HEUREKA #42020 Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien, WZ 02Z033405 W, Österreichische Post AG, Retouren an Postfach 555, 1008 Wien, laufende Nummer 2775/2020
DAS WISSENSCHAFTSMAGAZIN AUS DEM FALTER VERLAG
Homo adipositatis
ANTJE FOTO: KRÖGER
Die Entwicklung eines neuen Menschen
Homo adipositatis mit uns Anthropologie und Genetik zeigen, wann eÿ ziente Fettspeicherung nicht nur Nachteile hat Seite 12
Edle Fettfalt’, stille Größe Kunst, Musik, Film und langsam auch die Mode entdecken den fülligen Körper Seite 18
Das große Saugen Eine speziesübergreifende Allianz gegen die Ausbeutung weiblicher Reproduktionsarbeit Seite 22
JENSEITS VON DICK UND DÜNN D as Buch zeigt anhand zahlreicher Beispiele aus dem A llt ag und der klinischen Pra xis der A utoren, welche Be deutung Ko chen und Essen in der Familie hat . 224 Seiten, € 22,00
falters hop .at | 01/536 60-92 8 | In Ihrer B uc hhandlu ng
KO CHEN ESSEN FAMILIE
IN TR O D U K TIO N : H E U R EKA 4/20
: EDITORIAL
Neuer Mensch Adipositas als Zeichen von Reichtum Seite 8 Wenn sich nichts gravierendändert, wird in 15 Jahren die Hälfte der Weltbevölkerung adipös sein. Im Inselstaat Nauru sieht man das positiv
KARINFOTOS: WASNER, APOLLONIA THERESA BITZAN, PRIVAT
Judith Rollinger, Professorin für Pharmakognosie an der Uni Wien, erhielt den Wissenschaft preis des Landes Vorarlberg
Die Risiken der Adipositas Seite 14
Medizinische Befunde zur Adipositas
Angriffsfläche für wütende Männer Seite 7
Kein guter Planet für Adipöse Seite 16
Stefanie Sargnagel über die Verachtung von „Gesundheitsaposteln“ für dicke Menschen
Die Entstehung der Terra adipositas
Edle Fettfalt’, stille Größe Seite 18
Die Ästhetik des Homo adipositas
Glossar und Bücher zum Thema Seite 20 Der Homo adipositatis in uns Seite 12 Alexander Tups, Neurowissenschafter in Neuseeland, über die Ursachen der Adipositas
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CHRISTIAN ZILLNER
AUS DEM INHALT
Kopf im Bild Seite 4
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Stichworte und Literatur zu Dickleibigkeit und Adipositas
Das große Saugen Seite 22
Verhungern Seite 23
Kerstin Weich über eine speziesübergreifende Allianz gegen die Ausbeutung der weiblichen Reproduktionsarbeit
Erich Klein über Kafka Hungerkünstler und das Verhungern der Philosophin Simone Weil
Stellen Sie sich vor, Menschen würden den Rat von Ernährungsund Diätexpertinnen befolgen. Die Ratgebenden müssten verhungern oder sich eine neue Tätigkeit suchen, was sie wohl täten, denn Menschen passen sich ihrer Umgebung an. Sie ist heute auch von Konzernen wie Coca-Cola, Nestlé et.al und Big Pharma bestimmt. Ihnen passen sich viele Lebens- und Ernährungsformen an. Ein beschäftigungslos gewordener Diätexperte könnte eine -Falter-Kolumne wie Phettberg füllen, fette Autos oder Häuser wie Erwin Wurm entwerfen, oder bei der TVSerie „Mein Leben mit 300 Kilo“ arbeiten. Damit käme er den Bedürfnissen von rund vierzig Prozent der Bevölkerung der USA oder Großbritanniens nach, denn diese sind adipös und die Tendenz zur Fettleibigkeit steigt weiter an. Ja, sie leben gefährlich, aber Krankwerden gehört zur Existenz des zivilisierten Menschen. So hat ein schlanker Politiker seinen Kollegen Joschka Fischer einmal abschätzig „Biotonne“ genannt. Der Schlanke ist an Krebs verstorben, die Biotonne lebt. Natürlich mithilfe moderner Medizin und Big Pharma, aber diese machen unsere Umwelt eben auch aus. Wie sie, Coca-Cola et.al, wird der adipöse Mensch auch vergehen. Bis dahin aber wollen wir einen feinen, neuen Verwandten willkommen heißen, den Homo-adipositatis.-
: GASTKOMMENTAR
Wie die Kunst auf die Krise reagiert
VIKTOR FOTO: BRÁZDIL
JOHAN F. HARTLE
Künstlerische und wissenschaftliche Arbeit haben es unter den Bedingungen der Pandemie nicht leicht, vor allem dort, wo sie über die Vermittlung von Wissen und punktgenauer Kommunikation hinausgeht. An der Akademie der bildenden Künste Wien besteht sie vor allem in der konkreten Form der Auseinandersetzung mit Räumen, Menschen und Materialien. Etwas leichter fällt es, wenn das Material und die Form ihrer Kommunikation selbst bereits wesentlich digitalisiert sind. An der Akademie haben Projekte zur digitalen Kunstvermittlung, zur Reflexion von Überwachungstechnologien in virtuellen Architekturen, aber auch zur Künstlichen Intelligenz im kuratorischen und künstlerischen Bereich eine neue Plausibilität gewonnen. Die Anpassung an die besondere Herausforderung der physischen
Distanznahme hat die Studienprogramme an der Akademie nicht in Frage gestellt. Es hat sie jedoch temporär verändert und neue Impulse gesetzt. Klarerweise ist eine Situation eingeschränkter Anwesenheit in den Ateliers, Studios und Werkstätten für wesentliche Bereiche einer Kunstakademie nur als Übergang denkbar. Die Verschiebung ihrer thematischen Schwerpunkte und Arbeitsweisen ins Digitale wird das Profil der Akademie vielleicht nuancieren, aber nicht grundlegend verändern können.
Johan F. Hartle, Rektor der Akademie der bildenden Künste Wien
Für die visuelle Kunst ist und bleibt die Arbeit in den Werkstätten und die Auseinandersetzung mit anderen Menschen sowie mit den tatsächlichen Werken und Praktiken ausschlaggebend. Die Ausnahmesituation der letzten Monate hat diese Voraussetzungen erschwert – sie hat das Arbeiten in Einzelsituationen und mit digitalen Formaten und kleinteiligem Einzelmaterial in den Vordergrund gerückt und in vielen Fällen auch zeitweilig der Konzeption Vorrang über die materielle Durchführung eingeräumt. In diesem Sinn hat die Pandemie spezifische Antworten erzeugt. Die Gestaltung neuer räumlicher Situationen für den Unterricht – geteilte Anordnungen zwischen Menschen und Maschinen, zwischen Ko-Präsenz und Distanz – haben neue Diskurssituationen erzeugt. Oft sind die
informellen Aspekte, die feinen Nuancen der Kommunikation darüber in den Hintergrund getreten. Künstlerische Projekte haben sich vor diesem Hintergrund in den letzten Monaten aber auch häufig auf den neuen Aggregatzustand des Sozialen konzentriert, der sich mit der Pandemie eingestellt hat: auf Formen der Introspektion und Isolation, der individuellen Naturerfahrung sowie der digital vermittelten Kommunikation samt der daraus resultierenden inhaltlichen Prägungen. Die Folgen und Bewältigungsstrategien der veränderten sozialen Formation, der existenziellen Verunsicherung und des Digitalisierungsschubs, die diese Pandemie mitverursacht hat, werden die Arbeit der Akademie für einige Zeit beschäftigen. Gerade die thematische Offenheit der Kunst versetzt sie in diese Lage.
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H EUR EKA 4/20 : P ER S ÖNL IC H K E ITE N
: KOPF IM BILD
Starke Naturstoffe „Ich wollte nie in einem Elfenbeinturm tätig sein“, sagt Judith Rollinger. Umso schöner, dass ihre Auszeichnung mit dem diesjährigen Wissenschaftspreis des Landes Vorarlberg veranschaulicht, dass „Wissen aus der akademischen Forschung in der Gesellschaft ankommt und tatsächlich in deren Dienst steht“. Natürlich freut es die Pharmazeutin, dass dieses Zeichen der Wertschätzung aus ihrem Heimatbundesland kommt. „Schließlich bin und bleibe ich Vorarlbergerin.“ Rollinger ist Professorin für Pharmakognosie an der Universität Wien. Sie spürt bioaktive Naturstoffe auf, die Ausgangsmaterial für neue innovative Medikamente sein können und wissenschaftliche Erkenntnisse zu althergebrachten Heilmitteln liefern. Immerhin ist der überwiegende Teil aller Arzneimittel auf Naturstoffe zurückzuführen, nur ein Drittel ist rein synthetisch. Rollinger konnte bereits Pfla zeninhaltsstoffe isolieren, die gegen Influenza und Pneumokokken aktiv sind. Nun überprüft ihre Forschungsgruppe Hunderte Extrakte auf ihre Wirksamkeit gegen das Coronavirus. TEXT: USCHI SORZ FOTO: KARIN WASNER
: J U N G F O R S C H E R I N N E N USCHI SORZ
Borbála Széles, 30 An die TU Wien kam die gebürtige Ungarin erstmals im Zuge eines Erasmus-Aufenthalts. Nachdem sie ihre Abschlüsse in Hydraulik und Bauingenieurwesen in Budapest absolviert hatte, wurde sie hier am interdisziplinären Doktoratskolleg aufgenommen. Kürzlich hat sie dissertiert und forscht nun als Postdoc weiter. Sie untersucht, was passiert, wenn es regnet. „Mich interessiert, wie viel Wasser einsickert und wie viel auf der Landoberfläche abrinnt und womöglich zu Hochwasser führt.“ Mathematische Modellierungen dieser Prozesse verbindet sie mit Feldmessungen in einem Versuchseinzugsgebiet der TU Wien und des Bundesamts für Wasserwirtschaft bei Wieselburg. „Meine Ergebnisse sollen die Beurteilung des Hochwasser- und des Dürrerisikos und die Vorhersagen des Abflusses verbessern“, sagt sie.
Miriam Bertola, 28 Welche Ursachen sind dafür zuständig, dass sich Hochwässer in Europa verändern? Dieser Frage geht die Italienerin, die den Abschluss in Bauingenieurwesen an der Technischen Universität in Turin gemacht hat, nun am Wiener Doktoratskolleg nach. „Die europaweite Hochwasserdatenbank, die unsere Abteilung hier aufgebaut hat, ist einzigartig. Auf dieser Basis können wir Landnutzung, Wasserbauten und Klimaerwärmung mit den Überschwemmungen in Zusammenhang setzen.“ Ihre Forschung besteht darin, Langzeitbeobachtungen zu analysieren. „Für das Planen von Wasserbauten und Schutzmaßnahmen verwenden Ingenieure Informationen aus früheren Hochwässern“, erklärt sie. „Darum ist es wichtig zu wissen, ob und warum sich etwas geändert hat. Nur so kann man das tatsächlich erforderliche Schutzniveau ermitteln.“
David Lun, 29 Hochwasserprognosen betrachtet der Oberösterreicher aus mathematischer Sicht. Bevor er am Doktoratskolleg seine Dissertation in Angriff nahm, hat er an der TU Wien seinen Master in Statistik und Wirtschaftsmathematik gemacht. „Seltsamerweise treten Überschwemmungen nicht regelmäßig auf. Manchmal gibt es viele auf einmal und dann wieder jahrelang gar keine.“ Er möchte herausfinden, warum das so ist. „Ist das zufällig oder gibt es Muster? Werden extreme Ereignisse häufiger oder bleiben sie gleich?“ Um Fragen wie diese zu klären, entwickelt er neue statistische Methoden. „Oft geht es darum, für qualitative Aussagen den richtigen mathematischen Rahmen zu schaffen.“ Sollten sich Veränderungen in der Hochwasserwahrscheinlichkeit belegen lassen, wäre das ein Hinweis auf den Klimawandel.
PUSKÁS FOTOS: FOTÓ, PRIVAT
Im FWF-geförderten Doktoratskolleg „Water Resource Systems“ an der TU Wien erforschen diese drei Nachwuchswissenschafter komplexe Hochwasserdynamiken
K O M M E N TA R E : H E U R E KA 4/20
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EMILY WALTON
MARTIN HAIDINGER
FLORIAN FREISTETTER
Besseres Essen
Dicke Provokation
Wissen, aber …
Herr und Frau Österreicher sind zu dick, jedenfalls die Hälfte von ihnen. Das sage nicht ich, sondern Eurostat: Laut der EU-Statistikbehörde ergab die jüngste Erhebung (Zahlen von 2017), dass exakt fünfzig Prozent aller Österreicher über 18 Jahre übergewichtig sind, einen Body Mass Index (BMI) von 25 oder mehr haben und damit in die Kategorie „Vorstufe zur Fettleibigkeit“ (BMI von 25 bis 30) und „Fettleibigkeit“ (ab einem BMI von 30) fallen. Letzteres betrifft hierzulande 15 Prozent der Erwachsenen. Damit liegt Österreich im EUweiten Vergleich, den Eurostat angestellt hat, knapp unter dem europäischen Durchschnitt von 52 Prozent, aber noch einige saftige Schnitzel entfernt von Ländern wie Kroatien, Finnland, Tschechien oder Rumänien, wo jeweils mehr als sechzig Prozent der Bevölkerung über 18 Jahren als übergewichtig eingestuft werden. Angesichts dieser Zahlen wird auch von Brüssel aus immer wieder der Kampf gegen das Übergewicht ausgerufen. Zu den aktuellen Projekten zählt etwa Stratification of Obese Phenotypes to Optimize Future Obesity Therapy – das schlankere Akronym lautet „Sophia“. Das Projekt wird u. a. von der EU-Kommission gefördert und verfügt über ein Budget von rund 16 Millionen Euro. Das Ziel der Forschung: Ärzte sollen gesundheitliche Probleme, die sich aufgrund von Fettleibigkeit entwickeln, frühzeitig prognostizieren und auch erkennen können, welche Patienten auf eine Behandlung ansprechen würden. 950.000 Todesfälle, heißt es seitens der Brüsseler Behörde, waren Schätzungen zufolge im Jahr 2017 auf ungesunde Ernährung zurückzuführen. Um Ernährung und Gesundheit für alle zu verbessern, hat die EU-Kommission heuer eine umfassende Strategie für ein „gesünderes und nachhaltigeres EULebensmittelsystem“ vorgelegt: Unter dem Titel „Vom Hof auf den Tisch“ („From Farm to Fork“) soll bis zum Jahr 2030 unter anderem der Einsatz von Pestiziden halbiert werden, ebenso jener von Antibiotika in der Viehzucht. Ebenfalls bis zum Jahr 2030 soll ein Viertel der gesamten landwirtschaftlichen Fläche in der EU ökologisch bewirtschaftet werden. Ein Mittel von vielen, das die Kommission anstrebt, ist die Verbesserung der Kennzeichnung, wie gesund bzw. nachhaltig Lebensmittel sind. Zu etwas Ungesundem kann man ja dann noch immer greifen – nur wissen soll man es eben.
