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HEUREKA 4/21

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HEUREKA #42021

ILLUSTRATION: GEORG FEIERFEIL/WWW.SCHORSCHFEIERFEIL.COM

Falter Zeitschriften GmbH, Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien, WZ 02Z033405 W, Österreichische Post AG, Retouren an Postfach 555, 1008 Wien, laufende Nummer 2806/2021

D A S W I S S E N S C H A F T S M A G A Z I N A U S D E M F A LT E R V E R L A G

Die Leistungen der ÖFG Wissenscha˜licher Beirat, Forschungsförderung und Veranstaltungen Seite 4–8

ÖFG Wissenscha˜ spreis

Porträts der aktuellen Wissenscha˜spreisträger Jan Assmann und Fritz Paschke Seite 8–10

ÖFG Arbeitsgemeinscha˜ en

Fachübergreifende Zusammenarbeit von Forschenden unterschiedlicher Disziplinen Seite 11–23


2  INTROD UK TI O N  :   H EUR EKA  4/21   FALTER 25/21

ÖFG Wissenschaftspreisträger  Seite 8

Kulturforschung mit Weitwinkel  Seite 12

Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann im Porträt

Über die Tätigkeit der ÖFG ARGE Kulturelle Dynamiken

ÖFG Wissenschaftspreisträger  Seite 10

Verzicht ist immer freiwillig  Seite 14

Der Erfinder und Gelehrte Fritz Paschke im Porträt

Kulturanthropologe Timo Heimerdinger erforscht Verzicht

FOTOS: PHILIPP ROTHE, KYLE HEAD/UNSPLASH, NINI TSCHAVOLL, HELLO I´M NIK/UNSPLASH

A U S D E M I N H A LT

:  E D I TO R I A L

Ein gutes Angebot in schwer verständlichen Zeiten REINHOLD MITTERLEHNER

Weltweit und erfreulicherweise gelang der Forschung dank vorausgehender jahrzehntelanger Grundlagenforschung rasch eine erfolgreiche Entwicklung von Impfstoffen. Dennoch wurde aber bald auch deutlich, dass die Komplexität des Themas einer wissenschaftlich umfassenderen Antwort, beispielsweise auch hinsichtlich psychischer, sozialer und wirtschaftlicher Fragen,

bedarf. Diese Erkenntnis ist vor ­allem für die Politik wichtig, weil bei ihr nicht nur die Letztverantwortung für die Umsetzung von Einzelmaßnahmen und Regeln liegt, sondern auch die Fol­ge­wirkungen für die ­Gesamtgesellschaft abgewogen ­werden müssen. Ein Lockdown aller Bereiche etwa verhindert die epidemiologische Ausbreitung einer ansteckenden Krankheit, die dadurch bedingten Langzeitschäden von Schulschließungen bei Kindern und Jugendli-

Reinhold ­Mitterlehner, Präsident der ÖFG

chen sehen Virolog*innen naturgemäß weniger. Dazu gibt es in Österreich kaum koordinierte Angebote und Antworten. Eine der wenigen Einrichtungen in Österreich ist die Österreichische Forschungsgesellschaft (ÖFG), wo eine fachübergreifende Zusammen­arbeit bereits organisiert und gelebt wird. Einerseits in den „Arbeits­gemeinschafte “, die aktuelle Themen erörtern, bei Veranstaltungen beleuchten und die Ergebnisse in Positionspapieren zusammenfassen. Themen, die derzeit bearbeitet werden, betreffen spannende ­Gebiete wie die „Zukunft der Demokratie“, die „Digitale Transformation“ „Inter­nationale Beziehungen“. Diese The­men­­stellungen sind nicht nur wissen­schaftlich, sondern auch politisch höchst aktuell. Nicht zu-

letzt auch die Frage nach der Weiterentwicklung der österreichischen Außen- und Neutralitätspolitik. Aus den Erfahrungen der ­Pan­demie ergibt sich auch das General­thema „Modellbildung und Simu­lation in den Wissenschafte “ beim diesjährigen Österreichischen Wissenschaft tag im Oktober. Dabei sollen fächer­übergreifende Antworten angesichts der gegenwärtigen Entwicklung gefunden werden. Die Arbeit der ÖFG, wie sie in diesem Falter Heureka überblicksartig dargestellt wird, bringt Ergebnisse, durch die sich gesellschaftlich Entwicklungen und Ereignisse nicht nur im Rückblick besser verstehen lassen, sondern mit denen sich auch Politik besser planen lässt. Das ist in schwer zu verstehenden Zeiten ein gutes, ja notwendiges Angebot.

FOTO: HANS RINGHOFER

Die Covid-19-Pandemie hat unsere Gesellschaft ziemlich unvorbereitet getroffen. Pläne und Vorbereitungen gegen die Krankheit begannen in den meisten Ländern oft am Nullpunkt. Wie selten zuvor konzentrierte sich das Interesse von ­Medien und Gesellschaft rasch auf die Wissenschaft. Virolog*innen und Epidemolog*innen sollten umgehend Lösungen anbieten.


FOTOS: GEORG HOCHMUTH/APA/PICTUREDESK.COM, CHRISTIAN MOTZ/JKU, HELMUT LUNGHAMMER/ WWW.LUNGHAMMER.AT, MANUEL BALCE CENETA/AP/PICTUREDESK.COM

IN TRO D U K TIO N   :   H EU R E KA  4/21   FALTER 25/21  3

Wie glaubwürdig ist Wissen?  Seite 16

Unsichtbare Spitzenforschung  Seite 20

Medizinhistorikerin Mariacarla Gadebusch Bondio: „Evidenz“

Mobilfunkchips der neuen Generation: Know-how aus Linz

Unsere drahtlose Kommunikation  Seite 18

Österreich zwischen Sein und Schein  Seite 22

Über die Tätigkeit der ÖFG ARGE Hochfrequenztechnik

Anspruch und Wirklichkeit des politischen Systems Österreichs

:  KO M M E N TA R

Die Aufgabe der Wissenschaften für die Zukunft: Interdisziplinarität

FOTO: KOLARIK ANDREAS

HEINRICH SCHMIDINGER

Die großen Themen und Probleme, die es heute und in Zukunft zu behandeln bzw. zu lösen gilt, fordern von den Wissenschaften weniger Überspezialisierung als Kooperation, also Interdisziplinarität. Gerade an der Corona-Pandemie zeigt sich, was immer deutlicher wird: Die ausschlaggebenden Herausforderungen unserer Zeit lassen sich entweder interdisziplinär bewältigen oder gar nicht. Einseitige oder punktuelle Lösungen helfen nicht weiter. Das Gelingen einer echten Interdisziplinarität hängt von der Güte der Beiträge ab, die Wissenschafte für die Gesellschaft erbringen – beispielsweise im Umgang mit einer Pandemie. Das ist schwierig genug, haben sich die Wissenschaften in der Geschichte doch nicht nur methodisch, sondern auch mentalitätsmäßig, ja sogar sprachlich weit ausein-

anderentwickelt. Trotzdem muss die Kooperation der Disziplinen stattfinden, wie spezifi ch und anlassbezogen auch immer. Ohne sie gibt es keinen Fortschritt beim Zurandekommen mit den dominierenden Fragen und Problemen unserer Zeit. Die Österreichische Forschungsgemeinschaft ÖFG hat sich seit ­ihrer Gründung im Jahr 1977 dieser Aufgabe verschrieben. Das äußert sich schon in ihrer Organisation: Jenes Gremium, das für die inhaltliche Ausrichtung ihrer Aktivitäten ver-

Heinrich ­Schmidinger, Vorsitzender des ÖFG-Beirats

antwortlich ist, der Wissenschaftl che Beirat, setzt sich aus Expertinnen und Experten zusammen, die ein möglichst breites Spektrum der universitären Fächer und Disziplinen abdecken. Mit ihnen sind auch möglichst alle Universitätsstandorte vertreten, was wiederum für eine Vielfalt steht, die im Interesse der Zielsetzung genutzt wird. Dieser Struktur entsprechen die Themenstellungen der zentralen ÖFG-Aktivitäten – sei es bei Veranstaltungen wie dem Österreichischen Wissenschaft tag, Workshops oder Tagungen oder bei der Einrichtung von Arbeitsgemeinschaften, die sich über mehrere Jahre ­hinweg ebenso aktuellen wie grundsätzlichen Fragen widmen. Für ÖFG ­Arbeitsgemeinschaften ist der Nachweis der Interdisziplinarität eine

­Voraussetzung für ihre Genehmigung. Auch die Träger und Trägerinnen des ÖFG Wissenschaftsp eises sehen sich dieser Grundabsicht verpflichtet. Selbst die Stellungnahmen der ÖFG zu aktuellen bildungs- und hochschulpolitischen Debatten stehen im Zeichen der Interdisziplinarität. Sie sind Ausdruck gemeinsamer Sichtweisen, Empfehlungen und Forderungen, die unter dezidierter Berücksichtigung der unterschiedlichen Gesichtspunkte von Fächern und Standorten zustandekommen. Schließlich wird bei der geplanten Vergabe eines ÖFG Medienpreises an Wissenschaftsjournali tinnen und -journalisten eine Rolle spielen, inwieweit das Gebot der Stunde medial reflektiert wird, nämlich wissenschaftliche Kooperation und wissenschaftliche Spezialisierung in eine fruchtbare Spannung zu bringen.


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FALTER 25/21

H EUR EKA 4/21 : ÖFG B EI RÄTE

Der Wissenschaftliche Beirat der ÖFG

Walter Berka, Univ.-Prof. für Verfassungsund Verwaltungsrecht, Universität Salzburg

Martin Gerzabek, Univ.-Prof. für Ökotoxikologie und Isotopenanwendung, BOKU Wien

Reinhard Heinisch, Univ.-Prof. für Politikwissenschaften, Universität Salzburg

Bernhard Jakoby, Univ.-Prof. für Mikroelektronik, Universität Linz

Harald Kainz, Univ.-Prof. für Bauingenieurswissenschaften, Rektor TU Graz

Wolfgang Kautek, Univ.-Prof. für Physikalische Chemie, Universität Wien

Reinhard Neck, Univ.-Prof. für Volkswirtschaftslehre, Universität Klagenfurt

Oswald Panagl, Univ.-Prof. em. für Sprachwissenschaft, Universität Salzburg

Peter Parycek, Univ.-Prof. für E-Governance, Donau-Universität Krems

Heinrich Schmidinger, Univ.-Prof. für Philosophie, Universität Salzburg (Beiratsvorsitzender)

Christiane Spiel, Univ.-Prof. für Bildungspsychologie und Evaluation, Universität Wien

Hans Tuppy, Univ.-Prof. em. für Biochemie, Univ. Wien, ehem. Wissenschaftsminister

Susanne WeigelinSchwiedrzik, Univ.-Prof. für Sinologie, Universität Wien

FOTOS: MARTIN HASENÖHRL, BOKU, PRIVAT (2), LUNGHAMMER/ TU GRAZ, UNIVERSITÄT WIEN, SISSI FURGLER FOTOGRAFIE, MOZARTEUM, DUK, ANDREA REISCHER, KOLARIK ANDREAS, BARBARA MAIR (2), VOUK, PUCH JOHANNES, WALTER SKOKANITSCH

Friederike Wall, Univ.-Prof. für Unternehmensführung, Universität Klagenfurt

Viktoria Weber, Univ.-Prof. für Biochemie, Donau-Universität Krems

D I E Ö FG I ST E I N E FO RS C H U N G S FÖ R D E RU N G S E I N R I C H T U N G , G E T R AG E N VO N B U N D U N D L Ä N D E R N


KO M M E N TA R E   :   H EU R EKA  4/21   FALTER 25/21  5

EMILY WALTON

MARTIN HAIDINGER

FLORIAN FREISTETTER

Finanzierung

Heimito und die Förderung

Journalismus

Rund 100 Milliarden Euro wollen die EU-Staaten von 2021 bis 2027 über das Investitionsprogramm „Horizont Europa“ investieren. Viel Geld, um das viele Institutionen in ganz Europa sich bemühen werden. In Österreich wird seit ein paar Monaten um die Verteilung von Forschungsgeldern gerungen, konkret um eine Lösung der Nachfolge für die Nationalstiftun für Forschung, Technologie und Entwicklung. Darüber sind in den vergangenen Jahren mittels Sonderdotierung durch die Österreichische Nationalbank jährlich 100 Mio. Euro geflo sen. 2020 ist die Sonderdotierung ausgelaufen, ebenso wie die Zweckbindung eines Teils der Einnahmen aus dem Spitzensteuersatz von 55 Prozent, die zuletzt via Österreich-Fonds 33  Mio. Euro in die Forschung gebracht hat. Die offene Finanzierungsfrage sorgt in vielen Forschungseinrichtun­gen für eine „dramatische Situation“, sagt Martin H. Gerzabek, Präsident der Christian Doppler Forschungsgesellschaft (CDG). Diese erhielt in den letzten drei Jahren jährlich im Schnitt 10,6  Mio. Euro aus den Fonds und noch einmal so viel von Unternehmen. Mehr als ein Drittel des öffentliche Förderbudgets der CDG kam von NFTE/ÖF. „2021 sind aufgrund des Ausfalls der Stiftungsmitte substanzielle Auswirkungen zu verzeichnen, die nur teilweise durch eine mündlich zugesagte Überbrückungsfinanzierun ­ab­gefedert werden können“, so Gerzabek: Die Zahl an möglichen Neugründungen liege deutlich unter den planmäßigen elf Schließungen nach regulärer Laufzeit, was eine Reduzierung der Zahl an CDLabors bedeute. Eine Petition für eine Finanzierungslösung über einen Fonds Zukunft Österreich wurde in den Sitzungen des Petitionsausschusses des National­rats schon mehrmals vertagt, zuletzt am 10. 6. Dabei wäre es wichtig, dass rasch gehand­elt wird. „Die CDG hebelt im Beson­deren die Forschungstätigkeit der bedeutendsten österreichischen Unternehmen für unseren Standort.“ Der drohende Ausfall einer Forschungsförderung von rund 20 Mio. Euro pro Jahr wäre für den Wissenschaft - und Wirtschafts standort „besonders schmerz­haft“ Mehr als 400 Arbeitsplätze für Nach­wuchswissenschaftler*innen an Unis und FHs sind bedroht, warnt Gerzabek: „Die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit wird dadurch grob beeinträchtigt.“

„Ich wurde nie ermutigt und nie gefördert. Das hat sich aber jetzt hoffentlich aufgehört, in der Zwischenzeit? Es war nie der Fall und inzwischen habe ich mich selbst gefördert. Und das ist ein gutes System? Das ist das einzig richtige und mögliche System!“

:  B R I E F AU S B RÜ SS E L

:  H O RT D E R W I SS E N S C H A F T

Dieser Dialog zwischen dem Schrift teller Heimito von Doderer und dem Reporter Heinz FischerKarwin lief 1957 im österreichischen Radio. Heute wirkt er wie aus der Zeit gefallen, und ist es auch. Ein Literat, der es zu etwas gebracht hat und nie an ein Förderungsprogramm angedockt, nie ein Stipendium bezogen hat? Und weitergedacht: Wovon hätte Doderer sich in Pandemiezeiten wohl ernährt? Sind außer Denken, Schreiben und Bogenschießen keine weiteren Kompetenzen von ihm bekannt? Oh doch, immerhin hatte er ein paar Monate lang den Kurs des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, kurz IfÖG, in Wien besucht, und hätte er ihn auch absolviert, würde man ihn zu einer Elite der Historikerzunft seiner Zeit gezählt haben. Nun ist das Wesen und Schicksal des hochkomplexen Charakters und Eigenbrötlers Doderer keinesfalls auf größere Gruppen damaliger oder heutiger Zeitgenossen jederlei Geschlechts applizierbar, weshalb wir uns auch guten Gewissens ausgiebig darüber

:  F R E I B R I E F

freuen dürfen, dass es Institutionen wie die Österreichische Forschungsgemeinschaft gibt, die jungen Menschen hilft, den Dschungel der akademischen Welt zu durchdringen. Mit ihren Programmen, Zuschüssen und Arbeitsgruppen leistet die ÖFG seit Jahrzehnten hervorragende Arbeit an unserer Gesellschaft, denn die Scientifi Community zu pimpen hilft allen in Österreich, auch solchen, die es nicht bemerken. Derzeit sticht besonders ein ÖFG-OnlineWorkshop ins Auge: „Studierende zum Abschluss motivieren.“ Vielleicht gelänge solche Motivation mit dem Appell an die Akzeptanz des allgemeingesellschaftlichen Nutzens von akademischen Leistungen und Heimitos Erkenntnis: „Jeder Mensch, der nur seinen Charakter realisiert, ist dämonisch.“ War Doderers Studienbremse noch ein ganzer Weltkrieg, nämlich der Erste, macht unseren Studiosi lediglich eine Pandemie zu schaffen, bei der die Leichenberge ­aus­geblieben sind und die daher mit der von Heimito 1919 erlebten Spanischen Grippe nicht vergleichbar ist. Ich weiß schon, Covid 19 ist schlimm genug, aber trotzdem will ich keine Zeitmaschine besteigen, die mich in Doderers Welt zurückbeamt. Also, kriegt euch wieder ein und lasst euch fördern!

