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Anzeiger 5/18

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anzeiger

Das Magazin für die österreichische Buchbranche

Unsere Risikoleser

Kaiser, Matrosen, Retter

Israels Botschafterin

Jeder sechste heimische Jugendliche gilt als Risikoleser. Wie kann man das Lese­ risiko dieser Menschen vermindern?

Ein Blick auf die Bücher im kommenden Herbst – spannende Neuerscheinungen zu historischen Themen.

Talya Lador-Fresher über die Liebe zum Buch, Israels Siebzigjahrjubiläum und Israels B ­ eziehung zu Österreich

Ö s t e r r e i c h i s c h e P o s t A G F i r m e n z e i t u n g / G Z 0 2 Z 0 3 0 8 7 7 M / 1 5 3 . J a h r ga n g

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© Gregory Augendre-Cambon

– 152. Jahrgang –

„Nutzen Sie die HVBJahrestagung, um Branchengrößen und Experten zu erleben“ Gustav Soucek

L

eseförderung ist ein Thema, das unsere gesamte Branche betrifft: Wie bringt man Kinder und Jugendliche zur Freude am Lesen? Welche Aktionen und Projekte werden in anderen Ländern erfolgreich durchgeführt? Damit beschäftigt sich diesmal Essenziell mit „Äh, wie schreibt man Literacy?“ ab Seite 12. In dieser Ausgabe stellen wir Ihnen ab Seite 24 wieder eine Auswahl unserer Mitglieder vor: Vorstandsmitglied Iris Blatterer (E.DORNER, Jugend und Volk), Buchhändler Michael Lehner (BuchLAAden), Verleger Volker Toth (Edition Tandem) sowie die Kunsthändlerin und Antiquarin Gabriele Wolfrum (Kunstverlag Wolfrum). Sie darf ich noch einmal zur HVB-Jahrestagung nach Bad Aussee einladen: Bei dieser zentralen Veranstaltung haben Sie die Möglichkeit, die Branche und Verbandsthemen genauer kennenzulernen und mitzugestalten, Ihr Netzwerk zu stärken und Vorträge von Branchengrößen aus dem gesamten DACH-Raum zu hören. Ich würde mich freuen, Sie vom 6. bis 8. Juni in Bad Aussee begrüßen zu dürfen!

VON TEHERAN NACH PARIS – EINE JUNGE FRAU AUF DER SUCHE NACH HEIMAT UND IDENTITÄT – »EIN GROSSARTIGES DEBÜT.« L’EXPRESS

F O T O : PAU L L A N D L

Vor Kurzem fanden im HVB die Präsidiums- und Vorstandswahlen statt. Dabei wurde Benedikt Föger, Verleger des Czernin Verlags, als Präsident einstimmig bestätigt. Als Vizepräsidenten werden der Vorsitzende des Österreichischen Verlegerverbandes Alexander Potyka, Picus Verlag, der Vorsitzende des Österreichischen Buchhändlerverbandes, Erwin Riedesser, Buchhandlung Leporello, und der Vorsitzende des Österreichischen Buchgrossistenverbandes, Christian Langer, Auslieferung Mohr Morawa, ihre Arbeit fortführen. Auch sie wurden in ihren Funktionen bestätigt. Zum Vorsitzenden des Verbandes der Österreichischen Verlagsvertreter wurde Bernhard Spiessberger, Verlagsvertretung Spiessberger, neu gewählt. Der Vorsitzende des Österreichischen Antiquariatsverbandes bleibt Michael Steinbach, Antiquariat Steinbach, auch er wurde für die nächsten drei Jahre bestätigt.

224 Seiten € [D] 20,00 | € [A] 20,60 Auch als E-Book erhältlich

Gustav Soucek HVB-Geschäftsführer

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– Inhalt –

hvb-mitglieder im porträt

24

Iris Blatterer

Geschäftsführerin von Jugend & Volk sowie E.DORNER, jetzt „BildungsMedienverlag Westermann Österreich“

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Michael Lehner

Maßnahmen zur Heranführung Jugendlicher ans Lesen

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thema

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Kurz gesagt Sommermarketing für Buchhändler

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Essenziell Unsere Risikoleser: Jeder sechste Jugendliche in Österreich kann nicht richtig lesen. Was tun?

aus dem ANZEIGER-archiv

8 5

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Gabriele Wolfrum

Sie erzählt, was ihr Kunstverlag ­ Wolfrum so alles bietet

Selbstredend

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Talya Lador-Fresher Die israelische Botschafterin zum Siebzigjahrjubiläum Israels

Gutenberg-Galaxie Paris aus Troja, FBI-Mann, Pulitzer- Preis für Rapper, Kinderbuchlegende

10

Kurzmeldungen Literaturpreise, Folio Verlag: Bootsfahrt Buchhandelspreisrückschau

11

Kurzmeldungen Angebote mediakolleg, Rückschau: Rund ums Buch, HVB-Vorstandswahl

18

Historische Sachbücher Was die Verlage im Herbst auf den Markt bringen werden

Iris Blatterer, Geschäftsführerin von Jugend & Volk und E.DORNER, im Porträt

Volker Toth Und sein Verlag „Edition Tandem“

wissenswert

24

26

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Gastkommentar

Nur auf den ersten Blick überrascht das vielfältige Angebot chinesischer Verlage, erklärt China-Kenner Helmut Opletal

28 Der anzeiger hat Talya Lador-

Fresher zum Interview getroffen

31

Kramers Kinderstube Lesefutter

klassiker

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Ein schlechter Tag

„Esch oder die Anarchie“ von Hermann Broch

Standards marktdaten monatsbestseller Titelschutz Impressum

21 22 34 34

i l l u s t r a t i o n : g e o r g f e i e r f e i l , f o t o s : w w w. t i n e f o t o s . c o m , C h r i s t o p h e r M a v r i c ( 2 )

Helmut Zechner von der Buchhandlung Heyn über Sommermarketing

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Superinflation Als Bücher so richtig teuer wurden

Er führt den BuchLAAden in Laa an der Thaya

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– Wissenswert –

PIONIER

Starke Stimme. Wer kennt sie nicht? Die Geschichten vom Franz. Der blonde Lockenkopf und seine beste Freundin Gabi sind mittlerweile 34 Jahre alt. Ob Franz Fröstl immer noch so piepsig spricht? Autorin Christine Nöstlinger ist mit Büchern wie „Maikäfer, flieg!“ die wohl stärkste österreichische Stimme der Kinder- und Jugendliteratur.

POLARSTERN

Aus der

PIN-UP

Preis-Rapper. Die Pulitzer-Preise werden jährlich in erster Linie für investigativen Journalismus und bemerkenswerte Bücher verliehen. Aber auch Musik wird mit dem Preis ausgezeichnet. 2018 wurde zum ersten Mal in der Geschichte des Preises ein Rapper prämiert: Kendrick Lamar. Sein Album „DAMN“ wurde für seine Lyrics prämiert, die „die Vielschichtigkeit des modernen afroamerikanischen Lebens widerspiegeln“.

Gutenberg-

Ein Troja-Lover? Die Stadt der Liebe trägt seinen Namen. Der Jüngling Paris hat nicht nur ein hübsches Gesicht, sondern auch eine ganz schön aufregende Vita: von seinen Eltern ausgesetzt, von einer Bärin gesäugt und Juror in einem Schönheitswettbewerb dreier Göttinnen. Aber wirklich treu ist der Trojaner nicht: Als er die schöne Helena versprochen bekommt, lässt er seine Frau Oinone einfach sitzen.

PROSPEKT

Galaxie

Blödes GeQuatsche. „GQ“, das amerikanische Lifestyle-Magazin für Männer, hat in seiner AprilAusgabe eine Liste von 21 Büchern, „die man nicht lesen muss“, zusammengestellt. Auf dieser Liste finden sich Klassiker wie Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ oder „Huckleberry Finns Abenteuer“ von Mark Twain. Ja sogar die Bibel wird als irrelevant abgestempelt. Sie sei „repetitiv, selbstwidersprüchlich, moralisierend, albern“. Damit ist dem Magazin eine treffende Selbstanalyse gelungen.

Lukas Schöppl

POWIDL

Comey-sch. Der Buchmarkt kann dem orangen Präsidenten eigentlich nur danken. Man möchte fast von einem neuen Genre sprechen, das im Jänner letzten Jahres eingeführt wurde: Trump-Bashing. Neuerdings findet sich in der Sparte auch ein Werk des Ex-FBI-Chefs James Comey mit dem Titel „Größer als das Amt“ (Droemer Knaur). Die literarische Abrechnung käut wieder, was eh schon jeder weiß, und landet trotzdem prompt auf der Bestseller-Liste. Doch der Titel stimmt: Mit seinen zwei Metern ist Comey tatsächlich größer als Trump.

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DANKE FÜR IHRE BEGEISTERUNG! Ein sehr aktueller Roman, der einen unglaublichen Sog entwickelt und in einer Nacht nicht nur Parallelen in der Geschichte aufzeigt, sondern auch eine außergewöhnliche Liebesgeschichte erzählt. Kristina Geilhaupt, Buchhandlung Bittner, Köln Danke für die spannungsbedingt schlaflose Nacht (Weglegen war unmöglich!) mit Gerhard Jägers berührendem und mich noch lange beschäftigendem Roman! Rotraut Schöberl, Leporello, Wien Gerhard Jäger kann einfach großartig schreiben. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen. Die Sprach- und Bildgewalt ist wie bei seinem ersten Buch einmalig. Es ist ein so wichtiges Buch, angesichts der Geschehnisse in der Welt. Gestern wie Heute – es scheint so, als habe sich nichts geändert. Der Zaun, ein Symbol für soviel Unrecht – egal wo auf der Welt. Ein kluger und großartiger Roman. Martina Kraus, RavensBuch, Ravensburg

Ich habe es verschlungen und bin begeistert: Eine ganz persönliche Chronik des Leids eingewoben in ein Stück deutsche Geschichte, das uns alle angeht – allgemeingültig und gleichzeitig brandaktuell. Der Autor schafft es mit seinem punktgenauen Stil, Gefühle der Beklemmung und großes Mitgefühl hervorzurufen. Ein großartiger Roman, der nachdenklich macht. Katja Schneider, stories! Die Buchhandlung, Hamburg Die Geschichte dieser Nacht ist so vielschichtig und dicht erzählt, dass ich beim Lesen das langsame Vergehen der Zeit der Nacht spüren konnte, aber auch die Vielschichtigkeit der Sehnsüchte, Zweifel und Nöte der Figuren, die weit über die Nacht hinausführen. Kirsten Jahn, Buchhandlung Decius, Hildesheim Gerhard Jäger ist begnadet im sorgsamen Umgang mit dem Hauptwerkzeug jedes Autors – der Sprache. Was er in »All die Nacht über uns« erneut unter Beweis stellt. Tobias Wrany, Buchhandlung Jost, Bonn Geradezu atemlos habe ich die Gedanken, Ängste und Erinnerungen des einsamen Soldaten an der Grenze mitverfolgt und mich am Ende mit ihm gefragt, ob wir nicht vielleicht alle auf der Flucht sind … Ein tolles Buch, auch sprachlich großartig! Alice Bohdal, tiempo nuevo, Wien


Fesselnd, poetisch und bildgewaltig

Gerhard Jäger ALL DIE NACHT ÜBER UNS Roman 240 Seiten, 13,5 x 21 cm gebunden mit Schutzumschlag, farbigem Vor- und Nachsatzpapier und Lesebändchen ISBN 978-3-7117-2064-1 € 22,Auslieferung: 27. August 2018

ZUM BUCHTRAILER!

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– Aus dem anzeiger-Archiv –

Alles wird teurer August 1918 Es sind die letzten Wochen des Ersten Weltkriegs. Ein Wiener Verleger kündigt in der „Österreichisch-Ungarischen BuchhändlerCorrespondenz“ an, die Preise seiner Bücher um zehn Prozent erhöhen zu müssen. Ausgenommen von der Teuerung seien Schulbücher. Österreich-Ungarn finanzierte den Krieg „auf Pump“, druckte also immer mehr Kronen-Geld. Das führte zu einer ungeheuren Inflation und zu Preisanstiegen. Die Preise im Einzelhandel waren laut dem Österreichischen Statistischen Zentralamt im Juli auf das 12,7fache und im Oktober auf das 14fache des Vorkriegsniveaus gestiegen. Den Verlag, der das Inserat damals schaltete, gibt es übrigens bis heute als Schulbuchverlag „Hölder-Pichler-Tempsky“.

Fundstücke aus den alten Ausgaben des anzeigers

Eine der größten Druckereien in Mitteleuropa  Druck und buchbinderische Weiterverarbeitung  unter einem Dach rund um die Uhr Jahresproduktion 24 Mio. Bücher  80 % der Produktion gehen in den Export  Jahresumsatz 33 Mio. €  Kundenservice in fünf Fremdsprachen  Zertifikate Carbon Neutral Produkt, Fogra  FSC®, CrefoCert, Eko energie

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FINIDR, s.r.o. Ident. nr.: 60778172 Gültigkeit: 1 Jahr Seit: 01.07.2017

FINIDR, s. r. o. | Lípová 1965 | 737 01 Český Těšín | Tschechische Republic Tel.: +420 558 772 264 oder +420 777 795 117 | E-mail: druckerei@finidr.de

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– Kurz gesagt –

Sommer, Sonne, Buch? marketingideen zur saison: Wie machen Sie iHREN Kundinnen und Kunden die Sommerlektüre schmackhaft?

