THEMA :
#12018
Österreichische Post AG, WZ 02Z033405 W, Falter Zeitschriften GesmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien
E N T G E LT L I C H E V E R L A G S B E I L A G E Z U FA LT E R 8 / 1 8
: BILDUNG & K ARRIERE
Bachelor und Master
FOTO: GUILLAUME DE LAUBIER / KNESEBECK VERLAG
Studieren in Österreich und anderswo
Bachelor in Cambridge Ein Erasmus+-Student der Uni Wien zieht Vergleiche mit der Uni in England Seite 4
Ignoriert & schöngeredet Die Bildungsexpertin Heidi Schrodt über Versäumnisse im Bildungssystem Seite 8
Neue Wege für die Pflege Künftig ist für den gehobenen Pflegeberuf ein Hochschulstudium nötig Seite 14
Kunst und Wissenschaft Bachelor- und Masterstudien an den österreichischen Kunsthochschulen Seite 18
23. März Mach mit!
Tag der Wiener Start-ups gruendeninwien.at
In h a lt : B i l d u n g u n d k a r r i e r e : The ma 1/18 FALTER 8/18 3
Fotos: lukas schöppl, Privat, Guillaume de Laubier/Knesebeck Verlag, hanna mayer, inge prader, Isis Ibrahim, heribert corn, Foto Furgler
A u s d e m I n h a lt
Bachelor in Cambridge Seite 4 Der Autor studiert Germanistik in Wien und macht gerade ein Erasmus+-Jahr an der Universität Cambridge in England. Ein Vergleich zwischen den Studienbedingungen dort und in Wien
Buchtipp zur Fotostrecke in diesem Heft: Die schönsten Universitäten der Welt
Prunkvolle Aulen oder moderne Architektur – Guillaume de Laubier hat die interessantesten Studienorte der Welt in einem Bildband festgehalten Die schönsten Universitäten der Welt, Knesebeck. Guillaume de Laubier, Jacques Bosser, € 51,40
Erst ignoriert, dann schöngeredet Seite 8 Die Bildungsexpertin Heidi Schrodt über die Versäumnisse der Bildungspolitik der letzten vierzig Jahre
Diplomiert, aber unbeschäftigt Seite 16 Neue Wege für die Pflege Seite 14
Künftig müssen alle, die im gehobenen Pflegeberuf tätig sind, ein Bachelorstudium absolvieren. Das Masterstudium ist jenen vorbehalten, die in Forschung und Lehre arbeiten möchten
Kunst, Urmutter der Wissenschaft Seite 18 Auch an den Kunstunis haben sich Bachelor und Master etabliert. Über ihre Erfahrungen damit sprachen wir mit Frank Louis, Vizerektor der Kunstuni Linz, Ulrike Sych, Rektorin der Uni für Musik und darstellende Kunst Wien, und Gerald Bast, Rektor der Uni für angewandte Kunst Wien
Auch der Abschluss eines Masterstudiums garantiert keine entsprechende Beschäftigung am Arbeitsmarkt, ist aber immer noch der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit
Das Cover zeigt den Innenhof Paco das Escolas der Universidade de Coimbra, der ältesten universität Portugals.
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Bachelor in Cambridge Der Autor s tudiert Germanistik an der Uni Wien und verbringt gerade ein Erasmus+-Jahr an der Universität Cambridge. Hier gibt er Einblicke in den dortigen Uni-Alltag und vergleicht ihn mit dem in Wien
T
he Bachelor, eine US-amerikanische TV-Show, ist schnell erklärt: ein Junggeselle und 25 Bewerberinnen. Früher hätte man sie wohl als „Buhlerinnen“ oder „Buhlschaft“ bezeichnet. Nach verschiedenen Prüfungen bekommen manche von ihnen eine Rose. Das heißt, sie sind eine Runde weiter und haben die Chance, am Ende mit dem Bachelor an der Hand aus der Show zu gehen. Wer schon einmal bei einer Bachelor-Absolventenfeier einer Uni zugegen war, erkennt manche Parallelen zur TV-Show. Auch an der Uni müssen Prüfungen bestanden werden, jedes Semester steht eine neue Runde an. Doch statt Rosen werden ECTSPunkte verteilt. Davon sind insgesamt 180 zu sammeln. Mit etwas Glück, hat man am Ende den Bachelor nicht an, sondern in der Hand. 1999 begann der Bologna-Prozess. Er ist nach dem Standort der ältesten Universität der westlichen Welt benannt und führte zu einer europaweiten Reform des Hochschulsystems. Das Studium wurde harmonisiert und zweigeteilt: Bachelor und Master lösten sukzessive den Magister ab. Dadurch sollten Studierende einen akademischen Abschluss früher erlangen und schneller in den Arbeitsmarkt integriert werden können. Wirkungsraum des Bologna-Prozesses ist die European Higher Education Area (EHEA). Ihr gehören 48 Staaten an. Darunter sind neben den EU-Mitgliedsstaaten auch Russland, die Türkei, Armenien und die Ukraine. Als supranationales Projekt verspricht der Bologna-Prozess auch eine internationale Standardisierung und Vergleichbarkeit der Studiengänge. Ein Bachelorstudium in England soll formal gleich lang dauern wie eines in Österreich und gleich viel wert sein. Gleich am Papier – doch in Wirklichkeit ganz anders Großbritannien ist bekannt für sein gutes Hochschulsystem. Oxford und Cambridge gehören zu den Top-Universitäten der Welt (welche Wirkun-
gen der Brexit im Hochschulsystem zeigen wird, ist noch ungewiss). Großbritanniens Universitäten nehmen an Erasmus+ und dem Bologna-Prozess teil, kochen aber ihr eigenes Süppchen. Für die Beteiligung am Bologna-Prozess muss man nicht unbedingt aus der EU kommen, es erleichtert allerdings die Teilnahme an Mobilitätsprogrammen wie Erasmus+. Als Referenzrahmen für die standardisierte Studiendauer und den Studienaufwand gilt das ECTS-Punktesystem. Sieht man von der grundsätzlich unmöglichen Standardisierung des Lernaufwands ab (jede und jeder lernt auf ihre oder seine Weise), zeigt sich, dass Universitäten in der
EHEA das ECTS-Punktesystem oder
ein Äquivalent anwenden, jedoch mit unterschiedlichen Stundenfaktoren. Ein ECTS-Punkt steht in Österreich für 25 Stunden Arbeitsaufwand. Diesen Wert ergibt die Dauer der Lehrveranstaltung plus das ungefähre Ausmaß an Stunden, um sich den Stoff anzueignen. Ein schwedischer högskolepoäng (äquivalent zu einem ECTS) steht für 26,66 Stunden. Zwei britische Credit-Accumulation-and-Transfer-Scheme-Punkte (zwei CATS entsprechen einem ECTS) umfassen jedoch nur zwanzig Stunden Arbeitsaufwand. Auch wenn die britischen Universitäten am Bologna-Prozess teilneh-
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Cambridge, Großbritannien / Foto: Guillaume de Laubier / Knesebeck Verlag Der Eingang zum St. John‘s College, vom New Court aus gesehen
men, sind besonders ihre Elite-Universitäten die große Ausnahme: Sie wenden gar kein Punktesystem an. So ist schon rein formal ein Bachelorstudium an einer „Oxbridge“-Universität nicht mit einem österreichischen vergleichbar. Und sonst? Germanistik in Wien und Cambridge – ein Vergleich Die Germanistik der Uni Wien entsendet jedes Jahr zwei ihrer Studierenden im Zuge des Erasmus+-Mobilitätsprogrammes an die Universität Cambridge. An der dortigen Fakultät für Moderne und Mittelalterliche Sprachen (MML) wird neben Spanisch, Französisch und Rus-
sisch auch Deutsch angeboten. Schon vor dem ersten Semester gibt es zwischen den Universitäten Unterschiede. Will man in Österreich studieren, gilt es zunächst zu entscheiden, an welcher Alma Mater man immatrikulieren will. Für manche Studiengänge wie Medizin oder Psychologie bestehen an unseren staatlichen Unis Zugangsbeschränkungen. Diese kann man umgehen, indem man an einer Privatuniversität immatrikuliert. Dafür werden allerdings Studiengebühren fällig, die an staatlichen Universitäten für österreichische Studierende (noch) nicht eingeführt wurden. Beim Studium der Germanistik fällt die Immatrikulationsentscheidung leicht, da
Ein Bachelor-Studium soll gemäß BolognaProzess europaweit gleich ablaufen und gleich viel wert sein. Tatsächlich ist jeder Bachelor anders. Besonders an britischen Elite-Unis
weder Zugangsbeschränkungen bestehen noch Studiengebühren anfallen. Anders die Situation im Vereinigten Königreich. Dort gelten für alle Studienrichtungen sowohl Studiengebühren als auch Zugangsbeschränkungen. Lediglich an schottischen Universitäten können EU-Bürger um Befreiung von den Tuition fees ansuchen. Diese liegen bei 9.000 britischen Pfund. Zwischen Schulabschluss und Hochschulzugang liegt außerdem das Zulassungsverfahren UCAS (Universities & Colleges Admissions Service). Neben guten Noten müssen Bewerber ein Motivationsschreiben sowie ein Fortsetzung Seite 6
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Empfehlungsschreiben einer Lehrperson einreichen. Ausländer haben zusätzlich einen Sprachnachweis vorzulegen. Wer UCAS erfolgreich bestanden hat, wird von Elite-Universitäten wie Cambridge oder Oxford zu einem Interview eingeladen. Die Universität kann so potenzielle Studierende persönlich auf ihre Eignung prüfen. Eine Oxbridge-Bewerbung richtet sich speziell an eines der Colleges dieser Universitäten mit Namen wie Balliol oder auch Jesus. Sie sind Wohn- wie Lernort. Erklärt sich ein College bereit, jemanden als Studierenden aufzunehmen, lernt sie oder er an einer der prestigeträchtigsten Unis der Welt in denselben Hallen, in denen Isaac Newton oder Ludwig
Einige Fotos des Autors von seinem College, dem Jesus-College, in Cambridge. Auf dem Freshman- Foto ist er genau über den zwei Sitzenden mit den roten Schals zu sehen: der Mann mit dem Mascherl
Wittgenstein gewirkt haben. Nur den akkurat getrimmten Rasen darf man nicht betreten. Das erste und zweite Semester in Wien und Cambridge In Österreich erleben die Studierenden an staatlichen Hochschulen im ersten Semester neben vielen Partys die Studieneingangs- und Orientierungsphase (StEOP). Leider hat sie seit Beginn ihrer Einführung wenig mit Orientierung zu tun. An der Germanistik erwarten einen zunächst nur Vorlesungen ohne Anwesenheitspflicht. Die Studierenden können sich so in alternativen Alltagskonfigurationen erproben – etwa um 16 Uhr aufstehen. Der Stoff soll Basiswissen vermitteln und ist daher sehr kompakt. So können die ersten Lehrveranstaltungen mitunter furchteinflößend wirken, vor allem dann, wenn man neben 200 Kommilitonen am Boden sitzen muss. Einen idealen Ort für ein Kennenlernen oder den geistigen Austausch bieten diese Einführungsveranstaltungen jedenfalls nicht. Am Ende des Semesters erwarten einen dann Knock-outPrüfungen – die allerdings viermal wiederholt werden dürfen. In den Genuss eines Seminars, bei dem eine intensivere Auseinandersetzung mit der Materie und der Lehrperson erfolgen könnte, kommen Studierende der Germanistik in Österreich erst ab dem zweiten Semester – in einem Raum mit bis zu fünfzig Teilnehmenden. Parallel dazu wird im zweiten Semester gelehrt, das wissenschaftliche Ethos hochzuhalten und nicht zu plagiieren. Am Ende sind unter Umständen schon Seminararbeiten fällig. Sie lassen einen auch in den Ferien nicht vergessen, dass und was man studiert. Bei den Briten sieht das erste Studienjahr ganz anders aus als in Wien . Für das Knock-out sorgt in Cambridge nicht die StEOP, sondern die Freshers’ Week. Die Freshmen und -women erforschen das soziale Topos „Uni-Life“ alkoholisch durch Pub-Crawls und Motto-Partys oder sportlich in zahlreichen Societies. Man kann noch so introvertiert sein, am Ende landet man immer in einem Club: sei es einer zum Feiern, Fechten oder Filmschauen.
