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Anzeiger 6/18

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6 2018

anzeiger

Das Magazin für die österreichische Buchbranche

Aufbruchstimmung

Herbstblätter

Verlorenes zurückgewinnen

Bei der Jahrestagung des HVB im Hotel „Die Wasnerin“ stand die Zukunft im Fokus. Ein Rück- und ein Ausblick

Es wird zwar gerade erst Sommer, aber wir schauen erneut darauf, was dieser Herbst an spannenden Büchern bringt

Nämlich die kulturelle Tradition in Mitteleuropa. Das sieht der tschechische Autor Jaroslav Rudiš als Aufgabe an

Der neue Bestseller von

Paulo Coelho

Foto: © Niels Ackermann

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Wer die Welt verstehen will, muss mit eigenen Augen sehen lernen

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Plädoyer für einen nicht verwöhnenden Umgang Jürg Frick

Die Droge Verwöhnung Beispiele, Folgen, Alternativen 5., überarbeitete und erweiterte Auflage 2018. 256 Seiten, kartoniert Etwa € 19,95 / CHF 26.90 ISBN 978-3-456-85746-6 Auch als eBook erhältlich

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Warum werden Kinder zu sehr verwöhnt? Weshalb ist dies den Eltern oft gar nicht bewusst? Ein Blick in die Bereiche Kindergarten, Schule und Elternhaus zeigt die Aktualität des Themas – nicht nur vor dem Hintergrund neuerer technischer Geräte wie Tablets und Handys, die zusätzliche Verwöhnungsfelder bieten. Es geht oft um weit mehr als nur um materielle Überversorgung, auch emotional kann man Kinder zu sehr verwöhnen. Und nicht nur Eltern verwöhnen: Es geschieht auf „breiter Front“, durch die Schule genauso wie im Rahmen von Freizeitangeboten. Die Folgen können schwerwiegend sein: Überängstlichkeit im Leben, mangelndes Selbstvertrauen bis hin zur Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit und der emotionalen Intelligenz. Im Schlusskapitel bietet der Autor Denkanstöße für Einstellungs- und Verhaltensänderungen. Er entwickelt Alternativen für einen liebevollen, aber dennoch nicht verwöhnenden Umgang mit Kindern. Drei Fragebogen erlauben es den Erziehenden, ihren Erziehungsstil auf Verwöhnungsanteile hin zu überprüfen. Die vorliegende fünfte Auflage wurde vom Autor überarbeitet und erheblich erweitert; so sind etwa wichtige Aspekte zu Selbststeuerung / Selbstkontrolle neu berücksichtigt worden.

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– 152. Jahrgang –

„Bei der sehr erfolgreichen Jahrestagung des HVB wurde auch über kontroversielle Themen diskutiert“

»Manche Bücher sind wie Inseln. Leser betreten sie nur kurz, aber lang genug, dass sie ihre rätselhafte Schönheit, ihren sprachlichen Bewuchs, ihre Bewohner nicht mehr missen möchten. Dies ist genau so ein Buch.« SAŠA STANIŠIĆ

Benedikt Föger

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192 Seiten € [D] 18,00 | € [A] 18,50 ISBN 978-3-351-03739-0 Erscheint am 13.7.2018

Der HVB setzt mit anderen Institutionen deutliche Zeichen für die Bedeutung von Buch und Literatur. Vor allem auch mit gut dotierten Preisen wie dem „Österreichischen Buchpreis“ und dem dazugehörigen „Debütpreis“, dem „Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln“ sowie dem „Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur“ (Seite 8–9). Ein Verband ist so stark wie seine Mitglieder: Ab Seite 24 stellen wir Ihnen wie immer eine Auswahl unserer Mitglieder aus den Bundesländern und aus Wien vor: Alice Loske-Wirthmiller (Buchhandlung Wirthmiller), Herbert Ohrlinger (Zsolnay Verlag), Michael Wilhelm (Buchhandlung Haas) und Lioba Bauer (Buchhandlung Buchinsel). Wie immer laden wir Sie ein, uns mit Informationen, Lob und Anregungen zu versorgen! Wir freuen uns, von Ihnen zu hören!

Benedikt Föger HVB-Präsident

anzeiger / 3

© Christoph Oeschger

FOTO: LUDWIG SCHEDL

ie Jahrestagung des HVB in Bad Aussee war ein voller Erfolg. Vermeintlich trockene Themen wie Branchenzahlen, Branchendaten, Marktforschung und Novitäten-Vermarktung wurden von den Vortragenden spannend und praxisnah ausgeführt. Vor allem aber die lebhaften Diskussionen, die sich jedem Vortrag anschlossen, zeigten, wie wichtig der Austausch und die Vernetzung innerhalb der Branche sind. Einen Nachbericht sowie eine Auswahl von Fotos unseres neu aufgelegten Treffens finden Sie ab Seite 10. Die Jahrestagung bot auch den idealen Ort für eine Würdigung. Der HVB zeichnete Brigitte Sinhuber-Harenberg vom Amalthea Verlag mit der höchsten Auszeichnung des Verbandes aus, mit der „Verdienstmedaille für hervorragende Leistungen im Verlagswesen und Buchhandel“. Die Laudatio hielt Michael Niavarani, der auf Brigitte Sinhuber-Harenbergs Anregung hin als Vierzigjähriger sein erstes Buch herausgebracht hatte (Seite 12). Übrigens wurde in Bad Aussee auch das kontroversielle Thema „pro und contra gedruckte Verlagsvorschauen“ diskutiert. Wir greifen das auf und haben uns in der Branche umgehört, wie die Kolleginnen und Kollegen in Österreich dazu stehen (Gastkommentar Seite 20).


– Inhalt –

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Gastkommentar Pro und contra VLB-TIX

HVB-MITGLIEDER IM PORTRÄT

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Alice Loske-Wirthmiller

Buchhändlerin in der Buchhandlung Wirthmiller, Saalfelden

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Herbert Ohrlinger

Die Jahrestagung des HVB und Erkenntnisse, die sie für die Branche bringt

Verleger des Zsolnay Verlags in Wien

26

12

THEMA

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HVB-Jahrestagung 2018

Eindrücke von der ­Veranstaltung im Literaturhotel „Die Wasnerin“

12

Michael Wilhelm Buchhändler bei „HAAS Buch Papier Idee“ in Weiz

Essenziell Bei der Jahrestagung des HVB in Bad Aussee gab es viele Daten. Positiv: Die Buchbranche steht gar nicht schlecht da

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Lioba Bauer

Buchhändlerin der „Buchinsel“ in Wien

SELBSTREDEND

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Ich will verlorene Kultur und Sprache zurückgewinnen Jaroslav Rudiš schreibt gerade seinen ersten Roman auf Deutsch

AUS DEM ANZEIGER-ARCHIV

6

Theodora Bauer erhielt den Preis der Burgenlandstiftung Theodor Kery 2018

8

April 1968 Während sich in Deutschland die „Außerparlamentarische Opposition“ radikalisiert, wird einem Österreicher ein sowjetischer Orden verliehen.

WISSENSWERT

7

8

Herbert Ohrlinger leitet den Zsolnay Verlag in Wien

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Zur Insolvenz des Unternehmens Dr. Franz Hain Verlagsauslieferungen GmbH informieren wir Sie aktuell und laufend auf www.buecher.at und mit unserem Newsletter

28 Der tschechische Schriftsteller

Jaroslav Rudiš Kurzmeldungen Preis für Theodora Bauer Dritter Österreichischer Buchpreis Heimrad-Bäcker-Preise 42. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt

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Kramers Kinderstube Über das Glück

KLASSIKER

Kurzmeldungen Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels an Ilija Trojanow Shortlist des Leo-Perutz-Preises mediakolleg im Herbst

33

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MARKTDATEN 21 MONATSBESTSELLER 22 TITELSCHUTZ 34 IMPRESSUM 34

Herbstblätter Büchervorschau auf den Herbst

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Den Ferdinand erschlagen

„Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ von Jaroslav Hašek

STANDARDS

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Gutenberg-Galaxie Faulkners „Southern Gothic“, Schluss mit dem Literaturnobel preis? Der attraktivste Mann der Zwanzigerjahre


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– Aus dem anzeiger-Archiv –

Preis aus der Sowjetunion April 1968 Bei einer Demonstration von Studierenden gegen den Schah-Besuch in Berlin wurde im Juni 1967 der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Dies gilt als Auslöser der Radikalisierung der „Außerparlamentarischen Opposition“, zu deren zentraler Figur der 27-jährige Soziologiestudent Rudi Dutschke aufstieg. Ihm wurde am 11. April 1968 vor der Geschäftsstelle des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes am Kurfürstendamm vom 23-jährigen Arbeiter Josef Erwin Bachmann unter dem Schrei „Du dreckiges Kommunistenschwein!“ dreimal in den Kopf geschossen. Im März zuvor berichtete der anzeiger darüber, dass der Wiener Publizist Hugo Huppert einen Orden der Sowjetunion erhalten hat.

Fundstücke aus alten Ausgaben des anzeigers

Eine der größten Druckereien in Mitteleuropa  Druck und buchbinderische Weiterverarbeitung  unter einem Dach rund um die Uhr Jahresproduktion 24 Mio. Bücher  80 % der Produktion gehen in den Export  Jahresumsatz 33 Mio. €  Kundenservice in fünf Fremdsprachen  Zertifikate Carbon Neutral Produkt, Fogra  FSC®, CrefoCert, Eko energie

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20

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– Wissenswert –

PIONIER

Südstaatenschauer. Bücher des amerikanischen Autors William Faulkner sind nicht leicht zu lesen. Durch die verschachtelte Satzstruktur fällt es schwer, die Sprechakte den Charakteren zuzuordnen, Familienzugehörigkeiten zu erkennen und dem Plot zu folgen. Nicht ohne Grund gilt „Als ich im Sterben lag“ als Musterbeispiel für die unbeständige Darstellung eines „unreliable narrators“. Durch Erzählstil und Inhalt werden die Geschichten Faulkners mitunter schauerlich und prägten so das Genre des „Southern Gothic“.

POLARSTERN

Aus der

PIN-UP

Moderne Powerpoetry. Wer liest noch Lyrik? Die kanadische Lyrikerin mit indischen Wurzeln Rupi Kaur lässt sich nicht beirren und hat schon zwei Gedichtbände veröffentlicht. Sie publiziert aber auch auf anderen Kanälen. So zum Beispiel auf ihrem Instagram-Profil, einem Ort voll meditativer Bilder und „women-empowering poetry“. Dort lesen 2,7 Millionen AbonnentInnen ihre Gedichte. Die Antwort auf die erste Frage lautet also: gar nicht so wenige.

Gutenberg-

Goldener Gatsby. Groß wirkt Jay Gatsby vor allem, weil er auf einem Haufen Geld sitzt. Woher der ganze Reichtum kommt, ist nicht ganz klar. Aber eines muss man Gatsby lassen: Er weiß, wie man richtig prächtige Partys schmeißt. Wer ist dieser aus dem Nichts aufgetauchte Reiche und Schöne eigentlich? Sagenumwoben, rätselhaft und ein bisschen verrucht – ganz sicher der attraktivste Mann der Goldenen Zwanzigerjahre des vorigen Jahrhunderts.

PROSPEKT

Galaxie

No Nobel. Kazuo Ishiguro ist vielleicht der Letzte seiner Art. Die Rede ist von Literaturnobelpreis­ trägern. Die Verleihung des Preises wurde für dieses Jahr ausgesetzt. Die Zukunft des wohl prestigeträchtigsten Preises für Literatur ist auch für die kommenden Jahre ungewiss. Nach einem Sex- und Korruptionsskandal zerfleischt sich die Schwedische Akademie und ist stark dezimiert. Gelingt es ihr, wie der Phönix aus der Asche zu steigen, oder ist nach 117 Jahren Schluss mit dem Literaturnobelpreis?

POWIDL

Übermut … tut selten gut. SchnulzenAutorin Faleena Hopkins ist mit ihrer Patentanmeldung für das Wort „cocky“ (zu Deutsch: „übermütig“) sowie ­einer einstweiligen Verfügung gegen die Verwendung des Adjektivs in Trivial­literaturtiteln abgeblitzt. Die Autorin der „Cocky“-Romanzen – darunter Klassiker wie „Cocky Genius“ und „Cocky Senator“ – schickte bitterböse Briefe an Autoren, die „cocky“ in ihren Titeln verwendet hatten: vergebens. Das Wort wird dennoch vor allem mit ihr assoziiert werden.

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Lukas Schöppl


– Wissenswert –

IngeborgBachmann-Preis in Klagenfurt Am 8. Juli 2018 wird der Ingeborg-BachmannPreis bei den 42. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt verliehen. 14 Autorinnen und Autoren, unter ihnen die Deutschen Stephan Groetzner, Joshua Groß oder Stephan Lohse, die Schweizer Martina Clavadetscher und Anna Stern sowie die Ukrainin Tanja Maliartschuk oder die Türkin Özlem Özgül Dündar, gehen für den von der Landeshauptstadt Klagenfurt mit 25.000 Euro dotierten Preis ins Rennen. Für Österreich wird Raphaela Edelbauer dabei sein. Neben dem Ingeborg-Bachmann-Preis werden auch der Deutschlandfunk-Preis, der Kelag-Preis, der 3sat-Preis, der BKS-Bank-Publikumspreis sowie das Stadtschreiberstipendium verliehen. In der Jury sitzen u. a. die Bachmann-Preisträgerin des Jahres 2015 Nora Gomringer und Insa Wilke.

„Chikago“ heißt der Roman, für den Theodora Bauer ausgezeichnet wurde

Theodor-Kery-Preis für Theodora Bauer Für ihren 2017 erschienenen Roman „Chikago“ (Picus) erhielt die 1990 geborene Theodora Bauer am 28. Mai den Anerkennungspreis der Burgenlandstiftung Theodor Kery 2018. Neben Publikationen in Anthologien und im Radio erschienen auch Essays und Theaterstücke, darunter das preisgekrönte „papier.waren.pospischil“ (Verlag Schultz & Schirm). Im Picus Verlag erschien 2014 Bauers erster Roman „Das Fell der Tante Meri“.