F o t o s : w w w. t i n e f o t o . c o m , p r i va t, W e i s s e n g r u b e r F o t o g r a f i e , T h a l i a O e s t e r r e i c h

Helmut Zechner, Buchhandlung Heyn, Klagenfurt

Lagevorteil und Vorlesestunden. Unser Lage am Wörthersee ist ein Wett­ bewerbsvorteil. Viele Urlaubsgäste tummeln sich in der Fußgängerzone. Wir bestücken unser „Buchbuffet“ mit Bestsellern, ergänzt um unsere Buchtipps, Wander- und Reiseliteratur, und richten es vor und in der Buchhandlung appetitlich an. Begleitende Marketingmaßnahmen für die Einheimischen wie Sommer-/Strandnewsletter und Social-Media-Präsenz tun das Übrige zu einem bei uns starken Sommerumsatz. Einen Schwerpunkt setzen wir mit unseren kostenlosen Sommervorlesestunden für Vier- bis Achtjährige, die in den Ferien Montag bis Donnerstag täglich einmal stattfinden. Das lockt Eltern und Kinder gleichermaßen zu uns!

Irene Alexowsky, Buch- und Papierhandlung Alexowsky, Groß-Enzersdorf

„Wir rücken vermehrt die Taschenbücher in den Vordergrund, auch durch eigene Aussendungen und Empfehlungen“

„Die Herausforderung an heißen Tagen: Menschen in die Buchhandlung zu locken“

Verena BrunnerLoss, Buchhandlung Brunner, Vorarlberg

Veranstaltungen drinnen und draußen. Die besondere Herausforderung an heißen Tagen im Sommer ist es, Menschen in die Buchhandlung zu locken. Unser Lesesommer ist daher geprägt von lokalen Anlässen wie der Kinderbuchmesse „Buch am Bach“, „StadtLesen“ oder „Stadt der Kinder“, die eine tolle Plattform bieten, junge Personen und die Stammkundschaft außerhalb der Buchhandlung anzusprechen. Bei hausinternen Veranstaltungen setzen wir auf Autorentreffen mit praktischem Mehrwert wie die „Probierpräsentation“ zu Ulrike Hagens Kochbuch „Eingemacht“ (Löwenzahn). Sommerliche Thementische mit ganz vielen persönlichen Empfehlungen runden das Angebot ab.

Urlaub in der Buchhandlung. Die Sommerzeit bietet eigentlich recht gute Bedingungen für Leseratten, da Bücher überallhin mitgenommen werden können und wunderbare Begleiter sind. Lesen im Freien gestaltet sich bei Sonne einfach deutlich angenehmer als bei Schnee und Eis. Wir rücken vermehrt die Taschenbücher in den Vordergrund, auch durch eigene Aussendungen und Empfehlungen, natürlich auch Reiseführer, aber auch andere Formate bieten sich gerade jetzt an. Das Hörbuch zum Beispiel lässt sich entspannt bei vielen Aktivitäten genießen. Ich denke, wichtig ist es, dass die Buchhandlung vor allem während der großen Ferienzeiten selbst einen Ort darstellt, an dem die Kundin oder der Kunde gern für ein paar Minuten „Urlaub macht“.

Andrea Heumann, Thalia Österreich, Geschäftsleitung eCommerce & Sales und Marketing

Freizeit-Budget als Herausforderung. „Sommerzeit ist Lesezeit!“ lautet das Motto bei Thalia. Nach einem langen Winter beginnt die Sommer- und Urlaubssaison bereits im Juni und umfasst Themen wie Schulschluss, Ferien und Urlaub sowie Schulbeginn. Dabei setzen wir auf verschiedene Kooperationen mit großen Partnern, auffällige POS-Marketingideen, regionale Veranstaltungen und tolle Gewinnspiele, die Frequenz in den 35 Thalia Buchhandlungen österreichweit bringen werden. Eine Herausforderung für den Buchhandel wird sein, dass die Menschen ihr Freizeitbudget nicht Zeitfressern wie Netflix und Spotify schenken, sondern sich der schönsten Nebensache der Welt widmen: dem Lesen.

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– Wissenswert –

für österreichische AutorInnen Fahim Amir erhielt den mit 10.000 Euro dotierten Karl Marx Preis 2018 des Vereins transform. at für einen Auszug seines Buches „Schwein und Zeit. Tiere, Politik, Revolte“ (Nautilus) in der Kategorie Ökosozialismus. Die Verleihung fand bei der Aufführung des Theaterstücks „Karl Marx“ von Robert Pfaller im Rabenhof Theater statt. Arno Geiger erhielt für sein Gesamtwerk den mit 50.000 Euro dotierten Joseph-BreitbachPreis 2018 der Stiftung Joseph Breitbach und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Die Jury hob dabei sein Buch „Unter der Drachenwand“ hervor. Die Verleihung findet am 28. September 2018 im Theater Koblenz statt. Doris Knecht wurde mit dem mit 8.000 Euro dotierten Buchpreis der Wiener Wirtschaft ausgezeichnet. Doris Knecht arbeitet für verschiedene Medien als Journalistin und Kolumnistin. Ihre Kolumnen für den Falter erschienen in Sammelbänden im Czernin Verlag. Ihre Romane, u. a. „Alles über Beziehungen“, bei Rowohlt.

Bootsfahrt mit Autor Der Folio Verlag lud zu einer Pressereise mit Paolo Rumiz auf den Fluss Po Im vorigen anzeiger berichteten wir u. a., wie literarische Schauplätze vermarktet werden können. Wie man sie auch für Pressereisen nutzen kann, zeigt der Folio Verlag. Anfang Mai erschien das literarische Reisebuch „Die Seele des Flusses. Auf dem Po durch ein unbekanntes Italien“ des italienischen Autors Paolo Rumiz. Auf Einladung des Verlags unternahmen Journalistinnen und Journalisten gemeinsam mit Rumiz auf „Italiens König der Flüsse“ eine Bootsfahrt. Während der Fahrt vom Po-Delta bis zum offenen Meer bekamen sie besondere Eindrücke von der Landschaft, über die Rumiz schreibt, und von den Abenteuern, die er selbst am Po erlebt und literarisch verarbeitet hat.

Julya Rabinowich wurde für ihren Roman „Dazwischen: Ich“ (Hanser) mit dem Friedrich-Gerstäcker-Preis für Jugendliteratur 2018 der Stadt Braunschweig ausgezeichnet. Der älteste deutsche Jugendpreis ist mit 8.000 Euro dotiert. Die Jury lobt die sensible Darstellung der Erfahrung jugendlicher Flüchtlinge in diesem Roman. Der mit 20.000 Euro dotierte Walter-Hasenclever-Literaturpreis der Stadt Aachen geht an Robert Menasse für sein Gesamtwerk. Die Verleihung findet am 18. November 2018 in Aachen statt. Er wird von der Jury dafür gewürdigt, dass er sich verstärkt für eine gesamteuropäische Idee einsetzt.

Bei der Autorenfahrt des Folio Verlags auf dem Po

Buchhandelspreis Er wurde heuer zum zweiten Mal vergeben Am 25. April 2018 wurde der mit 50.000 Euro dotierte Österreichische Buchhandlungspreis (von Bundeskanzleramt und HVB) verliehen. Bei der Preisverleihung wurden fünf Betriebe als beste Buchhandlung Österreichs ausgezeichnet. Im Bild die Ausgezeichneten v. l. n. r.: Bettina Wagner, Johannes Kößler, Helmut Zechner, Irene Alexowsky, Sektionschef Jürgen Meindl (in Vertretung von Minister Gernot Blümel), Benjamin Girstmair, Markus Hatzer, HVB-Präsident Benedikt Föger, Birgit Stark, Reinhard Stark und Michael Alexowsky.

Die Gewinner des Buchhandelspreises mit Gratulanten

F O T O S : J a k o b G s ö l l p o i n t n e r , c h r i sto p h e r m a v r i c , P a m e l a R u S S m a n n , M i c h a e l M a z o h l , C h r i sto p h e r M a v r i c , M a r i a l u i s e T h u r n e r , BKA H a n s Hof e r .

Literaturpeise

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– Wissenswert –

V. l. n. r.: Alexander Potyka, Benedikt Föger, Erwin Riedesser und Christian Langer

Wahl der neuen HVB-Führung bis 2021 Am 8. Mai wählte der HVB seine neuen Führungsgremien Der HVB hat am 8. Mai 2018 sein Führungsgremium bis 2021 gewählt. Der Verleger des Czernin Verlags, Benedikt Föger, wurde als Präsident einstimmig bestätigt. Er sieht die Schwerpunkte vor allem in der weiteren Stärkung der wirtschaftlichen und rechtlichen Grundlagen der gesamten Branche. Als Vizepräsidenten bestätigt: der Vorsitzende des Österreichischen Verlegerverbandes Alexander Potyka, Picus Verlag, der Vorsitzende des Österreichischen Buchhändlerverbandes, Erwin Riedesser, Buchhandlung Leporello, und der Vorsitzende des Österreichischen Buchgrossistenverbandes, Christian Langer, Auslieferung Mohr Morawa. Zum Vorsitzenden des Verbandes der Österreichischen Verlagsvertreter wurde Bernhard Spiessberger von der Verlagsvertretung Spiessberger gewählt. Vorsitzender des Österreichischen Antiquariatsverbandes bleibt Michael Steinbach vom Antiquariat Steinbach.

Rund ums Buch

F O T o : K a t h a r i n a - F r ö s c h l - RoSS b ot h , M i k h a i l P a v s t y u k , h v b

Der HVB-Workshop in Bad Aussee wurde von den Teilnehmenden sehr positiv erlebt

mediakolleg Noch kann man sich für mediakolleg-Seminare Ende Mai anmelden. Auch zwei Termine für den Juni stehen schon fest ■  „Man kann nicht nicht kommunizieren“, sagte Paul Watzlawick. Aber man kann unprofessionell kommunizieren. Wie das vermieden wird, lernt man in einem mediakolleg-Seminar am 28. Mai. Darin erklärt Ruth Eising, wie man mit einem kleinen Verlagsbudget viel Aufmerksamkeit für das Programm erreichen kann. „Professionelle Kommunikationsmaßnahmen“ 28. 5. 2018, 9.30–17 Uhr ■  Am 30. Mai tritt die neue Datenschutz-Grundverordnung in Kraft. Rechtsanwalt Alexander Koukal bringt Licht in den Daten­ dschungel. Er gibt einen Überblick über die Neuerungen und praktische Hinweise, wie die rechtlichen Vorgaben umgesetzt werden. „Die neue Datenschutz-Grundverordnung für die Buchbranche“ 30. 5. 2018, 10–17 Uhr ■  Verlagsverträge. Alexander Koukal erklärt, was darin auf keinen Fall fehlen darf. Außerdem gibt er einen Überblick über die rechtssichere Nutzung von Bildern und über die Verfolgung von Rechtsverletzungen wie etwa Verstößen gegen das Urheberrecht. „Verlagsverträge. Urheber- und verlagsrechtliche Grundlagen“ 11. 6. 2018, 9.30–17 Uhr ■  E-Book ist nicht gleich gedrucktes Buch. Das muss bei Preisgestaltung, Vertrieb, bei Rechten und Marketing beachtet werden. Experte Ernst Grabovszki geht die Marktentwicklung, Kalkulation, Herstellung von E-Books durch, empfiehlt Marketinginstrumente und zeigt Best-Practice-Beispiele. „E-Books: Basics und Herstellung“ 12. 6. 2018, 9.30–17 Uhr

Die Kursteilnehmer in Bad Aussee Die Seminare finden beim HVB in der Bibliothek im 1. Stock statt. Grünangergasse 4, 1010 Wien Kosten: € 199,– ( HVB-Mitglieder)/€ 250,– Kontakt: Cordula Tippel, 01/512 15 35 29, tippel@hvb.at

Bei den HVB-Fortbildungstagen „Rund ums Buch“ trafen im Literaturhotel DIE WASNERIN in Bad Aussee zwanzig Teilnehmende zusammen, um sich die Vorträge von 14 ReferentInnen anzuhören und mit ihnen zu diskutieren. Das schöne Wetter und das angenehme Hotelambiente trugen dazu bei, dass der Workshop für alle Teilnehmenden zu einem ebenso lehrreichen wie vergnüglichen Erlebnis wurde.

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– Essenziell – Leseförderung international

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Äh, wie schreibt man

Literacy? Jeder sechste Jugendliche in Österreich gilt als „Risikoleser“. warum ist das so? internationale projekte zeigen, wie und wo man bei leseförderung ansetzen kann Text: Elisabeth Stuppnig Illustration: Georg Feierfeil

„Ja, das grenzenloseste aller Abenteuer der Kindheit, das war das Leseabenteuer. Für mich begann es, als ich zum ersten Mal ein eigenes Buch bekam und mich da hineinschnupperte. In diesem Augenblick erwachte mein Lesehunger, und ein besseres Geschenk hat das Leben mir nicht beschert“ Astrid Lindgren

W

as Astrid Lindgren so blumig be- als „Risikoleser“. Das bedeutet, dass es nicht schreibt, können nicht alle Kinder sinnerfassend lesen, also Geschriebenes erleben. Die verlorenen Leserinnen nicht verstehen und umsetzen kann. und Leser sind nicht nur für den BuchhanZwar lasen österreichische Kinder 2016 del ein Problem. Die mangelnde Lese- und besser als im Vergleichsjahr 2011, trotzdem Schreibfähigkeit, „Literacy“ oder „Literalität liegt Österreich im Vergleich zu Finnland, “genannt, stellt die EU vor große Herausfor- der Slowakei oder Tschechien (siehe Kasten derungen. Die beziffert die dadurch anfallen- „Zahlen und Fakten“ auf S. 15) zurück. Wie den Kosten mit 350 Milliarden Euro pro Jahr. kommen die schlechten heimischen und die Warum ist schlechtes Lesen und Schrei- guten internationalen Ergebnisse zustande? ben so teuer? Weil es zu mangelnder Produktivität, fehlender Beschäftigungsmöglichkeit Eine Sache des Netzwerks oder höheren Kosten für die Justiz aufgrund In den vergangenen Jahren wurden weltsteigender Kriminalitätsraten führt. weit zahlreiche Projekte ins Leben gerufen, Um schulische Leistungen und erworbe- um die Lesekompetenz zu verbessern. Am ne Kompetenzen von Kindern und Jugendli- ambitioniertesten verfolgte dies in Europa chen zu messen, dient die von der OECD ins das European Literacy Policy Network (ELILeben gerufene PISA-Studie. Deren Ergebnis- NET). Das Projekt der Europäischen Komse von 2015: Kanada liegt beim Lesen an der mission lief von 2014 bis 2016 und hatte das Spitze, dicht gefolgt von Finnland und Irland. Ziel, europäische Partner zu vernetzen, den Österreich liegt unter dem OECD-Schnitt. Austausch zu fördern und somit die LeseAls weitere Methode, um die Leseleistung zu leistungen innerhalb der EU langfristig zu messen, wurde die PIRLS-Studie 2016 erstellt. verbessern. Beteiligt waren auch der österFazit: Jedes sechste österreichische Kind gilt reichische Buchklub, das Literacy »

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– Essenziell – Leseförderung international

»

Center und das österreichische Bibliothekswerk. Die Institutionen erarbeiteten Länderberichte, die sich mit dem Status quo, den Rahmenbedingungen und Fördermaßnahmen auseinandersetzten, um einen Katalog mit guten Praxisbeispielen zu erstellen.