Das dritte und vierte Semester in Wien und Cambridge Im zweiten Jahr ist sowohl an der Uni Wien wie an der in Cambridge eine Spezialisierung für einen Teilbereich der Germanistik und die freie Gestaltung des Stundenplans möglich. Der Zugang zum akademischen Arbeiten gestaltet sich in Großbritannien allerdings ganz anders als in Österreich. Auch in Cambridge werden Zitierregeln gelernt, der Fokus des Studiums liegt jedoch auf eigenständiger Textproduktion und Argumentations entwicklung. Die Studierenden verfassen Essays. Sie werden jedoch nicht danach bemessen, wie viele Zitate oder Quellen dafür verwendet wurden. Die grundlegenden Inhalte werden von Professoren in fünfzigminütigen Vorlesungen vermittelt. In die Tiefe gegangen wird in Supervisionen. Hier können sich die Studierenden in kleinen Gruppen (auch Einszu-eins-Unterricht ist möglich) für ihr Forschungsgebiet begeistern lassen. Im Allgemeinen sind auch die Professoren für Studierende zugänglicher als in Wien. Sie betreiben Forschung, sehen die Lehre aber nicht als lästige Nebenbeschäftigung oder nötiges Übel in ihrem Beruf. Sie kennen ihre Studierenden schnell beim Namen. Das kann motivierend wirken, allerdings auch die Schutzzone gefährden, die ein distanziert-höflicher Umgang mit sich bringt. Die Supervisionen finden in den Colleges statt. Diese verbinden akademisches und soziales Leben an einem Ort und brechen so die große Institution „Universität“ auf kleinere Einheiten herunter. Das stärkt das Zugehörigkeitsgefühl zur Alma Mater und die Identifikation mit den Kommilitonen. Die Verbindung zum und im College ist einzigartig und soll ein ganzes Leben lang aufrechtbleiben. Das College-System stellt eine ideale Umgebung für Studierende dar: Sie müssen sich nicht um die Unterkunft kümmern, die Putzfrau kommt jeden Tag. Jedes College verfügt über eine Mensa, die Bibliothek hält 24 Stunden lang offen. Diese Öffnungszeiten werden auch tatsächlich genutzt. Hängen die Studierenden nicht über Büchern, bietet das College auch Sportplätze und einen kleinen Fitnessbereich. Das College-Café ist
Fotos: lukas schöppl, lafayette photography
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wie ein zweites Wohnzimmer, wo man sich trifft, liest und so tut, als würde man arbeiten. Am Abend verwandelt es sich in die College-Bar, und aus einer Tasse Cappuccino wird plötzlich ein Pint Ale (oder zwei). Der Abend endet, wenn die Pubs zusperren. Zwar gibt es auch (ganze vier) Clubs, aber die sind aufgrund der Musik und leicht bekleideter Britinnen nur bedingt zu empfehlen. Die Theater in Cambridge kann man an einer Hand abzählen. Kein Vergleich zur Theaterstadt Wien. Allerdings können Studierende hier ihre eigenen Theaterstücke zur Aufführung bringen. Die Performances um 11 Uhr abends sind aufgrund des Pub-Besuchs zuvor besonders ausgelassen. Für alle, die ihre Zeit intellektuell anspruchsvoller verbringen möchten, finden beinahe jeden Abend Vorträge von Professoren mit anschließender Diskussion statt. Cambridge verbindet Lehre und Forschung mit (Kennen-)Lernen und Kommunikation. Mitunter verkümmert durch so viel Angebot und Service die Kompetenz fürs selbstständige Leben. Die elitäre Entmündigung gipfelt darin, dass nicht einmal eine kaputte Glühbirne selbst ausgetauscht werden darf. Die Küchen der Studierenden in Wien und Cambridge sehen jedoch gleich schlimm aus. Lässt sich die Lehre bei uns „britischer“ machen? Dafür gäbe es die Sprechstunden. Sie müssten freilich aktiver genutzt werden und auch aktiver verlaufen. Die Studierenden sollten sich auf Sprechstunden vorbereiten, um dann Feedback und Leseaufträge von den Lehrenden zu bekommen – also mehr sein als nur eine Matrikelnummer. Eine Seminararbeit würde so zu einem fortwährenden Prozess während des Semesters und kein Sitzen vor einem leeren Word-Dokument in den Ferien. Um ihr volles Potenzial auszuschöpfen, sollte eine Sprechstunde auch wirklich sechzig Minuten lang dauern. Das fünfte und sechste Semester in Wien und Cambridge Das letzte Jahr des Studiums. Der Bachelor ist zum Greifen nahe. Wer in Österreich noch nicht genug vom Studieren hat, legt noch ein paar Semester ein: Zwei Toleranzsemester sind
zulässig, danach werden Studiengebühren fällig. In diesen zwei „Extra“Semestern bietet sich ein Auslandsaufenthalt mit Erasmus+ an. An der Germanistik der Uni Wien kommt man so zum Beispiel nach Berlin, Utrecht oder Barcelona. Oder eben nach Cambridge. Beim Sprachenstudium „Moderne und Mittelalterliche Sprachen“ (MML) in Cambridge ist das dritte Studienjahr verpflichtend im Ausland zu verbringen. Deutschstudierende können im deutschsprachigen Ausland entweder arbeiten oder ebenfalls mit Erasmus+ studieren. Das MML-Studium ist also vierjährig. Dass jemand (freiwillig) länger braucht, ist in Großbritannien undenkbar. Der neueste Trend sind zweijährige Bachelor-Studiengänge. Angesichts der hohen Studiengebühren nicht verwunderlich. Auch der Studienabschluss verläuft an den Unis Wien und Cambridge unterschiedlich. Während in Cambridge wie am Ende jedes Studienjahres Prüfungen anstehen, bei denen wie gewohnt Essays zu verfassen sind, muss man für einen Abschluss in Wien gleich zwei Bachelorarbeiten in zwei verschiedenen Teilbereichen schreiben. Der Studienabschluss in Wien und Cambridge Der große Tag ist gekommen. Nach jahrelanger Jagd auf ECTS-Punkte hat man endlich die Abschlussfeier im Festsaal oder in der Aula seiner Universität erreicht und lässt noch einmal jede Prüfung und jedes Referat Revue passieren. Man schielt auf das Zepter, das der Zeremonienmeister vor dem Rektor schwingt. Je nach Alma Mater kichert man entweder über die lange Robe und den Deckelhut der Würdenträger oder aber steht selbst in diesem Gewand da. Am meisten verwundert bei dieser Zeremonie jedoch die Zahl der unterschiedlichen Titel. Es gibt nämlich nicht nur einen Bachelor, sondern gleich neun verschiedene: Bachelor of Arts (BA), Bachelor of Science (BSc), Bachelor of Laws (LL.B.), Bachelor of Engineering (B.Eng.) und so weiter. An der Uni Wien wird einem der Titel „BA der Germanistik“ verliehen. In Cambridge ist es egal, welches Fach
Es gibt nicht nur einen Bachelor, sondern gleich neun verschiedene: BA, BSc, LL.B., B.Eng., etc.
man studiert hat. Im Zeugnis steht lediglich der Bachelor-Titel. Während an der Uni Wien ein Master im selben Studiengang naheliegt, beginnt in England mit dem Master ein völlig neues Kapitel. Die Bachelorstudien verlaufen also an der Uni Wien und an der in Cambridge sehr unterschiedlich. Doch eines haben sie gemeinsam: In der akademischen Reality-Show „Bachelor“ bekommt man selten Blumen – selbst wenn man ein Orchideenfach belegt hat. Statt einer Rose erhält man einen akademischen Titel. Leider nicht immer das goldene Ticket in die Arbeitswelt. Zumindest in Österreich. Lukas Schöppl
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Erst ignoriert, dann schöngeredet H Ein mittlerweile Ex-Politiker wird als Jugendlicher Mitglied eines Vereins, der sich „Germania“ nennt. Von den neonazistischen Liedern einmal abgesehen – wie reagiert jemand darauf, der ein Leben lang mit Schule zu tun hatte? Heidi Schrodt: Es hat mich erschüttert. Ich habe zwar nicht Geschichte unterrichtet, sondern Deutsch, und war in der politischen Bildung aktiv – aber ich muss trotzdem sagen: Es deutet darauf hin, dass wir als Schule in einem bestimmten Bereich versagt haben.