Heimrad-Bäcker-Preise

„Einen Höhepunkt im Literaturkalender“ nennt Minister ­Blümel den Buchpreis

Buchpreis und Debütpreis 150 Titel von 83 Verlagen wurden zum dritten Österreichischen Buchpreis und Debütpreis eingereicht „Jedes Jahr ein Höhepunkt im Literaturkalender“, erklärt Kulturminister Gernot Blümel und meint damit den „Österreichischen Buchpreis“ sowie den von der Arbeiterkammer Wien gestifteten Debütpreis. 2018 werden beide zum dritten Mal vergeben, und zwar zu Beginn der Buch Wien im November des Jahres. Letztes Jahr gelangten 113 Titel für den Buchpreis und 28 Werke für den Debütpreis zur Einreichung, heuer sind es 121 Titel aus 60 Verlagen bzw. 23 Verlage mit 29 Erstlingstiteln. Die 150 Werke sind alle zwischen dem 11. Oktober 2017 und 9. Oktober 2018 erschienen.

Die Jury der Heimrad-Bäcker-Preise, bestehend aus dem Dichter Franz Josef Czernin, dem Germanisten Thomas Eder und dem letztjährigen Preisträger Bodo Hell, hat den Preis 2018 PeLiteraturpreisträger: Manfred ter Waterhouse zuerkannt. Mittermayer und Peter Waterhouse „Die Heimrad-Bäcker-Preise zeichnen Dichterinnen und Dichter aus, deren Werk im Zusammenhang mit der Literatur zu sehen ist, wie sie Heimrad Bäcker in seiner edition neue texte verlegt hat.“ Der 1956 in West-Berlin geborene Waterhouse lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Wien. Aus der Begründung der Jury: „Waterhouse’ Werk ist ein Frage-Werk, es lässt einen nicht-bezeichnenden, nicht-beobachtenden, nicht-fixierenden, nicht-kolonialistischen Weltzugang durch eine nichtbenennende Sprache erstehen.“ Der Förderpreis zum Heimrad-BäckerPreis wurde Hanne Römer/.aufzeichnensysteme verliehen. .aufzeichnensysteme bezeichnet eine Schnittstelle von Literatur, visueller und radiophoner Kunst als Autorenschaft der 1967 in Bad Vilbel geborenen und in Wien lebenden Künstlerin Hanne Römer. Der zum dritten Mal vergebene „neue texte“-Essaypreis geht an den 1959 geborenen, in Oberndorf bei Salzburg lebenden Manfred Mittermayer. Dieser Preis zeichnet herausragende Stimmen der literarischen Essayistik aus.

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F O T O S : P A U L F E U E R S Ä N G E R , B K A / A N D Y W E N Z E L , S E P P D R E I S S I N G E R , A X E L H H / W I K I M E D I A C O M M O N S

2018 gehen sie an Peter Waterhouse, Hanne Römer/ .aufzeichnensysteme und Manfred Mittermayer


– Wissenswert –

Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels an IIija Trojanow Der bulgarische Autor Ilija Trojanow erhält den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels

F O T O : T H O M A S - D O R N / P I P E R-V E R L A G , M I C H A E L M A R I T S C H , K Y L E G L E N N O N U N S P L A S H

Der diesjährige Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels für Toleranz in Denken und Handeln geht an den bulgarischen Autor Ilija ­Trojanow. Er ist mit 10.000 Euro dotiert und wird vom HVB und dem Fachverband Buch- und Medienwirtschaft der Wirtschaftskammer Österreich ausgerichtet. Trojanow erhielt bereits mehr als ein Dutzend Auszeichnungen für sein literarisches Werk. So wurde etwa der 2006 erschienene „Weltensammler“ (Hanser Verlag) über den Kolonialbeamten Richard Francis Burton mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Von der Jury wird Trojanow, der über seine Zeit in Indien und Afrika und über die Flucht seiner Familie aus Bulgarien schrieb, dafür gewürdigt, dass er sich für ein friedliches Miteinander in Europa und der Welt einsetzt. Die Verleihung findet am 25. November 2018 im Rahmen der Europäischen Literaturtage (ELIT) in Spitz an der Donau statt.

Die besten Nervenkitzler Die Shortlist des „Leo-Perutz-Preises für Kriminalliteratur“ steht fest Der von der Kulturabteilung der Stadt Wien und dem Hauptverband des Österreichischen Buchhandels gestiftete „Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur“ wird heuer zum neunten Mal vergeben. Auf die Shortlist geschafft haben es: Albert Frank („Tod vor dem Steffl“, Emons), David Krems („Falsches Licht“, Picus), Fritz Lehner („Nitro“, Seifert Verlag), Beate Maxian („Tod in der Kaisergruft“, Goldmann) und Günter Neuwirth („Die Frau im roten Mantel“, Gmeiner). Wer gewinnen wird, erfährt das Publikum am Mittwoch, den 19. September 2018 in der Wienbibliothek im Rathaus. Auf der Shortlist: Beate Maxian

mediakolleg Der Herbst lockt mit zahlreichen mediakolleg-Seminaren ■ Was rechtlich zu beachten ist, wenn man für Bewerbung und Kommunikation eines Verlags Medien nutzen möchte, ist Inhalt des mediakolleg-Seminars am 4. September. Darin erklärt Rechtsanwalt Alexander Koukal, wie man Veröffentlichungen kennzeichnet, und gibt Tipps für den Einsatz von Social-Media-Plattformen und Usergenerated Content. Onlinemedien: Nutzung, Werbung und Recht 4. September 2018, 9.30–17 Uhr ■  Vertriebs- und Marketingmitarbeiter in Fachverlagen erfahren am 6. September über den perfekten Marketing-Mix, um Kundinnen und Kunden zu erreichen. Zielgruppenmarketing für Fachverlage – KundInnen besser erreichen 6. September 2018, 9.30–17.30 Uhr ■

VLB-TIX kann helfen, Buchtitel und Kataloge auf Kundinnen und Kunden zuzuschneiden. Ziele des Seminars: Titel vermarkten, Kataloge in VLB-TIX erstellen und an Zielgruppen versenden. VLB-TIX in der Praxis: Kompaktschulung für Verlage und Vertreter 17. September 2018, 9.30–17 Uhr ■  Alle aktuellen Neuerscheinungen, Vorschaukataloge und BacklistTitel, tagesaktuell und stets zur Hand: Das bietet VLB-TIX. Wie bereitet man ein Vertretergespräch vor? Welche Informationen findet man in VLB-TIX? Und wie werden Dispolisten erstellt? In der mediakollegKompaktschulung lernt man, optimal Neuerscheinungen zu sichten, zu filtern und zu bewerten sowie Verkaufsgespräche vorzubereiten. VLB-TIX in der Praxis: Kompaktschulung für BuchhändlerInnen 18. September 2018, 9.30–17 Uhr ■  Einblicke in das internationale Lizenzgeschäft vermittelt ein mediakolleg-Seminar am 20. September. Vanessa Magson-Mann lehrt Teilnehmende in ihrer Muttersprache die wesentlichen Komponenten des Lizenzgeschäfts des „Publishing English“. Internationale Lizenzen 20. September 2018, 9.30–17 Uhr

Die Seminare finden beim HVB in der Bibliothek im 1. Stock statt. Grünangergasse 4, 1010 Wien Kosten: € 199,– ( HVB-Mitglieder)/€ 250,– Kontakt: Cordula Tippel, 01/512 15 35 29, tippel@hvb.at

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– Jahrestagung HVB 2018 –

Aufbruchstimmung „WANN KOMMT DIE NÄCHSTE?“ WAR DIE MEISTGESTELLTE FRAGE NACH DER JAHRES­TAGUNG DES HVB VOM 6. BIS 8. JUNI

Die zentrale Anlaufstelle während der Jahrestagung (manchmal bis vier Uhr früh): die Bar des Hotels „Die Wasnerin“. Hier begann die Tagung mit einer kurzen Präsentation der Geschichte des Literaturhotels durch seine Direktorin Petra Barta

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FOTOS: CHRISTINE STRUZ

IM LITERATURHOTEL „DIE WASNERIN“


HVB-Präsident Benedikt Föger* mit der Chefin des Literaturhotels Petra Barta

Claudia Schmidt (Thalia) und Oskar Hejlek (Verlagsbüro Schwarzer)

Sandra Csillag (Literar Mechana), Sonja Hinteregger-Euller (BMBWF), Iris Blatterer (Westermann Gruppe) und Nora Paul (ikon)

„Das Hotel war immer schon ein Anziehungspunkt für Literaten und soll es auch in Zukunft bleiben“

Lucia Kirchner-Krämer (Buchhandlung Kirchner-Krämer), Susanne Riedlsperger (Der Buchladen) und Bettina Wagner (Seeseiten)

Christian Grinke & Thomas Eisenmenger (Manz), Petra Horejs (LexisNexis), W ­ alter Grond (ELit)

Petra Barta, Hotel „Die Wasnerin“

*Die Personen werden immer von links nach rechts genannt

Philipp Ikrath (Institut für Jugend­ kulturforschung) und Ronald Schild (MVB)

Georg Büchner (Morawa), Katarzyna Lutecka (Amalthea), Peter Karl (Morawa Buch)

Angelika Bloch (KNV Stuttgart ), Gunter ­ annes Drexler, Georg Glöckler (G&G Verlag) H

Blaa-Alm: Krimiautor Bernhard Aichner las erstmals aus seinem kommenden Roman

Yvonne Dierberger, (KNV), Patrick Zöhrer (Buch Wien), Stefanie Jaksch (Kremayr & Scheriau)

Michael Niavarani und Helen Zellweger vor dem Publikum der Jahrestagung

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FOTOS: CHRISTINE STRUZ

Stephan Bair (Tyrolia) und Bernhard Borovansky (Buchmedia)

Karl Herzberger, Gunter Hannes Drexler und Friedrich Hinterschweiger (Fachverband Buch- und Medienwirtschaft)


– Essenziell – Jahrestagung des HVB

Mit dem Galadiner im Hotel „Die Wasnerin“ begann die Jahrestagung. Brigitte Sinhuber-Harenberg (Amalthea) wurde von HVBPräsident Benedikt Föger die höchste Auszeichnung des HVB, die „Verdienstmedaille für hervorragende Leistungen im Verlagswesen und Buchhandel“, überreicht. Die Laudatio hielt Michael Niavarani, der im übrigen die gesamte Jahrestagung genoss. Die ­Kolleginnen Linn Steinicke, Katarzyna Lutecka, Ingeborg Lux und Madeleine Pichler gratulierten der Geehrten

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Vor dem Aufschwung die

Datenverarbeitung BEI DER JAHRESTAGUNG DES HVB TRATEN EXPERTINNEN UND EXPERTEN MIT VIELEN DATEN AUF. POSITIV: DIE BUCHBRANCHE STEHT GAR NICHT SCHLECHT DA. ALLERDINGS MUSS SIE SICH AUF EINES GANZ BESONDERS FOKUSSIEREN: JUNGE MENSCHEN VON 18 BIS 35

Text: Christian Zillner Fotos: Christine Struz

E

s kommt nur darauf an, dass man Dinge anders macht als alle anderen“, sagt FrediSaal. Der junge Mann, von Beruf YouTuber, zeigt „Minecraft“*-Musikanimationen und sagt über seine Tätigkeit: „Wie und was ist wurscht.“ FrediSaal ist wohl kein typischer Buch­leser. Wahrscheinlich wurde er genau deshalb von Philipp Ikrath als Beispiel in seinem Vortrag vor der heimischen Buchbranche herangezogen – bei der Jahrestagung des HVB vom­ 6. bis 8. Juni des Jahres im Literaturhotel „Die Wasnerin“ in Bad Aussee. SOCIAL-MEDIA-ANGST Ikrath arbeitet seit 2005 in der Jugendforschung und betreut am Institut für Jugendkulturforschung die Bereiche Statistik und Internationale Kooperationen. Er versucht die Nutzung von Social Media wie Instagram und Snapchat (Facebook ist mittlerweile für ältere Semester) durch junge Menschen zu erklären. Diese Formate funktionieren vor allem über Bilder und Videos, zu lesen gibt es kaum noch etwas. Die Informationsverarbeitung unter ganz jungen Menschen erfolgt

gegenwärtig vornehmlich über Bilder. Ikrath stellt den Hipster vor – ein bisschen etwas hat er ja selbst davon. Dieser Typus entstand in der US-amerikanischen Subkultur des 20. Jahrhunderts und ist nun der Trendsetter des jugendlichen Mainstreams im 21. Er folgt, frei nach dem Soziologen Andreas Reckwitz („Die Gesellschaft der Singularitäten“), der Logik des Singulären: Dies bedeutet Orientierung an Einzigartigkeit, Differenz und dem Außergewöhnlichen. „Diese Einzigartigkeit“, so macht Ikrath klar, „ist weder Privileg noch Last, sondern eine Pflicht!“ Der Haltung entspricht der eingangs zitierte Satz von FrediSaal: Egal wie, Hauptsache, mit irgendetwas Einzigartigem auffallen. Ein Stichwort für die gegenwärtige (Jugend-)Kultur ist „Kurator“. Nicht nur im Kunstbereich bestimmen Kuratoren mittlerweile über die Präsentation der Kunst in der Öffentlichkeit. Auch im Privatleben ist der Kurator zum Vorbild des jungen Menschen geworden. Sollte einst das „innere Kind“ im Erwachsenen entdeckt werden, suchen die Jungen nun ihren inneren Kurator. „Auf Ins» tagram wird jeder zum Kurator des

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*„Minecraft“ ist ein Open-World-Spiel, das vom schwedischen Programmierer Markus „Notch“ Persson entwickelt und 2014 um 1,9 Milliarden Euro an Microsoft verkauft wurde


– Essenziell – Jahrestagung des HVB

„Ich habe mein erstes Buch mit vierzig geschrieben, weil ich Bücher so sehr liebe“ Michael Niavarani

»

eigenen Ichs“, erklärt Ikrath. „Es geht um ästhetische Stimmigkeit, nicht um erzählerische Stringenz. Man zeigt ein digitales Schaufenster in die eigene Seele, überlässt die Interpretation jedoch den Betrachtern.“ So behauptet die 15-jährige Schülerin Anna aus Linz: „Die Profilbilder sind zu einem Riesen­ding geworden. Früher hat man halt irgendein Bild reingestellt. Aber das geht nicht mehr.“ Sie wendet sehr viel Zeit auf, um ihren Auftritt auf Instagram zu kuratieren. Kein Buch also weit und breit. Freilich scheinen die Jungen ihren Social-MediaDauer­beschuss allmählich auch kritisch zu sehen. Ikrath sagt, dass ein Viertel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen schon einmal eine digitale Diät gemacht hat, was den völligen Verzicht auf Smartphones und Internet bedeutet (im Durchschnitt zehn Tage lang). Mehr als die Hälfte der Jungen hält die im Internet verbrachte Zeit oft für Verschwendung, vier von zehn jungen Menschen haben schon darüber nachgedacht, sich für immer aus den sozialen Netzwerken zurückzuziehen, und sechs von zehn meinen, die technische Entwicklung verlaufe so schnell, dass sie nicht mehr hinterherkommen. ­Ist das Social-Media-Angst? Und kann sie unter den jungen Menschen zum Auslöser einer Hinwendung zum Analogen werden?