Gender Gap & Sprachbarrieren Buben lesen weniger als Mädchen. Das ist kein Klischee, sondern in manchen Ländern Realität. Während die PISA-Studie 2015 in Österreich keine signifikanten geschlechterspezifischen Unterschiede in den Leseleistungen ergab, zeigen im Spitzenreiterland Finnland viele Buben Leseschwächen, sagt Sari Sulkunen. Als Dozentin an der Universität von Jyväskylä mit den Schwerpunkten Lesekompetenz und Textverständnis unterrichtet Sulkunen zukünftiges Lehrpersonal. Sie ist Mitglied des National Literacy Forum und arbeitet bei Lesekompetenzstudien wie PISA und PIRLS mit. „Es ist schwierig und nahezu unmöglich, wissenschaftlich zu eruieren, ob Studienergebnisse eines Landes auf Leseförderungskampagnen zurückzuführen sind. Wir können nur mutmaßen.“ Das finnische Vorzeigeprojekt „Lukuinto“ wurde 2012 als Teil einer Bewusstseinskampagne ins Leben gerufen, um Geschlechterunterschiede bei der Lesekompetenz zu verringern. „Es ging darum, Väter und Großväter auf ihre Vorbildfunktion hinzuweisen“, sagt Sulkunen. „Die Kampagne scheint erfolgreich zu sein, aber der Gendergap in Finnland ist immer noch groß.“ Eine weitere, weltweite Herausforderung ist die Leseförderung von Kindern mit Migrationshintergrund. Noch immer gibt es nennenswerte Unterschiede in der Lesekompetenz zwischen Mutter- und Nichtmuttersprachlern. In Österreich schnitt die Gruppe von Schulkindern mit Migrationshintergrund bei der PISA-Studie 2015 in puncto Leseleistung viel schlechter ab als die Gruppe jener Schüler, deren Eltern in Österreich geboren wurden. Dem Problem will die österreichische Regierung mit Deutschförderklassen begegnen. Ab 2018/19 sollen Kinder altersunabhängig in solche Klassen kommen, wenn sie die notwendigen Sprachkenntnisse für die Schul­reife nicht besitzen. Österreich ist mit dieser Problematik nicht allein. In Portugal wurde ein Projekt begonnen, das die Migrations- und Sprachbarriere durchbrechen soll: „Português Língua Não Materna“ (PLNM), Portugiesisch für Nicht-Muttersprachler, soll Kindern mit Migrationshintergrund helfen, sich zu integrieren. Sie werden vor dem Schul­eintritt einem PLNM-Test unterzogen, der ihr Portugiesisch

„Das größte Problem ist, Schüler tatsächlich zum Lesen zu motivieren. Es ist nicht klug, einen fingerzeigenden Ansatz zu verfolgen“ Sari Sulkunen, Lesekompetenz-Expertin

überprüft. Bei Problemen belegen sie nicht Portugiesisch, sondern das Fach „Portugiesisch als Zweitsprache“ mit zusätzlich geschultem Lehrpersonal. So werden die Kinder nicht vom Schul­ eintritt ausgeschlossen, sondern im Rahmen von zusätzlichem Förderunterricht beim Erlernen der Sprache unterstützt. Das portugiesische System ähnelt dem geplanten österreichischen. Mit dem Unterschied: In Österreich sollen die Kinder nicht nur für Deutsch, sondern in allen Hauptfächern getrennt unterrichtet werden. Bildungs- und Sozialarbeit Auch die Lebenssituation hat vergleichsweise großen Einfluss auf die Leistungen der Schülerinnen und Schüler. Jene aus sozial schwächeren Familien haben nach wie vor Lese- und Lernschwächen. In den USA haben sich daher Modelle etabliert, die sich mit „Peer Reading“ befassen, also dem gemeinsamen Lesen in Gruppen. Ein Beispiel ist die

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1991 gegründete Organisation „When you read with a child – Everybody wins!“. Grundschulkinder aus sozial schwachen Familien und Erwachsene kommen einmal pro Woche zusammen, um in Zweierteams zu lesen. Auch in Dänemark übernehmen Ehrenamtliche eine wesentliche Verantwortung in puncto Leseförderung: Das Projekt „Taalvrijwilliger“ zielt darauf ab, Freiwillige auszubilden, die Menschen mit Leseschwächen unterstützen. Binnen drei Jahren haben bereits 3.500 ausgebildete Freiwillige mehr als 10.000 schwachen Leserinnen und Lesern geholfen, Lesekompetenzen zu entwickeln. Unterstützt wird das Programm vom dänischen Bildungsministerium. Multimedia „Das größte Problem ist, Schüler tatsächlich zum Lesen zu motivieren“, sagt die finnische Expertin Sari Sulkunen. „Ich glaube nicht, dass es klug ist, einen fingerzeigenden Ansatz zu verfolgen à la: ,Als ich noch jung war, habe ich viel mehr gelesen.‘ Die heutige Generation lebt in einer völlig anderen Umwelt.“ Vielmehr, so Sulkunen, brauche es Akzeptanz gegenüber den jetzigen Generationen. Neue Unterrichtsformen sind gefragt. „Wir müssen lernen, Texte weiter zu definieren. Texte können auch Videos sein, die Kinder produzieren. Denkt man an die Art von Texten, die Kinder und Jugendliche konsumieren, so sind das YouTube-Videos oder Social-Media-Outputs.“ In dieselbe Richtung argumentiert Stefan Salamonsberger, Buchwissenschaftler an der Universität München und Köln (siehe Interview S. 16). „Bei Leseförderung muss es um mehr gehen, als Kindern ein Buch in die Hand zu drücken. Es geht darum, Kinder zu begeistern!“ ­Salamonsberger forscht zur Zukunft des ­Lesens und beschäftigt sich mit multimedialer Lese- und Literaturförderung und digitaler Bildung. Mit „Booktrailer“ hat er ein Konzept erschaffen, das literarisches Lesen mit medialer Arbeit verbindet. Kinder erarbeiten dabei einen Kurztrailer zu einem Buch, das sie gerade lesen. Dafür müssen sie Schlüsselszenen erfassen, in ein Drehbuch übersetzen und die Charaktere analysieren. Lesen aus SpaSS und Ehrgeiz Lesen macht Spaß. Das muss auch Kindern vermittelt werden – etwa indem man das Lesen mit Hobbys in Verbindung bringt. Ein Paradebeispiel dafür kommt aus Deutschland. Seit 2007 integriert das Programm „Fußball trifft Kultur“ der Frankfurter International Literacy Campaign (LitCam) Fußball in 14 Städten Deutschlands

in den Unterricht. Das Projekt richtet sich vorrangig an Kinder aus sozial schwachen Familien. Sie erhalten zweimal wöchentlich Fußballtraining von Jugendtrainern der Bundesligaklubs und Förderunterricht von eigens für das Projekt engagierten Lehrerinnen und Lehrern. Der Unterricht orientiert sich an den Bedürfnissen der Kinder und soll Motivation, Selbstbewusstsein und Sozialverhalten verbessern: Rechnen mit Fußballtabellen, Lesen von Fußballbüchern oder Ausfüllen von Fußballlückentexten. Regelmäßig finden zudem kulturelle Ausflüge in Museen oder Theater und Veranstaltungen, etwa Rap-Poetry-Workshops, statt. Das Projekt läuft mindestens über ein Schuljahr, pro Schule nehmen stets 24 Kinder daran teil. An kreativen Einfällen, Lesekompetenzen zu fördern, mangelt es nicht. Eine spannende Vermittlungsmethode für Geschichten und Literatur ist das japanische Erzähltheater „kamishibai“. Hier kooperieren verschiedene deutsche Büchereien mit Kindergärten, um Kindern Lese-, Sprach- und soziale Kompetenzen zu vermitteln: Auf einer Miniaturguckkastenbühne präsentieren „kamishibai“-Erzählerinnen und -Erzähler mit ausgeschnittenen Figuren Geschichten. Besonders für Kinder, die die Sprache noch nicht perfekt beherrschen, ist das bildgestützte Erzählen eine große Erleichterung und erweitert nicht nur die Fantasie, sondern auch den Sprachschatz der Kinder. In China will man mit Ehrgeiz zum Lesen motivieren. Im Rahmen des Projekts „Reading Programme for Children and Youth“ der öffentlichen Bibliotheken in Hongkong findet regelmäßig ein Lesewettbewerb für Kinder und Jugendliche verschiedener Altersklassen statt, bei dem sie ihre Lieblingsbücher rezensieren. Leiterinnen und Leiter von Bibliotheken wählen den besten Artikel und küren die Siegerautorinnen und ­-autoren.

Zahlen und Fakten 796 Millionen Menschen weltweit haben laut World Literacy Foundation (WLF 2015) Literacy-Probleme. 17 Prozent der 15-Jährigen in Europa und jeder fünfte 16–65-Jährige haben schwache Lesefähigkeiten, geht es nach PISA 2012. Laut PIRLS-Studie gibt es in Italien, Spanien und Frankreich am häufigsten, in Finnland, der Slowakei und in Tschechien hingegen am seltensten Literacy­Schwierigkeiten. 25 Prozent der österreichischen Schülerinnen und Schüler besuchen Klassen, in denen der Leseunterricht maximal ­ 90 Minuten pro Woche umfasst. 40 Prozent der österreichischen Zehnjährigen verbringen außerhalb der Schule weniger als 30 Minuten pro Tag mit Lesen. Der EU-Schnitt liegt bei 46 Prozent. 8 Prozent der österreichischen Leserinnen und Leser sind „besonders leistungsstarke Leser“. Der EU-Schnitt beträgt 12 Prozent.

Marketing als Leseförderung Nicht nur der Staat, auch die Wirtschaft fördert das Lesen. Viele Unternehmen nähern sich dem Thema Leseförderung auf unkonventionelle Weise. Zum Teil finden die von ihnen unterstützten Kampagnen auch Einzug in Marketingagenden. Ein Beispiel: Kinder außerhalb von Bildungseinrichtungen und Leseorten zu erreichen, war in Deutschland der Stiftung Lesen ein Anliegen, in Österreich dem Buchklub der Jugend. Sie fanden in McDonald’s einen Kooperationspartner, der die Aktion mit Beigabe eines Buches statt Spielzeug zum Happy Meal unterstützt. »

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– Essenziell – Leseförderung international

„Bei Leseförderung muss es um mehr gehen, als Kindern ein Buch in die Hand zu drücken. Es geht darum, Kinder zu begeistern!“

Wie wird das Buch zum Abenteuer? Stefan Salamonsberger leitet „Abenteuer Buch“,

Stefan Salamonsberger, Buchwissenschaftler

ein Projekt des Deutschen Bundesverbandes Leseförderung

Wird heute weniger gelesen? Stefan Salamonsberger: Man muss unterscheiden, was Lesen eigentlich bedeutet. Lesen beschränkt sich nicht nur auf das Rezipieren von Literatur, sondern ist auch Teil der Kommunikation: WhatsApp zum Beispiel. Verändert hat sich, dass die Aufmerksamkeitsspanne geringer wurde. Welche Rolle können digitale Medien bei der Leseförderung spielen? Salamonsberger: Sie können helfen, Texte in eine andere Form zu bringen. Kinder, also Konsumenten, können zu Produzenten werden, sich mit den Figuren auseinandersetzen, um ein Verständnis für Geschichten zu erlangen. Videospiele beinhalten zum Teil hochkomplexe Geschichten. Kinder und Jugendliche müssen einen kritischen Geist entwickeln, sich die

In welcher Form kann das geschehen? Salamonsberger: Bei Abenteuer Buch gestalten wir mit Jugendlichen Buchtrailer, eine Art Teaser in der Länge von zwei bis drei Minuten. Damit setzen wir einen filmischen, also kreativen Produktionsprozess hinter das Lesen. Wir erstellen Storyboards, malen uns Bilder aus. Das trägt letztlich dem Rechnung, was wir an digitalen Medien verwenden. Auch Serien haben literarische Vorlagen, das könnte man in den Schulen kombinieren. Hätten Sie eine Buchhandlung, wie würden Sie junge Leute in Ihr Geschäft locken? Salamonsberger: Ich würde einen Ort schaffen, an dem sich Jugendliche zum Austausch treffen, Netflix-Streaming­ abende, eventuell Ausstellungen mit Fotografien oder Konzerte organisieren. Wichtig wäre die Kooperation mit Schulen. Man kann Jugendliche für Orte begeistern, wenn man versucht ihre Welt zu verstehen, die zunehmend digital wird.