ZEICHNUNG (AUSSCHNITT)

:  F I N K E N S C H L AG   HANDGREIFLICHES VON TONE FINK TONEFINK.AT

Ich bin Experte für das sehr spezielle Gebiet der astronomischen Himmelsmechanik. In diesem Bereich habe ich geforscht und meine Dissertation geschrieben. In meiner publizistischen und wissenschaft journalistischen Tätigkeit beschäftige ich mich aber auch mit sehr vielen anderen Forschungsfeldern. Man kann ein Thema durchaus seriös behandeln, ohne ein entsprechendes Studium absolviert zu haben. Wer in der Zeitung über Sport schreibt, ist selten auch im Leistungssport aktiv. Wer über Politik berichtet, ist kaum selbst in der Politik tätig. Journalismus ist vor allem eine Methode, die funktioniert, ohne eine studierte Fachkraft dafür zu sein, worüber man berichtet. Aber gerade im Wissenschafts journalismus sollte man mit den Expertinnen und Experten reden. Ich schreibe nicht nur selbst über Wissenschaft, sondern werde immer wieder auch von Medien um Interviews und Erklärungen gebeten. Das freut mich einerseits, wundert mich aber auch, denn nicht immer bin ich ein Experte auf dem fraglichen Gebiet. Es würde andere Menschen mit deutlich mehr Ahnung zum Thema geben. Warum werden sie nicht kontaktiert? Guter Wissenschaftsjournalismu ist auch eine Frage der Ressourcen. Um die wirklich passende Person für ein Interview zu finden, muss man unter Umständen lange recherchieren. Es ist deutlich einfacher, auf jemanden zurückzugreifen, dessen Kontaktdaten man schon hat. Wer einmal Bereitwilligkeit demonstriert hat, sich interviewen zu lassen, und dabei ein aus journalistischer Sicht halbwegs vernünftig s Resultat geliefert hat, wird vermutlich auch in Zukunft immer wieder gefragt werden. Auch wenn es um ein Thema geht, bei dem andere bessere Informationen liefern könnten. Das ist zumindest meine Erfahrung. So bemühe ich mich, aus meiner Sicht unpassende Anfragen abzulehnen und stattdessen den Kontakt zu kompetenteren Menschen zu vermitteln. Guter Wissenschaftsjournali mus darf sich nicht auf eine Handvoll medientauglicher Expertinnen und Experten beschränken. Das macht die Arbeit leichter, aber man verpasst viele wichtige Geschichten. Wissenschaft ist vielfältig. Wissenschaftsjournalismus muss es ebenfalls sein. MEHR VON FLORIAN FREISTETTER: HTTP://SCIENCEBLOGS.DE/ ASTRODICTICUM-SIMPLEX


6  FALTER 25/21   H EUR EKA  4/21  :  ÖFG FORSC H U N G SFÖ R D E RU N G

:  FÖ R D E RU N G E N F Ü R J U N G E FO RS C H E N D E

USCHI SORZ

Um dem wissenschaftlichen Nachwuchs die internationale Kommunikation zu erleichtern, unterstützt die ÖFG Forschungsaufenthalte und Kongressreisen. Hier vier der aktuell Geförderten Shaghayegh Naghdi, 39, Technische Universität Wien

Christoph Burger, 37, Universität Wien

„Die Aufspaltung von Wasser in seine Elemente mithilfe von Lichtenergie könnte das Feld der grünen Chemie revolutionieren und den Weg zu einer nachhaltigeren Lebensweise ebnen“, sagt Shaghayegh ­Naghdi. Ihre Doktorarbeit am Institut für Material­chemie der TU Wien dreht sich um Photokatalysatoren, die an diesem Prozess beteiligt sind. „Die Nutzung von Wasserstoff als saubere Energiequelle ist eine äußerst zukunft trächtige Photokatalyse-­ Anwendung, aber auch die Umwandlung von CO2 in wertvolle chemische Grundstoffe für die industrielle Produktion.“

„Mobbing in der Schule ist weltweit ein Problem“, sagt der Psychologe. „Und im internationalen Vergleich sind die Zahlen in Österreich eher hoch.“ Burger ist Universitätslektor am Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung der Universität Wien und an der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften in Krems. Für seine Dissertation untersucht er die Rolle der Lehrer*innen in der Mobbingprävention. „Ich möchte zeigen, dass sie ein wesentlicher Teil der Lösung sein können.“ Praxisrelevanz ist ihm wichtig. „Würden meine Forschungsergebnisse in der Schublade verschwinden, fände ich das schlimm.“ Mobbing habe eine ganze Kaskade an gesellschaftliche Folgen, die es zu verhindern gelte. „Die Betroffenen leiden massiv. Ihre seelische und körperliche Gesundheit ist oft bis ins Erwachsenenalter beeinträchtigt. Das geht auch zulasten des Gesundheitswesens.“ Damit verbundene Fehlzeiten und schlechte Leistungen wirken sich negativ auf das Bildungssystem aus, Ausbildungsab-

Shaghayegh ­Naghdi, TU Wien Naghdi ihre antibakteriellen Eigenschaften sowie ihr Potenzial für die Umwelt­technik. Trotz CoronaEinschränkungen konnte sie im Mai einen Forschungsaufenthalt an der kanadischen University of Northern British Columbia antreten, die das Equipment für die Testung und Erweiterung ihrer Materialproben besitzt. „Ich freue mich sehr, dass die ÖFG dies gefördert hat. Das bringt meine Forschung voran.“

brüche und die erhöhte Gefahr der Arbeitslosigkeit sogar auf die Wirtschaft „Dass Lehrkräfte Mobbing erfolgreich entgegentreten können, hat die Wissenschaft lange Zeit vernachlässigt.“ Zusammen mit Kooperationspartnern von der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, der Univer-

Christoph Burger, Universität Wien sität Wien und der FH Linz erforscht Burger die Effekte von Interventionsstrategien. „Das ist interessant für Lehrende und Forschende, die AntiMobbing-Programme und Trainings für Lehrkräfte entwickeln. Zudem ist es eine Grundlage für die Politik, die über die Finanzierung von Maßnahmen entscheidet.“ Mithilfe der ÖFGFörderung wird er seine Erkenntnisse im Juli am 21. Weltkongress der Psychologie in Prag vorstellen.

Barbara Wolfram, 30, Univ. f. Musik u. darstellende Kunst Wien

Bartosz Bursa, 31, Universität Innsbruck

„Es ist nicht egal, was wir wo und wie medial konsumieren“, sagt die Wiener Theater- und Filmregisseurin und Magistra der Psychologie, die sich gerade in der Abschlussphase ihrer Dissertation an der Filmakademie Wien befindet. Für diese untersucht sie die Repräsentation von Gender und Diversität im österreichischen Film zwischen 1997 und 2017; zugleich erarbeitet sie einen Überblick über dessen Narrative und Darstellungsweisen. „Audiovisuelle Medien beeinflu sen die soziale Realität“, betont Wolfram. „Das, was gezeigt, aber vor allem das, was nicht oder stereotypisiert gezeigt wird, hat damit zu tun, was eine Gesellschaft als ,normal’ oder ,abnormal‘ festlegt. Das schließt Menschengruppen aus.“

Wie erkunden Menschen, einmal an ihrem Urlaubsort angekommen, die Gegend? Mit welchen Verkehrsmitteln bewegen sie sich dort fort? Was beeinflu st diese Entscheidungen? Bartosz Bursa ist Senior Scientist am Arbeitsbereich Intelligente Verkehrssysteme des Instituts für In­frastruktur und beschäftigt sich mit dem aufenthaltsbezogenen Mobilitätsverhalten von Touristen. „Dieses ist im Gegensatz zu deren Ankunfts- und Abreisemustern oder Fernreisen noch wenig erforscht“, sagt der gebürtige Pole. Dabei sei dies gerade für den Alpenraum ein wichtiges Thema – übrigens eine Umgebung, in der er als leidenschaftlicher Bergsteiger privat selbst gern unterwegs ist. „Hier nehmen das Tourismusund damit verbundene Verkehrsaufkommen ständig zu“, erklärt er. „Um negative externe Effekte und soziale und ökologische Folgen zu vermeiden, braucht es eine evidenzbasierte Verkehrspolitik, die den Touristenverkehr effizien zu steuern vermag.“ Und da räumliche, finanziell und ökologische Ressourcen begrenzt

Parallel läuft ihre filmi che Aus­ einan­dersetzung mit literarischen Autosoziobiografien wie etwa von Annie Ernaux oder Didier Éribon sowie mit der soziologischen Forschung von Arlie Russell Hochschild. Dem wird sie sich ab August auch in ihrem vom FWF-Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste

(PEEK) geförderten Postdoc-Projekt

„Confronting Realities. Working On Cinematic Autosociobiographies“ widmen. „Hier werde ich meine Forschungsstränge zusammenführen und mit eigenen filmi chen Arbeiten ergänzen.“ Wesentlich dafür ist ihr derzeitiger dreimonatiger For­

Barbara Wolfram, Filmakademie Wien schungs­aufenthalt in Paris, den die ÖFG unterstützt hat. „An der École nationale supérieure LouisLumière befasse ich mich zurzeit mit künstlerisch-wissenschaftliche Forschungsprozessen und technischen Aspekten wie Bildtechnik, Schnitt oder Ton“, erzählt sie. „Und an der École des hautes études en sciences sociales beschäftige ich mich mit filmi cher Soziologie.“ Anschließend wolle sie in ihrem Projekt die literarische Form in eine filmi che übersetzen.

seien, gelte es umsichtig in die Infra­ struktur und die Verkehrssysteme zu investieren. „Dafür möchte ich die quantitativen Grundlagen schaffen “ Mit einer ÖFG-Förderung wird Bursa im Winter einen Forschungs­ aufenthalt in den USA antreten. „Ich werde in einem Projekt unter der

Bartosz Bursa, Universität Innsbruck Leitung von Jeff ey ­LaMondia, einem renommierten Experten im Bereich der Modellierung von Verkehrsverhalten, an der Auburn University die Mobilität von Urlaubsgästen an ihrem Reiseziel analysieren“, erzählt er. „Etwa wie und warum sie bestimmte Aktivitäten, Ziele und Verkehrsmittel wählen und wie sie ihre Zeit in Abhängigkeit von diesen Faktoren einteilen.“ Der mit dieser Kooperation begonnene Austausch werde seiner Forschung auch künftig zugutekommen.

FOTOS: ZSOLT MARTON – ZMART – FOTO-ZEIT.AT, PRIVAT

Ihren Master hat die Chemikerin in ihrem Heimatland Iran gemacht und danach fünf Jahre in der Forschung und Entwicklung eines Teheraner Pharmaunternehmens gearbeitet. Ihr Interesse an Umweltthemen und der Wunsch, sich intensiver mit grüner Chemie zu beschäftigen, führten sie nach Wien. „Ich forsche an einer neuen Generation von Photokatalysatoren für die Wasserstoff­entwicklung und

CO2-Reduktion“, erklärt sie. Dabei konzentriert sie sich besonders auf die Synthese und Charakterisierung sogenannter MOFs (Metal-Orga­nic Frameworks). Diese neuen Materialien sind aufgrund ihrer porösen Struktur vielversprechende Kandidaten für die ­Photokatalyse. Zusätzlich untersucht


Ö FG V E R A N STA LT U N G E N   :   H EU R EKA  4/21   FALTER 25/21  7

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FOTOS: LUKAS ILGNER

eit 1977 hat sich die Österreichische Forschungsgemeinschaft dem Ziel verschrieben, der Wissenschafts örderung wie der Wissenschaftspolitik in Österreich neue Impulse zu geben. „Es ist unser Auftrag und unser Anliegen, aktiv zur Zukunftsorientierung und Qualitätssicherung von Forschung und Lehre in Österreich beizutragen“, sagt Reinhold Mitterlehner, Präsident der ÖFG. Das erreicht sie auf sehr pragmatischem Weg mit Druckkostenzuschüssen, hilft aber auch bei der Finanzierung von Reisekosten. So können sich die heimischen Wissenschaftler*inne über die Ländergrenzen hinweg einbringen, aber auch Forscher*innen nach Österreich eingeladen werden. Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt der ÖFG sind die Arbeitsgemeinschaften (ARGE), in denen Forscher*innen aus unterschiedlichen Disziplinen in einem en­gen Austausch stehen, um aktuelle Fragestellungen von öffentlichem Interesse zu bearbeiten. Aktuell sind das die Arbeitsgemeinschaften „Zukunft der Demokratie“, „Internationale Be­zie­hungen“, „Kulturelle Dynamiken“, „Digitale Transformation“, „Gesundheit unter epigenetischen Gesichtspunkten“, „Staatliche Aufgaben, private Akteure“ sowie „Hochfrequenzforschung“. Die en­gagier­ten Arbeitsgemeinschaften sorgen mit einer Vielzahl von Workshops dafür, dass der Veranstaltungskalender der ÖFG gut gefüllt ist, auch als die Veranstaltungen pandemiebedingt online stattfinden mussten. Die Workshops geben interessierten Forscher*innen einen Einblick in die Arbeitsgemeinschaften und sorgen so auch für Anregungen von außen. Bildungsforschung: Der Zukunft verpflichtet Mit den bildungspolitischen Workshops in Baden kommt die ÖFG einem ihrer Hauptanliegen nach: Seismografi ch bildungs­politisch zentrale Entwicklungen aufzugreifen und als Katalysator zukunftsfähiger Entwicklungspfade zu fungieren. Der Workshop ist ein Fokalpunkt unterschiedlicher, aber sich ergänzender Perspektiven und trägt mit wissenschaftliche Expertise zu einer fundierten Aufbe eitung, der oft ideologisch geführten Bildungs­debatte bei. „Ein wichtiges Ziel der Österreichischen Forschungsgemeinschaft ist, den interdisziplinären und standortübergreifenden Dialog zu fördern“, sagt Christiane Spiel, Mitglied des Wissen­schaftlichen Beirats der ÖFG und Bildungs­psychologin an der Universität Wien. Die Teilnehmer*innen sind Funktionsträger*innen von Hochschulen, Vertreter*innen von Ministerien und anderen Organisationen, die sich mit Bildungsund Wissenschaft themen beschäftigen genauso wie Personen aus unterschiedlichen Disziplinen der Bildungsforschung. Vor dem Hintergrund der Herausforderungen des österreichischen Bildungs- und Hochschulsystem werden auch gesamteuropäische Entwicklungen be­leuchtet. Dazu tragen internationale Vor­tragende bei. Zwar lassen sich Erfahrungen aus anderen Ländern nicht eins zu eins übertragen, liefern aber neue Impulse für die heimische Bildungsdebatte. Die Ergebnisse des Workshops werden als kompakte Stellungnahme mit Hand-

Austausch und Vernetzung für den Wissenschaftsstandort Österreich Bei ihren Veranstaltungen bringt die ÖFG unterschiedliche Disziplinen miteinander ins Gespräch und begleitet die heimische Bildungsdebatte mit Expertise TEXT: WERNER STURMBERGER

Das Tagungshaus der ÖFG in Baden bei Wien. Hier findet auch der Österreichische Wissenschaftstag statt

Christiane Spiel (Mitte) konzipierte den diesjährigen Workshop, der pandemiebedingt online stattfand

Die Vorträge bei den Tagungen der ÖFG bilden die Basis für fachübergreifende Diskussionen

lungsempfehlungen festgehalten und dienen als konkrete Empfehlungen für Entscheidungsträger*innen. Die diesjährige Veranstaltung „Studierende zum Abschluss motivieren“ fand pandemiebedingt virtuell statt. Ein Format, das sich bewährt habe und auch eine Verdopplung der Teilnehmer*innenAnzahl ermöglichte. „Aus den Diskussionen und Vorträgen ließen sich klare Handlungsempfehlungen ableiten: Beginnend mit einer diffe enzierten Erhebung der Ursachen für die Überschreitung der Studiendauer über die gezielte Förderung des selbstregulierten Lernens und der sozialen und universitären Einbindung der Studierenden bis hin zur Etablierung von Plattformen zum sozialen Austausch in den späteren Studienphasen“, sagt Christiane Spiel, die den Workshop konzipiert hat. Wissenschaftstag: Nationalfeiertag der besonderen Art Als prestigeträchtigste Veranstaltung im Kalenderjahr der ÖFG darf der Österreichische Wissenschaft tag alljährlich zum Nationalfeiertag gelten. Seit 1989 finde die ungewöhnliche Veranstaltung statt: „Die ÖFG verfolgt Ziele, die von wenig anderen Wissenschaftsgesellschaften verfolgt werden: Nämlich Wissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenzubringen, um über dasselbe Thema zu diskutieren und einen gezielten Austausch zu forcieren“, erklärt Christiane Spiel. Reinhold Mitterlehner schlägt in dieselbe Kerbe: „Wir möchten einen interdisziplinären und standortübergreifenden Dialog zu wissenschaftlich und gesellschaftlich relevanten Themen fördern und entsprechende Forschungen anregen.“ Nirgends wird das so deutlich wie am Österreichischen Wissenschaft tag, wo Forscher*innen unterschiedlichster Disziplinen miteinander ins Gespräch kommen. Selbst wenn sich das bisweilen herausfordernd gestaltet, gilt es doch oft, überhaupt eine gemeinsame Sprache zu finden. Die Überzeugung der Notwendigkeit eines grenzüberschreitendenden Dialogs ist aber größer als die Schwierigkeit, die die Überwindung disziplinärer Grenzen mit sich bringt. Thematisch greift das Symposium aktuelle gesellschaftliche Themen so auf, dass sie aus unterschiedlichen Disziplinen beleuchtet werden können. Das Thema der diesjährigen Ausgabe lautet: „Modellbildung und Simulation in den Wissenschafte “. „Modelle sind vereinfachte Abbilder realer Zusammenhänge und Entwicklungen. Damit wird auch eine Vielzahl an Fragen aufgeworfen, die sich auch gerade aktuell im Rahmen der Covid19-Pandemie stellen“, erklärt Reinhold Mitterlehner. Bei der ÖFG blickt man mit großer Vorfreude einer spannenden und diversen Debatte entgegen. Nicht zuletzt deshalb, da der Wissenschaft tag letztes Jahr pandemiebedingt entfallen musste. Im Oktober soll er in seiner gewohnten Form in Baden stattfinden. Die Ergebnisse des Österreichischen Wissenschaft tags sind danach allen Interessierten in Form von Publikationen zugänglich – 27 Druckwerke mit den Beiträgen der Tagung sind bereits erschienen.