Also eines kann ich Ihnen sagen: Das Leben eines Dicken besteht aus einer andauernden Kette von Provokationen! Zuerst zeigt einem der Onkel Doktor oder die Tante Doktrix irgendeine Zahl auf einem Befund, der an sich optisch recht hübsch ist und wie ein Sternenhimmel aussieht. Eine Zahl ist noch dazu besonders dick und fett gedruckt und schaut auch sehr sympathisch aus: 187! Das ist doch in Euro eine nette Summe, um die man fein essen gehen oder sich einen schönen Rausch antrinken kann. Da steht dann noch besonders zuvorkommend daneben: Wurde sicherheitshalber noch einmal nachgemessen. Dann sagt einem der Weißkittel: Nein, nein, guter Mann, das ist nicht Ihr Kontostand oder das Honorar für die Behandlung in meiner Privatpraxis, sondern Ihr Nüchternzuckerwert in Milligramm pro Deziliter! Und was macht man jetzt mit diesem Wertgegenstand? Fängt der Doktor doch glatt eine Wertediskussion an und beschimpft einen unflätig, nimmt hundsordinäre Worte in den Mund, die ich nicht einmal zu denken wagen würde: Man sei ein Hyptertoniker, ein Metaboliker, ein Adipöser. Und ein Syndrom habe man auch. Ein Syndrom? Ist das so etwas, das juckt, wenn ich mich daraufsetze? Nein, nein, sagt er, das metabolische Syndrom kommt bei
Das Wissen über das notwendige Handeln und die notwendige Handlung selbst sind zwei völlig verschiedene Dinge. Zum Beispiel: Ich weiß eigentlich schon, dass es besser für mich wäre, auf die zweite Portion Nachtisch zu verzichten, tue es aber trotzdem nicht, weil es so gut schmeckt. Diese kognitive Dissonanz ist harmlos, wenn es wirklich nur um die einmalige Frage nach der Nachspeise geht. Sie gewinnt in anderen Bereichen aber große gesellschaftliche Relevanz. Wir wissen etwa alle, dass es schlecht für das Klima ist, wenn wir mit dem Flugzeug fliegen oder zu oft mit dem Auto durch die Gegend fahren. Trotzdem tun wir es. Wir wissen, dass wir während einer Pandemie keine großen Partys feiern und uns isolieren sollten. Trotzdem tun das viele nicht. Die objektiven Erkenntnisse der Naturwissenschaft, im ersten Fall der Klimaforschung, im zweiten Fall der Virologie, stehen im Widerspruch zu den individuellen Wünschen vieler Menschen. Das stellt ein Problem für die Wissenschaftskommunikation wie für die Politik dar. Selbstverständlich ist es wichtig, dass Klimaforscher und Virologen auf den Ernst der Lage hinweisen, die wissenschaftlichen Grundlagen von Klimakrise und Pandemie erklären und der Öffentlichkeit erläutern, zu welchen Konsequenzen bestimmte Handlungen in der Zukunft führen werden. Kritisch wird es dann, wenn die Wissenschaft zu konkreten Aktionen aufruft beziehungsweise davor warnt, bestimmte Dinge zu tun. Das ist zwar in vielen Fällen notwendig, kann aber zu Problemen führen, wenn diese Handlungsanweisungen uns unangenehm sind. Statt sich mit dem inneren Schweinehund zu beschäftigen, entwickelt man lieber eine Abneigung gegenüber der Wissenschaft, die einem die „schlechte Nachricht“ überbracht hat. Für solche Fälle muss sich die Wissenschaftskommunikatio vernünftige Strategien überlegen, damit die Bedeutung der Botschaft nicht in reiner Opposition untergeht. Und auch die Politik darf nicht der Versuchung des scheinbar einfachen Weges erliegen. Die Realität verschwindet leider nicht, auch wenn wir sie noch so hartnäckig ignorieren möchten.
: BRIEF AUS BRÜSSEL
: HORT DER WISSENSCHAFT
(AUSSCHNITT) ZEICHNUNG
: FINKENSCHLAG
: FREIBRIEF
adipösen Hypertonikern oft noch zu dem dazu, was der Patient jetzt vor allem ist: ein Diabetiker. Famos, herrlich! Die diskutieren doch immer in den Medien darüber, dass sie die Diabetikerquote auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts anheben wollen! Wegen der Bildung – damit Österreich gescheiter wird! Und ich helfe also jetzt dem Staat, dieses Ziel zu erreichen! Doch die gute Laune schwindet, als eine Fachperson im Raum erscheint, die 55 Kilogramm im Schatten wiegt, und etwas von Diät faselt! Man solle auf dieses und jenes künftig verzichten, vor allem auf jenes. Unter Diäten habe ich mir auch immer etwas ganz anderes vorgestellt! Zur Beruhigung setze ich mich in meine Stammkonditorei auf ein gutes Molotowtorterl mit einem riesigen Schlagobershäubchen, einem sogenannten Schlag-Anfall, nippe an einem Malakoffcocktail mit extrasüßer Partykirsche und sinniere über mein Schicksal als Dicker. Eigentlich ist der Status als Adipöser nicht so ganz das Wahre. Man hat nur Zores, ständig muss man sich was hineinsagen lassen von wegen Zuckermanagement und undefinierbaren Körperbewegungen, und muss womöglich noch zahlen dafür! Und wenn es dann endlich an die Diäten geht, kommt offenbar auch kein Geld herein …
HANDGREIFLICHES VON TONE FINK
TONEFINK.AT
MEHR VON FLORIAN FREISTETTER: HTTP://SCIENCEBLOGS.DE/ ASTRODICTICUM-SIMPLEX
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H EUR EKA4/20 : NAC H R I C H TE N
NACHRICHTEN AUS FORSCHUNG UND WISSENSCHAFT Seiten 6 bis 9 Wie Wissenschaft in unsere alltäglichen Lebensumstände eingreift und sie verändert
: MEDIZIN
Weißer Hautkrebs liebt das Gesicht Was allerdings problematische Folgen nach sich ziehen kann DIETER HÖNIG
Hautkrebserkrankungen werden in Österreich immer häufiger. Die Zahl der Neuerkrankungen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Das lässt sich nicht ausschließlich, aber doch vor allem auf die drastische Zunahme von Hellem bzw. Weißem Hautkrebs (Basaliome und Spinaliome) zurückführen. Knapp 30.000 Neuerkrankungen werden hierzulande jährlich verzeichnet. Da Weißer Hautkrebs seltener zu Metastasen neigt als der Schwarze Hautkrebs, Melanom genannt, werden die Hautveränderungen oft lange ignoriert oder auch unterschätzt. Im Gegensatz zum Melanom bildet sich der Weiße Hautkrebs vor zugsweise dort, wo sich viele Men schen besonders gerne bräunen lassen, vor allem am Kopf: „Vier von fünf Basaliomen finden sich im Gesicht, also gerade dort, wo man sich jahrelang mithilfe von Sonne ein vitaleres, attraktiveres Aussehen ver schaffen will“, erklärt der Gesichtschirurg J. S. Hamzavi, Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkun de. Bei der Entstehung von Haut krebs besteht ein wissenschaftlich nachgewiesener Zusammenhang mit intensiver und lange andauern der Sonneneinstrahlung. Viele Betroffene befürchten, dass sie nach dem Eingriff zur Entfernung von Weißem Krebs im Gesicht entstellt sein könnten. Die Furcht ist nicht ganz unbegründet: „Ein Ba saliom wächst lokal zerstörend und kann im fortgeschrittenen Stadium die Entfernung größerer Gewebe areale erfordern“, erläutert Rainer Kunstfeld, Professor an der Haut klinik der MedUni Wien.
: ALLERGIEFORSCHUNG
: MATHEMATIK
Kollagen ist ein oft übersehenes Allergen bei Fischunverträglichkeiten
Für innovative Datenspeicher
Fischallergien nehmen weltweit zu. Sie können einen anaphylaktischen Schock auslösen. Kollagen wurde als einer der Auslöser festgestellt
Giovanni Di Fratta berechnet Materialstrukturen
BARBARA FREITAG
USCHI SORZ
Immer mehr Menschen weltweit leiden an einer Fischallergie. Bei dieser Allergieform ist die Wahrscheinlichkeit eines anaphylaktischen Schocks höher als bei vielen ande ren Lebensmittelallergien. Schon der Hautkontakt mit Fischen und das zufällige Einatmen von Fischdämpfen können eine allergische Reaktion auslösen. Zudem enthalten viele kosmetische und pharmazeutische Produkte Fischkollagen. In einer gemeinsamen Studie mit australischen Wis senschaftern konnte ein Team unter Heimo Breiteneder der MedUni Wien zeigen, dass ein im Fisch enthaltenes Kollagen ein wichtiges Allergen ist, das jedoch bei der Diagnose oft übersehen wird. Einer der Gründe dafür: In den meisten kommerziell erhältlichen Diagnosetests ist Kollagen in zu geringen Mengen enthalten, da die Tests auf wässrigen Extrakten be ruhen, in denen sich Kollagen aber
nicht löst. Dadurch fehlt es dann in jenen Lösungen, die für Forschung und Diagnose eingesetzt werden. Die Studie umfasst eine Kohorte von über hundert Personen. Durch spezifische IgE-Messverfahren und zellbasierte Tests konnte dargestellt
Heimo Breiteneder, MedUni Wien werden, dass Kollagen für etwa zwanzig Prozent der Personen mit Fischallergie, von denen einige negativ auf andere bekannte Fischallergene getestet wurden, ein wichtiges Allergen ist. Fischkollagen ist nun offiziell in der Datenbank des Allergen Nomenclature Sub-Committee der WHO/IUIS als Allergen registriert.
: MATERIALWISSENSCHAFT
Die Holzuhr – eine neue Methode, um das Alter von Holzresten zu bestimmen Mittels Chemie kann man die Herkunftszeit von Holzbalken und alten Baumstämmen im archäologischen Umfeld besser bestimmen JOCHEN STADLER
Der chemische Zahn der Zeit nagt an allem, egal, ob es lebt oder tot ist. Er kiefelt mit einer Beständigkeit, dass man ihn als „molekulare Uhr“ ver wenden kann, um das Alter von Holz mit archäologischem oder histori schem Hintergrund zu bestimmen,
Johannes Tintner-Olifiers BOKU Wien erläutern Johannes Tintner-Olifiers vom Institut für Physik und Ma terialwissenschaften der Universi tät für Bodenkultur (BOKU) Wien und Kollegen im Fachjournal Scientific Reports. Die Ziffern dieser molekula ren Uhr sind die chemischen Sei tenketten von Hemizellulose. „Das
ist quasi ein Kitt, der Holzstoff und Zellstoff verbindet“, sagt TintnerOlifiers. Dieses Ästelwerk an He mizellulose-Seitenketten wird vor allem von Sauerstoff und Wasser stoff-Ionen (Protonen) attackiert und bricht mit der Zeit zu immer kürzeren Stummeln ab. „Ihren Zu stand kann man mithilfe von Infrarotspektroskopie rasch und unkompliziert bestimmen“, so der Forscher. Mit Kollegen hat er bei bis zu 7.500 Jahre altem Kiefernholz aus Europa von der Arktis bis nach Österreich die Anteile der Hemizellulose und die Mengen ihrer Seitenketten bestimmt und damit die molekulare Uhr des chemischen Holzverfalls geeicht. Mit ihr sei es nun möglich, die Herkunftszeit von Holzbalken in Bauwerken, prähistorischen Siedlungsresten und Baumstämmen in Seen zu datieren. Sie sollte auch bei altem Stroh, Papier und Pergament funktionieren.
Winzige Wirbel in magnetischen Materialien, sogenannte Skyrmio nen, werden momentan intensiv erforscht. „Aufgrund ihrer Stabilität und geringen Größe im Mikro- und Nanometerbereich könnten sie in Zukunft zur energiesparenden D -
Giovanni Di Fratta, TU Wien tenspeicherung und Konstruktion logischer Schaltungen genutzt werden“, sagt Giovanni Di Fratta, Universi tätsassistent am Institut für Ana lysis und Scientific Computing der TU Wien. Sein Doktoratsstudium in An gewandter Mathematik absolvierte er in Neapel und Paris; diese Zeit und Postdoc-Aufenthalte an europäischen Zentren im Bereich der par tiellen Differentialgleichungen so wie der Variationsrechnung und ihrer Anwendung in den Materialwissenschaften spiegeln sich in seinem aktuellen Forschungsthema: der Ana lyse von magnetischen Skyrmionen in gekrümmten Geometrien. „Skyrmionen sind Quasiteilchen“, erklärt er. „Das heißt, sie verhalten sich wie Teilchen, treten aber im Schwarm auf und bilden dadurch viel komplexere, wirbelförmige Strukturen, ähnlich wie eine Sammlung kleiner magnetischer Nadeln.“ Im Ge samten könne man sich das vorstellen wie einen Vogelschwarm, der aus der Ferne wie eine Einheit aussieht. „Der größte Teil meiner Arbeit dreht sich darum, wie man das Verhalten der Skyrmionen mathema tisch vorhersagt und ihre Stabilität und Dynamik kontrolliert. Hier sind noch viele Fragen offen.“ Mathematische Antworten darauf können helfen, das Speicherpotenzial der Skyrmionen zu konkretisieren. „Ihre geometrischen Eigenschaften erlauben es nämlich, sie für die Codierung von Bits zu verwenden.“ Vor seinem Weg in die akademische mathematische Forschung hatte Di Fratta Ingenieurwissenschaften studiert, aber bald herausgefunden, dass ihn „die mathematischen Fundamente, auf denen diese aufbauen, mehr interessieren“. Der Neapolitaner ist mit einer Kärntnerin verheiratet und Vater einen kleinen Tochter.