WAS JUNGE MENSCHEN ERWARTEN für Komödien“ betreibt, erzählt passend Die Zahlen, die Ulrike Altig, Geschäftsfüh- dazu über ihren Einsatz für interne Motivarerin des deutschen Unternehmens media tion – auch bei einem hervorragenden Team control, im Anschluss an Ikrath präsentiert, –, um im Markt Erfolg zu haben. belegen davon noch nichts. Im deutschspraFür Unternehmerinnen und Unternehchigen Raum gehen Buchverkauf und Lese- mer nennt Kolb-Klausch eine neue Herauszeit weiter zurück. Bemerkenswert dabei: forderung: fehlende Fachkräfte. Was etwa Der Verkauf von Kinder- und Jugendliteratur noch 2010 kaum eine von ihnen gekümmert bleibt gleich oder steigt sogar. Doch dann ist hat, nämlich woher ihre Arbeitskräfte komSchluss. men, wird heute, acht Jahre später, als mit Ausgerechnet jene Zielgruppe, die von al- Abstand größtes Geschäftsrisiko bewertet: len Branchen angehimmelt und am stärks- 2010 sahen darin gerade 16 Prozent der Arten umworben wird, die 18- bis 35-Jährigen, beitgebenden ein Problem, 2018 sind es über zeigt dem Buch die kalte Schulter. Und nicht sechzig Prozent – Tendenz steigend. Man nur dem, wie die Präsentation von Monika kann verstehen, wenn Michael Niavarani Kolb-Klausch, Geschäftsführerin des media- über Daten sagt, „dass sie ihn gar nicht intecampus frankfurt, zeigt. Diese jungen Men- ressieren“, schließlich vermitteln sie ein eher schen sind auch schwer für die Arbeit in der verstörendes Bild aus der Sicht eines „allzeit Buchbranche zu gewinnen. Sie scheuen Risi- zur Arbeit bereiten“ Kreativen. Auch sind sie nicht gerade die nüchterne ko und eine entfremdete Arbeitswelt. Für sie steht ein sicherer, vor allem aber sozial ver- Beschreibung eines Arbeitslebens, wie es der träglicher Arbeitsplatz im Vordergrund. Nur 85-jährige Josef Taus verkörpert, der, wie er 23 Prozent wünschen zur Führungskraft zu in seinem Vortrag erzählt, mit 62 begonnen werden. 47 Prozent suchen im Job vor allem hat, einen Konzern aufzubauen, der mittlerSicherheit, 55 Prozent eine intellektuelle He- weile mit 5.500 Beschäftigten einen Umsatz rausforderung, und 66 Prozent stellen die von rund 780 Millionen Euro pro Jahr erwirtausgewogene Work-Life-Balance in den Mit- schaftet. Er will weiter in Buchhandel und Verlagswesen investieren, mit der Absicht, telpunkt ihrer Berufserwartungen. Die Dramaturgin Helen Zellweger, die ge- eine international wettbewerbsfähige Größe meinsam mit Michael Niavarani und G ­ eorg in diesen Branchen zu erreichen – wie übHoanzl den „Schultz & Schirm Bühnen­verlag rigens auch im Druckgewerbe. Seine Work-

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F O T O : S C H U LT Z & S C H I R M / M A R K U S WA C H E

Georg Hoanzl, Helen Zellweger und Michael Niavarani betreiben den „Schultz & Schirm Bühnenverlag für Komödien“


Life-Balance dürfte so ziemlich das Gegenteil thodische und systematische Hinhören auf annum. Der KSV1870 weiß von 3,9 Millionen von dem sein, was sich junge Menschen in die Wünsche der Jungen auch nicht erspart Privatkrediten und 400.000 Einträgen in der ihrer beruflichen Karriere erwarten. ­bleiben. Warnliste in Österreich ebenso wie von der Sie suchen nach einem neuen LebensmoGeldgebarung von 7,5 Millionen Personen (98 Prozent davon in Österreich), 435.000 dell und bemühen sich, diese Vorstellungen DATEN ÜBER DIE ZUKUNFT über ihr Spezialgebiet, die Social Media, zu „Weiterbildungsmöglichkeiten anbieten“ – so Zahlungsanständen jährlich und 9.500 Privat­ verbreiten – und die ältere Generation damit erklärt die Bildungsspezialistin Monika Kolb- insolvenzen. „Sie steigen momentan gerade unter Druck zu setzen, ihren Vorstellungen Klausch, wie man den Bedürfnissen der jun- stark aufgrund einer neuen Gesetzeslage, die entgegenzukommen. gen Menschen im Betrieb entgegenkommen eine Entschuldung leichter macht“, erklärt Unternehmerinnen wie Zellweger haben kann. Außerdem sichert die Branche sich so Führer. Alles klar, aber wie sieht das nun im erkannt, dass sie ihren MitarbeiterInnen vor mittelfristig geeignete Mitarbeiterinnen und heimischen Buchhandel aus? „Geradezu irritierend gut“, meint Führer. allem auch in diesen Bereichen Konzessio- Mitarbeiter. Die sind wohl notwendig, den nen machen müssen. Andernfalls suchen trotz geringerer Verkaufszahlen und einigem „Wir haben es zunächst selbst nicht geglaubt, sie sich eine gemütlichere Stelle. Es geht für Wehklagen steht die Branche erstaunlich gut aber die Prüfungen ergaben immer wieder dieselben Zahlen. Vor zehn Jahren waren 931 die Buchbranche darum, sich auf die anders- da, sagt Roland Führer vom KSV1870. Der KSV1870 weiß fast alles im Bereich Buchhändler beim KSV1870 registriert, heuer artigen Erwartungen der jungen Menschen einzustellen: sowohl was ihren Informations- der österreichischen Wirtschaft (auch über sind es noch 880. Die meisten, nämlich 345, und Unterhaltungskonsum anlangt als auch die Bonität Ihres Unternehmens – Daten, in Wien, gefolgt von NÖ (147) und OÖ mit ihre Berufswünsche. Um beides zu treffen, die Sie übrigens laut Führer beim KSV1870 93. Was Führer so verwundert, ist die enorm sollte man womöglich Beraterinnen und überprüfen sollten, um zu wissen, was die hohe Eigenkapitalrate der Buchhändler von Berater aus dieser Altersgruppe im eigenen anderen über Sie erfahren). Er besitzt alle weit über vierzig Prozent. „Der Buchhandel Betrieb heranziehen. In anderen Branchen relevanten Daten der aktuell 650.000 in hat die besten KSV-Kennzahlen“, erklärt er. laufen sogenannte Trendscouts den Jugend- Österreich tätigen Unternehmen und ihrer Und doch, eine Kennzahl bereitet Kopfzerlichen in ihren Lebenswelten hinterher, um rund einer Million Funktionsträger, erhebt brechen – auch weil sie sich nahtlos ins Bild neue erfolgreiche Produkte entwickeln zu pro Jahr 3,6 Millionen Zahlungserfahrun- fügt, das aus den Zahlen der andekönnen. Der Buchbranche wird das me- gen und erfährt von 6.000 Insolvenzen per ren Expertinnen h » ­ ervorgeht: Das

Für alle Fälle Praktische Tipps für die Errichtung von Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen.

Vorsorgevollmacht – Patientenverfügung – Erwachsenenvertretung Veith/Doschko 2018, ca. 184 Seiten, kart. ISBN 978-3-7093-0629-1 EUR 19,90 Erscheint im Juli 2018

Preisänderungen und Irrtum vorbehalten. Preise inkl. MwSt.

www.lindeverlag.at

Mit dem neuen Erwachsenenschutzgesetz ab 1. Juli 2018


– Essenziell – Jahrestagung des HVB

„Es fängt mit Lesen an – und daher müssen wir schon bei den Kleinsten beginnen“ Jörg F. Maas

Jörg F. Maas, Stiftung Lesen

Josef Taus, Management Trust Holding

Philipp Ikrath, Institut für Jugendkulturforschung

Roland Führer, KSV1870

Monika Kolb-Klausch, mediacampus frankfurt

Ronald Schild, MVB

Durchschnittsalter der Geschäfts- Stiftung Lesen in Deutschland. Das ist eine führerinnen und Geschäftsführer liegt weit sehr beeindruckende Organisation unter der jenseits der fünfzig. Mit der Absicht von Josef Schirmherrschaft des deutschen BundespräTaus, stärker in dieses Geschäft einzusteigen, sidenten mit erstaunlichen Leistungen, zu der es in Österreich noch keine Entsprechung wird es auch nicht gerade verringert. Vielleicht macht ja das Angebot von gibt. Allerdings arbeite man gemeinsam daRonald Schild, dem Geschäftsführer von ran, wie HVB-Präsident Benedikt Föger und ­ MVB, das Arbeiten im Buchhandel für Jun- Jörg F. Maas erklären. ge wieder attraktiver. Er bietet mit VLB-TIX eine digitale Form der Information für die KINDER FÜRS LESEN GEWINNEN ­Branche an: statt aufwendiger Verlagspros- Trotz unserer Schulpflicht leben in Österpekte eine Internetplattform, die alle wich- reich 970.000 Erwachsene als funktionatigen Informationen zu Neuerscheinungen le Analphabeten – in Deutschland sind es­ enthält. Die Vorteile wie rasche Verfügbar- 7,5 Millionen. Das bedeutet für die Staakeit, leichterer Überblick, einfacheres Hand- ten in den kommenden zehn Jahren 1,5 (A) ling, interne und externe Interaktion und bzw. 15 Milliarden (D) Euro an Folgekosten.­ umfassendere, aktuellere Informationen lie- 19,5 Prozent der 15-Jährigen in Österreich gen auf der Hand. haben Schwierigkeiten beim Lesen und Allerdings einer sehr tradi­tionsbewussten Schreiben, 23,3 Prozent aller Kinder im Kindergarten benötigen Sprachförderung Hand, die sich nicht gern von den gedruckten ­ Verlagsprospekten trennt. Abgesehen davon, (in Deutschland sind die Prozentzahlen dass die Verlagsvertreterinnen durch VLB- ähnlich). Die Stiftung Lesen zieht seit vielen JahrTIX ihre Jobs gefährdet sehen. Eine Angst, die Schild möglichst zu zerstreuen sucht, in- zehnten alle zu Alphabetisierungskampadem er darauf verweist, dass das System das gnen heran, die des Lesens mächtig sind händische Ausfüllen der Dispolisten ersetzt – allen voran Promis, die man aus Film, und mehr Zeit fürs Verkaufsgespräch lässt Fernseh­ serien und Sport kennt. Die Idee: (auf Seite 20 befassen sich Gastkommentare mit niederschwelliger Einstieg mit Berühmtheidem Für und Wider von VLB-TIX). ten, die nicht unmittelbar der Verlags- oder Einen grundsätzlichen Ansatz zur Wie- Buchwirtschaft zuzurechnen sind. dergewinnung junger Menschen für das „Es fängt mit Lesen an – und daher müsBuch zeichnet Jörg F. Maas vor. Der ehema- sen wir schon bei den Kleinsten beginnen“, lige Europa-Koordinator der Bill-&-Melinda meint Maas. So kommt es zu KooperatioGates-Stiftung ist Hauptgeschäftsführer der nen mit McDonald’s, wobei immerhin 41

anzeiger / 16

­ illionen Bücher zu McDonald’s Happy M ­Meals ausgegeben wurden. „Keines ist weggeworfen worden, wie eine Evaluierung ergab“, sagt Maas. An den Aktionen von Stiftung Lesen nahmen 2018 bislang eine Million Schulkinder und 41.000 Klassen teil, 4,5 Millionen Lese­ startsets gehen bis 2018 in die Familien. Die Leistungsfähigkeit der Stiftung führt er darauf zurück, dass sie eine echte NGO ohne eigenes wirtschaftliches Interesse ist. „Wir wollen die Aufgabe der Alphabetisierung nicht an Kitas und Schulen abwälzen“, erklärt Maas und zeigt mit seinen Aktionen, wie ein erheblicher Teil der Gesellschaft für dieses Anliegen gewonnen werden kann. So sorgt man für künftige Leserinnen und Leser und damit für die Zukunft der Buchbranche vor. Unbedingt nachahmen! Seit zwei Jahren wird der sehr erfolgreiche „Große Vorlesetag“ am 17. November auf Österreich ausgerollt – initiiert wurde er von facultas-Geschäftsführer Rüdiger Salat. Der HVB unterstützte ihn von Anfang an, aber es fehlt an einem Partner mit ähnlicher Struktur wie die deutsche Stiftung Lesen. Übrigens hat der Geschäftsführer des HVB, Gustav Soucek, bei der Jahrestagung neue Branchenzahlen vorgestellt, die HVBMitgliedern künftig zur Verfügung stehen werden. Der ausführliche Bericht dazu erscheint im kommenden anzeiger. Damit Daten auch der Buchbranche zu einem neuen Aufschwung verhelfen. «

F O T O S : S T I F T U N G L E S E N , F R A N Z B A L D A U F, W I L K E , P E T R A S P I O L A , M E D I A C A M P U S , M V B , M E D I A C O N T R O L G M B H

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Ulrike Altig, media control


HUND, KATZ & PFERD Alles über BARF für Hunde & Katzen, Katzen in der Wohnungshaltung sowie „laughing learning“ mit Pferden Der VfcG versteht sich als Plattform zur Erhaltung, Förderung und Stärkung dauerhafter Gesundheit bei Mensch und Tier. Zudem möchten wir auch anderen Disziplinen als der Medizin, die mit einer gesunden Lebensführung, Lebenseinstellung

Jutta Ziegler ROHKÄPPCHEN UND DER ZAHNLOSE WOLF

sowie prophylaktischen Maßnahmen zur Gesunderhaltung von Mensch und Tier in Verbindung stehen, eine Stimme geben. Autoren mit neuen Ideen, „cutting-edge“-Erkenntnissen und pfiffigen Gedanken erwarten wir diesen Herbst.