»

Kinder, Jugendliche und Erwach- Eine Frage des Geldes sene tummeln sich im Netz und kommunizie- Ob im Zug, in der Schule oder zu Hause, ob ren hauptsächlich über die sozialen Medien. in Österreich, Portugal oder Finnland: LeseWo, wenn nicht im WWW, kann also besser förderung hat europaweit ein gemeinsames Problem. Es fehlt das Geld dafür. Laut BuchWerbung fürs Lesen gemacht werden? Auf Instagram etwa hat sich ein Selfie- wissenschaftler Salamonsberger werden Trend entwickelt, den sich auch Buchhand- Lese­förderungsmaßnahmen nicht ausreilungen zunutze machen. Unter dem Hashtag chend unterstützt. Außerdem würden ein#bookface posten Userinnen und User Bilder zelne Projekte nur schwer von wirtschaftlivon sich, wie sie Buchcover, auf denen ein chen und politischen Entscheidungsträgern Gesicht abgebildet ist, so ans eigene Gesicht angenommen: „Nur zu oft nehmen sich Pohalten, dass sich die gedruckten und die rea- litik und Wirtschaft aus der Verantwortung und überlassen es Non-Profit-Organisatiolen Gesichter möglichst nahtlos ergänzen. Für Buchhandlungen ist das eine will- nen, sich dem wesentlichen Thema Bildung kommene Möglichkeit, Interesse am Buch anzunähern.“ Ein positives Beispiel bietet Italien und der und eine breite Öffentlichkeit zu generieren. Verschiedene Büchereien in Europa erzielten „Bonus Cultura“: Die Initiative des Kulturmimit #bookface-Einträgen wesentlich mehr nisteriums stellt seit 2016 allen 18-Jährigen einen Gutschein im Wert von 500 Euro zur Likes als mit regulären Instagram-Posts. Die ÖBB startete 2015 gemeinsam mit den Verfügung, den sie innerhalb eines Jahres für Öffentlichen Bibliotheken Oberösterreichs kulturelle Güter und Events ausgeben köndie Aktion „Bücher fahren Zug.“. Dabei wur- nen. Über 600.000 18-Jährige haben sich in den 10.000 Romane, Krimis, Ratgeber und zwei Jahren einen Gutschein gesichert und Zeitschriften in den Zügen der ÖBB aufge- rund 80 Prozent des Budgets, also 132 Milliolegt. Die Fahrgäste durften sich am Ende nen Euro, für Bücher aufgewendet. Im österihrer Fahrt den Lesestoff auch mitnehmen. reichischen Bundesministerium für ­Bildung,

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Foto: Fotostudio Unger

Bilder oder Texte nicht nur anschauen.

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Wissenschaft und Forschung bemüht man sich indes, auf Passagen im Regierungsprogramm hinzuweisen, die sich der Leseförderung widmen: Als steuernde Maßnahme nennt das Ministerium den Lese­erlass vom Dezember 2017. Er verweist auf den Österreichischen Rahmenleseplan und erfordert die Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten der Pädagogischen Hochschulen, der Universitäten und einschlägigen Institutionen sowie (Schul-)Bibliotheken. Der Rahmenleseplan wurde als Orientierungshilfe und Handlungsanleitung im Zuge von ELINET erarbeitet. Gerhard ­Falschlehner, Geschäftsführer von „Buchklub“, Österreichs größter Non-Profit-Organisation zur Leseförderung, ist einer der siebzig Leseexpertinnen und -experten, die an der Entwicklung mitgearbeitet haben. „Der Rahmenleseplan hat dabei geholfen, dass Institutionen zum ersten Mal zusammengearbeitet haben. Jetzt möchte man gestärkt als Netzwerk gemeinsame Projekte auf die Beine stellen.“ Dass der Rahmenleseplan Einzug in das österreichische Bildungssystem findet, hält er für wahrscheinlich: „Ich habe bereits ein

erstes positives Gespräch mit Minister Heinz Faßmann geführt. Wichtig ist, dass man gemeinsam im Ministerium auftritt und sich unterstützende Partner aus der Wirtschaft holt.“ Buchhandel und Bibliotheken Mangelnde Literalität zu bekämpfen, ist auch heimischen Buchhandlungen ein Anliegen. So etwa Michael Lehner vom BuchLAAden in Laa an der Thaya (siehe Porträt S. 25). Er sieht seine Buchhandlung als Leseförderungsinstitution und veranstaltet Lesungen, Lesenächte und Buchpräsentationen, um Jugendliche zum Lesen zu bewegen. „Leseförderung ist ein Knochenjob. Wir organisieren Autorenlesungen für Schulen und machen jeden noch so nicht lukrativen Büchertisch, um auf das Lesen aufmerksam zu machen. Die Kosten übernehmen wir, meist ohne Aussicht auf Rückverdienst.“ Neben dem Buchhandel nehmen vor allem die Bibliotheken eine zentrale Rolle bei der Leseförderuung ein. Ein Projekt des Büchereiverbands Österreich (BVÖ) ist „Österreich liest“. Auf der Website werden verschiedene

Leseförderungskonzepte und Netzwerke vorgestellt. Darunter sind Portale mit Tipps und Ideen oder Netzwerke wie die Koordinationsstelle Lesen, die die Fortbildung von Volksschullehrerinnen und -lehrern unterstützt. Auch der „Österreichische Vorlesetag“, der am 15. März des Jahres mit Promis wie Thomas Brezina oder Chris Lohner in Wien stattgefunden hat, soll das Lesen stärker im Bewusstsein verankern. Am 16. Novermber 2018 findet in über fünfzig Städten und Ortschaften Österreichs „Der große Vorlesetag“ mit prominenten Unterstützerinnen und Unterstützern wie Eva Menasse, Barbara Stöckl oder Erich Schleyer statt. Leseförderung in Österreich sollte schließlich auf mehr als auf das Erreichen des OECD-Schnitts abzielen. Eine Generation, die gut lesen und schreiben kann und vor allem Spaß daran hat, ist im Interesse von Staat und Wirtschaft – natürlich auch des Buchhandels. Dabei schadet es nicht, sich von anderen Ländern erfolgreiche Programme abzuschauen, um Kindern – ganz im Sinne Astrid Lindgrens – das „grenzen­ loseste aller Abenteuer“ zu eröffnen. «

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– Wissenswert – Historisches

Kaiser, Matrosen und Lebensretter Text: Elisabeth Schepe

Der Bücherherbst verspricht historische Sachbücher, die sich um schillernde und verblasste Namen der Geschichte drehen, um wichtige Jubiläen, kleine Gegenstände und große Gebäude

E

in Blick in die druckfrischen Herbstprogramme der Verlage offenbart spannende Neuerscheinungen zu historischen Themen. Viele haben einen biografischen Zugang, viele sind an die Jubiläen, die heuer begangen werden, geknüpft. Wieder andere erzählen Geschichten, die sonst niemand erzählt. Wir haben vorab in den Katalogen geblättert und einen ersten selektiven Überblick zusammengestellt.

„Zerrissene Leben. Das Jahrhundert unserer Mütter und Väter“ (wbg Theiss) von Konrad Jarausch, das Biografien einer ganzen „Generation Weimar“ sammelt: glühende Nazis, Holocaust-Opfer und unpolitische Zeitzeugen. Mit einer ganzen Dynastie beschäftigt sich Roman Sandgruber: Sein Buch „Rothschild. Glanz und Untergang des Wiener Welthauses“ erscheint im September bei Molden.

Biografien

Schon 2017 liefen die Kampagnen der Tourismusregionen rund um die „Stille Nacht“-Orte an: Heuer steht das große Jubiläumsjahr des berühmtesten Weihnachtslieds der Welt an. Pünktlich vor der Adventszeit erscheinen „Stille Nacht – ein Lied mit Geschichte“ von Tina Breckwoldt (Servus), „Stille Nacht und das Geheimnis der Zauberflöte“ (Tyrolia) von Reinhard Schwabenitzky und „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ (Residenz) von Werner Thuswaldner.

Stille Nacht

Im Klimt- und Schiele-Gedenkjahr 2018 mag man fast auf einen weiteren Vertreter der Wiener Moderne vergessen: Zsolnay tut das nicht und bringt im August eine Biografie von Rüdiger Görner über Oskar Kokoschka. Der 200. Geburtstag der mächtigsten Frau des 19. Jahrhunderts steht nächsten Mai an. Anlässlich dessen erscheint bei C.H. Beck Karina Urbachs Biografie „Queen Victoria. Die unbeugsame Königin“. Bei Haymon erscheint „Kaiser Maximilian I.“ von Michael Forcher und Christoph Haidacher anlässlich des 500. Todesjahres, bei ­Tyrolia Sabine Weiss’ „Maximilian I. Habsburgs faszinierender Kaiser“. Residenz bringt eine Biografie von „Lise Meitner. Pionierin des Atomzeitalters“, die das Prinzip der Kernspaltung entdeckt hat. Auch einem Pionier der Wissenschaft, Karl von Frisch, porträtiert Tania Munz in „Der Tanz der Bienen. Karl von Frisch und die Entdeckung der Bienensprache“ (Czernin, August).

Die großen Fragen Einige Neuerscheinungen spannen im Herbst einen weiten historischen Bogen und verfolgen Phänomene über Jahrhunderte und -tausende hinweg. Zwei Oxford-Historiker, Simon Price und Peter Thonemann, reflektieren die Bedeutung des antiken Europa für den heutigen Kontinent: „Die Geburt des klassischen Europa. Eine Geschichte der Antike von Troja bis Augustinus“ (Wbg ­Theiss). Stefan-Ludwig Hoffmann hat eine „Geschichte der Menschenrechte“ (Suhrkamp, November) geschrieben. Ein großes Vorhaben hat der französische Soziologe Emmanuel Todd umgesetzt: Bei C.H. Beck erscheint im Juli „Traurige Moderne. Eine Geschichte der Menschheit von der Steinzeit bis zum Homo Americanus“. Im selben Programm findet sich mit Neil MacGregors „Leben mit den Göttern“ ein Werk über 40.000 Jahre Religionsgeschichte. Einen ideengeschichtlichen Ansatz hat Alberto Manguels „Sehnsucht Utopie. Eine Reise durch fünf Jahrhunderte“ (Folio, September), das Einblicke in die Utopien großer Denkerinnen und Denker gibt – von Francis Bacon bis John Lennon und Yoko Ono. Mit einem Thema, das immer geht, beschäftigt sich der Amalthea-Autor Dietmar

Familien und Generationen Auch die Biografien weniger großer Namen werden aufgearbeitet. Die Journalistin Anna Goldenberg nähert sich ihrer Familiengeschichte mit einer Biografie: In „Versteckte Jahre. Der Mann, der meinen Großvater rettete“ (Zsolnay) erzählt sie von ihrem Opa Hansi, den der Kinderarzt „Pepi“ Feldner in seiner Wohnung in Wien versteckte und vor der Deportation bewahrte. Ein ebenso spannendes Format sind kollektive Biografien. Im Herbst kommt u. a. Masha Gessens „Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor“ (Suhrkamp), in dem sie vier Menschen der Generation 1984 in der Sowjetunion und schließlich Russland porträtiert. Außerdem

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– Wissenswert – Historisches

­ rieser: „Was bleibt, ist die Liebe. Von Beethovens G Mutter bis Kafkas Braut“ erzählt die Liebesgeschichten berühmter Persönlichkeiten.

e­ iner Revolution“ von Dirk Liesemer heraus. Mit dem Ende der Weimarer Republik beschäftigen sich Rüdiger Barth und Hauke Friederichs in „Die Totengräber. Der letzte Winter der Weimarer Republik“ (S. Fischer).

Von Geigen und Gebäuden Philipp Blom hat einen besonderen Zugang zu einer Epoche gefunden: Er verfolgt eine Geige und ihre Entstehung und stößt dabei auf einen Geigenbauer um 1700: „Eine italienische Reise. Auf den Spuren des Auswanderers, der vor 300 Jahren meine Geige baute“ erscheint im November bei Hanser. Eines speziellen Gebäudes hat sich Yuri ­Slezkine angenommen. „Das Haus der Regierung. Eine Saga der Russischen Revolution“ (Hanser) hat ein EliteWohnhaus in Moskau im Fokus. Das Parlament in Wien ist Ausgangspunkt eines Buchs, das sich mit dem Gebäude während des Ständestaats und der NS-Zeit beschäftigt: „Inbesitznahmen. Das Parlamentsgebäude in Wien 1933–1956“ (Residenz) von Bertrand Perz, Verena Pawlowsky und Ina Markova. Bei Molden erscheint der zweite Band von Gregor Auenhammers Wiener Spaziergängen: „Auf den Spuren von Otto Wagner“ dokumentiert anhand markanter Gebäude Wagners Werk.

Nationalsozialismus 2018 jährte sich der „Anschluss“ Österreichs an Hitlers Drittes Reich zum achtzigsten Mal. Kommendes Jahr ist es dann der Beginn des Zweiten Weltkrieges, der achtzig Jahre zurückliegt. In den Verlagsprogrammen finden sich demnach zahlreiche Sachbücher zur NS-Zeit. Mit der Vereinsgeschichte des Deutschen Klubs und seiner Bedeutung für das „Dritte Lager“ beschäftigen sich Linda Erker, Andreas Huber und Klaus Taschwer in „Deutscher Klub. Austro-Nazis in der Hofburg“ (Czernin, November). Auch die Nachkriegszeit wird thematisiert: Felix Bohrs „Die Kriegsverbrecherlobby. Bundesdeutsche Hilfe für im Ausland inhaftierte NS-Täter“ beschäftigt sich mit einem eher unbekannten Kapitel deutscher Vergangenheitspolitik (Suhrkamp). Volker Ulrich setzt sich mit einer großen Frage auseinander: Wären der Holocaust und der Vernichtungskrieg ohne Hitler denkbar gewesen? In seiner Biografie „Adolf Hitler. Die Jahre des Untergangs 1939–1945“ (S. Fischer) will er die Persönlichkeit des Diktators greifbar m ­ achen.

Österreich 1918 Viel ist bereits im Frühjahr zum Ende der Monarchie und dem Anfang der Ersten Republik erschienen. Einiges kommt noch: Haymon bringt „Umstritten, verspielt, gefeiert. Die Republik Österreich 1918/2018“. Ein Rückblick der etwas anderen Art auf die letzten Jahre der Monarchie ist Arno Spreitzhofers „Luxus, Laster, Leidenschaft. Seitenblicke auf die k. u. k. Gesellschaft“ (Molden), in dem er die Skandale der k. u. k. Zeit aufzeichnet: von Mayerling bis zu Karl Kraus als „Watschenmann“.