FELICITAS FOTOS: MATERN, PRIVAT
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N A C H R IC H TE N : H E U R EKA4/20
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: MEDIENTHEORIE
Mutige Verzweiflung: Selbstmord in Film und Serie Anders als üblicherweise angenommen, wählen die meisten Protagonisten in Filmen nicht aus einer psychischen Störung heraus den Freitod MARTIN POLTRUM
Das Thema Suizid wird nicht nur im Bereich der Psychiatrie und Psychotherapie abgehandelt, sondern ebenso in der Weltliteratur, man denke an Shakespeare, in dessen Gesamtwerk dreizehn Freitode vorkommen, oder an die Bibel, in der elf Selbsttötun gen zu finden sind, und vor allem an den Spielfilm, der sich von jeher für den Topos der Lebensmüdigkeit und Todessehnsucht interessiert. So zählt zum Beispiel das American Film Institute an die 1.600 Spielfilme, in denen Suizidhandlungen vorkommen bzw. eine Rolle spielen. Martin Poltrum, Sigmund Freud Privatuniversität Wien Was die wichtigsten Suizidmotive im Spielfilm anbelangt, zeigt das eben erschienene Buch Lebensmüde, Eltern-Kind-Konflikte, Partner todestrunken – Suizid, Freitod und schaftsprobleme, Geldnöte, EinsamSelbstmord in Film und Serie , dass keit, Mobbing und zwischenmensches in Filmen und Serien weniger liche Schikanen, gesellschaftliche psychiatrische Erkrankungen sind, Vorurteile gegenüber Ethnien und die zu einem Selbstmord motivie - sexueller Orientierung, Schuld und ren, sondern soziale Schwierigkei - Scham, die Filmprotagonisten dazu ten und Konflikte wie zum Beispiel bringen, sich das Leben zu nehmen. Beziehungsabbrüche, Trennungen, Damit fordert der Film die gängige
psychiatrische Lehrmeinung heraus, dass neunzig Prozent aller Suizid handlungen aus einer psychischen Störung passieren. Zumindest was die Filmfiguren anbelangt, stimmt diese ungeprüfte und empirisch ja nicht zu belegende Behauptung keinesfalls, da nur rund zwanzig Pro zent aller Filmprotagonisten sich aufgrund einer psychiatrischen Problematik das Leben nehmen. Die vorliegende Publikation ergänzt und vervollständigt bereits bestehende ältere Arbeiten zum Thema „Su izid und Film“ durch 35 tiefenher meneutische Analysen ausgewählter Filme und Serien und einer Über blicksarbeit zum Thema „Selbst mord und Freitod im Stummfilm“, die 78 Streifen aus der frühen Kinogeschichte erwähnt. Wenn da und dort ein Autor der Versuchung unterlag, eine Filmfigur durch eine psychiatrische Diagno se zu fassen, dann geschah das stets im Wissen um die Limitation solcher
Bemühungen, denn die Minimalforderung an eine psychologisch-psy chotherapeutische Diagnostik ist die, dass man mit der zu beurteilenden Person in Interaktion treten kann – was bei Filmfiguren jedoch schwer lich möglich ist. Dennoch sind manche Auffälli keiten von Filmcharakteren so evi dent, dass man mit dem Wissen um diese Grenze – zum besseren Ver ständnis einer Figur und nicht zu letzt auch aus psychotherapiedidaktischen Gründen – auf diagnostische Etikettierungen zurückgreifen kann. Martin Poltrum, Bernd Rieken, Otto Teischel (Hg.), Suizid, Freitod und Selbstmord in Film und Serie, Springer Verlag, Berlin 2020, 561 S.
: SOZIALKRITIK
Angriffsfläche für wütende Männer
Dafür eignen sich dicke, weibliche Körper ganz besonders – unter dem Deckmantel der Sorge um die Gesundheit
FELICITAS FOTOS: MATERN, APOLLONIA THERESA BITZAN
STEFANIE SARGNAGEL
Als Frau, leicht übergewichtig und häufig in der Öffentlichkeit zu sehen, ist mein Körper beliebte Angriffsflä che für wütende Männer. Auch Journalisten der Zeit haben Artikel darüber verfasst, es sei verwunderlich, dass ich blade Frau als Autorin so populär bin. In den meisten Zeitschriften sind zwanzig Prozent der Frauen, die abgebildet sind, jung und hübsch, während Männer allen Alters und Konfektionsgrößen Platz finden. Die Menschen sind also kaum gewohnt, Frauen, die nicht allen Schönheitsidealen entsprechen und adrett gekleidet sind, abgebildet zu sehen. Es gibt einen Pro totyp des erlaubten Frauenkörpers. Auch wird es als Angriff aufgefasst, wenn irgendwo einer auftaucht, des sen Hauptaufgabe nicht Dekoration ist. Männer schreiben dann Kommentare wie: Wieso zeigt ihr mir eine Frau, die ich nicht in meinen Träumen vö geln will? Eine, die sogar gleich alt wie ich ist?! Frechheit! Generell hat sich das weibliche Ideal etwas verschoben, von andro -
Ich kenne viele dicke Frauen, die sich seit diesen Bildern modisch viel we niger scheißen und mehr Spaß haben. Ich bin umgeben von talentierten Frauen, die sich vermeintlich nicht stark über ihren Körper definieren. Trotzdem sind die, die noch nie an einer Essstörung litten oder leiden, in der Minderheit. Das ist ein Tabu in unserer Gesellschaft. Bei Essstörungen denkt man an eine abgemagerte Frau kurz vor der Ohnmacht. Die Wahrheit ist: Essstörungen sieht man nicht, denn es gibt verschiedene Formen. Derselbe KörperStefanie Sargnagel, bau zeigt bei dem einen Menschen ein Schriftstelleri entspanntes Verhältnis zum Essen, beim anderen ist er Ergebnis einer Essstörung. Die geschätzte Dunkel gyner Size Zero zu großen Hintern ziffer bei Bulimie ist riesig und nimmt und schmalen Taillen, wohl unter dem sogar bei Männern zu. Darüber könnte Einfluss afroamerikanischer Popkul- man durchaus mehr sprechen. tur. Ich folge einigen Instagram-Ac Im Gegensatz zu anderen Süchten, counts, die dicke oder alte Körper Problemen und Makeln, die Menschen schön, selbstbewusst, stylish und lie- in irgendeiner Form haben, trägt man bevoll inszenieren und nicht als Prob- sie als stark übergewichtiger Mensch lem. Das hat tatsächlich einen spürbar offensichtlich vor sich her. Abwei entspannenden Effekt auf die Psyche. chungen von der Norm sehen viele
Menschen bei Übergewicht als selbstverschuldet an. Deshalb greifen nor male Mechanismen des Minderheitenschutzes nicht. Man „sorgt sich um die Gesundheit“, als würden sich fettleibige Menschen nicht ohnehin ununterbrochen Gedanken über ihr Gewicht machen. Wer sich um die Gesundheit anderer sorgt, ist doch nicht übergriffi und entmündigt oder demütigt seine Mitmenschen doch nicht. In Wirklichkeit fühlen sich solche Gesundheits apostel enthemmt, ihre Verachtung auf Menschen abzuladen, die eine offe sichtliche Angriffsfläch bieten.
Stefanie Sargnagel, Dicht. Aufzeichnungen einer Tagediebin, Rowohlt, 2020, 247 S.
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H EUR EKA 4/20 : NAC H R I C HTE N
: ANTHROPOLOGIE
Adipositas als Zeichen von Reichtum Wenn sich nichts gravierend ändert, wird in fünfzehn Jahren die Hälfte der Weltbevölkerung adipös sein. Im Inselstaat Nauru sieht man das positiv SOPHIE HANAK
In Österreich ist ein deutliches Ost-Westgefälle zu beobachten: So leben in Tirol und Vorarlberg weniger adipöse Menschen als in Wien. „Das hat mehrere Ursachen. Der Lebensstil ist einer der wesentlichen Faktoren. In Tirol gehen Menschen öfter in die Berge als in einer Großstadt wie Wien“, er klärt Mangge. In den letzten dreißig Jahren ist in Österreich das Körper gewicht der Menschen im ländlichen Raum im Vergleich zur Stadt gestiegen.
aufgrund der Verwestlichung der Lebensweise, wozu der Genuss von Fast Food und wenig Bewegung gehören, die adipösen Menschen immer mehr. Allerdings leben in dieser Region auch die wenigsten Adipösen, nämlich in Vietnam und Bangladesch.
Anstieg an Adipösen weltweit, vor al lem in Brasilien, Indien, China. und Mexiko. Seit den 2000er Jahren hat der mikronesische Inselstaat Nauru im Pazifischen Ozean den höchsten Anteil an adipösen Menschen, fast siebzig Pro zent der Bevölkerung.“ Das hat gene tische Ursachen: Die ersten Bewohner In den USA hat um das Jahr 1800 kamen mit Booten vom Festland auf der durchschnittliche Amerikaner sein die Inseln. Überlebt hat nur, wer ein Leben lang nie ein Zuckerl gekostet, Optimum aus der Nahrung heraushoschreibt Twilley in „How Sweet It Is“. len und Energie in Form von Fett gut speichern konnte.
Nach der Unabhängigkeit der Insel Nauru von Australien 1968 machte Sylvia der Phosphatabbau viele Bewohner Kirchengast, Harald vermögend. So kam es zu einer Än Universität Mangge, derung der Lebensweise durch redu Wien MedUni Graz zierte körperliche Aktivitäten und den Konsum westlicher Nahrungsmitteln. „Als sich die wirtschaftliche Situation Europaweit, so könnte man mei - Damals gab es keine Zuckerindustrie. durch ein Ende des Phosphatabbaus Nicola Twilley schreibt im New Yorker nen, gebe es vor allem in Italien oder Heute droht bald jedem sechsten Ein- verschlechterte, blieb dies so. Adiposivom 28. September 2020: „Wenn wir Griechenland mit ihrer viel gelob - wohner Diabetes, siebzig Prozent der tas wird in Nauru positiv bewertet, da so weitermachen, ist innerhalb der ten, mediterranen Kost kaum adipö - Bevölkerung machen sich wegen des Fettleibigkeit als Zeichen von Reich nächsten fünfzehn Jahre die Hälfte se Menschen. Doch auch in diesen Re- Zuckers Sorgen. Im Jahr 1960 waren tum gilt“, erzählt Kirchengast. der Weltbevölkerung übergewichtig gionen ist Adipositas auf dem Vor - weniger als vierzehn Prozent der Er Hingegen sind in den meisten Reoder adipös.“ marsch, denn auch hier verändern sich wachsenen in den USA adipös, heute gionen der Erde adipöse Menschen oft sind es vierzig Prozent. Auch Migration spielt eine große die Ernährungsweisen. Bei jungen mit Hass und Diskriminierung kon Rolle. „Immigranten haben häufig In- Menschen kommt es zu einem neuen „Anfangs wurden vorrangig in den frontiert. Besonders stark ist die Distegrationsprobleme, sind auf Arbeits- Nord-Süd-Gefälle: In den südlichen USA und in Europa adipöse Menschen kriminierung im Gesundheitswesen, suche und haben wenig Geld. Oft ist Ländern leben dreimal so viele über- gezählt. Seit den 1980er und 1990er am Arbeitsplatz, in der Bildung, in fettes oder zuckerhaltiges Essen billi- gewichtige oder adipöse Kinder wie in Jahren hat sich das geändert“, sagt Syl- persönlichen Beziehungen und in den ger als frisches, kalorienarmes Essen“, Schweden oder in der Schweiz. Auch via Kirchengast, Anthropologin an der Medien. Eine Fettakzeptanzbewegung sagt Mangge. Universität Wien. „Wir beobachten den versucht, dies zu beenden. in Asien werden seit einigen Jahren
: MEDIZIN / ANTHROPOLOGIE
Die Verhausschweinung des Menschen So nannte der Nobelpreisträger Konrad Lorenz die Entwicklung zum Homo adipositatis. Man könnte es auch als Sieg über die Natur begreifen JOHANNES SCHMIDL
Warum streifen wir Menschen nicht mehr als Jäger und Sammler durch Wälder und Steppen, sondern ernähren uns von einer inzwischen immer stärker industrialisierten Landwirtschaft Die Schwelle vom Jagen und Sammeln zur Sesshaftigkeit, zu Acker bau und Viehzucht bezeichnet man als neolithische Revolution. Sie war ein „Nichtereignis“, erklärt der Um welthistoriker Joachim Radkau, das sich über Jahrtausende hinzog. Do mestizierte Tiere erleichterten das Ziehen von Lasten und das Pflügen der Felder; ein starkes Pferd oder ein Ochse verzehnfacht die Leistung ei nes Menschen. Die Fläche an notwendigem Land, um einen Menschen zu
ernähren, sank auf ein Zehntel bis ein bis sie nicht mehr konnten. Denn die Hundertstel im Vergleich zur Jäger- nächste Hungerphase kam gewiss. und Sammlergesellschaft. Heute können wir uns das Kalo rienäquivalent eines Mammuts be Aber alle Daten weisen darauf hin, dass die Lebensqualität der Menschen durch diese Revolution gesunken ist. Die Jäger und Sammler lebten gesünder als ihre sesshaften Nachbarn und Nach folger. Dennoch hat sich die ungesünKonrad Lorenz, dere, mühsamere Kultur durchgesetzt. Nobelpreisträger Warum? für Medizin Für die Jäger und Sammler setz te die Natur dem Ökosystem Gren - quem in einem Geschäft besorgen, zen, innerhalb derer sie lebten, ähn - ohne uns körperlich anzustrengen. lich wie für die wilden Tiere. Erleg - Unser genetisches Programm aus der te unsere Vorfahren vor 20.000 Jah - Jäger- und Sammlerzeit ist jedoch geren ein Mammut, aßen sie so lange, blieben: Nimm, was dir schmeckt und
so viel du bekommen kannst! Auch den domestizierten Tieren geht es so, Hunden, Katzen, Wellensittichen oder Hausschweinen. Der Nobelpreisträger Konrad Lorenz hat dies mit ironi schem Blick auf seinen eigenen Bauch als die „Verhausschweinung des Menschen“ bezeichnet: Es gebe Personen, „die nur an Fressen und Begattung denken“, oft kombiniert mit der Un fähigkeit, die eigenen Triebe zu be herrschen und zu steuern. Laut einer Studie des Weltklimarates IPCC vom August 2019 hat sich die Pro-Kopf-Verfügbarkeit von Fleisch und Pflanzenöl seit 1961 mehr als verdoppelt. Die Anzahl übergewichtiger
N. KIRCHENGAST, FOTOS: PRIVAT, BILDARCHIV DER ÖSTERR. NATIONALBIBLIOTHEK
Skulpturen wie die berühmte Venus von Willendorf aus der Steinzeit weisen darauf hin, dass es schon immer adipöse Menschen gegeben haben muss. Heute sind Menschen, die man umgangssprachlich „fettleibig“ nennt, überall auf der Erde verbreitet, ihre Anzahl hat sich seit dem Jahr 1975 fast verdreifacht. Die Ursachen dafür können sehr unterschiedlich sein, haben aber meist einen wirtschaftlichen und sozioökonomischen Ursprung. „Vor allem in Haushalten, in denen wenig gekocht wird, ist Adipositas zu beobachten. Eine sehr große Rolle spielt auch die Getränkeindustrie, denn in den meisten Softdrinks ist sehr viel Zucker enthalten“, sagt Harald Mangge vom Klinischen Institut für Medizinische und Chemische Labordiagnostik der Me dizinischen Universität Graz.