Andrea Zutz DAS KRATSSER-PRINZIP

Das „Rohkäppchen“ ist ein außergewöhnliches Buch zum Thema BARF (Biologisch Artgerechte Roh-Fütterung) mit dem Sie ohne komplizierte Rechnungen eine ausgewogene Barf-Ration für Hund und Katze zusammenstellen können. Auf die Fütterung von kranken Hunden und Katzen wird von der Autorin und Tierärztin Jutta Ziegler besonderes Augenmerk gelegt. Mit Mythen wird aufgeräumt, Verdauung und Stoffwechsel werden ausführlich behandelt.

Katzenliebhaber aufgepasst! Immer mehr Katzen werden in Wohnungen gehalten. Doch gibt es bei der Wohnungshaltung einiges zu beachten. Cats-pertin Andrea Zutz beantwortet anhand des von ihr entwickelten KRATSSER-Prinzips Fragen wie: Sollten Wohnungskatzen einzeln gehalten werden? Wie kann man seine Wohnung katzengerecht gestalten? Wie sieht der ideale Kratzbaum aus? Wie spielt man richtig mit seiner Katze? Sollten Wohnungskatzen kastriert werden?

Preis: € 22,72 (Netto–VK) ISBN: 9783950431810

Preis: € 14,54 (Netto-VK) ISBN: 9783950431803

VFCG E.U. – VERLAG FÜR CHRONISCHE GESUNDHEIT NIKISCHGASSE 8/14, 1140 WIEN, AUSTRIA | TEL. +43 680 1307545 | WWW.VFCG.AT

Günter Veichtlbauer „PFERDIGES“ MIT HAUSVERSTAND laughing learning In „,Pferdiges‘ mit Hausverstand“ geht es vor allem um Themen wie unterschiedliche Ausbildungsmethoden für Pferde, Verhalten anderen Reitern und Nichtreitern gegenüber in der Reithalle, im Stall und im Gelände, menschliches Verhalten aus Sicht der Pferde, aber auch Grundsätzliches wie Motivation, Umgang mit Hengsten. Zeichner Günter Veichtlbauer bringt in seinen Illustrationen viele kleine Geschichten mit feinem Pinselstrich aufs Papier. Preis: € 18,17 (Netto-VK) ISBN: 9783950431827


– Wissenswert – Herbstblätter

Roboter, Politik und fremde Welten Text: Elisabeth Stuppnig

Der Bücherherbst bringt Sachbücher und Krimis, Romane und Biografien rund um schillernde Persönlichkeiten, Mord- und Reiselust, Gentechnik, Liebe und Freundschaft

N

och ist es Sommer, doch der Herbst wirft seine Blätter voraus – in Form von kommenden Büchern. Wir haben im letzten anzeiger Neuerscheinungen zu historischen Themen vorgestellt. Jetzt wenden wir uns anderen Genres zu: Romanen über die Liebe und die Familie, natürlich den Mordgeschichten, aber auch den Regionalia, Zeitzeugen, Politik und Wissenschaft

e­iniges im Programm: In Eva Rossmanns „Im Netz“ wird Medienliebling Carlo Neuhaus in seiner Villa tot aufgefunden. Ein Fall für die Journalistin Mira Valensky, die bei der Aufklärung auf soziale Medien setzt. In Carlo Lucarellis „Italienische Intrige“ (Folio) geschieht ein Mord mitten im Kalten Krieg. Haymon lockt mit dem Monarchiekrimi „Mord im Balkanexpress“ von Matthias Wittekindt und Rainer Wittkamp ins Berlin, Wien und Belgrad der Jahrhundertwende.

Liebe und Familienbande Geschichten über Liebe, Freundschaft und Familie sind auch im Herbst Garant für beste Unterhaltung. Bei Suhrkamp erscheint u. a. Heinz Helles Roman „Die Überwindung der Schwerkraft“, in dem Helle die Geschichte von zwei dem Alkohol verfallenen Brüdern erzählt. Folio bringt „Unter dem Feigenbaum“ von Goran Vojnović, eine Familiensaga über den Verlust von Heimat in den Wirren des Balkankriegs. Von Liebesglück und Liebesleid prominenter Persönlichkeiten wie Beethoven oder Bertolt Brecht handelt Dietmar Griesers „Was bleibt, ist die Liebe“ (Amalthea). Der Bücherherbst steht auch im Zeichen zahlreicher Neuerscheinungen zum Thema Mensch. Während der Residenz Verlag sich mit „Angst“ von Georg Psota und ­Michael Horowitz einem der menschlichen Grundgefühle widmet, erscheint im Hanser Verlag „Mitfühlen“. Darin beschäftigt sich Melanie Mühl mit der Frage, ob Mitgefühl erlernbar ist.

Zeitreisen Der Herbst verspricht auch zahlreiche interessante Zeitzeugnisse. Von Ralf Junkerjürgen kommt etwa „Jules Verne“ (Theiss), ein Buch, das sich mit dessen Science-Fiction-Romanen auseinandersetzt und ihn als Abenteuerschriftsteller präsentiert . Bei Suhrkamp erscheint „Die Kriegsverbrecher­ lobby“. Felix Bohr zeichnet darin das westdeutsche Engagement für die im Ausland inhaftierten NSTäter nach und wirft einen umfassenden Blick auf ein bisher kaum bekanntes Kapitel bundesdeut­ zernin scher Vergangenheitsbewältigung. Auch C hat spannendes Historisches im Programm: ­Günter Wels erzählt in „Edelweiß“ die Geschichte des OSS-Fallschirmagenten Friedrich Mahr, Deckname Edelweiß, der im Frühjahr 1945 bei Salzburg aus einer Maschine sprang, um Informationen über die von Hitler angeblich geplante Alpenfestung einzuholen. Zugrunde liegen der Geschichte die festgehaltenen Erinnerungen des Protagonisten. Einblicke in die Kulturwelt Nachkriegseuropas gibt Elias Canetti in „Ich erwarte von Ihnen viel“

Spannende Mordgeschichten Spannung versprechen Geschichten über Drogen, Mord und andere Kriminalfälle. Folio hat dazu

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– Wissenswert – Herbstblätter

(Hanser). 600 Briefe an Freunde, Kritiker, Leser und Kollegen zeigen das Leben Canettis aus privater Perspektive.

ten und Akzeptanz gleichgestellt? Für „Der Preis der Macht“ (Residenz Verlag) hat die Journalistin und „ZIB 2“-Moderatorin Lou Lorenz-Dittlbacher mit acht Spitzenpolitikerinnen Gespräche über weibliche Karrieren in der Politik geführt. David ­Christian fasst in „Big History“ (Hanser) Erkenntnisse aus Astronomie, Biologie, Chemie und Physik zusammen und erklärt, wie Geschichte und Naturgeschichte zusammengehören. Was darf Wissenschaft eigentlich? Und wie sieht unsere Zukunft aus? Mit Fragen dazu, und wie es mit der Welt weitergehen kann, beschäftigen sich im Herbst Neuerscheinungen gleich mehrerer Verlage. Die Publikationen nähern sich dabei auch philosophischen Fragen an. Im Sachbuch „Wie klone ich ein Mammut?“ scheint es um ­„Jurassic Park“ zu gehen, doch tatsächlich gibt ­Torill Kornfeldt (Theiss) Einblicke in die zeitgenössische Gentechnologie. Im Goldegg Verlag erscheint mit „Der ZukunftsCode“ von Peter Brandl und Katja Porsch ein Buch, das selbstfahrende U-Bahnen, Postboten-Roboter, kurzum eine „Science-Fiction-Welt“ beschreibt und erläutert, welche Berufe verschwinden und welche neu geschaffen werden sowie welche Fähigkeiten in Zukunft wichtig werden. Die Frage nach dem Wesen einer möglichst besseren Welt treibt seit jeher Menschen und unter ihnen die Utopisten an. Alberto Manguel trägt in „Sehnsucht Utopie“ (Folio) Ideen von Thomas Morus, Tommaso Campanella, Francis Bacon, Charles Fourier und Jean-Baptiste André Godin, aber auch von John Lennon und Yoko Ono oder Tappan Wright zusammen.

Regionales Vielversprechend für Liebhaber regionaler Geschichte: Bernhard Herrmann und Robert Streibel widmen sich mit „Der Wein des Vergessens“ (Residenz Verlag) einem der berühmtesten Weingüter der Wachau. Die Riede Sandgrube war 1938 in Besitz eines jüdischen homosexuellen Geschäftsmannes. Seine Denunziation führte zur Arisierung des Weingutes. Regionalgeschichtliches kommt auch aus dem Folio-Verlag. Warum ist der Walzer ein Wiener? Wo wird das älteste Erntedankfest gefeiert? Wie züchtet man Lipizzaner? Für „Ein Erbe für alle“ entdeckte Volkskundlerin Maria Walcher die verborgensten Winkel Österreichs und stellt den Reichtum österreichischer Traditionen vor. Arno Spreitzhofer versammelt in „Luxus, Laster, Leidenschaft“ (Styria) die pikantesten Skandale der k. u. k. Zeit: Adolf Loos und sein „Haus ohne Augenbrauen“ genauso wie Georg Ritter von Schönerer und seinen „Exzess im Steyrerhof“.

Politik und Wissenschaft Zahlreiche Sachbuch-Neuerscheinungen widmen sich im Herbst gesellschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Fragen. Ist Politik aus Zufall eine Männerdomäne? Sind Frauen in der Politik Männern in puncto Rech-

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– Wissenswert – Gastkommentar Titel der einzelnen Verlage wünschen, die die Sortimentsvielfalt widerspiegeln. Auch die Präsentation der einzelnen Titel durch Buchhandelsvertreter und der persönliche Kontakt zu diesen sind bedeutende Entscheidungshilfen bei der Sortimentsauswahl in unseren Buchhandlungen.

CONTRA

Brigitte Stadlbauer, Kelten Buchhandlung, Hallein

Digitale Verlagsvorschauen? Mit VLB-TIX besteht die Möglichkeit, Verlagsvorschauen nur mehr elektronisch zu verschicken. Will das der heimische Buchhandel?

I L L U S T R A T I O N : G E O R G F E I E R F E I L , F O T O S : T S C H A N K W R . N E U S T A D T, M A R I O B E R N E G G E R

PRO

Robert Ivancich, Buchhändler und Verleger, Berndorf Die KRAL Buchhandlungen in Berndorf, Baden, Mödling und Maria Enzersdorf werden ebenso wie vermutlich alle anderen auch zweimal jährlich mit den Vorschau-Printausgaben diverser Verlage überflutet. Diese geben einen guten Überblick über die Neuerscheinungen und sind ein wichtiges Arbeitshilfsmittel jedes Buchhändlers. Es bedeutet in unserer schnelllebigen Zeit aber auch einen enormen Aufwand, Tausende Seiten zu studieren und passende Titel für die jeweilige Buchhandlung herauszufiltern.

Die Vorteile digitaler Vorschauen sind diesbezüglich evident: Verlage können in elektronischen Vorschauen ihr Angebot zielgruppenorientiert und regional abgestimmt bündeln und ihren Buchhandelskunden dadurch bereits ein passendes Portfolio unterbreiten. Zur Vorauswahl eignet sich dieses digitale Medium somit sehr gut. Einen großen Vorteil sehen wir auch darin, dass in diesen speziell abgestimmten digitalen Vorschauen nicht nur die Novitäten der einzelnen Verlage vorgestellt werden, sondern auch die sogenannten „Backlist-Titel“, also jene Bücher, die nicht erst gerade eben erschienen sind oder in Kürze erscheinen werden, wieder in Erinnerung gerufen werden können, wenn sie das Neuerscheinungsangebot adäquat ergänzen. Dies wiederum ist sowohl für Verlage als auch für Buchhändler sinnvoll und ein beiderseitiger Gewinn. Aus unserer Sicht wäre es allerdings nicht wünschenswert, würden die gedruckten Vorschauen gänzlich wegfallen. Vielmehr würden wir uns gedruckte Gesamtverzeichnisse (Novitäten plus Backlist) der lieferbaren

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Da VLB-TIX noch in Entwicklung ist, weiß niemand genau, was auf uns zukommt. Vielleicht zusätzliche Kosten für den Buchhändler und Einsparungen bei Verlagen und Auslieferungen? Jedenfalls besteht die Möglichkeit, dass VLB-TIX nur vorübergehend für Buchhändler gratis sein wird. Die Verlage sparen bei Rechnungslegung und im schlimmsten Fall bei den Vertretern. Das nennt man wohl Digitalisierung: Einsparung bei allen Abläufen auf Kosten von menschlichen Arbeitskräften. Die Verlagsvertreter neigen zur Skepsis, nur wenige sehen für ihren Berufsstand Vorteile. Für eine mittelständische Buchhandlung ohne Warenwirtschaft ist die digitale Vorschau unbrauchbar. Außerdem schätze ich beim Vertretertermin das persönliche Gespräch. Beim Arbeiten mit Tablets verschiebt sich die Kommunikation auf eine technische Ebene, eine Entwicklung, die ich nicht gutheiße. Die Bestellaufnahme ist derzeit dem Vertreter überlassen, der die Routine hat. Außerdem: Können sich die Verlage diese teure Entwicklung tatsächlich leisten? Dem Vernehmen nach haben sie schon die doppelten Kosten.

„Aus unserer Sicht wäre es nicht wünschenswert, würden gedruckte Vorschauen gänzlich wegfallen“


– Marktdaten –

Buchhandelspanel Mai 2018 Der Buchhandel verzeichnete im Mai insgesamt ein Umsatzminus von sechs Prozent, verglichen zu den Umsätzen im Mai 2017. Am stärksten sanken die Umsätze bei Hörbuch und Audiobooks (–14,8 Prozent). Aber auch Hard- und Softcoverbuch und Taschenbuch mussten ein Umsatzminus in der Höhe von –5,8 bzw. –5,6 Prozent hinnehmen. Das Minus war vor allem dadurch bedingt, dass im Vergleich zum Vorjahr um zwei Verkaufstage weniger zur Verfügung standen.

