FALTER
Nr. 41a/15
Bücher-Herbst 2015 81 Bücher auf 56 Seiten
ILLUSTR ATION: GEORG FEIERFEIL
Gastland der Buchmesse ist Indonesien +++ Interview mit dem Ethnologen Nigel Barley +++ Geht immer: Die Liebe +++ Noch mehr österreichische Literatur ?! +++ 4 Seiten Kinderbuch +++ Krieg oder Frieden: Eine neue Grammatik der Gewalt +++ Ich-Botschaften: Die Nabelschau der Psychologie +++ Symbioten und Parasiten: Beziehungskisten in der Natur
Erscheinungsort: Wien P.b.b. 02Z033405 W Verlagspostamt: 1010 Wien laufende Nummer 2520/2015
Künstler zu „Ideen brauchen Raum” / Leopold Kessler, Pawlatschen, 2015
IDEEN BRAUCHEN RAUM
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www.bai.at
i n h a l t Illustrationen
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Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser!
Georg Feierfeil ist knapp 30 Jahre alt. Er lebt in Wien, wo er sporadisch studiert und illustriert. Er liebt lange Stadtspaziergänge, doppelte Espressi und hemdsärmlige Jazzmusik
Besprochene Autoren Literatur Andersen, Hans Chr. 31 Anselme, Daniel 12 Baar, Anna 24 Barley, Nigel 4, 7, 8 Bronsky, Alina 22 Burchuladze, Zaza 10
Cerha, Ruth 27 Chast, Roz 15 Chudori, Leila S. 6 Ćosić, Bora 16 Flanagan, Richard 11 Ford, Richard 14 Hochleitner, Verena 30 Hohmann, Flora 31 Knapp, Radek 22 März, Ursula 20 McPhee, Colin 8 Mendl, Thomas 30
Mermer, Verena 26 Mittermayer, Manfred 25 Mycielska, Malgorzata 31 Pamuntjak, Laksmi 6 Sales, Joan 13 Schwitter, Monique 21 Sem-Sandberg, Steve 16 Snicket, Lemony 31 Shalev, Zeruya 19 Steinhöfel, Andreas 30 Sukare, Hanna 24 Thomae, Jackie 21
Liter atur Nigel Barley im Interview „Die Indonesier sind große Kicherer“ Indonesien Sigrid Löffler über drei indonesische Romane Barley besucht die Toraja Eine Reisebericht Faszination Bali Ihr erlegen: Colin McPhee, Nigel Barley Zaza Burchuladze über das belagerte Tiflis Richard Flanagan „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ Daniel Anselme „Adieu Paris“ von 1957 Joan Sales „Flüchtiger Glanz“: Spanischer Bürgerkrieg Made in USA Romane von Willy Vlautin und Richard Ford Roz Chast zeichnet und erzählt vom Sterben ihrer Eltern Bora Ćosić „Tutoren“, Opus magnum Serhij Zhadan „Mesopotamien“, ostukrainischer Hymnus Steve Sem-Sandberg „Die Erwählten“, ein Tatsachenroman Zeruya Shalev „Schmerz“ reimt sich auf Herz Ursula März „Für eine Nacht oder fürs ganze Leben“ Noch mehr Liebe Jackie Thomae und Monique Schwitter Alina Bronsky & Radek Knapp waren schon mal besser Stefan Zweig als Exhibitionist entlarvt von Ulrich Weinzierl Generationenromane von Anna Baar und Hanna Sukare Thomas-Bernhard-Biografie von Manfred Mittermayer Literatur aus Österreich Verena Mermer & Cornelia Travnicek Ruth Cerha macht viel Wind mit „Bora“ Ein neues Literaturprogramm bei Kremayr & Scheriau Neo-Verlegerin Karoline Cvancara im Porträt Kinderbuchautor Thomas Mendl im Gespräch Kurz besprochen Was Kiddies wissen, kochen und hören sollen Andreas Steinhöfl schreibt Jugendliteratur ohne Zeigefinger Illustratorin Verena Hochleitner im Interview
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Indonesien ist heuer Gastland auf der Frankfurter Buchmesse und macht den Auftakt im Belletristikteil: Weltliteraturexpertin Sigrid Löffler hat viel gelesen und darüber hinaus auch noch den Indonesien-Fan Nigel Barley interviewt. Über die Liebe wird ja immer geschrieben, und heimische Literatur ist stets fix dabei. Wir fragen: Muss das wirklich immer noch mehr werden? Und wenn ja, warum? Das Sachbuch eröffnet mit einem Schwerpunkt zur Grammatik des Krieges. Kann es noch Frieden geben, wenn Kriege nicht mehr erklärt werden? Weitere Themen: die Nabelschau der durchtherapierten Gesellschaft, symbiotische und parasitäre Beziehungen in der Natur und der Wunsch nach ewiger Jugend. K IR STIN BR EITENFELLNER K l a u s n ü c htern
Toer, Pramoedya A. 6 Travnicek, Cornelia 26 Vlautin, Willy 14 Weinzierl, Ulrich 23 Ylla-Somers, Christophe 31 Zhadan, Serhij 17
Sachbuch Allert, Tilman 43 Bacci, Massimo Livi 36
Bergmann, Jens 42 Bonnett, Alistair 53 Eich, Armin 37 Flasch, Kurt 40 Groebner, Valentin 54 Harrison, Robert P. 54 Hartmann, Kathrin 47 Haskell, David G. 46 Holdinghausen, H. 47 Honneth, Axel 45 Jarosinski, Eric 48 Kermani, Navid 40
Köhler, Peter 43 Kompa, Nikola 39 Laar, A. van de 48 Leveratto, Pietro 49 Münkler, Herfried 35 Raddatz, Fritz 52 Safranski, Rüdiger 38 Sarnofsky, Jürgen 44 Schuster, Peter 36 Solnit, Rebecca 52 Sussman, Rachel 51 Turunen, Ari 39
Sachbuch Politik Herfried Münkler erklärt Krieg und Frieden 34 Geschichte Massimo Bacci über die Geschichte der Migration 36 Geschichte Peter Schuster über die Macht des Galgens 36 Geschichte Armin Eich erzählt als Pazifist vom Krieg 37 Philosophie Rüdiger Safranski untersucht das Phänomen Zeit 38 Kulturgeschichte Ari Turunen erklärt alles zu Arroganz 39 Philosophie Das Handbuch Sprachphilosophie erklärt Begriffe wie Referenz und Repräsentation 39 Religion Kurt Flasch schreibt eine Geschichte des Teufels 40 Religion Navid Kermani meditiert über das Christentum 40 Geschichte Michaela und Karl Vocelka legen zum 100. Todestag 41 eine Biografie von Kaiser Franz Joseph vor Psychologie Jens Bergmann kritisiert den Ich-Kult und die Herr 42 schaft der Psychologie Soziologie Peter Köhler und Tilman Allert denken über Fakes und Alltagsgegenstände nach 43 Philosophie Lambert Wiesing philosophiert über Luxus 44 Geografie Jürgen Sarnofsky auf den Spuren der Entdecker 44 Philosophie Axel Honneth erkundet den Sozialismus 45 Biologie David G. Haskell und Ewald Weber betrachten Beziehungskisten in der Natur 46 Ökologie Kathrin Hartmann und Heike Holdinghausen über Green Economy und die globale Textilindustrie 47 Medizin Arnold van de Laars Geschichte der Chirurgie 48 Neue Medien Twitter-Star Eric Jarosinski sagt Nein 48 Musik Pietro Leveratto kennt Songs für alle Lebenslagen 49 Radsport Charly Wegelius legt seine Biografie vor 50 Kunst Rachel Sussman fotografiert uralte Pflanzen 50 Frauen Rebecca Solnits brillanter feministischer Essay 51 Reisen Mit Fritz Raddatz nach Nizza 51 Geografie Alistair Bonnett ist bekennender Topophiler 52 Medien Valentin Groebner über Gesichter 53 Kulturgeschichte Robert P. Harrison wider den Jugendwahn 53
Impressum Falter 41a/15 Herausgeber: Armin Thurnher Medieninhaber: Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H., 1011 Wien, Marc-Aurel-Str. 9, T: 01/536 60-0, F: 01/536 60-912, E: wienzeit@falter.at Redaktion: Kirstin Breitenfellner, Klaus Nüchtern Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Layout: Barbara Blaha, Reini Hackl Korrektur: Wolfgang Fasching, Daniel Jokesch, Rainer Siegl Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenlegung gemäß § 25 MG ist unter www.falter.at/offenlegung/falter ständig abrufbar Bücher-Herbst ist eine entgeltliche Einschaltung aufgrund einer Subvention durch das
ICH HABE MIR DAS PARADIES IMMER ALS EINE ART BIBLIOTHEK VORGESTELLT JORGE LUIS BORGES
WALDVIERTLER | SCHUHE | TASCHEN GEA MÖBEL | GEA NATURMATRATZEN BRENNSTOFF GEA WIEN 1010, HIMMELPFORTGASSE 26 (SCHUHE, TASCHEN, MÖBEL & MATRATZEN) 1080, LANGE GASSE 24 (SCHUHE & TASCHEN) UND LANGE GASSE 31 (MÖBEL & MATRATZEN) 1070, KIRCHENGASSE 24 (SCHUHE & TASCHEN) 1210, AM SPITZ 2 (SCHUHTRAFIK) GEA GRAZ 8010, SACKSTRASSE 36 (SCHUHE & TASCHEN) 8020, GRIESGASSE 4 (NÄHE KUNSTHAUS) (SCHUHE, TASCHEN, MÖBEL & MATRATZEN) 25 * IN ÖSTERREICH 14 * IN DEUTSCHLAND | 1 * DER SCHWEIZ WWW.GEA.AT
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igel Barley, der Erfolgsautor und bekannteste Ketzer der ethnologi schen Zunft Großbritanniens, lebt abwechselnd in London und Indonesien. Kurz vor dem Abflug nach Jakarta, wo er mit muslimischen Freunden das Ende des Ramadan, das Fest des Fastenbrechens, fei ern wollte, traf der Falter den Autor zum Gespräch in dessen Haus im schläfrigen Londoner Stadtbezirk Islington. Zahllose Mitbringsel im Haus erinnern an Barleys Forschungsreisen in Westafrika und Indo nesien – indigene Tongefäße, Schnitzwer ke und Masken an den Wohnzimmerwän den. Er selbst scheint seinen zwiespälti gen Status zu genießen: zugleich Pionier und Außenseiter, schwarzes Schaf und wei ßer Rabe.
Falter: Mister Barley, Sie als promovierter Anthropologe, mit einem Doktorat aus Oxford … Nigel Barley: Seit meiner Pensionierung bin ich ein amtsenthobener Anthropologe, eine Art suspendierter Priester. Ich bin kein akademischer Anthropologe. Die schrei ben nämlich nur für die Kollegen, ich hin gegen schreibe für ein Publikum.
Immerhin haben Sie als zünftiger Anthropologe begonnen, mit einer Untersuchung der symbolischen Strukturen der Kultur der westafrikanischen Dowayos, bei denen Sie fast zwei Jahre als Feldforscher gelebt haben. Barley: Das war eine klassische ethnogra fische Monografie, voll entzückender Dia gramme, Formeln und Grafiken. Bloß: Menschen kamen darin nicht vor. Wie das? Barley: Die realen Erfahrungen des Feldfor schers fehlten völlig, seine Versuche, mit den Eingeborenen Kontakt aufzunehmen, seine Enttäuschungen, seine Mühsal, sei ne Frustration, seine Wut. Das hatte ich alles weggelassen. Also habe ich das Buch ein zweites Mal neu geschrieben und allen englischen Verlagen angeboten. Ihre Ant worten waren fast gleichlautend: „Wir ha ben Ihr Buch gelesen. Es gefällt uns. Es brachte uns zum Lachen. Aber Sie wer den verstehen, dass wir es unmöglich ver öffentlichen können.“ Weil Sie das Dogma wissenschaftlicher Objektivität verletzt hatten und Zweifel an den Forschungsmethoden der Anthropologie erkennen ließen? Barley: Die orthodoxe Anthropologie huldig te damals immer noch dem Schockprinzip: Der Feldforscher soll wie ein Fallschirm springer in eine fremde Gesellschaft hinein plumpsen und mit einem indigenen Stamm leben, über den er absolut nichts weiß und dessen Sprache er nicht beherrscht. Eine sonderbare Form von Expertise. Man hat Ihnen verübelt, dass Sie die Widrigkeiten beschrieben, die dem Feldforscher zusetzen, und die Irrtümer benannten, die ihm unvermeidlich unterlaufen müssen. Barley: Genau. Mein Buch erwähnte alles, was in einer klassischen Stammesmono grafie nicht vorkommen durfte. Als „The Innocent Anthropologist“ (deutscher Ti tel: „Traumatische Tropen“, Red.) Jahre später doch noch erschien, als Publikati on des British Museum, da stellte die So zialanthropologische Gesellschaft Groß britanniens und des Commonwealth den Antrag, mich aus ihren Reihen auszu schließen. Ich hätte – so der Vorwurf –
liter atur
„Die Indonesier sind große Kicherer“ Der britische Anthropologe und Star-Autor Nigel Barley erklärt, warum er Indonesien liebt und dennoch geholfen hat, eine Religion dieses Landes zu vernichten
die Anthropologie in Misskredit gebracht. Mein kleines Buch soll die ganze anthro pologische Wissenschaft als solche in Ver ruf gebracht haben?! Ich betrachte das als größtes Kompliment. Heute ist es schwer geworden, überhaupt noch unberührte Naturvölker zu finden. Barley: Weswegen viele stattdessen Feld forschung im eigenen Land betreiben, was sehr schwierig und sehr unbefriedi gend ist. Die Jungen studieren die Ethnologie von Shoppingmalls? Barley: Genau das, fürchte ich. Oder sie schreiben Dissertationen über Einbaukü chen in Croydon aus anthropologischer Sicht. Ich finde das traurig. Dafür bin ich nicht Anthropologe geworden. Ich liebe exotische Dinge und närrische Menschen, ich liebe das Seltsame, das Unheimliche, das Wunderbare, das Glänzende, das Schö ne – also alles, was politisch nicht kor rekt ist. Auch all das, was Sie bei den Dowayos nicht fanden? Barley: Mit den Dowayos konnte man als Feldforscher nicht warm werden. Die hat ten eine völlig andere Auffassung von Freundschaft. In Dowayoland sind die ein zigen Freunde eines Mannes diejenigen, mit denen gemeinsam er als Jüngling be schnitten wurde. Wer die Tortur dieses Be schneidungsrituals nicht mitgemacht hat, der hat dort keine Freunde. Sie sind insgesamt dreimal zu den Dowayos gereist, aber den Initiationsritus der Beschneidung bekamen Sie nie zu sehen. Barley: Beim ersten Mal verpasste ich das Ritual, weil der Termin dauernd verscho ben wurde. Beim zweiten Mal fiel die Zere monie wegen einer Raupenplage aus. Und beim dritten Mal war das Dorf bis zur Un kenntlichkeit verändert, weil ein Flücht lingslager für 40.000 Tschad-Emigranten mitten in Dowayoland emporgeschossen war und sich im Dorf überdies eine christ liche Kirche breitgemacht hatte. War das der Grund, weshalb Sie sich von Afrika abgewandt und Ihre Feldforschungen vor allem nach Indonesien verlegt haben? Barley: Ich war begeistert von der Schönheit Indonesiens und von der Liebenswürdig keit seiner Menschen. Niemand hat mich angebrüllt, geschlagen oder auf mich ge kotzt. Es ist leicht, sich mit Indonesiern anzufreunden. Sie sind offen und zugäng lich. Am meisten liebe ich ihren Humor. Die Indonesier sind große Kicherer. An Ihren beiden neu aufgelegten Indonesien-Büchern fällt besonders auf, dass diese Kulturen offenbar ohne Schwierigkeiten auf dem Grat zwischen traditionellem und modernem Leben balancieren: Flugzeuge und Hexenglaube, moderne Medizin und traditionelle Heiler. Barley: Die Vorstellung von einem Zusam menprall zwischen unveränderlicher Tra dition und Modernität ist völlig falsch. So etwas wie eine unberührte, ursprüngliche Kultur gibt es gar nicht. Die traditionellen Kulturen Indonesiens waren immer schon Einflüssen von außen ausgesetzt, haben ih nen widerstanden, sie verdaut, sie verän dert. Der alte Glaube wurde nie aufgege ben, es wurde nur etwas Neues hinzuge fügt. Der Staat Indonesien hat mehrfach
Illustr ation: georg feierfeil
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die Religion gewechselt. Das ist der Grund für den kulturellen Reichtum und die unglaubliche spirituelle Tiefe von Inseln wie Java oder Bali. Schicht für Schicht wurden dort die unterschiedlichsten Einflüsse in die eigene kulturelle und religiöse Identität eingeschmolzen. Daraus entstand diese glorreiche Mischung, die Indonesien so attraktiv macht.
„Die Menschen geben doch den Glauben an magische Praktiken nicht auf, nur weil es das Telefon gibt“ Nigel Barley
Wie kommen die Indonesier mit den Widersprüchen zwischen diesen gegensätzlichen Lebens- und Denkweisen zurecht? Barley: Die Menschen geben doch den Glauben an magische Praktiken nicht auf, nur weil es das Telefon gibt. Ich kenne eine sehr reiche und modern lebende Familie in Jakarta, die sich selbst als kosmopolitisch bezeichnen würde. Als die Mutter einmal im Ausland erkrankte und glaubte, sie sei verhext worden, rief der Sohn einen Dukun, einen traditionellen Heiler. Der Dukun machte sich an die Fernheilung der Mutter – per Handy. Und hat es geholfen? Barley: Es ging ihr nachher besser. In Mittelpunkt Ihres Buches „Bali. Das letzte Paradies“ steht Walter Spies, eine äußerst schillernde historische Gestalt, die im Westen vergessen, in Bali aber offenbar eine Legende ist. Barley: Walter Spies war ein deutscher Musiker, Maler, Tänzer, Ethnologe, Linguist und Lebenskünstler. Er kam in den 1920erJahren auf die Insel, verliebte sich in die Menschen und die Kultur Balis, gründete eine Kooperative für balinesische Künstler, machte sein Haus in Ubud zum kulturellen Treffpunkt und lockte allerlei prominente Edeltouristen auf die Insel, von Charlie Chaplin bis Vicki Baum und Barbara Hutton. Warum nennen Sie Ihr Buch dann nicht Biografie, sondern Roman? Barley: Walter Spies war ein unglaublich attraktiver Mann, ein goldener Schmetterling. Mit einer wuchtigen Biografie würde man ihn erschlagen. Seinem Charme, dem Zauber seiner Persönlichkeit ist die leichte und freie Romanform viel angemessener.
FOTO: MONSOONBOOKS
Aber hat Spies nicht andererseits ein völlig verzerrtes Bali-Bild propagiert , indem er seine westlichen Sehnsüchte, Wunschträume und Vorurteile auf die Insel projizierte? Barley: Leider haben sich die Indonesier selbst diese Idee vom Paradies zu eigen gemacht. Es gibt kein irdisches Paradies. Das Paradies ist immer um die nächste Ecke. Natürlich hat Spies die Kultur der Balinesen beeinflusst und verändert, indem er sie lehrte, ihr traditionelles Kunsthandwerk als Kunst zu begreifen, und ihnen half, ihre Paradies-Bilder international zu vermarkten. Er hat ihre Kunst kommerzialisiert? Barley: Auf dem Kunstmarkt erlösen sie damit immerhin tausende von Dollars, während anderswo Stammestraditionen zur Folklore verkommen und indonesisches Kunstgewerbe als Touristensouvenir um zwei Dollar das Stück verhökert wird. Was ist besser? Was ist schlimmer? Sie haben sich besonders mit dem Volk der Toraja angefreundet, einem Volksstamm im Hochland der Insel Sulawesi. Warum ausgerechnet die Toraja?
Zur Person Nigel Barley wurde 1947 in Kingston upon Thames geboren und studierte moderne Sprachen in Cambridge und Anthropologie in Oxford. Seine ethnologischen Feldforschungen führten ihn erst nach Westafrika und dann nach Südasien, vor allem nach Indonesien. Nach 20 Jahren als Kustos in der ethnografischen Abteilung des British Museum verabschiedete er sich 2003 in die Frühpension, um künftig nur noch als Schrift steller tätig zu sein. Seither pendelt Barley zwischen London und Indonesien, seinem Lieblingsland
Neue bzw. neu aufgelegte Bücher von Nigel Barley werden auf Seite 7 und 8 besprochen
Barley: Die Toraja sind interessant wegen ih-
rer aufwendigen Begräbniszeremonien und ihrer eigentümlichen Architektur. Sie schreiben, dass Sie vier Toraja nach London einluden, um für das British Museum eine Original-Reisscheune zu schnitzen und zu bemalen. Das muss doch der Wunschtraum aller Ethnologen sein: ein Kunstwerk indigener Kultur, eigens fürs Völkerkundemuseum produziert? Barley: Die Sache hatte ein Nachspiel: Unter den vier Holzschnitzern waren Nenek, der alte Hohepriester des Dorfs, und sein Enkel Johannis, der drüben mein Feldforschungsassistent gewesen war. Eigentlich war der Plan, dass Johannis daheim der Nachfolger seines Großvaters als Hohepriester der alten Religion werden sollte. Aber Johannis nutzte das Londoner Honorar, um zu studieren – und zwar Anthropologie. Statt dem alten Nenek nachzufolgen, schrieb Johannis seine Doktorarbeit über ihn. Das Toraja-Dorf hat nun keinen Hohepriester mehr, der das alte Wissen tradieren könnte. Man könnte sagen, dass ich mitgeholfen habe, eine der traditionellen Religionen Indonesiens zu vernichten. Und was wurde aus Johannis? Barley: Er ist Christ geworden, arbeitet im diplomatischen Dienst Indonesiens und fährt eine Mercedes-Stretchlimousine. Mit seinem Geld hat er allerdings auch das Ahnenhaus, den Familientempel, in seinem Dorf wiederaufgebaut. Das gibt ihm Status und hilft ihm, sich seiner Identität zu versichern.
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Foto: © Kurt Kaindl
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Lebt Johannis also wieder im Dorf? Barley: Niemand lebt dort. Das Ahnenhaus steht leer. Ist das die Zukunft der Naturvölker? Dass ihre Ahnenhäuser schön restauriert sind, aber leerstehen? Barley: Ich sehe nur drei Möglichkeiten für eingeborene Gesellschaften: Man gibt ihnen die Verfügungsgewalt über ihr eigenes Leben; man versucht alles, um ihre traditionelle Lebensweise zu erhalten; oder man lässt sie zum westlichen Leben konvertieren. Die erste Variante wäre wünschenswert, die zweite hieße lebendes Museum oder noch schlimmer: Leben im Käfig. Die dritte Variante ist die wahrscheinlichste. Die meisten modernen Regierungen bestehen darauf, dass sich die indigenen Völker in die Nation integrieren, dass sie zur Schule gehen, die Amtssprache lernen und eine der großen Weltreligionen annehmen. Letztlich macht das die Menschen zu Virtuosen beim Umschalten zwischen kulturellen Codes. Sie funktionieren in unterschiedlichen Systemen, wechseln zwischen Magie und Moderne hin und her. Schlechte Aussichten für die Zukunft der Anthropologie. Verdunstet diese Humanwissenschaft gerade? Barley: Sie löst sich in Fragmente auf, sie verschwimmt mit anderen Disziplinen, mit Theater- und Medienwissenschaft, mit Literaturkritik und Linguistik. Das erstaunt mich nicht. Die Anthropologie hat sich im Vietnamkrieg von der CIA für alle möglichen Zwecke missbrauchen lassen. Und sie weiß zu den drängendsten Problemen der Zeit nichts Wesentliches zu sagen. Sie hat keine Antworten auf die sozialen Herausforderungen der Globalisierung, auf die Flüchtlingsströme, auf den Terror. Wozu ist sie dann noch nutze? SIGRID LÖFFLER
Gebunden. 336 Seiten. € 23,60 [A] Auch als -Book erhältlich
»Erfrischend treffsicher, ironisch unterlegt, polemisch zugespitzt.« Kristina Pfoser, Ö1
www.zsolnay.at
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liter atur
Der lange Schatten der Todesschwadronen Die Literatur Indonesiens arbeitet sich bis heute an der Diktatur Suharto ab, die Millionen das Leben kostete
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as genau geschah in der Nacht zum 1. Oktober 1965 in Indonesien? Die Vorgänge sind bis heute nicht geklärt. Angeblich gab es einen Putschversuch einer Gruppe linksnationaler Militärs. Was darauf folgte, war ein rechtsgerichteter Gegenputsch unter General Suharto, gefolgt von Bürgerkrieg und Massakern an allem, was irgendwie als „links“ galt. In der „Saison der Hackmesser“ wüteten Todesschwadronen der Armee, aber auch verhetzte Zivilisten gegen angebliche Kommunisten und gegen chinesischstämmige Indonesier. Je nach Schätzung fielen diesen Schlächtereien zwischen anderthalb und zwei Millionen Bürger zum Opfer. In Joshua Oppenheimers preisgekröntem Dokumentarfilm „The Act of Killing“ (2013) haben Mörder von damals ihre Taten stolz vor der Kamera nachgespielt und sich mit ihren niemals geahndeten Gewaltexzessen gebrüstet. Dem Diktator Suharto galten diese Massenmorde ja als „Rettung des Vaterlands“. Intellektuelle, Künstler, Studenten, Journalis-
ten, Gewerkschafter, aber auch deren Familien, Freunde oder Bekannte – sie alle galten als linke Sympathisanten. Wer von ihnen die Blutbäder von 1965 überlebte, flüchtete entweder ins Ausland oder wurde für lange Jahre in Foltergefängnisse und Zwangsarbeitslager gesteckt. Vor allem die entlegene Gefängnisinsel Buru wurde zum Symbol für die Staatsverbrechen unter Suharto – ein tropischer Gulag für zehntausende politische Gefangene, die unschuldig und ohne Prozess auf diese unwirtliche Molukken-Insel deportiert wurden und dort oft an Hunger, Seuchen und Zwangsarbeit zugrunde gingen. Erst Ende 1979 wurde das Zwangsarbeitslager unter dem Druck internationaler Proteste aufgelöst und in einen Verbannungsort für Ex-Häftlinge und deren nachgezogene Familien umgewandelt. Der Volksschriftsteller Pramoedya Ananta Toer, der Nationalheilige der indonesischen Literatur, war der prominenteste Häftling: Ohne dass ihm der Prozess gemacht wurde, hat man ihn 14 Jahre lang in Gefängnissen und Straflagern festgehalten, zehn Jahre davon auf der Insel Buru, wo die Gefangenen, auf sich allein gestellt, ihr Überleben in der Wildnis selbst organisieren mussten. Dort entstand sein Hauptwerk, die Buru-Tetralogie, deren zweiter Teil, der Roman „Kind aller Völker“, nun neu aufgelegt wurde. Toer schreibt über die indonesische Gegenwart in historischer Verkleidung. Wenn er von der Unterdrückung der Indonesier durch die holländischen Kolonialherren um 1900 erzählt, dann ist immer die Unterdrückung durch die neue Zwangsherrschaft der Suharto-Diktatur mitgemeint – weshalb Toers Bücher jahrelang verboten waren. Er selbst stand bis zu seinem Tod 2006 unter Stadtarrest in Jakarta. Dem Roman „Kind aller Völker“ merkt man die Entstehung aus der mündlichen Erzählung immer noch deutlich an: Weil er nicht schreiben durfte, hat Toer in Buru die Lebensgeschichte seines Helden Minke seinen Mitgefangenen immer wieder erzählt, um sie im Gedächtnis zu behalten.
Leila S. Chudori: Pulang (Heimkehr nach Jakarta). Roman. Aus dem Indonesischen von Sabine Müller, Weidle Verlag, 432 S., € 25,80
Erst 1973 bekam Toer beim Besuch eines hochrangigen Staatsbeamten eine Schreibmaschine geschenkt, so dass er den in Jahren aufgestauten Stoff endlich niederschreiben konnte. Um ihm das zu ermöglichen, übernahmen seine Mitgefangenen seinen Teil der Zwangsarbeit. Im Buru-Romanzyklus geht es Toer darum, dem indonesischen Volk die eigene Geschichte bewusst zu machen. Am Beispiel des politischen Lernprozesses seines Romanhelden Minke, eines jungen javanischen Journalisten, will Toer seinen Landsleuten die Augen über die Widersprüche des Lebens im Kolonialismus öffnen und zugleich die Entstehungsgeschichte des indonesischen Nationalbewusstseins erzählen. Minke ist ein Simplicissimus, ein reiner Tor, jedoch umgeben von Mentorenfiguren, die ihn allmählich über die koloniale Zwangswelt aufklären, in der er bislang naiv dahingelebt hat. Die didaktische Absicht dieses politischen Bildungsromans liest sich heute etwas penetrant und ungelenk, was aber Toers historisches Verdienst nicht mindert. Dank ihm wagen sich jüngere Autoren heute direkt an das Thema der Verbrechen des Suharto-Regimes, denn diese sind Teil der ungeschriebenen und unterdrückten Nachkriegsgeschichte Indonesiens. Sie stellen ein nationales Trauma dar, das unter der offiziellen Staatslüge vom Kommunistenputsch unbearbeitet weiterschwärt, aber neuerdings immer nachdrücklicher zum literarischen Thema wird. Es treibt sie ein starker politischer Aufklärungsimpuls – der Wille, den Opfern eine Stimme zu geben. Man muss das alles nicht wissen, aber es hilft, wenn man die Literatur aus Indonesien, dem diesjährigen Gastland der Frankfurter Buchmesse, richtig lesen will. Vor allem zwei jüngere Autorinnen, die nicht
Laksmi Pamuntjak: Alle Farben Rot. Roman. Aus dem Indonesischen von Martina Heinschke. Ullstein, 672 S., € 24,70
Pramoedya Ananta Toer: Kind aller Völker. Roman. Aus dem Indonesischen von Brigitte Schneebeli und mit einem Nachwort von Rüdiger Siebert. Unionsverlag, 444 S., € 13,40
persönlich unter dem Staatsterror der Militärdiktatur Suhartos zu leiden hatten, haben in ihren Debütromanen dieses Thema für sich entdeckt – nämlich die niederschmetternde Tatsache, dass hier eine ganze Generation ihres Lebens, zumindest aber ihrer Lebensperspektive und ihres Lebensglücks beraubt wurde, bloß weil diese Menschen ein paar linke Bekannte hatten, die falsche Versammlung besuchten, ein falsches Buch lasen oder einfach ihrem Nachbarn nicht passten. Eine ganze Generation, die sich nichts hatte zuschulden kommen lassen und gar nicht wusste, wie ihr geschah, war über Nacht entweder Flüchtling oder Häftling oder tot. Leila S. Chudori erzählt in ihrem Roman „Pulang“ (Indonesisch für: Heimkehren) von vier Indonesiern, die vor dem Terror nach Frankreich fliehen und in Paris ein indonesisches Restaurant eröffnen, um im Exil wenigstens das Aroma der Heimat zu spüren, die ihnen fortan verschlossen ist. Die Tochter des einen, eine Filmstudentin, will 1998 in Indonesien einen Dokumentarfilm über die Massaker von 1965 drehen und die Familien von Betroffenen befragen – nicht zuletzt im Dienste der Selbstaufklärung, denn die Puzzlesteine, die sie da zusammenfügt, ergeben auch ein Bild der leidvollen Familiengeschichte. Dabei gerät sie in Jakarta in die Studentenunruhen, die endlich zu Suhartos Sturz führen werden.
Die Autorin hat viel recherchiert und viele Zeitzeugen befragt. Über weite Strecken liest sich ihr Roman allerdings wie ein Küchenepos, denn allein die Rezepte der indonesischen Küche öffnen bei Leila Chudori alle Schleusen der Beredsamkeit: Sie schwärmt von Gewürzmischungen und beschreibt schwelgerisch Gelage mit indonesischen Nationalgerichten. Auch hätte ein Lektorat Chudoris Hang, alles dreimal zu erzählen, vielleicht entgegenwirken sollen. Dennoch: Die Art, wie diese Autorin die Schicksale ihrer Interviewpartner in ihren vielstimmigen Roman über Exil und Verfolgung einmontiert, macht aus „Pulang“ ein einprägsames Zeitdokument – und eine Gegenerzählung zum offiziellen Staatsnarrativ. Einen ungleich größeren literarischen Ehrgeiz
legt Laksmi Pamuntjak, Chudoris Autorenund Journalistenkollegin in Jakarta, an den Tag. Auch ihr Roman „Alle Farben Rot“ ist strikt aus der Sicht der Opfer erzählt. Ihnen wird das Rot zugeordnet – so wie das Blut und wie die Fahne, für die sie es vergossen haben. Der Roman ist eine sprachlich und motivisch hochverdichtete Liebes- und Leidensgeschichte mit der Schmerzensinsel Buru als Schauplatz und Passionszentrum des Geschehens. Im Original ist Amba die Titelheldin: eine Frau zwischen zwei Männern. In Liebe und Verrat, in Treue und Untreue, sind diese drei Protagonisten miteinander verstrickt, vor dem Hintergrund von 40 Jahren Verfolgung, politischer Unfreiheit und staatlicher Unterdrückung im Archipel Indonesien. Im blutigen Herbst von 1965 verliebt sich die Studentin Amba in den charismatischen jungen Arzt Bhisma, der nirgends politisch engagiert ist, auch wenn er ein paar Bekannte in der linken Künstlerszene hat. Nicht einmal vier Wochen einer verrückten Liebe sind dem Paar mitten im Chaos gegönnt, ehe Bhisma in die Fänge des Regimes gerät, für immer aus Ambas Leben verschwindet und diese schwanger zurücklässt. Sie trennt sich von ihrem Verlobten Salwa und wird ihr Leben lang dem verschwundenen Bhisma nachtrauern und ihn suchen. 40 Jahre später führt Amba die Fährte auf die ehemalige Gefängnisinsel Buru. Dort forscht sie im Jahr 2006 nach Bhismas Verbleib und findet nur dessen Grab. Aus seinen nachgelassenen Briefen entfaltet Laksmi Pamuntjak detailgenau den grausam harten Lageralltag der Verbannten, zeigt aber auch die Überlebensstrategien und den Widerstandswillen der Opfer. Was der Roman bitter klar macht: Ihnen allen wurde das Leben gestohlen, sie alle wurden um ihr Glück gebracht. Die epischen Namen Amba, Salwa und Bhisma deuten es schon an: Es ist das indonesische Nationalepos Mahabharata, das der Autorin als Folie für ihre bezwingende Erzählung von Krieg und Liebe dient und ihren Figuren einen großen Nachhall verleiht. Es sind nicht zuletzt der hohe Kunstanspruch und die komplexe Struktur, die aus ihrem Roman „Alle Farben Rot“ die mit Abstand bedeutendste literarische Neuerscheinung aus Indonesien machen. SIGRID LÖFFLER
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Toraja und Briten lassen sich nicht alles bieten Superlustiger Reisebericht plus subversive Ethnologie: Nigel Barley besucht das Volk der Toraja igel Barley ist ja nun schon nahe N an den 70, und wenn man sein „neues“ Buch über seine Indonesienreise liest, stellt sich schnell Bewunderung ein. Schwärme von Stechmücken und durstige Blutegel erträgt der Ethnologe gelassen. Monatelang lebt er unter, jedenfalls für einen Westler, prekären hygienischen Verhältnissen; vier Tage lang reitet er hoch zu Ross durch unwegsames Terrain, fast ohne Proviant, dafür im tropischen Dauerregen. Die abenteuerlichen Fahrten in schrottreifen Bussen oder mit Lastern, die die Mitfahrer regelmäßig aus dem Schlamm ziehen müssen, erscheinen da fast schon als Spaziergang. Barley
Barleys Markenzeichen ist sein egalitärer Humor: Es darf über alles gelacht werden, auch über den Autor
scheint ein rüstiger Rentner zu sein. Erst gegen Ende fällt beim Rezensenten der Groschen: In Großbritannien regieren gerade Elizabeth II. und Margaret Thatcher. Das Original des Buches ist im Jahr 1988 erschienen, da war Barley gerade um die 40. Nachdem Indonesien aber Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse ist, hat der Verlag beschlossen, das Buch neu aufzulegen. Der gewählte Titel „Auf den Spuren von Mr. Spock“ ist einigermaßen deppert. Angeblich hätten die Kinder aus dem Volk der Toraja spitze Ohren, was sich natürlich als Unsinn herausstellt. Der Originaltitel ist viel witziger: „Not a
Hazardous Sport“, also ein ungefährlicher Sport – gemeint ist die Arbeit des Ethnologen. Barley liebt es, die eigene Disziplin auf deren Widersprüche und Selbstbezogenheit hinzuweisen. Angesichts all der kleinen und großen Missgeschicke, die ihm beständig widerfahren, bemerkt er augenzwinkernd, dass in der Ethnologie „die körperlichen Strapazen, die der Feldforscher auf sich nimmt, ein Maß für den Wert seiner Erhebungen abgeben“. Barley macht sich auf die Suche nach den „alten Traditionen“ der Toraja, die im Bergland von Sulawesi (früher: Celebes), der viertgrößten Insel Indonesiens, heimisch sind. Viele dieser Traditionen sind freilich im Verschwinden begriffen. Fast scheint es, als ob sich der weiße Mann – „Mr. Puttymann“, wie Barley genannt wird – mehr für diese interessiert als die Toraja selbst. Mit Mühe spürt Barley die Weberin Aneka auf, die noch die alten Techniken und Muster beherrscht. Sein Informant Jo-
hannis ist in vieler Hinsicht bereits verwestlicht. Dessen Großvater Nenek, in Personalunion Priester einer aus der Mode gekommenen animistischen Religion, Zimmermann und Holzschnitzer, wirkt wie aus der Zeit gefallen. „Auf den Spuren von Mr. Spock“ ist eine
gelungene Mischung aus kurzweiligem Reisebericht und bewusst unsystematisch betriebener Ethnologie. Beständig arbeitet Barley heraus, wie anders die Toraja sind – und dass man sie dennoch oder vielleicht gerade deshalb lieben muss. Das jahrelange „Aufbewahren“ von Toten in der Wohnung und seltsam anmutende Riten wie das Wiederausgraben der bereits Beerdigten sind jedenfalls gewöhnungsbedürftig. Das Herauspräparieren der eigenen Vorurteile, über die ein professioneller Ethnologe offiziell ja nicht verfügen darf, ist Barley dann fast peinlich. Der feine Humor indes, der zu Barleys Markenzeichen wurde, ist eben sehr egalitär: Es darf grundsätzlich über alle gelacht werden, nicht zuletzt über den Autor selbst. „Ein Ethnologe ist wahrscheinlich der schlimmste Gast, den man sich vorstellen kann. Ich würde keinen ins Haus lassen. Er kommt ungebeten, nistet sich uneingeladen ein und geht seinen Gastgebern mit dummen Fragen so auf die Nerven, dass sie fast den Verstand verlieren.“ Die Pointe besteht darin, dass Barley genau das widerfährt. Im letzten Teil des Buches kommen vier seiner Toraja-Freunde nach London. Dort sollen sie unter der Anleitung von Nenek im Museum of Mankind einen „Original“-Reisspeicher bauen – gleichsam der Inbegriff der Toraja-Kultur, ein Gebäude voller Symbolik zu Leben und Tod und versehen mit der feinsten Schnitzkunst. Doch nun werden die Rollen vertauscht: Jetzt ist Barley der Gastgeber, Cicerone und Informant für seine unersättlich wissbegierigen indonesischen Gäste. Er muss nicht nur dreimal täglich Reis kochen, sondern ihnen auch beständig die eigenartigen britischen Sitten erklären: dass man auf Matratzen schläft, im Museum keine Schweine schlachten darf und an der Themse offensichtlich ein Doppelmatriarchat herrscht. OLIVER HOCHADEL
Nigel Barley: Auf den Spuren von Mr. Spock. Eine Reise nach Indonesien. Klett-Cotta 2015. 285 S., € 18,50
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lles begann mit Schallplattenaufnahmen eines balinesischen Gamelan-Orchesters, die der kanadische Komponist Colin McPhee (1900–1964) um 1930 in New York hörte. Der Klang ließ den jungen Avantgardemusiker nicht mehr los. Wenig später betrat er erstmals Bali, wo er bis 1938 den größten Teil seiner Zeit mit der akribischen, fast schon manischen Erforschung der balinesischen Musik verbrachte. Das Buch, das McPhee – nach seiner Rückkehr in die USA – über seine musikwissenschaftlichen und kulturellen Forschungen auf der indonesischen Insel schrieb, gilt als Klassiker der Reiseliteratur. „Ein Haus in Bali“, erstmals 1946 in den USA erschienen, liegt nun – fast 70 Jahre später – auch in deutscher Übersetzung vor. Es ist ein historischer Reisebericht von großer Farbigkeit, der auf berückende Weise das kulturelle Leben auf Bali in den 1930erJahren einfängt. Die überbordend reichen,
uralten Traditionen und Riten der Insel, in der die Musik in den meisten Dörfern eine alltagsbestimmende Rolle spielte, trafen in McPhee, wiewohl Musiker und nicht Schriftsteller, auf einen Chronisten mit großem erzählerischem Talent und noch mehr Hingabe. Seine offensichtliche Begeisterung für die Mu-
sik der Insel, sein unbändiger Wunsch, diese zu verstehen, in all ihren Aspekten zu dokumentieren und gegebenenfalls wiederzubeleben, erschließen McPhee den Zugang zu den Menschen. Wie ein Kleinkind, das sprechen lernt, häuft er rasend schnell Wissen über Umgangsformen, religiöse Riten, Kastenwesen, Sprachgebrauch und Weltbilder der Balinesen an. Die Anverwandlung fällt ihm angesichts seiner grenzenlosen Neugier leicht. Die Schranken zwischen Weißen und Einheimischen, die die niederländische Kolonialverwaltung als schicklich ansieht, ignoriert er und macht sich statt-
Ein aufwühlender Roman über zwei ungleiche Zwillingsschwestern
Hardcover mit Schutzumschlag Aus dem Amerikanischen von Kathrin Razum 280 Seiten € 20,50 Auch als eBook
Colin McPhee. Ein Haus in Bali. Deutsch von Ines Anselmi. Unionsverlag, 316 S., € 23,60
dessen mit dem komplexen Regelwerk balinesischer Gesellschaftshierarchien vertraut, damit er Musikern, Komponisten und Tänzern Löcher in den Bauch fragen kann. Die Unmittelbarkeit seines Zugangs spiegelt sich in seinem Schreiben: McPhee ist kein Anhänger des bei seinen Zeitgenossen so überaus beliebten Exotismus. Er lernt und akzeptiert die kulturellen Regeln, nimmt an Tempel- und Palastaufführungen von Gamelan-Orchestern teil, schaut sich zahllose Schattenspiel- und Tanzaufführungen an, bereist entlegene Dörfer, um die dortigen Dorfmusiker und ihre archaischen Instrumente zu hören und zu sehen, engagiert Tanzlehrer für Dorfkinder und erwirbt Orchesterinstrumente, um die musikalischen Traditionen in dem Dorf, in dem er sich ein Haus baut, wiederzubeleben. „Ein Haus in Bali“ ist ein bezauberndes Buch – gerade weil es nicht bezaubern will. Es hat handfestere Motive. Sein Autor, der vor allem Musiker ist, will sich eine
Gewitterwolken am Himmel und Whiskey am Pool – ein Roman, flirrend wie ein schwüler Sommertag.
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Illustr ation: georg feierfeil
In der Tonlage „Schönes Meer“ und „Verbrannte
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Tamarinde“ Klangwelt erschließen, die über vollkommen andere Strukturen verfügt als jene, die ihm von der westlichen Musik vertraut sind. Um sie zu verstehen, taucht er in den Inselalltag ab, in dem nächtliche Dämonen in Form glühender Feuerbälle ebenso normal sind wie angeleinte Bienen, die als Spielzeug ihre Kreise um Kinderfinger drehen, tägliche Bäder für Kampfgrillen, als „Blumen“ bezeichnete tänzerische Handbewegungen oder Gongs, die von Schmieden auf die Tonlagen „Schönes Meer“, „Verbrannte Tamarinde“ oder „Feld blühender Schraubenbäume“ gestimmt werden. McPhee übernimmt das Selbstverständnis der Balinesen, für die stunden- und nächtelange musikalische und dramatische Darbietungen genauso zum Dorfleben gehören wie Opfergaben oder Reinigungsriten für Häuser an dämonengefährdeten Standorten. Stets aufs Neue überrascht ihn „die natürliche Ruhe, die fast beiläufige Art“ des dörflichen Musizierens. Wer lange, unge-
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Die indonesische Insel Bali hat viele in ihren Bann geschlagen: unter anderen den Komponisten Colin McPhee und den Anthropologen Nigel Barley heuer detaillierte Passsagen über Struktur und Wesensart einer – für westliche Ohren – völlig andersartigen Musiktradition lesen will, ist bei McPhee ebenso gut aufgehoben wie alle, die sich in das elaborierte System verschiedener balinesischer Tanzstile und ihrer Abstimmung auf Melodie und Rhythmus der Musik vertiefen wollen. Als literarische Figur taucht McPhee auch
Nigel Barley. Bali. Das letzte Paradies. Roman. Deutsch von Anke Burger. Klett-Cotta, 272 S., € 18,50
am Rande in einem Bali-Roman auf, den der britische Anthropologe Nigel Barley vor sechs Jahren veröffentlicht hat und der nun ebenfalls auf Deutsch erscheint. Er heißt „Bali. Das letzte Paradies“ und stellt den deutschen Maler, Musiker und Naturforscher Walter Spies (1895–1942) ins Zentrum. Dessen Haus auf Bali war in den 1930er-Jahren ein Ort regen kulturellen Lebens und Anlaufstelle für zahllose westliche Künstler, die der Ruf der Insel als exotisches Paradies in Scharen anlockte – unter ihnen Charlie Chaplin, Vicki Baum,
das berühmte Anthropologenpaar Margaret Mead und Gregory Bateson oder die Woolworth-Erbin Barbara Hutton. Als Roman ist „Das letzte Paradies“ ein seltsames Hybrid, dessen üppig ausgeschmückte Erzählhandlung um eine libertäre Expat-Kolonie wie eine angestrengte Behauptung über einer Vielzahl historischer Fakten, ethnologischer Informationen und kulturgeschichtlicher Details liegt. Diese beiden Aspekte finden nicht recht zusammen. Der begabte, amoralische Charismatiker Walter Spies irrlichtert gutmütig als großer Naiver durch diese spätkoloniale Welt, deren Regeln ihm am Ende den Garaus machen werden. Das Buch hat schöne Stellen, aber Barley findet nicht recht aus der Rolle des Anthropologen und in die des Schriftstellers hinein. Ganz anders als der Musikwissenschaftler Colin McPhee, der in „Ein Haus in Bali“ als Autor eines höchst literarischen Reiseberichts beste Figur macht. JULIA KOSPACH
Zwischen Sechzehn und Dreiundzwanzig hatten sich Astrid und Schmied viermal leidenschaftlich ineinander verliebt und sich viermal wieder getrennt. Dreißig Jahre lang haben sie sich aus den Augen verloren, bis Schmied ihre Stimme als Ansagerin der Bahn wahrnimmt und sich auf die Suche nach ihr begibt. Sie wiederholen die gleiche Reise, die sie kurz vor der letzten Trennung unternommen haben. Alte Vertrautheit, ein untrügliches Körpergedächtnis und die Erinnerungen an vergangene Tage lassen die Liebe rasch wieder aufflammen. Die Reise wird zur Testfahrt.