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: WISSENSCHAFTLICHE BÜCHER AUS ÖSTERREICH EMPFEHLUNGEN VON ERICH KLEIN
WIKIPEDIA/DON FOTO: HITCHCOCK
Otto Grünmandl auf dem Weg zum Klassiker
Die älteste und eine der berühmtesten Adipösen der Welt: Die Venus von Willendorf, rund 30.000 Jahre alt
Menschen ist mittlerweile weltweit auf zwei Milliarden gestiegen.
Gerade solche Einschränkungen erscheinen angesichts schwindender Ressourcen und der ökologischen Krise Jeder Appell zur persönlichen Anpas - dringend notwendig. Die Natur hat die Verwirklichung sung des Lebensstils muss sich an empirischen Befunden wie den Milliarden unserer Wünsche lange begrenzt. Jetzt Übergewichtigen messen lassen; zum sind wir stärker als sie und können Beispiel an der Weigerung, etwas Sinn- ihre Grenzen mit technischen Hilfs volles wie eine geringere Nahrungsauf- mitteln überwinden, bis sie sich mit nahme auf sich zu nehmen, selbst wenn anderen, globalen Grenzen und Kippes unmittelbar und sichtbar der eigenen punkten schmerzhaft in Erinnerung Gesundheit nützen würde. ruft. Vielleicht müssen wir doch dem Wie viel schwieriger müssen dann Rat der Zauberin Kirke folgen und uns erst kollektive Verhaltensänderungen wie Odysseus an den Mast unseres sein, die keinen unmittelbar erfahrba- Schiffes binden lassen, um nicht dem ren, persönlichen Nutzen abwerfen, da- Ruf der Sirenen zu erliegen, die uns für aber als Schmälerung der Lebens- mit unwiderstehlichem Gesang ins möglichkeiten empfunden werden? sichere Verderben rufen.
Alle Klischees über Sibirien auf höchst originelle Weise
Der spätere Erfinder des Einmannstammtisches war nicht nur ein Meister der höheren Kunst des Blödelns – innere Voraussetzung aller Freiheit. Er schrieb auch drei intelligente Romane. Schon in den 1950er Jahren zerpflückte Grünmandl Konzepte und Strategien moderner Werbung und beschrieb einen Sexroboter, den AI-Forscher noch heute beneiden dürfen. Sein „Ministerium der Sprichwörter“ hilft Soziologen auf die Sprünge, am Beispiel des Tiroler Kleinbürgers Krambacher erfahren Globalisierer und deren Gegner, wie es um Ferne bestellt ist.
Eine alte Regel lautet: Wer an einen Ort für drei Tage reist, schreibt darüber einen Artikel; nach dreimonatigem Aufenthalt entsteht ein ganzes Buch. Die britische Journalistin erzählt von Sibirien, als läge Russlands Kolonialreich tatsächlich am Ende der Welt, bedient alle Klischees, tut dies aber auf höchst originelle Weise. Sie sucht nach Klavieren, die seit der Zeit der Dekabristen als Symbole europäischer Kultur hinter den Ural gelangten. Franz Liszt tritt ebenso auf wie Swjatoslaw Richter, und eine junge mongolische Pianistin spielt in ihrer Jurte Bach.
Otto Grünmandl, Das Ministerium für Sprichwörter. Werkausgabe Band 2. Romane Haymon Verlag 2020, 520 S.
Sophy Roberts, Sibiriensvergessene Klaviere, Zsolnay Verlag 2020, 400 S.
300 Jahre graue Eminenzen am Ballhausplatz
Die Donau als Wasserstraße über das Schwarze Meer in den Nahen Osten
Nach seiner Monografie über die Staatskanzlei kehrt der langjährige Präsidialchef des Bundeskanzleramtes noch einmal an seinen früheren Arbeitsplatz am Ballhausplatz zurück, um die Einflüsterer und Berater von Österreichs Monarchen und Mächtigen wiederauferstehen zu lassen. Der Bogen reicht vom Freiherr von Sonnenfels über Bohemiens, trockene Hofräte, Pedanten und Gelehrte wie Hans Kelsen bis zu Bruno Kreiskys Sekretären und herauf in die Gegenwart. Abgeklärt zuletzt und ohne sich „vom Neusprech der Consulter weiter beeindrucken“ zu lassen.
Wien sollte zum Hamburg des Ostens werden. Die Nazis dachten den im Industriezeitalter begonnenen Ausbau der Donau zur modernen Wasserstraße „geopolitisch“ weiter: die Donau als Wasserstraße übers Schwarze Meer in den Nahen Osten. Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs, geprägt von der Eingliederung in die deutsche Reichswasserstraßenverwaltung, der Ausrichtung auf kriegswirtschaftliche Bedürfnisse und Projekten, die mit Zwangsarbeitern begonnen wurden.
Manfred Matzka, Hofräte, Einflüsterer, Spin-Doktoren, Brandstätter Verlag 2020, 256 S.
Bertrand Perz u.a. (Hg), Wasserstraßen. Die Verwaltung von Donau und March 1918–1955, Böhlau Verlag 2020, 353 S.
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TITELTHEMA HOMO ADIPOSITATIS
Seiten 10 bis 22 Antje Kröger kann weh tun. Mit ihrer Fotografie allemal. Vor allem dann, wenn die Augen des Betrachters nicht bereit sind, von gängigen Sehgewohnheiten abzurücken. Sie zeigt das, was da ist, aber nicht mit ausreichendem Fokus gesehen wird. Aber auch Licht, Farben, Leben. Ungeschönt schön. Wo der Finger fehlt, um in der offenen Wunde zu bohren, da ist die Fotografin das Salz, welches sich selbst hinein reibt. Die Wunde ist das Leben, und wo das Leben schmerzt, da hilft ein reinigender Blick. Der Blick, der alles Ungewohnte, Unbekannte, das Übersehene, das Ungesehene, das Abgelegte sieht. Antje Kröger fotografiert das Dicksein und podcastet darüber: www.antjekroeger.de und https://antipoesestuecke.de
: AUSGESUCHTE ZAHLEN ZUM THEMA ZUSAMMENGESTELLT VON SABINE EDITH BRAUN
90 Gramm
pro Kopf beträgt der tägliche Zuckerkonsum in Österreich. Das ist fast viermal mehr als von der WHO empfohlen.
60 Minuten tägliche Bewegung lautet die Empfehlung des FGÖ für Kinder und Jugendliche. Eine Lehrlingsstudie mit 2.000 Befragten ergab 2018/19, dass 28,8 Prozent der Burschen, aber nur 16,8 Prozent der Mädchen zweimal wöchentlich oder öfter Sport ausüben
58,4 %
der Menschen in Österreich mit Universitäts- oder FH-Abschluss machen pro Woche 150 Minuten oder mehr ausdauerorientierte Bewegung. 48,2 Prozent mit Matura oder Lehrabschluss, 43,2 Prozent mit Pflichtschulabschluss. Und immer mehr Männer als Frauen.
105.000
Freiwillige nahmen an einer französischen Langzeitstudie teil: Beim niedrigsten Konsum (8,5 Prozent) von Fertiggerichten erkrankten 27 von 1.000 Personen an Krebs, beim höchsten Konsum (32 Prozent) 33 von 1.000 Personen.
1810 32.684
Menschen von insgesamt 83.975 Toten in Österreich starben 2018 an einer Herz-Kreislauferkrankung, der häufigsten Todesursache im Land.
340.000.000 Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis 19 Jahren galten 2016 laut WHO als übergewichtig oder adipös. Von den über 18-Jährigen waren 1,9 Milliarden übergewichtig, davon 650 Millionen adipös.
ist das Geburtsjahr der Fertiggerichte. In diesem Jahr wurde in Frankreich die Konservendose patentiert. Der Anteil an vorgefertigtem Essen steigt: Der Umsatz an „Convenience Food“ in Deutschland beträgt 2020 rund 9.350 Millionen Euro.
150 bis 300 Minuten Bewegung pro Woche empfiehlt der Fonds Gesundes Österreich Erwachsenen. Mittlere Bewegungsintensität reduziert das Diabetes-II-Risiko um 25 bis 35 Prozent.
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Meine Pfunde trage ich wie einen Panzer, sie verbergen, was darunter liegt. Aus mir wächst nicht nur die Kraft, mit diesen Pfunden umzugehen. Die Pfunde machen unsichtbar, was ich nicht transcodiert haben mag. Nicht gleich in jedem Augenblick von jedem Augenpaar. Queerdenker hingegen …
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Homo adipositatis mit uns Anthropologie und Genetik zeigen, wann eine effizient Fettspeicherung nicht nur Nachteile hat raham ist eine lebensgroße Skulptur der australischen Kommission für Verkehrsunfälle (TAC) und „die einzige Person, die auf unseren Straßen überleben würde“. Er hat keinen Hals, sein Kopf sitzt auf den Schultern, auch ist er durch dickere Kno chen und zusätzliche Haut- und Fettschichten geschützt. Luftpölsterchen zwischen den Rippen können sich bei einem Auf prall aufblasen. Seine langen Beine haben zwei Sprunggelenke, um schnell aus Gefahrensituationen zu kommen. Graham, von einem Unfallchirurgen, einem Verkehrsanalytiker und einer Künstlerin gestaltet, zeigt, wie der Mensch aussehen würde, hätte er sich gleich schnell wie Autos entwickelt.