0

UMSATZVERÄNDERUNG

Hör

-3

Mai 2018

Tasc

Har

-6 -9 -12

–2,7 % Kumuliert Jän. 2018 bis Mai 2018 –6 % Mai 2018 zu Mai 2017

-15

Hardcover, Softcover –5,8 %

Taschenbuch –5,6 %

Hörbuch/ Audiobook –14,8 %

UMSATZVERÄNDERUNG NACH WARENGRUPPEN Mai 2018 zu Mai 2017

0

Belletristik –2,9 %

Kinderund Jugend­ bücher –1,2 %

Reisen –7,1 %

Ratgeber –8,3 %

Geisteswissenschaften, Kunst, Musik –8,1 %

Naturwissenschaften, Medizin, Informatik, Technik –18 %

Sozialwissenschaften, Recht, Wirtschaft –13,4 %

Sachbuch –6,5 %

Wirft man einen Blick auf die Umsatzveränderungen nach Warengruppen, so sanken die Umsätze vor allem im Bereich Naturwissenschaften und Medizin ­ (–18 Prozent). Umsatzeinbußen ergaben sich auch in den Sparten Sozialwissenschaften und Recht ­ (–13,4 Prozent), Ratgeber (–8,3 Prozent), Geisteswissenschaften und Kunst ­ (–8,1 Prozent), aber auch bei den Sachbüchern (–6,5 Prozent) und in der Sparte Reisen (–7,1 Prozent). Nur geringe Umsatzunterschiede verglichen zum Vorjahresmonat verzeichneten die Sparten Belletristik mit –2,9 Prozent und Kinderund Jugendbuch mit –1,2 Prozent.

graph

Sachbuch

-5

Sozialwissens

-10

Naturwissens

Geisteswissen

-15

-20

Ratgeber UMSATZVERTEILUNG

UMSATZVERTEILUNG NACH WARENGRUPPEN

Mai 2018

Mai 2018 Taschenbuch 20 %

Hardcover, Softcover 78 %

Hörbuch / Audiobook 2 %

Sozialwissenschaften, Recht, Wirtschaft 3 % Naturwissenschaften, Medizin, Informatik, Technik 5 % Geisteswissenschaften, Kunst, Musik 6 %

Hö r b u ch Tas /A c h en bu Ha ch rdc ov e r , So ftc o

Im Auftrag des HVB ermittelt das Marktforschungsinstitut media control monatlich die Umsatzveränderungen im Vergleich zum Vorjahresmonat für die Absatzwege Sortimentsbuchhandel, E-Commerce, Bahnhofbuchhandel sowie Elektro- und Drogeriemarkt. Mit dem MC-Buchhandelspanel werden 83 Prozent aller Barverkäufe in Österreich abgedeckt.

Ratgeber 20 %

Reisen 9 %

Reisen

Kinder- und J Belletristik Sachbuch 11 %

Gegen

Belletristik 30 %

den U

Sachb

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Kinder- und Jugendbücher 16 % R

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Reisen Kinde

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– Bestseller –

Bestseller Hardcover Juni 2018 Belletristik

Sachbuch

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NEU

DONNA LEON  Heimliche Versuchung Diogenes € 24,70 9783257070194

1

7

RICHARD DAVID PRECHT  Jäger, Hirten, Kritiker Goldmann € 20,60 9783442315017

2

9

MARTIN WALKER  Revanche Diogenes € 24,70 9783257070255

2

3

3

11

YUVAL NOAH HARARI Eine kurze Geschichte der Menschheit Pantheon € 15,50 9783570552698

VOLKER KLÜPFEL, MICHAEL KOBR Kluftinger Ullstein Buchverlage  € 22,70  9783550081798

3

6

JOHANNES HUBER  Der holistische Mensch Edition A  € 24,90  9783990012307

4

1

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NEU

FRANZISKUS (PAPST)  Freut euch und jubelt Verlag Herder  € 12,40  9783451384127

5

NEU

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5

BAS KAST  Der Ernährungskompass C. Bertelsmann  € 20,60  9783570103197

6

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Manfred Lütz  Der Skandal der Skandale Verlag Herder  € 22,70  9783451379154

7

1

JOHANNES HUBER, WALTER THIRRING Baupläne der Schöpfung Seifert Verlag  € 24,95  9783902924841

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4

RITA FALK  Kaiserschmarrndrama dtv Verlagsgesellschaft  € 16,40  9783423261920 MONA KASTEN  Save You Lyx € 13,30 9783736306240

FRANK SCHÄTZING Die Tyrannei des Schmetterlings Kiepenheuer & Witsch  € 26,80  9783462050844 JOJO MOYES  Mein Herz in zwei Welten Wunderlich € 23,60 9783805251068

8

2

ARNO GEIGER  Unter der Drachenwand Hanser, Carl  € 26,80  9783446258129

9

5

DAVID SCHALKO  Schwere Knochen Kiepenheuer & Witsch  € 24,70  9783462050967

10

7

MONA KASTEN  Save Me Lyx € 13,30 9783736305564

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NEU

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10 NEU

GERALD HÜTHER Würde Knaus € 20,60 9783813507836 ROGER D. NELSON, GEORG KINDEL  Der Welt-Geist Edition A  € 21,90  9783990012505 JAN FRODENO  Eine Frage der Leidenschaft Ariston € 20,60 9783424201673

ANDREA CAMILLERI Eine Stimme in der Nacht Lübbe Hardcover  € 22,70  9783785726129

Ratgeber

20

ÉRIC VUILLARD  Die Tagesordnung Matthes & Seitz Berlin  € 18,50  9783957575760

1

NEU

LARS AMEND  Why not? Gräfe und Unzer  € 18,50  9783833861703

13

NEU

JUSSI ADLER-OLSEN  Selfies dtv Verlagsgesellschaft € 16,40 9783423199049

2

1

PETRA BRACHT Intervallfasten Gräfe und Unzer  € 15,50  9783833865404

14

3

PALUTEN, KLAAS KERN Die Schmahamas-Verschwörung Community Editions  € 12,40  9783960960348

3

3

JAMIE OLIVER  Jamies 5-Zutaten-Küche Dorling Kindersley  € 27,80  9783831034215

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8

FERDINAND SCHIRACH  Strafe Luchterhand Literaturverlag  € 18,50  9783630875385

4

8

JAMIE PURVIANCE  Weber’s Grillbibel Gräfe und Unzer  € 25,70  9783833818639

5

6

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A. J. FINN  The Woman in the Window – Was hat sie wirklich gesehen? Blanvalet € 15,50 9783764506414

STEFANIE STAHL Das Kind in dir muss Heimat finden Kailash € 15,50 9783424631074

6

NEU

17

13

MAJA LUNDE  Die Geschichte des Wassers btb € 20,60 9783442757749

7

7

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NEU

OTFRIED PREUSSLER Der Räuber Hotzenplotz und die Mondrakete Thienemann Verlag  € 12,40  9783522185103

8

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ANTHONY WILLIAM  Heile deine Schilddrüse Arkana € 25,70 9783442342365

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6

HARUKI MURAKAMI Die Ermordung des Commendatore DuMont Buchverlag  € 26,80  9783832198923

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ANTHONY WILLIAM  Mediale Medizin Arkana € 25,70 9783442341993

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DANIELLE GRAF, KATJA SEIDE Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn Beltz € 15,40 9783407864222

20 NEU

RENÉ FREUND  Ans Meer Deuticke Verlag  € 16,50  9783552063631

ANDREA UND VEIT LINDAU Königin und Samurai Kailash € 15,50 9783424631241 CHRISTINA BAUER  Backen mit Christina Löwenzahn € 24,90 9783706626286

Im Auftrag des Hauptverbandes des Österreichischen Buchhandels (HVB) ermittelt das Marktforschungsunternehmen media control die Bestseller für Belletristik, Sachbücher und Ratgeber. Mit den Bestsellerlisten werden auf dem Absatzweg Sortimentsbuchhandel und E-Commerce 83 Prozent aller Barverkäufe in Österreich abgedeckt.


Taschenbuch Juni Belletristik 3.

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NEU

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NEU

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5

ANDREAS GRUBER  Die Engelsmühle Goldmann € 10,30 9783442481231

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BEATE MAXIAN  Tod in der Kaisergruft Goldmann € 10,30 9783442484720

6

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PIERRE MARTIN Madame le Commissaire und die tote Nonne Knaur Taschenbuch  € 10,30  9783426521977

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NEU

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SEBASTIAN FITZEK  Das Paket Knaur Taschenbuch  € 11,30  9783426510186 KARIN SLAUGHTER  Die gute Tochter Harpercollins Germany  € 11,30  9783959671897

MARTIN WALKER  Grand Prix Diogenes € 13,40 9783257244359 LUCINDA RILEY  Die Schattenschwester Goldmann € 11,30 9783442487455 MICHAEL KÖHLMEIER  Das Mädchen mit dem Fingerhut dtv Verlagsgesellschaft  € 10,20  9783423146173 JEFFREY ARCHER  Kains Erbe Heyne € 10,30 9783453422056

Sachbuch 1

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JOHN STRELECKY  Das Café am Rande der Welt dtv Verlagsgesellschaft  € 9,20  9783423209694

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PETRA BRACHT, ROLAND LIEBSCHER-BRACHT Die Arthrose-Lüge Goldmann € 14,40 9783442222254

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STEPHEN HAWKING Eine kurze Geschichte der Zeit Rowohlt TB  € 10,30  9783499626005

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DANIEL MEYER, LARS AMEND Dieses bescheuerte Herz Fischer Taschenbuch  € 10,30  9783596299652

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HASNAIN KAZIM  Post von Karlheinz Penguin € 10,30 9783328102724

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ROBERT BETZ  Raus aus den alten Schuhen! Heyne € 10,30 97834537030498

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HETTY VAN DE RIJT, FRANS X. PLOOIJ Oje, ich wachse! Goldmann € 11,30 9783442161447

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– HVB-Mitglieder im Porträt – Buchhändlerin / Buchhandlung Wirthmiller, Saalfelden

Alice Loske-Wirthmiller

Porträts: Elisabeth Stuppnig Foto: Chris Hofer

„Das Buch muss sich die Zeit erkämpfen“

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r ist ein schüchterner Hund, aber ein angenehmer Begleiter“, sagt Alice ­Loske-Wirthmiller über ihren „Bücher­ wachhund“ Balou, Promenadenmischung aus dem Tierheim. An ihrer Seite läuft er jeden Tag in ihre Buchhandlung mit. Seit den 1930er-Jahren betreibt die Familie Wirthmiller die Buchhandlung. Sie liegt im ältesten Stadtteil und in einem der ältesten Häuser Saalfeldens. Ihren Charme machen zahlreiche Winkel, ein kleines Gewölbe und die Kombination aus Alt und Neu bei der Einrichtung aus. So finden sich neben Thonet­Sesseln und einer hölzernen Wendeltreppe aus der Zeit von Alice Loske-Wirthmillers

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Vorfahren auch zahlreiche moderne Möbel. Das Sortiment ist breit. Auf drei Halbstöcken gibt es Reiseführer, Kochbücher, Literatur, Belletristik u. v. m. Im höchstgelegenen Raum der Buchhandlung, dem „Kinderzimmer“, wie LoskeWirthmiller ihn nennt, stehen eine Menge Kinderbücher. Ihre eigenen Kinder „sind wie ich in der Buchhandlung aufgewachsen. Diese Buchhandlung war mein Wohn- und Kinderzimmer und soll es auch für meine Kundinnen und Kunden sein“. Eine spannende Herausforderung ist es, die Jugendlichen zum Lesen zu bringen. „In dem Alter sind andere Dinge manchmal leider wichtiger. Da reicht die Zeit fürs Lesen nicht immer.“ Um die Jugendlichen zum Lesen zu motivieren, werden immer wieder Schulklassen und Gruppen in die Buchhandlung eingeladen. Loske-Wirthmiller ist überzeugt: „Das Buch muss sich die Zeit erkämpfen.“ 2007 übernahm sie die Buchhandlung von ihrem Vater. Noch heute ist er wichtiger Berater: „Mein Vater hat einen jahrelangen Erfahrungsschatz, da kann man trotz Generationensprung immer noch viel lernen.“ Der Generationensprung hat einen Namen: Digitalisierung. Sie verändert die Arbeitsweise im Buchhandel und zum Teil auch die Kundschaft, die durchs Internet gut informiert in die Buchhandlung kommt. „In meiner Anfangszeit hatten Buchhändler einen Informationsvorsprung vor dem Leser. Ich habe noch gelernt, in VLB-Katalogen zu bibliografieren, die halbjährlich erschienen sind. Heute unvorstellbar. Da bin ich als Buchhändlerin gefordert, das macht den Beruf so spannend.“ Sie ist kürzlich wieder in den Buchhandelsvorstand des HVB gewählt worden und freut sich darüber: „Interessens­ vertretungen sind ungemein wichtig, da es Themen wie die Preisbindung gibt, die einzelne Unternehmen nie allein zur Sprache bringen können.“ Wie sehr ihr die Buchhandlung am Herzen liegt, schwingt in jedem ihrer Worte mit. „Ich verbringe so viel Zeit in meinem Buchwohnzimmer“, lacht sie. „Manchmal sage ich tatsächlich, ich fahre heim, wenn ich mich auf den Weg zur Arbeit mach’.“ Buchhandlung Wirthmiller Lofererstraße 28 5760 Saalfelden


– HVB-Mitglieder im Porträt – Verleger / Zsolnay, Wien Foto: Christopher Mavrič

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Herbert Ohrlinger

as Um und Auf ist der Satzspiegel“, sagt Herbert Ohrlinger, während er durch ein Buch des kroatischen Dramatikers Slobodan Šnajder blättert. „Sehen Sie, das Format, die Schrift, die Ränder und der Durchschuss müssen stimmen, dann braucht es ein Lesebändchen und das ­Zsolnay-Z auf dem Rücken.“ Wir sitzen in seinem Altbau-Büro, wo geordnetes Chaos herrscht. Nach einem Germanistik- und Geschichtestudium arbeitete Ohrlinger als Journalist für Falter, FAZ und vier Jahre für das Presse-Spectrum. Seit 1996 leitet er den Zsolnay Verlag, einen der bedeutendsten Verlage Österreichs, der sich seit 1924 an derselben Adresse in der PrinzEugen-Straße befindet. Šnajders Roman „Die Reparatur der Welt“ soll im Frühjahr 2019 erscheinen, sei jedoch schwierig zu vermarkten. „Der Buchhandel will Autoren, die man kennt, aber jedes­ Mal ein bisschen anders schreiben“, sagt Ohrlinger. Was hat sich verändert in den vergangenen zwanzig Jahren? „Enorm viel“, sagt er. „Früher war man neugieriger, Risiko wurde belohnt.“ Der Buchhandel gehe heutzutage auf Nummer sicher. „Wir brauchen heuer Mankell und Glattauer, um das Heu in die

Scheune zu bringen.“ Ohne sie werde es immer schwieriger, halbwegs über die Runden zu kommen, meint Ohrlinger, der sich auch als Mitglied im Verlegervorstand des HVB engagiert. Schwerer haben es neue und junge Autoren. „Bei Auflagen von 3.000 bis 4.000 Exemplaren fließt der Aufwand in erster Linie in die Presse- und Veranstaltungsarbeit und weniger ins Marketingbudget.“ Doch seien es oft gerade diese neuen Autoren, die später das Profil eines Verlages ausmachen. „Als wir die Weltrechte von Mircea Cărtărescu erworben haben, haben mich viele für verrückt gehalten. Heute verkaufen wir ihn in alle Sprachen, und wer weiß, 2019 soll ja wieder ein Nobelpreis verliehen werden.“ Ohrlinger führt durch sein Büro und erzählt von Schriftstellern, die in den mehr als neunzig Jahren in der Prinz-Eugen-Straße ein- und ausgegangen sind. Das Verlags­archiv mit Korrespondenzen und Verträgen von Hugo von Hoffmannsthal, Arthur Schnitzler, Franz Werfel, Alma Mahler, Heinrich Mann und Graham Greene befindet sich schon lange im Österreichischen Literaturarchiv.