Regionalgeschichte Für viele Leserinnen und Leser hat die Regionalund Lokalgeschichte einen besonderen Reiz. Bei Tyrolia erscheint „14 Tage 1918. Die Anfänge der Republik in Tirol“ von Ivona Jelcic und Matthias Breit. Im Herbstprogramm von Amalthea: „Hietzing. Von Künstlervillen & Künstlerleben“ von Werner Rosenberger, der im 13. Wiener Gemeindebezirk auf die Suche nach Anekdoten ging. Die Edition Winkler-Hermaden bringt im Oktober u. a. „Es geschah im Industrieviertel“ von Thomas Hofmann heraus. Für Venedig-Liebhaber hat Braumüller eine Kulturgeschichte der venezianischen Küche im Programm: „La Cucina Veneziana. Küchengeheimnisse Venedigs vom Centro Storico bis in die Lagune“ von Gerd Wolfgang Sievers.

Deutschland 1918 Viele deutsche Sachbuchverlage konzentrieren sich diesen Herbst auf die Ereignisse vor hundert Jahren: das Ende des Ersten Weltkrieges, die Novemberrevolution angefangen mit den Matrosenaufständen und die Weimarer Republik. Bei Wbg Theiss erscheint etwa Lothar Machtans „Kaisersturz. Deutschland im Herbst 1918“. Mare bringt im August „Aufstand der Matrosen. ­Tagebuch

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– Wissenswert – Gastkommentar

Ungeniert kürzen und entstellen Helmut Opletal

University Press, die über 300 Artikel für chinesische Leser blockierte, damit die Fachzeitschrift „China Quarterly“ weiter an den dortigen Universitäten aufgerufen werden kann! Chinesische Intellektuelle und Wissenschaftler publizieren oft im immer noch relativ freien Hongkong, weil sie vieles zu Zeitgeschichte oder Gesellschaftskritik zuhause nicht herausbringen können. So gesehen sind die Entführungen und Festnahmen von Hongkonger Verlegern und Buchhändlern wie Gui Minhai durch Peking wohl als Warnung an alle unabhängigen Verlage und Medien in Hongkong zu verstehen, die die innerchinesische Zensur zu umgehen versuchen. Gui, immer noch in China in Haft, wurde 2018 mit dem IPA Prix Voltaire geehrt. Für höhere Funktionäre gibt es in China übrigens ein System alternativer Informationen. „Interne“ Zeitungen und Bücher berichten, was Normalbürger nicht zu Gesicht bekommen dürfen, einschließlich kritischer Sichtweisen und Fakten. Zensur nur für die „Massen“ also? Ein wenig Hoffnung besteht: Es gibt in China heute viel mehr Freiheiten als unter Mao, auch das Internet und die Mobilität der Menschen (die z. B. sehr leicht ins Ausland reisen können) führen viele Zensurmaßnahmen mittlerweile ad absurdum. Und auch die wachsende Zivilgesellschaft lässt sich die Blockaden nicht mehr so einfach bieten.

Nur auf den ersten Blick überrascht das vielfältige Angebot chinesischer Verlage. Peking setzt auch die unabhängige Buchproduktion in Hongkong unter Druck

I L L U S T R A T I O N : G E O R G F E I E R F E I L , F O T O : P R I VA T

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enn man einen der Buchläden in Peking oder Shanghai betritt, ist man zunächst überwältigt von dem reichen Sortiment: Neben chinesischen Klassikern findet man die gesamte Weltliteratur; Werke Henry Kissingers liegen genauso prominent auf wie Biografien über Donald Trump und Angela Merkel. Es gibt ein ganzes Regal zu Menschenrechten, ein anderes zu Religion; Reiseführer für alle erdenklichen Weltgegenden, Broschüren über Sexualität, Lifestylemagazine oder Freizeitratgeber. Erst wenn man genauer schaut, fallen ein paar Lücken auf. Sie betreffen Chinas große Tabuthemen, die auch in Medien, Unterricht oder Forschung ausgespart bleiben müssen. Das sind einmal die drei „T“ (Tibet, Taiwan, Tiananmen), auch über das Privatleben oder finanzielle Machenschaften von Spitzenpolitikern, zum in Haft verstorbenen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo oder zur verfemten Falungong-Sekte wird man nichts finden, ebenso wenig zur großen Hungersnot oder den Massenhinrichtungen und Lagern für politische Gefangene in den 1950er-Jahren.

Noch mehr Blößen finden sich, wenn man etwas genauer zwischen den Buchdeckeln sucht: Übersetzungen ausländischer Werke werden großflächig gekürzt, oft ohne Zustimmung und Wissen der Autoren, wie das PEN American Center 2015 in einem vielbeachteten Report aufgedeckt hat. So wurden Hillary Clintons Bemerkungen über Taiwan einfach gestrichen, selbst literarische Werke hat man ungeniert verstümmelt. Die GAPP (General Administration of Press and Publication) klopft alle 500.000 Buchtitel, die jährlich in China erscheinen, penibel darauf ab, ob sie keine politischen Schranken übertreten, sonst ordnet sie das Umschreiben ganzer Absätze und Kapitel an. Und ähnlich wie bei tagesaktuellen Medien erhalten Redaktionen und Webportale täglich Anweisungen, welche Themen oder Formulierungen zu meiden, welche Fotos unerwünscht oder welche Sichtweisen anzuwenden sind. Selbstzensur tut ein Übriges. Selbst ausländische Verlage spielen aus kommerziellen Überlegungen mit, wie zuletzt die Cambridge

„Sogar ausländische Verlage spielen aus kommerziellen Überlegungen mit“

Helmut Opletal hat in Wien und Peking studiert. Er war ORF-Redakteur und in den 1980er-Jahren auch Korrespondent in Peking. Heute forscht und lehrt er an der Universität Wien, unter anderem über Medien in China.

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– Marktdaten –

Buchhandelspanel April 2018 Da das Ostergeschäft heuer in den März fiel, war ein Umsatzminus für den April zu erwarten. Geäußert hat es sich darin, dass der Buchhandel im April 2018 mit –19,8 Prozent um ein Vielfaches schlechter abschnitt als noch im April 2017. Verglichen zum Vorjahresmonat musste vor allem das Hörbuch ein Umsatzminus verzeichnen (–38,7 Prozent). Auch die Umsätze beim Taschenbuch und beim Hard- und Softcoverbuch sanken in der Höhe von 21,5 bzw. 18,7 Prozent

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Umsatzveränderung-5

April 2018

Hörbuch/Au

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–1,9 % Kumuliert Jän. 2018 bis April 2018 –19,8 % April 2018 zu April 2017

Hardcover, Softcover –18,7 %

Taschenbuch –21,5 %

Hörbuch/ Audiobook –38,7 %

Umsatzveränderung Nach Warengruppen April 2018 zu April 2017

0

Belletristik –19,5 %

Kinderund Jugend­ bücher –35,9 %

Reisen –17,1 %

Ratgeber –16,5 %

Geisteswissenschaften, Kunst, Musik –4,1 %

Naturwissenschaften, Medizin, Informatik, Technik –13 %

Sozialwissenschaften, Recht, Wirtschaft –6,7 %

Sachbuch –14 %

Die Ostergeschenke wurden im Vormonat gekauft, daher überrascht das starke Minus (–35,9 Prozent) bei Kinder- und Jugendbüchern nur wenig. Umsatzeinbußen ergaben sich auch in den Sparten Belletristik (–19,5 Prozent), Reisen (–17,1 Prozent), Ratgeber (–16,5 Prozent), dem Sachbuch (–14 Prozent) und Naturwissenschaften und Medizin (–13 Prozent) sowie Sozialwissenschaften und Recht (–6,7 Prozent) und Geisteswissenschaften und Kunst (–4,1 Prozent).

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Sachbuch

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Sozialwissenscha

-15 -20

Naturwissenscha

-25

Geisteswissensch

Korrektur: In der letzten Ausgabe des anzeigers wurde ein falscher kumulierter Wert für den Zeitraum Jänner 2018 bis März 2018 von –4 % angegeben: Der kumulierte Wert betrug jedoch +4,1 %.

-30

Ratgeber

-35 -40

Umsatzverteilung

UmsatzveRteilung Nach Warengruppen

April 2018

April 2018 Taschenbuch 18,9 %

Hardcover, Softcover 79,3 %

Hörbuch / Audiobook 1,8 %

Sozialwissenschaften, Recht, Wirtschaft 3 % Naturwissenschaften, Medizin, Informatik, Technik 5,4 % Geisteswissenschaften, Kunst, Musik 6,7 %

H ö rbu ch T / a A s c ud h en iob bu Ha o ch r d cov er, S o ftc ov er

Im Auftrag des HVB ermittelt das Marktforschungsinstitut media control monatlich die Umsatzveränderungen im Vergleich zum Vorjahresmonat für die Absatzwege Sortimentsbuchhandel, E-Commerce, Bahnhofbuchhandel sowie Elektro- und Drogeriemarkt. Mit dem MC-Buchhandelspanel werden 83 Prozent aller Barverkäufe in Österreich abgedeckt.

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Ratgeber 20,8 %

Reisen 8,6 %

Reisen

Kinder- und Juge Belletristik Sachbuch 12,4 %

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Belletristik 27,4 %

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– HVB-Mitglieder im Porträt – Verlegerin / Westermann Gruppe in Österreich (Verlage E.DORNER, Verlag Jugend & Volk), Wien

Iris Blatterer

Porträts: Elisabeth Stuppnig Foto: Christopher Mavric

„Das Wichtigste ist, nicht betriebsblind zu werden!“

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ls Iris Blatterer die Ausschreibung des Schulbuchverlags Jugend & Volk las, war ihr klar: „Dieser Job ist für mich gemacht!“ Die zukünftige Führungskraft sollte aus der Buchbranche kommen, internationale und digitale Erfahrung besitzen und Projekte realisiert haben. Perfekt für Blatterer, die nach einem Wirtschaftsstudium und zwei Lehrausbildungen zur Großhandelskauffrau für Verlagswesen und Buchhändlerin bei einer Softwarefirma und im Projektmanagement in Führungspositionen gearbeitet hatte. Nach der Geschäftsführung des Verlags ­Jugend & Volk im Jahr 2010 übernahm

­ latterer 2015 die Geschäftsführung von B E.DORNER . Beide Verlage laufen nun unter dem Namen Westermann Gruppe in Österreich. Die zweifache Geschäftsführerin nimmt ihre Doppelrolle mit Humor: „Ich kann mich mit mir selbst streiten.“ Während E.DORNER als Volksschul- und AHS-Verlag bekannt ist, verlegt Jugend & Volk neben der Volksschule mehr Bücher für NMS und berufsbildende Schulen. Verändert habe sich in den letzten 18 Jahren vor allem der Anspruch ans Angebot, so Blatterer. Seit einer Anschubaktion des Familienministeriums liefert der Verlag etwa mit „digi4school“ auch weiterhin digitale Materialien. Schulen können damit E-Books zusätzlich zu den regulären gedruckten Schulbüchern bestellen. Ein Aufwand, der nicht immer leicht zu bewerkstelligen ist: „Digitale Materialien ordentlich aufzubereiten, kostet nicht nur Geld, sondern auch Zeit.“ Schließlich müssen Bild- und Textrechte für die digitale Nutzung erworben, Datenschutzbestimmungen berücksichtigt und Programme laufend aktualisiert werden. Blatterer sieht die Westermann Gruppe in Österreich als „Langstreckenläufer“: Bis ein Buch am Tisch der Schülerinnen und Schüler liegt, vergehen bis zu vier und für komplette Reihen bis zu neun Jahre. „Während wir eine Reihe fertigstellen, beginnen wir unabhängig von neuen Lehrplänen bereits die erste Ausgabe zu aktualisieren.“ Die Vorgaben kommen vom Bildungsministerium, das Angebot muss das Team des Verlags stets den Lehrplänen anpassen. Ein wesentlicher Unterschied zu anderen Verlagen: Viele der Autorinnen und Autoren sind Lehrerinnen und Lehrer. „Wir wissen, wie man Medien herstellt und wie man sie vermarktet, die Lehrerinnen und Lehrer wissen, wie man unterrichtet. Diese Expertisen ergänzen sich sehr gut.“ Am HVB schätzt Blatterer die Möglichkeit, sich mit Brancheninsidern auszutauschen, die nichts mit Schulbüchern zu tun haben, denn „das Wichtigste ist, nicht betriebsblind zu werden!“ Iris Blatterer arbeitet viel – und sehr gern, wie sie strahlend sagt. Der Grund: „Wir erstellen Produkte, die etwas für die Gesellschaft leisten.“

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– HVB-Mitglieder im Porträt – Buchhändler / BuchLAAden, Laa an der Thaya Foto: Lukas Ilgner

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Michael Lehner

ichael Lehner kennt seine Kundschaft. „Leute am Land lesen Bücher, für die sich in der Stadt kaum jemand begeistert.“ Da gibt es zum Beispiel den Straßenarbeiter, der seit zehn Jahren in Pension ist und monatlich zwei Sachbücher über Hoch- und Tiefbau kauft. Dann der ehemalige Bankangestellte, der Bücher über schwarze Magie verschlingt, oder der frühere Besitzer eines Reisebüros, der als Pensionist zum Theaterfan avanciert ist und sich jede neue Schauspieler-Biografie besorgt. Zwar bietet Lehner auf 180 Quadratmetern ein breites Sortiment an Krimis, Belletristik, Kinder-, Jugend-, und Sachbuch, richtet sich aber auch stark nach den Wünschen seiner Kundinnen und Kunden: „Wenn mir etwas im Katalog unterkommt, das meine Kunden interessieren könnte, dann bestelle ich das. Die Bücher gehen dann auch wirklich.“ Vor seiner Zeit als Buchhändler war Lehner Pastoralassistent und Seelsorger. Der Umstieg war letztlich die Erfüllung eines lang gehegten Traumes. Einfach war es nicht: „Wir wussten, wie schwer es sein wird, in Laa an der Thaya, einer Grenzstadt im Einzugsge-

biet, eine Buchhandlung zu eröffnen.“ Nach langer Suche fand Lehner schließlich den geeigneten Standort am Stadtplatz und eröffnete 2005 seinen BuchLAAden. Der HVB war dem Quereinsteiger vor allem in den Anfangsjahren eine große Hilfe: „Diverse Kurse des mediakollegs, wie zum Beispiel ‚Grundwissen Buchhandel‘, haben mir sehr geholfen.“ Vor Lehners BuchLAAden steht eine alte Holztafel, auf der alle zwei Wochen ein anderer Spruch als Eyecatcher ins Geschäft locken soll. Derzeit: „Wer liest, lebt 1.000 Leben. Mindestens.“ Ein Leben ohne Lesen? Für Lehner nicht vorstellbar. „Es gibt keinen Theologen, der nicht gerne liest“, sagt er. Seine bevorzugte Lektüre beschränkt sich aber nicht auf geistliche Werke. „Ich liebe gut recherchierte historische Romane, bei denen man merkt, dass sich ein Autor mit Geschichte auseinandergesetzt hat und reale und fiktive Figuren zusammenbringt.“