Patrick Tschan Eine Reise später 200 S., Hardcover, € 21,90 ISBN 978-3-99200-141-5
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Labern und Vögeln in Zeiten des Krieges August 2008: Der Georgier Zaza Burchuladze beschreibt die bizarre Parallelwelt in dem von Russland belagerten Tiflis tell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“ – dieses zum pazifistischen WohlS fühlspruch verhunzte Brecht-Zitat war ein-
mal. Für den georgischen Autor Zaza Burchuladze (Jahrgang 1973), der einen Tag des russisch-georgischen Krieges im August 2008 in Tiflis beschreibt, gilt eine andere Weltklugheit: „Show me your iPod and I’ll tell you who you are.“ Fake ist alles, was den Ich-Erzähler durch die georgische Hauptstadt treibt – Trash, Partys, Ecstasy, Pornovideos. Der Protagonist erwacht, räsoniert über die Freundin der letzten Nacht: „Bobo kann alles. Ihre Pasta schmeckt hervorragend, sie hat alle folgen von ,Lost‘ gesehen und blasen kann sie wie eine Göttin: voller Hingabe und Liebe.“ Hund Aphex bekommt vom Croissant, das so gut schmeckt „wie Glenn Gould die Goldbergvariationen spielt“, nichts ab. Im Fernsehen – Panzer, ein General dementiert, dass die russische Armee in Tiflis einmarschiert. Und: „Ich habe das Gefühl, alles fügt sich wie von selbst. Bobo will zu einem festen Bestandteil meines Lebens werden. Wie die Raufasertapete in meiner Altbauwohnung.“ Selbstredend hat der Erzähler Bobo erst am Vortag aufgegabelt. Weiter passiert nichts. Ein Tag vergeht. Im
Schwimmbad die üblichen „Gangsterwitwen mit Silikonbrüsten, cellulitegeplagte Ehefrauen reicher Geschäftsleute, schwule Techno-Jünger mit Bauchnabelpiercings“. Am Himmel, hoch oben, ein Jagdflugzeug. Der Erzähler denkt über Tattoos nach.
ten Ärmel ist ein ockerfarbener Fleck) viel eher zu empfehlen als Fendi.“ Nach weiteren 300 Markennamen wird auch das Rätsel des Buchtitels gelöst: „Dabei fällt dir ein, dass man dich in den Boutiqen für hundert Lari nicht mal anfurzen würde und auf dem Basar bekämst du dafür höchstens ein Paar adibas-Turnschuhe.“
Vor allem wird in Tiflis gelabert. Darüber, dass Tiflis Provinz sei, Fake; über Pasolini, über „Blue Velvet“, über Musik, die angesagt oder nicht angesagt ist. Von den Plakatwänden grinst „der Präsident, der Führer, der Held“ Micheil Saakaschwili sein Blend-a-Med-Grinsen. Nina, die Ex-Freundin des Erzählers, und Moho, deren Neuer, sollen beim Vögeln gefilmt werden: „Sie wollen das. ,Du bist doch nicht eifersüchtig, oder?‘, fragt Nina.“ Krieg findet bei Zaza Burchuladze nur in kurzen Andeutungen statt: In einer Bar sitzen plötzlich zahlreiche ausländische Fotografen, georgische Offiziere haben sich um einen Amerikaner versammelt. Das durch die Luft fliegende unbekannte Objekt hält der Erzähler anfangs für eine Nachwirkung des LSD vom Vortag: „Plötzlich bleibt RF-8 in der Luft stehen. Wie eine Pupille öffnet sich die Linse zu voller Größe.“ Ein Passant schlägt mit einem Besen nach der russischen Drohne. Eine Auslandsgeorgierin auf Heimatbesuch fragt aufgeregt: „Stimmt es, dass in Tiflis Gasmasken verteilt werden, weil man einen Giftgasangriff befürchtet?“ Sie wird als Hysterikerin ignoriert. Höhepunkt der Tageswanderung des vorwiegend mit dem mobilen Versenden von Schwanz-Fotos befassten Erzählers ist der Besuch eines Second-Hand-Ladens: „In Bezug auf Sweater sind Dries van Noten (gestrickt und cremefarben) oder der hellblaue Comme des Garcons (am rech-
Der große Showdown – Sex mit Naniko, der
Zaza Burchuladze: adibas. Roman. Aus d. Georgischen von Anastasia Kamarauli und unter Mitarbeit von Tom Müller. Aufbau 189 S., € 18,50
Frau am Ende des Tages. Eine weitere Freundin schaut dabei via Skype zu. Was, fragt der Erzähler schließlich, bedeutet es, dass all das am Tag „08/08/08“ stattfindet? Die Antwort aufgrund esoterisch-verzwickter Überlegungen zur Symbolik der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane: „Mit dieser Logik könnte man sogar draufkommen, dass dieses Datum irgendwie mit dem Krieg verbunden ist. Jedenfalls gerade so sehr, wie der Krieg die Imitation von Sex ist, und umgekehrt, der Sex die Imitation des Kriegs. Ich spüre, dass ich bald kommen werde.“ Zaza Burchuladzes Roman spielt mit ziemlicher Verve alle nur denkbaren kaukasischen Machoklischees durch und verrennt sich dabei immer wieder in postmodernes Witzeln. Doch zu guter Letzt wird sogar noch eine Moral der Geschichte formuliert, verpackt in eine Gedichtlitanei: Es gehe um mehr Würde! Die Frage ist nicht, was einer tut, wenn der Krieg beginnt, sondern was geschieht, wenn der über Nacht auf einmal da ist. ERICH K LEIN
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Bahnhofstr. 5, 3950 Gmünd | Oberösterreich: | Fürstelberger, Landstr. 49, 4013 Linz | Alex, Hauptpl. 17, 4020 Linz | Buch plus, Südtiroler Str. 18, 4020 Linz | In der Freien Waldorfschule, Waltherstr. 17, 4020 Linz | Neugebauer, Landstr. 1, 4020 Linz | Thalia, Landstr. 41, 4020 Linz | Buchhandlung Auhof, Altenbergerstr. 40, 4045 Linz-Auhof | Wolfsgruber, Pfarrg. 18, 4240 Freistadt | Wurzinger, Hauptpl. 7, 4240 Freistadt | Ennsthaler, Stadtpl. 26, 4400 Steyr | Hartlauer, Stadtpl. 6, 4400 Steyr | Michael Lenk, Vogelweiderpl. 8, 4600 Wels | SKRIBO GmbH, Stadtpl. 34, 4600 Wels | Thalia, Schmidtg. 27, 4600 Wels | Schachinger, Untere Stadtpl. 20, 4780 Schärding | Kochlibri, Theaterg. 16, 4810 Gmunden | Thalia, Pfarrg. 11, 4820 Bad Ischl | Michael Neudorfer, Hinterstadt 21, 4840 Vöcklabruck | Schachtner, Stadtpl. 28, 4840 Vöcklabruck | Bücherwurm, Bahnhofstr.20, 4910 Ried | Thalia, Wohlmeyrg. 4, 4910 Ried/Innkreis | Salzburg: | Bücher-Stierle, Kaig. 1, 5010 Salzburg | Motzko, Elisabethstr. 24, 5017 Salzburg | Facultas NAWI-Shop, Hellbrunner Str. 34, 5020 Salzburg | Höllrigl, Sigmund-Haffnerg. 10, 5020 Salzburg | Morawa SCA, Alpenstr. 107, 5020 Salzburg | Rupertusbuchhandlung, Dreifaltigkeitsg. 12, 5020 Salzburg | Thalia, Europastr. 1, 5020 Salzburg | Der Buchladen, Stadtpl. 15-17, 5230 Mattighofen | Engelhart Brandstötter, Marktpl. 15, 5310 Mondsee | Tirol: | GolfVerlag, Grassmayrstr. 8, 6020 Innsbruck | Haymon, Sparkassenpl. 4, 6020 Innsbruck | Morawa, Anichstr. 5, 6020 Innsbruck | Studia, Innrain 52f, 6020 Innsbruck | Thalia Wagner’sche, Museumstr. 4, 6020 Innsbruck
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All Quiet on the Eastern Front? Für seinen erschütternden Roman über den Krieg im Pazifik erhielt Richard Flanagan den Booker Prize
Die Grenzen des Erträglichen Die an Sklaverei grenzenden Umstände dieser militärischen Wahnsinnstat an der Pazifikfront des Zweiten Weltkriegs sind aus Pierre Boulles Roman „Die Brücke am Kwai“ und dessen Verfilmung durch David Lean in geschönter Version ja bekannt. Bei Flanagan wird das Dschungelinferno in so düsteren Farben geschildert, dass es an die Grenzen des Erträglichen geht: Das Grauen des Lazaretts mit Wundgestank und Cholerahauch, Tod und Tortur raubt dem Leser den Atem. Auf den ersten Blick ist „Der schmale Pfad ins Hinterland“ ein biederer Bildungsroman. Sein Held, Dorrigo Evans, kommt aus einfachen Verhältnissen in einer abgelegenen Provinz, steigt durch den Studienerfolg und sein gewinnendes Wesen in der Hauptstadt Adelaide auf, verlobt sich mit einer „höheren Tochter“. Eine lei-
denschaftlichere Begegnung mit einer enigmatischen Weibsperson gefährdet die Idylle, der Krieg erschüttert sie in ungleich heftigerer Weise. Die inhumanen Prüfungen durch Krieg und Gefangenschaft übersteht Dorrigo, sich an seine Disziplin klammernd, ohne seine Integrität zu verlieren. Nach der Heimkehr läuft alles in geordneten Bahnen. Die Erwählte erwartet ihn, die Versucherin wähnt er verstorben. Evans wird glücklicher Familienvater (und Frauenheld), erfolgreicher Chirurg und angesehener Veteran. Wäre das alles, wäre aber kaum ein so fesselndes, preisgekröntes Buch daraus geworden.
Trotz der geschilderten Grausamkeiten gelangt Flanagan zu einem differenzierten Verständnis der japanischen Mentalität
Versuch, das Böse zu begreifen Auf den zweiten Blick ist dann freilich alles sehr viel komplexer. Im Krieg und in der Wildnis verteidigt Dorrigo seine Individualität mit Zähnen und Klauen, verliert aber sein Selbstgefühl. Er bewegt sich wie unter Anästhesie, und all seine Erfolge vermögen kaum, ihn über die innere Leere hinwegzutäuschen. Plötzlich ist die Ehefrau ganz gewiss nicht die Richtige und seine Kinder gehen ihm auf die Nerven. Auch wenn er die Albernheiten und Exzesse seiner „Kameraden“ in der Nachkriegsgesellschaft vermeidet, bleibt er doch Teil jener Lost Generation, die es nicht verwinden kann, mit knapp 30 Jahren schon Veteranen zu sein. Ein einziges Mal noch findet Dorrigo zu einem authentischen Lebensgefühl: in einer Ausnahmesituation, als er in einer wahnwitzigen Aktion seine Familie aus einem Waldbrand rettet. Die japanischen Peiniger hingegen, die aus absolutem Gehorsam und unerschütterlichem Obrigkeitsdenken handelten, scheinen sich leichter in der Nachkriegswelt zurechtzufinden. Besonders eindrucksvoll ist es, wie es dem Autor trotz der abstoßend geschilderten Grausamkeiten gelingt, zu einem differenzierten Verständnis der japanischen Mentalität zu gelangen. Wie es Flanagan gelingt, sich in den Feind hineinzudenken
Der junge Crispin Mohr lässt Pappenheim hinter sich und meldet sich als einfacher Reitersoldat zu den Schutztruppen in die Kolonie Deutsch-Südwest im heutigen Namibia. Dem, was er sich erträumt, kommt er aber auch in der neuen Heimat in Afrika nicht näher, auch nicht, als er sich in Hulette verliebt, die Enkelin eines Stammesführers …
und dessen Zerrissenheit zwischen Kaisertreue und rassistischem Überlegenheitsgefühl einerseits, tiefem Harmoniebestreben andererseits auszuloten, zählt zu den faszinierendsten Aspekten des Romans. Der Versuch, das absolut Böse und den Wahnsinn zu begreifen, erinnert an Jonathan Littells großen Roman „Die Wohlgesinnten“. In der Konfrontation der Kulturen gewinnen auch die literarischen Referenzen ihren Sinn, die Flanagan in den virtuos die Zeitebenen verschiebenden Text einflicht. Neben Celan-Zitaten, die die Allgegenwart des Todes evozieren, werden OdysseeSequenzen (hier aus dem Langgedicht von Tennyson) einem Zentralwerk der klassischen japanischen Literatur gegenübergestellt – Haikus von Matsuo Bashō, einem Dichter des 17. Jahrhunderts. Entstanden sind diese auf einer Reise, deren Zweck es war, sich in meditierender Versenkung zu verlieren. Dorrigo hingegen ereilt das Schicksal des Odysseus: Fixiert auf die Überwindung der äußeren Versuchungen und Gefahren, gewinnt er zwar an Lebensgewandtheit, erstarrt aber zu einer Charaktermaske der Zivilisation – Horkheimers und Adornos „Dialektik der Aufklärung“ lässt grüßen.
Übersetzungsprobleme
Richard Flanagan: Der schmale Pfad durchs Hinterland. Roman. Deutsch von Eva Bonné. Piper, 448 S., € 24,70
Der Titel von Bashōs Werk lässt sich mit „Der schmale Pfad durchs Hinterland“ oder auch mit „Der schmale Pfad in den Norden“ übertragen. Warum sich Eva Bonné für die erste Option entschieden hat, wo Flanagan doch in den Norden reist, bleibt ihr Geheimnis. Leider ist das noch das geringste Problem der Übersetzung. Die fulminante Wucht des Originals wirkt im Deutschen barock überladen, was dort gewählt wirkt, scheint hier oft nur gestelzt. Sich an die englische Fassung zu halten, ist also empfehlenswert, ob der Dichte des Textes aber ein schwieriges Unterfangen und nur berggeprüften Anglophilen anzuraten. THOMAS LEITNER
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ie Romane des Richard Flanagan umkreisten bislang vor allem das koloniale Erbe von dessen Heimatinsel Tasmanien. Schon in dem Werk, das ihn bekannt machte, „Goulds Buch der Fische“ (2002), stand das Verhältnis von Wort und Bild und deren Gedächtnisfunktion im Zentrum der künstlerischen Anstrengung. Auch im jüngsten Roman „Der schmale Pfad durchs Hinterland“, für den Flanagan 2014 mit dem renommierten Booker-Preis ausgezeichnet wurde und der jetzt in der Übersetzung von Eva Bonné auch auf Deutsch aufliegt, spielt es eine wichtige Rolle. Gewidmet ist das Buch dem „Gefangenen 335“. Hinter dieser Nummer verbirgt sich der Vater des Autors, dessen Erinnerungen an die japanische Kriegsgefangenschaft Material für den Roman lieferten. Flanagan verknüpft es mit dem Lebenslauf eines australischen Kriegshelden, der als Offizier und Arzt am Bau der BurmaThailand-Bahn beteiligt war und das Leben seiner Leidensgenossen so weit wie möglich erleichterte.
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»Dieser Roman ist das Glanzstück von Ludwig Fels« Peter Pisa, Kurier 392 Seiten, gebunden, € 24,90
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Kadaver auf Heimaturlaub In seinem Roman „Adieu Paris“ blickt Daniel Anselme in die zerstörten Seelen der französischen Soldaten im Algerienkrieg
saster: Durch seine traumatischen Erfahrungen ist der Soldat seinem alten Selbst, seiner Familie und seinen Freunden entfremdet. Über das Erlebte zu sprechen ist unmöglich, Enttäuschung auf beiden Seiten unvermeidbar. „Ich hätte nie auf Urlaub fahren dürfen“, muss sich Remarques Erzähler schließlich eingestehen. Eine ähnliche Erfahrung machen drei junge Franzosen in Daniel Anselmes 1957 erschienenem Roman „La permission“, der nun in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Adieu Paris“ vorliegt. Drei französische Soldaten, die in Algerien ihren Militärdienst ableisten, verbringen die Weihnachtsfeiertage des Jahres 1956 zu Hause. Der Krieg selbst kommt nur in kurzen Erinnerungsfetzen zur Sprache: brennende Dörfer, weinende Frauen und Kinder, ein sterbender Algerier, den man mit dem Fuß auf den Rücken wälzt. Mehr ist auch gar nicht notwendig: Hier geht es
nicht um den Verlauf oder einzelne Aspekte des seit zwei Jahren tobenden algerischen Unabhängigkeitskriegs, dessen schlimmste Phase noch bevorstand, als das Buch geschrieben wurde. „Adieu Paris“ zeigt ausschließlich, was der Krieg im Inneren derjenigen anrichtet, die ihn führen müssen. Es ist ein eindringliches Porträt dreier Angehöriger einer verlorenen Generation, das Daniel Anselme in diesem kur-
zen, dichten Roman zeichnet. Kaum an der Gare de Lyon aus dem Zug gestiegen, schlägt die kindliche Vorfreude der Fronturlauber in ein Gefühl der Verunsicherung um. In ihrem Leben hat sich alles, in Paris hingegen rein gar nichts verändert – bis auf den feinen Unterschied, dass sie nicht mehr dazugehören. Paris ist Paris ist Paris, in seiner ganzen unfassbaren Schönheit, kühlen Eleganz und unbändigen Lust am Fortschritt. Die 250.000 Soldaten, zum großen Teil Wehrpflichtige, die in Algerien gerade in einen immer noch grausameren Strudel der Gewalt hineingerissen werden? Interessieren hier nicht wirklich. Wie Besucher aus dem Jenseits besichtigen die drei Soldaten die Schauplätze ihres alten, bedeutungslos gewordenen Lebens: Ihre Träume, ihre Werte, ihre Schwärmereien, kurz: ihre Jugend – derart empfindliches Gut geht auf dem Schlachtfeld als Erstes kaputt. „Der Junge, den sie früher einmal geliebt hat (vermutlich geliebt hat), ist tot, mausetot!“, erklärt sich Lachaume, mit 26 der älteste der drei Fronturlauber, warum ihn seine frisch angetraute Ehefrau während seiner Abwesenheit verlassen hat. Als „Kadaver auf Urlaub“ verhöhnte einst Goebbels die Künstler und Intellektuellen, die sich ins Exil retten konnten – hier passt das drastische Bild problematischer Herkunft plötzlich ganz genau. Am lebendigsten wirken die drei noch, wenn
die Verzweiflung sie überkommt. „Warum lasst ihr uns gehen?“, lautet die teils gebrüllte, teils geschluchzte Frage, auf die sie doch nur betretenes Schweigen als Antwort bekommen. Der Roman endet, wo er begonnen hat: im Zug. Hunderte Soldaten schreien bei der Abreise zurück an die Front „Nieder mit dem Krieg!“, doch die Militärtransporte fahren wohlweislich mitten in der Nacht, sodass niemand sie sehen oder hören kann. Oder besser: fast niemand. Denn einen dieser Züge beobachtete der zum Kaffeehausintellektuellen mutierte RésistanceKämpfer Daniel Anselme, eigentlich Daniel Rabinovitch, bei einer nächtlichen Wanderung durch Paris. Der gespenstische Anblick inspirierte ihn zum
Daniel Anselme: Adieu Paris. Roman. Aus dem Französischen von Julia Schoch. Arche, 208 S., € 18,–
Roman, Erfolg hatte er damit keinen. Anselmes tiefer, trostlos hellsichtiger Blick in die Seelen zehntausender junger Franzosen gefiel weder den Rechten, was kaum verwundert, noch den Linken, deren harmlose Protestaktionen gegen den Krieg der Autor mit beißender Ironie schildert. „La permission“ wurde trotz seiner drängenden Aktualität kaum wahrgenommen und sehr schnell vergessen. Anselme starb 1989. 24 Jahre nach seinem Tod wurde „La permission“ ins Englische übersetzt und findet seither international die Resonanz, die dieses Buch längst verdient hat. In Frankreich harrt es noch seiner Wiederentdeckung. GEORG RENÖCK L
Illustr ation: georg feierfeil
er Heimaturlaub des Frontsoldaten D ist spätestens seit „Im Westen nichts Neues“ (1926) ein vorprogrammiertes De-
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Am Ende der Illusion bleibt Religion „Flüchtiger Glanz“, Joan Sales’ großer Roman über den Spanischen Bürgerkrieg, liegt endlich auf Deutsch vor
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as ist der Krieg? In „Flüchtiger Glanz“ ist er ein endloses Warten im Hinterland und an der Front, das manchmal von einer kurzen Sturmflut der Gewalt unterbrochen wird. Und wenn die Mühsal des Kriegsalltags lange genug dauert, wenn im Bürgerkrieg Freunde Freunden und Nachbarn Nachbarn gegenüberstehen, „würden wir am Ende feststellen, dass alle republikanischen Soldaten zu den Faschisten übergelaufen wären und umgekehrt“. Alle wären von den Gräueltaten an der Front gleichermaßen angewidert und an dem Punkt angelangt, an dem die Frage, auf welcher Seite man steht, irrelevant geworden ist. Eine so gut wie die andere. Eine so schlecht wie die andere. Eine Einsicht, von der sich niemand mehr erholt. Derjenige, der mit solchen Gedanken einen Frontkameraden aufhorchen lässt, heißt Soleràs. Er spielt in „Flüchtiger Glanz“, Joan Sales’ großem Kriegsroman über den Spanischen Bürgerkrieg, der nun erstmals in deutscher Übersetzung erscheint, die Rolle des Advocatus Diaboli: Soleràs ist der große Nein-Sager und so widersprüchlich wie das Kriegsgeschehen selbst, das ihn und seine Freunde im Katalonien der 30er-Jahre überrollt. Ob er ein Zyniker ist oder ob seine Kratzbürstigkeit eine verzweifelte Sehnsucht verbirgt, bleibt offen. Zum Helden aber eignet er sich noch weniger als alle anderen.
Drei Jahrzehnte Arbeit Die Arbeit an „Flüchtiger Glanz“ hat den Katalanen Joan Sales (1912–1983) über mehr als drei Jahrzehnte beschäftigt. Sein Roman entstand um 1948 nach der Rückkehr aus dem mexikanischen Exil und erschien erstmals 1956 – verstümmelt von der Zensur des faschistischen Franco-Regimes. Erst 1971 konnte er zur Gänze erscheinen. Es war das erste Buch nach dem Bürgerkrieg, das vom Krieg nicht aus Sicht der siegreichen Franquisten erzählte, sondern aus der Perspektive des unterlegenen
republikanischen Lagers, zu dem auch Sales selbst zählte. Der Krieg hatte seine Illusion zertrümmert, die Gesellschaft ändern zu können, und ließ ihn zeitlebens nicht aus seinen Fängen. „Sie waren so schön, unsere Ideale, damals, als noch niemand versucht hatte, sie zu verwirklichen!“, heißt es einmal.
Die Leere im Herzen Kommunismus, Anarchismus, Nationalismus, Faschismus – keine Ideologie hatte die Hoffnungen der Generation erfüllt, die mit Sales jung gewesen war. Deren Exponenten blieben zurück, enttäuscht und dauerhaft beschädigt, und konnten es nicht verwinden, dass sich der Glanz, der für einen kurzen Augenblick über ihren Leben als junge Kämpfer gelegen hatte, in Absurdität, Schmerz und Trauer verwandelt hatte. Sales gruppiert seine Kriegserzählung um drei Hauptfiguren, denen er je einen Romanteil widmet. Den Auftakt macht Lluís. In Briefen an seinen Bruder erzählt der junge Jurist aus Barcelona von der republikanischen Front in den entlegenen Bergdörfern von Aragón, von seinen Erlebnissen, Sehnsüchten und Zweifeln. Seine Gefährtin Trini und seinen kleinen Sohn hat er in Barcelona zurückgelassen. Der Kampf auf der Seite der Republikaner ist ihm Protest gegen seine gutbürgerliche Herkunft, und auch der Ort, an dem er sich in eine komplizierte, anstrengende Liebelei mit der unnahbaren und berechnenden Witwe eines Landaristokraten verstrickt. Trini ist die Erzählerin des Mittelteils. Ihr Leben im Hinterland ist bestimmt von den Entbehrungen des Kriegsalltags in Barcelona, der Sehnsucht nach Lluís und ihrem großen Ringen um das, was einmal ihre Überzeugungen waren. Die Tochter eines Atheisten, Anarchisten und Pazifisten tritt auf der Suche nach Trost zum Katholizismus über, dessen erprobte Rituale ihr wenigstens einen Abglanz jener Transzendenz versprechen, die ihr weder ihre bald enttäuschte Liebe zu Lluís noch
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Keine Ideologie hatte die Hoffnungen der Generation erfüllt, die mit Sales jung gewesen war
der Kampf um gesellschaftlichen Wandel bieten kann. Sales’ dritter Romanteil stellt den Priester Cruells in den Mittelpunkt. 20 Jahre sind seit dem Krieg vergangen. Cruells, der mit Trini, Lluís und Soleràs befreundet war, blickt zurück auf die Monate der Kämpfe. In seiner Figur beschreibt Joan Sales die Leere, die das Erlebte im Herzen aller Figuren zurückgelassen hat. Wenn Lluís am Beginn des Romans noch die Frage umtreibt „Sind wir ganz und gar geisterhafte Gestalten, Wolken, die nicht mehr erhoffen können, als einen Augenblick des Glanzes zu erleben, einen einzigen Augenblick, bevor wir vergehen?“, dann mag man darin noch eine verborgene Zuversicht entdecken. Wenn Cruells, der zum Arbeiterpriester geworden ist, aus großem Abstand zurückblickt, gibt er sich keinerlei Illusionen mehr hin: „Wann, wann nur wird uns die Wahrheit durchdringen, dass wir in der Ödnis dieser Welt keinen anderen Trost erwarten dürfen als den Gottes? Die Einsamkeit ist unser täglich Brot.“
Verzweifelte Hinwendung zu Gott
Joan Sales. Flüchtiger Glanz. Roman. Übersetzt von Kirsten Brand. Hanser, 574 S., € 26,80
Allem hat der Krieg restlos den Garaus gemacht, vor allem den Beziehungen. Die Liebe ist im Keim erstickt – auch jene, die Lluís, Soleràs und Cruells für Trini empfunden hatten. Nur der Glaube scheint dem großen Nichts noch irgendetwas Tragfähiges entgegensetzen zu können. Das Hadern und Ringen mit dem Glauben bildet denn auch den Hintergrund des Romans, zu dem auch die Beschreibungen der makabren antiklerikalen Gräueltaten während des Bürgerkriegs zählen. Die Religion muss zerstört werden, wo politische Überzeugungen ihren Platz einnehmen wollen. Doch sobald diese scheitern, bleibt nur die verzweifelte Hinwendung zu Gott, wenn der vollends desillusionierte Mensch nicht gänzlich den Boden unter den Füßen verlieren will. Das ist der Punkt, an dem Joan Sales plötzlich sehr nahe an Dostojewski ist. JULIA KOSPACH
Triest ohne historischen Glanz, aber voll von sozialen Widersprüchen, Willkür und Fremdenhass, geprägt vom täglichen Kampf um die Existenz, belastet vom historischen Verhältnis zwischen Italienern und Slowenen, das es schwer macht, überkommene Nationalismen hinter sich zu lassen. Im Mittelpunkt steht das Schicksal eines jungen rumänischen Paares, das sich in Italien eine Existenz aufbauen will und das in die Fänge eines psychopathischen Polizisten gerät, der die Stadt von Fremden säubern möchte.
Sebastijan Pregelj
Unter einem glücklichen Stern Roman – Aus dem Slowenischen von Erwin Köstler Hardcover mit Schutzumschlag, 280 Seiten, € 21,80 ISBN 978-3-85435-763-6 Drava Verlag · Založba Drava 9020 Klagenfurt/Celovec · www.drava.at
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Der Schutzpatron der Kranken und Traurigen Auch mit seinem jüngsten Roman erweist sich Willy Vlautin als hellsichtigster Chronist des amerikanischen Albtraums ie Freien“, Willy Vlautins vierter RoD man, handelt von drei Personen in einer kleinen amerikanischen Stadt. Leroy
liegt nach seinem Irak-Einsatz mit einem Schädeltrauma in einer Wohngruppe für Behinderte; Freddie schiebt Nachtdienst in diesem Wohnheim und muss tagsüber in einem Farbengeschäft arbeiten, um die aus der Behandlung seiner behinderten Tochter erwachsenen Schulden abzuzahlen; und die von misslichen Beziehungen enttäuschte Krankenschwester Pauline versucht, die junge, von Missbrauch und Drogen geschädigte Jo zu retten. Leroy will sich umbringen, Freddie wachsen die Schulden über den Kopf, Pauline schafft es kaum, ihren verrückt gewordenen Vater zu versorgen. Alles ist am Rande des gerade noch Erträglichen, alle sind unentwegt erschöpft. Das Szenario ist sattsam bekannt: Das ame-
rikanische Gesundheitssystem zerstört mehr, als es rettet; junge Menschen werden in sinnlosen Kriegen verheizt; Jugendliche kämpfen um Anerkennung und landen zwischen Drogen, Alkohol und Fastfood als Bodensatz einer bigotten Gesellschaft. So wie John Steinbeck die sozialen Probleme der 30er-Jahre schilderte, zeichnet Vlautin die desolaten Zustände der amerikanischen Gegenwart nach: Das Leben bietet Enttäuschung, Unsicherheit, Kränkung, Verletzung, Entwurzelung – und kein Silberstreif am Horizont.
vielen Stellen Vlautins gnadenlose Lakonie und macht Sätze ohne Not umständlicher. Aus „Freddie nodded and followed Terrance to the kitchen“ wird dann „Freddie nickte und ging Terrance in die Küche nach“, als hätte „Freddie nickte und folgte Terrance in die Küche“ nicht gereicht. Mit etwas Aufmerksamkeit hätte Detje auch bemerken können, dass es im Absatz zuvor „Freddie“ statt „Leroy“ hätte heißen müssen. Der Fehler ist allerdings schon im amerikanischen Original unbemerkt geblieben.
Mit Leroy, Freddie und Pauline sind dem Autor drei starke Charaktere gelungen, die er handeln und reden lässt, anstatt deren Gefühle zu schildern. Raymond Carver hat ähnlich klar und lakonisch geschrieben. Vlautin hat sich mit „Die Freien“ eine Menge vorgenommen, vielleicht auch zu viel. Aber was zunächst gewöhnlich und ausgestellt uninteressant scheint, dem verleiht dieser hochkompetente Geschichtenerzähler dann doch eine ganz enorme Prägnanz. Kein anderer Autor der Gegenwart bietet einen derart realistischen Blick auf die Außenseiter des American Way of Life, derart erschreckende Einsichten in das Leben derjenigen, die täglich knapp davor stehen, in die Hölle des „white trash“ abzusinken. Freddie und Pauline mucken nicht auf, sie versuchen, sich zu arrangieren. Und beide wiederholen immer wieder ihr soziales Mantra: Seid nett zueinander. Was sonst könnten sie geben? Auf was sonst könnten sie hoffen?
Mitunter streicht Detje auch einfach einen
Ausgerechnet die „Financial Times“ monierte,
dass Vlautins Credo „Remember to be kind“ nicht ausreiche, um die bitteren und lebenszerstörenden Zustände zu überwinden; dessen Roman biete nicht mehr als „unconvincing wish fulfilment“. Wie genau sehen noch einmal die Alternativen aus, die die Financial Times bietet? Die Übersetzung von Robin Detje ist weitgehend gelungen, verfehlt allerdings an
Willy Vlautin: Die Freien. Roman. Deutsch von Robin Detje. Berlin Verlag, 320 S., € 22,70
Satz. „Would he have to spend the rest of his life there?“, fragt sich Leroy im Wohnheim für Behinderte. Und weil diese Überlegung eine Ursache für seinen nachfolgenden Selbsttötungsversuch ist, hätte der Satz nicht weggelassen werden dürfen. Die von Pauline unentwegt für Männer verwendete Anrede „buster“ mit „Meister“ zu übersetzen, scheint auch wenig glücklich. Aber das sind Kleinigkeiten. Insgesamt trifft Detje wie auch schon in seinen vorangegangenen Übertragungen von Vlautins Romanen den richtigen Ton. Ein amerikanischer Rezensent hat Vlautins Fähigkeiten auf den Punkt gebracht: „He’s the patron saint of the sick and the sad, and this is another damn beautiful novel. He tears you down and builds you back up the way only he can“. So ist es. ALFRED NOLL
Als hätte man Rice Krispies im Nacken In dem schmalen Roman „Frank“ bringt Richard Ford seinen altgedienten Helden Frank Bascombe wieder zum Einsatz twa alle zehn Jahre hat Richard Ford seine erfolgreichsten Bücher mit der E wiederkehrenden Hauptfigur Frank Bas-
combe verfasst. 1986 („Der Sportreporter“) ist Bascombe ein gescheiterter Schriftsteller, der Sportjournalist wird. „Unabhängigkeitstag“ von 1995 handelt von der Immobilienbranche im suburbanen Amerika, 2006 folgt „Die Lage des Landes“, bevor nun „Frank“ erscheint (leider unübersetzbarer Originaltitel: „Let me be Frank with you“). Frank ist mittlerweile 68 Jahre alt und pensioniert. Das Buch besteht aus einer Sammlung von vier miteinander verbundenen Novellen, die um die Themen Verlust, Alter und Tod kreisen. In allen vier Büchern ist der Protagonist etwa gleich alt wie der Autor zum jeweiligen Zeitpunkt, Ford aber verwehrt sich gegen jede autobiografische Deutung. Gegenüber dem New Yorker bemerkte er einmal: „Ich glaube, dass ein künstlerisches Werk besser ist, wenn es die geringste Ähnlichkeit mit seinem Schöpfer hat (…) Hauptsächlich halte ich für wahr, dass Frank ein netterer Mensch ist als ich.“ Die erste Geschichte von „Frank“ beginnt we-
nige Wochen, nachdem Hurrikan Sandy eine Schneise der Verwüstung durch New Jersey geschlagen hat. Betroffen ist auch das Haus am Meer, das Bascombe einst besessen, aber zu seinem Glück rechtzeitig veräußert hat. Jetzt lehnt es mehrere hundert Meter verschoben und unrettbar beschädigt da.
Der Käufer, ein alter Kunde und Bekannter, der zu einer Karikatur seiner selbst geworden ist, bittet Frank um Rat, was er denn nun mit der Ruine anstellen solle. Die vernichtende Kraft der Naturgewalten löst bei diesem Erinnerungen an vergangene Zeiten aus, in denen hier noch „gelebt“ wurde. Jetzt ist die Zeit der Spekulanten, die billiges Land erstehen wollen. Was an Fords Erzählen beeindruckt, ist der im gesamten Buch herrschende dunkle Witz, der die tragischen Ereignisse immer wieder unterläuft, ohne ihnen ihre Schärfe zu nehmen. Das betrifft insbesondere die Thematisierung des eigenen Alterns, an das Bascombe mit einer Kombination aus Hellsichtigkeit und einem gehörigen Maß an Sarkasmus herangeht. Der melancholische Zug gleitet nie ins Sentimentale ab. „Es ist ja nicht so, als würde ich mir jeden Morgen die Hose falschrum anziehen, mir die Schnürsenkel der Schuhe zusammenbinden und mich auf dem Weg zum Briefkasten verlaufen. Permanent stört mich nur eine manchmal schmerzhafte Subluxation … in den … Wirbeln. Davon kriege ich ein Knirschen und Mahlen im Nacken, als hätte ich da Rice Krispies sitzen …“ Gleichzeitig entsteht das „Bedürfnis, beim Gehen bewusster meine Füße zu setzen – das ,Opa-Schlurfen‘ ist schließlich ein nicht zu maskierendes Anzeichen dafür, dass die letzte Reise näher rückt.“ In der zweiten Novelle bekommt Frank überraschenden Besuch von einer Frau,
die in seinem neuen Haus aufgewachsen ist und nach vielen Jahrzehnten wissen möchte, was daraus geworden ist. Das Gespräch endet mit der schrecklichen Familiengeschichte, die sich einst dort ereignet hat. Die beiden letzten Storys erzählen vom Besuch – wir befinden uns in der unmittelbaren Vorweihnachtszeit – bei Todgeweihten. Zunächst bei Franks an Parkinson erkrankter Ex-Frau, die ihn mit der verbitterten Aussage konfrontiert: „Zweite Ehen verheddern sich nicht in schwierigen Grundsatzdiskussionen, oder? … Ich habe ja zwei erlebt. Zwei zweite Ehen. Beide waren besser, als mit dir verheiratet zu sein.“ Ohne rechten Enthusiasmus begibt sich Frank
Richard Ford: Frank. Deutsch von Frank Heibert. Hanser Berlin, 224 S., € 20,50
hierauf zu einem alten Freund, der bereits im Sterben liegt. „,Ich bin auch beschäftigt‘, sagte Eddie. ,Mit Abkratzen. Wenn du mich noch lebend erwischen willst, kommst du besser gleich rüber. Willst du vielleicht gar nicht. Vielleicht bist du ja so ein Weichei. Bauchspeicheldrüsenkrebs hat in Lunge und Bauch gestreut. Bin auch nicht ansteckend …‘“ Aus all dem ein über weite Strecken heiteres, aber nicht verblödeltes Buch zu machen, mit stetigen Rückbesinnungen auf die eigene oder gemeinsame Vergangenheit, ist eine unerhörte Leistung des Autors. Vielleicht war James Salters letzter großer Roman „Alles, was ist“ – mit ähnlicher Thematik – ein Stück tiefschürfender, aber eben nur ein Stück. K ARL A. DUFFEK
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Sterben ist nichts für Schwächlinge 1st
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In ihrer jüngsten Graphic Novel dokumentiert die New Yorkerin Roz Chast das Altern und Sterben ihrer Eltern
Abbildung aus dem bespr0chenen Buch
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üstig! Vollkommen unabhängig! Wie ganz normale Erwachsene, nur mit grauen Haaren!“ Wir kennen sie, die sonnengebräunten, dezent lebenserfahrungsfaltigen Edelpensionisten, die unbeschwert und herbsterotisch-zweisam durch Kornfelder tollen. So präsentiert uns die Werbung das Seniorenalter. So beschreibt es Roz Chast in einem Bild am Anfang ihrer Graphic Novel „Können wir nicht über was anderes reden?“. Um es dann sofort mit der unglamourösen Realität zu konfrontieren. Die Realität, die Roz Chast bei ihrem ersten Besuch nach elf Jahren bei ihren inzwischen fast 90-jährigen Eltern in Brooklyn vorfindet, sieht nämlich so aus: Die Knochen sind klapprig, die Augen schwach, die Wohnung ist von einer schmierigen Staubschicht überzogen, und dass das eigensinnige Ehepaar einfach keinen Zeitungsprospekt wegwerfen kann, hilft auch nicht.
zahlreichen Schrullen des Vaters wie etwa die panische Fixierung auf uralte Sparbücher; die Poster mit bizarren Veranstaltungsankündigungen im Pflegeheim („Heute Abend: Weltraumdinner!“); die Schale mit Zuckerln auf dem Tisch des Bestatters. Um es mit Bette Davis zu sagen: Getting old is not for sissies. „Können wir nicht …“ ist kein Rührstück und keine Heldensaga. Roz Chast stellt sich nicht als bis zur Selbstaufgabe liebende Tochter dar, sondern zeigt, dass einfach alle überfordert sind. Demenz ist tragisch, geht einem aber auch einfach auf die Nerven. Das meiste, was beim Umzug ins Heim übrigbleibt, wandert auf den Müll. Die Pflege verschlingt das ganze Erbe und Ersparte. Das eigene Privatleben mit Beruf, Mann und Kindern muss nebenher geschupft werden. Und wenn die zähe, robuste Mutter einfach nicht und nicht stirbt, darf man ihr dann sagen, dass das Geld knapp wird?
Frei von aller Sentimentalität
Chasts gezeichnete Familienerzählung erinnert an die großartige Graphic Novel „Fun Home“ (2006), in der sich Alison Bechdel an ihren früh verstorbenen Vater erinnert. Doch wo Bechdel in kreisender Annäherung immerzu neue, beharrliche Schleifen in die Vergangenheit dreht, hält sich Chast weitgehend an die Chronologie der letzten Lebensjahre ihrer Eltern. Darin finden die –31echten – Fotos der vollgestopften elterlichen Wohnung und die – gleichfalls echten – lakonischen Gedichte der Mutter ebenso ihren Platz wie eine Vielzahl kleiner Episoden – etwa die mit dem furchtbar komischen „Unglücksrad“, das Vater Chasts Ängste vor allem, „was passieren könnte“, illustriert. Versöhnliche Schlussapotheose gibt es zwar keine, immerhin aber die tröstliche Erkenntnis, dass diese nüchterne Chronik des Verfalls genau die ehrliche Liebeserklärung einer Tochter an ihre Eltern darstellt, die sie zu Lebzeiten nie hätte formulieren können. MAIK NOVOTN Y
Alle machen gerne einen Bogen um das Thema Altern, die Eltern von Roz Chast machen einen ganz entschiedenen Bogen darum, und Chast selbst würde es wohl selbst auch gerne tun, bloß dass das für sie als spätes Einzelkind keine Option ist. Stattdessen heißt es zurückkehren in den Schoß der Familie, zurück in den von keinerlei Kaffeesieder-Mikrobrauerei-Hipness berührten tristen Teil Brooklyns, von dem man sich Jahrzehnte zuvor endlich abgenabelt hat. Hinzu kommt, dass die Kleinfamilie nie von übermäßiger Zuneigung geprägt war. Mutter und Vater Chast, beide Kinder jüdisch-russischer Einwanderer, bilden eine seltsame Symbiose: der Vater liebenswert, aber voller Ängste, unfähig, auch nur einen Toaster zu bedienen; die Mutter, ehemalige Schuldirektorin, rechthaberisch und dominant. Die Tochter bleibt außen vor. Kein Wunder, dass das Buch, in dem sich Roz Chast den letzten Jahren im Leben ihrer
Die Episode mit dem Unglücksrad
Eltern widmet, frei von jeder tränenseligen Versöhnung ist. Unsentimental, aber auch ohne Sarkasmus und Bitterkeit, ist es ein umso berührenderes realistisches Dokument aller Aspekte des Alterns, das die sorglose Karibik-Kreuzfahrt-Phase längst hinter sich gelassen hat.
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Demenz kann richtig nerven Rosalind Chast, 1954 geboren, zeichnet seit 1978 für den New Yorker in ihrem unverwechselbaren, krakeligen Stil Welten voller Falltüren in eine abgefederte Melancholie. Auch in ihrem jüngsten Buch sind die Details der große Gewinn der Geschichte: die
Roz Chast: Können wir nicht über was anderes reden? Deutsch von Marcus Gärtner. Rowohlt, 240 S., € 20,60
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Kein Volk spricht seine eigene Sprache Mit den „Tutoren“ liegt das Opus magnum des serbischen Avantgardisten Bora Ćosić auf deutsch vor
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as ist ein Roman? Was ist ein Autor? Und was genau sind Tutoren? „Die Tutoren“ sind der große avantgardistische Balkan-Roman des 1932 in Zagreb geborenen, in Belgrad aufgewachsenen, 1992 aus Protest gegen das MiloševićRegime in sein Sommerhaus in Rovinj auf der istrischen Halbinsel übersiedelten und seit 1995 in Berlin lebenden Autors Bora Ćosić. „Die Tutoren“ sind ungefähr so umfangreich wie James Joyce’ „Ulysses“, ungefähr so anspielungsreich wie diese Bibel der modernen Literatur und ungefähr so herausfordernd wie der irische Jahrhundertroman, mit dem das Buch aus den genannten Gründen oft verglichen wird.
Keine Angst vor der Avantgarde Aber: Fürchtet Euch nicht! Die Früchte der Lektüre sind so vielfältig, so abseitig, so Geist und Herz erfrischend, dass die trivialitätenbeschwerten Romanständer auf den Flughäfen und Bahnhöfen im Nu in sich zusammenbrechen, kaum hat sie die Energie dieses Buches erfasst. Nur: Konventionell, vom Anfang bis zum Ende, von der Geburt bis zum Tod, von einem Ende der Geschichte bis zum anderen, lässt sich dieser Roman nicht lesen. Er besitzt keine Handlung, auch wenn er als Familienroman in fünf Teilen konzipiert ist. Er verfügt über ein ausuferndes Figureninventar, auch wenn es lediglich fünf Figuren sind, denen jeder der fünf Teile gewidmet ist: Theodor (1828), Katharina (1871), Laura (1902), Lazar (1938), der Autor (1977). Er beschreibt keine klar bestimmbare Epoche, obwohl er in Zeitschnitten organisiert ist und einen Zeitraum von 150 Jahren umfasst. Geografisch lassen sich die „Tutoren“ allerdings schon verorten. Es gibt zum Beispiel das Städtchen Grunt in Slawonien. Hierhin ist im Jahre 1828 der Urururgroßvater des Autors, der serbisch-orthodoxe Pope Theodor, vor den Türken geflüchtet; in einen Teil der Habsburgermonarchie, in dem vor allem katholische Kroaten lebten. In der Zwischenkriegszeit dann verlagert sich die Familiengeschichte nach Belgrad, wo Bora, der Sohn des ambitionierten Wirtshausgehers, Handlungsgehilfen und späteren Eisenwarenhändlers Lazar, seine Kindheits- und Jugendjahre verbringt. Ein echtes Zentrum jedoch gibt es nicht, die Sprache und in ihrem Schlepptau die Geschichten führen auch nach Wien, Paris und viele andere Orte.
Brüder, Unbrüder, Kumpel, Feinde Es ist frappierend, wie dieser in den 1970erJahren entstandene Roman zahllose Subtexte zur Konfliktgeschichte des Balkans liefert: „Serben und Kroaten werden zunächst Brüder sein, dann Unbrüder, dann wieder Brüder und Kumpel, dann gehen sie einander wieder mit dem Messer an die Gurgel, und am Ende tun sie so, als hätten sie sich noch nie gesehen.“ Wie so manch anderes große Werk der Avantgarde im 20. Jahrhundert bedürfen „Die Tutoren“ des Kommentars. Sinnvollerweise bietet der Verlag eine solche Publikation an, sie ist im Netz sogar frei verfügbar. Ohne einen solchen Rahmen blie-
be dieses faszinierende Buch wahrscheinlich für die meisten nicht „jugoslawisch“ sozialisierten Leser einigermaßen rätselhaft. Was nicht heißt, dass es darauf ankäme, alles zu entschlüsseln. Auf Deutsch führt der Roman heute gewiss ein anderes Leben als 1978 bei seiner Veröffentlichung durch einen mutigen Verleger in Jugoslawien. Bora Ćosić hat sein großes Sprach-Buch zwischen 1972 und 1977 in einer Art inneren Emigration in Belgrad verfasst. Der Autor satirischer Erzählungen mit dem wunderbaren Titel „Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution“ (1969), der Herausgeber der Avantgarde-Zeitschrift Rok (Rock), fällt in Ungnade, ohne direkt verfolgt zu werden, was so viel bedeutet wie: „sich unterstellen und warten, bis sich das Unwetter ausgetobt hat“. Im Windschatten des großen Getriebes aber entdeckt der Autor Ungeheuerliches: ein Universum aus alten Kochbüchern, Ratgebern, Volkskalendern und Liebesromanen, aus Büchern über Meteorologie und Gartenbaulehre oder über die Geschichte des Turnerbundes Sokol im Königreich Jugoslawien; er studiert Auszüge aus Firmenregistern und alte Zeitschriften. Ein befreundeter Antiquar sorgt für ständigen Nachschub.
Es ist frappierend, wie dieser in den 1970er-Jahren enstandene Roman zahllose Subtexte zur Konfliktgeschichte des Balkans liefert
Fremde Sprache voller Floskel Außerdem flaniert Ćosić stundenlang durch die Straßen und hört einfach nur zu, wenn die Leute reden. Und geredet wird ununterbrochen, fast immer und fast überall. Solchermaßen „vogelfrei“, schreibt der Autor im Nachwort, „öffnete sich vor mir das große Proletariat der Sprache“. Es entstand ein „Familienroman“ après la lettre: „Was ich in meiner fröhlichen Einsamkeit schriftlich auszuarbeiten begann, war kein Familienroman, sondern eine Sottie über die Sprache. Kein Volk, das stand für mich fest, spricht seine eigene Sprache, sie sprechen alle eine fremde Sprache, ihnen übergestülpt, voll vorgefertigter Floskeln.“ Das ist der Ausgangspunkt ohne Endpunkt eines Romans, dessen Hauptakteurin die Sprache ist. Sie treibt Autor, Leserin und Leser, sie treibt auch die großartige Übersetzung von Brigitte Döbert vor sich her. Die Sprache ist nie ganz bei sich, das heißt bei der Sache, sondern ständig anderswo. Im letzten, dem Autor gewidmeten Kapitel findet sich die Poetik dieses Buches, eingewoben in Alltagssentenzen und die Beschreibung von Straßenszenen. Da heißt es: „Der modernistischste Roman ist eigentlich das Telefonbuch.“ Nur: „Ein Narr, wer sagt, es gefiele ihm, nur um das Gesicht zu wahren.“ Was tun? „Man müsste sich eben eine Handlung zwischen allen einfallen lassen. Art des Auftritts von der alphabetischen Ordnung geregelt.“ Besser noch ist es, sich verschiedene Ebenen auszudenken, die Ordnung in das Chaos an Notizen bringen. Neben dem Alphabet geben Listen Struktur, neben diesen verleiht die Zuordnung von Genres zu den einzelnen Kapiteln dem babylonischen Sprachraum die unterschiedlichsten Konturen: Das erste Kapitel ist in Form eines Lexikons abgefasst. Theodors, des Popen Weltsicht, entfaltet sich entlang von Stichwörtern wie zum Beispiel: „WELT: alles,
was es gibt und ohne das es nichts gäbe. Draußen ein Loch, drinnen die W., und in der Gutes und Böses, mehr Böses als Gutes, wo auch sonst, wenn nicht auf der W. Haufen von allen Sachen, solchen und solchen. Zum anschauen, sich freuen und zum weinen. Man kann nicht heraus, es ist, wie es ist.“ Damit wäre eigentlich alles gesagt, wenn es nicht so unendlich viel zu sagen gäbe über „BEAMTE“, über „UMGEBUNG“, über „HEUTE“, über „WESPE“ oder „GARTEN“.
Mit allen Wassern der Weltliteratur An diesem Beispiel wird deutlich, wie Ćosić der Sprache zu Leibe rückt, ohne dabei zu belehren. Man weiß nicht so genau, ob es sich da jetzt um eine bedenkenswerte Weisheit eines gelehrten Autors oder um eine Spruchweisheit aus dem 19. Jahrhundert handelt, die durch den Kopf eines katholischen Priesters hindurchgegangen ist. Bei der Sprache weiß man nie so genau, woran man ist. Je mehr man jedoch darüber weiß, wie diese funktioniert, desto mehr weiß man von der Welt. Darin ist dieses Buch ein großartiger Lehrmeister. Das zweite Kapitel mit der Hauptperson Katharina, einer starken und kämpferischen Frau, die ihren abwesenden Mann mehr als ersetzt, folgt dem Stil eines Bauernkalenders. Im dritten Kapitel hat Laura, die verehrte Großmutter, das Heft ganz buchstäblich in der Hand. Sie schreibt nämlich alles, was sie gelesen, gehört, erfahren hat, in ein Heft, das sich der Autor und Enkel zunutze macht. Im vierten Kapitel dominieren Monologe, Redensarten, Umgangssprache, aber auch Sprachmuster aus Abenteuerromanen und Western. Im letzten Kapitel denkt der Autor über sich und das Leben, über sein Werk und die Literatur nach. Von diesem am Ende liegenden Kapitel aus erscheint das Vorherige nochmals in einem anderen Licht – im Licht eines vom Surrealismus geprägten, mit allen Wassern der Weltliteratur, der Kunst- und Kulturgeschichte (inklusive ihrer trivialen Seiten) gewaschenen Autors, der Philosophie studierte und als Schriftsteller und Übersetzer von Autoren wie Majakowski und Chlebnikow zur Belgrader Avantgarde zählte.