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„Das verständige Lesen ist die erste Voraussetzung für das Verständnis der Welt“

Und die Zukunft? „Wem jetzt nicht mulmig wird, ist entweder ein reiner Tor oder Zyniker. Es gibt den Leser- und Buchkäuferschwund. Maßnahmen, die wir individuell oder als Branche dagegen ergreifen, bringen nicht die gewünschten Ergebnisse. Dabei ist das verständige Lesen die erste Voraussetzung für das Verständnis der Welt, egal ob es sich um Kleinanzeigen auf eBay oder um den neuen Roman von Daniel Kehlmann handelt.“ Der Schwarzseherei will er sich keinesfalls ergeben. „Auch ich habe nicht immer viel gelesen, aber dann kamen Doderer und Philip Roth, Bachmann und Herta Müller, die mich bis heute begeistern.“ Diese Begeisterung will Ohrlinger weiter vermitteln.


– HVB-Mitglieder im Porträt – Buchhändler / HAAS Buch Papier Idee, Weiz Porträts: Elisabeth Stuppnig Foto: Christopher MavriČ

„Ich bin schneller als Amazon“

Michael Wilhelm

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ichael Wilhelm führt seine Buchhandlung HAAS in vierter Generation. 1898 gründete sein Urgroßvater die vormalige Buchdruckerei am Hauptplatz von Weiz. 1914 suchte er einen neuen Standort und eröffnete die Buch- und Papierhandlung in der Kernstockstraße – gegenüber von einem großen Schulkomplex. „Noch heute sind dort vier Schulen“, sagt Michael Wilhelm, der sich vor allem über die zahlreichen Lehrenden und Schülerinnen wie Schüler als Kunden und Kundinnen freut. Im Gebäude nebenan ist ein Libro untergebracht. Ein Problem für Wilhelm, den Buch- und Papierwarenhändler? Keineswegs. „Zu mir kommen jene Menschen, die Beratung und das persönliche Gespräch suchen, ohne auf jeden Cent zu schauen.“

Michael Wilhelm begann die Arbeit im Familienunternehmen 1993 und übernahm es schließlich im Jahr 2005. Seit 2007 erstrahlt die Buchhandlung in neuem Glanz: neuer Boden, neue Decke und eine hippe ShopGestaltung, schwarze Wandfarbe und oranger Glit­zerboden inklusive. „Mit den bunten Büchern sieht die schwarze Wand im Hintergrund richtig cool aus“, lacht Wilhelm. Die 250 Quadratmeter Geschäftsfläche sind zur Hälfte mit Büchern aller Sparten gefüllt. Im übrigen Laden finden Kundinnen und Kunden Papier-, Büro- sowie Geschenkartikel und vor allem Füllhalter, Wilhelms größte Leidenschaft. Wie schafft er es, seine Kundinnen und Kunden in Zeiten von elektronischer Kommunikation für seine Schreibwaren zu begeistern? „Einfach darauf achten, was die Menschen wollen“, sagt er. „Super im Trend“

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seien etwa Fineliner und Brushpens: „Handlettering ist der Hit. Die Menschen interessieren sich wieder fürs Schreiben.“ Was den Buchhandel betrifft, sei es schon schwieriger, meint Wilhelm. Oft kommen Leute ins Geschäft, um seine Preise mit jenen von Amazon zu vergleichen: „Das Internet ist zur größten Konkurrenz des Buchhandels geworden.“ Umso wichtiger sei es, mit Schnelligkeit zu punkten: „Wenn Kunden bei mir bis 13 Uhr bestellen, ist das Buch am nächsten Tag in der Buchhandlung. Ich bin schneller als Amazon“, sagt Wilhelm stolz. Seine sechs Angestellten besuchen ebenso wie er selbst Seminare des HVB, etwa „Präsentation im Buchhandel“, „Konfliktmanagement“ oder „Verkaufskonzepte“. Was dort gelernt wird, versuchen sie auf die geänderten Ansprüche der Kundschaft zu übertragen. Doch wenn der vierfache Vater an das Fortbestehen seiner Buchhandlung denkt, seufzt er. „Meine zwei großen Buben sind versorgt. Sie haben beide klasse Jobs. Man wird sehen, wohin die Reise geht.“

HAAS Buch Papier Idee

Europa-Allee 6 8160 Weiz


– HVB-Mitglieder im Porträt – Buchhändlerin / Buchinsel, Wien

Lioba Bauer Foto: Christopher Mavrič

„Wir hatten das Glück, mithilfe des HVB dieses Schmuckstück von Buchhandlung zu finden“

Buchinsel Margaretenstraße 76 1050 Wien

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emütlich und gediegen, so präsentiert sich Lioba Bauers Buchinsel im 5. Wiener Gemeindebezirk. Die hölzernen Regale erstrecken sich bis knapp unter die Decke des schmalen Raumes. Noch heute sind Bücher aus der Gründungszeit der Buchhandlung im Jahr 1912 da, sie schmücken die oberen Reihen der Buchregale. „Wir haben lange nach einer Buchhandlung gesucht“, sagt Lioba Bauer. Sie ist Quereinsteigerin. Als AHS-Lehrerin für Deutsch und Geschichte hat sie von ihrer eigenen Buchhandlung geträumt, erzählt sie. Und arbeitete neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin auch als Schulbibliothekarin. „Schließlich hatten wir das große Glück, 2013 mithilfe des HVB dieses Schmuckstück zu finden.“ Mit „Wir“ meint sie ihren Sohn Harald Kühschelm und sich. Kühschelm ist studierter Betriebswirt und gelernter Buchhändler. Bauers ehemalige Kolleginnen und Kollegen zählen nun zu ihrer Stammkundschaft: „Die Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer lassen sich in puncto Klassenlektüre gern von

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mir oder meinem Sohn beraten.“ Das Sortiment umfasst neben Belletristik auch Reiseliteratur, Kinder- und Jugendbücher sowie Sachbücher aus Philosophie, Psychologie, Wirtschaft und Geschichte. Über 4.000 Titel sind hier in der Buchhandlung auf engstem Raum gelagert. Dennoch wirken die 35 Quadratmeter nicht überladen. Besonders stolz zeigt sich Bauer über das umfangreiche Kinderbuchsortiment. Allerdings erlebt sie in diesem Bereich ein etwas problematisches Kundenverhalten: „Sobald die Eltern nicht mehr mit den Kindern in die Buchhandlung gehen, um gemeinsam Bücher auszusuchen, reißt das Interesse ab. Nur wenige Kinder kommen von sich aus und nicht, weil sie für die Schule lesen ­müssen.“ Aus ihrer Erfahrung als Schulbibliothekarin weiß Bauer, dass sich auch Bibliotheken derselben Problematik stellen müssen. „Es gibt kein Rezept dafür. Erst wenn sie in die Oberstufe kommen oder studieren, sieht man sie wieder.“ Einzig die Sparte Fantasy würde gut gehen. Allerdings hat Bauer in diesem Bereich mit einem Platzproblem zu kämpfen: „Wir können nämlich keine ganzen Reihen unterbringen.“ Um sich mit den Raumverhältnissen zu arrangieren und sie bestmöglich zu nutzen, denkt Bauer kreativ: Für die Lesung eines Hobbylyrikers etwa wurde schon einmal die Auslage geöffnet und zur Bühne umfunktioniert. Am Gehsteig baute Bauer Klappsessel und Tische auf, die Lesung wurde mit Lautsprechern nach draußen übertragen. „So etwas macht mir großen Spaß! Trotzdem ist es alles in allem ein großer, auch finanzieller Aufwand, der in einer großen Buchhandlung natürlich leichter von der Hand ginge.“


„Ich will verlorene

„Wenn man in sudetendeutschen Städten unterwegs ist oder auch Prag und Brno, stolpert man stets über die deutsch-tschechisch-jüdische Geschichte.“ Jaroslav Rudiš

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Kultur und Sprache zurückgewinnen“

DER TSCHECHISCHE SCHRIFTSTELLER JAROSLAV RUDIŠ SIEHT DEN VERLUST VON JUDEN, DEUTSCHEN UND SLOWAKEN IN SEINEM LAND ALS GROSSE KULTURELLE EINBUSSE. ER SELBST SCHREIBT GERADE SEINEN ERSTEN ROMAN AUF DEUTSCH Interview: Erich Klein

F O T O : C H R I S T O P H E R M AV R I Č

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er Schriftsteller Jaroslav Rudiš (Jg. 1972) verbrachte Kindheit und Jugend in nordböhmischen Kleinstädten; in den Neunzigerjahren studierte er in Liberec, Zürich und Prag Germanistik, Geschichte und Journalistik, 2001 kam er mit einem Journalisten-Stipendium nach Berlin. Dort entstand auch sein erster Roman „Der Himmel unter Berlin“ (2002). Heute lebt er als freier Schriftsteller in Prag. Auf Deutsch erschienen bislang sechs Bücher.

Jaroslav Hašek nennen. Das war für mich die wichtigste literarische Begegnung, als ich dreizehn war. Ich hatte Lungenentzündung und mein Vater gab mir den „Schwejk“ zum Lesen. In zehn Tagen hatte ich alle vier Bände dieses unvollendeten Romans durch. Ich habe zur Neuübersetzung bei Reclam ein Nachwort geschrieben. Es ist vielleicht das wichtigste Buch aus meinem Land, das auch international Bekanntheit erlangte. Schließlich würde ich noch Kafka nennen.

Fangen wir bei Ihrer Kindheit und Jugend an. Was waren Ihre Bücher? Jaroslav Rudiš: — Ich gehöre der Generation der sogenannten Husák-Kinder an, die in der Zeit der „Normalisierung“ nach dem Prager Frühling in den 1970er-Jahren geboren wurden. Aus den öffentlichen Bibliotheken wurden damals viele Bücher verbannt. Bei meinen Eltern standen die interessantesten Bücher im Bücherregal in der zweiten Reihe. Milan Kundera etwa, der verboten wurde und das Land verließ, Bohumil ­Hrabal, der auch Probleme hatte und nicht veröffentlichen durfte, oder auch Ivan Klíma. Im Gymnasium haben wir rege Bücher getauscht. So kam ich zu „Die Feiglinge“, eines der besten Bücher von Josef Škvorecký. Es wird darin die Realität am Ende des Zweiten Weltkrieges beschrieben: Alle, die mit den Nazis kollaboriert haben, möchten zwei Minuten nach zwölf Partisanen sein. Das Buch enthält großartige Dialoge – und hat mich beeinflusst. Als Kind las ich im Sommer leidenschaftlich Jules Verne.

So alt wie Hašek und im selben Jahr gestorben. Rudiš: — Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ erschien kurz vor der Wende 1989. Das Buch war verboten und wie die ganze deutschsprachige Kultur aus dem Land vertrieben. Die Deutschen, das waren die Bösen. Auf brutale Weise wurden die Sprache und die ganze Kultur mitbestraft. Dazu gehörte auch die jüdische Kultur, die mehrheitlich deutschsprachig war.

Mittlerweile ist das Interesse an großen euro­ päischen Autoren wie Ivan Klíma im Westen gleich null … Rudiš: — Das ist schade. Es gibt keinen besseren tschechischen Autor von Kurzgeschichten als Klíma! Ich würde auch noch

Bücher von Jaroslav Rudiš Im Luchterhand Verlag: Der Himmel unter Berlin (2004). Petr Bem, ein junger Prager Deutschlehrer, der musikbesessene Dirk und Karin, Tochter eines Zugführers, stellen das Personal einer Hymne auf die Welt der Berliner U-Bahn. Alois Nebel (2012). Graphic Novel, die Jaroslav Rudiš berühmt machte. Alois Nebel, Bahnhofswärter, halluziniert die Züge aus den vergangenen einhundert Jahren, die an der tschechisch-polnischen Grenze vorbeikamen, und landet in einem Sanatorium. Vom Ende des Punks in Helsinki (2014). Der frühere Punk Ole bricht aus Ostdeutschland nach Tschechien auf und

Wie sehr hat sich das im heutigen Tschechien geändert? Rudiš: — Im Literaturunterricht gibt es diesbezüglich auch heute kein Gleichgewicht, obwohl die Deutschen zur tschechischen Literatur gehörten. Es gibt Kafka, Max Brod, vielleicht noch Johannes Urzidil. Ich schätze ganz besonders „Das Schloss“, aber auch Kafkas Tagebücher und dessen kleine Prosa. Gemeinsam mit meiner Band habe ich Kafka am Theater in Bremen zweimal inszeniert.

trifft auf die Geister der Vergangenheit. Als er 1987 versuchte, in den Westen zu fliehen, kam seine Freundin Nancy ums Leben. Nationalstraße (2016). Ex-Polizist Vandam, Schläger und Säufer im Plattenbau am Rande von Prag, deliriert über den Zustand der Welt: „Ich bin ein Römer. Kein Nazi. Warum sollte man in Europa nicht mit dem römischen Gruß grüßen dürfen?“ In der Edition Thanhäuser:

Kafka ist weltberühmt, und die Figur des Schwejk tschechisches Nationalheiligtum … Rudiš: — Das stimmt. Wobei man Schwejk sehr leicht unterschätzt, vor allem in Österreich! Mein Vater schläft jeden Tag damit ein. Für viele Tschechen ist er eine Ersatzbibel. Das Buch ist unterhaltsam, klug, aber auch düster! Es wäre ein »

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Der Besuch von Herrn Horváth (2018). Acht Geschichten über abgründig-skurrile Begegnungen in der Bremer Straßenbahn oder im Prager Lokal „Zum ausgeschossenen Auge“ und eine große Frage: „Wie schwer es heute in Prag ist, ein neues Porträt von Havel zu bekommen.“


– Selbstredend –

Missverständnis, Schwejk nur für lustig zu halten. Er ist tatsächlich ein Nationalheld. Aber vor allem ist es ein Buch über Nationalismus. Wie bei Karl Kraus sieht man bei Hašek ganz genau, wie die Monarchie zerfällt und schließlich explodiert.