Das Schulsystem steht angesichts der Migration vor großen Herausforderungen. Schon in den 1970er Jahren haben sich die heutigen Probleme abgezeichnet, erklärt die Bildungsexpertin Heidi Schrodt im Gespräch
Sprechen Sie jetzt aus eigener Erfahrung? Schrodt: Ja, ich habe das mitunter erlebt. Zum Beispiel im Zusammenhang mit Hakenkreuz-Schmierereien an der Schule. Man könnte auch den Antisemitismus islamischer Jugendlicher anführen. Ich bin Jahrgang 1950 und dachte, zumindest das würde ich nie erleben. Ich hatte auch Schüler aus dem Umfeld rechter Gruppierungen. Denkt man genauer darüber nach, so stellt sich rasch heraus, dass die nur in ihren eigenen Kreisen verkehren. Sie sind ein Kind der Zweiten Republik: Zur Zeit des Staatsvertrages 1955 wurden sie eingeschult. Was hat sich in der Schule seither geändert? Immerhin gab es damals noch das Rohrstaberl … Schrodt: Ich war immer in Mädchenschulen – wir wurden nicht geschlagen. Aber die Schulwelt war keine schöne, vor allem nicht im Internat. In der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, war ich das einzige Mädchen meines Jahrgangs am Gymnasium, von den Burschen waren es drei. Eine überschaubare Schulwelt, sehr ständisch ausgerichtet: Die Kinder der Geschäftsleute waren am Gymnasium, die anderen machten die Hauptschule und kamen dann in eine der drei Fabriken in Ybbs. Migranten gab es einen namens Jaroslaw.
„Die Schule in Österreich ist keine Erfolgsgeschichte“ Heidi Schrodt
Dann kamen die Reformen der Kreisky-Zeit … Schrodt: Ja. Mit der Schulgesetz gebung 1975 war körperliche Gewalt nicht mehr erlaubt. Ziemlich viel ging im Bereich Schulbau weiter, auch wurde der Zugang zur AHS erleichtert. Aber es gibt eben auch negative Aspekte: Wir haben immer noch ein sozial selektierendes Schulsystem. Die Neue Mittelschule besuchen Arbeiterkinder aus der, wie man sagt, „bildungsfernen Schicht“. Ein Drittel davon kann nicht sinnerfassend lesen.
Warum wurde die Situation der Gastarbeiter nie ausführlicher diskutiert? Schrodt: Ich kann das nicht gesamtpolitisch beurteilen, aber das Problem wurde einfach ignoriert. Schon Ende der 1970er Jahre wurde Österreich durch die Kinder der jugoslawischen und türkischen Gastarbeiter zu einer Migrationsgesellschaft. Das war noch vor der Ostöffnung. Die Kinder konnten kein Deutsch und sind in der Sonderschule gelandet. Unser Schulsystem war in den 1960er Jahren steckengeblieben. Auch wenn es viele positive Gegenbeispiele gab. Aber grundsätzlich gilt: Zuerst wurden die Probleme ignoriert, später schöngeredet. Warum hat sich die oft beschworene Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik gerade im Schulsystem so wenig gezeigt? Schrodt: Die Schule in Österreich ist keine Erfolgsgeschichte! Hier muss man weit ausholen und zu Otto Glöckel zurückgehen. Glöckel hat 1920 in Wien zwei heiße Eisen aufgegriffen: Eines war die Gemeinschaftsschule. Das andere war noch gefährlicher: Glöckel wollte die Kirche nicht mehr in der Schule haben. Das brachte ihn ins Gefängnis. Was ich sage, haben schon viele vor mir gesagt: Unsere Schule ist im Grunde noch immer ständisch geprägt. Wie die gesamte Epoche des Austrofaschismus als Ständestaat wurde auch die Schulgeschichte nie aufgearbeitet. 1927 kam es zu einem Schulkompromiss. Darin wurde das mehrgliedrige Schulsystem festgeschrieben – das Aus für die Gemeinschaftsschule. Als „Gesamtschule“ wurde sie dann auch in der Nachkriegszeit als Teufel an die Wand gemalt und bekämpft. Alle kleineren und größeren Reformen sind an dieser Frage gescheitert. Können Sie das ein wenig konkreter beschreiben? Schrodt: Es ging bei diesem ständischen Denken immer um die Frage
Gymnasium oder Gesamtschule. Erst jetzt bekommen wir eine gemeinsame Lehrerausbildung. Früher gab es die höherwertige Ausbildung für Gymnasial- und BHS-Lehrer. Die Hauptschullehrer wurden kürzer ausgebildet und mussten Fächer unterrichten, die sie nie gelernt hatten. Überdies waren sie schlechter bezahlt. Ist das als Konflikt zwischen dem großstädtischen Wien und dem Rest des Landes zu verstehen? Schrodt: Es gab auch in Wien Widerstand von konservativer Seite. Auch hier hat man lange nicht mehr versucht, das Thema Gesamtschule aufzugreifen. Man wollte lieber Ruhe haben. Die Neue Mittelschule war der fatale Kompromiss dazu. Sie wurden in den Kreisky-Jahren Lehrerin. Was waren die Probleme damals? Schrodt: Ich hatte Philosophie studiert und an einer Dissertation über die Krise des Subjektes und die Subjektwerdung der Frau gearbeitet. Ursprünglich wollte ich gar nicht Lehrerin werden. Ich war mit dem Studium fast fertig, hatte ein Stellenangebot an der Germanistik der Uni Wien. Doch dann machte ich das Probejahr und blieb an der Schule. Ich war politisch ziemlich engagiert und habe mich für die Gesamtschule eingesetzt. Damals sind mir die Augen aufgegangen: Meine Kollegen auf sozialdemokratischer Seite hatten keinerlei Interesse daran. Welche Schule war das? Schrodt: Eine richtige Kreisky-Schule am Laaer Berg bei der Per-AlbinHanson-Siedlung – mit einem jungen Team. Wir konnten die Schule selbst entwickeln. Während sie in Bau war, haben wir an einer Hauptschule unterrichtet. Dabei bin ich draufgekommen, dass es dort ganz anders zugeht. Einige Jahre später habe ich bei einem Treffen des Elternvereins mit einem Hauptschullehrer vereinbart, dass er meine und ich seine erste Klasse unterrichtet. Der Hauptschullehrer ist an unsere Schule in der Hansson-Siedlung gekommen und hat gemeint, es gehe hier so zu wie in seinen Anfangsjahren als Hauptschullehrer. Ich hingegen war schockiert, als ich an seiner Hauptschule unterrichtet habe. Deutschunterricht schien hier unmöglich. Schon damals hat das begonnen, was wir heute haben. Ich kam damals drauf, dass eine Entwicklung in Gang kommt, die niemand beachtet. Warum nicht?
Foto: privat
eidi Schrodt wurde 1950 in Ybbs an der Donau geboren. Sie studierte an der Universität Wien Deutsch und Englisch und arbeitete siebzehn Jahre lang als AHSLehrerin. Von 1992 bis 2001 war sie Direktorin am Bundesgymnasium und Bundesrealgymnasium Rahlgasse im 6. Wiener Gemeindebezirk. Sie gehört verschiedenen Expertenkommissionen in Sachen Schule und Bildung an und ist Vorsitzende des Vereins „Bildung grenzenlos“. Ihre aktuelle Buchpublikation „Sehr gut oder Nicht genügend – Schule und Migration in Österreich“ ist derzeit vergriffen.
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Doha, Katar / Foto: Guillaume de Laubier / Knesebeck Verlag Manche Bauten auf dem Campus erinnern an Wüstenfestungen
Schrodt: Vermutlich geschah vieles nicht aus Böswilligkeit, sondern einfach, weil man in den alten Strukturen weitermachte wie bisher. Dann wurden die Leistungsgruppen abgeschafft. Es gab jedoch viele Kinder, die eine individuelle Betreuung gebraucht hätten. Dafür gab es keine Ressourcen. Das war doch die Zeit, in der linke Intellektuelle etwa davon sprachen, die Literatur der Zukunft würde von den Kindern der Gastarbeiter geschrieben … Schrodt: Ich habe das nie so gesehen, sondern eher bemerkt, dass wir im 10. Bezirk an der AHS nicht jene Kinder bekommen, die dort wohnen. Einmal kam ein ganzer Schub an türkischen Schülern. Der Direktor hat sie allesamt in eine Klasse gesteckt. Wir Unterrichtenden waren hilflos: Die Kinder kamen oft nicht in die Schule, ihre Mütter waren Analphabetinnen. Eine Zeitlang dachte man damals ja, die Gastarbeiter würden alle wieder wegziehen. Doch sie sind geblieben. In der Schule hat man darauf keine Rücksicht genommen. Damals war ich in der Lehrerfortbildung tätig und habe mit einem Kollegen Mitte der 1980er Jahre im Rathaus eine Veranstaltung zum Thema „Deutsch als Zeitsprache“ gemacht. Die damalige Gemeinderätin Gertrude Brinek hat uns sehr unterstützt. Außer ihr ist kein einziger Politiker zu dieser Veranstaltung gekommen. Für die war das kein Thema, obwohl es an den Schulen längst Probleme damit gab. Was die intellektuellen Visionen für eine künftige Literatur betrifft: Von den Personen, die an den Schulen tätig waren, teilte sie keiner. Man hätte schon damals auf vielen Ebenen ansetzen und zum Beispiel sagen müssen: „Wir sind ein
Migrationsland“. In der Forschung gab es dazu bereits sehr viele Studien: Wie gehen wir mit Mehrsprachigkeit um? Welche Rolle spielt die Muttersprache? Was machen wir in der Lehrerausbildung …
sehr bewusst angeknüpft. Hainisch brauchte zweiundzwanzig Jahre, bis sie ihr Gymnasium eröffnen durfte. Bei Durchsicht und Erforschung der alten Kataloge der Schule und der Biografien des ersten Jahrgangs stellten sich zwei Dinge heraus: Erstens mussten sie damals den Stoff des humanistischen Gymnasiums in sechs Jahren bewältigen. Und zweitens studierte danach ein hoher Prozentsatz der Schülerinnen Naturwissenschaft, Medizin und Technik. Es gab eine Zeitlang die Theorie, die Hemmschwelle für Technik und Naturwissenschaften würde für Mädchen in homogenen Gruppen niedriger. Später kam man davon wieder ab.