Franzengländer & Apostelschaben
Bora Ćosić: Die Tutoren. Roman. Aus dem Serbischen von Brigitte Döbert. Schöffling & Co., 792 S., € 41,10 Material, Texte, Photos, 128 S., Schöffling & Co. 2015, auch kostenlos als Download
Gibt es einen Autor hinter folgender Wörterliste, die dem Prinzip des Aufzählens frönt? „Die Schrecklichen, Pomodori, Neandertaler, Idiotenbrüder, liebe Brassen und Brasserien, Franzengländer, Nickelodeons, Zugeher, Stradivari-Schafe, Graf Ortho, Junikäfer, Apostelschaben, Schneider und Kassiererinnen, Weihenstefansorden, Lungenkranke, U-Boote, Bergbauern, Abschreiberlinge, Salzburger Löffler, Kaiserkrümmler, Krabbelkinder, Blaustrümpfe, Dotterblumen, Mamasöhnchen, Böhmische Knödel, Schnapsdrosseln.“ Das alles gibt es und noch vieles mehr! Lässt sich so ein Buch übersetzen? Ja, wenn man bedenkt, was der Autor über seine Übersetzerin sagt: Sie hat ein Buch vorgelegt, „das sie mit kritischen, schrägen Blicken in mein altes Manuskript selbst verfasste“. Nicht auszudenken, was herauskäme, übersetzte man die Übersetzung wieder ins Serbische zurück. BERNHARD FE T Z
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Der düstere Rhapsode der Ostukraine Das jüngste Buch von Serhij Zhadan kommt als Mogelpackung daher, hätte das aber gar nicht nötig
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chriftsteller als Kriegsgewinnler, das ist ein unappetitliches Thema. Dabei sind die Autorinnen und Autoren selbst gar nicht schuld daran, dass ihnen das Kampfgeschehen eine Aufmerksamkeit beschert, die sie davor nicht hatten: Man erinnere sich nur an die ex-jugoslawischen Literaturen. Im Fall des ukrainischen Autors Serhij Zhadan wäre die an Etikettenschwindel grenzende Propaganda des SuhrkampVerlags eigentlich nicht notwendig gewesen. Der 1974 in der Ostukraine geborene Zhadan ist seit Ende der 1990er-Jahre ein Shooting-Star der ukrainische Literaturbetriebes und seit Mitte der 2000er-Jahre auch im deutschsprachigen Raum kein Unbekannter. Allein bei Suhrkamp sind in den letzten neun Jahren sieben Prosabücher und ein Lyrikband des „Rimbaud aus Charkiw“ erschienen. Mit dem derzeitigen schon eineinhalb Jahre schwelenden Krieg zwischen Russland und der Ukraine, in deren Osten Zhadans neues Buch „Mesopotamien“ spielt, hat dieses trotz einschlägiger Klappentextzitate – „der Krieg gehe weiter, und niemand habe die Absicht, sich zu ergeben“ – nichts zu tun, denn der Roman wurde schon vor dem Krieg geschrieben. Zhadans Helden ergeben sich tatsächlich nie.
Es sind allesamt Raufbolde und Rabauken, hoffnungsvoll Verzweifelte, die in den neun Erzählungen von gut zwei Dutzend Nebenfiguren umgeben sind. Schauplatz ist Charkiw, in den 1920er-Jahren modernistische Hauptstadt der Sowjetukraine, mittlerweile postsowjetisch heruntergekommen, ein Zwischenstromland an der Grenze von West und Ost. Marat, Protagonist der ersten Erzählung, hat nicht aufgegeben: Der tschetschenische Boxer, die „einstige sportliche Hoffnung des Gebiets“, wird gerade zu Grabe getragen. Sogleich setzt der typische Zhadan-Sound ein, weit ausholend in atemlos retardierenden Phrasen, unter denen
die Erzählung bisweilen erst einige Seiten später den nächsten Schritt macht. Marat hatte eine leidenschaftliche Affäre mit einer Friseurin und unvermittelt stoppt die Erzählung. Bei aller Unbändigkeit war Marat ein etwas eigentümlicher Moralist: „Weil es eine Sache ist, in einem fremden Haus mit einer fremden Frau zu schlafen und etwas ganz anderes, jemandem sitzen zu lassen, den man nicht sitzen lassen darf. Niemals. Unter keinen Umständen.“ Dieser Ehrbegriff hat ihn das Leben gekostet. Wie, ist schon nicht mehr so wichtig. Mehr ist darüber nicht zu sagen. Oder zum Beispiel Romeo, der gerade erstmals
nach Charkiw kommt – offenbar um dort zu studieren. „Mit meiner Frisur erinnerte ich an den Sänger von Boney M. Ich war ein Star, unmöglich, mir keine Aufmerksamkeit zu schenken.“ Bei irgendeinem Besäufnis hat seine Mutter eine junge Frau kennengelernt, vor deren Tür Romeo jetzt steht: „Ich soll hier wohnen.“ Dascha gibt dem Ansinnen nach, lehnt aber die Avancen ihres unverhofften Untermieters ab, der bald in monumentalen Fantasien schwelgt. „Darf ich dich küssen?“ Es folgt resolut Zurückweisung: „So weit kommt’s noch! Such dir Freunde – dann kannst du küssen.“ Ein weiterer Versuch geht im Schwall Sekt und Coca-Cola unter, den Romeo auf Dascha kotzt. Bei einem absurden Hochzeitsgelage beschützt Romeo Daschas kleinen Sohn Amin heldenhaft, der ihn viele Seiten lang mit Eifersucht quälte. Am Ende heißt es lakonisch: „All das wird weitergehen, solange wir lieben, erläuterte sie wie auf etwas anspielend. Die Liebe wird für alle reichen, fügte sie hinzu. Diese letzte Wendung verstand ich nicht.“ Zhadan beherrscht laute und leise Töne, manchmal gelingt ihm mit einem knappen Satz der Anfang eines ganzen großen Romans. Seine Protagonistin erwacht an ihrem Hochzeitstag: „Ich will Zärtlichkeit, dachte Sonja, ich will Sex, ich will einen Milchkaf-
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Serhij Zhadan: Mesopotamien. Aus dem Ukrainischen von Claudia Dateh, Juri Durkot und Sabine Stöhr. Suhrkamp, 363 S., € 23,60
werkstatt, wo sich die Wege von Mario, dessen Kumpel Jascha und dem befreundeten Gemüsehändler Kolja sowie der der jungen Nastja aufeinander zu und wieder auseinander führen. Es ist eine zärtlich-rabiate Story, inklusive Androhung von Kastration und dem ernsthaften Vorschlag, ein gemeinsames Leben zu beginnen. Am Ende ist die Möglichkeit der Liebe ein für alle Mal verspielt. Nicht anders verhält es sich mit all den Krankenschwester, verhinderten Malern, kleine Geschäftsleuten und anderen Gaunern, mit Jura, Foma oder Luka. Das ganze ostukrainische Pandämonium wäre allerdings nur halb so interessant, würde es Zhadan nicht mit geradezu grenzenloser Emphase beschreiben: „Er hatte eine Vorahnung, als hätten sich drei Planeten über ihm aufgereiht und wiesen auf etwas sehr Wichtiges in seinem Leben hin, auf etwas, das gerade in diesen wundersamen Tagen Ende Juni beginne würde, wenn sich die Sonne und die Monde vervielfachen und sich in der Luft verbergen wie Füchsinnen im warmen Gras.“ ERICH K LEIN
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Manchmal gelingt Zhadan mit einem knappen Satz der Anfang eines ganz großen Romans
fee.“ Am Ende des Tages verwandelt sich die Vögelei im Badezimmer in eine wilde Schlägerei, die Erzählung bricht ab und der Autor ergeht sich in einer nicht enden wollenden düsteren Hymne auf Charkiw: „Die alten Viertel grenzten direkt an den Fluss mit seinem flachen, schilfbewachsenen Ufer, dort versteckten sich die Fischer, die kostbare Fische fingen. (…) Vom Ufer blickten morgens sieche und kinderlose Frauen, Männer ohne festen Wohnsitz und arbeitslose Teenager auf die Stadt. Die Kinder warfen die auf der Straße gefunden toten Vögel ins Wasser, diese schwammen mit dem Strom und erschreckten die Bewohner der Datschen, die sich das linke Ufer entlangzogen, gleich hinter der Industriezone und den Friedhöfen.“ Mit der „Iwan“ überschrieben Erzählung selbst hat diese Rhapsodie eigentlich nichts zu tun.
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Das Grauen und der ehrenwerte Dr. Gross In einem Tatsachenroman erzählt der Schwede Steve Sem-Sandberg von der Euthanasie am Spiegelgrund
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m Spiegelgrund“, so hieß einmal die „Jugendfürsorgeanstalt“ am Steinhof in Wien. Von 1940 bis zum Kriegsende wurden hier im Vollzug der sogenannten „Aktion T 4“ viele hundert behinderte, „schwer erziehbare“ und „rassenbiologisch minderwertige“ Kinder umgebracht. Eine prominente Rolle spielte dabei der Psychiater Dr. Heinrich Gross, der im Nachkriegsösterreich seine medizinische Laufbahn als gefragter Gerichtsgutachter und Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts „zur Erforschung der Missbildung des Nervensystems“ fortsetzte und noch in der Kreisky-Ära mit dem Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse ausgezeichnet wurde. Dass Gross überhaupt noch strafrechtlich belangt wurde, war zum großen Teil das Verdienst des Arztes und Journalisten Werner Vogt; zu einer Verurteilung kam es jedoch nicht, da sich Gross mit Erfolg eine fortgeschrittene Demenz attestieren ließ. 2002 wurden dann auf Initiative Vogts die sterblichen Überreste von 789 ermordeten Kindern auf dem Zentralfriedhof beigesetzt.
Dank an Friedrich Zawrel Die fürchterliche Geschichte der Experimente und Morde am Spiegelgrund ist vielfach erforscht und dokumentiert. Das betont auch Steve SemSandberg am Ende seines Tatsachenromans „Die Erwählten“, in dem er Friedrich Zawrel dankt, der für Adrian Ziegler, die zentrale Romanfigur, Pate gestanden hat. Zawrel, der Anfang dieses Jahres gestorben ist, hat seine Erfahrungen am Spiegelgrund vielfach zu Protokoll gegeben. Es gibt Bücher, Filme und Stücke mit und über Friedrich Zawrel, sodass man sich fragen kann, warum Sandberg das ganze grauenvolle Material erneut ausgebreitet und fiktionalisiert hat. Man kann, lautet die Standardantwort, über lange genug verdrängte und stets von Vergessen bedrohte Verbrechen gar nicht genug Aufrüttelndes schreiben. Man müsse, heißt es, den Opfern eine Stim-
me geben. Aber in diesem Fall haben Überlebende, mit größerer Legitimität, schon selbst gesprochen. Steve Sem-Sandberg hat sich einen literarischen Ruf mit Romanen über extreme, traumatische (Lager-)Erfahrungen erworben. Ein früherer Roman handelte von Ravensbrück, sein letzter, „Die Elenden von Łódź“, erzählte die Geschichte des jüdischen Ghettos und seines Vorstehers Mordechai Chaim Rumkowski. Auch hier stützte
Sandbergs Roman lässt seine Leser auf eine unbehagliche Weise „befriedigt“ zurück
sich Sandberg auf authentisches Material und reicherte es literarisch an, mit dem Ergebnis einer beinahe realistischen „Immersion“ in die Ghettowelt. Die Methode und auch das Problem wiederholen sich nun bei den „Erwählten“. Sandbergs Roman lässt seine Leser auf eine unbehagliche Weise „befriedigt“ zurück. „Ein Leseerlebnis“, wie man so sagt, aber eines, das auf der literarischen Ausbeutung oder wenigstens Aneignung von fremdem Leid basiert. Das muss man nicht kritisieren, aber man kann sich fragen, wie der ethisch-literarische Gegenentwurf dazu aussähe.
Befehl aus Berlin Am Spiegelgrund wurde eine NS-Psychiatrie etabliert, die in ihren leitenden Prinzipien nicht rundherum neu war. Schwarze Pädagogik und weitverbreitete Konzepte von „Bevölkerungspolitik“ hatten den Boden für eine Medizin bereitet, die sich radikalisierte und auf die generelle Vernichtung „unwerten Lebens“ zielte. Für Gedanken zu „Rassenhygiene“, „Qualitätsverbesserung“ und „Minusvarianten“ muss man kein Nazi gewesen sein, das belegt das Zitat
Nur ihre Pflicht getan?
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aus Julius Tandlers „Krieg und Bevölkerung“ von 1916, das Sandberg dem Roman vorangestellt hat. Tandler, Arzt und Sozialdemokrat, vertrat wie viele Zeitgenossen die Idee einer „positiven Eugenik“. Auch am Spiegelgrund wird solches Gedankengut gepflegt; die Anstalt habe die Aufgabe, „alle psychisch auffallenden Kinder und Jugendlichen vom Säuglingsalter bis zur Erreichung der Volljährigkeit nach genauester Beobachtung und Prüfung ihrer psychischen und physischen Kenntnisse und Fähigkeiten nach erfolgter Begutachtung in die für sie entsprechende Anstalt bzw. Pflegestelle einzuweisen“, heißt es in einem Aufsatz von 1942. Als dann „aus Berlin“ der Befehl zum Töten erfolgt, wandelt sich die Anstalt widerstandslos in ein Organ der politisch verordneten negativen Eugenik. Der junge Dr. Gross spielt dabei stets eine zentrale Rolle. Im Unterschied zu seinem Chef ist er kein lautstarker Ideologe, sondern ein kultivierter, Autorität ausstrahlender Nervenarzt mit sicherem Urteil, der auch schon einmal Zuckerln an brave Kinder verteilt. Dr. Gross ist es auch, der Anfang 1941 den eben eingelieferten Adrian Ziegler erstuntersucht und diesem den Schädel vermisst. Ziegler wird als Sohn eines Trinkers und „Zigeuners“ „erbbiologisch“ als „minderwertig“ eingestuft, ist früh durch Pflegefamilien, Erziehungsanstalten und Waisenhäuser gereicht worden, hat seine Schuljahre als „Schwachsinniger“ vorwiegend in der letzten Bankreihe verbracht und ist nun „auf der untersten Stufe“ angekommen, am Spiegelgrund, „wo nur die Verworfensten landeten“. Sandberg verschränkt die Geschichte Adrian Zieglers mit jener von Anna Katschenka, einer der Krankenschwestern am Spiegelgrund. Nur sie sind es, die nach dem Krieg über ihre Erfahrungen gesprochen haben, Ziegler/ Zawrel als Zeitzeuge und Katschenka im Volksgerichtsprozess gegen die leitenden Ärzte der Anstalt. Wegen Totschlags in 24 Fällen wurde sie 1948 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Die anderen Figuren des Romans haben keine oder wenig Zeugnisse hinterlassen: Die meisten Kinder wurden ermordet, die leitenden Anstaltsärzte mit Ausnahme von Gross hingerichtet, die anderen Schwestern blieben unauffindbar. Ist Schwester Anna, aus sozialdemokratischer Familie und „unpolitisch“, wie sie zu Protokoll gab, eine Täterin, wie das Gericht befand? Ist sie eine Mitläuferin und willige Vollstreckerin, oder hat sie, wie so viele, einfach „nur ihre Pflicht“ getan? Und worin genau besteht der moralische Unterschied? Die Euthanasie, erklärt ihr der Anstaltsleiter Doktor Jekelius, dem sie in platonischer Liebe zugetan ist, sei als „barmherzige Tat zu verstehen, ausgeführt im selben Geist,
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der die Medizin seit jeher beseelt hat: nämlich Schmerz und Leid zu lindern und zu beseitigen“. Das ist noch die Zeit vor Aktion T 4, bevor also der Mord zum Programm wird und sich die Schrecken auf eine zuvor undenkbare Weise multiplizieren. Der Spiegelgrund, wie Adrian Ziegler ihn überlebt hat und Sandberg ihn schildert, muss freilich schon davor die Hölle gewesen sein: All die unheilbaren Leiden, dann die vielfältigen Bestrafungen und sadistischen Korrekturen, die Gemeinheiten und Grausamkeiten zwischen den Kindern, zwischen Kindern und Pflegerinnen, zwischen den Pflegerinnen und Ärzten und so fort – all das wäre auch ohne Hitler schon unerträglich gewesen und bekommt durch ihn noch zusätzlich den Charakter eine bösen, pedantischen Farce.
Entgleiste Metaphorik Wie soll ein Roman, der diese Hölle schildert, nicht unerträglich sein? Wenn er sich, bei aller Empathie, hin und wieder wie NS-Pornografie liest, dann liegt die Verantwortung dafür beim Autor. Eine Erzieherin etwa trägt das Abzeichen der NS-Frauenschaft: ein schwarzes „Dreieck mit dem Hakenkreuzsymbol wie ein kleiner roter Blutstropfen in der Mitte“. Manche seiner Vergleiche und Metaphern hätte sich Sandberg, aus ethischen oder vielleicht auch nur aus Geschmacksgründen, besser erspart. Adrian Ziegler, oder Friedrich Zawrel, hat den Spiegelgrund und die chaotische Deportation in ein Auffanglager bei Kriegsende auf wundersame Weise überlebt, er hat – die gefährlichste Zeit von allen – die ersten Monate in Freiheit überstanden. Er ist währenddessen – fast unvermeidlich – wieder straffällig geworden und hat noch einige Jahre in österreichischen Zuchthäusern verbracht. Ebenfalls fast unvermeidlich ist er viele Jahrzehnte nach seiner Zeit am Spiegelgrund noch einmal dem Gerichtsgutachter Dr. Heinrich Gross vorgeführt worden. Schwer kann man sich eine grauenvollere Szene vorstellen als diese: Der unbescholtene und allseits geschätzte Amtsarzt, der sein Opfer von einst beim Wiedersehen nach 35 Jahren noch einmal auf seinen Geisteszustand untersuchen darf. Das ist die nicht geringe Leistung von Sandbergs Roman: dass er das Entsetzen über die Ereignisse am Spiegelgrund und ihre lange Nachgeschichte neu entfacht. CHRISTOPH BARTMANN
Steve Sem-Sandberg: Die Erwählten. Roman. Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek. Verlag Klett-Cotta 2015, 525 S., € 27,70
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Atemlos durch die Nacht In ihrem Roman „Schmerz“ erzählt Zeruya Shalev von einer Ehefrau, die sich in eine Mater dolorosa der Liebe verwandelt weimal stirbt Iris, beinahe. Das erste Z Mal im Teenageralter, als sie von Eitan, ihrer allergrößten Liebe, ihrem anderen Ich,
Doch dann begegnet sie Eitan zufällig wieder, als Patientin in der Schmerzambulanz eines Jerusalemer Krankenhauses. Iris lockert das Korsett ihrer familiären und beruflichen Verpflichtungen, das ihr einst Stütze auf dem Weg zurück in ein normales Leben war, und verliert sich im Liebestaumel mit Eitan. Als jedoch Alma in die Fänge ihres guruhaften Arbeitgebers gerät, muss sich Iris entscheiden: Soll sie ihrer Tochter helfen oder ihre Familie verlassen und mit Eitan ein neues Leben beginnen? Zwischen der Protagonistin ihres jüngsten Romans und der Autorin gibt es übrigens Parallelen: Wie Iris hat auch Shalev zwei Kinder im entsprechenden Alter, wie Iris wurde sie vor Jahren bei einem Spreng-
Zeruya Shalev ist eine Spezialistin für Verwick-
lungen familiärer und amouröser Art. Damit hat sie in ihrer Romantrilogie „Liebesleben“, „Mann und Frau“ und „Späte Familie“ weltweit Millionen von Lesern unterhalten. Auch in „Schmerz“ bleibt das Thema zentral. Den Familienalltag nachzuzeichnen, dieses Ineinander von Glücksmomenten, Kleinkriegen, Machtdemonstrationen, elterlichen Fürsorgesorgen, Emanzipationsbestrebungen der Kinder, sexuellem Frust der Ehepartner – das kann Shalev wirklich sehr, sehr gut. Berührend und lebensnah schildert sie die vielen kleinen und großen Bemühungen von Iris um den Mann und die Kinder, deren Enttäuschung bei zahllosen Zurückweisungen. Während Iris als belastbare Cheforganisatorin der Familie dasteht, neigt Ehemann Micki mehr zu Passivität und Gemütsruhe. Seine zahllosen Blitzschachpartien am Computer sind ihm als Rückzugsmöglichkeit heilig. Den 17-jährigen Omer hat Iris mit Ausdauer, großem Fachwissen und Tricks vom dauerquengelnden, renitenten Jungen zum netten jungen Mann her-
„Das ist zweifellos das auffallendste Paradoxon
Zeruya Shalev: Schmerz. Roman. Deutsch von Mirjam Pressler, Berlin Verlag, 381 S., € 24,70
im Zusammenleben“, resümiert Shalev einmal die Institution Ehe, „man kommt einander näher, um sich voneinander zu entfernen, wozu also das Ganze?“ Vielleicht, um eben diesen Wirrwarr aus Glück und Leid zu erfahren, der eine Beziehung ausmacht. Und vielleicht kann auch aus Entfernung wieder Nähe werden – gegen Ende des Romans deutet sich eine solche Entwicklung jedenfalls an. STEFAN ENDER
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verlassen wird. Das zweite Mal Jahre später, als sie bei einem Sprengstoffanschlag in Jerusalem schwer verletzt wird. Schmerz wird zu ihrem ständigen Begleiter. Die seelische Pein über den Verlust Eitans verblasst, die Ehe mit dem ruhigen Micki und ihre Kinder Alma und Omer überdecken die Leerstelle in ihrem Herzen. Die körperlichen Schmerzen nach dem Anschlag hält die taffe Schuldirektorin mit einem Übermaß an Tabletten und Selbstdisziplin in Schach.
anerzogen; die stille Alma, nun schon Anfang 20, hat sich der Mutter nie so recht geöffnet – wohl auch, weil dieser die Problemlösungen am Arbeitsplatz oft wichtiger waren als jene zu Hause. Shalev erzählt all dies in einem leicht zu lesenden, flüssigen Stil, mit Myriaden von Kommata, wobei sich die Protagonistin in ihrem River-Rafting auf dem Strom der Emotionen kaum Zeit zum Atemholen gönnt. Der Roman erinnert an einen Fiebertraum und Iris verwandelt sich mehr und mehr in eine Schmerzensmutter der Liebe, zerrissen zwischen familiären Bindungen und der Urkraft der großen, einzigen, wahren Liebe. Dass Shalev fallweise etwas pathetisch wird und dass man das Buch ein bisschen kürzungsfreudiger hätte lektorieren können: geschenkt.
stoffanschlag verletzt. Mehr als die körperlichen Verletzungen hätten sie die Bilder der Toten und Verletzten belastet, so verriet die heute 56-Jährige in einem Interview, Bilder, die sie immer noch im Kopf habe.
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Freuden und Mühen der Liebe in Zeiten von Parship und Singleparty
Die spätmittelalte Frau ist, wie sich herausstellt, auch die Ich-Erzählerin der vorangegangenen vier Geschichten: Im dritten „Date“ stellt sich diese dezidiert als Ursula März vor, im vierten beschreibt sich die 1957 geborene Autorin selbst als „spröde, etwas reizarme Deutsche“. Frau März hat nun also im Kontaktgeschäft recherchiert und aus ihren Recherchegesprächsfäden einen literarischen Spezialstoff aus Sachbuch und Erzählband gewebt, unterfüttert mit Lesermitleid erregenden, abgewetzten Eigenerinnerungen der Autorin aus dem Gebiet der Partnerschaftsanbahnung. Die Verschmelzung der beiden Genres funktioniert gar nicht. Die porträtierten Kontaktsuchenden (die Namen wurden hoffentlich geändert) werden vorgeführt, wenn die Erzählerin März an ihnen im überladenen Henry-JamesStil ihre Pseudoeinfühlsamkeit und ihre küchenpsychologische Beobachtungsfähigkeiten demonstriert. Und mit der vorgetäuschten „Verführung“ eines Fast-Altersgenossen auf der Singleparty löst die Autorin eine Fremdschämattacke unbeschreiblichen Ausmaßes aus. Himmel, hilf! STEFAN ENDER
Die Journalistin Ursula März hat im Kontaktanbahnungsbusiness recherchiert und ihre Einsichten leider in Prosa verwandelt
Ursula März: Für eine Nacht oder fürs ganze Leben. Fünf Dates. Hanser, 228 S., € 20,50
Illustr ation: georg feierfeil
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ie christliche Lehre erklärt das menschliche Streben nach Zweisamkeit und Verschmelzung mit der Erschaffung Evas aus einer Rippe Adams: Was Einheit war, will wieder Einheit werden. Aber auch in außerchristlichen Wertegemeinschaften und sogar in der Tierwelt stellt die Paarbindung das dominierende Lebensmodell dar. In ihrem Buch „Für eine Nacht oder fürs ganze Leben“ berichtet die Literaturkritikerin Ursula März über „fünf Dates“, so der Untertitel des Werks. Ein Projektmanager mittleren Alters lernt über eine Kontaktagentur eine füllige Frau kennen, der Sex mit ihr ist ein Hammer. Eine Rentnerin findet über eine Internetplattform Kontakt zu einem deutlich jüngeren Polizisten, mit dem sie spazieren geht. Ein Berliner Internist, Ende 30, fahndet übers Internet nach heiratsfähigen Blondinen. Eine 50-jährige Hamburgerin liebt und heiratet einen um 20 Jahre jüngeren kubanischen Musiker. Und eine spätmittelalte Frau stromert zu Recherchezwecken auf einer Singleparty herum.
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Apostelgeschichten von der Liebe Ist nicht immer lustig, macht aber Spaß: Jackie Thomae und Monique Schwitter widmen sich der Liebe
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in Mann liegt mit mehrfach gebrochenen Beinen neben seiner Frau, die zu ihm hält, obwohl er ein misanthropischer Alkoholiker, beruflich gescheitert und auf einer Party aus reinem Überdruss aus dem zweiten Stock gesprungen ist. Mit erlösender Brutalität spürt er, wie seine Liebe zu ihr endgültig versiegt. Über diese „Momente der Klarheit“ hat Jackie Thomae ein ganzes Buch geschrieben. Alle Episoden kreisen um unglückliche Beziehungen in unterschiedlichen Verfallsstadien, zwischen Liebenden wie dem kaputten Typen und seiner aufopferungsbereiten Lebensgefährtin, aber auch zwischen Schwestern, Freunden oder Patientin und Therapeutin. Angesichts dieses Themas ist es ein erstaunlich lustiges Buch geworden. Jackie Thomae arbeitet auch als Fernsehautorin, und das merkt man ihrer Prosa, unabhängig von den genüsslichen Seitenhieben auf die Branche, auch formal auf angenehme Weise an. Sie schreibt ausgesprochen anschaulich und unterhaltsam, in flapsigem Ton, der weder vor gnadenlosen Beschreibungen noch vor ewigen Wahrheiten zurückscheut. Die Dialoge sind glaubwürdig, Komik und Melancholie gekonnt austariert. In den einzelnen Kapiteln tritt ein Reigen wiederkehrender Figuren auf. Sie entstammen zum großen Teil dem saturierten artsy-fartsy Berlin-Mitte-Milieu: nicht mehr ganz junge Film- und Fernsehleute, Künstler, Musiker; ein großer, garstiger Bekanntenkreis, dessen Mitglieder sich immer wieder in verschiedenen Konstellationen über den Weg laufen.
Die Tiefe von Chauvie und Partygirl Auf den ersten Blick wirkt das Personal etwas flach angelegt, scheint höchstens eine Handbreit vom Klischee entfernt. Sobald sich die Perspektive allerdings verschiebt und die Figuren selbst zu Wort kommen – und das tun sie früher oder später alle –, überraschen sie einen mit ihrer Komplexität. Noch das abgehalftertste Partygirl und
der verantwortungsloseste Chauvinist besitzen eine ungeahnte Tragik und Tiefe, die ihrem Umfeld leider durchwegs entgehen – wo sich jeder ausschließlich der Selbstergründung widmet und ansonsten mit dem Offensichtlichen zufriedengibt. Es gibt allerdings auch den umgekehrten Fall: Die Figur, die sämtliche Betrachter für einen seelenvollen, hochempfindsamen Ausnahmekünstler halten, offenbart sich introspektiv als kalt und leer. Auch das Buch selbst erweist sich auf den zweiten Blick als klüger und vielschichtiger, als man zunächst erwartet hätte. Beeindruckend, wie Thomae die Feinmechanik rein weiblicher Beziehungen bloßlegt und wie überzeugend sie Männerfreundschaften darstellt. Bemerkenswert auch die Vielzahl an Variationen, in denen sie, ohne sich zu wiederholen, vom Implodieren der Liebe erzählt, von diesem Augenblick kristallisierter Einsamkeit. Jackie Thomae:
Pinguine in Norddeutschland Einen gänzlich anders gearteten Moment der Klarheit erlebt die Protagonistin in Monique Schwitters Roman „Eins im Andern“: Sie googelt den Namen ihrer ersten großen Liebe und findet – einen Nachruf. Daraufhin beginnt sie, ihr Leben anhand all jener Männer zu ordnen, die darin eine Rolle gespielt haben und spielen: Partner, Liebhaber, Vertraute, Zufallsbekanntschaften. Das Konzept klingt weniger emanzipiert und originell, als es ist. Denn die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin, kommt – wie auch die Autorin selbst – vom Theater, und statt nostalgisch das Herbarium verblühter Liebschaften zu durchstreifen, reinszeniert sie die Vergangenheit und die Gegenwart, konstruiert sie dadurch neu und legt diesen hochgradig artifiziellen Prozess fortwährend offen: Man sieht ihr gewissermaßen dabei zu, wie sie das Theaterstück ihres Liebeslebens schreibt. Zunächst werden zwölf Rollen bestimmt, benannt nach den zwölf Aposteln. Erst im Anschluss kümmert sich die Erzählerin um
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die Besetzung: Jeder Mann in ihrem Leben erhält einen apostolischen Decknamen, und wo noch ein passender Jakob oder Matthias fehlt, winkt sie kurzerhand Statisten oder sogar Phantasmen auf die Bühne. Man kann ihr durchaus einen wirklichkeitsüberwindenden Gestaltungswillen attestieren: Wenn es sein muss, fliegt auch schon einmal ein Pinguin durch Norddeutschland.
Die Bibel lesen oder googeln
Momente der Klarheit. Roman, Hanser Berlin, 288 S., € 20,50
Monique Schwitter: Eins im Andern. Roman, Droschl, 232 S., € 19,– Lesung: 26. November, 19 Uhr Alte Schmiede, 1., Schönlaterngasse 9
Parallel zu ihren Memoiren in Männergeschichten folgt man der Heldin ein Jahr lang durch ihr anfänglich noch wohlgeordnet prekäres Leben mit Ehemann, zwei Kindern und Hund in Hamburg. Doch dann erfährt sie, dass ihr Mann Geld verzockt hat und krank ist – ein Erkenntnisschock, auf den sie schließlich mit einer kopflosen Flucht zu einem alten Freund in die Schweiz reagiert, wo sie weiter an dem Buch arbeitet, das man gerade liest. Diese metafiktionale Selbstbespiegelung ist sparsam dosiert und macht sogar Spaß, weil Monique Schwitter spürbar Freude daran hat, autobiografischen Realismus zu simulieren, nur um ihn gleich zu widerrufen. Weswegen man wohl auch nie erfahren wird, ob sie tatsächlich mit einer alten schwarzen Hündin zusammenlebt, ohne die sie nicht schreiben kann. Ihr hat sie eine der schönsten literarischen Liebeserklärungen seit dem Auftritt der sanften Hündin Karenin in Milan Kunderas Roman „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ gewidmet. Im Schlussteil des Buchs dann schließt sich der Kreis: Das Ende ist dem ersten und letzten Mann im Leben der Erzählerin gewidmet, ihrem Bruder. An ihn, den Zwölften, wendet sie sich direkt, er bleibt namenlos. In Fortsetzung der apostolischen Reihe müsste er, wie man als eifriger Bibelleser oder manischer Googler natürlich weiß, „Judas“ heißen, und sein Verrat besteht darin, dass er viel zu früh gestorben ist. Am Ende steht also der Tod. Aber das ist ja leider nichts Neues. TABEA SOERGEL
Skurril, poetisch und etwas. originell – Die meisten suchen Ziel ihrer SucheDebüt! ahnen sie nur. ein Das herausragendes Was suche ich? Die Antwort auf
Parabelhaft und mit feinem Humor porträtiert eine Sehnsucht – wonach? Dietmar Krug eine Familie, die sich auf ihrer Dienach Familiengeschichte der Schmerzpunkte Suche mehr Freiheit zunehmend auflöst. des 20. Jahrhunderts mit dichten, poetischen Beiläufig und subtil wird erzählt, wie sich BilderUnverständnis erzeugt einen und Sog, Sprachlosigkeit dem man sich Ignoranz, kaum entziehen kann. breitmachen. Dass dies durchaus komisch sein kann, ist die Lektion dieses wunderbaren Debüt-Romans, der ein ebenso überraschendes wie fulminantes Ende findet. 176 320Seiten, Seiten,geb., geb.,E18,– € 22,– ISBN 978-3-7013-1232-0 978-3-7013-1210-8 ISBN:
OTTO OTTO MÜLLER VERLAG www.facebook.com/otto.mueller.verlag www.facebook.com/otto.mueller.verlag
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Anderstönende Zikaden in Tschernowo Mit „Baba Dunjas letzte Reise“ hat es sich Alina Bronsky in der Todeszone von Tschernobyl etwas zu gemütlich gemacht s gibt sie wirklich, die alten Frauen von E Tschernobyl, die an den Ort der Katastrophe zurückkehrten. Die Zeitungen be-
richteten darüber, die amerikanische Bestsellerautorin Elizabeth Gilbert schwärmte auf Facebook von der inneren Stärke jener Frauen, die sich in der sogenannten „Todeszone“ niederließen. Alina Bronsky hat sich davon zu ihrem Roman „Baba Dunjas letzte Liebe“ inspirieren lassen und erzählt aus der Sicht einer dieser hemdsärmeligen Frauen, die mit geradem Rücken ihren eigenen Garten bestellen und sich unbeeindruckt zeigen von der Strahlung, die man ohnehin nicht sehen kann. Bronsky, 1978 im russischen Jekaterinburg ge-
boren, lebt seit Anfang der 90er-Jahre in Deutschland, mittlerweile in Berlin. Baba Dunja hingegen bleibt ihren Wurzeln treu. Kein „Reaktor“, wie die Nuklearkatastrophe genannt wird, soll sie vertreiben. Gemeinsam mit ihr wohnen auch noch die dicke Marja oder der verwahrloste alte Mann Petrow in dem halb zerfallenen Dorf Tschernowo. Baba Dunja, ehemals medizinische Hilfsschwester, bringt ihnen Suppe oder Neuigkeiten aus der Zeitschrift Die Bäuerin. Sie ist die Dorfälteste, „keine 82 mehr“, wie sie kokett an die Enkelin in Deutschland schreibt, die sie nur von Fotos kennt. Man besucht sie hier besser nicht. Das winzige Tschernowo hat sogar einen eigenen Friedhof, weil keiner die Leichen haben will, und die Nachbarstadt diskutiert we-
gen der Strahlengefahr bereits über die Einführung von Bleisärgen. Die düstere Szenerie bietet gute Voraussetzungen für einen Roman. Allerdings hat es sich die Autorin mit ihrer Hauptfigur Baba Dunja zwischen den Häusern, durch die Bäume wachsen, etwas zu bequem eingerichtet. Manchmal kommt ein Biologe vorbei, um festzustellen, dass die Netze, die Spinnen hier weben, anders aussehen als sonstwo und dass das Gezirpe der Zikaden anders klingt. Vom Birkensaft, den Baba Dunja für ihn frisch zapft, will er aber lieber nicht probieren. Einmal macht ihr sogar einer ihrer Nachbarn einen Heiratsantrag, eher aus Langeweile oder Pragmatismus, denn man verfügt über unendlich viel Zeit an diesem Ort und macht eben das Beste aus der bedrohten Lage: „Uns kriegt keine Mikrowelle weich“, erklärt Baba Dunja salopp. Ansonsten helfen ihr die fantasierten Gespräche mit ihrem toten Mann über viele einsame Stunden hinweg.
werden nicht auserzählt, weswegen sie mäßig plausibel erscheinen. Und mit der Entscheidung, ihre Hauptfigur alle Vorfälle und Rückblicke im bedeutungsschweren Präsens schildern zu lassen, handelt sich Bronsky eine Schwere und Überdeutlichkeit ein, die zur proklamierten Gelassenheit der Erzählerin nicht so recht passen wollen. Nach ihrem Debüt „Scherbenpark“ über das Le-
Die Atmosphäre eines Zwischenreichs vermittelt
Bronsky zunächst zwar gut, bloß dass diese keinen ganzen Roman trägt. Am schwersten aber wiegt, dass die Titelheldin in ihrem Monolog nie zu einer Figur wird, die einen wirklich bewegt, und „scheppernde Knochen“ auch kein hinreichend komplexes Attribut ist, um eine alte Frau zu charakterisieren. Und die Folgen, die sich aus einer sehr forciert wirkenden Dramatik ergeben,
Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 154 S., € 16,50
ben russischer Jugendlicher in Deutschland hat die Autorin mit zwei weiteren Romanen bewiesen, dass sie mit ihrer lebendigen Sprache einen Text zum Klingen und die Handlung ins Rollen bringen kann. „Baba Dunjas letzte Liebe“ hingegen stagniert auf einem Schauplatz, der alles schluckt. Leicht pathetische Strecken der Innenschau wechseln mit betulichen Beschreibungen noch der nebensächlichsten Tätigkeiten der Protagonistin, wodurch diese als starke Erzählstimme unterlaufen wird. Ein Perspektivwechsel hätte dem Text gutgetan und diesen um eine gesellschaftlich relevante Ebene bereichern können. Man hätte zum Beispiel gerne mehr dar über erfahren, warum westliche Medien ausgerechnet diese alte Frau zur Symbolfigur auserkoren haben. Auch über die bis heute spürbaren Folgen dieser geopolitischen Wunde, die das Reaktorunglück geschlagen hat, schweigt sich der kleine Roman leider aus. Er bleibt arglos und vage in Tonfall und Anlage. A N J A H I R S C H
Über allen Gipfeln ist Glas Der Schelmenroman ist das Lieblingsgenre von Radek Knapp. Zu neuen Höhen führt er es mit „Der Gipfeldieb“ aber nicht udwik Wiewurka ist Heizungsableser L in Wien bei der Firma Wasserbrand & Söhne. Er stammt aus Polen und wurde
von seiner Mutter gegen den eigenen Willen nach Österreich geholt. Mittlerweile liebt er seine Arbeit und schätzt seinen Chef. Auf seinen Wegen durch die Stiegenhäuser und Wohnungen hat er sich einige Menschenkenntnis erworben: Es genügt ihm ein Blick auf die Eingangstüren, um darüber Bescheid zu wissen, wer dahinter in welchen Verhältnissen wohnt. Eine eherne Regel gilt allerdings immer und überall: Trinkgeld gibt es nur im Wohnzimmer, nie im Badezimmer. Weswegen ein versierter Heizungsableser seine Arbeit auch immer im Wohnzimmer beenden sollte, auch wenn er dort bisweilen Bekanntschaft mit Leguanen macht, oder ein Esel plötzlich im Raum steht.
Doch selbst der Abgeklärteste seiner Zunft wird noch überrascht. Denn eines Tages trifft Ludwik einen Mann an, dessen Wohnzimmer Teil der erdgeschichtlichen Abteilung eines Naturhistorischen Museums sein könnte. Hinter Vitrinen hortet dieser Steine, die wie unscheinbare kleine Felsbrocken aussehen, tatsächlich aber Berggipfel sind. Unter diesen finden sich etwa die Spitzen des K2, des Montblanc und des Großglockners. Es gehe ihm um die Vogelperspektive, erklärt der Mann. Diese helfe, auch schlimme Phasen im Leben zu überstehen. Zum
Abschied schenkt der skurrile Sammler Ludwik den Gipfel der Hohen Tatra als Glücksbringer. Und das Schicksal nimmt seinen Lauf.
die Nerven, der Chef fungiert als eine Art Beichtvater und der Gipfelsammler hat einen einzigen Auftritt. Erfrischend hingegen sind die Beschreibungen einzelner Situationen, denen man anmerkt, dass sie der Autor wohl selbst erlebt hat. Die Begegnungen mit den Wienern in ihren Wohnungen oder dem für die Verleihung der Staatsbürgerschaft zuständigen Beamten sind so witzig und authentisch, dass sie nur Feldforscher wie Radek Knapp formulieren können.
Der in Polen geborene und in Wien lebende
Schriftsteller Radek Knapp hat wieder einen Schelmenroman geschrieben. An Knapps bekanntestes und erfolgreichstes Buch, den charmanten und klugen Roman „Herrn Kukas Empfehlungen“ (1999), reicht „Der Gipfeldieb“ allerdings nicht heran. Im Prinzip sind die beiden Romane ähnlich aufgebaut: Ein leicht naiver, aber sympathischer Antiheld tritt mehr oder weniger gewollt in eine Umbruchphase des Lebens ein. Am Beginn dieser großen Veränderung stehen bizarre Ereignisse, die von anderen Figuren im Hintergrund ein bisschen angestupst werden. Das ist in „Herrn Kukas Empfehlungen“ der verschroben-märchenhafte Titelheld und Nachbar des jungen Protagonisten Waldemar, der in Wien sein Glück versuchen will. Herr Kuka hat für Waldemar zahlreiche Ratschläge parat, die dieser hocherfreut befolgt, was für einige komische Verwirrung sorgt. Dem „Gipfeldieb“ fehlt eine vergleichbar prägnant und liebevoll gezeichnete Figur. Die Entwicklung, die vor allem im Kopf von Ludwik stattfindet, wird in erster Linie von dessen Mutter, dessen Chef und eben dem Gipfelsammler beeinflusst. Die Mutter geht dem Protagonisten meistens auf
In seinen großen Zusammenhängen aber funk-
Radek Knapp: Der Gipfeldieb. Roman. Piper, 208 S., € 20,60
tioniert der Roman nicht. Eine tiefgreifende Metamorphose wird zwar wiederholt angekündigt und bedeutungsschwer mit Gipfelmetaphorik garniert, tatsächlich aber handelt es sich nur um eine Episode aus dem Leben eines wenig ambitionierten 34-jährigen mit Migrationshintergrund, der irgendwann doch erwachsen wird. Etwas mehr Leichtigkeit und etwas weniger schicksalshafte Zeichen hätten dem Roman gut getan. Viel zu selten kommt Knapps Gespür für absurde Situationen zum Tragen, und die über viele Seiten hinweg aufgebauten Erwartungen bleiben schlussendlich unerfüllt. Radek Knapp ist ein Autor, der den Sinn des Lebens, der Liebe, der Zukunft und der Vergangenheit gerne augenzwinkernd und im Vorbeischlendern erklärt. Das ist ihm mit dem „Gipfeldieb“ allerdings nicht geglückt. STEFANIE PANZENBÖCK
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„Schönbrunn! Gefahr!“ In seinem jüngsten Buch enthüllt Ulrich Weinzierl die chronische Entzündlichkeit des Stefan Zweig
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rmer Stefan Zweig. Jetzt fällt auch er noch vom Sockel. Nachdem Peter Altenbergs Kleinmädchenlieben inkriminiert wurden und Adolf Loos als Voyeur mit Vorliebe für nackte Minderjährige enttarnt wurde, folgt jetzt die nächste skandalöse Enthüllung im Olymp der Wiener Kulturgeschichte: Stefan Zweig war ein Exhibitionist. Für die Medien ist eine solche Enthüllung ein gefundenes Fressen, für die Riege der politisch Korrekten gibt es einen weiteren prominenten Fall! In alle Weltteile wird die Sensation verkündet werden, immerhin war und ist Stefan Zweig – mehr als jede andere der literarischen und künstlerischen Zelebritäten – einer der großen österreichischen Erfolgsschriftsteller. Seine Erzählungen, Biografien, seine Autobiografie sind in viele Sprachen übersetzt. Keiner aus der Kollegenzunft konnte mit seiner Popularität mithalten. Vor allem galt er als eine moralische Autorität in Sachen Völkerverständigung und Geistesverehrung. Die Fallhöhe ist also beträchtlich.
Klatschmaul Thomas Mann Naturgemäß hat Stefan Zweig versucht, sein „brennendes Geheimnis“ geheim zu halten, hat entsprechende Tagebucheintragungen vernichtet. Und hat dennoch nicht verhindern können, dass das Gerücht in Freundes- und Kollegenkreisen umging. Auch Thomas Mann, nicht unbedingt ein Bewunderer von Zweigs Literatur, schnappte etwas auf, tratschte weiter, zeigte sich weniger amüsiert als degoutiert. Im Park – bei Zweig zunächst der Liechtenstein- und der Schönbornpark, dann Schönbrunn rund ums Affenhaus – auf kleine Mädchen und junge Frauen zu warten, um sein Gemächt zu enthüllen, das ist Lustangst der seltsamsten, erbärmlichsten Sorte. Wie unpassend für jemanden, der in der Öffentlichkeit Vorbild war, den jungen Generationen Vorbilder geben wollte. Zu Recht hatte Zweig Entdeckung, polizeiliche Verfolgung und Rufschädigung ge-
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fürchtet. Er war aber sichtlich dumm genug, Freunden von seiner temporären Vorliebe zu erzählen, ohne sich genau zu überlegen, wen er da ins Vertrauen zog. Benno Geiger war vor dem Ersten Weltkrieg Zweigs „vertrautester Freund“. Geiger liebte die Denunziation, wollte sich am Erfolgsschriftsteller rächen. In seinen auf Italienisch erschienenen Erinnerungen „Memorie di un Veneziano“(1958) hat er Zweigs Exhibitionismus ziemlich plastisch-drastisch beschrieben.
Wie ein Detektiv folgt Ulrich Weinzierl den Spuren, die in Zweigs Literatur den Exhibitionismus des Autors verraten
True Detective Schon der Zweig-Biograf Donald Prater kannte diese Quelle und hat in seinem Buch darauf hingewiesen, ebenso wie Oliver Matuschek, der Geigers Schilderung in „Stefan Zweig. Drei Leben – Eine Biographie“ aber letztlich in den Bereich der denunziatorischen Fantasie verwies. Ulrich Weinzierl nun wollte es genauer wissen, folgte wie ein Detektiv den verschiedenen Spuren in Zweigs literarischer Produktion (Novellen, Gedichten) und persönlichen Dokumenten (Briefstellen, Tagebüchern), um nach dem entscheidenden Beweis zu suchen. Ihn interessierten Beobachtungen und Einschätzungen von Schriftstellerkollegen, die Zweig besser kannten und so manche Andeutungen über dessen erotisches Leben lieferten. Zum entscheidenden Fundstück wurde Weinzierl eine Eintragung im Tagebuch, das seit 1984 gedruckt vorliegt. Zum 10. September 1912 steht da: „Dann spazieren, Liechtenstein, schaup. Das Object zu jung noch ohne tieferes Interesse, mehr frappiert als schon an richtiger Stelle erfaßt. Dies eigentlich weniger aufreizend, aber mehr gefährlich und wäre zu meiden.“ Aus Geigers Memoiren war zu erfahren, dass Zweig seine exhibitionistischen Abenteuer als „Schauprangertum“ bezeichnete. Mit der Abkürzung „schaup.“ lieferte Zweig also im Tagebuch den Hinweis, was da gelaufen war. Auch andere Tagebuchaufzeichnungen sind aus dieser Perspektive klarer
verständlich – etwa jene vom 26. September 1914, als während des Ersten Weltkrieges gerade die Schlacht von Lemberg verloren wurde: „Schönbrunn! Gefahr!“ Dr. Ulrich Weinzierl ordiniert. In den ausführlichen psychoanalytischen Sitzungen, die er mit Witz und großer Belesenheit abhält, ist die finale Enthüllung der letzte Akt. Auch in den Sessionen vorher hat Weinzierl über Zweigs „chronische Entzündlichkeit des Eros“ (Stefan Zweig über den geistesverwandten Heinrich Kleist) einiges zu bieten. Zweigs ewige Bettgeschichten und sexuelle Entzückungen, mal in Wien, mal in Paris, haben viele Kuriosa zu bieten. Seine Ehe mit Friedrike von Winternitz (das „Lamm“, das „Oberhaserl“), die ihm vor den Abgründen ein „Geländer“ sein will, erhält in Weinzierls Schilderung ziemlich schräge Züge. „Die Erotik, sie entsetzt mich, weil sie mich nimmt und ich nicht sie. Ich schauere vor meiner eigenen Virtuosität“, bekennt der Umtriebige.