BuchLAAden Stadtplatz 2

„Leute am Land lesen Bücher, für die sich in der Stadt kaum jemand begeistert“

Mit Lehner arbeitet noch eine weitere Angestellte im BuchLAAden, eine gelernte Buchhändlerin. Das sei wichtig für eine Landbuchhandlung, sagt er: „Wir müssen mit Kompetenz, guter Organisation und Wissen punkten. Viele Abwanderungskunden fahren lieber in Shoppingcenter oder nach Wien, um Bücher zu kaufen.“ Am Land gebe es weder „Monsterfrequenzen“, wie Lehner sie nennt, noch locke großer Umsatz. Auch die Auslieferungen seien komplizierter als in der Stadt. Dennoch: Nach Wien würde Lehner niemals ziehen. „Ich bin ein Kleinstadtmensch und stehe auf die Lebensqualität am Land.“

2136 Laa an der Thaya

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– HVB-Mitglieder im Porträt – Verleger / Edition Tandem, Salzburg Porträts: Elisabeth Stuppnig Foto: Chris Hofer

„Wir wollen nicht das hundertste Bärenbuch verlegen“

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Volker Toth

en Vorwurf, dass er ein Workaholic sei, hört Volker Toth oft und ungern. Schließlich sei damit vorwiegend Negatives konnotiert. Er hingegen liebe alle seine Arbeiten, erzählt der Salzburger. Der studierte Theologe ist neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Lehrer für evangelische Theologie und Ethik auch leidenschaftlicher Verleger. In seinem Verlag „Edition Tandem“ unweit des Schlosses Freisaal mit Blick auf die Hellbrunner Allee hängen zahlreiche Bilder. Neben Kunstwerken aus der Schule, in der Toth unterrichtet, finden sich auch Bilder von Menschen mit Behinderungen. Selbst Vater eines behinderten Sohnes, hat Toth lange Zeit die Diakonie in Salzburg aufgebaut. Auch deshalb ist es ihm ein besonderes Anliegen, Kinder an das Thema Behinde-

rung heranzuführen: „Wir wollen nicht das hundertste Bärenbuch verlegen, sondern versuchen, den Kleinen auch die schweren Themen des Lebens näherzubringen.“ Neben Kinderbüchern zum Thema Behinderung sind in der Edition Tandem auch Bände über die Kinderhospiz Sterntalerhof im Burgenland oder die Kinderleukämieklinik in Salzburg erschienen. Dem Verleger ist es wichtig, regionale Autorinnen und Autoren zu fördern und zeitgeschichtliche Themen mit Salzburg-Bezug aufzugreifen: „Wir wollen hauptsächlich das Leben dokumentieren und nicht Fiktionen anbieten.“ So sind Erinnerungen einer Holocaust-Überlebenden, aber auch ein Buch über Roma und die Bettelproblematik, Fremdarbeiter im Pinzgau und Regen in Salzburg erschienen. Ein Schwerpunkt ist die Pflege zeitgenössischer Lyrik. Der Verlag bringt ne-

ben Romanen auch Reiseführer, Werkkataloge oder Regionalia heraus, wie zum Beispiel das historisch-etymologische Lexikon Salzburger Ortsnamen. Seit Kurzem kooperiert Toth, der auch Kirchenmusik studiert hat, mit der Salzburger Musikuniversität und verlegt Noten junger Komponistinnen und Komponisten. „Noten on Demand“ nennt er das Projekt, für das eine kleine Digitaldruckmaschine zum Einsatz kommt. Ihm tut es leid, nicht immer alle Manuskripte berücksichtigen oder allen jungen vielversprechenden Autorinnen und Autoren eine Chance geben zu können: „Neben Abrechnungen, Bilanzen und der Pflege der Homepage bleibt nicht viel Zeit“, sagt er. „Mit der Verwaltung stirbt die Kreativität.“ Als Einzelunternehmer verlegt Toth jährlich maximal 15 Bücher, mehr ist aufgrund des hohen Verwaltungsaufwands nicht drin. Umso mehr schätzt er die Unterstützung des Hauptverbandes: „Als Kleinverlag ist es unheimlich wichtig, dass ich am Gemeinschaftsstand des HVB auf Messen vertreten sein kann. Alleine schafft man es nicht.“

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– HVB-Mitglieder im Porträt – Kunsthändlerin und Antiquarin / Kunstverlag Wolfrum, Wien

Gabriele Wolfrum Foto: Christopher Mavric

„Entweder ich mache etwas zu hundert Prozent oder ich lass’ es“

Kunstverlag Wolfrum Augustinerstraße 10 1010 Wien

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ir sind ein Gemischtwarenladen, oder ,mixed pickles‘, wie die Briten sagen“, lacht ­Gabriele Wolfrum. Der Kunstverlag Wolfrum am Albertina­platz ist eine Kunsthandlung mit Galerie und kleinem Stichantiquariat, aber auch Buchhandlung. „Die Buchhandlung ist mein Hobby“, sagt die sympathische Kunsthändlerin. Schließlich hat sich Wolfrum wie kaum eine andere Buchhandlung in Wien auf ein Segment spezialisiert: Kunst- und Ausstellungskataloge. Früher verkaufte sie Bücher über Möbel, Teppiche, Glas oder Schmuck. Die meisten stammten aus Frankreich oder Italien, die wenigsten erschienen auf Deutsch. Abnehmerinnen und Abnehmer gab es kaum. Für Gabriele und Ehemann Hubert Wolfrum, heute fürs Antiquariat zuständig, Grund genug, 2013 das allgemeine Buchsortiment aufzulösen. „Ich war schon immer so: Entweder ich mache etwas zu hundert Prozent oder ich lass’ es“, sagt Gabriele Wolfrum. Jetzt finden sich über 4.500 Kataloge zu laufenden oder kommenden internationalen

Ausstellungen in den altehrwürdigen Räumlichkeiten des Palais Lobkowitz im ersten Wiener Gemeindebezirk. Neben der umfangreichen Auswahl an Ausstellungskatalogen gehören auch 9.000 Kunstkarten zum Sortiment der Kunsthandlung: „Die Pflege der Kunstkarten ist eine Urspezialität von Wolfrum“, sagt die Geschäftsführerin. Gegründet hat den Kunsthandel ­Marie Wolfrum, die Großmutter von Gabriele Wolfrums Ehemann, im Jahr 1920. Damals noch am Kohlmarkt, übersiedelte das Unternehmen 1925 an die heutige Adresse, wo Besucherinnen und Besucher auf drei Ebenen Kunstdrucke, Poster, Karten, historische Landkarten, Stiche, moderne Kunst und eben Ausstellungskataloge finden. Der normale Buchhandlungskunde kommt nicht zu uns“, sagt Wolfrum. Wer dann? „Museumsleute, Auktionsmenschen, kulturinteressierte Mediziner und bildende Künstler“, zählt sie auf. Darunter auch Stars wie Hermann Nitsch, Arnulf Rainer oder Friederike Mayröcker. „Wenn die Mayröcker kommt und was bestellt, dann besorgt man das natürlich. Das zählt für mich zur Kundenpflege.“ Aufgewachsen in einem Dorf in Oberösterreich, gehörten regelmäßige Hausmusikabende zum Alltag der kunstaffinen Familie der Geschäftsführerin. Vielleicht ist es ihr deshalb ein großes Anliegen, junge Künstlerinnen und Künstler zu fördern: Im Untergeschoß der Kunsthandlung finden regelmäßig Ausstellungen zur zeitgenössischen Kunst statt, erzählt Wolfrum, während sie durch die Räumlichkeiten führt: „Einerseits liebe ich unser Antiquariat sowie die Perfektion in Lithografien und Stichen des 17. und 18. Jahrhunderts. Aber es tut auch unglaublich gut, mit jüngeren Künstlern zusammenzuarbeiten.“

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– Selbstredend –

„Wir sind beides“ Talya Lador-Fresher ist die israelische Botschafterin in Wien. 70 Jahre nach seiner Gründung spricht sie über das „normale“ und das „abnormale“ Leben im Staate Israel und über Bücher als Teil der jüdischen Mentalität Interview: Erich Klein

„So normal wir auch sein wollen – wir bleiben doch immer ein wenig anders. Wir leben nicht mit allen unseren Nachbarn im Frieden“

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Frau Botschafterin, wie ist es, in einem LoosHaus zu wohnen? Es stammt aus 1928, aus einer Zeit, als alles noch ganz anders war. Talya Lador-Fresher: — Ich liebe dieses Haus. Ich fühle mich jeden Tag privilegiert, darin zu wohnen. Loos war ein Genie. Das Haus ist fast hundert Jahre alt und fühlt sich noch immer ganz frisch an. Es hatte in gewisser Weise auch Glück. Unsere Regierung hatte nie genug Geld für eine vollständige Renovierung, so ist es im Originalzustand geblieben. Aufgrund der Geschichte des ursprünglichen Hausbesitzers ist das Gebäude auch ein Teil der israelisch-österreichischen Beziehungen. Die Villa wurde von den Nazis „arisiert“ und Israel bekam sie in den 1950er-Jahren. Lador-Fresher: — Was geschah, war Folgendes: Die Familie Moller verließ Wien 1938. Als die „Arisierung“ erfolgte, war sie zwar im Besitz des Hauses, lebte aber schon in Palästina. Nach dem Krieg gab es einen Prozess gegen die Stadt Wien in Sachen Restitution. Die Stadt verlangte für die Jahre, in denen die Mollers das Haus nicht bewohn-

„Ich gestehe, ich lese auch Lyrik. Ich verwende in meinen Reden gelegentlich Gedichte“ Talya Lador-Fresher

ten, alle möglichen Steuern und Betriebskosten – und zwar eine ordentliche Summe. Moller war höchst frustriert und wandte sich an Ben Gurion, den ersten Premierminister Israels: „Wenn Sie das Problem mit der Stadt Wien lösen können, bekommen Sie das Haus als Unterkunft für den ranghöchsten Vertreter des Staates Israel.“ Das heißt, Israel hat für die Villa Moller bezahlt.

Lador-Fresher: — Niemand hat es einfach zurückgegeben. Wir sind der Familie Moller zu Dank verpflichtet, aber um es zu bekommen, mussten wir eine beträchtliche Summe zahlen. Wie Sie sehen, hängen hier die Fotos all meiner Vorgänger ab 1949 an der Wand. Am Anfang war es ein Generalkonsul, weil Österreich noch kein selbstständiger Staat war, dann folgten die Botschafter. Die Geschichte unserer Beziehungen ist interessant und gleicht ein wenig einer Achterbahnfahrt. Unsere Botschafter wurden zweimal abgezogen. Es gab Höhen und Tiefen. Ich werde die erste Frau in dieser Reihe sein, aber das Foto gibt es erst, wenn ich selbst nicht mehr in Wien bin.

Bücher aus dem Gespräch Tom Segev: David Ben Gurion. Ein Staat um jeden Preis, Siedler, München 2018 Porträt von Israels Gründervater, der am 14. Mai 1948, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung, in seinem Tagebuch notierte: „Ich bin der Trauernde unter den Feiernden.“ Verfasst von einem der klügsten Historiker Israels, der auch noch einer der besten Erzähler ist. Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis, Suhrkamp, Frankfurt 2008

Israel feiert gerade seinen siebzigsten Geburtstag. Haben Gründerväter wie der von Ihnen erwähnte David Ben Gurion heute noch besondere Bedeutung? Lador-Fresher: — Sie sind in Israel tief verankert – auch wenn der Großteil der Menschen einen Theodor Herzl und dessen „Altneuland“ oder den „Judenstaat“ nicht wirklich gelesen hat. Einige Sätze von Herzl und sein Bild kennt jeder Israeli, jedes Kind. Dasselbe gilt für Ben Gurion.

Autobiografischer Roman von Israels bekanntestem Schriftsteller. Eine Tragikomödie über die Vorfahren im Vorkriegs­ europa, ihr Leben als Einwanderer während der britischen Mandatszeit. Dann beginnt das eigene Leben im Kibbuz. Amos Oz: Wo die Schakale heulen Suhrkamp, Frankfurt 2018 Erzählungen über den Alltag im Kibbuz und in feindlicher Umgebung: „Endlich legte sich der Wüstenwind.“ Das erste

Soeben ist eine umfangreiche neue Biografie des israelischen Historikers und Journalisten Tom Segev erschienen. Werden Sie das Buch lesen? Lador-Fresher: — Ob ich Tom Segevs Buch lesen werde? Sie wissen, es gibt für Diplomaten keine Probleme, sondern nur Herausforderungen. Es hat achthundert Seiten! (lacht) Ben Gurion ist heute außerordentlich berühmt. In den letzten Jahren sind vier oder fünf weitere Biografien von Ben Gurion erschienen. Das Interesse an ihm ist tatsächlich sehr groß. Das gilt auch für die Unabhängigkeitserklärung. An ihr ist noch immer zu messen, was wir tun.