Geht es nicht weniger darum, über Versäumnisse zu lamentieren, als darum, dass diese Probleme heute instrumentalisiert werden? Schrodt: Ich glaube, die ÖVP war immer daran interessiert, den Unterschied zur Hauptschule zu erhalten. Das ist deren Credo. Auch wenn die Hauptschule heute nicht mehr so ausschaut wie in den 1950er Jahren mit A- und B-Zug, sondern mit der AHSUnterstufe praktisch gleichwertig ist. Aber auch die SPÖ hat sich nicht zur Gesamtschule bekannt – alles andere ist ein Mythos! Lediglich Schulversuche wurden in den 1970er Jahren zugelassen: Die Schule in der AntonKrieger-Gasse ist noch immer einer. Jetzt werden in der Volksschule wieder Noten eingeführt. Sie haben dazu ein ganzes Buch geschrieben … Schrodt: Es ist frustrierend. Nicht nur, weil es um eine pädagogische Maßnahme geht, die bei keinem Erziehungswissenschaftler Unterstützung fände. Im ganzen Regierungsprogramm kommt das Wort „Bildungsforschung“ nicht einmal vor. Mit der Notendiskussion wird nur eine bestimmte Wählerschaft und Klientel bedient. Sie waren an einer Schule Direktorin … Schrodt: Marianne Hainisch hat 1892 in der Rahlgasse das erste Gymnasium für Mädchen in Österreich gegründet. An diese Tradition habe ich
„Man hätte schon damals auf vielen Ebenen ansetzen und sagen müssen: Wir sind ein Migrationsland“ Heidi Schrodt
Was ist im 20. Jahrhundert mit der Schule passiert? Schrodt: Das Großbürgertum kam abhanden, die vielen jüdischen Schülerinnen und Schüler. Dieses Großbürgertum war sehr weltoffen. Doch in der Nazizeit wurde dann ein ganz anderes Frauenbild propagiert. Auch das kann man in den Katalogen der Rahlgasse ganz genau sehen. Es waren nicht nur die jüdischen Schülerinnen verschwunden, es wurden auch die Fächer geändert. Die Schülerinnen mussten plötzlich Handarbeiten, es wurden sogenannte Frauenfächer eingeführt. Heute bewahren wir noch immer ein katholisch geprägtes, konservatives Frauenbild. Eine Technikerin hingegen würde gut verdienen … Schrodt: Was im 20. Jahrhundert mit der Schule geschah, ist inzwischen gut beforscht. Schon im Kindergarten oder
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Was ist daraus zu schließen? Schrodt: Man muss ganz früh beginnen. Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen müssen wissen, wie derartige Prägungen entstehen. Außerdem braucht eine Schule gute Lehrer. Es genügt nicht, Mädchen aufzufordern, Technik zu studieren. Wir haben in der Rahlgasse eine Forschungs- und Lernwerkstatt eingeführt. Sie war rasch sehr beliebt. Mädchen mögen sich in Naturwissenschaften weniger zutrauen, aber das ist genau der Grund, warum man ihr Selbstvertrauen besser
„Mädchen waren lange Zeit die Verlierer der Koedukation“ Heidi Schrodt
entwickeln und dabei so breit und möglichst früh ansetzen sollte. Es gab in den 1990er Jahren Wirbel um eine reine Mädchenklasse an Ihrer Schule. Warum erregte das damals derartigen Anstoß? Schrodt: In Deutschland hatte man empirisch nachgewiesen, dass sehr viele Mädchen aus Mädchenschulen naturwissenschaftliche Fächer und Technik studieren. In den 1980er Jahren gab es überdies eine Bewegung „Frauen – Schule – feministische Pädagogik“ und man hatte begonnen, mit Mädchenklassen zu experimentieren. Als ich die Schule übernahm, gab es einen Jahrgang mit sehr vielen Mädchen und ich beschloss gemeinsam mit einer Kollegin, die sich auch für diese Thematik interessierte, es einfach zu probieren. Wir fragten die Eltern, mehrheitlich bürgerliches Publikum aus dem 6. und 7. Bezirk, und stießen auf Interesse. Die Eltern waren einverstanden, alle machten freiwillig mit. Als wir zum Stadtschulrat gingen, nickte das die Verantwortliche gleich ab und sagte nur: „Aha, ihr habt da eine Mädchenklasse.“ Als dann darüber berichtet wurde, war plötzlich die Hölle los. Kurt Scholz als Stadtschulrat meinte nur: „Diesem reaktionären Unsinn werde ich nicht zustimmen.“ Wir fanden das damals entsetzlich.
Wie kam es zu dieser Haltung? Schrodt: Es war nur unter großen Mühen gelungen, in Österreich die Koedukation einzuführen. Otto Glöckel hatte damit begonnen. Die Rahlgasse wiederum hat als eine der letzten Schulen auf Koedukation, die 1975 verpflichtend geworden ist, umgestellt. Man ging davon aus, wenn man Mädchen und Burschen nebeneinandersetzt, werden sich alle Probleme von selbst lösen. Genau das geschah jedoch nicht. Mädchen waren lange Zeit die Verlierer der Koedukation. Zehn Jahre später hat sich kein Mensch mehr an Frauenparkplätzen beim Supermarkt gestoßen … Schrodt: Wir hatten wissenschaftliche Begleitung und wollten das ursprünglich nur zwei Jahre lang durchführen. Die Eltern haben die Sache mitgetragen und wir sie schließlich durchgezogen. Es gibt im Unterrichtsministerium eine große Publikation dazu. Was hat sie bewogen, sich mit dem englischen oder dem schwedischen Schulsystem genauer zu befassen? Schrodt: England ist ein Spezialfall. Ich habe dort während des Studiums eineinhalb Jahre lang gelebt. Vor allem aber hat mich immer interessiert, wie Schule woanders ausschaut. Das fortschrittliche System Schwedens kannte ich schon sehr früh, denn in
Fritz-Grünbaum-Platz 1 1060 Wien I U3 Neubaugasse 09.00 -18.00, Do 09.00 - 21.00 Uhr
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Foto: Peter Reitmayer
sogar noch früher findet die Verstärkung von Erwartungen statt. Mütter reden mit ihren Buben weniger als mit Mädchen. Vom Kindergarten bis in die Medien werden traditionelle geschlechtsspezifische Verhaltensweisen gefördert. Aus empirischen Studien ist bekannt, dass kleine Buben eher dazu tendieren, konkurrenzorientiert zu arbeiten, während Mädchen kooperativ vorgehen. In den 1970er Jahren stellte man fünfjährigen Kindern die Aufgabe, eine Stadt aus Legosteinen zu bauen: Die Mädchen haben miteinander eine Burg gebaut, die Buben fünf verschiedene. Man kann sich noch so bemühen, den Mädchen zu zeigen, für welch tolle Berufe sie an der TU ausgebildet werden könnten, die meisten schätzen sich selbst als dafür ungeeignet ein.
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den 1980er Jahren hatten wir Kontakt mit einer Schule in Uppsala. Lehrer von dort haben in der Schule in der Hansson-Siedlung unterrichtet und umgekehrt. Mir sind die Augen übergegangen. Weil? Schrodt: Aufgrund der Ausstattung der Schule und des Umgangs der Lehrenden mit den Schülern. Der war ganz anders als bei uns. Das war wirklich eine egalitäre Schule oder kam dem zumindest nahe. Es gab keine freie Schulwahl, was zu einer guten Durchmischung führte, und es gab sehr gute Lehrer. In der Rahlgasse waren wir stets am ComeniusProgramm beteiligt. Ich habe meine Lehrer auch immer dazu ermutigt, in Länder wie Rumänien oder Italien zu fahren. Anfangs war das Neugier, mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass wir Bildung nicht mehr national denken können. Wie soll eine europäische Schule ausschauen? Schrodt: Der Begriff Europa ist schon zu eng gefasst. Die Herausforderungen an Bildung finden heute nicht nur auf europäischer Ebene statt. Wir können vielleicht keinen Lehreraustausch mit China machen, aber man muss schauen, wo die Herausforderungen liegen. Auf Lehrerebene ist es wichtig,
dass eine Erweiterung in den Köpfen stattfindet. Eine europäische Schule muss eine Schule sein, die mehr gemeinsame als national unterschiedliche Inhalte hat. Das ergibt sich allein aus den globalen Fragen. Bildungspolitik muss zunehmend auf europäischer Ebene definiert und gemacht werden. Wenn wir nach Asien schauen – dort ist Europa nicht einmal ein Begriff. Aber was sind dann, um jetzt ein wenig polemisch zu sein, unsere viel beschworenen Werte? Wir stehen vor Herausforderungen durch Massenmigration, Umweltkatastrophen und die globale Wirtschaft. Was will Österreich da machen? Wir brauchen für die Lösung solcher Probleme mindestens Europa.
„Die Herausforderungen an Bildung finden heute nicht nur auf europäischer Ebene statt“ Heidi Schrodt
Welchen Stellenwert hat Mädchenförderung in diesem Gesamtbild? Schrodt: Einen sehr hohen. Wir dürfen dabei nicht nur auf Österreichs jüngere Tradition schauen und sagen: Wir ziehen unser aufgeklärtes Programm aus den 1970er Jahren mit dem Sexkoffer durch. Denn plötzlich leben Mädchen aus ganz anderen Welten unter uns. Wir müssen erst hinschauen, was die überhaupt brauchen. Ein weiterer wichtiger Punkt in Bezug auf Bildung sind Städte und urbane Räume: Wien, Linz und Graz haben miteinander mehr zu tun als
uniorientiert Die Tage der offenen Tür für Studieninteressierte Die Universität Wien präsentiert ihre Studien und Services rund ums Studium. Entdecke die Bachelor- und Masterstudien bei uniorientiert.