Ungebremst und gewitterschwül
Ulrich Weinzierl: Stefan Zweigs brennendes Geheimnis. Zsolnay, 287 S., € 20,50 Lesung: 3. November, 18.30 Uhr, Wien Museum, 4., Karlsplatz 8
Wer bisher geglaubt hat, Zweigs ständige Aufgeregtheit und gewitterschwüle Sprache in seinen beliebten Erzählungen wären eine literarische Manier gewesen, wird in diesem Buch eines Besseren belehrt: Es lag im Charakter des Schriftstellers, immer ungebremst unterwegs zu sein, sich mit Leidenschaft und Entsetzen, Volldampf und Angstschweiß in fatale Situationen und Gefahren zu begeben. Die Novelle „Verwirrung der Gefühle“ spiegelt das Drama der Homosexualität. Auch da sprechen Indizien dafür, dass es nicht nur bei erotischen Blicken und Kameradengetuschel blieb. Ulrich Weinzierl, der bereits Arthur Schnitzlers und Hugo von Hofmannsthals delikaten Lebensmustern beizukommen suchte, ist es im Falle von Zweig gelungen, ein ziemlich grelles Charakterporträt zu malen. Man versteht die Entdeckerfreude. Aber wollte man das alles wissen? ALFRED PFOSER
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liter atur
Die Angstsaat der Oma geht in der Enkelin auf In ihrem Debüt zeigt Anna Baar eine junge Frau, die zwischen die Fronten gerät und um ihre eigene Identität und Sprache ringt Sommer überquert die Erzählerin in J eden Anna Baars Debütroman „Die Farbe des
Granatapfels“ die Grenze: Tochter eines Österreichers und einer Kroatin, verbringt sie die Ferien bei ihrer dalmatinischen Großmutter Nada. Für ein paar Wochen lässt sie „Esterraich“, das Land der „Ibermenschen“, wie die Großmutter die Heimat der Enkelin verächtlich nennt, hinter sich. Es ist nicht nur eine virtuelle Linie zwischen zwei Staaten, sondern vielmehr ein tiefer Spalt, den die Geschichte aufgerissen hat: Nada stand während des Zweiten Weltkriegs auf der Seite der Partisanen, und die erlittenen Gräuel haben sie hart und ängstlich, eigensinnig und neurotisch gemacht. Dem Kind gefallen die Wucht und Zwiespäl-
tigkeit der kettenrauchenden Großmutter ebenso sehr, wie es diese und deren Marotten fürchtet. Die Beziehung nennt die Zurückblickende ein „Trauerspiel“, an dem sie sich seit eh und je „schadenklug“ und „kleinlaut“ entlangtastet. Zwischen den beiden herrscht ein uneingestandener Kampf. Die „Angstsaat“ der Großmutter geht in der Enkelin auf, der die maßlose und von Eifersucht durchdrungene Liebe Nadas zugleich auch schmeichelt. Baars jugendliche Heldin muss die Gegensätze zwischen dem Leben in der österreichischen Alltagsnormalität, das fast ganz im Dunkeln bleibt, und der Kargheit in Kroatien in sich ausbalancieren und entwickelt auf durchaus leidvolle Weise eine
Sensibilität für die Zwischentöne und die Details der anderen Landschaft und Mentalität, wobei die Kontraste und Ambivalenzen dieser geteilten Welt in der Pubertät noch verstärkt werden. Das Dazwischenstehen ist das eigentliche Thema dieses Coming-of-Age-Romans, der von Sprachlosigkeit und Ermächtigung durch Sprache erzählt. Weil das Deutsche während der Ferien bei der Oma verpönt ist, gibt es für die Jugendliche keine Selbstverständlichkeit des Sprechens. Heimlich macht sie sich abends bei Kerzenlicht Notizen. „Im Schreiben konnte man die Vatersprache gebrauchen, die leibliche Sprache, in der man für Wochen schwieg und doch fortwährend dachte, träumte und empfand. Und zweifellos war es klüger, das Hingeschriebene vor Nada geheim zu halten, sonst wieder ihre hochgezogene Braue, ihr schräger Blick: Mörderzunge.“ Mit dieser „Mörderzunge“ spürt sie den Dingen und dem Wesen der Großmutter nach. So wird man zur Autorin. Anna Baar, 1973 in Zagreb geboren und in Kla-
genfurt lebend, findet für dieses Zur-WeltKommen durch die Sprache einen lyrischen, sinnlichen Ton, der zuweilen zur Schnörkelhaftigkeit neigt: Erinnerungsblüten, die üppig sprießen und wuchern, sich fast zu dekorativ um die Gegenstände ranken und aus einem Bildfundus stammen, der leicht angestaubt wirkt: Das noch flatternde Huhn mit abgehacktem Kopf als Symbol einer ar-
chaischen Welt darf ebenso wenig fehlen wie die unvermeidliche Mahnung der Großmutter, saubere Unterwäsche zu tragen – droht doch stets ein Unglück, das einen ins Krankenhaus bringen könnte. Auch der Beschreibung des Abschieds von der
Anna Baar: Die Farbe des Granatapfels. Roman. Wallstein, 320 S., € 20,50 Lesung: 21.Oktober, 19 Uhr, Literaturhaus, 7., Zieglergasse 26A
Kindheit wird noch ein poetisches Schleifchen angehängt, das den vorhergegangenen Sätzen die Schau zu stehlen sucht und dabei ein bisschen abgeschmackt wirkt: „Das Blut kam über Nacht. An einem Sommermorgen war es da, als folgte es einem angeborenen Gesetz, und doch ungeahnt und nicht herbeigewünscht, wie der Aprilschnee auf noch zarten Knospen.“ Und doch geht von Baars Vergegenwärtigungsbuch ein Sog aus, weil es in immer wieder neuen Anläufen nach eigenen Worten sucht, die das Prägende wiedergeben könnten: die Schönheit und Grausamkeit des Erwachsenwerdens; die verworrene Herkunft; die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, dessen Echo noch in den Nachgeborenen hallt und im Jugoslawienkrieg eine brutale Aktualisierung erfahren hat. Und weil Baar und ihre Erzählerin wissen, dass „Wahrheit eine Erfindung“ ist, verharrt dieser Roman nicht in einer naiven Kinderperspektive, sondern entwickelt gleichsam in Schleifen eine illusionslose und skeptischer werdende Vergangenheitssicht, die Traurigkeit ebenso zulässt, wie sie ein behutsames Verständnis ermöglicht. ULRICH RÜDENAUER
Die Schäden der Eltern sind das Erbe der Kinder Anhand eines Geschwisterpaares zeigt Hanna Sukare in ihrem Romandebüt, wie die Vergangenheit nicht vergehen will or neun Jahren publizierte die 1957 in V Freiburg geborene Wahlwienerin Hanna Sukare den liebevoll gestalteten Prosa-
band „Essigstaub“. Die titelgebende Erzählung über den Pastorensohn Matthias Röhricht ist die Keimzelle der Geschichte, die im Roman „Staubzunge“ nun die Erinnerung an eine lieblose Kindheit mit der Spurensuche nach den NS-Verstrickungen der Eltern verbindet. Abschnittsweise erzählen einzelne Figuren ihre Versionen von verschiedenen Lebensphasen und Konfliktfeldern: Matthias, seine spätere Frau, seine Schwester Adele, eine Tante und eine Großcousine, die Adele bei ihren Ahnenforschungen ausfindig macht. Eigentlich ist die zu Beginn mit starken, immer wieder eingespielten poetischen Bildern geschilderte Kindheit von Matthias und Adele nicht untypisch für die Nachkriegsgeneration. Emotional erstarrte Eltern, die verbissen das eben Erlebte und Getane zu verdrängen suchen, verbreiteten in vielen Kinderherzen Angst und Schrecken. In diesem Fall ist der Vater, ein evangelisch-
freikirchlicher Pfarrer, in seiner Funktion als irdischer Anwalt Gottes mit doppelter Autorität ausgestattet. Matthias leitet daraus später seine Forderung ab, dass alle religiösen Vermittler auf Kinderlosigkeit verpflichtet werden sollten, da das, was in solchen Familien an physischer wie psychi-
scher Gewalt passiert, kraft der moralischen Instanz des Vaters nie ruchbar werde. Das ist freilich kein Alleinstellungsmerkmal von Pastorenfamilien. Gerade durch die aktuellen Missbrauchsdebatten gerät leicht in Vergessenheit, dass keineswegs nur Heime und Internate bis weit in die 1970er-Jahre hinein unter der unangefochtenen Herrschaft der schwarzen Pädagogik standen. Auch Vater Vau und Mutter Jad – sie werden von allen hartnäckig bei ihren Namen genannt – sorgten für ein zeittypisch autoritäres Elternhaus, und das hat meist Folgen für das Verhältnis der Geschwister. Statt Solidarität untereinander zu entwickeln, geht es um die Positionierung in der Nähe zu den Eltern, die sich über den Grad an Bravheit definiert. So ist es auch bei Matthias und Adele: Der Ältere ist der Angepasste, die Jüngere findet diese Rolle schon besetzt und geht auf Konfrontationskurs. Einen Weg zueinander werden die Geschwister nie mehr finden. Es ist Adele, die sich in ihrer Geschlechterrolle zuständig fühlt für die Betreuung der alten Eltern. Und sie beginnt nach dem Tod der Mutter deren Lebensgeschichte zu recherchieren. Jad musste 1945 aus Polen fliehen, denn ihre Mutter hatte im Nationalsozialismus für die Deutschen votiert, während ihr Bruder sich als polnisch bekannte, was die Familie für immer gespalten hat. Jad selbst erlebte ihre schönsten Jahre im NS-Arbeitsdienst und ihre erste
Liebe mit einem NS-Flieger, der bald den Heldentod fand; dann leitete sie eine kleine Gärtnerei in der Nähe von Łódź. Der Ort lag direkt an der Bahnlinie ins Vernichtungslager Kulmhof, von dem Jad ebenso wenig gewusst haben will wie vom Ghetto in Łódź. Der Roman zeigt glaubwürdig, wie Betroffenheit über einzelne miterlebte Brutalitäten in den Herzen dieser Generation friedlich mit einer unbelehrbaren Anhänglichkeit an das NS-Regime koexistierten. Während Adele sich recherchierend mit ih-
Hanna Sukare: Staubzunge. Roman. Otto Müller, 176 S.,€ 18,Präsentation: 10. Oktober, Atelier/Magdowski, 23., Maurer Lange Gasse 64
rer Kindheit aussöhnt, bleibt Matthias im Bann der erlebten Kränkungen und schüttet seine Frau in den Momenten größtmöglicher Zuwendung mit Klagen über seine Kindheitstraumata zu. Beruflich ein erfolgreicher Manager, der sich seine Dienstreisen mit zahllosen Affären verkürzt, regrediert er zu Hause infolge der gar nicht so seltenen Persönlichkeitsspaltung zwischen öffentlichem wie privatem Raum zum Klienten in Permanenz. Nach Jads Tod verlässt Matthias seine Frau und zieht sich in ein Atlantikdorf zurück, nicht ohne neue Damenbegleitung. Als er schwer lädiert als Pflegefall wieder auftaucht, nimmt seine Ehefrau – allenfalls ein wenig distanzierter – wie selbstverständlich die ihr zugedachte Rolle als „Installateur der Familie“ wieder an. Wie die zwei Töchter der beiden ihr Elternhaus erlebt haben, wird nicht weiter ausgeführt. E VELYNE POLT-HEINZL
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Sachlich bis zur Selbstverleugnung Der Germanist Manfred Mittermayer legt eine ebenso genaue wie distanzierte Thomas-Bernhard-Biografie vor
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ufgeregt hat er sich wie kein Zweiter, und wenn es einmal wieder so weit war, konnte man das Beben bis weit entfernt von seinem oberösterreichischen Vierkanthof spüren. Er war ein verbaler Kraftlackel, der keinen Streit ausließ, aber wenn es um ihn selbst ging, empfindsam wie eine Mimose. Mit Journalisten redete er kaum, umso häufiger schrieben sie über ihn. Er gab den misanthropischen Einzelgänger und lebte doch in einem Geflecht fester Beziehungen: zunächst zu seinem Großvater, dann zu seiner mütterlichen Freundin, die er seinen „Lebensmenschen“ nannte. Über sie knüpfte er neue Freundschaften, bevorzugt aus besten Kreisen. Als er aber Erfolg hatte und genug Geld, sich ein Haus nach dem anderen zu kaufen, wurde ihm ein Makler zum engsten Vertrauten in allen Fragen des Lebens. Thomas Bernhard, mittlerweile ein Klassiker der Weltliteratur, könnte selbst als literarische Erfindung durchgehen. Aber er war eben eine reale Person, und nun hat sich der Salzburger Germanist Manfred Mittermayer darangemacht, ihm eine große Biografie zu widmen. Es ist nicht die erste, aber die bisher umfangreichste, die außerdem auf der genauen Kenntnis des Nachlasses beruht: Kaum ein anderer hat Bernhard so lange und intensiv erforscht wie Mittermayer, der auch zu den Herausgebern der eben abgeschlossenen kommentierten Werkausgabe zählt. Die Zeit war reif für solch ein Standardwerk, und
doch mag man den Autor um seine Arbeit nicht immer beneiden. Denn auch ein enthusiastischer Bernhard-Leser muss sich irgendwann einmal eingestehen, dass dieser Mann nicht nur schwierig, sondern regelrecht unsympathisch war: rücksichtslos, egoistisch, gierig, nachtragend. Das muss man als Biograf erst einmal aushalten. Die Außenwelt sollte von seinem Privatleben nichts erfahren, in den fünf schmalen autobiografischen Bänden stellte Bernhard sein Leben bis zu den frühen Erwachsenenjah-
ren aus seiner ganz speziellen Sicht dar. Die testamentarischen Verfügungen über den Umgang mit seinem Nachlass und die davon abweichenden Regeln, die seine Erben durchgesetzt haben, durchblicken vermutlich nur ein paar Spezialisten. Mittermayer entzieht sich all diesem Ungemach, indem er die größte denkbare Distanz einnimmt. Sein Ton ist kühl und sachlich, jede Behauptung wird präzise belegt. Er profitiert von den Kenntnissen, die er sich (zusammen mit Kollegen) bei der Arbeit an der Werkausgabe angeeignet hat. Wirklich neue Erkenntnisse wird man in der Biografie also kaum finden, was überhaupt nicht als Vorwurf gemeint ist: Werden doch die wenigsten Bernhard-Leser die 22 Bände der Werkausgabe im Regal stehen haben. Auch ihnen ist nun also verfügbar, was in den letzten Jahren aus dem Nachlass, aus dem Archiv des Suhrkamp-Verlags und aus Augenzeugenberichten über die biografischen Voraussetzungen von Bernhards Schreiben bekannt wurde.
Mittermayer gelingt das Kunststück, über 400 Seiten zu schreiben und dabei keine einzige Bewertung abzugeben
Die fünf Erinnerungsbände setzen eine Zäsur in
Leben und Werk nehmen bei Mittermayer fast
den gleichen Raum ein. Entstehungsumstände der Prosa und der Stücke, Inhaltsangaben, Rezeption, dazu die großen interpretatorischen Linien, denen die Sekundärliteratur der letzten Jahrzehnte folgt: Bisweilen liest sich diese Biografie wie ein Handbuch. Wer sich ein bisschen mit Bernhard auskennt, wird manche dieser Passagen etwas schneller lesen, um dann dort wieder einzuhalten, wo die biografische Recherche neue Einblicke in Bernhards Arbeitsweise ermöglicht. Das betrifft insbesondere die frühen Jahre, den Stoff der Autobiografie. 1931 vaterlos in ärmliche Verhältnisse geboren, die Kindheit unter dem Eindruck von Nationalsozialismus und Krieg, mit 18 Jahren schwer erkrankt und eigentlich bis ans Ende seines Lebens nie mehr richtig gesund: Die virtuose Wut, mit der Bernhard seine Erinnerungen an diese schwarzen Jahre aufgeschrieben hat, ließ auch seine entschiedens-
ten Kritiker nicht kalt. Dass es der Dichter dabei mit den Tatsachen nicht immer ganz genau nahm, ist freilich niemandem entgangen. Mittermayers akribische Darstellung der Zeit bis zum literarischen Durchbruch zeichnet ein detailreiches Bild der Salzburger Provinz, die fürchterlich lange gebraucht hat, um von den nationalsozialistischen Jahren Abstand zu gewinnen, führt dann aber auch vor, wie Bernhard durch Verfremdungen, Erfindungen, Auslassungen und (naturgemäß!) Übertreibungen jenes Bild der Nachkriegsjahre verfertigt hat, das den Ruf Salzburgs – zumindest in liberalen Kreisen – für einige Jahre erst einmal gründlich ruiniert hat.
Manfred Mittermayer: Thomas Bernhard. Eine Biografie. Residenz, 452 S., 71 Abb., € 28,– Buchpräsentation 20. Oktober, 17.30 Uhr, Burgtheater, 1., Universitätsring 2
Bernhards Werk. In den folgenden Romanen (also ab „Beton“, 1980) spielen autobiografische Versatzstücke eine immer größere Rolle, im Skandal um „Holzfällen“ (1984), als sich ein früherer Weggefährte Bernhards als Romanfigur verächtlich dargestellt sah, mit massiven juristischen Konsequenzen. Dass Mittermayer diese Hintergründe ausleuchtet, werden ihm viele Leser danken: aus indiskreter Neugier, gewiss, aber auch, weil dieses Wissen Bernhards Prosa in einem anderen Licht erscheinen lässt. „Holzfällen“ gilt laut Mittermayer als Bernhards stärkster Text. Ob er sich dieser Einschätzung anschließt, bleibt sein Geheimnis, wie es überhaupt ein bewundernswertes Kunststück ist, sich als Biograf über mehr als 400 Seiten mit einem Autor zu beschäftigen, ohne eine einzige Bewertung abzugeben oder auch nur irgendeine Regung zu zeigen. Aber vielleicht kann man nur so eine Studie über Bernhard und alles, was mit Bernhard zusam menhängt, tatsächlich zu Ende bringen: indem man, wie es der Meister von sich selbst behauptet hat, konsequent in die entgegengesetzte Richtung geht. TOBIAS HEYL
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Das Grün in Doras Augen Leni wird aufs Internat geschickt, wo sie sich in die vorgegebene Ordnung fügt, bis Dora, die Wilde und Unerschrockene auftaucht und in Leni eine verwirrende Sehnsucht weckt.
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Reichlich Baklava in Baku In ihrem Debütroman befasst sich Verena Mermer mit den fast vergessenen Protesten der Zivilgesellschaft in Aserbaidschan nfang des Jahres 2011 begannen BilA der und Berichte von Aufständen in die neuen und alten Medien einzuwandern. Die
Berichte über widerständige Bürger, die auf öffentlichen Plätzen versammelt gegen die autoritären Regime der arabischen Welt demonstrierten, überschlugen sich. In Tunesien, Libyen, Ägypten und Syrien schien sich die Geschichte gewaltsam zu entladen. Wer aber erinnert sich an die Proteste in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku im Februar 2011, die von den ägyptischen Demonstranten am Tahrir-Platz inspiriert waren? Die junge Autorin Verena Mermer hat den niedergeschlagenen Protesten ein Denkmal gesetzt und ihren Debütroman „die stimme über den dächern“ in diesem Umfeld angesiedelt. Das Personal des schmalen Bandes wird im
Wesentlichen von zwei Pärchen gebildet, die zusammen eine WG bewohnen. Alle vier Figuren weisen aus dem erzählten Baku hinaus: Die Lehrerin Nino und der ewige Student Ali verweisen auf das Liebespaar aus Kurban Saids „Nino und Ali“, der Arzt Che mit seiner „argentinischen oder kubanischen“ Staatsbürgerschaft ist nach dem ikonischen Comandante, die Schauspielerin Frida nach der Schmerzensmalerinnenmutter Kahlo modelliert. Dergleichen historische und intertextuelle Bezüge spielt die Autorin ab der ersten Seite offen aus, auf der wir neben je ei-
ort sein, noch seltener: sich umarmen oder schnellen sex haben hinter den olivgrünen oder khakifarbenen türen“) stehen solche gegenüber, bei denen es der Autorin die Poesie vollends verschlagen hat („in emotionalen angelegenheiten denkt er meist gar nicht, sondern horcht auf sein gefühl“). Und genauso durchwachsen geht es weiter. Die vier Protagonisten nehmen zwischen vielen gerauchten Zigaretten und berauschenden Getränken an den Demonstrationen teil und bekommen die Repressionen des Regimes zu spüren. Ali wird für einige Zeit inhaftiert, ob er zurückkehren wird, bleibt für die anderen lange ungewiss. Nino verliert ihre Stelle als Lehrerin, alle werden überwacht.
nem Motto von Said, Guevara und Kahlo auch eines von Bulgakov finden. Den Lesern bleibt es erspart, versteckte Zitate entschlüsseln zu müssen. Che und Frida sind Hybride aus ihren histori-
schen Vorlagen und aus Twens mit den üblichen Jungemenschenproblemen, die sich zwischen Wohnung, Job und sentimentalen Verstrickungen abspielen. Von Guevara und Kahlo heißt es, sie seien „schon tot, sie bringen trotzdem noch die chronologie der erzählung durcheinander“. Typografisch gibt sich der Roman einen experimentellen Anstrich: Textblöcke sind mit kursiv gesetzten inneren Monologen durchsetzt, bei denen jeweils in Klammer der erlebende Protagonist angegeben wird. Dieses Versprechen auf innovative Gestaltung wird erzählerisch allerdings nicht eingelöst. Die erste, bemerkenswert ereignisarme Hälfte des Buches widmet sich dem Ort des Geschehens und bemüht dabei reichlich Lokalkolorit. In diesem deprimierenden Baku wird reichlich „baklava“, „dolma“, „kebab“ und „khachpuri“ verzehrt, und man fährt mit „ladas“ und „maschrutkas“. Sprachlich schwankt „die stimme über den dächern“ zwischen äußerst gelungenen Bildern und Patzern in der Beschreibungskunst: Pointierten Sätzen über schwule Liebschaften während des Militärdienstes („dort konnten selten zwei einander
Viele Passagen lesen sich wie die schnörkello-
Verena Mermer: die stimme über den dächern. Roman. Residenz, 160 S., € 19,90 Lesung: 14. November, 15.45 Uhr, Buch Wien, 2., Trabrennstraße, Messe Wien, Eingang Halle D
se Inhaltsangabe der Handlung, die sie erzählen: „nach mitternacht gehen sie zu bett, frühmorgens wecken sie die geräusche des bäuerlichen lebens. auf der terrasse wird gefrühstückt, dann nehmen sie abschied.“ Diese Absenz jeglicher erzählerischen Verve ist allerdings keiner kritischen Reflexion der Grenzen von Sinnvermittlung geschuldet, sondern lediglich einer irregeleiteten Ambition, die bemühte Bilder hervorbringt. Talent beweist die Autorin in jenen Passagen, in denen es ihr gelingt, eine diffus-gespenstische Stimmung zu erzeugen, sodass die Paranoia der Figuren auch den Leser erfasst. FLORIAN BAR AN YI
Der Hund ist tot, die Jugend dahin In dem berüchtigt schwierigen zweiten Roman widmet sich Cornelia Travnicek der postadoleszenten Identitätsfindung ür einen Ausschnitt aus dem Roman „Junge Hunde“ wurde Cornelia TravF nicek schon vor drei Jahren ausgezeichnet.
Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur 2012 erhielt sie, geladen von Hubert Winkels, den Publikumspreis. Die Jury hingegen war geteilter Meinung: Darf Literatur denn schlicht und ergreifend unterhalten, oder muss sie stets auch verstören? Lobten manche der Kampfrichter den „warmen Pragmatismus der Geschichte“, den „scheinbar naiven Erzählton“, so ging den anderen „das Atmosphärische, die Tiefe, der eigene Ton“ ab. Aber das könne, so meinte einer der Juroren mit freundlicher Herablassung, in diesem Alter auch gar nicht anders sein: Cornelia Travnicek ist Jahrgang 1987. Dass man in diesem Alter durchaus in der Lage sein kann, einen prägnanten literarischen Ton zu treffen, hat erst unlängst Valerie Fritsch (Jahrgang 1989) mit „Winters Garten“ unter Beweis gestellt. Eine salomonische Haltung einnehmend könnte man behaupten, dass sowohl die kritischen als auch die freundlichen Stimmen im Recht sind. Einer Binsenweisheit zufolge gibt es nichts Schwierigeres im Leben einer Literatin, als den zweiten Roman zu verfassen. Travniceks Debütroman hieß „Chucks“, die Verfilmung ist erst kürzlich in die Kinos gekommen. Als „poetisch, lakonisch und unsentimental“ beurteilte die NZZ Travniceks
Erstlingswerk. Eine Einschätzung, die auch auf „Junge Hunde“ zutrifft – wenn man das „poetisch“ streicht. Ähnlich wie Fritschs „Winters Garten“ handelt auch „Junge Hunde“ vom Verlust der Kindheit, noch mehr vom Durchleben einer Ausnahmesituation, die als Übergang ins Erwachsenenleben verstanden werden muss. Johanna ist Psychologiestudentin, kümmert sich um viel und um andere, aber ganz offensichtlich zu wenig um sich selbst. Sie ist eine nachdenkliche, beinahe stoische junge Frau, deren familiäre und freundschaftliche Beziehungen sich in Auflösung befinden.
schwertheit, die schon wieder ein bisschen beeindruckend ist, und in einer Sprache, deren besonnene Schlichtheit nicht ohne Eleganz ist. Johanna ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte, auch wenn Ernst für seine Erlebnisse in China den Ich-Erzähler geben darf. Die Handlung selbst ist einigermaßen unspek-
Johannas Mutter hat das Haus im Tullnerfeld
und die Familie schon vor Jahren verlassen, um sich in Peru einem Sozialprojekt zu widmen. Der Vater versinkt in seiner Demenz und wird in eine betreute Wohngemeinschaft verfrachtet, auch Bruder Stefan zieht aus. Es ist an Johanna, sich um Entrümpelung und Verkauf des Hauses zu kümmern, obwohl sie in Wien lebt. Und Ernst, ihr bester Freund und ein Adoptivkind, hat sich auf den Weg nach China gemacht, um dort seine leibliche Mutter zu finden, verliert sich dabei aber selbst. Dann stirbt auch noch Johannas Hund, der sie viele Jahre lang begleitet hat. Sie bestattet ihn im Garten des Hauses – Jugend adieu! Vor dieser doch recht ungemütlichen Kulisse erzählt Travnicek mit einer Unbe-
Cornelia Travnicek: Junge Hunde. Roman. DVA, 249 S., € 15,50 Buchpräsentation Buchpräsentation: 21. Oktober 19.30 Uhr, Hartliebs Bücher, 9., Porzellangasse 36
takulär: „Junge Hunde“ lebt vor allem von seinen kontinuierlichen Rückblenden, die assoziativ gesetzt sind, ohne dass dabei das Gesamtgefüge zerfasert. Ähnlich wie Ernst wird Johanna zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Mann, der sie großgezogen hat, nicht ihr leiblicher Vater ist. Es geht also nicht nur darum, wohin das Personal geht, sondern vor allem darum, woher es kommt. Travnicek versteht es durchaus, unprätentiöse Lebensweisheiten und populärphilosophische Betrachtungen in ihre leichtfüßige Erzählung einzuschleusen. Aber selbst wenn man sich nicht daran stört, dass an diesem Roman so wenig verstört, beginnt man sich nach halber Distanz doch zu fragen, ob sich nicht vielleicht doch noch die eine oder andere Falltür auftun will. Und falls ja, ob’s da auch ordentlich tief hinuntergeht. Der Roman verfügt über subtilen Witz, weist Momente der Spannung auf, ist mitunter traurig und hält dennoch Abstand zur Rührseligkeit. File under: Unterhaltung mit Anspruch. TIZ SCHAFFER
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Sehr viel Wind um voll viel Liebe In „Bora“ kümmert sich Ruth Cerha um das notorisch seltsame Spiel und macht sich um den kroatischen Tourismus verdient
Illustr ation: georg feierfeil
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iebe und Endlichkeit, die zwei großen Themen, da kann sich keiner entziehen“, heißt es in „Bora“. Alles dazwischen ist ja Mumpitz, und Gefühle sind wichtig, auch wenn’s die falschen sind. Auf die muss man in der „Geschichte vom Wind“ allerdings eine Weile warten. Schauplatz des Romans ist die Insel Susak nahe Lošinj, quasi im Lee des großen Urlauberansturms. Die Wienerin Mara verbringt hier ihre Sommer als Edeltouristin und hat sich soeben von ihrem Freund getrennt. Mara ist Schriftstellerin (Metaebene!) und hat naturgemäß eine Schreibhemmung; das fühlt sich so an, als säße in ihrem Inneren ein strenges „kleines Mädchen im Faltenrock“. Als sie eines Morgens des unsteten Fotoreporters Andrej ansichtig wird, verknallt sie sich unverzüglich in ihn, so, als sei sie nicht 40, sondern 14. Unruhig wie eine Blume im Wind (Leitmotiv!) wird Mara von ihrem Gefühlsüberschuss über die Insel getrieben und muss sich von ihren verständnisvollen Inselfreunden trösten lassen, ohne dass die Leser erführen, weswegen. „Haben sie jetzt schon gebudert?“, fragt der
Strandnachbar, der seit 70 Seiten die Rezensentin ächzen hört. „Nein, sie ist noch nicht bereit für eine neue Beziehung!“ Dann
klappt’s endlich mit dem feschen KroatoAmerikaner, die Schriftstellerin fühlt „ein paar große Kirchenglocken, die direkt in meinem Brustkorb läuteten“. „Wenn ich verliebt bin, werde ich pathetisch, das stört mich daran.“ Wen nicht?!
es geht aber auch um die Geschichte der Insel unter besonderer Berücksichtigung der Emigration nach Hoboken, New Jersey, und unter noch stärkerer Berücksichtigung der Familiengeschichte von Andrej. Ergänzt wird dies durch Berichte über Maras Schreibpraxis, die Entauratisierung der Fotografie in Zeiten der digitalen Reproduzierbarkeit sowie istrische Kulinarik; nicht zu vergessen die Dialektik von Bora (kalter Fallwind) und Jugo (Südwind).
Die Liebe ist ein seltsames Spiel, sie kommt
und weht von einem zum andern. So wechseln auch die Perspektiven, aus denen die Geschichte erzählt wird. Weil es keine Liebe ohne Drama gibt, beginnt das freiheitsliebende Paar relativ bald mit neurotischen Zänkereien. Nur wissen wir hier auch nicht genau, ob der Zwist auch andere als dramaturgische Gründe hat, das wird nicht wirklich klar, zumindest aber löst er die Schreibblockade der Schriftstellerin. Schreiben kann Cerha durchaus, ein strengeres Lektorat hätte ihr aber wenigstens die Glocken aus der Brust entfernt oder Sätze wie den folgenden verhindert: „Wenn ich etwas unbedingt möchte, beachte ich meine Achselhöhlen aber nicht.“ „Bora“ ist ein etwas geschwätziger Roman, in dem viel erklärt und in langen, adjektivstarken Parataxen erzählt wird – vom Moment des Verliebens und von mangelhafter Mülltrennung, von haubitzenvollem Besoffensein und schlampiger Geschützwartung. Allzu oft dienen die Dialoge als bloßes Informationsvehikel. Es geht um die Liebe,
So schlicht, wie das klingt, ist der Roman aber
Ruth Cerha: Bora. Eine Geschichte vom Wind. Frankfurter Verlags-Anstalt, 288 S., € 20,50 Lesungen: 8. Oktober, 19 Uhr, Tiempo Nuevo Genussbuchhandlung, 2., Taborstraße 17A 22. Oktober, 18 Uhr Buchaktuell, 9. Spitalgasse 31A
keineswegs immer. Als Mara ihrer Dochnicht-Schwiegermutter erklären will, dass sie sich zwar ihrer Familiengeschichte bediene, aber literarisch eh brav verfremde, grantelt diese auf gut New Jersysch zurück: „I am not a jerk, I know what a novel is.“ Schön auch die Idee mit dem „Amt zur Prüfung der Daseinsberechtigung“, das ideenlose Literaten molestiert. Und obwohl sich „Bora“ etwas zu penetrant als Urlaubslektüre aufdrängt, ertappt man sich dann doch bei dem Wunsch, nächsten Sommer wieder einmal nach Kroatien zu fahren. Weil: Pittoreskes Inselleben! Die köstliche Seezunge, der feurige Schnaps, die warmherzigen Leute!! Wäre man Leiterin des Kvarner Tourismusbüros, man wollte Cerha einen ganz lieben Brief schreiben. DOMINIK A MEINDL
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Der Duft des Oleanders
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Prohaskas erster Fall in Istrien Der Krieg hat einen langen Arm. Die Zeit danach ist die der Abrechnung. Und die der Rache. Sie wirkt über Generationen bis zum nächsten Krieg und darüber hinaus. Ein Teufelskreis seit Menschengedenken. Die einen nennen es Politik, die anderen Schicksal oder einfach Zufall. Aber Verbrechen geschehen Tag für Tag, egal wie man es nennt …
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liter atur
„Anfangs waren wir größenwahnsinnig“ Der Sachbuchverlag Kremayr & Scheriau hat jetzt auch Literatur. Programmleiterin Tanja Raich erklärt, warum
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ast jeder dürfte schon einmal ein Buch von Kremayr & Scheriau in der Hand gehabt haben. „Die gute Küche“ von Ewald Plachutta und Christoph Wagner gehört ebenso zur Backlist des Verlags wie „Haiders Kampf “ von Hans-Henning Scharsach. Ab jetzt veröffentlicht der seit 1951 bestehende Sachbuchverlag auch Romane. Wie das kommt, erklärt Tanja Raich, die für die K-&-S-Literaturreihe verantwortlich ist. Falter: In Österreich existiert schon
eine Fülle an Literaturverlagen, die Verkaufszahlen sind rückläufig. Warum tut sich Kremayr & Scheriau jetzt auch noch Literatur an? Tanja Raich: Gegenfrage: Warum eigentlich nicht? Fragt jemand, wozu es einen neuen Kochbuchverlag braucht? Wir haben einfach Lust drauf, anspruchsvolle und schöne Bücher zu veröffentlichen. Man muss die Ansprüche von außen ausblenden und von der Sache zu 200 Prozent überzeugt sein, erst dann kann es funktionieren. Was ist die Intention hinter Ihrer Literaturschiene? Raich: Wir wollen mit unserer Literaturreihe in erster Linie neue Autorinnen und Autoren entdecken, die durch ihren unverwechselbaren Ton auffallen, die einen ungewöhnlichen Blick auf die Welt einnehmen und relevante Themen unserer Zeit verhandeln. Wir wollen die Vielfalt der österreichischen Literatur zeigen im doppelten Sinn: auch mit Tagesleuchtfarben, UVLack, Silbereffekt, ungestrichenem Papier, Transparentseiten, farbigem Vorund Nachsatz, Lesebändchen, kleinen Grafiken im Buch selbst. Jedes Buch hat etwas Spezielles. Es gibt hierzulande einige wenige größere Literaturverlage und eine
Fülle an Kleinverlagen. Wollen Sie die Position in der Mitte erobern? Raich: Als renommierter Verlag mit Bestsellerautoren wie Karim El-Gawhary, Niki Glattauer und Paul Lendvai spielen wir natürlich in einer anderen Liga als die kleineren Verlage, die oftmals Einmann- oder „Wir verfolgen keine Spitzentitelpolitik, sondern versuchen, für jedes Buch alles rauszuholen, was irgendwie geht“ Tanja Raich
infraubetriebe sind und mit sehr viel E Leidenschaft und Idealismus am Leben erhalten werden. Allerdings sollte es – gerade in der Literatur – nicht um irgendwelche Vergleiche gehen: Jedes Buch steht für sich und muss seinen Weg in den Buchmarkt finden. Was machen Sie anders als die vielen Mitbewerber? Raich: Wir hängen uns rein und verfolgen keine Spitzentitelpolitik. Wir versuchen für jedes Buch alles rauszuholen, was irgendwie geht. Natürlich gelingt das nicht immer, aber trotzdem haben alle unsere Autorinnen und Autoren das Gefühl, dass wir alles versucht haben. Jetzt sind die ersten vier Bücher erschienen. Wie weit war der Weg? Raich: Wir arbeiten seit Jänner 2014 an diesem ersten Programm und haben uns sehr lange und intensiv damit auseinandergesetzt. Im Grunde haben wir ein Literaturprogramm aus dem Nichts gestampft. Wir haben uns Verlagsnamen überlegt, die nie zustande gekommen sind, wir hatten Dutzende Entwürfe für unser Logo und ein mögliches Reihendesign. Wir haben uns zu
Beginn als Verlag sehr wichtig genommen, sind aber draufgekommen, dass das Buch in seiner Individualität im Vordergrund steht, dass ein zurückhaltendes Reihendesign und ein dezentes Logo der bessere Zugang sind. Wir waren anfangs ziemlich größenwahnsinnig und sind nach dem Eintreffen der Kostenvoranschläge dann doch wieder auf den Boden der Realität zurückgeworfen worden. Welche Fehler sind Ihnen bei den ersten Titeln unterlaufen? Raich: Fehler im eigentlichen Sinn sind keine passiert. Ich konnte sie alle rechtzeitig abwenden, da ich auf die 30-jährige Berufserfahrung unserer Programmleiterin Barbara Köszegi zählen oder bei Detailfragen unsere Druckerei Theiss zu Rate ziehen kann. Also sind dann doch die richtigen Formatangaben und Seitenzahlen im Katalog gestanden, sind keine rechten Seiten weiß geblieben und die Transparentseiten in den „183 Tagen“ auf der richtigen Seite bedruckt worden. Als Sie das erste Programm vorbereiteten, wusste noch niemand, dass Kremayr & Scheriau jetzt auch Literatur macht. Wie sind Sie zu den Autoren gekommen? Raich: Ich bin zu Lesungen gegangen, habe Literaturzeitschriften gelesen, Wettbewerbe und Stipendienvergaben verfolgt und bin dann gezielt auf die Leute zugegangen. Sie sind mit vier jungen Autoren gestartet. Soll es ein junger Literaturverlag werden? Raich: Ich mag das Wort „jung“ nicht, weil es impliziert, dass wir nur Autorinnen und Autoren unter 30 ins Programm nehmen. Jung im Sinne von: neu, unbekannt, experimentierfreu-
dig und zeitgemäß. Das Alter spielt da keine Rolle. Inzwischen werden Sie wohl mit Manuskripten überhäuft. Raich: Ja, aber das muss ja nichts Schlechtes sein. Das einzige Problem ist, dass viele Manuskripte nicht so zügig abgearbeitet werden können und es daher zu langen Wartezeiten kommt, auch wenn wir uns um eine schnelle Bearbeitung bemühen. Wenn bei uns Hochbetrieb herrscht, bleibt kaum Zeit zum Sichten der Manuskripte. Aber die ruhigen Momente gibt es dann doch auch wieder. Wie schaut der Arbeitsalltag einer Literatur-Programmleiterin aus? Raich: Chaotisch. Dass man sich den ganzen Tag in Zettelbergen eingräbt und liest, ist eine Wunschvorstellung. Buchcover, Vorschautexte, lange Telefonate mit der Druckerei, Kommunikation mit Autorinnen und Autoren bezüglich Presse und Lesungen – all das gehört auch dazu. Wo wollen Sie sich eigentlich ästhetisch positionieren? Raich: Ein besonderes Augenmerk legen wir auf das Spiel mit der Sprache. Die Titel unseres Herbstprogramms machen das deutlich, seien es nun die skurrilen und poetischen Kurzgeschichten von Irmgard Fuchs oder der unkonventionelle Zugang von Ianina Ilitcheva in „183 Tage“, die verschiedene Sparten vereint und ihr Buch zu einem Gesamtkunstwerk gemacht hat. Auch wenn das vielleicht etwas schwammig klingt: Die Bücher müssen etwas bewegen, die Figuren müssen spürbar und die Dringlichkeit des Erzählens erkennbar sein. Klassisch erzählte Wohlfühlliteratur interessiert mich nicht. SEBASTIAN FASTHUBER
Abgelenkt und überqualifiziert – Debüts aus den neuen Literaturverlagen Kasussuffixe im Tschuktschischen bestimmt das Leben des Endzwanzigers Eduard. Er ist Tschuktschologe am – fiktiven – Institut für Sprachen und Kulturen der Arktis in Wien und steht kurz vor dem Durchbruch in der Community der Sprachwissenschaftler. Weil er in Wien zu vielen Ablenkungen ausgesetzt ist, zieht er sich in eine südenglische Kleinstadt zurück, um endlich seine bahnbrechende Studie schreiben zu können. Dass er sein Pensionszimmer umgehend abdunkelt, damit die Außenwelt ihn nicht behelligen kann, hilft jedoch nichts, denn ein Stockwerk über ihm logiert eine junge Frau, die ihn erst nicht in Ruhe und ihm dann keine Ruhe mehr lässt. „Zuerst der Tee“ ist der erste Roman des Wieners Gábor Fónyad (Jg. 1983), der selbst Sprachwissenschafter ist und als Finno-Ugrist zwar nicht
das Tschuktschische, dafür aber die sibirische Sprache Mansisch unterrichtet. Seine Hauptfigur entspricht dem Klischee vom verbohrten, weltfremden Forscher mit leicht zwanghaften Zügen. Manchmal möchte man Eduard nehmen und schütteln, aber im Grunde ist er nicht unsympathisch. Fónyad hat eine Parodie auf den Wissenschaftsbetrieb und eine ziemlich kitschfreie Liebesgeschichte geschrieben. SF
Gábor Fónyad: Zuerst der Tee. Verlag Wortreich, 192 S., € 19,90
„Übergangsinseln“ heißt der letzte und
formal auffälligste Text in dem Erzählband „Wir zerschneiden die Schwerkraft“, mit dem Irmgard Fuchs (Jg. 1984) ihr Buchdebüt vorlegt. Er besteht ausschließlich aus Bewerbungsschreiben, die mit „P. Gruber“ gezeichnet sind und die Geschichte der zunehmenden Verzweiflung eines jungen Menschen erzählen, für den es auf dem Arbeitsmarkt trotz eines abgeschlossenen Studiums keine Perspektive gibt, lediglich unbezahlte Praktika oder Ablehnung mit dem Vermerk „überqualifiziert“. Die Briefserie beginnt mit unterwürfiger Anbiederung – „Ich stehe jederzeit zu Ihrer Verfügung“ – und endet in blanker Resignation: „Ich bitte Sie, denken Sie sich einfach selber, was Sie gerne hier lesen und über mich erfahren würden (…). Wie fast alle Menschen meines Alters, die keine Wahl
haben, bin ich sehr anpassungsfähig und zu fast allem bereit.“ Auch in den konventioneller erzählten Texten geht es bei Irmgard Fuchs meist um Menschen, die darunter leiden, zu viel Tagesfreizeit zu haben und sich ziellos durch die Stadt treiben lassen – oder aber ihre Zimmer kaum noch verlassen. Das Leben ist eine Zumutung? Da hilft nur noch, dem Geschehen groteske Züge zu verleihen. SF
Irmgard Fuchs: Wir zerschneiden die Schwerkraft. Erzählungen. Kremayr & Scheriau, 206 S., € 19,90
Foto: Kremayr & Scheriau
:: Die funky Welt der
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12 Bücher im Jahr – optimistisch, fürwahr! Karoline Cvancara stand lange Jahre im Jazzladen Red Octopus. Jetzt hat sie den Verlag Wortreich gegründet
S
chwarze und silberne Scheiben haben die ersten 35 Lebensjahre von Karoline Cvancara entscheidend geprägt. Ihre Eltern führten den Jazzladen Red Octopus in der Josefstädter Straße, die Tochter stand früh selbst im Geschäft. Schon nach der Matura verkaufte sie überwiegend älteren Herrschaften mit meist klar ausgeprägten Vorlieben Jazzplatten. Eine harte, gute Schule: Auch wenn der Red Octopus 2009 in Konkurs ging, konnte Cvancara dort ein Verkaufstalent entwickeln, das ihr nun womöglich zugute kommen wird. Nach zwei kleineren beruflichen Intermezzi hat die Wienerin im Vorjahr nämlich beschlossen, etwas zu tun, das auf den ersten Blick ungefähr so erfolgversprechend und profitabel erscheint wie ein Plattenladen in Zeiten von Streaming: Sie hat einen Literaturverlag gegründet. Er hört auf den Namen Verlag Wortreich. „Das hat drei Bedeutungen“, informiert die selbstbewusste Neo-Verlegerin. „Bücher sind reich an Worten, klar. Außerdem habe ich mit dem Verlag ein Reich für Worte geschaffen. Und am Ende wäre es natürlich schön, wenn mich die Worte auch reich machen würden.“ Die Gründerin lacht, aber sie meint es so, wie sie es sagt. Echt jetzt: Karoline Cvancara wird vom Glauben an die Sache und einem schier unglaublichen Optimismus angetrieben. Sie ist felsenfest davon überzeugt, dass ein Literaturverlag mit unterhaltsamer, aber nicht zu leichter Kost hierzulande noch gefehlt hat.
„Ich will Bücher machen, die man nicht mehr aus der Hand legen kann“ Karoline Cvancara
Foto: wortreich
You can judge a book by its cover Wodurch aber will sie sich von der Konkurrenz abheben? „Das fängt schon bei den Covern an. Im Plattenladen habe ich gelernt, dass das Cover stark verkaufsfördernd sein kann – oder auch das Gegenteil. Auf Büchertischen sieht man leider gleich, welche Bücher aus österreichischen Verlagen kommen. Es sind die mit den uninteressantesten und hässlichsten Covers.“ Nun werden die ersten sechs Bücher – je drei Romane sind im Mai beziehungswei-
Buchpräsentationen: 9. November, 19 Uhr Buchhandlung Orlando Peter Wawerzinek: Ich Dylan Ich Karoline Cvancara: Am Tiefpunkt genial, 9., Liechtensteinstr. 17
se September erschienen – im Verlag Wortreich auch keine Buchdesignpreise gewinnen. Aber durch die einheitliche Covergestaltung sie immerhin identifizierbar. Entworfen werden sie von der Malerin Alice Haring, die sich von der Lektüre der Manuskripte inspirieren lässt. Dass Cvancara es etwas anders machen will, zeigt sich auch an ihrem ungewöhnlichen Veröffentlichungsrhythmus. Statt zwei Programme pro Jahr zu machen, sollen bei Wortreich drei Romane pro Quartal erscheinen. Das soll dem neuen Verlag die Chance geben, in Zeiten, in denen es im Literaturbetrieb etwas ruhiger zugeht, mit seinen Büchern verstärkt aufzufallen. Der nächste Schwung kommt bereits im November, darunter ein Buch von Peter Wawerzinek – für einen Wiener Kleinverlag schon eine mittlere Sensation – sowie eines von einer gewissen Karoline Cvancara.
Roman statt Diplomarbeit Die Verlegerin ist nicht nur musikalisch, sondern auch literarisch vorbelastet, war immer schon an Musik und Literatur interessiert. „Bereits als ich schreiben lernte, wollte ich Schriftstellerin werden“, erzählt sie. „Mein erster Roman ist entstanden, als ich eigentlich meine Publizistik-Diplomarbeit machen wollte. Eines Tages habe ich aber ein neues Dokument aufgemacht und stattdessen einen Roman geschrieben.“ Aufgefallen ist sie damit nicht. „Schlaflos“, ihr bislang einziger Roman, erschien 2006 unter ferner liefen im Verlag Viza Edit. Positiv gedacht, und Karoline Cvancara denkt immer positiv, heißt das: „Ich habe durch meine eigene Verlagssuche die Verlagslandschaft in Österreich kennengelernt und gemerkt, dass es einen guten, engagierten Literaturverlag braucht, der sich für seine Autoren einsetzt.“ Was sie veröffentlicht, entscheidet allein das Bauchgefühl: „Es ist wie bei einer JazzCD, die mich vom ersten Takt an erwischen muss. Auch Bücher müssen mich von der ersten Seite an reinziehen. Es muss ein ge-
wisser Sog und eine Dynamik drin sein. Ich will Bücher machen, die man nicht mehr aus der Hand legen kann. Und ich träume davon, dass mir in ein, zwei oder drei Jahren einmal ein Bestseller gelingt.“ Nachsatz: „Mir ist aber auch klar, dass es dafür viel Glück braucht.“
Warten auf die schwarzen Zahlen Träumen ist erlaubt, das Machen hat bei Karoline Cvancara jedoch Vorrang. Abgesehen von der Pressearbeit, mit der sie zwei Bekannte aus der Musikbranche betraut hat, ist sie im Verlag für alles selbst zuständig und rotiert permanent zwischen dem Manuskriptlesen, um die kommenden Programme vorzubereiten, und der Produktion der gerade anstehenden Titel. „Momentan ist das noch totale Selbstausbeutung. Ich kenne das ja schon, der Red Octopus hat jahrelang genauso funktioniert. Aber ich würde den Verlag nicht machen, wenn ich das für chancenlos hielte.“ Finanziert wird Wortreich fürs Erste mit eigenem Geld sowie von Investoren aus dem familiären Umfeld. Verlagsförderung gibt es in Österreich erst, wenn man drei Jahre überstanden hat. Geld verdienen möchte Cvancara aber eigentlich schon früher. Wobei sie ihre ursprünglichen Ziele schon ein wenig an die realen Gegebenheiten anpassen musste: „Bei der Gründung habe ich gesagt, bis zum Jahresende will ich schwarze Zahlen schreiben. Da haben alle herzlich gelacht. Mittlerweile schmunzle ich mit.“ Einiges ist ihr aber bereits gelungen. Bei den ersten Verlagspräsentationen waren die Häuser voll. Wortreich-Bücher sind in den städtischen Buchhandlungen nicht nur erhältlich, sondern liegen mitunter sogar gut ersichtlich auf den Tischen auf. Und als Vertrieb konnte die Neo-Verlegerin Mohr Morawa gewinnen. „Die habe ich schon vor der Verlagsgründung sekkiert – und war erfolgreich“, sagt sie zufrieden. „Mit Optimismus kann man viel bewegen.“
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Buchtipp von:
Wollzeile 11
Herzbewegende Komik und sanfte Melancholie – der erste große Erzählband von Michael Krüger »ein Meister dichter Formen« FAZ, Alexander Košenina
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kinderbuch
„Ich war nie eine Leseratte“ Der Wiener Thomas Mendl über das österreichische Idiom, den Tod und seine Lieblingsbücher als Kind
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leich mit seinem ersten Kinderbuch „Im Land der Stundendiebe“ landete Thomas Mendl einen veritablen Erfolg, mit „Herr der Krähenmänner“ legt er nun seinen zweiten Roman vor. Der Falter traf den Autor in dessen Haus in Wien, wo er mit Frau und zwei Töchtern lebt.