Mussten Sie in die kommunistische Partei­ jugend eintreten? Rudiš: — Ich war noch ganz kurz im sozialistischen Jugendverband – lustig, die ganze Klasse ist geschlossen beigetreten. Ich war Pionier, das war verpflichtend. Als Jugendlicher dachte man darüber nicht nach. Es gab einen großen Unterschied zwischen einer Großstadt, wo man kritischer war, und der Kleinstadt, in der ich aufwuchs. Auch die Wende hat dort länger gebraucht.

mit der Gründung der Tschechoslowakei 1918 ­ egann. ein Weg in eine Art Einsamkeit b Sie wollen doch nicht ein Hohelied auf die Mo­ narchie singen? Rudiš: — Natürlich wird diese Welt sehr oft idealisiert. Man muss nur den letzten Band der Kafka-Biografie von Rainer Stach über dessen Kindheit und Jugend lesen. Gleich auf den ersten Seiten werden die deutschtschechischen Feinseligkeiten und der Natio­ nalismus sehr deutlich. Es war tatsächlich nicht einfach. Aber es ist schade, dass sich Österreich nicht weiterentwickelte und den Kronländern mehr Autonomie gewährte.

Die sind bei der erstbesten Gelegenheit ­gegangen … Rudiš: — Vielleicht wäre das auch bei uns passiert. Trotzdem hätte es eine Kontinuität der Kultur gegeben. Wer heute durch die ehemals deutschen Gebiete fährt, spürt diesen Kulturverlust noch immer. Es wird lange dauern, bis sich das Land davon erholt. In diesen Gebieten wird häufig rechts oder kommunistisch gewählt. Man kann dort noch immer mit antideutschem Ressentiment Wählerstimmen fangen.

Aber sie kam schließlich doch … Rudiš: — Es war eine unglaubliche Freiheit. Wobei ich auch vorher schon Glück hatte: Im Gymnasium sprach ein toller Tschechisch­ lehrer mehr über Hrabal und Kundera als über sozialistische Literatur. Wir haben uns im Unterricht auch mit den Stücken von ­Václav Havel beschäftigt. Dass Havel Präsident wurde, war ein großes Glück. So etwas gibt es nicht noch einmal. Snobs meinten, Havel sei kein guter Autor … Rudiš: — Das war Propaganda der Kommunisten. Es wurden extra Literaturwissenschaftler engagiert, um ihn zu diffamieren. Das Ganze war nichts als das peinlich! Was wäre aus Ihnen geworden, hätte es das Jahr 1989 nicht gegeben? Rudiš: — Gute Frage! Ein Eisenbahner, wie ich es als Kind wollte, oder im besten Fall ein Lehrer in einer Provinzstadt. Wir haben am Gymnasium ein Studententheater gegründet, was vor der Wende vermutlich nicht so leicht gegangen wäre. Wir spielten absurde, von Ionesco und Havel inspirierte Stücke. Vielleicht würde ich Laientheater machen. Schreiben? Ich weiß nicht. Es war für meine Generation tatsächlich ein großes Glück und ich bin heute einigermaßen besorgt, dass es vielen in meiner Generation scheißegal ist. Sie sind frustriert, fühlen sich abgehängt und überlegen, ob es nicht besser wäre, die Grenzen wieder zu schließen und Tschechien in ein kafkaeskes Schloss zu verwandeln. Sie schreiben, Tschechien sei ein einsames Land. Was heißt das? Rudiš: — Ich habe Geschichte studiert und wollte Geschichtslehrer werden. Betrachtet man die letzten hundert Jahre, zeigt sich, dass

Ist diese Sichtweise in Tschechien verbreitet? Rudiš: — Das kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass all das einen großen Verlust für das Land darstellt. Wenn man in sudetendeutschen Städten unterwegs ist oder auch in Prag und Brno, stolpert man stets über die deutsch-tschechisch-jüdische Geschichte. Mir ist jegliche Art von Nationalismus zuwider. In der Schule haben wir gelernt, dass Tschechen alle diese Städte errichtet haben. Dabei wird absichtlich ausgelassen, wie kompliziert die Verhältnisse in Wirklichkeit waren. Ich stelle mir manchmal die Frage, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt hätte, wären die Deutschen wie in Rumänien geblieben.

„Wir wurden immer einsamer. Nach der Wende trennten wir uns schließlich auch noch von den Slowaken“

Sie haben in der Schweiz und in Deutschland studiert … Rudiš: — Ich war damals siebzehn. Es heißt, wenn man sein Land verlässt, wird man zehn Jahre älter. Solange dauert es, bis man neue Kontakte schafft, egal wie bekannt man vorher war. Viele tschechische Künstler und auch gute Autoren haben es nicht geschafft, wie Milan Kundera oder Miloš Forman im Westen Fuß zu fassen. Man befindet sich in einer neuen Konkurrenzsituation: Wenn ich heute in Deutschland auftrete, weiß ich, dass es da viele einheimische Autoren gibt.

Jaroslav Rudiš

Und wenn man die Geschichte nüchtern be­ trachtet? Rudiš: — Man kann in die Falle gehen, die Monarchie zu idealisieren. Aber Tschechiens Weg in die Einsamkeit wurde damals eingeschlagen: Es gab die Slowaken, die Ruthenen und die Deutschen, bis das Ganze schließlich mit dem deutschen Nationalismus im Sudentenland explodierte. Die Juden wurden von den Nazis umgebracht, die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben. Wir wurden immer einsamer. Nach der Wende trennten wir uns schließlich auch noch von den Slowaken.

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Welche Bedeutung hat der „Preis der Literatur­ häuser“, den Sie heuer erhalten haben? Rudiš: — Es ist eine gewisse Anerkennung: Ich bin Teil der deutschsprachigen Literaturszene. Es bedeutet auch Geld. Ich kenne viele Autoren und weiß, wie schwierig es ist, davon zu leben. Es freut mich, dass es für mich derzeit ganz gut läuft, aber man weiß nie, wie lange das dauert. Ich bekomme viele Anfragen für Lesungen. Dazu hat auch der „Preis der Literaturhäuser“ beigetragen. Nun schreiben Sie auch auf Deutsch … Rudiš: — Kleinere Texte, Zeitungsartikel und Essays. Es ist für mich wichtig, die Kultur und Zweisprachigkeit, die wir verloren haben, zurückzugewinnen.

F O T O : C H R I S T O P H E R M AV R I Č

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Kramers Kinderstube Irmgard Kramer Gibt es dafür familiäre Gründe? Rudiš: — Ich habe auch deutschsprachige Vorfahren, aber das ist sehr lange her. Ich bin nicht weit von Liberec, Reichenberg, aufgewachsen und wir waren oft in der DDR. Vermutlich habe ich ein Talent für Sprachen. Wenn man eine Sprache mit zehn oder zwölf lernt, ist das gar nicht so schwer. Woran schreiben Sie gerade? Rudiš: — An einem neuen Roman, der nächstes Jahr zur Leipziger Buchmesse erscheinen soll. Ich schreibe ihn tatsächlich auf Deutsch! Das ergab sich so – die Hauptfigur fand von selbst zu mir. Es handelt sich um einen Exiltschechen, der als Krankenpfleger von Haus zu Haus zieht. Schließlich bricht er mit einem alten Mann, der in seinem Leben noch etwas zu erledigen hat, zu einer Reise auf. Sie haben einen Baedeker aus dem Jahr 1913, dem letzten Jahr der Monarchie, dabei. Wohin fahren sie? Rudiš: — Nach Sarajevo. Der Alte will noch einmal begreifen, warum das alles in die Luft geflogen ist. Einige Ihrer Bücher spielen in Zügen oder Flugzeugen. Die Figuren des neuen Romans … Rudiš: — Sie fahren mit dem Zug. Es ist heute gar nicht so einfach, mit der Bahn nach Sarajevo zu kommen. Ich musste beim ­Schreiben oft an Schwejk denken. Die beiden erzählen sich auch viele schwejksche Geschichten.

FOTO: DARKO TOD OROVIC

Satire und Humor sind wichtige Momente ­Ihres Schreibens? Rudiš: — Ich habe den „Schwejk“ immer als Groteske verstanden, auch wenn es dort sehr viele düstere Szenen gibt. Dasselbe gilt für Kafkas „Schloss“, in dem viele Szenen zum Lachen vorkommen. Ich finde, Humor ist überlebenswichtig. Wenn wir ihn verlieren, haben wir wirklich verloren! Das Ende von Kafkas „Prozess“ ist aber nicht gerade lustig … Rudiš: — (lacht) Natürlich! Sie können auch Schwejk nehmen – als der an die Front fährt und all die verkrüppelten Soldaten und die zerstörten Waffen der hoch gefeierten österreichischen Armee sieht. Alle wissen, dass es sich um eine Fahrt in die Hölle handelt. Da hört sich das Lachen auf … Schwejk ist auch ein absolut düsteres Buch. Vor etlichen Jahren gab es einen Skandal um Milan Kundera. Dem Autor wurde vorge­ worfen, in den 1950er-Jahren einen Flüchtling

aus der ČSSR an den Geheimdienst verraten­ zu haben. Sie haben sich in „Vom Ende des Punks in Helsinki“ mit einem ähnlichen Thema­ befasst … Rudiš: — In der Biografie von Kundera oder auch von Pavel Kohout spiegelt sich die ganze Geschichte des Landes. Ich kann es nachvollziehen und würde es keinem vorwerfen, dass er nach 1945 Kommunist wurde. Nicht zuletzt auch deshalb, weil man damals von der Demokratie schwer enttäuscht war. Viele fühlten sich von Frankreich und England verraten. Das haben die Stalinisten ausgenützt. Aber ohne Kundera, Kohout oder auch Ivan Klíma wäre im Prager Frühling nicht jenes kulturelle Aufblühen des Landes erfolgt, wie es geschah. Bis heute wird man mit dieser Zeit des Aufbruchs in den 1960er-Jahren verglichen. Tatsächlich hat kein tschechischer Gegenwartsautor oder Filmemacher geschafft, was Jiří Menzel oder Kundera gelang. Die ganze Welt hat sie gelesen, Kohout war eine Zeitlang der meistgespielte Dramatiker im deutschsprachigen Raum. Trotzdem wurde Kunderas Ruf ziemlich be­ schädigt … Rudiš: — Man weiß bis heute nicht genau, was damals passierte. Deshalb kann man auch niemand verurteilen – es war ein Schnellschuss ohne Beweise. Der Hass gegen Kundera in Tschechien war mir widerwärtig – plötzlich haben alle irgendetwas gewusst. Das Ganze war eine sehr tschechische Geschichte. Kundera schrieb seine letzten Bücher auf Französisch und hat auch nicht erlaubt, sie ins Tschechische zu übersetzen. Ist es schwierig, in Prag als Autor anerkannt zu werden? Rudiš: — Ich hatte großes Glück! Von meinem ersten Buch „Himmel unter Berlin“ erschienen zehn Auflagen. Neben „Alois Nebel“ verkauft sich das Buch bis heute sehr gut. Es erschien sehr bald in Berlin und ich hatte viele Lesungen. Aber das Leben eines Autors ist auch in Tschechien schwierig. Selbst bei der kleinen Prager Buchmesse frage ich mich immer, wer all das lesen soll. Ich habe auch in Polen viele Leser. Dort hat es die tschechische Literatur immer leichter. Dort werden zeitgenössische Tschechen gelesen, die in Deutschland oder Österreich keiner kennt. Kommen wir zu „Alois Nebel“, Ihrem bekann­ testen Buch. Die Graphic Novel, die auch ver­ filmt wurde, führt durch die Katastrophen des 20. Jahrhundert aus der Sicht eines Provinz­ eisenbahners. Gibt es biografische Bezüge zur Hauptfigur? »

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Jugendbuchautorin

Über das Glück Nämlich das Glück beim mehrmaligen Lesen von denselben Büchern Haben Sie auch Bücher, die Sie jedes Jahr mindestens einmal lesen? Der Schauspieler Christopher Lee las einmal jährlich „Der Herr der Ringe“. Er wurde 93 Jahre alt und kannte das Werk wirklich gut. Ich verknüpfe meine Lieblingsbücher mit Jahreszeiten, so kann ich mich noch mehr freuen. Im Frühling höre ich „Der Wind in den Weiden“, von Harry Rowohlt übersetzt und gesprochen – wenn das Maulwürfchen seinen Frühjahrsputz macht, mit seinem Freund, der Wasserratte, im Boot (mit Schnittlauchbrot, Bitzelwasser und Senftopf) über den Fluss schippert und der Kröterich mit seinem neuen Auto wieder mächtig viel Staub aufwirbelt, macht mich das glücklich. Im Sommer lese ich „Wie man die Zeit“ anhält, im Herbst „Im Schattenwald“ und im Winter „Ein Junge namens Weihnacht“ (und die Folgebände). Diese Bücher hat der Brite Matt Haig geschrieben. Sie stehen in jedem Laden. Sogar in dem des Wiener Burgtheaters. Gut, dass Haig erst 43 ist. Ich freue mich auf jede neue Geschichte von ihm: schöne Sätze, kluge Metaphern, gut gebaute, spannende Plots. Er bringt zum Lachen und zum Weinen, nur unberührt lässt er mich nie. Bei ihm wurde eine klinische Depression diagnostiziert. Seine Memoiren „Reasons to stay alive“ über seinen Kampf gegen den Suizid hielten sich 46 Wochen in der Bestsellerliste des Königreichs. In einem Interview sagte Matt Haig: „Books became my antidepressants.“