LUKAS SCHÖPPL
„In Zeiten des permanenten Überflusses wird die Fähigkeit zur effizienten Energiespeicherung zum Nachteil“
2008: Erstmals mehr Übergewichtige als Hungernde Die Evolution verläuft jedoch langsamer als der technologische Fortschritt. So ist der genetische Code des modernen Men schen, Homo sapiens, seit dreihunderttausend Jahren nahezu unverändert. Um ihn herum hat sich jedoch die Umwelt rasant entwickelt. Das Zusammenleben konzentriert sich zunehmend auf Städte, der hohe Bedarf an Nahrung wird von einer großen Nahrungsmittelindustrie gedeckt. Musste SYLVIA KIRCHENGAST, der Urmensch sein Essen noch sammeln oder jagen oder später durch Ackerbau und UNIVERSITÄT WIEN Viehzucht erwirtschaften, kauft er heute im Supermarkt ein oder lässt sich die Mahlzeit liefern. Dies führt seit Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zu einem Phänomen, das für den Homo sapiens prägend geworden ist: Übergewicht und Fettleibigkeit. „Im Jahr 2008 verzeichnete die WHO erstmals mehr Menschen, die an Überge wicht und Adipositas leiden als an Hunger und Unterernährung“, sagt Sylvia Kirchengast. Die Anthropologin an der Universität Wien beschäftigt sich unter anderem mit den evolutionären Aspekten von Übergewicht und Adipositas. „Fett ist an sich nichts Negatives. Im Gegenteil, die Fähigkeit, Fett zu akkumulieren und zu speichern ist überle benswichtig für den Menschen. Das galt besonders in Zeiten, da Nahrungsbeschaffung mit großer Anstrengung verbunden und im Winter noch schwieriger war.“ In der Anthropologie existieren verschiedene Theorien über die evolutionären Ursachen der Adipositas. „Die „Thrifty-gene“ Hypothese von James Neel geht davon aus, dass ein sparsames, englisch „thrifty“, Haushalten mit Nährstoffen einen wesentlichen Vorteil bei der Entwicklung des Menschen bedeutet hat“, führt Kirchengast aus. So mussten etwa die Ureinwohner Neuseelands und Samoas oft lange Ruderstrecken zurücklegen und mit wenig Nahrung auskommen. Hohe Energiespeicherfähig keit war ein Selektionsvorteil. „Neuere Studien an gegenwärtigen Wildbeuterkulturen wie den !Kung in Namibia sprechen jedoch Alexander Tups, gegen ein Szenario von Hungersnöten und Universität Otago, Mangelernährung im Paläolithikum. Diesem Neuseeland
Umstand wird der Ansatz von John Speakman gerecht. Seiner „Drifty-gene“-Hyp these nach war die Fähigkeit, Energie lange zu speichern, kein Vorteil. Durch die kulturellen Entwicklungsprozesse war sie einfach kein Nachteil mehr.“ War noch Übergewicht in Kampf- oder Fluchtsituationen eine Schwachstelle, treten solche Situationen heute kaum mehr auf. Die Folge ist eine Gendrift, also eine zufällige Veränderung. „So konnte sich laut dieser Hypothese die menschliche Prädis position zu Adipositas ausbreiten. Wahr scheinlich ist es ein Mix aus beiden Hypothesen“, erklärt Kirchengast. Aus anthropologischer Sicht sind stei gende Adipositas-Raten das Resultat der menschlichen Evolution. Es scheint je doch weniger eine Entwicklung im Sinne der genetischen Anpassung wie beim aus tralischen Graham zu sein, sondern viel mehr eine Art Nichtentwicklung im Ver hältnis zu den veränderten, lebensweltli chen Umständen. Was bleibt, ist die phänotypische Aus prägung: ein evolutionärer Wohlstands bauch. „In Zeiten permanenten Überflusses wird die Fähigkeit der effiziente Energiespeicherung zum Nachteil. Vor allem bei einer mangelnden genetischen Adaptation an zucker- und fettreichen Nahrungsmitteln.“ 95 Prozent aller adipösen Menschen haben eine Leptinresistenz Ähnlicher Meinung ist der Neurowissen schafter Alexander Tups, der unweit von Graham entfernt an der University of Otago in Neuseeland forscht. Im Zentrum seiner Arbeit steht das Hormon Leptin und seine Rolle bei Adipositas. Leptin wird im Fettgewebe gebildet und ist verantwortlich für unser Sättigungsge fühl. Wie eine Benzinuhr teilt Leptin dem Gehirn mit, wie viele Reserven der Körper „im Tank“ hat und reguliert dementspre chend die Nahrungsaufnahme. Könnte die künstliche Verabreichung von Leptin un ser Sättigungsgefühl provozieren und uns demnach bei der Gewichtsreduktion helfen? „Versuche in diese Richtung gab es im mer wieder“, meint Tups. „Ist der Leptin spiegel aber dauerhaft erhöht, kann das Hirn das Signal irgendwann nicht mehr lesen.“ Die Folge davon ist eine Leptin-Resistenz. Eine solche Resistenz weisen 95 Prozent aller adipösen Menschen auf. Wann diese auftritt, ist individuell unterschiedlich. „Es gibt einen persönlichen Schwellenwert, ab dem das Gehirn leptinresistent wird“, so Tups’ Hypothese. „Ausschlag gebend ist der Körperfettgehalt, der durch genetische Vorbedingungen bestimmt sein kann. Übersteigt er einen kritischen Wert, entsteht eine Leptinresistenz. Manche Menschen bilden zu viel Leptin proportional zum Körpergewicht.“ Dabei betont Tups, dass fett nicht gleich dick bedeutet: „Menschen des sogenannten
„Toffee-phenotypes“ erscheinen außen schlank, haben innen allerdings viel viszerales Fett.“ Der „Toffee-Phänotyp“ ist vor allem im asiatischen Raum verbreitet. Der BodyMass-Index ist als Verhältnismaß nur be dingt aussagekräftig. Menschen, die intensiv Kraftsport betreiben, haben auch eine höhere Muskelmasse. Auch der Fettanteil ist individuell und je nach Bevölkerungs gruppe unterschiedlich. In Neuseeland, wo Tups lebt und forscht, sind Pacific Nations wie Maōri und andere polynesische Pasi fika People besonders von Adipositas be troffen. Die Fettleibigkeitsrate beträgt hier bis zu siebzig Prozent, höher als in Nordund Südamerika. Bei einer globalen Nahrungsknappheit wäre Adipositas ein Vorteil So interessant Tups die These findet, eine neue Spezies, die den Homo sapiens suk zessive ablöst, der Homo adipositatis, ist für ihn nicht haltbar. „Wenn man den ausrufen wollte, müsste Adipositas einen ge netischen Vorteil haben“, erklärt Tups. „Schwer adipöse Menschen sind häufig unfruchtbar. Auch das Risiko einer Diabeteserkrankung ist drastisch erhöht. Diabetes wiederum erhöht die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken.“ Alles keine Selektionsvorteile. „Allerdings besteht aber auch kein evolutionärer Nachteil, wenn die Mortalität erst nach der reproduktiven Phase erhöht ist.“ Fettleibige Menschen sterben selten, bevor sie sich fortgepflanzt haben. „Im hypothetischen Szenario einer globalen Nahrungsknappheit würden die Dinge anders aussehen. Hier wäre Adipositas ein Vorteil, schlanke Menschen würden womöglich sogar aussterben.“ Auch wenn er nichts vom Homo adipositatis hält, die pauschale Verunglimpfung von Adipösen als kranke Menschen findet Tups bedenklich. „Im englischen Sprach raum spricht man bei Adipositas eher von einem Zustand (condition) als von einer Krankheit“, so Tups. Seine Forschung berücksichtigt die individuelle Dispositi on der Menschen. „Das ist besonders in multikulturellen Nationen wie Neuseeland wichtig, wo Adipositas auch ein politischer Faktor ist. Wenn eine Bevölkerungsgruppe zu Fettleibigkeit neigt, ist es unerlässlich, dass die Forschung maßgeschneidert ist. So wird Prävention möglich, die Behand lung verbessert, und das Gesundheitssys tem nicht überlastet.“ Eine Erkenntnis, die auch angesichts des schwereren Krankheitsverlaufs von COVID-19 bei übergewichtigen Menschen evident ist. Durch die individuelle Berücksichtigung konnte eine Forschergruppe um Tups neue Entdeckungen machen: So sind man che Maōri und Pasifika People zwar adipös, durch die Genmutation CREBRF paradoxerweise aber vor Diabetes geschützt.
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Kind, ach schönes Kind. „Prall wie das Leben!“ „Da ist noch etwas Babyspeck dran!“ „Das verwächst sich noch!“ „Du stehst sehr gut im Futter!“ „Eine Portion reicht!“ „Isst du das etwa alles noch?“ „Du musst selbst wissen, wie du leben willst!“ Kind, ach geliebtes Kind.
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Die Risiken der Adipositas Der Wunsch nach einem Leben ohne Einschränkungen bedarf auch der Medizin n den USA wird jeder dritte Erwachsene als adipös eingeschätzt. Dieser Entwicklungstrend setzt sich in Europa, Australien, Indien, Russland, Brasilien und China fort. Entsteht da eine neue Spezies Mensch? Nicht, wenn es nach Medizinern geht. Auch Genetiker bestreiten dies, vor allem, weil sie in der Entwicklung zum Homo adipositatis keinen genetischen Vorteil entdecken (siehe Seite 12). Aber kann man adipöse Menschen deshalb als krank bezeichnen?
DIETER HÖNIG
Adipositas hat unangenehme Folgeerscheinungen In Österreich schleppt jeder Dritte, und dies gilt auch für Jugendliche, Übergewicht mit sich herum. 14 Prozent der erwachsenen Bevölkerung, also jeder siebente, hat einen BMI von über dreißig und gilt damit als adipös. Das führt für den Einzelnen zu unangenehmen Folgen. Dazu gehören Bluthochdruck, Diabetes, Gefäßerkrankungen und „Es ist ein fataler Herzinfarkt. Die Lebenserwartung kann sich um bis zu zehn Jahre verringern. Irrtum, dem „Es ist ein fataler Irrtum, dem alten Dogma alten Dogma von drei warmen Mahlzeiten am Tag zu folgen“, warnt Wolfgang Feil, Vorstand der von drei warmen Chirurgie am Evangelischen Krankenhaus Mahlzeiten am in Wien. „Das gilt, wenn überhaupt, nur für Schwerstarbeiter, aber sicherlich nicht Tag zu folgen“ für Büromenschen, egal, wie aktiv sie sind.“ Immerhin: 75 Prozent der Patienten mit Bluthochdruck, fünfzig Prozent jener mit WOLFGANG FEIL, erhöhten Blutfetten und neunzig Prozent EVANGELISCHES aller Typ-2-Diabetiker sind übergewichtig. KRANKENHAUS, Ein über- bis schwergewichtiger Mensch WIEN nimmt einiges in Kauf: Das Typ-2-DiabetesRisiko steigt auf das Vierzigfache. Bei einem BMI von über 35 verdoppelt sich das Sterberisiko, bei einem übergewichtigen Diabetiker verzehnfacht es sich. Das Krebsrisiko beträgt das Dreifache, das Herzinfarktrisiko ist doppelt so hoch. Keine entspannenden Aussichten also. Wie aber kommt es dazu? Adipositas als genetische Vorbestimmung Das menschliche Genom ist programmiert, Hunger nicht zuzulassen und überschüssige Energie aufzubewahren. Ein geringer Teil dieser Energie kann in Leber und Muskulatur als Stärke gespeichert und bei Bedarf rasch in Zucker umgewandelt werden. Der größte Teil gelangt ins Fettgewebe und lässt sich nur mühsam mobilisieren. Ein weiterer Teil wird zu Wärme umgewandelt. Ob überschüssige Energie vorwiegend zu Wärmeerzeugung verwendet und wieder abgegeben wird oder in die Fettspeicher wan dert, ist genetisch vorgegeben. Ist ein nor males Körpergewicht programmiert, wird das Sättigungsgefühl rascher erreicht, überschüssige Energie als Wärme abgegeben und der Grundumsatz gesteigert. Steht die Genprogrammierung auf Übergewicht, wird überschüssige Energie sofort als Fett gespeichert und das Sättigungsgefühl stellt sich erst später ein.
Alexander Klaus, Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern, Wien
Die menschlichen Gene haben sich seit 300.000 Jahren nicht verändert, wohl aber die Lebens- und Essgewohnheiten. Von ihnen hängt es ab, ob die genotypische Ver anlagung relevant wird. Adipositas ist aber auch ein soziales Phänomen. Es betrifft vor allem Menschen, die als Angehörige der „sozialen Unterschicht“ bezeichnet werden. Da sie meist keinen Zugang zu gesunder, aber teurer Nahrung haben (siehe Seite 16), verköstigen sie sich mit günstigerem Junk Food. Ihre meist kürzeren Arbeitszeiten fördern ein Verlangen nach Unterhaltung, deren Konsum häufig mit der Aufnahme von Junk Food einhergeht. Diäten versagen bei über neunzig Pro zent aller krankhaft Übergewichtigen. Viele Experten fordern daher ein behördliches Vorgehen gegen Junk Food. Die lapidare Empfehlung „Essen‘S halt weniger“ sei für einen 140-Kilo-Mann, der abnehmen will, wenig zielführend. Nimmt der Übergewichtige durch eine Crashdiät rasch ab, kommt es zunächst vor allem zu einer Redukti on der Muskelmasse, erst dann vergehen die Fettdepots. Beginnt er wieder zu essen, giert sein Körper nach dem genetisch programmierten Ziel und wandelt zugeführte Energie sofort in Fettgewebe um, ohne den Grundumsatz zu steigern und mehr Wärme abzugeben. Fünf bis sieben Prozent all derer, die durch mehr Bewegung und strikte Diät nachhaltig abnehmen wollen, sind erfolg reich. So setzt die Chirurgie zur Gewichtsreduktion vermehrt auf Eingriffe. Vor al lem dort, wo die Gefahr gesundheitlicher Folgeschäden rasches Abnehmen erfordert.
Gewebsentfernung wie bei der Schlauch magenbildung (Gastric Sleeve). Mit anderen Worten: eine Magenverkleinerung unter Beibehaltung des Organs und ohne Einsetzen eines Fremdkörpers wie etwa einem Magenband. „Bei dieser Methode wird ein Teil des Magens mit einer speziellen Technik eingestülpt bzw. gefaltet und kann daher nicht mehr so viel Inhalt aufnehmen, was zur steten Gewichtsabnahme führt“, erklärt Feil, der diese Methode bei dafür geeigneten Patienten schon seit Jahren anwendet. Die Behandlung der Adipositas wird idealerweise interdisziplinär angelegt. Denn Adipositas-Eingriffe bedürfen nicht nur seitens der Chirurgen ein hohes fachliches Können, für die Vor- und Nachbehandlung ist auch ein Netzwerk eng zusammenarbeitender Experten und nicht zuletzt eine entsprechende Krankenhausausstattung nötig. Diese findet sich etwa im Adipositas-Zentrum des Krankenhauses der Barmherzi gen Schwestern in Wien Mariahilf. Es ist als erstes Zentrum gemäß den Qualitätskriterien der Deutschen Gesellschaft für All gemein- und Viszeralchirurgie als Kompetenzzentrum für Adipositas und metabolische Chirurgie zertifiziert. In Deutschland gibt es rund sechzig Zentren mit diesem Qualitätsstandard.
Manchmal ist eine Umstellung des Lebensstils nötig „Die Zertifizierung unseres AdipositasZentrums bestätigt unsere Arbeit“, sagt sein Gründer Alexander Klaus. Er steht der Abteilung für Allgemein- und Visze ralchirurgie im Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern vor. Der Leiter des KomChirurgische Eingriffe petenzzentrums, Georg Tentschert, ergänzt: bei gefährlichen Situationen „Das besondere unseres Ansatzes: Wir könDie Adipositas-Chirurgie soll die Nah - nen Menschen mit Übergewicht ein brei rungsaufnahme und die Absorption von tes Spektrum im Bereich der konservati Nahrung, also der Kalorien, im Magenven und operativen Therapie anbieten.“ So Darm-Trakt einschränken. „Bei den rest - haben hier neben der Adipositas-Chirurgie riktiven Operationen wie Magenband oder auch die Methoden der neuen, „konservati-bypass wird der Mageneingang eingeengt ven“ Coping School, die ein Programm zur bzw. der Magen ausgeschaltet. Bei den mal- Lebensstiländerung bei Adipositas entwi absorptiven Operationen wie dem Duode - ckelt hat, sowie die „konservative“ Adipo nalswitch wird vor allem der Dünndarm als sitas-Ambulanz denselben Stellenwert bei Resorptionsoberfläche umgangen“, erklärt der Behandlung. Im Vorfeld besonders wichtig sind umWolfgang Feil. Manche Operationen vereinigen beide Formen in sich. „Die Auswahl fassende Informations- und Aufklärungsg der geeigneten Operation hat immer indi - spräche sowie nach erfolgter Therapie eine viduell zu erfolgen.“ sorgfältige Nachbehandlung. Dazu zählen Wie auf dem Österreichischen Chirur - auch regelmäßige Gruppentreffen vor und genkongress vorgestellt, wird in Österreich nach einer Therapie, um bei der Ernäh auch eine weitere, durch zahlreiche inter - rungsumstellung bzw. Lebensstiländerung nationale Studien bestätigte Eingriffsm - Unterstützung zu erhalten. Die Medizin sieht es als ihre Aufgabe, thode angewandt. Sie soll in immer mehr Ländern als Alternative zu herkömmlichen Menschen mit Adipositas ein Leben ohne Techniken zum Einsatz kommen und ist für Einschränkungen zu ermöglichen. Um das Patienten postoperativ mit weniger Risiken zu verwirklichen, müssen sich manche aber und Einschränkungen verbunden. eben auch von ihren bisherigen Lebensgewohnheiten trennen. Man kennt das auch Die laparoskopische Magenfaltung („Greater Curvature Plication“) verklei - in anderen Fällen: Die medizinische Be nert das Organ auf rund ein Fünftel sei - handlung weist nur den Weg, gehen muss ner ursprünglichen Größe, allerdings ohne man ihn selbst.