Falter: Wir sitzen hier in Ihrem wunderschönen, alten Elternhaus. Der Ort Valmot, den Sie in Ihrem neuen Roman schildern, ist ein idyllischer Ort aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Eine Idylle mit Wolkenkratzern und Handys ist ja eher schwer vorstellbar, oder? Thomas Mendl: Das stimmt. Diese kindliche Idylle, die man selbst noch so erinnert, die kommt in meinen Büchern relativ stark zum Tragen, weil es natürlich auch eine Sehnsucht ist, gerade in der heutigen pragmatischen und schnelllebigen Zeit. Ich schreibe in erster Linie einmal für mich, sonst würde es nicht funktionieren. In dem Moment, in dem das Buch fertig ist und von anderen gelesen und goutiert wird, dann merke ich an den Rückmeldungen, dass diese Bedürfnis andere scheinbar auch haben,
Wer kriegt das zuerst vorgelesen? Frau oder Kinder? Mendl: Ich bin da extrem zurückhaltend. An meinem ersten Buch habe ich immerhin über drei Jahre geschrieben, und niemand hat je irgendwas zu Gesicht bekommen. Als es fertig war, habe ich es als Erstes meiner Frau vorgelesen. Das erste Buch habe ich ja nur für meine Mädels geschrieben, meine Frau meinte dann allerdings, es sei zu gut, als dass man es nur in der Schublade liegen lässt.
torin meinte, zwar irgendwie nett, werde in Deutschland aber nicht verstanden. Aber weil meine Bücher ja nirgends verortet sind und keinen Bezug zu Österreich oder Wien haben, hat es mir nicht sonderlich wehgetan, auf solche Wendungen zu verzichten. Und es ist ja leider eine Tatsache, dass die österreichischen Kinder durch die Medien Germanizismen gewöhnt sind. Ich habe aber schon darauf geachtet, keine superdeutschen Worte wie „Klamotten“ zu verwenden. Zur Person Thomas Mendl 1967 in Wien geboren, besuchte eine Werbefachschule und hat eine Ausbildung im Bereich der neuen Medien. Er arbeitete als Illustrator und lebte einige Jahre im Ausland, bevor er, durch die Geburt seiner Zwillingstöchter inspiriert, mit dem Verfassen von Geschichten für Kinder begann
War es für Sie als Österreicher ein Problem, dass Ihr Buch bei einem deutschen Verlag und somit auch „auf Deutsch“ erschien? Mendl: Es wurde mir vom Verlag schon nahegelegt, die sogenannten Austriazismen zu neutralisieren. Weil ich ziemlich lange in Deutschland gelebt habe, kenne ich da aber auch keine Berührungsängste. Andererseits habe ich von vielen Begriffen gar nicht gewusst, dass das Austriazismen sind.
In Ihrem neuen Buch geht es um Erinnerungen, und es gibt diesen Ausspruch, ein Mensch sei erst tot, wenn man sich nicht mehr an ihn erinnert. Mendl: Das war mir sehr wichtig. Es gab zwar keinen konkreten Anlassfall, aber es ist einfach ein Thema, das man Kindern nicht ersparen sollte. In einer Szene trifft der Tod auf den Protagonisten Leon. Das ist eine richtig rasante Szene, bei der ich mir dachte: Der Tod ist ein Steampunk! Mendl: Genau, er ist irgendwie ein Freak, aber nicht der, für den er immer gehalten wird. Er sagt von sich: Ich bin nicht böse, sondern ich tue, was ich tun muss. Hatten Sie als Kind ein Lieblingsbuch? Mendl: Ich war nie die Leseratte, die ich als Autor eigentlich sein sollte. Meine Mutter hatte tausende Bücher, und ich hab halt immer irgendwas geschnappt, aber keine speziellen Kinderbücher. Am meisten mochte ich Bücher mit Bildern. Die Mumins von der Tove Jansson habe ich geliebt – sowohl die Textbücher als auch die cartoonartigen. Maurice Sendaks „Wo die wilden Kerle wohnen“ war auch eines meiner Lieblingsbücher und natürlich „Die kleine Raupe Nimmersatt und „Das Kleine Ich-binIch“ von Mira Lobe. Das ist ein großartiges Buch, sehr intelligent, toll gereimt, das habe ich als kleines Kind sogar nachgebaut. So etwas wie „Tom Sawyer“ zählte nicht zu Ihrer Lektüre? Mendl: Die wirklich literarischen Bücher eher wenig, ich habe mir halt sehr gerne Dinge selbst ausgedacht. Mein Vater hat es geliebt, mit Sprache zu jonglieren, wir sind zusammen gesessen und haben uns
Zum Beispiel? Mendl: Eine Redewendung wie „Streif nicht an mir an!“ klinge, wie die deutsche Lek-
irgendwelche verrückten Gedichte ausgedacht. Das war sozusagen mein Sprachunterricht, in der Schule selbst war ich nicht so der Bringer. Sie haben für Ihr erstes Buch sehr hübsche Vignetten zu den Kapiteln gemacht, im neuen haben Sie darauf verzichtet. Mendl: Weil ich ja eigentlich Illustrator bin, war das für mich die optimale Ergänzung. Die Zielgruppe des zweiten Buches ist älter, und der Verlag wollte jeden Eindruck vermeiden, es könnte sich um ein Bilderbuch handeln. Ich habe auch schon von einigen Leuten die Rückmeldung bekommen, dass da gar nichts fehlt. Mit der Gestaltung der Einbände, für die in beiden Fällen Verena Körting verantwortlich war, sind Sie zufrieden? Mendl: Ich war mit beiden Covern sehr einverstanden. Es ist ja so, dass das Design immer Verlagssache ist. Da habe ich damals sehr vorsichtig angemerkt: „Ich bin ja auch Illustrator!“ Nun hat aber Frau Körting schon für wirklich viele und sehr renommierte Autoren Covers gemacht. Und für den Handel heißt das natürlich immer: „Oh wow, das ist die Illustratorin von der Kirsten Boie!“ Ich fand beide sehr schön gemacht, wobei mir das neue fast noch eine Spur besser gefällt, weil es ein bisschen zurückgenommener ist und weniger vom Inhalt verrät. Ich darf es aber schon absegnen, und wenn der Autor die ganz schrecklich findet, werden Covers schon auch noch geändert. Lesen Ihre beiden 13-Jährigen noch? Mendl: Ich muss gestehen, dass sie aufgrund von Handys und Schule zu wenig lesen. Ich war, wie gesagt, selber kein Vielleser, fände es aber nicht schlecht, wenn sie mehr lesen würden. Wird es bald ein drittes Buch geben? Mendl: Es ist halt immer so: Man kann es nicht erzwingen. Es muss von allein kommen. Im Moment lenkt mich noch sehr viel vom Schreiben ab, aber ich hoffe, wenn der Herbst richtig da ist und das Feuer im Ofen knistert, dann kommen wieder die Gedanken und Ideen. Nein, eigentlich bin ich überzeugt davon! INTERVIE W: ISA GROSSMANN
:: Gottverlassen und verträumt, so
kennt der zwölfjährige Leon seinen Heimatort Valmot. Kein Fremder findet den Weg über die einzige Straße in das abgeschiedene Dorf, das auch niemand verlassen darf. Die Bewohner teilen alle ein Schicksal, von dem Außenstehende auf keinen Fall erfahren sollen. Niemand weiß, wann es angefangen hat, aber keiner im Dorf Valmot altert. Leon hat schon unzählige zwölfte Geburtstage gefeiert und würde endlich auch einmal einen 13. begehen wollen. Doch wie viele Jahre auch ins Land ziehen, Zeichen des Älterwerdens sind nicht wahrzunehmen. Eines Tages fehlen an einigen Häusern Dachziegel, dann verschwinden Pflaster-
Thomas Mendl: Herr der Krähenmänner. Oetinger, 336 S., € 15,50 (ab 10)
steine aus den Straßen und auf dem Marktplatz ist der Springbrunnen kaputt. Um die Schäden zu beheben, erteilt der Bürgermeister ausnahmsweise die Erlaubnis, Baumaterial aus der nächstgelegenen Stadt zu holen. Die Gelegenheit für Leon und Fliege, endlich einmal aus ihrem Ort rauszukommen. Kaum sind die beiden in der Stadt angelangt, wird Herr Morelli, ihr erwachsener Begleiter, von den geheimnisvollen Krähenmännern entführt. Leon und Fliege werden noch rechtzeitig von dem Mädchen Marietta versteckt und gelangen schließlich in den Besitz eines rätselhaften Buches, hinter dem auch der Herr der Krähenmänner
her ist. Damit beginnt für die Freunde ein Wettlauf mit der Zeit, denn in ihrer Abwesenheit beginnt Valmot zu zerfallen. Thomas Mendls zweites Kinderbuch ist ein düster-fantastisches, rasantes Abenteuer mit einem überraschenden, gleichwohl berührenden Ende. Auf dem Höhepunkt der Geschichte treffen Leon und Fliege auf keinen Geringeren als den Tod, der sich sowohl furchteinflößend als auch gütig gibt, ein Faible für Opern hat und den Kindern die Lektion ihres Lebens erteilt. Und den beiden die Frage stellt, auf die wohl jeder Mensch eine eindeutige Antwort geben würde: „Ihr wollt gerne weiterexistieren, hab ich recht?“ I S A G R O S S M A N N
Foto: thomas mendl
Leon und Fliege werden nicht älter, und der Tod hat ein Faible für Opern
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Illustrierte Weltgeschichte
Neue Kinderbücher Pioniergeist und gefüllte Mägen
Hörbuch
Die Geschichte der Menschheit auf 96 Seiten
Lemony Snicket alias Daniel Handler
H.C. Andersens Märchenklassiker auf sechs CDs
er französische Bilderbuchautor Yvan Pommaux hat gemeinsam D mit dem Historiker Christophe Ylla-
Somers ein sehr ambitioniertes Vorhaben verwirklicht: In ihrem Buch „Wir und unsere Geschichte“ erzählen sie auf nicht einmal 100 Seiten die Geschichte der Menschheit. Der großformatige Band ist zum einen ein detailreiches Bilderbuch, das zum Staunen und Entdecken anregt, auf den Seiten findet aber auch einiges an Text Platz. Und der hat es durchaus in sich. Das Buch richtet sich an Leser ab neun. Es schadet aber sicher nicht, wenn auch noch ein Erwachsener mitliest, finden sich doch auf fast jeder Seite Begriffe oder Formulierungen, bei denen Erklärungsbedarf besteht. Was nicht heißen soll, dass der Text trocken wäre – ganz im Gegenteil. „Wir und unsere Geschichte“ ist ebenso unterhaltsam und spannend wie lehrreich, was sehr stark mit der gewählten Perspektive zusammenhängt. Pommaux und Ylla-Somers erzählen Geschichte nämlich nicht aus der Sicht von Monarchen oder Präsidenten. Sie beschreiben stattdessen die Taten jener Menschen, die die Erde bevölkert und durch ihre Arbeit verändert haben: Bauern, Handwerker, Künstler oder Gelehrte. Dass man bei allem Wissensdrang nie alles wissen kann, machen die Autoren schon im tollen ersten Satz klar: „Wir kennen den Anfang unserer Geschichte nicht und werden ihr Ende nicht erfahren.“ sebastian fasthuber
Yvan Pommaux, Christoph YllaSomers (Illustr.): Wir und unsere Geschichte. Moritz, 96 S., € 26,80 (ab 9)
ist eine witzige Ausnahmeerscheinung im Literaturbetrieb. Der Autor von „Meine rätselhaften Lehrjahre“, einer schaurig-schönen Serie rund um drei Waisenkinder, hält sich bedeckt. Bei Lesungen stellt er sich gerne als Repräsentant von Lemony Snicket vor und gibt allerlei absurde Ausreden zum Besten. Die „Rätselhaften Lehrjahre“ handelt vom jungen Lemony Snicket. Als Praktikant seiner strengen Mentorin S. Theodora Markson nimmt er sich in detektivischer Manier merkwürdiger Fällen an. Im dritten Teil geht es um Brandstiftung in der Stadt Schwarzaus-dem-Meer. Der auch strenge, aber beliebte Bibliothekar Dashiell Qwertz steht unter Verdacht, die Verbrechen begangen zu haben. Die Illustrationen des Comiczeichners Seth und „kontroverse Themen“ wie Zündeln oder Kaf-
Lemony Snicket: Feueralarm! Deutsch von Sabine Roth. Goldmann,256 S., € 10,30 (ab 9)
feetrinken ziehen die Leser in die Geschichte hinein, die wegen ihrer avancierten Sprache erst zu erobern ist. MARIANNE S C HRE C K Im Jahr 1925 erfand der SF-Autor und
Konstrukteur Hugo Gernsbeck die Konzentrationshaube. Sie ist ein gespenstisches Ding mit einem Sauerstoffschlauch. Wer sie sich übers Gesicht zieht, hört nichts und nimmt durch zwei Augenschlitze lediglich einen textzeilenhohen Ausschnitt wahr. Man sieht aber auch, was diese Haube mit dem Mann angestellt haben muss: Verzweiflung und Schweiß ohne Ende. Im Band „Das funktioniert?“ werden allerlei Erfindungen vorgestellt, die sich nicht recht durchsetzen konnten oder als Schwindel aufgeflogen sind. So wie bei dem Schachautomat aus dem 18. Jahrhundert, der auch unter dem Namen „Schachtürke“ bekannt wurde. Dass in dieser „denkenden Maschi-
Malgorzata Mycielska (u.a.): Was funktioniert? Verblüffende Erfindungen. Moritz, 128 S., € 13,40 (ab 8)
ne“ in Wirklichkeit ein Mann saß, der dank eines ausgetüftelten Kommunikationssystems unbeobachtet das Spiel machte, blieb den staunenden Zusehern verborgen. Erst 65 Jahre später konnte das Rätsel gelöst werden. Das Schöne ist, dass das Buch auf komische Weise die Lust auf Pioniergeist vermittelt. MS Das erste Kochrezept von „Der kleine
Koch“ wartet mit einem Missgriff auf, denn mit „gratiniertem Pfannkuchen“ lässt sich kein Schulkind hinter dem Ofen hervorlocken. „Seemannsfutter mit Blubbspinat“ hört sich schon wesentlich „kindgerechter“ an. Weiter zu den „Zucchini-Raketen“: Diese bestehen aus frittierten Zucchinischeiben und geschnittenen Paradeisern und, wenn man sie aufspießt und auf dem Teller platziert, dann könnte man an ein Himmelsgeschoß denken. Die Strategie der Autoren ist spätestens bei diesem Rezept klar: Gemüseverweigerern mit originellen Namen beikommen. Es ist ein unaufgeregt gemachtes Slow-Food-Kochbuch für die kleinen angehenden „Foodies“. Die Autoren sind spürbar darum bemüht, Freude am Selberkochen zu vermitteln. Der kasperlartige Charme funktioniert bei den Illustrationen und Rezepten, aber nicht beim Vorwort, das zu bemüht wirkt. Eine kleine Überraschung gibt es für die Erwachsenen: Pektin selbst herstellen. MS
Flora Hohmann (u.a.): Der kleine Koch. Oekom, 69 S., € 13,40 (ab 6)
er Märchen mag, kommt an W Hans Christian Andersen nicht vorbei. Der dänische Dichter von der
traurigen Gestalt hat sich oft und immer vergeblich verliebt und die Zurückweisungen durch seine Angebeteten in vielen seiner insgesamt 156 Kunstmärchen verarbeitet. Eines seiner berühmtesten, das von der kleinen Meerjungfrau, schrieb er auf einer einsamen Insel, auf die er geflüchtet war, nachdem er wieder einmal eine Abfuhr bekommen hatte. Andersen stammte aus ärmlichen Verhältnissen, wurde zeitlebens von Hypochondrie und Tics geplagt und musste auch lange um seine Anerkennung als Schriftsteller kämpfen. Was ihm selbst an Glück versagt blieb, bewältigte er kompensatorisch in seinen bittersüßen Geschichten. Andersens Märchen kreisen um das, woran es dem Autor selbst mangelte: um Wärme und Zuwendung – unvergleichlich schön und schmerzlich dargestellt im „Mädchen mit den Schwefelhölzern“. Anlässlich zweier, eher „unrunder“ Jubiläen (210. Geburts- und 140. Todestag) ist eine sechs CDs umfassende Hörbuch-Box erschienen, die neben Klassikern auch weniger populäre Märchen wie „Die Stopfnadel“, „Das kleine Räubermädchen“ oder „Tölpelhans“ versammelt. Sie werden u.a. von Gerd Baltus, Tommi Piper oder Karl Menrad gelesen, von stimmungsvoller Musik umrahmt und entführen für mehr als sechs Stunden in Andersens wundersame Welt. Isabell a Grossmann
Hans Christian Andersen: Die schönsten Märchen. Jumbo, 6 CDs, € 20, 60 (ab 5)
Ein der alles verändert Seit Jahren sind Juli, Niels, August und Ronja beste Freunde, fast alles haben sie zusammen gemacht – wie Raben. Jetzt, nach dem Abitur, muss jeder für sich entscheiden, wie es weitergeht. Schlag auf Schlag, verändert sich alles: Niels macht mit Juli Schluss. August lüftet sein Geheimnis. Und Ronja geht nach London. Juli ist auf sich allein gestellt und muss ihr Leben, das ihr wie ein Haufen lauter kleiner Schnipsel vorkommt, neu sortieren ...
Klappenbroschur 224 Seiten | 13,40 a ISBN 978-3-407-81200-1
beltz.de
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kinderbuch
Kein Kind ist an einem Nebensatz gestorben Seit Jahrzehnten wehrt sich Andreas Steinhöfel gegen die Moralkeule im Kinderbuch und landet Bestseller
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lmer war fett und selbst daran schuld. Tatsächlich war er der fetteste Junge, den ich je zu Gesicht bekommen hatte.“ Elmer hat auf dem Campingplatz immer eine Plastiktüte mit und versucht sich mit den Worten „Willste Lecker?“ Freunde zu kaufen. Natürlich vergeblich. Der Ich-Erzähler hat von seinen Eltern gelernt, dass man nicht schlecht über andere Menschen reden soll. Das hindert ihn nicht daran, von Elmer zu erzählen, ohne sich ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Aber auch ohne ihn zu entblößen. Am Schluss kommt er Elmer sogar ein bisschen nahe, wenn er ihn, der beinahe ertrunken wäre, fragt, ob er mit ihm gemeinsam schwimmen lernen will. Wie er zum Kinderbuchautor wurde, hat Andreas Steinhöfel schon öfters erzählt: Sein Bruder sollte ein Buch illustrieren, das Kindern mit dem Zeigefinger beibringen wollte, mutiger zu werden. Was bekanntlich eher entmutigt, als dass es hilft. Steinhöfel war so wütend, dass er dem Verlag einen Brief schrieb – und eine Geschichte anbot, die von einem Kind handelte, das sehr ängstlich ist.
Steinhöfel beherrscht die hohe Kunst, mit ein paar Sätzen Abgründe zu öffnen, in die man schwindelnd hineinschaut und an denen man sein seelisches Gleichgewicht üben kann
„Dirk und ich“ erschien 1991. Seitdem hat
Steinhöfel über 20 Bücher im Carlsen Verlag veröffentlicht. 2009 wurde er als erster Kinderbuchautor mit dem Erich-Kästner-Preis, 2013 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Wie kaum einem zweiten gelingt es dem 1962 im hessischen Battenberg geborenen Steinhöfel, witzige und unterhaltsame Kinderbücher zu schreiben, die regelmäßig zu Bestsellern werden, ohne deswegen oberflächlich zu sein. „Dirk und ich“ etwa handelte von zwei Brüdern einer ganz normalen Mittelstandsfamilie und ihrem unspektakulären, aber turbulenten Alltag. Die meisten von Steinöfels kleinen Helden stammen aus weniger idealen Verhältnissen. Die beiden Freunde Rico und Oskar etwa, die der Autor seit 2008 schon durch drei Kriminalfälle geschickt hat: Ricos Mutter arbeitet als Bardame, er selbst geht in ein Förderzentrum, weil er sich mit dem Lernen schwertut, und bezeichnet sich forsch als tiefbegabt. Ständig verwechselt er links und rechts, und wenn die „Bingokugeln“ in seinem Kopf wieder einmal verrückt spielen, geht für eine Weile gar nichts mehr. Sein Freund Oscar ist hoch-
Andreas Steinhöfel: Froschmaul. Geschichten. Carlsen, 135 S., € 12,40 (ab 10) Hörbuch, gesprochen vom Autor: Silberfisch, 3 CDs, € 14,99
begabt, weswegen er sich vor allem und jedem fürchtet und nie ohne Sturzhelm aus dem Haus geht. Er lebt mit seinem Vater zusammen, nachdem die Mutter abgehauen ist. Dieses berückende Duo hat Steinhöfel endgültig in den Olymp eines lebenden Kinderbuchklassikers katapultiert. Die Verfilmung des zweiten Bandes, „Rico, Oscar und das Herzgebreche“, läuft seit Juni in den Kinos. Dass Steinhöfel eigentlich Regisseur werden wollte, merkt man seinen Büchern an. Trotzdem stehen Dialog und Handlung nicht im Vordergrund, sondern vielmehr die Gedankenwelten von Kindern, deren Ängste, Sehnsüchte sowie jene Abgründe des Lebens, vor denen auch Zehnjährige schon stehen. Von seinen Lesern verlangt der Autor, sich eher zu strecken als zu ducken, das heißt, Herz und Hirn gleichermaßen einzusetzen: Noch kein Kind sei an einem Nebensatz gestorben, bringt Steinhöfel sein ästhetisches Credo auf den Punkt. Rico, der ständig von Wörtern behelligt wird, die er nicht versteht, führt nicht nur Tagebuch, sondern hat sich auch ein kleines Fremdwörterlexikon angelegt: „Strapaze: Wenn etwas sehr anstrengend ist. Man könnte also genauso gut Sehranstrengung dazu sagen, weil Fremdwörter für Tiefbegabte eine Strapaze sind, aber das tut natürlich keiner.“ Man ist versucht zu behaupten, dass der Witz dieses Autors eigentlich nur dazu da sei, die Geschichten für Kinder konsumierbar zu machen. So gesehen ist auch die Detektivhandlung der Rico-Oskar-Bände bloß ein Zugeständnis an den Geschmack der jungen Leserinnen und Leser. Dahinter aber spielt sich das Drama einer ungewöhnlichen Freundschaft ab, werden Themen verhandelt, die nicht unbedingt den Ruf genießen, kinderkompatibel zu sein: Krankheit, Tod, Mobbing, Depressionen, aber auch Hängebrüste, Klobürsten und Nachtclubs. Die bevorzugten Helden des Autors sind ganz
normale Kinder ohne besondere Eigenschaften, genauso oft aber auch Underdogs und Ausgestoßene, Nachdenkliche und Enttäuschte. Sie alle werden auf liebevoll-humoristische, aber gleichzeitig auch existenzielle Weise beleuchtet, sodass sichtbar wird, was Menschen bewegt, was sie
© Thinkstock, Alexander Yakovlev
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Ab 8 Jahren • 48 Seiten • € [A] 10,30
Die Sachbuchreihe ab 8 Jahren
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Die meisten der acht Geschichten in dem 2006
erstmals erschienenen und soeben von Steinhöfel als Hörbuch eingelesenen Band „Froschmaul“ sind – wie jene vom „fetten“ Elmer – aus der Ich-Perspektive erzählt. Inger aus der gleichnamigen Erzählung ist ein Mädchen, das kein Gummitwist spielt und dafür dem Lehrer Paroli bietet; das gerne unglaubwürdige Geschichten erzählt, von ihrer Krankheit namens Kalligrafie und von ihrem Vater, den niemand sehen darf, weil er für den Geheimdienst arbeitet. Und das dem Ich-Erzähler trotzdem dabei hilft, so etwas wie ein Verhältnis zu seinem eigenen Vater zu entwickeln. In „Bruders Hüter“ beobachtet ein Bub namens Ulf im Ferienlager zwei Adoptivbrüder, den blonden Oliver und den dunklen Hanuk. Und während er über die beiden nachdenkt, erfahren die Leser mehr über ihn als über die Objekte seiner Faszination. Ulf durfte nicht mit seiner Familie ans Meer fahren, weil er seine kleine Schwester, der gegenüber er sich benachteiligt fühlt, von der Heizung heruntergerissen hat. Warum musste sie sich dabei gleich ein Schlüsselbein brechen? Er wünscht sich einen Bruder, der, wie er glaubt, robuster wäre, bis er am Ende das Geheimnis von Olivers und Hanuks unheimlicher Verbundenheit erfährt. Und plötzlich geht ihm seine Schwester nicht mehr auf die Nerven. „Froschmaul“ eignet sich hervorragend als Einstiegsdroge in den Kosmos Steinhöfels, obwohl man nicht so oft lachen muss wie sonst bei diesem Autor und stattdessen am Ende so mancher Erzählung einen Kloß im Hals spürt. Steinhöfel beherrscht die hohe Kunst, mit ein paar Sätzen Abgründe zu öffnen, in die man schwindelnd hineinschaut und an denen man sein seelisches Gleichgewicht üben kann. Er mutet seinen jungen Lesern eine Menge zu: Aber genau dafür lieben sie ihn. K IR STIN BREITENFELLNER
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Kind in Wien Ein Stadtführer für Eltern, Großeltern und allen, die in Wien mit Kindern zu tun haben. Mit zahlreichen Ausflugsund Freizeittipps.
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entzweit und was sie auch wieder vereint. Trotzdem oder gerade deswegen hat es Steinhöfel in Deutschland bereits zur Schullektüre gebracht, vom Jugendkrimi „Beschützer der Diebe“ (1994) über „Mitte der Welt“ (1998) über einen homosexuellen Jungen bis zu „Oskar, Rico und die Tieferschatten“, anhand derer das Thema Verfilmung gleich mitbehandelt werden kann.
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„Fürs Zeichnen muss man ausgeschlafen sein“ Die Illustratorin Verena Hochleitner über die Einsamkeit am Schreibtisch und die Schwierigkeit, Gedanken zu zeichnen ereits als Jugendliche wusste Verena Hochleitner, was sie wollte: Bücher B machen. Vor sieben Jahren erschienen ihre
ersten Illustrationen, nun hat sie auch den Text zu ihrem neuen Kinderbuch „Der verliebte Koch“ geschrieben
Falter: Sie wussten bereits früh, was Sie werden wollten. Was ist dann passiert? Verena Hochleitner: In Österreich gibt es keine eigene Ausbildung für Illustratoren. Um diesem Berufswunsch möglichst nahe zu kommen, habe ich Grafikdesign an der Angewandten studiert, während des Studiums meinen ursprünglichen Wunsch aber aus den Augen verloren und als Grafikdesignerin gearbeitet. Das hat mir Spaß gemacht, Bücher zu illustrieren blieb aber immer mein eigentliches Ziel.
Sie haben vor sieben Jahren begonnen, Kinderbücher bzw. Bücher über Kinder für Erwachsene zu illustrieren. Ist Ihnen der Umstieg leichtgefallen? Hochleitner: Ich hatte Glück, weil mich Niki Glattauer gefragt hat, ob ich ein Kinderbuch von ihm illustrieren möchte. Das ist 2009 im Residenz-Verlag erschienen und wurde in die Kollektion des Österreichischen Kinderbuchpreises aufgenommen. Solche Referenzen helfen natürlich sehr.
Zur Person Verena Hochleitner, 1969 in Wien geboren, hat an der Angewandten in Wien Grafikdesign studiert und ist seit sieben Jahren als Buchillustratorin tätig. Ihr Buch „Der verliebte Koch“ wurde mit dem Kinder- und Jugendliteraturpreis des Landes Steiermark ausgezeichnet
Bild als auch für den Text verantwortlich sind. Warum war Ihnen das wichtig? Hochleitner: Ich wollte meine Arbeit als Gesamtkunstwerk mehr in der eigenen Hand haben. Ich habe überhaupt nichts gegen Kooperationen, ganz im Gegenteil, die können sehr eng und gut sein. Die Arbeit am Schreibtisch ist eine einsame Angelegenheit, sie muss dann aber auch „stimmen“.
Text und Bild greifen dann ineinander. Als ich mir vorgestellt habe, wie Gedanken in der Welt herumschweifen könnten, hatte ich das Bild eines Kochs vor mir, der gedankenverloren die Suppe versalzt. Daraus entstand die Idee, dass er die Gedanken in die Suppe rührt. Ab einem gewissen Zeitpunkt, der sehr am Anfang steht, brauche ich eben einen Text, eine Struktur.
Erzählen Sie mehr davon. Welche Strategien gibt es, mit dieser Einsamkeit umzugehen? Hochleitner: Mich stört die Einsamkeit nicht. Es ist aber gut, wenn man sich Termine ausmacht und über die Arbeit reflektiert. Es ist auch wichtig, dass man jemanden hat, bei dem man abtesten kann, wie manche Dinge wirken, ob man sie versteht. Oft bleibt man zu lange sitzen. Ich habe im Grunde aber nur zwei Regeln fürs Zeichnen: Man muss gut ausgeschlafen sein und ab einem gewissen Punkt in das Projekt eintauchen können. Sonst bekommen die Zeichnungen keine Tiefe.
Sie haben den Gedanken des Kochs als Linie dargestellt. Warum? Hochleitner: Linien kann man formen, so wie die Gedanken. Diese Beweglichkeit der Gedanken kommt auch im Animationsfilm gut zum Ausdruck, den es über den verliebten Koch gibt. Den habe ich gemeinsam mit der Filmemacherin Ulrike Swoboda-Ostermann gemacht.
Was ist bei Ihnen zuerst da – das Bild oder der Text? Hochleitner: Der Text. Beim „Verliebten Koch“ hatte ich die Idee, dass sich Gedanken verselbstständigen können. Ich nehme dann mein Skizzenbuch zur Hand und probier vorher bestimmte Elemente aus, in dem Fall, wie man Gedanken darstellen kann.
„Der verliebte Koch“ ist das erste Kinderbuch, bei dem Sie sowohl für das
Im „Verliebten Koch“ sieht man Dinge, die man von einer bestimmten Perspektive aus gar nicht sehen kann, wie zum Beispiel die Beine eines Wirtshausgastes unter dem Tisch. Was hat es damit auf sich? Hochleitner: Ich arbeite mit Überlagerungen. Das ist für mich eine Technik, um Räume interessanter gestalten zu können. Ich verwende Farbe auch sehr reduziert, um die Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache zu lenken. Wobei auch Grauschattierungen ein breites farbliches Spektrum haben, wie ich finde. I N T E R V I E W : M arianne S chreck
Verliebte Gedanken sind grün
Foto: manfred weiss
:: Die Darstellung räumlicher Perspektive stellt eine Herausforderungen für jeden Grafiker dar. Bei Verena Hochleitner schaffen zwei Balken, eine grüne Linie oder ein gelb eingefärbtes Hundelackerl jenen Raum, in dem sich ihre skurril-lustigen Protagonisten tummeln. Die verliebten Gedanken, die der Titelheld in die Suppe rührt, werden vom unglücklichen Gast sofort als Haar identifiziert – worüber sich dieser natürlich aufregen muss. Die Gedanken in Grün ziehen weiter und erreichen die Menschen dieser Stadt. Da ist die Dame in der Burka, das schwule Paar oder das Mädchen im Rollstuhl, das sich mit ihrem Smartphone beschäftigt. Was in anderen Kinderbüchern groß thematisiert würde, wird hierals selbstverständlich dargestellt: Es ist eine Welt der Vielfalt, die Verena Hochleitner hier imaginiert. Was auf der Bildebene vielschichtig und mit sanfter Ironie funktioniert, gelingt auf sprachlicher Ebene nicht immer. So erfährt man etwa, dass Frau Brunnsteiner Herrn Cakir ein Taschentuch gibt und dann auch noch den ganzen Tag mit ihm zusammen sein wird. Das würde man gar nicht vermuten, wenn man das Bild betrachtet: Frau Brunnsteiner starrt nämlich ins Leere, mit einer grünen Linie auf dem Kopf. MARIANNE SCHRECK
Ursula Poznanski | Layers | ISBN 978-3-7855-8230-5
Durchsichtige Wände, schwebende Fußböden, verliebte Gedanken in Grün: In Verena Hochleitners „Der verliebte Koch“ ist die Welt transparent und voller Ausnahmeerscheinungen. Der Text aber hält nicht immer Schritt mit dem Bild.
Verena Hochleitner: Der verliebte Koch. Luftschacht, 36 S., € 21,90 Buch-Trailer
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Sachbuch
Krieg oder Frieden? Eine Grammatik der Gewalt Was bedeutet Krieg, wenn er nicht mehr erklärt wird? Und kann es dann noch Frieden geben? Worum werden die zukünftigen Kriege geführt werden? Herfried Münkler sucht nach Antworten und versucht Prognosen
illustr ation: georg feierfeil
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A
m Anfang stellt Herfried Münkler die Diagnose: Die Zeit, in der sich in Europa die Friedensdividende der unblutigen Umwälzungen von 1989 „unbesorgt konsumieren ließ“, sei vorbei, und keiner könne sagen, ob sie jemals in dieser Form wieder zu haben sein werde. Der renommierte Politologe, Professor an der Humboldt-Universität von Berlin, betrachtet die kriegerischen Auseinandersetzungen seit dem Fall der Berliner Mauer und versucht sie einzuordnen. Er reflektiert die Folgen der beiden Weltkriege für die politischen Konstellationen in Europa und an dessen Rändern und kommt zu dem Schluss, dass der Erste Weltkrieg, die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, in ihnen immer noch nachwirkt. Was bedeutet das Ende der sicherheitspolitischen Unbesorgtheit für Europa und die Europäische Union, die sich in Bezug auf die aktuellen Flüchtlingsprobleme wieder einmal uneinig und wenig bereit zu Kooperation und Kompromiss gezeigt hat? Münkler greift das Problem an der Wurzel an und sichtet nicht nur die Kriegsgeschichte Europas, sondern auch das Philosophieren über den Krieg von der Antike an, um mit einem Begriffsinstrumentarium aufzuwarten, das in der Lage sein könnte, die neue weltpolitische Lage besser zu beschreiben als die alten Begriffe Krieg und Frieden. Die Hauptthese dieses Denkstücks, dessen Titel „Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert“ etwas in die Irre führt, besagt, dass die Ära des klassischen Staatenkriegs bzw. die „Epoche des Territorialstaats als Monopolist des Politischen“ zu Ende gehe oder bereits zu Ende gegangen sei, was die Grammatik der Gewalt grundlegend verändert habe.
Opfer und Helden Im ersten Teil des Buchs rekapituliert Münkler die großen Kriege des 20. Jahrhunderts und benennt als Folge des Ersten Weltkriegs den Sieg des nationalstaatlichen über das imperiale Ordnungsmodell. Mit dem Ende imperialer Ordnungen – dem Untergang der drei Imperien Habsburgerreich, Zarenreich und Osmanisches Reich – ging auch das bürgerliche Selbstbewusstsein verloren. Die Ära des Fortschrittsoptimismus der industriellen Revolution war beendet. Stattdessen waren Gewalt und das mythische Denken von Heldentum und Selbstaufopferung als „politische Potenz“, gar als Medium der Erneuerung gefeiert worden. Am Ende des Ersten Weltkriegs war diese Begeisterung verbraucht, aus heroischen Gemeinschaften wurden postheroische Gesellschaften, die allerdings durch Mussolini, Hitler oder Stalin erneut heroisiert wurden, mit der dazugehörenden Dauererregung und Zukunftsgewissheit, die im Gegensatz zur tragischen Grundstimmung heroischer Gesellschaften steht. Den Verlauf des Zweiten Weltkriegs erklärt Münkler u.a. mit den unterschiedlichen Heroizitätspotenzialen von England und Frankreich, den USA, Deutschland und der Sowjetunion, das heißt der unterschiedlichen Bereitschaft, Soldaten und Zivilisten zu opfern, sowie durch die (teilweise falschen) „Lehren“, die die Kriegsparteien aus dem Verlauf des Ersten Weltkriegs gezogen hatten. Heroischen und heroisierten Gesellschaften gemeinsam ist das permanente Spiel mit dem Feuer der Gewalt und
die Unfähigkeit, den Frieden auszuhalten – und beiden weint Münkler, um es klar zu sagen, keine Träne nach.
Die postheroische Gesellschaft Am Ende des Zweiten Weltkriegs hatte sich das reanimierte Heldentum endgültig ausgeblutet, der Völkermord an den europäischen Juden führte zu einer „radikalen Entsublimierung des Opfers“. Aus Opfern wurden Abgeschlachtete, aus Helden Totschläger. Begünstigt wurde dieser Prozess durch die allgemeine Erosion des Religiösen. Den moralischen Dilemmata der postheroischen Gesellschaften der Nachkriegszeit ist der zweite Teil des Buches gewidmet. Sie haben nicht nur einen Lernprozess hinter sich, sie werden von Münkler auch als „mit sich eins“ definiert – Voraussetzung für die Friedlichkeit Europas zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Aber sie sind verwundbar und auch erpressbar von heroischen Haltungen, die an den Rändern Europas nicht nur überlebt haben, sondern auch neuen Zuspruch erfahren. Der islamistische Terror stellt dabei die größte Herausforderung dar, denn er zielt mit der Produktion unschuldiger Opfer und der Verbreitung ihrer Bilder via Massenmedien auf die labile Psyche der postheroischen Gesellschaften, dorthin, wo sie am meisten verletzbar sind. „Das Problem der westlichen Gesellschaften ist, dass sich diese Verwundbarkeit nicht beseitigen lässt, ohne dabei die wesentlichen Merkmale einer freien und offenen Gesellschaft in Frage zu stellen.“
Weitere Bücher über den Krieg, das staatliche Töten und die nicht nur von Kriegen angetriebene Geschichte der Migration auf den Seiten 36–37
Hybride Kriege Die neue Verwundbarkeit hat auch die Gestalt der Kriege verändert. Sowohl die Ebenbürtigkeit der Gegner, die aus einem Zweikampf erst einen Helden hervorgehen lässt, als auch das seit dem Westfälischen Frieden von 1648 geltende Regelwerk der Kriegsführung, das Europa für fast drei Jahrhunderte bestimmte, sind außer Kraft gesetzt. Die Neuen Kriege zeichnen sich durch eine Entstaatlichung, Asymmetrisierung und Demilitarisierung aus. Münkler verteidigt die in seinem Buch „Die neuen Kriege“ (2002) vorgestellten Begriffe gegen seine Kritiker und definiert das Neue an den hybriden Kriegen als das Zusammenwirken dieser drei Paradigmen. Hybride Kriege werden zwischen ungleichen Gegnern ausgetragen und oft nicht einmal mehr erklärt, weswegen sie auch per definitionem nicht beendet werden können. Hybrid nennt Münkler sie, weil die binäre Ordnung von Krieg und Frieden sie nicht mehr zu fassen bekommt. In den neuen Konflikten dreht sich der jahrhundertelange Trend zu immer mehr und stärkeren Waffen um. Substaatlichen Akteuren wie Terrornetzwerken und „Warlords“, die Gewaltlimitierung nicht zugänglich und an Frieden nicht interessiert sind, kommt in ihnen eine immer größere Bedeutung zu. Als Sinnbild für diese neuen Paradigmen steht auf der einen Seite der Selbstmordattentäter, der Unschuldige tötet, und auf der anderen die Kampfdrohne, die, um Verluste in den eigenen Reihen sowie unschuldige Opfer der Zivilbevölkerung zu vermeiden, die Kader des Gegners direkt zu eliminieren versucht.
Militär oder Polizei? Der Drohnenkrieg wird aus der Ferne geführt, er ist unsichtbar. Killereinsätze be-
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deuten eine Reindividualisierung des Gewaltgebrauchs. Militäroperationen und Geheimdienste wie die CIA gewinnen an Bedeutung. Damit einher geht eine Entschleunigung des Waffeneinsatzes. Die Grenzen zwischen Zivilisten und Kombattanten werden unscharf, der Krieg wird zur Jagd. Ein klassischer Staatenkrieg, argumentiert Münkler, sei für Europa allein schon aufgrund der Zerstörungskraft moderner Waffen und aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr führbar. Der Kritik an der auf Ungleichheit der Kombattanten basierenden „Feigheit“ des Drohnenkriegs – für Münkler ein Argument aus der heroischen Perspektive – hält er die Frage entgegen, was ethischer sei, der Ankauf von Kämpfern aus anderen Gesellschaften und die Inkaufnahme von menschlichen „Kollateralschäden“ oder hochmoderne Waffensysteme. Nicht zufällig liegen die Konfliktherde der Neuen Kriege für Münkler an den Rändern der im Ersten Weltkrieg aufgelösten Imperien: in Libyen, Syrien, dem Kaukasus und der Ukraine. Auch vom IS und den ihm angeschlossenen terroristischen Gruppen werden die Grenzziehungen der Siegermächte des Ersten Weltkriegs infrage gestellt, um nicht zu sagen bekämpft, mit dem Ziel, ein Kalifat zu errichten. Staatenzerfall macht Krieg endemisch, und die Interventionen der USA im Irak oder Afghanistan haben diesen Prozess eher beschleunigt als gestoppt. Mit ein Grund, warum die USA immer weniger geneigt zu sein scheinen, den Weltpolizisten zu spielen.
Europas Herausforderung „Es werden die aus dem Ersten Weltkrieg hervorgegangenen postimperialen Räume sein, die die Europäer in den nächsten Jahrzehnten politisch beschäftigen werden“ Herfried Münkler
Herfried Münkler: Kriegssplitter. Die Evolution der Gewalt im 20. und 21. Jahrhundert. Rowohlt, 400 S., € 25,70
Was tun? Im dritten Teil analysiert Münkler die Neuen Kriege anhand des Bedeutungsverlusts der Räume, die der Nationalstaat verteidigte, zugunsten von Strömen. Ströme bestimmen die globalisierte Welt. Sie bestehen aus Waren, Daten und Menschen – Touristen, Migranten, Flüchtlingen. Das 21. Jahrhundert, prognostiziert der Politologe, der via Medien wie Spiegel oder Süddeutsche Zeitung immer wieder in aktuelle Debatten eingreift, werden nicht mehr klassische Staatenkriege beherrschen, sondern ein permanenter Kleinkrieg um das Fluide. Als Global Player, warnt Münkler, sei Europa hier schlecht aufgestellt, auch weil es die Kontrolle der Daten den Amerikanern überlassen habe. Die postheroische Gesellschaft lebt nicht in einer Welt des Friedens, sondern sie hat es mit heroischen Gesellschaften und Mentalitäten zu tun. Um zukünftige Terroranschläge zu überstehen, müsse Europa sich zudem einen „Restheroismus“ bereithalten, meint Münkler und denkt dabei vermutlich an die tapfere Gelassenheit, mit der die Briten auf die Anschläge des Jahres 2005 reagierten. Das Problem für Europa sieht Münkler darin, dass es sich von den neuen Bedrohungen nicht wie gewohnt mit Geld freikaufen kann. Deswegen sei politisches Handeln das Gebot der Stunde. Darüber hinaus könnte es hilfreich für Europa sein, sich der Herausforderung der unaufgearbeiteten Hinterlassenschaft des Ersten Weltkriegs zu stellen – mit dem Ziel, dem Nahen Osten bei der Stabilisierung zu helfen. Auch im eigenen Interesse, wie der Blick auf die Flüchtlingsströme der jüngsten Zeit zeigt. Aber dafür ist bislang weder ein Wille noch ein Konzept in Sicht. K ir stin Br eitenfellner
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Sachbuch
Wer wanderte wann und warum wohin aus?