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8  FALTER 25/21   H EUR EKA  4/21  :  ÖFG W I SSE N SC H A F TP R E IS

:  FO RS C H E R P O RT R ÄT

Von Echnaton bis Beethoven Der Kulturwissenschaftler Jan Assmann erhält den Wissenschaftspreis 2020 der Österreichischen Forschungsgemeinschaft SABINE EDITH BRAUN

Jan Assmann ist einer der bedeutendsten Geistes- und Kulturwissenschaftler unserer Zeit. Die Theorie des kulturellen Gedächtnisses, welche er gemeinsam mit seiner Frau Aleida entwickelt hat, ist nicht mehr aus dem kollektiven Gedächtnis der Wissenschaft wegzudenken, ebenso wie seine Forschungen zum biblischen Monotheismus, der neben dem einen „wahren“ nur „falsche“ Götter kennt. Die Liste der Mitgliedschaften in wissenschaftlichen Vereinigungen und seiner Ehrungen ist lang, ebenso wie die der Publikationen. Nach dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels, den er 2018 zusammen mit seiner Frau Aleida erhalten hat, bekam Jan Assmann 2020 den Wissenschaftsp eis der Österreichischen Forschungsgemeinschaft zugesprochen. Die feierliche Verleihung des Preises wird im Herbst 2021 nachgeholt. Ein österreichischer Forschungspreis, so der Ausnahmewissenschaftle , bedeute ihm besonders viel, da es mit Österreich eine große Verbundenheit gebe: „Seit es uns 1971 gelang, eine alte Mühle am Traunsee als Familien-Ferienquartier zu erwerben, verbringen wir dort jeden Sommer und nicht selten auch Oster-, Herbst- oder Weihnachtsferien“, verrät er. Dies und auch mehrere Forschungsaufenthalte von ihm sowie seiner Frau am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien hätten zu zahlreichen österreichischen Kontakten und Freundschaften geführt. Mit seiner Frau befindet er sich seit vielen Jahren in einer Forschungsgemeinschaft. Wie kann man sich Wissenschaft zu zweit überhaupt vorstellen? „In unserem Fall funktioniert Wissenschaft, indem jeder neben der Arbeit an gemeinsamen Projekten auch sein eigenes Fachgebiet betreibt und den eigenen Interessen nachgeht“, sagt Assmann. Letzteres sind in seinem Fall Ägyptologie, Religionswissenschaft und Musik, im Fall seiner Frau Literaturwissenschaft und Erinnerungskultur. „Das heißt aber nicht, dass sich nicht jeder von uns auch lebhaft für die Themen des anderen interessiert und an der Entstehung der entsprechenden

Arbeiten teilnimmt“ – siehe ihre Theorie des kulturellen Gedächtnisses. Warum wird man überhaupt Ägyptologe, was fasziniert heute an Kleopatra & Co.? „Das Faszinierende an der Ägyptologie ist, dass sie sich nicht in Spezialgebiete wie Archäologie, Philologie und Geschichte ausdifferenziert hat, sondern eine Kulturwissenschaft im eigentlichen Sinne geblieben ist, indem sie sich mit der altägyptischen Kultur in all ihren Ausdrucks- und Erscheinungsformen beschäftigt “ Damit sei sie, so Assmann, zu ei-

„Das Faszinierende an der Ägyptologie: Sie ist Kulturwissenschaft geblieben“ nem Vorreiter des „cultural turn“ in den Geisteswissenschaften geworden. Eine ganz andere als die eigene Kultur zu kennen, sei nicht nur generell wichtig, im speziellen Fall der Ägyptologie bedeute es auch noch, „den Weg zu kennen, den die eigene Kultur genommen hat und der sich über Rom, Griechenland und Israel bis nach Ägypten verfolgen lässt“. Auch wenn es „Hieroglyphisch – Wort für Wort“ als KauderwelschReiseführer-Büchlein gibt – für alle Freunde von Fremdsprachen-Crashkursen hat der Ägypten-Spezialist schlechte Nachrichten: „Hieroglyphen mehr oder weniger flü sig lesen zu können, ist einerseits eine Sache von zwei Jahren, vier Semestern, in denen man ein ordentliches Grundwissen erlernen kann, andererseits eine lebenslange Aufgabe, die nie an ein Ende kommt.“ Apropos Ende. Irgendwann wird die Corona-Pandemie hoffentlich ein Ende haben. Es stellt sich die Frage, ob auch sie ein Teil unseres kulturel-

len Gedächtnisses werden wird, und wenn ja, in welcher Form. Jan Assmann verweist in diesem Zusammenhang auf die Spanische Grippe, die mindestens das Zehnfache an Toten gefordert hat – und dennoch nicht Teil unseres kulturellen Gedächtnisses geworden ist. Er fügt hinzu: „Die ­Corona-Pandemie wird sicher eine Weile im kollektiven Gedächtnis bleiben, aber um Teil unseres kulturellen Gedächtnisses zu werden, braucht es ihre Darstellung und Bearbeitung in kulturellen Werken wie Texten, Bildern und Kompositionen, die in den Kanon eingehen.“ Einer, der definitiv in den Kanon eingegangen ist, feiert heuer seinen 250. Geburtstag: Ludwig van Beethoven. Mit dem Buch „Kult und Kunst – Beethovens Missa Solemnis als Gottesdienst“ hat auch Jan Assmann seinen wissenschaftlichen Beitrag zum „Beethoven-Jahr“ geleistet. Was macht diesen Komponisten auch noch nach einem Vierteljahrtausend so populär? „Beethoven ist vielleicht neben Händel der erste Komponist, der neben seinen kammermusikalischen Werken wie Klaviersonaten, Streichquartetten etc. bewusst für eine große Öffentlic keit komponiert hat. Das macht gerade seine öffentliche Musik, Sinfonien vor allem, so populär“, ist Assmanns Er­klärung. Dass in einem aktuellen Fernsehwerbespot ein Getränk aus einer rot-blauen Dose Beethoven aus einem kompositorischen Durchhänger rettet, ist dennoch kein Alleinstellungsmerkmal. Das beweisen Mozartkugeln, Goethe&-Schiller-Salz-und-Pfeffer treuer und vieles weitere. „Dieses Schicksal der Verkitschung bleibt wohl keinem so Hochberühmten erspart“, resümiert Assmann, der sich der Musik nicht nur passiv, sondern auch aktiv widmet: Klavier, Cembalo und Blockfl te spielt er. Woran er wissenschaftlic gerade arbeitet, verrät er nicht. Gemeinsam mit seiner Frau und einer Handvoll Wissenschaftler*innen ist er an einem Projekt über den „Gemeinsinn“ beteiligt sowie gemeinsam mit vier Nachwuchswissenschaftler*inne an einem mit dem Titel „Das Gedächtnis der Stadt“.

Jan Assmann, Wissenschaftpreis-


Ö FG W ISSE N SC H A F TP R E IS   :   H EU R E KA  4/21   FALTER 25/21  9

:  A K T U E L L E B Ü C H E R D E R Ö FG

ERICH KLEIN

Nach der Krise der Demokratie der Aberglaube?

FOTO: PHILIPP ROTHE

Als „säkulares Heiligenbild“ hat der amerikanische Philosoph Stanley Cavell einst die Demokratie bezeichnet. Die gesammelten Beiträge des Wissenschaft tages 2018 unter dem Titel „Krise der Demokratie – Krise der Wissenschafte ?“ gehen der Frage weniger polemisch nach. Der Berliner Politologe W. Merkel beschreibt die Vielfalt des Begriff s Demokratie und die problematische Einengung auf „die“ Krise derselben. Ob der vielfach diskutierte Populismus ein Symptom dieser Krisen oder Teil der Heilung ist, wird vielfach diskutiert – zu konstatieren ist: Populismus bedroht Demokratie! Jan Zielonka diagnostiziert das Versagen des „Neoliberalismus“ in Sachen Garantie von Freiheit und Gleichheit, vor allem die liberalen Eliten hätten versagt. Anton Pelinka diskutiert am Beispiel der Central European University/ Budapest die Mechanismen illiberaler Politik sowie Grenzen und Möglichkeiten von Widerstand gegen die Feinde einer offenen Gesellschaft, die auch Wissenschaft bedrohen. Der Bogen spannt sich weiter von praxisbezogenen Überlegungen des Völkerrechtlers Nico J. Schrijver zur akademischen Freiheit im Kontext von Forschungsprogrammen und Forschungspolitik über die dringliche Frage der Qualitätssicherung wissenschaftlicher Erkenntnis in Zeiten, da die Öffentlichkeit zunehmende Skepsis (um nicht zu sagen Unglauben) an den Tag legt; bis hin zur Quantenphysik und dem in aller Munde befindlichen „chinesischen Modell“. Vor dem Hintergrund eines imposanten Wirtschaftswach tums ist China mittlerweile auch wissenschaftliche Weltmacht – als Modell für den Umbau zur Wissensgesellschaft weist es noch gehörige Defizite auf.

träger, arbeitet u. a. an einem Projekt über Gemeinsinn

Passend dazu behandelt der Band 23 von „Wissenschaft Bildung Politik“ das Thema „Wissenschaft und Aberglaube“. Analysiert werden das Verhältnis von Wissenschaft und NichtWissenschaft aus wissenschaft theoretischer Sicht, jenes von Wissenschaft und Öffentlichkei aus historischer und sozialwissenschaft icher Perspektive sowie der Zusammenhang von Aberglaube und Überleben aus der Sicht des Verhaltensforschers. Stuart A. Vyse beschreibt Entstehung und Verbreitung von Aberglaube auch in hoch entwickelten Ländern (inklusive starker kommerzieller Vermarktung „alternativer“ Fakten und Wahrheiten), Franz Winter bietet einen Überblick über aktuellen Forschungsdiskurs zum Thema Esoterik und Religion, Edzard Ernst zeigt am Beispiel Homöopathie deren mangelnde biologische Plausibilität sowie das Fehlen schlüssiger Wirksamkeitsnachweise auf. Angesichts von grassierender Wissenschaftsleugnung schließt die Germanistin Eva Horn mit einem Plädoyer für mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit und „deutlichere Kommunikationsformen“. Wie heiße es schon bei Immanuel Kant in Sachen Aufklärung „Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

„Wissenschaft Bildung Politik“, herausgegeben von der Österreichi­ schen Forschungs­ gemeinschaft:

Bd. 22 „Krise der Demokratie – ­Krise der Wissen­ schaften?“ (Hg. Reinhard Neck, Christiane Spiel), Böhlau 2020

Bd. 23 „Wissen­ schaft und Aber­ glaube“ (Hg. Reinhard Neck, Christiane Spiel), Böhlau 2020


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eine erste Erfindung diente durchaus aggressiven Zwecken: Als Achtjähriger lieferte sich der 1929 in Graz geborene Fritz Paschke zusammen mit anderen vom rechten Murufer in der Göstinger Au heftige Auseinandersetzungen mit den Buben vom anderen Ufer. Doch Steinschleudern, die sie einsetzten, schafften es nicht über den Fluss. Also baute Klein-Fritz ein Gerät, das mit einem Hebel gespannt wurde und dabei unbewusst eine von Leonardo da Vincis Kriegsmaschinen nachahmte. Es funktionierte – und steht gewissermaßen prototypisch für sein Lebenswerk, technische Theorie zu praktischer Funktionstauglichkeit zu verhelfen. Diese Fertigkeit zeigte Paschke zunächst nicht in Österreich. Denn kurz nach dem Abschluss seines Studiums der Elektro-/ Nachrichtentechnik an der Technischen Hochschule Wien war er in die USA zum David Sarnoff Research Center der Radio Corporation of America (RCA) gegangen. „Das Wagnis war gleich null, da die US-Regierung für meine Frau und mich ein Hotel in New York für ein halbes Jahr kostenlos zur Verfügung stellte und ein Taschengeld von 600 Dollar pro Monat zahlte“, erzählt Paschke. „Die einzige Unsicherheit bestand in der mangelhaften Versicherung der Schwangerschaft meiner Frau. Da sprangen aus Wien vertriebene jüdische Ärzte ein. Dabei weigerte sich ein Star-Gynäkologe beharrlich, ein Honorar entgegenzunehmen. Er könne den Betrag pro­blemlos beim nächsten Rockefeller-Baby draufschlagen.“ Beim Sarnoff Research Center versuchte Paschke das nichtlineare Verhalten von Elektronenstrahlröhren zu analysieren und die Effekte zu reduzieren. „Jeder Verstärker leidet unter nichtlinearen Verzerrungen: Im Fernsehen stören Bild und Ton einander. Abhilfe schafften früher nur die Überdimensionierung der Senderleistung und der energie­vergeudende Betrieb bei schwachen Leistungen. Die Reduktion der Nichtlinearitäten brachte bessere Wirkungsgrade“, erklärt Paschke, der für diese Entdeckung mit dem RCA Laboratories Award for Major Contributions to the Nonlinear Theory of Elec­tron Beams ausgezeichnet wurde. Paschke hatte am David Sarnoff Research Center von Beginn an klargemacht, dass er nicht an militärischen Projekten teilnehmen würde. 1958 jedoch ließ er sich, da es sich um ein rein defensives Projekt handelte, überzeugen, ein Raketenfrühwarnsystem mitzuentwickeln. Es hatte die Aufgabe, vor einem Angriff der Sowjets zu warnen und Zeit für Gegenmaßnahmen zu gewinnen. Das System funktionierte und schlug eines Abends tatsächlich Alarm. Allerdings wunderte sich die US Air Force, dass sich die Signale kaum veränderten: Es war, als ob die feindlichen Raketen in der Luft stehen geblieben wären. Schließlich fand man heraus, dass Reflexionen vom aufgehenden Mond die Signale ausgelöst hatten. „Später“, erinnert sich Paschke, „habe ich erfahren, dass schon US-Flugzeu-

Forscher und Förderer Der Erfinder und Gelehrte Fritz Paschke erhält den Wissenschaftspreis 2020 der Österreichischen Forschungsgemeinschaft TEXT: BRUNO JASCHKE

ge mit Atombomben an Bord gestartet ­waren und über Grönland kreisend auf weitere Befehle gewartet haben. Auch defensive Systeme können zu Katastrophen führen! Kein Wunder, dass Hollywood aus dem Vorfall einen Horrorfilm machte.“ 1961 wechselte Paschke nach München zu Siemens, wo er Entwicklungsleiter des Werkes für Röhren war. Bereits 1965 erfolgte seine Berufung an die Technische Hochschule Wien. Paschke wurde dort zum Ordinarius des Instituts für Allgemeine Elektrotechnik bestellt und behielt diese Position bis zu seiner Emeritierung 1997. 1970/71 übernahm er das Dekanat der Fakultät für Maschinenwesen und Elektrotechnik. Von 1972 bis 1975 war Paschke Rektor der Technischen Hochschule, die seit 1975 Technische Universität (TU) heißt. „Die Rektoratszeit war schön, lehrreich und mühsam. Ich möchte sie nicht missen“, resümiert er. In Paschkes Amtszeit wurde das neue Elektrotechnische Institut fertiggestellt, das Gebäude Resselgasse 3 und das ehemalige Hotel Goldenes Lamm adaptiert sowie ein interuniversitärer Rechnerverbund eingerichtet. Im Neuen Elektrotechnischen Institutsgebäude der TU Wien ist ein Hörsaal nach Fritz Paschke benannt. Auch anderweitig ist er dem Haus bis heute verbunden: „Bis zur Pandemie war ich jeden Dienstag am Institut der TU und konnte sinnvoll arbeiten. Das erledige ich derzeit zuhause.“ Die bislang letzte Erfindung, die ohne seine theoretische Arbeit nie angemeldet werden hätte können, ist repuls®, ein schmerz- und entzündungshemmender Tiefenstrahler, für den die gleichnamige Wiener Firma eine Lizenz von der TU Wien erworben hat. Neben seiner Tätigkeit für die TU Wien arbeitete er in zahlreichen wissenschaftliche Einrichtungen in leitender Position. Von 1974 bis 1982 war er Vizepräsident des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung. Als Gründungspräsident von 1985 bis 1990 trug er maßgeblich zum Aufbau der Gesellschaft für Mikroelektronik (GMe) bei.