– Selbstredend –

Rudiš: — Zwei meiner Urgroßväter waren in Wien und haben im Ersten Weltkrieg an der Piave gekämpft. Der Großvater hatte mit der Eisenbahn zu tun, nach ihm ist Alois Nebel benannt. Ich komme aus einer Eisenbahnerfamilie. Bis dreizehn wollte ich Eisenbahner werden. Das hat sich erst im Gymnasium geändert. Gab es in Ihrer Kindheit eigentlich Comics? Rudiš: — Es gab Kinder-Comics. Mein ­„Alois Nebel“ war aber die erste Graphic Novel in Tschechien. Als das Buch erschien, fragte ich in der größten Prager Buchhandlung am Wenzelsplatz aus Autoreneitelkeit nach dem Buch. Der Verkäufer sagte: „Das steht in der Abteilung für Verkehrswesen neben den Büchern über Schifffahrt.“ Das Buch war anfänglich schwer zu verkaufen. Mittlerweile ist die tschechische Comic-Szene sehr groß. Nicolas Mahler ist auch auf Tschechisch erschienen. Es gibt Klassiker des Genres … Rudiš: — Obwohl die Graphic Novel im Feuilleton einen Fixplatz hat, ist die Szene noch immer eine Nische. „Alois Nebel“ war eine Ausnahme – in Tschechien wurden das Buch fast dreißigtausend Mal verkauft. Damit hatte keiner gerechnet. Ist die Graphic Novel der Punk der Literatur? Rudiš: — Das würde ich so nicht sagen. Was ist Punk? Aber das Buch ist sehr anarchistisch. Wir haben damals nicht gewusst, was wir da eigentlich machen. Alles ging sehr schnell: Jaromír Švejdík, der Zeichner, und ich saßen in einem Wirtshaus und erzählten einander Geschichten, die ich aufschrieb und ihm dann schickte. Manchmal hat er gleich in der Kneipe gezeichnet. Das Buch lebt vom Chaos! Schauplatz von „Alois Nebel“ ist Nordböhmen. Da kommt auch viel Ostalgie ins Spiel … Rudiš: — Es gibt tatsächlich ziemlich viele „Alois Nebel“-Fans und mittlerweile auch Nebel-Tourismus ins Altvatergebirge an der Grenze zu Polen. Bahnfans aus Deutschland und Tschechien fahren da hin.

Wie groß ist Ihr Interesse am Osten nach dem Ende des Kalten Krieges? Rudiš: — Die Frage ist hier: Was ist der Osten? Mich interessiert Mitteleuropa. Ich habe eine riesige Eisenbahnkarte aus dem Jahr 1911, also noch aus der Monarchie, zu Hause hängen. Diesen Raum bereise ich sehr gern. Es gibt immer noch Orte, die ich nicht kenne

– etwa Triest. Ich kenne Ungarn kaum, ich war in Galizien, würde aber gern noch Brody und auch Czernowitz nachholen. Ein Teil des „Schwejk“ spielt noch weiter im Osten. Jaroslav Hašek geriet im Ersten Weltkrieg in russische Gefangenschaft. Die so­ genannte „Tschechische Legion“ war für den weiteren Verlauf der Geschichte von großer Bedeutung. Rudiš: — Ich würde gern einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren. Was die Geschichte betrifft – egal wie der Erste Weltkrieg ausgegangen wäre, wir wären auf der Seite der Sieger gewesen. Es gab Tschechen, die für Österreich gekämpft haben und dafür gefallen sind, und solche, die sich für

„Ich fragte nach meinem Buch ,Alois Nebel‘ und der Verkäufer sagte: Das steht in der Abteilung für Verkehrswesen neben den Büchern über Schifffahrt“ Jaroslav Rudiš

den Zerfall der Monarchie einsetzten. Unsere Leute waren auf beiden Seiten. Es war eine sehr „schräge“ Situation, in der Brüder gegeneinander kämpften. Hašek selbst hat auch die Seiten gewechselt. Und wurde Kommunist … Rudiš: — Er sollte deshalb zum Tod verurteilt werden. Jetzt sind wir ganz weit in den Osten gekom­ men, obwohl Prag geografisch westlicher als Wien liegt …

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Rudiš: — So haben wir uns immer selbst verstanden. Ich hatte auch vor der Wende nie das Gefühl, in einem östlichen Land zu leben. Es ist ja auch interessant, dass man in Österreich und Deutschland von Tschechien als einem östlichen Land spricht. Das ist ein Erbe des Kalten Krieges. Rudiš: — Natürlich. Aber wir leben nicht mehr im Jahr 1945. Manchmal sprechen europäische Politiker, wenn sie zu uns kommen, von „hier in Osteuropa“. In Prag sind dann immer alle verwundert. Es gibt einen großartigen Roman von Jáchym Topol, in dem sich einige Leute auf die Suche nach Osteuropa machen und es nicht finden. Sie fahren von Prag nach Polen, weiter nach Russland, schließlich kommen sie in Wladiwostok an, also in Asien. Sie haben Osteuropa ganz einfach verpasst. In der tschechischen Literatur gab es bisher ei­ nen Literaturnobelpreisträger – den Lyriker ­Jaroslav Seifert. Er war früh Avantgardist, spä­ ter Stalinist, dann Regimegegner. Hat er noch irgendeine Bedeutung? Rudiš: — Ich habe ihn natürlich gelesen, er gehört auch zum Unterrichtsstoff im Gymnasium. Aber um die Lyrik ist es heute nicht so gut bestellt – es heißt, Lyrik wird von Lyrikern gelesen. Das verwundert ein wenig. In Ihrem letzten Buch „Nationalstraße“ finden sich die wilden Tiraden der Hauptfigur Vandam. Der Wen­ deverlierer gibt böse Hymnen von sich. Man könnte das rezitieren. Rudiš: — Das stimmt. Man kann das Buch als Lyrik lesen und man kann es auch singen. Ich lese mir alle Texte, die ich schreibe, selbst laut vor. Ich möchte wissen, wie sich das anhört. Außerdem hat mich die LivePerformance immer sehr interessiert – Literatur zum Beispiel mit Musik zu verbinden, wie ich das etwa mit der Kafka-Band mache. Leider habe ich bemerkt, dass es vielen Menschen genügt, zu einem Event zu kommen. Sie lesen das Buch dann nicht mehr notwendigerweise. Bleibt trotzdem noch die Frage nach Ihren Lieblingsbuchhandlungen. Rudiš: — Es gibt eine in Berlin, eine in Prag, und den Herrn Fritsch in Reichenberg. In Wien bin ich nicht so oft. Aber ich habe im Café Bräunerhof meinen österreichischen Verleger getroffen, der meine Kurzprosa veröffentlicht. In der Edition Thanhäuser in O ­ ttensheim ist soeben „Der Besuch von Herrn Horváth“ erschienen. «

F O T O : C H R I S T O P H E R M AV R I Č

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– Klassiker – neu entdeckt

Den Ferdinand

erschlagen JAROSLAV HAŠEK DIE ABENTEUER DES BRAVEN SOLDATEN SCHWEJK (1921/1923) »Also sie ham uns den Ferdinand erschlagen«, sagte die Bedienerin zu Herrn ­Schwejk, der vor Jahren den Militärdienst quittiert hatte, nachdem er von der militärärztlichen Kommission endgültig für blöd erklärt worden war, und der sich nun durch den Verkauf von Hunden, häßlichen, schlechtrassigen Scheusälern, ernährte, deren Stammbäume er fälschte. Neben dieser Beschäftigung war er vom Rheumatismus heimgesucht und rieb sich gerade die Knie mit Opodeldok ein. »Was für einen Ferdinand, Frau Müller?« fragte Schwejk, ohne aufzuhören, sich die Knie zu massieren. »Ich kenn zwei Ferdinande. Einen, der is Diener beim Drogisten Pruscha und hat dort mal aus Versehn eine Flasche mit irgendeiner Haartinktur ausgetrunken, und dann kenn ich noch den Ferdinand Kokoschka, der, was den Hundedreck

WESHALB WIR DAS LESEN SOLLEN. ANLEITUNG VON ERICH KLEIN. Jaroslav Hašek (1883–1923) war nicht identisch mit seinem braven Soldaten, doch einer Schwejkiade glich sein Leben allemal. Alle Engagements des Prager Lehrersohnes waren kurz: als Gymnasiast, Drogistenlehrling, Absolvent einer Handelsakademie und Bankbeamter. Mit siebzehn veröffentlichte er Gedichte und satirische Glossen. Sein erzählerischer Anarchismus brachte ihn um den Redakteursposten bei einer Tierzeitschrift, eine Zeitlang verkaufte er gestohlene Hunde mit gefälschtem Stammbaum. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatte der Gründer einer surrealen Partei an die neunhundert Erzählungen geschrieben. Hašeks Versuch, sich durch Simulation von Rheuma dem Militärdienst zu entziehen, endete mit einer dreijährigen Gefängnisstrafe wegen Fahnenflucht,

sammelt. Um beide is kein Schad.« »Aber gnä’ Herr, den Herrn Erzherzog Ferdinand, den aus Konopischt, den dicken frommen.« »Jesus Maria«, schrie Schwejk auf. »Das is aber gelungen. Und wo is ihm denn das passiert, dem

Herrn Erzherzog?« »In Sarajevo ham sie ihn mit einem Revolver niedergeschossen, gnä’ Herr. Er ist dort mit seiner Erzherzogin im Automobil gefahren.« »Da schau her, im Automobil, Frau Müller, ja, so ein Herr kann sich das erlauben und denkt gar nicht dran, wie so eine Fahrt im Automobil unglücklich ausgehn kann. Und noch dazu in Sarajevo, das is in B ­ osnien, Frau Müller. Das ham sicher die Türken ge­ osnien macht. Wir hätten ihnen halt dieses B und Herzegowina nich nehmen solln. No also, Frau Müller. Der Herr Erzherzog ruht also schon in Gottes Schoß. Hat er sich lang geplagt?« »Der Herr Erzherzog war gleich weg, gnä’ Herr, Sie wissen ja, so ein Revolver is kein Spaß. Unlängst hat auch ein Herr bei uns in Nusle mit einem Revolver gespielt und die ganze Familie erschossen, mitsamt dem Hausmeister, der nachschaun gekommen is, wer dort im dritten Stock schießt.« »Mancher Revolver geht nicht los, Frau Müller, wenn Sie sich aufn Kopf stelln. ­Solche

die nach Kriegsende abzusitzen war. Zu diesem Zeitpunkt war seine Biografie von der seines Protagonisten längst ununterscheidbar. Den Prozess wegen Beleidigung kaiserlicher Ehre, womit der brave Soldat Schwejk beginnt, hatte Hašek ebenso am eigenen Leib erfahren wie jene medizinische Kommission, die dem Offiziersdiener Schwejk Blödheit attestierte. Die Tätigkeit als Regimentsschreiber erlaubte Hašek die Weiterführung seiner Schriftstellerei: Die Anfänge der zwischen 1921 und 1923 erschienenen „Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ entstanden ironischerweise im k. u. k. Dienst. Figuren wie der versoffene Feldkurat Katz, der Schwejk beim Kartenspiel an den Oberleutnant Lukasch verliert, sind nach realen Vorbildern geschaffen. Von der ersten bis zur letzten Seite werden die Repräsentanten des „schuftigsten Gebildes der Welt“, wie Kurt Tucholsky Hašeks

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Systeme gibts viel. Aber auf den Herrn Erzherzog ham sie sich gewiß was Besseres gekauft, und ich möcht wetten, Frau Müller, daß sich der Mann, der das getan hat, dazu schön angezogen hat. Nämlich auf einen Herrn Erzherzog schießen is eine sehr schwere Arbeit. Das is nicht so, wie wenn ein Wilddieb auf einen Förster schießt. Da handelt sichs darum, wie man an ihn herankommt, auf so einen Herrn kann man nicht in Hadern kommen. Da müssen Sie im Zylinder kommen, damit Sie nicht ein Polizist schon vorher abfaßt.« »Es waren ihrer herich mehr, gnä’ Herr.« »No, das versteht sich doch von selbst, Frau Müller«, sagte Schwejk, seine Kniemassage beendend. »Wenn Sie einen Erzherzog oder den Kaiser erschlagen wollten, möchten Sie sich sicher auch mit jemandem beraten. Mehr Leute haben mehr Verstand. Der eine rät das, der andere wieder was anderes, und so wird das Schwerste leicht vollbracht, wies in unsrer Volkshymne heißt. Die Hauptsache is, den Moment abpassen, wenn so ein hoher Herr vorübergeht. Wie zum Beispiel, wenn Sie sich noch an den Herrn Luccheni erinnern, der, was unsre selige Elisabeth mit der Feile erstochen hat. Er is mit ihr spazierengegangen. Dann traun Sie noch jemandem. Seit der Zeit geht keine Kaiserin mehr spazieren. Und dasselbe Schicksal wartet noch auf viele Leute. Sie wern sehn, Frau Müller, daß auch noch der Zar und die Zarin an die Reihe kommen … (Aus dem Tschechischen von Grete Reiner) Für „Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg“ (Reclam-Verlag) schrieb Jaroslav Rudiš einen Essay

„österreichische Militärmonarchie“ titulierte, mit Spott übergossen. Weder die „Budweiser Anabasis“ (Anabasis: Geschichtswerk das antiken Autors Xenophon) des Protagonisten noch die Schlägerei zwischen Ungarn und Tschechen auf dem Weg zur Front ist „humorig“. Es handelt sich um bitteres Lachen aus dem Zentrum der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. Kurt Tucholsky schrieb über den Schwejk: „Da steht er nun, und die andern schießen. Und nun tritt dieses Stückchen Malheur den großen Mächten der Erde gegenüber und sagt augenzwinkernd leise, schlecht rasiert die Wahrheit.“ Der Roman endet mit Schwejks russischer Gefangenschaft. Hašek selbst wechselte die Fronten und kehrte als Kommunist 1920 nach Prag zurück. Neununddreißigjährig starb er an den Folgen von Tuberkulose und Alkoholismus. Egon Erwin Kisch schrieb: „Hašek hat kein Recht zu sterben!“


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