EKH/C.FOTOS: RICHTER, BHS WIEN/ALEK KAWKA
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Wenn ich mich modellieren könnte, ich machte mich, wie Gott mich schuf, keine Falte wollt’ einbüßen ich, keinen Makel gäb’ ich her von mir, nichts Krummes rückt’ ich raus. Alles lieblich, alles niedlich, in mir ist’s friedlich. Nichts Gerades schafft die Natur, nicht gerade gebogen kriegt ihr mich!
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Ein guter Planet für adipöse Menschen? Wie die gegenwärtige Terra Adipositas aussieht, wie sie entstanden ist, und ihre Aussichten it an die 700 Millionen TonnenCO2 pro Jahr – rund das Zehnfache der österreichischen Emissionen – beziffert eine Studie aus dem Vorjahr die durch Fettlei bigkeit hervorgerufene Belastung des Kli mas. Grund dafür sind der erhöhte Bedarf an Nahrungsmitteln und Energie für Transport sowie der gesteigerten Stoffwechsel. Während die Veränderungen bekannt sind, die Adipositas in der Umwelt auslöst, weiß man nur wenig über die Änderungen der Lebensumwelt, die zum massiven Anstieg von Adipositas der letzten vierzig Jahre beigetragen hat.
WERNER STURMBERGER
Die Energiedichte der Nahrung hat massiv zugenommen Die Grundlagen der aktuellen Situation wurden durch die Industrialisierung ge schaffen. Sie hat das Ernährungssystem und das Mobilitätsverhalten nachhaltig umge staltet. Die Automatisierung sorgt dafür, dass viele manuelle Tätigkeiten wegfallen und immer öfter im Sitzen gearbeitet wird. Auch ist industriell hergestellte Nah rung in weiten Teilen der Erde praktisch ständig verfügbar. Zugleich benötigen Men- „Oft haben schen zur Bewältigung ihres Alltags weniger Kalorien. Paradoxerweise ist die ver - die Sessel zehrte Nahrung jedoch nährstoffreicher ge- Armlehnen worden: „Die Energiedichte der Nahrung hat massiv zugenommen. Fast Food, Snacks und bieten so und Fertigprodukte enthalten in der Regel nicht genügend große Mengen an Zucker und Fetten, da Platz. Viele mit sie gut schmecken und entsprechend nachgefragt werden“, sagt Susanne Ring- empfinden das Dimitriou, Sportwissenschafterin an der als demütigend“ Universität Salzburg. Um ihre Profite hochzuhalten, setzt die Nahrungsmittelindustrie nicht unbedingt SUSANNE auf gesunde, sondern auf billige Zutaten – RING- DIMITRIOU, mit negativen Folgen für Umwelt und Ge- UNIVERSITÄT sundheit, wie etwa die Diskussion um das SALZBURG Palmöl zeigt. Wer viel auswärts isst, hat zudem wenig Einblick in die Herstellung von Mahlzeiten oder Einfluss auf Portionsgrößen: Fast-Food-Ketten setzten lange auf die Praktik des „Supersizing“, das Anbie ten übergroßer Portionen, und stellten diese erst nach massiver Kritik ein. Expertinnen und Experten sprechen von einer „toxischen Nahrungsmittelum gebung“, wenn die Lebensumwelt wenige Möglichkeiten für eine ausgewogene Ernährung bietet. Gerade in ärmeren Gegenden der USA gibt es oft keinen Zugang zu leistbaren und gesunden Lebensmitteln, dafür aber viele Eckläden mit Fertiggerichten oder Fast-Food-Restaurants. Eine Studie stellte für Schottland und England sogar einen direkten Zusammenhang her: Je ärmer eine Region, desto wahrscheinlicher findet sich dort eine McDonald’s-Filiale. Österreich hat eine der weltweit größ ten Dichte an Supermärkten. Frisches Obst und Gemüse sind so gut wie überall erhältlich. Gerade im ländlichen und suburbanen Thomas Dorner, Raum tragen Supermärkte aber auch zur MedUni Wien
Aufrechterhaltung gesundheitlich und ökologisch ungünstiger Mobilitätsmuster bei. Die Automobilisierung der Gesellschaft hat zum Verschwinden funktionierender Dorfzentren und lokaler Versorgung geführt und die Raumplanung ihren Bedürfnissen entsprechend umgestaltet. Die tägliche Nut zung des Autos wurde quasi einzementiert. Abseits des Fahrens mit dem eigenen Auto bewältigen Menschen in der Stadt ihre Mobilität auf verschiedene Arten: Neben dem Gehen und dem Fahren mit dem Rad sorgen öffentlicher Verkehr und in zunehmenden Maße E-Scooter für das Vorankommen. In der Vertikale dominieren Aufzüge und Rolltreppen. Im Jahr 1900 waren in Wien 412 Personenlifte erfasst, heute sind es inklusive Rolltreppen rund 44.000. Prinzipiell gilt aber: Alles, was nicht motorisierter Individual verkehr ist, wirkt sich positiv auf das Kör pergewicht aus. Die Erfahrungen mit dem „Corona-Schwimmreifen“ machen deutlich, welchen Stellenwert die nicht-motorisierte Alltagsbewegung für unseren Energiehaushalt hat. „Auf unseren Alltagswegen verbrennen wir etwa 300 Kalorien pro Tag. Deren Wegfall erklärt fast vollständig die durch schnittliche Gewichtszunahme von zwei Kilogramm während des Lockdowns“, erklärt Thomas Dorner vom Zentrum für Public Health an der MedUni Wien. Werbung für Fertigprodukte besonders oft in ärmeren Gegenden Nicht nur fehlende Gehsteige und wenige Möglichkeiten, Sport zu betreiben, halten Menschen von Bewegung ab: „Ein Drit tel der Kinder und Jugendlichen sind rund fünfzehn Stunden pro Woche im Internet unterwegs. Das ist nicht nur Zeit, in der sie sich nicht bewegen, sondern in der sie auch der Werbung für Snacks und Soft drinks ausgesetzt sind“, erklärt Ring-Di mitriou. In den USA geben Unternehmen mehr als zehn Milliarden US-Dollar allein für diese Zielgruppe aus. Aber nicht nur Kinder haben die Werbeetats der Lebens mittelindustrie im Visier. Eine Studie aus Stockholm zeigt, dass Werbung für Fertigprodukte besonders oft in ärmeren Stadtteilen zu finden ist. Um einen Zufall handelt es sich dabei kaum: Die Industrialisierung hat nicht nur Ernährung und Mobilität tiefgreifend verändert und zu mehr Wohlstand geführt. Sie hat auch jene Voraussetzungen geschaffen, die eine seit den 1950er Jahren steigende, sozioökono mische Ungleichheit ermöglicht haben. Der sozioökonomische Status ist ein Bündel von Merkmalen menschlicher Le bensumstände, zentral dabei sind unter anderen die Faktoren Bildung, Beruf und Einkommen: „Personen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status haben ein vielfach höheres Risiko, an Adipositas zu er kranken. Wer höher gebildet ist, geht kompetenter mit seiner Gesundheit um und hat
nicht nur das nötige Wissen, sondern auch die finanziellen Mittel, sich gesund zu er nähren. Zudem haben Menschen in qualifizierten Berufen oftmals mehr Spielraum in ihrer Arbeits- und Freizeitgestaltung. Das macht es leichter, Bewegung in den Alltag zu integrieren“, erklärt Professor Dorner. Der Großteil aller Übergewichtigen lebt in einer feindlichen Umwelt Während vielerorts Umweltbedingungen Fettleibigkeit fördern, sind sie aber para doxerweise nur schlecht an die Bedürfnisse von Menschen mit Adipositas angepasst. „Das beginnt damit, dass sich Patienten in Warteräumen von Arztpraxen nicht hin setzen können. Oft haben die Sessel Arm lehnen und bieten so nicht genügend Platz. Viele empfinden das als demütigend“, erklärt Ring-Dimitriou. Ähnliche Erfahrungen machen fettleibige Menschen beim Fliegen: Einige Airlines verpflichten übergewichtige Passagiere zur Buchung von zwei Sitzplätzen. Die Airline Samoa Air – Samoa ist ei nes der Länder mit der höchsten Adipo sitas-Rate – ist sogar dazu übergegangen, das Gewicht der Passagiere und deren Gepäck zu bepreisen. Abhilfe könnte eine „rekonfigurierbare Sitzbank“ von Airbus schaffen. Hier steht aber primär eine effizienter Nutzung von Sitzflächen im Vordergrund. Spezifische Angebote oder Designlösungen für fettleibige Menschen finden sich quasi exklusiv in der Bekleidungsbranche. Den Besuch solcher XXXL-Boutiquen empfi den viele Übergewichtige aber wiederum als stigmatisierend. Demütigende Alltagserfahrungen allenthalben: Der Großteil aller Übergewichtigen ist mit „Fat-Shaming“, abwertenden Kommentaren und Beleidigungen, ob auf off ner Straße oder im virtuellen Raum, kon frontiert. Anders, als viele Urheber solcher Kommentare meinen, spornen diese nicht zum Abnehmen an, sondern verstärken ungesunde Verarbeitungsstrategien wie etwa unkontrollierbare Essattacken. Adipöse Personen berichten einer USStudie zufolge hundertmal häufiger von Diskriminierungen am Arbeitsplatz als Normalgewichtige, wobei auf einen diskriminierten Mann sechzehn Frauen kommen. Das heißt, sofern sie überhaupt eingestellt werden: Eine Umfrage unter britischen Arbeitgebern kam zum Ergebnis, dass beinahe die Hälfte davon absehen würde, fettleibige Arbeitnehmende einzustellen. Hinter der Terra Adipositas steht letztlich ein Ernährungssystem, das vor allem von menschlichen Schwächen und Zwangslagen profitiert, aber keine Verantwortung für die gesundheitlichen und ökologischen Auswirkungen übernimmt. Doch angesichts von Adipositas und den Herausforderungen des Klimawandels scheint eine grundlegende Neuausrichtung des Ernährungs- und Mobilitätssystems in Richtung körperlich ak tiven Transports unumgänglich.
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Diffus flirrt die Luft über Körper, die zu viel von ihr verdrängen wollen. Diffus fransen die Kanten der Körper aus. Wirre Blicke wechseln sich mit hochgereckten Nasen ab. Wo viel Mensch, da viel Leben. Ein Herz klopft an, an eine Hülle mit streitbarer Fassade. Die Begrenzung des Körpers weicht auf. Ein Nachgeben auf Druck, kein Zerbrechen! Anderswo auftauchen, sich ausbreiten. Verabscheut. Vergöttert. Geliebt, gehasst, gezeichnet. Ausgezeichnet. Bereichert. Erleichtert. Die Masse dehnt sich aus!
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Edle Fettfalt’, stille Größe Kunst, Musik, Film und langsam auch die Mode entdecken den fülligen Körper as ist etwas, das mich echt ärgert. Was ist falsch daran, fett zu sein? Warum ist es so anrüchig? Ich sehe nichts Falsches daran, fett zu sein.“ Im November 1969, als er dem Journalisten Howard Smith für dieVillage Voice Rede und Antwort stand, entsprach Jim Morri son nicht mehr ganz den Idealmaßen eines Rockstars. Zwar war der Sänger der Doors mit ungefähr 75 Kilo bei rund 1,80 Meter Körpergröße weit von Adipositas entfernt, doch ebenso wenig war er in der Lage, die selbstkreierte Rolle des Sex-Symbols der Hippie-Generation überzeugend weiter spielen zu können. Adipöse Ikonen des Pop und HipHop Früh verstorbene Rock-Ikonen, die am Ende ihres kurzen Lebens aus dem Leim gegangen sind, bilden einen Sonderfall in der Kulturgeschichte der Dickleibigkeit. Der tabletten- und esssüchtige Elvis Presley, aufgedunsen und schwer übergewichtig im Jumpsuit auf der Bühne von Las Vegas, überlebt in der Mythologie den virilen Rock’n’Roll-Pionier seiner Anfangszeit. Während in Songtexten wie Queens’ „Fat Bottom Girls“, Mikas’ „Big Girl“ oder AC/ DCs „Whole Lotta Rosie“ erstaunlich viel Sympathie für rundliche Formen bekun det wird, hat das Pop-Genre lange Zeit erfolgreiche Dicke wie Mama Cass Elliot von The Mamas & The Papas, Meat Loaf oder Mountain-Gitarrist Leslie West eher als monströse Kuriositäten abgetan. Seit den 2000er Jahren jedoch vermitteln Sängerinnen wie Beth Ditto von der Electro-RockBand The Gossip oder die R&B-Künstlerin Lizzo selbstbewusst, was Body Positivity genannt wird: Seinen Körper zu akzeptie ren, auch wenn er nicht gesellschaftlichen Normen entspricht. Im US-amerikanischen HipHop sind, da Adipositas in schwarzen und lateinamerikanischen Milieus stark verbreitet ist, füllige Akteure schon seit den Tagen des ermor deten Notorious B.I.G. ein gängiges Bild. Der Rapper Joseph Antonio Cartagena, der sich selbstironisch Fat Joe nennt und sein Gewicht von annähernd 160 Kilo auf 120 reduzieren konnte, findet sich in guter Gesellschaft von Schwergewichten wie Raekwon oder Scarface.