„Bis zur Pandemie war ich jeden Dienstag am Institut der TU Wien und konnte sinnvoll arbeiten.“ Fritz Paschke

Zahlreiche Auszeichnungen würdigen seine Leistungen: Er ist Ehrendoktor der TU Budapest, seit 1977 wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Träger des Großen Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich und bekam den Großen Österreichischen Staatspreis für Forschungspolitik verliehen. 1988 wurde er mit dem Erwin Schrödinger-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften geehrt. Anders als zur Zeit seiner Anfänge in den 1950er-Jahren habe ein ­Ingenieur heute in Österreich gute Entfaltungsmöglichkeiten, befindet Paschke. Sein Credo als Forscher und Lehrender: „Ich habe Vorgesetzte verabscheut, die sich für geringfügige Beiträge als Miterfinder eintragen ließen, sondern mich eher als Förderer gesehen.“

FOTO: NINI TSCHAVOLL

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ILLUSTRATION: GEORG FEIERFEIL/WWW.SCHORSCHFEIERFEIL.COM

Ö FG A R B E IT SG E M E IN SC H A F TE N   :  H EU R E KA  4/21   FALTER 25/21  11

Die Arbeitsgemeinschaften der ÖFG Sie dienen der fachübergreifenden Zusammenarbeit von Forschenden zu aktuellen Themen

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ie Österreichische Forschungsgemeinschaft besteht seit 1977. Als eine ihre wichtigsten Aufgaben betrachtet sie es von Anfang an, Forscher*innen aus ganz verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und Fachbereichen zu einem engen wissenschaftlichen Austausch zusammenzubringen, damit sie aktuelle Fragestellungen zu Gesellschaft, Wirtschaft und Politik bearbeiten können. Dazu werden immer wieder

ÖFG Arbeitsgemeinschaften (ARGE) ge-

gründet. Die Ergebnisse ihrer Zusammenarbeit werden in eigenen Publikationen der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Aktuell sind folgende Arbeitsgemeinschaften tätig oder haben gerade ihre Aufgabe beendet: „Zukunft der Demokratie“, „Internationale Beziehungen“, „Kulturelle Dynamiken“, „Digitale Transformation“, „Gesundheit unter epigenetischen Gesichts-

punkten“, „Staatliche Aufgaben, private Akteure“ sowie „Hochfrequenzforschung“. Die Arbeitsgemeinschaften vernetzen ihre Mitglieder untereinander und halten regelmäßig gemeinschaftliche Workshops ab, freilich in den letzten Jahren pandemiebedingt nur online. Auf den kommenden Seiten geben Wissenschaftler*innen aus drei der Arbeitsgemeinschaften einen Einblick in ihre Tätigkeit.


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Kulturforschung mit Weitwinkel Sabine Coelsch-Foisner, Leiterin der ÖFG ARGE Kulturelle Dynamiken, beschreibt die Ziele ihrer Arbeit TEXT: SABINE COELSCH-FOISNER. KOAUTOR BRUNO JASCHKE

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ulturelle Dynamiken sind Entwicklungen und Prozesse, die man in unterschiedlichen Bereichen der Kultur, auch der Alltagskultur, erkennen kann: Ein komplexes Bedingungsgefüge aus kultureller Produktion und Wahrnehmung, das unser gesamtes Umfeld betrifft. Darin werden Tendenzen sichtbar, die oft über lange Zeit verfolgt werden können, unter bestimmten technischen oder gesellschaftlichen Voraussetzungen wie in einer Pandemie auch veränderte Formen annehmen können. Diese Prozesse stehen im Fokus der ARGE Kulturelle Dynamiken. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Offenheit und Durchlässigkeit der Forschung für viele Disziplinen. Moderne Technologien, mediale Vernetzungen sowie komplexe Rechtsstrukturen erfordern es, die kulturellen Dynamiken auch in Kooperation mit Disziplinen zu denken, die in kulturwissenschaftlichen Forschungsnetzen wenig repräsentiert sind, wie etwa die Biowissenschaften, die technischen Wissenschaften oder die Rechts- und Wirtschaftswi senschaften Erforschung von Kultur mit weitem Blickwinkel Als neues Forschungsparadigma muss die kulturelle Produktionsforschung den Blick so weit öffnen, dass er nicht nur die künstlerische Performance, sondern auch die Technik, die Fertigungsstätten und das Handwerk, den Transport und sogar die Entsorgung erfasst. Diese Bereiche, ohne die Kulturproduktion meist nicht möglich wäre, werden üblicherweise außer Acht gelassen. Forschung über die Grenzen von Disziplinen hinweg ist mir ein grundsätzliches Anliegen. 1998 hatte ich ein APART-Stipendium der Akademie der Wissenschafte bekommen. Unter den Bewerber*innen war ich eine von elf Stipendiat*innen, die einzige Geisteswissenschaftlerin unter Forschenden wie einem Astrophysiker, einer Theologin oder einem Mediziner. Wir hatten interdisziplinäre Workshops zu absolvieren und es dabei geschafft, uns auszutauschen und zu verständigen. Das hat mich so beeindruckt, dass zurück an der Universität mein unbedingter Wunsch war, ein interdisziplinäres Forschungszentrum aufzuziehen. „Metamorphischer Wandel in den Künsten“ hat das geheißen. Mittlerweile arbeite ich als Forscherin und Dozentin an der Universität Salzburg in den Fachgebieten Anglistik, Literaturwissenschaft, Kulturtheo-

rie, Cultural Studies, Production Studies, Komparatistik, Ideengeschichte und Ästhetik und bin Autorin und Herausgeberin zahlreicher Fachpublikationen. Es war 2011 beim Wissenschaft tag der Österreichischen Forschungsgemeinschaft ÖFG, als ich an eine eigene ARGE dachte, die Kulturwissenschaft sehr breit auffächert. Nicht nur im herkömmlichen Sinn der kulturwissenschaftlichen Fächer, wie sie weitgehend institutionell verankert sind. Es sollten auch Disziplinen miteinbezogen werden, die nicht kulturwissenschaftlich arbeiten, ohne die man aber Kulturwissenschaften nicht denken kann. Im Jahr darauf wurde die ARGE „Kulturelle Dynamiken“ gegründet. 2013 fand die erste Tagung statt. Ein Bündel an unterschiedlichen Disziplinen Die ARGE besteht aus Forschenden unterschiedlicher Literaturwissenschaften, der Geschichte, Anthropologie, Ethnologie, Medizingeschichte und -ethik, aus Philosophie, Wissenschaft theorie und Theologie. Wir verstehen uns gut, weil alle kulturwissenschaftlich arbeiten, selbst wenn sie unterschiedliche Forschungsgegenstände und auch unterschiedliche Ansätze haben. Das Erkenntnisinteresse der ARGE Kulturelle Dynamiken richtet sich an sieben Forschungsclustern aus, die eng miteinander verbunden sind: ● Memorialisierung: Erforschung von Formen und Methoden der Archivierung von Kultur im historischen und politischen Kontext ● Theatralisierung: Erforschung der Übertragung theatraler Effekte und Strategien auf unterschiedliche Bereiche der Lebenswirklichkeit ● (Trans-)Medialisierung: Erforschung, wie neue Medien neue Realitäten erzeugen und wie Kultureinrichtungen diese für sich nutzbar machen ● Visualisierung: Erforschung der Verbildlichung von Lebensrealitäten ● Hybridisierung: Erforschung von Interferenzen künstlerischer Gattungen, Interkulturalität und Akkulturation ● (De-)Lokalisierung: Erforschung, wie die Ausdehnung des menschlichen Handlungsradius kulturellen Austausch und Transfer ermöglicht ● Kommodifizierung: Erforschung der wirtschaftlichen Verwertung kultureller Produktion

Theatralisierung: Erforschung der Übertragung theatraler Effekte

Sabine CoelschFoisner, Leiterin der ÖFG ARGE Kulturelle Dynamiken

Die Arbeit der ARGE am Beispiel Visualisierung Ich möchte als Beispiel für die Arbeit der Forschungscluster die Visualisierung anführen, weil sich hier eine besondere historische Dynamik zeigt, die unter wechselnden gesellschaftlichen, technischen und soziologischen Voraussetzungen immer neue Formen angenommen hat und annimmt. Es beginnt bei der Höhlenmalerei und führt, getrieben von technischen Entwicklungen, zur Frühmoderne, da optische Theorien hinzukommen und die Illustration, ein Anschaulichmachen von Wissensinhalten, an Bedeutung gewinnt. Im 19. Jahrhundert wird eine wahre Bilderflut ausgelöst. Das hat mit der verbesserten Drucktechnik zu tun, die eine billigere Reproduktion von Bildern, auch farbigen, möglich macht. Was im Übrigen auch die große Zahl an Kinderbüchern aus dieser Zeit erklärt. Gleichzeitig entsteht im 19. Jahrhundert in der Wissenschaft ein Misstrauen gegenüber Bildern. Für Bilder werden Kunstmuseen gebaut, Gegenstände kommen in Heimat- oder andere Museen wie etwa Technische. So werden Geschichte und Bild getrennt. In unserer Zeit hingegen gelten


Ö FG A R B E IT SG E M E IN SC H A F TE N   :  H EU R E KA  4/21   FALTER 25/21  13

und Strategien auf unterschiedliche Bereiche der Lebenswirklichkeit

FOTOS: PRIVAT, KYLE HEAD/UNSPLASH

bildgebende Verfahren als Um und Auf in der Naturwissenschaft, ihnen wird ein diagnostischer Wert zugesprochen, und es wird erforscht, wie Inhalte über visuelle Mechanismen effiziente vermittelt werden können. Das Bild hat nun eine enorme Bedeutung in der Wissenschaft Kulturelle Dynamiken im Roman „Alice im Wunderland“ Die kulturellen Dynamiken spiegeln sich in der kulturellen Produktion wider, ganz besonders in der Literatur. Ein Paradebeispiel ist „Alice im Wunderland“. Dieser Roman lässt sich in unserem Forschungsprogramm gut entschlüsseln. Im Bereich der Visualisierung spielt eine Rolle, dass das Buch in der Zeit geschrieben wurde, als die Fotografie aufkam – der Autor Lewis Carroll war Fotograf. Außerdem, dass kaum ein Text öfter und prominenter illustriert wurde. Hinzu kommt der Stellenwert des Bildes im Text, wenn Alice sagt, ein Buch sei langweilig, weil keine Bilder drin sind. Wie im Traum Bilder entstehen, ist Forschungsgebiet der Neuroforschung. Mit Topoi wie Mensch-Tier-Wesen, die Alice trifft kommt die Hybridisierung hinzu. Das lässt sich mit dem in dieser Zeit aufk mmenden

Darwinismus verbinden, aber auch mit den vermenschlichten, beseelten Tieren der aufkommenden Kinderliteratur. Die Theatralisierung zeigt sich in Wunschfanta­sien und Ängsten, die inszeniert werden, der Weltenwechsel von Alice ist ein Beispiel für die Delokalisierung. Dem Bereich Kommodifizierung fällt zu, was für ein Verkaufsschlager „Alice im Wunderland“ ist: Disneyland-Attraktion, ein Magnet für Film und Fernsehen, adaptiert für Computerspiele, Theater und Oper und in der Popkultur ein Thema, was in den Bereich der Transmedialisierung führt. Ein Stoff, der unterschiedlich medial realisiert wird und dabei immer wieder neue Transformationsformen, auch neue Inhalte annimmt. Dieses Beispiel zeigt, wie man kulturelle Dynamiken nutzbar machen kann, um Kunstwerke aufzuschlüsseln. Veranstaltungen der ARGE Kulturelle Dynamiken Die ARGE ist kein Forschungsprojekt im traditionellen Sinne mit eigenen Projektstellen. Viel eher strahlt der Impuls, den sie liefert, in unsere Forschung und die von Nachwuchswissenschaftler*innen hinein. Dazu setzt die ARGE drei Schwerpunkte.

„Die Erforschung kultureller Dynamiken kann man nutzen, um Kunstwerke aufzuschlüsseln“ SABINE COELSCHFOISNER, LEITERIN DER ÖFG ARGE KULTURELLE DYNAMIKEN

Einmal gibt es Haupttagungen mit einem Schwerpunktthema im Zeichen eines unserer Forschungscluster. Dazu kommt ein Habilitationsforum: Hier wird jedes Jahr im Anschluss an das Thema der Haupttagung mit einer kulturwissenschaftlichen Institution aus deren Schwerpunktsetzung heraus ein Thema entwickelt. Alle größeren Universitäten Österreichs werden hier einbezogen und spezifi che Projekte ent­wickelt. Den dritten Schwerpunkt bildet das Doktorandenforum (SEAS). Es findet jährlich synchron mit den Osterfestspielen in Salzburg statt und wird international ausgeschrieben. Dabei wird aus einer Oper ein Thema herausgefiltert, das mit unseren Forschungsclustern zusammenhängt. Zu den Tagungen der ARGE werden Forscher und Forscherinnen mit sehr breitem Hintergrund eingeladen, die lateral denken. Wenn man in vielen Bereichen gearbeitet hat, stößt man auch immer auf andere Bereiche, und es ergeben sich Andockungspunkte. Doch nur wenn man stark in einer Disziplin verortet ist, kann man über deren Grenzen hinausschauen, zuhören und Verbindungen herstellen. Wichtig ist bei solchen Forschungsprogrammen, ob sich Synergien mit dem nächsten Forschungscluster bilden. Zum Beispiel referierte bei der ersten Tagung im Zeichen der Memoralisierung der Museumsforscher Krzysztof Pomian, der den Begriff Semiophorik geprägt hat. Damit meint er alles, was in einem Museum steht, das keinen Tauschwert mehr hat, aus dem ökonomischen Kreislauf herausgenommen wird und für etwas anderes steht. Eine Rattenfalle dient also nicht mehr zum Rattenfangen, sondern steht möglicherweise für eine historische Rattenplage oder eine technische Entwicklung. Pomians Semiophorik, über die ich viel gearbeitet habe, hat dann als zentraler „Trigger“ für die Theaterforschung gedient. Das ist kulturelle Produktionsforschung, wie ich sie mir vorstelle. Die Theaterwissenschaft ist stark vom textlastigen Begriff des Semiotischen geprägt, Theater aber ist dreidimensional, Körper, Raum. Mit dem Semiophorischen kann man das Theater in seiner räumlichen Ganzheit begreifen – gerade jetzt, nach eineinhalb Jahren Lockdown, ist es dieses Körperhafte, was uns abgeht. Ein Beispiel, wie ein Konzept in einem neuen Forschungsbereich fruchtbar wird und zu einer Theoriebildung führt. Die Pandemie hat auch gezeigt, wie notwendig es ist, Kulturwissenschaftler*inne in den öff ntlichen Diskurs einzubeziehen. Die Tatsache, dass kein Theater offen war, bedeutete ja nicht nur, dass die Österreicher*innen nicht mehr ins Theater gehen konnten. Es fehlt uns viel mehr. Nicht nur für Tourismus und Wirtschaft ist es eminent wichtig, dass kulturell produziert wird. Es ist auch von großer Bedeutung für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Das Sichaussetzen dem Neuen, Unerwarteten, Herausfordernden, das die Kultur ja wesenhaft forciert, auch das Loslassen und Heraustreten aus alltäglichen Belangen ist für die Qualität unseres Lebens immens wichtig: Den Begriff des „Cultural Stimulans“ haben nicht die Kulturwissenschaften geprägt, sondern die Life Sciences.