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Wien und Tirol. Die Bildungsfragen der Zukunft werden von den Städten gestellt. Ihr Lieblingsbuch über Lehrer? Schrodt: Meine liebste Lehrergeschichte ist kein Roman, sondern der Film „Être et avoir“. Er handelt von einem Dorfschullehrer in der Auvergne. Der macht das, was man auch in Skandinavien tut: Er geht zu den Bauernkindern nach Hause, tröstet sie, wenn es Probleme gibt, schaut, dass sie es in die höhere Schule schaffen. Ich habe den Film im Kino gesehen, dann die DVD gekauft und sie mir sicher schon fünfmal angeschaut. Das klingt jetzt fast nach Peter Rosegger … Schrodt: Ja. Aber ich stelle mir vor, dass man so mit Kindern umgeht. Ich bin außerdem sehr skeptisch, was die Schließung von Dorfschulen betrifft, auch wenn diese in ökonomischer Hinsicht Wahnsinn sind. Sind sie aber gut gemacht, haben sie eine sehr wichtige soziale Funktion. Kurz gesagt, es gibt den besonderen Auftrag, den ein Lehrer hat, tatsächlich? Schrodt: Ja, sicher! Interview: erich klein
uniorientiert.univie.ac.at masterday.univie.ac.at
12 FALTER 8/18 T h em a 1/ 18 : B i ld ung und k a r r ie r e : m a st e r
Auf der Suche nach dem richtigen Master S
ebastian studiert im dritten Semester Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien. Er macht gute Fortschritte und wird das Bachelorstudium voraussichtlich in Mindeststudiendauer absolvieren. Um die Chancen auf einen guten Job zu erhöhen, will er danach eine neue Richtung einschlagen und einen Master in Internationaler Betriebswirtschaft anschließen. Doch Kommunikationswissenschaften und Internationale Betriebswirtschaft – ist diese Kombination überhaupt möglich? Teresa hat ihren Bachelor schon in der Tasche. Vor Kurzem hat sie das Studium der Medizinischen Informatik an der TU Wien abgeschlossen und will nun zurück zu ihrer Familie nach Tirol, um an der Uni Innsbruck den Master in Wirtschaftsinformatik zu machen. Zwei verschiedene Universitäten zwei verschiedene Fächer – geht das? Bachelor und Master: weniger flexibel als erhofft Vor bald zwanzig Jahren wurde in Österreich das Bologna-System eingeführt; damit wurden die Studienabschlüsse auf den dreigliedrigen Aufbau Bachelor, Master, PhD umgestellt. Ziel war unter anderem ein europaweites System leicht miteinander vergleichbarer Abschlüsse und die Förderung der Mobilität der Studierenden. Doch Hannah Lutz vom Vorsitzteam der ÖH kritisiert, dass das System, vor allem in Bezug auf fachfremde Master, nicht so flexibel ist wie erhofft. Steigt jemand nach seinem Bachelorabschluss in das Masterstudium des gleichen Fachs und der gleichen Uni ein, funktioniert das meist problemlos. Ob jemand aber zu einem fachfremden Masterstudium zugelassen wird, würde laut Lutz meist individuell und zu wenig transparent entschieden. Oft werde nicht veröffentlicht, was wo und wie angerechnet wird. Für jedes Masterstudium gilt als Mindestanforderung der Nachweis der allgemeinen Universitätsreife in Form
„Ein vom Titel her gleicher Bachelor muss nicht denselben Inhalt gehabt haben“ Hannah Lutz, ÖH
„An der Uni Wien werden rund sechzig Prozent der Anträge zum fachfremden Master positiv beschieden“ Ivan Muncan, uni wien
eines abgeschlossenen Bachelors und des Sprachlevels, wie im Curriculum definiert – in der Regel Deutsch C1 oder Englisch C1. Drittstaatsangehörige haben außerdem, so die gesetzliche Regelung, den Nachweis der besonderen Universitätsreife zu erbringen. So erklärt es Ivan Muncan, Leiter der Master-Studienzulassung an der Uni Wien. Fehlen einem für die Zulassung gewisse Voraussetzungen, kann man bis zu dreißig ECTS-Punkte als Auflage nachmachen und das Masterstudium beginnen. Gehen die Unterschiede zwischen Bachelorstudium und Anforderung für das Masterstudium weiter auseinander, ist es kaum möglich in den fachfremden Master einzusteigen. Laut Muncan lege die Universität Wien großen Wert darauf, die Rahmenbedingungen für Studierende und Studieninteressierte so zu gestalten, dass bereits im Bachelorstudium Planungssicherheit bezüglich des „Wunschmasters“ bestehe. Man soll bereits während des Bachelorstudiums einfach erfahren können, ob die Zulassung zu einem Master an der Universität Wien möglich wäre. Derzeit werden an der Uni Wien, so Muncan, 60 bis 65 Prozent der Anträge auf die Zulassung zu einem fachfremden Master positiv beschieden. Bewerber erhalten alle Informationen zum Antrags- und Zulassungsprozess im „Master Access Guide“ auf der Website slw.univie.ac.at. Die dort formulierten Auflagen sind laut ÖH zwar oft schwammig formuliert, dennoch finden Studierende hier erste Anhaltspunkte, ob der Wunschmaster möglich ist oder nicht. Letzte Sicherheit liefert erst der Bescheid nach Antrag. Erweiterungscurricula können Zulassung erleichtern Um die Chance zu erhöhen, zu einem fachfremden Master zugelassen zu werden, sollte man sich möglichst schon während seines Bachelorstudiums über den weiteren Studienweg informieren. Vor allem die während des Bachelors zu absolvierenden Er-
weiterungscurricula können darüber entscheiden, ob die Zulassung möglich ist oder nicht. Im Rahmen dieser Curricula müssen Bachelorstudierende eine vorgeschriebene Anzahl von ECTS-Punkten aus einer anderen Studienrichtung absolvieren. Gehen diese in die Richtung des gewünschten Masterstudiums, erhöht sich die Chance, später auch zugelassen zu werden. Dies sei laut Hannah Lutz vom Vorsitzteam der ÖH auch der Grund, warum über den Zulassungsantrag zweier Studierender zum gleichen Master unterschiedlich entschieden wird, obwohl sie denselben Bachelorabschluss haben. „Ein vom Titel her gleicher Bachelor muss nicht denselben Inhalt gehabt haben“, so Lutz. Doch was heißt das jetzt für unsere beiden Studierenden? Sebastian erfährt über den Master Access Guide der Uni Wien und die Studienplattform
Fotos: Barbara Mair, ÖH
Viele möchten nach Abschluss des Bachelors einen Master in einem anderen Studienzweig absolvieren. Doch nicht jede Kombination ist möglich
m a ste r : B il d u n g u n d k a r r ie r e : Th e ma 1/18 FALTER 8/18 13
Chicago, USA / Foto: Guillaume de Laubier / Knesebeck Verlag Die von Helmut Jah in die Tiefe gebaute Joe & Rika Mansueto Library bietet unter ihrer gewaltigen elliptischen Glaskuppel taghelle Arbeitsplätze
(www.studienplattform.at) der ÖH, dass er ohne Auflagen zum Master der Internationalen Betriebswirtschaft an der Uni Wien zugelassen werden kann, wenn er einen Nachweis von Englischkenntnissen auf dem Niveau C1 erbringt und zwei der drei Erwei terungscurricula „Betriebswirtschaftli che Grundlagen“, „Betriebswirtschaft liche Methoden“ und „Entrepreneur ship“ während seines Publizistikstu diums absolviert. Da Sebastian noch drei Semester Zeit hat, wird er versu chen, die Anforderungen bis zu sei nem Abschluss zu erfüllen. Teresa hat das Glück, dass die In formatikstudien der Universitäten eine Durchlässigkeitsplattform be treiben, die laut Hannah Lutz als Po sitivbeispiel für andere Studienrich tungen gelten kann. Unter www.infor matikaustria.at/durchlaessigkeit kann Teresa ganz einfach ihr Bachelorstu
dium auswählen und erfährt dann, dass sie mit ihrem Bachelor der Medi zinischen Informatik an der TU Wien den Master in Wirtschaftsinformatik an der Uni Innsbruck nur mit Aufla gen beginnen kann. Welche das genau sind, wird sie erst in dem Bescheid auf ihren Zulassungsantrag erfahren. Die ÖH wünscht sich solche Durch lässigkeitsplattformen für alle Univer sitäten und arbeitet derzeit auch selbst an einem System, das Studierenden anzeigt, welche Master mit welchem Bachelorabschluss möglich sind. Das Projekt soll noch innerhalb dieser Funktionsperiode beendet wer den, was laut ÖH-Vorsitzteam jedoch eine Herkulesaufgabe bedeute, da sich ständig etwas ändere und viele Unis und FHs einen Anspruch auf Exklu sivität behaupten würden. Auch die Zulassungsstelle der Uni Wien rund um Ivan Muncan arbeitet
Hier erfährt man mehr zu Masterstudien: informatikaustria.at/durchlaessigkeit studienplattform.at
derzeit an einer Art „Zulassungswi zard“, der je nachdem, welche Anga ben von potenziellen Studienbewer bern eingegeben werden, verschiede ne ergänzende Informationen automa tisch generiert. Die ÖH empfiehlt bei Unsicherhei ten, immer mit der jeweiligen Hoch schulvertretung zu reden, da diese schon viel Erfahrung mit verschiede nen Zulassungsszenarien hat. Sollte der Antrag auf eine Masterzulassung abgelehnt werden, soll man laut Han nah Lutz auf jeden Fall Beschwerde gegen den Bescheid einlegen. „In der entscheidenden Kommis sion sitzen immer Studierenden vertreterinnen, die sich für einen ein setzen. Man kann dann argumen tieren, warum man zum jeweiligen Studium zugelassen werden sollte.“ Sonja Driesz
14 FALTER 8/18 T h em a 1/ 18 : B i ld ung und k a r r ie r e : n eu e s st u d iu m
Neue Wege für die Pflege Künftig müssen alle, die im gehobenen Pflegeberuf tätig sind, ein Bachelorstudium absolvieren. Das Masterstudium ist jenen vorbehalten, die in Forschung und Lehre arbeiten möchten
Änderung der Pflege, höhere Ansprüche ans Personal Die pflegerische Leiterin im St. Anna Kinderspital, Ingrid Gruber, sagt im Rückblick: „Ich habe meine vierjährige Ausbildung zur Krankenschwester 1984 abgeschlossen. Damals war es noch so, dass man das neunte Schuljahr abgeschlossen haben musste. Danach konnte man den Lehrgang beginnen. Ich habe mich dazu entschieden, Kinderkrankenschwester zu werden.“ Schon während ihrer Ausbildung wurde immer wieder erwähnt, dass diese akademisiert werden würde. „Die Resonanz auf diese Änderung war sehr unterschiedlich. Viele haben gedacht, ein Studium sei unnötig. Somit hatten es die ersten Absolventen, die von der Fachhochschule oder der
„Ich will Patientinnen helfen, ihre Autonomie wiederzuerlangen“ carmen dorfmeister, absolventin & lektorin, FH campus wien
„Im Pflegebereich empfinden viele, in einer Bildungssackgasse zu sein“ Hanna mayer, Uni Wien
niversität ins Spital gekommen sind, U eher schwer und wurden vielleicht etwas härter rangenommen.“ Mittlerweile hat sich dies geändert, die Akzeptanz ist viel besser geworden. Denn die meisten merken doch, dass die neue Entwicklung positive Auswirkungen hat: Die Pflege kann sich nun weiterentwickeln. „Es kommen wirklich sehr tüchtige und interessierte junge Menschen zu uns ins Spital“, freut sich Gruber. Sie ist sich jedoch sicher, dass die Ausbildung nur einen Teil dazu beitragen kann, wie gut man seinen Beruf in der Pflege ausübt. „Ich denke, es ist sehr wichtig, Einfühlungsvermögen und Respekt vor den Menschen zu zeigen. Das theoretische Hintergrundwissen darf natürlich auch nicht fehlen. Eine ausgewogene Mischung ist optimal. Denn in der Praxis beim weinenden Kind hilft mir Theorie wenig. Dort brauche ich nichts anderes als Einfühlungsvermögen und Menschlichkeit.“ Dieser Meinung ist auch Martin Ullmann, derzeit Bachelorstudent an der FH Campus in Wien: „Jemand, der in der Pflege arbeiten möchte, sollte in der Lage sein, mit Mitgefühl und allen Formen der Empathie agieren und reagieren zu können. Außerdem muss er gern mit Menschen zusammenarbeiten.“ Der Grund für sein Studium ist leicht erklärt: „Ich habe zuvor schon in anderen Bereichen studiert und gearbeitet. Irgendwann wollte ich aber einer für mich sinnvolleren Tätigkeit nachgehen. Mir ist wichtig, etwas zu tun, bei dem ich Menschen helfen kann.“ Besonders spannend findet er die Praktika, von denen mehrere im Semester zu absolvieren sind.