Staatliches Töten oder Die Macht des Galgens
Geschichte: Massimo Bacci erklärt, warum es Migration, nicht nur in Kriegszeiten, schon immer gab
Geschichte: Peter Schuster erzählt vom staatlichen Töten im Europa des Mittelalters und der Frühen Neuzeit
ir Menschen haben Beine. Die Fähigkeit, uns von Ort zu Ort W zu bewegen, gehört zu unserem Wesen
er Weg des jungen Basler ArzD tes und Anatomen Felix Platter, der Mitte des 16. Jahrhunderts eine
und ist eine hilfreiche Eigenschaft, um uns den Lebensumständen anzupassen und sie zu verbessern.“ Massimo Livi Bacci, Experte für Bevölkerungswanderung und Demografie aus Italien, hätte keinen besseren Zeitpunkt finden können, seine überarbeitete Neuauflage von „Eine kurze Geschichte der Migration“ auf Deutsch zu veröffentlichen, als jetzt. Und das, obwohl es in diesem Buch vor allem um wirtschaftliche Migration und nicht um durch Krieg und Vertreibung erzwungenes Verlassen seiner Heimat geht. Bacci untersucht in ihm, wann Menschen beschlossen haben, von A nach B zu wandern, wann diese Distanzen größer wurden als bis zum nächsten Dorf und vor allem warum Menschen bereit sind und waren, alles hinter sich zu lassen in der Hoffnung auf ein besseres Leben an einem weit entfernten Ort. Der Wissenschafter geht es knapp und gründlich an: Auf 176 Seiten spannt er den Bogen von der Ausweitung des Radius des Homo sapiens bis zu heutigen Migrationsbewegungen. Eines lehrt einen dieses Buch schnell:
Was derzeit bei uns geschieht – dass Menschen zu uns strömen –, ist in der europäischen Geschichte nichts Neues, aber es wanderten auch Millionen Menschen aus: „Von 1500 an exportiert Europa Humanressourcen, nachdem es Jahrtausende lang Ziel von Einwanderungen und Invasionen gewesen war“, schreibt Bacci. Die Zahlen beeindrucken. Von Anfang des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg verließen 50 Millionen Menschen Europa – bei einer Einwohnerzahl von 180 Millionen. Bacci zeigt auf, welche Voraussetzungen Migration braucht. In Europa war es zum Beispiel das Pferd. War der Radius im Mittelalter für die allermeisten Menschen in Europa noch sehr beschränkt und reichte nicht weiter als bis zur nächsten Kirche oder zum nächsten Jahrmarkt, so änderte sich das in der Neuzeit durch die Einführung von Hufeisen, Steigbügel, eines besseren Reitgeschirrs und von Pferdewagen. Menschen konnten nun auch weitere Distanzen zurücklegen. Selbst organisierte Migration gibt es seit tausenden Jahren, berichtet der Wissenschafter und nennt als Beispiel die Inkas. Sie sicherten sich ihren Einfluss auch in weit vom Zentrum entfernten Gebieten, indem sie ganze Bevölkerungsgruppen dorthin übersiedelten, um diese zu beherrschen und dort ihre eigene Kultur zu verbreiten. Auch Europa hat Migration gezielt ein-
gesetzt, schreibt Bacci, etwa wenn die absolutistischen Monarchien der
Neuzeit Menschen umsiedelten, um so jene Gebiete zu festigen, die sich an den Grenzen zu feindlichen Staaten befanden oder um dünnbesiedelte Gebiete aufzuwerten und die eigene Macht auszubauen. Die russische Zarin Katharina II. versprach etwa im Jahr 1762, kurz nach ihrer Thronbesteigung, allen, die nach Russland einwanderten, zahlreiche Privilegien, darunter eigenes Land, das Recht, Kirchen zu bauen, 30 Jahre Steuererlass und zinslose Kredite zum Bau von Wohnraum – eine Politik, die das Habsburgerreich gar nicht freute und zahlreichen Ärzten und Handwerkern eine neue Existenz verschaffte. Um keine Untertanen zu verlieren, verbot es die Verbreitung des Manifests der Zarin. Österreich war bei der Auswanderung überhaupt sehr restriktiv. Erst Ende des 19. Jahrhunderts erhielten auch österreichische Staatsbürger das Recht auszuwandern. Migration führe durch das Überleben des Stärkeren auch dazu, dass es zu einer zumindest vorübergehenden Selektion komme, weil nur die fittesten, klügsten und anpassungsfähigsten die strapaziöse Reise in eine neue, ferne Heimat überstehen würden. So hätten etwa Neuseeland und Australien von Ende des 19. Jahrhunderts bis Mitte des 20. Jahrhunderts zu den Ländern mit der geringsten Mortalität und der höchsten Lebenserwartung gezählt. Migration wird hier zwar durch die euro-
zentristische Brille erzählt, andere – zum Teil erzwungene – Migrationsbewegungen, wie etwa die Verschleppung von Millionen Afrikanerinnen und Afrikanern, die Sklavenarbeit verrichten mussten, werden nur am Rande gestreift. Trotzdem ist Baccis „Kurze Geschichte der Migration“ eine zwar ziemlich trocken-wissenschaftlich verfasste, aber dennoch spannende Lektüre mit Mehrwert. Zum einen wegen der Vielzahl an Daten, Fakten und Tabellen zum Thema Migration, zum anderen rückt Bacci ein Bild zurecht, das den Migrationsdiskurs in Europa derzeit prägt: dass Migration etwas Unnatürliches, Ungewolltes sei, gegen das sich Staaten abschotten müssten, indem sie immer höhere Grenzzäune errichten und Gesetze verschärfen. Migration gab und gibt es schon immer. N i na H o r a c z ek
Massimo Livi Bacci: Kurze Geschichte der Migration. Wagenbach, 174 S., € 11,30
Reise zu Pferde von seiner Schweizer Heimatstadt zum Studium ins französische Montpellier unternahm, war buchstäblich mit Leichen gepflastert. Hingerichtete hingen am Straßenrand an Bäumen oder verfaulten außerhalb der Stadtmauern am Galgen. Felix Platter sah Viertel von Menschen, die man aufgehängt hatte, „welches mich seltsam dunckt“, und stieß in der nächtlichen Dunkelheit nahe Lyon beinah mit einer an einem Ast baumelnden Leiche zusammen, „darob mir seer gruset“. Die Lebenserinnerungen des Basler Ana-
tomen beschreiben eine Seite der Wirklichkeit am Beginn der Neuzeit: „Vor jeder Stadt, an vielen Straßen hingen weithin sichtbar Tote am Galgen oder verwesten auf dem Rad“, schreibt der Historiker Peter Schuster in seinem Buch über die Geschichte des Tötens, in dem er auch Felix Platter zitiert. Die makabre, öffentliche Ausstellung der staatlich Getöteten an den Hinrichtungsstätten außerhalb der Städte erfüllte einen doppelten Zweck: Sie sollte zur Abschreckung dienen und symbolisierte zudem gut sichtbar, dass eine Stadt im Besitz des Herrschaftsrechtes der Blutgerichtsbarkeit war. Dieser Machtanspruch fand seinen Weg bis in die Sprache, worüber das französische Wort für Galgen „potence“ immer noch beredt Auskunft gibt. Es kommt vom lateinischen „potentia“, Macht. In Peter Schusters Buch geht es um dieses staatliche Töten. Im 16. Jahrhundert hatte es besondere Konjunktur. In keiner Epoche der europäischen Geschichte wurden mehr Menschen hingerichtet – auch nicht im Mittelalter, das uns gemäß eines gängigen Geschichtsbilds als besonders grausam im Kopf herumspukt. Auf der Suche nach dem Warum stellt sich Schuster, der an der Universität Bielefeld eine Professur für die Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit innehat, dezidiert gegen die gängige Rechtsgeschichte, die Gerichtsbarkeit vorrangig als weltliches Geschehen untersucht. „Nicht die weltlichen Normen haben die
Geschichte der Todesstrafe geprägt, sondern die Kirchen in ihren wechselnden Blicken auf das Recht des Staates, Menschen hinzurichten, und ihren wechselnden Blicken auf Verbrechen, Sünde und deren Bestrafung.“ Sein Buch präsentiert eine hochinteressante Perspektive auf die Geschichte der Todesstrafe. Laut Schuster haben in besonderer Weise die konfessionellen Ausei-
nandersetzungen des 16. Jahrhunderts Einfluss auf die staatliche Rechtsprechung genommen. Hatte sich das Interesse der weltlichen Institutionen am Seelenheil der Verurteilten bis ins Spätmittelalter sehr in Grenzen gehalten, rückte dieses seit dem 15. Jahrhundert immer mehr in den Mittelpunkt der Hinrichtungsrituale. Die wichtige Unterscheidung zwischen weltlicher und göttlicher Gerechtigkeit, die das mittelalterliche Rechtswesen geprägt hatte und unterschiedliche Verbrechen mit einem extrem ausdifferenzierten Bußrepertoire von brutalen Hinrichtungsarten wie Köpfen, Ertränken, Hängen, Rädern etc. geahndet hatte, löste sich mit Beginn der Neuzeit nach und nach auf. Umgekehrt verloren auch die sogenannten „Galgenwunder“, die mittelalterliche Richter an höhere Instanzen als sie selbst erinnert hatten, an Bedeutung. „Aus dem barmherzigen Gott, der verurteilte Frauen vor dem Ertränken rettete, den Galgenstrick reißen ließ oder auf sonstige Weise Verurteilte vor der weltlichen Strafe schützte, wurde der strafende Gott, der die Normen vorgab, nach denen Richter ihre Strafen fanden.“ Das weltliche Gericht repräsentierte nun
den göttlichen Willen. Dadurch konnten auch die grausamsten Hinrichtungen immer mehr zu religiösen Zeremonien werden, in deren Vorfeld es den Seelsorgern weniger um Schuld oder Unschuld ging als um die Reue der Verurteilten und ihre Seelenrettung. Die Konjunktur der Todesstrafe, so zeigt Schuster auf, verlief durchaus nicht gleichförmig für alle Tätergruppen und Delikte. Der „religiöse Eifer und Erregungszustand“, der seit der Reformation herrschte, führte etwa dazu, dass die Verfolgung von Verstößen gegen die sittlich-moralische Ordnung wie Inzest, Blutschande oder Sodomie, die im Mittelalter nicht als Kapitalverbrechen geahndet worden waren, drastisch zunahm. Vieles davon betraf vor allem Frauen, die davor nur eine Minderheit der Hingerichteten gestellt hatten. Gleichzeitig nahm die Zahl hingerichteter Diebe, die im Mittelalter das Gros der staatlich Getöteten ausgemacht hatten, ab. Denn die Reformatoren fanden in der Bibel keine Rechtfertigung für die Tötung von Dieben. J u l i a K o spa c h
Peter Schuster: Verbrecher, Opfer, Heilige. Eine Geschichte des Tötens. Klett-Cotta, 416 S., € 27,70
S a c h b u c h
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Waffenfetischismus oder Pazifismus? Geschichte: Armin Eich erzählt die Geschichte des Krieges und bezweifelt, dass dieser zum Menschen gehört
D
er eigentliche Sündenfall der Menschheit ereignete sich für den Althistoriker Armin Eich am Ende der Jungsteinzeit, zwischen 8000 und 5000 v. Chr.: Zwar wurde schon etwa ab 11.000 v. Chr. im Nahen Osten Getreide angebaut, doch lebten diese frühen Siedlungen, oft an gut erreichbaren und von Natur begünstigten Plätzen, lange in friedlicher Koexistenz. Bis ins ausgehende 7. Jahrtausend fehlen Anzeichen kollektiver Gewalt oder des Bedrohtseins. Erste Befestigungen entstanden oft an Knotenpunkten des Handels, waren doch hier begehrte Waren in großer Menge versammelt. Regelrechte Festungen lassen sich erst im 5. Jahrtausend nachweisen. Die entwickelten Gesellschaften bildeten in dieser Epoche eigene, auf Krieg spezialisierte Männerkasten und Kriegsökonomien heraus. Geplante Kollektivgewalt wurde zur Basis staatlichen Handelns zwecks Mehrung von Macht und Besitz. (Mittel-) Europa folgte mit Zeitverzögerung nach, in der Bronzezeit war Europa mit dem Vorderen Orient schon dicht vernetzt und die Entwicklungen glichen sich an.
sturm“ des 12. Jahrhunderts v. Chr. läutete das Ende des Bronzezeitalters ein. Es folgten Jahrhunderte der Erschöpfung, langsam bildete sich eine Reihe kleiner Monarchien (darunter Juda und Israel) heraus, das Wettrüsten intensivierte sich wieder, bis komplexe Staatsgebilde mit großen Armeen auf der Basis technischer und strategischer Innovationen operierten, via Militärtechnik und Ressourcenstärke vorübergehende Hegemonie erlangend. Das Zeitalter vom 8. Jahrhundert v. Chr. bis zum Ende der Antike war von Massenaufgeboten mit der Konzentration auf den disziplinierten Infanteriekampf bestimmt. Immer entscheidender wurde nun die Verwissenschaftlichung der Waffentechnik. Fachleute des Krieges wurden oft entscheidend.
„So eindrucksvoll Eich argumentiert, er versucht kleinzureden, was tatsächlich unerträglich zu denken ist: Krieg wurde nie nur traumatisierend oder böse oder amoralisch erlebt.“
Armin Eich erzählt in „Die Söhne des Mars“
nicht nur die euro-orientalische Frühgeschichte des Krieges, er schreibt seinem eminent lehrreichen und komplex argumentierenden Buch auch eine subjektiv gefärbte Botschaft ein: Er schlägt sich auf die Seite von Epikur, Lukrez und Rousseau und will beweisen, dass der Krieg keineswegs (wie einst Platon, Thukydides und Hobbes, heute Ian Morris und Steven Pinker behaupteten) zur Natur des Menschen gehört. Eichs Hauptzeugen sind jene „kriegslosen Völker“, von denen 70 noch heute in entlegenen Refugien leben und vermutlich sehr alte Daseinsformen fortsetzen: Einige kennen nicht einmal Worte, um Mord zu bezeichnen. Sie sind weitgehend egalitär ausgerichtet und grenzen sich bewusst (und mitunter humorvoll) von einer als unrein und gewalttätig empfundenen Umwelt ab und ahnden im Alltag schon kleinste Ansätze der Aggression. Da sie in der Regel seminomadisch als Jäger und Sammler leben, kann Jagd keine unvermeidliche Vorstufe kriegerischer Aktivitäten sein. Ob wir es mit Verkörperungen eines verlorenen, reineren Zustands des Menschen zu tun haben, darf man be-
Im beginnenden 2. Jahrtausend tauchten in
Europa Kriegerfürsten auf, die wohl aus dem Handel mit Metallen hervorgegangen waren. Plastische Darstellungen dokumentieren den Wertekodex: „Waffenfetischismus, Wagenbesitz und -fahren, Betonung imponierender Körperlichkeit und Verschönerung der körperlichen Präsenz durch Schmuck“. Die Militarisierung gehorchte einer Steigerungs- und Eskalationsdynamik. Ägypten war das Urbild einer zentralisierten Monarchie, die über eine Kernarmee professioneller Soldaten verfügte, mit denen umliegende Gebiete brutal kolonisiert wurden. Die Nachbarvölker waren ab etwa 3300 v. Chr. um ihres Überlebens willen gezwungen, große Festungsbauten anzulegen und die technischen und strategischen Innovationen zu kontern. Der Rüstungswettlauf mündete in eine Eskalation der Gewalt: Der „Seevölker-
hip, aber gar nicht spiessig – die buchhandlung zum wohlfühlen im zweiten komm auf den geschmack!
lt fieh p m
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Armin Eich: Die Söhne des Mars. Eine Geschichte des Krieges. Von der Steinzeit bis zum Ende der Antike. C. H. Beck, 281 S., € 25,70
zweifeln. Dass dort, wo Menschen dichter beieinander leben, erhöhtes Konfliktpotenzial entstehen muss, ist andererseits ein Gemeinplatz. Die literarischen Klassiker der alten Griechen
fungieren in Eichs Erzählung als hochvirtuose Selbstreflexionen des traumatisierenden Potenzials einer Zivilisation, die das Militärische naturalisiert hat. Doch symptomatisch ist, wie Eich das Verhältnis der Griechen zum Krieg reduktiv umdeutet: Achilles, kultisch verehrtes Idol von Generationen, verlor sich, anfangs edelmütig, in Homers „Ilias“ gerade nicht bis zum Wahnsinn in Gewalt, weil er etwa kriegstraumatisiert war. Auslöser der Raserei war zweierlei: die Kränkung seiner Mannesehre – Agamemnon entwendete ihm die Liebessklavin – und die Schuld am Tod des geliebten Patroklos. So eindrucksvoll Eich argumentiert, er versucht kleinzureden, was tatsächlich unerträglich zu denken ist: Krieg wurde nie nur traumatisierend oder böse oder amoralisch erlebt, er war immer auch ein Medium der Sehnsüchte und der Mobilisierung von Lebenskräften, der Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis und ein Ausdruck einer sich besonders hoch und ideal wähnenden Moral. Er war ein Fluch der Zivilisation, eine ihr größten Gefährdungen und hat doch zum zivilisatorischen Fortschritt und zur Steigerung des Wohlstands beigetragen, zur Entwicklung der Künste, er hat zu Erfindungen geführt und zur Entdeckung neuer Lebensformen. Das als Historiker zugestehen zu müssen, ist traurig genug, bedeutet jedoch in keinster Weise, den Krieg zu bejahen als Mittel der Politik, der Macht- und Wohlstandsmehrung oder auch nur als letzten Ausweg in Konfliktlösungen. Welche Haltung man heute, in komplexen Wohlstandsgesellschaften, dazu einnimmt, wird von der Kenntnis sehr einfacher, kriegsloser Gesellschaften nicht tangiert. S e b as t ia n K ie f e r
PhiliPP ikrath
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Sachbuch
Langeweile, Pünktlichkeit und Zeitdruck Philosophie: Rüdiger Safranski erklärt – eurozentrisch und ein wenig langatmig – das Phänomen Zeit
Umso wohltuender ist es, dass Rüdiger Saf-
ranski sein neues Buch „Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen“ mit einem Kapitel über die Langeweile beginnt. Die Fähigkeit, Langeweile zu empfinden, unterscheidet etwa den Menschen vom Tier. Da sie für ihn aber auch „stockende Zeit“ ist, muss man sich von ihr lösen, und wenn man es schafft, aus der „Wüste der Langweile“ zurückzukehren, eröffnet sich einem der „zweite Anfang“. Der Literaturwissenschaftler und Autor, der heuer 70 wurde, nimmt in seinem Essay das nächste große Thema in Angriff. Nach „Wie viel Wahrheit braucht der Mensch?“ (1990) und „Wie viel Globalisierung verträgt der Mensch?“ (2003) sowie Biografien über Nietzsche, Goethe und Schiller widmet er sich nun der Zeit. Und wie der Titel schon andeutet, geht es mehr um Erklärungen und Feststellungen als um Denk experimente und Denkanstöße. Safranski, von der Süddeutschen Zeitung jüngst als „unser aller Lieblingslehrer“ bezeichnet, legt in zehn Kapiteln, die mit Ausflügen zu Platon, Heidegger, Goethe, Newton, Einstein und vielen anderen großen Denkern dick gepolstert sind, unterschiedliche Aspekte zum Thema dar: Nach „Zeit der Langeweile“ folgt „Zeit des Anfangens“, „Zeit der Sorge“, später „Weltraumzeit“, „Eigenzeit“ und am Schluss „Erfüllte Zeit und Ewigkeit“. Zugegeben, es gehört zu den schwierigsten
Unterfangen, sich einem Phänomen wie der Zeit zu nähern, von dem man sich als Person so gar nicht abgrenzen kann. Es bleibt
allerdings nach der Lektüre die Frage, ob nicht gerade dieser universelle Anspruch dem Werk mehr geschadet als genutzt hat, denn es ziehen sich auffallend viele Allgemeinplätze und Plattitüden durch den Text. Zumindest der Titel hätte eine Einschränkung vertragen, nämlich dass es sich hier um eine Betrachtung der Zeit aus strikt eurozentrischer Sicht handelt und ausschließlich große Geister des sogenannten „Abendlandes“ zitiert werden. Erst am Schluss, im Kapitel über die Ewigkeit, tauchen plötzlich „östliche Weisheiten“ auf, „in denen das Ich nicht so sehr im Mittelpunkt steht“. Safranski schreibt über die „zyklische Zeit“, also den Gedanken der Wiedergeburt: „Könnte der Einzelne sein individuelles Sterben wirklich in der Perspektive des umfassenden Lebensprozesses erfahren, so würde er noch im Sterben das Leben entdecken. Das könnte etwa Tröstliches haben.“ Mehr als ein zufälliges Anstreifen an diesem Gedanken wäre lesenswert gewesen. Ein großer Teil der Kapitel, wie jenes über die „Eigenzeit“ (die Zeit, wie sie das Individuum in der Angst vor seinem eigenen Verschwinden erlebt) und die „Weltraumzeit“ (die Zeit, wie sie aus einer kon struierten Vogelperspektive berechnet werden kann; Stichwort Relativitätstheorie), driften ins Dozierende ab und hinterlassen trotz einer beeindruckenden Liste an Zitaten eher Ratlosigkeit und Langeweile.
„Safranskis neues Werk ist eine Kulturgeschichte der Zeit und deshalb lesenswert. Neue, zukunftsweisende Überlegungen findet man darin allerdings nicht“
Spannend wird es in den Abschnitten „Verge-
sellschaftete Zeit“ und „Bewirtschaftete Zeit“. Safranski beginnt bei der Erfindung der Uhrzeit und erklärt, wie dadurch erst das „wunderliche Phänomen der Pünktlichkeit“ entstand. Er schreibt über die Aufstände gegen die disziplinierende Fabrikarbeit im 19. Jahrhundert, die nicht den Menschen ihr Tagewerk erleichterte, sondern sie an den Rhythmus einer Maschine verfütterte, dem sie standhalten mussten. So zerstörten bei Revolten, erzählt Safranski, die Industriearbeiter nicht nur die
Rüdiger Safranski: Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen. Hanser, 272 S., € 25,60
Maschinen, sondern auch die Uhren. Dann schlägt er einen Bogen zum Selbstvermessungswahn der aktuellen Gesellschaft, die sich ohne physischen Druck ganz freiwillig durchleuchten und durchtakten lässt – und lässt das Thema nach wenigen Sätzen wieder beiseite. Darauf geht er über zum Zeitdruck und fragt herrlich klug-naiv: „Was aber ist es genau, was da drückt, wenn der Zeitdruck zunimmt?“ Eine Antwort findet er im Zwang der Produktivitätssteigerung und bezieht sich dabei auf Karl Marx. Die Ökonomie werde zu einer Zeitökonomie und dadurch zu einem berechenbaren Wert. Und da Vorteile nur dann entstünden, wenn man schneller, innovativer und billiger produziere, entstehe der „ökonomische Zwang zur Beschleunigung“, und dazu gehöre die „Wegwerfökonomie“. „Die Produktion lässt das, was an ihr Vergangenheit ist – eben den Abfall –, nicht nur hinter sich, sondern schiebt es auch vor sich her. Unsere Vergangenheit – als Abfall – ist auch unsere Zukunft.“ Auch wenn sich Rüdiger Safranski dagegen wehrt, dem Aktuellen nachzujagen, und sich lieber anschickt, der Welt das große Ganze begreiflich zu machen, formuliert er genau dort besonders scharf und eindrucksvoll, wenn es um das Zeitgenössische an der Zeit geht, nämlich ihre Opferung an die Wirtschaft. Wenn er allerdings die Zeit in ihrer ganzen Bedeutung fassen will, von der Relativi tätstheorie bis zum Begriff der Ewigkeit, bleibt Safranski schwammig und in seiner Argumentation wenig greifbar. Trotz des ganzen Wissens, das er in dieses Buch verpackt hat, beantwortet er nur fragmentarisch die Fragen, die er selbst in den Raum gestellt hat: Was macht die Zeit mit uns und was machen wir aus ihr? Safranskis neues Werk ist eine Kulturgeschichte der Zeit und deshalb lesenswert. Neue, zukunftsweisende Überlegungen findet man darin allerdings nicht. S T E F A N I E P A N Z E N B Ö C K
illustr ation: georg feierfeil
W
ir sind Sklaven der Zeit. Nicht wir teilen sie für uns ein, sondern sie treibt uns vor sich her. Es gibt wohl kaum eine Stadt, in der nicht irgendwo Touristen irgendeine Uhr als Sehenswürdigkeit anbeten, und kaum noch einen Tag, an dem wir nicht von Weck- und Erinnerungsrufen durch unsere notwendigen Erledigungen geschleust werden.
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Die unverbesserliche Bestie Mensch
Referenz, Repräsentation, Verstehen, Konvention
Kulturgeschichte: Ari Turunen erzählt Anekdoten über die Untaten und Untugenden des Homo sapiens
Philosophie: Das von Nikola Kompa herausgegebene „Handbuch Sprachphilosophie“ setzt neue Maßstäbe
espekt und Höflichkeit gebieten R Rezensenten eigentlich, zuerst das anzuführen, was für ein Buch spricht
– und dann erst mit der Kritik aufzuwarten. Aber wenn ein Buch im Untertitel schon „Eine kurze Geschichte der Arroganz“ annonciert, kann man es ja ruhig einmal umgekehrt versuchen. Denn über Ari Turunens Buch „Kann mir bitte jemand das Wasser reichen?“ ist schon fast alles gesagt, wenn man behauptet, es könnte genauso gut „Eine kurze Geschichte der Machtgier“ oder „Eine kurze Geschichte des Neides“, „Eine kurze Geschichte des Hochmuts“, kurz: „Eine kurze Geschichte der unverbesserlichen Bestie Mensch“ heißen.
1996 auf dem polynesischen MururoaAtoll, von 9/11 bis zum Börsencrash von 2008 und den Boni der Bankmanager oder ganz normalen Mobbing opfern im Büroalltag. Ein Beispiel von „Arroganz“ jagt das andere, ohne dass ein roter Faden oder gar ein Konzept erkennbar wäre, auch wenn die Kapitelüberschriften verzweifelt versuchen, einen solches zu suggerieren. Am Schluss versucht der renommierte finnische Wissenschaftsjournalist, Jahrgang 1966, sogar noch ein bisschen den Ratgeber zu mimen und predigt zukünftigen Möchtegernerfolgreichen Humanismus, Toleranz, Wertschätzung und Weisheit.
eutige Universitätsphilosophen H interessiert nicht die Vielfalt unseres Sprachverhaltens, sondern zu-
Es ist mitnichten, wie der Autor im Vor-
Eine Theorie der Arroganz liefert dieses
Sehr viel näher ist man möglichen Ant-
Ari Turunen: Kann mir bitte jemand das Wasser reichen? Eine kurze Geschichte der Arroganz. Nagel & Kimche, 205 S., € 20,50
Als wollte man dem Leser demonstrieren, man sei sich bewusst, wie viel die analytische Sprachphilosophie ausgrenzt, wurde das erste Buchviertel der Geschichte der Sprachphiloso-
worten nicht gekommen – wer derlei sucht, wird von der Philosophie enttäuscht werden. Umso notwendiger wird die Philosophie für jedermann, wenn man sie als Disziplin der Klärung unserer Grundbegriffe und Erkenntnisstrategien versteht. Nikola Kompas „Handbuch Sprachphilosophie“ bietet dem vorinformierten Leser denkbar gute Dienste dabei: Die uferlosen, sophistischen Debatten darüber, was es heißt, zu verstehen, wahr zu sein, etwas zu meinen, oder darüber, inwieweit die Bedeutung geäußerter Sätze kontextrelativ sei – hier kann man sie jeweils vorbildlich transparent auf wenige Seiten eingedampft nachlesen.
mit Schwerpunkt Erkenntnistheorie, Logik und Sprachphilosophie. Zuletzt erschien ihr „Grundkurs Erkenntnistheorie“ (zusammen mit Sebastian Schmoranzer, 2014). Ihr „Handbuch Sprachphilosophie“ ist nicht nur ein Musterfall von Forschungsvermittlung, sondern mit seiner sorgfältigen Anordnung und Darstellungsökonomie auch ein starkes Argument für das Medium Buch. Sprich dafür, sich in ein Thema von Experten einführen zu lassen, statt sich im Netz zu verlieren. S ebast i an K i e f e r
Nikola Kompa (Hg.): Handbuch Sprachphilosophie. J.B. Metzler, 450 S., € 102,80
New York Times
„Ein rarer Mix aus Lovestory, Wissenschaftsgeschichte und Abenteuerroman.“
© Lewis Winky
Sigrid Löffler, ORF
262 S. Geb. € 20,60[A] ISBN 978-3-406-68203-2
„Eine Dreiecksgeschichte unter Extrembedingungen.“
www.chb eck. de
zunächst unterhaltsame, dann mehr und mehr redundante Büchlein auf keine Weise. Der These, dass Arroganz „das überflüssigste aller Gefühle“ sei, widerspricht die Geschichte. Wer Kriege, Katastrophen und Hass allein auf Arroganz zurückführt, traut sich womöglich keinen tieferen Blick in die Abgründe der menschlichen Psyche zu. Oder er ist schlicht und ergreifend zu arrogant dazu. K i r st i n B r e i ten f ellne r
Nikola Kompa ist Professorin für Philosophie an der Universität Osnabrück
C.H.BECK
wort mit einem verfehlten ironischen Augenzwinkern behauptet, „das beste Buch, das Sie je aufgeschlagen haben“, sondern eine Kompilation von Anekdoten über Rivalitäten, Rücksichtslosigkeiten, Dreistigkeiten und Dummheiten von Menschen aller Kontinente und Jahrhunderte, die auf indirektem Weg direkt in den Ruin geführt haben. Beispiel gefällig? „Mao Tse-tung beschloss, dass alle Spatzen in China ausgerottet werden sollten, um die Getreideernte zu sichern. Trotz aller Warnungen der Wissenschaftler wurden die Spatzen getötet – und das Land begann unter Ungeziefer zu leiden. Schließlich musste China die Sowjetunion um 100.000 Spatzen bitten.“ Hunderte weitere Fälle reichen von Eroberungsberserker Dschingis Khan bis zu den rücksichtslosen französischen Atomwaffentests von 1963 bis
allererst, ob man durch Betrachtung einfacher Aussagesätze beantworten kann, was Philosophen sich seit vielen tausend Jahren vergeblich fragen: ob, wie und weshalb unser Denken und Reden die Welt, wie sie ist, darstellen oder verstehen können. Man befragt und benutzt dazu noch dieselben Begriffe, die die modernen Klassiker der Sprachphilosophie von Gottlob Frege über Ludwig Wittgenstein bis Willard Van Orman Quine ins Zentrum rückten: Referenz, Repräsentation, Verstehen, Konvention, Meinen, Bedeutung.
phie und den nichtanalytischen Traditionen vorbehalten. Konzentriertere Überblickstexte über Aristoteles’ frappierend aktuelles Sprachdenken oder Husserls dunkle Versuche, verbalen Sinn von den intentionalen Erlebnissen her zu bestimmen, dürften sich kaum irgendwo finden. Die Abschnitte über jene Wissenschaftsdisziplinen, die Empirie und Struktur der Sprache als Ganzes und ihre Funktion im Denken und in der Evolution erforschen – also über Anthropologie, Kognitionswissenschaften, Linguistik u.a. –, fallen nicht ab.
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Sachbuch
Arfaxat, Azazael, Beelzebub, Belial, Lucifer, Zabulus Religion: Kurt Flasch legt eine formidable Geschichte des Teufels als Deutungsinstrument und Kampfbegriff vor m Anfang steht die Vertreibung aus A dem Paradies, am Ende die Apokalypse. Der neben Gott wichtigste Akteur des Christentums ist der Teufel – als verführerische Schlange beim Sündenfall von Adam und Eva, als siebenköpfiger roter Drache, der mit seinem Schwanz die Sterne vom Himmel fegt, am Ende aller Zeiten. Der Philosoph und Mittelalterspezialist Kurt Flasch rekapituliert die Wandlungen dieser für Religion, Politik und Kultur folgenreichen Gestalt als Geschichte der „Moral- und Religionskonzepte der europäischen Hochkultur“ der letzten 2500 Jahre. Die Ursprünge des Teufels liegen im Orient. Im Hebräischen bedeutet „Satan“ Ankläger und Verleumder, im Griechischen heißt er „Diabolos“. Seine Gestalt ist so vielfältig wie seine Namen: Beelzebub, Belial, Zabulus, Arfaxat, Azazael. Das lateinische „Lucifer“ erinnert daran, dass der gefallene Engel einst ein „Lichtbringer“ war. Mag der Teufel heute nur noch als Symbol des
Bösen gelten, in der Geschichte von Judentum, Islam und Christentum wird er als reale Figur verstanden, die konkreten Veränderungen unterliegt. Figuriert er in den ältesten Texten der hebräischen Bibel noch als Befehlsempfänger Gottes, so steigert er sich im Neuen Testament vom Versucher und Verräter Jesu bis zum „Fürsten der Welt“. „Der Teufel“, so Kurt Flasch, ist ein „Deutungsinstrument und Kampfbegriff im Ringen mit Feinden innen und außen“.
Für Christen sind die Römer ebenso Teufel wie die Juden. „Warum versteht ihr mich nicht?“, lautet eine an die Juden gerichtete Frage im Johannes-Evangelium. Die Antwort: „Ihr habt den Teufel zum Vater (…). Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit.“ Christlicher AntiJudaismus sollte sich in der Folge zu noch größerem Antisemitismus auswachsen. Auf die Frage, warum sich der Teufel in Europa so lange halten konnte, hat Kurt Flasch eine scheinbar einfache Antwort: Weil das Bild, das man sich von ihm machte, mit der Zeit – manchmal auf verzwickte Weise – wandelte. Da wird von den Kirchvätern gefragt, ob der Teufel selbst nicht auch gut sein könne, oder er mutiert zum von antiker Philosophie beeinflussten „Luftwesen“ ohne Körper. Beim heiligen Augustinus herrscht eine „Atmosphäre von mächtiger sexorientierter Teufelsherrschaft.
Europa eine „Depotenzierung“ des Teufels. Naturkatastrophen und Epidemien werden nicht mehr als Satanswerk oder Bestrafung der sündigen Menschheit verstanden, im Zentrum des Denkens einer „natürlichen Religion“ stehen die „gute Natur“ und der freie Mensch. Als Leibniz in seiner „Theodizee“ nach dem „Ursprung des Bösen“ fragt, lässt er den Teufel außer Acht. Für Kant und Schiller ist die Vertreibung aus dem Paradies nicht mehr mit Teufel und Sünde verknüpft, sondern „die glücklichste und größte Begebenheit der Menschengeschichte“. Einer „der wichtigsten Akteure in der Geschich-
Flasch mokiert sich nicht über Obskurantis-
men, sondern versucht sie aus ihrer Zeit heraus zu verstehen. Politische Kontexte werden mit leichter Feder umrissen. Der „intellektualisierte“ Teufel des 13. Jahrhunderts entsprach einem „Schub an Rationalisierung und Selbstorganisation der westlichen Welt“; der von der Kirche weiterhin propagierte Teufelsglaube hatte „sozialpsychologische Vorteile, weil die Angst vor dem Höllenfeuer die erwünschte Volksmoral“ aufrechterhielt. Im philosophischen Denken des 17. und 18. Jahrhunderts erfolgt in
Kurt Flasch: Der Teufel und seine Engel. Die neue Biographie. C. H. Beck, 462 S., € 27,80
te des Teufels“, so Kurt Flasch, ist Goethe mit seiner Erfindung von Faust und Mephisto. Letzterer, der Teufel am Übergang von feudaler Welt zur beginnenden Gegenwart, ist nicht nur Theaterfigur, er ist auch ein hellsichtiger Zeitdiagnostiker. „Er beschreibt das Diabolisch-Ungeheure, das mit Dampfmaschinen, künstlicher Menschenzeugung, Revolutionsrhetorik, Kolonisation und Welthandel auf die Menschen unausweichlich zukommt.“ Zu den schlichten Glaubensteufeln der Alten führt kein Weg zurück, im Vergleich zu Mephisto sind sie allesamt inhaltsarm und langweilig. Dasselbe trifft auch auf den düsteren Psycho-Sound nicht nur esoterischer Teufelsbücher zu, gegen die sich Kurt Flasch mehr als wohltuend abhebt. Er i c h K l e i n
Die Versöhnung des heiligen Franziskus mit den Sufis Religion: Der Autor und Moslem Navid Kermani entwirft ein Christentum des friedliebenden Strebens nach Allharmonie aum ein Intellektueller ist in letzter K Zeit so in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt wie der Orienta-
list, Publizist und Schriftsteller Navid Kermani. Er entstammt einer Familie aus dem schiitischen Isfahan im Iran, wurde 1967 im deutschen, protestantischen Siegen geboren und lebt heute in Köln, bekanntlich die sinnenfreudige Hochburg des rheinischen Katholizismus. Nach Auszeichnungen wie dem Arendt-, Cicero- und Kleist-Preis erhält er nun – laut Begründung der Jury – „als Autor, der mit großer Sachkenntnis in die theologischen und gesellschaftlichen Diskurse einzugreifen vermag“, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Groß also die Aufmerksamkeit für dieses Buch,
das pünktlich zur Verleihung und thematisch abgestimmt auf diese Ehrung erscheint. Noch höher war die Erwartung eines Lesers, der bisher schon von seinen Romanen wie von der Vielfalt seiner Essays und Reiseberichte begeistert war, die von einem vibrierenden Streben nach west-östlicher Synthese durchdrungen sind. Vielversprechend denn auch das erste Durchblättern des Buches, das Kermanis Begegnungen mit der Bilderwelt des Christentums, zumal des katholischen, thematisiert. Schon der Einband besticht durch die wunderbare Verschmelzung orientalischer Ornamentik mit antikisierend-romanischem Bildgut. Kaum verwunderlich liegt ein Schwerpunkt der ausgewählten Bilder
bei Caravaggio, hat dieser doch wie sonst niemand im Rahmen der religiösen Malerei allgemein menschliche Gefühle ausgedrückt. So ist die Betrachtung der berühmten Berufungsszene des Apostels Matthäus (San Luigi dei Francesi/Rom) eine der brillantesten Passagen. Wie Kermani die Unsicherheit der ins Chiaroscuro getauchten Akteure auf den Betrachter überspringen lässt und das titelgebende „Ungläubige Staunen“ (Untertitel: „Über das Christentum“) auslöst, ist schlechthin meisterhaft. Ein weiteres Glanzlicht bildet die Meditation über El Grecos „Abschied Christi von seiner Mutter“, in der Kermani die erotische Ausstrahlung der ineinander in Liebe versinkenden Blicke herausstreicht. Auch in diesem Buch berückt der unverwechselbare Ton der langen, melodiösen Sätze, in dem Kermanis Vertrautheit mit den größten Sprachkünstlern der deutschen Klassik ebenso anklingt wie sein Umgang mit nahöstlicher Atem- und Rezitationstechnik: Der Text drängt darauf, laut gelesen zu werden. Viele der assoziativen Meditationen zu den 40 Bildwerken (vom frühchristlichen Mosaik bis zu Gerhard Richters Glasfenstern im Kölner Dom) verflechten tiefsinnig ästhetische Erfahrung mit Überlegungen zur christlichen Ethik. So bestechen die gedanklichen Verbindungen, die er zwischen dem ravennatischen Pastora-Motiv des Hirten-Erlösers und dem römischen sol invictus
knüpft, ebenso wie die Brücke, die er zwischen Richters abstraktem Werk und der Lichtmystik eines Sufidichters herstellt. Und dennoch: Bei kontinuierlicher Lektüre
Navid Kermani: Ungläubiges Staunen. Über das Christentum. C. H. Beck, 303 S., € 25,70
schleichen sich beim Leser, der nicht primär an religiöser Erbauung interessiert ist, Irritation und Distanz ein. Es stört nicht so sehr der Umstand, dass es sich bei den meisten der Kapitel um wiederverwertetes Material handelt, etwa aus seinem Romangebirge „Dein Name“ (2011), v.a. aber aus in der NZZ erschienenen Artikeln. Nicht, dass der Katholizismus einseitig im Zentrum steht und die Auseinandersetzung mit Pietismus, Aufklärung und deutschem Idealismus fehlt, ist dabei das eigentlich Irritierende, sondern die Zugerichtetheit auf eine Botschaft hin. Ein allzu sichtbarer roter Faden zieht sich durch: die Konvergenz eines Krypto-Christentums bei gewissen islamisch-heterodoxen Gruppen (Sufis), die Jesus als höchstes Symbol der Liebe sehen, mit friedliebendem Streben nach Allharmonie, das Kermani in der Person von Franziskus begründet sieht. Wie dieser sich von der Kreuzzugshysterie seiner Zeit fernhielt und dem Koran durchaus bewundernd gegenüberstand, so mögen sich die friedensstiftenden Tendenzen in den Religionen auch heute artikulieren und gegenüber orthodoxen Dogmatikern und fanatischen Hetzern obsiegen. Kermanis Wort in Gottes Ohr … T h o mas L e i tn e r
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Gottergeben, gütig, heldenhaft und heilig? Geschichte: Eine starke Ouvertüre zum 100. Todestag von Kaiser Franz Joseph 2016: die Biografie der Vocelkas
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ch habe so viel Unglück in allem.“ Ruhig, gottergeben, gütig, heldenhaft und heilig – so ließ Kaiser Franz Joseph sich abbilden. Einsam, anspruchslos, sparsam, der Arbeit ergeben – so erzählten es Broschüren und Artikel in allen Sprachen der Monarchie. So wurde er populär, so wurde die Erinnerung an ihn petrifiziert. Das misslungene Attentat von 1853 brachte ihm einen ersten Beliebtheitsschub. Erst recht knüpfte die spätere Serie von Todesfällen ein tendenziell innigeres Band zwischen Herrscher und Vaterland. 1867 wurde sein Bruder als Kaiser von Mexiko hingerichtet, 1889 schoss sein Sohn Rudolf, Thronfolger in spe, sich selbst und seiner Geliebten eine Kugel durch den Kopf, und ein Anarchist erstach seine Gemahlin Elisabeth. 1914 wurden der Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau in Sarajevo ermordet. Der gemeinsame Nenner: „Mir bleibt nichts erspart!“ Am 21. November 2016 jährt sich der Todes-
tag von Kaiser Franz Joseph (1830–1916) zum hundertsten Mal. Der Buchmarkt reagiert schon heuer. Die Biografie des Wiener Historikerduos Michaela und Karl Vocelka ist zweifellos eine starke Ouvertüre zu den zahlreichen kommenden Publikationen. Ein fast 100 Seiten starker Anmerkungsapparat, bei insgesamt 368 Seiten, verweist auf den Anspruch; die Forschung wird abgerufen, zusammengefasst und referiert, gelegentlich auch diskutiert. Die Biografie nimmt zwar immer wieder Bezug auf die habsburgische Geschichte, fokussiert aber auch stark auf die Person Franz Josephs. Wer war dieser Mann? Was hat ihn angetrieben? Was sind die Grundzüge seiner Politik und Amtszeit? Das Autorenteam hält auf Distanz zum Objekt, will aber gleichzeitig den Eindruck vermeiden, über Franz Joseph Gericht zu halten. Die beiden scheuen nicht davor zurück, in Ansätzen den verqueren, zwanghaften Charakter samt seinen autoritären Herrscherattitüden und dem späteren mü-
den „Durchwursteln“ offenzulegen. Als Leser würde man sich manchmal wünschen, dass die Vocelkas kräftigere Linien gezeichnet hätten. Aber sie lassen von allzu energischer Interpretation die Finger, arbeiten mit Puzzlesteinen, ziehen sich vorsichtig auf Chronik und Bericht zurück, verzichten sogar auf ein Resümee am Schluss.
„Dieses blutgemütliche Etwas, dem nichts erspart blieb, und das darum der Welt nichts ersparen wollte ... Ich weiß nicht, wer, ich weiß nur, was uns regiert hat“
(Karl Kraus über Beim heutigen Franz-Joseph-Bild werden der Kaiser Franz Joseph)
erste und der letzte Teil des Herrscherlebens gern unterschlagen. Seine Kindheit war ganz auf seine zukünftige Rolle als gottgesandter Kaiser zugeschnitten. Die Mutter suchte die Erzieher und Berater aus, unterwarf ihn von sieben Uhr morgens bis acht Uhr abends einem strengen Programm. Freiraum blieb da keiner. Kaum hatte er den 18. Geburtstag gefeiert, wurde er in einem Familiencoup auf den Thron gehievt. Sein großes Faible war von Kindheit an das Militär, mit Zinnsoldaten übte Franz Joseph die Feldherrenrolle. Die Revolutionsjahre 1848/49 bestätigten ihm die Wichtigkeit militärischer Gewalt, die Aufstände in Mailand und Wien und vor allem in Ungarn wurden gewaltsam niedergeschlagen, die eben erst ausgearbeitete Verfassung ausgesetzt. Kein Wunder, dass er fast zwei Jahrzehnte auf autoritäre Politik mittels militärischer Aktionen statt auf Machtteilung, Verhandlungen und Bündnispolitik setzte. In Solferino, wo er 1859 aktiv kämpfte, hatte er als Feldherr kein Glück. Mit Königgrätz 1866, als die Preußen den Österreichern eine blutige Niederlage zufügten, waren alle Träume von den tapferen Bajonettangriffen und siegreichen Heeren vorerst ausgeträumt. Vorderhand blieb dem Kaiser nichts anderes übrig, als sich auf eine monströse Jagdleidenschaft zu beschränken. In einem Brief an Elisabeth prahlte er, dass er bei einer einzigen Jagd 419 Rehe, Hasen und Fasane erlegt habe. 1914 konnte er auf die frühen Träume von Krieg
und Sieg zurückgreifen. Da vertraute er
wieder auf die „Gewaltigkeit seiner Heere“, wollte entschlossen in den Modus des Kriegskaisers wechseln. Mit dem bekannten Ergebnis: 1,1 Millionen Tote, zwei Millionen Kriegsversehrte, zwei Millionen Kriegsgefangene allein in Österreich-Ungarn. Oft wird Franz Joseph zum leidgeplagten „Helden des Rückzugs“ stilisiert – das war er wahrlich nicht. Er wollte keinesfalls den Großmachtanspruch aufgeben. Die Vocelkas kratzen stark am Image des asketischen Kaisers. Um den Schein der Sparsamkeit zu unterstreichen, ließ Franz Joseph nicht mehr verwendete Gegenstände seines täglichen Lebens wie Socken und Zahnbürsten versteigern. Im Gegenzug kostete die Hofhaltung um 1870 jährlich (nach heutiger Umrechnung) 63 Millionen Euro. Durch die Zuwendungen aus dem Budget, die enormen Besitztümer und das riesige Vermögen nach dem Tod seines Vorgängers Ferdinand im Jahr 1875 verfügte er über opulente Mittel, mit denen er seine Reisen, den personalintensiven Hofstaat finanzierte und die große Verwandtschaft in Schach hielt, aber auch seine Geliebten mit Wohnungen und Geldern bediente. Passagen des Buches sind auch dem Sexualle-
Michaela und Karl Vocelka: Franz Joseph I. Kaiser von Österreich und König von Ungarn. C. H. Beck, 458 S., (erscheint am 16.10.)
ben gewidmet. Franz Joseph, der in der Familie als gefühlskalt erlebt wurde, war sexuell ziemlich aktiv. Schon vor der Ehe genoss er körperliche Freuden, auch während der Ehe, bei den oft langen Abwesenheiten seiner geliebten Sissi, zögerte er nicht, Seitensprünge zu arrangieren. Die langjährige „Freundin“, die Hofschauspielerin Katharina Schratt, war eine seiner Geliebten. Den unter seiner Kontrolle leidenden Familienmitgliedern konnte das bigotte Versteckspiel nicht entgehen; für einen der widerspenstigen Erzherzöge war Franz Joseph deshalb simpel der „Herr Schratt“. Dieses Zitat ist nicht der einzige Farbtupfer in dieser kompakten, gediegenen Biografie. Alfred Pfoser
Der arabische (Alb-)Traum Aufstand ohne Ziel
empfiehlt
„Die Arabellion als einen Aufstand der Hungrigen gegen soziale Missstände darzustellen, greift viel zu kurz.“
www.passagen.at
Herausgegeben von Peter Engelmann 978-3-7092-0173-2 292 Seiten € 29,90
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Sachbuch
Psychologie ist Opium für das Volk Psychologie: Jens Bergmann entlarvt die Psychologie als tönernes Gedankengebäude und Rattenfängerei
„Die Psychologie hat hierzulande die Kirchen
auf dem Markt der Sinnsuche abgehängt.“ So beurteilt Bergmann den überwältigenden Erfolg der Wissenschaft vom Erleben und Verhalten. Eine große Zahl von mit sich selbst beschäftigten, nach Sinn hungernden Menschen ergäbe ein riesiges geschäftliches Potenzial. Und dies wisse die Psychologie mit passenden Versprechen zu bedienen: „Du kannst dich selbst und andere durchschauen. Du kannst dich selbst verwirklichen. Und du kannst alle Probleme lösen, die dir dabei im Weg stehen.“ Um ihren Erfolg zu erklären, rollt Bergmann die Geschichte der Psychologie auf. Diese beginnt er mit Freud und dem weit weniger bekannten Wilhelm Stern. Sie stehen als Stellvertreter zweier großer psychologischer Versprechen. Freud hoffte mit seiner Tiefenpsychologie den Menschen in seinem Innersten zu verstehen. Stern erfand den Intelligenzquotienten, um damit Menschen mit anderen vergleichbar zu machen. Weiter geht’s durch die Verzweigungen der Psychoanalyse und den Missbrauch der Psychologie in der Nazizeit zur reinen Verhaltensforschung der Behavioristen. Diese Sektion der Seelenkunde versuchte alles, insbesondere alles Lernen, auf messbares Verhalten zurückzuführen. Mit sichtlichem Vergnügen zeigt Bermann die Entzauberung dieses seelenlosen Ansatzes durch eine Buchrezension: Linguist Noam Chomsky bewies in seinem Verriss von B. F. Skinners „Verbal Behavior“ in wenigen Sätzen, dass zumindest das Lernen von Sprache anders funktionieren müsse. Gedankengebäude auf tönernen Füßen, Rattenfänger mit allzu süßen Melodien:
Das sind die Jagdziele des Journalisten. Auch Daniel Goleman, Erfinder des „emotionalen Intelligenz-Quotienten“, nimmt er aufs Korn. Und die modernsten Werkstätten der Zunft gehen nicht leer aus. „Wir bauen uns ein Oberstübchen“ heißt das Kapitel, in dem er die teils kruden Gedanken aus den Gehirnen der Hirnforscher vorführt. Brutales Psychologen-Bashing? Manche Großmeister der Gilde werden lustvoll durch den Kakao gezogen – doch nie ohne guten Grund. Bergmanns Kritik glänzt an der Oberfläche durch brillante Formulierung. Sie hält aber auch in der Tiefe jedweder Überprüfung stand. Ganz nebenbei bekommt man einen guten Überblick über die Entwicklung des Fachs. Im Grunde verlangt der Autor von der Psychologie nur, was sie von sich selbst fordert: naturwissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen. Professoren wie der Niederländer Diederik Stapel, der ganze Versuchsreihen einfach erfunden hatte, sind da ein gefundenes Fressen. Dank breiter Angriffsflächen und guter Geschütze kann der Autor auf Übertreibung getrost verzichten. Immer wieder fragt man sich, wie viel Recherche für so viele präzise Treffer notwendig war. Journalistische Erfahrung trägt da wohl ihren Teil bei. Bevor er zum Wirtschaftsmagazin brand eins kam, hatte Bergmann unter anderem für Spiegel und Bild der Wissenschaft gearbeitet. Das weite Land der Selbstbezogenheit hat er auch als Buchautor schon früher beackert „Ich, Ich, Ich. Wir inszenieren uns zu Tode“ hieß sein Werk zum Thema (2013).
„Du kannst dich selbst und andere durchschauen. Du kannst sich selbst verwirklichen. Und du kannst alle Probleme lösen, die dir dabei im Weg stehen.“ (Jens Bergmann über die Versprechen der Psychologie)
An seinen besten Stellen funktioniert das Buch
Doch es gibt noch eine andere Antwort: Berg-
mann hat selbst Psychologie studiert. Das erklärt wohl auch die immer wieder aufblitzende Sympathie für seine Opfer. Wirklich gnadenlos geht er nur gegen jene vor, die versuchen, die ohnehin schwache junge Wissenschaft auszubeuten. Am „Neurolinguistischen Programmieren“ (NLP) lässt er kein gutes Haar. Die mittlerweile bei Verkäufern und Coaches beliebte Manipuliere-deinen-Nächsten-
wie-dich-selbst-Technik sieht er als Methode mit einer „pseudowissenschaftlichen Fassade, mit der man vor allem Leuten imponieren kann, die von Sozial- und Geisteswissenschaften im Allgemeinen und Psychologie im Besonderen wenig Ahnung haben“. Hier wäre mehr Psychologie also gefragt. Mit solcher indirekten Würdigung der Wissenschaft muss man sich aber schon begnügen. Manchmal kippt das Gleichgewicht auf dieser Gratwanderung zwischen kompetenter Darstellung und scharfer Kritik. Mit „Trauma-Inflation und Trauma-Mythos“ lässt Bergmann sich zu Begriffen hinreißen, die tatsächlich Traumatisierten Unrecht tun. Etwas mehr Differenziertheit hätte in diesem Fall sein dürfen. Echten Respekt zollt er den in der Praxis tätigen Kollegen. Ausdrücklich würdigt er „kluge und reflektierte Psychologen“, auch Psychotherapeuten, die anderen Menschen durch kompetentes Zuhören und Empathie großen Nutzen bringen.
