenindex DAX notierten Unternehmen beurteilt. Auf Platz vier von 30 Unternehmen befindet sich in dem Rating aus dem Jahr 2011 E.ON, der größte Betreiber von Atomkraftwerken Europas. Auf Platz eins und drei sind mit BMW und Volkswagen zwei Automobilkonzerne gelistet. „Unsere Ana­lyse folgt dabei dem sogenannten ESGAnsatz, der die Untersuchungsbereiche Environment (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Unternehmensführung) umfasst. Die Ergebnisse der drei Bereiche bilden das Gesamtrating. Auf diese Weise ist ein direkter Vergleich von Nachhaltigkeitsleistungen über Branchengrenzen hinweg möglich, ohne sektorspezifische Beson­derheiten auszuklammern“, heißt es dazu reichlich diffus in einem Begleittext der Ratingagentur Sustainalytics. Eine weitere, nach eigenen Angaben ebenfalls weltweit führende, EthikRatingagentur ist die oekom research AG. Sie berät unter anderem das Wiener Bankhaus Schelhammer & Schattera. Die Wiener Privatbank stand bis vor wenigen Monaten im Mehrheitseigentum der katholischen Kirche Österreich. Aber auch nach der Übernahme durch die Grazer Wechselseitige verhehlt die Bank ihr christliches Erbe nicht. „Besondere Verantwortung in sozialen und ethischen Belangen bestimmt unser Handeln. In unserer Geschäftspolitik orientieren wir uns an langfristigen Werten und den Kernprinzipien der Nachhaltigkeit“, versichert das Unternehmen auf seiner Website. Zu den angebotenen Produkten gehören ein Ethikkapitalsparbuch und ein Ethikfonds. Als Ausschlusskriterien für Investitionen in Unternehmen gibt Schelhammer & Schattera etwa Geschäfte mit Drogen, Pornografie, Tabak und Waffen an. Ein Beirat überprüft die Veranlagungen. Was die eigenen Geschäfte betrifft, vergönnt sich das Bankhaus eine kleine ethische Unschärfe: Schelhammer & Schattera hält seit Jahrzehnten eine Beteiligung an den Casinos Austria und verdient damit am Glücksspiel. F


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Vorspeise: Fenchel-Pannacott a mit Kräutern und Lachsforelle

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kochen Leicht herzustellen, aus fair produzierten Zutaten und vor allem: Jeder Gang hat das Potential, zu Ihrer Leibspeise zu werden KOCHTIPPS: ARMIN THURNHER FOTOS UND STYLING: IRENA ROSC

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ür Köchinnen und Köche haben wir ein kleines, dreigängiges Menü zusammengestellt, das auch insofern fair ist, als es auf die Gegebenheiten einer Einladung Rücksicht nimmt, die ohne Küchenpersonal und andere Bedienstete auskommt. Die Vorspeise erfordert am meisten Aufwand, lässt sich aber weitgehend im Vorhinein zubereiten; ebenso die Nachspeise. Die sollte allerdings lauwarm serviert werden, also gleich ins Rohr geschoben werden, nachdem Sie die Hauptspeise herausgenommen haben. Diese Hauptspeise, die Zucchini-ReisTorte erweist sich immer als Hit, wenn wir sie servieren; Nichtvegetarier bemerken gar nicht, dass das Fleisch fehlt. Die Vorspeise ist immer eine Überraschung, sie stimmt auf einen schönen Abend ein. Was macht diese Gerichte wirklich fair? Dass alle Zutaten bio sind, und selbstverständlich ihre Qualität. Damit meinen wir auch das etwas mehr an Mühe, das es macht, sich um deren Herkunft zu kümmern. Der Erfolg der dekorativen GemüseBrunoise in unserer Vorspeise hängt zum Beispiel davon ab, ob Sie den richtigen Senf dazugeben, er muss wirklich frisch und grobkörnig sein, und so einer kommt nur aus Dijon. Den gibt’s auch in Bioqualität. Die Nachspeise ist süß genug, es schien uns aber unmöglich, ein Menü ohne Banane anzubieten, die Königin des Fair Trade. Natürlich können Sie alle Zutaten aus dem Supermarkt beziehen, wenn sie nur nachhaltig produziert werden. Ganz sicher gehen Sie naturgemäß, wenn sie die Produkte bei Produzenten kaufen oder bei Genossenschaften. Viel Spaß und guten Appetit! F