Buch von Amos Oz aus 1965, erstmals in deutscher Übersetzung. Amos Oz: Liebe Fanatiker. Drei Plädoyers Suhrkamp, Frankfurt 2018 Reflexionen über den Fanatismus, der „viel älter ist als der Islam, das Christentum und das Judentum“, über Judentum als Kultur und „Träume, von denen sich Israel möglichst bald befreien sollte“. Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit. DVA, München 2013 Geschichtsstunde in Sachen Mensch­ werdung – in vierzig Sprachen übersetzt.

Glauben Sie, dass Israel heute, siebzig Jahre nach seiner Gründung, ein normaler Staat ist? Lador-Fresher: — In Israel gibt es bis heute zwei absolut konträre Situationen. Einerseits ist da die Normalität des Landes. Du fährst nach Tel Aviv – ich spreche nicht von heute – und es gibt eine Welle des Terrors; oder nach Jerusalem, meine Stadt, die in solchen Momenten immer stärker leidet. Am nächsten Tag, nach einem Terroranschlag, gehen die Menschen wieder auf die Straße. Für mich sind Soldaten und Polizei auf der Straße normal. Nur wenn ich zum Beispiel Gäste aus Österreich habe, bemerke ich »

Yuval Noah Harari : Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, C.H. Beck, München 2017 Er machte sich die Erde untertan und ward selbst Gott. Angesichts alter Technik und neuer Technologien erfährt die Frage nach der Zukunft des westlichen „Homo Deus“ noch einmal eine Verschärfung. Jehuda Amichai: Gedichte, Königshausen und Neumann, Würzburg 2018 Gedichte über Liebe, Eros, Verlust, Vertreibung und Krieg – geprägt von der europäischen Moderne und jüdischer Tradition.

F o t o : C h r i s t o p h e r M av r i c

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alya Lador-Fresher wurde 1962 in Petach Tikva in der Nähe von Tel Aviv geboren. Als Diplomatin arbeitete sie unter anderem in Jamaika, Großbritannien und den USA. Seit Ende 2015 ist sie Botschafterin Israels in Wien. Das Interview fand in ihren Amtsräumen statt, die Gelegenheit aber, die Botschafterin nach ihrer Residenz, einer der schönsten Villen von Adolf Loos, zu fragen, ließ sich der anzeiger nicht entgehen.

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– Selbstredend –

sie überhaupt; weil die Leute sagen: „Wow, es gibt hier so viele Soldaten auf der Straße.“ Die Restaurants sind voll, die Kultur blüht, es gibt Hightech, all das gibt es in Israel. Wir sind also ein normaler Staat.

Und wie sieht der andere Pol aus? Lador-Fresher: — So normal wir auch sein wollen – wir bleiben doch immer ein wenig anders. Der Hauptgrund dafür: Wir leben nicht mit allen unseren Nachbarn im Frieden. Das macht das Leben schwieriger. Ein beträchtlicher Teil unseres Budgets geht in die Verteidigung, in Spezialeinheiten und Polizei. Oder ein anderes Beispiel: Wir achten ständig auf die Umgebung. Jemand hat an einer Straßenbahnhaltestelle seine Tasche vergessen. Ich weiß nicht, wie lange es hier in Wien dauern würde, aber in Israel sagt nach zwei Minuten schon jemand: „Wem gehört diese Tasche?“ Die Polizei kommt dann unglaublich schnell. Wir leben ein normales und ein „abnormales Leben“ – wir sind ­beides. Wird es weitere siebzig Jahre dauern, bis Frieden herrscht? Lador-Fresher: — Ich weiß es nicht und ich glaube, dass das niemand weiß. Jedes Mal, wenn etwas Positives passiert, kommt etwas Negatives nach. Ich würde sagen, es hängt mehr von unseren Nachbarn als von uns selbst ab. Ich würde das auch sagen, wenn ich nicht Botschafterin wäre. Auf jeden Fall hoffe ich, dass es keine siebzig Jahre dauert. Aber so dachte wohl jede bisherige Generation in Israel. Ich wünsche mir, dass mein Sohn oder meine Tochter nicht Militärdienst ableisten muss. Auch das gehört zur „Abnormalität“ unseres Landes – selbst wenn es eine ausgemachte Sache ist. Als mein Sohn im Kindergarten war, war klar, dass er Soldat sein wird, wenn er groß ist. Meine beiden Kinder haben ihren Militärdienst schon hinter sich. Und Ihre Enkelkinder? Lador-Fresher: — Dafür ist noch Zeit. Aber wenn ich darüber nachdenke – eigentlich ist es klar, dass auch meine Enkelkinder in der IDF, der israelischen Armee, dienen werden. Ich wäre überrascht, sollte das nicht der Fall sein. Heute ist Weltbuchtag. Kommen wir zu den Büchern. Was waren Ihre ersten Leseerlebnisse? Lador-Fresher: — Als ich in Israel in den 1960er- und 1970er-Jahren aufwuchs, war es üblich, sich in eine Bibliothek einzuschrei-

ben. Die Bibliothek war ungefähr einen Kilometer von unserem Haus entfernt und ich bin zweimal pro Woche mit dem Rad hingefahren, um Bücher zu tauschen. Wie hieß der Ort, in dem Sie aufgewachsen sind? Lador-Fresher: — Hod haScharon in Zentral-Israel, nicht weit von Tel Aviv. Ich las alles, was ich bekommen konnte. Wen ich Ihnen sage, was ich als Kind las, werden Sie sich nicht wundern, dass ich Diplomatin wurde. Es gab eine wunderbare Buch-Serie über kleine Mädchen in verschiedenen Ländern. Da war das Mädchen aus Japan oder aus Lappland und das Ganze war mit Fotos illustriert. Ich fühlte mich wie Kolumbus, der fremde Länder entdeckt, und stellte mir vor, wie es wäre, dort zu leben.

Sie sind in Deutschland aufgewachsen und gingen dort zur Schule. Was waren Ihre ersten Eindrücke? Lador-Fresher: — Ich muss vorausschicken: Meine Eltern waren beide deutscher Herkunft. Mein Vater stammte aus Leipzig und war ein Überlebender des Holocaust. Er ist erst nach dem Krieg nach Israel gekommen. Anders meine Mutter, die in Berlin geboren wurde und schon als Kind vor dem Krieg nach Israel kam. Ich wuchs zwar mit dem Wissen auf, dass mein Vater Überlebender des Holocaust war, aber wie der Großteil der Holocaustüberlebenden sprach er mit uns Kindern nicht sehr viel darüber. Er erzählte sehr viel von Leipzig, von seiner glücklichen Kindheit, von den Eltern und der Schwester.

„Ich wünsche mir, dass mein Sohn oder meine Tochter nicht Militärdienst ableisten muss“ Talya Lador-Fresher

Das ist vermutlich die beste Methode, ein Land kennenzulernen – über Bücher. Lador-Fresher: — Man darf dabei nicht vergessen, dass Israel in den 1960er-Jahren nicht so nahe an der Welt war wie heute. In Österreich konnte man sich ins Auto setzen und nach Italien fahren – bei uns war das unmöglich. Fliegen war unglaublich teuer. Ich bin das erste Mal 1975 geflogen und das auch nur, weil mein Vater einen Job im Ausland bekam.

Hat sich das auf Ihr Bild von Deutschland ausgewirkt? Lador-Fresher: — Mein erster Eindruck von Deutschland stammt von einem Besuch eines deutschen Supermarktes. Wenn man 1975 in Israel ein Joghurt kaufen wollte, dann gab es dort genau drei Sorten, nämlich Natur, Erdbeere und Marille. Im deutschen Supermarkt hingegen gab es zwanzig verschiedene Joghurtsorten! Es war ein regelrechter Kulturschock.

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Kramers Kinderstube Irmgard Kramer Das war der erfreuliche Eindruck. Was gab es sonst noch? Lador-Fresher: — Als wir nach Deutschland abreisten, war ich dreizehn. Ich hatte gerade meine Bat Mizwa hinter mich gebracht. Es war schwer für mich, die Freunde zu verlassen und die Schule zu wechseln, außerdem konnte ich die Sprache nicht. Zwischen den beiden Ländern bestand eine unglaubliche Kluft. Ich habe in Bonn ein neues Fahrrad bekommen, auf das ich sehr stolz war. Früher hatte ich immer das Fahrrad meiner älteren Schwester übernehmen müssen. Ich fuhr also durch die Gegend und stellte einmal das Rad irgendwo an der falschen Stelle ab. Sie können sich vorstellen, was passiert, wenn man in Deutschland ein Fahrrad falsch abstellt. Ein älterer deutscher Mann begann sofort zu schimpfen. Ich verstand nicht, was er sagte, aber für mich war es, als würde jetzt gleich der Holocaust beginnen. Obwohl Ihre Eltern ursprünglich aus Deutschland stammten, haben Sie zuerst kein Deutsch gelernt? Lador-Fresher: — Es ist interessant: Die Eltern haben nicht nur mit uns, den Kindern, nicht Deutsch gesprochen, sie taten das auch miteinander nicht. Miteinander sprachen sie Hebräisch. Sie waren überzeugte Zionisten und Deutsch war damals nach dem Krieg keine Sprache, der sich die Israelis besonders nahe fühlten. Ja, irgendwie ist das auch heute noch so. Es ist die Sprache der Täter.

Foto: darko tod orovic

Wie verhält sich das in Ihrem Fall? Lador-Fresher: — Selbst als ich nach Wien kam – in meinem ersten Jahr hier –, waren da viele Wörter, die mich ganz unerwartet in die Vergangenheit der 1940er-Jahre zurückversetzten. Sogar bei Wendungen wie „Bitte aussteigen“ geschah das. Ich weiß, dass „aussteigen“ ein ganz normales Wort ist, aber ich dachte an die Züge des Holocaust. Woher rührt das? Von den Filmen über die Nazis? Lador-Fresher: — Vermutlich aus dem Kino oder aus der Schoah-Erziehung in der Schule und von dem Yom Hashoa, dem Gedenktag für die Opfer der Shoah. Manche Dinge sind uns wohl in Fleisch und Blut übergegangen. Ich glaube, man kommt auf die Welt und übernimmt ganz unbewusst sehr viele Dinge von den Eltern oder von seiner Umgebung. Und das bleibt dann. Gab es eigentlich eine Zeit, in der Sie sich ganz besonders für den Holocaust oder die deutsch-jüdische Geschichte interessierten?

Lador-Fresher: — Es hat mich interessiert, aber ich habe darüber nicht mehr als meine Freunde oder jeder andere Israeli gelesen. Heute versuche ich bisweilen manche Bücher über den Holocaust zu vermeiden. Sie sind für uns alle eine sehr schwierige Lektüre. Eines der interessantesten Bücher über die Juden in Deutschland von Moses Mendelsohn bis unmittelbar vor dem Holocaust ist „Zu einer anderen Zeit“ von Amos Elon, einem israelischen Journalisten deutscher Herkunft. Amos Elon, das muss ich jetzt als Österreicher sagen, stammte eigentlich aus Wien. Lador-Fresher: — Es ist ein unglaublich gutes Buch, in dem auch die jüdische Erfolgsgeschichte erzählt wird. Wenn wir an die Juden in Europa denken, neigen wir immer dazu, von den schrecklichen Jahren zu sprechen. Aber es gab – trotz des Antisemitismus – auch jene, die auf diesem Kontinent großen Erfolg hatten. Welche israelischen Autoren haben Sie, wenn wir noch einmal zu Ihrer Kindheit und Jugend kommen, am meisten gelesen? Ohne Zweifel Galila Ron-Feder, die für Kinder und Jugendliche schreibt. Sie ist eine unglaublich produktive Autorin und hat ganze Serien von Kinderbüchern geschrieben. Eine dieser Serien heißt „Zeit-Tunnel“ und handelt von einem Mädchen und einem Buben, die eine Zeitreise in die Welt des britischen Mandats über Palästina unternehmen. Ich bin auf diese Weise in die Geschichte des Landes Israel vor seiner Gründung getaucht. Heute lese ich andere Sachen. (lacht) Zum Beispiel welche Autoren? Ich lese tatsächlich viele israelische Autoren. Im Fall von Amos Oz bin ich überzeugt, dass er für einige seiner Bücher längst den Literaturnobelpreis verdient hätte. Auf jeden Fall für „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“, seine Autobiografie. Wenn jemand über die Verhältnisse in diesem Land reden will, sollte er erst einmal dieses Buch lesen. Ich bin auch ein großer Fan von A. B. Yehoshua. Mein Lieblingsbuch ist „Die Reise ins Jahr Tausend“. Es geht darin nicht um Israel, sondern um das erste Millennium und handelt von Dingen, die mich bis heute beschäftigen. Was meinen Sie genau? Lador-Fresher: — Es ist die Geschichte eines marokkanischen Juden, dessen Neffe nach Frankreich geht und eine Aschkenasi heiratet. Zu dieser Zeit war das »

Jugendbuchautorin

Lesefutter Wie Mia lesen lernte und es in der Schule dann nicht mehr mochte Mia kann jetzt lesen. Keiner hat genau mitgekriegt, wann das passiert ist, aber auf einmal versteht sie den Sinn hinter den Buchstaben. Sie rennt durch die Gegend und entziffert alles. Das ist lustig. Dann wollen sie in der Schule, dass Mia Geschichten liest. Das ist nicht mehr lustig. Nur anstrengend. Mia wirft das Handtuch. Beim Elternsprechtag sagt die Lehrerin: „Man muss mit Mia lesen üben.“ Die Eltern lassen sich beraten. Für Mia nur das Beste. Die kompetente Buchhändlerin empfiehlt literarisch ausgezeichnete Werke. Mag Mia nicht. Mia will „Der magische Blumenladen“. Mia hat Geburtstag. Die Verwandten wollen was schenken. Die Eltern sagen: „Am liebsten was mit Laden.“ Und so bekommt Mia: „Der Laden“, „Lenas Laden“, „Richards Kindermusikladen“, „Der zauberhafte Eisladen“, „Der neue Eisladen“, „Laden der Träume“, „Der zauberhafte Wunschbuchladen“. Zuletzt taucht, wie die dreizehnte Fee, die Patentante mit einem E-Book-Reader auf und hat für 1,68 Euro draufgeladen: „Der erfolgreiche Hilfe für 4 Pfoten Laden“. Die Eltern schreien: Stopp! Mia versteht sie nicht. Sie mag das alles. Außerdem fällt ihr das Lesen immer leichter. Und um die Technik zu erlernen, ist all dieses Lesefutter perfekt. Vielleicht kann ich mitnaschen, wenn ich meine nächste Reihe nenne: „Der total magische Saftladen“. Mia und ich freuen uns auf saftige Abenteuer.