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Verzicht ist immer freiwillig Kulturanthropologe Timo Heimerdinger erforscht die Fähigkeit zum Verzicht im Klimawandel imo Heimerdinger ist Professor für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Albert-LudwigsUniversität Freiburg und Mitglied der ARGE ­Kulturelle Dynamiken. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte sind: Konfessionalität, Regionalität, Kultur der Selbstbeschränkung. Herr Heimerdinger, warum beschäftigen Sie sich mit dem Verzicht? Timo Heimerdinger: Der Verzicht auf etwas ist ein starker Akt individuellen Verhaltens, weil er kontraintuitiv ist. Er bedeutet, etwas freiwillig nicht zu tun, das möglich und wünschenswert wäre. Praktiken des Verzichts haben eine lange kulturelle Geschichte, wenn man an den religiösen Kontext denkt mit Praktiken des Fastens, der Enthaltsamkeit und der Askese. Das geht bis in die Antike zurück und findet sich in allen Weltreligionen in unterschiedlichen Ausprägungen, insofern ist das nichts Neues. Allerdings ist das Thema jetzt aufgrund des Klimawandels brisant geworden, weil es um Reduktion von Treibhausgasen und den Verzicht auf lieb gewordene Konsumgewohnheiten geht. Auch während der Corona-Pandemie geht es kurzfristig um den Verzicht auf Mobilität und soziale Kontakte. Verzicht ist omnipräsent in den Medien und im Alltag. Mir ist aufgefallen, wie extrem negativ dieser Begriff konnotiert ist und im politischen Raum fast als verbotene Vokabel gilt bei gleichzeitiger offensichtlicher Wichtigkeit. Mein wissenschaftl ches Interesse liegt darin, wie sich Menschen in diesem Spannungsfeld bewegen. Das ist doppelt relevant: Einmal innerhalb eines Mikrorahmens, was das individuelle Alltags- und Konsumverhalten angeht, und im Makrorahmen einer Gesellschaft, die ebenfalls Akte der Selbstbeschränkung vollziehen muss. Auch wenn das auf individueller Ebene niemand so richtig will. Gibt es historische Perioden, in denen Verzicht einmal mehr und einmal weniger stark gesellschaftlich ausgeprägt ist? Heimerdinger: Religiöse Gründe können starke Motivationen sein, etwa in Verbindung mit dem Versprechen des Seelenheils. In Phasen der Säkularisierung fällt dieser Aspekt weg, da muss dann etwa die Verantwortung für kommende Generationen als Motivation wirken. Kriegs- und Krisenzeiten sind wohl weniger dazu angetan, Selbstbeschränkungen attraktiv erscheinen zu lassen, während wir jetzt schon lange in einer Zeit des Überflu ses leben und viele Menschen auch aus nicht religiösen Motiven zur Einsicht gelangen, dass endloser Konsum nicht erstrebenswert ist. Muss es ein Bedrohungsszenario geben, um ein Bedürfnis nach Verzicht zu entwickeln? Heimerdinger: Momentan ist das sicher ein Argument, aber ich halte es, historisch gesehen, nicht für zwingend. Schon in der

TEXT: BARBARA FREITAG

„Der Mensch ist ein gieriges Tier, aber auch in der Lage zu reflektieren, dass ,mehr‘ nicht immer besser ist“ TIMO HEIMERDINGER, UNIVERSITÄT FREIBURG

a­ ntiken asketischen Tradition herrscht die Einsicht, dass ein menschlicher Zugewinn in der Selbstbeschränkung liegen kann. Der Mensch ist grundsätzlich ein gieriges Tier, aber eben auch rational begabt und in bestimmten Konstellationen in der Lage zu reflektie en, dass „mehr“ nicht immer besser ist, sondern manchmal auch ein Weniger besser sein kann. Aber unter welchen spezifi chen kulturellen Konstellationen – das ist eine offene Frage, die mich sehr interessiert. Aktuell ist es offensichtlich, dass Selbstbeschränkung in vielen Bereichen angesagt wäre, und trotzdem fällt sie schwer. Kann man sagen, dass die Fähigkeit zum Verzicht eine Art anthropologische Konstante ist? Heimerdinger: Vielleicht gehört es zu den menschlichen Bedürfnissen, die Fähigkeit des Sich-Beschränkens auszuüben. Nicht jedoch, wenn die Beschränkung als verordnete Regel von außen kommt. Dann ist der Verzicht keine intrinsisch motivierte Handlung, sondern ein Verbot. In diesem Fall wird eine Machtfrage daraus: Welche Instanz verbietet wem etwas und aus welchem Grund? Ich habe mich am Beginn meiner Forschung damit auseinandergesetzt, woher die vorhin erwähnte negative Besetzung kommt. Meine These ist, dass viele begrifflich Unschärfen und Verwechslungen zu Missverständnissen führen. Oft wird etwa von Verzicht gesprochen, wenn eigentlich Mangel oder Verbot gemeint sind. Ich definie e Verzicht als die freiwillige Unterlassung einer Sache, obwohl sie möglich und wünschenswert wäre. Das muss man unbedingt abgrenzen vom Verbot, das verordnet und wo keine Freiwilligkeit herrscht, oder auch vom Mangel, wo die Verfügbarkeit nicht gegeben ist. Dann gibt es noch eine juristische Fassung des Begriff s, nämlich Verzicht als Aufgabe eines bestehenden Anspruches. Ich glaube, dass dieser negative Beigeschmack auch davon kommt, dass im Alltagsdenken oft die Assoziation gilt, ein ‚Recht‘ auf etwas zu haben. Im Fall des Ausbleibens stellt sich dann ein Unrechtsempfinden ein. Es wird dann mit dem Begriff „Verzicht“ zum Ausdruck gebracht. Etwa im Konsumbereich meinen manche, ein Anrecht auf eine Flugreise zu haben. Das gibt es natürlich nicht, wird aber so empfunden. Oder das Recht auf Urlaub? Heimerdinger: Genau. Das spielt zusammen mit einem Wunsch nach Egalität. Wenn schon verzichten, dann soll das für alle gelten. Sobald sich der Eindruck von Ungleichheit einstellt, gehen bei vielen Menschen die roten Lampen an. Menschen sind durchaus bereit, bestimmte Handlungen zu unterlassen, sofern das auch der Nachbar so macht. Daran merkt man die starke Emotionalität und Fragilität, die mit einem Akt der ­Selbstbeschränkung

verbunden ist. Menschen sind in der Lage und bereit für einen Verzicht, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Sobald die Komponenten Unrechtsempfinden Ungleichheitsempfinden und Machtgefälle dazukommen, wird es problematisch. Darin liegt die Sprengkraft des Themas. Aktuell befragen Sie Menschen, die auf Basis eines Minimalismuskonzepts auf vieles verzichten. Was bedeutet das? Heimerdinger: Ich interviewe Menschen, die bewusst Teilzeitarbeit gewählt haben statt Fulltime, um mehr Zeitwohlstand zu erleben, und ohne dazu gezwungen zu sein etwa durch gesundheitliche, soziale oder ökonomische Gründe. Sie nehmen in Kauf, auf ein bestimmtes Einkommen und Konsummöglichkeiten zu verzichten: etwa das eigene Auto, eine große Wohnung oder eine umfangreiche Garderobe. In Deutschland gibt es sogenannte Minimalismus-Stamm­ tische. Das sind kleine Interessensoder Gesprächsgemeinschaften, die sich treffen und informell austauschen, um einander zu inspirieren. Es ist eine wenig formalisierte Szene. Ich bin gerade mit fünfzehn Personen aus dem Berliner Raum in Kontakt, zwischen Mitte zwanzig und fünfzig Jahren, alle fühlen sich durch die Idee des Minimalismus angesprochen. Sie sind nicht primär durch eine politische Agenda motiviert und wollen auch nicht in erster Linie gesellschaftspoliti ch wirksam werden, sondern suchen für sich individuell neue Wege. Alle verbindet interessanterweise eine Krisenerfahrung, die sie irgendwann in ihrem Leben gemacht haben: Krankheit, Tod oder Verlust. Diese Erfahrungen führten bei allen zu einem Nach- und Umdenken. Welche Arbeitsverhältnisse haben diese Personen? Selbstständig oder angestellt? Heimerdinger: Mache sind im therapeutischen Bereich tätig, dann gibt es Lehrende, und manche haben auch den Beruf gewechselt. Es handelt sich eher um Menschen mit akademischem Hintergrund aus der Mittelschicht, bildungsorientiert, aufgeklärt, bewusst und aktiv, aber keineswegs elitär. Ich werde diese Gruppe über einen längeren Zeitraum begleiten, um zu sehen, wie sich das entwickelt. Alle beschreiben sich selbst als in einem ständigen Prozess der Reflexion befindlich Ihr Ziel ist, wach und aufmerksam für die eigenen Konsumentscheidungen zu bleiben. Alle beschreiben den Gestus der Konsum­ reduktion als Zugewinn von Lebensqualität. Was machen diese Menschen in der Freizeit? Heimerdinger: Sie pflegen Sozialkontakte oder Hobbys, doch stärker im Vordergrund steht, selbstbestimmt ausreichend Zeit für Alltagstätigkeiten aufwenden zu können. Also selbst zu kochen, im Garten zu arbeiten oder handwerklich tätig zu sein. Da geht es um den Aspekt des Selbermachens.

FOTO: ANDREAS FRIEDLE

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Aber auch um Reisen, ehrenamtliche oder karitative Tätigkeiten. Oft höre ich den Einwand, bei gut gestellten Menschen sei das ja kein Verzicht. Es gibt aber auch ein Paar Ende vierzig, das nun gemeinsam in einer EinZimmer-Wohnung lebt. Eine durchaus ambivalente Angelegenheit, die auch mit Belastungsmomenten verbunden ist. Übrigens wird auch in diesem Kreis der Begriff „Verzicht“ gemieden. Was passiert, wenn sich Lebensumstände ändern, etwa Kinder kommen? Heimerdinger: Es gibt darunter auch ein Paar mit drei Kindern. Natürlich hat diese Familie andere Voraussetzungen und besitzt etwa ein Auto, aber dafür lösen sie andere Fragen minimalistisch. Das Minimalismuskonzept ist flexibel und undogmatisch. Wie kann man solche Erkenntnisse in die Politik transformieren? Was können Politiker*innen machen? Heimerdinger: Ein Vorbild zu sein, das müssten Politiker*innen am ehesten leisten, denn es ist heikel, diesen Verzichtsbegriff politisch zu positionieren. Allerdings werden unsere Gesellschaften Verzicht leisten müssen, was etwa den Klimawandel und den Ressourcenverbrauch insgesamt angeht. Da ist die Pandemie-Situation erst die kleine Fingerübung, in der es nur um ein paar Monate geht. Es wird interessant sein zu sehen, ob es unseren Gesellschaften gelingen wird, sich selbst Mäßigung in einem weitaus größeren Maßstab aufzuerlegen. Es gibt ja auch den populäreren Ansatz, nicht zu verzichten und stattdessen auf innovative Technologien zu setzen. Das ist natürlich politisch einfacher zu vertreten, weil man keine Zumutungen verheißen muss. Wir müssen uns aber mit dieser unangenehmen Thematik konfrontieren, auch wenn sie allen Wachstumsideen des kapitalistischen Wirtschaft systems entgegensteht. Darin liegt die Zumutung. Vielleicht gelingt es uns ja, die Mäßigung zu kommodifizie en?

FOTO: HELLO I M-NIK / UNSPLASH

Wird es ohne Verbote gehen? Heimerdinger: Wenn sich eine Gesellschaft mehrheitlich dazu entscheidet, auf etwas zu verzichten und das auf parlamentarischem Weg in ein Gesetz gießt, dann kommt das beim einzelnen Menschen als Verbot an. Das politisch durchgesetzte Verbot wäre hier die gesellschaft iche Form des Verzichts. Alle unterliegen dann auch dieser Norm. Es wird sicher manche Entscheidung im Gewand des Verbotes sichtbar werden.

„Unsere Gesellschaften werden Verzicht leisten müssen, was etwa den Klimawandel und den Ressourcen­ verbrauch insgesamt angeht. Da ist die Pandemie-Situation erst die kleine Fingerübung“

Lassen sich „Corona-Leugner*innen“ in diesen Verzichtsdiskurs einbinden? Heimerdinger: Da bin ich pessimistisch. Wer sich dem rationalen Argument entzieht, ist nicht mehr erreichbar im aufgeklärten politischen Diskurs. Da sehe ich auch die Möglichkeiten der demokratischen Konsensfindung an ihre Grenzen gekommen.


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Wie glaubwürdig ist Wissen? Die Medizinhistorikerin Mariacarla Gadebusch Bondio über die Bedeutung von „Evidenz“ ls im Dezember 2019 die ersten Ansteckungen mit einer unbekannten Infektionskrankheit im chinesischen Wuhan registriert wurden, hatte niemand eine Vorstellung von den folgenden weitreichenden Auswirkungen. Schon im folgenden Jänner wurde der erste Fall in Europa gemeldet, als die Krankheit Ende Februar schließlich auch Österreich erreichte, hatte sie bereits einen offiziell Namen: Covid-19, ausgelöst durch den Erreger SARS-CoV-2. Mit ihrer rasanten Ausbreitung und der steigenden Anzahl von Infizierten sahen sich die Menschen weltweit unvermittelt mit Lockdowns, Maskenpflicht, Schulschließungen, überlasteten Spitälern und nicht zuletzt persönlichen Tragödien konfrontiert. Gewissermaßen über Nacht wurde damit auch Evidenz zum großen Schlagwort: Überall soll sie als Basis für Entscheidungen dienen. „Evidenz ist aber durchaus ein schwieriger Begriff “, sagt die Medizinhistorikerin und Philosophin Mariacarla Gadebusch Bondio. Sie leitet das „Institute for Medical Humanities“ der Rheinischen Friedrich-WilhelmsUniversität Bonn und ist Mitglied der ÖFG-Arbeitsgemeinschaft „Kulturelle Dynamiken“: „Die kulturellen Dimensionen von Gesundheit und Krankheit und die Medikalisierung des Lebens, aber auch die Kontakt- und Friktionszonen, in denen die Grenzen zwischen künstlerischem Schaffe und Wissenschaft durchlässig werden, sind darin zen­trale Austauschmomente.“ Mit verlässlichen Methoden gesicherte Ergebnisse erreichen Gadebusch Bondio beschäftigt sich damit, wie Evidenz im Kontext entsteht, wie sie eingesetzt wird, welche Wirkung sie hat. Der Begriff Evidenz geht zurück auf das lateinische „evidentia“ beziehungsweise das griechische „energeia“ und stammt aus der Rhetorik. Anfangs war er ein Stilmittel, das Klarheit und Überzeugungskraft ausdrücken wollte, heute wird in der deutschen Sprache mit Evidenz Anschaulichkeit und Offensichtlichkeit verbunden. Das englische „evidence“ wiederum ist im Deutschen gleichzusetzen mit Beweis oder Beleg. Ein kleiner, aber feiner Unterschied: „In unserer Sprachkultur hat der Begriff Evidenz eine lange Geschichte. Das Attribut ‚evident‘ wird im Allgemeinen für etwas verwendet, das so offensichtlich ist, dass es keiner weiteren Erklärung bedarf “, erläutert sie. In der Wissenschaft wird unter Evidenz dagegen ein nachgewiesener Zusammenhang verstanden: „In der Grundlagenforschung sind ‚robust results‘ gefragt: Mit verlässlichen Methoden sollen gesicherte Ergebnisse erreicht werden.“ Sichere Erkenntnisse und Ergebnisse – das ist zusammengefasst das, was gemeinhin unter Evidenz verstanden wird: „Im täglichen Leben

TEXT: CLAUDIA STIEGLECKER

„Mit Beginn der Pandemie beginnt auch die Betonung von Evidenz in der Öffentlichkeit“ MARIACARLA GADEBUSCH ­B ONDIO, ÖFG ARGE KULTURELLE DYNAMIKEN

verbinden wir Evidenz mit Wissenschaft “ Wer sich etwa bewusst ernähren möchte, wird beim Einkaufen auf Fertiggerichte verzichten und zu frischen Lebensmitteln greifen. „Die Entscheidung in diesem Beispiel wird geprägt durch das, was wir denken, von der Wissenschaft über gesunde Ernährung mitbekommen zu haben“, sagt Gadebusch Bondio. „Die Wissenschaft spielt in fast jedem Bereich unserer Entscheidungen eine zunehmende Rolle.“ Das gilt nicht nur für individuelle, sondern auch für politische Entscheidungen. Alle demokratisch strukturierten Gesellschaften seien heutzutage auch Wissensgesellschaften, meint Gadebusch Bondio. Der Druck der Politik, sich an Expert*in­nen zu wenden, sei daher groß und habe sich in den vergangenen Jahrzehnten noch verstärkt: „Besonders wichtig wird Wissen­schaft dann, wenn man konkret von einer Erkenntnis abhängig ist. Bei einem Reaktorunfall etwa zieht man zuerst einen Nuklearphysiker zurate, bevor eine weit­reichende Entscheidung getroffen wird“, betont sie. „Das Flankieren durch Wissenschaftler*innen ist fundamental geworden.“ Plötzlich wollten sich alle evidenzbasiert verhalten Obwohl wissenschaftlich erzeugte Evidenz schon vor der Coronakrise stark in Entscheidungsprozesse integriert war, wurde diese Tatsache erst mit Ausbruch der Pandemie speziell hervorgehoben. Gemeinsam mit einer schwedischen Kollegin hat Gadebusch Bondio Reden und Stellungnahmen von Repräsentanten und Repräsentantinnen unterschiedlicher Nationen am Anfang der ersten Coronawelle untersucht. „Es ist auffallend, dass plötzlich wirklich alle wiederholt garantieren wollten, sich evidenzbasiert zu verhalten“, meint sie. „Mit Beginn der Pandemie beginnt auch die Betonung von Evidenz in der Öffentlichkeit “ Gadebusch Bondio führt diese Hervorhebung auf die Ungewissheit zurück, die in Bezug auf das Coronavirus herrschte. Der Übertragungsweg war anfangs unklar, Risikofaktoren nicht deutlich zu erkennen, mögliche Langzeitfolgen unbekannt, eine Impfung in weiter Ferne: „Die Betonung von Evidenz sollte das Gefühl vermitteln, dass trotz dieser Unsicherheiten alles unter Kontrolle ist.“ Eine Herausforderung – auch für die Wissenschaft, die sich unversehens im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wiederfand. „Von einem Tag auf den anderen standen plötzlich Wissenschaftle und Wissenschaft erinnen im Rampenlicht“, sagt sie. „Da hat sich in der Öffentlichkei viel Unbeholfenheit gezeigt.“ Die öffentliche Diskussion um ein „Evidenz-Fiasko“ Auch in Wissenschaftsk eisen sorgt die Evidenz unvermittelt für Diskussionen. Im März 2020 publizierte etwa der