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„Es gibt in Modekampagnen, auf Laufstegen und in Präsentationen den Trend zur Diversität in jeglicher Hinsicht“ EVA POLESCHINSKI MODEDESIGNERIN
Sind dicke Filmstars Zeichen einer neuen Wahrnehmung? Ein eigentümlich zwiespältiges Verhältnis zur Körperfülle zeigt der Film. Beleibte Protagonisten gibt es häufig, nicht so häufig aber werden sie von korpulenten Dar stellern gespielt. Zumeist futtert sich ein schlanker Schauspieler das nötige Zusatzgewicht an wie Robert de Niro seine legendären 28 Kilo für den Film „Wie ein wilder Stier“, und nimmt dann wieder ab. Konrad Paul Liessmann, Nicht sehr viele Schauspieler haben Universität Wien es je gewagt, das Schlankheitsgebot der
Filmbranche a priori zu ignorieren: Zu ihnen gehört die bayerische Charakterdarstellerin Marianne Sägebrecht. Roseanne Barr kam mit ihrem gewichtigen Partner John Goodman als mollige Heldin der TV-Comedy „Roseanne“ Anfang der 1990er Jah re einem Tabubruch gleich. MarlonBrando leistete es sich, den Vertrag zu brechen, der ihn verpflichtet hätte, für seinen Colonel Kurtz in Francis Ford Coppalas „Apocalypse Now“ 18 Kilo abzunehmen. In jüngster Zeit ist eine stärkere Tendenz zu molligeren Figuren zu bemerken. Hauptsächlich sind es Frauen. Paul Walter Hauser als beleibter Held von Clint Eastwoods neuestem Film „Der Fall Richard Jewell“ ist eher eine Ausnahme. Ob aber der Erfolg von Schauspielerinnen wie der zweimal für einen Oscar nominierten Melissa McCarthy oder Aidy Bryant, Protagonistin der Serie „Shrill“, ein Umdenken der Branche in dem Sinn reflektiert, dass sie sich der Lebensrealität der immer dicker werdenden Mehr heitsgesellschaft annähert, ist zweifelhaft. Man unterliegt, erklärt der Philosoph Konrad Paul Liessmann, einem Irrtum, wenn man glaubt, dass ShowbusinessVorbilder Identifikation verbürgen: „Unsere normativen Vorstellungen haben generell wenig mit der Realität zu tun. Auch Gesellschaften, in denen das Übergewicht zur alltäglichen Realität geworden ist, frönen in den Bildmedien einem Kult des Schlanken und Überschlanken. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Schönheitsideale nur existieren, damit sie nachgeahmt werden, sie haben schon auch die Funktion, über die eigenen Unzulänglichkeiten hinwegzutrösten.“ Auch wenn man auf der Suche nach Marktnischen die Dicken wiederentdeckt habe, „dass Adipositas zu einem Ideal verklärt wird, kann ich mir in einer Gesell schaft, die Gesundheit, einen asketischen Lebensstil und eine zuckerfreie Ernährung zur Religion erklärt, kaum vorstellen.“ Historisch gesehen ist das Schlankheitsideal ein neuzeitliches Phänomen. Es hat auch noch nicht die ganze Welt erfasst. In Mauretanien etwa gelten rundliche Formen bei Frauen als schön, allerdings um den Preis, dass die Mädchen gemästet werden. Rundlichkeit verkörpert hier Wohlstand. Das war in Europa früher nicht anders. „In Gesellschaften“, so Liessmann, „die mit periodischen Hungersnöten rechnen mussten, war der sichtbare Bauch ein er strebenswertes Statussymbol als Zeichen von Wohlstand. Und solange Frauen auf die Mutterrolle fixiert waren, entsprach der großzügige Körperumfang der Ideologie der Fruchtbarkeit. Die berühmte Rubensfigur zeugt bis heute davon. Auch das nicht nur literarische Faible Heimito von Doderers für dicke Damen war positiv gefärbt. In der Bildenden Kunst und in der Literatur haben dicke Menschen immer einen Ehrenplatz gehabt, ebenso in der Oper. Der wohlbeleibte Tenor ist aus dieser ebenso wenig wegzu -
denken wie die beleibte Primadonna. Dass diese wohlbeleibten Figuren mitunter we nig zu den jugendlichen Charakteren passten, die sie darstellen sollten, bereitete den Regisseuren manches Kopfzerbrechen. Anders im Tanz und im klassischen Ballett, wo immer schon das Grazile, Schlanke, Biegsame, Androgyne entscheidend war.“ Die neue Kunst bei der Biennale in Venedig Die Bildende Kunst, meint Liessmann, sei in der Akzeptanz der unterschiedlichsten Körperformen der Kulturindustrie stets einen Schritt voraus gewesen: „Wir finden immer wieder Porträts und Darstellun gen, die den Körperumfang nicht denun zierend, sondern als gegeben verwenden, oft sogar bevorzugen. Die rundliche Form hat ihren ästhetisch-erotischen Reiz. Das Schlanke, Magere taucht eher als Zeichen des Elends auf, etwa bei den Mädchenak ten Egon Schieles. In dem Maße, in dem die moderne Malerei den Körper themati siert, zergliedert und neu zusammensetzt, spielen klassische Schönheitsideale eine immer geringere Rolle, aber noch die „Drei Badende“ von Pablo Picasso sind alles andere als gertenschlank.“ Bis heute hat die Kunst nicht aufgehört, sich offensiv auf immer neue Weise mit dem Thema der Körperausmaße auseinanderzusetzen. Erwin Wurm verleiht in seinen „fat sculptures“ Objekten wie Fahrzeugen und Häusern einen adipösen Schwabbel-Look. Die queere Künstlerin Jakob Lena Knebl, die nächstes Jahr mit dem queeren Maler Ashley Hans Scheirl bei der Biennale in Venedig den Österreich-Pavillon gestalten wird, arbeitet mit vielfältigen Stilmitteln am Aufbrechen von tradierten Geschlech terrollen und Schönheitsidealen. Dazu zählt nicht zuletzt der Einsatz ihres fülligen Körpers für Fotoarbeiten und Installationen. Knebl hat an der Wiener Universität für angewandte Kunst bei Raf Simons Modedesign studiert. Jene Disziplin also, der die schwersten Sünden gegen Leibesfülle nachgesagt werden. Auch die Mode wird allmählich fülliger Unliebsame Phänomene wie Anorexie und Magersucht werden primär dem Einfluss der Mode zugeschrieben, die von der dürren Twiggy in den 1960er Jahren über den Heroin-Chic der 1990er bis zu Victoria Beckham und ausgezehrten Zara-Models einem strikten Schlankheitsdiktat gefolgt ist. Wohl auch unter dem Eindruck der heutigen Entwicklung haben Modedesigner und -ketten mittlerweile den Kurs korrigiert. „Generell findet man seit einigen Jahren vermehrt in Modekampagnen, auf Laufstegen und in Präsentationen den Trend zur Diversität in jeglicher Hinsicht“ sagt die international bekannte Wiener Designerin Eva Poleschinski. Sie selbst fertigt alle Größen.
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Gefangen im Körper. Wie jeder Mensch. Tschuldigung, ich brauch den Platz. Wo so viel Wissen, Tugend, Witz und Charme. Wo Geistreiches neben Cleverem, wo Talente im Überfluss sich nur überlagern würden, da nimmt sich mein Wesen den Platz, den es braucht, drum sieht mein Körper so aus!
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: VON A BIS Z
Homo adipositatis: Das Glossar JOCHEN STADLER
Abnehmen Der wohl häufigste Neujahrsvorsatz, der nicht selten in der weihnachtlichen Völlerei begründet und im einstelligen Jännerbereich Ge schichte ist. Adipositas/Fettleibigkeit Ernährungsund Stoffwechselform, daran erkennbar, dass Betroffene zu klein für ihre Kör per-Masse sind und dadurch ein Körpermasseindex (BMI) größer als 30 vorliegt. Adipozyten Fettzellen, die Wasser speichern. Und eben Fett. Bewegungsmangel Einer der Hauptschuldigen an Übergewicht und Adipositas. Diät Langfristige Ernährungsweise, die durch verminderte Energiezufuhr die Körper-Masse reduzieren soll. Durchschnittsösterreicher Misst vertikal 1,79 Meter bei einer Masse von 82 Kilogramm. Durchschnittsösterreicherin Ist 1,65 Meter groß und beschwert die Waage mit 64 Kilogramm Masse. Fasten Kurzfristige Enthaltung von Speisen. Bleibt langfristig ohne Folgen. Fett Organische Verbindungen, die Menschen, anderen Tieren und auch einigen Pflanzen beim Energiespeichern helfen. Sind sie bei Raumtemperatur flüssig, nennt man sie Öle. Flüssignahrung Dient Menschen mit Magenverkleinerung, Magenbypass, Magenband und Magenballon dazu, Adipositas in den Griff zu kriegen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen Je stärker das Normalgewicht überschritten ist, desto größer wird das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die Haupttodesursache in Österreich. Auf ihr Konto gehen rund vierzig Prozent der Sterbefälle. Hunger In den Industrienationen ein Gefühl, das man normalerweise in kürzester Zeit stillen kann. Kalorien Alte, aber gebräuchliche Maßeinheit der Energie im Essen. Bei einem Nahrungsmittel (als Kilokalorien, also tausend Kalorien) jene Wärme energie, die frei wird, wenn es im La bor verbrannt wird, was nicht zwingend mit der gewonnenen Energie im Körper übereinstimmt. Kilogramm Internationale Einheit der Masse. Kilojoule Aktuelle Maßeinheit für den Lebensmittelbrennwert, die aber wenig Alltagsrelevanz hat. Kleidergrößen Wurden jüngst herabgestuft. Wer früher die Größenordnung „Mittel“ trug, schlüpft jetzt in „Klein“, von „Groß“ wurde man auf „Mittel maß“ zurechtgerichtet, und bei sämtlichen Übergrößen wurde die Anzahl der „X“ reduziert. Somit darf sich jeder ranker und schlanker fühlen. Körpermasseindex/Body Mass Index (BMI) Homo sapiens, der vorgeb lich weise Mensch, hat bei der Vermessung der Welt auch bei seinem eigenen
Körper nicht haltgemacht und kate gorisiert seine Artgenossen nach dem Verhältnis von Körpermasse (in Kilogramm) und dem Quadrat der Körpergröße (in Metern) in: <10: nicht über lebensfähig, 10 bis 18,5: untergewich tig, 18,5-25: normalgewichtig, 25–30: voradipös, 30–40: behandlungsbedürftig adipös, <40 morbid adipös. Magenballon Durch den Mund wird ein Ballon in den Magen eingeführt, der diesen ausfüllt und satt macht. Magenband Mit einer Operation unter Vollnarkose wird dem Adipösen ein Band im Unterleib um den Magen ge führt, das einen kleinen Vormagen vom Restmagen abschnürt. Schon wenige Bissen füllen den Vormagen und füh ren zur Sättigung. Isst man zu viel, erbricht man sich. Magenbypass Der Magen wird durchtrennt, sodass nur ein kleiner Vorma gen übrigbleibt, in den ein einfacher Schnaps (2 cl) passen würde. Dieser wird mit dem Dünndarm so zusam mengenäht, dass der Restmagen und der erste Dünndarmmeter beim Ver dauen ausgelassen werden. Magenverkleinerung Hier wird der sackförmige Magen zu einem dünnen Schlauch zusammengeschnipselt und dabei jener Teil erntfernt, in dem das Hormon Ghrelin das Hungergefühl erzeugt. Magersucht Essstörung, die Untergewicht beschert. Masse Physikalisch die Ursache von Erdanziehungskraft und Trägheit eines Körpers wie des menschlichen. Wird in der Umgangssprache oft mit Ge wicht gleichgesetzt. Seine Einheit ist das Kilogramm. Tägliche Sportstunde Wäre ein wichtiger Beitrag zur Vermeidung vonÜbergewicht und Adipositas schon bei Kin dern. Aber vieles gilt als wichtiger, als die Gesundheit und Geschicklichkeit der Kinder durch ausreichende Bewe gung zu fördern. Überernährung Tritt auf, wenn die Energiebilanz durch zu viel Essen und zu wenig Bewegung positiv ist. Ist negativ, weil sie krank macht undÜbergewicht sowie Adipositas verursacht. Übergewicht Alles, was über das Normalgewicht hinausgeht, vom kleinen Bierbauch bis zur morbiden Adipositas. Venus von Willendorf Die 1908 im niederösterreichischen Ort Willendorf gefundene Statuette einer schwer übergewichtigen Frau belegt, dass Homo adipositatis schon seit 30.000 Jahren in Österreich lebt. Die kleine Dicke dient übrigens der Medizinervereinigung „Österreichische Gesellschaft für Adipositasund Metabolische Chirurgie“ als Logo. Verdauungstrakt Innere Organe, die Kulinarisches auf schnöde Kalorien und ein paar lebenswichtige Nährstoff reduzieren.
: FREIHANDBIBLIOTHEK BUCHEMPFEHLUNGEN ZUM THEMA VON EMILY WALTON
Fett. Und was dabei mitschwingt
Fett im Fokus der Forschung
Fat. Fett. Das Wort ist sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch mehr als nur die bloße Beschreibung einer korpulenten Körpergröße. Es schwingen zahlreiche (negative) Assoziationen mit diesem Adjektiv mit. Woher diese rühren und wie sich unsere Haltung gegenüber der Bezeichnung „fett“ im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat, untersucht Christopher Forth, Professor an der University of Kansas, in seinem Werk. Dabei liefert er zahlreiche historische, philosophische und religiöse Analysen sowie Diskussionen über Geschlecht, Rasse und gesellschaftlichen Status.
„Fett“ ist ein Schimpfwort; die Bekämpfung von Fett (in Form von Übergewicht) eine gesellschaftliche Herausforderung. Die Biochemikerin Sylvia Tara widmet sich in ihrem Werk gerade diesem, von der Forschung oftmals vernachlässigten Bestandteil des Körpers: dem Fett. Auf anschauliche Art und Weise schildert sie etwa, wie Fett die Pubertät beeinflusst, unser Immunsystem aktiviert und sogar Auswirkungen auf die Größe des Gehirns hat. Dabei verwebt sie aktuelle Forschungsergebnisse mit historischen Perspektiven, um einen Einblick in dieses Organ zu geben.
Fat: A Cultural History of the Stuff of Life. Christopher Forth. Reaktion Books. 352 S.
The Secret Life of Fat: Sylvia Tara. W.W. Norton & Company., 288 S.
Wohlstandsspeck: Ein Ding der Vergangenheit
Du benimmst dich, wie du isst
Noch vor hundert Jahren galt ein dickes Kind als ein gesundes Kind. Inzwischen ist bekannt, dass übergewichtige Kinder einem erhöhten Risiko für Krankheiten ausgesetzt sind, die von Asthma bis Herz-Kreislauf-Erkrankungen reichen. Fettleibigkeit hat bei amerikanischen Kindern epidemische Ausmaße erreicht. Laura Daws, Medizinhistorikerin, widmet sich diesem Problem der öffentlichen Gesundheit und veranschaulicht, wie sich Diagnosen, Behandlungen, aber auch die Haltung der Gesellschaft gegenüber diesem Thema in den vergangenen Jahren verändert haben.