Sie ermöglichen den Studierenden einen guten Einblick in die jeweiligen Fachrichtungen. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Studiums ist die wissenschaftliche Arbeit. „Ich hatte auch die Möglichkeit, an einem Pflegekongress teilzunehmen, bei dem die neuesten Studien und Entwicklungen präsentiert wurden. Besonders beeindruckt hat mich das Modell eines Gesundheitszentrums, in dem die Patienten zuerst von einer Pflegeperson untersucht werden, um die ganzheitliche Lebenssituation zu erfassen. Die Pflegerin bespricht dann die weiteren Schritte mit einem Arzt oder einer Ärztin.“ Ullmann findet es schade, dass der Pflegeberuf in unserer Gesellschaft noch zu wenig geschätzt wird. „Ich würde mir wünschen, dass unsere Professionalität besser wahrgenommen wird.“ Das Studium kann dazu sicher beitragen, auch weil sich die Arbeitsanforderungen an Pflegepersonen in einem ständigen Prozess der Weiterentwicklung befinden. Die Pflege wird zu einer hochschulrelevanten Tätigkeit Nach einem Bachelorstudium hat man die Möglichkeit, entweder gleich in den Beruf einzusteigen, oder ein Masterstudium anzuhängen, das auch berufsbegleitend möglich ist. Dazu entschied sich Carmen Dorfmeister an der FH Campus Wien: „Nach über zwei Jahren Berufstätigkeit habe ich den Masterlehrgang in Advanced Nursing Education berufsbegleitend im Jänner 2018 mit ausgezeichnetem Erfolg absolviert. Zuvor erwarb ich eine diplomierte Zusatzqualifikation in psychiatrischer Gesundheits- und Kranken-
Fotos: Michael Taborsky, hanna mayer
D
ie Pflegeausbildung hat sich in den letzten Jahren verändert. Im September 2016 wurde das Gesundheits- und Krankenpflege gesetz und folglich die Ausbildungsverordnung novelliert. Die Ausbildung im gehobenen Dienst für Gesundheitsund Krankenpflege (Berufsbezeichnung: diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin) ist nun ausschließlich im tertiären Bildungssektor angesiedelt. Derzeit läuft die Ausbildung im gehobenen Dienst noch in Form einer Diplomausbildung. Sie wird neben dem Bachelorstudiengang künftig nicht mehr angeboten. Um zum Masterlehrgang Pflege zugelassen zu werden, benötigt man einen facheinschlägigen Bachelor oder einen vergleichbaren Abschluss an der Hochschule, das Diplom im gehobenen Dienst der Gesundheits- und Krankenpflege sowie Erfahrung in der Berufspraxis.
n eu e s st u d iu m : B il d u n g u n d k a r r ie r e : Th e ma 1/18 FALTER 8/18 15
Fotos: Stefanie Rehrl, Privat
Amerikanische Universität, Beirut, Libanon / Foto: Guillaume de Laubier / Knesebeck Verlag Die Campus-Architektur arbeitet mit Elementen der Natur und bezieht das Meer mit ein
pflege.“ Ihre Masterarbeit behandelte die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen in der allgemeinen Gesundheits- und Krankenpflege. „Zu dieser gesellschaftskritischen Thematik habe ich eine quantitative Studie durchgeführt und ein Aus- und Fortbildungsmodul für die Berufsgruppe der Pfleger entwickelt.“ Eines der wichtigsten Erkenntnisse dieser Studie ist, dass diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerinnen durch Einflussfaktoren wie zunehmendes Alter (ab 30) und eine fortgeschrittene Berufserfahrung (ab 10) signifikant höher stigmatisieren als Auszubildende in der Pflege. „Ein großer Vorteil dieses Masterlehrgangs ist, dass ich neben dem Master of Science auch Qualifikationen in Hochschuldidaktik sowie Pflegepädagogik erworben habe. So kann ich als Lehrerin der Gesundheitsund Krankenpflege im Hochschulsektor oder an einer Schule für Gesundheits- und Krankenpflege arbeiten“, freut sich Dorfmeister. „Seit 2014 unterrichte ich nebenberuflich als Lektorin an der FH Campus Wien.“ Nachdem Dorfmeister nun den Master abgeschlossen hat, möchte sie auch weiterhin in der Pflege arbeiten. Die Praxis bereitet ihr sehr viel Freude. Und sie möchte auch darauf hinwirken, dass die Pflege im gesamtgesellschaftlichen Rahmen gesehen wird. Es ist ihr wichtig, anderen zu helfen und Menschen bei ihrem Genesungsprozess zu begleiten. „Im Fokus der Pflege steht der professionelle Beziehungsaufbau und die Schaffung einer Vertrauensbasis. Ich finde es sehr schön, die Patientinnen zu unterstützen, und möchte ihnen helfen,
ihre Autonomie wiederzuerlangen. Ich schätze es, durch meinen Beruf viele außergewöhnliche Menschen kennenzulernen, die mich persönlich wie fachlich bereichern.“ Genau wie ihr Kollege Martin Ullmann beklagt Dorfmeister den Stellenwert der Pflege in der Gesellschaft. „Viele Menschen denken, dass die Pflege der Medizin unterstellt ist. Wir werden oft als Assistenten der Ärzte abgestempelt, was wir aber nicht sind. Die Ärzte und wir arbeiten in einem Team zusammen. Während meines Studiums wurde ich oft gefragt, warum ich denn für die Pflege und nicht gleich Medizin studiere. Leider wissen die meisten nicht, dass der Pflegeberuf ein ganz anderer ist als der einer Medizinerin. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig.“ Was bringt die Akademisierung der Pflege nun wirklich? Hanna Mayer ist heute Universitätsprofessorin und Vorstand des Instituts für Pflegewissenschaft an der Universität Wien. Neben ihrer Tätigkeit in der Pflege und als Pflegelehrerin hat sie Pädagogik an der Universität Wien studiert, um anschließend freiberuflich im In- und Ausland als Pflegewissenschaftlerin zu arbeiten. Als Mitarbeiterin an Forschungsprojekten und in der Vermittlung von Forschungsmethoden der Pflegewissenschaft hat sie im deutschsprachigen Raum Neuland betreten. „Ich habe einige Jahre als Krankenschwester gearbeitet sowie als Krankenpflegelehrerin. Meine Motive hinter der Entscheidung, Krankenschwester zu werden, sind heute die Triebfeder meiner wissenschaftlichen Arbeit.
„Im St. Anna Kinderspital hilft mir Theorie beim weinenden Kind wenig“ ingrid Gruber, Leiterin Pflege
„Mir ist wichtig, etwas zu tun, bei dem ich Menschen helfen kann“ Martin Ullmann, Student an der FH campus wien
Ich möchte etwas für Menschen machen.“ Weil Mayer nun ausschließlich in Forschung und Lehre arbeitet, vermisst sie die Arbeit als Krankenschwester. In einigen Jahren möchte sie zumindest tageweise wieder als Krankenschwester arbeiten. „Denn diese Art der Arbeit lässt mich einfach nicht los“, lacht sie. Die Akademisierung des gehobenen Pflegebereichs sieht Mayer positiv: „Grund dafür war hauptsächlich, dass Österreich international mithalten wollte und musste. Auch leiden viele im Pflegebereich darunter, dass sie in einer Bildungssackgasse gelandet sind. Zwar konnte man viele Fortbildungen besuchen, aber die waren im Ausland oder an einer Universität nicht anrechenbar.“ Die Pflege entwickelt sich durch die Forschung rasant weiter, ständig werden neue Erkenntnisse veröffentlicht. Damit sie in der Praxis wirksam werden, müssen die dort Tätigen auch auf einem höheren Niveau ausgebildet werden. Durch komplexere Anforderungen wächst der Bedarf an sehr gut ausgebildetem Pflegepersonal. „Ich hoffe, dass wir im Masterstudium mit den internationalen Entwicklungen mithalten können. Und hoffentlich finden wir weiterhin interessierte Studierende nicht nur für die Wissenschaft, sondern auch für den Advanced-Nursing-Practice-Bereich“, sagt Mayer. Auch sollte die Pflegewissenschaft für Dissertationen interessant werden. „Denn wir können einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, wichtige Fragen im Gesundheitswesen zu beantworten.“ Sophie Hanak
16 FALTER 8/18 T h em a 1/ 18 : B i ld ung und k a r r ie r e : a r b e it sm a r k t
Diplomiert, aber unbeschäftigt I „Viele machen den Master und erwerben eine Spezialisierung, die sie später im Berufsleben nicht umsetzen können“ Manfred Füllsack, Institut für Systemwissenschaften, Uni Graz
„AbsolventInnen von Geistes- und Sozialwissenschaften sind vielfach nicht ausbildungsgerecht beschäftigt“ Thomas Wychodil, ams
n der Ära Kreisky war die Matura so etwas wie ein beruflicher Frei fahrtschein, ein Hochschulstu dium erst recht. Wie die Entwicklun gen der jüngeren Vergangenheit zei gen, ist man von diesem Versprechen wie auch von jenem einer allgemei nen Vollbeschäftigung mittlerweile weit entfernt. Generell wuchs in den letzten Jah ren der Anteil der Akademiker an den unselbstständig Erwerbstätigen von knapp 13 (2007) auf 18 Prozent (was 638.000 Beschäftigten im Jahr 2015 entspricht). Gleichzeitig stieg aber auch der Anteil der Akademiker an der arbeitslosen Bevölkerung. Lange war die Arbeitslosenquote dieser Bil dungsschicht bei 3,5 Prozent stabil. Doch während in den letzten beiden Jahren die Arbeitslosigkeit generell rückläufig ist, steigt sie bei Akademi kern leicht. Der Grund: Durch die Mi grationsbewegungen der letzten Jahre sind viele Akademiker nach Österreich gekommen. Wenn diese Asylstatus er halten oder subsidiär schutzberechtigt sind, werden sie automatisch der Ar beitslosenquote zugeschlagen. Viele, auf die das zutrifft, befinden sich ak tuell in Qualifizierungsmaßnahmen des AMS (vor allem in Deutschkur sen). Zieht man nur österreichische Staatsbürger in Betracht, ist die Ar beitslosigkeit auch bei Akademikern gesunken. Das Studium bietet keine Jobgarantie mehr Beim Blick auf die Arbeitslosen statistik wird deutlich, dass alles, was über einen Pflichtschulabschluss hi nausgeht, die Beschäftigungschancen deutlich erhöht. Die geringste Arbeits losenquote haben nach wie vor Akade miker. Innerhalb dieser Gruppe gibt es aber deutliche Unterschiede. Während der Bachelorabschluss das Wohlwol len vieler Wirtschaftsverbände fand, zeigt sich nunmehr, dass die Akzep tanz des Titels in vielen Branchen zu wünschen übrig lässt: Etwa jede sieb te Akademikerin ist Bachelor. Absol venten von MINT-Fächern (Mathe matik, Informatik, Naturwissenschaf ten, Technik) und Fachhochschulen haben generell gute Chancen auf eine Anstellung. Das praxisorientierte Wis sen, das an FHs vermittelt wird, hat