Jens Bergmann: Der Tanz ums Ich. Risiken und Nebenwirkungen der Psychologie. Pantheon, 240 S., € 15,50
als Spiegel. Dort zeigt er das wahre Gesicht einer hochgradig psychologisierten Gesellschaft, mit leichtem, aber heilsamem Schrecken für den Betrachter. Stellenweise gerät es zum Zerrspiegel: Einer witzigen Karikatur zuliebe wird auf ein differenziertes Bild verzichtet. Immer wieder zeigt Bergmanns Recherche den fatalen Wirkungsrad schwacher Qualitätssicherung in einer populären wissenschaftlichen Disziplin. Bergmann zielt nicht auf eine große Gruppe. Nicht „den Psychologen“ gilt sein Jagdeifer, sondern Kurpfuschern und Marktschreiern, die unter ihrer Flagge segeln. Er entlarvt den Narzissmus jener, die schnell jemandem auf den Leim gehen, der Selbsterkenntnis oder Selbstverwirklichung verspricht. Detaillierte Recherche, scharfe Beobachtungsgabe und eine spitze Feder sind die Werkzeuge, die den Blick in den Spiegel zum Vergnügen machen. A ndr e as K r e m l a
illustr ation: georg feierfeil
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lles ist heute Psychologie. Zumindest sind alle Lebensbereiche mit den jeweiligen Fachpsychologinnen und -psychologen besetzt: Arbeit, Kinder, Medien, Trauma etc. pp. Was wir davon wirklich haben, hinterfragt Jens Bergmann in seinem Buch „Der Tanz ums Ich. Risiken und Nebenwirkungen der Psychologie“.
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Gefeilte Knochen und befleckte Milch Soziologie: Fälschungen und unscheinbare Dinge: zwei ungewöhnliche Blicke auf den Homo „sapiens“
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eter Köhler ist Sachbuchautor, Tilman Allert Soziologieprofessor. Beide arbeiten auch als Journalisten und verstehen es, die Welt zu zeigen, wie sie ist. Sie sammeln Wunder und Wunderlichkeiten, um sie in unaufdringlicher Präzision zu präsentieren. Hat Goethe von Shakespeare abgekupfert? Das
behauptete etwas kokett zumindest der Geheimrat selbst. Tatsächlich findet sich in einem Lied des Mephisto in Goethes „Faust“ ein Motiv aus Hamlet: jenes der verführten und dann verlassenen Jungfrau – zwei Zeilen lang. Da haben die Ururenkel mehr drauf. 1218 Zitate ohne Quellenangabe fanden sich in der Dissertation des Karl-Theodor zu Guttenberg. In deren Einleitung hatte der liebevoll als „Dr. plag.“ bezeichnete Ex-Minister aus der FAZ abgeschrieben. Peter Köhler hat sie alle gesammelt: die großen und die kleinen Lügen. Auf viele davon dürfte der taz-Journalist und Satiriker schon während früherer Recherchen gestoßen sein. Als Buchautor hat er sich unter anderem mit Religionen, Philosophen und Literaturkritik beschäftigt. Sein letztes Werk behandelte „Versprecher und andere Sprachunfälle“ („Augen durch und zu“, 2015). Über 70 Fundstücke fingierter Daten und Taten reiht er nun in seinem neuen Buch „Fake. Die kuriosesten Fälschungen aus Kunst, Wissenschaft, Literatur und Geschichte“ in kleinen Essays aneinander. Schon die Geschichte lehre zu fälschen, meint Köhler und präsentiert die frei erfundene vertragliche Grundlage des Kirchenstaates namens Konstantinische Schenkung. Doch die Lügen lernten schon früher laufen: Hundezähne waren in der Jungsteinzeit beliebte Schmuckstücke. Wo einer nicht genug Zähne für eine Kette hatte, feilte er ein paar Knochenstücke zurecht – fertig war die älteste Fälschung der Welt. Manche Fakes gelingen mit fabelhafter Frechheit. Bekannt ist der Schuster aus Köpenicke, der sich im Uniformkostüm ein paar Wachsoldaten schnappte, um die
Stadtkasse zu konfiszieren. Doch auch die Karriere des Mannes, der es ohne Reifeprüfung zum Oberarzt bringt, oder die von einem Verleger erdichtete Dichterin können sich sehen lassen. Vollständigkeit ist hier kein Kriterium, ein wenig mehr System hätte die bunte Fälschungsfibel jedoch vertragen. Journalistischen Ansprüchen genügt sie: Fakten werden mit sparsamer Interpretation berichtet und, soweit sich’s feststellen lässt, nicht verfälscht. Einzig die Vita des Autors nährt Zweifel: Hat der „illegitime Sohn der saudischen Prinzessin Lolowah“ wirklich Idi Amin betreut und nebenbei einen „kartoffelbetriebenen Server für das Internet“ entwickelt? Stilistisch steht die kleine Autobiografie in bester Gesellschaft: Der Satiriker präsentiert seine Sammlung schräger Fälschungen höchst unterhaltsam.
einer einzigen Handbewegung gewidmet: „Der deutsche Gruß. Geschichte einer unheilvollen Geste“ (2010). Soziologen? Das sind doch jene, die immer versuchen, mit viel Theorie zu erklären, wer wir sind und wie wir uns in der Welt bewegen. Nicht so Allert. Große Gedankengebäude mögen andere errichten, dem Frankfurter Professor für Bildungswissenschaften genügt die Welt so, wie sie ihm erscheint. Diese Tugend beweist er regelmäßig auch in Beiträgen für die FAZ und brand eins. Allerts Kunst liegt nicht in der Jagd nach Sensationen, sondern darin, Gewöhnliches zu sammeln, zu polieren und so genau zu betrachten, bis es außergewöhnlich wirkt. Kleine Dinge, die unsere Welt prägen, sucht Al-
Auf Latte Macchiato stoßen wir im Alltag im-
mer häufiger. Die „befleckte Milch“ ist für Tilman Allert ein Sinnbild der Adoleszenz: „Der Espresso, kaum mehr als ein Schluck und medikamentengleich den Erwachsenen vorbehalten, sowie reichlich Milch, wie aus der frühen, der verlorenen Zeit, aus der Zeit des Frühstücks im Elternhaus.“ Solch fantasievolle Metaphorik verwendet der Soziologe in seinem Buch „Latte Macchiato. Soziologie der kleinen Dinge“ öfters, um seine Fundstücke aus dem Alltagsleben einzuordnen. Doch seine bildgebenden Beobachtungen bleiben nüchtern genug, um nicht zu verkitschen. Gefasst sind sie in kleine, wenige Seiten lange Essays. In einigen davon porträtiert Allert besondere Typen: die Modeschöpferin Jil Sander, die vom Aussterben bedrohten Hausmeister, Kanzlerin Angela Merkel. Letztere charakterisiert er durch die Raute, die sie beim Sprechen gerne mit ihren Händen formt. In der Geste liegt ein wesentliches Moment dieser Kleine-Dinge-Kollektion. Mit ihr charakterisiert Allert Menschen, Orte, öffentliche Räume. Offenbar eine Leidenschaft: Sein letztes populäres Buch war
Peter Köhler: Fake. Die kuriosesten Fälschungen aus Kunst, Wissenschaft, Literatur und Geschichte. C. H. Beck, 256 S., € 13,40
Tilman Allert: Latte Macchiato. Soziologie der kleinen Dinge. S. Fischer, 240 S., € 20,60
lert. Viele davon findet er in unserer Sprache, Heideggers „Haus des Seins“. Er bekommt sie dort zu fassen, wo sie sich in oft gebrauchten Redewendungen verändert. Was vorgestern noch „sagenhaft“ hieß, war gestern „krass“ und ist heute „abgefahren“. Oder ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie oft man heute „keine Ahnung“ als universelle Unzuständigkeitsfloskel vernimmt? Manche schönen neuen Wörter kreiert der Autor selbst, etwa die „Tischflucht“ für die zunehmend praktizierte Nahrungsaufnahme im Stehen, Vorbeigehen oder beim Fernsehen. Die spezielle Gabe liegt im Blick fürs Bezeichnende. Treffsicher findet Allert das Typische, die Kleinigkeiten, die den großen Geschehnissen Farbe und Nuancen verleihen. Dem Leser verhilft dieses Talent zu lebensnahen, leichtfüßigen Bildern einer wohl bekannten, aber doch ganz neu gezeichneten Welt. Was beide Werke gemeinsam haben, ist der Blick fürs Besondere im Gewöhnlichen. Sie verschonen den Leser damit einmal mehr damit, die Welt erklären zu wollen. Mit feiner und origineller Betrachtung durchaus bekannter Details schaffen sie neue Perspektiven. A n d r e as K r e mla
Verdichtete Intimität,implodierende
Buchhandlung Walther König im Museumsquartier Museumsplatz 1, 1070 Wien Tel.: 512 85 88-0 Mo bis Sa 10–19 Uhr; So 12–19 Uhr www.buchhandlung-walther-koenig.de
on ntati e s ä r P tag
iens am D 15 kt 20 27. O 0 19:0
Während der öffentliche Raum zunehmend möbliert und kommerzialisiert wird, wird das Private mehr und mehr von Öffentlichkeit durchdrungen – Grenzen zwischen privaten und öffentlichen Räumen verwischen, Privatheit ist im Begriff, in eine „Post-Privatheit“ überzugehen. Dennoch erweisen sich die Praktiken des privaten Wohnens gegenüber Veränderungen erstaunlich resistent. Wir essen und schlafen, kochen und lieben seit Jahrhunderten in nahezu unveränderten Raumkonstellationen. Doch sind es nicht gerade diese Räume und ihre Konstellationen, ihre Einrichtung und Architektur, also gesellschaftliche Normen, die unsere vermeintlich privaten Rückzugsorte bestimmen? Die Oberfläche des privaten Wohnens wäre dann ein Terrain, auf dem die gesellschaftlichen Konventionen – wie der Schutz des Eigentums, die Ausübung von Geschlechterrollen, der Umgang mit Hygiene sowie partnerschaftliche Gepflogenheiten – eingeschrieben und zugleich ausgetragen werden.
Privatheit
Sabine Pollak Kochen, Essen, Lieben Architektur des privaten Wohnens 120 S., Broschur, € 16,– ISBN 978 3 85449 442 3
www.sonderzahl.at
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Sachbuch
Luxus ist fein: haben, um zu sein
Erforschen, entdecken, erzählen oder aufzählen?
Philosophie: Lambert Wiesing arbeitet sich in jeder Hinsicht erschöpfend am Begriff des Luxus ab
Geografie: Jürgen Sarnowsky erzählt auf alte deutsche Professorenart von den großen Entdeckern
er von diesem Buch erwartet, dass es mit exklusiven AutoW modellen, Preisen von Hotelsuiten
arco Polo war nicht der erste, sondern nur der berühmteste M Europäer des 13. Jahrhunderts, der zu
oder süffigen Anekdoten eines dekadenten Lebenswandels aufwartet, ist auf dem falschen Luxusdampfer. Sein Verfasser, Lambert Wiesing (Jg. 1963), sitzt auf einem Lehrstuhl für Bildtheorie in Jena und hat davor Bücher mit Titeln wie „Sehen lassen. Die Praxis des Zeigens“ (2013) oder „Das Mich der Wahrnehmung. Eine Autopsie“ (2009) publiziert. Edutainment sieht anders aus. Armbanduhren mit Tourbillon (einem sinnlos komplizierten, überflüssigen Mechanismus, der zur Ganggenauigkeit beitragen soll) sind so ziemlich das einzige konkrete Beispiel für das Phänomen, dem sich
„Die Konstitution der Luxuserfahrung verlangt ein ebenso wohlüberlegtes wie trotziges Handeln gegen die Vernunft“
L ambert W i es i ng
der deutsche Philosoph widmet: Luxus. Zu dem haben die Philosophen nach David Hume nämlich nicht mehr allzu viel zu sagen gehabt, wie Wiesing leicht verschnupft anmerkt. Diese gleich im ersten Satz aufgestellte Behauptung wird zwar vom Autor selbst widerlegt, wenn er im letzten Siebtel seines Buches ausführlich auf Adorno und dessen Kritik an Thorstein Veblens „Theorie der feinen Leute“ eingeht, aber ein bisschen PR in eigener Sache wird man niemandem übelnehmen wollen. Nur leider braucht der Leser ziemlich lange, um herauszufinden, was überhaupt Sache ist. Dass der Autor „Luxus und Protz“ (ei-
gentlich gemeint: Protzerei) „als zwei grundlegend verschiedene Phänomene behandelt“, wird bereits auf Seite 15 deklariert, womit auch klargestellt ist, dass es hier nicht um eine moralische Verurteilung des Phänomens, sondern die Arbeit am Begriff geht. Die fällt hinreichend gründlich, um nicht zu sagen „übergründlich“ aus. „Friedrich Schiller ist nicht gerade berühmt dafür, sich philosophisch eingehend mit den Problemen oder Phänomenen des Luxus befasst zu haben“, schickt Wiesing dem ersten Teil seines Buches einen Satz voraus, dessen Teaser-Qualitäten als fragwürdig gelten müssen. Es folgen: 50 Seiten über Schillers Theo-
rie des Spiels, gelesen durch die Brille von Heidegger, Husserl und MerleauPonty. Ein Drittel des Buches ist danach schon einmal durch. „Das Ziel der Überlegungen ist die Entwicklung einer klaren Kategorie, um mit dieser differenzierte und präzise Beschreibungsmöglichkeiten zu erhalten“, lässt der Autor, ein wahrer Virtuose in der Disziplin des Bei-derStange-Haltens, die Leser auf Seite 76 wissen und zieht noch einmal ein Schnoferl ob der Luxus-Ignoranz der Philosophen. Das „Zwischenergebnis“ auf Seite 109: „Luxus ist das Produkt einer Interpretation von etwas technisch Nichtnotwendigem als etwas für Menschen Nichtnotwendiges, welches dann gegebenenfalls in einem zweiten Schritt auch noch als ein Gut oder Übel interpretiert wird.“ Ja, dann! Keine Frage, der Autor hat über sein Thema gründlich nachgedacht und dabei einige luzide Einsichten gewonnen – etwa in das Verhältnis von Eleganz und Luxus: Erstere negiert die Kausalität so wie Letzterer die Zwecke; beide werden als „Formen des Entrücktseins, des Nichtteilnehmens, des Nichtmitmachens“ betrachtet. Unter dieser Perspektive gewinnt Luxus eine nachgerade subversive Qualität, und es ist bezeichnend, dass er bei Adorno ganz nah an dessen Kunstbegriff steht. Leider verfügt die Prosa, die Wiesing schreibt, über die Eleganz einer Di plomarbeit: Die Physis, die jene scheinbar zum Verschwinden bringt, haftet viskos wie Melasse an den Sätzen, denen jede Verve nicht zuletzt deswegen abgeht, weil die zutage beförderte Erkenntnis – Luxus ist eine ästhetische Erfahrung, die notwendig auf Besitz beruht und der, so wie dies Kant in seiner „Kritik der Urteilskraft“ am Beispiel des Schönen ausgeführt hat, die reflektierende Beurteilung des Gegenstands vorhergeht – ständig wiederholt wird. Die durchaus überzeugenden Thesen wollen gerne frech und unkonventionell sein, kommen aber in etwa so dandyhaft daher wie ein Volkshochschulkurs für Peddigrohrflechten. „Luxus ist der Dadaismus des Besitzens“, steht auf dem Cover. Es ist der einzige Satz seiner Art. Insofern ist der Umschlag kein Luxus, sondern bloß eine Mogelpackung. K L AUS NÜCHTERN
mongolischen Herrschern reiste. Vorher dorthin gegangen waren Geistliche, die vergebens hofften, die „wilden Horden“ missionieren und eine Allianz gegen die Muslime schmieden zu können. Die Mongolen waren wohl eher amüsiert denn beeindruckt und ließen eine päpstliche Delegation auch schon einmal drei Monate warten, dann dem Abbild Dschingis Khans Referenz erweisen. Es ging nicht um die „Erkundung der Welt“, sondern um Machthändel und christliche Welterlösungsvisionen. Die Polos, eine venezianische Kauf-
mannsfamilie, folgten ab etwa 1260 – auf Geschäftsreise. Erst viel später, um 1500 herum, wurden Kaufleute dann von wirklicher Abenteuerlust getrieben, Ludovico de Varthema etwa. Marco Polo avancierte zum berühmtesten Asienreisenden des Mittelalters, nachdem er im Krieg zwischen Venedig und Genua (1296–99) in Gefangenschaft geraten war und einem schreibkundigen Mitgefangenen von seinen 17 Jahren am chinesischen Hof erzählt hatte. Marcos Reise selbst spielte dabei nicht einmal die Hauptrolle. Im Zentrum standen die wohlwollend präsentierten Erfolge der Mongolenherrschaft, die den Chinesen nur Existenzen dritter und vierter Klasse zubilligte – was Marco nicht hinderte, deren Schrift, Sitten und volksreligiöse Praktiken aufmerksam wahrzunehmen. Wilhelm von Humboldt wiederum, mit dem Jürgen Sarnowsky in seinem Buch „Die Erkundung der Welt“ diesen Rückblick beendet, machte ebenfalls keine Entdeckungsreise; er wollte längst erschlossene Gegenden Lateinamerikas wissenschaftlich präziser erfassen. Nicht nur die Landschaften, auch die Indios waren bereits jahrhundertelang Gegenstand von Berichten. Der Erste, der mit ihren Lebensformen intimer bekannt wurde, war ein Deutscher namens Hans Staden. Als Schütze in Diensten der Spanier stehend, hatte er 1554 neun Monate in Gefangenschaft brasilianischer Indios zugebracht. Zuvor war er bereits einmal zwei Jahre im Dschungel herumgeirrt und hatte sich vor Kannibalen gerettet, indem er sich als Schamane ausgab, bevor ihn die Franzosen 1555 freikauften. Wo in Reiseberichten die Beobachtung
Lambert Wiesing: Luxus. Suhrkamp, 223 S., € 25,70
endete und Fantasie, Prahlerei, Dichtung begann, war bis ins 18. Jahrhundert oft nicht zu entscheiden. Dann aber wurde wissenschaftlicher Erkenntnisdurst oft zum zentralen Motiv: Der Franzose Charles Marie de la Condamine brach 1735 mit ande-
ren Mitgliedern der Pariser Akademie der Wissenschaften auf, um die genaue Gestalt der Erde besser zu erfassen. Er überquerte die Anden und bewegte sich zwei Generationen vor Humboldt monatelang mit Flößen auf dem Amazonas und sammelte Informationen zu Geografie, Flora, Fauna sowie den Völkern der Region. In dieser jungen Tradition bewegte sich Wilhelm von Humboldt, als er auf eigene Kosten, aber mit Erlaubnis der spanischen Krone genau zur Jahrhundertwende den Orinoco bis zum Rio Negro befuhr, später den Chimborazo beinahe bis zum (6300 Meter hohen) Gipfel bestieg und in den Anden auf die legendären Überreste des Inkareichs stieß. Sarnowsky lässt die antiken Wege des Austauschs von Kultur, Waren, Religionen gleich ganz außen vor. Die vielen Expeditionen etwa der Chinesen nach Indien oder Afrika fehlen, sogar die berühmte „Reise nach dem Westen“ des Mönchs Xuanzang nach Zentralasien, um buddhistische Schriften zu holen. Komplett ausgespart sind die den christlichen Reisen vorausgehenden Pilger-, Entdeckungs- und Missionsfahrten in der muslimischen Welt. Ibn Fadlan etwa reiste 921 mit einer riesigen Expedition nach Russland und missionierte dort Gruppen von Türken. Ibn al-Arabi, der aus Spanien stammende Mystiker, soll zu Lebzeiten (1165–1240) 90.000 Kilometer zurückgelegt haben. Das Reisen auf der Welt deutete er als Analogon spiritueller Reisen. Was daraus folgt: Beide Singularar-
tikel des Titels „Die Erkundung der Welt“ sind irreführend. Das Buch besteht zum größten Teil aus uninspiriert exzerpierten Listen von Daten und Namen. Jede Einordnung in weitere geistesgeschichtliche Zusammenhänge fehlt. Es überrascht und verärgert, dass man im für seine historische Sachbuchkultur berühmten Hause Beck hier nicht lenkend eingegriffen hat, denn der Stoff ist von jeher überaus dankbar für gute Geschichtenerzähler. So hat man unfreiwillig bewiesen, dass an dem Vorurteil, Erzählkunst und das Amt eines deutschen Geschichtsprofessors seien schwer vereinbare Dinge, immer noch etwas dran ist. S ebast i an K i e f er
Jürgen Sarnowsky: Die Erkundung der Welt. Die großen Entdeckungsreisen von Marco Polo bis Humboldt. C.H. Beck, 256 S., € 20,60
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Selbstverwirklichung oder Freiheit? Philosophie: Was könnte Sozialismus heute bedeuten? Axel Honneth hat dazu wenig konkrete Ideen
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eue linke Parteien in Spanien und Griechenland propagieren die Rückkehr zum Sozialismus. Der kürzlich gewählte Labour-Chef Jeremy Corbyn will „Produktionsmittel verstaatlichen“, und der politische Philosoph Slavoj Žižek sieht im Kommunismus die einzige Alternative zum herrschenden Neoliberalismus. Welche Potenziale für die Lösung von aktuellen und Zukunftsfragen hat dieser Trend? Schauen wir bei dem deutschen Sozialphilosophen Axel Honneth nach, der in seinen Schriften an die Kritische Theorie anknüpft und soeben einen Versuch einer Aktualisierung der Theorie des Sozialismus vorgelegt hat, bewegt von der Tatsache, dass das Thema mehrere Generationen von Theoretikern zu Auseinandersetzungen anstachelte. Émile Durkheim, Max Weber oder Joseph Schumpeter stellten sich die Frage, ob der Sozialismus die bessere Zukunft nach der kapitalistischen Gegenwart sein wird. „Heute scheint es als ausgemacht zu gelten, dass er seine Zeit inzwischen überlebt hat“, konstatiert Honneth. Die Stärke des Buchs liegt in der Darstellung der Ursprünge. Honneth beschreibt den Sozialismus als geistiges Kind der Industrialisierung. Frühsozialistische Aktivisten wie Robert Owens in England oder die Fourieristen in Frankreich stellten fest, dass die Forderungen der Französischen Revolution nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit für einen Großteil der Bevölkerung leere Versprechungen geblieben waren. Statt der „wahren Liebe und Vertraulichkeit“ unter den Gliedern des Gemeinwesens, wie es in Texten der Aufklärung hieß, bestimmte der von Eigennutz getriebene Konkurrenzkampf das nachrevolutionäre Leben. Wie lässt sich das real existierende Gegenein
ander durch ein utopisches Füreinander ablösen, wie die Freiheit ökonomischer Selbstverwirklichung mit solidarischer Brüderlichkeit verbinden? „Die sozialistische Bewegung nahm von dem Gedanken ihren Ausgang, nicht mehr die Einzelperson,
sondern die solidarische Gemeinschaft als Trägerin der zu verwirklichenden Freiheit zu begreifen“, schreibt Honneth. Mehr Liebe im Sinne gegenseitiger Anerkennung und weniger Neid und Eigennutz: Warum konnte sich diese andere Idee von Gesellschaft nicht durchsetzen? In der Analyse des Scheiterns der Idee „sozialer Freiheit“ beweist der Autor seine Fähigkeit, eine immense Literatur zu überblicken und daraus einleuchtende Argumente herauszufiltern. Den Strickfehler der Idee solidarischer Gemeinschaften erkennt Honneth darin, dass sich die Gründerväter des Sozialismus, etwa Saint-Simon und Marx, zu sehr auf das Feld wirtschaftlicher Aktivitäten, vor allem auf die Industriearbeit beschränkten. Ein weiterer Geburtsfehler sei die metaphysisch aufgeladene Erwartung einer nahenden Revolution, die es den Menschen der Gegenwart verunmöglichte, die Veränderbarkeit kapitalistischer Gesellschaften experimentell zu erproben. Die kleine Selbstverwirklichung des Individuums wurde der Idee der nahenden großen Freiheit des Kollektivs geopfert. Mit dem Zusatzwort „demokratisch“ ließ sich dieses Defizit des Sozialismus nicht beheben.
„Vergeblich wartet der Leser auf anschauliche Beispiele dafür, wie die Hegemonie des ökonomischen Wettbewerbs durch ein solidarisches Füreinander beendet werden könnte“
Auch ein zweiter Anlauf, historische Versäum-
Beim Versuch, die alten Ideale zum Leben zu
erwecken, ist der Autor bereit, ihre Verzahnung mit den inzwischen haltlos gewordenen gesellschaftstheoretischen Grundannahmen schrittweise rückgängig zu machen. Nun wird es spannend: Gelingt es ihm, den Sozialismus der Fabriken und Kooperativen zu überwinden und die Idee einer zeitgemäßen sozialen Freiheit zu entwerfen? Leider wird die Argumentation an dieser Stelle nebulös. Statt das Programm eines experimentellen Sozialismus ohne Heilsversprechen präzise zu benennen, bezieht sich Honneth auf John Deweys Vorschlag einer „ungezwungenen Kommunikation der Gesellschaftsmitglieder zum Zwecke der intelligenten Problemlösung“, was immer das heißen mag. Vergeblich wartet der Leser auf
anschauliche Beispiele dafür, wie die Hegemonie des ökonomischen Wettbewerbs durch ein solidarisches Füreinander beendet werden könnte. Der konkreteste Vorschlag ist die Einrichtung eines Archivs, in dem alle in der Vergangenheit bereits unternommenen Versuche von Vergesellschaftung gespeichert werden. Ob das reicht, „um den Sozialismus aus seinem alten Denkgehäuse zu befreien“?
Axel Honneth: Die Idee des Sozialismus. Versuch einer Aktualisierung. Suhrkamp, 150 S., € 23,60
nisse zu korrigieren, endet enttäuschend. Warum, fragt der Autor, hätten die Frühsozialisten den Begriff der sozialen Freiheit immer nur auf die ökonomische Sphäre bezogen? Marx spricht zwar von Liebe im Sinne von Zwanglosigkeit und Gleichberechtigung, sieht aber ausgerechnet die persönlichen Beziehungen durch Produktionsverhältnisse bestimmt. Die Sozialisten gewannen den Begriff der sozialen Freiheit am anschaulichen Vorbild der Liebe. Als die Emanzipationsbewegung der Frauen die soziale Freiheit forderte, galt das lediglich als zu überwindender Nebenwiderspruch. Der Autor sieht den Ball, spielt ihn aber nicht weiter. Auf die Frage, wie eine solidarische Freiheit der sich um Geschlechter und Ethnien formierenden Gruppen aussehen könnte, geht er nicht näher ein. Daher lässt sich in dem Buch auch keine Erklärung dafür finden, warum sich die Anliegen des Feminismus und der queeren Bewegung so selten mit ökonomischen Forderungen linker Gewerkschafter überschneiden. Die Utopie einer gerechten Umverteilung von Anerkennung, eines Sozialismus der Selbstachtung, deutet Honneth nur an. Die finale Skizzierung einer „demokratischen Lebensform“ endet mit einer Ermutigung, „sich an die umsichtige Einreißung von noch bestehenden Schranken und Blockaden bei der Verwirklichung eines zwanglosen Füreinanders in allen zentralen Gesellschaftssphären zu machen“. Dann doch lieber – keine Macht für niemand! MAT THIAS DUSINI
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Sachbuch
Hungrige Hirsche, farbenblinde Insekten Biologie: David Haskell und Ewald Weber untersuchen die komplexen „Beziehungskisten“ der Natur
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enschliche Beziehungen werden oft von dem Eigenschaftswort „kompliziert“ begleitet. Die Netzwerke und Interaktionen zwischen den restlichen Erdbewohnern hingegen verdienen sich das Adjektiv „komplex“. In der Alltagssprache werden beide Begriffe oft vermischt, und auch bei der Erforschung ökologischer Zusammenhänge stellt die Komplexität der über Jahrtausende evoluierten Lebensgemeinschaften Biologen vor überaus komplizierte Fragestellungen. Zwei Neuerscheinungen befassen sich genau mit diesem Thema, den Gründen für Erfolg oder Scheitern solcher Partnerschaften, und könnten dabei verschiedener nicht sein. David Haskell, Professor für Biologie in Ten-
nessee, hat sich dafür einen Quadratmeter Wald in einem forstlich nie bewirtschafteten Gebiet ausgesucht. In diesen Mikrokosmos versenkt er sich für die Dauer eines Jahres und beschreibt seine Beobachtungen in 43 nach Datum geordneten Kapiteln. Diesen Ort vergleicht er mit einem Sandmandala, das für den Lauf des Lebens steht und in dessen Werden und Vergehen sich die Welt offenbart. Dieser Zugang zur Erkenntnis wurde auch schon von den Humanisten gewählt, die unter der Maxime „Natura maxima miranda in minimis“ („Die Natur ist am größten in den kleinen Dingen“) ein tieferes Wissen über existenzielle Zusammenhänge suchten. Haskell selbst ist sich seiner Grenzen bewusst. Zur Beobachtung eines Leberblümchens schreibt er: „Wie alle Menschen bin ich auch von meiner Kultur geprägt: Ich sehe die Blüte nur bruchstückhaft, mein Blickfeld ist durch die Jahrhunderte menschlicher Worte verstellt.“ Diese poetische Sprache ist für einen Naturwissenschaftler eher ungewöhnlich, doch Haskell bleibt nicht in lyrischer Bewunderung gefangen, sondern führt die Leser auf eine wunderbare, immer angenehm
zu lesende Suche nach Erklärungen. Die tagebuchartig geordneten Texte sind kleine Essays, die zuerst immer mit einer genauen Beobachtung beginnen. Ausgehend von einer Fraßspur an einem
Strauch folgt er im doppelten Sinn der Spur des hungrigen Hirsches, erklärt im lockeren Plauderton die Verdauungsprobleme eines Pflanzenfressers, taucht ein in die mikrobielle Welt des Hirschpansens, erklärt die daraus resultierende Praxis der Verwendung von Antibiotika in der industriellen Landwirtschaft und landet bei der Rolle von großen Primärkonsumenten in Waldökosystemen. Die Träne quillt, die Erde hat ihn wieder, möchte man da als Leser mit Goethe ausrufen. Auf wundersame und wunderbare Weise wird man in diesen Sog der Erkenntnisse hineingezogen, nie belehrt oder einem akademischen Parforceritt durch die Biologie ausgesetzt. Ausgehend von einer scheinbar nebensächlichen Beobachtung werden die wesentlichen Fragen herausdestilliert und auch für Laien verständlich beantwortet, ganz gleich, ob es um die Probleme von Hermaphroditen, die Schönheit des Schneckenauges oder die unglaubliche Lautstärke des Vogelgesangs geht. Im Unterschied zu vielen anderen naturkundlichen Publikationen, die mit ihrem krampfhaften Bemühen um Faktizität statt Lesevergnügen eher die Pflicht zur Bewältigung von Lehrstoff aufkommen lassen, folgt man Haskell gerne auf seinen gleichermaßen kontemplativen wie informativen Wanderungen auf seinem Quadratmeter Wald. Es überrascht daher nicht, dass das Buch in den USA mit dem Best Book Award der National Academies ausgezeichnet wurde und Finalist beim Pulitzerpreis 2013 war.
David G. Haskell, Das verborgene Leben des Waldes. Ein Jahr Naturbeobachtung. Kunstmann, 288 S., € 23,60
Ewald Weber: Der Fisch, der lieber eine Alge wäre: Das erstaunliche Zusammenleben Ganz anders nähert sich Ewald Weber dem Zu- von Tieren und sammenleben von Tieren und Pflanzen. Die Pflanzen. C. H. theoretische und institutionelle Aufteilung Beck, 245 S., der Erforschung der belebten Welt in Zoo- € 20,60
logie und Botanik ist dem 19. Jahrhundert geschuldet und zur Beschreibung von Ökosystemen untauglich. Wer sich der eigentlich simplen Frage „Warum gibt es in der Neuen Welt mehr rote Blüten als in Europa?“ stellt, muss sich in beiden Disziplinen bewegen. Der Schweizer Biologe schafft dies auch in kompetenter Weise und erklärt dem Leser mit klarer Sprache, dass die im roten Farbbereich blinden Insekten vor allem von gelben Blüten angelockt werden. In Südamerika hingegen übernehmen auch vielfach Kolibris und kleine Säugetiere diese Aufgabe. Und diese werden von roter Farbe optisch besser angelockt. Andere Bestäuber fordern aber auch andere, stabilere Pflanzenkonstruktionen, die ein interessantes Wechselspiel zwischen den ungleichen, aber wechselseitig aufeinander angewiesenen Arten entstehen lassen. So reihen sich kurze, durchaus informative Abhandlungen über Formen der Koevolution, „Senf-Ölbomben“ oder „Heiratsschwindler“ aneinander – jedoch ohne verbindenden roten Faden. Es wirkt ein bisschen so, als ob sich ein Universitätsprofessor aus seinen Unterlagen ein paar Exkurse über symbiontische und parasitische Lebensgemeinschaften für einen unterhaltenden Vortrag herausgesucht hätte. Zudem enttäuscht die lieblose Gestaltung
durch den Verlag. Der titelgebende und auf dem Buchcover abgebildete Große Fetzenfisch wird auf genau zwei Seiten abgehandelt, und die farbigen Fotos sind oft ohne Bezug zum Text und mit bedeutungslosen Bildtexten versehen („Streifenhörnchen sind eine Gruppe kleiner Nagetierarten“). Das Prinzip „Liebe geht durch den Magen“ ist in manchen Beziehungen ein Erfolgsrezept. Hätte der Autor mehr Herzals Wissenschaftlerblut in sein Buch fließen lassen, dann würde beim Lesen nicht ständig das Verlangen entstehen, die Texte nachsalzen zu müssen. P e t e r I wa n iewi c z
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Im Raubkapitalismus der grünen Mäntel Ökologie: Kathrin Hartmann nimmt die Green Economy, Heike Holdinghausen Textilien unter die Lupe
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athrin Hartmann kann Heuchelei nicht ausstehen. Seit ihrem ersten Buch „Ende der Märchenstunde. Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt“ (2009) hat sich die Journalistin den Ruf aufgebaut, umweltzerstörerische Wirtschaftsunternehmen, aber auch NGOs, die ihrer Meinung nach zu konzernfreundlich sind, unter die Lupe zu nehmen und pointiert zu entlarven. Aber auch die verbreitete Gier der Mittelklasse-Konsumenten, die auf keine Leckerei verzichten oder ihr Mobilitätsverhalten wirklich ändern wollen, ist ihr ein Dorn im Auge. Mit Globalisierungskritikerin Naomi Klein liegt sie insofern auf einer Linie, als beide das global dominante Wirtschaftssystem Kapitalismus als Auslöser von rasanter Umweltzerstörung und sozialen Verwerfungen ausgemacht haben.
Die sogenannte „Green Economy“, also die grüne Wirtschaft, sieht Hartmann als Heuchelei an, als Versuch von Großkonzernen, die Zerstörungen, die sie verursachen, als „nachhaltig“ zu verkaufen. Allesamt Greenwasher? Hartmann scheint oft über das Ziel hinauszuschießen. Allerdings tut man ihr Unrecht, wenn man ihr unterstellt, alle ernsthaft um Nachhaltigkeit bemühten Firmen in einen Topf zu stecken. Kleine Firmen und Nischen sind einfach nicht ihr Thema. Möglicherweise übersieht sie dabei, dass diese Nischen und vor allem Sharing-Trends wie Carsharing wirkliche Veränderungsmotoren sein und sich schnell durchsetzen könnten. Hartmann geht es also vor allem um große Konzerne, die unser Wirtschaftssystem nach wie vor dominieren, und um Stiftungen. Da wird man sich schwertun, sie zu widerlegen. Dass die EU durch die Förderung von Agrosprit die Zerstörung vor allem der südostasiatischen Regenwälder und deren „Ersatz“ durch Palmölplantagen massiv verstärkt hat, ist zwar nicht neu, aber ein gutes Beispiel dafür, dass neue Produkte nicht einfach die alten ablösen können
und Aktivisten in Indonesien, die sich gegen die Abholzung von Regenwäldern zugunsten von Palmölfarmen wehren, zu den „good news“ gehört. Schließlich erzählt sie damit auch davon, dass Widerstand auch unter widrigen Umständen möglich ist.
und damit alle Probleme gelöst sind. Solange Konsum, verschwenderischer Lebensstil und Produktion so weitergehen wie gehabt, wird sich an Umweltzerstörung und sozialer Ungerechtigkeit nichts ändern. Auch Elektromobile sind zwar wichtige Elemente eines neuen Mobilitätsmixes, aber allein noch keine Lösung. Denn auch sie benötigen Straßen und Strom. Solange immer neue Straßen gebaut werden, wo viel Boden ohnehin schon versiegelt und zerstört ist, solange Strom vorwiegend aus Kohle- und Atomkraftwerken oder großen Staudammanlagen kommt, sind Elektroautos nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Heike Holdinghausen legte 2011 gemeinsam
Dass Hartmann das allseits als „böser“ Kon-
zern bekannte US-Unternehmen Monsanto aufs Korn nimmt, ist nicht originell, aber wichtig, da es sich um einen der einflussreichsten Global Player handelt. Weniger bekannt ist da schon, was sie von den Hintergründen der satt dotierten Bill & Melinda Gates Stiftung berichtet: Hier nehmen wenige Superreiche großen Einfluss auf die globale Gesundheitspolitik. Durch seine konsequente Weigerung, Vermögenssteuer zahlen zu wollen, setzt der immer noch mit Abstand reichste Mann der Welt ein fatales Signal. Öffentliche Gesundheitssysteme werden ausgehungert, und die WHO wird immer abhängiger von seiner Stiftung. Manchmal schüttet Hartmann dann aber doch das Kind mit dem Bade aus: etwa wenn sie behauptet, nur kritische Berichterstattung über Missstände sei richtige Berichterstattung. Damit befindet sie sich zwar in der guten Gesellschaft eines George Orwell, aber die Devise „Only bad news are good news“ ist doch etwas antiquiert. Nicht nur, dass eine journalistische Fokussierung auf Negatives, und sei dieses noch so gut recherchiert und geschrieben, allzu oft zur Folge hat, dass sich Leserinnen und Leser in spe überfordert fühlen oder das Buch beiseite legen, Hartmann übersieht auch, dass ihre eigene Berichterstattung über lokalen Widerstand etwa von Aktivistinnen
Kathrin Hartmann: Aus kontrolliertem Raubbau. Wie Politik und Wirtschaft das Klima anheizen, Natur vernichten und Armut produzieren. Blessing, 448 S., € 19,60
Heike Holdinghausen: Dreimal anziehen, weg damit. Was ist der wirkliche Preis für T-Shirts, Jeans und Co? Westend, 224 S., € 17,50
mit Armin Reller das Buch „Wir konsumieren uns zu Tode: Warum wir unseren Lebensstil ändern müssen, wenn wir überleben wollen“ vor. In ihrem neuen Buch „Dreimal anziehen, weg damit“ widmet sie sich dem Thema Textil. Wie konnte es so weit kommen, dass der Großteil der Textilproduktion heute in asiatischen Ländern stattfindet? Warum sorgt gerade die Textilbranche regelmäßig für internationale Skandale? Warum schuften Frauen und Kinder unter gefährlichen, unangenehmen und teilweise sogar menschenrechtswidrigen Umständen in Textilfabriken? An welchen Gütesiegeln können sich Konsumenten wirklich orientieren, wenn die Politik versagt? Weshalb ist die Textilproduktion so umweltschädlich? Warum setzen sich umweltfreundliche, traditionelle Fasern wie Hanf und Leinen gegenüber der ewig durstigen Baumwolle nicht durch? Welche fatalen Folgen hat das „Immer schneller, immer mehr“, das große Ketten und Modehäuser ihren Kunden vorgeben? Und warum spielen da so viele mit? Das Thema Textil ist nicht neu, aber das, was Holdinghausen daraus macht, ist wirklich spannend, auch für Leserinnen und Leser, die sich selbst für gut informiert halten. Bei Holdinghausen findet man viele Fakten und gut recherchierte Zusammenhänge. Zum Beispiel, welche Textilfirmen in Deutschland geblieben sind und wie sie das trotz des wirtschaftlichen Drucks schaffen. Es gibt Alternativen, wenn man informiert ist und es anders macht als der Mainstream. Das ist die Botschaft sowohl von Kathrin Hartmann als auch von Heike Holdinghausen. K a r i n C h l a dek
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Sachbuch
Von der Wundversorgung zur Magenverkleinerung Medizin: Arnold van de Laar legt mit seiner Geschichte der Chirurgie ein unterhaltsames Gruselbuch vor er 35. Präsident der Vereinigten StaaD ten, J.F. Kennedy, starb 1963 letzten Endes infolge eines starken Blutverlustes und durch Ersticken. Seltsamerweise ist Nordamerikas erster Präsident Georg Washington ganz ähnlich ums Leben gekommen. Allerdings waren damals nur eine Halsentzündung und die Behandlungsmethode – nämlich Aderlass – die Todesursache und nicht Mord.
Wie viel medizinisches Wissen in den knapp
200 Jahren zwischen diesen beiden Ereignissen akkumuliert wurde, kann man erahnen. Der niederländische Arzt Arnold van de Laar wickelt in seinem Buch „Schnitt“ strukturiert und unterhaltsam die Historie seiner Zunft auf und verknüpft medizinische Fälle quer durch die Jahrhunderte. Zwei große Musiker verbindet etwa das Schicksal ihrer großen Zehe. Der Hofkomponist Ludwigs XIV., ein gewisser JeanBaptiste Lully (†1687), und Bob Marley (†1981) hätten beide ein längeres Leben gehabt, wenn sie nicht die Amputation jenes Körperteils verweigert hätten. Neben Lenin, dem Entfesselungskünstler Harry Houdini oder dem Kastratensänger Farinelli zählen auch Monarchen zu der auf dem Operationstisch behandelten prominenten Patientenschar. Königin Victoria (†1901) bewirkte zum Beispiel eine Art Boom für den Einsatz der Narkose und damit auch, dass Mediziner ihr Behandlungstempo immens drosseln konnten.
Die Versorgung einer Wunde stellt die erste und elementarste chirurgische Handlung dar. Die Geburtsstunde der modernen Chirurgie legt der Autor deswegen in eine Nacht im Jahr 1537. Der gesunde Menschenverstand des jungen französischen Militärchirurgen Ambroise Paré gewann da die Oberhand. Er stellte fest, dass die mittelalterlichen Methoden mit Brenneisen und heißem Fett ungeeignet waren. Dass die Chirurgie echtes Handwerk ist, wird einem schnell klar, wenn man die Geschichte von Jan de Doot liest. Der Amsterdamer Schmied hat sich selbst einen Blasenstein herausgeschnitten. Anhand dieser Begebenheit werden die Lithotomie, der Steinschnitt, und damit eine Menge weiterer von heute aus gesehen merkwürdiger Zustände in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts erklärt. Van de Laar fokussiert nicht nur die konkreten Fortschritte in der Chirurgie, sondern auch das Umfeld und die Krankheiten, die zu diesen führten. In diesem Buch findet man mehr Fun Facts, als man zunächst erwarten würde: Nach welchem Narkosemittel war Michael Jackson süchtig? Oder warum ist die evolutionäre Entwicklung des aufrechten Gangs schuld an unseren Krampfadern? Warum überlebte jeder fünfte Papst nicht einmal sein erstes Amtsjahr? Wieso konnte Kaiserin Elisabeth (†1898) noch an Bord des Dampfschiffes nach Montreux spa zieren, nachdem ihr doch Luigi Lucheni mit einer Dreikantfeile den Brustkorb
durchstoßen hatte? Wie operiert man einen Zitteraal, der sich mit 600 Volt dagegen wehrt? Fragen, die man sich nie gestellt hätte, deren Antworten aber erstaunlich aufregend sind. In kleinen Dosen und im angehängten Glossar wird der medizinische Fachjargon von A wie Abszess bis hin zu Z wie die Zirkumzision erklärt. Spätestens bei den Vorhautvergleichen zwischen Abraham und Ludwig XVI. stellt sich ein gewisser Horrorfilm-Effekt ein: Man will nicht hinschauen, muss aber weiterlesen, getrieben von der Neugier und Spannung über den Ausgang. Ja, Gänsehaut, Grauen und Phantomschmerz sind nicht ausgeschlossen. Wer keinen besonders stabilen Magen hat,
Arnold van de Laar: Schnitt! Die ganze Geschichte der Chirurgie erzählt in 28 Operationen. Pattloch, 432 S., € 23,70
sollte sich auch davor hüten, van de Laar auf Youtube zu suchen. Solch einer wird nämlich operativ verkleinert in einem der Videos, auf die man hier stößt. Zusammengetragen ist der Stoff dieses wilden Buchs aus einem Haufen medizinischer Publikationen und Medienberichten, etlichen Biografien beispielsweise von Königin Victoria oder Lenin, aber auch aus Sir Arthur Conan Doyles „Sherlock Holmes“. Das Kapitel „Diagnose“ zieht Parallelen zur Detektivarbeit. Das Ergebnis ist keine vollständige oder exakte Darstellung historischer Tatsachen, sondern eher eine Interpretation aus der Perspektive eines Chirurgen, der van de Laar ja ebenso ist. J u l i ane F i sc h e r
Was ist Gerechtigkeit? Als Karotte getarnter Stock! Neue Medien: Aphorismenschleuder und Twitter-Star Eric Jarosinski kann man jetzt auch auf Papier lesen an könnte die Theorie der sozialen M Medien in Büchern abhandeln. Eric Jarosinski schafft es in 14 Worten. „Die
Freude. / Die man online findet. / Beim Beinahfüllen der Leere. / Die man online erzeugt.“ Jarosinski ist ein Phänomen des digitalen Zeitalters. Dabei hatte er das gar nicht vor. Er lehrte an der University of Pennsylvania Philosophie und Germanistik. Als er sich daranmachte, ein akademisches Buch zu schreiben, mit dem er sich um eine Festanstellung an einer Elite-Uni bewerben wollte, entdeckte er den Kurznachrichtendienst Twitter. Die Social-Media-Plattform, auf der man
Nachrichten mit maximal 140 Zeichen absondern kann, wurde sein Verhängnis und seine Bestimmung. Er erfand das fiktive Journal „Nein.Quarterly: A Compendium of Utopian Negation“ und begann humoristische, sarkastische und kluge, oft auch misanthropische Botschaften in die Welt zu senden.
Statt Professor wurde Jarosinski Aphorismenschleuder und Twitter-Star. Er arbeitet die Lehren Adornos, Hegels und Marx’ in SMS-Länge auf und bringt in seinen Ergüssen manchmal mehr auf den Punkt als so mancher Philosoph in langen Abhandlungen. „Philosophie leicht gemacht“ erklärt Jarosinski etwa so: „1. Denken. / 2. Denken. / 3. Philosophie studieren. / 4. Fragen Sie sich, was Sie sich dabei gedacht haben.“ Dieses Büchlein kann man während einer Straßenbahnfahrt auslesen. Seine Poesie hat auch auf Papier die Form des Digitalen beibehalten. Zum Beispiel in Form von Hashtags, also Rautezeichen mit einem Wortanhängsel. Auf Twitter dienen diese als Schlagwortsammlung, Jarosinski nützt sie als Überschriften. Keiner seiner Verse ist auf Englisch länger als die erlaubten 140 Zeichen. Das sieht dann etwa so aus: „#PfadDerWeisheit – 1. Lange Rede. 2. Kurzer Sinn. 3. Kurze Rede. 4. Langer Sinn.“ Philosophie, Kunst, Sprache und Literatur sind die Themen, deren sich Jarosin-
ski annimmt. Er beantwortet dabei auch die großen Fragen der Menschheit in aller Kürze. Was ist das Leben? „Die Haupt ursache des Todes.“ Was ist Zeit? „Raumverschwendung.“ Was ist Frieden? „Wofür jeder kämpft.“ Was ist Gerechtigkeit? „Als Karotte getarnter Stock.“
Eric Jarosinski: Nein. Ein Manifest. Fischer, 136 S., € 13,40.
Natürlich befasst sich der Mann, der dank der sozialen Medien berühmt wurde (er hat 118.000 Follower und bereits über 35.000 Tweets abgesetzt), mit den sozialen Medien selbst und erweist sich dabei als Kulturpessimist. „#justfriends – Ja, werden wir sagen. / Soziale Medien. / Das war doch, als unsere Freunde sich aus unserem Leben verabschiedeten. / Und in unsere Smartphones wanderten.“ Jarosinski hat es mit „Nein. Ein Manifest“ genau umgekehrt gemacht. Der Menschenfeind ist aus dem Smartphone gekrochen und inspiriert seine Leser nun zeitlos auf Papier.
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Für alle Stimmungen und Verstimmungen Musik: Unterhaltsame Themenverfehlung: Pietro Leveratto empfiehlt Musik für alle Lebenslagen
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r ist nicht der Erste, der Musik therapeutische Wirkung zuschreibt, ja sie als eine heilende Kraft versteht. Aber Pietro Leveratto, 1959 geborener JazzKontrabassist und Lehrer am Konservatorium Genua, hat sich sehr konkret überlegt, welche Musik in welcher Situation hilfreich sein kann. Der Titel seines Buchs „Die Musiktherapie. Songs und Stücke für Lebens- und Stimmungslagen aller Art“ könnte einen dazu verleiten, es als einen dieser Ratgebertexte zu lesen, die ein besseres Leben versprechen. Das ist es zum Glück nicht. Der Autor verfolgt jedoch auch keinen ernsthaft wissenschaftlichen Ansatz. Am besten versteht man sein Buch als ein Sammelsurium von Überlegungen dazu, was Musik im Menschen auslösen kann, wie bestimmte Musikstücke auf sein Gemüt einwirken und bestimmten Gemütszuständen entgegenwirken können. Gegliedert ist es wie ein Lexikon, es enthält
Ein- und Beiträge von A wie „Aggression beim Autofahren“ bis Z wie „Zwanghaftigkeit“. Daran kann man schon erkennen, dass das Spektrum in dem Band von Musik für sehr konkrete Situationen bis hin zu komplexeren Dingen wie Persönlichkeitsstörungen reicht. Leveratto kommt vom Jazz. Seine Empfehlungen sind allerdings erfreulich breit aufgestellt und decken von Klassik bis zu relativ aktueller Popmusik fast alles ab.