Epidemiologe JPA Ioannidis einen Artikel, in dem er sich kritisch über das bisherige Krisenmanagement äußert: Die „drakonischen Gegenmaßnahmen“, die viele Länder gegen das Virus verordnet hätten, seien ein „Evidenz-Fiasko“. Robuste Daten, die ein solch massives Vorgehen rechtfertigten, gebe es nicht. „Der Einwand der fehlenden Daten war zu diesem Zeitpunkt zwar tatsächlich berechtigt. In einer Situation, in der in überfüllten Krankenhäusern Menschen am Coronavirus starben, war er aber absurd“, betont Gadebusch Bondio. „Unter solchen Umständen sind Kompromisse gefragt, denn das Erzeugen von Evidenz braucht Zeit und ein genaues Studium.“ Der Umgang mit der Erkrankung forderte aber nicht nur erhöhten Einsatz von Wissenschaft und Politik, sondern auch von der Bevölkerung, die sich mit immer neuen Gegebenheiten arrangieren musste. Im Lauf der Pandemie wandelten sich die Erkenntnisse und die daraus resultierenden Maßnahmen – manche waren nach kurzer Zeit wieder hinfällig und wurden von neuen Feststellungen abgelöst. So wurde etwa das Für und Wider von Schutzmasken kontrovers diskutiert, die Tragepflicht wiederholt verschärft oder zwischenzeitlich sogar ganz abgeschaff . „Im Grunde kann man in der Pandemie ‚science in the making‘ beobachten“, meint Gadebusch Bondio. „Viele wissen allerdings nicht, wie Wissenschaft funktioniert und was es heißt, sich zu korrigieren. Das wird dann als ungenügend und ungut interpretiert und führt zu Missverständnissen und Unsicherheiten.“ Die allmähliche Bildung von Verschwörungstheorien Die ständigen Veränderungen und Einschränkungen waren für manche Menschen so belastend, dass sich bestehendes Unverständnis sogar in der Bildung von Verschwörungstheorien kanalisierte. Das Internet ermöglicht zwar generell einen leichten Zugang zu Wissen, die Informationen sind in ihrer Fülle allerdings diffu und Quellen schwer zu bewerten. Automatisierte Systeme, die eine Informationsauswahl aufgrund der persönlichen Vorlieben treffen oder Suchergebnisse entsprechend modifizie en, lassen alternative Informationsflü se entstehen, die sich verselbstständigen. „Das Eintauchen in ‚alternative Kanäle‘ kann in richtiggehende Parallelwelten führen“, sagt Gadebusch Bondio. Die Pandemie habe gezeigt, dass die mit ihr einhergehende Komplexität oft nicht verkraftet werde, betont sie: „Die aktuelle Krise ist aber auch eine Wissenschaft krise.“ Statt Zusammenhänge zu verdeutlichen, sei versucht worden, Komplexität auf möglichst simple Botschaften zu reduzieren – für sie nicht der richtige Weg. „Man sollte versuchen, diese Handlungsweise zu

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Eine Corona Demonstration unter dem Titel „Zur Verteidigung unserer Rechte gegen willkürliche verhängte und verfassungswidrige Maßnahmen“ am Samstag, 16. Jänner 2020, am Heldenplatz in Wien

ändern und Missverständnisse tatsächlich aufzulösen. Komplexe Sachverhalte müssen erklärt werden, nur so lässt sich evidenzbasiert entscheiden.“ Wie lassen sich wissenschaftlich komplexe Themen vermitteln? Wie man Komplexität verständlich machen kann, ist daher für die „Medical Humanities“ als Schnittstelle zwischen Medizin und Geisteswissenschaften ein großes Thema: „Wir untersuchen zum Beispiel die Wirkung von Bildern, Narrativen und anderen künstlerischen Wegen, um Menschen besser zu erreichen.“ Interessant sei dabei unter anderem, wie Patienten und Patientinnen über ihr Kranksein berichten: „Was für Fragen stellen Menschen? Welche Erfahrungen machen sie, welche Aussagen treffen sie über das Krankheitserlebnis?“ Auch im Hinblick auf die Langzeitfolgen von Corona liefere diese Sichtweise wichtige

Anhaltspunkte, um Betroffene besser verstehen und gegebenenfalls helfen zu können: „Die klinische Evidenz für Long Covid, also lang anhaltende Symptome nach einer überstanden Infektion, fehlt uns bis jetzt, obwohl es aktuell immer mehr Menschen betrifft “ Letztendlich habe die Coronakrise wie ein Brennglas gewirkt und viele Baustellen aufgedeckt, so Gadebusch Bondio. Sowohl aufseiten der Wissenschaft als auch der Gesellschaft hat die Pandemie Unsicherheiten und die Schwierigkeit, diese zu handhaben, aufgezeigt: „Es reicht nicht, Evidenz im Sinne von gesicherten Erkenntnissen zu erzeugen. Man muss auch lernen damit umzugehen, Unsicherheiten zu verkraften und zu kommunizieren.“ Essenziell dafür sei eine Grundhaltung der Wissenschaft, die ihre Grenzen erkenne und durch Transparenz Fehlern und falschen Erwartungen vorbeuge: „Denn Forschung

„Komplexe ­Sachverhalte müssen erklärt werden, nur so lässt sich evidenzbasiert entscheiden“

ist ein komplexes Unterfangen und die dadurch erzeugte Evidenz entsteht immer in einem historischen Kontext.“ In dieser Hinsicht empfindet Mariacarla Gadebusch Bondio ihre Arbeit im Rahmen der ARGE als große Bereicherung: „Sie bildet eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kultur, indem sie das Wissenschaftliche auch als etwas Kulturelles, als kulturelles Gut versteht.“ Nach mehreren Jahren Forschung finde die Arbeitsgemeinschaft im Mai 2022 ihren Abschluss: „Ich war von Anfang an dabei, leider kann man nicht ewig weitermachen“, bedauert sie und ergänzt: „Wie Kultur und Wissenschaft miteinander gekoppelt sind, haben ‚Kulturelle Dynamiken‘ an vielen Fallbeispielen gezeigt. Sie haben auch gezeigt, wie kulturell geprägt die Wissenschaft ist und wie produktiv kulturelle Phänomene sich auf die Wissenschaft beziehen.“


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Unsere drahtlose Kommunikation Die TU Graz ist im Bereich Hochfrequenz-Messtechnik weltweit führend

Vernetzung der Hochfrequenztechnik in Österreich Um das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Leistungen der Hochfrequenztechnik zu wecken und gleichzeitig Akzeptanz von technischen Themen zu steigern, hat Wolfgang Bösch die ARGE Hochfrequenztechnik in der Österreichischen Forschungsgemeinschaft (ÖFG) gegründet. Mit der verbundenen finanziellen Unterstützung sollten Forschungskompetenzen an den österreichischen Universitäten und der Industrie vernetzt werden. Sieben Jahre später zieht Bösch eine sehr positive Bilanz: „Besonders erfolgreich sind die Workshops, wo Doktoratsstudierende erstmals vor größerem Publikum einen wissenschaftlichen Vortrag halten und sich mit Expertinnen und Experten aus ähnlichen Forschungsbereichen austauschen können. Wir laden auch die Industrie ein, sodass einmal pro Jahr die gebündelte Expertise an einem Ort zusammenkommt.“ Rund fünfzig Doktorandinnen und Doktoranden können untereinander und mit künftigen Arbeitgebern Kontakte knüpfen und bekommen Karrierechancen. Die Workshops wurden bekannter und vermehrt von der heimischen und internationalen Indus­trie unterstützt. Das neu geschaffen Handbuch „Who is Who – Kompetenzen in der Hochfrequenztechnik in Österreich“ dient ebenfalls dem ÖFG-Ziel, Wissenschaft und Industrie zu vernetzen.

TEXT: MICHAELA ORTIS

„Entwicklungen nach dem Trial-and-ErrorPrinzip sollen aus Kostengründen der Vergangenheit angehören“ WOLFGANG BÖSCH, LEITER ÖFG ARGE HOCHFREQUENZTECHNIK

Die Professoren der Technischen Universitäten Graz, Wien, Linz und Innsbruck sowie der FH Kärnten schätzen in der ARGE den Erfahrungsaustausch in der Lehre, berichtet Bösch: „Wir haben didaktisch wertvolle Übungsbeispiele sowie Prüfungsbeispiele ausgetauscht, das wäre sonst nicht passiert. Ebenso unterstützen wir uns gegenseitig mit Messgeräten, das ist ein signifikanter Mehrgewinn.“ Mit diesem Wissenstransfer wird die Qualität in Lehre und Forschung gesteigert, der Weiterbildungsbedarf kann gemeinsam erhoben werden. So trägt die ARGE Hochfrequenztechnik dazu bei, die heimische Wettbewerbsfähigkeit in diesem strategischen Bereich zu fördern. Die großen Datenmengen brauchen hohe Frequenzen Technologien wie Smart City oder Smart Grid und ebenso das Smartphone erhöhen die übertragenen Datenmengen, hohe Datenraten und damit große Bandbreiten werden immer wichtiger. Man erreicht sie nur durch Einsatz von Übertragungskanälen bei höheren Frequenzen im Mikrowellenoder mm-Wellen-Bereich, dazu dient der Ausbau der Mobilfunknetze auf 5G, dann 6G. Am Institut für Hochfrequenztechnik der TU Graz forschen seit 2010 fünf Arbeitsgruppen, wie Systeme, Schaltungen und Bauteile für höhere Frequenzen erforscht, entwickelt und gemessen werden können, denn in der Hochfrequenztechnik verhalten sich viele Dinge anders als bei niedrigen Frequenzen. Die Gruppe RFID Technologies forscht an miniaturisierten drahtlosen Sensoren mit minimalem Stromverbrauch; eine Weiterentwicklung der ursprünglichen RFIDTechnologie. Die integrierten Schaltungen mutieren zur Sensorik, sie antworten nicht nur mit einem Code, sondern geben auch Zustände wie Temperatur oder Druck an. Die Übermittlung dieser Zustände in Form von Daten erfolgt drahtlos mit minimaler Energie, also vornehmlich ohne Batterie. Das ist möglich, weil bei der Abfrage die Energie für die elektronische Antwort bereits an den Chip übertragen wird: „Diese drahtlose Energieübertragung, kombiniert mit Sensorik, ist künftig ein heißes Thema, etwa um Kühlketten zu dokumentieren.“ Weltweit führend ist das Grazer Institut für Hochfrequenztechnik im Bereich Messtechnik – besonders auf Leiterplatten und spezialisiert auf hohe Frequenzen. Die Messtechnik wird immer komplizierter, sie ist von Unternehmen kaum mehr in der nötigen Genauigkeit bewältigbar. So hat die TU Graz gerade das EBS-Labor (Electronic Based Systems) aufgebaut und mit Equipment um drei Millionen Euro eingerichtet. Forschungsgruppen beschäftige sich auch mit Radaranwendungen, etwa bei automatisiert fahrenden Autos, sowie mit optischer Nachrichtentechnik zur abhörsicheren Datenübertragung.

Die Arbeitsgruppe für Hochfrequenz­ komponenten (Antennen, Filter und Verstärker, kombiniert zu einem ‚Front-End‘), forscht an neuen Fertigungstechnologien wie dem 3-D-Druck für Hochfrequenzkomponenten und der Anforderung, mehr Funktionalität in eine Komponente zu packen, um Platz zu sparen. Hier erhofft man sich viel vom neuen CD-Labor für multifunktionale und hochintegrierte elektronische Komponenten. Ein neues CD-Labor für robuste Datenübertragung „In den letzten zwanzig Jahren wurde mit Forschungsbudgets in Milliardenhöhe weltweit viel in der Halbleiterindustrie erreicht. Alle elektronischen Komponenten wurden kleiner, schneller und besser. Jetzt müssen wir den Fokus verstärkt auf passive Bauteile richten. Das neue Christian Doppler Labor für technologiebasiertes Design und Charakterisierung von elektronischen Komponenten soll diesen Rückstand aufhole “, erklärt Wolfgang Bösch die Gründungsidee im November 2020. Finanziert wird das Labor für sieben Jahre mit vier Millionen Euro durch die Industriepartner Qualcomm (in fast jedem Handy steckt ein QualcommChip), AT&S (weltweit führend bei Leiter­ plattenherstellung) sowie Fronius, speziali­ siert auf Leistungselektronik. Öffentlicher Förderpartner ist das Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaft standort. Die Resonanz in der Industrie sei laut Bösch groß. Sie rührt daher, dass bis 2030 voraussichtlich 500 Milliarden Geräte via Internet verbunden sein und drahtlos miteinander kommunizieren werden. „Das Problem ist nicht die Anzahl der Sensoren, sondern deren Robustheit und Datensicherheit. Wenn etwa ein Kanal zur sicheren Datenübertragung gestört ist, muss ich einen anderen nehmen können“, erklärt Bösch. Das ist heute schon bei jedem Handy der Fall: Je nachdem ob wir WLAN nutzen oder Bluetooth, Videos schauen oder irgendwo auf der Welt telefonieren, kommen unterschiedliche Normen zur Anwendung. Daher sind in jedem Handy eine Fülle von Filtern, Schaltern, Sendeund Empfangseinheiten eingebaut, die verschiedene Übertragungskanäle ermöglichen. Alle Komponenten müssen auf immer kleinerem Platz integriert werden, und das ist nur möglich, wenn Bauteile mehrere Funktionen übernehmen. „Das ist Multifunktionalität: Da arbeitet ein Verstärker etwa auf verschiedenen Kanälen. Ganz neu sind Filtennas, Antennen, die gleichzeitig auch eine Filterfunktion übernehmen.“ Elektromagnetische Wechselwirkungen besser kontrollieren Wenn elektrische Bauteile sehr dicht nebeneinander betrieben werden, können sie sich gegenseitig durch elektromagneti-

FOTO: WWW.BIGSHOT.AT/CHRISTIAN JUNGWIRTH

Fast alle Sensoren im Internet der Dinge sind drahtlos vernetzt „Auch heute wissen viele nicht, wo Hochfrequenztechnik überall drin ist, Daten drahtlos übertragen werden und Sensorik über Funk im Einsatz ist“, erklärt Bösch. Die gesellschaftliche Relevanz dieser Technologie ist groß, sie spielt in alle Lebensbereiche hinein: WLAN im Büro, das Smartphone, mit dem wir telefonieren oder streamen, Satelliten-Wettervorhersage über Funk, GPS, das uns anzeigt, wo wir gerade sind, Sportuhren, die Daten drahtlos übertragen. Auch dass in der Pandemie Wirtschaft und Gesundheitssystem weiterhin funktioniert haben, ist nur durch drahtlose Datenverbindungen möglich gewesen. Per Videokonferenzen, Handyverbindungen und das Internet hat auch die wissenschaftl che Community zusammengearbeitet und Impfstoffe entwickelt. Anwendungen wie Smart City, Smart Home, Smart Grid, Smart Farming, Fertigungsanlagen der Industrie 4.0, Automatisierungstechnik mit Robotik funktionieren nur mit drahtlosem Daten­ austausch und drahtloser Sensorik und Ortung. „99  ­Prozent der Sensoren des Internet der Dinge sind drahtlos miteinander vernetzt. Besonders automatisierte Autos der Zukunft müssen direkt miteinander und der Umgebung kommunizieren können“, erklärt Bösch.


FOTO: HELMUT LUNGHAMMER/WWW.LUNGHAMMER.AT

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Messtechnik an der TU Graz: Geräte aus dem neuen Electronic-Based-Systems-Labor (EBS)

sche Wechselwirkungen stören. Das gilt für Komponenten bei drahtlos vernetzten Geräten der Hochfrequenztechnik und für die Leistungselektronik, die Lade- und Netzgeräte oder Wandler zur Umformung von Spannung, etwa bei Solaranlagen, produziert. Im neuen CD-Labor forscht man daher an folgenden Fragen: • Wie kann man bereits in der Designphase die elektromagnetische Verträglichkeit garantieren? Während bisher vor allem Prototypen ausprobiert wurden, sollen nun Simulationsmethoden entwickelt werden. „Entwicklungen nach dem Trial-and-ErrorPrinzip sollen schon aus Kostengründen der Vergangenheit angehören.“ Aufgrund der ähnlichen Anforderungen in

Hochfrequenztechnik und Leistungs­ elektronik können für beide Sparten sehr ähnliche Modelle entwickelt werden. • Wie können, dem Trend der Miniaturisierung folgend, passive und aktive Komponenten in Leiterplatten dreidimensional eingebettet werden? Leiterplatten werden in bis zu zwanzig Schichten verpresst, dazu müssen horizontale und vertikale Verbindungen geschaffen werden. Zur Vermeidung der elektromagnetischen Koppelung sollen optimierte Geometrien entwickelt werden. Durch eine exakte Messtechnik können dann entsprechende Modelle erstellt und verifiziert werden. Diese Modelle werden für das Schaltungsdesign und als Feedback zur Optimie-

rung von Fertigungsparametern und Materialien verwendet. • Wie können wir messen, was wir messen müssen? „Normale Messtechnik stößt hier an ihre Grenzen. Neue Methoden für breitbandige Mikrowellenmessungen sollen helfen, die Genauigkeit zu erhöhen und Fehler im Messprozess automatisch erkennbar zu machen, um damit Fertigungstoleranzen besser kompensieren zu können“, sagt Bösch. Wir nutzen Smartphones, ohne uns Gedanken darüber zu machen, welche Rolle die Hochfrequenztechnik dabei spielt. Darum kümmert sich die ARGE Hochfrequenztechnik der ÖFG und macht dabei auch die heimische Kompetenz in dieser Schlüsseltechnologie sichtbar.