Hauptspeise: ZucchiniReis-Torte im Yufk ateig

Nachspeise: Tarte Tatin mit Bananen und Datteln

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Fenchel-Panna-cott a 150 g Fenchel, 10 ml Pastis 250 ml Obers, 3 Blatt BioBlatt-Gelatine, Olivenöl, Salz, Pfeffer aus der Mühle Gemüse-Brunoise 50 g Karotten 50 g Fenchel 50 g Lachsforelle geräuchert 1 Stängel Dill 1 Stängel Petersilie 10 g körniger Senf Grobes Salz, Pfeffer aus der Mühle Kräuterbouquet Je 4 Blätter der Austernpflanze (oder Sauerampfer), Stängel Dill, Schnittlauch, Kerbel, 2 Scheiben geräucherte Lachsforelle, Olivenöl Zubereitung Fenchel waschen und fein schneiden. In Olivenöl anschwitzen. Mit Pastis flambieren. Obers zugeben, würzen und auf kleiner Hitze ungefähr 30 Minuten kochen. Das Fenchelobers pürieren und durch ein feines Spitzsieb passieren. Die in kaltem Wasser eingeweichte Gelatine in das heiße Fenchelobers rühren. Eine nicht zu dicke Schicht Pannacott a in kleine Gläser gießen. Im Kühlschrank zwei Stunden fest werden lassen. Karotten und Fenchel schälen, waschen, in kleine Würfel schneiden, in kochendem Salzwasser blanchieren und in Eiswasser abkühlen. Abtropfen lassen Lachsforelle in kleine Würfel schneiden. Karotten, Fenchel und Forellenwürfel in einer Schüssel mit Dillspitzen, Petersilienblättchen und dem körnigen Senf vermischen. Abschmecken und im Kühlschrank aufbewahren. Die Blätter der Austernpflanze (Sauerampfer) mit Öl bestreichen. Auf jedes Blatt Dill, Schnittlauch und Kerbel geben. Aus der Lachsforelle vier fünf Zentimeter lange und fünf Millimeter breite Streifen schneiden. Die Gemüse-Brunoise auf die Fenchel-Pannacott a geben. Kräuterbouquets und Forellenstreifen dazu, fertig. Gläser auf einen Teller stellen

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Fenchel-Panna-cotta mit Lachs ie Fenchel-Panna-cotta, ein Rezept D des Dreisternekochs Yannick Alléno, scheint ein wenig aufwendig, ist es aber nur auf den ersten Blick. Das Gericht rechtfertigt den Aufwand in jedem Fall. Eine kleine Warnung: Sollten Sie beim Flambieren ungeübt sein, stecken Sie bitte nicht den Kopf in den Topf – im Gegenteil, ziehen Sie ihn zurück, wenn Sie den Fen-

chel anzünden. Der Pastis verleiht dem Gericht zwar eine hauchzarte Anisnote, aber er flammt auf wie eine Fackel. Die zart scharfen Gemüsewürfelchen (= Brunoise) – so fein schneiden wie möglich! – harmonieren mit Fisch und Fenchel so gut, dass wir auf den Teller mit der Panna cotta noch ein Extraschälchen Brunoise stellen. Die kommt immer weg! F


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Zucchini-Reis-Torte Zutaten für 4 Personen 500 g Zucchini, grob gerieben 75 g weißer Basmati-Langkornreis, kurz (5 Minuten) vorgekocht 1/2 mittelgroße Zwiebel, fein geschnitten 75 g reifer Bergkäse, gerieben 2 große Eier, leicht verklopft 2 EL Olivenöl je 1 Handvoll Dill und Petersilie, gehackt Meersalz, schwarzer Pfeffer, frisch gemahlen 250 g Filoteig (türkisch: Yufk ateig, ist dasselbe) 75 g geschmolzene Butter