aber auch Nachteile: Es ist oft schnel ler überholt als das Wissen, das Uni versitäten lehren, die tendenziell ei nen stärken Fokus auf Wissenschaft legen. In den Sozial-, Geistes- und Kulturwissenschaften müssen Absol venten oft ein geringes Einkommen und prekäre Beschäftigungsverhältnis se in Kauf nehmen. Viele sind dabei gar nicht berufsadäquat beschäftigt, weil entsprechende Stellen fehlen. Natürlich berücksichtigen jun ge Menschen in ihrer Studienwahl auch die aktuelle wirtschaftliche Si tuation. Es gibt aber auch periodi sche Trends bei dieser Entscheidung. Thomas Wychodil, Leiter des Akade mikerzentrums am AMS, vergleicht das mit dem „Schweinezyklus“ und verweist auf die, verglichen mit von vor zehn Jahren, geringe Anzahl an BWL-Studierenden. Neben wirtschaftlichen Konjunk turen sind es Megatrends wie die Di gitalisierung oder die Bildungsexpan sion, die die Nachfrage des Arbeits marktes massiv beeinflussen. Erste re führt dazu, dass sich Berufsbilder teils dramatisch verändern oder sogar komplett obsolet werden. Die zweit genannte sorgt dafür, dass man für Jobs einen akademischen Abschluss braucht, der früher nicht verlangt war. In Tätigkeitsfeldern, wo traditi onell besonders viele Menschen mit akademischem Abschluss tätig wa ren, herrscht seit Jahren Aufnah mestopp – etwa in der öffentlichen Verwaltung oder dem Banken- und Versicherungswesen. Die Nachhaltigkeit von Wissen verringert sich ständig Das Zusammenspiel von Digitalisie rung und Bildungsexpansion führt dazu, dass die Gültigkeitsdauer von relevantem Wissen rapide abnimmt: „Es gibt kaum noch Berufe, in denen Techniken und damit Wissen mehr als zwanzig Jahre lang relevant sind“, sagt Manfred Füllsack, Experte für Arbeit und Arbeitsmarkt an der Uni Graz. „Früher war es typisch, eine Ausbil dung zu absolvieren und damit rund vierzig Jahre Berufsleben zu bestrei ten. Heute gibt es kaum mehr Unter nehmen, die so lange existieren.“ Ar beitnehmer müssen sich häufiger Spe zialwissen aneignen, um sich für Jobs
zu qualifizieren und mit der beschleu nigten Wissensproduktion Schritt hal ten zu können. „Gerade in Branchen, wo das Se nioritätsprinzip stark ausgeprägt ist und eine recht ungleiche Verteilung des Lebenseinkommens vorherrscht, geraten ältere Arbeitnehmer in Kon kurrenz zu jüngeren, meist günsti geren Angestellten mit aktuelleren Wissensbeständen“, erklärt Thomas Wychodil vom AMS. Oft endet es mit einer Entlassung. Die Situation die ser Menschen beschreibt der Experte als besonders prekär, da die psychi sche Belastung durch Arbeitslosigkeit oft noch durch gesundheitliche Prob leme verstärkt wird. Was soll man also studieren, wenn man in zehn Jahren einen tollen Job haben willen? „Konkret gefragt wür de ich sagen, studieren Sie Informatik und dazu Chinesisch und Arabisch“, sagt Arbeitsmarktexperte Füllsack. „Wie aber bereits die Dotcom-Bubble gezeigt hat, gibt es selbst in der In formatik Einbrüche und Unsicherhei ten. Ein Job, der heute relevant ist, muss das morgen nicht mehr sein.“ Die hohe Dynamik der Wissensent wicklung mache Prognosen schwierig und ungenau: Selbst die Quantenphy sik galt lange Zeit als Orchideenfach und daher als unnütz. Letztlich sollte die Wahl von Aus bildung und Studium aber ohnehin ei nen Ausgleich zwischen persönlichen Interessen, Begabungen und wirt schaftlichen Überlegungen darstellen, erklärt Wychodil. „Bildung um der Bildung Willen“ als oberster Maxime für eine Ausbildungsentscheidung er teilt er eine Absage. Er wünscht sich eine massive Ausweitung der Berufs orientierung an den Schulen, damit junge Menschen den für sie geeigne ten Bildungsweg finden. Dem entgegen steht die in Ös terreich nach wie vor hohe Erblich keit von Bildung: Bildungsabschlüs se reproduzieren sich zu einem ho hen Anteil innerhalb von Familien. Solange Bildungstitel so eng mit so zialem Prestige verknüpft sind, wird es schwierig bleiben, Akademiker und ihre Kinder von der Wertigkeit eines Lehrberufs zu überzeugen. Werner Sturmberger
Fotos: Uni Graz, Foto Furgler
Auch der Abschluss eines Masterstudiums garantiert keine entsprechende Beschäftigung am Arbeitsmarkt, ist aber immer noch der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit
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Stanford, USA / Foto: Guillaume de Laubier / Knesebeck Verlag Der Zugang zum Main Quad mit seinen Palmenreihen wirkt wie eine kalifornische Postkartenidylle
praxisnah forschungsstark chancenreich 18 Bachelor- und 10 Masterstudiengänge Die innovative Hochschule mit Fokus auf Technik, Gesundheit, Medien sowie Soziales und Wirtschaft. fh-salzburg.ac.at
18 FALTER 8/18 T h em a 1/ 18 : B i ld ung und k a r r ie r e : ku lt u rst u d ie n
Kunst, Urmutter der Wissenschaft Auch an den Kunstunis haben sich Bachelor und Master etabliert. Über ihre Erfahrungen damit sprachen wir mit Ulrike Sych, Rektorin der Uni für Musik und darstellende Kunst Wien, Gerald Bast, Rektor der Uni für angewandte Kunst Wien, und Frank Louis, Vizerektor der Kunstuni Linz
F
Kann man an Ihrer Uni auch dissertieren? Sych: Man kann in siebzehn Fächern von Natur- bis Musikwissenschaft seinen PhD machen, etwa in musikalischer Akustik, Kulturbetriebslehre, Gender Studies, Ethnomusikologie oder Musiktherapie. Wir haben auch sieben rein wissenschaftliche Insti-
tute. Außerdem sind wir gerade dabei, ein künstlerisches Doktorat zu entwickeln.
„An unserer Uni haben wir fast fünfzig Prozent internationale Studierende, im Konzertfach sogar an die siebzig Prozent“ ulrike Synch
Wozu braucht man das? Sych: Die Welt hat sich weitergedreht. Heute muss man in verschiedenen Bereichen ein Doktorat vorweisen, egal ob künstlerisch oder wissenschaftlich. Das ist auch gesetzlich verankert. Da arbeitet man an Fragestellungen mit künstlerischen Methoden und neuen Methoden, die nicht nur wissenschaftlich sind, aber einen Erkenntnisgewinn bringen. Künstlerische Forschung ist zum Beispiel etwas, das Nikolaus Harnoncourt im Bereich der Alten Musik geleistet hat. In der Musikwissenschaft kann man etwa theoretisch über historisch informierte Aufführungspraxis arbeiten. Bei uns bringt man seine Forschung auch zum Klingen. Geht es also doch um eine Annäherung von Wissenschaft und Kunst? Sych: Früher waren Wissenschaft und Kunst nicht getrennt. Goethe war zum Beispiel Künstler und Forscher. Die Wissenschaft hat sich ja aus der Kunst entwickelt. Die Kunst ist meines Erachtens die Urmutter der Wissenschaft. Die Grenzen sind fließend. Die Universitäten hatten ja die Wahl, auf ein Bachelor-/Master-Programm
umzustellen oder nicht. Es ist manchmal schwer nachvollziehbar, warum ein Studium reformiert wurde und ein anderes nicht … Sych: An unserer Uni sind die meisten Umstellungen vor meiner Zeit als Rektorin erfolgt. Sie betreffen vor allem die pädagogischen Studien. Pädagogen haben mit dem Bachelor bereits eine Berufsausbildung, die Orchestermusiker in den meisten Fällen nicht. Alle Orchesterinstrumente, darunter auch die speziell nur in Wien gelehrten wie die Wiener Oboe oder
Foto: inge prader
rau Synch, wurden die Kunststudien seit der BolognaReform verwissenschaftlicht? Ulrike Sych: Nicht verwissenschaftlicht, sondern verschult. Die Studierenden in den Bachelor-/Master-Programmen haben ein zeitliches Korsett umgehängt bekommen und müssen nun auch ECTS-Punkte sammeln. Das sehe ich schon kritisch. Im Vergleich zum Diplomstudium kann man in der kürzeren Bachelorstudiendauer als Musikschaffende kaum die nötige Reife für eine Bühnenkarriere bekommen. Auch sind die Anforderungen im internationalen Wettbewerb anders als früher. Weltweit erwartet man heute zusätzlich eine umfassende wissenschaftliche Bildung. Talent und technische Fertigkeit allein genügen nicht mehr. Die Absolventen müssen sich auch in Bereichen wie etwa Kulturmanagement oder Social Media auskennen. An unserer Uni haben wir fast fünfzig Prozent internationale Studierende, im Konzertfach sogar an die siebzig Prozent.
ku lt u rst u d ie n : B il d u n g u n d k a r r ie r e : Th e ma 1/18 FALTER 8/18 19
École des Beaux-Arts, Paris, Frankreich / Foto: Guillaume de Laubier / Knesebeck Verlag Überall Statuen, Skizzen und dazu Mal- und Modellierwerkzeug: Die École des Beaux-Arts stellt ein wahres Kuriositätenkabinett dar
das Wiener Horn, blieben im Diplomstudium. Kammermusik, Neue Musik oder Digital-Art-Compositing werden hingegen als Masterstudien angeboten. Wie haben die Studierenden die teilweise Umstellung angenommen? Sych: Sie wählen hauptsächlich nach den Lehrenden und dem Standort Wien aus. Wir gehören zur Weltspitze, ein Qualitätskriterium für Studierende. Wenn man bei uns studiert, hat man die Chance auf eine Weltkarriere.