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Unsichtbare Spitzenforschung In Mobilfunkchips der neuesten Generation steckt Know-how aus Linz, erklärt Andreas Springer von der JKU Linz und Mitglied der ÖFG ARGE Hochfrequenztechnik err Springer, was fällt alles unter Hochfrequenzforschung? Andreas Springer: Prinzipiell alles, was mit Funktechnologie zu tun hat: Allen voran Mobilfunk, WLAN, Bluetooth, aber auch Radar. Darüber hinaus findet man Hochfrequenztechnik auch in messtechnischen Anwendungen wie industriellen Füllstandmesssystemen oder in bildgebenden Verfahren in der Medizin. In der allgemeinen Wahrnehmung ist Radar die am weitesten entwickelte Technologie. Fast jeder Neuwagen kommt mit einem Radarsystem als Spurhalteassistent oder Tempomat und Cruise Assistent, um automatisch die Spur und den nötigen Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug zu halten. Autonomes Fahren ist ohne Radartechnologie undenkbar. Noch weiter verbessern kann man es, wenn man die Steuerung des Fahrzeugs mit zusätzlichen Daten, etwa von Verkehrsleitsystemen, Wetterdiensten oder anderen Fahrzeugen in der Nähe, unterstützt. Da kommt dann wieder der Mobilfunk und damit 5G ins Spiel. Was unterscheidet 5G von den bisherigen Mobilfunkstandards? Springer: Bei den bisherigen Standards ging es prinzipiell darum, telefonieren und SMS versenden zu können – mit den Smartphones kam auch das Surfen im Internet dazu. Dann wollte man nicht nur surfen, sondern sich auch Videos ansehen. Damit wurden immer höhere Übertragungsraten notwendig. Bei 5G gibt es einen Perspektivenwechsel. Dieser Standard ist nicht nur auf die Kommunikation zwischen Menschen oder Menschen und Maschinen ausgelegt. Es geht darum, dass Maschinen problemlos miteinander kommunizieren können: Fahrzeuge, Produktionsanlagen oder Sensoren. Die Herausforderung dabei sind die unterschiedlichen Anforderungen an diese Kommunikationsstandards: Einerseits soll es möglich sein, gesamte Städte mit Sensorik auszustatten etwa für Wetterdaten, die Messung von Feinstaubbelastung oder für die Steuerung von Verkehrsströmen. Da sind schnell Tausende Funkknoten innerhalb eines Quadratkilometers. Man spricht von der „massive machine type communication“. Sensoren sollen mit einer Batterie gleich einmal zehn Jahre lang funktionieren können. Die Herausforderung ist hier, eine sichere und energieeffizient Übertragung zu gewährleisten, auch wenn die Datenmengen sehr klein sind. Wenn ich alles zweimal senden muss, wird der Stromverbrauch deut-

INTERVIEW: WERNER STURMBERGER

„Ziel der ARGE war, den Dialog zwischen den jeweiligen Standorten zu fördern“ ANDREAS SPRINGER, JOHANNES KEPLER UNIVERSITÄT (JKU) LINZ

lich steigen. In anderen ­Szenarien spielt der Energieverbrauch keine Rolle, dafür hat die Verbindungsstabilität oberste Priorität. Stellen Sie sich vor, Sie müssen in einen Tiegel mit flü sigem Stahl steuern. Dann darf dabei nichts schiefgehen. Es ist sehr schwierig einen Standard zu formulieren, der das alles abdeckt – angefangen von hohen Bandbreiten bei geringer Latenz bis hin zu äußert zuverlässigen Verbindungen. Wie lässt sich diese breite Palette an unterschiedlichen Anwendungsszenarien umsetzen? Springer: Ich war anfangs skeptisch, dass sich alle Anforderungen in diesem Rahmen bewältigen lassen. Mittlerweile zeigt sich, dass manches wohl erst in späteren Ausbaustufen realisiert werden wird. Bei einem solch komplexem Standard ist nicht von vornherein defi iert, wie er schlussendlich aussehen wird. Da gibt es Updates im Jahresrhythmus. Vieles ist erst im Entstehen begriffen und richtet sich auch nach der wirtschaftlichen Nachfrage. Die war bisher vor allem bei den Smartphones sehr hoch. Der Bereich der Machine-to-Machine-Kommunikation litt darunter, dass jeder Hersteller eigene Standards verwendet hat. Mit 5G gibt es jetzt einen gemeinsamen Standard. Aktuell fehlen aber noch preiswerte Chips, die die Anforderungen einer solchen Maschinenkommunikation erfüllen, sowie Anwendungsszenarien mit entsprechendem Mehrwert. Das ist aber sicherlich das nächste große Wachstumsfeld im Bereich von 5G. Sie forschen selbst im Rahmen des Christian Doppler Labors für digital unterstützte Hochfrequenz-Transceiver in zukünftigen mobilen Kommunikationssystemen an der JKU Linz an 5G. Was sind die großen Herausforderungen? Springer: Wir arbeiten hauptsächlich an Mobilfunkchips. Die Anforderungen an diese integrierten Schaltungen, die Funksignale empfangen und erzeugen können, steigen stetig. Das Problem ist, die Transistortechnologie wird immer schneller, ist aber dafür optimiert, digitale Schaltungen zu realisieren, nicht analoge. Das letzte Stück in der Hochfrequenztechnik, die Funkverbindung, ist aber immer analog. Darum wird es schwieriger mit dieser Technologie, Schaltungen mit jener Leistungsfähigkeit, wie sie Standards wie 5G oder zukünftig 6G oder 7G benötigen, umzusetzen. Eine Lösung lautet, Hochfrequenzschaltungstechnik mit digitaler Signalverarbeitung zu kombinieren. Mit den verwendeten Algorithmen

kann man einen Teil der ­Probleme, die dadurch entstehen, dass die Transistoren immer kleiner werden, kompensieren. Gleichzeitig überlegt man sich auch andere Schaltungskonzepte, in denen der analoge Anteil möglichst klein ist. Das ist im Grunde die Kernkompetenz unseres Labors. Dabei geht es nicht ausschließlich um 5G. Eine neu entwickelte Schaltkreisarchitektur kann auch für ältere Standards wie GSM, 3G oder 4G relevant sein. Das Ziel ist nicht ausschließlich, eine bessere Signalqualität zu erzielen. Es kann auch darum gehen, den bisherigen Funktionsumfang effiziente zu realisieren, etwa mit geringerem Energieaufwand oder in einer kompakteren Form. Dahinter können sich oft umfassende Neuerungen verstecken, die für den Endkunden aber kaum wahrnehmbar sind, weil es die Anwendung verbirgt. Das macht es schwierig, unsere Leistungen für Laien sichtbar zu machen. Wie kam es zur Gründung des Christian Doppler Labors an der JKU? Springer: Die Christian Doppler Labors sind ein weltweites Best-Practice-Modell im Bereich der Forschungsförderung. Die Finanzierung erfolgt durch das Bundesministerium für Digitalisierung und Wirtschaft standort und die beteiligten Unternehmen. Eine Besonderheit ist, dass dreißig Prozent der Forschungstätigkeit der freien Forschung dienen. Untypisch ist auch die lange Laufzeit von sieben Jahren, die einen stabilen Rahmen für langfristige Kooperationen schafft. Die Planung erfolgt dabei immer nur für die nächsten zwei bis drei Jahre. Alles andere wäre aufgrund der schnellen Innovationszyklen äußert spekulativ. Vor etwa sechs Jahren haben mein Kollege Mario Huemer und ich festgestellt, dass wir eigentlich ideale Voraussetzungen für ein Christian Doppler Labor mitbringen. Er leitet das Institut für Signalverarbeitung und ich die Abteilung Nachrichtentechnik. Gerade in Hinblick auf 5G profitie en beide Institute von einer Zusammenarbeit. Einige unserer ehemaligen Studierenden sind an relevanten Positionen für einen unserer wichtigsten Industriepartner tätig. So hat sich eine stabile und langfristige Zusammenarbeit entwickelt. Gemeinsam haben wir dann beschlossen, diese Zusammenarbeit im Rahmen eines Christian Doppler Labors noch einmal auszubauen und zu vertiefen. Davon profitie en nun alle Seiten gleichermaßen. Gerade im Bereich der Entwicklung von Mikrochips sind Forschungseinrichtungen auf die Kooperation mit

FOTOS: SEBASTIAN POLTSCHAK,CHRISTIAN MOTZ/JKU

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- artnern aus der Wirtschaft angewiesen. P Mit wenigen Ausnahmen verfügen nur diese über diese Hightech-Produktionsanlagen. Welche Rolle spielt Österreich in Hochfrequenzforschung? Springer: Im Verhältnis zur Größe sind wir recht gut aufgestellt, sowohl akademisch mit der TU Wien, TU Graz, JKU Linz, Uni Innsbruck und der FH Kärnten als auch wirtschaftlich Mit Infin on, NXP Semiconductors, ams, AT&S oder TDK Electronics, um hier nur einige der großen Firmen zu nennen, gibt es in Österreich starke internationale Partner aus der Industrie. Wir müssen uns nicht verstecken. Aber wirtschaftlich und akademisch kann man ohnehin nur in internationalen Kooperationen bestehen. Betrachtet man die Fördermittel proportional zu Größe des Landes, muss man sagen, dass da mehr drinnen wäre. Das werden Sie aber auch von vielen anderen Forschenden in Österreich hören. Die Hochfrequenzforschung ist da keine Ausnahme. Welche Aufgabe erfüllt die Arbeitsgemeinschaft Hochfrequenztechnik der ÖFG? Springer: Alle relevanten Player der heimischen Hochfrequenzforschung arbeiten mit ihren eigenen wirtschaftliche und wissenschaftliche Kooperationspartnern. Im Forschungsalltag bleibt da oft nicht viel Zeit für Vernetzung. Lange Zeit war es so, dass man nicht im Detail gewusst hat, woran die anderen Forschungsgruppen gerade arbeiten, auch wenn man vielleicht nur 200 Kilometer entfernt ist. Das Ziel der Arbeitsgemeinschaft war, den Dialog zwischen den jeweiligen Standorten zu fördern. Das geschah vor allem im Rahmen von Workshops, in denen Vortragende aus der Wissenschaft aber auch aus der Wirtschaft Einblicke in ihre Arbeit gaben und neue Perspektiven aufzeigten. Nachwuchsforschende hatten hier auch immer wieder die Möglichkeit, in -einer relativ entspannten Atmosphäre ihre Ergebnisse vorzutragen und Feedback zu ihren Arbeiten zu erhalten.

Im Christian Doppler Labor von Andreas Springer und Mario Huemer an der JKU Linz

5G ist ja nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch ein Politikum. Es gab in Europa und den USA die Befürchtung, in den Geräten des Herstellers Huawei könnte etwas versteckt sein, das China erlaubt, Daten auszuspionieren. Welche Lehren gilt es daraus zu ziehen? Springer: Es ist wahrscheinlich nahezu unmöglich, in einem Chip eine Hintertür ausfindi zu machen. Wenn, dann wird man so etwas eher zufällig finden Aber unabhängig davon, ob diese Chips tatsächlich spionieren oder nicht, gibt es sehr gute Gründe, hier den Anschluss nicht zu verlieren. Die Pandemie hat deutlich werden lassen, wie weit fortgeschritten die Zentralisierung im Mikrochip-Sektor schon ist. Wenn ein Werk steht, hat das Auswirkungen auf die gesamte globale Lieferkette. Was macht man, wenn Mobilfunkchips doppelt so viel kosten oder gar nicht verfügbar sind? Aus einer geopolitischen Perspektive ist es gefährlich, sich von einem Land oder einer Region so stark abhängig zu machen. 5G ist wie Qantencomputer oder Machine Learning eine Schlüsseltechnologie. Es ist darum sinnvoll, in der Forschung wie in der Fertigung europäische Kapazitäten auszubauen.


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einhard C. Heinisch ist Professor für österreichische Politik in vergleichender europäischer Perspektive an der Universität Salzburg und Leiter der ÖFG Arbeitsgemeinschaft „Zukunft der Demokratie“. Herr Heinisch, was unterscheidet Österreich von anderen Demokratien westlicher Prägung? Reinhard C. Heinisch: Wenn man einen Großteil seines Lebens in den USA verbringt, sieht man vieles in Österreich mit anderen Augen. Aufgefallen ist mir hier gleich der Umgang des gelernten Österreichers mit Regeln. Da gibt es eine gewisse Lockerheit. Also Regeln, die man quasi immer einhält, andere, die man kaum befolgt. Richtig kompliziert wird es aber dann mit Regeln, an die man sich nur fallweise hält. Diese Regeln sind meist sehr penibel. Um mit ihnen zurande zu kommen, gibt es die „österreichischen Lösungen“. Die formellen und informellen Regeln klaffen in Österreich sehr weit auseinander. Das triff auch auf das politische System zu. Wo beobachten Sie diesen Spagat aus Anspruch und Wirklichkeit? Heinisch: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die Bundespräsidentschaftswahl 2016 wurde unter anderem aufgrund der Auszählung der Briefwahlstimmen gekippt: Statt, wie vom Gesetzgeber vorgegeben, zu warten, bis sie am nächsten Tag von Beamten protokolliert werden können, hat man sich, wie informell üblich, mancherorts gleich hingesetzt und ausgezählt. Ein anderes Beispiel wäre der Bundesrat. Faktisch hat er kaum eine Bedeutung für die Vertretung der Länderinteressen. Das tatsächlich relevante Gremium, die Landeshauptleutekonferenz, steht dagegen gar nicht in der Verfassung und ist ein informelles Treffen so wie andere private Zusammenkünfte. Die Landeshauptleute stehen nicht nur ihrem Bundesland, sondern auch ihrer Landespartei vor. Die Länderinteressen werden so nicht über die von der Verfassung vorgesehenen Institutionen gelenkt, sondern informell über die Parteien. Selbst die Erzählung der neutralen Verwaltung als Quasifortsetzung einer theresianisch-josephinischen Tradition stimmt so nicht. Die Versuche der Parteien, die Verwaltung politisch zu durchdringen, sind, wie wir jetzt wieder sehen, sehr offensich lich. So ist auch die Idee für dieses Buch entstanden. Bisher gibt es kein Werk, das diese steten Widersprüche bewusst ins Zentrum rückt und akademisch Bestand haben könnte. Ihr „Kritisches Handbuch der österreichischen Demokratie“ ist ein Gemeinschaftsprojekt. Wie kam es dazu? Heinisch: Ich leite seit fast zehn Jahren die ÖFG Arbeitsgemeinschaft „Zukunft der Demokratie“. In dieser haben wir immer wieder demokratierelevante Themen diskutiert und Forschungsergebnisse in Fach­kreisen

Österreich zwischen Sein und Schein Anspruch und Wirklichkeit des politischen Systems Österreichs – ein Autorenteam rund um den Politikwissenschaftler Reinhard C. Heinisch hat dem Thema ein Standardwerk gewidmet INTERVIEW: WERNER STURMBERGER

Reinhard K. ­Heinisch, ­Professor für ­österreichische Politik in vergleichender europäischer Perspektive an der Universität Salzburg, Leiter der ÖFG Arbeitsgemeinschaft ­„Zukunft der Demokratie“ präsentiert. Dabei ist die Frage aufgetaucht, wie wir einen nachhaltigen Beitrag zur politischen Debatte in Österreich beisteuern können. Uns war wichtig, dass unser Buch akademischen Gütekriterien entspricht, aber auch Interessierten einen Überblick über das politische System verschafft. In unseren Bestandsaufnahmen wollten wir darlegen, wo die eigenen Ansprüche hinter der gelebten politischen Realität zurückbleiben. Wir wollten das politische System aber nicht alleinig kritisch bewerten, sondern auch Lösungsansätze aufzeigen. „Österreichische Lösung“ und „kurzer Dienstweg“: Ist das im politischen System angelegt? Wie lässt sich das mit zivilgesellschaftlichen Forderungen nach Transparenz und Compliance vereinbaren? Heinisch: In anderen Systemen werden Ziele vorgegeben, die effizien zu erreichen sind, und daneben gibt es diverse Verbote. So entsteht ein Rahmen, innerhalb dessen verschiedene Wirklichkeiten und Lösungen möglich sind. In Österreich wird hierbei sofort eine Bedrohung der Rechts­sicherheit und Rechtsverbindlichkeit gesehen.