Zubereitung Das Rohr auf 190° C vorheizen. Alle Zutaten in einer großen Schüssel mischen. Erstes Filoteigblatt mit Butter bestreichen und mit der Butterseite nach unten in die Tortenform legen, überstehenden Teig über den Rand hängen lassen. Alle Blätter bis auf eines buttern und übereinander einlegen. Füllung einfüllen, überlappende Teigstücke zusammenklappen, sodass die Füllung bedeckt ist. Mit flüssiger Butter bestreichen. Letztes Blatt etwas zusammenknüllen und obenauf legen, an den Seiten etwas einstecken und ebenfalls buttern. Im Rohr 45 Minuten lang goldbraun backen

er Strudel ist ein zutiefst österreichisches Gericht. Der hier schon des ÖfD teren gepriesene englische Kochbuchautor

Hugh Fernley Whittingstall macht so etwas wie einen Topfstrudel (kein Druckfehler!) mit einer eher ungewöhnlichen Fülle: Zucchini, Käse und Reis. Pikante Strudel sind nichts Ungewöhnliches. Werner Matt, der Erneuerer der österreichischen

Küche, wartete in den 1980er-Jahren mit einem Lamm-Kohl-Strudel auf. Für unsere Reis-Zucchini-Torte verwenden wir nicht Strudel-, sondern Filoteig. Das ist im Prinzip der gleiche Teig, nur sind Filoteigblätter noch etwas dünner als Strudelblätter. Diese werden gezogen, Filoblätter werden ausgewalzt – zumindest bei der manuellen Herstellung;

industriell wird auch der Strudelteig gewalzt. In vielen Supermärkten und auch bei türkischen Händlern bekommt man fertigen Filo (dort: Yufka-)teig. Die Reistorte braucht eine Form, eine Auflaufform oder eine Tortenspringform leisten gute Dienste. Es braucht nicht einmal eine Sauce, die Torte schmeckt überraschend saftig. Ein frischer Salat dazu genügt. F


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Tarte Tatin mit Bananen und Datteln as Rezept stammt aus einem meiD ner Lieblingskochbücher (ich entlarve mich als Karamelltiger, oder wie der

dreijährige Sohne eines Freundes zu sagen pflegte, als „Kameltiger“). Es hat schon zehn Jahre auf dem Buckel, ist aber immer

Zutaten Eine Tarte-Tatin-Form (ofenfeste Pfanne mit dickem Boden, aus der man stürzen kann) 150 g Zucker 50 g gesalzene Butter (bzw. Butter mit einer Prise Salz) 3–4 Bananen 6–8 getrocknete, entsteinte Datteln (oder andere weiche, saftige Trockenfrüchte, etwa Mango oder auch Feigen) 1 Paket Bioblätterteig (die Original-Tarte geht mit Mürbteig, wer ihn beherrscht, zögere nicht, ihn statt Blätterteig zu verwenden)

Zubereitung Rohr auf 180° C vorheizen In der Form den Zucker karamellisieren, das heißt schmelzen lassen, bis er hellbraun ist (Vorsicht, nicht dunkel werden lassen!). Butter dazugeben, schmelzen lassen und vorsichtig unterrühren. Vom Herd nehmen. Die Bananen in etwa drei Zentimeter dicke Scheiben schneiden, in den Karamell legen. Datteln dazwischenstecken. Blätterteig etwa zwei Zentimeter größer als die Form auswalken, über die Früchte legen, überstehende Ränder darüberschlagen, mit einer Gabel einstechen. 30 bis 40 Minuten backen, bis der Teig gebräunt ist. Herausnehmen, fünf Minuten ruhen lassen. Dann stürzen. Der klebrige Karamell wird einige Früchte in der Form zurückbehalten; nehmen Sie sie heraus und fügen Sie sie in die Tarte ein

noch für alle unerlässlich, die von der Idee der perfekten Karamellcreme (das ist etwas anderes als Crème Caramel) nicht loskommen, sich ab und zu ihre Toffees gerne selber machen oder einer Tarte mit karamellisierten Früchten zusprechen.

Das hat etwas Angelsächsisch-Französisches. Kein Wunder, die Autorin Trish Deseine ist geborene Irin und lebt in Frankreich, ihr Buch „Verrückt nach Karamell“ verdient einen Ehrenplatz in jedem Kochbuchregal. F


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