Aufbrausenden Automobilisten etwa empfiehlt er Stücke von Mozart („Canzonetta sull’aria“) über Erik Satie („Gymnopédie No. 1“) und La Monte Young („The Second Dream …“) bis zu George Harrisons „Om Hare Om (Gopala Krishna)“ und „Pure Shores“ von der einstigen britischen Girlband All Saints. Ah ja, und auch noch was von New-Age-Popstar Enya. Kurz: Nicht alles davon muss jedem gefallen, aber es sollte für jeden Geschmack etwas dabei sein. Manche Einträge sind eher praxisorientiert, andere kleine Feuilletons. So etwa der Eintrag zu „Wiederholungszwang“: „Kennen Sie das? Bevor Sie das Haus verlassen, kontrollieren Sie stets drei Mal, ob Sie den Herd ausgeschaltet haben. Ebenso häufig greifen Sie in die linke Manteltasche, um sicherzugehen, dass Ihr Schlüssel noch da ist. Halbwegs beruhigt (und nur ein ganz klein wenig verspätet) verlassen Sie die Wohnung, nur um zwei Minuten später zurückzurennen und noch einmal nachzugucken, ob der Herd aus ist.“ In solchen Fällen hat der Musiktherapeut keine klingende Abhilfe parat, sondern beschränkt sich auf Musikstücke, die damit korrespondieren. Beim „Wiederholungszwang“ analysiert er Maurice Ravels „Boléro“: „In der Melodielinie gibt es keine einzige Änderung, und trotzdem vermeidet dieser Extremfall der Repetition dank der gekonnten Instrumentierung jegliche Monotonie. Als Zuhörer kann man nicht an-
ders, als in den unermüdlichen Wiederholungen genussvoll zu schwelgen.“ Wiederholungszwang auf höchstem Niveau also. An diesen Beispielen lassen sich auch schon die Stärken und Schwächen des Ansatzes ablesen. Wer Musikstücke für gewisse (Ver-)Stimmungslagen sucht, wird nicht immer fündig werden; wer lieber schöne Abhandlungen über Musik und den Menschen lesen will, wird zwar ebenfalls bedient, ohne jedoch auf einen roten Faden zu stoßen. Als Ganzes krankt „Die Musiktherapie“ am Fehlen einer These und Systematik. Das verhindert auch, dass man sich richtig darin festlesen kann. Merkwürdig ist weiters, dass bei einem Wälzer von mehr als 400 Seiten auf eine Einleitung verzichtet wurde. In manchen Situationen ist auch der beste
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Musiktherapeut überfragt. Bei „Zahnweh“ kann Leveratto keine Schmerzlinderung bieten, sondern lediglich Musik, „die ihrerseits dermaßen hämmernde oder bohrende Schmerzen verursacht, dass Sie Ihr Zahnweh schlichtweg vergessen“ – harte Kost von Ministry, Slayer, Napalm Death sowie Lou Reeds „Metal Machine Music“. Bei „Migräne“ wiederum flüchtet er sich in eine Aufzählung von Musikern, die vermutlich darunter litten. Dieses Buch ist eine mittelschwere Themenverfehlung, aber eine absolut kurzweilige und lesenswerte. SEBASTIAN FASTHUBER
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Sachbuch
Windschatten oder Sieger Vorchristliche Koralle, sind immer die anderen Yuccapalme und Zypresse Radsport: Charles Wegelius erzählt in seiner spannenden Biografie aus dem Leben eines ganz normalen Radprofis
Kunst: Die amerikanische Künstlerin Rachel Sussmann hat Lebewesen fotografiert, die tausende Jahre alt sind
austo Coppi, David Millar oder F Lance Armstrong haben es getan. Radfahrer-Memoiren gibt es viele. In
it ihrer Leidenschaft für Bäume, M Flechten und Bakterien folgt die Fotografin Rachel Sussman einer na-
diesem Fall geht es um keine schweißtriefende Heldengeschichte, sensationsreiche Warum-hab-ich-bloß-gedopt-Beichte oder große Enthüllungen. Der Brite Charles Wegelius und sein Co-Autor, Sportjournalist und Exkollege Tom Southon, liefern mit „Domestik. Das wahre Leben eines ganz normalen Radprofis“ eine authentische Geschichte über das Leben eines normalen Radsportprofis: die Erlebnisse eines klassischen Mittelfeldfahrers, der bei der Medienübertragung meist nur kurz als Zugpferd seines Teamkapitäns durchs Bild huscht. Eine Biografie, exemplarisch für die
vielen ungekannten Nebenfiguren, Schicksale und Karrieren des internationalen Pelotons. Ohne große Skandale, Siege und Ruhm, aber mit nicht minder vielen Höhen und Tiefen. Lange bevor die Briten mit Team Sky selbst Rennradgeschichte schreiben, verlässt der halbwüchsige Radsportfan Charly, kaum von der Schule abgegangen, Ende der 1990er-Jahre die Insel, um in den verheißungsvollen Rennradnationen Frankreich und Italien seinen Traum zu verwirklichen – mit kompromissloser Verbissenheit und der Entschlossenheit, alles zu geben, koste es, was es wolle. Und das ist nicht wenig. Sein Einsatz lohnt sich, er schafft den Einstieg in die Profiwelt. Seine offizielle professionelle Karriere startet Wegelius als knapp zwanzigjähriges Nachwuchstalent beim italienischen Mapei-Rennstall. Dort erlebt der junge Engländer zunächst die besten Seiten des Rennsports. Er findet optimale Trainingsvoraussetzungen, lebt in luxuriösen Unterkünften und wird von seinen italienischen Kollegen protegiert. Doch die Radsportwelt verliert nach und nach an Glanz, daran ändert auch Wegelius beständiger Aufstieg, seine Teilnahme an den prestigeträchtigen Rundfahrten, dem Giro d’Italia, der Vuelta de Espana oder der Tour der France, nichts. An vielen Stellen klingt diese Biografie wie ein Entwicklungsroman. Mehr als einmal entscheidet die richtige oder falsche Entscheidung über den Fortgang seiner Karriere, gilt es die richtigen Leute kennenzulernen, in der richtigen Clique zu sein, sich anzupassen, wenn nötig den Wendehals zu spielen, um im Mannschaftsgefüge eines Radteams bestehen zu können. Womit Wegelius bis zum Schluss hadern
wird, ist die eigene Unterwürfigkeit, jener Charakterzug, der den soliden Kletterer bei Bergetappen geradezu zum perfekten Domestiken prädestiniert. Domestik, Knecht oder, freund-
licher formuliert, Mannschaftsfahrer nennt man im Radsport jene Sportler, deren Hauptaufgabe es ist, den Kapitän der Mannschaft zu stützen. Sie sind Wasserträger, bieten Windschatten, machen Tempo und verzichten im Zweifelsfall auf den eigenen Sieg. Eine nicht sehr dankbare, im Profiradsport aber alltägliche und anerkannte Rolle. Außen hui, innen pfui. Nüchtern und lebensnah seziert Wegelius das Psychogramm und die Lebensrealität des Radzirkus und seiner Proponenten anhand des eigenen Beispiels. Er erzählt von prekären Arbeitsverträgen, beglückenden oder zermürbenden Teamkonstellationen, Zerwürfnissen mit Trainer, Kapitänen oder Funktionären. Die Dopingsünder und -sünden der EPO-Ära streift er nur am Rande, für ihn sind sie ein ungeschriebenes Gesetz des Metiers, aber nicht seine Story. Mit jeder Seite nimmt das Buch an Fahrt auf und ist durch seine psychologische Tiefe auch für den Laien interessant. Diese Biografie zeigt, welchen Ups and Downs sowohl Kalorien- als auch Gefühlshaushalt eines Radsportlers unterworfen sind. Und ja, das Privatleben bleibt über Jahre auf der Strecke, das alles andere als normale Profileben hinterlässt eine Leere. Gerüchte aus der Leistungssportwelt, die sich genauso als wahr herausstellen wie jene über die lausigen Teamunterkünfte und grottenschlechte Verpflegung bei der Tour de France. „Wir waren ein Haufen selbstsüchtiger Arschlöcher, die ihr Leben entweder damit verbrachten, Rad zu fahren oder die Beine hochzulegen.“ Nach elf Jahren als Profi steigt Wegelius
33-jährig aus dem Rennzirkus aus. Am Ende seiner körperlichen und mentalen Kräfte und ohne je in einem großen Rennen gesiegt zu haben, aber auch geläutert von dem ständigen Kreisen um die eigene körperliche Befindlichkeit, mit dem Wissen dass es ein Außen gibt, seine Frau und Familie. Ganz verdammen konnte oder wollte der Ex-Profi den Radsport allerdings nicht: Heute ist Wegelius sportlicher Leiter beim Team Cannondale-Garmin. Keine große Enthüllungsstory, aber eine sehr geglückte Innenschau.
Pe tr a Stur m
Charly Wegelius mit Tom Southam: Domestik. Das wahre Leben eines ganz normalen Radprofis. Covadonga, 304 S., € 16,80
turwissenschaftlichen Tradition, die an oberster Stelle ästhetischen Rückhalt findet: Hans Ulrich Obrist, einer der derzeit wichtigsten Kuratoren bildender Kunst, hat das Vorwort zu dem visuell und erzählerisch überbordenden Fotoband geschrieben. Sussmann ist nicht wohlhabend, merkt sie beiläufig in ihrem einleitenden Text an. Mit diesem sehr persönlichen „Geständnis“ will die in Brooklyn, New York lebende Künstlerin, Jahrgang 1975, die bereits wichtige Stipendien und Unterstützer für sich gewinnen konnte, jenen Kontrast unterstreichen, den Künstler erleben, die in wichtigen Medien groß herausgebracht werden und ihre Miete dennoch nicht bezahlen können. Dieses Narrativ der künstlerischen Produktionsbedingungen setzt Sussmann in den 320 Seiten von „Die ältesten Lebewesen der Erde“ konsequent um, ohne dabei allzu wehleidig oder kokett zu wirken. Auf der Suche nach einer künstlerischen
Position ist sie bei der Naturwissenschaft gelandet und hat wenige Koordinaten festgemacht, um ihr Vorhaben zu einem funktionierenden Konzept zu verdichten. Es sollten Lebewesen sein, die seit mindestens 2000 Jahren leben, ob im Wasser oder auf dem Land. Sie nahm sich alle Kontinente vor, setzte sich intensiv mit den jeweiligen Dendrochronologen, die das Alter von Bäumen bestimmen, Botanikern und Meeresbiologen auseinander, um jene Organismen aufzuspüren, für die Zeit eine andere Bedeutung zu haben scheint und die an Orten wachsen, wo sonst wenig Zivilisation zu finden ist: die 12.000 Jahre alte Yucca-Palme in der Mojave-Wüste, die 2000 Jahre alte Hirnkoralle in Tobago, die 9550 Jahre alte Fichte in Schweden oder die 2000 Jahre alte Welwitschie in Namibia, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Als Perspektive wählt sie in der Regel die frontale Ansicht. Manchmal variiert sie mit verschiedenen Distanzen, um, wie sie sagt, „das Wesen des Organismus“ einzufangen. Das hat zwar einen essenzialistischen Nimbus, driftet visuell jedoch nur dort ins Pathetische, wo es ausdrücklich gewollt ist. Die Struktur des Bandes ist nach Kontinenten aufgebaut. Und Sussmann bettet mit einem essayistischen Text die Fotos in jene Abenteuer ein, die sie bei ihrer künstlerischen Forschungsarbeit erlebt hat. Sie hat sich zum Teil die Sprache der Forscher angeeignet und verwendet sie stringent, jedoch so, dass auch bei Laien die Lust am Verstehenwol-
len erhalten bleibt. Sie sägt mit größter Leichtigkeit am Elfenbeinturm der Wissenschaftler und nimmt sich die Freiheit, ihre eigene Persönlichkeit miteinzuflechten. Das ist über weite Teile charmant, funktioniert jedoch nicht immer. Das Narrativ der schwierigen Produktionsbedingungen enthält zum Teil sehr persönliche Geschichten. So erfährt man, dass Sussman sich auf einer der Reisen zu den ältesten Lebewesen von ihrem Lebensgefährten getrennt hat. Der Bruch ihres Handgelenks in einem Tempel auf Sri Lanka, wo sie die Pappelfeige Sri Maha Bodhi fotografieren wollte, unter deren Abkömmling Siddhārta Gautama Erleuchtung gefunden haben soll, ist für sie Anlass, das Verhältnis zu ihrem Vater zu erläutern. Ein Missverständnis in der Einöde von Grönland, das eine mehrstündige Verirrung zur Folge hat, löst eine existenzielle Krise aus, über die sie mit Suspense schreibt. Was manchmal als ein Zuviel daher-
kommt, ist charmantes Kalkül: Würde man sonst als Laie über Pathogene, über Koryphäen der Borstenkieferforschung oder über das Kooperationsverhalten von Mykorrhiza lesen wollen? Als Gegenpol zum avancierten Infotainment mit biografischen Bezügen wirken die sehr reduzierten Infografiken, die das Linnésche System übersichtlich demonstrieren oder abstrakte Urgeschichte rekonstruieren. Auch wenn Zivilisation in ihren Erzählungen weit weg zu sein scheint, so sind die Lebewesen dennoch absurden Gefahren ausgesetzt. Etwa Menschen, die im hohlen Inneren des „Kastanienbaums der 100 Pferde“ auf Sizilien auf die Idee kommen, Würstel zu grillen Immer wieder ist von Menschen auf Drogen die Rede, die in der Natur ihr Heil suchen und im Rausch tausende Jahre alte Bäume beschädigen, wie den „Senator“, eine Aufrechte Sumpfzypresse in Florida, die nach 3500 Jahren von einem Menschen auf Crystal Meth abgefackelt wurde. Souvenirjägern, die ein Stück „vorchristliches“ Holz, zum Beispiel vom Jōmon Sugi, einer bis zu 7000 Jahre alten Sicheltanne in Yakushima, stehlen möchten, kommt man in Japan bereits mit moderner Technik bei: Überwachungskameras. MA R I A N N E S C H R E C K
Rachel Sussman: Die ältesten Lebewesen der Erde. Blick in die Ewigkeit. Quadriga, 320 S., € 49,–
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Die Methode, im höflichen Diskurs Macht auszuüben Frauen: Rebecca Solnits Essay über die Unsichtbarmachung von Frauen im Öffentlichen und Privaten erscheint nun auf Deutsch
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s gibt Essays, die ein Eigenleben entwickeln. Sie treffen einen Nerv, finden die richtigen Worte für die Erfahrung vieler und erregen den Widerspruch anderer. Sie werden über Jahre gelesen, gepostet und kommentiert und bringen eine Debatte voran. Rebecca Solnits „Wenn Männer mir die Welt erklären“ ist ein solcher Essay. Er entstand 2008, nachdem die kalifornische Publizistin, Feministin und Aktivistin ein Erlebnis auf einer Party in einer „rustikalen Luxushütte“ hatte. In einem Ton, „in dem man die siebenjährige
Tochter von Freunden ermuntern würde, über ihre Flötenstunde zu berichten“, fragte der Gastgeber sie dort, wovon ihre Bücher handeln. Kaum hatte Solnit ihr jüngsten Buch erwähnt, als der Gastgeber sie unterbrach, sie fragte, ob sie wisse, dass zum selben Thema gerade „ein ausgesprochenen wichtiges Buch“ erschienen sei und ausführlich davon zu berichten begann – „mit dieser selbstgefälligen Miene, die ich von schwadronierenden Männer so gut kenne, den Blick auf den fernen unscharfen Horizont der eigenen Autorität gerichtet“. Der Coup an dieser Anekdote ist schnell erraten: Das wichtige Buch war Solnits Buch, doch diese Information drang erst nach dem dritten oder vierten Hinweis durch. Sie verschlug ihm für einen Moment die Sprache, bevor er ungebremst weiterredete. Dass Buch selbst hatte er übrigens nicht selbst gelesen.
Das Erlebnis lieferte den Anstoß für ihre Überlegungen zu einer ziemlich weit verbreiteten Methode, „im höflichen Diskurs Macht auszuüben“, über Frauen, die damit zum Schweigen gebracht werden. Mehrere Essays in Solnits Band beschäftigen sich mit der Einschüchterung von und der Gewalt gegen Frauen, mit den Instrumenten, durch die sie „als Gleichwertige, als Partizipierende, als Menschen mit Rechten und viel zu oft schlicht als Lebende“ verhindert werden. Dabei spannt Solnit den Bogen weit: Sie schreibt ebenso über die Unsichtbarmachung von Frauen in Stammbäumen wie über das wuchernde Phänomen Vergewaltigung, zu dessen Verhütung die üblichen Ratschläge immer noch den potenziellen Opfern die Last der Prävention aufbürden Sie liest den Fall Dominique StraussKahn als Metapher für die jahrzehntelange systematische Nötigung armer Länder durch den Raubtierkapitalismus des IWF, dem Strauss-Kahn vorstand. Oder denkt über die Frage nach, warum die gleichgeschlechtliche Ehe als Bedrohung der traditionellen Ehe wahrgenommen wird, diese Bedrohung durchaus real ist und weshalb das sein Gutes hat. Solnits Ton hält die Balance zwischen dem Benennen von Missständen und der Ausgewogenheit der Argumentation bewunderungswürdig selbstverständlich. Sie schreibt in einfachen Worten, kenntnisreich und im besten Sinne abschweifend. Wenn
sie – mitunter anhand von Zahlen und Fakten – ausführt, was zwischen Männern und Frauen so oft schief läuft, geht es ihr in erster Linie ums Erkennen von „kulturell begründeten Mustern“, die benannt und begriffen werden müssen, damit sich ein Wandel einstellen kann.
Rebecca Solnit: Wenn Männer mir die Welt erklären. Hoffmann und Campe, 173 S., € 16,50
Das Schöne an Solnits Essays ist die heitere Hoffnung, die aus ihnen spricht, und die Überzeugung, dass „Frauenfeindlichkeit niemals allein von den Opfern bekämpft werden kann“. Zahlreich seien die Männer, die verstünden, „dass der Feminismus keine Verschwörung mit dem Ziel ist, Männern etwas wegzunehmen, sondern eine Kampagne zu unser aller Befreiung“. Der beste Essay in diesem Band ist aber der, in dem Solnit ihrer Bewunderung für die britische Schriftstellerin und oft missgedeutete Ikone Virginia Woolf freien Lauf lässt. „Woolfs Dunkelheit“ stellt die Fähigkeit in den Mittelpunkt, das Leben keinem Plan zu unterwerfen und die Sprache – wie Woolf – nicht auf kühne Behauptungen zu reduzieren, sondern Raum für Nuancen, Unsicherheiten, Geheimnisse und Zweifel zu lassen. Gemeinsam mit Woolf verschreibt sich Solnit einem Prinzip Hoffnung, das weiß, „dass die Realität nicht unbedingt mit unseren Plänen übereinstimmt“, und das in einem steten „Zustand des Werdens, Erkundens, Umherschweifens, Grenzen-Überschreitens“ die wahre Freiheit erkennt. J u l i a K o s p a ch
Ein Stück deutscher Geschichte an der Côte d’Azur Reisen: Mit dem im Frühjahr verstorbenen Fritz J. Raddatz lässt sich dessen Wahlheimat Nizza trefflich bereisen ls der Paradeintellektuelle, FeuilletoA nist, Autor und Dandy Fritz J. Raddatz im Februar diesen Jahres starb, gingen die Wogen hoch: Raddatz hatte mit 83 Jahren in der Schweiz einen sogenannten „assistierten Suizid“ begangen und damit die Diskussion über die Sterbehilfe in Deutschland neu angefacht.
Vom Sterben oder besser von Toten ist allent-
halben die Rede in seinem schmalen letzten Buch, dessen Titel „Nizza – mon amour“ auf Alain Resnais’ Film „Hiroshima, mon amour“ anspielt. Das Büchlein macht dem bibliophilen Raddatz schon rein optisch Ehre. Einziger Wermutstropfen: Dort, wo französische Zitate oder Redewendungen stehen, finden sich fast immer Fehler, sodass etwa aus einem „croissant“ ein unverständliches „corissant“ wird. Anlässlich von Raddatz’ Tod wurde das bereits 2010 erschienene Bändchen neu aufgelegt. In ihm ballt sich Intellekt mit Empfindsamkeit, Kulturwissen mit Beob-
achtungsgabe. Raddatz, der sich Nizza zur Wahlheimat erwählt hatte, kennt die „spröde Schöne“, aber auch deren Umland aus unmittelbarer Anschauung. Der Faden, an dem seine Assoziationen entlanglaufen, ist hochkulturell: Museen und Kirchen lassen ihn innehalten. Gespickt mit Anekdoten und Anmerkungen zur Kunst- und Literaturgeschichte, aber auch zur sogenannten großen Geschichte, liest sich dieses Buch zuweilen wie ein Baedeker. Doch anregender, leichtfüßiger, auch poetischer: in vielem an den Heine der „Reisebilder“ erinnernd, auch und gerade dort, wo Raddatz politisch wird oder wo er zeitgenössische Irrtümer bedauert. Nicht zuletzt ist es der Alltag an der Côte, der den Autor beschäftigt, etwa wenn er die Nizzaer Märkte und sich dort abspielende Dialoge beschreibt oder wenn er den berühmten Karneval kritisch beäugt. Die Côte, heute Inbegriff von Reichtum, Schönheit und savoir vivre, war und bleibt, darauf weist Raddatz vehement hin, auch
Fluchtort vieler aus dem nationalsozialistischen Deutschland vertriebener Schriftsteller, die hier allesamt nicht gerade luxuriös lebten. „Deshalb erlaube ich mir, der ich ja kein Rei-
Fritz J. Raddatz: Nizza – mon amour. Arche, 109 S., € 14,40
seführer-Autor bin, sondern Schriftsteller mit Gedächtnis und voll von Erinnerung, hier einen sehr weit ausschlagenden Fächer zu entfalten – einen Bogen um Nizza, geschätzte 150 Kilometer weit, bis Sanarysur-Mer eben, um an ein Stück deutscher Geschichte zu erinnern, die zugleich Teil der deutschen Literaturgeschichte ist. Dieses ist mitzudenken, wenn wir ‚Côte d’Azur‘ hören, lesen, denken, schreiben.“ Gerahmt wird das Buch von zwei Friedhofsbesuchen: von Emil Jelinek, dem Daimler-Benz-Konstrukteur, und Klaus Mann, dessen Grab mit der Inschrift „Unvergessen“ versehen wurde. Ein Epitaph, das auch auf Raddatz’ Grab stehen könnte.
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Sachbuch
Fesselnde Orte müssen nicht schön sein Geografie: Topophilie heißt die Liebe zu Orten, die ungewöhnlichsten beschreibt Alastair Bonnett
Denn uns treibt der Hunger nach Orten, die wir
mit Bedeutung erfüllen können. Wir sind, sagt der englische Geograf Alastair Bonnett, eine Orte schaffende und Orte liebende Spezies. Unsere „Topophilie“ oder Liebe zum Ort ist ein wesentlicher Aspekt unseres Menschseins. Bonnett beruft sich damit auf eine These des 1930 geborenen chinesisch-amerikanischen Geografen YiFu Tuan, der den Begriff prägte. Sein Konzept steht im Zentrum von Alastair Bonnetts großartigem Buch „Die seltsamsten Orte der Welt“. Bonnetts Postulat: „In einer vollständig entdeckten Welt hört die Erkundung nicht auf; sie muss nur neu erfunden werden.“ Wie das geht, führt Bonnett auf eindrucksvolle Weise vor. Denn beim Entdecken geht es zuerst darum, dem Vertrauten
und der Routine zu entkommen. Ob man das tausende Kilometer von zu Hause entfernt tut oder gleich auf der anderen Straßenseite, ist irrelevant. Vielmehr braucht es „widerspenstige, ungebärdige Orte, die sich Erwartungen verweigern“. Und genau solche Orte hat Bonnett gleich dutzendweise beschrieben. Folgt man ihm lesend, kommt man aus dem Staunen darüber gar nicht mehr heraus, was Mensch und Natur an wunderlichen Orten hervorgebracht haben und immer noch hervorbringen.
„Die furiose Entschlossenheit und die Findigkeit, mit der Menschen an Orten festhalten, die ihnen wichtig sind, zeigen, dass Orte ein bestimmtes Wesensmerkmal des Menschen sind; sie zu verlieren kann sich anfühlen, als würde man alles verlieren“ Viele dieser Orte sind „Rebellenstützpunkte der (Alastair Bonnett)
Imagination“, wie Bonnett es einmal im Zusammenhang mit einer Insel vor der australischen Küste formuliert, die lange auf Seekarten verzeichnet war und die Fantasien vieler Menschen befeuerte, bevor ein Forschungsschiff 2012 endgültig feststellte, dass es „Sandy Island“ nie gegeben hat. Hier war die Nichtexistenz eines Ortes zu entdecken. Bonnett befasst sich aber auch mit „Nicht-Orten“ wie den geheimen Verhör- und Internierungszentren, die die USA im Kampf gegen den Terror in Osteuropa unterhielten, oder mit den nur vermeintlich einfachen Gebilden Verkehrsinsel, Niemandsland oder Luftraum, die bei genauerer Betrachtung alle möglichen Fragen aufwerfen und die interessantesten Geschichten produzieren. Wo wenig Platz ist, kann nämlich sogar die Luft zu einem wertvollen Ort werden. Zum Beispiel in Manhattan, wo Grundbesitzer die „Luftrechte“ über ihrem Grund und Boden für mehrere tausend Dollar je Quadratmeter verkaufen können, auf dass in der Folge irgendeine architektonische Konstruktion in diesen erworbenen Luftraum hineinrage. Bonnett, im Hauptberuf Professor für Sozialgeografie an der Universität Newcas tle, erzählt aber auch von den Scheinorten, die etwa die Briten im Zweiten Weltkrieg errichteten, damit deutsche Bomber von ihnen in die Irre geführt und von ihren eigentlichen Zielen abgelenkt werden, was sehr
Alastair Bonnett: Die seltsamsten Orte der Welt. C.H. Beck, 296 S., € 20,60
gut gelang. Er berichtet, wie mehrfach umbenannte Orte wie St. Petersburg/Leningrad in den Köpfen der Menschen ein Doppelleben führen, beschreibt große Friedhöfe als Lebensräume oder urbane Kanalsysteme als aufregende und heiß umkämpfte Entdeckungsfelder der „urban exploration“. Man erfährt, dass riesige, zollfreie Schatzdepots wie der „Genfer Freihafen“, in denen Reiche ihre Vermögenswerte horten und handeln, in immer mehr Metropolen entstehen oder dass es vermutlich in den Ozeanen herumtreibende riesige Bimssteinflöße sind, die, – als Nebenprodukt des Vulkanismus – einen gewichtigen Anteil daran haben und hatten, wie sich Pflanzen- und Tierarten auf der Welt ausbreiteten. Bonnett führt auch ins menschenleere Gebiet um Tschernobyl oder in moderne somalische Piratennester voller auf Riesentankerentführung spezialisierter Cyberkrimineller, die früher Fischer waren. Er hat das Leben in heillos unübersichtlichen Grenzgebieten erforscht und der menschenleeren nordkoreanischen und chinesischen Propagandaarchitektur auf den Zahn gefühlt. Und während man über dieses unglaublich kuriose Sammelsurium von Nichtund Scheinorten, von Industrieruinen und Grenzgebieten, von privaten Kreuzfahrtschiffen und Outdoor-Sexzonen, von Minifürstentümern, ozeanischen Plastikmüllstrudeln oder schwimmenden Kunstinseln liest, wird einem klar, dass man das eigene Bild von dem, was ein Ort alles sein kann, schleunigst erweitern sollte. Nicht nach willkürlichem Zusammenwürfeln wirkt dieses Buch, sondern nach der blitzgescheiten Bestandsaufnahme einer Welt bemerkenswerter Orte. Es ist, wie Alastair Bonnett sagt: Die echte Topophilie weiß, dass „unsere Verbundenheit mit dem Ort nicht bedeutet, die geografische Entsprechung von niedlichen kleinen Kätzchen und Welpen vorzufinden“. Anders gesagt: Fesselnde Orte müssen nicht schön sein. Julia Kospach
illustr ation: georg feierfeil
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s gab Zeiten, als Kartografen die zahllosen weißen Flecken auf der Weltkarte mit dem kurzen lateinischen Vermerk „hic sunt leones“ versahen. Man wusste nichts über die Terra incognita und vermutete dort gefährliche Raubtiere. Das war nur folgerichtig. Das Unbekannte scheint stets bedrohlich. Im selben Maß zieht es uns an. Wie neugierige Kinder, die vor Aufregung zitternd nicht anders können, als auch noch in die dunkelsten Ecken hineinzuschauen, tasteten sich jahrhundertelang Forscher und Entdecker bis in die entlegensten Weltgegenden vor. Aus selbstverständlich streng eurozentrischer Sicht war dort vor ihnen einfach noch niemand gewesen. Grund genug, dorthin aufzubrechen. Heute will es scheinen, als wären uns die Orte endgültig ausgegangen, von denen Wagemutige wundersame Erzählungen zurückbringen könnten. Jetzt stehen wir da, unser Bedürfnis nach „kuriosen Erzählungen aus fernen Gegenden“ ist so frisch wie eh und je, und wir sehnen uns „nach einer geografischen Wiederverzauberung“ unseres grell ausgeleuchteten, vollends vernetzten Planeten.
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Vom Gemälde über das Photomaten-Porträt zum Selfie Medien: Valentin Groebner untersucht Plakatgesichter und geht dafür weit in die Kunstgeschichte zurück as Wort Selfie hat, wiewohl es noch sehr jung ist, bereits eine steile KarriD ere gemacht. Erstmals 2002 belegt, kürte es die Redaktion des Oxford Dictionary schon 2013 zum Wort des Jahres. Das dahinterstehende Phänomen des selbstgemachten digitalen Bildes vom eigenen Gesicht, schreibt der Historiker Valentin Groebner in seinem Essay „Ich-Plakate“, ist in der Social-Media-Welt „zu einer Art Ego-Wappen“ geworden. Man könnte meinen, es führe in die falsche Zeitrichtung, etwas so Altmodisches wie die Heraldik für die Beschreibung einer so brandneuen Erscheinung wie des Selfie zu bemühen. Doch genau mit dem Blick zurück nähert sich Valentin Groebner seinem Thema. Im Zentrum stehen die tausenden Gesichter,
die uns rund um die Uhr von Werbeplakaten anschauen und, wiewohl stumm, lautstark „Ich“-Botschaften verkünden. Groebner geht es nicht um bewegte Film-, Fernseh- oder Videogesichter, sondern um die – unbewegt – „sprechenden, lächelnden und zwinkernden Gesichter auf den Plakaten des 21. Jahrhunderts“. Es geht um Werbung. Das Selfie passt da als Akt der Selbstwerbung gut dazu. Der Wiener Groebner, Jahrgang 1962, ist an der Universität Luzern Professor für Geschichte mit Schwerpunkt Mittelalter und Renaissance. Mittelalterliche Bilder vom Gesicht Christi, Porträts von Renaissance-
fürsten, Ikonen oder hochmittelalterliche Heiligengesichter „als interaktive Bildschirme ins Jenseits“ sind es denn auch, die er heranzieht, um die ungeheure Wirkung von Gesichtern in Großaufnahme zu beleuchten. Eine Diskrepanz arbeitet er dabei besonders heraus: Anders als die Gesichtsbilder in ihrer Wirkung suggerieren, ist die Verbindung zwischen dem Porträt und dem Porträtierten von jeher mehr als lose. Wirklichkeitsnah werden Porträts ab den 30er-Jahren des 15. Jahrhunderts. Jan van Eycks gemeinhin als Selbstporträt gedeutetes Gemälde „Mann mit rotem Kopftuch“ (1433) gilt dabei „als eine Art medialer Urknall des Konzepts vom abgebildeten Ich“. Doch dieses „Ich“, in dem die traditionelle kunsthistorische Deutung den endgültigen Durchbruch des realistischen autonomen Porträts erkannt hat und das seinen Höhepunkt in den berühmten Porträtgemälden der Renaissance erlebte, hatte einen Haken. Die Gesichtsbilder, die so häufig den Vermerk „ad vivum“ oder „au vif “ trugen und damit nahelegten, sie seien nach der Natur gemalt worden und würden den Porträtierten wie lebendig darstellen, entstanden oft nach anderen Bildern. Kein lebendiger Mensch saß je für sie Modell. Damit ist man beim Kern von Groebners medienhistorischer Betrachtung: „Das Gesicht, das Ich sagt, führt deswegen zu keinem Original. Sondern in die Geschichte der Techniken, ein Bild möglichst optimal wirken zu
„Das Gesicht, das Ich sagt, führt deswegen zu keinem Original. Sondern in die Geschichte der Techniken, ein Bild möglichst optimal wirken zu lassen“ (Valentin Groebner)
Valentin Groebner: Ich-Plakate. Eine Geschichte des Gesichts als Aufmerksamkeitsmaschine. S. Fischer, 204 S., € 23,70
lassen.“ Diese Wirkung basiert auf Wiederholung, auf der Vervielfältigung nicht-authentischer Gesichter und auf dem mitgelieferten Kontext. Die Gesichter tun nur so, als wären sie eine Kopie des Originals mit all dessen Eigenschaften. Stark macht sie ihre Suggestionskraft. Sie treten die Nachfolge älterer Darstellungsmuster für das Übernatürliche, Heilige und Übersinnliche an. Die „lächelnden Münder und funkelnden Augen auf den Plakaten, die einer Ware ein Gesicht geben sollen, sind hilfreiche Täuschungen, Angebote zur Metamorphose“. Sie enthalten ein starkes „Versprechen von Verwandlung“. Im Dienste dieses Effekts dürfen Werbegesichter nicht allzu einzigartig sein. Die Großaufnahmen fotografierter Gesichter, die uns heute so allgegenwärtig sind, hatten nach dem Ersten Weltkrieg auf Plakaten und Zeitungstitelseiten ihre ersten Auftritte. Nicht lang danach feierte ein anderes Phänomen einen riesigen Erfolg: die Photomaten-Kabinen. Für wenig Geld bekam man mehr als ein halbes Dutzend kleiner Gesichtsbilder von sich selbst, von denen man das beste behielt. Die in tausenden solcher Fotokabinen entstandenen Selbstporträts zeigen „das Streben nach dem Wunsch-Gesicht: die allein vor einem Spiegel eingenommene Pose“. Und lassen sich getrost als die historischen Vorläufer der heutigen Selfies verstehen. J u l i a K o s pa c h
Die Jugend von heute ist das, was sie noch nie war Kulturgeschichte: Robert P. Harrison erklärt, warum wir mit unserem Jugendkult der Jugend keinen Gefallen tun ie Jugend von heute ist auch nicht D mehr, was sie früher einmal war, und mit solchen Jungen wird alles den Bach run-
tergehen. Dieses Lamento scheint ein stabiler Standard der Menschheitsgeschichte zu sein. Aber etwas ist mittlerweile in Schieflage geraten. Wo soll man sudernde Alte auftreiben, wenn
die moderne Gesellschaft die Jugendlichkeit zum Ideal erhoben hat, jeder und jede darauf besteht, das Jungsein bis weit über die Lebensmitte in die Länge zu ziehen, und dabei schamvoll die Falten versteckt, die nichtsdestotrotz den in Leisure-Wear gehüllten Leib verunzieren? Und auch wenn der Leib altert, der Reifung zum Erwachsenen kann man sich noch immer widersetzen! Die perpetuierte Unreife als Lebensprinzip – das ist es, womit wir immer mehr zu tun haben, konstatiert Robert P. Harrison. Und ohne Folgen kann das nicht bleiben, vermutet der Stanford-Professor in seiner Kulturgeschichte des Alterns mit dem Titel „Ewige Jugend“. Denn die „beispiellose Verjüngung, die über die westliche Kultur und ebenso viele andere Kulturen hinwegfegt“, stellt sich als durchaus ambivalente Angelegenheit dar. Wir leben in einer Gesellschaft, so Harrison, die „ihre intergenerationale Kontinuität“ zu verlieren droht. Es scheine nur so, als gehöre die Welt heute vor allem den Jüngeren. Tatsächlich lauern Gefahren im Aufkündigen des geregelten Ge-
nerationenwechsels und in der lautstarken Jugendverherrlichung. Die kulturelle, historische Verortung geht darüber verloren, und die aktuellen Zeitläufte berauben die Jungen unwissentlich der wesentlichen Quellen ihrer Identitätsbildung, glaubt Harrison: „Wir fördern die Sache der Jugend nicht, wenn wir ihr Begehren infantilisieren, statt es zu erziehen.“ Die, die einmal die Verantwortung für die Welt übernehmen sollen, machen wir nicht zu Erben, sondern zu Waisen der Geschichte. Altersgemäßes Verhalten tut also not. Und zwar unserem historischen Alter gemäß, was bedeutet, die Historie nicht aus den Augen zu verlieren und in Bezug auf sie nach Umbruch und Erneuerung zu streben. Harrisons Buch kann man als Appell zu einer ausgewogenen Balance zwischen Tradition und Moderne lesen und als besorgtes Plädoyer für die Sache der Jungen, denen es angesichts des stetigen Bildschirm- und Globalnetzrauschens, das sie umgibt, vor allem an der Ruhe und Muße des Alleinseins mangelt. Deren bedürften sie, um Anbindung an die eigenen kulturellen und historischen Wurzeln finden und sich zu Gemeinschaftswesen entwickeln zu können. Harrison sucht – und findet – in Philosophie, Literatur, Poesie, Ideengeschichte und Staatslehre zahlreiche Ideen, um seine eigenen Gedanken zu untermauern. Mit ihnen fragt er nach den Grundfesten unse-
res kulturellen, evolutionären und biologischen Alters. Die Begriffe von Genie (der Jugend) und Weisheit (nicht nur des Alters) dienen ihm dabei als die Pole, in deren gelungenem Wechselspiel er seine Thesen zum Altern aufspannt. Die Eröffnung von „Ewige Jugend“ ist feurig,
Robert Pogue Harrison: Ewige Jugend. Eine Kulturgeschichte des Alterns. Hanser, 320 S., € 25,60
doch alle Freunde von Robert Harrisons so wunderschön mäandernden essayistischen Studien zur Kulturgeschichte der Gärten oder des Waldes werden bald feststellen, dass er sich diesmal nicht recht zwischen essayistischem und akademischem Duktus entscheiden kann. „Ewige Jugend“ ist deutlich weniger leicht zugänglich als Harrisons Bücher davor. Diesmal lassen einen gerade die Gedankenschlenker, denen man in seinen anderen Büchern bereitwillig und voll Vergnügen gefolgt ist, ab und zu ungeduldig werden, weil sich ihre Relevanz nicht gleich erschließt. Etwas von dieser strukturellen Problematik muss auch der Autor selbst schon geahnt haben, wenn er im Vorwort schreibt, er traue es seinen Lesern zu, auch angesichts des gewundenen Wegs dieses Buches Kurs zu halten. Doch genau diesen Kurs verliert man manchmal aus den Augen, auch wenn man Harrisons Buch in einem seiner wesentlichen Befunde zustimmt, nämlich dass Erziehung nur gelingt, „wenn sie den Sirenenklängen der Aktualität widersteht und die Dimension des Unzeitgemäßen offenhält“. J u l i a K o s pa c h
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Gefüllte Euter und Bulgur-Fleischpflanzerl Eine herbstliche Auswahl aus empfehlenswerten Kochbüchern der Saison, von alten Römern zu neuen Bayern
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inda Maria Günther ist Universitätsprofessorin für alte Geschichte, kennt sich aber auch in der Küche aus. Kochen mit den Römern schien bei römischen Rezepten, wie wir sie kennen, bisher unmöglich. Günther stellt Originalrezepten modernisierte Fassungen zur Seite, ersetzt zum Beispiel garum oder liquamen, das beliebteste Würzmittel der Römer, durch moderne Zutaten. Garum wurde hergestellt, indem man Fisch und Salzlake in offenen Gefäßen wochenlang in der Sonne fermentieren ließ; danach seihte man ab und erhielt eine würzige, klare Flüssigkeit. Man kann sich die Geruchsentwicklung vorstellen. Die Römer aßen vor allem Schwein, und zwar alles. Beliebt waren gefüllte Gebärmutter und gefülltes Euter. Solche Details, aber ebenso grundlegende Informationen über das Römische Reich zu Zeiten Kaiser Hadrians erhalten wir in Günthers nebenbei auch sehr hübsch mit antiken Fresken und informativen Karten illustriertem Buch. 1982 eröffnete der Wrenkh in Wien und war in
jeder Hinsicht eine Sensation. Fast ganz vegetarisch, im modernen Architekturambiente von Eichinger oder Knechtl, der größtmögliche Kontrast zum urigen Wiener Beisl und doch auf zeitgemäße Weise wienerisch. Damals kochte noch Vater Wrenkh, heute wird das Restaurant von den Söhnen betrieben, die dort auch Kochkurse abhalten. Ihr Kochbuch Vom Glück, gemeinsam zu essen folgt dem Prinzip Familienessen. Jeweils vier Gerichte sollen gleichzeitig auf den Tisch kommen, sodass niemand in der Küche schwitzt, während die anderen Konversation führen. Die Gerichte sind einfach genug, und jede Vierergruppe steht unter einem Motto, von Kuba bis Picknick. Von Israel bis Sonntag. Hübsche Idee. In der von Katharina Seiser bei Brandstätter herausgegebenen Reihe erscheint Türkei vegetarisch . Das deutsch-türkische Ehepaar Orkide und Orhan Tançgil bringt alles, was man braucht, von gefüllten Weinblättern bis zur Pide. Auch ein Milchpudding ist dabei (ah, die türkischen Puddingshops!). Ein No-Nonsense-Buch. Kurze, instruktive Einleitung, aussagekräftiges Foto, klares Rezept. Sehr brauchbar. Sie macht den Erdäpfelsalat mit Rindssuppe! So ist es recht. Susanne Zimmels Wiener Küche ist so herzhaft nahe an der Zielvorstellung, wie es sein muss. Die Teigfleckerln werden selbst geknetet und gewalkt, die Schinkenfleckerln gibt’s modern oder klassisch, die gefüllten Paprika sind die spitzen balkanesischen, wie es gehört, das Brathendl ist dunkelgoldbraun und
Susanne Zimmel: Wiener Küche. Dorling Kindersley, 240 S., € 25,70
Johann Pabst, Aaron Jahrmann: Die steirische Küche. Pichler, 256 S., € 29,90
mit einer Semmel-Leber-Füllung gefüllt, die Palatschinken sind nicht zu blass, und Blätterteig kommt auch als Topfenblätterteig vor. Gerät die Autorin in die Versuchung einer kleinen Abschweifung, leuchtet die Warnung „neumodisch“ über dem Rezept: „Neumodische Krautfleckerln“ (mit Haselnüssen, Ingwer, Frühkraut und Parmesan). Die Autorin ist auch als Foodbloggerin Frau Zii bekannt. Weil all das noch instruktiv aufbereitet und knusprig fotografiert ist, sagen wir uneingeschränkt Ja zu diesem Kochbuch (selbst wenn es von einem deutsch-globalen Verlag kommt).
zweimal das Wort „göttlich“ vor. Die Bilder von Meer und Bergen, Pinien und Cinquecentos sind kulinarisch, die fotografierten Köstlichkeiten sehen aus wie Standards und sind es auch – was kann das sein, wenn nicht ein italienisches Kochbuch? Mediterraneo stammt von Luigi Barbaro, dem Eigentümer der Trattoria Martinelli und anderer Wiener Lokale, und handelt von der süditalienischen Küche. Ein schönes, wenn auch nicht originelles Buch. Wem technische Perfektionierung beim Kochen ein Anliegen ist, der kommt an Dampfgaren und Sous-vide nicht vorbei. Das Buch beschreibt das Mysterium des Wassers in seinen Aggregatzuständen und Küchentechniken, die es sich nutzbar machen. Instruktiv, toll fotografiert und nützlich („sous-vide“ heißt garen im Dampfbeutel, eine Methode, in Restaurants leider ubiquitäre Mode, die Fleisch eher püreehaft als saftig-zart macht). Man muss eben wissen, wie es gemacht wird. Zur Perfektion gehört auch Lebensmittelkunde, das umfassende Food bietet wie alle Teubner-Bücher enzyklopädischen Zugang und zugleich beeindruckende Fotografie. Das Buch enthält aber keine Rezepte, nur Basisinfo über alle Arten in der Küche verwendeter Lebensmittel.
Enzyklopädischer, aber etwas weniger inspirierend kommt Die österreichische Küche des
Starkochs Adi Bittermann, der Gasthausköchin Ingrid Pernkopf und der KochbuchMultiautorin Renate Wagner-Wittula daher. Ein Obatzter bleibt bayrisch, und die Verwendung des Adjektivs „jiddisch“ für einen Hühnerleberaufstrich führt in die Irre; Jiddisch ist eine Sprache, der Aufstrich bleibt stumm. Muss sich Product-Placement (Essigflaschen) neben die Rezepte schwindeln? Auch der Begriff „Sättigungsbeilage“ stimmt uns vielleicht etwas früh auf kommende Hungerkrisen ein. Dennoch, auch durch die vielen Tipps sehr brauchbar. Fotomäßig ambitionierter (Michael Rathmeyer) und rezeptmäßig origineller kommt Die steirische Küche aus dem gleichen Haus daher. Johann Pabst ist Chefkoch im Steirerhof in Bad Waltersdorf, Aaron Jahrmann sein Souschef. Empfehlung, auch wenn der bei den Anmerkungen angebrachte Steirerhut und die urige Pseudohandschrift uns immer wieder mit dem Gamsbart kitzelt. Wer genug von so viel Heimat hat, wird sich vertrauensvoll dem Dandy-Kochbuch zuwenden. Flirts mit der Dekadenz gehen oft daneben. Hier nicht. Der kulturgeschichtliche Zugang und die wunderbaren Fotos bewahren Buch und Leser vor dem Absturz. Im Gegenteil, man erfreut sich daran, etwa ein Menü zumindest nachzulesen, das Lord Byron im 15. Canto seines „Don Juan“ erdichtete. Der dort erwähnte Truthahn ist mit 500 Gramm Perigord-Trüffeln zu füllen, was den Marktpreisen zufolge nach einem heißen, trockenen Sommer wie heuer bedeutet, dass allein für die Füllung etwa 2000 Euro aufgewendet werden müssen. Wer sich’s nicht leistet, erfreut sich an diesem eleganten und witzigen Buch. Seit 30 Jahren ist er in Wien, die Karriere ist wie aus dem Bilderbuch, als armer Knabe stand er vor reichen Restaurants, als Mann besitzt er selber welche, und im Vorwort von Severin Corti kommt
Melanie Grundmann: Das DandyKochbuch. Rogner & Bernhard, 222 S., € 35,95
Elisabetta De Luca: Mediterraneo. Mit Rezepten v. L. Barbaro. Pichler, 276 S., € 29,90
Linda-Marie Günther: Kochen mit den Römern. C.H. Beck, 208 S., € 20,60 Leo Wrenkh, Karl Wrenkh: Vom Glück, gemeinsam zu essen. Brandstätter, 208 S., € 29,90 Orhan Tançgil, Orkide Tançgil: Türkei vegetarisch. Brandstätter, 272 S., € 34,90 Ingrid Pernkopf, Renate WagnerWittula, A.B. Bittermann: Die österreichische Küche. Pichler Verlag, 436 S., € 39,90
Helga Haas: Von Mauracheln und krausem Ziegen bart. Mandelbaum, 204 S., € 24,90
Der sympathische Mandelbaum Verlag kreiert eine neue Reihe: Kleine Gourmandisen.
Ohne Fotos, nur mit kluger, knapper Kulturgeschichte und Rezepten zu jeweils einem Lebensmittel, zuerst Rote Rübe, Maroni und Quitte. Im gleichen Verlag erscheint
Von Mauracheln und krausem Ziegenbart. Pilzgerichte in Kochbüchern aus zwei Jahrhunderten. Autorin Helga Hass geht bis 1918; so
nimmt sie noch das Aufkommen des Vegetarismus mit. Ein Kochbuchautor sprach damals von der „Zukunftsküche“ als „letztem Rettungsanker zur Verhütung völliger Entartung der Menschheit“. Lesenswert. Der bayrische TV-Starkoch und Gastrounternehmer Alfons Schuhbeck hat das Recycling in seinem Stammverlag ZabertSandmann mitunter auf die Spitze getrieben. Jetzt aber legt er ein Opus magnum vor. In Welt der Kräuter und Gewürze findet sich alles, was er über dieses Thema weiß (das ist viel). Die Rezepte vom Bulgur-Fleischpflanzerl bis zum Milchbällchen in Kardamomsirup mit Aprikosen sind klar und plausibel präsentiert und fotografiert. Auch wenn manchmal die Kontinente durcheinanderkommen (Spinatsuppe mit Kokoschips siedelt er in Europa an, wo wenige Kokospalmen wachsen), wird man auf dieses Werk nicht verzichten wollen.
Katrin Wittmann et al.: Dämpfen und Sous-vide. Gräfe & Unzer, 304 S., € 102,70
A rm i n t h u r n h er
TEUBNER Food: Die ganze Welt der Lebensmittel. Gräfe & Unzer, 368 S., € 49,90
Alfons Schuhbeck: Welt der Kräuter und Gewürze. Zabert-Sandmann, 512 S., € 30,80
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