„Wenn man bei uns studiert, hat man die Chance auf eine Weltkarriere“ ulrike synch
Herr Louis, Sie sind Vizerektor für Lehre an der Kunstuniversität Linz und Leiter der Abteilung für Plastische Konzeptionen/Keramik. Was ist überhaupt die Aufgabe einer Kunstuniversität heute? Frank Louis: Kunst ist immer eine mehr oder weniger offensichtliche Auseinandersetzung mit der Gegenwart. Und sie ist dann gut, wenn sie nicht so tut, als könnte sie Lösungen anbieten, sondern dann, wenn sie Fragen aufwirft. In Anbetracht der globalen Umwälzungen wird es in Zu-
kunft immer wichtiger, dass Studierende an Kunstuniversitäten die Möglichkeit bekommen, sich kritisch mit der Gegenwart auseinanderzusetzen, um dadurch einen Beitrag zu gesellschaftlichen Diskursen zu leisten. Welche Perspektiven haben AbsolventInnen? Louis: Zwei Prozent von euch werden später Künstler werden! Unter dem Eindruck dieser Aussage von
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Wollen alle Künstlerinnen werden oder Lehrer? Oder auch Kulturmanager und Kuratoren? Louis: Ich hoffe sehr, dass alle, die in der Abteilung Plastische Konzeptionen/Keramik zu studieren beginnen, zunächst einmal Künstler werden wollen. Dass sich im Laufe des Studiums und der Zeit danach neue Interessensgebiete ergeben, finde ich eher positiv. Was bringt ein Doktorat in einem künstlerischen Fach? Louis: Ein PhD-Studium im Bereich Kunst sollte bedeuten, dass Studierende ihre Kunst als Forschung begreifen und diese mit den Mitteln der Kunst betreiben. In vielen Exposés zur Bewerbung um ein PhD-Studium oder auch bei Präsentation beim PhDKolloquium zeigt sich aber, dass die theoretische Reflexion der künstlerischen Arbeit einen hohen Stellenwert
e innimmt. Dies führt in vielen Fällen dazu, dass Studierende mit Methoden der Kunstwissenschaften ihre eigene Kunst zu beschreiben und einzuordnen suchen und nicht die Kunst selbst als Forschung begreifen. Diese Unschärfe hilft niemandem.
„Kunst ist dann gut, wenn sie nicht so tut, als könnte sie Lösungen anbieten, sondern dann, wenn sie Fragen aufwirft“ Frank Louis
Überwiegt aus Ihrer Sicht das Positive oder Negative der Bologna-Reform? Louis: Die Umstellungen haben besonders an Kunstuniversitäten ein schlechtes Image. „Verschulung“ und „Orientierung an den Bedürfnissen der Wirtschaft“ sind dabei zwei gängige Schlagworte. Sicher gibt es Gründe für die Kritik, aber mir scheinen einige dieser kritisierten Entwicklungen auch von den Universitäten selbst verantwortet zu sein und nicht ursächlich durch die Bologna-Reform ausgelöst. So wurden an einigen deutschen Universitäten Beschränkungen der Studiendauer eingeführt, um der langen Studiendauer in den Diplomstudien entgegenzuwirken. An der Kunstuni gibt es Bachelor- und Masterstudienpläne, die den Studierenden genauso viel Freiraum und Zeit zur individuellen Gestaltung des Studiums lassen, wie der Diplomstudienplan Bildende Kunst, der traditionell sehr offen ist. Natürlich gibt es formale Unterschiede, die auch inhaltliche Auswirkungen haben: Das Diplomstudium ist eine zusammenhängende Einheit, die vier Jahre umfasst – ein Zeitraum, der den Studierenden ein Fenster für die Entwicklung einer eigenen künstlerischen Haltung eröffnet. Die Bologna-Studien sind in ein dreijähriges Bachelorund ein zweijähriges Masterstudium geteilt, wodurch Abschlüsse von vornherein stärker in den Fokus rücken. Wie würden Sie persönlich eine Kunstuniversität haben wollen?
Louis: Ich wünsche mir eine Kunstuni als einen Ort, der rhizomatisch mit allen Bereichen der Gesellschaft vernetzt ist. Gleichzeitig muss er aber die Möglichkeit des Rückzugs bieten. Studierende müssen sich die Zeit und Ruhe nehmen können, eine individuelle künstlerische Haltung zu entwickeln und erst dann, wenn sie sich dafür entscheiden, mit ihren Projekten an die Öffentlichkeit gehen. Her Bast, haben Sie immer noch Diplomstudien an der Angewandten? Gerald Bast: Die bestehenden Studien wurden bis auf Architektur nicht umgestellt. Da bieten wir aus strategischen Gründen nur einen Masterlehrgang an, denn wir wollen Studierende aus der ganzen Welt auf eine internationale Karriere am High-End der Architekturausbildung vorbereiten. Sie waren anfangs ein Gegner der Bologna-Reform. Sehen Sie die Umstellung grundsätzlich noch immer kritisch? Bast: Meine Grundsatzkritik hat sich nicht geändert. Ein Problem von Bologna ist die Modularisierung. Das widerspricht aber der Art, wie künstlerische Prozesse verlaufen. Und dann geht dieses System von einem enzyklopädischen Bildungsbegriff aus, das eigentlich aus dem vorigen Jahrhundert stammt. Demnach soll Bildung in kleinen, in sich abgeschlossenen Modulen vermittelt werden, die wenig oder gar nichts miteinander zu tun haben. In Summe soll dann ein gebildeter Mensch herauskommen. Wir wissen seit der Quantenphysik, dass es nicht mehr darum geht, lineare Bahnen zu verfolgen und konsekutive Schritte nachzuvollziehen,
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Kul tur ma nagement Universitätslehrgang
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rofessoren habe ich mein KunststuP dium begonnen. Damals hat mich dieser Satz abwechselnd angespornt und entmutigt. Heute sehe ich derartige Aussagen kritisch, weil der Begriff Künstler zu eng gefasst wird. Meiner Beobachtung nach gehen alle Absolventen, die mit Überzeugung und engagiert studiert haben, beruflich einen Weg innerhalb des weiten Feldes der Kunst.
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s ondern dass es um Querverbindungen geht. Kunst ist ein Paradebeispiel dafür, dass Dinge im Zusammenhang gesehen werden, dass kontextualisiert wird. War das nicht auch früher möglich? Bast: Bologna hat natürlich die Spezialisierung nicht erfunden, sondern systematisiert und noch einen Punkt daraufgesetzt. Als ich studiert habe, war es noch möglich, in großen Zusammenhängen zu studieren, und es gab nicht dreißig Fächer, in denen man ECTS-Punkten nachjagen musste. Die Universitäten haben sich die Spezialisierungen nur zu einem geringen Teil aufzwingen lassen und zum größeren Teil selbst vorangetrieben, weil das mit den Karriereverläufen von Universitätslehrenden zusammenhängt. Heute hat die große Monografie ausgedient und man publiziert sehr partikularistisch in Fachjournalen. Standard ist ein Aufsatz über ein wissenschaftliches Projekt, das oft sogar noch unterteilt wird in weitere. Welche Entwicklung sehen Sie kommen? Bast: Ich denke, dass es in den nächsten Jahren eine Gegenbewegung geben wird und die Universitäten sich wieder stärker an den Zusammenhängen orientieren müssen, natürlich parallel zu Spezialisierungen. Wenn die Unis
„Es wird eine Gegenbewegung zur Spezialisierung geben. Wenn die Unis das nicht machen, werden private Bildungsinstitutionen die Deutungsherrschaft übernehmen“ Gerald Bast
das nicht machen, werden zunehmend private Bildungsinstitutionen die Herrschaft und Deutungshoheit im Bildungssystem übernehmen.
fähigkeit. Probleme entstehen aus vielen unterschiedlichen Faktoren, und Lösungen bestehen nicht aus einfachen Antworten.
Wie positioniert sich da die Angewandte? Bast: Holistisches Denken in der Wissenschaft wird immer wichtiger. Ich sehe es künftig als sinnvoll, einerseits forschungsorientierte Studienrichtungen und andererseits holistische Studien anzubieten. Denn es braucht weniger Studierende in den monodisziplinären Spezialstudien wie Psychologie oder Germanistik, sondern es werden andere Absolventen nachgefragt werden. Wenige, hochspezialisierte, exzellente Leute und gleichzeitig Massenstudien, die holistisch und disziplinübergreifend sein werden. Die Angewandte hat proaktiv ein Modell entwickelt, und wir haben im vergangenen Herbst unseren neuen Studiengang gestartet: „Cross-Disciplinary Strategies – Applied Studies in Art, Science, Philosophy, and Global Challenges“. Hier vermitteln wir künstlerische Methoden wie Abstraktion, den Umgang mit Ungewissheiten, Mehrdeutigkeit, Verfremdung, Kontextualisierung. Das sind Denkstrategien, die sich von partikularistischen unterscheiden. Unsere Studierenden lernen Kreativität, das Erkennen von komplexen Zusammenhängen und Kritik-
Sie bilden also an der Kunstuni auch für Jobs in der Wirtschaft aus? Bast: Genau! Das ist der Schritt in die nächste Ebene der Funktionalität von Kunstuniversitäten. Nicht nur Menschen für die Kunstausübung auszubilden, sondern darüber hinaus. Im Rahmen des Curriculums stellen wir den Zusammenhang her mit den großen Fragen der Gesellschaft, wie zum Beispiel Überalterung, Arbeit, Demokratie, neue Technologien. Absolventen werden gefragt sein in Bereichen, wo es darum geht, komplexe Problemstellungen zu analysieren und Lösungen zu finden, in der öffentlichen Verwaltung, Politik, Wirtschaft. An den Kunstunis kann man heute Doktorate machen. Was bringt das? Bast: Wir haben verschiedene Doktorate. Entweder ein wissenschaftliches Doktorat mit Dissertation oder ein künstlerisches. Da muss man eine künstlerische Arbeit machen, die auch schriftlich reflektiert wird. Es bringt in jedem Fall einen Erkenntnis gewinn für einen selbst und für die Gesellschaft.
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