„Kritisches Handbuch der österreichischen ­Demokratie: BürgerInnen, ­Verfassung, ­Institutionen, Verbände“. Heinisch, ­Reinhard (Hg.) ­Erschienen bei ­Böhlau Verlag, 2020 ­Taschenbuch und E-Book Die Rechtsordnung und das davon abgeleitete Verständnis stehen den mündigen Bürger*innen recht skeptisch gegenüber und sehen in ihnen immer noch ein wenig die Untertanen, die man sehr genau gängeln muss, um nur ja nicht zu viel Eigeninitiative aufkommen zu lassen. Das Handeln öffentlicher Einrichtungen und Behörden unterliegt durch das Legalitätsprinzip genauen gesetzlichen Regelungen, die jedoch in Österreich extrem kleinteilig ausgelegt werden und Freiräume, eigenständige Initiativen und manchmal auch den gesunden Menschenverstand ad absurdum führen. Formal ist die Regel immer wichtiger als das Ziel, das sie verfolgt. Viele Dinge sind sehr penibel, aber nicht sehr effizient geregelt, weil der Gesetzgeber weit weg von der Praxis, etwa vom Schulalltag, agiert oder die Regelungen für alle unterschiedlichen Situationen gleich gelten sollen. Das verleitet zur Umgehung. Flexibilität entsteht oft durch das Durchbrechen der Regeln – „mir werdn kan Richter brauchen“ – oder durch die Verlagerung von formalen Entscheidungsprozessen auf ­informelle Bereiche, wie eben die Landeshauptleutekonfe-

renz. Das führt zu mangelnder Transparenz und fehlender Compliance, da sich diese Dinge hinter verschlossenen Türen abspielen. Als informelles Treffen muss etwa die Landeshauptleutekonferenz ihre Beschlüsse nicht veröffentlichen. Die Bevölkerung reagiert auf diese Doppelstandards zynisch oder politikverdrossen, weil sie zu Recht meint, die Mächtigen richten es sich, während sich die anderen an alle Regeln halten müssen. Ist diese Differenz zwischen Sein und Schein des politischen Systems auch der Verfassung geschuldet? Heinisch: Das Besondere dieser rechtspositivistischen Verfassung ist der Versuch, die Politik aus dem Recht zu entfernen. Die Verfassung ist eine Sammlung von Spielregeln, die von den Spielern gemeinsam bestimmt werden. Darüberstehende Wertesysteme und politische Zielvorstellungen spielen eine untergeordnete Rolle. Die Verfassung lässt somit verschiedene politische Vorstellungen zu, sofern sie den Spielregeln entsprechen. Es geht nicht um das Ziel, sondern um die Einhaltung der Regeln. Das entstammt den Erfahrungen des Vielvölkerstaats, wo es nicht möglich war, sich einfach auf ein allumfassendes Wertesystem zu verständigen. Im deutschen Grundgesetz oder der Verfassung der USA wird die liberale Demokratie dagegen über allgemeingültige, ewige Wertvorstellungen begründet. Aus diesen leitet sich eine moralische Verpflichtung ab, über die die Bürger*innen nicht hinweggehen dürfen. Das Problem der „wertelosen“ Kelsen-Verfassung ist, dass verschiedene Verfassungsrealitäten möglich sind, solange sie dem Buchstaben des Gesetzes entsprechen. Solange alle Akteure die Prinzipien der liberalen Demokratie vertreten, ist das nicht besonders besorgniserregend. Aber in ­einer Zeit, wo es verschiedene Auffassungen von Demokratie gibt – Stichwort Orbánisierung –, kann das zu ­einem Problem werden. Wenn man die beiden letzten Bundesregierungen betrachtet, kann man dann festhalten, dass sich dieses Verständnis bereits verschoben hat? Heinisch: Gefühlt würde ich auch ­behaupten, dass früher selbst bei den mächtigsten Politiker*innen dieses Landes generationenbedingt ein größerer Respekt vor dem System herrschte. Es gab die Bereitschaft, sich selbst Schranken aufzuerlegen, weil man die Erfahrung mit Diktaturen gemacht hatte. Selbst in den USA würde ich diesen Effek nicht unterschätzen. Das wird deutlich, wenn man Richard Nixon mit Donald Trump vergleicht. Man hat natürlich auch früher versucht, die Spielregeln zu seinen Gunsten auszulegen, ohne aber das Spiel komplett außer Kraft zu setzen. Heute ist das Gewinnen oft wichtiger als das Spiel. Über Selbstbeschränkun-

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So kann populistische Politik in demokratischen Institutionen aussehen – auch ein Symbolbild für die österreichische Realververfassung?

gen setzen sich heutige Akteur*innen leichter hinweg. Wie ist es um das Demokratieverständnis der Bevölkerung bestellt? Heinisch: Ich glaube, es wäre viel gewonnen, wenn die Bürger*innen wissen würden, dass Demokratie mehr ist, als alle fünf Jahre wählen zu gehen. Die meisten Menschen in liberalen Demokratien haben aber weder verstanden, dass Gerichte Mehrheitsbeschlüsse brechen können, noch warum das wichtig ist. Die liberale Demokratie lebt vom Schutz der politischen Minderheiten und gibt ihnen sogar Macht gegenüber der Mehrheit, was auf den ersten Blick undemokratisch scheint. Doch ohne diese Minderheitenrechte kann sich keine Opposition formieren und politische Alternativen anbieten.

Das kann man in Ungarn beobachten: Dort kann eine Mehrheit unbeschränkt ihren Vorstellungen entsprechend herrschen, denn die Mehrheit hat immer recht. Der Staat ist nicht mehr neutral, sondern Instrument der Partei. In Ungarn wird die Richtung Orbáns praktisch in allen relevanten Medien vertreten, sogar in Schulbüchern. Wenn die Opposition keine politischen Alternativen anbieten kann, gibt es auch keine Wahlmöglichkeit und damit de facto keine Demokratie mehr, obwohl weiterhin Wahlen veranstaltet werden. Die majoritären Demokratien führen darum immer über kurz oder lang in die Diktatur. Ich glaube, dass der politischen Bildung hier eine große Bedeutung zukommt. In Österreich beschränkt man sich in der kaum vorhandenen politischen Bildung vor ­allem

auf eine Institutionenlehre. Hier kann ich sagen, dass mir dies in den USA komplett anders vermittelt wurde. Das hat sich auch gegenüber Trump bewährt. Da gab es viel Widerstand gegen seine Versuche, die Demokratie zu demontieren. In Österreich gibt es ­großen Reformbedarf, weshalb wir der politischen Bildung auch ein eigenes Kapitel gewidmet haben. Ist das politische System Österreichs für die Bewältigung des Klimawandels gewappnet? Heinisch: Bisher ist das ein österreichisches Spezialgebiet, bei dem man sich sehr gern in die eigene Tasche lügt. Österreich vermittelt sich selbst gern den Eindruck, man sei ein Umweltvorzeigeland. Schaut man sich die Entwicklung der Treibhausgas­

:  I M P R E SS U M Herausgeber: Armin Thurnher; Medieninhaber: Falter Zeitschriften Gesellschaft m.b.H., Marc-Aurel-Straße 9, 1010 Wien, T: 0043 1 536 60-0, E: service@falter.at, www.falter.at; Herstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H., Redaktion: Christian Zillner, Fotoredaktion: Karin Wasner; Gestaltung und Produktion: Andreas Rosenthal, Reini Hackl, Raphael Moser; Korrektur: Ewald Schreiber; Druck: Passauer Neue Presse Druck GmbH, 94036 Passau; DVR: 047 69 86. Alle Rechte, auch die der Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz, vorbehalten. Die Offenle ung gemäß § 25 Mediengesetz ist unter www.falter.at/offenle ung/falter ständig abrufba .

Diese Ausgabe von HEUREKA entstand in einer Kooperation mit der

emissionen an, stimmt das nicht. Man betreibt Klimapolitik mehr reaktiv denn proaktiv. Jetzt, wo man Gefahr läuft, die Klimaziele nicht zu erreichen – und das kann richtig teuer werden –, beginnt man mit ersten zaghaften Maßnahmen. Ich bin skeptisch, ob es gelingt, die Klimaziele zu erfüllen. Wenn es nicht klappt, wird man aber ganz sicher die EU zum Sündenbock machen. Innenpolitisch wird es einen Wettbewerb um jene ­Menschen geben, die die Kosten der Klimawandelanpassungsmaßnahmen tragen werden, etwa wenn die Pendlerpauschale wegfällt, das Aus der Ölheizung kommt oder Jobs verloren gehen. Die FPÖ wird versuchen diese „Klimaverlierer“ anzusprechen. Was darin deutlich wird, ist, dass das politische ­System große Probleme damit hat, notwendige Reformen rechtzeitig, effektiv und sozial verträglich umzusetzen. Die für viele Menschen schmerzlichen, aber notwendigen Liberalisierungs- und systemischen Modernisierungsschritte Ende der 1980er-Jahre ließen sich auch nur durchsetzen, weil man den EU-Beitritt als Grund vorschieben konnte. Ich denke, das wird beim Klima ähnlich sein.


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Publikationen der ÖFG Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Tätigkeiten verschiedener ARGEn Band 22 der Reihe des Österreichischen Wissenschaftstages: „Krise der Demokratie – ­Krise der Wissenschaften?“ Hg. ­Christiane Spiel und ­Reinhard Neck. 2020, Böhlau Verlag, 165 Seiten Der Österreichische Wissenschaft tag 2018 widmete sich dem Thema „Krise der Demokratie – Krise der Wissenschafte ?“. Der Bindestrich im Titel signalisiert eine mehrfach offene Frage, an deren Beantwortung sich die Beiträge zum Wissenschaft tag 2018 in diesem Band annähern. Befinde sich die demokratische Staatsform in einer Krise und könnte das auch Folgen für die Wissenschaften haben? Sind die jeweiligen Gefährdungen aufeinander beziehbar? Hängen kritische Zustände in den Wissenschaften von kritischen Zuständen der Demokratie ab, oder sind Wissenschaften und Demokratie unabhängig voneinander? Band 23 der ­Reihe des Österreichischen Wissenschaftstages: ­„Wissenschaft und ­Aberglaube“. Hg. ­Christiane Spiel und Reinhard Neck. 2020, ­Böhlau Verlag, ­ 176 Seiten Die Beiträge des Österreichischen Wissenschaft tags 2019 setzten sich mit dem Thema des Aberglaubens und mit der damit verbundenen Wissenschaftsfeindlichkeit in interdisziplinärer Weise auseinander. Sie versuchen sich u. a. der Beantwortung folgender Fragen anzunähern: In welchem Verhältnis stehen Wissenschaft und Pseudowissenschaft? Hängen Aberglaube und Überleben zusammen? Wie entsteht Aberglaube und wie wird dieser aufrechterhalten? Wo verlaufen die Grenzen der Wissenschaft? Etc.

„Kulturelle Dynamiken/Cultural Dynamics – Visualisierung“. Hg. Sabine CoelschFoisner und Christopher ­Herzog. 2020, Universitätsverlag Winter, 296 Seiten

„Kritisches Handbuch der österreichischen Demokratie: Verfassung, Institutionen, Verwaltung, Verbände“. Hg. Reinhard ­Heinisch. 2020, Böhlau Verlag, 334 Seiten.

Der Band setzt die Bilderflut wissenschaftlicher Evidenzkulturen in Bezug zur Suche nach der Sinnlichkeit und suggestiven Kraft von Bildern. Das Hauptaugenmerk richtet sich auf die Zusammenhänge von eikon und episteme in wissenschaftlicher und künstlerischer Forschung. Der Begriff des „Bildes“ wird zu diesem Zweck breit gefasst als bildliche Vorstellung und Darstellung. Im Mittelpunkt der Beiträge stehen Dynamiken des Herstellens und Wahrnehmens von Bildern und deren Rolle für Wissensproduktion, -dokumentation und -transfer. Zehn Fallbeispiele aus unterschiedlichen Fachgebieten – von Archäologie über Theologie bis hin zur Szenografie – beleuchten das historisch aufgeladene Spannungsfeld von Ästhetik und Epistemik. Im Lichte aktueller Anwendungen aus Wissenschaft und Kunst hinterfragt der Band die wechselseitige Abhängigkeit von analogen und virtuellen Bildern, die an der Schwelle zu einer Neubewertung von Taktilität im Zeichen der Coronakrise 2020 besondere Brisanz erfährt.

Wie funktioniert das politische System in Österreich? Warum hat es in den letzten Jahren an Vertrauen eingebüßt? Und was erklärt die viel zitierten „österreichischen Lösungen“? Antworten auf Fragen wie diese zu finden gestaltet sich oft schwierig. Die rechtlichen Grundlagen gelten als schwer verständlich. Und viele politischen Weichen werden in informellen Räumen gestellt, die in der Verfassung gar nicht vorgesehen sind. Das politische System gleicht somit einem Rätsel. „Kritisches Handbuch der österreichischen Demokratie“ möchte hier Antworten geben – wissenschaftlich fundiert, aber allgemein verständlich. Es beleuchtet das Regelwerk der Bundesverfassung, die Institutionen des demokratischen Prozesses und die politischen Funktionsweisen der Verwaltung. Vor allem aber zeigt es Theorie und Wirklichkeit des österreichischen Parteienstaates auf und denkt über Defizite und Reformmöglichkeiten nach.

„Kulturelle Dynamiken/­Cultu­­ ral ­Dynamics – Transmedialisierung“. Hg. Sabine ­Coelsch-Foisner und Christopher Herzog. 2019, Universitätsverlag Winter, 438 Seiten. Mit dem Begriff „transmedial“ wird der Fragebezug zwischen medialen Konfi urationen und dem, was gemeint ist, ins Blickfeld der Forschung gerückt. Digitale Technologien und weltweite Netzwerke haben ein Neudenken dieses Sinnzusammenhangs gefordert und Debatten über das transmediale Spannungsverhältnis zwischen Mediengebundenheit und Mediendurchlässigkeit um die Annahme einer radikalen Transitivität aller Inhalte und Verfahren erweitert.

„Staatliche Aufgaben, ­private Akteure. Band 3: Neuvermessung ­einer Grenze“. ­ Hg. ­Claudia Fuchs, Franz ­Merli, ­Magdalena Pöschl, Richard Sturn, Ewald ­Wiederin, Andreas W. ­Wimmer. 2019, Manz, 242 Seiten Nach „Erscheinungsformen und Effekte“ (2015) und „Konzepte zur Ordnung der Vielfalt“ (2017) widmet sich der abschließende Band des Forschungsprojekts der Abgrenzung zwischen staatlicher und privater Sphäre: Inwieweit gelten für die vielen Personen und Organisationen, die außerhalb des Staates stehen, aber an der Erfüllung staatlicher Aufgaben mitwirken, die Regeln für den Staat oder die Regeln für Private?

„Kulturelle Dynamiken/Cultural Dynamics – Theatralisierung“. Hg.­Sabine ­Coelsch-Foisner und Timo Heimerdinger unter Mitarbeit von ­Christopher ­Herzog. 2016, Universitätsverlag Winter. 270 Seiten. Theatralisierung verhandelt die Brisanz des Theaters als gesellschaftlichen Ort innovativer Wissensproduktion, als Raum des Erfahrens und als Verweis auf kulturelle Handlungsfelder und Praktiken, die das Theater ebenso wie Prozesse jenseits des Theaters betreffen. In unterschiedlichen Gattungen gibt der Band einen transdisziplinären Aufriss über unterschiedliche Verortungen der Theatralisierung aus Sicht der Literaturwissenschaft, der Theaterwissenschaft, der (vergleichenden) Kulturwissenschaft der Philosophie, Theologie, Anthropologie und Soziologie, der Sportwissenschaft und der Geschichtswissenschaft sowie unterschiedlicher Kunstsparten. „Staatliche Auf­ gaben, private ­Akteure. Band 2: Konzepte zur Ordnung der ­Vielfalt“. Hg. ­Claudia Fuchs, Franz Merli, ­Magdalena Pöschl, Richard Sturn, Ewald ­Wiederin, Andreas W. Wimmer. 2019, Manz, 274 Seiten Der Band analysiert die dogmatischen Figuren, die das Allgemeine Verwaltungsrecht zur Ordnung dieser Phänomene anbietet. Die Autoren behandeln zunächst die Konzession, die Beleihung, die Verwaltungshilfe und die Inpflichtnahme. Sie rufen die Entstehung dieser Figuren in einem bestimmten historischen und rechtlichen Kontext in Erinnerung, prüfen, inwieweit diese Konzepte durch die Bündelung von Rechtsfolgen heute noch Systematisierung und Orientierung ermöglichen, und machen Vorschläge zur Weiterentwicklung der Dogmatik. Weitere Beiträge widmen sich Rollen Privater als Exekutivorgane und in der Privatwirtschafts erwaltung, privatem Befehl und Zwang sowie einem Vergleich der österreichischen mit Schweizer und deutschen Ordnungskonzepten.


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