In ihrem kompakten Werk setzen sich Stephen Simpson und David Raubenheimer mit der komplexen Rolle der Ernährung in der Biologie auseinander, sowohl auf der Ebene einzelner Organismen als auch in ihren ökologischen Wechselwirkungen. Sie beschreiben das Wechselspiel zwischen der Ernährung und der Biologie einzelner Tiere und auf welche Weise sie wegen ihrer Ernährung mit ihrer Umwelt interagieren. Die daraus resultierenden Auswirkungen auf Gesundheit, Immunsystem und Lebenserwartung haben Einfluss auf das Verhalten ganzer Gesellschaften.
Childhood Obesity in America: Biography of an Epidemic. Laura Dawes. Harvard University Press. 316 S.
The Nature of Nutrition. Stephen J. Simpson/David Raubenheimer. Princeton University Press. 256 S.
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Knorrig der Baum, dellig die Haut. Schatten auf der Haut, weit weniger als Sonne. Hell, dunkel im Wechsel. Kommt der Frühling über den See, wiegen sich breite Hüften wie wogende Wellen. Wind streichelt über Wasser – genau wie über pralle Menschlichkeit. Die Natur unterscheidet nicht!
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Das große Saugen Eine speziesübergreifende Allianz gegen die Ausbeutung weiblicher Reproduktionsarbeit ie Frage der Ernährung begegnet uns allen zunächst in Form der Mamma, also der Brust. Der Beginn des Lebens, der Eintritt in den Mangel, in die Notwendigkeit von Ernährung, ist dem Menschen als eine Erfahrung des Saugens gegeben. Eine intime und existenzielle Erfahrung, denn an der Brust genährt werden und sich nähren bedeutet ein Überleben in vielfacher Hinsicht. Nicht nur diätetische Bedürfnisse wer den gestillt, sondern auch jene nach Wärme, Trost und Sicherheit. Dass sich die (über) lebensnotwendige Befriedigung von Grundbedürfnissen nicht nur auf Mutter und Kind beschränkt, zeigt der Sprachgebrauch: Man spricht von „Stillen“, wenn eine Mutter ihr Kind säugt. Die Stille ist dabei wörtlich gemeint, als eben die Stille, die das schreiende Kind zerstört und damit das Zusammensein aller stört, und die mit dem Akt des Ge säugt-/Gestillt-Werdens wiederhergestellt wird. Vom Stillen hat also nicht nur das Kind etwas, sondern auch alle drum herum. Eine Gemeinschaft auf der Grunderfahrung der Ernährung Welchen Stellenwert dieser Zusammenhang zwischen nährender Mutter, gesäugtem Kind und der (Wieder-)Herstellung einer Gemeinschaft hat, findet sich in der abendländischen Kunstgeschichte tausendfach illustriert. Die Darstellungen von Maria und dem Jesuskind in der christlichen Ikonografie beruhen auf dem tiefen Zusammenhang zwischen einer Gemeinschaft und dem sich Ernähren, dem Nähren anderer. Nicht selten findet sich in den DarstellungenMarias Brust im Zentrum, aus der im hohen Bo gen ein Milchstrahl austritt. Mit der Milch wird sichtbar, was sonst im Dunkel von kindlich saugendem Mund und mütterlich stillender Brustwarze bleibt und immer nur mitgesagt, mitgemeint wird, wenn vom Stillen die Rede ist. Dieser Kurzschluss wird von der isolierten Darstellung der Milch aufgebrochen. Oder: Von der Milch aus gesehen ist offen, wer hier an wem saugt, wer genährt wird, wer nähren darf, kann oder muss, und unter welchen Bedingungen. Offen ist auch, welche Art der Gemeinschaft auf der Grunderfahrung der Ernäh rung gestiftet wird. Geht es um Milch, ist klar, dass es sich nicht um eine rein menschliche Gemeinschaft handelt. Statt dessen stiften das Saugen und Säugen wechselhafte Beziehungen unter verschie denen Säugetieren. Denn die Mammae, an denen die meisten Menschen saugen, sind die Euter von Kühen. Die meisten Kühe wiederum säugen nicht ihre Kälber, sondern den Melkroboter und seinen unstillbaren Hunger. Die Kälber wiederum saugen den sogenannten „Milchaustauscher“ als Ersatz für die Milch ihrer Mütter aus Gummizitzen. In der spiegel bildlichen Vermarktung von Milchpulver für
KERSTIN WEICH
„Es geht um die Bildung einer speziesübergreifenden, strategischen Allianz im Widerstand gegen die Entwertung und Ausbeutung weiblicher Reproduktionsarbeit“
die Säuglingsernährung wurden stillende Mütter als unverantwortlich und rückständig markiert. Die Verwendung von Milchpulverzu bereitungen als Muttermilchersatz konnte hingegen als hygienisch und fortschrittlich verkauft werden. Milch, genauer gesagt, Kuhmilch, bleibt ein wichtiger Bestand teil im kindlich-europäischen Speiseplan. Statt Mangel herrscht hier Überfluss, entsprechend beschäftigt die Frage, inwiefern kindliche Adipositas mit zu viel Kuhmilch zusammenhängt, immer wieder die For schung – mit wechselnden Resultaten. Von der tierlichen Seite her berichten Tierärzte von Kälbern in Seitenlage, bei denen nur eines diagnostiziert werden kann: Hunger. Selbst wenn der Kalorienbedarf gedeckt ist, fehlt es den Kälbern an Trost. Davon zeugen die „Viehsaugentwöhner“, eine Art mit Stacheln besetztes Nasen-Pier cing, mit denen Kälbern das Saugen an ihren Altersgenossinnen abgewöhnt wird. Jeder Saugversuch wird damit zum schmerzhaften Angriff, gegen den sich die besaugten Altersgenossinnen zur Wehr setzen. Gemeinsamkeiten zwischen Kühen und Müttern, Brüsten und Eutern Mütter und Kälber, Kühe und Kinder sind im großen Saugen eng miteinander verwoben. Zugleich führt die historisch relativ neue Erfindung einer grundlegenden Un terscheidung zwischen Menschen und Tieren auch hier eine Trennung ein: Hier die Menschen, Mütter und Kinder, und dort die Tiere, Kühe und Kälber. Weil das eine Menschen und das andere Tiere sind, sei das Stillen von Kindern etwas grundsätz lich anderes als das Säugen von Kälbern. Die intimen Verflechtungen des wechselseitigen Saugens und Säugens und ihr Stellenwert im politischen Akt der Kollektivierung fordern jedoch, diese Trennmauer im Denken zu durchbrechen. Das verlangt, die Unterschiede nicht aufzugeben. Humane und bovine Mütter sind nicht das Gleiche. Eine künstliche Besamung einer Kuh oder einer Frau ist auch nicht das Gleiche wie die Vergewaltigung einer Frau. Gleichzeitig gilt es, die tierliche An dersheit nicht auf die Rolle des Opfers zu reduzieren. In der knallharten Ökonomie der Milchindustrie werden Kühe und Kälber auf viele Arten Opfer unterschiedlicher Formen von Gewalt. Wie diese Realitäten kritisiert werden können, ohne die beste henden Machtverhältnisse zu reproduzie ren, hat der Wiener Philosoph Fahim Amir in seinem Buch Schwein und Zeit gezeigt. Ein guter Weggenosse also, wenn es jetzt darum geht, eine Artikulation der Gemeinsamkeiten zwischen Kühen und Müttern, zwischen Brüsten, Eutern, Milch, Saugen und der Frage des Ernährens anzustoßen. Für die Gemeinsamkeit, die in einer kapitalistischen Gesellschaft zwischen Kühen und Müttern hergestellt wird, gibt es einen
Namen: „weibliche Reproduktionsarbeit“. Wer versucht, Kühe aus dieser Form der Arbeit auszuschließen, betritt ein Terrain, das vom Feminismus erfolgreich vermint werden konnte. Manche behaupten, ein Tier unterscheide sich dadurch vom Menschen, dass es weder arbeiten noch ausgebeutet werden kann. Mit diesem Vorurteil wird die Arbeit und Leistung einer Kuh schnell in eine biologisch-natürliche Funktion umgelogen: Was die Kühe machen, das machen sie ja „ohnehin“, das ist doch „natürlich“ und geht „quasi von allein“. Treffender kann man die Entwertung weiblicher Reproduktionsarbeit kaum wiederholen. Einen Ausweg bietet der Blick auf die Arbeitsbedingungen und ihre Auswirkun gen auf die Arbeiterinnen. Kühe arbeiten 365 Tage im Jahr. Zur Veranschaulichung der Arbeit, Futter in Milch umzusetzen, wird die Tagesleistung einer Milchkuh mit der eines Tour-de-France-Radlers vergli chen. Besonders beansprucht werden da bei die Geschlechtsorgane. Die Bekämp fung von Entzündungen des Euters sowie von Ovarialzysten, welche die Fruchtbar keit hemmen, sind zur Aufrechterhaltung der Produktion notwendig. Nachdem ich einer tierärztlichen Kol legin geholfen hatte, die bei einer Geburt vorgefallene Gebärmutter einer Kuh wie der zu reponieren, klopfte diese ihr auf munternd auf den Hintern und sagte: „Na, Kuhmutti, jetzt musst du noch eine Run de malochen.“ Die Einsicht aus dem brandenburgischen Milchbetrieb, dass die Kuh als „Mutti“ „malocht“, muss dem Vorur teil einer grundsätzlichen Andersheit von Mensch und Tier entgegengesetzt werden. Bildung einer speziesübergreifenden, strategischen Allianz Die Philosophin Silvia Federici hat aus geführt, wie die Ausbeutung und die Ent wertung weiblicher Reproduktionsarbeit Bedingung für die Etablierung des Kapi talismus war und bis heute ist: Dreißig bis vierzig Prozent des österreichischen BIP werden durch unbezahlte Reproduktions arbeit geleistet, achtzig Prozent davon von Frauen. In Analogie wird die weltweite Bestäubungsarbeit von Insekten als „Ökosystemdienstleistung“ mit 235 bis 577 Mil liarden US-Dollar jährlich beziffert. Min destens Zeit, für die Milcharbeiterinnen geregelte Arbeitszeiten, Mutterschutz, Urlaubsanspruch, Krankenversicherung und Pensionskasse zu fordern. Dahinter steht die Bildung einer spe ziesübergreifenden, strategischen Allianz im Widerstand gegen die Entwertung und Ausbeutung weiblicher Reproduktionsar beit. Dies könnte Vorbild für die Überwindung einer Politik sein, die so tut, als könne die Frage des (Er-)Nährens aus dem Gemeinschaftlichen so einfach wegrationali siert werden wie der „Mutterinstinkt“ aus den bovinen Milcharbeiterinnen.
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MARINA ZWETAJEWA – MÄRZ (WIEGENLIED)
: WAS AM ENDE BLEIBT
Verhungern Marina Zwetajewa Erster Teil eines lyrischen Triptychons, das die rus sische Dichterin Marina Zwetajewa (1892–1941) während der Okkupati on der Tschechoslowakei durch die Deutsche Wehr macht und vor ihrer Rück kehr in die UdSSR verfasste.
Wie im Traum sang ich vor Zeiten Überall – landauf, landab: − Schlaf, ich schütze dich, mein Kleiner, Kein Tatar tut dir was an!
Heute singe ich für Böhmens Länder, Singe bis zum Gehtnichtmehr: − Schlaf, ich schütze dich, mein Tscheche, Einem Hitler geb ich dich nicht her!
Schwarz die Nacht, der Mond ist voll – Thüringens Hügelland vernehme: − Schlaf, ich schütze dich, Germane! Soll Der Hunne weichen, der Verfemte!
28. März 1939
AUS: MARINA ZWETAJEWA, MORGEN SOLL FÜR ÜBERMORGEN GELTEN. AUSGESUCHTE GEDICHTE. AUS DEM RUSSISCHEN ÜBERSETZT, KOMMENTIERT UND HERAUSGEGEBEN VON FELIX PHILIPP INGOLD, RITTER VERLAG 2020
: B I G P I C T U R E A U S B U D A P E S T LÁSZLÓ LÁSZLÓ RÉVÉSZ (AUSSCHNITT)
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Sarkastisch gesprochen: Hungerleider kamen im 20. Jahrhundert aus der Mode. Fettleibigkeit und Magersucht erwiesen sich erst in unserer Gegenwart als Gegenstand umfangreicher Forschungen. Franz Kafka, Versicherungsbeamter und Neurastheniker, konnte das noch nicht ahnen, als er 1922 mit Der Hungerkünstler eine düstere Vision seiner Zeit erschrieb, deren bizarre Jahrmarktsszenerie er wohlweislich in eine „andere Zeit“ umsiedelte. Ein Schausteller, in einem Käfig von Fleischhauern bewacht, hun gert zum Gaudium von Groß und Klein tage- und wochenlang, um schließlich zu sterben. Er habe, so seine letzten Worte, keine Speise gefunden, die ihm schmecke. Kafkas Erzählung, meist als Parabel auf den Stellenwert von Kunst interpretiert, sagte mehr über Europas Zukunft aus als die zur selben Zeit populäre Fantasie in Knut Hamsuns Roman Hunger, oder das geflügelte Wort aus Bert Brechts Dreigroschenoper: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Hungerstreiks konnten Revolutionen auslösen, aber es sollte noch schlimmer kommen: Die von amerikanischen Armeefotografen nach der Befreiung deutscher Konzentrationslager aufgenommenen Bil der ausgemergelter Lagerhäftlinge wurden zu Ikonen, in ihrer Dras tik übertroffen nur von Bildern der Leichenhaufen, die mit Baggern ins Massengrab geschoben wurden. Laut dem Philosophen Theodor W. Adorno sollte es als unmora lisch gelten, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben. Der rus sisch-amerikanische Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky unterlief das hypermoralische Gebot, indem er es überbot: Dann dürfe man nach Auschwitz weder atmen noch essen. Auch wenn Nachgeborene da raus weder Moral noch Hinweise auf ihre Ernährungsgewohnheiten abzuleiten vermögen, das Beispiel der französischen Philosophin und Resistance-Kämpferin Simone Weil verschlägt bis heute zumindest den Atem. In einer von der Studienkollegin Simone de Beauvoir überlieferten Diskussion darüber, ob es wichtiger sei, Menschen glücklich zu machen und ihrer Existenz Sinn zu geben, beharrte Weil auf einer Revolution, die allen Menschen zu essen geben würde. Beauvoir zufolge sagte sie: „Man sieht, dass Sie noch niemals Hunger gelitten haben.“ Simone Weil ist im Alter von vierunddrei ßig Jahren verhungert.
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