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– Selbstredend –

­etwas höchst Außergewöhnliches! Die beiden betreiben Gewürzhandel. Eines Tages gibt es irgendwelche Probleme und der Held macht sich auf die Reise nach Paris und sucht das jüdische Viertel. Er schaut sich um und erkennt auf den ersten Blick, wer jüdisch ist und wer nicht. Der Grund dafür: Es ist Freitag und er sieht, wer gerade zur Synagoge eilt. Das Buch ist eine wunderbare Geschichte über jüdische Affinität, jüdische Globalisierung und das jüdische Leben insgesamt, das sich in gewisser Weise auch in den folgenden tausend Jahren nicht verändert hat. Kommen wir noch einmal nach Deutschland zurück: Hatten Sie eigentlich auch deutsche Freunde? Lador-Fresher: — Ehrlich gesagt – nein. Es war aber keine bewusste Entscheidung, keine deutschen Freunde zu haben. Ich besuchte in Bonn eine internationale Schule und war mit vielen Amerikanern befreundet, natürlich auch mit Israelis. Mein bester Freund war ein Pakistani.

Und sonstige Deutschland-Reminiszenzen? Lador-Fresher: — Wir haben damals die Fernsehserie „Holocaust“ geschaut. Sie war sehr amerikanisch und auch ein wenig kitschig, in Bezug auf Deutschlands Verständnis des Holocaust aber ein Wendepunkt.

Wie war es für Ihren Vater dann, nach Deutschland zu gehen? Lador-Fresher: — Er wollte lange Zeit keinen Fuß mehr auf deutschen Boden setzen – als ihm 1975 der Job an der israelischen Botschaft in Bonn angeboten wurde, hat sich das geändert. Er sagte damals, für ihn sei es die größte Art von Rache an den Nazis, mit einem israelischen Diplomatenpass zurückzukommen. Österreich hat sich bekanntlich lange Zeit aus der Verantwortung für die Nazibarbarei geschwindelt. Wie sehen Sie das heute? Lador-Fresher: — Auch wenn wir über Bücher sprechen – darf ich einen Film empfehlen? Ich habe kürzlich „Murer – Anatomie

„Israel hat weltweit die größte Produktion von Büchern pro Kopf! Wir lieben Bücher“ Talya Lador-Fresher

eines Prozesses“ gesehen. Der Film hatte viel zu wenig Resonanz in der Öffentlichkeit! Es geht dabei nur indirekt um den Holocaust, aber vor allem um den Umgang damit im Österreich der 1960er-Jahre. Es sprechen immer alle über die FPÖ, aber hier geht es auch um die ÖVP und SPÖ in den Jahren der Großen Koalition. Was lesen Sie derzeit? Lador-Fresher: — Yuval Harari, einen Geschichtsprofessor der Hebräischen Universität Jerusalem, der auch ins Deutsche übersetzt wurde. Manchmal erlebt man beim Lesen oder beim Besuch einer Kunstausstellung eine richtiggehende Erhebung. Das passierte mir bei der Lektüre der „Kurzen Geschichte der Menschheit“. Und „Homo Deus“ ist ein Buch, das alle Menschen lesen sollten! Und wie halten Sie es mit Lyrik? Lador-Fresher: — Ich gestehe, ich lese auch Lyrik. Ich verwende in meinen Reden gelegentlich Gedichte. Es gibt kaum Besseres, wenn man Menschen etwas sagen will, das sie auch wirklich verstehen. Mein israelischer Lieblingsdichter ist auf jeden Fall Jehuda Amichai. Er würde im deutschsprachigen Raum eigentlich mehr Aufmerksamkeit verdienen. Welches Buch wollten Sie immer schon lesen, kamen aber nie dazu? Lador-Fresher: — „Ulysses“ von James ­Joyce. Jeder sagt, dass man es lesen muss. Eines Tages werde ich es schaffen! (lacht) Ich würde aber gerne noch einmal zum Anfang unseres Interviews und zu Israels Unabhängigkeitserklärung zurückkommen. Im ersten Absatz heißt es, das jüdische Volk gab der Welt das Buch der Bücher, also die Bibel. Bücher haben für die Juden auch heute noch eine ganz besondere Bedeutung. Lange Zeit hatten wir kein eigenes Land und die meisten Berufe waren uns verwehrt, was wir aber hatten, war das Buch und daneben noch viele andere Bücher. Bücher waren in vielen jüdischen Familien deren eigentlicher Schatz, wertvoller als Gold. Ich glaube, das ist ein besonders wichtiger Aspekt unserer Mentalität.

Sie wurde auch in Österreich heftig diskutiert. Lador-Fresher: — Es wurde viel diskutiert, für mich war es überdies auch eine ganz persönliche Geschichte. Ich saß neben meinem Vater und wir schauten die Serie gemeinsam. Von Zeit zu Zeit gab er Kommentare dazu ab. Zum Beispiel gab es da eine Szene, in der die Mutter am Klavier spielt. Anders als in Österreich, wo der Anschluss überraschend erfolgte und die österreichischen Juden keine Zeit zum Überlegen hatten, was sie tun sollten, gab es in Deutschland die Periode von 1933 bis 1939. In dieser Zeit konnte man sich vorstellen, was passieren könnte – auch wenn niemand eine Ahnung hatte, wohin alles dann tatsächlich führte. Es war gerade beschlossen worden, den Juden den Zutritt zu den Universitäten zu verwehren. Die Mutter im Film sagte also: „Im Land von Goethe und Beethoven hätte nichts Schlimmeres ­passieren können!“ Ich kann mich nicht mehr an alle Details erinnern, aber mein Vater sagte plötzlich: „Genau so war meine Mutter!“ Wie ich schon sagte – er sprach nie über den Holocaust, aber die wenigen Dinge, die er erzählte, trage ich noch immer mit mir.

Trifft das noch immer zu? Lador-Fresher: — Auch im modernen Israel, da wir ein Land haben, jeden Beruf ausüben und schöne Häuser besitzen können, ist die Bedeutung des Buches nicht verschwunden. Israel hat weltweit die größte Produktion von Büchern pro Kopf! Wir lieben die Bücher noch immer. «

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– Klassiker – neu entdeckt war es gar kein Fehler gewesen. Aber die beiden hatten so wüst in ihn hineingeschrien, daß es zu einem albernen Geschimpfe ausgeartet war, in dessen Verlauf er sich plötzlich gekündigt sah. Natürlich war ihm dann nichts anderes als das Götzzitat eingefallen, während er jetzt so allerlei Treffendes wußte, »Herr«, ja, »Herr«, hätte er sagen müssen und auf die Fußspitzen hätte er ihm dabei schauen müssen, und Esch sagte nun sarkastisch »Herr« vor sich hin, »haben Sie eine Ahnung, wie es in Ihrem Geschäft aussieht …«, ja so hätte er sprechen müssen, aber jetzt war es zu spät. Hinterher hatte er sich besoffen und mit einem Mädchen geschlafen, aber es hatte nichts genützt, der Zorn war geblieben und Esch schimpfte vor sich hin, während er das Rheinufer entlang zur Stadt ging. Er hörte Schritte hinter sich und als er sich umwandte, sah er Martin, welcher, die Fußspitze des verkürzten Beines gegen das Holz gepreßt, sich in aller Eile zwischen den beiden Krücken einherschwang. Der Kerl da hinten hatte ihm gerade noch gefehlt. Esch wäre gerne seines Weges weitergeschritten, auf die Gefahr hin, mit den Krücken eins über den Schädel zu kriegen – verdient hätte er es ja, erschlagen zu werden –, aber er fühlte, daß es eine Gemeinheit wäre, den Krüppel nachlaufen zu lassen, und so blieb er stehen. Überdies mußte er sich nach einem Posten umtun, und Martin, der alle Welt kannte, würde ihm vielleicht etwas wissen.

Ein schlechter

Tag

Hermann Broch: Esch oder die Anarchie (1931) Der 2. März 1903 war ein schlechter Tag für den 30jährigen Handlungsgehilfen August Esch; er hatte mit seinem Chef Krach gehabt und war entlassen worden, ehe sich noch Gelegenheit ergeben hatte, selber zu kündigen. Und so ärgerte er sich weniger über die Tatsache der Entlassung als darüber, daß er nicht schlagfertiger gewesen war. Was hätte er dem Mann nicht alles ins Gesicht sagen können, diesem Mann, der nicht wußte, was in seinem Geschäft eigentlich geschah, der sich auf die Einbläsereien eines Nentwig verließ, der keine Ahnung hatte, daß dieser Nentwig Provisionen nahm, wo es nur anging, und der wohl die Augen absichtlich verschloß, weil der Nentwig von irgendwelchen Schweinereien Kenntnis haben mußte. Und wie blödsinnig hatte er sich von denen überrumpeln lassen: sie hatten ihm in unflätiger Weise einen Buchungsfehler vorgeworfen und wenn er es sich jetzt überlegte,

Warum wir das lesen sollen. anleitung von erich Klein. Hermann Brochs (1886–1951) Weg zum Schriftsteller war nicht ohne Stolpersteine. Der Spross aus dem Wiener Großbürgertum wurde an der hiesigen Technischen Universität und im Elsaß zum Textilingenieur ausgebildet. Broch reiste in die USA und übernahm später die väterliche Spinnerei. Eine frühe Ehe wurde bald geschieden, es folgten die Konversion vom Judentum zum Katholizismus, eine psychoanalytische Behandlung, schriftstellerische Versuche und mit vierzig ein Studium der Philosophie. Um 1930 verirrte sich der ehemalige Industrielle mit der Romantrilogie „Die Schlafwandler“ in die Literatur. Mit ihr wurde Hermann Broch zum Klassiker. Elias Canetti bezeichnete ihn 1936 als „einen der ganz wenigen repräsentativen Dichter unserer Zeit“.

Die Modernität der „Schlafwandler“ besteht in einer Verschmelzung von Gesellschaftsroman und Essay, sozialem Engagement und Märtyrerlegende – unterfüttert mit einer Theorie vom Zerfall der Werte. Für Broch begann die „Selbstzerfleischung der Welt in Blut und Not“ schon vor dem Ersten Weltkrieg, der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts. „Esch oder die Anarchie“, der zweite Roman der „Schlafwandler“, entsteht vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre, spielt aber drei Jahrzehnte früher. Der Autor hebt wuchtig an: „Der 2. März 1903 war ein schlechter Tag für den Handlungsgehilfen August Esch; er hatte mit seinem Chef Krach gehabt und war entlassen worden, ehe sich noch Gelegenheit ergeben hatte, selber zu kündigen.“ Esch, ein „impetuoser Mensch“, der nach Ordnung sucht, wird beinahe verkuppelt und verstrickt sich in ominöse Geschäfte

Der Krüppel war nachgekommen, ließ das krumme Bein baumeln und sagte schlicht: »Rausgeschmissen?« Also das wußte der auch schon. Esch entgegnete giftig: »Rausgeschmissen.« – »Hast du noch Geld?« Esch zuckte die Achsel; für ein paar Tage reiche es noch. Martin überlegte: »Ich wüßte einen Platz für dich.« – »Ja, aber in die Organisation steige ich dir nicht rein.« – »Ich weiß, ich weiß, bist dir zu gut dazu … na, wirst schon noch kommen. Wohin gehen wir?« Esch hatte kein Ziel, und daher gingen sie zu Mutter Hentjens Wirtschaft hinauf. (...) Es war ein mäßig grober, düsterer Raum, wohl schon seit Hunderten von Jahren eine Kneipe der Rheinschiffer; allerdings war von der langen Vergangenheit außer dem verrauchten Tonnengewölbe nichts mehr zu sehen. Die Wände hinter den Tischen waren bis zur halben Höhe braun vertäfelt und eine angebaute Bank lief die Wand entlang. Oben auf dem Bord standen Münchner Maßkrüge, und auch ein Eiffelturm aus Bronze war dort zu sehen. Der Eiffelturm war mit einer schwarzweiß-roten Fahne geschmückt, und wenn man genauer hinsah, konnte man darauf die verwischten Goldbuchstaben des Wortes »Stammtisch« entziffern. Zwischen den beiden Fenstern aber stand ein Orchestrion mit geöffneten Flügeln und zeigte die Notenrolle und die Mechanik in seinem Innern. Hermann Broch: Esch oder die Anarchie Jung und Jung, Salzburg und Wien 2018

und Affären; schließlich landet er mit der Wirtshausbesitzerin Mutter Hentjen im Hafen der Ehe. Sex ist ein zentrales Motiv und wird auf (für die damalige Zeit) erstaunlich freimütige und ekstatische Weise beschrieben. Bankrott und eine Art heiligmäßiges Leben stehen am Ende des Buches. In Brochs Angestelltenroman geht es nicht nur um die Darstellung einer Welt, in der sich nichts mehr am angestammten Platz befindet, es ist vor allem die Art und Weise, wie diese Verhältnisse vorgeführt werden. „Schlafwandeln“ als Weltzustand, der in die Katastrophe führt, beginnt scheinbar harmlos, beinahe idyllisch: „Der Mann, der in weiter Ferne nach seiner Frau sich sehnt oder auch nur nach der Heimat seiner Kindheit, steht am Beginn des Schlafwandelns.“ Im realen Leben wurde Hermann Broch von den Nazis kurzzeitig inhaftiert, 1938 floh er in die USA, wo er im Alter von fünfundsechzig starb.

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